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B978-3-437-22447-8.00030-5

10.1016/B978-3-437-22447-8.00030-5

978-3-437-22447-8

Die häufigsten in 2014 gemeldeten Berufskrankheiten (BerufskrankheitenHäufigkeitBK) mit BK-Nr. (Daten nach Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin)

[L157]

Umweltmedizinische Diagnostik UmweltmedizinDiagnostik

[L157]

OzonKonzentration im TagesverlaufOzonkonzentration im Tagesverlauf

[L157]

Qualifikationswege: Arbeits-ArbeitsmedizinFacharztausbildung und BetriebsmedizinBetriebsmedizin, Zusatzbezeichnung

Quelle: BÄK, MWBO 2003 – in der Fassung vom 23.10.2015; das Curriculum der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin unterscheidet sich von Landesärztekammer zu Landesärztekammer (z. B. ÄK Nordrhein: 18-monatige Weiterbildung inkl. Kurs)

Tab. 30.1
Arbeitsmedizin Betriebsmedizin
Facharzt
60 Mon. bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte gemäß § 5 Abs. 1, davon
  • 24 Mon. im Gebiet Innere Medizin u./o. Allgemeinmedizin

  • 36 Mon. Arbeitsmedizin (davon können bis zu 12 Mon. in anderen Gebieten angerechnet werden)

360-h-Kurs Weiterbildung gem. § 4 Abs. 8 in Arbeitsmedizin
Zusatzbezeichnung
36 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte gemäß § 5 Abs. 1, davon
  • 12 Mon. im Gebiet Innere Medizin u./o. in Allgemeinmedizin

  • 24 Mon. in Betriebsmedizin/Arbeitsmedizin

  • 360 h-Kurs Weiterbildung gem. § 4 Abs. 8 in Arbeitsmedizin

(Voraussetzung: Facharztanerkennung in einem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung)

Auszüge aus einer Gefährdungsbeurteilung am Beispiel einer größeren Arztpraxis ArbeitsmedizinGefährdungsbeurteilung

Tab. 30.2
Arbeitsbereich: alle Einzeltätigkeit: alle Beschäftigte: alle
Gefährdung ermitteln Gefährdung beurteilen Maßnahmen festlegen
Bemerkungen
Maßnahmen durchführen Wirksamkeit überprüfen
RK Schutzziele Wer? Bis wann? Wann? Ziel erreicht?
Alle Mitarbeiter sind aufgrund ihrer berufl. Exposition einem erhöhten Infektionsrisiko durch biolog. Arbeitsstoffe ausgesetzt 3 Inf. vermeiden, vorbeugen Arbeitsmed. Vorsorge BA Turnus/sofort ja
Schutzimpfung gegen Hep. A+B BA
Persönliche Schutzausrüstung (Einmalhandschuhe) HyB
Hygienische Händedesinf. HyB
Verletzungsgefahr durch spitze u. scharfe Instrumente 3 Einsatz von Sicherheitsprodukten/Einmalmaterialien nach TRBA 250
Durchstichsichere Abfallbehälter (nur 80 % Befüllung)
Alle Mitarbeiter mind. jährlich in erforderliche Schutzmaßnahmen einweisen PI
SiFa
sofort ja
Haut, Atemwege 3 Hautkrankheiten u. Allergien vermeiden Hautschutzplan
Latexfreie Handschuhe
HyB sofort ja
Psychische Belastung 3 Vermeidung von Stress Optimierung von Arbeitsabläufen, Pausenregelung, Fort-, Weiterbildung PI sofort ja

BA: Betriebsarzt; HyB: Hygienebeauftragter; PI: Praxisinhaber; RK: Risikoklasse; SiFa: Sicherheitsfachkraft

Fristen für GrundsatzuntersuchungenGrundsatzuntersuchungenFristen

Tab. 30.3
Untersuchungsarten Fristen
Erstuntersuchung Vor Aufnahme der Tätigkeit
Erste Nachuntersuchung Vor Ablauf von 12 Mon.
Schutzimpfungen: je nach Schutzimpfdauer
Vorzeitige Nachuntersuchung Nach Inf., Verletzung, Unfall o. auf Wunsch
Nachgehende Untersuchung Alle 36 Mon. und nach Abschluss einer Tätigkeit

Beispiele für chronische Erkrankungen und mögliche arbeitsmedizinische Auswirkungen bzw. Einschränkungen Arbeitsmedizinchronische Erkrankungenam ArbeitsplatzHypertoniearbeitsmed. AspekteHerzerkrankungenarbeitsmed. AspekteObstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)arbeitsmed. AspekteRückenschmerzenarbeitsmed. AspekteDepressionarbeitsmed. AspekteAdipositasarbeitsmed. AspekteDiabetes mellitusarbeitsmed. AspekteAbhängigkeit(serkrankungen)arbeitsmed. Aspekte

Tab. 30.4
Diagnose Beispiele für mögliche Auswirkungen/Einschränkungen
Primäre essenzielle Hypertonie Fahren, Steuern u. Überwachen, FeV, Schichtarbeit
Obstruktives Schlafapnoe Syndrom (OSAS) Fahren, Steuern u. Überwachen, FeV, Schichtarbeit
Chronische ischämische Herzkrankheit Hitzearbeitsplatz, Kältearbeitsplatz, Schichtarbeit, Nachtarbeit, schweres Heben u. Tragen
Rückenschmerzen Schweres Heben u. Tragen
Diabetes mellitus Fahren, Steuern u. Überwachen, Schichtarbeit, Nachtarbeit, Alleinarbeit
Depressive Episode Nachtarbeit, Alleinarbeit
Adipositas Tragen von schwerem Atemschutz, Arbeit mit Absturzgefahr
Suchterkrankung Schichtarbeit, Alleinarbeit

Schnittstelle Betriebsarzt/HausarztBetriebsarztSchnittstelle HausarztHausarztSchnittstelle BetriebsarztSchwangerschaftarbeitsmed. AspekteJugendschutzuntersuchungWiedereingliederungberufliche

Tab. 30.5
Schnittstellen Hintergrund Beispiele
Wiedereingliederung Beschäftigter ist seit Jahren dem HA bekannt, Zusammenarbeit mit BA, der den Arbeitsplatz kennt Z. n. OP u. Reha-Maßnahme
Jugendschutzuntersuchung Jeder Arbeitnehmer, der vor dem 18. Lj eine berufliche Tätigkeit aufnimmt, unterliegt einem bes. Schutz am Arbeitsplatz Besonderheiten z. B. bei Schichtarbeit, Hitze-, Kältearbeitsplätzen
Beschäftigungsverbot bei Schwangerschaft Durch berufliche Tätigkeit dürfen Mutter u. Kind nicht gefährdet sein Krankenschwester, kein Umgang mit biolog. Material (Infektionsgefahr)
Chronische Erkr. Therapieverlauf bzw. Optimierung unter Belastung am Arbeitsplatz Diabetiker im Schichtsystem etc.

Vorkommen und Aspekte häufiger Silikose, BerufskrankheitLärmschwerhörigkeitBerufskrankheitHandekzem, BerufskrankheitEmphysemBerufskrankheitChronisch obstruktive Bronchitis, BerufskrankheitAsbestoseBerufskrankheitenBerufskrankheitenVorkommen

Tab. 30.6
Berufskrankheit BK-Nr. Aspekt Vorkommen (Beispiele)
Lärmschwerhörigkeit 2301 Pat. hört offensichtlich schlecht u. spricht sehr laut Lärmexposition u./o. fehlende persönliche Schutzausstattung (PSA): Metallbearbeitung, Holzbearbeitung
Asbestose 4103 Asbestexposition bis in die 1970er-Jahre, Alter > 60 J. Isolierer, Chemiewerker, Schlosser, Installateure, Spinner, Schneider, Baustoffhersteller, Maurer, Dachdecker, Schiffsbauer, Flugzeugbauer, Schmelzer, Former, Schweißer, Elektriker, Kfz-Mechaniker
Mesotheliom 4105
Silikose 4101 Ouarzstaubexposition Steinarbeiter, Metallschleifer, Kohlebergbau
Chron.-obstruktive Bronchitis, Emphysem 4111 Langjährige Tätigkeit im Steinkohlebergbau unter Tage, Stichtag: 1.1.1993 Steinkohlebergbau
Hauterkrankung 5101 Hautkrebs o. zu Krebsbildung neigende Hautveränderungen (Ruß, Teer, Pech, UV-Exposition) Lackierer, Zerspaner, Installateure, Friseure, med. Berufe, Gärtner, Landwirte, Straßenbauer, Dachdecker
Aktinische Keratose, Plattenepithelkarzinom 5103
Infektionskrankheiten 3101 Nadelstichverletzungen, Verletzungen an med. Instrumentarium u. a. (Zahnmedizin, Gynäkologie, Urologie, Chirurgie etc.) Med. Berufe, fehlende PSA, fehlende Schulung bei Umgang mit infektiösem Material etc.

Berufskrankheiten (Hauptgruppen) BerufskrankheitenHauptgruppen

Tab. 30.7
Nr. Erkrankung
1 Durch chemische Einwirkungen verursachte Krankheiten
11 Metalle o. Metalloide
Blei, Quecksilber, Chrom, Cadmium, Mangan, Thallium, Vanadium, Arsen, Phosphor, Beryllium sowie deren Verbindungen (gilt für alle Metalle)
12 Erstickungsgase
Kohlenmonoxid, Schwefelwasserstoff
13 Lösemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel (Pestizide) u. sonstige chemische Stoffe
Neoplasien der Harnwege; Erkr. durch Halogenkohlenwasserstoffe, Benzol, Styrol, Nitro-u. Aminoverbindungen des Benzols, durch Schwefelkohlenstoff, Methanol, org. Phosphorverbindungen, Fluor, Salpetersäure, halogenierte Alkyl-, Aryl-, Alkylaryloxide u.-sulfide, Erkr. der Zähne, des Auges, durch Butylphenol, Isocyanate, Erkr. der Leber durch Dimethylformamid, Polyneuropathie, Enzephalopathie durch org. Lösungsmittel, Erkr. des Blutes, des blutbildenden u. lymphatischen Systems durch Benzol, Larynx-Ca durch schwefelsäurehaltiger Aerosole
2 Durch physikalische Einwirkungen verursachte Krankheiten
21 Mechanische Einwirkungen
Meniskusschäden, Gonarthrose, Durchblutungsschäden, Gefäßschäden der Hand, Nervenschäden, Druckschäden N. medianus, Wirbelfortsatzabriss, LWS-Schäden, HWS-Schäden, Bandscheibenschäden durch Druckluft, Vibrationen, ständigen Druck, schweres Heben u. Tragen
22 Druckluft
23 Lärm
24 Strahlen
3 Durch Infektionskrankheiten oder Parasiten verursachte Krankheiten sowie Tropenkrankheiten
4 Erkrankungen der Atemwege und der Lungen, des Rippenfells und Bauchfells
41 Erkrankungen durch anorganische Stäube
Lungenerkrankungen, -tumoren, Larynxtumoren, Pleuramesotheliom, COPD, Emphysem, Lungenfibrose durch Quarzstaub, Asbest, Aluminium, Hartmetallstäube, Thomasmehl, Nickel, Kokereirohgase, Steinkohlestaub, PAKs, Schweißrauche u. -gase
42 Erkrankungen durch organische Stäube
Exogen allergische Alveolitis, Erkr. der tieferen Atemwege durch Rohbaumwoll-, Rohflachs-, Rohhanfstaub, Adenokarzinome der Nasennebenhöhlen durch Buchen-/Eichenmehlstaub
43 Obstruktive Atemwegserkrankungen
5 Hautkrankheiten (Hautkrebs)
6 Krankheiten sonstiger Ursache

