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B978-3-437-22422-5.00019-1

10.1016/B978-3-437-22422-5.00019-1

978-3-437-22422-5

Leitsymptome bei IntoxikationenVergiftungenLeitsymptome

Tab. 19.1
Alkylphosphate Amphetamine Antidepressiva Arsen Atropin Äthylalkohol Betablocker Barbiturate Benzin Benzodiazepine Blei Botulinumtoxin Clonidin CO CO2 Digitalis Diphenhydramin Halogenierte KW Kokain Methylalkohol Neuroleptika Nikotin Opiate Org. Lösemittel Paracetamol Phencyclidin Pilze Quecksilber Salizylate Strychnin Thallium Theophyllin Zyanid
Nervensystem Psychomotorische Erregung x x x x x (x) (x) x (x) (x) x (x) x (x) (x) x x x (x) x x (x) (x) x (x)
Epileptische Anfälle x x x (x) x x (x) x x x (x) x x (x) x x x x (x) x (x) x (x)
Hyperreflexie x x x (x) (x) (x) x x (x) x
Hypo-/Areflexie x x (x) x (x) (x) x x x (x) (x) (x)
Bewusstseinstrübung x x (x) (x) x (x) x (x) x (x) x (x) x x (x) x (x) x x x x x (x) (x) (x) (x) (x) (x)
Koma x x (x) (x) x (x) x (x) x (x) (x) (x) x x (x) x (x) x x x x x (x) (x) (x) (x)
Atemlähmung x x x x x (x) x x x x (x) x (x) (x) x x x x x (x) x
Hypothermie x x x (x) x (x) x x
Hyperthermie x x x x x x x x x
Muskelschwäche (x) x x x x x x x
GIT Übelkeit, Erbrechen x x x x x x x x x x x x x (x) x x x x x x x x
Durchfall x x x x x x x x (x) x
Speichelfluss x (x) x x
Mundtrockenheit x x x x x x x x x
Abdominalschmerz x x x x x x (x) x x x
Ikterus x (x) x x x (x)
Lunge Bronchokonstriktion x x (x)
Lungenödem (x) x x x (x) x
Dyspnoe x x x x x (x) x (x) x x
Herz/Kreislauf Hypotonie x x x (x) (x) x x x (x) x
Hypertonie x x x x x x (x) x (x)
Bradykardie x x (x) x x (x) x x (x) x x (x) (x)
Tachykardie x x x x x x (x) x x x x x x x x (x) x x (x) (x) x x x
Augen Miosis x x x x x (x)
Mydriasis x x x x x x x x x x x x (x) x x
Sehstörung x x x x x x x x x x (x) (x)

x = typisches Symptom

(x) = gelegentliches Symptom

Wichtige Pflanzenvergiftungen Wolfsmilch, IngestionTollkirsche, IngestionSeidelbast, IngestionPfaffenhütchen, IngestionKnollenblätterpilz, IngestionGoldregen, Ingestion

Tab. 19.2
Pflanze Tox. Menge Symptome Maßnahmen
Goldregen Weniger als eine Schote (sieht wie Bohnenschote aus!) Speichelfluss, Brennen, Pupillenerweiterung, Lähmungen, Krämpfe Erbrechen induzieren (19.1.2)
Knollenblätterpilz Kleinste Mengen Verzögert, nach etwa 2 h! Hepatotoxisch, nephrotoxisch, ZNS; oft tödlich! Induziertes Erbrechen. Cave: Immer Rücksprache mit Giftinformationszentrum (19.3)!
Pfaffenhütchen Wenige Früchte Etwa 15 h nach Aufnahme Erbrechen, blutiger Durchfall, Kollaps, Krämpfe Primäre Giftentfernung, intensive Überwachung für 24 h!
Seidelbast Evtl. schon bei einer Beere Erbrechen, Durchfall, nephrotoxisch, Kollaps Erbrechen induzieren (19.1.2), symptomatisch
Tollkirsche Bei > 1 Beere Erregungszustände, Halluzinationen, Durst, Übelkeit, Herzrhythmusstörungen, Mydriasis, Bewusstlosigkeit Erbrechen induzieren, i. d. R. aber schon zu spät, wenn Symptome auftreten
Engelstrompete
„Moonflowerwine“
Alle Pflanzenteile (Blüten höchste Konzentration) Herzrasen, Schwindel, Mydriasis, Hyperthermie, Halluzinationen, Miktionsstörung Überwachen der Vitalfunktionen
Wolfsmilch Mäßig giftig, einige Safttropfen schaden nicht Erbrechen, Durchfall, Krämpfe, bei Hautkontakt Dermatitis und Blasenbildung Erbrechen induzieren (19.1.2)

