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B978-3-437-56483-3.10009-6

10.1016/B978-3-437-56483-3.10009-6

978-3-437-56483-3

Eisenhemd-Qigong

Beispiele aus einem alten Qigong-Lehrbuch

Stationen des kleinen Energiekreislaufs

Den Baum umarmen: a) Vorderansicht, b) Seitenansicht

Schritt des Bären

Der Kranich steht auf einem Bein

Der Tiger zeigt seine Macht

Der Hirsch wendet den Kopf

Der Affe blickt verstohlen um sich

Meditation

Reinigende Atmung

Ausscheidungsübung

Aufnehmende Übung

Lokalisation des Dantian

Lokalisation von Laogong

Massage von Laogong

Lokalisation von Yongquan

Massage von Yongquan

Konventionelle Liegeposition

Verbesserte Liegeposition

Yang Chengfu (1883–1936), der bekannteste Meister des Yang-Stils

Zheng Manqing (1900–1975) war nicht nur ein Meister des Taijiquan, sondern ebenso in der Kalligraphie, Dichtkunst und Medizin

Die gehockte Peitsche, eine der schönsten Bewegungen im Taijiquan

Wu Jiangquan, ein bedeutender Meister des Wu-Stil-Taijiquan, beim Demonstrieren einer Bewegung

Das Üben von Tui Shou (push hands, schiebende Hände) ist ein wesentlicher Bestandteil der Taijiquan-Übungspraxis. In erster Linie geht es nicht um Kampf oder gar Gewinnen, sondern um das Erspüren der Kraft des Partners und der eigenen. Die eigene Verwurzelung wird bewahrt, die Kraft des anderen wird durch Weichheit neutralisiert.

Sun Lutang (1860–1933), der Begründer des Sun-Stil-Taijiquan

Qigong und Taijiquan

Oswald Elleberger

Oliver Wolf

  • 9.1

    Geschichte des Qigong866

    Oswald Elleberger

    • 9.1.1

      Entwicklung der verschiedenen Qigong-Formen866

    • 9.1.2

      Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Qigong-Formen868

    • 9.1.3

      Qigong im heutigen China869

    • 9.1.4

      Qigong im Westen871

  • 9.2

    Qigong (Ch'i Kung) 872

    Oliver Wolf

    • 9.2.1

      Formen872

    • 9.2.2

      Grundhaltungen und Methoden881

    • 9.2.3

      Übungsgrundlagen anhand der sechs Schlüsselpunkte nach Professor Jiao Guorui882

    • 9.2.4

      Therapeutische Anwendungen884

    • 9.2.5

      Weitere Anwendungsbereiche885

  • 9.3

    Qigong für Therapeuten885

    Oswald Elleberger

    • 9.3.1

      Wie viel Arbeitsbelastung kann man ertragen?885

    • 9.3.2

      Regenerationsphasen in der Praxis (Yin)886

    • 9.3.3

      Klare Trennung von Yin und Yang886

    • 9.3.4

      Der Arbeitstag887

  • 9.4

    Taijiquan 901

    Oliver Wolf

    • 9.4.1

      Einführung901

    • 9.4.2

      Stilrichtungen und Formen901

    • 9.4.3

      Grundlagen905

    • 9.4.4

      Therapeutische Anwendungen906

    • 9.4.5

      Weitere Anwendungsbereiche907

Geschichte des Qigong

Oswald Elleberger
In der wörtlichen Übersetzung bedeutet Qigong so viel wie intensives Üben mit Qi (also ein Üben mit der Lebensenergie, wobei immer menschliches Qi gemeint ist).
Zum einen fallen darunter v.a. Übungen, die das Qi des Praktizierenden beeinflussen, darüber hinaus existieren auch Methoden, um dieses Qi auf andere Menschen zu übertragen (Waiqi Liaofa).
Qigong basiert auf denselben Theorien wie die traditionelle chinesische Naturwissenschaft, die auch die Grundlage der chinesischen Medizin bildet.
Schon in klassischen Texten der chinesischen Philosophie wie z.B. bei Laozi und Zhuangzi, die etwa 2 300 Jahre alt sind, finden sich Textstellen, die auf die Kenntnis spezieller Atem-, Meditations- und Bewegungsübungen hindeuten. Bei Ausgrabungen in der Provinz Hunan in Zentralchina fand man Beschreibungen und sogar auf Seide gemalte Abbildungen von Qigong-Übungen und -Übungssystemen. Dieser Fund wird in die Zeit der westlichen Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 23 n. Chr.) datiert. Dieser und weiterer Quellen zufolge reicht die Geschichte des Qigong somit ca. 2 500 Jahre zurück – wahrscheinlich wurde aber bereits vor 3 000 bis 4 000 Jahren Qigong praktiziert.

Entwicklung der verschiedenen Qigong-Formen

Das medizinische Qigong
In der frühen Entwicklungszeit existierte ein gegenseitiger Erkenntnisaustausch zwischen Qigong und der Traditionellen Chinesischen Medizin, wobei das Qi und die Qi-Bewegung eine zentrale Bedeutung einnahmen und Imbalancen des Qi-Haushalts als Ursache von Krankheiten erkannt wurden. Je differenzierter die Kenntnis um das Qi, sein Verhalten und seine Beeinflussung durch Arzneitherapie, Akupunktur und Massage wurde, umso klarer wurden auch die Vorstellungen davon, dass und wie durch gezielte Bewegungsübungen regulierend auf das Qi eingewirkt werden kann. So entwickelten Ärzte schon vor 2 000 bis 3 000 Jahren Übungen und Übungssysteme, mit denen ihre Therapien sinnvoll ergänzt wurden. Viele Übungen dienten nicht nur der Therapie verschiedener Krankheiten, sondern v.a. der Prophylaxe, die in der chinesischen Medizin eine wichtige Rolle spielt.
Die im Westen vermutlich am weitesten verbreitete Qigong-Methode sind die Baduan-Jin (Acht Edle Übungen oder Acht Brokatübungen), die der Tradition des medizinischen Qigong entstammen, das der Marschall Yue Fei zur Verbesserung der Gesundheit seiner Soldaten entwickelte. Damals wurden körperliche Bewegungsübungen häufig in Zusammenhang mit Krieg und Jagd gebracht wie:
  • Bein- oder Schrittstellungen, die das Reiten auf einem Pferd imitieren

  • Armbewegungen, die ein Bogenspannen, Faust- oder Fingerspitzenstöße beinhalten

  • Wurfbewegungen, die den ganzen Körper einbeziehen.

Das Qigong der Gelehrten und Philosophen
Im Qigong der Gelehrten der konfuzianischen und daoistischen Schule galten Gesundheit und langes Leben zwar als wichtig und erstrebenswert, ihr Weltbild wurde jedoch von der Bewältigung der inneren schädlichen Faktoren wie Emotionen und Unruhe des Geist-Shen bestimmt. Man praktizierte daher vorwiegend ein meditatives Qigong, um den Geist-Shen zu beruhigen und den negativen Einfluss der Emotionen einzudämmen.
Die Übungen der Gelehrten wurden häufig im Sitzen oder Liegen unter Zuhilfenahme von Atemtechniken durchgeführt. Die erzielte Beruhigung und Entspannung ließ das Qi mit der Zeit frei und ungestört fließen, und die so erreichte stabile Gelassenheit ermöglichte den Gelehrten ein ungestörtes Betreiben ihrer Studien.
Das religiöse Qigong
Die Suche nach Erleuchtung und das Streben nach dem Nirwana (Buddhismus) oder der Unsterblichkeit (religiöser Daoismus) verlangten geeignete Techniken, um den Geist-Shen zu stärken. Nur wenn der Geist auf die höchste Stufe gebracht wird, können die genannten Ziele verwirklicht werden. Schon vor 2 000 Jahren schlossen sich Menschen, die diese Art der Verwirklichung anstrebten, Mönchsgemeinschaften an oder zogen sich in die Einsamkeit der Berge zurück, um sich ganz der Meditation und ihrem Weg zu widmen.
Im religiösen Qigong wurden die Meditationstechniken verfeinert und auf das höchste Niveau gehoben, wobei die in diesen Schulen und Zirkeln entwickelten Techniken i.d.R. geheim und schwierig zu erlernen waren. Eines der effizientesten Systeme ist das Xisuijing (Klassiker vom Reinigen des Marks), das beinahe alle Vor- und Nachteile dieser Systeme in sich vereint: Es ist schwierig zu erlernen, sehr wirkungsvoll, aber bei falscher Übungspraxis sind schwerwiegende Schädigungen möglich.
Das Qigong in den Kampfkünsten
Geheimhaltung war auch in den Qigong-Übungen der Kampfkunstschulen üblich. Systeme wie das Eisenhemd-Qigong (Tiebushan) verschafften Kämpfern einen entscheidenden Vorteil, indem sie z.B. Schläge ohne Verletzung abfangen konnten (Abb. 9.1). Daneben arbeitete man an Möglichkeiten, den Gegner mental zu beeinflussen, sowie an Kampfstrategien, die auf Schwächen und Stärken des Gegners und seines Qi-Haushalts abgestimmt waren. Durch bestimmte Techniken wurde kurzzeitig der Qi-Fluss des Gegners so massiv gestört, dass der folgende Schlag in seiner Wirkung enorm verstärkt wurde. Dank medizinischer Kenntnisse konnte man gezielt Akupunkturpunkte des Gegners angreifen und dadurch die Wirkung einer Technik erhöhen.
Diese Dianmai (Dim Mak) genannten Fähigkeiten erfordern jahrzehntelanges Training und zählen noch immer zu den höchsten Stufen des Qigong in der Kampfkunst: Im Bruchteil einer Sekunde muss nicht nur an einem sich bewegenden Gegner ein Akupunkturpunkt lokalisiert werden, sondern der Angreifer muss darüber hinaus wissen, mit welcher Stärke, mit welcher Schwingung, unter welchem Winkel und mit welchem Brennpunkt der Schlag zu führen ist. Wegen der von der Tageszeit abhängigen Qi-Verteilung in den Leitbahnen kann zudem ein- und dieselbe Technik den Gegner einmal nur ins Land der Träume schicken, ein anderes Mal vielleicht sogar töten. Erkenntnisse aus den verschiedenen Qigong-Formen können auch therapeutisch eingesetzt werden: Die meisten Übungen des Kampfkunst-Qigong eignen sich auch zur Verbesserung der Gesundheit, z.B. Yijinjing (Klassiker vom Umwandeln der Sehnen), das vermutlich bekannteste System dieser Richtung. Es wurde der Legende nach vor etwa 1 500 Jahren von Bodhidharma (Damo), dem Begründer des Zen-Buddhismus chinesischer Prägung entwickelt.

Nicht die Kampfkünste mit Kampfsport verwechseln – im Kampfsport geht es in erster Linie um das Gewinnen von Wettkämpfen, die Kampfkünste definieren sich jedoch als ein lebenslanger harter Schulungsweg, der Körper und Geist gleichermaßen umfasst. Wirkliche Kampfkunstmeister können trotz oder gerade wegen ihrer Fähigkeiten Probleme ohne Kampf und Konfrontation lösen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Qigong-Formen

Zwischen den genannten vier Qigong-Formen bestehen zahlreiche Überschneidungen. Allen Qigong-Arten ist jedoch die Beschäftigung mit dem Qi gemeinsam.
  • Beim medizinischen Qigong und beim Qigong der Gelehrten bleibt das Qi-Niveau des Praktizierenden weitgehend gleich, d.h., die vorhandenen Energien werden lediglich besser genutzt:

    • Das medizinische Qigong legt besonders viel Wert auf das durch Bewegung erzeugte freie Fließen des Qi

    • Das Qigong der Gelehrten erzielt den freien Qi-Fluss mehr durch Beruhigung der Emotionen und durch Klärung des Bewusstseins

  • Im religiösen Qigong und in den Kampfkünsten wurden Methoden entwickelt, um das Qi gezielt zu vermehren

    • In den Kampfkünsten geschah dies zunächst vorwiegend in den Außenbereichen des Körpers und v.a. in den Armen und Beinen. Durch die Betonung des Äußeren bezeichnet man diese Übungen als Äußeres Elixier (Waidan). Da häufig mit starker konzentrativer und muskulärer Anspannung geübt wird, spricht man in diesem Zusammenhang auch von hartem Qigong. Die meisten Qigong-Demonstrationen, die Kampfmönche des Shaolin-Klosters auf ihren Welttourneen zeigen, sind diesem harten Qigong zuzuordnen.