PAK: polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe

Die wichtigsten Luftschadstoffe und Emissionsquellen in der Außenluft und in InnenräumenLuftschadstoffe

Tab. 30.8
Schadstoff Quelle Außenluft Quelle Innenluft
Aldehyde (z. B. Formaldehyd) Industrie, Kfz-Verkehr, Holzfeuerungsanlagen Tabakrauch, Möbel, Spanplatten, Kosmetika, Reinigungsmittel
Asbest/Mineralfasern Kfz-Verkehr, Industrie, Wärmeschutz, Altlasten Altlasten, speziell Brandschutzmaterialien
Kohlenmonoxid Kfz-Verkehr, Gebäudeheizung Tabakrauch, schadhafte Ofenheizung, Kohlegrill
Ozon Bildung im fotochemischen Smog (Hauptquelle Kfz-Verkehr) Solarien, Fotokopiergeräte, Ionisatoren
PAKs Kfz-Verkehr, Gebäudeheizung, Müllverbrennung Tabakrauch, Gebäudeheizung, Küche (Fettverbrennung)
PM 10 (Feinstaub, Durchmesser < 10 µm) Industrie, Kfz-Verkehr (Diesel), Kraftwerke, Holzheizungen Gebäudeheizung, Baustoffe, Tabakrauch
POPs (langlebige organische Schadstoffe, z. B. Dioxine, Furane) Müllverbrennung, Kfz-Verkehr, Industrie, Gebäudeheizung Tabakrauch, Brandunfälle
Radon Gestein (lokal) Gestein (Keller)
Schwefeldioxid Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kohle, Erdöl) schadhafte Ofenheizung, schadhafte Gebäudeheizungsanlagen
Schwermetalle (As, Cd, Cr, Fe, Hg, Mn, Ni, Pb, V u. a.) Kraftwerke, Kfz-Verkehr, Industrie, Gebäudeheizung, Müllverbrennung Gebäudeheizung, Farben, Baustoffe, Tabakrauch
Stickoxide Kfz-Verkehr, Kraftwerke, Feuerungsanlagen Schadhafte Ofenheizung
VOCs (leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe, z. B. Benzol, Xylol u. a.) Kfz-Verkehr, Industrie, speziell Lösemittelanwendungen Lösemittel, Baustoffe, Möbel, Lacke, Farben, Benzin, Tabakrauch

PAKs: polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe; POPs: persistent organic pollutants; VOCs: volatile organic compounds

HBM-I-Wert und HBM-II-HBM-Werte, Human-BiomonitoringUmweltmedizinHBM-WerteWert

Tab. 30.9
Gesundheitliche Beeinträchtigung Handlungsbedarf
HBM-II-Wert überschritten möglich
  • Umweltmed. Betreuung

  • Akuter Handlungsbedarf zur Reduktion der Belastung

HBM-I-Wert überschritten nicht ausreichend sicher ausgeschlossen
  • Kontrolle der Werte (Analytik, zeitlicher Verlauf)

  • Suche nach spez. Belastungsquellen

  • Ggf. Verminderung der Belastung unter vertretbarem Aufwand

< HBM-I-Wert nach derzeitiger Bewertung unbedenklich kein Handlungsbedarf

Übersicht über umweltmedizinisch relevante Stoffe TabakrauchPflanzenschutzmittelNitritNitratNitrosamine LösungsmittelHolzschutzmittelFuraneFormaldehydDioxineBleiBenzpyreneBenzolAsbestUmweltmedizinrelevante StoffeSchädlingsbekämpfungsmittel

Tab. 30.10
Stoffe Quelle Wirkung Orientierungswerte
Asbest Isoliermatten, Bodenbeläge, Mörtel u. v. m. Asbestose, Bronchial-Ca, Pleuramesotheliom
  • Basal: 100–200 Fasern/m3 Luft

  • Sanierung: > 500/m3 (Institut für Bautechnik)

Benzol Benzin, chem. Industrie Schwach tox., langfristig KM-Schäden, auch z. B. AML. Kanzerogen
  • Mittel: 1–10 µg/m3 Luft, an Straßen bis 60 µg/m3

  • KM-Schäden: ab 160 mg/m3

  • TRK-Wert: 3.200 µg/m3

Benzpyrene Kohleheizung, Kfz, Fettverbrennung bei Grill, Tabakrauch Haut- u. Bronchial-Ca Belastungsnachweis sinnlos (Körperverweildauer h)
Blei Kfz-Abgase, Ingestion über Pflanzen, Innereien, Milch, Wasser aus Bleirohren; Akkus GIT-Koliken, Anämie, Hypertonus, PNP, Enzephalopathie, Nephropathie, Wachstumsstörungen, Obstipation, Bleikolorit
  • HWZ im Knochen: 10–20 J.

  • Kinder < 12 J. u. gebärfähige F: HBM-I 100 µg/l, HBM-II 150 µg/l.

  • Sonst: HBM-I 150 µg/l, HBM-II 250 µg/l (Blut)

Dioxine u. Furane „Chlorchemie“, PCB-Verbrennung, Papier-, Stahl-, Aluindustrie, Kieselrotschlacke. Seveso-Gift ist Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) Chlorakne, Leberschäden, PNP, Immundefizit, Porphyrie; im Tierversuch teratogen (Promotor). Mobilisation aus Fett bei Fasten u. Übertritt in Muttermilch Toxizitätsäquivalent in Bezug auf TCDD in pg TE/kg KG; Aufnahme in D durchschnittlich 2 pg TE/kg KG
Formaldehyd Spanplatten, Farben, Holzschutz u. -versiegelung, Kosmetika, Reinigungsmittel, Tabakrauch, Textilien u. a. Verdacht der Kanzerogenität, Schleimhautreizung, Allergien Innenraumrichtwert 120 µg/m3 in D (BGA). Messung der Raumluft durch Speziallabors
Holzschutzmittel Pentachlorphenol (PCP) in Deutschland seit 1989 verboten. Lindan; weitere ca. 70 Biozide im Handel: Borverbindungen, Chromsalze, Pyrethroide PCP kanzerogen. Sonst Müdigkeit, (Schleim-)Hautreizung, Gliederschmerzen, BB-Veränderungen, ZNS-Symptomatik Raumluftkonz. bis 1,0 µg/m3 PCP o. Lindan gelten als unbedenklich (BGA). Serumwert ist Maß für Kurzzeit-, Urinwert Maß für Langzeitbelastung
Organische Lösungsmittel u. a. Trichlorethan, Trichlorethen („Tri“), Tetrachlorethen („PER“), Dichlormethan, Benzol, Toluol, Xylol, Aceton, Ethylether u. a. über Luft, Haut u. Nahrung
  • akut: ZNS-Störungen

  • chron.: Schäden von Niere, Leber, Haut, ZNS, Lunge, Herz

MAK
  • PER: 50 ppm

  • 1,1,1-Trichlorethan: 200 ppm

  • 1,1,2-Trichlorethan: 10 ppm

Weichmacher, Phthalate, DEHP In PVC, in vielen Produkten des Alltags, auch Medizinprodukte V. a. Teratogenität, fruchtbarkeitsschädigend Ref.-Wert für DEHP-Metaboliten im Urin:
  • 150 µg/l 5-Oxo-MEHP

  • 220 µg/l 5-OH-MEHP

In Spielzeug für Kinder < 3 J. verboten
Nitrat, Nitrit, Nitrosamine Pökelfleisch, Spinat, Kohl u. a. Gemüse, bes. wenn überdüngt, Trinkwasser durch Überdüngung. Nitrit u. Nitrosamine entstehen im Körper „Blausucht“ durch Methämoglobin, bes. bei Sgl. Nitrosamine im Tierversuch kanzerogen, beim Menschen bes. Magen-Ca in der Diskussion 50,0 mg/l Nitrat Grenzwert lt. Trinkwasserverordnung. Bei NG u. nicht gestillten Sgl. Methämoglobinämien ab 100,0 mg/l möglich
Pflanzenschutzmittel, Schädlingsbekämpfungsmittel Phosphorsäureester wie E 605 u. Parathion. Carbamate wie Carbaryl, Methocarb, Temik, Triazine, Carbonsäure- u. Anilinderivate u. Chlorkohlenwasserstoffe wie DDT (verboten), Aldrin, Dieldrin u. Lindan. Bipyridiniumderivate wie Deiquat, Paraquat u. Morfamquat. Pyrethroide wie Permethrin, d-Allethrin, Deltamethrin, Cypermethrin u. a. Akut toxisch v. a. Insektizide wie E605. Langzeitschäden an ZNS, Herz, Lunge, Haut, Muskeln, Immunsystem. PNP, Benommenheit bis Koma u. Tod. Allergien. Einzelne Substanzen sollen kanzerogen sein. Lungenfibrose durch Morfamquat Pestizide gesamt 0,0005 mg/l im Trinkwasser als Grenzwert. Pyrethroidhersteller werben mit Unbedenklichkeit, z. B. Insektenkiller®-Spray, Globol®-Elektro-Insektomat u. a. Für Innenräume keine Beschränkungen, außer für Kammerjäger. Hohe Konz. im Haus teilweise noch nach J. nachweisbar; Zusammenhang mit PNP wird diskutiert
Tabakrauch Zigaretten u. a.; auch Passivrauchen (v. a. Kinder) Auch Passivrauchen kann zu Bronchial-Ca, akuten u. chron. Gefäß- u. Atemwegserkr. führen. Kinder bes. gefährdet In immer mehr Ländern gesetzliche Einschränkungen zum Schutz von Nichtrauchern

