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B978-3-437-56483-3.10001-1

10.1016/B978-3-437-56483-3.10001-1

978-3-437-56483-3

Schmerzhemmende Einflüsse auf Ebene des Rückenmarkes. An den Hinterhornneuronen kann die Erregungsübertragung nociceptiver Afferenzen durch hemmende Synapsen (schwarz) abgeschwächt werden. Die Hemmung kann auf segmentaler Ebene durch den afferenten Einstrom selbst oder durch deszendierende Bahnen verursacht werden. Für den schmerzlindernden Effekt der Akupunktur spielen vermutlich beide Mechanismen eine Rolle. Die afferente, heterosegmentale Hemmung durch propriospinale antinociceptive Neurone ist aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht eingezeichnet .

(aus Bäcker/Hammes 2005)

Head-Zonen und Alarm-(Mu-)Punkte. Die Konvergenz der Afferenzen aus Haut und inneren Organen auf dieselben nociceptiven Neurone ist Grundlage des übertragenen Schmerzes (Schmerzempfindung an der Hautoberfläche bei Erkrankungen innerer Organe). Über sympathische Reflexe können Erkrankungen innerer Organe auch zu Veränderungen der Hautdurchblutung führen. Umgekehrt können die inneren Organe durch Reize auf der Haut beeinflusst werden. Dies ist ein wesentlicher Wirkmechanismus der Akupunkturtherapie viszeraler Störungen .

(aus Bäcker/Hammes 2005)

Überblick über mögliche, therapeutisch relevante Mechanismen der Akupunkturtherapie von Schmerzen. Die Abbildung zeigt mögliche therapeutische Wirkmechanismen topographisch gegliedert entsprechend ihrem Angriffspunkt im Organismus. Auf der Basis der aktuellen Daten finden sich Hinweise für Akupunktureffekte auf lokalem/segmentalen und zerebralem/systemischem Niveau. Ziel der Synopsis ist die Vermittlung einer Arbeitshypothese therapierelevanter Mechanismen. Diese wird in Zukunft im Rahmen experimenteller und klinischer Studien weiter zu untersuchen sein. Insbesondere mit einem Fragezeichen gekennzeichnete Mechanismen sind physiologisch plausibel, aber zum aktuellen Zeitpunkt wenig untersucht .

(aus Bäcker/Hammes 2005)

Modellvorhaben zur Akupunktur: Studiendesign und beteiligte Krankenkassen

Anzahl der Patienten in den unterschiedlichen Studien zu den verschiedenen Indikationen

Tab. 1.2
Diagnose ART ARC Gerac
Chronische Kopfschmerzen 15056
  • Migräne

302 6792 960
  • Spannungskopfschmerzen

270 6294 411
Chronische LWS-Schmerzen 298 11378 1162
Gon- und Coxarthrose 3553
Gonarthrose 294 2455 1039

Davon ca. 20–25% in den randomisierten Studienarmen

Wirksamkeit von Akupunktur im Vergleich zu Warteliste (ART)/Routineversorgung (ARC)/Standardtherapie (Gerac)

Tab. 1.3
Diagnose ART ARC Gerac
Chronische Kopfschmerzen +
  • Migräne

+ +
  • Spannungskopfschmerzen

+ +
Chronische LWS-Schmerzen + + +
Gon- und Coxarthrose +
Gonarthrose + + +

+ Akupunktur signifikant überlegen, kein signifikanter Unterschied

Wirksamkeit von Akupunktur im Vergleich zu Sham-Akupunktur

Tab. 1.4
Diagnose ART Gerac
Chronische Kopfschmerzen
  • Migräne

  • Spannungskopfschmerzen

Chronische LWS-Schmerzen
Gon- und Coxarthrose
Gonarthrose +

+ Akupunktur signifikant überlegen, kein signifikanter Unterschied

Akutelle Evidenzlage: Wirksamkeit von Akupunktur bei ausgewählten Indikationen

Tab. 1.5
Diagnose Literaturstelle Aku vs. WL Aku vs. Sham-Akupunktur Aku vs. Standardtherapie
Chronische Kopfschmerzen Migräne Linde 2009 + +
Spannungskopfschmerzen Linde 2009 + + ?
Chronische LWS-Schmerzen Furlan 2008 + + ?
Gonarthrose Manheimer 2007 + + ?

+ Akupunktur signifikant überlegen, kein signifikanter Unterschied, ? unklar bzw. nicht untersucht

Aku Akupunktur, WL Warteliste

Chinesische Medizin damals und heute

Marcus Bäcker

Benno Brinkhaus

Gunter Neeb

Andreas Noll

Wolfram Stör

Tian Li

Claudia Witt

Michael Wullinger

  • 1.1

    Chinesische Medizin im Westen 2

    Andreas Noll

    • 1.1.1

      Rezeption, Transmission, Adaption2

    • 1.1.2

      Heilkunde, Gesellschaft und Geschichte2

    • 1.1.3

      Warum ausgerechnet chinesische Medizin?3

    • 1.1.4

      Heilkunde bedeutet Anpassung – auch an die Moderne5

    • 1.1.5

      Schlussfolgerungen5

  • 1.2

    Geschichtlicher Überblick 6

    TIAN Li, Gunter Neeb

  • 1.3

    Studium in China und Taiwan 11

    Gunter Neeb

    • 1.3.1

      Hochschulen und Universitäten in China und Taiwan

    • 1.3.2

      Allgemeine Tipps für Chinareisende und Studierende

    • 1.3.3

      Entscheidungskriterien für VR China oder Taiwan

  • 1.4

    Wissenschaftliche Grund-lagen der Akupunktur 11

    Marcus Bäcker

    • 1.4.1

      Neurobiologische Wirkungen12

    • 1.4.2

      Psychische Aspekte20

    • 1.4.3

      Hypothese zur Entstehung von Langzeitwirkungen23

    • 1.4.4

      Ausblick26

  • 1.5

    Klinische Studien 26

    • 1.5.1

      Modellvorhaben Akupunktur

      Benno Brinkhaus, Claudia Witt 26

    • 1.5.2

      Reviews und Metaanalysen zur Akupunktur bei verschie-denen Schmerzindikationen

      Wolfram Stör 31

    • 1.5.3

      Akupunktur bei allergischen Erkrankungen

      Michael Wullinger 32

Plus im Web, vorderer Buchumschlag

Chinesische Medizin im Westen

Andreas Noll

Rezeption, Transmission, Adaption

Was mit der chinesischen Medizin/TCM im Westen geschieht
Die Übernahme fremden Wissens (Rezeption) bedeutet immer Selektion und Adaption: Was nicht der unmittelbar eigenen Erfahrungswelt entspringt, wird so wahrgenommen, wie es mit dem selbst Erlebten am besten zusammenpasst. Wir verstehen etwas, wenn es eine Verbindung zu dem hat, was wir bereits wissen und erst geistige Brücken ermöglichen die Verbindung – wie zwischen den Ufern eines Flusses mit einem großen Leer-Raum des Unbekannten dazwischen. Wenn wir in unserer westlichen Welt von der Behandlung der Seele z.B. mit TCM sprechen, von der bei uns so häufig geplagten Psyche, so suchen wir im Denken und Fühlen anderer, fremder und weit entfernt von uns kultivierter Menschen auch diese Vorstellung. Aber was geschieht, wenn diese unsere Idee dort nicht entstanden und nicht verwurzelt ist? Wenn es zwar Geister, Dämonen und empfindende Körper, aber keine Psyche gibt? Wir suchen dennoch verzweifelt Parallelen, und wenn wir sie nicht finden, so wird mitunter unser Denken einfach übertragen.
Übertragung eigener Vorstellungen
Deutlich wird dies dem Adepten der chinesischen Medizin gerade in der Phase der Annäherung an dieses so modern gewordene, alte und fremde Heilsystem, wenn er versucht, die dort gebräuchlichen und ganz besonderen Begrifflichkeiten zu verstehen: Der chinesische Begriff Xin wird mit Herz übersetzt. Was versteht ein Mensch darunter, wenn er in China geboren und aufgewachsen ist? Und wie sind unsere hiesigen Vorstellungen davon? Wir versuchen, es zu erklären – aber mit Vorstellungen aus unserer Welt, assoziieren dabei uns vertraute Begriffe wie Herzlichkeit, gutes Herz, von Herzen gern, mit Liebe und Herzenswärme. Oder auch mit Blutpumpe, Herzinfarkt, Bluthochdruck, Risikofaktoren, unternehmen Exkursionen in die Psychoanalyse etc. All diese Assoziationen waren in China den Autoren unserer Medizinbücher völlig unbekannt und abwegig. Einige Schnittstellen gibt es immer, aber in der Komplexität der Vorstellungen können wir uns im Westen dieser uns völlig fremden Welt immer nur annähern. Allzu unterschiedlich sind vor allem auch die Instrumente zur Beschreibung der Welt: Die Sprache, die in China in jeder Hinsicht von unserer verschieden ist. Dieser Annäherung gilt jedes Buch über chinesische Medizin in einer westlichen Sprache. Zunächst sollte man sich jedoch darüber klar werden, welche Unterschiede tatsächlich zwischen den Kulturen bestehen – denn nur so kann man auch als Therapeut das Wesen des Fremden verstehen und davon adäquat zum Wohle des Patienten profitieren.

Heilkunde, Gesellschaft und Geschichte

Vorstellungen im Wandel von Zeit und Regionen
Heil und Unheil des Menschen wie der gesamten Gesellschaft sind bestimmt von religiösen, politischen, sozialen und heilkundlichen Vorstellungen. Wobei schon diese nunmehr vorgenommene begriffliche Trennung nur auf unseren heutigen Kulturkreis zutrifft. Krankheiten werden kontinuierlich seit Bestehen der Menschheit neu definiert (wie heute ADHS, CFS, Klimakterium; früher: Hysterie, Hypochondrie, Neurasthenie, Homosexualität etc.) und verschwinden wieder. Was im China der Ming und Qing (14. – 20. Jh.) als pathologisch betrachtet und behandelt wurde, war in anderen Zeiten normal und sogar erwünscht. Eine Vorstellung von dem, was krank ist, entsteht immer aus den Bedürfnissen der jeweils aktuellen Gesellschaft – so wie bei uns ein öffentliches Gesundheitswesen erst notwendig und aufgebaut wurde, als die Massen der Industriearbeiter eine effektive, flächendeckende medizinische Versorgungsgarantie des Staats nötig machten.
Gesundheit und Krankheit in China
In China forderten Buddhismus und Daoismus einen individuellen Weg zur Erlösung – in Form der Unsterblichkeit/Langlebigkeit bzw. des Aufgehens im Nirwana. Leiden ist dort persönliches, individuelles Leiden. Heilung war möglich über Atem- und Bewegungsübungen, ein Ernährungsregime, Heilpflanzen oder Akupunktur. Yangsheng, das Nähren des Lebens bedeutet, die Kultivierung des eigenen Qi zu betreiben. Der Konfuzianismus hingegen sah das Heil des Einzelnen vorwiegend in der Ethik der Beziehungen. Wenn die zwischenmenschlichen Beziehungen einschließlich derer zu den Ahnen funktionierten, war der Mensch als gesellschaftliches Wesen gesund. Krankheit resultierte aus dem Missachten dieser Regeln und wurde durch Rituale, Opfergaben und korrektes Verhalten geheilt.

Warum ausgerechnet chinesische Medizin?

