© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-56801-5.00012-9

10.1016/B978-3-437-56801-5.00012-9

978-3-437-56801-5

Abb. 12.1

[L255]

Tozans drei Hiebe

Abb. 12.2

[L255]

Kyogen besteigt den Baum

Abb. 12.3

[L255]

Eine Eiche im Garten

Abb. 12.4

[L255]

Vorwärts von der Spitze des Pfahls

Abb. 12.5

[L255]

Medizin und Krankheit heilen sich gegenseitig

Übungen zur Kultivierung des Geistes智

Während der Durchführung der oben beschriebenen Übungen zur inneren spirituellen Wandlung und Entwicklung der Meister-Tugenden (Kap. 11) wird sich der Verstand wiederholt mit Zweifeln und Fragen zur Logik zu Wort melden. Um den Geist stets offen und bereit für die anstehenden Offenbarungen zu halten, können Unterweisungen des Zen (chin. chán 禪) herangezogen werden.

Die überlieferten Worte der Meister der Altchinesischen Medizin besitzen stets einen tiefgründigen Sinn. Diesen zu erfassen, erfordert eine Spontaneität und Kreativität der Geisteshaltung, die über unseren alltäglichen Geisteszustand weit hinausgeht. Diese Offenheit des Geistes hervorzubringen, ist die Spezialität der Schulen des Zen-Buddhismus, deren Lehren wir für unsere Selbstentwicklung nutzen wollen. Um auf den Grund der Unterweisungen der alten Meister zu dringen, muss der Therapeut sich mit ihrem energetischen Zustand verbinden, der alles Potenzial sämtlicher Meister und göttlicher Wesenheiten umfasst. Aus diesem Zustand, der in den klassischen Werken als „tōng shénmíng 通神明“ Altchinesische Medizininnere Durchdringungbezeichnet wird, erwächst die wahre Kraft der HeilungHeilung.

Wir haben hier eine Auswahl geeigneter Zen-Unterweisungen Zen-Unterweisungenaus berühmten chinesischen Überlieferungen getroffen, die auch Grundlage für die Traditionen des Zen-Buddhismus in Japan geworden sind. Sie können unterstützend auf dem Weg wirken, in den Zustand des freien und empfänglichen Geistes zu gelangen.

Die klassischen Sammlungen bestehen aus dem Koan selbst, dem Kommentar und der Erläuterung. Die Autoren haben zu jedem Koan Hinweise ergänzt, die den Bezug zum Weg des Therapeuten verdeutlichen sollen.

Die Koans (gōngàn 公案) aus dem Mumonkan (Wúménguān無門關) und dem Hekigan Roku (Bìyán lù 碧巖錄)
Mumonkan Nr. 15: Tozans drei Hiebe [7]

Tozan begab sich zu Ummon. Ummon fragte ihn, woher er gekommen sei. Tozan sagte: „Aus dem Dorfe Sato.“ Ummon fragte: „In welchem Tempel hieltest du dich den Sommer über auf?“ Tozan antwortete: „Im Tempel von Hogi, südlich des Sees.“ „Wann bist du von dort weggegangen?“ fragte Ummon und war neugierig, wie lange Tozan wohl damit fortfahren mochte, sachliche Antworten zu geben. „Am 25. August“, antwortete Tozan. Ummon sagte: „Ich sollte dir drei Hiebe mit dem Stock geben, aber heute verzeihe ich dir.“ Am nächsten Tag verneigte sich Tozan vor Ummon und fragte: „Gestern habt ihr mir drei Hiebe vergeben. Ich weiß nicht, warum ihr glaubtet, ich sei im Unrecht.“ Ummon sagte, indem er Tozans geistlose Antworten tadelte: „Du taugst zu gar nichts. Du wanderst einfach von einem Kloster zum anderen.“ Bevor Ummon zu Ende gesprochen hatte, wurde Tozan erleuchtet. (Abb. 12.1)

Mumonkan Nr. 5: Kyogen besteigt den Baum [7]

Kyogen sagte: „Zen ist, wie wenn ein Mann mit seinen Zähnen an einem Baum über einem Abgrund hängt. Seine Hände erfassen keinen Zweig, seine Füße ruhen auf keinem Ast, und unter dem Baum fragt ihn ein anderer: ‚Warum kam Bodhidharma von Indien nach China?‘ Wenn der Mann an dem Baum nicht antwortet, versagt er; und wenn er antwortet, fällt er und verliert sein Leben. Was soll er also tun?“ (Abb. 12.2)

Mumonkan Nr. 38: Eine Eiche im Garten [7]

Ein Mönch fragte Joshu, warum Bodhidharma nach China gekommen war. Joshu sagte: „Eine Eiche im Garten.“ (Abb. 12.3)