Bedeutendes Gift, da nicht nur die deklarierten Substanzen Nikotin u. Teer, sondern auch Dimethylnitrosamin, Formaldehyd, Acrolein, Anilin, Nickel, Cadmium, Benzpyren, Benzanthracen, Stickoxid, Kohlenmonoxid, Ammoniak u. Dioxine u. v. m. darin enthalten sind

Quecksilbernachweis in Blut und QuecksilberReferenzwerteUrin

Tab. 30.11
Probe Referenzgruppe Referenzwerte (RW), HBM-Werte
Morgenurin Kinder (6–12 J.), ohne Amalgamfüllungen RW 0,7 µg/l
Erw. (18–69 J.), ohne Amalgamfüllungen RW 1,0 µg/l
Vollblut Kinder (6–12 J.) RW 1,0 µg/l
Erw. (18–69 J.) RW 2,0 µg/l
Morgenurin Kinder u. Erw. HBM-I-Wert 7 µg/l bzw. 5 µg/g Krea
HBM-II-Wert 25 µg/l bzw. 20 µg/g Krea
Vollblut Kinder u. Erw. HBM-I-Wert 5 µg/l
HBM-II-Wert 15 µg/l

Strahlenschutz-Richtwerte Strahlenschutz-Richtwerte

Tab. 30.12
Quelle Frequenz Leistung Typische Werte bei Exposition Strahlenschutz-Richtwerte
Rundfunksender
Mittelwelle 415–1.606 kHz 1,8 MW 50 m: 450 V/m
300 m: 90 V/m
73,5 V/m (Grenzwert ab ca. 350 m eingehalten)
Kurzwelle 6–10 MHz 750 kW 50 m: 121,5 V/m
220 m: 27,5 V/m
27,5–36 V/m (Grenzwert ab ca. 220 m eingehalten)
UKW (Ultrakurzwelle) 88–108 MHz < 100 kW ca. 1,5 km: < 0,05 W/m2 2 W/m2 (Grenzwert ab ca. 250 m eingehalten)
Fernsehsender
VHF 174–216 MHz < 300 kW ca. 1,5 km: < 0,02 W/m2 2 W/m2 (Grenzwert ab ca. 150 m eingehalten)
UHF 470–890 MHz < 5 MW ca. 1,5 km: < 0,005 W/m2 2–4 W/m2 (Grenzwert ab ca. 75 m eingehalten)
Mobilfunk
Basisstation D-Netz 890–960 MHz max. 50 W je Kanal 50 m: < 0,001 W/m2 4 W/m2
Mobiler Sender (Telefon), D-Netz 900 MHz 2 W 3 cm: < 2 W/m2 SAR < 2 W/kg
Radargeräte
Flugüberwachung u. Militär 1–10 GHz 0,2–20 kW 100 m:
10 W/m2
1 km:
0,1 W/m2
10 W/m2
Verkehrsradar 9–35 GHz 0,5–100 mW 3 m: 0,25 W/m2
10 m: < 0,01 W/m2
10 W/m2
Sonstige Geräte
CB-Funk, Walkie-Talkies 27 MHz wenige Watt 5 cm: bis 1.000 V/m u. 0,2 A/m SAR < 2 W/kg∗∗
Mikrowellenkochgerät 2,45 GHz bis 1,5 kW 5 cm: < 0,62 W/m2
30 cm: < 0,06 W/m2
Gerätestandard: 5 cm Abstand von der Oberfläche: < 50 W/m2
Diebstahlsicherungssysteme 0,9–10 GHz wenige Watt zugänglicher Bereich, im Nutzstrahl: < 0,002 W/m2 5–10 W/m2

SAR: spezifische Absorptionsrate

SAR-Grenzwert wird im D-Netz für Geräte mit Sendeleistung bis 2 W eingehalten.

∗∗

SAR-Grenzwert wird bei diesen Geräten für Sendeleistungen bis 4 W eingehalten.

Strahlenbelastung durch Röntgen und StrahlenbelastungRöntgenStrahlenbelastungRadioaktivitätRadioaktivität

Tab. 30.13
Quellen Äquivalentdosis (mSv) Anteil an Gesamtbelastung (%)
Med. Exposition (u. a. Röntgendiagn.) 1,5 38
Radon in Häusern 1,3 31
Terrestrische Strahlung 0,5 13
Kosmische Strahlung 0,3 8
Interne Belastung 0,3 8
Technik, Forschung, Beruf 0,06 2

Gesamte mittlere jährliche Strahlenexposition pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland: 4 mSv entsprechen der 80-fachen Dosis einer Röntgenaufnahme der Lunge p. a.

Beispiele für effektive Dosen in der medizinischen Röntgeneffektive DosenRöntgendiagnostik

Tab. 30.14
Diagnostische Maßnahme Dosis (mSv)
Rö Thorax (Lunge), 1 Aufnahme 0,02–0,08
Rö HWS, 2 Ebenen 0,1–0,3
Rö BWS, 2 Ebenen 0,5–0,8
Rö LWS, 2 Ebenen 0,8–1,8
Rö Beckenübersicht 0,5–1,0
Rö Extremitäten < 0,01–0,1
Mammografie bds., je 2 Ebenen 0,2–0,6
Arteriografie u. Interventionen 10–30
CT Schädel 2–4
CT Thorax (Lunge) 6–10
CT Abdomen (Bauchraum) 10–15
Kardio-CT (64-Zeilen-CT) 12–25

Je nach Gerät u. Aufnahmetechnik können diese Werte stark schwanken.

Arbeits-und Umweltmedizin

Manfred Eissler

Hermann C. Römer

  • 30.1

    Arbeitsmedizin Hermann C. Römer1530

    • 30.1.1

      Allgemeines1530

    • 30.1.2

      Aufgaben des Betriebsarztes/Arbeitsmediziners1531

    • 30.1.3

      Schnittstelle Hausarzt1536

    • 30.1.4

      Fallbeispiele1537

    • 30.1.5

      Berufskrankheiten1538

  • 30.2

    Umweltmedizin Manfred Eissler1542

    • 30.2.1

      Diagnostik1542

    • 30.2.2

      Luftschadstoffe1543

    • 30.2.3

      Umweltmedizinisch relevante Stoffe1544

    • 30.2.4

      Lärm1550

    • 30.2.5

      Nichtionisierende elektromagnetische Felder1551

    • 30.2.6

      Röntgen und Radioaktivität1553

    • 30.2.7

      „Umweltmedizinische Syndrome“1555

    • 30.2.8

      Umwelt-Psychosomatik1556

Arbeitsmedizin

Hermann C. Römer

Allgemeines

ArbeitsmedizinArbeitsmedizin befasst sich mit den WW zwischen Arbeit u. arbeitendem Menschen. Ansatz: ganzheitliche Betrachtung des Arbeitnehmers u. seiner Belastungs-/Leistungsfähigkeit; Erkennen von möglichen RF am Arbeitsplatz (chemische, physikalische, psychische) sowie deren Verminderung u. Beseitigung.
Zentrale Aufgabe des betrieblichen GesundheitsmanagementsBetriebliches GesundheitsmanagementGesundheitsmanagement, betriebliches: Vorbeugung von möglichen durch die berufliche Tätigkeit hervorgerufenen Erkr. (z. B. Optimierung der ArbeitsplatzergonomieArbeitsplatzergonomie). Grundsätzlich gilt: VerhältnispräventionVerhältnisprävention (Verbesserung der Arbeitsbedingungen) besser als Verhaltensprävention für einzelne Mitarbeiter (z. B. Entspannungsverfahren i. R. von Präventionsprogrammen), aber schwerer umzusetzen.

  • ArbeitsmedizinZieleArbeitsbedingte Erkr. frühzeitig erkennen u. im besten Falle verhüten.

  • Bei V. a. eine Krankheit, die kausal mit dem Beruf zusammenhängt: unbedingt Meldung beim zuständigen BG-Versicherungsträger.

  • Bei anerkannter BerufskrankheitBerufskrankheiten: BG zahlt Maßnahmen zur Wiedereingliederung in Berufsleben, ggf. Umschulung, Rente.

  • Betriebliches Präventionsmanagement: VerhältnispräventionVerhältnisprävention vor VerhaltenspräventionVerhaltensprävention.

Zwei Qualifikationswege sind möglich (Tab. 30.1):

Zwischen hausärztl. u. betriebsärztl. Tätigkeitsfeld gibt es eine Vielzahl von Schnittstellen: Es ist sinnvoll, die interdisziplinäre Zusammenarbeit aktiv zu suchen.

Aufgaben des Betriebsarztes/Arbeitsmediziners

BetriebsarztAufgabenArbeitsmedizinAufgabenZwei Gestaltungsmöglichkeiten der arbeits-/betriebsmed. Tätigkeit:
  • 1.

    Angestelltenverhältnis zum betrieblichen Arbeitgeber (AG)

  • 2.

    Selbstständiger Betriebsarzt (BA), von AG zur betriebsärztl. Betreuung eines Betriebes bestellt

Bei der betrieblichen Betreuung steht der BA zwischen Geschäftsführung u. Arbeitnehmern (AN). Es gilt generell die ärztl. Schweigepflicht.
Tätigkeitsinhalte:
  • Ganzheitliche Betrachtung des AN mit physischer u. psychischer Leistungsfähigkeit

  • Regelmäßige Gefährdungsbeurteilungen der Arbeitsplätze: Beim Erkennen von Gesundheitsrisiken, einer physikalischen, psychischen o. chemischen Belastung gibt der BA eine Meldung an den Arbeitgeber (Tab. 30.2).

  • Mögliche Gefährdungsquellen sollen zur Belastungsoptimierung schnellstmöglich beseitigt werden. Hierbei gilt grundsätzlich folgende Reihenfolge, welche man sich anhand des Akronyms „TOP“ gut merken kann:

    • T = Technische Lösungen

    • O = Organisatorische Maßnahmen

    • P = Persönliche Schutzmaßnahmen

Interprofessionelle Zusammenarbeit:
BA arbeitet – je nach Betriebsgröße – mit Fachkraft für Arbeitssicherheit, Betriebsrat, Personalführung u. Geschäftsführung zusammen. Bei regelmäßigen Arbeitsschutzausschusssitzungen (ASAS) mit den o. g. Beteiligten: mögliche u. erkannte Risiken der Arbeitsplätze werden thematisiert, um diese zeitnah zu beheben/minimieren; verantwortlich für die Umsetzung dieser Lösungsansätze u./o. weiterer Verfahren zur Optimierung des Arbeitsplatzes bzw. der Arbeitsabläufe: Geschäftsführung (AG) (sog. Fürsorgepflicht).

Für Umsetzung des Arbeitsschutzes i. R. der Fürsorgepflicht ist ausschließlich der AG/die Geschäftsführung verantwortlich! BA obliegt beratende u. unterstützende Funktion!