    • Daneben gibt es innere Kampfkünste. Die bekannteste ist Taijiquan (9.4), dessen Wurzeln sich knapp 1 000 Jahre weit zurückverfolgen lassen. Beim Taijiquan bedient man sich vieler Methoden des religiösen Qigong (siehe unten), legt großen Wert auf die Entwicklung eines starken Zentrums und ist in den Übungen um eine Minimierung der Anspannung bemüht, was das Qi freier fließen lässt als in den harten äußeren Kampfkünsten.

    • Im religiösen Qigong erzielt man die Vermehrung des Qi durch innere Übungen (Inneres Elixier, Neidan). Das so erzeugte Qi dient dazu, den Geist-Shen zu nähren und zu stärken und so der angestrebten religiösen Verwirklichung, der Unsterblichkeit oder der Erleuchtung, näher zu kommen. Da die Übungen im Allgemeinen die Entspannung fördern, spricht man von weichem Qigong und fasst unter diesem Begriff auch alle Übungen des medizinischen und Gelehrten-Qigong zusammen, solange diese nicht mit starker körperlicher Anspannung arbeiten.

Qigong im heutigen China

Der Begriff Qigong wird heute im Sinne von Gesundheitsübungen gebraucht und ist in dieser Bedeutung ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Nur aus Gründen der Kontinuität verwendet der Autor diesen Terminus auch für alle genannten historischen Systeme. Schon im 19. Jahrhundert und verstärkt nach dem Ende des Kaiserreichs (die letzte Dynastie endete 1911) orientierten sich chinesische Intellektuelle zunehmend am scheinbar überlegenen Westen. Alte Methoden wie das Qigong wurden als religiöser Aberglaube und nutzloser Ballast angesehen. Diese Einstellung begann sich erst in den 1950er Jahren zu ändern, als Liu Guizhen (1920–1983) mit großem Erfolg mehrere Qigong-Kliniken leitete und sein Buch Qigong Liaofa Shiyan (Praxis im Heilen mit Qigong) erschien. Während der Kulturrevolution (1966–1976) wurde jedoch jegliche Beschäftigung mit diesen traditionellen, als feudalistisch-reaktionär gebrandmarkten Methoden radikal unterbunden. Erst 1970 wurde durch die Künstlerin Guo Lin ein Boom ausgelöst, der bis heute anhält. Sie litt an Gebärmutterkrebs und war nach sechs Operationen aufgegeben worden. Mit letzter Kraft begann sie Qigong zu üben, das sie in ihrer Kindheit von ihrem Großvater gelernt hatte, und konnte sich auf diese Weise heilen. Ihr Kampf mit dem zunächst schulmedizinisch behandelten Leiden dauerte zehn Jahre. Zum Zeitpunkt ihrer Heilung war sie 59 Jahre alt. Daraufhin unterrichtete sie bis zum Ende ihres Lebens in den Parks und Kliniken von Beijing ihre Qigong-Methode und half damit einer großen Anzahl von Krebskranken. Ihr Neues Qigong (Xinqigong) wurde durch Radio und Fernsehen populär und verbreitete sich in ganz China. Qigong wurde offiziell als unterstützende Krebstherapie anerkannt.
Josephine Zöller schreibt in Das Tao der Selbstheilung (Zöller 1984, S. 315):

Seitdem wird in verschiedenen Krebsforschungs-Instituten, zum Beispiel in dem für Lungenkrebs in Peking, die Wirkung des ,Neuen Qigong untersucht. Aus einem Bericht dieses Instituts geht hervor, dass mit Qigong Vorbehandelte die Operation und die anschließende, aus der westlichen Medizin übernommene Bestrahlungs- und Chemotherapie kraftvoller überstehen, und dass die nachteiligen Wirkungen der Nachbehandlung bedeutend geringer sind, als man erwarten musste.

Ein weiterer wichtiger Impuls zur Popularisierung des Qigong in China war das 1980 eingeführte Kranich-Qigong (Hexiangzhuang), das von Pang Heming entwickelt und von seinem Nachfolger Zhao Jinxiang verbreitet wurde. Nach fünf Grundübungen überlassen sich die Praktizierenden des Kranich-Qigong dem freien Fließen des Qi, was zu unbeabsichtigten, tranceartigen Körperbewegungen führen kann. Zeitungen, Radio und Fernsehen waren voll von Berichten über diese Art des Qigong und seine positive Wirkung.
Seit den 1970er Jahren wird versucht, die in alten Schriften und Dokumenten oft nur fragmentarisch überlieferten Übungssysteme wieder zu beleben. Man besinnt sich in China auf die Tradition und versucht, alte Techniken der Gesundheits- und Lebenspflege wieder aufzugreifen und an die heutigen Verhältnisse zu adaptieren.
Die Tatsache, dass man die alten Systeme nicht ohne Qualitätsverlust aus ihrem religiösen und religiös-philosophischen Kontext herauslösen kann, führt zu einem bis heute ungelösten Problem. Theoretisch ist zwar im modernen China die Religionsausübung wieder möglich, wird aber von offizieller Stelle oft missbilligt, sodass Publikationen über neue Qigong-Systeme oft von vornherein darauf verzichten, auf diese überaus wichtigen Wurzeln hinzuweisen. Das Verhältnis der offiziellen chinesischen Stellen zum Qigong wurde zusätzlich problematisiert durch das Aufkommen und das Verbot der Falun-Gong-Sekte, die sich auf das religiöse Qigong beruft.
Für viele Chinesen bleibt Qigong aber weiterhin eine beliebte und wirkungsvolle Beschäftigung. Auch heute noch findet man in China alte Meister, die im kleinen Kreis unverwässertes, traditionelles Qigong an ihre Schüler weitergeben. Die Entwicklung des Qigong während der vergangenen 40 Jahre ist insofern verblüffend, als über Tausende von Jahren im Geheimen kultivierte Übungsmethoden in China plötzlich zur Allgemeinkultur zählen (Abb. 9.2). Sicher hat die Liebe der Chinesen zur Tradition diese Entwicklung begünstigt und zweifellos haben sich viele der neuen Systeme sowohl in der Lebenspflege als auch in der Therapie bewährt. Andererseits ist der durch Naturwissenschaft und Marxismus-Maoismus bedingte Verzicht auf religiös-philosophische Inhalte und Ziele fachlich kaum zu verantworten. So spiegelt sich in der Weiterentwicklung im Qigong auch ein Ringen um neue Definitionen traditioneller Werte und Inhalte.

Qigong im Westen

Der Siegeszug
Bekannt wurde Qigong im Westen zunächst als Anhängsel von Taijiquan, das etwa in der Mitte der 1970er Jahre im Westen bekannt wurde. Viele mehr oder weniger fragwürdige Meister stellten Taijiquan als kosmischen Tanz dar und scharten wissbegierige Schüler um sich. Als Einleitung von Taijiquan-Unterrichtseinheiten wurden fast immer einige Qigong-Übungen durchgeführt, häufig das schon erwähnte Baduan -Jin (Acht Brokatübungen) (9.1.1). Da der Grundaufbau von Taijiquan schwieriger zu erlernen ist als einfaches Qigong, wurden bald eigene Qigong-Kurse angeboten. Schließlich schwappte das sich in China schnell verbreitende Kranich-Qigong (9.2.1) in den Westen und förderte den Bekanntheitsgrad der Methode. Auch das wirkungsvolle Taiji-Qigong fand weitere Verbreitung.
Hinzu kam der Siegeszug der Akupunktur in Europa und Amerika. Akupunkturärzte begannen, ihren Patienten das Erlernen von Qigong-Übungen nahezulegen, und mit Qigong-Lehrern zusammenzuarbeiten.

Qualitätssicherung

Heute ist der Begriff Qigong weit verbreitet – Fitnesszentren und Wellness-Hotels werben mit Qigong, Spitzensportler führen ihre Erfolge u.a. auch auf Qigong zurück, eine schwer überschaubare Anzahl von Shaolin-Mönchen unterrichtet weltweit Kungfu und Qigong usw. Seriöse Qigong-Lehrer haben ihr Wissen über viele Jahre oft mühsam und unter großen persönlichen Opfern erworben. Daher haben sich in den vergangenen Jahren etablierte Qigong- und Taijiquan-Lehrer zusammengeschlossen mit dem Ziel, diese Disziplinen auf hohem Niveau an Interessierte weiterzugeben. Diesem Zweck dienen auch mehrjährige Lehrer-Ausbildungen mit anspruchsvollen Lehrplänen.
Die sinnvolle Umsetzung von Qigong im Westen
Da westliche Menschen anders denken, fühlen und leben als es die traditionelle chinesische Lebensweise vorschreibt, sollte Qigong an westliche Lebensformen angepasst und modifiziert werden, jedoch ohne Verletzung seiner tiefen Inhalte und Prinzipien. Dabei besteht im Westen sichtlich ein Bedarf an Qigong, da es Möglichkeiten bietet, die Gesundheit zu beeinflussen, die mit den bekannten Methoden kaum abgedeckt werden können:
  • Im Bereich der Lebenspflege gewinnt der in die breite Öffentlichkeit getragene Qigong-Unterricht durch qualifizierte Lehrer zunehmend an Bedeutung

  • Qigong wird von Ärzten und anderen Therapeuten (oft in Zusammenarbeit mit Qigong-Lehrern) immer häufiger in Therapieprogramme einbezogen. Darüber hinaus hat eine rege Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet begonnen. Überlegungen aus dem Qigong können auch prophylaktische Maßnahmen bereichern

  • Qigong kann ein wichtiges Mittel der Persönlichkeitsentwicklung sein, egal ob für Jugendliche oder Erwachsene

  • In der Berufswelt kann Qigong als geeignetes Mittel zum Stressabbau eingesetzt werden. Es fördert außerdem die Entscheidungsfähigkeit und kann die Therapie des Burnout-Syndroms (13.18.6) unterstützen

  • Im Sport kann Qigong zu einer beträchtlichen Qualitätsverbesserung und damit auch zu einer Leistungsoptimierung beitragen.

Aus persönlicher Sicht des Autors hat Qigong eine große Zukunft in allen Bereichen, in denen über längere Zeit hohe Leistungen gefordert werden, diese Anforderungen jedoch nicht zu einer Erkrankung führen sollen. Daher kann unter Berücksichtigung seiner traditionellen Wurzeln das Qigong ein unverzichtbares Instrument für Menschen sein, die Höchstleistungen bringen müssen.

Qigong (Ch'i Kung)

Oliver Wolf
Qigong ist eine traditionelle Methode zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten und zur körperlichen und geistigen Schulung; Qi (2.3.1): Atem, Fluss, Energie, Dampf; Gong: Übung oder Fähigkeit. Ebenso wie das Taijiquan (9.4) ist Qigong eine Methode, mit der der Mensch selbst sein Qi günstig beeinflussen kann; Anfänge des Qigong lassen sich bis in das 6. Jh. v. Chr. zurückverfolgen.

Formen

Es sind bis heute über 1000 verschiedene Stilrichtungen bzw. Übungsformen des Qigong bekannt.
Die Einteilung erfolgt nach Art und Schwerpunkten der Übungen:
  • Nei-Gong: Inneres Qigong; die Übungen werden in Ruhe ausgeführt; liegende, sitzende oder stehende Haltung; über die Meditation zu einem Zustand der Stille und innerer Ruhe kommen. Beispiele: Fang-Song-Gong (Entspannungsübungen), Zhan-Zhuang-Gong (Übung der stehenden Säule) und Zhou-Tian-Gong (Übung des Qi-Kreislaufs)

  • Wai-Gong: Äußeres Qigong, Übungen, die v.a. in Bewegung durchgeführt werden. Die inneren Vorgänge sind jedoch ebenso wichtig und Grundlage für die richtige Ausführung. Beispiele: Ba-Duan-Jin (Acht Brokatübungen), Wu-Qin-Xi (Übungen oder Spiel der fünf Tiere)

  • Ying-Gong: Hartes Qigong, Konzentration und Steuerung des Qi verleihen besondere körperliche Fähigkeiten (z.B. eine Steinplatte mit dem Kopf zu zerschlagen); dazu gehören außerdem Übungen zur Willensstärkung und körperlichen Abhärtung; wichtige Rolle v.a. bei den traditionellen chinesischen Kampfkünsten; Beispiele: Tie-Bu-Shan (Eisenhemd-Qigong) und Shao-Lin (Qigong des buddhistischen Heiligtums Shao-Lin)

  • Sonderform Wai-Qi Liao-Fao: Der Therapeut überträgt das eigene Qi über seine Hände auf den Patienten; Voraussetzung: Der Therapeut hat das eigene Qi durch langes Üben kultiviert und gelernt, es zu konzentrieren und zu lenken; diese Methode eignet sich besonders bei Patienten ohne Qigong-Praxis, bei schweren Erkrankungen oder zur Behandlung akuter Schmerzen.

