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B978-3-437-22422-5.00011-7

10.1016/B978-3-437-22422-5.00011-7

978-3-437-22422-5

Einfaches Ektropieren des Oberlids

[L106]

Häufige Ursachen des roten Auges

Tab. 11.1
Akutes Glaukom (11.3.2) Akute Konjunktivitis (11.2.2) Akute Keratitis (11.5) Akute Iritis (11.3.3)
Symptome Starker Augenhöhlen- bzw. Kopfschmerz; allgemein: Übelkeit, Erbrechen, Fieber Lidkrampf, Lichtscheu, Brennen, Fremdkörpergefühl, Tränenfluss, AZ meist gut Schmerzen, Lichtscheu, Lidkrampf, Fremdkörpergefühl Schmerzen, Lichtscheu, Tränen, Lidkrampf
Visus ↓ (Handbewegung) Normal Meist ⇊ Unterschiedlich, oft ↓
Injektion Stauungshyperämie Konjunktival Gemischt/ziliar Ziliar
Druck ↑, brettharter Bulbus Normal Normal Normal bis (↓), selten ↑
Pupille Weit, oval, entrundet, lichtstarr Normal Normal Eng (Reizmiosis), träge Reaktion
Bindehaut Vermehrte Gefäßfüllung Chemosis, Sekret Hyperämie, Chemosis Normal
Hornhaut Glanzlos, matt Normal Nach Ätiologie verschieden Präzipitate auf Hornhautrückfläche
Iris Verwaschen Normal Normal oder verwaschen (Begleitiritis) Verwaschen, schmutzig grau

Differenzialdiagnose des Augenschmerzes SchmerzenAugeSchmerzenAugeAugenschmerzen, DDAugenschmerzen, DD

Tab. 11.2
Schmerzlokalisation Schmerzcharakter Mögliche Ursache
Lid Ziehen und Brennen bei Berührung und Druck
  • Entzündungen der Lidhaut.

  • Ekzem.

  • Lidabszess (11.8.4).

  • Herpes simplex.

  • Zoster ophthalmicus.

  • Mitbeteiligung bei Allgemeininfektion.

  • Hordeolum (Gerstenkorn, 11.8.3).

  • Chalazion (Hagelkorn, indolent).

  • Verletzung (11.10, 11.11).

Äußerer Lidwinkel (oben) Ziehen und Brennen bei Berührung und Druck
  • Dakryoadenitis acuta (Entzündung der Tränendrüse, 11.8.6): Paragrafenform der Lidspalte.

  • DD: Hordeolum, Sinusitis frontalis, Konjunktivitis, Orbitalphlegmone.

Innerer Lidwinkel (unten) Ziehen und Brennen bei Druck Dakryozystitis acuta (Schwellung, Rötung; 11.8.5), Verletzung (11.10, 11.11).
Oberflächliche Schmerzen von Bindehaut und Hornhaut Brennen, Stechen, Kratzen, Fremdkörpergefühl, Jucken, v. a. bei Lidbewegungen
  • Hornhautfremdkörper (11.4).

  • Hornhautepithelschädigung (Erosio, 11.5).

  • Oberflächliche Augenverletzung (Konjunktivitis, 11.2.2).

  • Blepharitis (Lidrandentzündung).

Tiefer Augenschmerz (subjektive Lokalisierung im Bulbus) Bohrend, ziehend, meist mit Ausstrahlung in Umgebung des Auges (Stirn, Schläfe, Oberkiefer, Zähne), Blendungsschmerz
  • Akute Iritis (11.3.3).

  • Akutes Glaukom (mit Übelkeit, 11.3.2).

  • Perforierende Bulbusverletzung (11.11).

  • DD: Sinusitis (9.4.2), Trigeminusneuralgie (4.5.9), Migräne (4.5.3), intrakranieller Prozess.

Retrobulbär Bohrend, ziehend, verstärkt durch Druck auf Bulbus und Bulbusbewegungen
  • Neuritis nervi optici.

  • Beginnende Orbitalphlegmone (11.8.2).

  • Okuläre Myositis.

  • DD: Sinusitis (9.4.2), Trigeminusneuralgie (4.5.9), Migräne (4.5.3), intrakranieller Prozess.

Ophthalmologische Notfälle

Anne Breetholt

  • 11.1

    Untersuchungstechniken332

  • 11.2

    Das rote Auge335

    • 11.2.1

      Differenzialdiagnostischer Überblick335

    • 11.2.2

      Akute Konjunktivitis336

    • 11.2.3

      Keratoconjunctivitis photoelectrica337

  • 11.3

    Augenschmerzen338

    • 11.3.1

      Differenzialdiagnostischer Überblick338

    • 11.3.2

      Akuter Glaumkomanfall339

    • 11.3.3

      Iridozyklitis340

  • 11.4

    Bindehaut- und Hornhautfremdkörper340

  • 11.5

    Veränderungen der Hornhaut341

    • 11.5.1

      Differenzialdiagnostischer Überblick341

  • 11.6

    Sehstörungen und Doppelbilder342

    • 11.6.1

      Differenzialdiagnostischer Überblick342

  • 11.7

    Visusverlust342

    • 11.7.1

      Differenzialdiagnostischer Überblick342

    • 11.7.2

      Zentralarterienverschluss343

  • 11.8

    Schwellung im Bereich des Auges und der Anhangsgebilde344

    • 11.8.1

      Differenzialdiagnostischer Überblick344

    • 11.8.2

      Orbitalphlegmone344

    • 11.8.3

      Hordeolum (Gerstenkorn)344

    • 11.8.4

      Lidabszess345

    • 11.8.5

      Dakryozystitis345

    • 11.8.6

      Dakryoadenitis346

  • 11.9

    Verätzungen und Verbrennungen des Auges346

  • 11.10

    Stumpfe Bulbusverletzung348

  • 11.11

    Perforierende Bulbusverletzung348

Besonderheit ophthalmologischer Notfälle: Pat. haben oft schon bei geringfügigen Beschwerden unverhältnismäßig große Angst vor Sehkraftminderung, daher wichtig: strukturierte Untersuchung, sichere Ausstrahlung, Beruhigung des Pat.

Im ärztlichen Bereitschaftsdienst ist primär Vermeidung des abwendbar gefährlichen Verlaufs von Bedeutung: Abschätzung/Entscheidung bzgl. Indikation einer umgehenden konsiliarischen Vorstellung beim augenärztlichen Notdienst oder in der Augenklinik. Außerdem sichere Identifikation der Augenerkrankungen, bei denen unverzüglich vor Ort eine gezielte Therapie eingeleitet werden muss: akuter Glaukomanfall (11.3.2), Verätzung, Verbrennung (11.9), Zentralarterienverschluss (11.7.2).