Beispiel: BA erstellt Gefährdungsbeurteilung; daraufhin veranlasst AG die entsprechenden arbeitsmed. Vorsorgeunters. gem. § 3 Arbeitsmedizinische Vorsorgeverordnung (ArbMedVVO).

ArbeitsmedizinGrundagen, gesetzlicheGrundlagen für Tätigkeit des BA/Arbeitsschutzes ist eine Vielzahl von Gesetzen, Vorschriften, Richtlinien u. Verordnungen, viele durch die Berufsgenossenschaften (BG) formuliert. Wichtig sind: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV; Stand 2014), ArbMedVV (Stand 2013), Technische Regeln Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 250, 450, 460, 462, 466; Biostoffverordnung (BioStV), Mutterschutzgesetz (MuSchG), Jugendschutzgesetz (JSchtzG).
Aus den Verordnungen u. Gesetzen ergeben sich auch Betreuungsform, Betreuungsdauer (Einsatzzeiten), Pflicht-, Angebots- u. Wunschunters.
Weitere Aufgaben des BA unabhängig vom Arbeitsplatz des Arbeitnehmers bzw. von der Art des Betriebs:
  • Organisation der Ersten Hilfe

  • Vorsorgeuntersuchungen

  • Betriebliche Präventionsmaßnahmen

  • Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) u. betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)

  • Schutzimpfungen

Viele Arbeitnehmer haben den einzigen Zugang zur med. Versorgung beim BA. Deshalb kann u. sollte BA auch über die beruflichen Risiken hinaus andere Erkr. (z. B. Diab. mell., chron. Bronchitis, Muskel-, Gelenkerkr.) frühzeitig erkennen, diagnostizieren, Behandlungsempfehlungen aussprechen bzw. den AN in haus- u./o. fachärztl. Betreuung bringen.

Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen
VorsorgeuntersuchungenarbeitsmedizinischeDie arbeitsmed. Vorsorgeunters. durch den BA gliedern sich in Pflicht-, Angebots- u. Wunschunters. Cave: nie gegen den Willen des Beschäftigten.Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung
Auf der Grundlage der Gefährdungsbeurteilung (Tab. 30.2) muss BA entscheiden, welche der drei Unters. in Betracht kommen:
  • Pflichtunters.:bei bes. gefährdenden Tätigkeiten

  • Angebotsunters.:bei bestimmten gefährdenden Tätigkeiten

  • Wunschunters.:bei allen Tätigkeiten zu gewähren

Regelwerk für Vorsorgeunters.: DGUV-Grundsätze für arbeitsmed. Vorsorgeunters., ergänzt durch Handlungsanleitungen für die arbeitsmed. Vorsorge (ArbMedVV); Anhang der ArbMedVV enthält die einzelnen Vorgaben bzw. Risiken zur Beurteilung der persönlichen Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz.
In der Praxis bedeutet das, dass oft Messungen erforderlich sind, um festzustellen, ob die jeweilige Vorsorgeunters. angeboten werden muss o. betriebsintern zur Pflichtunters. wird. Üblich u. vorgeschrieben sind vielfach Lärmpegel-Lärmpegelmessungo. GefahrstoffmessungGefahrstoffmessungen.
Gelegentlich ist ein BiomonitoringBiomonitoring notwendig, um mögliche Belastungen des Mitarbeiters durch Gefahrstoffe am Arbeitsplatz festzustellen. Biomonitoring ist nach § 6 Abs. 2 ArbMedVV Bestandteil der arbeitsmed. Vorsorge. Beim Biomonitoring wird der jeweilige Gefahrstoff o. dessen Metabolit(en) im Blut o. Urin gemessen. Ein klassisches Beispiel ist Blei (Grundsatz G2, Blei u. seine Verbindungen mit Ausnahme der Bleialkyle).
Die unterschiedlichen Untersuchungsumfänge der betriebsmed. Unters. werden in den G-Sätzen der Berufsgenossenschaft (DGUV) klar definiert. Sie unterscheiden sich, je nach beruflicher Tätigkeit, in Umfang u. Häufigkeit. Dabei handelt es sich um Empfehlungen, die aber nicht rechtsverbindlich sind.

Häufige Grundsatzuntersuchungen

(„G“ für Grundsatz)GrundsatzuntersuchungenArbeitsmedizinGrundsatzuntersuchungen
  • G20: Lärm

  • G24: Hauterkrankungen (mit Ausnahme von Hautkrebs)

  • G25: Fahr-, Steuer- u. Überwachungstätigkeiten

  • G26: Tragen von Atemschutz

  • G37: Bildschirmarbeitsplätze

  • G42: Tätigkeit mit Infektionsgefährdung

Hinsichtlich des Führens von Fahrzeugen im öffentlichen Straßenverkehr sind nicht die DGUV-Grundsätze für arbeitsmed. Vorsorgeunters. (G25), sondern die Bestimmungen nach der Fahrerlaubnisverordnung (FeV) maßgeblich. Der FA für Arbeitsmedizin darf die Unters. nach der FeV durchführen.

Beispiel Grundsatzunters. G42 (Tätigkeit mit Infektionsgefährdung):
Tätigkeiten mit biolog. Arbeitsstoffen einschl. gentechnischer Arbeiten mit humanpathogenen Organismen werden im Anhang Teil 2 der ArbMedVV aufgeführt. Die Veranlassung bzw. das Angebot arbeitsmed. Vorsorgeunters. durch den AG regeln § 4 Abs. 1 bzw. § 5 Abs. 1 ArbMedVV. Für Erst- u. Nachunters. gelten i. d. R. die in Tab. 30.3 genannten FristenGrundsatzuntersuchungenFristen (s. Handlungsanleitung Arbeitsmedizinische Vorsorge: www.bghm.de/arbeitsschuetzer/gesetze-und-vorschriften/informationen/arbeitsmedizinische-vorsorge-nach-bg-grundsaetzen/).
Allg. Unters.:
  • Allg. Anamnese, Arbeitsanamnese, Beschreibung des Arbeitsplatzes, Impfanamnese, Kontrolle Impfausweis

  • Allg. körperl. Unters., Urinstatus, Labor, kleines BB, Transaminasen, BZ, HbS-Ak, HbC-Ak (ggf. HIV, nur mit Einwilligung des Pat.)

  • Bei Auffälligkeiten: weitere Diagnostik nach Ermessen des BA

Eine allg. körperl. Unters. ist immer zu empfehlen, da hier häufig unabhängig von der Tätigkeit Zufallsdiagnosen gestellt werden (s. Fallbeispiele).

Einstellungs-/Eignungsuntersuchungen
BetriebsarztEinstellungs-/EignungsuntersuchungDienen zur Feststellung der Eignung des Beschäftigten für vorgesehene Tätigkeit vor Tätigkeitsaufnahme o. bei Zweifel an fortdauernder Eignung. Einstellungs-/Eignungsunters. sind sinnvoll u. werden in größeren Betrieben häufig durchgeführt, i. d. R. nach bestimmten Anforderungsprofilen. Bei Auffälligkeiten erhalten Kandidaten die entsprechenden Befunde zur weiteren Abklärung beim Hausarzt (HA); auch Impflücken können durch HA geschlossen werden.

EinstellungsuntersuchungEignungsuntersuchungEinstellungsunters. u. arbeitsmed. Vorsorge sollten möglichst voneinander getrennt werden.

Untersuchungstechniken und Instrumente des Betriebsarztes
Grundsätzlich: Betriebsarzt Untersuchungstechniken, Instrumente
  • Anamnese

  • Körperl. Unters.

Spezifische Diagnostik:
  • Audiometrie

  • Sehtest (ggf. mit Kontrastsehen/Blendung/Farbensehen)

  • Gesichtsfeld (Perimetrie)

  • Lungenfunktionsdiagnostik (Spirometrie)

  • Ruhe- u. Belastungs-EKG

  • Laboruntersuchungen

  • Ggf. weitere je nach Fragestellung

Die arbeitsmed. Vorsorge ist keine Eignungsuntersuchung!

Neu: Vorsorgekartei, die durch den BABetriebsarztVorsorgekartei zu führen ist, beinhaltet nicht mehr Aussagen über gesundheitliche Eignung bzw. gesundheitliche Bedenken, sondern nur Informationen über Anlass der Unters., Untersuchungstermin u. ggf. Termin der Folgeunters.

Die Erkenntnisse der arbeitsmed. Vorsorge dienen ausschließlich zur Verbesserung der Arbeitsschutzmaßnahmen u. zur Fortentwicklung des betrieblichen Arbeitsschutzes.

Anamnese und körperliche Untersuchung
Arbeitsmedizinische VorsorgeuntersuchungAnamnese u. körperl. UntersuchungBeschäftigter muss über Inhalt, Zweck u. Risiken der arbeitsmed. Vorsorge sowie der ggf. körperl. u. klin. Unters. aufgeklärt werden.
Gespräch ist Grundlage für gute arbeitsmed. Vorsorge: Es beinhaltet die ausführliche Anamnese u. Arbeitsanamnese. Voraussetzung: BA muss Arbeitsplatz, die damit zusammenhängenden Arbeitsprozesse u. mögliche Expositionen gegen Arbeits-/Gefahrenstoffe kennen; u. U. Begehung des Arbeitsplatzes nötig.
Die allg. körperl. Unters. ist variabel, sollte sich an den Belastungen am Arbeitsplatz, dem allg. Gesundheitszustand des Pat. u. den Berufsgenossenschaftlichen Grundsätzen orientieren; z. B. bei G25-Unters. steht neurolog. Status im Vordergrund, bei Schichtarbeit der internistische u. beim Heben/Tragen von schweren Lasten ein orthopädischer.

Die körperl. Unters. ist immer freiwillig!

Audiometrie
Audiometrie, BetriebsarztArbeitsmedizinische VorsorgeuntersuchungAudiometrieHäufigste Unters. nach G20 „Siebtest/Lärm I“: Geprüft wird Luftleitungshörschwelle in dB per Tonaudiometrie, üblicherweise in 5er-Schritten. ± 3 dB bedeuten Verdopplung o. Halbierung. In d. R. wird im Frequenzbereich von 1–6 kHz gemessen u. die Summe des Hörverlusts in dB bei den Frequenzen 2, 3 u. 4 kHz bestimmt. Zusätzlich gehört dazu: Kurzanamnese, Besichtigung des Außenohrs u. Beratung zum Gehörschutz. Cave: ausreichende Lärmpause vor Audiometrie!
Sehtest und Gesichtsfeldperimetrie
Sehtest, BetriebsarztArbeitsmedizinische VorsorgeuntersuchungSehtestFür Arbeitnehmer mit Bildschirmarbeitsplatz: Angebot für G37 (Wunschunters.), besteht aus: Sehtest mit Landolt-Ringen (Ferne, Bildschirm-, Leseabstand), Gesichtsfeldbestimmung u. Farbsehen (Ishihara-Tafeln).
Weitere G-Grundsätze (z. B. G25, G26.2, G41) beinhalten optional einen Sehtest; auch bei der Jugendschutzunters. sollte ein Sehtest durchgeführt werden.