GiftinformationszentrenGiftinformationszentrenGiftinformationszentren (Vorwahl/19240)

Tab. 19.3
Ort Einrichtung Telefon Fax E-Mail
Berlin Landesberatungsstelle 030/192 40 030/30 68 67 21 mail@giftnotruf.de
www.giftnotruf.de
Berlin Virchow-Klinikum 030/450 55 35 55 030/450 55 35 65 Giftinfo@charite.de
www.charite.de/rv/nephro
Bonn Uni-Kinderklinik 0228/192 40 0228/287–333 14 gizbn@gizbonn.de
www.gizbonn.de
Erfurt Gemeinsames GIZ 0361/730730 0361/730 73 17 info@ggiz-erfurt.de
www.ggiz-erfurt.de
Freiburg Uni-Kinderklinik 0761/192 40 0761/270 44 57 giftinfo@kikli.ukl.uni-freiburg.de
www.uniklinik-freiburg.de/giftberatung
Göttingen GIZ Nord 0551/192 40 05 51
0551/38 31 80
0551/383 18 81 Giznord@ giz-nord.de
www.giz-nord.de
Homburg/Saar Uni-Kinderklinik 06841/192 40 06841/162 84 38 giftberatung@uniklinikum-saarland.de
www.giftinfo.uni-mainz.de
Mainz Medizinische Uni-Klinik 06131/192 40 06131/17 66 05 Mail@giftinfo.uni-mainz.de
www.giftinfo.uni-mainz.de
München Toxikologische Abteilung der TU 089/19 240 089/41 40 24 67 tox@lrz.tum.de
Wien Allgemeines Krankenhaus +43/1/406 43 43 +43/1/404 00 42 25 VIZ@Meduniwien.ac.at
Zürich Toxikologisches Informationszentrum +41/44/251 51 51 +41/44/252 88 33 Info@toxi.ch
In Notfällen nur telefonische Auskunft, KEINE E-Mail! Siehe auch www.gifte.de

Vergiftungen und Ingestionen

Hermann C. Römer

  • 19.1

    Allgemeines Vorgehen514

    • 19.1.1

      Grundlagen514

    • 19.1.2

      Allgemeinmaßnahmen bei Vergiftungen514

  • 19.2

    Spezielle Vergiftungen und Ingestionsunfälle515

    • 19.2.1

      Ursachen von Vergiftungen515

    • 19.2.2

      Vergiftungen durch Pflanzen522

    • 19.2.3

      Weitere häufige Substanzen bei Ingestionsunfällen523

  • 19.3

    Giftinformationszentren523

Allgemeines Vorgehen

Grundlagen

VergiftungenIngestionenIntoxikationenGiftige Substanzen können aus unterschiedlichen Gründen aufgenommen werden. Die zufällige Ingestion kann aus Unwissenheit, Fahrlässigkeit oder Nichtkennzeichnung von Giften resultieren. Hier sind häufig Kinder betroffen, die freien Zugang zu Reinigungsmitteln, Chemikalien oder giftigen Pflanzen und Pflanzenteilen haben.
Die vorsätzliche Einnahme von Rauschmitteln (Alkohol, Drogen, etc.) oder selbst hergestellten Substanzen (Moonflowerwine, Pilze etc.) kann durch Unterschätzung der Dosis zu lebensbedrohlichen Zuständen führen oder aber auch in suizidaler Absicht geschehen.
Wird eine Person aufgefunden, bei der V. a. eine Vergiftung besteht, muss zunächst an die eigene Sicherheit gedacht werden. Die betroffene Person kann sowohl im Verhalten gestört sein (aggressiv, halluzinierend, ängstlich etc.), als auch durch mögliche Restgifte eine Gefahr für den Ersthelfer und/oder den gerufenen Arzt darstellen.
  • Selbstschutz.

    • Versorgung des Pat. nur in sicherer Umgebung, Feuerwehr alarmieren – falls noch nicht geschehen – und Pat. retten lassen.