Am weitesten verbreitete Methoden
  • Nei-Gong -Übungen:

    • Kleiner himmlischer Kreislauf

    • Heilende Laute-Methode

    • Daoistische und buddhistische Meditationspraktiken

  • Wai-Gong -Übungen:

    • Acht Brokatübungen (Ba-Duan-Jin)

    • Kranich-Qigong

    • Chan-Mi-Gong

    • 15 Ausdrucksformen des Taiji-Qigong

    • Wildgans-Qigong

    • Eisenhemd-Qigong

    • Fan-Huang-Gong

    • Das Spiel der fünf Tiere.

Nei-Gong-Übungen
Kleiner himmlischer Kreislauf (Kleiner Energiekreislauf, Abb. 9.3)
Mithilfe von Meditation und Vorstellungskraft lässt der Übende Qi im Ren Mai und Du Mai kreisen. Zunächst richtet er seine Aufmerksamkeit auf einzelne Energiepunkte entlang des Energiekreislaufs. Die Vorstellungskraft sollte nicht zu konkret sein, der Atem ist weich und fließend. Man verweilt nicht zu lange bei einem Punkt. Nach einiger Zeit kommt es zu einem Wärmeempfinden oder zu einem Gefühl von fließender Energie.
Diese Methode ist eine grundlegende Übung, den Qi-Fluss zu aktivieren und zu kultivieren, da das Hauptaugenmerk auf die zwei zentralen außerordentlichen Gefäßen Du Mai und Ren Mai gerichtet ist. Sie hat eine lange taoistische Tradition und findet sich in mehr oder weniger ausgeprägter Form in allen Schulen und Stilrichtungen wieder.
Heilende Laute-Methode (Sechs-Laute-Methode)
Hierbei handelt es sich um eine Methode, bei der das Atmen in Kombination mit sechs verschiedenen Lauten geübt wird. Die Laute können bei der Ausatmung hörbar artikuliert werden oder als stille Übung in der Vorstellung praktiziert werden. Es gibt eine Form mit und eine Form ohne Bewegung.
Abhandlungen über die Sechs-Laute-Methode reichen bis ins 6. Jh. unserer Zeitrechnung zurück.
Die Übung beruht auf dem Prinzip, dass durch die Artikulation der verschiedenen Laute Vibrationen bzw. Anspannungs- und Entspannungszustände erzeugt werden, die wiederum auf bestimmte Körperbereiche und Organsysteme wirken. Die Laute lassen sich den sechs Meridianumläufen und den fünf Wandlungsphasen zuordnen:
  • xu (gesprochen hsü): Holz, Leber – Gallenblase

  • hu (gesprochen chu, ch wie in Lachen): Erde, Milz – Magen

  • he (gesprochen chö): Feuer, Herz – Dünndarm

  • si (gesprochen ssi, stimmloses s): Metall, Lunge – Dickdarm

  • chui (gesprochen tschuei): Wasser, Niere – Blase

  • xi (gesprochen hsi, wie China und langes i): Minister-Feuer, Perikard – San Jiao.

Wai-Gong-Übungen
Acht Brokatübungen (Ba-Duan-Jin)
Weit verbreitete und von vielen Schulen unterrichtete Methode, was zur Folge hat, dass es in der Ausführung Unterschiede geben kann. Ein spektakulärer archäologischer Fund im Mawangdui-Grab (168 v. Chr.) in der Provinz Hunan brachte auf Seide gemalte Übungen zum Leiten und Dehnen zutage, die einigen Brokatübungen entsprechen.
Es werden zwei Übungsformen der acht Brokate unterschieden: Die acht Brokate im Sitzen und die acht Brokate im Liegen, wobei die Gemeinsamkeiten der beiden Übungen lediglich im Namen und in den Qigong-Grundprinzipien zu finden sind.
Kranich-Qigong
Noch sehr junge Methode, die Ende der 1970er Jahre von dem Qigong-Meister Zhao Jinxiang und dem Arzt Pang Heming entwickelt wurde (9.1.3). Die Bewegungen imitieren die Bewegungen des Kranichs. Das Kranich-Qigong zeichnet sich durch anmutige, tänzerisch-fließende im Wechsel mit ruhigen Bewegungen aus und genießt einen hohen Popularitätsgrad.
Chan-Mi-Gong
Tibetisch-buddhistisches Qigong, das vor etwa 5 000 Jahren in der Himalaya-Region entstand. Chan Zen, Mi geheim.
Dieser Stil unterscheidet sich in einigen Punkten von anderen Qigong-Stilen:
Beim Chan-Mi-Gong werden die Wirbelsäule und die anderen Gelenke kontinuierlich schlangenartig bewegt. Die vier Basisübungen beinhalten eine Schlangenbewegung der Wirbelsäule nach vorne und hinten, eine seitliche nach rechts und links und eine spiralförmige Rotationsbewegung zu beiden Seiten. In der vierten Basisübung fließen die Bewegungen eins bis drei ineinander über.
Dies führt zu einer besonderen Beweglichkeit der WS und zur Lösung von Blockaden.
Ein weiterer Unterschied ist die Entspannung der Damm- und Schamregion. In der daoistischen Tradition hat der Dammbereich ein leicht nach innen gezogenes, geschlossenes Gefühl, um Qi zu konzentrieren. Im Chan-Mi-Gong soll durch das bewusste Öffnen und Lösen dieses Bereichs eine Verbindung des eigenen Qi mit dem Qi des Kosmos erfolgen. Auf diese Weise lässt sich gleichzeitig verbrauchtes Qi abgeben und reines Qi aufnehmen.
Ausdrucksformen des Taiji-Qigong
Der Ursprung dieser Übungen reicht zurück bis in die Tang-Dynastie (618–907 n. Chr.). Der Daoist Xu Xuan Ping entwickelte damals die 13 Ausdrucksformen der Taiji-Pfahl-Übungen, aus denen Professor Jiao Guorui 1961 die 15 Ausdrucksformen des Taiji-Qigong entwickelte. Die Wurzeln dieser Übungen liegen in der Kampfkunst, sie verbinden jedoch auf ausgewogene Weise Prinzipien der CM, Qigong, Wushu (Kampfkunst) und Lebenspflege (Yangsheng).
Umrahmt von Vorbereitungs- und Abschlussbewegungen beinhaltet diese Form 15 verschiedene Bewegungen, die abwechselnd nach links und nach rechts durchgeführt werden. Besondere Betonung liegt auf der Ausgewogenheit bezüglich rechts und links, oben und unten, Öffnen und Schließen, Steigen und Sinken, Yin und Yang. In dieser Form werden Übungen in Ruhe und Übungen in Bewegung miteinander verbunden.
Wildgans-Qigong (Dayan-Qigong)
Diese Übungsform entwickelte sich in der taoistischen Kunlun-Schule in der Jin-Dynastie (265–420 n. Chr.). Sie ahmt die Bewegungen der Wildgans nach und besteht aus zwei Sequenzen, die je 64 leicht erlernbare Positionen beinhalten. Die fortlaufend geübten Sequenzen sind bewegungsintensiv und zeichnen sich besonders durch ihre Mischung aus Konzentration und Dynamik aus.
Eisenhemd-Qigong
Dieser Stil hat seinen Ursprung in den chinesischen Kampfkünsten und diente den Kämpfern in besonderem Maße zur Entwicklung von innerer Kraft (9.1.1). Sich ein eisernes Hemd anziehen, um sich gegen Verletzungen zu schützen, war ein Ziel dieser Übungen. Einer der bekanntesten Meister ist heute Mantak Chia.
Die Besonderheiten des Eisenhemd-Qigong bestehen in der intensiv geübten Kompressionsatmung, bei der zum einen der Beckenboden durch Anspannung geschlossen und gleichzeitig bei der Inspiration das Zwerchfell gleichmäßig im vorderen, seitlichen und hinteren Anteil gesenkt wird. Es kommt zu einer Druckerhöhung im Unterbauch und zu einer Verdichtung der Energie in der Nabelgegend.
Das Übungssystem umfasst sechs Übungen, von denen die bekannteste Übung die Stellung Den Baum umarmen darstellt (Abb. 9.4). Der Anfänger sollte diese Übungen langsam beginnen, da durch das Üben der Kompressionsatmung Symptome der oberen Fülle erzeugt werden können. Alle sechs Übungen sind außerdem mit relativ hohem Kraftaufwand verbunden.
Fan-Huan-Gong
Geht der Überlieferung nach zurück bis in die östliche Han-Dynastie (25–220 n. Chr.). Die Übungsreihe besteht aus acht bewegten Übungen und einem stillen Teil im Sitzen. Fan Huan bedeutet zum Ursprung/zur Quelle zurückkehren. Dieses System ist Anfang der 1990er Jahre durch Professor Cong Yongchun nach Europa gekommen. Es wurde bis dahin nur direkt vom Meister an den Schüler weitergegeben. Die Wurzeln des Fan Huan liegen im Daoismus, es finden sich jedoch auch starke Einflüsse des Chan-Buddhismus wieder.
Das Spiel der fünf Tiere (Wu-Qin-Xi)
Geht zurück auf den berühmten chinesischen Arzt Hua Tuo (141–203 n. Chr.). Es werden fünf Bewegungsfolgen mit jeweils fünf verschiedenen Bewegungen geübt. Jede Folge ist den Bewegungen eines Tiers nachempfunden und charakterisiert dessen wichtigste Eigenschaften. Zudem entspricht jedes Tier einer Wandlungsphase:
Der Bär – Erde – Milz/Magen (Abb. 9.5)
Der Bär ist charakterisiert durch seine stabile Haltung, durch langsame und tapsige Bewegungen, die sanft und rund wirken (Yin-Aspekt). Es ist eine stark erdverbundene Haltung. Der Yang-Aspekt des Bären kommt zum Ausdruck, wenn man an einen plötzlich angreifenden Bären denkt. Obwohl der Bär schwerfällig wirkt, ist er doch behände und flink. Dieser Yang-Aspekt wird in die Übung integriert.
Der Kranich – Metall – Lunge/Dickdarm (Abb. 9.6)
Der Kranich zeichnet sich durch Eleganz und Leichtigkeit aus. Seine Bewegungen wirken schwerelos, und doch ist er fest mit der Erde verwurzelt. Besonders betont werden das Heben und Senken der Arme (Flügel) und das Stehen auf einem Bein.
Der Tiger – Wasser – Niere/Blase (Abb. 9.7)
Die Macht des Tigers ist auf den ersten Blick zu sehen: Er ist kraftvoll, elegant, furchtlos und schnell, jedoch ohne Eile, da er sich seiner einzigartigen Stellung bewusst ist. Diese Vorstellung sollte man im Geist präsent haben, wenn man den Tiger übt.
Der Hirsch – Holz – Leber/Galle (Abb. 9.8)
Die Bewegungen des Hirschs sind gekennzeichnet durch Ausdehnung und Streckung, er wirkt stolz und kampfeslustig, gleichzeitig ist der Blick des Hirschs weit und klar und spiegelt die Ruhe des Geistes wider.
Der Affe – Feuer – Herz/Dünndarm (Abb. 9.9)
Die im Affen dargestellten Eigenschaften sind v.a. Neugier, Bewegungsfreude, Quirligkeit und Wachsamkeit. Diese Eigenschaften sollen im Spiel des Affen ausgedrückt werden, um v.a. den Geist zu üben.