Schnittstelle Hausarzt

ArbeitsmedizinSchnittstelle HausarztHausarztSchnittstelle ArbeitsmedizinViele Mitarbeiter berichten, dass sie zu keinem weiteren Arzt als zum BA gehen, da sie sich gesund fühlen. Daraus ergeben sich zwischen BA u. HA zahlreiche Schnittstellen.

Berufsbedingte Verletzungen, Wegeunfälle
Hausärzte, die nicht H-Ärzte (berufsgenossenschaftliche Qualifikation zur Aufnahme u. Versorgung von Arbeitsunfällen) sind, melden Verletzungen, die berufsbedingt o. auf dem Weg von o. zur Arbeit WegeunfallVerletzungberufsbedingteeingetreten sind, an die zuständige BG des Pat.
Wenn Arbeitsunfähigkeit (AU) o. Behandlung >3 Tage: Pflicht zur Vorstellung beim Durchgangsarzt (D-ArztD-Arzt), der dann die Behandlung übernehmen muss; Durchgangsarztsinnvoll: Erstversorgung des Patienten vom D-Arzt, dadurch auch Behandlung als Arbeitsunfall. Die weitere Versorgung, z. B. Physiotherapie-Verordnungen, kann dann vom HA zulasten der Unfallversicherung ausgestellt werden.
Arbeitsmedizinische Relevanz häufiger Krankheiten
Chron. Erkr., die typischerweise vom HA behandelt werden, u. mögliche Auswirkungen bzw. Einschränkungen am Arbeitsplatz (Tab. 30.4):Arbeitsmedizinchronische Erkrankungen
  • Primäre essenzielle Hypertonie

  • Chron. ischämische Herzkrankheit

  • Unspezifischer Rückenschmerz

  • Diabetes mellitus

  • Depressive Episode

  • Suchterkrankungen

Mögliche Wechselwirkungen bzw. Fragestellungen:
  • Hypertonie: regelmäßige Kontrolle, ggf. Therapieoptimierung

  • OSAS: gezielte Anamnese, evtl. Fremdanamnese notwendig (Schnarchen Sie? Haben Sie nachts Atempausen? Sind Sie tagsüber außergewöhnlich müde? Hatten Sie schon einmal einen Sekundenschlaf?)

  • Unspez. Rückenschmerz: Ergonomie am Arbeitsplatz, Schulung im Heben u. Tragen von Lasten, sportliche Aktivitäten

  • Diab. mell.: Ther. mit Insulin u./o. oralen Antidiabetika, bes. Hypoglykämiegefährdung am Arbeitsplatz bzw. beim Fahren, Steuern o. Überwachen, Schichtarbeit, Pausenregelung

  • Depressive Episode: Arbeitsbelastung, Schichtarbeit, Nachtarbeit häufig ungünstig

  • Suchterkr.: Schichtarbeit, Alleinarbeit

Schnittstelle Betriebsarzt–Hausarzt Tab. 30.5.
Untersuchungen nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz
JugendschutzuntersuchungJeder Arzt darf eine Jugendschutzunters. durchführen, also auch Hausärzte.
Cave: Entsprechende Formblätter beachten!

Ein Seh- u. Hörtest gehören zwingend zum Untersuchungsumfang der Jugendschutzunters.

Fallbeispiele

Fall 1Harnblasen-CaHarnblasenkarzinom durch Dinitrotoluol-Exposition nach langjährigem Umgang mit DinitrotoluolDinitrotoluol, Harnblasenkarzinom. ArbeitsmedizinFallbeispieleMännlicher Pat. stellt sich mit Z. n. Harnblasenteilresektion wg. Harnblasen-Ca vor. Berufsanamnestisch ergibt sich eine langjährige Tätigkeit als Sprengmeister, die aber schon Jahre zurückliegt. Für Sprengungen unter Tage wurde häufig Dinitrotoluol (DNT) verwendet. Dieser Stoff kann Tumoren der ableitenden Harnwege verursachen. Daher erfolgte die Verdachtsmeldung einer BK an die zuständige BG.
Fall 2Milzvergrößerung u. Non-Hodgkin-Lymphom: Pat. stellt sich nach Behandlung wg. NHL mit Splenomegalie vor. Eine ausführliche Berufsanamnese ergab, dass der Pat. lange im Uranbergbau tätig war, wo die Arbeitsverhältnisse, gerade im Bereich der Wismut-AG, in den Anfängen suboptimal waren. Es kam zur massiven Staubbelastung u. Exposition gegen Alpha-Strahler (Uran). Alpha-Strahler können für Blutbildveränderungen verantwortlich sein. Wg. des V. a. BG erfolgte eine BG-Meldung (J R Soc Med 2002; 95:302).
Fall 3Auffällige Tonaudiometrie. Routinemäßiges Audiogramm zeigte klassische C4-Senke (LärmschwerhörigkeitLärmschwerhörigkeit). Bei Nachfragen existierte in dem Betrieb, in dem der Beschäftigte tätig war, keine persönliche Schutzausstattung (Gehörschutz) für Mitarbeiter. Es erfolgte eine BG-Meldung.
Fall 4Zufallsbefund Schilddrüsenknoten. Im Rahmen einer G42 wird bei einer Mitarbeiterin mit ihrem Einverständnis eine allg. körperl. Unters. durchgeführt. Bei der Tastunters. der Schilddrüse wurde ein Knoten neu diagnostiziert. Die weitere Diagnostik ergab ein Schilddrüsen-Ca. Dies ist keine BK, allerdings hat die frühzeitige Diagnose dieser Erkr. durch den BA einen ungünstigen Krankheitsverlauf verhindert.
Fall 5Zufallsbefund Hautveränderung. Bei der allg. körperl. Unters. i. R. einer G25 fielen suspekte Hautveränderungen auf dem Rücken eines Mitarbeiters auf. Eine weitere dermatolog. Abklärung ergab die Diagnose Melanom. Das Melanom ist keine BK, aber die frühzeitige Diagnose führte zu einem guten Behandlungsverlauf.

Berufskrankheiten

Anerkennung und Anzeigepflicht
Die Zahl der anerkannten BerufskrankheitenArbeitsmedizinBerufskrankheiten (BK) betrug 2014 16 112. Seit 1995 ist die Zahl rückläufig. Die angezeigten Berufskrankheiten BerufskrankheitenAnerkennungliegen deutlich höher. 2014: 71 685 Anzeigen; 2014 gab es 2 457 BK-bedingte Todesfälle (s. DGUV – BK).

Für Ärzte u. Zahnärzte ergibt sich die BerufskrankheitenAnzeigepflichtAnzeigepflicht einer Berufskrankheit aus § 202 SGB VII: „Haben Ärzte oder Zahnärzte den begründeten Verdacht, dass bei Versicherten eine Berufskrankheit besteht, haben sie dies dem Unfallversicherungsträger oder der für den medizinischen Arbeitsschutz zuständigen Stelle in der für die Anzeige von Berufskrankheiten vorgeschriebenen Form (§ 193 Abs. 8) unverzüglich anzuzeigen.“

Cave: Die Anzeige hat auch zu erfolgen, wenn der Pat. damit nicht einverstanden ist! Die ärztl. SchweigepflichtSchweigepflichtMeldepflicht wird dadurch nicht verletzt. Ein Verstoß gegen die Meldepflicht kann hingegen zu Regressansprüchen gegenüber dem unterlassenden Arzt führen!

Die Anerkennung einer BK setzt eine doppelte Kausalität voraus:
  • 1.

    Arbeitstechnische Voraussetzungen müssen gegeben sein.

  • 2.

    Es muss ein Zusammenhang zwischen der schädigenden Einwirkung u. der Erkr. bestehen.

Dieses prüft die BG. Der meldende Arzt ist nicht zu belangen, wenn sich keine Bestätigung einer BK ergibt. Jeder Verdacht ist zu melden!

Die mögliche Ursache einer BK (Exposition gegen Chemikalien, Metalle, Stäube, Asbest, UV-Strahlen etc.) kann schon Jahre bis Jahrzehnte zurückliegen. Daher: bei ausführlicher Anamnese (auch durch Hausarzt) die gesamte berufliche Tätigkeit erheben!

Selbst bei mittlerweile berenteten Pat. mit z. B. einer Tumorerkr. (wie Harnblasen-, Lungen-, Plattenepithel-Ca etc.) ist an eine berufliche Ursache zu denken (Exposition gegen Lösungsmittel, Farbstoffe, Sprengstoffe, Alpha-Strahler, UV-Strahlen etc.). Hier sollte der Verdacht auf eine BK unverzüglich angezeigt werden.

Vorkommen u. Aspekte häufiger Berufskrankheiten Abb. 30.1, Tab. 30.6.

Hautarztverfahren

HautarztverfahrenHäufige berufsbedingte Erkr. sind Hautkrankheiten. Um einen möglichen beruflichen Zusammenhang nicht zu übersehen, wurde das Hautarztverfahren zur Erfassung von Früh- u. Verdachtsfällen beruflich bedingter Hauterkr. eingeführt.
Zu den BK-Hauptgruppen s. Tab. 30.7; Details zur BK-Verordnung unter www.DGUV.de u. www.vdbw.de. Die 10 am häufigsten anerkannten Berufskrankheiten s. www.zehn.de.

Berufskrankheit: BerufskrankheitenAnerkennungkann nur anerkannt werden, wenn sie bereits in die BK-Liste aufgenommen ist; diese Liste wird regelmäßig ergänzt (z. B. im Jahr 2015: BK 5105, aktinische Keratose u. Plattenepithelkarzinom durch langjährige UV-Exposition).

Bei V. a. eine durch die berufliche Tätigkeit bedingte Erkr., die jedoch (noch) nicht in der BK-Liste zu finden ist, wird sie als „Wie-BK“ behandelt; die Kausalität wird nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen geprüft.
Die BK-Liste ist nach Ursachen gruppiert (z. B. chemisch, physikalisch); den Expositionen sind entsprechende klin. Symptome u. Krankheitsbilder zugeordnet. Durch ausführliche Anamnese kann damit ein Stoff o. ein Arbeitsverfahren erkannt werden, das für eine Erkr. verantwortlich sein kann (Asbestexposition für Asbestose); umgekehrt kann man auch von einer Diagnose ausgehen, die man dann mit einer beruflichen Tätigkeit in Zusammenhang bringen kann (Plattenepithelkarzinom u. UV-Strahlenbelastung als Dachdecker). In beiden Fällen: BK-Meldung veranlassen (s. BK 5103).

