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Geist und Leib aus daoistischer Sicht心

Für das, was wir in der heutigen Sprache gewöhnlich den KörperKörper siehe Leib (von lat. „corpus“, der Leichnam) nennen, aber besser den LeibLeib (von germ. „leiba“, Leben)LeibEtymologie nennen sollten, finden sich in der Tradition des Daoismus verschiedene Ausdrücke. Insgesamt wird der Leib als ein energetisches Gebilde verstanden, dessen Grundeigenschaft darin besteht, in einem Fluss zu stehen, einem ständigen Wandel unterworfen zu sein. Leib und Geist prägen vier Stufen der Entwicklung ihrer Manifestationen aus.

Die vier Stufen der Entwicklung des GeistesGeistEntwicklung lauten:

  • 1.

    chéngxīn 成心 oder jīxīn 機心: der verfestigte oder mechanische Geist

  • 2.

    xīn 心: der bewusste Geist

  • 3.

    shénshén;shén 神: der entwickelte Geist

  • 4.

    yuān 淵: der universell transformierte Geist der unendlichen Versenkung

Diesen vier Stufen des Geistes entsprechen die vier Ausprägungsformen des LeibesLeibAusprägungsformen:

  • 1.

    gōng 躬: der gesittete Leib als Ausdruck des öffentlichen Selbst

  • 2.

    shēn 身: der persönliche Leib als Bühne der Gedanken, Emotionen und Eigenarten

  • 3.

    xíng 形: der physische Leib im Sinne der körperlichen Gestalt und der äußeren Erscheinung

  • 4.

    體: der in die Alleinheit des Kosmos eingetretene, entindividualisierte Leib als ununterschiedener, grenzenloser Organismus allen Seins

Im alltäglichen Sein benutzt der Geist konstruierte Konzepte und ist mit seinen FixierungenGeistFixierungen, seinen Vorurteilen und Verwicklungen befasst. Im Leiblichen manifestiert sich dies durch sozial konformes, angepasstes, „angemessenes“ Auftreten und Verhalten. Geist und Leib folgen vorbestehenden Mustern, die aus der persönlichen Sozialisation und Biographie und den transgenerationalen familiären und karmischen Bedingungen geprägt werden.

Über die Achtsamkeit kann man diese Muster reflektieren AchtsamkeitReflexion von Musternund in die Ebene der Bewusstwerdung heben. Auf dieser Stufe können die Regungen des Herzens AchtsamkeitRegungen des Herzensals Emotion (qíng 情), Gedanke ( 思), Wissen (zhī 知), Erinnerung (niàn 念), Beherrschung (zhì 志), Vorstellung ( 意) oder Überlegung (xiǎng 想) in Erscheinung treten. Diese Regungen kreieren eine Wahrnehmung von Objekten unter dem Einfluss einer Empfindung, die dann über Annahme oder Ablehnung entscheidet. Der bewusste Geist verbleibt noch in der Bestimmung durch Identifikation mit Objekten als Ego oder mit sich selbst im Sinne eines Super-Ego. Dem entspricht der Individualleib, den sein Träger nicht verlieren möchte.

Zur weiteren Entwicklung des Geistes und zur Ausprägung eines verfeinerten Leibes wird in einem fiktiven, dem Zhuāngzǐ 莊子 Zhuāngzǐzugeschriebenen Dialog des Kngzǐ 孔子 mit seinem Schüler das Fasten GeistFasten des Geistesals Enthaltsamkeit gegenüber den Identifikationen empfohlen:

»Darf ich fragen, was das ›Fasten des Geistes‹ ist?«, fragte Hui. »Bewahre die Einheit deines Willens«, sagte Konfutse, »und höre nicht mit den Ohren, sondern mit deinem Geist. Höre nicht mit deinem Geist, sondern mit deinem Ursprünglichen Atem. Die Ohren können nicht mehr als hören, die Geisteskräfte können nicht mehr als berechnen. Der Ursprüngliche Atem jedoch wartet leer auf die Dinge. Nur durch das DAO kann man Leere ansammeln, und Leere ist das Fasten des Geistes.« [4]

Im DàodéjīngDàodéjīng;Dàodéjīng wird das Fasten des Geistes wie folgt beschrieben:

Die 16. Eröffnung

Erzeuge die höchste Leere,

beruhige die Stille aufs innigste.

Die Zehntausend Wesen erzeugen sich gegenseitig;

ich betrachte die Wiederkehr darin.

Im Wirrsal der Wesen kehrt doch jedes zu seiner Wurzel zurück.

Die Rückkehr zur Wurzel nennt man Stille,

Stille heißt auch Rückkehr zur Bestimmung.

Die Rückkehr zur Bestimmung nennt man Beständigkeit,

die Beständigkeit zu kennen bedeutet Klarheit.