Vorstellungen aus der asiatischen Welt fließen in zunehmendem Maß in das alltägliche Denken des westlichen Menschen ein. Dabei spielen heilkundliche ebenso wie religiöse Vorstellungen eine entscheidende Rolle. Waren doch Medizin und Religion in der Geschichte stets ein wichtiger Motor für die Übernahme an sich fremder Vorstellungen. Methoden und Mittel zur Heilung wie Erlösung von allen Widrigkeiten des Daseins waren zu allen Zeiten begehrtes Handelsgut. Eine Unterscheidung der Heilswege war bis vor 200Jahren auch bei uns eher marginal, denn erst seit dieser Zeit (Aufklärung) differenziert man im Westen zwischen Heilkunde und Heilskunde (Religion).
Kolonialisierung und Globalisierung
Den Weg zur Verfügbarkeit des fremden Wissens bereiteten die Kolonialisierung und Globalisierung seit dem 15.Jahrhundert. Das bis dato als universal geltende christlich-abendländische Denken kollidierte mit völlig anderen Weltvorstellungen der Inkas und Inder, der Indianer und eben der Chinesen: Neue Horizonte, neue Erkenntnisse, neue Konfrontationen und Kollisionen. Da trafen die Missionare in China auf eine Gelehrtengesellschaft mit geradezu humanistischen Idealen, zudem in der sozialen Hierarchie nach oben hin offen für alle, die die Beamtenprüfungen bestanden. Unvorstellbar für den europäischen absolutistischen Herrscher, ersehnt von den Freigeistern der keimenden Aufklärung wie z.B. von Voltaire am Hof des Preußenkönigs, der im Qing-Kaiser Kangxi das Idealbild eines aufgeklärten Herrschers sah. Der eigene Horizont wurde immer weiter seit dieser Zeit, immer mehr Erkenntnisse stehen heute zur Verfügung. Dennoch bleibt der Fremde stets angewiesen auf häufig nur stückweise Überlieferungen, auf wenig mündliches, immer aber übersetztes schriftliches Material. Es wird und wurde nur das übersetzt und überliefert, was up to date ist, was in die Zeit und die Interessenslage der Konsumenten passt. Das war in China so, wenn bei einem Dynastiewechsel sorgfältig vonseiten des Kaiserhauses ausgewählt wurde, welche – auch medizinischen – Bücher in die Annalen der Dynastie aufgenommen werden sollten. Literatur, die einen allzu individuellen Weg zu Heil und Gesundheit propagierte, passte nur eingeschränkt zum sozialen System des konfuzianistischen Staats. Und so wurde Literatur daoistischer und buddhistischer Provenienz sorgfältig bereinigt und angepasst. In dieser vielfach adaptierten Form erreichte sie dann unsere heutige Zeit und die heutigen Übersetzer.
Anpassung oder Verfälschung? Je nach Interessenlage!
Diese Selektion und Adaption geschah zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften. Kein Leser, kein Übersetzer auch alter Schriften kann sich völlig frei machen von diesem Mechanismus, immer betrachtet er den Stoff aus seiner ureigenen Perspektive und gibt dann das weiter, was für ihn selbst wichtig erscheint. Sinologen, Therapeuten, Philosophen oder Theologen gingen von jeweils völlig unterschiedlichen Interessenlagen aus. Fehl-Interpretationen und Spekulationen können somit geradezu als normal betrachtet werden im Verlauf eines solchen Transmissionsprozesses. Und je weiter diese Quellen in der Ferne lagen – räumlich wie zeitlich – desto größer war der durchaus kreative spekulative Spielraum. Ein ägyptischer Papyrus oder ein Shang-zeitlicher Orakelknochen – mit wie viel Phantasie und esoterischen Spekulationen können wir doch die Entstehungsgeschichte und zeitgenössische Dimension dieser Relikte vergangener Zeit und Kulturen ausschmücken!
Zudem – die Globalisierung, die als Phänomen des 20.bzw. 21.Jahrhundert gefeiert und verdammt wird, fand in anderen Dimensionen schon immer statt. Seit dem Beginn des Handels zwischen den Kulturen vor Jahrtausenden wurde Wissen ausgetauscht und mit Werten materieller und immaterieller Art gehandelt. Heilskonzepte waren wichtige Objekte des Austauschs. Und so geschieht es auch heutzutage, wenn Internet und Kommunikationstechniken die Ressourcen der Kulturen wechselseitig verfügbar machen. Der Osten übernimmt die abendländisch-christliche Kultur (in der Regel in ihrer säkularisierten Form) und Medizin des Westens. Schwer tut man sich dort allerdings mit den demokratischen Idealen von Freiheit und Unantastbarkeit der individuellen Rechte – an deren Selbstverständlichkeit die westliche Welt seit deren Postulat vor knapp 2Jahrhunderten arbeitet. Der Westen wiederum leidet an der Realisierung gerade dieses Individualismus, der die Menschen einsam, perspektiv- und hoffnungslos, fern jeder erfrischenden Metaphysik erkalten ließ. So sucht man im Westen das viel versprechende Gute im Osten – aber auch umgekehrt. Die Exoten für einen Chinesen sind wir!
Die Suche nach Erlösung lässt gern in die Ferne schweifen
Im Buddhismus und den Weltsichten der alten Chinesen wurde man leicht fündig auf der Heils-Suche. Konzepte feudal strukturierter Bergvölker oder chinesischer Eliten aus dem untergegangenen chinesischen Kaiserreich erschienen nun die Glückseligkeit in der Verklärung derartig schön zu verheißen, wie man sie gewöhnlich all dem zuteil werden lässt, was man nicht genau kennt. Aber so, wie die Chinesen auch nicht die Schattenseite der modernen westlichen Medizin sehen, so sehen wir nicht die Kehrseite dortiger Heilskonzepte, die z.B. darin besteht, dass die chinesische Medizin – in ihrer Systematisierung früher weitgehend eine Medizin der Elite – erst in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Einfluss westlicher Paradigmen zu dem geworden ist, als das sie in Form der TCM weltweit immer mehr Anhänger findet. Erst jetzt werden Akupunkturpunkte exakt lokalisiert, erst jetzt gibt es ein wohl strukturiertes Medizinsystem, erst in der Volksrepublik wurde die TCM zu einem von metaphysischem Beigeschmack weitestgehend bereinigten System.
Die TCM hat selektiert
Von ungezählten anderen Elementen dieser Heilkunde, die in den vergangenen 2500Jahren erfolgreich praktiziert wurde, existieren vielfach nur rudimentäre Spuren in der Transmission. Überliefert und übersetzt wurde und wird, was in den heutigen Mainstream einer aufgeklärten Weltgesellschaft passt. Nicht mehr die Rede ist von Dämonen, Exorzismus, Askesetechniken, sexuellen Praktiken, Imaginationen und Meditationen, magischen Zeichen, Beschwörungsformeln, Gottheiten und schamanistischen Tänzen, Orakeln, Geomantie, aber auch wenig vom alles umfassenden Entsprechungssystem der 5Wandlungsphasen. Bruchstücke dieser meist von der schreibenden Elite kaum überlieferten daoistischen und Volksheilkunde werden begierig im Westen aufgegriffen und stehen dann im (TCM-)freien Raum. Irritationen tauchen allerdings dann immer wieder auf, wenn zeitgenössische chinesische Mediziner mit aus dieser vergangenen Welt stammenden Ansichten verklärend konfrontiert werden.

Heilkunde bedeutet Anpassung – auch an die Moderne

Gesundheit ist das höchste Gut – und so wird begierig alles aufgenommen, was Heil verspricht. Ein Tee aus dem Süden Chinas, Salz aus dem Himalaja, Kristalle aus Südamerika, eine Nadeltherapie aus China. Sie alle stehen für die Befriedigung der Sehnsüchte des Einzelnen, der seine Gesundheit wieder erlangen will. Nach geraumer Zeit und größerer Inanspruchnahme werden diese individuellen Versuche der Bedürfnisbefriedigung in größerem Rahmen relevant. Sei es nun dadurch, dass herkömmliche, etablierte Vorstellungen und Machtverhältnisse tangiert werden – man denke an neue oder fremde Religionen/Sekten- oder eine Heilmethode ökonomisch interessant wird. Wo immer es möglich ist, versucht man dann diese ursprünglich von einzelnen Suchenden gefundenen Import-Heilsvorstellungen an unser Denken, unser System anzupassen. Das geschieht auch mit einem Seitenblick auf die etablierten Naturwissenschaften, denn deren in den vergangenen vier Jahrhunderten gewachsene Vorstellungen definieren Wahrheit und Richtigkeit auch etablierter Gesundheits- und Krankheitskonzepte. Die evidence based medicine erhebt etwas ursprünglich sehr Konkretes, untrennbar an ein erlebendes Subjekt gebundenes wie Krankheit in den Status eines allgemeinen gesellschaftlich beurteilten Zustands. Nicht mehr subjektives Erleben, ein Krankheitsgefühl ist entscheidend, sondern ein klar umrissener, definierter und objektiver Zustand von Wertekategorien und die Abweichung von Normkonventionen. Krankheit wird somit vom Individuum dissoziiert, sie hat nichts mehr mit seinem authentischen Fühlen zu tun, sondern ein Mensch wird als Kranker zu einem von extern definiertem Objekt.

Schlussfolgerungen

Für die chinesische Medizin bzw. für die TCM hat diese zu beobachtende und zu akzeptierende Tendenz in zweierlei Hinsicht Konsequenzen.
  • 1.

    Standards werden weiterentwickelt, können aber kaum rückgängig gemacht werden: Der Prozess der Rezeption von Wissen, also des Wissenstransfers, seiner Kenntnisnahme und Adaption im Westen schreitet kontinuierlich voran. Zunehmend ist es auch keine individuelle Entscheidung des Patienten mehr, sich mit einer vormals exotischen Heilmethode im Hinterstübchen eines Arztes oder Heilpraktikers behandeln zu lassen. (Natur-)wissenschaftliche Studien zu Wirksamkeit und Unwirksamkeit von Akupunktur liegen vor und bedingen wirtschaftliche Entscheidungen wie die Erstattung der Behandlungskosten durch die Versicherungen. Die verbreitete Akzeptanz der chinesischen Medizin gibt dem Therapeuten eine wohltuende Sicherheit. Standards werden entwickelt, so in Fragen der Aus- und Weiterbildung. Lehrbücher in westlichen Sprachen erlangen den Rang eines allgemeinverbindlichen Kanons. Auch dieser Leitfaden wirkt durch seine große Verbreitung seit über zehn Jahren an der Zementierung eines Standards mit. So werden Grenzen des Akzeptierten und Normalen gesetzt.

  • 2.

    Es entstehen Raum und Akzeptanz von Marginalität und Kreativität: Kulturgeschichtlich interessant ist stets das, was an und hinter den Grenzen des Etablierten und Orthodoxen geschieht. Hier ist der Raum für Neues, für Transzendenz, für Kreativität – zunächst von Individuen, dann von Gruppen und größeren Gemeinschaften. Bis dann der oben beschriebene Prozess der Institutionalisierung und Limitierung einsetzt. In der Marginalität ist nahezu alles erlaubt – wenn es wie hier dem Einzelnen bei der Gesundung hilft. Ratio und Logik gelten hier nur im Rahmen der Rechtfertigung im Krankheitserleben des Einzelnen. Sein Fühlen, sein verändertes Empfinden definiert den Behandlungserfolg, nicht jedoch ein objektiver, von außen angelegter Maßstab. Wer heilt, hat recht?

Die chinesische Medizin bzw. TCM heutzutage im Westen sollte sowohl die gewachsene Orthodoxie als auch heterodoxe Strömungen berücksichtigen.

Geschichtlicher Überblick

TIAN Li, Gunter Neeb
Die Ursprünge der Akupunktur reichen bis 10000 v.Chr. zurück, als man begann, mit Steinnadeln Schmerzen zu lindern und Abszesse zu drainieren. Noch früher werden die Anfänge der Moxibustion datiert: Nach der Entdeckung des Feuers applizierte man angezündete Blätter über schmerzhafte Körperstellen. Die zunehmende klinische Erfahrung wurde anhand der Prinzipien der taoistischen Philosophie (Qi, Yin und Yang, fünf Wandlungsphasen 2.1, 2.2) systematisiert und zu einer differenzierten Medizin ausgebaut. Die Beobachtung, dass die Nadelsensation meist entlang einer Linie ausstrahlt, auf der sich Punkte mit ähnlichen klinischen Eigenschaften befanden, führte zur Theorie der Meridiane (2.5). Die Errungenschaften der chinesischen Medizin wurden in Büchern (Tab. 1.2) festgehalten, die heute noch als relevante medizinische Informationsquellen gelten und zur Pflichtlektüre jedes Studenten der chinesischen Medizin in China gehören.

Geschichtlicher Überblick der medizinischen Literatur der CM

Tab. 1.1
Zeitalter und Bedeutung für die CMMedizinisches Literaturwerk
475–221 v.Chr.: Zeit der streitenden Reiche
Für die zuvor mit Steinsplittern durchgeführten manuellen Techniken werden Eisen-, Gold- und Silbernadeln genutzt; reichhaltige Kräuterheilkunde und Rezepturen sowie Beschwörungstechniken aus dem Schamananismus als Therapie
Aus der Volksmedizin und unter dem Einfluss verschiedener philosophischer Schulen entstehen diverse kleine Werke, wie 52 Rezepturen, 11 Leitbahnen (Meridiane) (ohne Pe-Meridian) sowie Kompilationen wie Huang Di Wai Jing (Äußerer Klassiker des Gelben Kaisers, verschollen) und Huang Di Nei Jing Yellow Emperors Inner Classic (Innerer Klassiker des Gelben Kaisers) mit den Teilen Su Wen Essential Questions (Einfache Fragen) und Ling Shu Spiritual Pivot (Spiritueller Pfeiler) stellt seither die theoretische Grundlage der chinesischen Medizin dar
221 v.Chr.–220 n.Chr.: Qin-Dynastie, erster Kaiser Qin Shi Huang und Han-Dynastie
Taoistische Unsterblichkeitsforschung mit Metallen und Pflanzen vom ersten Kaiser gefördert; Beginn der systematischen Rezepturkunde und der Syndrom-Differenzierung durch Zhang Zhong-Jing; vermutlich aufgrund indischen Einflusses kurze Periode chirurgischer Anwendungen durch den Akupunkturarzt Hua Tuo
  • Shen Nong Ben Cao: Divine Husband's Classic of the Materia Medica. Erste große Kompilation von 365Arzneimitteln, dem Göttlichen Landmann (Shen Nong) zugeschrieben

  • Shang Han Za Bing Lun von Zhang Zhong-Jing (12.1); später in Shang Han Lun (Discussion of Cold Damage) und Jin Gui Yao Lüe (Essentials from the Golden Cabinet) editiert; Inhalt: Kälte-schädigende Erkrankungen (Shang Han) und diverse innere Erkrankungen (Za Bing); Differenzierung nach den sechs Schichten und Pulsen (12.1)

  • Nan Jing The Classic of Difficulties (Klassiker der Schwierigkeiten) eine Erläuterung des Huang Di Nei Jing, die dem mythischen Arzt Bian Que zugeschrieben wird

  • Mai Jing The Classic of the Pulse von Wang Su He (tw. Jin-Dynastie, 300 n. Chr. datiert): Erster Pulsklassiker mit Differenzierung von 24Pulsen des Shang Han Za Bing Lun.