Grundhaltungen und Methoden

  • Übungen im Liegen: Meist flach auf dem Rücken (evtl. werden Knie- und LWS-Bereich unterpolstert), fördert v.a. die körperliche und geistige Entspannung. Für Menschen ohne Qigong-Erfahrung oder mit schwacher körperlicher Konstitution bzw. schwerer Erkrankung besonders gut geeignet

  • Übungen im Sitzen: Aufrechtes und entspanntes Sitzen im Lotussitz, im Schneidersitz, im Fersensitz (Seiza) oder auf einem Stuhl. Übt man im Schneider- oder Lotussitz und besitzt keine ausreichende Dehnung, um den Rücken gerade zu halten, sollte man die Sitzposition durch ein Kissen erhöhen. Entsteht ein Spannungsgefühl im Kniebereich, sollte man die Knie unterpolstern

  • Übungen im Stehen: Die gebräuchlichste Position ist der schulterbreite Stand: Die Füße stehen parallel, das Gewicht ist im Bereich der Mitte der Füße konzentriert, beide Beine tragen je eine Hälfte des Körpergewichts. Die Knie sind elastisch und gebeugt, der Grad der Beugung ist vom Trainingszustand abhängig. Wichtig ist die Beugung im Bereich der Leiste, gleichzeitig verschwindet durch das Sinkenlassen der Kreuz- und Steißbeinregion die LWS-Lordose. Weitere Positionen sind der Reiterstand (nach den gleichen Prinzipien, nur deutlich breiterer und tieferer Stand, der mehr Kraft erfordert), der Bogenschritt (schulterbreiter Stand plus eine Schrittlänge, 70% des Gewichts liegen auf dem vorderen Bein) und der Sitzschritt (man sitzt auf dem hinteren Bein, das vordere Bein trägt nicht mehr als 10% des Gewichts und steht eine halbe Schrittlänge vor dem Standbein)

  • Übungen im Gehen: Sie umfassen einfaches natürliches Gehen bis hin zu Variationen der Übungen im Stehen oder anderer Übungsformen in Bewegung.

Übungsgrundlagen anhand der sechs Schlüsselpunkte nach Professor Jiao Guorui

Die Schlüsselpunkte nach Professor Jiao geben ein umfassendes Bild der wichtigsten Übungsprinzipien.
Entspannung, Ruhe, Natürlichkeit
Entspannung sowohl des Körpers als auch des Geistes, wobei Entspannung verbunden ist mit innerer Festigkeit und Kraft. Wird dies zu wenig berücksichtigt, kann ein Gefühl von Schlaffheit und Kraftlosigkeit entstehen. Zu viel Kraft wiederum kann zu Starrheit und Steifheit der Glieder führen.
Ruhe bedeutet in erster Linie Ruhe des Geistes und ein Sammeln der Gedanken. Die geistige Aktivität soll vollständig auf die Übung gerichtet sein.
Natürlichkeit in der Bewegung bedeutet, dass jeder Übende in der Ausübung des Qigong auf seine individuellen Veranlagungen Rücksicht nimmt, dabei aber das Bemühen um die richtige Ausführung nicht vernachlässigt. Dies erfordert und schult zugleich Gewahrsein und Selbstdisziplin.
Vorstellungskraft und Qi folgen einander
Grundlage ist das Wissen, dass Gedanken und Vorstellungen Einfluss auf die physiologischen Vorgänge des Körpers haben. Die Vorstellung, dass Qi sich im Dantian (Abb. 9.14) sammelt, wird nach einiger Übungszeit auch von einem Wärmegefühl begleitet sein. Alle Qi-Gong-Übungen haben bestimmte Vorstellungsbilder, um den Qi-Fluss zu erleichtern. Diese Bilder sollten immer angenehme Empfindungen auslösen und nie zu konkret sein (Beispiele: Bei der Übung Stehen wie eine Kiefer zählt man nicht die Nadeln; bei der Übung Halten des Universums stellt man sich nicht vor, wie schwer dieses sein könnte).
Bewegung und Ruhe gehören zusammen
Unter Bewegung versteht man sowohl die äußere Bewegung des Körpers als auch die innere Bewegung des Qi. Die zwei Aspekte der Ruhe sind der Ruhezustand des Körpers und die geistige Ruhe.
Bewegung und Ruhe greifen beim Qigong harmonisch ineinander. Bei einer äußerlichen Übung in Ruhe (z.B. sitzende Übung) sucht man in der Ruhe die Bewegung, bei einer Übung in Bewegung sucht man durch Betonung der inneren Ruhe diese in der Bewegung. Die geistige Ruhe ist bei jeder Übung vorhanden.
Oben leicht – unten fest
Als ungefähre Grenze zwischen oben und unten wird der Nabel gesehen. Während des Übens des Qigong soll der obere Körperbereich als leicht empfunden werden, der untere Bereich als fest und stabil. Ein Bild hierfür ist ein gut verwurzelter Baum, dessen Äste sich leicht im Wind bewegen können, dessen Wurzeln jedoch tief in die Erde reichen.
Die Grundlage der oberen Leichtigkeit ist die Festigkeit im unteren Bereich. Als Übungsanforderung ergibt sich hieraus, dass ein fester, verwurzelter Stand besonders geübt werden muss. Wie wichtig obere Leere und untere Fülle sind, erkennt man in der CM, wenn man Patienten mit dem umgekehrten Bild behandelt, nämlich obere Fülle/untere Leere mit Symptomen wie Kopfschmerzen, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Schwindel bzw. Knie- und Rückenschmerzen bei unsicherem Stand.
Das richtige Maß
Will man die positiven Wirkungen des Qigong erfahren, ist regelmäßiges Üben die Grundvoraussetzung. Ein zu intensives Üben kann jedoch zu schädlichen Wirkungen (z.B. Überlastung der Gelenke) führen. Der Lehrer kann dabei helfen, das richtige Maß zu finden, was anfangs etwas schwierig ist.
Das richtige Maß am Beispiel von Körperhaltung, Vorstellungskraft, Atmung, Übungsdauer:
  • Körperhaltung: Von grundlegender Bedeutung ist eine lockere und natürliche Haltung, wobei jede Übung spezielle Anforderungen an den Übenden stellt. Kleine Abweichungen, die den physiologischen Unterschieden der Übenden entsprechen, sind akzeptabel. Die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit (z.B. durch zu langes und zu tiefes Stehen) sollten nicht überschritten werden. Als Maßstab gilt, dass sich der Übende nach dem Training nicht erschöpft, sondern erfrischt fühlt, was jedoch nicht heißt, dass er v.a. als Anfänger nicht müde Beine bekommt

  • Vorstellungskraft: Man achtet auf die Vorstellungskraft, aber man betont sie nicht. Es findet kein Fixieren eines Gedankens oder Haften an ihn statt, da dies zu einer Starrheit und zu Verkrampfungen führen kann. Ist die Vorstellung nicht ausreichend stark, lenkt sie nicht das Qi. Ist sie zu konkret oder fixiert, führt sie zu Blockaden

  • Atmung: Als Anfänger sollte man den Atem nicht beachten. Man richtet die Aufmerksamkeit auf eine natürliche Haltung und beherzigt die Prinzipien der geistigen Gelassenheit und Ruhe. Nach einer Weile wird sich das richtige Atmen harmonisch in die Übung einfügen und dadurch den freien Qi-Fluss begünstigen. Erst wenn dieser Zustand erreicht ist, kann man durch spezielle Atemtechniken sein Können erweitern

    • 1. Beispiel: Durch Betonung der Zwerchfellatmung wird Qi im Dantian (Abb. 9.14) konzentriert und verdichtet. Dabei achtet man auf das Senken des Zwerchfells im vorderen, seitlichen und hinteren Bereich

    • 2. Beispiel: Während des Einatmens hält man den Becken- und Bauchbereich geschlossen, die Beckenbodenmuskulatur entwickelt eine haltende und nach innen gerichtete Kraft. Hierdurch wird Qi noch stärker im Dantian (Abb. 9.14) verdichtet. Cave: Wird die Konzentration und Verdichtung nicht gut dosiert und im Dantian gehalten, kann Qi aufsteigen und zu Beschwerden durch obere Fülle führen

  • Übungsdauer: Man sollte nie bis zur Erschöpfung trainieren. Ehrgeiz, Ungeduld und Zwang stehen in direktem Widerspruch zu den Prinzipien des Qigong. Sie können zu Überdruss und Überlastungssymptomen führen. Um die positiven Wirkungen des Qigong zu erfahren, ist regelmäßiges Üben zwar Voraussetzung, es sollte aber aus einer Mischung von Motivation und Disziplin heraus geschehen.

Schritt für Schritt üben
Die größte Herausforderung ist die Ungeduld. Es gilt, das richtige Maß zu halten, Ausdauer zu entwickeln und nicht mit den schwierigsten oder spektakulärsten Übungen zu beginnen. Der Erfolg kommt langsam und stetig, aber er wird sich mit Sicherheit einstellen.

Therapeutische Anwendungen

Wirkung und Indikation
Bei richtiger Übungsweise kommt es zu einer Verbesserung der physischen, psychischen und geistigen Funktionen und Verfassung. Qigong wirkt harmonisierend und stärkend auf alle FK und fördert den Qi-Fluss in allen Meridianen. Darüber hinaus haben einzelne Übungen Schwerpunkte bezüglich der Beeinflussung der einzelnen Meridiane, was bei der Auswahl der Übungen aus therapeutischer Sicht hilfreich sein kann.
Aus dieser umfassenden Wirkung auf den Menschen ergibt sich eine Fülle an möglichen Indikationen.

Qigong fördert und harmonisiert den Qi-Fluss langsam und stetig. Einen schnellen Erfolg durch einen Qigong-Trick bei einer speziellen Erkrankung sollte man nicht erwarten.

Medizinische Indikationen:
  • Erkrankungen des Bewegungsapparats: Arthritiden, Arthrose, Wirbelsäulenbeschwerden, Fehlhaltungen und Fehlbelastungen, rheumatische Erkrankungen, postoperative Mobilisation

  • Chronische Kopfschmerzen, insbesondere Spannungskopfschmerz und Migräne

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Hypotonie, Hypertonie, KHK, insbesondere Nachbehandlung nach Herzinfarkt

  • Erkrankungen des Nervensystems und vegetative Störungen: Erschöpfungszustände, Depression Angstzustände (cave: Verschlimmerung möglich, individuelle Indikationsstellung), Schlafstörungen, ADS/ADHS bei Kindern

  • Atemwegserkrankungen: Allergische Rhinitis, chronische Bronchitis, Asthma bronchiale

  • HNO-Erkrankungen: Tinnitus, Schwindel

  • Urologische Erkrankungen: Chronische Harnwegsinfekte, Inkontinenz, Potenzstörungen

  • Gynäkologische Erkrankungen: Menstruationsbeschwerden und -störungen, klimakterische Beschwerden

  • Stoffwechselerkrankungen: Diabetes mellitus, Adipositas, Gicht

  • Erkrankungen des Verdauungstrakts: Refluxerkrankung, Gastritis und Ulcera ventriculi und duodeni, Blähungen, Obstipation, chronische Diarrhö.

Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Bei Einhaltung der sechs Schlüsselpunkte sind unerwünschte Wirkungen und Effekte unwahrscheinlich. Diese ergeben sich häufig erst, wenn z.B. das richtige Maß nicht eingehalten wird.
Zu den Nebenwirkungen zählen Schmerzen des Rückens oder der Knie bei zu langem Üben oder zu tiefem Stand, Symptome der oberen Fülle wie Kopfschmerzen, Nackenschmerzen durch zu anstrengende Haltearbeit der Arme oder forcierte und falsch geleitete Atmung.
Aus den unerwünschten Wirkungen ergeben sich einzelne relative Kontraindikationen:
  • Wer an Symptomen von oberer Fülle leidet, sollte zunächst keine Stellungen einnehmen, bei denen es zu einer Kopftieflage kommt

  • In der Schwangerschaft oder während der Menstruation sollten ein sehr tiefer Stand oder Drehbewegungen im unteren Kreuzbereich nicht geübt werden.

Cave: Eine absolute Kontraindikation ist ein Zustand akuter geistiger Verwirrung (z.B. Psychose). Insbesondere die Vorstellungsübungen könnten zu einer akuten Verschlechterung führen. Ist der geistige Zustand wieder stabil, kann v.a. durch harmonische Übungen in Bewegung eine weitere Verbesserung des geistigen Zustands erreicht werden.

Weitere Anwendungsbereiche

Qigong-Übungen betreffen den ganzen Menschen. Daraus ergeben sich breit gefächerte Anwendungsbereiche, die über den therapeutischen Ansatz weit hinausgehen:
  • Qigong in der Kinderbetreuung und Schule

  • Qigong für Senioren, insbesondere in Tagesstätten und Pflegeheimen

  • Qigong am Arbeitsplatz.

Der Übende wird durch Qigong eine Methode erlernen, die es ihm ermöglicht, zur Ruhe und eigenen Mitte zu finden, die körperliche Beweglichkeit zu verbessern und bis ins hohe Alter zu erhalten sowie Gesundheit und Wohlbefinden aus eigener Kraft günstig zu beeinflussen. Aufgrund der daoistischen und buddhistischen Grundlagen beschreitet er außerdem einen Weg der Selbsterkenntnis und des tieferen Verständnisses der Naturgesetze. Dies geschieht jedoch nicht durch eine Flucht in eine vergeistigte Welt, sondern durch das Erleben und bessere Verständnis der alltäglichen Dinge.