    • Handschuhe tragen (Infektions-/Kontaminationsgefahr).

    • Bei V. a. Gasvergiftung kann nur mit Atemschutz gerettet werden

      → Feuerwehr.

    • Kein Betreten von ungesicherten Brandstätten, Kellern, Silos und Garagen, da Explosions-, Erstickungs- und/oder Einsturzgefahr!

    • Nie Mund-zu-Mund-Beatmung! Immer Maske und Tubus benutzen.

  • Dekontamination.

  • Untersuchung des gesamten, vollständig entkleideten Pat.

  • Leitbefunde Tab. 19.1.

Allgemeinmaßnahmen bei Vergiftungen

  • Eine exakte Diagnose ist am Unfallort häufig nicht zu stellen.

  • Der Zustand von Intoxikierten kann sich plötzlich verschlechtern.

  • Bei VergiftungenSofortmaßnahmenBewusstlosigkeit 4.10.2; ABCDE-Schema, ggf. Reanimation (3.4).

  • Asservieren von Giftresten und Erbrochenem.

  • In Ausnahmefällen kann forciertes Erbrechen indiziert sein.

  • Eventuell noch vor Ort Kontakt mit Giftinformationszentrum (19.3) aufnehmen.

Klinikeinweisung möglichst in eine Klinik mit speziellen Entgiftungsverfahren (z. B. Hämodialyse, Hämofiltration) nach Voranmeldung. Notarztbegleitung erwägen.

Induziertes Erbrechen
Kontraindikationeninduziertes ErbrechenErbrecheninduziertesVergiftungenInduziertes ErbrechenBewusstlosigkeit, Vergiftungen mit Säuren, Laugen, fettlöslichen Substanzen (z. B. Pflanzenschutzmittel), Schaumbildnern.
Vorgehen
  • Mechanische Reizung der Rachenhinterwand.

  • Ipecacuanha-Sirup: Erwachsene 6 ML (30 ml), Kinder ≤ 1,5 J. 3 ML (10 ml), 1,5–5 J. 3 ML (15 ml), > 5 J. 6 ML (30 ml). Sofort danach reichlich Saft oder Wasser trinken lassen. Nach 3 Min. bei Erwachsenen erneute Gabe möglich. Schulkinder halbe Dosis. KI: Kinder < 9 Mon.

  • Apomorphin 1 Amp. i. m.

Spezielle Vergiftungen und Ingestionsunfälle

Ursachen von Vergiftungen

Die häufigsten Ursachen von Vergiftungen in alphabetischer Ordnung.
AbsinthAbsinthintoxikation
  • Stark alkoholisches Wermut-Getränk (25–50 Vol.-% Alkohol).

  • Klinik: vor allem Symptome der Alkoholintoxikation, Halluzinationen, Schlaflosigkeit, Aggressivität, Tics, Psychosen, Mundtrockenheit. Chron.

    Abusus: Ototoxizität, Erregungszustände, Depression, Kopfschmerzen, Neuropathie.

  • Therapie: Allgemeinmaßnahmen (19.1.2) und Akutmaßnahmen wie bei Alkoholintoxikation (s. u.).

Acetylsalicylsäure
  • AcetylsalicylsäureIntoxikationAkut toxische Einzeldosis bei Kindern: 150 mg/kg.

  • Klinik: metabolische Azidose → Hyperventilation; Hyperthermie, Agitation oder Verwirrtheit, Koma, Wasser- und Elektrolytimbalance, Krämpfe, Schwindel, Ohrensausen.

  • Therapie: bis zum Eintreffen des Notarztes evtl. Erbrechen induzieren.

Alkohol
  • AlkoholintoxikationKlinik: Alkoholfötor, Konzentrationsfähigkeit ↓, Reaktionszeit ↓, gestörte motorische Koordination, Wärmeabgabe durch periphere Gefäßerweiterung ↑, Erbrechen, Hypoglykämie, Bewusstlosigkeit, RR-Abfall.

  • Therapie: bis zum Eintreffen des Notarztes vorgehen anhand des ABCDE-Schemas und Wärmeerhalt; BZ-Kontrolle, evtl. Traubenzucker p. o. oder 20-prozentige Glukose-Infusion.

  • Kinder können bereits nach Aufnahme von 1 g/kg Alkohol an Hypoglykämie versterben.