265–581: Jin-Dynastie und Nord-/West-Dynastie: Spezialisierung der Literatur in innere Medizin, Pädiatrie, Gynäkologie u.a.; aufgrund alchemistisch-taoistischer Forschung Entdeckung vieler neuer Arzneipflanzen und deren Katalogisierung
  • Zhen Jiu Jia Yi Jing The Systematik Classic of Acupuncture and Moxibustion von Huang Fu Mi; Inhalt: systematische Erfassung des Wissens über Akupunktur und Moxa, Terminologie und Definition der Akupunkturpunkte

  • Zhou Hou Bei Ji Fang Emergency Formulas to Keep up one's Sleeve, Rezeptursammlung und Beschreibung von Moxibustionsanwendungen in akuten Fällen von Ge Hong

  • Ben Cao Jing Ji Zhu (Ergänzung des Arzneiklassikers) und viele andere Werke über Arzneimittelanwendung mit Dosierung von Tao Hong-Jing

581–618: Sui-Dynastie
618–907: Tang-Dynastie
Taoismus wird Staatsreligion
Gründung des großen Medizinalamts mit staatlicher Ärzteausbildung
Edition des Huang Di Nei Jing durch den Taoisten Wang Bing, der es in die heutige, einzig erhaltene Form bringt
  • Qian Jin Yao FangImportant Formulas Worth a Thousand Gold Pieces (Tausend Dukaten Rezepturen) des Taoisten Sun Si-Miao; Inhalt: erstes großes Kompendium mit grafischer Darstellung der Leitbahnen (Meridiane), Hervorhebung der Ashi- und Extra-Punkte sowie erweiterte Arzneimitteldarstellung und Ratschläge zur gesunden Lebensweise und Ernährung

  • Wai Tai Mi Yao Secrets of a Frontier Offical (Wichtige Geheimnisse der äußeren Ebene) von Wang Tao, das zweite große TCM-Kompendium der Tang-Dynastie mit 6000 Rezepturen (ca. 700 n. Chr.)

960–1279: Song-Dynastie
Weitere staatliche Kontrolle und Verbeamtung der Medizin, mit Einführung der Bronzefiguren bei Ärzteprüfung und Erstellung amtlicher Rezeptursammlungen; Zunahme der Trennung zwischen Volks- und Hofmedizin und Wissensaustausch mit arabischer Medizin über die Seidenstraße
  • Tong Ren Shu Xue Zhen Jiu Tu Jing Klassiker über die Akupunktur/Moxa-Therapie der Bronzefigur von Wang Wei-Yi; Inhalt: präzise Beschreibung von Akupunkturpunkten und Meridianen

  • San Yin Ji Yi Bing Fang Lun Drei Gründe der Erkrankungen, in diesem Werk teilt Chen Wu die Ätiologie in äußere, innere und nicht äußere, nicht innere Krankheitsursachen auf und erläutert diese

  • Lin Yi editiert und trennt Shang Han Za Bing Lun in die heute einzig erhaltenen Werke Shang Han Lun und Jin Gui Yao Lüe

1115–1234: Jin-Dynastie (mongolisch)
1206–1368: Yuan-Dynastie (mongolisch)
Durch Kriege und Austausch mit arabischer und mongolisch-tibetischer Medizin Zunahme der Traumatologie und Knochenheilkunde; Entstehung berühmter chinesischer Medizin-Schulen: Liu Wan-Su (Schule der Kühlung), Zhang Cong-Zheng (Schule der Purgierung), Li Dong-Yuan (Schule der Erde-[Mitte-]Stärkung) und Zhu Dan-Xi (Schule der Yin-Nährung)
Kritik durch Zhu Dan-Xi u.a. am Usus des Einsatzes amtlicher Rezepturen ohne individuelle Differenzierung der Syndrome
  • Zi Wu Liu Zhu Zhen Fa Zeitakupunktur von He Rou und Dou Han Qin; Inhalt: Akupunktur unter Berücksichtigung der Tageszeit

  • Shi Si Jing Fa Hui Die 14Meridiane von Hua Shou; Inhalt: Einführung der Meridiane/Gefäße Du Mai und Ren Mai

  • Huang Di Su Wen Xuan Ming Lun Fang Formulas from the Discussion Illuminating the Yellow Emperor's Basic Questions sowie San Xiao Lun und andere Bücher von Liu Wan-Su kritisieren amtliche Rezepturen als zu heiß und empfehlen kühlende, bittere Arzneien

  • Ru Men Shi Qin von Zhang Cong-Zheng propagiert Einsatz von Purgativa, Emetika und Diaphoretika und Einsatz psychologischer Methoden, wenn emotionale Krankheitsursachen vorliegen

  • Pi Wei Lun Discussion of the Spleen and Stomach (Abhandlung über Milz und Magen) von Li Gao/ Alternativname: Li Dong-Yuan und andere Bücher von ihm propagieren die Stärkung der Mitte mit Tonika

  • Dan Xi Xin FaEssential Teachings of (Zhu) Dan-Xi (Dan-Xis beste Methoden) und andere Bücher von Zhu Dan-Xi repräsentieren therapeutisch eine Kombination der drei Schulen unter dem theoretischen Ansatz, dass das Yin genährt werden muss

1368–1644 n.Chr.: Ming-Dynastie
Zunehmende Spezialisierung auf Gebieten wie Traumatologie, Gynäkologie, Pädiatrie usw.; Veröffentlichung vieler wichtiger Bücher und vermehrte Aufzeichnung von Krankenakten.
Nach vielen Seuchen im 15./16.Jh. erste Theorie der febrilen Krankheiten durch Wu You-Ke
Durch ausgedehnte Reisen, Feldstudien und Literaturstudien gelingt der Ärztefamilie Li in zwei Generationen die Erstellung des Ben Cao Gang Mu (52Bde. 1892 Arzneien, 11096 Rezepturen); gedruckt 1596
  • Maßstäbe in Arzneimittelkunde und Diagnose setzen die Bücher von Li Shi-Zhen:

    • Ben Cao Gang Mu Comprehensive Outline of the Materia Medica, die größte systematische Sammlung landesweit verwendeter und lokaler Arzneien von Li Shi-Zhen/ Li Dong-Bi),

    • Qi Jing Ba Mai Kao (Die acht außerordentlichen Gefäße)

    • Bin Hu Mai Xue (Bin Hus Pulsstudien)

  • Zhen Jiu Da Cheng The Great Compendium of Acupuncture and Moxibustion (Großes Kompendium der Akupunktur und Moxibustion) von Yang Ji Zhou, Inhalt: großes Akupunktur-Moxibustion-Kompendium mit Techniken, Leitbahnen (Meridianen), Punkten und Fallakten

  • Lei Jing The Classic of Categories (Geordneter Klassiker) des Daoisten Zhang Jie-Bin, kommentiert und sortiert das Nei Jing sein Jing Yue Quan Shu (Jing-Yues Gesamtwerk) ist eine medizinische Enzyklopädie, nach Fakultät, Krankheit und Syndromen geordnet, wie auch

  • Zheng Jiu Ju Ying The Glorious Anthology of Acupuncture and Moxibustion von Gao Wu (1529 n. Chr.)

  • Zheng Zhi Zhun Shen (Therapeutische Enzyklopädie) von Wang Ken-Tang

1644–1900: Qing-Dynastie (mandschurisch)
Entstehung der Wen Bing-Schule (12.2), vertreten durch Ye Tian-Shi, Xue Sheng-Bai, Wu Ju-Tong und Wang Meng-Ying; Meng He-Schule (wichtige Vertreter Fei Bo-Xiong, Ding Gan-Ren, Qin Bo-Wei, Zhang Ci-Ggong, Chen Men-Xue etc.); Ziel der Meng-He-Tradition ist eine Synthese der verschiedenen Ansätze auf der Basis der klassischen Texte; der Behandlungsstil von Fei Bo-Xiong (1800-1879): He und Huan (Harmonisierung und Behutsamkeit)
1822 Dekret, die Kaiserfamilie werde nicht mehr mit Akupunktur behandelt, um die kaiserliche Haut nicht zu verletzen; danach wieder Akupunktur als Volksheilkunde
Versuch einer Integration der Schulmedizin in die CM durch die Huitong-Schule
  • Wen Bing Tiao Bian Systematic Differentiation of Warm Pathogen Diseases von Wu Ju-Tong fasst die Theorien seiner Vorgänger Ye Tian-Shi (Wen Bing Lun) und Xue Ju-Tong (Shi Re Tiao Bian) (12.2) systematisch zusammen

  • Yi Zong Jin Jian Golden Mirror of the Medical Tradition (Goldener Spiegel der Medizin) von Wu Qian; Inhalt: Kompendium mit Schwerpunkt auf der Kräuterheilkunde

  • Yi Lin Gai Cuo Corrections of Errors Among Physicians (Korrekturen der medizinischen Welt) von Wang Qing-Ren Inhalt: anatomische Studien und Erforschung der Blut-Stase bei Apoplex, Herz-, Gefäß- und Hautkrankheiten

  • Fu Qing-Zhu Nü Ke Fu Qing-Zhu's Women's Disorders bzw. Fu Shan Nü Ke wichtiges gynäkologisches Fachwerk von Fu Qing-Zhu

  • Yi Chun Sheng Yi The Refined in Medicine Rememberedund Yi Fang Lun Discussion of Medical Formulas von Fei Bo-Xiong

1900–1949: Gründung Republik China 1911
Ausrichtung der neuen Republik auf Wissenschaftlichkeit und westliche Methodik; versuchtes gesetzliches Verbot der CM, das aber die zuvor zerstrittenen Schulen vereint und nach großem Protest der traditionellen Ärzte fallen gelassen wird; dennoch Förderung ausschließlich der westlichen Medizin; in Republik China (Taiwan) sogar bis in die 1980er Jahre
1934: Einführung der Elektroakupunktur
  • Xue Zheng Lun (Blutungssyndrome) von Tang Zong-Hai beschäftigt sich hauptsächlich mit Blut- und Gefäßkrankheiten wie Gerinnungsstörungen, Blut-Stase, Erythemen etc.

  • Yi Xue Zhong Zhong Can Xi Lu von Zhang Xi-Chun enthält viele neue Ansätze, die Erkenntnisse aus der westlichen Medizin zu integrieren versuchen, wie z.B. die Kombination von Aspirin mit chin. Arzneimitteln; Zhang gehörte der Huitong-Schule an

  • Hou Sha Zheng Zhi Gai Yao (Über Tonsillitis) und Ding Gan-Ren Yi An (Ding Gan-Rens Fallakten) des HNO-Spezialisten Ding heben die Wichtigkeit klassischer Werke hervor und leiteten die erste Klassiker-Renaissance in der Ausbildung von CM-Ärzten ein (ist ein Vertreter der Meng-He-Schule)

1949–2000:
In der VR China nach 1949 erneute Förderung der CM durch Mao Ze-Dong; seit den 1950er Jahren universitäre Ausbildung, hierzu Umstrukturierung z.B. des Neijing in die Theoretischen Grundlagen der chinesischen Medizin u.a. durch Qin Bo-Wei; Systematisierung und wissenschaftliche Erforschung der CM mit modernen Methoden; Etablierung der drei parallelen Systeme, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Schulmedizin und Integrierte Chinesische Medizin (Zhong Xi Yi Jie He)
  • Qian Zhai Yi Xue Jiang Gao (Vorträge über die moderne Medizin) und andere Werke von Qin Bo-Wei enthalten systematische und logische Erklärungsversuche klassischer Theorien

  • Huang Di Nei Jing Ci Dian (Huang Di Nei Jing Wörterbuch) von Guo Ai-Chun enthält systematische Erklärungen des Nei Jing

  • Zhong Yi Yao Da Ci Dian (Großes Wörterbuch der Arzneimittel) Bd.I–III vom Jiang Su New Medical College

  • Zhong Hua Ben Cao (Chinesisches Arzneimittelbuch) vom Guo Jia Zhong Yi Yao Guan Li Ju sind die Standardwerke der Arzneimittelkunde mit Pharmakologie und Pharmakognosie

  • Zhong Guo Yi Xue Da Ci Dian von Xie Guan et al. ist das umfassendste und gründlichste CM-Nachschlagewerk in China

2001–heute:
Staatliche Förderung von Projekten wie der Evidence Based Chinese Medicine (EBCM), die zusätzliche Wissenschaftlichkeit garantieren soll
Zugleich Rückbesinnung nicht akademischer traditioneller Ärzte (Li Ke, Lu Cong-Han et al.) und vieler jüngerer Ärzte in China und Taiwan auf alte Werte, wie die Shang Han Lun-Schule durch Deng Tie-Tao, sowie die seit 2005 sehr populäre Fu Yang Pai (Yang stärkende Schule), die eine Wiederbelebung der Huo Shen Pai (Feuerschule) aus dem 18.bis frühen 20.Jh. darstellt
Stärkere Betonung der direkten persönlichen Ausbildung durch Lehrerärzte (z.B. Linie der Familie Lu); bislang beobachtende Duldung dieser neuen-alten Strömungen durch offizielle Gremien von Jahresversammlungen zur Fu Yang Pai in Beiing (2007), Gui Yang (2008) und Shanghai (2009)
  • EBCM-Forschung durch Zhang Bo-Li (2008), Wang Yong-Yan et al.