Mumonkan Nr. 46: Vorwärts von der Spitze des Pfahls [7]

Sekiso fragte: „Wie könnt ihr von der Spitze eines hundert Fuß hohen Pfahls aus vorwärts gehen?“ Ein anderer Zen-Meister sagte: „Einer, der auf der Spitze eines hundert Fuß hohen Pfahls sitzt, hat eine gewisse Höhe erreicht, aber noch immer geht er mit Zen nicht frei um. Er sollte von dort aus vorwärts gehen und mit seinem ganzen Körper in den zehn Teilen der Welt erscheinen.“ (Abb. 12.4)

Hekigan Roku Nr. 87: Ummons „Medizin und Krankheit heilen sich gegenseitig“ [2]

Meister Ummon sagte zu seinen Schülern: „Medizin und Krankheit heilen sich gegenseitig. Die ganze Erde ist Medizin. Wo befindet ihr euch selber?“ (Abb. 12.5)

Die Koan-Kommentare
Mumonkan Nr. 15: Tozans drei Hiebe [7]

Die Löwin belehrt ihre Jungen auf raue Weise, die Jungen springen herum, und sie stößt sie nieder. Als Ummon Tozan sah, traf sein erster Pfeil nur leicht. Sein zweiter Pfeil schoss tief.

Mumonkan Nr. 5: Kyogen besteigt den Baum [7]

Kyogen ist wahrhaftig ein Narr, dieses egotötende Gift auszustreuen, das die Münder seiner Schüler verschließt und ihre Tränen strömen lässt aus ihren toten Augen.

Mumonkan Nr. 38: Eine Eiche im Garten [7]

Wenn jemand Joshus Antwort eindeutig versteht, so gibt es keinen Buddha Shakyamuni vor ihm und keinen zukünftigen Buddha nach ihm.

Mumonkan Nr. 46: Vorwärts von der Spitze des Pfahls [7]

Der Mensch, dem das dritte Auge der Einsicht fehlt, klammert sich an das Maß von hundert Fuß. Solch ein Mensch wird dort herunterspringen und sich töten, wie ein Blinder, der andere Blinde in die Irre führt.

Hekigan Roku Nr. 87: Ummons „Medizin und Krankheit heilen sich gegenseitig“ [2]

Die ganze Erde ist Medizin.

Alte und Junge, die Menschen machen einen großen Fehler.

Schließe das Tor, aber baue dir keinen Wagen.

Das Universum ist die Autobahn, riesig und weit.

Falsch, alles ist falsch!

Obwohl sie ihre Nasen bis in den Himmel stecken,

werden sie doch durchbohrt.

Die Koan-Erläuterungen
Mumonkan Nr. 15: Tozans drei Hiebe [7]

Ummon fütterte Tozan mit guter Zen-Speise. Wenn Tozan sie verdauen kann, so darf Ummon ein weiteres Mitglied zu seiner Familie zählen. Am Abend schwamm Tozan in einem See von Gut und Böse herum, aber in der Morgendämmerung knackte Ummon seine Nuss. Doch letztlich war er nicht gar so gewitzt. Nun möchte ich fragen: Hat Tozan die drei Hiebe verdient? Wenn ihr ja sagt, so verdient sie nicht nur Tozan, sondern jeder von euch. Wenn ihr nein sagt, so ist Ummon ein Lügner. Wenn ihr diese Frage klar beantwortet, so könnt ihr dieselbe Speise essen wie Tozan.

Mumonkan Nr. 5: Kyogen besteigt den Baum [7]

In solch einer misslichen Lage ist die größte Beredsamkeit nutzlos. Wenn du alle Sutras auswendig gelernt hast, kannst du sie nicht anwenden. Wenn du die richtige Antwort geben kannst, und möge auch dein vergangener Weg ein Weg des Todes gewesen sein, so eröffnest du nun einen anderen Weg des Lebens. Aber wenn du nicht antworten kannst, so sollst du noch viele Lebensalter leben und den zukünftigen Buddha Maitreya fragen.

Mumonkan Nr. 38: Eine Eiche im Garten [7]

Worte können nicht alles beschreiben. Die Botschaft des Herzens kann nicht mit Worten vermittelt werden. Wenn einer Worte wörtlich nimmt, ist er verloren. Wenn er mit Worten zu erklären versucht, wird er die Erleuchtung nicht in diesem Leben erlangen.

Mumonkan Nr. 46: Vorwärts von der Spitze des Pfahls [7]

Es kann einer Schritt vor Schritt setzen oder sich frei auf der Spitze eines Pfahls herumdrehen. In jedem Falle sollte er anerkannt werden. Ich möchte jedoch euch Mönche fragen: Wie wollt ihr von der Spitze dieses Pfahls aus vorwärts gehen? Passt auf!