  • Bei fehlendem Fötor oder entsprechenden Umständen immer auch an Hypoglykämie oder Kleinhirninfarkt/Apoplex denken!

Antidepressiva
  • Antidepressiva-IntoxikationKlinik: Mydriasis, Mundtrockenheit, Miktionsstörungen, Krämpfe, Koma, Herzrhythmusstörungen, Erregung, Halluzinationen, anticholinerge Symptomatik.

  • Therapie: evtl. vor Eintreffen des Notarztes Physostigminsalicylat 2 mg langsam i. v. (z. B. Anticholium®); Antidot Atropin soll aufgezogen bereitliegen.

Barbiturate
  • Barbiturate, IntoxikationKlinik: Bewusstseinsstörung bis Koma, verwaschene Sprache, Atemlähmung, RR- und Temperaturabfall, Hyporeflexie, Ataxie, Nystagmus, Kopfschmerzen, Azidose, „Schlafmittelblasen“.

  • Therapie: Schockbehandlung (3.7). Intubation und Beatmung bereits bei mäßiggradiger Hypoxie. Cave: Glukokortikoide verstärken die Intoxikation.

Benzodiazepine
  • Benzodiazepine, IntoxikationKlinik: Benommenheit, Schläfrigkeit, Muskelrelaxation, Ataxie, Schwindel, Nystagmus, gehobene Stimmungslage, seltener: Bewusstlosigkeit, Atemdepression und Blutdruckabfall. Cave: paradoxe Reaktion bei Kindern oder im Senium möglich!

  • Therapie: Benzodiazepinantagonisten FlumazenilFlumazenil initial 0,2 mg i. v., wiederholen bis zur Gesamtdosis 1 mg (z. B. Anexate®).

Betablocker
  • Klinik: Betablocker, Intoxikationkardiodepressive Wirkung (Bradykardie, AV-Block I.–III. Grades), RR-Abfall, periphere Zyanose, Oligurie, bei Passage der Blut-Hirn-Schranke Sedierung (Schwindel, Benommenheit) oder Erregung (Erbrechen, Krämpfe, halluzinatorische Psychose), Dyspnoe durch Bronchospastik. Bei Kindern oft Hypoglykämie.

  • Therapie: evtl. vor Eintreffen des Notarztes Erbrechen induzieren; bei Bradykardie Atropin 0,3 mg i. v.

Blausäure (Zyanid)
  • ZyanidintoxikationBlausäureintoxikationVergiftungsursachen: z. B. Unfälle in Galvanisationsbetrieben, Inhalation von Zyanwasserstoff bei Silobegasung, Rauchgasinhalation, Verbrennung von Kunststoffen, Selbstmord oder Mord durch Zyankali, Bittermandeln/Pfirsichkerne bei Kindern.

  • Klinik: Bittermandelgeruch in der Ausatemluft, Atemnot ohne Zyanose, Hyperpnoe, Bewusstlosigkeit, tonisch-klonische Krämpfe, Areflexie, Apnoe mit konsekutivem Herz-Kreislauf-Stillstand.

  • Therapie: Entfernung aus Gefahrenbereich, ggf. Sicherung, Erhalt und Wiederherstellung der Vitalfunktionen; bei Krämpfen Diazepam 5–10 mg i. v. oder rektal (z. B. Valium®). Sofortige Antidotgabe (4-Dimethylaminophenol-HCl) durch herbeigerufenen Notarzt.

Cannabis
  • CannabisintoxikationKlinik: Übelkeit, Erbrechen, Appetitsteigerung, Mundtrockenheit, Konjunktivitis, Mydriasis, Tachykardie, Ataxie, Schwindel, Fieber, Halluzinationen, Erregungszustände, Panikreaktion, Suizidtendenzen, Depersonalisationserlebnisse.

  • Therapie: beruhigendes Gespräch; bei stärkerer Erregung Diazepam 5–10 mg langsam i. v. (z. B. Valium®, Diazepam ratio®).

Cholinesterasehemmer, z. B. Parathion = E 605 ®
  • Cholinesterasehemmer, IntoxikationKlinik: Miosis, Bradykardie, Sekretionssteigerung, Magen-Darm-Spasmen, Muskellähmung, Ataxie, Krämpfe, Bronchospasmus, Lungenödem, Atemlähmung.

