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B978-3-437-56801-5.00013-0

10.1016/B978-3-437-56801-5.00013-0

978-3-437-56801-5

Abb. 13.1

[L255]

Bildnis des Ohne-Höchsten (wújítú 無極圖) nach den Illustrationen in den Werken des Song-zeitlichen Neo-Konfuzianers Zh¯ou D¯unyí (周敦頤, 1017–1073) und der Deutung des daoistischen Meisters Chén Tuán (陳摶, † 989)

Abb. 13.2

[L255]

Taiji-Monade, die den Uranfang im Zentrum einschließt

Überlieferungen aus der klassischen chinesischen Kultur文

Mit den folgenden Exzerpten soll verdeutlich werden, wie stark die Konzepte der Altchinesischen Medizin in allen weiteren Ausprägungen der chinesischen Kultur verwurzelt sind. Im klassischen chinesischen Verständnis finden Medizin und Heilung nicht in einem separaten Raum der Lebenswelt statt, sondern sind Ausdruck der alles durchdringenden Ordnung des Lebens, genannt DAO.

Frühling und Herbst des Lü Buwei, Buch 3, Kapitel 3 呂氏春秋 ・季春紀 ・先己

Tang fragte den I Yin: »Wie macht man's, wenn man die Welt gewinnen will?« I Yin erwiderte: »Wenn man die Welt gewinnen will, lässt sich die Welt nicht gewinnen; aber sie lässt sich gewinnen, wenn man zuerst seinen eigenen Leib gewinnt.«

Die Grundlage aller Dinge ist es, dass man zuerst den eigenen Leib in Ordnung bringt und ihn als kostbares Gut zu schätzen weiß. Man muss stets neue Kräfte benützen und die veralteten abstoßen, so werden die Nervenbahnen gute Leiter der Lebenskraft. Wenn man die Lebenskraft täglich erneuert und die störenden Kräfte alle entfernt, so wird man seines Lebens Jahre vollenden. Wer das kann, heißt ein wahrer Mensch. [3]

Kommentar der Autoren
Die übliche Medizinausbildung Medizin, moderneAusbildungbesteht in dem Erwerb von Wissen und Techniken. Der Weg nach Innen, die Selbstoffenbarung, das Bewusstsein für den eigenen Beitrag in der Erschaffung einer Realität, eines Gedankens, einer Empfindung, diese Aspekte werden wenig berührt und sind meist auf Gebiete wie die Psychotherapie oder Psychosomatische Medizin beschränkt. Die Altchinesische Medizin kann ohne diese innere Arbeit an sich selbst nicht erfasst werden.
Zhuangzi, Buch 26, „Außendinge“, Kapitel 9 莊子 ・雜篇 ・外物
Zhuāngzǐ

Ein offenes Auge sieht klar; ein offenes Ohr hört genau; eine offene Nase riecht differenziert; eine offene Zunge schmeckt fein; ein offener Verstand führt zu klarem Verstehen; offenes Wissen führt zu Integrität. Was immer dem WEG entspricht, verträgt es nicht, verstopft zu werden. Wird es verstopft, dann erstickt es. Erstickt man es zu lange, dann beginnt es zu stagnieren. Wo es zur Stagnation kommt, da entsteht ein ganzer Wust von schädlichen Einflüssen.

Damit Dinge zu Wissen gelangen können, müssen sie atmen können. Ist der Atem nicht voll, so kann man nicht den Himmel dafür verantwortlich machen. Tag und Nacht durchdringt der Himmel sie damit, ohne jegliche Unterbrechung, aber der Mensch stellt sich dagegen und blockiert die Öffnungen. Die Bauchhöhle ist geräumig; der Geist unternimmt seine himmlischen Wanderungen. Ist ihre Wohnung nicht geräumig genug, dann werden Ehefrau und Schwiegermutter sich streiten; lässt man dem Geist nicht seine himmlischen Wanderungen, dann werden die sechs Sinne einander in die Quere kommen. Die weiten Wälder, Hügel und Berge sind für den Menschen deshalb so großartig, weil sein Geist sie nicht bezwingen kann. [4]