  • Eine Renaissance auslösende Bücher sind z.B. Si Kao Zhong Yi (Überlegungen zur chinesischen Medizin) von Liu Li-Hong (2003), Zhong Yi Huo Shen Pai Tan Tao (Abhandlungen zur Feuerschule der chinesischen Medizin, 2006), Zhong Yi Huo Shen Pai Yi An Quan Jie (Erklärung von Fallbeispielen der Feuerschule in der chinesischen Medizin, 2009) und Fu Yang Jiang Ji (Sammlung von Vorträgen über die Wiederherstellung des Yang von Lu Cong-Han, 2006)

  • Wichtige Kommentare und Förderung der Shang Han Lun-Schule im Shang Han Zhu Ze (Kommentare und Erläuterungen zum Shang Han Lun des alten kantonesischen Arztes Deng Tie-Tao)

  • Nachdruck der vergriffenen Werke der Autoren der Feuerschule Huo Shen Pai. Quan Shu (Gesammelte Werke) von Zheng Qing-An, (Wu Pei Heng Yi An, Fälle und Arzneien des Wu Pei-Heng), von Wu Pei Heng (Ke Sou Liu Jing Bian Zheng, Hustenerkrankungen durch die sechs Schichten differenziert) von Tang Bu-Qi, (Quan Shu, Gesammelte Werke) von Zhu Wei-Ju, (Yi An, Gesammelte Fallstudien) von Fan Zhong Lin

Studium in China und Taiwan

Gunter Neeb
Jeden Ausbildungswilligen im Westen in Akupunktur und chinesischer Medizin zieht es früher oder später nach China, um die chinesische Medizin in ihrem Ursprungsland zu erleben. Informationen zu Hochschulen und Universitäten in China und Taiwan (1.3.1) sowie Allgemeine Tipps für Chinareisende und Studierende (1.3.2) und Entscheidungskriterien für VR China oder Taiwan (1.3.3) sind online (PlusimWeb, vorderer Buchumschlag) veröffentlicht. Sie sind v.a. zahlreichen Kontakten mit den zuständigen Abteilungen der Gesundheitsministerien in der VR China und Taiwan zu verdanken, oder sie stammen aus chinesischen Zeitungen sowie Einzelberichten von ausländischen Studenten und Kursteilnehmern. Mit eingeflossen in diese Zusammenfassung sind auch subjektive Einschätzungen des Autors, der über zehn Jahre in Taiwan und der VR China studiert und als Arzt gearbeitet hat und regelmäßig Studienreisen in die VR China durchführt.

Hochschulen und Universitäten in China und Taiwan

(Plus im Web, vorderer Buchumschlag)

Allgemeine Tipps für Chinareisende und Studierende

(Plus im Web, vorderer Buchumschlag)

Entscheidungskriterien für VR China oder Taiwan

(Plus im Web, vorderer Buchumschlag)

Wissenschaftliche Grundlagen der Akupunktur

Marcus Bäcker
Die Traditionelle chinesische Medizin (TCM) ist zum einen das Ergebnis über Jahrhunderte gesammelter empirischer Erfahrung. Zum anderen beinhaltet die Theorie der TCM sekundäre Ableitungen und Systematisierungen, die nur in Teilen empiriegestützt sind (Ots 1999). Mit dem Einzug der TCM in den westlichen Kulturkreis wird die Akupunktur, als populärste Säule der TCM im Westen, zunehmend einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen. Die Validität basaler Grundannahmen der Akupunkturtherapie wie beispielsweise die spezifische Wirkung von Akupunkturpunkten steht daher zur Diskussion. Obgleich vieles noch unklar erscheint, hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Nadeltherapie in den letzten drei Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. So stehen Daten insbesondere für das Verständnis der Wirkungsweise von Akupunktur in der Schmerztherapie zur Verfügung. Fokus dieses Kapitels ist eine narrative, praxisrelevante Darstellung wesentlicher Daten aus der Grundlagenforschung zur schmerzlindernden Wirkung der Akupunktur. Eine weitergehende Darstellung zu diesem Thema findet sich bei Bäcker et al. 2004 und 2006 (Bäcker et al. 2004a, Bäcker/Hammes 2004, Bäcker/Dobos 2006). Mögliche physiologische Wirkmechanismen werden gegliedert in lokale, segmentale und systemische Effekte dargestellt. Diese Gliederung entspricht der grundlegendsten therapeutischen Strategie in der Akupunktur, nämlich der Kombination von Lokalpunkten und Fernpunkten. Anschließend werden potentielle psychologische Wirkaspekte der Akupunktur kritisch reflektiert. Abschließend wird eine Hypothese zur Entstehung von Langzeiteffekten vorgestellt. Hierbei wird Akupunktur als nociceptive Reiztherapie aufgefasst, die aufgrund der Wiederholung der Nadelreize über eine Induktion von Adaptationsprozessen zu einer Aktivierung körpereigener schmerzhemmender Mechanismen führt.