Untersuchungstechniken

AugeUntersuchungVor Untersuchungsbeginn immer nach bereits bestehenden Einschränkungen, Visusminderungen etc. fragen. Wer sonst keine Zeitung mehr lesen kann, kann dies mit einem Fremdkörper im Auge auch nicht.
Sehschärfe (Visus)
VisusprüfungUntersuchung der Sehschärfe im ärztlichen Bereitschaftsdienst ohne Visustafel nur sehr eingeschränkt möglich.
  • Grobe Abschätzung durch Vergleich mit eigenem Sehvermögen, z. B. mithilfe einer Zeitung. Überprüfung der Nahsicht: Text lesen lassen. Überprüfung der Fernsicht: Überschriften aus unterschiedlicher Entfernung lesen lassen. Wenn Pat. keine Buchstaben entziffern kann, im Abstand von 30 cm Finger zählen lassen. Dann das Erkennen von Handbewegungen prüfen.

  • Mit der Taschenlampe Hell-/Dunkel-Sehen überprüfen.

Gesichtsfeld
GesichtsfeldbestimmungGesichtsfeldprüfungPrüfung an beiden Augen mittels Fingerperimetrie:
Im ärztlichen Bereitschaftsdienst nur grobe Orientierung möglich: Pat. deckt ein Auge mit der Hand ab und fixiert mit dem anderen das gegenüberliegende Auge des Untersuchers. Untersucher bewegt seinen Zeigefinger in der Ebene zwischen sich und dem Pat. in allen 4 Quadranten. Voraussetzung: Normales Gesichtsfeld des Untersuchers.
  • Normal: Pat. und Untersucher nehmen Finger zum gleichen Zeitpunkt wahr.

  • Wichtige pathologische Befunde:

    • SkotomeSkotom (Dunkelfelder): Retrobulbärneuritis, Glaukom (11.3.2).

    • Konzentrische oder sektorförmige Gesichtsfeldeinschränkung bei Chorioretinitis.

    • Hemianopsie (Halbseitenausfall) bei Hirntumoren, Apoplexie.

Inspektion und Palpation
InspektionAugeUntersuchungAuf ausreichende Beleuchtung achten!
  • Lider: Lidhaut (Entzündung? Ekzem? Ödem? Emphysem? Hämatom?), Lidspaltenform, -weite (indiv. zwischen 6–10 mm), Lidbewegung (Ptosis?), Lidstellung (Ektropium [Abb. 11.1]? Entropium?).

  • Bindehaut (normal: zartrosa gefärbt, durchsichtig, glatt, glänzend, hellrote Gefäße, mit Glasstab verschieblich).

  • Hornhaut (normal: durchsichtig, klar, Oberfläche glatt und spiegelnd); Beurteilung der Wölbung mithilfe des FensterreflexesFensterreflex: Pat. mit dem Gesicht zum Fenster setzen, Betrachtung des Hornhautspiegelbilds, durch Augenbewegung „wandert“ das Spiegelbild über die gesamte Kornea.

  • Iris (Orientierende Untersuchung im seitlich auffallenden Licht mit Untersuchungslampe, Lupe): Normalbefund ist glänzendes Relief.

  • Bulbus: Ex- oder Enophthalmus? Schwellungen, Rötungen, Tränenfluss vermehrt?

  • Pupillen.

Pupillenweite und Reaktionen

  • PupillenreaktionAnisokorie: Angeboren (→ Pupillenreaktion erhalten); bei erhöhtem Hirndruck und Schädigung des N. oculomotorius (→ gestörte oder aufgehobene Pupillenreaktion).

  • PupillenentrundungPupillenentrundung: Glaukom (durch Druckschädigung), Contusio bulbi, Ganglionitis und Reizungen bei Nasennebenhöhlenprozessen oder nach Operationen.

  • MydriasisMydriasis: Medikamente (z. B. Atropin, Adrenalin), Glaukomanfall, Contusio bulbi und (wichtig!) Einklemmung von Temporallappenanteilen in den Tentoriumschlitz bei epi- oder subduralem Hämatom mit direkter Schädigung der N. oculomotorius, Botulismus.

  • MiosisMiosis: Medikamente (Pilocarpin, Morphinderivate), Iridozyklitis, Horner-Syndrom.

    • Seitenvergleich (Isokorie): Rundung, Weite?

    • Pupillenweite schätzen (Genauigkeit etwa 1 mm): normale Pupillenweite ca. 2–3 mm.

    • AkkommodationAkkommodation: Pat. fixiert Bleistift, der aus größerer Entfernung (etwa 50 cm) allmählich auf seine Nase zugeführt wird → Pupillenverengung bei Konvergenzreaktion.

      • Störung der Konvergenzreaktion durch Lähmung des M. sphincter pupillae.

      • Akkommodationsstörungen (immer einseitig prüfen!) bei Lähmungen des M. ciliaris.

      • Störungen von Akkommodation und Konvergenzreaktion bei Ophthalmoplegia interna (z. B. bei Störungen an der Hirnbasis, z. B. Schädelbasisfraktur, subdurales Hämatom, basale Meningitis).

    • Lichtreaktion, AugeLichtreaktion: Licht im Raum abdunkeln, Lichtquelle (Taschenlampe) rasch auf ein Auge schwenken. Direkte Lichtreaktion: Pupillenverengung am stimulierten Auge. Konsensuelle Lichtreaktion: Pupillenverengung am anderen Auge. Mögliche Ursachen einer gestörten Lichtreaktion:

      • Amaurotische PupillenstarrePupillenstarre: fehlende direkte, erhaltene konsensuelle Lichtreaktion.

      • Reflektorische Pupillenstarre: reduzierte oder fehlende direkte und konsensuelle Lichtreaktion bei überschießender Konvergenzreaktion (Argyll-Robertson-PhänomenArgyll-Robertson-Phänomen, z. B. bei Mittelhirnläsionen durch Neurolues).

      • Absolute Pupillenstarre: fehlende Licht- und Konvergenzreaktion, z. B. bei Leitungsunterbrechung des N. oculomotorius durch Entzündungen oder Schädelbasisfrakturen.

      • PupillotoniePupillotonie bei Denervation des M. sphincter pupillae (Adie-Syndrom: Pupillotonie, Akkommodotonie, Hypo-/Areflexie v. a. der unteren Extremität).

  • Augenmuskeln: AugenmuskelfunktionPat. soll vorgehaltenen Bleistift fixieren und ohne Drehung des Kopfes diesem nachschauen:

    • nach lateral (M. rectus lateralis),

    • nach medial (M. rectus medialis),

    • nach lateral oben (M. rectus superior),

    • nach lateral unten (M. rectus inferior),

    • nach medial oben (M. obliquus inferior),

    • nach medial unten (M. obliquus superior).