  • Therapie: evtl. vor Eintreffen des Notarztes Erbrechen induzieren, bei Bradykardie Atropin 0,3 mg i. v., evtl. wiederholen.

CO-Vergiftung
  • Vergiftungsursachen: leichter als Sauerstoff → steigt auf! Unvollst. Verbrennungen (Hausbrand), undichte Gastherme, Kamine, Suizid (Pkw-Abgase, Grill in geschlossenen Räumen).

  • Klinik:

    • KohlenmonoxidintoxikationBis 10 % COHb keine Symptome.

    • 15–30 % COHb: Kopfschmerzen, leichte Sehstörungen, Dyspnoe, Schwindel, Unwohlsein, Bewusstseinsstörungen.

    • 30–40 % COHb: hellrote Haut, Nachlassen der Urteils- und Entschlusskraft (keine Selbstrettung mehr möglich!), Koordinationsstörungen, Atemstörungen.

    • 50 % COHb: Bewusstlosigkeit, Krämpfe, Atemlähmung, Herzversagen, Hirnödem.

  • Therapie: Rettung durch Feuerwehr! Cave: Eigensicherung beachten! Sauerstoffgabe 15 l/Min., Klinik mit Druckkammer (→ hyperbare Sauerstofftherapie), evtl. assistierte Beatmung.

CO 2 -Vergiftung
  • Vergiftungsursachen: Kohlendioxidintoxikationschwerer als Sauerstoff → sinkt ab! („CO2-See“). Gährprozesse (Weinkeller, Getreidesilos).

  • Klinik:

    • 3–10 Vol.-% in der Atemluft: Kopfschmerzen, Ohrensausen, Schwindel, Blutdruckanstieg, Dyspnoe.

    • 10–15 Vol.-% in der Atemluft: Bewusstlosigkeit, Krämpfe, Schock.

    • > 15 Vol.-% in der Atemluft: Apoplex-ähnlicher Verlauf.

  • Therapie: Rettung durch Feuerwehr! Cave: Eigensicherung beachten! Bis zum Eintreffen des Notarztes Frischluft, Sauerstoffgabe 15 l/Min., evtl. assistierte Beatmung.

Digitalisglykoside
  • Digitalisglykoside, IntoxikationKlinik: Erbrechen, Farbensehen, Benommenheit, Halluzinationen, Delir, Herzrhythmusstörungen: Sinusbradykardie oder (supra-)ventrikuläre Tachykardie (VT), Extrasystolen, AV-Block, Kammerflimmern.

  • Therapie: absetzen des Präparats und stationäre Überwachung. Bei schweren Intoxikationen Behandlung lebensgefährlicher Arrhythmien (wenn EKG vorhanden):

    • AV-Block und Bradykardie: Atropin 0,3–0,6 mg i. v.

    • VT:

      • Keine Herzinsuff.: Ajmalin 50 mg langsam i. v. über 5 Min.

      • Herzinsuff.: Amiodaron 300 mg langsam i. v. über 5 Min.

Eisenpräparate
  • EisenintoxikationKlinik: Übelkeit, Bauchschmerzen, bei hohen Dosen nach symptomarmem Intervall von 1–2 d Leberversagen, Hypoglykämie, Krämpfe. Nach 4 Wo. Pylorusstenose, Zirrhose, Krampfleiden. Bei Kindern ab 50 mg/kg Intoxikationssymptome.

  • Therapie: ab 20 mg/kg vor Eintreffen des Notarztes Erbrechen induzieren.

Halluzinogene (z. B. LSD, Mescalin [Fliegenpilzgift])
  • Halluzinogene, IntoxikationLSD, IntoxikationKlinik: Halluzinationen, Wahrnehmungsstörungen, Übererregbarkeit, Hypersensitivität, Hyperreflexie, Hyperthermie, Mydriasis.

  • Therapie: beruhigendes Gespräch; bei stärkerer Erregung Diazepam 5–10 mg (z. B. Valium®, Diazepam ratio®).

H1-Antihistaminika
  • AntihistaminikaIntoxikationKlinik: anticholinerge Symptome: Unruhe, Angst, Erregungszustände, Aggressivität, Verwirrtheit, choreoathetotische Bewegungen, Koma, Krämpfe, Atemdepression, Tachykardien, heiße rote Haut, trockene Schleimhäute. Kinder sind wesentlich empfindlicher als Erwachsene: rasche Bewusstlosigkeit mit Krämpfen und kardialen Komplikationen möglich.