Neurobiologische Wirkungen

Lokale Wirkungen
Erhöhung der Gewebedurchblutung
Während der Nadelung wird häufig die Bildung eines roten Hofs um die Einstichstelle beobachtet. Diese Rötung ist vermutlich bedingt durch die über einen Axonreflex vermittelte Ausschüttung von vasoaktiven Neuropeptiden wie Calcitonin gene related peptide (CGRP) und SubstanzP (SP) (Kashiba/Ueda 1991, Lundberg et al. 1992). Diese werden bei Stimulation von A-delta und/oder C-Fasern ausgeschüttet und führen zu einer erhöhten Durchblutung in der Umgebung der Nadel sowie möglicherweise auch in tiefer gelegenem Gewebe. Der Effekt hält auch nach Entfernung der Akupunkturnadel noch für einige Zeit an.
Eine klinische signifikante Erhöhung der Gewebeperfusion konnte u.a. bei Wundheilungsstörungen in der Rekonstruktionschirurgie (Jansen et al. 1989) und bei der Behandlung von Xerostomie (Blom/Davidson/Angmar-Mansson 1992, Blom et al. 1993) gezeigt werden. Auch bei Regulationsstörungen der peripheren Durchblutung wie dem Morbus Raynaud zeigt Akupunktur (bzw. transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS, 5.1.3) eine positive Wirkung (Kaada 1982). Als weiterer Mechanismus für die regionale Modulation der Durchblutung kommt neben den o.g. Gewebemediatoren die segmentreflektorische Antwort des vegetativen Nervensystems (siehe auch Segmentreflektorische Effekte: somatoviszeraler Reflexbogen) in Betracht (Sato 1995, Sato/Schmidt 1973). Für eine ausführliche Darstellung segmentaler Effekte siehe Wancura Segment-Anatomie Elsevier 2009.
Antiinflammatorische Effekte
Durch die mit der Nadlung verbundene Mikrotraumatisierung des Gewebes werden Gewebehormone (CGRP etc.) ausgeschüttet, die neben proinflammatorischen Wirkungen auch gegengerichtete antiinflammatorische Effekte entfalten können (Raud et al. 1991). Es ist somit denkbar, dass durch den feinen Nadelreiz der Akupunktur ein entzündungshemmender Nettoeffekt induziert werden kann (Carlsson 2002, Zijlstra et al. 2003). Eine wichtige Rolle könnte hierbei auch die periphere Ausschüttung von Endorphinen (Stein/Yassouridis 1997) spielen. Diese werden auf nociceptiven Input hin in den Somata der nociceptiven Nervenzellen produziert und zusammen mit Opioidrezeptoren über den axoplasmatischen Fluss zum Ort einer Verletzung (bzw. Entzündung) transportiert. Dort kumulieren sie nach Tagen und üben einen entzündungshemmenden und analgetischen Effekt aus (Besson 1999). Hypothetisch ist eine feine Verletzung, wie sie durch die Akupunktur ausgelöst wird, ein adäquater Reiz zur Initiierung dieses opioidergen Mechanismus (Carlsson 2002, Carlsson 2000). Entsprechende Studien hierzu existieren bisher jedoch nicht. Bei den im Gewebe stattfinden Prozessen spielt die mechanische Reizung des Bindegewebes eine wichtige Rolle (Langevin et al. 2006). Hier scheint die durch die manuelle Stimulation verursachte Verhakung der Nadel im Bindegewebe von Bedeutung zu sein. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass es dabei zu einer Reorganisation des Gewebes mit der Förderung von Reparaturprozessen kommen könnte.
Auflösung muskulärer Triggerpunkte
Eine Domäne der Akupunktur liegt in der Therapie myofaszialer Schmerzen (5.1.4). Charakteristisch für myofasziale Schmerzen ist das Vorkommen umschriebener, schmerzhafter Punkte (Triggerpunkte) in einem verhärteten Muskelstrang (taut band). Zahlreiche Akupunkturpunkte sind Prädilektionsstellen für myofasziale Triggerpunkte Ferner werden lokale Triggerpunkte häufig als Ashi-Punkte (5.8.1) in das Therapiekonzept integriert. Analog zur therapeutischen Lokalanästhesie erfolgt eine direkte Nadelung der Triggerpunkte (dry needling). Für einen detonisierenden Effekt ist das Auslösen einer Muskelzuckungsreaktion (twitch response) relevant, welche durch eine Stimulation der motorischen Endplatten ausgelöst wird (Hong 1994).
Segmentale Wirkungen
Hemmung von Schmerzimpulsen im Rückenmark
Die Ausprägung der Wirkung eines Akupunkturreizes auf das Rückenmark hängt von der Intensität des Akupunkturreizes ab (leicht schmerzhafte versus nicht schmerzhafte Stimulation). Reize mit einer leicht schmerzhaften Intensität führen zur Aktivierung von A-delta-Fasern (Sandkuhler 2001). Die Aktivierung dieser Fasergruppe ist zumindest im Akutschmerzmodell im Tierexperiment wesentlich für einen analgetischen Effekt der Akupunktur (Andersson/Lundeberg 1995). A-delta-Afferenzen können zu einer Langzeithemmung der synaptischen Übertragung nociceptiver Impulse an den Hinterhornneuronen führen (Liu et al 1998, Chen/Sandkuhler 2000). Die Dauer der Schmerzhemmung geht dabei deutlich über die Phase der afferenten Stimulation hinaus (long term depression) (Sandkuhler 1996, Sandkuhler et al. 1997). Als Erklärung für dieses Phänomen werden plastische Veränderungen im Bereich des Hinterhorns mit einer Verminderung der Übertragungsstärke synaptischer Verbindungen angenommen (Ikeda et al. 1999). Dies ist v.a. bei der Therapie von chronischen Schmerzen von Bedeutung, da sich hier aufgrund einer anhaltenden Sensibilisierung des nociceptiven Systems plastische Veränderungen (Schmerzgedächtnis) mit einer Erhöhung der synaptischen Übertragungsstärke gebildet haben (Doubell et al. 1999, Tölle/Conrad 2001). Verschiedene experimentelle Daten deuten darauf hin, dass diese Veränderungen durch eine stimulationsbedingte Aktivierung von A-delta-Fasern zumindest teilweise rückgängig gemacht werden können (Sandkuhler 2001).
Die Bedeutung der A-delta-Fasern für die Akupunkturanalgesie ist allerdings nicht unumstritten. Nach aktuellem Wissen vermitteln A-delta-Fasern Schmerzen mit hellem und klar lokalisierbarem Charakter. Dies entspricht nicht dem typischerweise bei der Akupunktur evozierten Nadelgefühl.
Auch von einem als nicht schmerzhaft empfundenen Akupunkturreiz kann eine hemmende Wirkung an den nociceptiven Neuronen im Rückenmark ausgehen (Toda/Ichioka 1978, Lu 1983). Diese ist jedoch von deutlich kürzerer Dauer als bei leicht schmerzhafter Stimulation. Die Hemmung von Schmerzen durch nicht schmerzhafte somatosensorische Reize ist ein Phänomen, welches jedem vertraut ist: Durch das rasche Reiben über eine schmerzende Hautstelle kann ein Schmerz an dieser Stelle überdeckt werden. Dies lässt sich mit der in der gate control-Theorie vorgeschlagenen segmentalen Hemmung nociceptiver Inputs durch niederschwellige A-beta-Afferenzen erklären (Melzack/Wall 1965, Steedman/Molony/Iggo 1985). Es ist anzumerken, dass das ursprüngliche Modell der gate control-Theorie in verschiedenen Untersuchungen nicht bestätigt werden konnte. Die Theorie ist von Melzack kürzlich zur Neuromatrix Theorie (Melzack 1999) weiterentwickelt worden. Aufgrund seiner guten Erklärungskraft wird hier jedoch auf das ursprüngliche Modell zurückgegriffen. Im Unterschied zur leicht schmerzhaften Aktivierung von A-beta-Fasern ist die Dauer der schmerzhemmenden Wirkung vermutlich deutlich kürzer als bei der Stimulation von A-delta-Fasern.
Es ist zu beachten, dass zusätzlich zur afferenten Hemmung auch eine supraspinale, deszendierende Hemmung an den nociceptiven Neuronen im Hinterhorn wirksam wird (Abb. 1.1) und die einzelnen Mechanismen vermutlich interagieren (siehe hierzu auch Aktivierung der supraspinalen, deszendierenden Hemmung).
Während die beiden vorherigen Mechanismen der afferenten Hemmung segmental begrenzt sind, existiert ein dritter Mechanismus, welcher zu einer heterosegmentalen Hemmung nociceptiver Afferenzen führt. Diese Hemmung wird vermittelt von propriospinalen antinocicpetiven Neuronen im Rückenmark, die ebenfalls durch nociceptive Reize aktiviert werden können (Sandkuhler 1996). Es ist anzunehmen, dass diese Neurone zudem einen Teil der supraspinalen deszendierenden Hemmung vermitteln (siehe auch Aktivierung der supraspinalen, deszendierenden Hemmung).
Somatoviszeraler Reflexbogen
Im Rückenmark konvergieren die Afferenzen aus Haut und inneren Organen auf dieselben nociceptiven Neuronenpopulationen (Janig/Habler 2002). Dies führt zum Phänomen des übertragenen Schmerzes. Hier findet zum einen eine Fehllokalisation viszeraler nociceptiver Inputs auf die Körperoberfläche statt. Zum anderen beobachtet man auf der Basis viszerokutaner und viszeromotorischer Reflexe im Bereich der Projektionszonen (Headsche Zonen Abb. 1.2) Veränderungen der Durchblutung sowie des Tonus von Bindegewebe und Muskeln (Zimmermann 2004, Wancura, Segment-Anatomie 2009 Elsevier).
Ebenso wie ein Schmerzreiz aus dem Viszerum die vegetativen Efferenzen zur Haut beeinflusst, können Schmerzreize auf der Körperoberfläche vegetative Efferenzen zu den inneren Organen beeinflussen (Sato 1995). Dies ist eine wichtige Grundlage für die Behandlung von Funktionsstörungen innerer Organe durch die Akupunktur. Es ist anzunehmen, dass über die Reizung der Haut kutiviszerale Reflexe ausgelöst werden, die zu einer Veränderung der vegetativen Regulation im Viszerum führen können. Dies konnte z.B. bei der Behandlung von infertilen Frauen gezeigt werden. Hier ließ sich im Rahmen einer Akupunkturtherapie eine verbesserte Durchblutung des Uterus nachweisen (Stener-Victorin et al. 1996). Wahrscheinlich spielt hierbei zusätzlich eine systemische Veränderung der vegetativen Regulation eine Rolle (siehe weiter unten).
Die in der TCM beschriebenen paravertebral angeordneten Shu-Punkte sowie die im Bereich des ventralen Rumpfes liegenden Mu-Punkte (5.10.3) befinden sich teilweise in den entsprechenden Headschen Zonen der korrespondierenden Organe (Gleditsch 1996, Wancura 2009).
Systemische Wirkungen
Neben den lokalen und segmentalen Wirkungen der Akupunktur lassen sich nicht regionale, systemische Wirkungen aufzeigen. Hiermit sind Effekte gemeint, die nicht an einem Ort des Organismus, sondern im gesamten Organismus oder zumindest in einem Organsystem stattfinden.
Aktivierung der supraspinalen, deszendierenden Hemmung
Als maßgebliche Säule der Akupunkturanalgesie wird von einigen Autoren die Aktivierung der deszendierenden Hemmung angeführt (Cao 2002, Takeshige et al. 1992). Gemeint sind hiermit verschiedene, vermutlich teilweise noch unbekannte, von Hirnstammkernen (u.a. Periaquäductales Grau, Locus coeruleus) auf die nociceptiven Hinterhornneurone projizierende (deszendierende) Efferenzen (Fields/Basbaum 1999). Diese haben auf spinaler Ebene eine hemmende Wirkung auf die Verarbeitung nociceptiver Afferenzen und bilden damit eine zentrale Instanz der körpereigenen Schmerzabwehr. Die Aktivierung der deszendierenden Hemmung erfolgt v.a. unter psychischem oder physischem Stress und durch Schmerzreize. Vermutlich sind auch die im Rahmen der Akupunktur ausgeübten Reize hinreichend für die Aktivierung der deszendierenden Hemmung (Pomeranz 1996).
Stressanalgesie
Eine Facette der deszendierenden Hemmung ist die sogenannte stressinduzierte Analgesie. Diese wird u.a. über Endorphine (körpereigene Opiate, siehe unten) vermittelt. Der evolutionäre Nutzen dieses Mechanismus besteht in der Unterdrückung von Schmerzen in lebensbedrohlichen Situationen (Fanselow 1999). Bei Verwendung von hohen Reizstärken sorgt die Stressanalgesie auch in der Akupunkturtherapie für kurzfristige analgetische Wirkungen. Dies könnte beispielsweise bei starker Fernpunktstimulation (5.8.1) zur Behandlung von akuten Gelenkblockaden (z.B. des Iliosakralgelenks) relevant sein. Bei initialer Fernpunktstimulation und folgender Aufforderung des Patienten, sich zu bewegen, könnte über eine kurzfristige Ausschüttung von Endorphinen eine Schmerzlinderung erreicht werden, die den Circulus vitiosus aus Schmerz, muskulärer Verspannung und segmentreflektorischer Blockade unterbrechen könnte. Es wäre denkbar, dass der Patient sich dann dadurch selbst mobilisieren kann. Entsprechende Untersuchungen hierzu liegen bisher nicht vor.
Die durch die Stress-Analgesie induzierte Aktivierung des endophinergen Systems hält allerdings nur kurze Zeit (wenige Minuten) an, sodass Langzeiteffekte der Akupunktur hiermit nicht erklärt werden können. Denkbar ist allerdings eine längerfristige Verstärkung der deszendierenden Hemmung im Rahmen von adaptiven Prozessen (siehe weiter unten).
Diffuse noxious inhibitory control (DNIC)
Die DNIC ist ein System, welches nach dem Prinzip Schmerz hemmt Schmerz fungiert. Schmerz an einem Teil des Körpers hemmt die Empfindung von Schmerzen an allen anderen Teilen des Körpers (Le Bars 2002). Dies hat den funktionellen Sinn einer Kontrastverstärkung. Je stärker ein Schmerzreiz ist, desto ausgeprägter ist die DNIC (Villanueva/Le Bars 1995). Akupunkturreize sind potentiell schmerzhaft und aktivieren somit auch die DNIC. Analog zur Stressanalgesie ist die Relevanz der DNIC für die Langzeiteffekte der Akupunktur allerdings umstritten, da die Wirkungsdauer nach Eintreffen des Schmerzreizes vermutlich begrenzt ist.
Endorphine
Auf eine Rolle der Endorphine wurde aus Grundlagenexperimenten geschlossen, in denen eine erhöhte Konzentration von Endorphinen im Blut und im Nervensystem von Individuen gefunden wurde, die zuvor mit Nadelreizen stimuliert worden waren. Ein Großteil dieser Studien wurde in Peking in der Forschergruppe um Prof. Han durchgeführt (Han/Xie 1984, Han/Terenius 1982). Die Aktivierung des endophinergen Systems durch Akupunktur war eine der ersten Hypothesen zur Erklärung der analgetischen Wirkungen der Akupunktur. Sie wird von den meisten Autoren auch heute noch als wichtigster Mechanismus der schmerzlindernden Wirkungen der Akupunktur angeführt (Pomeranz 2000). Für viele experimentelle Studien ist dies sicher zutreffend. Die Ergebnisse vieler experimenteller Studien sind jedoch nicht zwanglos übertragbar auf die therapeutisch angewandte Akupunktur. Wesentlich ist, dass sich die Art und Stärke der Akupunkturstimulation in den meisten Untersuchungen deutlich von einer therapeutischen Nadelung unterscheidet. Im Gegensatz zur Akupunkturtherapie wurden nämlich zumeist extrem hohe Reizintensitäten über einen längeren Zeitraum gewählt. Die mit der Ausschüttung von Endorphinen einhergehenden analgetischen Effekte erklären sich in diesem Kontext am ehesten durch den Mechanismus der Stressanalgesie. Möglicherweise findet jedoch durch die im therapeutischen Kontext mit niedrigerer Reizstärke verwendete Akupunktur eine Stimulation des endophinergen Systems statt, die nicht auf den Mechanismus der Stressanalgesie zurückzuführen ist. Hierfür spricht u.a. die Beobachtung, dass im Tierversuch eine Aktivierung des endophinergen Systems auch bei anästhesierten Tieren beobachtet werden kann (Pomeranz/Cheng 1979). Eine ausführliche Diskussion hierzu findet sich bei Pomeranz (Pomeranz 2000). Aus Sicht der Autoren ist darüber hinaus denkbar, dass durch wiederholte Akupunktursitzungen das endophinerge System längerfristig beeinflusst wird. Es wäre denkbar, dass es im Rahmen von adaptiven Mechanismen zu einer schrittweisen Veränderung der Rezeptorexprimierung oder Modulation der Endorphinausschüttung kommen könnte (1.4.3). Verschiedene Daten deuten auf eine Dysregulation des endophinergen Systems bei chronischen Schmerzen hin. Verminderte Endorphinspiegel in Blut und Liquor konnten bei Patienten mit chronischen Lumboischialgien (Puig et al. 1982), Fibromyalgie (Parker et al. 2001) sowie chronischen Spannungskopfschmerz (Nappi et al. 1985) nachgewiesen werden. Wissenschaftliche Daten zu Langzeiteffekten von Akupunktur auf das endophinerge System liegen bisher im westlichen Sprachraum noch nicht vor.
Zerebrale Mechanismen
Zur Untersuchung zerebraler Mechanismen der schmerzlindernden Wirkungen der Akupunktur sind in den letzten Jahren Studien mittels funktionell bildgebender Verfahren wie funktioneller Kernspintomographie (fMRI) und Positronen Emissionstomographie (PET) durchgeführt worden. Entsprechend des Pilot-Charakters der Studien sind die beobachteten Effekte im Kortex recht heterogen. Es ergeben sich Hinweise v.a. für eine Modulation der Aktivierung limbischer Strukturen, welche die affektive Dimension von Schmerzen verarbeiten (Hui et al. 2000, Hui et al. 2005, Hsieh et al. 2001). Dies könnte die Beobachtung erklären, dass es bei hoch chronifizierten Schmerzpatienten unter einer Akupunkturtherapie zu einer präferentiellen Beeinflussung des affektiven Schmerzerlebens kommt (Hammes et al. 2002). Ferner konnte bei Nadelung der Punkte Di4 und Ma36 eine Aktivierung im Bereich des Hypothalamus und des periaquäductalen Graus (PAG) nachgewiesen werden (Hsieh et al. 2001). Möglicherweise reflektieren diese Daten die oben beschriebene Aktivierung der deszendierenden Hemmung. Übereinstimmung findet sich hinsichtlich der Beobachtung, dass es durch Akupunktur zu einer Modulation der Aktivierung zahlreicher zerebraler Strukturen kommt, die normalerweise in die Verarbeitung von Schmerzen involviert sind (Insula, cerebellum, sensomotorischer Cortex, Gyrus cinguli) (Gareus et al. 2002, Biella et al. 2001). Dies ist als Effekt einer somatosensorischen Stimulation, wie Akupunktur sie darstellt, nicht anders zu erwarten, und reflektiert möglicherweise schlicht die Tatsache, dass Akupunkturreize zumindest in den meisten therapeutischen Ausprägungsformen als schmerzhaft empfunden werden. Möglicherweise weisen die Daten aber auch auf ein für die Vermittlung von Akupunktureffekten relevantes zerebrales Netzwerk hin. Aktuelle fMRI Daten deuten darauf hin, dass Akupunktur zu einer Rückbildung von dysfunktionalen plastischen Veränderungen des Cortex führen könnte, die im Rahmen der Chronifizierung von Schmerzen auftreten (Napadow et al. 2007). Zur Klärung der Relevanz der beobachteten Aktivierungsmuster und zur Entwicklung eines greifbaren Modells der zerebralen Realisierung von Akupunktureffekten werden noch einige Untersuchungen auf diesem Gebiet nötig sein.
Zusätzlich zu einer neuronalen Modulation scheint Akupunktur zudem einen Effekt auf die zerebrovaskuläre Erregbarkeit zu besitzen. Dies spielt eine besondere Rolle bei der Migräne, bei der als pathophysiologischer Faktor eine Dysregulation der zerebrovaskulären Kopplung angenommen wird (May/Goadsby 1999, Bäcker et al. 2001). In einer eigenen Pilotstudie konnte mithilfe der transkraniellen Doppplersonographie im Verlaufe einer prophylaktischen Behandlung mit Akupunktur bei den Therapie-Respondern ein positiver Effekt auf die zerebrovaskuläre Erregbarkeit (Bäcker et al. 2004b) des Gehirns beobachtet werden. Bei den Non-Respondern hingegen zeigte sich eine Verstärkung des alterierten zerebrovaskulären Reaktionsmusters.
Vegetative Wirkungen
Die vegetative Reaktion auf den Nadelreiz hängt wesentlich von der Stärke der Nadelstimulation ab (Bäcker et al. 2002). So führt eine intensive Nadelstimulation zu einer stärkeren vegetativen und kardiovaskulären Reaktion als eine schwache Stimulation (Stimulationsmethoden 5.1.1). Zudem ist anzunehmen, dass die vegetative Wirkung der Akupunktur auch vom funktionellen Zustand des stimulierten Individuums abhängig ist. So fanden Ballegaard und Mitarbeiter durch Akupunktur eine Erhöhung der Herzfrequenz (HF) bei gesunden Probanden, die im Ruhezustand eine eher niedrige HF hatten, und eine Verminderung der HF bei Probanden mit im Ruhezustand eher hoher HF (Ballegaard et al. 1993). Aus psychophysiolgischer Sicht stellt der Nadelreiz aufgrund seines in der Regel schmerzhaften Charakters zunächst einen Stressor für den Patienten dar. Die während der Nadlung resultierenden vegetativen Effekte, welche durch eine initiale sympathikotone Reaktion während der Akupunktur und Sympathikolyse nach der Nadelung gekennzeichnet sind (Ernst/Lee 1986, Andersson/Lundeberg 1995, Bäcker et al. 2002), spiegeln daher tendenziell den Ablauf einer Stressreaktionen des Organismus wider. Die sog. poststimulative Sympatikolyse (Andersson/Lundeberg 1995) könnte eine Erklärung für die von den Patienten häufig berichtete entspannende Wirkung direkt nach der Akupunktur darstellen. Die Reaktion des Organismus auf Akupunkturreize scheint sich allerdings im Verlauf wiederholter Sitzungen zu verändern. So fanden Dyrehag und Mitarbeiter in einer longitudinalen Studie während der ersten Behandlung mit Akupunktur eine deutliche sympathikotone Reaktion, während nach zehn Sitzungen ein sympathikolytischer Effekt dominierte (Dyrehag et al. 1997). In einer eigenen Studie konnte ebenfalls eine längerfristige sympatikolytische Wirkung der Akupunktur beobachtet werden. So fand sich bei Patienten mit Migräne eine Reduktion des Sympatikotonus nach einer Serie von 12Akupunktursitzungen im Vergleich zur Situation vor Therapie. Diese Wirkung war beschränkt auf die Patienten, die von der Therapie profitiert hatten (Bäcker et al. 2008). Möglicherweise spielen für die langfristige Veränderung des vegetativen Tonus adaptive Veränderungen eine Rolle. Diese werden in Kapitel 1.4.3 genauer beschrieben.
Endokrine Wirkungen/Neurotransmitter
Die Schnittstelle zwischen Nervensystem und endokrinem System bildet der Hypothalamus. Verschiedene Forschergruppen haben eine Wirkung der Akupunktur auf den Hypothalamus mittels funktioneller Bildgebung demonstrieren können (Hsieh et al. 2001; Napadow et al. 2007). Über die Modulation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse kommt es durch die Akupunktur vermutlich zu einer Reihe von humoral-endokrinen Veränderungen. Hervorzuheben ist hierbei eine Modulation der Ausschüttung von Endorphinen, Oxytocin und Serotonin.
Oxytocin
Lange bekannt sind die geburtseinleitende Wirkung von Oxytocin und die Rolle des Hormons für den Milchejektionsreflex, welcher durch das Saugen des Neugeborenen an den Mamillen einer Mutter ausgelöst wird. Neuere Studien deuten darauf hin, dass Oxytocin zudem als Antwort auf nicht schmerzhafte somatosensorische Reize (Wärme, Vibration) ausgeschüttet wird (Uvnas-Moberg et al. 1993). Uvnas-Moberg und Mitarbeiter fanden eine erhöhte Konzentration von Oxytocin im Plasma und Liquor von Versuchstieren nach einer 30-minütigen niedrigfrequenten Elektroakupunktur. Die durch die Elektroakupunktur erhöhte Schmerzschwelle konnte durch die Gabe eines Oxytocin-Antagonisten aufgehoben werden (Uvnas-Moberg et al. 1993). Neben der analgetischen Wirkung wird dem Hormon auch ein psychisch ausgleichender und stressreduzierender Effekt zugeschrieben.
Die Studienlage zur Bedeutung von Oxytocin für die Akupunkturwirkung ist bisher noch unbefriedigend. Die oben geschilderten Daten erscheinen jedoch viel versprechend. V.a. für eine Akupunkturtherapie mit schwachen (nicht schmerzhaften) Nadelreizen könnte ein Oxytocin-vermittelter Mechanismus mit einer schmerzlindernden und psychisch ausgleichenden Wirkung von Bedeutung sein.
Serotonin
Verschiedene Daten deuten darauf hin, dass Serotonin einen Beitrag zur schmerzmodulierenden Wirkung der Akupunktur leistet. So führt eine Blockade der Serotoninsynthese oder spezifischer Rezeptoren sowie die Destruktion von Anteilen des serotoninergen Systems zu einer Verminderung des analgetischen Effektes (Cheng/Pomeranz 1981, Rieder/Vollmer 1978). Die Aufsättigung von Versuchstieren mit Serotonin oder die Verabreichung von Substanzen, die den Abbau von Serotonin hemmen, führen zu einer Erhöhung der analgetischen bzw. hypalgetischen Effekte der Akupunktur (Han/Terenius 1982). Im Harn akupunktierter Versuchspersonen lässt sich als Hinweis auf einen erhöhten Umsatz von Serotonin eine erhöhte Ausscheidung von 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIES) nachweisen (Rieder/Vollmer 1978). Ferner lassen sich in Gewebeextrakten des Hirnstamms sowie in Blut und Liquor von zuvor stimulierten Tieren eine erhöhte Konzentration von Serotonin, 5-HIES und seinem Vorläufer Tryptophan nachweisen (Wenhe/Yucun 1981, Jellinger 2000). Die Effekte entfalten sich dabei nicht nur auf zerebraler, sondern auch auf spinaler Ebene (Tsai et al. 1989).
Bei der Migräne führt u.a. eine Fehlregulation des serotoninergen Systems zu den während der Kopfschmerzattacke auftretenden Veränderungen. Diese können effektiv durch selektive Serotoninantagonisten (Triptane) behandelt werden. Möglicherweise spielt eine Modulation des serotoninergen Systems bei der Akuttherapie der Migräneattacke durch Akupunktur eine Rolle. Man könnte spekulieren, dass es im Rahmen einer Intervalltherapie der Migräne zu einer Down-Regulation von Serotonin-Rezeptoren kommen könnte. Entsprechende Daten hierzu liegen allerdings bisher nicht vor.