  • Nystagmus: Nystagmus

    • Blickrichtungsnystagmus bei Blick in bestimmte Richtung?

    • Lagenystagmus bei bestimmter Kopfhaltung?

    • Spontannystagmus (z. B. bei Hirnstammsyndrom)?

    • Endstellungsnystagmus (physiologisch bei extremem Blick zur Seite)?

Ektropionieren des Augenlids
Indikation:
  • Verdacht auf Fremdkörper im Oberlid.

  • Säuberung der oberen Umschlagfalte bei Verätzungen und Verbrennungen.

  • Bessere Beurteilung von Bindehaut und Sklera.

Nicht ektropionieren bei V. a. perforierende Verletzung, da dann intraokulares Gewebe exprimiert werden könnte.

Durchführung: Wattestäbchen EktropionierenAugeEktropionierenbereitlegen, Pat. bei leicht geöffnetem Auge nach unten schauen lassen. Wattestäbchen etwa 1 cm oberhalb des Lidrands anlegen, Wimpern des Augenlids mit Daumen und Zeigefinger fassen. Spitze des Wattestäbchens nach unten drücken (cave: Druck auf Lid, nicht auf Bulbus ausüben), Wimpern zum Orbitarand hochziehen → Oberlid wird nach außen gestülpt.
Bei Verletzungen und bei ausgeprägtem Lidkrampf ist Ektropionieren ohne Lokalanästhetikum oft nicht möglich. Wenn im Notfallkoffer vorhanden: Oxybuprocain (z. B. Novesine ® 0,4 % Augentr., Conjuncain® EDO® AT) oder Tetracain (Ophtocain®-N AT) einbringen → danach ektropionieren.
Palpation
  • BulbusBulbus: Bei geschlossenen Augen ist Augapfel normalerweise mit den Spitzen beider Zeigefinger eindrückbar (evtl. Vergleich mit eigenem Auge), beim Glaukom ist er steinhart.

  • Hornhautsensibilität: Pat. nach oben blicken lassen, mit Wattetupfer von lateral zur Hornhautmitte streichen (Seitenvergleich!); Normalbefund: Seitengleiche Berührungsempfindung und Auslösung des Kornealreflexes (reflektorischer Lidschluss). Sensibilität ↓, z. B. Herpes-simplex-Keratitis; Sensibilität aufgehoben: Läsion N. trigeminus (Zoster ophthalmicus, Kleinhirnbrückenwinkeltumoren, SHT u. a.; cave: Keratitis neuroparalytica mit Hornhautulkus!).

Das rote Auge

Differenzialdiagnostischer Überblick

Injektionstypen
  • Konjunktivale Hyperämie: HyperämiekonjunktivaleAugeRötung, DDInjektion der Bindehautgefäße. Ziegelrote Gefäße mit Verzweigungen erkennbar, zum Limbus hin abnehmende Rötung. Mäßige ChemosisBindehautchemosis (Ödem). Gefäße mit der Konjunktiva verschieblich; z. B. bei jeder konjunktivalen Entzündung (11.2.2) oder Verletzung; oft bei Entzündungen der Lider oder Tränenwege (11.8.5, 11.8.6).

  • Ziliäre Hyperämie: Hyperämieziliäreselektive Injektion der limbalen Gefäße. Bläulich-roter Ring. Perikorneal gelegen, Gefäße nicht abgrenzbar; Entzündungen oder Verletzungen der Hornhaut (11.4, 11.5).

  • Gemischte Hyperämie: Hyperämiegemischteziegelrote konjunktivale Gefäße und perikorneal darunterliegende bläulich-rote Verfärbung; Entzündungen oder Verletzungen der Hornhaut u./o. intraokularen Gewebes, Keratitis, Keratokonjunktivitis (11.5.1), Iritis (11.3.3), Uveitis.

Häufige Ursachen des roten Auges sind in Tab. 11.1 dargestellt.
Weitere Ursachen des roten Auges sind:
  • Trauma: Erosio corneae, Fremdkörper, Verätzungen, perforierende Verletzungen (11.11).

  • Lidstellungsfehler: Entropium, Ektropium.

Akute Konjunktivitis

SymptomeKonjunktivitis, akuteKonjunktivitis, akuteSymptomeJucken, Brennen, Fremdkörpergefühl, Rötung (konjunktivale Injektion), Lichtscheu, Lidkrampf, vermehrte Tränenbildung, Schwellung des Bindegewebes.

Entzündungen der Konjunktiva betreffen meist beide Augen, v. a. bei viraler Konjunktivitis evtl. einseitiger Beginn. Bei persistierend einseitiger Rötung des Auges nach anderen auslösenden Faktoren suchen!

Ätiologie Konjunktivitis infektiöse Konjunktivitis akute
  • Infektiös: meist viral (Conjunctivitis epidemica). Bakterielle Form durch Pneumok., Staphylok., Streptok., Gonok., Chlamydien, Corynebacterium diphtheriae.

  • Nichtinfektiös: mechanisch (Staub, Fremdkörper), UV-Strahlung, chemisch (Säuren, Laugen, Reizgas), allergisch, Raupenhaare (Conjunctivitis nodosa), Brechungsfehler.

Kurzanamnese
  • Fremdkörper? Strahlung (UV)? Verbrennung, Verätzung? Zugluft?

  • Allergie bekannt?

  • Lidverklebung (z. B. bei bakterieller Infektion)?

Sofortdiagnostik
  • Konjunktivitis, akuteDiagnostikKreislaufkontrolle (Puls, RR).

  • Symptomorientierte Untersuchung.

  • Inspektion: konjunktivale Injektion, Bindehautchemosis:

    • Bakterielle Infektion: eitrige Sekretion, massive Rötung, oft brettharte Lidschwellung, Auge(n) morgens verklebt.

      • Diphtherie: graugelbe Membranen auf Bindehaut, Allgemeinsymptome.

      • Pneumokokkeninf.: konjunktivale Blutung.

      • Streptokokken: Pseudomembranen (DD Diphtherie).

      • Gonokokken: rahmiger Eiter, brettharte Lider, Bindehautödem.

      • Chlamydien (Schwimmbadkonjunktivitis): flockiger Eiter, sagokornartige Schwellungen.

    • Virale Infektion: meist einseitiger Beginn, wässrige Sekretion.

    • KonjunktivitisnichtinfektiöseNichtinfektiös: Fremdkörper? Lausbefall von Augenbrauen/Wimpern (Bindehautreizung durch Ausscheidungen? Einbohrung von Raupenhaaren, -härchen, -kletten u./o. Knötchenbildung in Horn- oder Bindehaut)? Keratoconjunctivitis photoelectrica (11.2.3)? Allergische Konjunktivitis?