  • Therapie: Erwachsene initial Physostigmin 2 mg langsam i. v. (z. B. Anticholium®); Antidot Atropin soll aufgezogen bereitliegen. Bei schweren Vergiftungen die Einzeldosis 1–2 × wiederholen, bis der Pat. aufwacht oder Nebenwirkungen auftreten. Kinder: Einzeldosis 0,5 mg i. v.

Kokain
  • KokainintoxikationKlinik: Tachykardie, Arrhythmie, Hypertonie, Tachypnoe, Hyperthermie, Schüttelfrost, Tremor, Angina pectoris, Kopfschmerz. Hyperreflexie, Übelkeit, Erbrechen, epileptische Anfälle, Euphorie, Angst, Halluzinationen, wahnhafte Störungen, Aggressivität.

  • Therapie: i. v. Zugang, NaCl-Infusion. Bei Unruhe, Erregung sowie Krampfanfällen Diazepam 10–20 mg langsam i. v. (z. B. Valium®, Diazepam ratio®), bei Tachykardie evtl. Betablocker, wie Propranolol 1 mg i. v. alle 5 Min. (z. B. Dociton®), bei Hypertonie: Nifedipin 10–20 mg p. o. (z. B. Adalat®).

Laugen
  • LaugenintoxikationKlinik: Kolliquationsnekrosen, schwer stillbare Blutungen, Erbrechen von Schleimhautfetzen, Aspirationspneumonie.

  • Therapie: induziertes Erbrechen kontraindiziert. Flüssigkeitszufuhr p. o. wenig sinnvoll, da Nekrosen unmittelbar nach Ingestion entstehen.

Methanol
  • MethanolintoxikationSelbst gebrannter Schnaps, Lacke, Beizmittel, Haushalts- und Reinigungsmittel. Toxische Dosis > 5 ml.

  • Klinik: gering ausgeprägter Rausch, Hyperventilation durch metabolische Azidose, Sehstörungen.

  • Therapie: bei frischer Intoxikation Erbrechen induzieren.

Neuroleptika
  • NeuroleptikaIntoxikationKlinik: Sedation, extrapyramidale Störungen, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall, Schock.

  • Therapie: evtl. vor Eintreffen des Notarztes Biperiden 5 mg langsam i. v. (z. B. Akineton®) und Schockbehandlung (3.7). Kein Adrenalin, da es Blutdruckabfall auslösen kann.

Opioide, z. B. Morphin, Heroin, Methadon
  • HeroinintoxikationOpioideIntoxikationKlinik: initial Euphorie, dann Apathie, verwaschene Sprache, Miosis, Bewusstseinsstörungen (Eintrübung bis Koma), Atemlähmung, Bradykardie, Erbrechen, Blutdruckabfall, Krämpfe, Harnverhalt, Lungenödem.

  • Therapie: evtl. vor Eintreffen des Notarztes NaloxonNaloxon 0,4–2 mg i. v. (z. B. Narcanti®), ggf. alle 2–3 Min. wiederholen (kurze Halbwertszeit!). Cave: vorsichtig dosieren, weil sonst Erregungszustand und Aggressivität möglich, außerdem akutes Entzugssyndrom (Morphin mit längerer HWZ als Naloxon, daher bei Flucht „Goldener Schuss“ möglich!).

Paracetamol
  • Klinik: ParacetamolIntoxikation> 5 g bei Erwachsenen akut hepatotoxisch bis zum Leberversagen. Blutgerinnungsstörungen, hämolytische Anämie, metabolische Azidose. Chron. Vergiftung: interstitielle Nephritis.

  • Therapie: evtl. vor Eintreffen des Notarztes MethioninMethionin initial 2,5 g p. o. (z. B. Acimethin®) oder Acetylcystein 150 mg/kg i. v. (z. B. Fluimucil® Antidot Injektionslösung, Amp. 25 ml à 5 g) in 200 ml 5-prozentiger Glukose über 15 Min.

Phencyclidin (z. B. Angel Dust)
  • Angel DustPhencyclidinKlinik: Nystagmus, Ataxie, Dysarthrie, Tremor, Hyperreflexie, fehlende Kornealreflexe, Rigor, Dystonie, epileptische Anfälle, Bewusstseinsstörungen, Angstzustände, illusionäre Verkennung, Halluzinationen, Wahn, Aggressivität, Eigen- und Fremdgefährdung, Mydriasis, Rhythmusstörungen, Tachykardie, Hypertonie.