Kommentar der Autoren
Wissen und Fertigkeiten in der Medizin werden gewöhnlich hierarchisch und in geschlossenen, nicht durchlässigen Deutungshoheiten verwaltet und beherrscht. Insbesondere der aktuelle Umgang mit dem Konzept der Evidenzbasierung dient in erster Linie der Verfestigung des Einflusses eines industrienahen Mainstreams und nicht der Förderung einer Offenheit in der Abwägung von Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie. Der Arzt Medizin, moderneRolle des Arzteswird zum Instrument einer verbindlichen Evidenzmechanik degradiert, in der Individualität und Eigenständigkeit der beteiligten Personen keine Rolle mehr spielen. Zhuangzi macht deutlich, dass ein solches Vorgehen dem Leben schadet und der menschlichen Natur zuwider läuft.
Zhuangzi, Buch 26 „Außendinge“, Kapitel 13 莊子 ・雜篇 ・外物
Zhuāngzǐ

Mit einer Reuse fängt man Fische; hast du den Fisch gefangen, kannst du die Reuse vergessen. Eine Schlinge braucht man zum Fangen von Kaninchen; ist das Kaninchen gefangen, kannst du die Schlinge vergessen. Mit Wörtern fängt man Ideen ein; hast du die Idee erst einmal begriffen, kannst du die Wörter vergessen. Wo finde ich nur einen Menschen, der die Wörter zu vergessen weiß, so dass ich einige Worte mit ihm wechseln könnte? [4]

Kommentar der Autoren
In der modernen Medizin stehen die Patienten und Akteure im Bann der Technologie und der materialistischen Weltanschauung. Alles scheint messbar oder im Bild darstellbar zu sein. Medizin, moderneRolle der TechnologieVerständnis lässt sich allerdings nicht messen oder tomografieren. Wir müssen den Schwerpunkt wieder von den Werkzeugen weg auf die eigentliche Arbeit und die Zielsetzungen lenken. Es ist weniger entscheidend festzustellen, mit welchem Gerät wir Informationen über den Patienten erhalten haben, als Klarheit darüber zu erlangen, welche Bedeutung diese Informationen im Rahmen der Erkrankung haben und welche Konsequenzen sich für den Patienten daraus ergeben.
Dàodéjīng, die erste Eröffnung 道德經第一章
Dàodéjīng;Dàodéjīng
dào kě dào, fēi cháng dào.
míng kě míng, fēi cháng míng.
wú míng, tiān dì zhī shǐ;
yǒu míng, wàn wù zhī mǔ.
gù cháng wú yù, yǐ guàn qí miào;
cháng yǒu yù, yǐ guàn qí jiǎo.
cǐ liǎng zhě, tóng chū ér yì míng;
tóng wèi zhī xuán.
xuán zhī yòu xuán,
zhòng miào zhī mén.

Das DAO, das man aussprechen kann, ist nicht das immerwährende Dao.

Der Name, den man benennen kann, ist nicht der immerwährende Name.

Ohne Namen ist der Beginn von Himmel und Erde; das Benannte ist die Mutter der Zehntausend Dinge.

Daher: mit grundlegender Begierdelosigkeit betrachtet man seine Wunder, mit grundlegender Begierde betrachtet man seine Grenzen.

Diese beiden haben einen gemeinsamen Ausgang, aber verschiedene Bezeichnungen; zusammen nennen wir das ein Mysterium.

Des Mysteriums noch größeres Mysterium ist die Pforte zu mannigfachen Wundern.

Kommentar der Autoren
Worte, Ideen, Konzepte und Absichten sind immer begrenzt. In seinem Wesen ist der Mensch als Teil der Schöpfung nicht nur den Fakten, sondern auch dem Wunder verbunden. Die Betroffenheit von Krankheit und Leid in einzelnen Menschen als Kranksein ist einzigartig, unendlich vielfältig und nicht kalkulierbar. Nur wenn die Grenzen der Worte, Bezeichnungen, Kategorien und vorgefertigten Modelle überschritten werden, ist ein umfassendes Verständnis möglich. Dies ist die Voraussetzung für eine nachhaltige und tiefgreifende Veränderung.
Dàodéjīng, die elfte Eröffnung 道德經第十一章
Dàodéjīng;Dàodéjīng
sān shí fǔ, gòng yī gǔ, dāng qí wú,
yǒu chē zhī yòng.
yán zhí yǐ wéi qì, dāng qí wú,
yǒu qì zhī yòng.
záo hù yǒu yǐ wéi shì, dāng qí wú,
yǒu shì zhī yòng.
gù yǒu zhī yǐ wéi lì, wú zhī yǐ wéi yòng.

Dreißig Speichen vereinen sich in einer Nabe;

dank ihres Nicht-Seins ergibt sich die Brauchbarkeit des Rads.

Eine Begrenzung aus Lehm formt ein Gefäß;

dank seines Nicht-Seins ergibt sich die Brauchbarkeit des Gefäßes.