Psychische Aspekte

Akupunktur – ein Superplacebo?
Die Ergebnisse randomisiert kontrollierter Studien wie z.B. die Acupuncture randomised trials (ART) und German Acupunture Trials (GERAC), bei denen sich eine vergleichbare Wirksamkeit von Akupunktur und einer Minimalakupunktur (oberflächliche Nadlung von Nicht-Akupunkturpunkten) in der Behandlung von chronischen unspezifischen Lumbalgien, Migräne und Spannungskopfschmerz gezeigt hat, wurden in der Laienpresse aber auch von einigen Wissenschaftlern als Beleg dafür betrachtet, dass die Wirkung der Akupunktur im Wesentlichen über einen ausgeprägten Placeboeffekt vermittelt wird.
Der Placebobegriff stammt aus der Pharmaforschung, bei der im Rahmen von Doppelblindversuchen die Wirksamkeit einer Testsubstanz gegen eine physiologisch inerte Substanz getestet wird, die dann als Placebo bezeichnet wird. Auf diese Weise sollen die spezifischen pharmakologischen Effekte der Testsubstanz von den nicht spezifischen Effekten der therapeutischen Situation (Placeboeffekt) differenziert werden. Unter diese nicht spezifischen Effekte fallen Phänomene, die in verschiedenen Therapieformen in vergleichbarer Weise erreicht werden können. Hierbei spielen Faktoren wie u.a. Zuwendung und Empathie des Arztes eine Rolle. Auch die Heilungserwartung des Patienten ist von Bedeutung. Die Akzeptanz der Akupunktur in der Bevölkerung ist sehr hoch. Nach einer repräsentativen Umfrage des Allensbach Institutes votieren 61% der Deutschen für eine integrative Therapie mit Verfahren der TCM (Deutsches Ärzteblatt 2005). Dies begünstigt sicher positive Therapieergebnisse.
Die Übertragung des in der Pharmaforschung mitunter sinnvollen Placebobegriffs auf die Akupunktur ist allerdings problematisch. Dies liegt zum einen daran, dass kein physiologisch inertes Akupunktur-Placebo existiert (Vincent/Lewith 1995). Zum anderen stellt die Akupunktur ein komplexes Therapieverfahren dar, bei dem vergleichbar mit psychotherapeutischen Interventionen, Prozesse resultieren, die untrennbar mit den unspezifischen Effekten der Therapie verwoben sind. Dadurch ergeben sich wie Paterson und Dieppe (Paterson/Dieppe 2005) treffend formulieren, im Rahmen der Akupunkturtherapie Effekte, die bei der Testung eines Pharmakons als nicht spezifisch (Placeboeffekt) betrachtet werden, im Rahmen einer Akupunkturbehandlung jedoch einen spezifischen Charakter besitzen. Hierzu zählt u.a. die der Nadlung vorausgehende Syndromdiagnostik (siehe unten) sowie die intensive Arzt-Patienten Interaktion während der Provokation des Nadelgefühls. Eine sehr anschauliche Stelle hierzu findet sich im Huangdi Neijing Suwen:

Das Drehen der Nadel muss auf gleichmäßige, regelmäßige Art erfolgen, ruhig und aufmerksam den Patienten beobachtend, um auch die feinsten Regungen wahrzunehmen sobald das Qi ankommt; Solche Veränderungen sind derart subtil, dass sie kaum wahrnehmbar sind. Wenn das Qi ankommt ist es wie eine (vorbeihuschende) Gruppe von Vögeln oder wie der Wind, (der) über (ein) Korn(feld streicht) – nur zu leicht, kann man den flüchtigen Moment verpassen.