  • Therapie: symptomatisch bei Erregung Diazepam 5–10 mg langsam i. v. (z. B. Valium®, Diazepam ratio®), bei psychotischen Symptomen Haloperidol 5 mg/h i. v. (z. B. Haldol®) bis zum Wirkungseintritt, bei ausgeprägten anticholinergen Wirkungen Physostigmin 1–4 mg i. m. oder langsam i. v.

Reinigungsmittel (Detergenzien in Spül- und Waschmitteln)
  • ReinigungsmittelintoxikationDetergenzienintoxikationKlinik: lokale Reizerscheinungen an den Schleimhäuten, z. B. Konjunktivitis, Gastroenteritis, oral kaum toxisch, wegen geringer enteraler Resorption; jedoch Schaumbildung (Aspirationsgefahr!). Nach Resorption: Hämolyse, evtl. Nierenversagen.

  • Therapie: reichlich Wasser trinken lassen, Entschäumer wie Dimeticon (z. B. sab simplex® Suspension; Dosierung nach Schwere der Vergiftung, mind. 1 TL). 1 TL Nähmaschinenöl. Induziertes Erbrechen ist gefährlich (Aspirationsgefahr!).

Reizgase
  • ReizgasintoxikationKlinik: zunächst lokale Reizerscheinungen an Augen, Nase, Rachen, später nach symptomfreiem Intervall toxisches Lungenödem möglich.

  • Therapie: vor Eintreffen des Notarztes evtl. Haut und Schleimhäute spülen, evtl. Intubation.

Säuren
  • SäureintoxikationKlinik: lokale Reizwirkung und Koagulationsnekrosen an Mund, Rachen, Ösophagus und Magen, Glottisödem, Hämolyse, Hämaturie, Anurie, Azidose.

  • Therapie: bis zum Eintreffen des Notarztes lokale Spülung mit Wasser.

Scopolamin (Engelstrompete, Stechapfel)
  • ScopolaminIntoxikationKlinik: Halluzinationen, Tachykardie, Mydriasis, Miktionsstörung, Koordinationsstörung.

  • Therapie: symptomatisch bei Erregung Diazepam 5–10 mg langsam i. v. (z. B. Valium®, Diazepam ratio®), bei ausgeprägten anticholinergen Wirkungen Physostigmin 1–2 mg i. m. oder langsam i. v. initial und 1–4 mg alle 20 Min., wenn Symptome wieder auftreten, bei Kindern bis 0,5 mg (bis max. 2 mg wiederholbar).

Theophyllin
  • TheophyllinintoxikationKlinik: Tachykardie, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen; in höheren Dosen Herzrhythmusstörungen. Cave: geringe therapeutische Breite; jede Dosis über der Normaldosis muss als potenziell toxisch angesehen werden.

  • Therapie: primäre Giftentfernung ab 8 mg/kg. Symptomatische Behandlung der Intoxikationszeichen.

Vergiftungen durch Pflanzen

Betrifft vorrangig Kinder.

  • Blattteile: sind fast alle atoxisch bzw. bis etwa 10 cm unbedenklich; Cave: Eibe, Engelstrompete Tab. 19.2.

  • Blumenwasser: Blumenwasser, Ingestionnicht toxisch.

  • Cotoneaster: wenig toxisch, 30–50 Beeren werden vertragen.

  • Efeu: Efeu, Ingestionwenig toxisch, bis 5 Beeren, ggf. Erbrechen induzieren (19.1.2).

  • Eibe: Eibe, Ingestionrotes Fruchtfleisch atoxisch (schleimig süß), Kerne nur bei Zerbeißen toxisch. Blätter sehr toxisch!

  • Heckenkirsche: Heckenkirsche, Ingestionviele Arten, bis 10 Beeren ungiftig, ggf. Erbrechen induzieren (19.1.2).

  • Liguster: Liguster, Ingestionbis 5 Beeren, wenig toxisch, ggf. Erbrechen induzieren (19.1.2).

  • Maiglöckchen: Maiglöckchen, IngestionErbrechen, Durchfall, Schwindel, Herzrhythmusstörungen.