Aus gemeißelten Tür- und Fensterdurchbrüchen entsteht eine Kammer;

dank ihres Nicht-Seins ergibt sich die Brauchbarkeit der Kammer.

Daher: das Sein erzeugt Nutzen, das Nicht-Sein Brauchbarkeit.

Kommentar der Autoren
„Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“ Diese Hinterlassenschaft von Antoine de Saint-Exupéry Saint-Exupéry, Antoinesollte auch auf die Medizin bezogen werden. Üblicherweise ist die Medizin im Fassbaren, im „Sein“ verhaftet. Bei chronischen Erkrankungen, rätselhaften Erkrankungen, lebenszeitbegrenzenden Erkrankungen ist die Dimension des „Unfassbaren“ wesentlich mitbetroffen. Nur durch die Hinwendung an dieses Nicht-dingfest-zu-machende kann die Begrenztheit der materialistischen Medizin Medizin, moderneBegrenztheitüberwunden werden. Dazu gehört die Fähigkeit des Arztes, in den Zustand der Aufnahmefähigkeit, der vollkommenen, ungeteilten Aufmerksamkeit zu treten. Durch sein Leer-Sein, sein Gefüllt-werden-können wird der Arzt zu einem brauchbaren Gegenüber.
Dàodéjīng, die 42. Eröffnung 道德經第四十二章
Dàodéjīng;Dàodéjīng
dào shēng yī, yī shēng èr, èr shēng sān,
sān shēng wàn wù.
wàn wù fù yīn ér bāo yáng,
chóng qì yǐ wéi hé.
rén zhī suǒ wù, wéi dū, guǎ, bú gǔ,
ér wáng gōng yǐ wéi chéng.
gù wù huò sǔn zhī ér yì,
huò yì zhī ér sǔn.
rén zhī suǒ jiào, wǒ yì jiào zhī:
qiáng liáng zhě bù dé qí sǐ,
wú jiāng yǐ wèi jiào fù.

Das Dao bringt die Einheit hervor, die Einheit die Dualität, die Dualität die Trinität, die Trinität die Zehntausend Dinge.

Die Zehntausend Dinge stützen sich auf das Yin und umfassen das Yang. Durchströmt von Qi stehen sie in Harmonie.

Was die Menschen fürchten ist Vereinsamung, Verwaisung und Verarmung; doch Könige und Fürsten machen dies zu ihrem Ruf.

Daher: manche Dinge richten Schaden an, und steigern doch den Wert;

andere Dinge steigern den Wert und richten dadurch Schaden an.

Was die Menschen lehren, das lehre ich auch: was feststeht wie ein Balken, stirbt nicht seinen Tod. Darauf will ich meine Lehre gründen.