DifferenzialdiagnosenAkutes Glaukom (11.3.2), akute Keratitis (11.5.1), akute Iritis (11.3.3), Keratoconjunctivitis photoelectrica (11.2.3).
Maßnahmen
  • Konjunktivitis, akuteMaßnahmenBakterielle Konjunktivitis: lokal Antibiotika in Tropfen- oder Salbenform (Tropfen tags, Salben nachts), z. B. Gentamicin (z. B. Gentamicin POS® Augensalbe oder Augentropfen), Neomycin und Polymyxin (z. B. Polyspectran® Augentropfen/Salbe).

  • Virale Konjunktivitis: Tränenersatzmittel, z. B. Visc-Ophtal® Augengel 3–5 ×/d; lokal Antibiotika zur Vermeidung bakt. Superinf; Vasokonstriktiva (z. B. Proculin®). Cave: Sekret hat hohe Kontagiosität → AU, Freistellung von Kindergarten/Schule.

  • Nichtinfektiöse Konjunktivitis: ggf Fremdkörper entfernen (11.4), ggf. Verbrennung/Verätzung behandeln (11.9). Augenreinigung mit lauwarmem Wasser, lokal Tränenersatzmittel, z. B. Vidisept® EDO® AT 3–5 ×/d, ggf. häufiger; Hylo-Parin® AT 3 ×/d, ggf. häufiger.

  • Bei allergischer Genese: Levocabastin 1 × 1 Tr. (Livocab®), evtl. Cromoglicinsäure 3–4 × 1 Tr./d (z. B. Cromohexal®). Eventuell lokale Glukokortikoide, wie Dexamethason (z. B. Isopto-Dex®) und systemische Antihistaminika, wie Dimetinden 3 × 1 mg/d p. o. (Fenistil®).

  • Symptomatische Therapie des Juckreizes: z. B. mit Vasokonstriktiva (z. B. Proculin®) oder Phenylephrin (z. B. Visadron®).

  • Konjunktivitis durch Lausbefall: lokal Parasympathomimetika (z. B. Pilomann® 2 % EDO Augentropfen, bringen Muskulatur der Parasiten zum Erschlaffen) oder Läuse/Nissen mit Pinzette abzupfen.

  • Raupenhaarkonjunktivitis: FA-Überweisung Augenarzt zur Entfernung.

  • Klinikeinweisung nur bei Verbrennung/Verätzung erforderlich.

  • Vorstellung beim Augenarzt zur Weiterbehandlung am nächsten Tag.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Keratitis, Hornhauterosion.

Keratoconjunctivitis photoelectrica

ÄtiologieHochgebirge, Höhensonne, Schweißen.
SymptomeMeist in der Nacht akut auftretende Augenschmerzen mit Fremdkörpergefühl, Jucken, Brennen, Rötung (konjunktivale Injektion), Lichtscheu, Lidkrampf, wässrig-schleimige Sekretion.
KurzanamneseNach entsprechender Exposition vor 6–12 h fragen.
Maßnahmen
  • Keratoconjunctivitis photoelectricaMaßnahmenVitamin-A-haltige Augensalbe (z. B. VitA-POS® Augensalbe) oder Dexpanthenol-haltige Salbe (z. B. Bepanthen® Augensalbe). Systemische Analgetika, wie Paracetamol 3–4 × 500–1 000 mg/d p. o. (z. B. ben-u-ron®).

  • Pat. auf die Dauer der Symptomatik – bis zu 24–36 h – hinweisen.

  • Eventuell Binokularverband für 6–12 h, Bettruhe.

  • Klinikeinweisung nicht erforderlich.

  • Vorstellung beim Augenarzt am nächsten Tag.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Keratitis, Hornhauterosion.

Augenschmerzen

Plötzlich auftretende Augenschmerzen sind immer ein Warnsymptom, z. B. bei akutem Glaukom, Entzündungen umgehend Überweisung FA Augenheilkunde oder Klinikeinweisung.

Differenzialdiagnostischer Überblick

Einen Überblick über mögliche Differenzialdiagnosen gibt Tab. 11.2.

Akuter Glaumkomanfall

ÄtiologieGlaukom, akutesAkuter Augendruckanstieg durch Verlegung der Abflusswege des Kammerwassers im Kammerwinkel. F > M, höheres Lebensalter, Maximum 7. Lebensjahrzehnt. In der Regel akutes Engwinkelglaukom (enger Kammerwinkel, Kurzbau des Auges, Anfallsauslöser: psychischer/physischer Stress).

Schweres Krankheitsbild, das sofort eine spezifische Intervention erfordert. Gefahr der Erblindung innerhalb von Stunden.

Symptome
  • Glaukom, akutesSymptomeMeist einseitig.

  • In 50 % der Fälle Prodromalsymptome (Nebelsehen, Farbringe).

  • Reduzierter AZ: Übelkeit, Erbrechen.

  • Heftigste Schmerzen, oft nicht lokalisierbar.

  • Pupille erweitert, lichtstarr, etwas entrundet.

  • Steinharter Bulbus.

  • Gemischte Injektion der Konjunktiva.

Bei akutem Glaukomanfall können Allgemeinsymptome im Vordergrund stehen. Auch dann an das Palpieren des Bulbus denken.

Kurzanamnese
  • Meist bestehende Weitsichtigkeit.

  • Jahreszeitlicher Gipfel im Oktober/November.

  • Gelegentlich anamnestische Episoden von anfallsartigen einseitigen Kopfschmerzen → subakute Glaukomanfälle.

  • Auslösende Faktoren (Pupillenerweiterung): z. B. Aufenthalt im Dunkeln, psychische Erregung, Alkohol- oder Kaffeegenuss, medikamentöse Pupillenerweiterung, Wetterfronten.

Sofortdiagnostik
  • Glaukom, akutesDiagnostikNotfallcheck (3.3.1), Kreislaufkontrolle (RR, Puls).

  • Augenpalpation: harter Bulbus.

  • Visus: deutlich gemindert (11.1).

  • Inspektion: Pupillenform? Pupillenreaktion? (11.1).

DifferenzialdiagnosenMigräne (4.5.3), akute Konjunktivitis (11.2.2), akute Keratitis (11.5.1), akute Iritis (11.3.3).
MaßnahmenRasche Senkung des Augeninnendrucks, um Schädigung des Sehnervs zu vermeiden.

Pilocarpin 2 % Augentropfen (z. B. Pilomann® 2 % EDO) akut; Klinikeinweisung.

  • Oberkörperhochlagerung.

  • I. v. Zugang mit Infusion.

  • Acetazolamid 500 mg i. v. (z. B. Diamox® Parenteral).

  • Gegebenenfalls Analgesie mit Morphin 5–10 mg i. v. oder Tramadol 100 mg i. v. (z. B. Tramal®).