  • Mistel: Mistel, Ingestionbis 5 Beeren, wenig toxisch, Erbrechen induzieren (19.1.2).

  • Vogelbeere: Vogelbeere, Ingestionbis 50 Beeren relativ ungefährlich, nur Überwachung.

Weitere häufige Substanzen bei Ingestionsunfällen

Betrifft vorrangig Kinder.

  • Lampenöl: Lampenöl, Ingestitionfür Kinder leicht erreichbar, Verschlucken, Aspiration. Cave: kein Erbrechen auslösen → Aspirationsgefahr der toxischen Pneumonie!

  • Essigessenz: Essigessenz, Ingestitionab 40 % Verätzung wahrscheinlich → kein Erbrechen auslösen.

  • Fleckenentferner: Fleckenentferner, Ingestionsehr unterschiedliche Substanzen; immer Giftinformationszentrum (19.3) anrufen.

  • Geschirrspülmittel für die Maschine: Geschirrspülmittel, Ingestiongeringe Mengen sehr gefährlich.

    • Alkalisch, ätzend, oft einzelne Stellen im Mund und auf den Lippen, vermehrter Speichelfluss.

    • Cave: kein Erbrechen auslösen!

  • Geschirrspülmittel (Hand-): Toxizität sehr gering.

    • Eventuell Übelkeit, Erbrechen.

    • Nie Erbrechen induzieren. Wegen Schaumbildung Aspirationsgefahr. Entschäumer, z. B. Dimeticon (Sab simplex®) 20–80 Tr., reichlich trinken.

  • Knopfbatterien: Knopfbatterie, IngestionEine kurzzeitig liegende Batterie ist ungefährlich, nach mehreren Wo. kann durch Arrosion eine im Magen befindliche Batterie den Inhalt preisgeben:

    • Primär keine, evtl. mechanisch durch Verlegung des Magen-Darm-Trakts, später wie Schwermetallintoxikation.

    • Bei Verdacht Rö veranlassen. Geht Batterie nicht innerhalb einer Wo. auf natürlichem Weg ab, muss sie endoskopisch entfernt werden.

  • Nikotin/Zigaretten: ZigaretteningestionEine Zigarette/Kippe ist unbedenklich! Pfeifen-, Zigarren und Kautabak enthalten mehr Nikotin.

    • Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen, Schwitzen, Blässe, Miosis, Tachykardie, evtl. Krämpfe, zentrale Atemlähmung.

    • Meist keine Therapie nötig, wird oft überschätzt; ansonsten Erbrechen induzieren. Wenn nach 4 h keine Symptome aufgetreten sind, ist keine weitere Überwachung erforderlich.

Atoxische SubstanzenSubstanzen, atoxischeFlüssigkeit in Beißringen, Buntstifte, Filzstifte, Fingerfarben, Kosmetika (bis auf Alkoholgehalt), Kreide, Kühlflüssigkeit aus Kühlkissen, Lebensmittel-/Ostereierfarben, Puder (cave: Aspiration), metallisches Quecksilber (cave: chronische Inhalation der Dämpfe), Streichhölzer und Streichholzschachteln, Styropor (cave: Ileusgefahr).
Gering toxische SubstanzenZierpflanzendünger (bis 0,5 g/kg), Kohleanzünder (bis 0,5 g/kg), Süßstoff (bis 20 Tbl.), Tinte (bis 0,5 ml/kg).

Giftinformationszentren

In Tab. 19.3 sind die Kontaktdaten der Giftinformationszentren zusammengestellt.

Wer, was, wann, wie, wie viel?

Bereiten Sie sich mit diesen Fragestellungen auf das Telefonat vor:
  • Wer? → Alter, Geschlecht, Gewicht etc.

  • Was? → Arzneimittel, Pflanzenteile, Flüssigkeiten, Drogen etc.

  • Wann? → Zeitpunkt Einnahme, Zeitpunkt Auffinden etc.

  • Wie? → oral, inhalativ, dermal etc.

  • Wie viel? → Menge Tabletten, Flüssigkeiten, Pflanzenteile etc.

Gegebenenfalls ergänzend: Bewusstseinslage, Kreislaufsituation, bereits durchgeführte Maßnahmen, Erreichbarkeit für Rettung, ggf. für Rücksprachen Telefonnummer (delegieren).

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