Qigong für Therapeuten

Oswald Elleberger

Wie viel Arbeitsbelastung kann man ertragen?

Jeder Therapeut steht vor dem Problem, wie er sich vor einer schädigenden Überlastung schützen kann. Dies bedeutet oft Schutz vor sich selbst und seinen eigenen Ansprüchen. Dabei bestehen einerseits von Mensch zu Mensch große individuelle Unterschiede in der Belastungsfähigkeit, andererseits kann ein- und dieselbe Person manchmal extreme Belastungen gut aushalten, zu einem anderen Zeitpunkt aber schon bei leichteren bzw. speziellen Stress-Situationen dekompensieren.
Als großes Problem ist v.a. die Dauerbelastung im Berufsleben anzusehen. Dabei kristallisiert sich eine auffallende Gesetzmäßigkeit heraus:
Egal, wie groß die persönliche Belastungsfähigkeit sein mag, die selbst gezogene Grenze, das Mehr geht nicht wird fast ausnahmslos falsch bzw. zu spät gesetzt, d.h. zu einem Zeitpunkt, wenn die Überlastung bereits Schäden zeigt.
Beispiele dafür:
  • Der Manager, der erst dann mit dem Delegieren von Aufgaben beginnt, wenn er bereits tief erschöpft und ausgebrannt ist

  • Die Mutter, die ihr Kind erst dann nicht mehr hebt und trägt, wenn es ihr auch unter großer Kraftanstrengung nicht mehr gelingt.

Den genannten Beispielen ist eines gemeinsam: Warnhinweise in Bezug auf negativen Stress wurden im Vorfeld ignoriert und Überlastung wie Schädigung vollziehen sich bereits vor den selbst gesetzten Grenzen.
Bei therapeutischen Tätigkeiten handelt es sich im Allgemeinen um Belastungen, die täglich über eine lange Zeit einwirken. Ein einziges Zuviel, eine einzelne Überlastung mag oft nur ein Mikrotrauma sein, in der kumulativen Wirkung über Jahre zehrt dieser Effekt aus und schädigt v.a. das Ursprungs-Yuan-Qi (2.3.1) und damit die Grundvitalität eines Menschen.
Aufgrund der genannten Ausführungen empfiehlt sich zur Vermeidung eines Burnout-Syndroms (13.18.6) folgende Strategie:
  • Kritische Bestandsaufnahme des anfallenden Arbeitspensums

  • Vergleich mit dem möglichen Arbeitspensum über eine längere Zeit

  • Je nach Bilanz Reduktion der Arbeitsbelastung, wobei fast immer ein Minus von 20–40% zum möglichen Arbeitspensum wünschenswert erscheint.

Ausnahmen von dieser Strategie können für Personen wie etwa Künstler gelten, deren intensive Arbeit so viel Energie bringt, dass sie nicht schädigend, sondern sogar aufbauend wirkt.
Neben der Reduktion des Yang (Arbeitspensum) ist auch eine Steigerung des Yin anzuraten – durch den sinnvollen Einsatz von Pausen und die Ausdehnung von Regenerationsphasen.

Regenerationsphasen in der Praxis (Yin)

Spätestens nach einer Stunde Arbeitszeit eine kurze Pause einschieben. Dafür kurz das Fenster öffnen, einige reinigende Atemzüge durchführen (Abb. 9.11), außerdem Dehn-, Wipp- und Streckübungen oder andere Maßnahmen, die das Qi bewegen und vermehren.
Bei dieser Gelegenheit dem Körper bewusst Flüssigkeit zuführen, am besten Wasser, das im Winter unbedingt warm bis heiß sein muss, um das Qi der Mitte nicht zu schwächen.

Mehrere Pausen dieser Art – keine muss länger als zwei bis drei Minuten dauern – können Lebensgefühl und Lebensfreude spürbar anheben und bessern.

Erholsamer und entspannter Schlaf ist ein bedeutender Energiespender. Ebenso sollten die Wochenenden als wichtige Regenerationsphasen zum energetischen Aufbau genutzt und die Freizeit entsprechend geplant werden. Deswegen ist es wichtig und notwendig, anstrengende Freizeitaktivitäten kritisch zu hinterfragen und diese ggf. zu kürzen bzw. ganz zu meiden.

Klare Trennung von Yin und Yang

Neben dem falsch eingeschätzten negativen Effekt von kleinen Überlastungen in ihrer kumulativen Wirkung ist die Vermischung von Berufs- und Privatleben ein weiterer häufiger Fehler, der sich negativ auf die körperliche und geistige Balance und Belastbarkeit auswirkt.

Unterscheide klar zwischen Yin und Yang. Dieser wichtige und bewährte Leitgedanke des Taijiquan bedeutet in diesem Zusammenhang, Berufs- und Privatleben klar voneinander zu trennen. So sollte man in seinen Regenerationsphasen z.B. nicht andauernd über Arbeitsprobleme grübeln.

Unterstützend wirkt die klare Wahrnehmung von Arbeitsbeginn und -ende, um ungünstige Vermischungen und fließende Übergänge zu vermeiden.

Ebenso ist es notwendig, in der Interaktion zwischen Therapeut und Patient eine klare Trennung durchzuführen. Hier sind bewusst eingesetzte Strategien und Maßnahmen zum Schutz, zur Abwehr und zur Wahrung der Intimsphäre wichtig (Abgrenzung, Nähe – Distanz, Sorgen für ein eigenes gutes Energiefeld, günstige Sitz- und Arbeitshaltungen, Vermeiden von übermäßiger Anteilnahme (der Therapeut hat keine Schicksalsverantwortung für den Patienten), selbst eine starke Mitte finden im persönlichen wie im beruflichen Leben, Umfeldfaktoren wie Schaffung eines energetisch guten Arbeitsplatzes etc.).

Der Arbeitstag

Im Folgenden werden einige bewährte Methoden für die Gestaltung eines Arbeitstages dargestellt, die bei konsequenter Anwendung eine positive Wirkung sowohl auf die Arbeitskraft als auch auf die Regenerationsfähigkeit von Körper und Geist entfalten:
  • Rituale

  • Meditation

  • Qigong-Übungen

  • Massage der Energiezentren Pe 8 (Laogong) und Ni 1 (Yongquan)

  • Entspannung (Liegeposition).

Rituale
Unter dem Begriff Ritual gibt der Duden Folgendes an: Wiederholtes, immer gleich bleibendes, regelmäßiges Vorgehen nach einer festgelegten Ordnung. Ein Ritual kann z.B. dem Organismus den Übergang vom privaten zum beruflichen Bereich erleichtern und dazu dienen, eine klare Trennlinie zwischen diesen beiden Bereichen zu ziehen.

Rituale sollten den Beginn einer Arbeit und deren Ende begleiten (klare Trennung von Yin und Yang).

Beispiele für Rituale:
  • Die Fenster öffnen und ein paar tiefe Atemzüge durchführen

  • Eine Tasse Kaffee oder Tee genießen

  • Ein kurzes Gebet

  • Eine Qigong-Übung.

Neben ihrer trennenden Funktion erfüllen Rituale eine weitere wichtige Funktion: Sie versetzen in eine positive Stimmung. So kann man z.B. am Ende eines Tages zufrieden auf das Geleistete zurückblicken bzw. den Arbeitstag mit positiven Gedanken und Gefühlen beginnen. Mit Nachrichten aus Zeitung oder Radio über Arbeitslosigkeit, Korruption und Mord schon am Frühstückstisch konfrontiert zu sein, ist keine entspannte Einstimmung auf den Tag. Alternativ könnte man gute Musik hören oder die morgendliche Ruhe genießen.
Meditation

Eine kurze, ca. 5-minütige Meditation leitet den eigentlichen Arbeitstag ein oder beendet ihn. Sie verstärkt das Ritual (siehe oben) in seiner Wirkung.

Schon nach kurzer Zeit und insbesondere bei regelmäßiger Übung kann man feststellen, wie sich diese kurzen Meditationen positiv auf den Gemütszustand auswirken.
Praktische Durchführung
Position und Atmung:
  • Auf den vorderen Teil der Sitzfläche eines Stuhles setzen, der so hoch sein sollte, dass die Oberschenkel in eine waagerechte Position kommen und die Unterschenkel in einem rechten Winkel senkrecht nach unten stehen. Ein festes Polster kann helfen, die richtige Höhe einzustellen

  • Die Hüftgelenke entspannen, sodass zwischen den Knien ein Abstand besteht. Die Fersen befinden sich senkrecht unter den Knien. Die korrekte Stellung zeigt sich daran, dass die Knie weder die Tendenz haben, nach außen noch nach innen zu kippen

  • Die Füße flach aufstellen mit gutem Bodenkontakt

  • Das Gewicht genau auf die Sitzhöcker verlagern und die Wirbelsäule locker aufrichten

  • Den Blick geradeaus in die Ferne richten und dann die Augen schließen, dabei die gesamte Augenregion entspannen

  • Durch die Nase ein- und ausatmen, dabei während der Einatmung den Weg der Luft von außen nach innen von den Nasenlöchern über Rachen, Kehlkopf und Bronchien bis in die Lungenflügel spüren und bei der Ausatmung dem Weg wieder von innen nach außen folgen

  • Der Mund ist geschlossen, den Unterkiefer ein wenig hängen lassen, sodass sich die Zähne gerade nicht mehr berühren und die Entspannung der Kaumuskeln gut zu spüren ist. Die Zunge ruht locker im Unterkiefer

  • Vor dem Unterbauch die Handflächen so zusammenlegen, dass die Zentren der Hände genau zueinander stehen, wobei die rechte Hand oben ist. Die Ellenbogen weisen deutlich nach außen. Lässt man sie gut sinken, entspannen sich auch die Schultern (Abb. 9.10).

Vorstellung: In der Meditationsübung wird versucht, den Geist-Shen zu sammeln und zu beruhigen. Meist wandert der menschliche Geist unruhig und ziellos hin und her. Durch meditative Maßnahmen versucht man, eine Stille des Geistes zu bewirken, wie wenn man die Wellen eines Teichs glättet, sodass man statt der unruhigen Oberfläche durch das klare Wasser bis zum Grund sehen kann.
Die Konzentration liegt dabei hauptsächlich auf der Atmung, sie sollte leicht, frei, angenehm und ungehindert fließen. Besonders das Ausatmen sollte man sehr bewusst gestalten, dabei hilft die gezielte Bauchatmung.
Störende, immer wiederkehrende Gedanken nicht krampfhaft verscheuchen, was sie energetisieren und stabilisieren könnte. Vielmehr versuchen, unbeeindruckt leicht weiterzuatmen. Auf diese Weise werden die Unruhestifter geschwächt und zur Aufgabe gezwungen.
Qigong-Übungen

Während Rituale und Meditation den Anfang (Yang) und das Ende (Yin) des Arbeitstages markieren und energetisieren, dienen Qigong-Übungen dazu, Therapeuten während der Arbeit zu reinigen und zu stärken.

Verfolgt man keinen bestimmten Zweck, kann man leichte Übungen auswählen wie z.B.:
  • Ein paar tiefe Atemzüge in Bauchatmung mit Bewusstwerden des Unterbauchbereichs

  • Warmreiben des Unterbauchbereichs mit Wippen in den Beinen

  • Lockerungs- und Bewegungsübungen wie Hüftkreisen oder Hüftbewegungen nach links und rechts oder nach vorne und hinten, Hals- und Nackenregion lockern durch leichte Bewegungen, Schaukelbewegungen auf den Sitzbeinhöckern in Sitzposition auf einem Stuhl, Dehnübungen der Arme.