Die Beständigkeit nicht zu kennen, bedeutet unbesonnen Unheil zu stiften.

Die Beständigkeit zu kennen, führt zu Weitherzigkeit.

Aus Weitherzigkeit entsteht gemeinschaftliche Verbindung.

Die Gemeinschaftlichkeit verbindet mit Allem;

mit Allem verbunden zu sein, führt zum Himmel,

im Himmel ruht das DAO, das DAO ist ewig.

Ohne greifbares Selbst steht man außerhalb der Gefahr.

Durch das beständige Eintreten in die Stille und durch die Enthaltsamkeit gegenüber den üblichen „Herzensangelegenheiten“ bildet sich das spirituelle BewusstseinBewusstsein, spirituelles heran, dem der natürliche Leib oder das wahre Selbst entspricht. Es entsteht eine Haltung, die als unverletzliche Unberührtheit (wúqíng 無情) und als Ungeschäftigkeit (wúwéi 無為) beschrieben werden kann. Die Praxis der meditativen Selbstentleerung führt zurück zum Uranfang allen Seins im vollkommenen Einklang mit dem DAO. Dieser Zustand wird mit dem unendlichen Strömen des Wassers und seiner unergründlichen Wesenheit umschrieben. Der Leib ist in ein All-Sein transformiert.

So heißt es im Dàodéjīng:

Ein gutes Beispiel für das Wirken des DAO unter dem Himmel ist,

dass es sich damit genauso verhält,

wie mit dem Einmünden der Schluchtenbäche und Flüsse

in die großen Ströme und das Meer.

Und:

Vertraut mit dem Männlichen,

das Weibliche behütend,

ist man gewillt, ein Schluchtenbach unter dem Himmel zu sein.

Als Schluchtenbach unter dem Himmel

verlässt einen die beständige Tugend nicht.

Man kehrt zurück in die Zartheit und Unberührtheit eines Säuglings.

[…]

Man kehrt zurück in das unbegrenzte »Ohne-Höchste«.

In Anbetracht der Vielschichtigkeit der Erscheinungsformen von Geist und Leib kann GesundheitGesundheit, umfassendes Konzept somit im Kontext der chinesischen Kultur nie als eine isolierte Form des Gesundseins des Körpers verstanden werden. Daher muss eine umfassende Behandlung alle Aspekte des individuellen Seins miteinbeziehen, um eine Krankheit grundlegend zu überwinden. Zur Gesundheit gehört auch das Vermögen, der jeweiligen Situation mit der angemessenen Erscheinungsform von Geist und Leib gegenübertreten zu können.

Aus diesem Grunde kann nachvollzogen werden, dass eine durchgängige Schematisierung und Standardisierung der alten chinesischen Medizin entsprechend der sogenannten Schulmedizin unmöglich und nicht sinnvoll ist. Der Weg in die Geheimnisse der chinesischen Kultur, Denkweise und Heilmethoden führt durch die Einsicht in die inneren Aspekte des Menschen. Bevor diese nicht durchleuchtet und erfahrbar gemacht sind, kann keine tiefgreifende HeilungHeilung erfolgen. Der Weg zur Heilung der Erscheinungsformen unseres grobstofflichen Daseins verläuft durch die Tiefe unseres Selbst. Den alten Meistern war jederzeit bewusst, dass bei dem Therapeuten nicht nur äußere Fertigkeit, sondern auch innere Erkenntnis zu entwickeln ist.TherapeutEntwicklung innerer Erkenntnis Alle Schulung sollte sich daher auf die Entwicklung von Einsicht und deren Internalisierung konzentrieren. Die Vermehrung der inneren Erfahrung durch Anwendung der Grundsätze der Altchinesischen Medizin (Kap. 6) steht daher an erster Stelle.

Dies wird nicht allein durch kognitive und analytische Auseinandersetzung mit dieser sensiblen Materie erreicht, sondern leitet über auf die innere ReiseTherapeutinnere Reise. Der Therapeut beginnt bei sich selbst, um dann die inneren Vorgänge beim Patienten besser erfassen zu können. Wenn der Therapeut die in ihm existierenden Räume betritt, wird er viele Facetten seines Wesens wahrnehmen, mit welchen er vorher in keinerlei Kontakt stand. Er wird Emotionen und Erlebnissen begegnen, welche längst vergessen waren. Alle Widersprüche in seinem Leben, alle Muster, die nicht erkennbar waren und Anlass zu pathologischen Konstellationen der Qi-Bewegung geben, offenbaren sich.

Wenn durch die meditative Praxis das Qi wieder in seiner ursprünglichen Form fließt, ergeben die Erfahrungen einen sich offenbarenden Sinn, so dass das Vergangene angenommen, wertfrei losgelassen und als eine wichtige und unerlässliche Einsicht aufgefasst werden kann.

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