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B978-3-437-56801-5.00006-3

10.1016/B978-3-437-56801-5.00006-3

978-3-437-56801-5

Abb. 6.1

[P434]

Ein Blick in das Werk „Die Tausend-Dukaten-Rezepturen“ von Sun Simiao, der auch als der „König der Arzneien“ bezeichnet wurde

Die sieben Grundsätze der Therapie原

Als bedeutender daoistischer Meister, außergewöhnlicher Universalgelehrter der Chinesischen Medizin und hochbegabter Befolger der Lehren des Altertums, dessen Werke bis in die heutige Zeit nachwirken, ist Sūn Sīmiˇao 孫思邈 zu bezeichnen. Er erlebte den Beginn einer Blütezeit der chinesischen Kultur in der Tang-Dynastie (Tángcháo 唐朝, 618–907) und wurde vor allem in der Song-Zeit (Sòngcháo 宋朝, 960–1279) aufgrund seiner herausragenden spirituellen Fähigkeiten auch als zhēnrén 真人 („wahrer Mensch“ oder „Wahrhaftiger“) angesprochen. Viele Chinesen kennen ihn zudem unter dem Ehrentitel yīshén 醫神 („Medizin-Gott“ oder „Göttlicher der Medizin“). Seine Aussagen zu den Grundlagen therapeutischen Handelns gelten unbestritten als wegweisend.

Im ersten Heft seines berühmten Werkes „Unentbehrliche Tausend-Dukaten-Rezepturen für den Akutfall“ (Bèijí qiānjīn yàofāng 備急千金要方, Abb. 6.1) äußerte sich der Autor, der „König der Arzneien“ Sūn SīmiˇaoSūn Sīmiˇao (孫思邈, 581–682), hinsichtlich der ärztlichen Ethik wie folgt:

Wann immer ein Arzt von Größe eine Erkrankung behandelt, so muss er seinen Geist beruhigen und seinen Willen zähmen, keinen Gedanken an sein persönliches Begehren verschwenden, sich der Barmherzigkeit öffnen und von seinem Mitgefühl leiten lassen. Er muss fest entschlossen sein, sich allumfassend den Kümmernissen jeder beseelten Kreatur zu widmen.

Wenn man ihn um medizinische Hilfe ersucht, dann soll er nicht auf die Pracht oder Minderwertigkeit im Äußeren seines Patienten achten, soll nicht nach Reichtum und Armut unterscheiden, sich nicht an Alter oder Schönheit orientieren, unabhängig von der persönlichen Beziehung oder Sympathie den Erkrankten betrachten, Einheimische und Fremde, kluge und einfache Menschen gleich behandeln. Einem jeden soll der Arzt fest entschlossen wie seinem Allernächsten gegenübertreten.

Keinesfalls sollte man zwischen dem Gewesenen und dem Kommenden durch überflüssige Gedanken die Gegenwart verlieren, mit einem Auge auf den eigenen Vor- oder Nachteil schielen und sich zu sehr um das eigene Schicksal bekümmern.

Das Leid des Betroffenen wird wie eigenes Leid tief im Herzen gespürt. Man soll keine Gefahren scheuen, am Tag und in der Nacht, bei Kälte wie bei Hitze, ob hungrig oder durstig, nie wertvolle Zeit verlieren und nicht versuchen, sich mit hehren Worten aus der Verantwortung zu stehlen. Auf diese Art wird man zum großen Heilkundigen aller lebenden Wesen; verstößt man gegen diese Prinzipien, so wird man zum größten Dieb am Lebendigen.

Die Altchinesische Medizin versteht eine wirksame therapeutische Intervention stets als gezielte Lenkung des Qi beim Patienten. Um mit dem Qi therapeutisch arbeiten zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Eine Grundbedingung dabei ist, dass der Therapeut in der Lage ist, Manifestationen des Qi bei sich selbst, bei seinen Patienten und in der Umgebung wahrnehmen zu können. Diese Spürfähigkeit wird durch wiederholte Übungen des feinfühligen Behandelns und durch Praxis des QigongQigong entwickelt. Das reine Stechen einer Akupunkturpforte bedingt allenfalls eine akzidenzielle Bewegung des Qi, stellt aber keine vollständige Behandlung im Sinne der Altchinesischen Medizin dar.

Folgende GrundsätzeTherapieGrundsätze finden in der Praxis der Altchinesischen Medizin Beachtung:

  • 1.

    Die Hände des Therapeuten müssen genügend Energie aufnehmen und abgeben können. Dies wird durch das Öffnen des inneren und äußeren Passtors (Hh 6 nèiguān 內關 und Sj 5 wàiguān 外關) gewährleistet.

  • 2.

    Anregung der Zirkulation von gesundem Herz-Qi im Leib, welches von Du 20 bǎihuì 百會 in das Herz fließt und durch die Herzleitbahn in die Hände gelangt.

  • 3.

    Wahrnehmung und Detektierung des Qi durch die Hände und andere Sinne des Therapeuten.

  • 4.

    Eingehen einer empathischen Verbindung zwischen Therapeut und Patient.

  • 5.

    Beachten des richtigen Zeitpunkts und der richtigen Rahmenbedingungen für die Heilung (Tag, Stunde und Monat sowie kosmische Einflüsse).

  • 6.

    Nutzung des bewussten Willens des Patienten zur Mitwirkung beim Heilungsprozess.

  • 7.

    Hingabe an die Himmlische Vorsehung (nicht kontrollierbare Variable) durch Beachtung der Gesetze von Barmherzigkeit und Vergebung, invokative Heilung (z. B. ein Gebet zum Himmel/Göttlichen).

Die Heilkraft, welche ausgehend vom Therapeuten und durch seine Handlungen aus der göttlichen Sphäre auf den Patienten einwirkt, regt zur Gesundung an, nicht allein der mechanische Aspekt eines Nadelstichs. Der Nadelreiz kann eine tiefere Resonanz mit den Schichten des somatopsychischen Leibes auslösen. Ein bewusstes Einsetzen der kosmischen Kräfte, fokussiert durch den Therapeuten, bewegt jedoch das Qi, restauriert seinen Fluss und befreit es von pathogenem Qi. Bevorzugt spürt und fühlt der Patient während des Vorganges seinen Leib und die stattfindenden energetischen Veränderungen.

Dies bedeutet, dass ein tiefgreifender Heilungsprozess erst in Gang gesetzt werden kann, wenn ein Zugang zu den Quellen der schöpferischen Vitalität gefunden wurde. Dies ermöglicht beiden Beteiligten, dem Therapeuten und dem Patienten, eine Konkordanz mit den kosmischen GesetzmäßigkeitenTherapieEinklang mit kosmischen Gesetzmäßigkeiten, denen alles Lebendige unterworfen ist. Dies offenbart uns, dass wir trotz der Autonomie und Individualität unserer Existenz dennoch in permanenter Resonanz mit und Beeinflussung von diesen Kräften stehen.

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