  • Eventuell Sedierung mit 5 mg Diazepam (z. B. Valium®) langsam i. v.

  • Gegebenenfalls Blutdrucksenkung, z. B. mit Nitrendipin 5 mg p. o. (z. B. Bayotensin akut Philoe®).

Klinikeinweisung sofort.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Erblindung.

Iridozyklitis

ÄtiologieOft ungeklärt; Begleitiritis bei Hornhauterkr.; systemische Erkr.: Morbus Bechterew, Sarkoidose, Morbus Reiter, chron. Arthritis; Z. n. perforierenden Verletzungen, OP; Inf.: Toxoplasmose, Tbc, Lues, Zytomegalie.
SymptomeIridozyklitisIridozyklitisSymptomeSchmutzig graue Irisverfärbung, Schwellung, Schmerzen, Lichtscheu, Visus ↓, Reizmiosis.
Kurzanamnese
  • Systemische Erkr. bekannt, z. B. Spondylitis ankylosans, Sarkoidose, juvenile rheumatoide Arthritis, Reiter-Syndrom?

  • Z. n. Trauma, OP?

DifferenzialdiagnosenAkutes Glaukom (11.3.2), Konjunktivitis (11.2.2).
MaßnahmenIridozyklitisMaßnahmenPupillenerweiterung mit Atropin 1-prozentig (z. B. Atropin® EDO) und Scopolamin (z. B. Boro-Scopol® N Augentropfen). Kortison als Tropfen (z. B. Dexa EDO® Augentropfen) oder Salbe (Corti Biciron® N 2,5 g Augensalbe).

Vorstellung sofort beim Augenarzt oder in Augenambulanz.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Synechien, Sekundärglaukom, Katarakt.

Bindehaut- und Hornhautfremdkörper

SymptomeHornhautFremdkörperFremdkörperBindehaut/HornhautFremdkörperHornhautAnfangs mäßige, später zunehmende Schmerzen, rotes Auge, starkes Tränen, evtl. Lidkrampf oder Visusabfall.
KurzanamneseEs ist „etwas ins Auge geflogen“, z. B. Staubkorn bei Gartenarbeit, im Straßenverkehr (Radfahrer) oder beim Schleifen, Hämmern.
Sofortdiagnostik
  • Bei fokaler (seitlicher) Beleuchtung Fremdkörper meist als schwarzer oder weißlicher Fleck im Hornhautniveau erkennbar.

  • Hinweise auf Perforation (Eintrittspforte; austretender, meist dunkel erscheinender Augeninhalt)?

  • Bei Fremdkörper unter dem Oberlid (Schmerzen v. a. bei Lidschlag) und fehlendem Hinweis auf Perforation: ektropionieren (11.1).

  • Visus: meist reduziert.

  • Kreislaufkontrolle (Puls, RR).

Maßnahmen
  • Lokalanästhesie, z. B. mit Oxybuprocain-Tr. (z. B. Conjuncain® EDO®) oder notfalls mit Tetracain (Ophtocain®-N). Cave: Keine Verordnung von Lokalanästhetika in Tropfen- oder Salbenform (eingeschränkter willkürlicher Lidschluss durch sensorische Betäubung, Lidschlagfrequenz ↓ über den Anästhesiezeitraum → cave: Austrocknung des Auges!). Cave: Symptomunterdrückung (s. u.).

  • Eventuell Spülung des Bindehautsacks.

  • Gegebenenfalls Analgesie, z. B. mit Tramadol 100 mg i. v. (z. B. Tramal®).

  • Steriler Augenverband, bei stärkeren Beschwerden zur Ruhigstellung beidseitig.

Vorstellung sofort beim Augenarzt oder in Augenambulanz zur Entfernung des Hornhautfremdkörpers unter spaltlampenmikroskopischer Kontrolle.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Hornhautschädigung durch Anwendung von Lokalanästhetika: Verschleierung der Symptome → Pat. glaubt Fremdkörper entfernt → Manipulationsgefahr.

Veränderungen der Hornhaut

Differenzialdiagnostischer Überblick

  • HornhautVeränderungenKeratitisKeratitis: Schmerzen, Lichtscheu, Lidkrampf, Fremdkörpergefühl, Visus meist stark herabgesetzt, gemischte Injektion:

    • Bakterielle Keratitis: grauweiße Scheibe in Hornhautmitte, evtl. Eiterbildung in Vorderkammer.

    • Viruskeratitis (meist Herpes-simplex-Virus): beginnend mit stippchenförmigen grauen Epithelflecken, astförmiges Weitersprossen; Sensibilität ↓, daher oft nur geringe Schmerzen.

    • Nichtinfektiöse Keratitis: durch unvollständigen Lidschluss; grauweiße Scheibe in Hornhautmitte oder -unterrand.

  • KeratomykoseKeratomykose: durch kortisonhaltige Augentropfen, bei Kontaktlinsenträgern, Verletzungen im landwirtschaftlichen Bereich (z. B. Stroh/Heu im Auge); grauweißes Ulkus, evtl. Satellitenherde.

HypopyonHypopyon: Eiteransammlung am Boden der Vorderkammer des Auges bei Ulcus corneae serpens.

Vorstellung beim Augenarzt i. d. R. bei allen Veränderungen der Hornhaut, da eine Differenzierung im Bereitschaftsdienst und bei mangelnder Erfahrung schwierig ist.

Sehstörungen und Doppelbilder

Differenzialdiagnostischer Überblick

  • NetzhautablösungSehstörungenDoppelbilderNetzhautablösung (Amotio retinaeAmotio retinae): Blitz- oder Funkensehen, dann schwarze Flecken (Mouches volantesMouches volantes), Rußregen oder schwarzer Vorhang, zuerst peripherer, dann totaler Gesichtsfeldausfall, Bulbus oft hypoton, evtl. träge direkte Pupillenreaktion, indirekte Reaktion prompt.

  • Amaurosis fugaxDurchblutungsstörungenAmaurosis fugaxAmaurosis fugax: plötzliche, kurzfristige Erblindung oder Verschwommensehen mit „grauer Wolke“. Visus für Sek. oder Min. deutlich ↓ (bis evtl. zur Amaurose). Oft Vorbote ausgedehnter zerebraler Ischämien, daher Behandlung und neurologische Abklärung wie bei TIA (4.10.3).

  • GlaskörperabhebungGlaskörperabhebung: blitzähnliche Lichterscheinungen, Sehen von Flecken oder Spinnen, die vor dem Auge schwimmen, nur geringe Visusminderung.

  • Retinopathia centralis sclerosaRetinopathia centralis sclerosa: einseitiges Verschwommensehen, meist mit Verkleinerung des Bilds und Verzerrtsehen; häufig nach Stresssituation und bei Rauchern, ≥ 50 J., nur geringe Visusverminderung.