Reinigungsübungen
Mit speziellen Übungen können negative Energien gezielt ausgeschieden werden, z.B. durch reinigende Atemübungen. Dabei erfolgt die Ausatmung durch den geöffneten Mund und die Einatmung durch die Nase.
Übung: Reinigende Atmung
Ausgangsposition: Die Füße hüft- bis schulterbreit auseinanderstellen, der Kopf ist leicht, die Wirbelsäule locker aufgerichtet, die Arme entspannt seitlich hängen lassen, den Blick in die Ferne richten.
Durchführung: In die Knie gehen und tief durch den weit geöffneten Mund ausatmen (Abb. 9.11a). Dabei den oberen Brustkorb entspannen, die Schultern nach vorn bringen und die Flanken sinken lassen. Die Bauchmuskeln spürbar anspannen. Gegen Ende der Ausatmung sind die Muskeln der Körpervorderseite und v.a. die Bauchmuskeln angespannt, wobei ein deutlicher Rundrücken entsteht. Die Rückenmuskeln sind entspannt. Die Arme weiterhin locker herabhängen lassen.
Bei der vertieften Einatmung durch die Nase den Körper aufrichten, bis die Knie gestreckt sind und die Wirbelsäule nach hinten gebogen ist. Dabei die Bauchmuskeln entspannen, wobei sich der Bauch vorwölbt. Zunächst die Flanken seitlich, dann auch den oberen Brustkorb etwas anheben. Die Muskeln der Körpervorderseite sind nun entspannt, die Rückenmuskeln angespannt (Abb. 9.11b).
Vorstellung während der Übung: Bei der Ausatmung mit der intensiven Vorstellung üben, dass mit dem Ausatmen Negatives und Verbrauchtes abgegeben werden. Die Einatmung dient der Aufnahme von frischer Energie, bildet aber nicht den Fokus dieser Übung – konzentrierte Möglichkeiten der Energieaufnahme werden unter der Übungsfolge Aufnehmende Übung beschrieben (siehe unten).
Bedeutung: Die reinigende Atmung ist eine wesentliche Grundlage für die Ausscheidung von negativen Energien. Eigentlich ist jede Atemform, die eine etwas verstärkte Ausatmung durch den Mund und die Einatmung durch die Nase beinhaltet, eine reinigende Atmung. Durch die starke Wirbelsäulenbewegung stellt diese Übung eine kräftige Form der reinigenden Atmung dar. Als einzelne Maßnahme ist die reinigende Atmung (mit starker Wirbelsäulenbewegung) auch bei leichten Störungen geeignet (ggf. am Schreibtisch sitzend).
Übung: Ausscheidungsübung
Ausgangsposition: In der Ausgangsposition vor dem Einatmen die Füße weiter als schulterbreit auseinanderstellen, der Kopf ist leicht, die Wirbelsäule locker aufgerichtet, die Arme entspannt seitlich hängen lassen, den Blick in die Ferne richten (Abb. 9.12a).
Phase 1: Aus der Ausgangsposition heraus beide Arme in der Mitte gleichzeitig im Bogen nach vorne und oben heben, bis sich die Hände über dem Kopf befinden. In der mittleren Phase der Bewegung zeigen die Handflächen nach oben. Dabei durch die Nase einatmen (Abb. 9.12b, Abb. 9.12c).
Phase 2: Die Ellenbogen zur Seite schwenken und im Gelenk beugen, die Hände nach unten sinken lassen, dabei die Handflächen horizontal zum Boden richten und die Fingerspitzen der beiden Hände so halten, dass sie jeweils zueinander gerichtet sind (Abb. 9.12d, Abb. 9.12e). Dabei mit der Ausatmung durch den Mund beginnen.
Phase 3: Die Arme bis auf Höhe von Dantian (vier Finger breit unterhalb des Nabels zentral im Unterbauch, Abb. 9.14) knapp vor dem Körper nach unten führen, und zwar so nahe, dass Daumen und Zeigefinger während der Bewegung beinahe Gesicht, Brust und Oberbauch berühren. Während der Bewegung etwas in die Knie gehen und gegen Ende der Phase 3 auch den Oberkörper leicht nach vorne neigen (Abb. 9.12f). Dabei durch den weit geöffneten Mund weiter ausatmen.
Phase 4: Noch stärker in die Knie gehen und den Oberkörper noch deutlicher nach vorne neigen. Die Hände gehen weiter nach unten, schwenken nach außen entlang der Oberschenkel und gelangen dadurch in die Endposition. Hier die verbleibende Atemluft stoßartig herausdrücken. Die Handflächen zeigen in der Endposition schräg nach unten und außen (Abb. 9.12g). Der Blick geht nach vorne und unten (etwa acht bis zehn Meter nach vorne auf den Boden).
Phase 5: Durch eine Streckung in den Knien wieder in die Ausgangsposition zurückkehren, sodass die Wirbelsäule aufgerichtet ist, den Blick wieder geradeaus in die Ferne richten.
Ausführungstempo: Während der Phasen 1 und 2 die Bewegung langsam durchführen, in der Phase 3 und am Anfang der Phase 4 zunehmend schneller werden, um schließlich gegen Ende der Phase 4 mit einer Wegschleuderbewegung (stoßartiges Ausatmen) abrupt zu enden. Das Aufrichten zur Ausgangsposition (Phase 5) erfolgt wieder langsam. Zu Beginn der Phase 5, beim Zurückkehren in die Ausgangsposition, durch die Nase einatmen und schließlich in der Ausgangsposition durch die Nase ausatmen. Dies bereitet den Beginn einer neuen Phase 1 (mit Einatmung) vor.
Übungszahl: Normalerweise werden drei Ausscheidungen hintereinander durchgeführt.
Vorstellung: Bei der Ausatmung sollte man sich vorstellen, Schlechtes und Negatives aus dem Körper zu entfernen. Beim Entlangstreifen der Hände nahe am Körper nehmen sie das Negative auf, das dann durch die Armbewegung entlang der Oberschenkel rasch und bestimmt vom Zentrum entfernt und durch das plötzliche Abstoppen weggeschleudert wird. Beim Ausscheiden stellt man sich vor, dass sich die negativen Energien, sobald sie den Organismus verlassen haben, in Nichts auflösen, um zu verhindern, dass das Umfeld, in dem man diese Übung durchführt, belastet wird. Die Einatmung dient bei dieser Übung eher als Vorbereitung auf eine gute und wirkungsvolle Ausatmung mit Ausscheidungsfunktion und nicht so sehr der Aufnahme von frischem, unverbrauchtem Qi.
Bedeutung: Mithilfe der Ausscheidungsübung wird ein starker Impuls zur Reinigung und Befreiung des Organismus gesetzt. Mit etwas praktischer Übung kann sie als ein überaus wirkungsvolles Instrument der Selbstheilung dienen.
Aufnehmende Übung
Neben den Reinigungsübungen gibt es die Möglichkeit der Harmonisierung und Stärkung mit frischem Qi durch aufnehmende Übungen, wofür die folgende ein Beispiel ist.
Ausgangsposition: Die Füße hüft- bis schulterbreit auseinander und die Fußinnenkanten parallel stellen. Die Knie sind deutlich gebeugt. Der Kopf ist leicht, die Wirbelsäule locker aufgerichtet, der Blick geht entspannt in die Ferne. Die Arme vor dem Unterbauch (Dantian, Abb. 9.14) überkreuzen, dabei weisen die Handflächen nach oben (Abb. 9.13a). Die Ausgangsposition entspricht dem Ende der Phase 5 (siehe unten).
Phase 1: Aus der Ausgangsposition heraus langsam die Beine strecken. Die Arme langsam bis auf Brusthöhe heben, wodurch die Handflächen in Richtung Körper weisen (Abb. 9.13b).
Phase 2: Die Beine weiter strecken, bis die Knie nur noch minimal gebeugt sind. Die Arme weiter bis auf Stirnhöhe nach oben bewegen und dabei die Handflächen langsam so drehen, dass sie schließlich vollständig nach vorne zeigen (Abb. 9.13c).
Phase 3: Die Hände weiter nach oben über den Kopf heben und dabei gleichzeitig nach außen öffnen, die Handflächen zeigen dabei weiterhin nach vorne. Die Knie sind nun locker gestreckt (Abb. 9.13d).
Phase 4: Nun langsam wieder in die Knie gehen. Die Arme gleichmäßig sinken lassen, sodass die Handflächen am Ende der Phase zum Boden zeigen, dabei die Handgelenke nicht beugen, sondern Arme und Hände bilden eine gerade Linie (Abb. 9.13e).
Phase 5: Weiter in die Knie gehen, bis die gleiche Beugung wie am Anfang erreicht wird. Während die Arme weiter nach unten sinken, werden die Ellenbogengelenke gebeugt, wodurch eine schaufelnde Bewegung der Hände entsteht. Dadurch kehrt man in die Ausgangsposition zurück (Abb. 9.13a). Während der gesamten Phase 5 werden die Handflächen kontinuierlich gedreht, sodass sie zuerst zum Boden und am Ende dieser Phase nach oben weisen. Unterarme und Hände sollten dabei eine gerade Linie bilden, die Handgelenke sollten nicht gebeugt sein.
Ausführungstempo: Die Bewegungen während der gesamten Übung sehr ruhig und langsam ausführen.
Wirbelsäule: In allen Phasen bleibt die Wirbelsäule locker aufgerichtet, schwenkt aber in der Einatmung in ein leichtes Hohlkreuz und in der Ausatmung in einen leichten Rundrücken.
Atmung: Tonisierend Atmen: In den Phasen 1, 2 und 3 durch den Mund einatmen, in der Phase 4 mit der Ausatmung durch die Nase beginnen und dann in der Phase 5 beenden.
Vorstellung: Bei der Einatmung sollte man sich vorstellen, frisches, klares und energiereiches Qi aufzunehmen, bei der Ausatmung lässt man das aufgenommene Qi zu Dantian (Abb. 9.14) in den Unterbauch sinken.

  • Alle Übungen sollten mit einer Zentrierung abgeschlossen werden wie z.B. mit einer kurzen Massage des Unterbauchs, ein paar Kreisen aus dem Becken, ein paar tiefen Atemzügen in den Unterbauch. Abschließend die Handflächen über Dantian legen (Abb. 9.14)

  • Es hat sich bewährt, nach jeweils ca. 45 min (max. 60–70 min!) Arbeit für 2–3 min Qigong-Übungen durchzuführen

  • Mithilfe einer Stoppuhr kann man ruhig und entspannt eine beliebige Übung 2 min lang durchführen. Dabei ist es oft erstaunlich, wie lange 2 min dauern können, wenn sie bewusst wahrgenommen werden; ebenso, um wie viel besser man sich nach einer durchgeführten Übung fühlt

  • Nach schwierigen, kräftezehrenden Therapiesitzungen empfiehlt es sich stets, eine Übung durchzuführen. Das Üben wirkt schon nach kurzer Eingewöhnungszeit positiv auf Körper und Geist.

Ich habe keine Zeit zum Üben ist ein häufiges, aber unkluges und auch unzutreffendes Argument! Wer keine Zwei-Minuten-Pausen einschieben kann, hat ein ernsthaftes Problem, das gelöst werden sollte.

Massage der Energiezentren Pe 8 (Laogong) und Ni 1 (Yongquan)
Die auch in der Akupunktur eingesetzten Punkte Pe 8 (Laogong, Palast der Arbeit) und Ni 1 (Yongquan, sprudelnde Quelle) stellen mit ihrer Umgebungsregion wichtige Zentren für den Energieaustausch mit der Umwelt dar. Durch Massage dieser Zentren kann die Durchlässigkeit für Qi verbessert werden. Bemerkbar macht sich dies in verbesserter Energetisierung bei der therapeutischen Arbeit, v.a. wenn man – auch im weitesten Sinne – manuell arbeitet und, noch wichtiger, in einer Steigerung der Fähigkeit zum Abtransport von Negativem aus dem Organismus.
Massage von Laogong
Laogong (sprich Laogung) liegt zwischen dem dritten und vierten Mittelhandknochen in der Mitte der Handfläche (Abb. 9.15). Bei geschlossener Faust liegt Laogong genau unter der Ringfingerspitze.
  • Bei der Massage des rechten Laogong den rechten Handrücken auf die nach oben weisende linke Handfläche legen (Abb. 9.16, Massage von Laogong bei gut aufgerichteter Wirbelsäule)

  • Die Kuppe des linken Daumens über Laogong legen und kreisend dreimal nach links, dreimal nach rechts massieren usw. Die Kreise mit sehr leichter, kaum merklicher Berührung beginnen und dann allmählich verstärken, wodurch mehr Tiefenwirkung erzielt wird.

Durchführung
  • Etwa min Massage-Dauer auf jeder Seite ist ausreichend

  • Während der Massage ruhig und ohne Pausen durch die Nase ein- und ausatmen. Wird in einem langsamen Tempo massiert, beruhigt und vertieft sich die Atmung ganz allmählich und natürlich

  • Ein freundlicher Gesichtsausdruck mit Blick in die Ferne erleichtert die entspannte Aufrichtung der Wirbelsäule.

