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B978-3-437-57640-9.10001-X

10.1016/B978-3-437-57640-9.10001-X

978-3-437-57640-9

Illustration zu Erkrankungen der Nase

[aus Wang Delan et al. 2003]

Illustration zu Flechte der Kehle (Houxian, entspricht weitgehend dem westlichen Krankheitsbild membranöse Pharyngitis)

[aus Li Bin et al. 2004]

Illustration zu Mundgeschwüren (Kouchuang, entspricht weitgehend dem westlichen Krankheitsbild Aphthen)

[aus Li Bin et al. 2004]

Historischer Überblick

Agnes Fatrai

Die Anfänge und die Entwicklungen vor dem 6. Jahrhundert n. u. Z.
In Europa konnte sich die Hals-Nasen-Ohrenheilkunde erst im Laufe des 19. Jahrhunderts als eigenständiger Zweig der Medizin etablieren, davor waren die Otologie an die Augenheilkunde und die Rhinologie und Laryngologie an die Innere Medizin assoziiert; 1899 wurde die erste HNO-Klinik in Rostock eröffnet. Die chinesische Hals-Nasen-Ohrenheilkunde kann, ebenso wie die chinesische Medizin selbst auch, auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken. Dabei waren anfangs in der Regel auch Erkrankungen der Mundhöhle, der Zunge und der Zähne mit eingeschlossen. Bereits in Orakelinschriften auf Knochen und Schildkrötenpanzern aus der Shang- bzw. Yin-Dynastie (16. Jh. bis 1066 v. u. Z.) finden sich Hinweise auf Erkrankungen dieser Fachrichtung. (Abb. 1.1)
Vor der Entstehung des Buches Geordnete Besonderheiten zum Mund und zu den Zähnen (Kouchi leiyao, von Xue Ji) in der Ming-Zeit (1368–1644), das als frühestes Werk speziell zur Hals-Nasen-Ohrenheilkunde gilt, wurden HNO-Erkrankungen in allgemeinen medizinischen Büchern beschrieben.
So finden sich im Inneren Klassiker des Gelben Fürsten (Huangdi Neijing, aus dem 1. Jh. v. u. Z., in der Tang- und Song-Zeit überarbeitet), der als erstes medizinisches Werk überhaupt gilt, zahlreiche Einträge zu Erkrankungen der Ohren, der Nase, der Kehle, des Rachens und des Mundes. Es werden über 30 verschiedene Erkrankungen aus dem Bereich der Sinnesorgane genannt, die jeweiligen physiologischen Funktionen dieser Organe werden geschildert, und zahlreiche Krankheitsmechanismen werden beschrieben. Auch heutzutage noch verwendete Begriffe wie Rachen-Bi-Syndrom (Houbi), Tiefer Teich in der Nase (Biyuan, entspricht in etwa einem Schnupfen) oder Verstopfte Nase, Nasenfluss mit klarem Sekret und Niesen (Qiuti) werden hier erstmals erwähnt.
In Shennongs Klassiker der Drogenkunde (Shennong bencao jing, aus dem 1. bis 2. Jh. n. u. Z., verloren gegangen, um 500 von Tao Hongjing neu kompiliert) werden 53 Arzneimittel aufgeführt, die sich zur Behandlung von Erkrankungen der Ohren, der Nase, der Kehle, des Rachens, des Mundes und der Zähne eignen sollen.
Auch in Werken wie der Abhandlung über schädigende Kälte und verschiedene Krankheiten (Shanghan zabing lun, von Zhang Zhongjing Anfang des 3. Jh. verfasst) oder dem Systematischen Aku-Moxi-Klassiker (Zhenjiu jiayi jing, von Huangfu Mi, 265) finden sich jeweils Eintragungen zu diesen Fachrichtungen, die die spätere HNO-Heilkunde stark beeinflusst haben.
Das von Ge Hong im 3. Jh. verfasste Werk Die unter dem Ellenbogen zu tragende Notfallmedizin (Zhouhou beiji fang) geht erstmals auf Fremdkörper im Gehörgang, in den Atemwegen und in der Speiseröhre ein und beschreibt zahlreiche Möglichkeiten, diese zu entfernen.
Von der Sui-Dynastie bis zu den Fünf Dynastien
Eine große Entwicklung hat zwischen der Sui-Dynastie (589–618) und den Fünf Dynastien (907–960) stattgefunden. Zu Beginn der Tang-Dynastie (618–906) wurde das Oberste Medizinalamt (taiyi shu) eingerichtet; dabei wurde die HNO-Heilkunde von den Bereichen innere Medizin und äußere Medizin abgetrennt und dem Fachbereich Ohren-, Augen-, Mund- und Zahnheilkunde zugeordnet.
In der Abhandlung über Ursprung und Verlauf aller Krankheiten (Zhubing yuanhou lun, von Chao Yuanfang u. a. verfasst, 610 erschienen) werden über 130 verschiedene Symptomatiken (hou) im Hals-Nasen-Ohren-Bereich genannt. Diese bildeten die Grundlage für spätere Werke.
In den Tang-zeitlichen Wichtigen Rezepturen, die tausend Goldstücke wert sind (Qianjin yaofang, um 650 entstanden) und den Ergänzungen zu den Wichtigen Rezepturen, die tausend Goldstücke wert sind (Qianjin yifang, wahrscheinlich 682 verfasst), beide von Sun Simiao, werden unter der Rubrik Erkrankungen der sieben Körperöffnungen (qiqiao bing) Störungen der Nase, des Mundes, der Zunge, der Lippen, der Zähne, der Kehle und der Ohren gelistet. Zudem finden sich zahlreiche Rezepturen für die innere und die äußere Behandlung sowie viele Akupunkturrezepturen.
In den Geheimen Besonderheiten von der Äußeren Terrasse (Waitai biyao, 752, von Wang Tao) werden über 400 Rezepturen für die Behandlung von Erkrankungen im HNO- und Mundhöhlen-Bereich genannt.
Die Song- und die Yuan-Dynastien
In der Song- (960–1279) und Yuan-Zeit (1280–1368) wurden zahlreiche sehr bekannte Werke veröffentlicht, die auch Eintragungen zur Hals-Nasen-Ohrenheilkunde enthalten. Zu nennen sind etwa die Rezepte mustergültiger Gnade aus der Ära Taiping (Taiping shenghui fang, von Wang Huaiyin et al., 992 veröffentlicht), die Gesammelten Aufzeichnungen über den Beistand der Mustergültigen (Shengji zonglu, zwischen 1111 und 1117 von Shen Fu et al. verfasst) und die Von Generationen aufgezeichneten wirksamen Rezepturen (Shiyi dexiao fang, von Wei Yilin 1345 verfasst).