  • Akute Diplopie/AugenmuskelpareseAugenmukelparese: Doppelbilder, Kopfzwangshaltung, Orientierungsschwierigkeiten, Schwindel, anamnestisch evtl. vaskuläre oder Infektionskrankheiten oder Trauma (Blow-out-Fraktur).

  • Akuter Schub einer multiplen Sklerose (16.4): Meist bekannte Erkr., evtl. Erstmanifestation mit Doppelbildern.

Vorstellung sofort beim Augenarzt oder in einer Augenambulanz zur weiteren Abklärung.

Visusverlust

ÄtiologieVisusverlust, DDSchlagartiger Sehverlust meist auf dem Boden von Durchblutungsstörungen, evtl. aber auch Störungen der Netzhaut, des N. opticus oder der Sehbahn. DD internistische Krankheitsbilder (z. B. Hypertonie). Bei V. a. Amaurosis fugax: wie bei TIA anderer Genese (4.10.3) sofort Behandlung einleiten!

  • Eintreten innerhalb von Sekunden.

  • Aufgeregter Pat. macht nicht immer klare anamnestische Angaben → gezielte Fragen stellen.

  • Ein Zentralarterienverschluss muss sofort erkannt werden (11.7.2).

Differenzialdiagnostischer Überblick

  • Zentralarterienverschluss (11.7.2): schlagartige, einseitige Erblindung; evtl. Lichtscheinwahrnehmung.

  • RiesenzellarteriitisRiesenzellarteriitis (Horton-KrankheitHorton-Krankheit): anfallsartiger Kopf- und Augenschmerz (temporal), zuerst ein-, später auch beidseitig, plötzlicher Visusverlust; A. temporalis druckschmerzhaft, evtl. überwärmt; Lebensalter > 65 J.; schlagartiges Ansprechen auf Kortikoide → Vorstellung zeitnah beim Hausarzt und FA Rheumatologie.

  • ZentralvenenverschlussZentralvenenverschluss: rasch progredienter, schmerzloser Visusverlust; Gesichtsfeldausfälle in Stunden bis Tagen, „Schleier vor dem Auge“; evtl. Hypertonie, Atherosklerose (Rauchen und Ovulationshemmer?) → Hämodilution, Augendrucksenkung mit z. B. Vistagan® Liquifilm 0,5 % AT, Klinikeinweisung in Augenklinik.

  • Akute ischämische OptikusneuropathieOptikusneuropathie: plötzliche einseitige Visusherabsetzung; anamnestisch meist Hypertonie, Nikotinabusus, Hyperlipidämie, ≥ 65 J. Visus: Fingerzählen immer möglich. Gesichtsfeld: meist Defekt der unteren Gesichtsfeldhälfte, seltener obere Hälfte → Klinikeinweisung in Augenklinik.

  • Neuritis nervi opticiNeuritis nervi optici: einseitige, über Stunden oder Tage zunehmende Visusminderung, Nebel oder Schleierwahrnehmung; dumpfe, retrobulbäre Schmerzen; oft entzündliche Vorerkr. Gesichtsfeld: meist Zentralskotom. Pupillenreaktion: verminderte Reaktion der erkrankten Seite auf Licht. Palpation: typischer Bewegungs- oder Druckschmerz des befallenen Auges → Vorstellung beim Augenarzt, Weiterbehandlung des Grundleidens.

  • GlaskörperblutungGlaskörperblutung: einseitiger, rascher Visusverlust innerhalb von Stunden; zunehmende Verdunkelung (Schlierensehen, Rußregen vor dem Auge, z. T. mit rötlicher Verfärbung) → Klinikeinweisung in Augenklinik.

Zentralarterienverschluss

ÄtiologieZentralarterienverschlussEmbolisch (absolute Arrhythmie, Endokarditis), thrombotisch (Arteriosklerose), entzündlich (Arteriitis temporalis).
Symptome
  • ZentralarterienverschlussSymptomeSchmerzlose Erblindung, keine Besserung innerhalb von Stunden (falls Pat. so lange wartet).

  • Visus: evtl. nur Lichtscheinwahrnehmung oder Amaurosis, zentrale Sehinsel kann erhalten sein, fast immer einseitig.

Kurzanamnese
  • Bevorzugt höheres Lebensalter.

  • Grunderkr. (z. B. Diab. mell., Hypertonie, Arteriosklerose, Hyperlipidämie)?

  • Rauchen? Ovulationshemmer?

  • Anamnestisch häufig vorangegangene Amaurosis fugax.

  • Herzrhythmusstörungen?

Sofortdiagnostik
  • ZentralarterienverschlussDiagnostikKreislaufkontrolle (Puls, RR), Inspektion und Palpation.

  • Pupillenreaktion: direkte Lichtreaktion aufgehoben, indirekte regelrecht.

  • Pupillenform normal.

  • Gesichtsfeld: meist vollständiger Ausfall.

Maßnahmen
  • I. v. Zugang mit Infusion (z. B. Ringer-Lsg.).

  • Bulbusmassage.

  • Gegebenenfalls vorsichtige Sedierung z. B. mit Diazepam 5 mg (z. B. Valium®).

Klinikeinweisung umgehend in Augenklinik, um Option der Fibrinolyse zu prüfen. Frühe irreversible Schädigung der Ganglienzellen.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Erblindung.

Schwellung im Bereich des Auges und der Anhangsgebilde

AugeSchwellung, DD Cave: Orbitalphlegmone ist wegen möglicher Komplikationen (Sinusvenenthrombose, [4.5.10], Meningitis [4.5.7]) ein lebensgefährliches Krankheitsbild! Frühzeitig daran denken!

Differenzialdiagnostischer Überblick

  • Orbitalphlegmone (11.8.2): Exophthalmus, pralle Schwellung der Lider und Umgebung, Augenbewegung eingeschränkt, schmerzhaft; Fieber, Übelkeit, Erbrechen.

  • Hordeolum (11.8.3): Lidödem, hochrote Vorwölbung des Lidrands, später Eiterhof.

  • Lidabszess (11.8.4): Rötung und fluktuierende Schwellung des Lids, Verengung der Lidspalte.

  • Dakryozystitis (11.8.5): hochrote, schmerzhafte Schwellung am medialen Augenrand; Begleitödem von Lid und Nasenrücken.

  • Dakryoadenitis (11.8.6): druckschmerzhafte Schwellung des Oberlids (liegende Paragrafenform).

Orbitalphlegmone

Symptome
  • OrbitalphlegmoneOrbitalphlegmoneSymptomeEinseitiger Exophthalmus.

  • Chemosis, pralle Schwellung der Lider und der Umgebung, Rötung und Druckschmerz der Lider.

  • Häufig Ptosis und Doppelbilder.