Die Anwendung des Begriffs des Placeboeffekts auf die Akupunkturtherapie ist daher aus Gründen der begrifflichen Klarheit wenig sinnvoll. Erst recht sollte nicht der Fehler begangen werden therapeutische Prozesse, die bisher noch wenig begriffen werden, als unspezifisch zu bezeichnen. Wie Moermann und Jonas (2002) zu Recht darlegen, stellen sich zahlreiche Wirkelemente einer Therapieform, die ursprünglich als unspezifisch oder als Placebowirkung aufgefasst wurden, als spezifisch heraus, wenn die Natur des Verfahrens erst ausreichend verstanden wird.
Entspannungsreaktion
Ein wesentliches Ergebnis der modernen Schmerzforschung ist die Beobachtung, dass Stress ein wesentlicher Faktor in der Entstehung und Aufrechterhaltung von Schmerzerkrankungen darstellt (Melzack 1999). Stressoren können beispielsweise eine hohe Arbeitsbelastung, familiäre Konflikte oder Schmerzen selbst darstellen. Die Stressreaktion ist als eine Reaktion des Gesamtorganismus mit Veränderungen des Verhaltens, Empfindens und physiologischer Abläufe, zu begreifen, deren Funktion darin besteht die Fähigkeit des Individuums zu Aufrechterhaltung seines inneren Gleichgewichts zu verbessern (Seyle 1981). Während eine kurzfristige Stressreaktion einen physiologischen Prozess darstellt, kann es bei andauernder Belastung zu einer Erschöpfung des Systems kommen. Hierbei resultieren körperliche Abbauprozesse (Abbau von Muskeln, Osteoporoseneigung), eine Suppression des Immunsystems sowie direkte neuronale Läsionen (u.a. Schädigung des Hippokampus), die zu einer Verstärkung der Schmerzempfindung führen können (Melzack 1999). Es ist denkbar, dass die im Rahmen der Akupunkturtherapie beobachteten psychovegetativen Reaktionen einen adäquaten Impuls zur Unterbrechung dieser Fehlregulation des Stresssystems darstellen können. Jedes multimodale schmerztherapeutische Setting beinhaltet heute die Vermittlung eines Entspannungsverfahrens. Häufig gestaltet sich dies allerdings nicht einfach, da Patienten Schwierigkeiten haben, sich einem Entspannungsverfahren zu nähern. Aus Erfahrung kann hier das während der Akupunkturtherapie gemachte Erlebnis einer psychovegetativen Entspannung die Motivation der Patienten fördern ein Entspannungsverfahren (wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Meditation etc.) zu erlernen.
Dekonditionierung: Schmerz und Unkontrollierbarkeit
Als Spezifikum der Akupunktur muss der Umstand betrachtet werden, dass die o.g. Entspannungsreaktion nicht durch eine per se entspannungsfördernde Intervention sondern im Kontext einer in der Regel nociceptiven Reizsituation stattfindet. Patienten erleben im Rahmen der Akupunkturtherapie, dass sie sich entspannen während oder besser gesagt obwohl die Integrität ihres Körpers verletzt wird. Bei chronischen Schmerzpatienten stehen häufig Gefühle von Angst, Kontrollverlust und konsekutiv inadäquater Krankheitsbewältigung im Zentrum des Krankheitsgeschehens (Pfingsten et al. 2001). Die gleichzeitige Erfahrung von überschaubaren iatrogenen Schmerzreizen durch die Nadelung im Kontext einer entspannenden therapeutischen Situation könnte im Rahmen eines lerntheoretischen Modells zu einer Dekonditionierung von Schmerz und Angst führen. Der Patient erlebt Schmerz als handhabbar und überschaubar, was einen positiven Impuls für eine verbesserte Schmerzbewältigung darstellt.
Damit ein solcher Prozess stattfinden kann, erscheint es allerdings notwendig, dass die Umgebungsbedingungen so gestaltet werden, dass eine Entspannung des Patienten überhaupt möglich wird. Hierbei ist an einen ausreichenden zeitlichen Rahmen, eine ruhige Atmosphäre sowie das Vermeiden von Auskühlung des Patienten zu denken. Viele Akupunkteure beachten diese Rahmenbedingungen intuitiv. So wird z.B. entspannungsfördernde Musik gespielt oder eine Wärmequelle in die Nähe der Füße gebracht.
Nicht zu vernachlässigen ist auch die Haltung des Akupunkteurs selbst: Ein gelassener Akupunkteur, der vermittelt, dass er weiß was er tut, wirkt angstreduzierend während ein unsicherer Therapeut eher einen gegenteiligen Effekt erzielen kann. Dies ist erwähnenswert v.a. angesichts der aktuellen Diskussion um die Spezifität der Akupunkturpunkte. Während zahlreiche Daten aus klinischen und experimentellen Studien sowie aus historischen Analysen darauf hindeuten, dass die Spezifität der Punkte überschätzt worden ist, ist ein therapeutischer Nihilismus im Sinne einer Egal wohin Akupunktur sicher weder wissenschaftlich haltbar noch therapeutisch sinnvoll.
Suggestion
Die Bedeutung von Suggestion für die Wirkung der Akupunktur ist bereits in den 80er Jahren Fokus des wissenschaftlichen Interesses gewesen. So fanden Knox und Mitarbeiter bei einer Untersuchung des Akupunktureffekts auf experimentell induzierte Schmerzen, dass Probanden, deren Wirkerwartung vor dem Experiment durch gezielte Informationen erhöht wurde, eine signifikant stärkere Erhöhung der Schmerzschwelle durch die Nadlung zeigten als neutral informierte Probanden. Suggestion scheint allerdings nicht die primäre Wirkursache einer Nadeltherapie, sondern vielmehr ein Verstärker der durch Akupunktur vermittelten Wirkung zu sein (Norton et al. 1984). Darauf deuten auch unterschiedliche Wirkmechanismen von Akupunkturanalgesie (AA) und Hypnoanalgesie (HA) hin. So kommt es nach Verabreichung des Opiat-Antagonsten Naloxon zu einem relevanten Wirkverlust der AA, während eine HA hierdurch keinerlei Modulation erfährt (Moret et al. 1991). Ferner zeigt sich in verschiedenen Studien, dass nicht zwangsläufig Individuen von der Therapie profitieren, die eine besonders hohe hypnotische Suggestibilität besitzen. Während, wie oben dargestellt, der Effekt von Suggestion auf die schmerzlindernde Wirkung der Akupunktur ausführlich untersucht worden ist, existieren keine systematischen Untersuchungen zum Effekt von Suggestion auf die psychovegetative Wirkung der Akupunktur. Es finden sich lediglich bemerkenswerte Erfahrungsberichte von Kornacker (2004) über die Kombination von Akupunktur und Hypnose in der Behandlung psychosomatischer Beschwerden. Es könnte sein, dass durch die Suggestion von Entspannung synergistische Effekte hinsichtlich der im vorherigen Abschnitt erwähnten Entspannungsreaktion entstehen. Ferner wäre es möglich, dass der ritualhafte Charakter der Akupunktur zu einer erhöhten Suggestibilität führt. Diese Hypothesen sind aktuell Inhalt eigener Forschung.
Syndromdiagnose
Zahlreiche Patienten, die sich zur Akupunkturtherapie vorstellen, zeigen psychovegetativ geprägte Störungen. Während die für diese Störungen typische Vielfalt an Symptomen häufig nicht in das diagnostische Raster der konventionellen Medizin einzuordnen ist, stellt die Syndromdiagnose der TCM ein Bezugssystem zur Verfügung, in dessen Rahmen scheinbar nicht zusammenhängende Symptome in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden können. Ein dadurch erweitertes Krankheitsverständnis bietet dem Patienten die Möglichkeit einer verbesserten Krankheitsbewältigung. Ob eine syndromorientierte Akupunktur ein besseres therapeutisches Ergebnis erbringt als ein pragmatischer Therapieansatz, ist bisher nicht ausreichend geklärt (Ezzo et al. 2000). Die Erörterung des Disharmoniemusters eines Patienten eröffnet allerdings häufig die Möglichkeit ordnungstherapeutischer Ansätze wie Ratschläge zur Lebensstilmodifikation, Diätetik und Prävention. Dies sind therapeutische Aspekte, die im Rahmen der Besprechung psychologischer Aspekte der Akupunkturtherapie ebenfalls berücksichtigt werden müssen.

Hypothese zur Entstehung von Langzeitwirkungen

Gilt es die Frage therapeutisch relevanter Effekte der Akupunkturtherapie zu beleuchten, so muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass Akupunktur im therapeutischen Kontext in der Regel nicht einem singulären Reizereignis, sondern einer Sequenz von Behandlungen entspricht, in denen der Patient repetitiv mit Nadelreizen stimuliert wird. Repetitive Reize unterscheiden sich wesentlich von einmalig dargebotenen Reizen durch ihr Potential der Evozierung einer Anpassung (Adaptation) des Organismus an die wiederkehrenden Reize. Adaptation zeigt sich v.a. dann, wenn der Organismus mit Reizen (Adaptogenen) konfrontiert wird, die eine Intensität besitzen, die das gewohnte Maß deutlich überschreitet (Hildebrandt 1998). Insbesondere das bei der Akupunktur auftretende, in der Regel intensiv und fremdartig empfundene Nadelgefühl (De-Qi 5.1.1) dürfte in diesem Sinn einen hinreichenden adaptogenen Reiz darstellen. Akupunktur könnte über die Induktion von Adaptationsprozessen zu einer verbesserten Kompensationsmöglichkeit natürlicher Schmerzreize führen. Zahlreiche naturheilkundliche und physikalisch-medizinische Therapieansätze machen sich das Phänomen der Adaptation zu Nutze. Adaptation wird hierbei verstanden als eine Erhöhung der Widerstandskraft gegenüber einem adaptogenen Reiz durch die Verbesserung der Regulationsmechanismen eines oder mehrer Regulationssysteme (Hildebrandt 1998). So werden beispielsweise bei chronischer Infektanfälligkeit wiederholte Kältereize zur Verbesserung der Regulation des vaskulären und immunologischen Systems verwendet. Vergleichbar mit einer Infektanfälligkeit kann die Chronifizierung von Schmerzen als Störung der psychophysiologischen Anpassung verstanden werden. Während bei akuten Schmerzen durch adäquate adaptive Prozesse eine Begrenzung eines Schmerzprozesses resultiert, findet im Fall eines anhaltenden nociceptiven Inputs und/oder verminderter psychophysischer Bewältigungsressourcen eine Maladaption mit der Folge einer Schmerzchronifizierung statt. Das Gleichgewicht zwischen exzitatorischen und inhibitorischen Mechanismen weicht einer Dominanz der schmerzfördernden Mechanismen (Tölle/Conrad 2001, Fields/Basbaum 1999).
Aus psychophysiologischer Perspektive kann Akupunktur als eine individuell dosierte, nociceptive Reiztherapie aufgefasst werden. Es wäre denkbar, dass die repetitiven Nadelreize adäquate Stimuli für eine Förderung adaptiver Prozesse des nociceptiven Systems darstellen. Möglicherweise führt eine im Laufe der Akupunkturtherapie stattfindende Adaptation an iatrogene Schmerzreize zu einer verbesserten Kompensationsmöglichkeit natürlicher Schmerzreize und damit zu einer Begrenzung der schmerzfördernden Mechanismen. Adaptation benötigt allerdings eine bestimmte Anzahl an Reizwiederholungen. So ist eine gängige klinische Beobachtung, dass bei chronischen Schmerzen schmerzlindernde Effekte häufig erst nach einigen Akupunktursitzungen auftreten. Dies wird gestützt durch eine Übersichtarbeit von Ezzo (2000), die fand, dass Patienten, die häufiger als sechsmal akupunktiert wurden, signifikant besser profitierten als Patienten, die weniger als sechsmal genadelt wurden (Ezzo et al. 2000).
Eine adaptive Toleranzsteigerung des Organismus gegenüber einem adaptogenen Reiz wird in der Regel realisiert durch eine neuronale Modulation der Erregungsbildung und -ausbreitung. Im schmerzverarbeitenden System stehen hiefür verschiedene antinociceptive Mechanismen zur Verfügung (Abb. 1.3). Das endophinerge System mit seinen lokalen und systemischen Angriffspunkten dürfte hierbei eine zentrale Rolle einnehmen. Am besten untersucht ist die supraspinale, deszendierende Hemmung. Es ist anzunehmen, dass im Rahmen adaptiver Prozesse zusätzlich zur Aktivierung antinociceptiver Mechanismen auch vegetative Reaktionen des Organismus zum Tragen kommen (siehe Vegetative Wirkungen). Diese zeichnen sich durch eine Ökonomisierung der autonomen Regulation mit einer Verminderung der sympathoadrenergen Erregbarkeit aus. Aus psychologischer Sicht wird dies als eine Zunahme von Gelassenheit in stressinduzierenden Situationen empfunden. Ferner resultiert in Analogie zu anderen naturheilkundlichen Reiztherapien eine universelle Resistenzsteigerung mit positiver Kreuzadaptation auch in anderen Funktionssystemen (z.B. im Immunsystem), welche auch als unspezifische Abhärtung bezeichnet wird (Hildebrandt 1998).

Ausblick

Akupunktur stellt eine gleichzeitig einfache und komplexe Therapieform dar. Einfach, da das Einstechen von Nadeln in den Körper offensichtlich so robuste und reproduzierbare Wirkungen entfaltet, dass sich dieses Therapieverfahren über mehr als zwei Jahrtausende hat halten können und sich aktuell zunehmender Akzeptanz erfreut. Komplex, da vermutlich Prozesse resultieren, die im Rahmen einer konventionellen Pharmakotherapie als nicht spezifisch (Placeboeffekt) betrachtet werden, im Rahmen einer Akupunkturbehandlung jedoch spezifischen Charakter erhalten (Bäcker/Dobos 2006, Paterson/Dieppe 2005).
Aufgabe zukünftiger Forschung wird es sein, die wirkungsrelevanten Faktoren in der Akupunkturtherapie weiter zu differenzieren, damit diese gezielter zur Optimierung des Therapieerfolges berücksichtigt werden können. Es wird dabei wesentlich sein zu klären, welche Aspekte der Behandlung für die jeweils behandelte Indikation bzw. den individuellen Patienten von führender Bedeutung sind. Es ist zu erwarten, dass eine zunehmende Kenntnis der psychophysiologischen Wirkmechanismen der Akupunktur zu einer Erweiterung der traditionellen Therapieleitlinien der Akupunktur führen wird.