Wirkung: Durch die Massage wird der Bereich um Laogong angeregt, geöffnet und aktiviert. Dies ist mit etwas Übung durch ein fühlbares Pulsieren wahrnehmbar. Dabei sollte man sich gut und bewusst auf die Wahrnehmung konzentrieren und sich nicht durch abschweifende Gedanken ablenken lassen.
Massage von Yongquan
Yongquan (sprich Yungtschüan) liegt in einer Vertiefung der Fußsohle, die entsteht, wenn die Zehen etwas eingerollt werden. Teilt man die Fußsohle (ohne die Zehen) in drei Drittel, dann liegt Yongquan am Übergang vom ersten zum zweiten Drittel, zwischen dem zweiten und dritten Mittelfußknochen (Abb. 9.17).
Durchführung
  • Bequem auf einen Sessel setzen und die Schuhe ausziehen. Die Socken können anbehalten werden, in einem wohltemperierten Raum ist es jedoch besser, auch die Socken abzulegen

  • Die Wirbelsäule locker aufrichten und den Blick in die Ferne gehen lassen

  • Für die Massage der linken Yongquan-Region den linken Unterschenkel über den rechten Oberschenkel legen (Abb. 9.18, Massage von Yongquan mit guter Zentrierung)

  • Die rechte Daumenkuppe über Yongquan legen, die restlichen vier Finger unterstützen den Fußrücken

  • Nun kreisend dreimal nach links, dreimal nach rechts usw. massieren

  • Ist Yongquan bei der Massage schmerzhaft, muss der Druck verringert werden

  • Etwa min Massage-Dauer auf jeder Seite ist ausreichend

  • Während der Massage ruhig und ohne Atempausen durch die Nase ein- und ausatmen. Wird in einem langsamen Tempo massiert, beruhigt und vertieft sich die Atmung ganz allmählich und natürlich

  • Ein freundlicher Gesichtsausdruck mit Blick in die Ferne erleichtert die entspannte Aufrichtung der Wirbelsäule.

Entspannung (Liegeposition)
Wenigstens einmal am Tag sollte man eine ausgiebigere Ruhepause (oder z.B. ein Mittagsschläfchen) einlegen. Üblicherweise wird zur tiefen Entspannung eine Liegeposition verwendet, in der man auf dem Rücken liegt und die Arme und Beine locker ausstreckt (Abb. 9.19).
Diese Position hat jedoch den gravierenden Nachteil, dass sich dabei die gesamte Wirbelsäulenmuskulatur nicht gut entspannt. So entsteht meist ein mehr oder weniger starkes Hohlkreuz, was den Erholungseffekt auch in längeren Ruhepausen beeinträchtigt. Auch die Halsmuskulatur kann sich nicht optimal entspannen.
Aus diesem Grund ist es günstiger, eine verbesserte Liegeposition anzustreben, die es der gesamten Rückenmuskulatur ermöglicht, sich zu entspannen. Diese Position ist daher auch bei Rückenschmerzen sehr zu empfehlen. Den Entspannungseffekt für den unteren Rücken kann man noch durch einen Stuhl, auf den man die Fersen legt, verbessern.
Verbesserte Liegeposition
  • In Rückenlage die Beine anziehen, bis die Knie in Richtung Decke weisen. Der Abstand von den Fersen bis zum Gesäß sollte etwa 20–30 cm betragen. Dabei die Fußsohlen flach aufstellen. Die Knie nicht zusammenpressen, sondern in einem deutlichen Abstand voneinander positionieren (Abb. 9.20a). Die Position der Füße und Knie so lange verändern, bis man den Eindruck hat, dass die Beine sich selbst tragen und die Knie weder die Tendenz zeigen, nach innen noch nach außen zu kippen. In dieser Position kommt die Lendenwirbelsäule angenehm gestreckt in Kontakt zur Unterlage

  • Eine entspannte Lagerung der Halswirbelsäule können Bücher oder ein zusammengelegtes Handtuch bewirken.

  • Für die richtige Lagerung ist entscheidend, ob sich die Kehlkopfregion frei und durchlässig anfühlt (Abb. 9.20b), dies entspricht fast immer auch einer guten Position für die Halswirbelsäule

  • Da die individuell notwendige Unterlagenhöhe um bis zu 10(!) cm schwanken kann, lässt sich kein sinnvoller Mittelwert angeben. Auch bei ein und derselben Person gibt es immer wieder Veränderungen, je nach Tageszeit, Wetter, Arbeitsbelastungen usw.

  • Die Arme so legen, dass die Ellenbogen seitlich am Boden ruhen und die locker geöffneten Hände rechts und links auf dem Unterbauch liegen.

Vorstellung und Atmung: Der positive Effekt der entspannten Liegeposition lässt sich durch bewusste Atmung weiter verbessern wie z.B. durch eine ruhige entspannte Bauchatmung mit deutlicher Ausatmung. In der Vorstellung wird jede Ausatmung von einem deutlich wahrnehmbaren Gefühl der Entspannung und des Loslassens von Negativem begleitet.
In dieser optimierten Position sind alle Bereiche der Wirbelsäule vom Kopf bis zum Becken gut aufeinander abgestimmt und so strukturiert, dass sich die Muskulatur entspannen kann, was den behinderten Qi-Fluss wieder in Gang setzt. Die Versorgung der Bandscheiben mit Nährstoffen wird deutlich verbessert. So kann man sich reinigen, erholen und neue Kräfte für kommende Belastungen sammeln.
Bereits zehn Minuten in dieser ausgezeichneten Lage können beträchtlich regenerieren.

Zeitaufwand

Zu zeitaufwendig dient oft als Argument dafür, die beschriebenen Übungen als nicht realisierbar einzustufen und daher nicht zu nutzen. Doch sollte man bedenken: Die durch die Übungen verlorene Zeit wird mehr als kompensiert durch die verbesserte Arbeitseffizienz, geringere Ermüdung, mehr Freude an der Arbeit und – eigentlich unbezahlbar – mehr Freude am Leben. Auf lange Sicht ist es lohnenswert, sich während des Berufsalltags Zeit für sich selbst zu nehmen. Als weiterer, wichtiger Effekt verhelfen regelmäßige Übungen zu einer verbesserten Immunitätslage und schnelleren Heilungstendenz bei Erkrankungen.

Taijiquan

Oliver Wolf

Einführung

Taijiquan ist eine alte chinesische Bewegungskunst, die Gesundheitslehre, Meditation und Kampfkunst beinhaltet. Taiji (T'ai Chi) kann bedeuten: Das höchste Letzte, das Namenlose, das Absolute oder großer Balken, der das Dach des Hauses trägt. Quan bedeutet Hand oder Faust. Taijiquan ist zusammen mit Qigong (Chi Kung) und neben der Akupunktur und der chinesischen Arzneimittel- bzw. Kräutermedizin eine wichtige Säule der CM. In China, Taiwan und Südostasien ist es weit verbreitet, in Europa findet es seit Anfang der 1980er Jahre zunehmende Verbreitung. Anfänge des Taijiquan gab es in der Tang-Dynastie (618–907 n. Chr.). Erfahrungen aus drei wichtigen Säulen taoistischer Kultur fließen darin zusammen: Medizin, Kampfkunst und Philosophie. Philosophische Basis ist der Taoismus und die Prinzipien der Yin/Yang-Theorie (2.1). Ziel des Taijiquan: Durch Übung bestimmter Bewegungsabläufe unter Beachtung der Übungsprinzipien eins werden mit dem Taiji. Dadurch werden die Befreiung vom dualistischen Denken und die Suche nach höchster Wahrheit jenseits der äußeren Erscheinungen möglich.

Stilrichtungen und Formen

Es sind etwa 20 verschiedene Stile des Taijiquan bekannt, darunter viele kleine und relativ unbekannte. Zu den bedeutendsten Stilrichtungen gehören:
  • Chen-Stil

  • Yang-Stil

  • Wu-Stil

  • Sun-Stil

  • Zhao-Burg-Stil

  • Peking-Form.

Chen-Stil
Geschichte und Entwicklung: Der Chen-Stil ist der älteste überlieferte Stil des Taijiquan. Benannt ist er nach der Familie Chen, deren erster berühmter Kampfkünstler Chen Wangting (1600–1680) ein General in der Ming-Dynastie, war. Die Wurzel seiner Kampfkunst lag in verschiedenen Kampfstilen wie dem Pao Chui (Shao-Lin-Kanonen-Faust) und dem Sung-Tai-Zhu-Quan, einem äußeren Kungfu-Stil aus Südchina. Das eigentliche Chen-Stil-Taijiquan wurde erst später durch Chen Changxing (1771–1853) entwickelt, als dieser den Wudang-Meister Jiang Fa kennenlernte (Wu-Dang-Berge: Herkunftsort der weichen Wu-Dang-Kampfkünste, daoistisches Kloster). Diese Begebenheit soll sich im Chen-Dorf zugetragen haben, als Chen Changxing gerade mit seinen Schülern trainierte. Als Jiang Fa die Übenden sah, konnte er sein Lachen über die aggressiven und schnellen, aber auch sehr steifen Bewegungen nicht verbergen. Dies hatte zur Folge, dass er sofort zum Zweikampf aufgefordert wurde. Als er den angreifenden Chen Changxing drei Meter wegschleuderte, bat ihn dieser daraufhin, ihn als Schüler anzunehmen. Die bedeutendsten Vertreter des Chen-Stils im 20. und 21. Jahrhunderts sind Chen Fake (17. Generation, 1887–1957), Chen Zhaokui (18. Generation), Chen Xiaowang und Chen Zhenlei (beide 19. Generation). Aus dem Chen-Stil entwickelten sich die anderen Taijiquan-Stilrichtungen.
Besonderheiten: Der Chen-Stil zeichnet sich durch seine explosive Kraftentwicklung und den besonders tiefen Stand aus. Es werden weiche und harte, langsame und schnelle Bewegungen verwendet, die Kampfanwendungen sind sowohl offensiv als auch defensiv. Gleichzeitig findet eine Entwicklung und Pflege der inneren Struktur und Energie statt.
Yang-Stil
Geschichte und Entwicklung: Der Begründer des Yang-Stils war Yang Luchan (1799–1874). Schon in jungen Jahren war er kampfkunstbegeistert und trainierte verschiedene Kampfstile. Als er von den Fähigkeiten des Chen Changxing (siehe oben) und seinem Taijiquan hörte, bat er diesen, sein Schüler sein zu dürfen. Er wurde als sein bester Schüler bezeichnet und unterrichtete später sogar Mitglieder der kaiserlichen Familie in Beijing. Seine Art, Taijiquan zu praktizieren, war weicher als der Cheng-Stil und hatte seine Wurzeln in den Wu-Dang-Kampfkünsten und nicht im Shao-Lin-Kungfu. Der Enkel von Yang Luchan, Yang Chengfu (1883–1936), war der bekannteste Vertreter des Yang-Stils (Abb. 9.21). Er entwickelte die noch heute verbreitete Yang-Stil-Form und förderte die Verbreitung des bis dahin immer geheim gehaltenen Wissens. Wichtigste Vertreter im 20. und 21. Jahrhundert in der Nachfolge von Yang Chengfu: Seine zwei Söhne Yang Shouchung (1909–1985) und Yang Zhendou (geb. 1925). Chu King-Hung (geb. 1945) unterrichtet v.a. in Europa. Zheng Manqing (1900–1975): Er war ein Schüler von Yang Chengfu und machte das Taijiquan v.a. in Nordamerika populär (Abb. 9.22). Er verkürzte die lange Form des Yang-Stils auf 37 Bewegungen. Diese Form ist in Europa und Nordamerika die am häufigsten gelehrte Form.
Besonderheiten: Der Yang-Stil zeichnet sich durch sehr harmonische, weiche und langsam ausgeführte Bewegungen aus (Abb. 9.23). Es bestehen wie in den anderen Stilen auch eine Solo-Form, eine Partnerform und verschiedene Waffenformen. Er ist der am weitesten verbreitete Taijiquan-Stil. Durch ihn wurde die gesundheitsfördernde Wirkung des Taijiquan populär.
Wu-Stil
Geschichte und Entwicklung: Der Begründer des Wu-Stil-Taijiquan war Quan You (1834–1902), ein Mandschuren-Hauptmann. Er war ein Meisterschüler von Yang Luchan (siehe oben Yang-Stil). Der Name Wu-Taijiquan entstand erst eine Generation später durch seinen Sohn Wu Jianquan (Abb. 9.24). Im Zuge der Öffnung des Taijiquan für die Allgemeinheit entwickelte Wu Jianquan eine langsame und auch für nicht trainierte Personen durchführbare Handform, die bis heute gelehrt wird. Neben der langsamen Handform gibt es im Wu-Stil eine Fülle von weiteren, meist schnell praktizierten Hand- und Waffenformen. Über Wu Yinghua (1907–1996), die Tochter von Wu Jianquan, und ihren Mann Ma Yuehliang (1901–1998) kam der Wu-Stil nach Europa. Ihr Sohn Ma Jiangbao (geb. 1941) ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter des Wu-Stils in Europa.
Besonderheiten: Die langsame Wu-Stil-Handform zeichnet sich durch besonders fließende und weiche Bewegungen aus. Auch die Waffenformen werden besonders weich und fließend geübt, sind in ihrer Ausführung jedoch deutlich schneller und dynamischer. Die Prinzipien der Sanftheit finden besondere Anwendung in den Partnerübungen des Taiji-Stils (Tui Shou/push hands), bei denen es in erster Linie darum geht, ein Gefühl für den Partner und dessen Bewegungen zu entwickeln (Abb. 9.25).
Sun-Stil
Geschichte und Entwicklung: Der Sun-Stil ist der jüngste eigene Taijiquan-Stil. Er wurde von Sun Lutang (1860–1933) begründet (Abb. 9.26). Im Laufe seines Lebens wurde Sun Lutang von vielen Kampfkunstmeistern unterrichtet. Die Grundlagen zur Entwicklung seines Stils entnahm er jedoch aus drei Inneren Kampfkünsten:
  • Taijiquan

  • Xingyiquan (Innere Kampfkunst, die ihre Wurzeln im Shao-Lin-Kungfu hat)

  • Baguazhang (Innere Kampfkunst, die als philosophische Grundlage das Yijing I-Ging hat).