Umweltmedizin

Manfred Eissler
UmweltmedizinMeist ist der Allgemeinarzt erste Anlaufstelle für die Frage, ob Krankheitssymptome im Zusammenhang mit umweltbedingten Einflüssen stehen können. Viele umweltmed. relevanten Stoffe u. Faktoren sind bekannt u. müssen bei der DD berücksichtigt werden. Aufgaben des HA sind:
  • „Weichenstellung“: als erster Ansprechpartner ausführliche Anamnese u. Basisdiagn.; bei begründetem V. a. eine umweltmed. Erkr. an die „richtige Stelle“ zur weiteren Abklärung überweisen

  • Langzeitbetreuung der Betroffenen

Diagnostik

UmweltmedizinDiagnostikAufgaben des Hausarztes Abb. 30.2.
  • Anamnese: bes. Genussgifte, Wohnung, Wohnumfeld, Freizeitaktivitäten, berufliche Belastungen, aktuelle Arbeitsplatzsituation, sonstige Expositionsmöglichkeiten, Allergien

  • Körperl. Unters.: Ganzkörperstatus

  • Labor:

    • Bei allg. Verdacht Basisprogramm: BSG, Diff-BB, E’lyte, BZ, Leberenzyme, Nierenwerte, Urinunters.

    • Bei konkreterem Verdacht: spezielle, gezielte Laborunters. zum Nachweis eines umweltmed. relevanten Stoffs im Blut o. Urin

    • Cave: Vor Labortests Fragen der Gewinnung, Lagerung u. des Transport von Proben mit Laborarzt klären

  • Apparative Diagn. u. FA-ÜW je nach Fragestellung

  • FA-ÜW → Umweltmedizin

  • Exploration vor Ort: etwa i. R. eines Hausbesuchs o. durch Umweltmediziner

  • Info-Beschaffung: Kontaktaufnahme mit umweltmed. Ambulanzen (Adressen 34.1.3); Datenbanken

  • Hinzuziehung von Speziallabors, spezielle umweltmed. Messungen vor Ort (z. B. Raumluftmessungen); Informationen über die zuständige KV (Adressen 34.3.2).

Bevor spezielle Unters. (Labor, Messungen vor Ort) veranlasst werden, muss die Frage der Kostenübernahme geklärt sein. Pat. sollte direkt mit der KK Kontakt aufnehmen. Häufig muss er die Kosten selbst tragen.

Einrichtungen u. Behörden, die bei V. a. umweltmed. Erkr. beratend o. zur weiteren Diagn. eingeschaltet werden können (Adressen 34.1.3):

  • Niedergelassene Ärzte mit der Zusatzbezeichnung „Umweltmedizin“

  • Gesundheitsämter (in größeren Städten z. T. mit umweltmed. Ambulanzen)

  • Gewerbeaufsichtsämter/Gewerbearzt (beruflicher Bereich)

  • Hygieneinstitute/umweltmed. Abt. an den Universitäten (Adressen 34.1.3)

  • Umweltmed. Ambulanzen der Universitäten (Adressen 34.1.3).

  • Internet: www.umweltbundesamt.de

Luftschadstoffe

SmogSmogGesundheitsgefährdende Konz. von Luftschadstoffen in der LuftschadstoffeAtemluft. UmweltmedizinLuftschadstoffe
  • WintersmogWintersmog: erhöhte Grundbelastung durch Emissionen von Heizungen, Industrieanlagen, Kraftfahrzeugen plus ungünstige Wetterlage (Inversion)

  • SommersmogSommersmog: sog. fotochemischer SmogFotochemischer Smog; unter Sonneneinstrahlung entstehen bei hohen Luftschadstoffkonz. (s. o.) fotochemische Oxidanzien; Leitsubstanz OzonOzon (30.2.3).

Wirkungen: bes. am bronchopulmonalen System; Mortalität ↑. Häufiger betroffen sind ältere Menschen mit vorbestehenden Erkr. (Asthma bronchiale, COPD, Herz-Kreislauf-Erkr.). Luftverschmutzung gilt als Cofaktor für Pseudokruppanfälle u. kindliche obstruktive Bronchitis.

Aufgrund der Vielzahl luftverunreinigender Stoffe ist auch eine Vielzahl an klin. u. subklin. Symptomen möglich. Diese sind i. Allg. unspezifisch (Kopfschmerz, Übelkeit, Schwächegefühle u. a.). Meist kausale Zuordnung von klin. Sympt. u. Luftverschmutzung nicht möglich. Bes. an entsprechenden Tagen (Smogalarm, starke Ozonbelastung im Sommer z. B. bei Joggern) müssen solche Faktoren in DD einbezogen werden.

InnenraumbelastungBewertung von flüchtigen organischen Verbindungen anhand der TVOC (Total Volatile Organic Compounds)TVOC (Total Volatile Organic Compounds) lt. Empfehlung der Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) beim Umweltbundesamt.
Die wichtigsten Luftschadstoffe u. Emissionsquellen in der Außenluft u. in Innenräumen Tab. 30.8.

Umweltmedizinisch relevante Stoffe

Allgemeines
Für einige umweltrelevante Stoffe gibt es Umweltmedizinrelevante StoffeReferenzwerte u. HBM-Werte (Human-BiomonitoringHBM-Werte, Human-Biomonitoring) des Bundesumweltamtes (www.umweltbundesamt.de/gesundheit/monitor/definitionen.htm#ref).

Referenzwert

UmweltmedizinReferenzwerteDer Referenzwert ist ein Maß für die gemessene Belastung in der Bevölkerung.
Def.: 95. Perzentil der Messwerte einer Stoffkonzentration in dem entsprechenden Körpermedium der Referenzpopulation
Referenzwerte sind angegeben für:
  • Metaboliten verschiedener Phthalate im Urin

  • Bisphenole A (BPA) im Urin

  • Antimon (Sb), Arsen (As) u. Metalle (Pb, Cd, Hg, Pt, Ni, U) in Blut o. Urin

  • Chlorphenole im Urin u. Pentachlorphenol (PCP) im Serum

  • Organophosphat-Metaboliten (DMP, DMTP, DEP, DETP) im Urin

  • Pyrethroid-Metaboliten: cis-Cl2CA, trans-Cl2CA u. 3-PBA im Urin

  • Metaboliten von PAKs im Urin

  • Organochlorverbindungen (PCBs, β-HCH, HCB, DDE) im Vollblut

  • Monozyklische Aminoaromaten im Urin

  • Perfluorierte Verbindungen im Blutplasma

  • PCB, β-HCH, HCB u. Gesamt-DDT in Frauenmilch

Die Human-Biomonitoring-(HBM-)Werte (HBM-I u. -II, Tab. 30.9) werden auf der Grundlage von toxikolog. u. epidemiolog. Unters. festgelegt.
Übersicht über umweltmed. relevante Stoffe: Quellen, Wirkung u. Orientierungswerte Tab. 30.10.
Ozon
OzonOzon (O3) entsteht aus dem Luftsauerstoff durch Katalyse von Luftschadstoffen, hauptsächlich Stickoxiden, in Verbindung mit Sonnenlicht. Im komplexen Gemisch des sog. „fotochemischen SmogSmogFotochemischer Smogo. auch „Sommersmog“ Sommersmogist Ozon die Hauptkomponente: „Leitsubstanz“ für Smogbelastung.
QuellenKraftfahrzeugverkehr (Hauptanteil) u. a. Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kraftwerke, private Haushalte).

Die Ozonkonz. zeigt aufgrund der unterschiedlichen Luftverschmutzung u. der wechselnden Sonneneinstrahlung stark schwankende Werte. Die Konz. ist im Sommer deutlich höher als im Winter u. zeigt meist im Tagesverlauf einen steilen Anstieg in den Vormittagsstunden, um dann in eine mehrstündige Plateauphase überzugehen (Abb. 30.3). In den Abendstunden geht die Konz. wieder zurück. In Reinluftgebieten ist die Ozonkonz. oft höher als in Ballungsgebieten, weil dort der Ozonabbau verzögert erfolgt.

WirkungenVeränderung der Lungenfunktionsparameter ab 160–300 µg/m3 (FEV1 ↓, Atemwegswiderstand ↑); Abnahme der physischen Leistungsfähigkeit ab 240–740 µg/m3; Zunahme von Asthmaanfällen ab 240–300 µg/m3; Tränenreiz, Reizung der Atemwege, Husten, Kopfschmerzen (diese Beschwerden werden vermutlich nicht durch das Ozon, sondern durch Begleitstoffe im Smog ausgelöst); begründeter V. a. Kanzerogenität.

Ca. 10 % der Bevölkerung reagieren auf erhöhte Ozonkonz. empfindlich; gleiche Häufigkeit bei Personen mit Atemwegserkr. u. bei Gesunden!

OrientierungswerteEntscheidend für Gesundheitsschäden ist die aufgenommene Dosis. Es wird deshalb neben der Konz. auch die max. Dauer der Belastung angegeben. EG-Empfehlung: Hinweis an die Bevölkerung (Vermeidung schwerer körperl. Anstrengung) ab Ozonkonz. von 180 µg/m3 über mind. 1 h.
DiagnostikIn den Sommermonaten werden die „aktuellen“ Ozonwerte meist in der Tagespresse veröffentlicht (Werte vom Vortag) o. können im Internet (Wetterdienste) abgefragt werden.
MaßnahmenAn Tagen mit hoher Ozonkonz.: längere Aufenthalte u. körperl. anstrengende Tätigkeiten im Freien vermeiden (gilt v. a. für empfindliche Personen, z. B. kein Joggen). An Tagen mit Sommersmog-Alarm: bundeseinheitliche Maßnahmen nach dem „Ozon-Gesetz“.
Quecksilber und Amalgam
Quecksilber (Hg): flüssiges Metall; relevant sind Quecksilberdämpfe (Quecksilberelementares, dampfförmiges Hg), anorganisches Quecksilber (Hg-Ionen) u. organische Quecksilberverbindungen. Das in der Zahnheilkunde verwendete AmalgamAmalgam(intoxikation) ist eine Legierung aus Quecksilber, Silber, Zinn, Kupfer u. a. Metallen in Spuren.
QuellenIndustrie, Nahrungsmittel (Fische), Inhalation von Quecksilberdampf (z. B. Hg-Reste aus zerbrochenen Fieberthermometern), Amalgamfüllungen.
Aufnahme
  • Elementares Hg (Dämpfe) kann eingeatmet u. über die Lunge aufgenommen werden; Ablagerung u. a. im Gehirn

  • Organische Hg-Verbindungen (z. B. Methylquecksilber) können über den GIT-Trakt aufgenommen werden; Ablagerung u. a. im Gehirn

  • Anorganisches Hg (Ionen) kann über GIT-Trakt aufgenommen werden; Anreicherung u. a. in Nieren u. Leber

  • Metallisches Hg (flüssig, z. B. im Fieberthermometer) kann zwar in den GIT-Trakt gelangen (Ingestionsunfall 3.5.1), wird aber fast nicht resorbiert u. mit dem Stuhl wieder ausgeschieden

Intoxikationen
  • Akut: meist im Zusammenhang mit Unfällen

  • Chron.: u. a. arbeitsmed. Problem, aber auch durch Nahrungsaufnahme möglich. „Minamata-KrankheitMinamata-Krankheit“ durch den Verzehr von mit Methylquecksilber kontaminierten Fischen in Japan. Wissenschaftlich kein Hinweis für eine chron. Intox. durch funktionstüchtige Amalgamfüllungen

Klinik
  • Nieren: Proteinurie bei glomerulären u. tubulären Schäden

  • ZNS: Verhaltens- u. Persönlichkeitsstörungen, Störungen des Gedächtnisses, der Stimmung, Gereiztheit, Nervosität, Schreckhaftigkeit, Kritikintoleranz, Sprachstörungen, Tremor

  • Schleimhäute: Stomatitis, evtl. Quecksilbersaum am Zahnfleischrand

Selten: QuecksilberAllergieQuecksilberallergie. Nachweis durch Epikutantest ist bei einigen KK Voraussetzung für die Kostenerstattung bei der Entfernung von Amalgamfüllungen.

DiagnostikBei V. a. eine Quecksilberintox. ist die Bestimmung i. S. und i. U. angezeigt (Tab. 30.11).
MobilisationstestsQuecksilberMobilisationstests
  • DMPS-TestDMPS-Test, Hg-Konzentration: Vor u. nach Applikation des Komplexbildners DMPS (i. v. oder p. o.) wird Urin gewonnen u. die Hg-Konz. untersucht.

    • Wichtig: Für die Analyse nach DMPS sollte nicht Spontanurin, sondern ein 24-h-Urin verwendet werden. Cave: Im Spontanurin nach DMPS kommt es häufig zu extrem falsch pos. Werten, die dann u. U. unnötige Maßnahmen (z. B. Amalgamentfernung) zur Folge haben.

    • Zur Diagn. einer chron. Hg-Belastung nicht empfohlen; die Kosten werden von den KK nicht erstattet. DMPS nicht zur Durchführung diagn. Maßnahmen zugelassen; darf nur zur Ther. einer Quecksilberintox. verwendet werden.

  • Speicheltest: Vor u. nach 10-minütigem Kauen von Kaugummi wird die Quecksilberkonz. im Speichel bestimmt. Von einigen Labors werden „Grenzwerte“ angegeben, die jedoch willkürlich sind. Amalgamträger zeigen höhere Werte als Personen ohne Amalgam bei intra- u. interindividuell starken Streuungen.

Der Speicheltest wird wg. seiner Unzuverlässigkeit nicht zur Bestimmung der Quecksilberkonz. empfohlen. Keine Kostenübernahme durch die KK.

Vorgehen bei V. a. AmalgamintoxikationAmalgam(intoxikation)
  • Inspektion des Mund-/Rachenraums

  • FA-ÜW → Zahnmedizin

  • Bei lokaler Rötung, Schwellung unklarer Ursache im Mund, V. a. QuecksilberallergieQuecksilberAllergie FA-ÜW → Allergologie

  • Quecksilberbestimmungen im 24-h-Urin. Cave: keine Kostenübernahme durch die KK; Kosten beim Labor erfragen (ca. € 25)

  • Amalgamfüllungen entfernen: Zurückhaltung ist geboten; alternative Füllungen ebenfalls nicht unbedenklich

Tabakrauch
TabakrauchEines der bedeutendsten Umweltgifte für aktive und passive Raucher. Die Anteile von Nikotin u. Kondensat müssen deklariert werden, nicht jedoch die anderen Inhaltsstoffe: Dimethylnitrosamin, Formaldehyd, Acrolein, Anilin, Nickel, Cadmium, Benzpyren, Benzanthracen, Stickoxid, Kohlenmonoxid, Ammoniak, einzelne Dioxine u. v. a. Studien belegen, dass durch Passivrauchen ebenfalls mit Bronchial-Ca (12.8.2) sowie akuten u. chron. Atemwegserkr. zu rechnen ist. Kinder sind bes. gefährdet.

Lärm

UmweltmedizinLärmEin Maß für die Lautstärke ist der Schallpegel, angegeben in dB(A). Eine Erhöhung des Schallpegels um 10 dB entspricht einer LärmVerdoppelung der Lautstärke. Zu unterscheiden: Mittelungspegel u. Maximalpegel.

Von einem Großteil der Bevölkerung wird Lärm als eine ganz wesentliche Belastung erlebt. Die subjektiven u. objektivierbaren Beeinträchtigungen hängen außer von der Lautstärke von vielen anderen Faktoren ab: unterschiedliche subjektive Empfindlichkeit, Frequenzspektrum, zeitlicher Verlauf (kontinuierlich, knallartig u. a.), Ort u. Zeit des Auftretens.

QuellenVerkehrslärm von Straßen- u. Schienenfahrzeugen, Fluglärm, Gewerbe- u. Baulärm, Lärm im Wohn- u. Freizeitbereich (z. B. Diskotheken, Walkman).
Wirkungen
  • Hörstörungen: Eine mehrjährige tägl. Schallbelastung ab 85 dB(A) Mittelungspegel führt i. d. R. zu einer irreversiblen InnenohrschwerhörigkeitInnenohrschwerhörigkeit (Hochtonsenke bei 4 kHz). Starke kurzzeitige Lärmeinwirkungen können zu meist reversiblen Hörstörungen führen. Lärmschäden stehen an erster Stelle der anerkannten BK in Deutschland (BK Nr. 2301, 30.1.5).

  • Psychovegetative Störungen: Schlafstörungen, Leistungsstörungen, Konzentrationsfähigkeit ↓, Belastbarkeit ↓, Nervosität u. a.; jahrelange Lärmexposition gilt als RF für Hypertonie (11.6.2) u. KHK (10.3).

  • Allg. Beeinträchtigung des Wohlbefindens (Krankheit nach WHO).

Mehr als die Hälfte der dt. Bevölkerung ist tagsüber einem SchallpegelSchallpegel von 55–60 dB(A) ausgesetzt. Bei diesen Belastungen sind psychovegetative Reaktionen zu erwarten. Fluglärm wird als bes. starke Störung empfunden. Langfristige gesundheitliche Auswirkungen noch nicht endgültig beurteilbar. Eine bes. Gefährdung ist für Kinder (bzgl. Konzentration, Aufmerksamkeit, Leistungsmotivation, Arbeitsverhalten) sowie Ältere u. Kranke anzunehmen. Beispiele für Lärmemissionen (Maximalpegel in dB[A]): Autolärm: 80–90, Fluglärm: 100–110, Baulärm: 80–100, Freizeitlärm: 90–100, Arbeitsplatz: 100–120.

Nichtionisierende elektromagnetische Felder

DefinitionElektrosmog: bezeichnet die Gesamtheit der (größtenteils technisch erzeugten) elektrischen, magnetischen u. elektromagnetischen ElektrosmogFelderNichtionisierende elektromagnetische Felder, mit u. in denen wir leben. Umweltmedizinelektromagnetische Felder
Allgemeine Hinweise
  • Biolog. Wirkung ist abhängig von Frequenz u. Intensität (Feldstärke bzw. Leistungsflussdichte).

  • Wirkung nimmt mit zunehmender Entfernung von der Quelle ab.

  • Bei niederfrequenten elektrischen/magnetischen Feldern gilt eine Körperstromdichte bis max. 2 mA/m2 als unbedenklich. Grenzwerte:

    • max. elektrische Feldstärke: 5 kV/m2

    • max. magnetische Flussdichte: 100 μT bei 50 Hz

  • Gewebeerwärmung bis max. 1 °C (thermischer Effekt) gilt als unbedenklich → Grenzwerte:

    spez. Absorptionsrate (SAR) bis max. 0,08 W/kg (über den ganzen Körper gemittelt) bzw. max. 2 W/kg für Teilkörperbereiche (gemittelt über 10 g Körpergewebe; Bundesamt für Strahlenschutz)

  • Gepulste HF-Strahlung (D-, E-Netz-Funktelefone) kann biolog. wirksamer sein als nicht gepulste; z. B. Zellmembraneffekte (z. B. Stimulation von Muskelzellen bereits bei Frequenz < 100 kHz); nicht gesichert: Kanzerogenität

Schutzmaßnahmen

  • Elektrische Geräte nicht unnötig anschalten bzw. anlassen.

  • Größtmöglicher Abstand zur Quelle.

  • Einbau von Netzfreischaltern.

  • Verwendung bzw. Einbau von abgeschirmten Kabeln (relativ aufwendig u. teuer).

Elektrische Gleichfelder
Quellenz. B. atmosphärisch bei Gewitter, statische Aufladung beim Kämmen.
WirkungenBei den im Alltag auftretenden Feldstärken sind keine Gesundheitsschäden bekannt. Allerdings können die statischen Entladungen lokal zu Schmerzempfindungen führen („elektrischer Schlag“ beim Aussteigen aus dem Auto); Abhilfe durch Erdung.
Magnetische Gleichfelder
Angabe der magnetischen Flussdichte in Tesla (T, mT, μT). Erdmagnetfeld: 45–70 μT.
QuellenMRT (1–2 T).
WirkungenÜberzeugende Hinweise auf Gesundheitsstörungen durch diese (hohen) Feldstärken liegen nicht vor.
Niederfrequente elektrische Wechselfelder
Frequenz meist 50 Hz.
QuellenIn der Umgebung von elektrischen Leitern, die unter Wechselspannung stehen, elektrischen Geräten, Hochspannungsleitungen.
WirkungenIm Körper werden schwache elektrische Ströme hervorgerufen, die weit unter der Reizschwelle von Nerven u. Muskeln liegen. Ein Zusammenhang dieser Felder mit Krebsgeschehen wird diskutiert, doch reicht die Datenlage, um dies zu bestätigen o. zu widerlegen, nicht aus. Auch sonstige Auswirkungen (Beeinträchtigung des Wohlbefindens) werden diskutiert, sind aber wissenschaftlich nicht gesichert.
Niederfrequente magnetische Wechselfelder
QuellenFernseher, Monitore, Elektromotoren, Nähe elektrischer Leitungen mit hoher Stromstärke, Elektroschweißen, Induktionskochfelder.
WirkungenIm Körper werden Wirbelströme induziert, die zu einer geringen Erwärmung u. zu überschwelliger Reizung von Nerven u. Muskeln führen können; ab ca. 2 mT treten Sehstörungen auf, ferner Kopfschmerzen u. Unwohlsein; ab 0,1 mT können Herzschrittmacher gestört werden.

Induktionskochfelder: Bei sachgerechtem Gebrauch liegen die magnetischen Streufelder deutlich unter dem EU-Grenzwert. Auch wenn bisher keine schädlichen Auswirkungen bekannt sind, wird Schwangeren u. Trägern von Herzschrittmachern ein Abstand von ca. 15 cm von der Herdkante empfohlen.

Hochfrequente elektromagnetische Felder
Frequenz ca. 30 kHz–300 GHz.
QuellenSender für Rundfunk, Fernsehen, Radar, Telekommunikation; ferner z. B. Mikrowelle 2,4 GHz, technisch-med. Bereich (Diathermie) 1 MHz–3 GHz.
WirkungenErwärmung des Gewebes. Bei Langzeitbelastung evtl. Kataraktbildung.

Mobiltelefone: In Antennennähe u. im Autoinnern relativ hohe Feldstärken (deshalb bei Gebrauch im Autoinnern möglichst Mobiltelefon, ElektrosmogAußenantenne benutzen); mögliche Langzeitschädigungen werden kontrovers diskutiert; dir. Störwirkungen auf elektronische Geräte (Herzschrittmacher, auf Intensivstationen, im Flugzeug u. a.) möglich.

Strahlenschutz-Richtwerte Tab. 30.12.

Röntgen und Radioaktivität

UmweltmedizinStrahlungRöntgenStrahlenbelastung RadioaktivitätEs wird unterschieden zwischen StrahlenbelastungStrahlenbelastung von außen (z. B. Röntgendiagn.) u. Strahlenbelastung von innen, z. B. Inkorporation strahlender Substanzen, radioaktiv kontaminierte Lebensmittel, nuklearmed. Diagn. u. Ther. (Tab. 30.13, Tab. 30.14).

Einteilung
  • Korpuskularstrahlung (α-, β-, Neutronenstrahlung u. a.) aus radioaktiven Quellen o. in Beschleunigeranlagen

  • Elektromagnetische Rö- u. Gammastrahlung (Letztere ebenfalls aus radioaktiven Quellen)

Maßeinheiten

  • Ionendosis: die in 1 kg Luft erzeugte Ladung; Einheit: 1 R (Röntgen)

  • Energiedosis: die in 1 kg Materie absorbierte Energie; Einheit: 1 Gy (Gray; früher rad; 100 rad = 1 Gy).

  • Äquivalentdosis: mit der biolog. Wirksamkeit der Strahlenart bewertete Energiedosis; Einheit: 1 Sv (Sievert; früher rem; 100 rem = 1 Sv).

  • Aktivität einer radioaktiven Quelle: Anzahl der Kernumwandlungen pro Sek.; Einheit: 1 Bq (Becquerel) = 1 Zerfall pro Sek.

Zulässige StrahlenbelastungEmpfehlungen der Strahlenschutzkommission:
  • Beruflich Exponierte: bis 50 mSv pro J.

  • Allg. Bevölkerung: bis 1,7 mSv pro J.

Wirkungen
  • Zelltod, Organschädigungen, Tod

  • Teratogene Wirkung: Fehlbildungen/Fehlentwicklungen durch pränatale Strahleneinwirkung

  • Karzinogene Wirkung: bes. Leukämie, Schilddrüsen-Ca

  • Mutagene Wirkung: Induktion von genetischen Veränderungen, möglicherweise auch erst in späteren Generationen manifest

Während bei der Beurteilung der Wirkungen höherer Strahlendosen weitgehende Übereinstimmung herrscht, wird die Wirkung niedriger Dosen sehr unterschiedlich eingeschätzt. Neuere Unters. legen die Vermutung nahe, dass die Wirkung niedriger Dosen bisher als zu gering bewertet wurde (kumulative Belastung).

Über die Gefährdung von Personen, speziell Kindern, in der Umgebung von Kernkraftwerken u. Wiederaufbereitungsanlagen liegen unterschiedliche Einschätzungen vor. Mit zunehmender radioaktiver Belastung nimmt die Wahrscheinlichkeit von malignen Erkr. u. Fehlbildungen zu. Es muss deshalb unbedingt das Ziel sein, die Strahlenbelastung so gering wie irgend möglich zu halten.

„Umweltmedizinische Syndrome“

Sick-Building-Syndrom (SBS)
DefinitionUmweltmedizinSyndromeEin Komplex von Gesundheits-, Befindlichkeits- Sick-Building-Syndromu. Behaglichkeitsstörungen, die in geschlossenen u. SBS (Sick-Building-Syndrom)vollklimatisierten Innenräumen auftreten.
Klinik
  • Reizung der Augenbindehäute sowie Nasen-/Rachenschleimhäute

  • Reizung der tieferen Atemwege mit Hustenreiz

  • Rezid. Inf. der oberen Luftwege, Sinusitiden

  • Trockene Haut, Juckreiz, thermische Missempfindungen

  • Kopfschmerzen, Müdigkeit, Störung von Konzentration u. Antrieb

  • Empfinden von „Frischluftmangel“, Dysosmie

UrsachenEine eindeutige Zuordnung der Symptome zu physikalischen, chemischen o. biolog. Einwirkungen ist nicht möglich. Als Ursachen werden die folgenden Faktoren diskutiert:
  • Verminderter Luftaustausch: Durch bessere Gebäudeisolierung, Klimaanlagen, Fenster können nicht mehr geöffnet werden: Anreicherung von Schwebstoffen, flüchtigen organischen Verbindungen aus Einrichtungsgegenständen, Farben, Teppichböden u. a.

  • Zugluft bei Klimaanlagen

  • Lokale Temperaturschwankungen

  • Klimaanlagen: Verbreitung von Pilzen, Bakterien, Viren, Allergenen (z. B. Pilzsporen) sowie Geruchsstoffen über schlecht gewartete Anlagen

  • Dauerschallpegel (Infraschall) durch große Ventilatoren

  • Fotochemischer Smog durch UV-Anteil der Beleuchtung

  • Psychogene Faktoren: z. B. „Sich-eingesperrt-Fühlen“

DiagnostikAusschluss anderer Erkr. Da es sich i. d. R. um ein Arbeitsplatzproblem handelt, mit Einverständnis des Pat. Kontakt mit Betriebsarzt aufnehmen (30.1.2). Werden ähnliche Beschwerden von mehreren Beschäftigten geäußert, darauf drängen, dass bauphysikalische Messungen durchgeführt werden (lokale Temperatur bzw. Differenz von Raum- u. Wandtemperatur, Zugluftmessungen, Luftfeuchtigkeit u. a.). Die Diagnose kann mit Fragebögen erhärtet werden. Kontakt mit umweltmed. Ambulanz aufnehmen u. Pat. dort vorstellen (34.1.3).
Multiple Chemical Sensitivity (MCS)
DefinitionBes. Empfindlichkeit einzelner MCS (Multiple Chemical Sensitivity)Personen auf chemische Substanzen, wobei die Symptome bereits bei Konz. Multiple Chemical Sensitivityauftreten, die von der Mehrzahl der Bevölkerung ohne gesundheitliche Auswirkungen toleriert werden. Die MCS ist wissenschaftlich umstritten.
KlinikEs können viele verschiedene Organsysteme betroffen sein. Die Symptome variieren von Pat. zu Pat.
UrsachenVor allem Biozide (Pflanzenschutzmittel, Holzschutzmittel), Farben, Lacke, Lösungsmittel werden diskutiert.
DiagnostikEin wichtiges diagn. Kriterium ist die Reproduzierbarkeit der Symptome nach Expositionsstopp u. Reexposition. Wichtig: DD Depression, Angststörungen, andere psychische Erkr. als Ursache u./o. Folge.

Umwelt-Psychosomatik

UmweltmedizinPsychosomatikUmwelt-Psychosomatik beschäftigt sich mit:
  • psychischen Auswirkungen von tatsächlichen Umweltbelastungen

  • psychosomatischen Auswirkungen von (berechtigten u. unberechtigten) UmweltängstenUmweltängste

  • psychosomatischen Erkr., die aufgrund intrapsychischer Konflikte auftreten (klassische psychosomatische Krankheiten), vom Betroffenen aber auf Umwelteinflüsse projiziert werden („UmweltneuroseUmweltneurose“)

Ein großer Teil der Pat. in Praxen u. Umweltambulanzen ist der Gruppe mit Umweltneurosen zuzuordnen. Eine solche Diagnose muss sehr zurückhaltend gestellt werden. Häufig sind umfangreiche u. z. T. teure Unters. nötig, um eine tatsächliche Umweltnoxe auszuschließen. Die Pat. haben häufig schon verschiedene, meist paramed. u. wissenschaftlich fragwürdige Diagn. u. Ther. hinter sich u. wurden dadurch in ihrer subjektiven Krankheitsinterpretation bestätigt.

Psychogene Ursachen sind wahrscheinlicher, wenn

  • umweltmed. Unters. keinen Hinweis auf eine toxikologisch o. allergologisch relevante Belastung erbringen,

  • der Beginn der Beschwerden in Zusammenhang mit einer psychosozialen Belastungssituation gebracht werden kann,

  • in der Biografie schwere psychische Belastungen u. Krisen bekannt sind,

  • eine Neigung zur Externalisierung von intrapsychischen Konflikten bekannt ist,

  • der Pat. sehr starr an seiner Deutung der Ursachen festhält u. keiner Relativierung zugänglich ist.

TherapiePsychosomatische Erkr. (ICD: Umweltneurose, F48.8): Psychother. indiziert; Pat. sind für diese aber oft nicht zugänglich, da starr an der subjektiven Krankheitsdeutung festgehalten wird. Aufgabe des HA ist deshalb eine einfühlsame Begleitung des Pat. → Subjektive Krankheitsinterpretationen sollten als Ausdruck ungelöster intrapsychischer Konflikte ernst genommen werden. Ein Ziel muss u. a. sein, dem Pat. weitere, meist teure paramed. Diagn. u. Ther. zu ersparen u. ihn durch eine empathische, patientenzentrierte Gesprächsführung aus seiner Kampfposition zu befreien. Bei V. a. Psychose: FA-ÜW.

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