In der Nördlichen Song-Dynastie (960–1126) wurde das Medizinsystem umstrukturiert. Das 1076 gegründete Oberste Medizinalamt (jetzt taiyi ju genannt), dem eine Medizin- und Arzneimittelschule angeschlossen wurde und das für die Prüfung der Studenten zuständig war, unterteilte den gesamten Bereich der Medizin in neun Abteilungen. Zwar gab es den Bereich Hals-Nasen-Ohrenheilkunde als solches noch nicht, stattdessen wurde der Bereich Mund-Zähne-Hals eingerichtet. Dieser wurde separat unterrichtet und konnte sich eigenständig weiterentwickeln. Obwohl später diese neun Abteilungen teilweise wieder reduziert und die Erkrankungen des Mundes, der Zähne, des Halses und der Ohren mit den Augenerkrankungen zusammengelegt wurden, blieb diese eigenständige Entwicklung weiterhin erhalten, so dass sich diese Bereiche stark weiterentwickeln konnten.
Von der Ming-Dynastie bis zur heutigen Zeit
In der Ming-Zeit (1368–1644) sowie in der ersten Hälfte der Qing-Zeit (1644–1911) entwickelte sich die chinesische Medizin und damit auch die chinesische Hals-Nasen-Ohrenheilkunde wesentlich weiter, nicht zuletzt aufgrund des Austausches mit dem Ausland.
Als frühestes Werk speziell zur Hals-Nasen-Ohrenheilkunde gilt das von Xue Ji in der Ming-Zeit (1368–1644) verfasste Buch Geordnete Besonderheiten zum Mund und zu den Zähnen (Kouchi leiyao), das neben genauen Beschreibungen von Erkrankungen des Halses, des Rachens, der Lippen, des Mundes und der Zähne auch zahlreiche Fallbeschreibungen und Rezepturen enthält.
Die Systematische Drogenkunde (Bencao gangmu, datiert 1596, von Li Shizhen verfasst) verzeichnet über 800 Substanzen, die sich zur Behandlung von HNO-Erkrankungen eignen.
In den Gesammelten Schriften des Zhang Jingyue (Jingyue quanshu, 1624 veröffentlicht, von Zhang Jingyue) wird eine Massage des Trommelfells beschrieben, die bei diversen Störungen des Ohres angewendet werden kann. Daneben ist auch das Geheime Buch des Herrn You zu Erkrankungen der Kehle (Youshi houke bishu, 1675 von You Cheng verfasst) zu nennen, das zahlreiche Behandlungsprinzipien und Rezepturen mit Angabe der Ingredienzen enthält.
Zwischen 1744 und 1902 kam es in China zu vier großen Epidemien mit akuten Atemwegsinfektionen wie Diphtherie und Scharlach, durch die die Ärzte Erfahrungen sammeln konnten, so dass sich die Laryngologie sehr schnell weiterentwickelte und zu diesem Thema an die 40 Bücher entstanden wie etwa der Leitfaden Erkrankungen der Kehle (Houke zhizhang, von Zhang Zongliang verfasst). Des Weiteren erschienen über 30 Werke zu akuten Infektionskrankheiten der Kehle, beispielsweise die 1882 von Li Jifang verfasste Komplette Sammlung zur Weißen Kehle (Baihou quansheng ji), die für die einzelnen Symptomkonfigurationen sowohl Phyto- als auch Akupunkturtherapie beschreibt. Das 1838 erschienene Werk Wichtiger Jade-Schlüssel (Zhonglou yuyue, von Zheng Meijian) hat ebenfalls akute Infektionen der Kehle zum Schwerpunkt, widmet sich daneben aber auch der Anatomie und Physiologie in diesem Bereich.
Die aus zwei Teilen bestehende Vollständige Sammlung der purpurroten Perle zu Krankheitsbildern der Kehle (Houzheng quanke zizhu ji, genaue Entstehungszeit und Verfasser unbekannt, erstmals 1804 erschienen) enthält im ersten Teil Behandlungsmethoden, Rezepturen und Anwendungsverbote, im zweiten Teil werden 72 verschiedene Erkrankungen der Kehle geschildert und jeweils empfohlene Behandlungsweisen angegeben. (Abb. 1.2 und Abb. 1.3)
Nach der Niederlage der Chinesen im Ersten Opiumkrieg (1839–1842) war ihr Vertrauen in ihre eigenen traditionellen Wissenschaften schwer erschüttert, und als Folge davon wurde auch die chinesische Medizin als unwissenschaftlich eingestuft. Gleichzeitig verbreitete sich im Zuge der Kolonialisierung die westliche Medizin in China. Dies führte zu einem starken Rückgang der chinesischen Medizin und damit auch der chinesischen Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, so dass kaum noch Bücher veröffentlicht wurden. Teilweise kam es auch zu einer Verbindung von chinesischer und westlicher Medizin.
Als 1911 mit der Gründung einer Republik das chinesische Kaiserreich endete, wuchs der Widerstand gegen die traditionelle Medizin. Nach Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 erfuhr die chinesische Medizin wieder eine Stärkung, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. In ganz China wurden immer mehr Forschungsinstitute, Ausbildungsinstitute und Krankenhäuser für traditionelle chinesische Medizin zunächst mit Abteilungen für die Fünf Sinnesorgane (Wuguan), also für Ohren, Augen, Mund, Nase und Zunge, und ab Beginn der 1970er-Jahre mit HNO-Abteilungen eingerichtet. Die Universitätsausbildung eines TCM-Arztes umfasst heute in der Regel sowohl westliche als auch chinesische Medizin, und in der Praxis nutzt man zur Diagnose – in Ergänzung zu den traditionellen Methoden – Geräte aus der westlichen Medizin wie Ohrmikroskope, Nasenendoskope, Lupenlaryngoskope, Audiometer, Impedanzmessgeräte und Sonografie-Geräte.