  • Allgemein: Fieber, evtl. Übelkeit, Erbrechen.

Kurzanamnese
  • Bestehende Sinusitis (zu 70 %)? Gesichtsfurunkel? Sepsis?

  • Zahnkeimeiterung beim Säugling.

SofortdiagnostikOrbitalphlegmoneDiagnostikInspektion und Palpation der Lider (druckschmerzhaft, starker Bewegungsschmerz). Pupillenreaktion und Visus ↓.

Klinikeinweisung sofort in Augenklinik oder Chirurgie.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Meningitis, Sinusvenenthrombose.

Hordeolum (Gerstenkorn)

ÄtiologieHordeolumGerstenkornEntzündung der Talg- oder Schweißdrüsen der Lidränder durch Strepto- oder Staphylokokken.
SymptomeLidödem, Lidödemhochrote Vorwölbung des Lidrands, später Eiterhof.
Maßnahmen
  • Trockene Wärme (Rotlicht 2–3 ×/d).

  • Augensalben mit Biprocathol (z. B. Posiformin® 2 %, Augensalbe) 3–5 ×/d einen 0,5 cm langen Salbenstrang in Bindehautsack. Meist Eiterentleerung durch Spontanperforation.

Vorstellung nur bei ausgeprägtem Befund beim Augenarzt am nächsten Tag.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Lidabszess, Orbitalphlegmone.

Lidabszess

ÄtiologieAbszessLidVerletzungen oder metastatische Absiedelungen bei Eiterherden (z. B. Osteomyelitis).
Symptome
  • Rötung des Lids, Verengung der Lidspalte bis zum Verschluss.

  • Allgemein: leichtes Fieber.

SofortdiagnostikPalpation: Fluktuierende Lidschwellung, Schwellung der präaurikulären LK.

Vorstellung beim Augenarzt zur Inzision, Drainage.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Orbitalphlegmone.

Dakryozystitis

DefinitionDakrozystitisEntzündung des Tränensacks.
ÄtiologieOft exazerbierte chron. Dakryozystitis, mechanische Schädigung des Tränensackepithels (z. B. Sondierung).
SymptomeHochrote, schmerzhafte Schwellung am medialen Augenrand, Begleitödem von Lid und Nasenrücken.
Maßnahmen
  • Feuchtwarme Umschläge, z. B. mit Rivanol® 0,1 %, lokale Antibiotika (z. B. InfectoGenta® Augentropfen 0,3 %/Augensalbe 0,3 %) stündlich.

  • Bei ausgeprägten Befunden systemische Antibiose z. B. mit Flucloxacillin 3 × 500 mg/d p. o. (Flanamox®, Staphylex®).

Vorstellung kurzfristig bei massivem Befund beim augenärztlichen Notdienst, spätestens aber am nächsten Tag.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Orbitalphlegmone.

Dakryoadenitis

DefinitionAugeDakryoadenitisTränendrüsenentzündung.
ÄtiologieAkut: Infektionskrankheiten (Mumps, Masern, Scharlach, Grippe), bakt. Konjunktivitis, Verletzungen. Chron.: Trachom, Tbc, Lues, Morbus Hodgkin, Leukämie, Mikulicz-Syndrom, Sarkoidose, Sjögren-Syndrom.
Symptome
  • DakryoadenitisSymptomeDruckschmerzhafte Schwellung des Oberlids, „liegende Paragrafenform“, d. h. Lid hängt bogenförmig nach temporal. Präaurikuläre LK-Schwellung.

  • Beim Anheben des Oberlids Hervortreten der geschwollenen Tränendrüse.

DifferenzialdiagnoseHordeolum, Chalazion, Lidabszess, Periostitis des Orbitarands, Orbitalphlegmone (keine sichtbare Schwellung der Drüse); Retentionszyste der Tränendrüse (Dakryops): vergrößert sich beim Weinen.
Maßnahmen
  • DakryoadenitisMaßnahmenFeuchtwarme Umschläge mit Rivanol 0,1 %, lokale Antibiotika wie Gentamicin (z. B. Refobacin® Augentr. oder Polyspectran® Tr.) 3–5 ×/d 1 Tr.

  • Bei massivem Befund ggf. systemische Antibiose wie bei Dakryozystitis (11.8.5).

Vorstellung sofort beim augenärztlichen Notdienst.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Orbitalphlegmone.

Verätzungen und Verbrennungen des Auges

VerbrennungenAugeVerätzungAugeAugeVerätzungAugeVerbrennungPat. oft sehr ängstlich → Ruhe bewahren und ausstrahlen. Eventuell Sedierung des Pat.
SymptomeStärkste Augenschmerzen, Tränen, Lichtscheu, massiver BlepharospasmusBlepharospasmus (Lidkrampf).
Kurzanamnese
  • Arbeits- oder Haushaltsunfall?

  • Unfallhergang? Z. B. Stichflamme, heiße Dämpfe oder (Tränen-)Gas (Exposition beendet?), kochendes Wasser, glühendes Metall, Starkstrom, Explosion, heißes Öl/Fett.

  • Ätzende Substanz? Lauge?

Sofortdiagnostik
  • Notfallcheck (3.3.1).

  • Inspektion des Auges:

    • Leichte Verätzung: Konjunktiva teils hyperämisch, teils ischämisch (blass), Blepharospasmus, Hornhaut klar.

    • Schwere Verätzung: Partielle oder totale Hornhauttrübung („gekochtes Fischauge“) mit nebliger Eintrübung.

    • Verbrennung: 1.–3. Grades der Lid- und Bindehaut → Rötung, Blasenbildung, Nekrosen. Augapfel tatsächlich betroffen? Hornhauttrübung? Versengte Augenbrauen und Wimpern?

  • Erosion bis zu tiefen Gewebsnekrosen der Hornhaut.

  • Häufig sind Lider und Gesichtshaut durch Spritzer ebenfalls verätzt.

  • Prüfung der Sehschärfe (11.1).

  • Kreislaufkontrolle (Puls, RR).

Differenzialdiagnosen
  • Säureverätzung: Koagulationsnekrose.

  • Laugenverätzung (z. B. Kalk, Zement, Kontaktlinsenreiniger): Kolliquationsnekrose. Rasches Vordringen in tiefere Gewebsschichten, Gefahr der Penetration in Kammerwasser und Glaskörper, Perforationsgefahr.

Maßnahmen: AugenspülungAugeSpülungAugenspülungAugenspülung sofort am Unfallort beginnen. Notfalls Augenspülung unter laufendem Wasserstrahl am Waschbecken (in jedem Fall besser als keine Spülung!).
  • Handschuhe anziehen – Eigenschutz! Gegebenenfalls eigene Augen vor Spritzern mit Brille oder durch Abstand schützen.