Als er 1933 während des Sitzens verstarb, soll er kurz vor seinem Tod lächelnd gesagt haben: Leben und Tod sind in meinen Augen wie ein Spiel.
Besonderheiten: Das Besondere am Sun-Stil-Taijiquan ist die gelungene Synthese aus den drei weichen (inneren) Kampfkünsten Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang. Das System war vom Begründer außerdem nicht nur auf ein fundiertes praktisches, sondern auch auf ein fundiertes theoretisches Fundament gebaut. In den Jahren 1915–1919 veröffentlichte Sun Lutang drei Bücher: Prinzip des Taiji, Prinzip des Baguazhang und Prinzip des Xingyiquan.
Zhao-Burg-Taijiquan (He-Stil-Taijiquan)
Geschichte und Entwicklung: Unbekannterer Taijiquan-Stil, der seinen Namen einer Stadt in der Henan-Provinz verdankt. Seine Wurzeln kommen z.T. aus dem Wu-Stil und Chen-Stil (siehe oben). Die wichtigsten Vertreter in der heutigen Zeit sind Yuan Baoshan, Wang Qingsheng u.a. Übungsinhalte des Zhao-Burg-Taijiquan sind verschiedene Formen (Abb. 9.25) mit und ohne Waffen, Tui Shou und San Shou (freier Kampf).
Besonderheiten: Die Bewegungen des Zhao-Burg-Taijiquan wirken sehr elegant und abwechslungsreich, die Trainingsgeschwindigkeit kann von langsam zu schnell variieren.
Peking-Form
Geschichte und Entwicklung: Die Peking-Form stellt keinen Taijiquan-Stil im eigentlichen Sinn dar. Ihre Grundlage ist der Yang-Stil (siehe oben). Der geschichtliche Hintergrund für seine Entstehung ist das Verbot von inneren Kampfkünsten und Qigong durch Mao Zedong. Das Taijiquan wurde von dem Verbot ausgeschlossen, jedoch unter der Maßgabe, dass es lediglich als gymnastische Übung unterrichtet und angesehen wurde. Um dies sicherzustellen, wurde die 108 Bewegungen umfassende Form des Yang-Stils auf eine 24 Bewegungen umfassende Form gekürzt. Dies ist der Grund für den zweiten Namen der Peking-Form: Regierungs-Form. Später wurde noch eine lange Peking-Form mit 88 Bewegungen entwickelt, die jedoch nicht den gleichen Grad an Popularität erreichte.
Besonderheiten: Die 24er-Form ist leicht zu erlernen und enthält alle Grundbewegungen des Taijiquan. Als weitere Besonderheit muss man den geschichtlichen Hintergrund ansehen.

Grundlagen

Wichtige Prinzipien in der Ausführung des Taijiquan liegen in der körperlichen und geistigen Haltung, der Bewegung und der Atmung.
  • Körperhaltung: Aufrechte Haltung, der Kopf ist leicht zurückgenommen. Der Übende hat die Vorstellung, am Scheitelpunkt (Du 20, Baihui) durch einen seidenen Faden mit dem Himmel verbunden zu sein. Die Brust bzw. das Brustbein ist leicht eingesunken, ohne dabei zu sehr einen Rundrücken zu machen. Dadurch fließen der Atem und das Qi leichter zum Dantian (Abb. 9.14). Die Schultern und die Ellenbogen sind gelöst und entspannt. Das Steißbein zieht nach unten, es entsteht eine zur Erde gerichtete, sitzende Kraft. Dadurch verschwindet die LWS-Lordose. Gleichzeitig ist der Übende in den Leisten leicht gebeugt. Der Beckenbereich spielt eine besondere Rolle als Verbindung zwischen oben und unten (Vorstellung: Das Becken hängt wie ein leerer Eimer). Die Knie sind ebenfalls gebeugt und elastisch. Der Grad der Beugung ist abhängig vom Trainingszustand, von der jeweiligen Übung und vom erlernten Taijiquan-Stil. Die Fußsohlen und die Zehen sind entspannt. Dadurch ist eine stärkere Verwurzelung möglich. Das Prinzip besteht darin, vom Becken abwärts einen festen und stabilen Stand zu haben und gleichzeitig den Oberkörper vollkommen entspannt und aufrecht zu halten. Dadurch verbindet man sich zugleich mit dem Himmel und der Erde

  • Geistige Haltung: Die geistige Haltung ist gelöst und gleichzeitig aufmerksam. Man verweilt nicht bei bestimmten Gedanken. Der Anfänger wird zu Beginn noch sehr mit den ungewohnten Bewegungsabläufen beschäftigt sein. Später jedoch lernt man, durch die Vorstellungskraft den Prinzipien näher zu kommen und gleichzeitig durch das Nicht-Verweilen bei einem Gedanken einen Zustand der geistigen Wachheit und Entspannung zu erreichen

  • Bewegung: Meist werden im Taijiquan die Bewegungen sanft, langsam und fließend durchgeführt, was einen wesentlichen Einfluss auf den meditativen und gesundheitsfördernden Effekt des Taijiquan hat. Betrachtet man jedoch die Ursprünge des Taijiquan und berücksichtigt, dass es immer noch eine Kampfkunst ist, liegt es nahe, dass die Bewegungen auch schnell durchgeführt werden können. Auch in den verschiedenen Stilrichtungen werden die verschiedenen Formen in unterschiedlicher Geschwindigkeit geübt. Ebenso gibt es innerhalb einzelner Übungsformen einen Wechsel zwischen langsamen und schnellen bzw. sanften und kraftvollen Bewegungen

  • Atmung: Die natürliche Atmung im Taijiquan (und allen anderen Kampfkünsten und Meditationstechniken) ist die Bauchatmung hin zum Dantian (Abb. 9.14). Im Idealfall werden nicht nur der vordere, sondern auch der hintere und die seitlichen Anteile des Zwerchfells gesenkt. Meist ist die Atmung sanft und entspannt. Bei Formen mit kraftvollen Bewegungen kann auch die Ausatmung kraftvoll sein. Der Anfänger sollte zu Beginn lediglich darauf achten, dass der Atem zum Dantian fließt. Nach einiger Übungspraxis stellt sich dann ein natürlicher Rhythmus ein (z.B. Ausatmen beim nach vorne Stoßen, Einatmen beim Zurückweichen).

Therapeutische Anwendungen

Wirkung und Indikation
Bei richtiger Übungsweise kommt es zu einer Verbesserung der physischen, psychischen und geistigen Funktionen und Verfassung. Taijiquan wirkt harmonisierend und stärkend auf alle FK und fördert den Qi-Fluss in allen Meridianen. Die Auswahl des Taijiquan-Stils hat wegen der vielen Gemeinsamkeiten keine große Bedeutung und richtet sich v.a. nach dem jeweiligen Interesse des Übenden und nicht zuletzt danach, welche Übungsformen in seiner näheren Umgebung angeboten werden.
Aus der umfassenden Wirkung von Taijiquan auf den Menschen ergibt sich eine Fülle von möglichen Indikationen.

Taijiquan fördert und harmonisiert den Qi-Fluss langsam und stetig. Ein wenig Ausdauer und Geduld sind somit notwendig und Teil der Übung.

Medizinische Indikationen:
  • Erkrankungen des Bewegungsapparats: Arthritiden, Arthrose, Wirbelsäulenbeschwerden, Fehlhaltungen und Fehlbelastungen, rheumatische Erkrankungen, postoperative Mobilisation

  • Chronische Kopfschmerzen, insbesondere Spannungskopfschmerz und Migräne

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Hypotonie, Hypertonie, KHK, insbesondere Nachbehandlung nach Herzinfarkt

  • Erkrankungen des Nervensystems und vegetative Störungen: Erschöpfungszustände, Depression/Angstzustände (cave: Verschlimmerung möglich, individuelle Indikationsstellung), Schlafstörungen, ADS/ADHS bei Kindern

  • Atemwegserkrankungen: Allergische Rhinitis, chronische Bronchitis, Asthma bronchiale

  • HNO-Erkrankungen: Tinnitus, Schwindel

  • Urologische Erkrankungen: Chronische Harnwegsinfekte, Inkontinenz, Potenzstörungen

  • Gynäkologische Erkrankungen: Menstruationsbeschwerden und -störungen, klimakterische Beschwerden

  • Stoffwechselerkrankungen: Diabetes mellitus, Adipositas, Gicht

  • Erkrankungen des Verdauungstrakts: Refluxerkrankung, Gastritis und Ulcera ventriculi und duodeni, Blähungen, Obstipation, chronische Diarrhö.

Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Bei Einhaltung der wichtigsten Übungsprinzipien sind unerwünschte Wirkungen und Effekte unwahrscheinlich. Diese ergeben sich häufig erst, wenn z.B. das richtige Maß nicht eingehalten wird.
Zu den Nebenwirkungen zählen Schmerzen des Rückens oder der Knie bei zu langem Üben oder zu tiefem Stand, Symptome der oberen Fülle wie Kopfschmerzen, Nackenschmerzen durch zu große Anspannung der Schultern und Arme oder forcierte und falsch geleitete Atmung.
Aus den unerwünschten Wirkungen ergeben sich einzelne relative Kontraindikationen:
  • Wer an Symptomen von oberer Fülle leidet, sollte besonders auf die Verwurzelung und Entspannung im Beckenbereich achten. Die Atmung sollte besonders entspannt sein

  • In der Schwangerschaft oder während der Menstruation sollte kein sehr tiefer Stand geübt werden.

Cave: Eine absolute Kontraindikation ist ein Zustand akuter geistiger Verwirrung (z.B. Psychose). Ist der geistige Zustand wieder stabil, kann v.a. durch sanfte, harmonische und fließende Übungsweise eine Verbesserung des geistigen Zustands erreicht werden.

Weitere Anwendungsbereiche

Die Wirkungen des Taijiquan betreffen den ganzen Menschen. Daraus ergeben sich breit gefächerte Anwendungsbereiche, die über den therapeutischen Ansatz weit hinausgehen:
  • Taijiquan in der Kinderbetreuung und Schule

  • Taijiquan für Senioren, insbesondere in Tagesstätten und Pflegeheimen

  • Taijiquan am Arbeitsplatz.

Die Übende wird durch Taijiquan eine Methode erlernen, die es ihm ermöglicht, zur Ruhe und eigenen Mitte zu finden, die körperliche Beweglichkeit zu verbessern und bis ins hohe Alter zu erhalten sowie Gesundheit und Wohlbefinden aus eigener Kraft günstig zu beeinflussen. Aufgrund der daoistischen und buddhistischen Grundlagen beschreitet er außerdem einen Weg der Selbsterkenntnis und des tieferen Verständnisses der Naturgesetze. Dies geschieht jedoch nicht durch eine Flucht in eine vergeistigte Welt, sondern durch das Erleben und bessere Verstehen der alltäglichen Dinge.

Wer regelmäßig Taijiquan übt, erlangt die Weichheit eines Kindes, die Konstitution eines Holzfällers und den Seelenfrieden eines Weisen. (chinesisches Sprichwort)

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