Weiterführende Literatur

Literatur in westlichen Sprachen

Despeux, 2000

C. Despeux Zur Geschichte der chinesischen Medizin Chin Med 15 2000 26–32, 65–70, 96–103, 145–52; Chin Med 2001 (16) 20–30, 64–72, 108–112; Chin Med 2002 (17) 24–30, 69–76, 112–120

Gernet, 1988

J. Gernet Die chinesische Welt 1988 Suhrkamp Frankfurt am Main

Hartner, 1941

W. Hartner Heilkunde im Alten China Sinica XVI 1941 217 265 Sinica XVII 1942 27–89

Lichtenthaeler, 1974

C. Lichtenthaeler Geschichte der Medizin 1974 Deutscher Ärzte-Verlag Köln

Chimin, 1985

Wong K. Chimin Wu Lien-Teh History of Chinese Medicine 1985 Southern Materials Center, Inc. Taipei

Chinesischsprachige Literatur

Hu Liansheng et al., 2004

Liansheng Hu Traditionelle chinesische Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (Zhongyi erbi yanhou kexue) 2004 Chinesischer Verlag für Traditionelle Chinesische Medizin Beijing

Li Bin et al., 2004

Bin Li Vollständige Sammlung der purpurroten Perle zu Krankheitsbildern der Kehle (Houzheng quanke zizhu ji) und Geordnete Besonderheiten zum Mund und zu den Zähnen (Kouchi leiyao) 2004 Verlag für Wissenschaft und Technik Tianjin Tianjin

Li Fancheng et al., 2001

Fancheng Li Hals-Nasen-Ohrenheilkunde – Kombination von chinesischer und westlicher Medizin (Zhongxiyi jiehe erbi yanhou kexue) 2001 Volksverlag für Hygiene Beijing

Wang Delan et al., 2003

Delan Wang Traditionelle chinesische Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (Zhongyi erbi yanhou kexue) 2003 Verlag für Wissenschaft und Technik Shanghai Shanghai

Wang Shizhen et al, 2004

Shizhen Wang Traditionelle chinesische Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (Zhongyi erbi yanhou kexue) 2004 Chinesischer Verlag für Traditionelle Chinesische Medizin Beijing

Xiong Dajing et al,.2001

Dajing Xiong Praktische chinesische Hals-, Nasen-, Ohren- und Mundheilkunde (Shiyong zhongyi erbi yanhou kouchi kexue) 2001 Verlag für Wissenschaft und Technik Shanghai Shanghai

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