Kommentar der Autoren
Hier wird der Blick auf die daoistische Vorstellung der Kosmogenie eröffnet. Gleichzeitig wird aufgezeigt, wie man angesichts der schier unendlichen Zersplitterung in Einzelerscheinungen dennoch wieder zum Ursprung aller Dinge zurückfinden kann. Aus der ununterschiedenen Alleinheit des DAO verdichtet sich der Uranfang aller Dinge. So wie aus der Singularität des Urknalls eine Dualität entsteht (Protonen und Elektronen), und weiter eine Dreiheit mit dem Auftreten von Neutronen, so gestaltet sich auch die Welt.
Aus der Ureinheit bilden sich ihre polaren Grenzen: Himmel und Erde. Zwischen Himmel und Erde steht der Mensch. KosmosTrinität Himmel, Mensch, ErdeIm Spannungsfeld von Yin und Yang nutzt der Mensch die Kraft des Qi, um den ständigen Ausgleich herbeizuführen. Die Menschen wünschen sich, in Beziehung zueinander zu stehen; doch die Anführer der Menschen betonen ihr Alleinsein, ihre Unabhängigkeit.
Zurückhaltung in den Beziehungen, Distanz zu den Gewohnheiten der Menschen, das scheint von Nachteil zu sein, weil es Absonderung bedingen kann. Doch die Vermeidung von Verwicklung in den Beziehungen ist von Wert, wenn man mit Führungsaufgaben betraut ist.
Wird die Bedeutung der Dinge übermäßig betont, eines wertvoller als das andere angesehen, werden Ansprüche abgeleitet oder Selbstdarstellungen betrieben, dann mag dies die Dinge und Menschen in ihrem Wert über anderes und andere stellen. Doch genau dies ist schädlich, denn es bedingt Konkurrenz, Streit und Kampf. So können sich verantwortungsvolle Führer, verleitet durch die Macht, in selbstsüchtige Tyrannen verwandeln.
Sich nicht verleiten zu lassen, fest zu stehen und nicht den Verlockungen von Ruhm, Ehre und Besitz, Beliebtheit und Bewunderung nachzugeben, das ist die Übung des Lebens. Das ist die große Lehre, die verhindert, dass man im Strudel der Versuchungen des Lebens untergeht (Abb. 13.1).
Bildnis des Ohne-Höchsten
Kommentar der Autoren
Die Unendliche Vielfalt des Universums entstammt einem einzigen Ursprung (Abb. 13.2). Alle Teilungen gehen auf den Urknall zurück. Elektronen bleiben über Raum und Zeit hinaus miteinander verknüpft. Die erste Spaltung bringt eine duale Polarität hervor. In der Bezogenheit der Gegensätze findet die Entstehung aus der Ur-Leere ihre Kontinuität. Dies leitet in die Dreiheit über.
Die weiteren Spaltungen lassen sich den Fünf GrundwesenheitenFünf Grundwesenheiten (Kap. 10) entsprechend ordnen. Die Bezogenheit der Grundwesenheiten aufeinander führt die Einheit im Ursprung fort. Die Grundwesenheiten wandeln sich ineinander. So können die materiellen Grundlagen in Lebenskraft transformiert und die Lebenskraft in Bewusstsein umgewandelt werden. Das Bewusstsein knüpft wieder an die ursprüngliche Einheit, die Mutter aller Dinge an.
Die Kultivierung des Bewusstseins ermöglicht die Verbindung mit dem Leiden des Patienten, seiner Entstehung und den Wegen seiner Auflösung. Durch die auf den Urknall zurückgehende Verbindung aller Elektronen und energetischen Felder miteinander ist der Austausch von Informationen und das Auslösen von Prozessen nicht zwingend von Materie, Raum oder Zeit bestimmt.
Dies erklärt unter anderem, warum die Wirksamkeit einer Behandlung auch vom Kontext, von Intention und der Bedeutungszuweisung („meaning response“) bestimmt wird. Wenn der Arzt zu diesem Bewusstsein vordringt, erscheinen seine Behandlungen wie Wunderwirkungen. Tatsächlich werden nur natürliche Kräfte genutzt, die allerdings allein dem Menschen für den Menschen, nicht den Maschinen, zur Verfügung stehen.
Dàodé jīng, die 81. Eröffnung 道德經第八十一章
xìn yán bù měi,
měi yán bù xìn.
shàn zhě bú biàn,
biàn zhě bú shàn.
zhī zhě bù bó,
bó zhě bù zhī.
shèng rén bù jī;
jì yǐ wéi rén, jǐ yù yǒu.
jì yǐ yǔ rén, jǐ yù duō.
tiān zhī dào, lì ér bú hài.
shèng rén zhī dào,
wéi ér bú zhèng.

Glaubwürdige Worte sind nicht schön,

schöne Worte sind nicht glaubwürdig.

Der Vortreffliche rechtfertigt nicht,

der Rechtfertigende ist nicht vortrefflich.

Der Wissende prahlt nicht mit Gelehrsamkeit,

dem Gelehrten fehlt das tiefe Wissen.

Der Weise häuft nichts an.

Je mehr er anderen dient, desto mehr bleibt für ihn selbst.

Je mehr er anderen gibt, desto reicher wird er selbst.

Das Dao des Himmels ist es, zu nutzen ohne zu verletzen.

Das Dao des Weisen ist es, zu dienen ohne zu streiten.

Kommentar der Autoren
Wir werden daran gewöhnt, Evidenz aus der Anhäufung von Wissen und der Systematisierung von Erfahrung abzuleiten. Wahre Medizin kann nicht auf das Ausführen vorgefertigter Rezepte beschränkt bleiben. Eine abwägend-kritische Haltung darf niemals aufgegeben werden, um über das scheinbar Einleuchtende hinausgehen zu können und das Unmögliche zu ermöglichen. Um eine erweiterte Medizin praktizieren zu können, muss die Selbstsucht überwunden und eine innere Haltung der demütigen Hinwendung entwickelt werden.
Zen-Meister Meister Foyan

Wozu wollt ihr in ein Zen-Kloster? Lebt euer Leben aus eigener Kraft und achtet nicht auf das, was andere sagen.

Meister Foyan (Fóyǎn Qīngyuǎn 佛眼清遠, 1067–1120) [1] [O1065]

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