  • Gegebenenfalls Lokalanästhesie, z. B. mit Oxybuprocain-Tr. (z. B. Conjuncain® EDO®) oder Tetracain (Ophtocain®-N).

  • Grobe Partikel mit Zipfel einer Kompresse oder Wattestäbchen entfernen.

  • Kalkverätzungen: trocken austupfen und – sofern vorhanden – mit Öl ausspülen. Entscheidend ist schnelle Dekontamination, da durch Reizsekretion des Auges die Kalkverätzung unterhalten wird → Notfalls also mit viel Wasser spülen.

  • Verbrennungen: Augenspülung (Isogutt® akut MP), desinfizierende Augensalben, z. B. Bibrocathol (Posiformin® 2 % AS), Verband; ab 2. Grades Klinikeinweisung.

  • Kopf zur Seite des verletzten Auges neigen lassen. Auge öffnen und offen halten. Meist müssen Augenlider mit Gewalt geöffnet werden, wenn möglich durch Helfer, sonst alle nachfolgenden Handgriffe einhändig vornehmen. Ektropionieren ist dann z. B. nicht möglich.

  • Mit Isogutt® akut MP, notfalls auch mit anderer Flüssigkeit (z. B. Ringer-Lsg.) aus Plastiksprühflasche oder Infusionsschlauch Horn- und Bindehaut spülen. Cave: Spülflüssigkeit darf nicht ins Gegenauge gelangen!

  • Pat. in alle vier Hauptrichtungen blicken lassen. Oberen und unteren Bindehautfornix mit 10- oder 20-ml-Spritze mit aufgesetzter Plastikverweilkanüle vorsichtig ausspülen.

  • Zur besseren Exposition der Bindehaut Oberlid ektropionieren (11.1).

  • Fortführen der Spülung während der Fahrt in die Klinik: Spülschale mit Dauerinfusion (Elektrolytlösung) oder alle 5 Min. mit Isogutt® Augenspülung tropfen.

  • Schmerzstillung, ggf. noch vor der Spülung mit Tramadol 100 mg i. v. (z. B. Tramal®).

  • Sedierung → Diazepam i. v. (z. B. Valium®).

Klinikeinweisung immer in Augenklinik, dort Dauerspülung bis zu 24 h. Topische Kortikoide u./o. Ciclosporin A. Später operative Nekrosenentfernung mit plastischer Deckung. Eventuell Hornhauttransplantation.

Stumpfe Bulbusverletzung

Kurzanamnese
  • BulbusverletzungAugeVerletzung, stumpfeBulbusverletzungstumpfeArbeits-, Sport- (z. B. Tennis, Golf) oder Autounfall? Schlägerei?

  • Schmerzen? Doppelbilder (z. B. bei Blow-out-Fraktur)?

Sofortdiagnostik
  • BulbusverletzungDiagnostikNotfallcheck (3.3.1), Kreislaufkontrolle (Puls, RR).

  • Inspektion:

    • Periorbital: Hämatom, Lidschwellung, Enophthalmus.

    • Bulbus: gemischte Injektion, diffuse Chemosis oder Unterblutung der Bindehaut. Bei schwerem Trauma Hornhauttrübung. Sichtbare Wundöffnung. Bei gedeckter Perforation meist dunkel erscheinendes, prolabiertes intraokulares Gewebe unter der Bindehaut.

    • Vorderkammer: abgeflacht oder aufgehoben, Einblutung.

    • Pupille: entrundet, fehlende Lichtreaktion.

  • Visusprüfung: Minderung, Visusverlust bei massiver Einblutung oder Optikusabriss.

Maßnahmen
  • BulbusverletzungMaßnahmenOberkörperhochlagerung.

  • Gegebenenfalls Analgesie, z. B. mit Morphin 5–10 mg i. v. oder Tramadol 100 mg i. v. (z. B. Tramal®).

  • Sedierung mit Diazepam 5 mg i. v. (z. B. Valium®).

  • Steriler Verband, ggf. doppelseitiger Verband zur Ruhigstellung.

Abhängig vom Allgemeinbefinden und Ausmaß des Traumas i. v. Zugang mit Infusion (z. B. Ringer-Lsg.).

Klinikeinweisung immer in Augenklinik oder chirurgische Klinik.

Keine Acetylsalicylsäure zur Analgesie wegen evtl. erforderlicher Operation.

Perforierende Bulbusverletzung

KurzanamneseBulbusverletzungperforierendeAugeVerletzung, perforierendeUnfall im Straßenverkehr (Windschutzscheibenverletzung) oder am Arbeitsplatz (z. B. Metallsplitter beim Bohren, Hämmern, Fräsen, Schleifen). Stich- oder Schnittverletzungen.
SofortdiagnostikBulbusverletzungDiagnostikNotfallcheck (3.3.1), Kreislaufkontrolle (Puls, RR).

Bei V. a. perforierende Verletzung Bulbus nicht palpieren, Lider nicht ektropionieren.

  • Visus ↓.

  • Pupillenreaktion: keine.

  • Inspektion:

    • Bei kleiner Perforation meist aufgehobene Augenvorderkammer und Verziehung der Pupille zur Perforationsstelle.

    • Bei schwerer Perforation evtl. eingefallener hypotoner Bulbus, erkennbarer Uvea- und Glaskörpervorfall, sichtbare Wundöffnungen von Hornhaut oder Sklera, diffuse Chemosis mit Unterblutung der Bindehaut.

Maßnahmen

BulbusverletzungMaßnahmen

  • Fremdkörper nicht entfernen. Bei spitzen Gegenständen deren weiteres Eindringen verhindern. Längere Gegenstände stabilisieren.

  • Vorsicht beim Umlagern des Patienten.

  • Keine Manipulationen am verletzten Auge.

  • Erstbehandlung mit Salben ist ein Kunstfehler.

  • Zurückhaltende Tropfenapplikation (z. B. Lokalanästhetikum) wegen möglicher Verunreinigung.

  • Oberkörperhochlagerung.

  • Trockener, steriler, ggf. doppelseitiger Verband zur Ruhigstellung. Cave: Verband locker anlegen, sodass kein Druck auf den Bulbus entsteht.

  • Gegebenenfalls Analgesie z. B. mit Tramadol 100 mg i. v. (z. B. Tramal®).

  • Sedierung mit Diazepam 5 mg i. v. (z. B. Valium®).

In Abhängigkeit vom AZ i. v. Zugang mit Infusion (z. B. Ringer-Lsg.).

Klinikeinweisung in nächste Augenklinik zur operativen Versorgung.

Abwendbar gefährlicher Verlauf

Kleinere Perforationen sind schwierig zu diagnostizieren und können leicht übersehen werden, daher schon bei Verdacht Behandlung wie bei Perforation.

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