Klinische Studien

Modellvorhaben Akupunktur

Benno Brinkhaus, Claudia Witt
Seit 2000 wurden drei große Projekte als Modellvorhaben nach SGBV durchgeführt (Abb. 1.4) mit dem Ziel, Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit von Akupunktur bei Patienten mit chronischen Kopfschmerzen, LWS-Schmerzen und Arthroseschmerzen zu untersuchen. Gemeinsam ist allen drei Modellvorhaben, dass der Großteil der Patienten in eine Kohortenstudie eingeschlossen wurde, um Therapieeffekte und unerwünschte Therapiewirkungen zu erfassen. In allen drei Projekten wurden klinische Studien durchgeführt, die sich in einigen relevanten Aspekten unterscheiden:
  • ART (acupuncture randomised trials): Vergleich Akupunktur mit Minimalakupunktur (Sham-Akupunktur) und mit keiner Akupunkturbehandlung (Warteliste)

  • Gerac (german acupuncture trials): Vergleich Akupunktur mit Sham-Akupunktur und mit Standardtherapie

  • ARC (Acupuncture-in-routine-care-Studien): Vergleich Akupunktur als zusätzliches Angebot in der GKV-Versorgung mit einem Angebot ohne Akupunktur

Zusätzlich wurden im Modellvorhaben der Techniker Krankenkassen noch Kostenanalysen durchgeführt und in PEP-AK (Programm zur Evaluation der Patientenversorgung mit Akupunktur) eine Studie zur Wirksamkeit der Akupunktur im Vergleich zu Standardtherapie sowie systematische Übersichtsarbeiten zu den Indikationen der Modellvorhaben. Diese Ergebnisse werden hier nicht dargestellt.
Die Ergebnisse der drei Modellvorhaben lagen dem Gemeinsamen Bundesausschuss vor und waren die Grundlage für die am 18.4.2006 getroffene Entscheidung, dass die Akupunkturbehandlung für chronische Rückenschmerzen und Kniegelenksarthrose Krankenkassenleistung wird.
Studienbeschreibung
ART-Studien
  • Design: Randomisierte kontrollierte, teilweise verblindete Studien zum Vergleich von a)Akupunktur, b)Minimalakupunktur und c)Warteliste

  • Akupunkturinterventionen (12Behandlungen innerhalb von 2Monaten): Akupunkturgruppe tiefe Stichtechnik an Akupunkturpunkten (semistandardisiert), Minimalakupunkturgruppe oberflächliche Stichtechnik an Nichtakupunkturpunkten

  • Wartelistenkontrolle innerhalb der 2 Monate (Kopfschmerzstudien 3 Monate) nach der Randomisierung keine Akupunkturbehandlung, danach Akupunktur

  • Erhebungszeitpunkte: 0, 2, 6und 12Monate (Kopfschmerzstudien 0, 3und 6Monate)

  • Primäre Endpunkte nach 2Monaten (Kopfschmerzstudien 3Monate):

    • LWS-Schmerzen Schmerz gemessen anhand einer visuellen Analogskala

    • Gonarthrose Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index

    • Migräne und Spannungskopfschmerzen Anzahl der Tage mit Kopfschmerzen (Kopfschmerztagebuch).

Gerac-Studien
  • Design: Dreiarmige, prospektive, randomisierte, kontrollierte, teilweise verblindete Studien zum Vergleich von a)Akupunktur, b)Sham-Akupunktur und c)Standardtherapie

  • Akupunkturinterventionen (10–15 Behandlungen, 2pro Woche): Akupunkturgruppe semistandardisierte Akupunktur an Akupunkturpunkten, Sham-Akupunkturgruppe Akupunktur an Nichtakupunkturpunkten

  • Standardtherapie leitlinienorientierte Arzneimitteltherapie und ggf. Physiotherapie

  • Erhebungszeitpunkte: 0, 3und 6Monate

  • Primäre Endpunkte Responderraten nach 6Monaten:

    • LWS-Schmerzen mind. 33% Verbesserung des Von-Korff-Schmerzscores oder 12% Verbesserung des Funktionsfragebogens Rücken – Hannover

    • Gonarthrose 36% Besserung des Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Scores

    • Migräne und Spannungskopfschmerzen 50% Reduktion der Migränetage bzw. Kopfschmerztage (Kopfschmerztagebuch).

ARC-Studien
  • Design: Randomisierte kontrollierte Studien plus Kohortenstudie zum randomisierten Vergleich von a) Therapieangebot in der GKV mit Akupunktur mit b) Therapieangebot in der GKV ohne Akupunktur und einem nicht-randomisierten Vergleich von c) Therapieangebot mit Akupunktur (Patienten, die eine Randomisierung ablehnten)

  • Akupunkturintervention: 10–15 Behandlungen innerhalb von 3 Monaten, nur Nadelakupunktur ohne weitere Vorgaben

  • Kointervention: Routineversorgung bei allen Patienten

  • Erhebungszeitpunkte: 0, 3 und 6 Monate

  • Primäre Endpunkte nach 3 Monaten:

    • LWS-Schmerzen Funktionsfragebogen Rücken – Hannover

    • Gonarthrose Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index

    • Migräne und Spannungskopfschmerzen Anzahl der Tage mit Kopfschmerzen in den vergangenen 4Wochen.

Übersicht
Die Anzahl der Patienten und die Ergebnisse der primären Zielparameter sind in den Tabellen 1.2–1.4 dargestellt.
Nebenwirkungen
  • Im Modellvorhaben der Techniker Krankenkasse berichteten 8,6% der Patienten Nebenwirkungen, am häufigsten Blutungen oder Blutergüsse an der Einstichstelle. Es gab drei Fälle von Pneumothorax, aber keine lebensbedrohlichen Nebenwirkungen

  • In PEK-AK zeigten sich in einer Teilanalyse von 97.733 Patienten: 7,1%, unerwünschte Therapiewirkungen: Zumeist Nadelschmerzen, Hämatome und Blutungen, insgesamt sechs schwere unerwünschte Therapiewirkungen (zwei Pneumothorax, Asthma-Attacke, vasovagale Synkope, akute hypertone Krise, Exazerbation einer Depression).

Ergebniszusammenfassung
  • Es zeigte sich eine Überlegenheit der Akupunktur gegenüber einer Behandlung ohne Akupunktur und gegenüber einer Wartelistengruppe

  • Es zeigte sich eine Überlegenheit der Akupunktur gegenüber konventioneller Standardtherapie bei Gonarthrose und LWS-Schmerzen

  • Eine Überlegenheit der Akupunktur gegenüber einer Sham-Akupunktur fand sich nur bei Gonarthrose, in einer Studie (ART-Studie), während bei anderen Indikationen beide Akupunkturformen ähnlich wirksam waren

  • Inwieweit Akupunktur primär über spezifische oder unspezifische Mechanismen wirkt, scheint somit diagnoseabhängig und sollte weiter untersucht werden

  • Akupunktur ist eine sichere Therapie.

Aktuelle Evidenzlage bei ausgewählten Indikationen
In der Tabelle 1.5 finden sich die aktuellen Evidenzen zu den oben besprochenen Indikationen.
Weitere Informationen
Modellvorhaben Akupunktur der Techniker Krankenkasse
Wissenschaftliche Begleitung: Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charit – Universitätsmedizin Berlin

Reviews und Metaanalysen zur Akupunktur bei verschiedenen Schmerzindikationen

Wolfram Stör

Reviews und Metaanalysen zur Akupunktur bei verschiedenen Schmerzindikationen. Nur beim narrativen Review von Endres et al. wurden die Ergebnisse der Modellvorhaben bereits berücksichtigt.

(zit. nach: Stör, W., Irnich D. Der Anaesthesist (58) 3. März 2009)

Tab. 1.6
Indikationen Autor Anzahl analysierter Studien Kontrolle Ergebnisse
Kopfschmerzen, Migräne/Spannungskopfschmerz Melchart et al. 2001, Cochrane 22 (Migräne 15, Spannungs-kopfschmerz 6) Aku vs. Sham/Standard Verum (64%) >Sham (42%)
Aku vs. Standard Widersprüchlich
Spannungskopfschmerz Davis et al. 2008, J Pain 8, davon 5 gepoolt Aku vs. Sham Limited efficacy
Migräne Endres et al. 2007 Expert Rev Neurother Narrativ, Modellvorhaben eingeschlossen Aku vs. Standard 6Wochen Aku 6 Monate medikamentöse Prophylaxe
HWS-Syndrom (chronisch) Trinh et al. 2006, Cochrane 10 Aku vs. Sham/ Physio/Warteliste
  • Aku >Sham

  • Trend: Aku >Massage

White and Ernst 1999 Rheumatology 14 Aku vs. Sham/ Physio/Warteliste
  • 7Studien positiv/7Studien negativ

  • 5/8 High-quality-Studien negativ

LWS-Syndrom (chronisch) Mannheimer et al. 2005, Ann Int Med 33 Aku vs. Sham/Standard
  • Aku >Sham

  • Aku andere Therapien

Furlan et al. 2005, Cochrane 32 Aku vs. Sham/Standard
  • Aku >Sham

  • Aku +Standard > Standard

Arthrose Kniegelenk White et al. 2007, Rheumatology 6 Aku vs. Sham/Standard
  • Aku >Sham

  • Aku +Standard > Standard

Mannheimer et al. 2007, Ann Int Med 11, davon 9 gepoolt Aku vs. Sham, Aku vs. Warteliste
  • Aku vs. Sham: klinisch irrelevante Unterschiede

  • Aku >Warteliste: klinisch relevante Unterschiede

Periphere Arthrose Kwon et al. 2006, Rheumatology 18 Aku vs. Sham/Standard
  • Aku > Sham

  • 10/18 Studien Aku >Standard

Epikondylopathie Trinh et al. 2004, Rheumatology 6 Aku vs. Sham/Standard
  • 5/6 Studien Aku >Sham/Standard

Green et al. 2002, Cochrane 4 Aku vs. Sham Kurzfristiger Effekt, zu wenig Studien für Meta-Analyse

> signifikant überlegen, gleichwertig; Aku: Akupunktur, Sham: verschiedene Kontrollverfahren (oberflächliche Nadelung, u.a.)

Akupunktur bei allergischen Erkrankungen

Michael Wulllinger
Die meisten Studien auf dem Gebiet der chinesischen Medizin betreffen die Wirksamkeit der Akupunktur in der Behandlung chronischer Schmerzen. In diesem Kapitel werden die wichtigsten klinischen Studien bei allergischen Erkrankungen zusammenfassend in Tabellenform dargestellt, weitere Ausführungen in Allergiebehandlung mit chinesischer Medizin (Wullinger, Fatrai 2007). Aus den vorliegenden Studien ergeben sich deutliche Hinweise auf eine positive Wirkung der Akupunktur bei der allergischen Rhinitis, teilweise auch bei allergischem Asthma. Für die Indikation atopisches Ekzem liegen vier positive Arzneimittelstudien vor.
Saisonale allergische Rhinitis (SAR)

Studien zur saisonalen allergischen Rhinitis (SAR)

Tab. 1.7
Autor/Jahr n Intervention Ergebnis
Lehmann (1989) 92 8–10Akupunkturbehandlungen
Standardisiert/Körper +Ohr
1/Woche
Positiv
RCT
Hauswald (1989) 65 9Akupunkturbehandlungen
Standardisiert/Körper +Ohr, Laseraku
3/Woche
Positiv
RCT
Langer (1992) 174 9Akupunkturbehandlungen
Standardisiert/Körper +Ohr Laseraku
3/Woche
Positiv
RCT
Wolkenstein (1998) 24 9Akupunkturbehandlungen
Individualisiert
1/Woche
+/
RCT
Xue (2002) 30 12Akupunkturbehandlungen
Halbstandardisiert
3/Woche
Positiv
RCT
Xue (2003) 55 Phytotherapie
8Wochen
1Kps. tägl.
Positiv
RCT
Magnusson (2004) 40 12Akupunkturbehandlungen
Standardisiert
+/
RCT
Brinkhaus/SMS (2004) 59 6Akupunkturbehandlungen
Halbstandardisiert
+Phytotherapie
1/Woche
Positiv
RCT

RCT randomisierte kontrollierte Studie

+/ Verum- und Kontrollgruppe positiv

Laseraku Laserakupunktur

Perenniale allergische Rhinitis (PAR)

Studien zur perennialen allergischen Rhinitis (PAR)

Tab. 1.8
Autor/Jahr n Intervention Ergebnis
Lau (1975) 22 6Akupunkturbehandlungen
Standardisiert/Laseraku
2/Woche
Positiv
Fatschel (1991) 60 7Akupunkturbehandlungen
Standardisiert/Körper +Ohr1/Woche
Positiv
RCT
Hu (2002) 58 Phytotherapie
12Wochen
2 5Kps. tägl.
Positiv
RCT
Hauswald (2009) 25 12Akupunkturbehandlungen
Körper +Ohr2/Woche
Positiv
RCT
Ng (2004) 72 16Akupunkturbehandlungen
Standardisiert
2/Woche
Positiv
RCT
Brinkhaus/ARC (2005) 981 10Akupunkturbehandlungen Positiv
RCT
Xue (2007) 80 16Akupunkturbehandlungen
2/Woche
Positiv
RCT

RCT randomisierte kontrollierte Studie

Laseraku Laserakupunktur

Asthma bronchiale

Studien zum allergischen Asthma

Tab. 1.9
Autor/Jahr n Intervention Ergebnis
Christensen (1984) 17 10Akupunkturbehandlungen/Elektro
Standardisiert
2/Woche
(Positiv)
RCT
Joos (1997) 38 12Akupunkturbehandlungen
Halbstandardisiert
3/Woche
Positiv
RCT
Medici (2002) 66 16Akupunkturbehandlungen
Standardisiert
2/Woche (2Monate Pause)
+/
RCT
ARC (2006) 357 10Akupunkturbehandlungen Positiv
RCT

RCT randomisierte kontrollierte Studie

+/ Verum- und Shamakupunktur positiv

Atopisches Ekzem

Studien zum atopischen Ekzem

Tab. 1.10
Autor/Jahr n Intervention Ergebnis
Sheehan (1992) 47 Chin. Arzneimitteltherapie
Standardisiert (Kinder)
Positiv
RCT
Sheehan (1992) 40 Chin. Arzneimitteltherapie
Standardisiert (Erwachsene)
Positiv
RCT
Sheehan (1995) 28 Chin. Arzneimitteltherapie
Standardisiert (Follow-up)
Positiv
RCT
Latchman (1996) 18 Chin. Arzneimitteltherapie
Standardisiert (Granulat)
Positiv
RCT

RCT randomisierte kontrollierte Studie

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