Hekigan Roku Nr. 87: Ummons „Medizin und Krankheit heilen sich gegenseitig“ [2]

Der Mensch mit klaren Augen kennt keine Hindernisse. Manchmal steht er auf der Spitze des Berges, umgeben von dichtem Unkraut. Manchmal befindet er sich auf dem belebtesten Marktplatz und genießt die vollkommene Ruhe des Geistes. Wenn er mit der Wut von Nada erscheint, dann hat er drei Gesichter und sechs Arme. Wenn er die Barmherzigkeit des Sonnengesichtigen und des Mondgesichtigen zeigt, dann strahlt er das allumfassende Licht des Erbarmens aus. Mit jedem Körnchen seines Daseins zeigt er alle Körper eines Buddha, und unter die Leute gemischt trampelt er durch den Schmutz. Wenn er eine überweltliche Handlung vollbringt, können ihm selbst die Buddhas nicht folgen, und tausend Heilige müssten nach dreitausend Meilen auf ihrem Weg umkehren. Gibt es einen unter euch, der es ihm gleichtun kann? Seht das Folgende.

Anmerkungen der Autoren
Ein Koan ist kein Gedankenspiel, keine Rätselaufgabe, keine Gelegenheit, seine eigene Klugheit zu beweisen. Es ist ein Weckruf an unseren Geist, aus dem Schlaf des Denkens zu erwachen und aus dem Modus des Verstandes in den Zustand des klaren Bewusstseins einzutreten, das erst wahre Einsicht ermöglicht. Der Leser sollte die Anmerkungen der Autoren nicht als Auflösung des Rätsels missverstehen. Es sind Angebote, die Anregungen des Koans mit der eigenen Lebenswelt zu verknüpfen.
Mumonkan Nr. 15: Tozans drei Hiebe
Manchmal ist körperlicher Schmerz der einzige Ruf der Seele, der noch an die Oberfläche gelangt. Aber nur wenn das oberflächliche Verständnis überwunden wird, kann man zu den Wurzeln vordringen. Das Herz muss die Verstrickungen spüren, um sich endlich befreien zu können.
Mumonkan Nr. 5: Kyogen besteigt den Baum
Wenn Krankheiten nicht heilen, das Leben bedrohen und kein Ausweg zu finden ist, hat es seine Bedeutung. Der Versuch auszuweichen führt ins Verderben. Sich nicht zu verbeißen in Dogmen und den Tod nicht zu fürchten, nicht vorschnelle kluge Antworten geben zu wollen, nicht einmal einen Strohhalm ergreifen zu wollen: das ist die Devise. Ein kluger Herr Krishnamurti sagte sinngemäß einst: „Probleme werden nicht dadurch gelöst, dass man versucht sie zu lösen. Sie lösen sich, wenn man ergründet hat, warum es überhaupt ein Problem gibt, und wie es sich gebildet hat.“ [5]
Mumonkan Nr. 38: Eine Eiche im Garten
Wer nicht weiß, warum er Arzt geworden ist, oder nicht weiß, warum er krank geworden ist, muss zunächst in die Gegenwart zurückkehren. Dies mit Worten erklären zu wollen, ergäbe nur Unsinn. Patienten und Ärzte wollen oft Erklärungen für etwas, was sie nicht verstanden haben. Eine gute Erklärung bedarf der Klarheit viel mehr als der klugen Gedanken und Worte.
Mumonkan Nr. 46: Vorwärts von der Spitze des Pfahls
Einstein soll gesagt haben: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Auch wenn wir es damit auf die Spitze treiben, bleibt unsere Sicht begrenzt. Erst über den Wipfeln gelingt ein neuer Blick. Glaube nie, dass eine Diagnose, eine Erkenntnis, eine Maßnahme endgültig ist. Man muss immer schauen, wann die Zeit gekommen ist, das Gegebene loszulassen, um über die zuletzt erreichte Stufe hinauszugehen. Was der Arzt viel stärker verteidigen sollte als seine Glaubenssätze, ist seine Freiheit, diese im gegebenen Fall aufzugeben.
Hekigan Roku Nr. 87: Ummons „Medizin und Krankheit heilen sich gegenseitig“
Jede Krankheit birgt ihre heilsame Medizin bereits in sich. Zu diesem tief versteckten Ort muss der Arzt seinen Patienten mit Klarheit und Mitgefühl führen, ohne Angst und ohne selbst (verwickelt) krank zu werden. In der einen Hand umfasst er die Krankheit, in der anderen hält er die Medizin. Nach unzähligen Schlangenbissen fließt das immunisierende Serum in seinen Adern.

Über allen Gipfeln

Ist Ruh',

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.Goethe, Johann Wolfgang von

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) [6]

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen