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B978-3-437-22447-8.00025-1

10.1016/B978-3-437-22447-8.00025-1

978-3-437-22447-8

Aufbau eines mehrwurzeligen ZahnAufbauZahns und des Zahnhalteapparats ZahnHalteapparatZahnAnatomie

[A300]

ZahnSchemaZahnschema zur Bezeichnung der Zähne

[L190]

Zahnschmerzen: klinisches Bild u. Vorgehen ZahnSchmerzenSchmerzenZahn

Tab. 25.1
KlinikDiagnostikUrsachen, KOTherapie
Zahn schmerzempfindlich gegen Kälte (Zugluft, Eis) u. bei Zuckergenuss. Ggf. kurz andauernde, ausstrahlende SpontanschmerzenPos. Reaktion auf Vitalitätsprobe: Schaumstoff- o. Wattepellet mit Kältespray o. CO2-Schnee besprühen, an bukkale Zahnfläche drückenKariesbefall von Schmelz u. pulpennahem Dentin ohne Ausdehnung auf Pulpa
DD: überempfindliche Zahnhälse (s. u.)
Durch Zahnarzt
Heftige, ziehende o. pulsierende, anhaltende Zahnschmerzen. Betroffener Zahn oft nicht genau lokalisierbar durch ausstrahlende Schmerzen bis ins Ohr (Unterkieferzähne) u. in Schläfen (Oberkieferzähne)Zahn stark perkussionsempfindlich, reagiert sehr heftig nach ca. 30 Sek. auf Wärme mit ziehenden SchmerzenPartielle o. generalisierte Entzündung des Zahnmarks (Pulpitis) durch Karies, Zahnfrakturen o. -luxationen (Anamnese: Trauma?).
Cave: Frühkontakte einzelner Zähne (z. B. durch zu hohe Füllungen o. Kronen) können Pulpitiden auslösen!
Durch Zahnarzt. Wenn nicht sofort möglich (z. B. nachts), Gabe eines Analgetikums (z. B. ben-u-ron®, 2–4 Tbl./d), evtl. eines Kombinationspräparats mit Codein (z. B. Dolomo® TN, 2–4 Tbl./d)
Starke pulsierende Schmerzen, v. a. auf Druck (Zubeißen, Kauen) u. nachts (Bettwärme)Zahn reagiert neg. auf VitalitätsprobeAkute apikale Parodontitis.
Ätiol.: Nach Absterben des Pulpagewebes u. Zersetzung durch anaerobe Bakterien mit Gasbildung (Gangrän) greift die Entzündung vom Wurzelkanal auf periapikalen Knochen über.
KO: Abszedierung in Weichteile (25.3.2), Bildung einer radikulären Zyste
Durch Zahnarzt. Extraoral feuchtkalte Umschläge. Wärme vermeiden (fördert Drucksteigerung durch Gasausbreitung). Sofortiges Nachlassen des Schmerzes u. fötider Geruch bei Druckentlastung, z. B. bei Entfernung eines provisorischen Verschlusses o. Trepanation durch Zahnarzt
Deutliche Schmerzreaktion auf Kälte (v. a. Zugluft)Vitalitätsprobe pos., am Zahnhals sehr starke ReaktionÜberempfindlicher Zahnhals, z. B. bei keilförmigen Abrasionsdefekten durch falsche Putztechnik o. nach Parodontalbehandlungen
Cave: Durch Schmelzabrasion größeres Kariesrisiko
KO: kariöse Defekte
Spezielle Zahnpasten gegen empfindliche Zahnhälse (Versiegeln freiliegender Dentinkanälchen), Fluoridlack beim Zahnarzt

Zahnverfärbungen und Zahnanomalien: Differenzialdiagnosen und Vorgehen ZahnVerfärbungenZahnAnomalien

Tab. 25.2
Farbe bzw. AussehenÄtiologieDDTher., Besonderheiten
Gelbfärbung der Milch- bzw. der bleibenden ZähneTetrazyklin-Gabe im 2. u. 3. Trimenon der Grav. o. bei Kindern bis zum 5. Lj.Ab ca. 18. Lj. Überkronung o. Veneers (25.10) möglich
Bräunlich-weiß gefleckter Schmelz (mottled teeth)Überfluoridierung, v. a. im 2.–3. Lj. (Dentalfluorose)Entkalkungszonen (s. u.); KariesKeine (Zähne sind sogar kariesresistenter); ab ca. 18. Lj. Überkronung o. Veneers möglich
Weißlich-gelbe bis gräuliche harte o. weiche AblagerungenWeicher Zahnbelag o. Zahnstein (mineralisierter Zahnbelag)KeineAnleitung zur gründlichen Zahnreinigung; regelmäßige Reinigung u. Kontrolle (cave Karies u. Parodontitis!) durch Zahnarzt
Bräunliche Ablagerungen, v. a. Lingualflächen der UnterkieferfrontzähneVerfärbungen durch starken Tee- o. TabakkonsumKariesläsionen, ZahnsteinRegelmäßige Zahnreinigung (ca. 2 ×/J.) durch Zahnarzt; sorgfältige Mundhygiene
Kreidig-weiße Flecken (white spots), oft in der Nähe des ZahnfleischrandsEntkalkungszonen, Initialkaries (25.8.1)Durch Zahnarzt; regelmäßige Fluoridierung (25.8.4) u. sorgfältige Mundhygiene
Schwarz-gräuliche VerfärbungVitalitätsverlust des Zahns durch Karies, Trauma u. a.Durchscheinende FüllungenDurch Zahnarzt
Zahnoberfläche brüchig, höckrig, nicht glänzend; bräunlich-fleckige Färbung meist aller ZähneHereditär bedingte unvollständige Schmelzbildung (Amelogenesis imperfecta)Spätere Überkronung möglich; regelmäßige Fluoridierung (Kariesanfälligkeit groß!)
Symptome wie Amelogenesis imperfecta (s. o.), v. a. an Frontzähnen u. an 1. bleibenden MolarenSchmelzhypoplasie durch unterschiedliche Ursachen (u.a. Trauma, Inf.) Schädigung der Ameloblasten während der SchmelzbildungKeine
Tonnenförmige SchneidezähneSymptom der spätkongenitalen LuesKeine; Behandlung der Grunderkr. (9.8.2)

Produkte für das BleachingZahnBleaching

Tab. 25.3
Bleaching vitaler ZähneBleaching devitaler Zähne
Home Bleaching (häusliches Bleichen unter Anleitung des Zahnarztes): Carbamidperoxid (10 %) wird in individuell hergestellter Schiene eingebracht u. für 10–20 d in der Nacht getragenInternes Bleaching: Mit Natriumperborat wird der Zahn von innen aufgehellt, dies kann zu Wurzelresorptionen führen
In-Office-Bleaching: Verwendung von höher konzentrierten Gelen (Carbamidperoxid 35 %) unter Gingivaschutz. Applikationszeit 10–30 Min., je nach Hersteller
OTC-Bleichprodukte: häusliches Bleichen ohne zahnärztl. Konsultation durch frei verkäufliche Bleichprodukte; wg. individuell nicht kalkulierbarer NW ist ohne vorherige zahnärztl. Beratung hiervon abzuraten

Mund-, Zahn- und Kiefererkrankungen

Ingrid Grunert

  • 25.1

    Checkliste Anatomie1364

  • 25.2

    Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich1365

    • 25.2.1

      Schmerzen am Zahnfleisch1365

    • 25.2.2

      Zahnschmerzen bei akuter oder chronischer Pulpitis1367

    • 25.2.3

      Schmerzen nach operativen Eingriffen im Zahnbereich1368

  • 25.3

    Schwellungen im Mundbereich1368

    • 25.3.1

      Intraorale Schwellungen1369

    • 25.3.2

      Extraorale Schwellungen1371

  • 25.4

    Orale Blutungen1372

    • 25.4.1

      Zahnfleischentzündungen1372

    • 25.4.2

      Blutungen nach operativen Eingriffen1372

  • 25.5

    Veränderungen der Mundschleimhaut1373

    • 25.5.1

      Weiße Schleimhautveränderungen1373

    • 25.5.2

      Pigmentierte Mundschleimhautveränderungen1374

    • 25.5.3

      Bläschenförmige Mundschleimhautveränderungen1375

    • 25.5.4

      Ulzeröse und aphthöse Mundschleimhautveränderungen1376

    • 25.5.5

      Bisphosphonatinduzierte Knochennekrose1377

  • 25.6

    Leitsymptom Zahnverfärbungen und Zahnanomalien1377

  • 25.7

    Orale Funktionsstörungen1378

    • 25.7.1

      Kiefergelenkbeschwerden1378

    • 25.7.2

      Xerostomie1380

    • 25.7.3

      Dysästhesien im Mund- u. Gesichtsbereich1381

  • 25.8

    Mundhygiene und Prophylaxe1381

    • 25.8.1

      Plaquebildung und Kariesentstehung1382

    • 25.8.2

      Erosionen (Säureschäden)1382

    • 25.8.3

      Mundhygiene und Reinigung von Zahnersatz1382

    • 25.8.4

      Fissurenversiegelung1384

    • 25.8.5

      Fluoridierung1385

  • 25.9

    Amalgamproblematik1385

  • 25.10

    Ästhetik u. Geroprothetik1386

    • 25.10.1

      Bleichen von Zähnen (Bleaching)1386

    • 25.10.2

      Vollkeramikrestaurationen1387

    • 25.10.3

      Implantate zum Ersatz fehlender Zähne sowie zur Verankerung von herausnehmbarem Zahnersatz1387

    • 25.10.4

      Geroprothetik1388

Checkliste Anatomie

GrundbegriffeZahnErkrankungen
  • Mesial: zur Kiefermitte gerichtet. Distal: von Kiefermitte abgewandt

  • Vestibulär: zum Mundvorhof gerichtet. Oral: zur Mundhöhle gerichtet

  • Palatinal: zum Gaumen gerichtet. Lingual: zur Zunge gerichtet

  • Bukkal: zur Wange gerichtet. Labial: zur Lippe gerichtet

  • Inzisal: zur Schneidekante gerichtet (Frontzahn) bzw. okklusal: zur Kaufläche gerichtet (Seitenzahn)/apikal: zur Wurzelspitze gerichtet

  • Approximal: zum Kontaktpunkt des Nachbarzahns gerichtet

  • Zervikal: zum Zahnhals gerichtet

Zahn und ZahnhalteapparatAufbau eines mehrwurzeligen Zahns u. des Zahnhalteapparats Abb. 25.1, Zahnschema Abb. 25.2.ZahnAnatomie
  • Schmelz: ZahnSchmelzhärteste Substanz des Körpers (Apatitkristalle). Schmelz ist nicht regenerierbar, kann aber noch nach abgeschlossener Schmelzbildung durch exogene Fluoridzufuhr (25.8.4) weiter ausgehärtet werden.

  • DentinDentin: knochenähnliche Struktur mit Odontoblastenfortsätzen in radial angeordneten Dentinkanälchen, wird lebenslang von vitalen Zähnen produziert.

  • Zahnmark (Pulpa): Pulpa (Zahn)gallertiges, blutgefäß- u. nervenreiches Bindegewebe. Klin. Unterteilung in Kronen- u. Wurzelpulpa. Wurzelpulpa liegt in einem o. mehreren Wurzelkanälen u. ist durch Foramen apicale an der Wurzelspitze mit umgebendem Gewebe verbunden. Aufgabe: Ernährung u. Bildung des Dentins; Sensibilität.

  • Wurzelzement: Ca. Zement (Zahn)65 Gew.-% anorganische Verbindungen, ähnlich dem Faserknochen. Teil des Zahnhalteapparats u. des Zahns.

  • Wurzelhaut (Desmodont): zwischen DesmodontAlveoleninnenwand u. Wurzelzement. Wesentlicher funktioneller Bestandteil sind elastische Sharpey-Fasern: verlaufen entsprechend ihrer Beanspruchungsrichtung schräg durch Desmodontalspalt nach apikal u. wandeln Kaukraft (im Molarenbereich bis zu 800 N) in Zugbelastung um. Röntgenolog. strahlentransparent, erscheint als Parodontalspalt.

  • Gingiva: Teil der GingivaMundschleimhaut u. des Zahnhalteapparats. Gesunde Gingiva ist blassrosa, unverschieblich, von fester Konsistenz, liegt durch straffe Faserzüge dem Zahnhals eng an u. ist mit Ausnahme des Zahnfleischsaums (marginale freie Gingiva) fest mit Alveolarknochen verwachsen (befestigte Gingiva). Gingivaler Sulkus ist physiolog., ca. 0,5 mm tiefe Zahnfleischfurche zwischen marginaler Gingiva u. Zahnhals. Aus ihm sickert zellhaltiges Exsudat (sulcus fluid), dessen Menge unter path. Bedingungen deutlich ansteigt. Zwischen Approximalflächen der Zähne liegen Interdentalpapillen der Gingiva.

  • ZahnHalteapparatZahnhalteapparat: funktionelle Einheit aus Wurzelzement, Wurzelhaut, Alveolarknochen u. zugehörigem Zahnfleisch (Gingiva propria).

Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich

Schmerzen am Zahnfleisch

Akut nekrotisierende ulzeröse Gingivitis (ANUG)
ZahnfleischentzündungSchmerzenZahnfleischGingivitis, akut nekrotisierende ulzeröseDefinitionSchlagartig einsetzende generalisierte Entzündung der Gingiva. Gehäuft zwischen dem 15. u. 30. Lj., v. a. bei starken Rauchern u. unzureichender Mundhygiene. Orales Sympt. bei Avitaminosen (17.4) u. hämatolog. Erkr. (Thrombozytopathie, Leukämie, Panmyelopathie, Agranulozytose, s. auch 19.1.5).
KlinikSehr schmerzhaftes, stark gerötetes u. geschwollenes Zahnfleisch mit Neigung zu Spontanblutungen. Nekrosen u. Ulzerationen an Zahnfleischpapillen. Fauliger Mundgeruch. Schmerzhafte Schwellung submandibulärer Lk, erhöhte Körpertemperatur u. reduzierter AZ.
DifferenzialdiagnoseGingivostomatitis herpetica (25.5.3). Chron. Gingivitis u. Parodontitis (25.4.1) verursachen keine Schmerzen! Cave: Schwerste Parodontitiden beim Vollbild AIDS (9.9).
TherapieSystemische Erkr. ausschließen, zum Zahnarzt schicken; wenn nicht möglich: systemisch Metronidazol-Tbl. (z. B. Metronidazol-CT® 400) 1–1,5 g/d für 8–14 d o. Tetrazyklin-Derivate (z. B. Tetracyclin Wolff®) 0,1–0,2 g/d für 8–14 d. Zur lokalen Keimreduktion mehrmals tägl. Spülungen mit Chlorhexidin (z. B. Chlorhexamed®) o. Pinselungen mit 3-proz. H2O2 (rezeptfrei); in der Praxis überaus bewährte Rezeptur: 20.4.3. Analgetisch u. antiphlogistisch wirkende Salben, z. B. Dontisolon® D. Nach Abklingen akuter Symptome systematische parodontolog. Ther. u. Mundhygieneinstruktionen durch Zahnarzt.
Erschwerter Zahndurchbruch bei Erwachsenen (Dentitio difficilis)
ZahndurchbruchErwachseneDentitio difficilisDefinitionAkute perikoronare Entzündung mit Bildung von Zahnfleischtaschen (Schlupfwinkelinf.!) bei nicht vollständig durchgebrochenen Zähnen. Untere Weisheitszähne am häufigsten betroffen (Platzmangel!). Vorkommen v. a. im 20.–40. Lj.
KlinikÄußerst schmerzhafte Schwellung u. starke Rötung der Schleimhautkapuze über betroffenem Zahn. Seröser o. eitriger Sekretfluss aus der Tasche. Kieferklemme u. Schluckbeschwerden. Lymphadenitis, Körpertemperatur ↑ bis 38,5 °C. Evtl. BSG ↑, Leukozytose.
KomplikationenAbszedierungen in benachbarte Weichteillogen, Osteomyelitis des Alveolarknochens.
TherapieBei vollständig ausgeprägtem Krankheitsbild (schlechter AZ, „dicke Backe“): sofort zum Zahnarzt o. in Fachklinik schicken. Bei geringer Schwellung u. fehlenden allg. Krankheitssympt.: vorsichtige Taschenspülungen mit Mundantiseptika (Gentianaviolett-Lsg. 1 %, H2O2-Lsg. 3 %, Chlorhexamed®). Begleitend lokale Kälteapplikationen (feuchtkalte Umschläge) u. Verordnung Analgetikum. Zur Keimreduktion Optimierung der Mundhygiene fordern (25.8.2). Nach Abklingen akuter Sympt. (ca. 5–8 d) Zahnfleischexzision (wenn retrokoronal ausreichend Platz für Zahndurchbruch), Extraktion bzw. operative Entfernung des betroffenen Zahns durch Zahnarzt.
Naturheilkundliche Therapieempfehlung (Phytotherapie)NaturheilverfahrenZahndurchbruchKamille (z. B. Kamillosan® Konzentrat), Salbei (z. B. Salviathymol® Lsg.) bzw. Komb.: InfectoGingi® Mundgel, 23.3.
Erschwerter Zahndurchbruch bei Kleinkindern
KlinikZahndurchbruchKleinkinderKuppenförmige anämische Vorwölbung auf Alveolarkamm. Schmerzen, Unruhe, Appetitlosigkeit. Häufig ↑ Temperatur bis 39,5 °C. Windeldermatitis (16.8.2) sehr häufiges Begleitsymptom.
Selten: Zahndurchbruchszyste (Eruptionszyste), bevorzugt beim Durchbruch der oberen Milchzähne. Bläuliche, prall-elastische Vorwölbung auf Alveolarkamm. Altersangaben für den Durchbruch von Milch- bzw. permanentem Gebiss (16.2.4).
TherapieBei starker Unruhe u. bei Fieber andere Ursachen abklären. Antipyretika (z. B. Paracetamol ratiopharm®-Supp., 10–15 mg Paracetamol/kg KG als ED, bis 60 mg/kg KG als max. Tagesdosis [24 h]. ggf. Wdh. alle 6–8 h., d. h. 3–4 ED/d) u. ggf. lokal wirkende Anästhetika (z. B. Recessan® Salbe), mehrmals tägl., v. a. nach dem Essen u. abends, auf die Zahnleiste streichen. Bei Durchbruchszysten FA-ÜW zur Eröffnung der Zyste.

Gut wirksam: Osanit-Zahnkügelchen®; Beißringe, die vorher im Kühlschrank gekühlt werden; auch Fingerdruck kann vorübergehend Schmerz lindern. Antipyretische u. beruhigende Zäpfchen auf homöopathischer Basis (z. B. Viburcol®, Sgl. max. 1 Supp./d; KK < 6 J. 1–2 Supp./d).

Zahnschmerzen bei akuter oder chronischer Pulpitis

Übersicht Zahnschmerzen Tab. 25.1. ZahnSchmerzenSchmerzenZahnPulpitisCave: Psychogener Zahnschmerz sehr selten (evtl. durch Zähneknirschen Zähneknirschenmit hohem u./o. permanentem Kaudruck ausgelöst). Meist organische Ursache (Karies?)!

Zurückhaltung bei Analgetikaverordnung (Ausnahme: kein Zahnarzt verfügbar)! Betroffener Zahn kann vom Zahnarzt unter Analgesie nicht genau lokalisiert werden. Bereitschaft, Zahnarzt aufzusuchen, nimmt im schmerzfreien Zustand erfahrungsgemäß ab.

Schmerzen nach operativen Eingriffen im Zahnbereich

Wundschmerz
TherapieAnalgetikum/Antiphlogistikum (z. B. Ibuprofen 400 2–4 Tbl./d); bei > 2 d andauernden o. zunehmenden Schmerzen Überweisung zum Zahnarzt.
Wundheilungsstörungen
DefinitionMeist bakt.Wundheilungsstörung, Zahnbereich Inf. des Alveolarknochens nach Zahnextraktion (Dolor post extractionem), am häufigsten im Unterkiefer-Seitenzahnbereich.
ÄtiologieBlutkoagel bildet sich nicht (trockene Alveole) o. zerfällt eitrig (→ Ostitis).
KlinikAm 2.–4. postop. Tag starke Wundschmerzen; fötider Geruch; evtl. Lymphadenitis, Temperatur ↑.
TherapieDurch Zahnarzt. Wenn nicht sofort möglich: vorsichtige Wundsäuberung; Spülung mit 3-proz. H2O2-Lsg.; Einbringen eines Drainagestreifens; Analgetikaverordnung; antibiotische Ther. nur bei AZ-Verschlechterung o. bei Fokalinf. Cave: künstliche Herzklappen (z. B. Endokarditis, 10.7.1).

Schwellungen im Mundbereich

Schwellungen im Mund- bzw. Gesichtsbereich gehen häufig von Zähnen aus (Abszesse), können sich weit über Mundhöhle hinaus erstrecken (infraorbital, retropharyngeal) u. erhebliche Ausmaße annehmen. Bei unklarer Ursache Vorstellung Zahnarzt o. FA-ÜW → HNO.

Intraorale Schwellungen

Gingivahyperplasie
DefinitionSchwellungintraoraleMundintraorale SchwellungGingivaHyperplasieGeneralisierte o. auf Zahngruppen begrenzte fibröse Verdickung der Gingiva. Blassrosa Farbe u. feste Konsistenz des Zahnfleischs. Prim. entzündungsfrei u. schmerzlos, evtl. sek. entzündlich verändert.
ÄtiologieMedikamentös bedingt durch systemische Langzeitmedikation mit Diphenylhydantoin-, Nifedipin-, Ciclosporin-Präparaten. Bildet sich nach Absetzen der Medikamente spontan zurück. Selten idiopathisch bedingt. Sorgfältige Anamnese!
DifferenzialdiagnoseGeneralisierte Gingivitis (25.4.1); Schwangerschaftsgingivitis; M. Wegener (18.6.5); hyperplastische Gingivitis bei Bluterkr. u. Diab. mell. (17.1). Im Vordergrund stehen hier Schmerzen, Rötung u. Zahnfleischbluten.
Epulis
DefinitionEpulisHalbkugelige, benigne, bindegewebige Hyperplasie am Zahnfleischrand im Bereich eines o. mehrerer Zähne. Konsistenz weich bis derb-fibrös, Farbe dunkelrot bis blassrosa, häufig gestielt, prim. schmerzlos. Meist lange Anamnese (Mon. bis J.), Rezidivneigung.
ÄtiologieChron. lokale Reizfaktoren („Prothesenrandfibrom“); hormonell bedingt („Schwangerschaftsepulis“); idiopathisch.
DifferenzialdiagnoseMaligner Weichteiltumor; Abszess dentogenen Ursprungs.
Diagnostik und TherapieSorgfältige Anamnese (vor Kurzem Zahnschmerzen in der Region? Schaukelt Prothese?). Überweisung in Fachklinik zur operativen Entfernung u. histolog. Unters. Cave: Zahnarzt kann ambulant Diagnose nicht sichern!
Intraorale Exostose
Exostose, intraoraleDefinitionRelativ selten; meist bei älteren Menschen. Gutartige, harte, schmerzlose Vorwölbung, i. d. R. entlang Gaumensutur (Torus palatinus) o. an Unterkieferinnenfläche in der Region der Prämolaren (Torus mandibularis).
DifferenzialdiagnoseMaligne Tumoren des Kieferknochens (im fortgeschrittenen Stadium Schmerzen, Parästhesien).
TherapieFA-ÜW → Kieferchirurgie o. in Fachklinik zur differenzialdiagn. Abklärung.
Intraoraler Abszess
ÄtiologieIn Abszessintraoralerüber 90 % d. F. odontogen (apikale o. marginale Parodontitis, infizierte Zysten o. Wurzelreste); selten eitrige Sinusitiden, sek. infizierte Tumoren, entzündliche Speicheldrüsenerkr. o. Verletzungen.
Odontogene Abszesse breiten sich zunächst an der Wurzelspitze (klopfende Dauerzahnschmerzen ohne Schwellung der Weichteile) u. dann in knöcherner Umgebung des Zahns aus (zunehmende, nicht mehr genau zu lokalisierende Schmerzen, im Liegen schlimmer; evtl. Rötung der Schleimhaut). Ohne Ther. Durchbruch des entzündlichen Exsudats durch den Knochen u. Ansammlung unter dem Periost (starke, pulssynchrone Schmerzen, schmerzhafte Vorwölbung der Mundschleimhaut, perifokales Begleitödem, Körpertemperatur ↑ bis zu 40 °C). Bei Durchbruch in Weichteile: Abszedierung.
KlinikAnamnese über Stunden bis Tage. Nach Weichteildurchbruch oft nachlassender Schmerz; fluktuierende Schwellung mit perifokalem intra- u. extraoralem Begleitödem; evtl. Schluckbeschwerden u. Kieferklemme; bei Ausbreitung in benachbarte Logen Fieber, regionäre Lk-Schwellung u. reduzierter AZ mit Fieber 38–40 °C.
KomplikationenPhlegmonöse Ausbreitung in umliegende Weichteile u. Logen, Sepsis, Osteomyelitis des Kieferknochens, Fistelbildung.
DifferenzialdiagnoseEntzündungen u. Tumoren der Speicheldrüsen, Zyanose u. Schwellung der Mundschleimhaut durch venöse Abflussbehinderung (V. cava sup.) infolge von Tumoren (v. a. Bronchial-Ca, 12.8.2).
TherapieSofortige FA-ÜW/Klinikeinweisung → Kieferchirurgie o. HNO. Ggf. bei kleinen submukösen Abszessen orales Penicillin (z. B. Augmentin®, 3 × 1 Tbl./d). Bei ausgedehnten Abszessen mit extraoralen Schwellungen, eingeschränktem AZ u. Ausbreitungsgefahr Klinikeinweisung zur i. v. Antibiose. Wärme vermeiden; so weit wie möglich weiterhin gute Mundpflege, evtl. unterstützend mit Mundspüllsg., z. B. Chlorhexamed®, Meridol® med CHX 0,2 %.

Chronisch-eitrige Entzündungen im Mund- u. Kieferbereich (v. a. chron. apikale Parodontitis, oft lange unbemerkt) können Ausgangsherde für Fokalinf. sein. Krankheiten, die möglicherweise fokal bedingt sind (z. B. Endokarditis, Nephritis), erfordern gründliche Überprüfung (Kariesdiagn., Vitalitätsprobe, Rö) u. Sanierung aller erkrankten Zähne. Pat. mit bekannten fokalbedingten Vorerkr. müssen vor zahnärztl. Eingriffen antibiotisch abgedeckt werden.

Erkr. der Kopfspeicheldrüsen (23.8).
Plattenepithelkarzinom

TumorMundhöhleMundPlattenepithelkarzinomHäufigster Tumor der Mundhöhle (über 90 %); entsteht i. d. R. auf dem Boden einer präkanzerösen Leukoplakie (25.5.1).

ÄtiologieAlkohol, Tabak, chron. Candidiasis (25.5.1), immunolog. Veränderungen (Cofaktoren).
KlinikEntstehungszeit Mon. bis J. Erhebliche Variationen von Lokalisation, Aussehen, Ausdehnung des Tumors. Prädilektionsstellen: Mundboden, Unterkiefer-Alveolarfortsatz, Zunge, Unterlippe, Wangenschleimhaut. Meist derbe, zur Umgebung unscharf abgegrenzte Geschwulst, häufig mit fibrinösem Belag o. kraterförmigem Ulkus; im fortgeschrittenen Stadium Schmerzen, Neigung zu Spontanblutungen u. Superinf., evtl. Sensibilitätsstörungen; bei Übergreifen auf den Knochen Kaufunktion ↓ u. path. Zahnlockerungen.
Cave: Rasche Volumenzunahme einer länger bestehenden Geschwulst u. Sensibilitätsausfall: V. a. maligne Entartung!
DifferenzialdiagnoseAndere Knochen- u. Weichteiltumoren; traumatische Ulzera (z. B. Prothesendruckulzera); entzündliche Veränderungen. Cave: Nichtheilende Ulzerationen dürfen max. 2 Wo. kons. behandelt werden, bei verzögerter Abheilung V. a. Malignität.
TherapieNach sorgfältiger Anamnese u. Diagn. (Palpation, Unters. der regionären Hals-Lk) sofortige Klinikeinweisung, ggf. nach amb. Vorstellung in Fachklinik. Auf keinen Fall Probeexzision!

Grundsätzlich können alle mesenchymalen Tumoren im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich vorkommen. Wesentlich für die Verlaufsprognose der Erkr. ist die Früherkennung.

Extraorale Schwellungen

Abszess
DefinitionSchwellungextraoraleAusbreitung eiAbszessextraoralertriger Entzündungen in Logen u. Spatien des Gesichtsschädels.
KlinikRötung u. ödematöse Schwellung der Gesichtsweichteile. Je nach Ausdehnung u. Lokalisation reduzierter AZ, Temperatur ↑, regionäre Lk ↑. „Rüssellippe“, Lidödem u. starke Schmerzen beim Fossa-canina-Abszess. Kieferklemme u. nicht tastbarer Unterkieferrand bei perimandibulärem Abszess.
DifferenzialdiagnosePostop. Ödem; periorales angioneurotisches Quincke-Ödem als Folge einer allergischen Reaktion.
TherapieSofortige FA-ÜW, ggf. in Fachklinik. Cave: Bei Rötung u. Verhärtung des medialen Augenwinkels V. a. Thrombophlebitis der V. angularis!
Parotitis epidemica

Parotitis epidemicaSorgfältige Mundpflege empfehlen zur Vermeidung sek. aszendierender Entzündungen der übrigen Speicheldrüsen!

Naturheilkundliche TherapieempfehlungNaturheilverfahrenParotitis epidemicaPhytotherapie (23.3).
  • Homöopathie: Lymphdiaral® Basistropfen/Aktivtabletten (16.5.2, 11.5.1)

  • Lokale Umschläge: Lymphdiaral® DS Salbe. Ind.: akute/chron. Erkr. Lymphgefäß-, Lk-System, Lymphabfluss-/-Zirkulationsstörungen. KI: Grav., Stillzeit. Dos.: 1–3 ×/d aufbringen u. einreiben, jeweils 2–3 cm Salbenstrang zunächst im Lk- u. Lymphabflussbereich (Hals, Leiste), dann im Bereich der Beschwerden; Kinder 7–12 J. nicht mehr als ⅔ der Erw.-Dosis.

Schwellungen regionärer Halslymphknoten
(s. auch 23.1.7). In HalsLymphknotenschwellungerster Linie entzündlich bedingt.
ÄtiologieBakt. Inf. (Tonsillitis, Laryngopharyngitis, Scharlach, Pyodermien u. a.)/odontogen.
KlinikLk schmerzhaft, weich, nicht miteinander verbacken.
DifferenzialdiagnoseMetastasen von TumorenTumorKopf-Hals-Bereich im Kopf-Hals-Bereich (Plattenepithelkarzinome, maligne Melanome); prim. Lk-Tumoren. Bei malignen Tumoren o. Tumormetastasen: Indolente Lk-Verhärtung; oft mit dem Gewebe verbacken.
Naturheilkundliche TherapieempfehlungHomöopathie: Lymphomyosot® Tr., Lymphdiaral® Basistr./Aktivtabletten/DS Salbe (16.5.2).
Tumoren
  • Benigne/maligne Tumoren der Haut: häufigster epithelialer Tumor der Haut: Basaliom (65 %; 26.10.4)

  • Knochen- u. Weichteiltumoren: Grundsätzlich jede extraorale Auftreibung in Kopf-Hals-Region umgehend abklären, ggf. Überweisung in Fachklinik (HNO, Zahn-Mund-Kiefer). Anamnese: Entstehungszeitraum (schnelles Wachstum evtl. Hinweis auf Malignität)? Schmerzen? Sensibilitätsstörungen (Hinweis auf destruktiv wachsende Tumoren)? Andere Grunderkr. o. Tumoren (Metastasen)? DD: Abszesse, Lymphadenitis (23.7.2 u. 19.4)

Orale Blutungen

Orale Blutungen Orale BlutungBlutungoraleam häufigsten beim Zähneputzen (entzündetes Zahnfleisch) u. nach Zahnextraktionen; Ausmaß wird oft von Pat. überschätzt. Bei starken Blutungen unbekannter Ursache u./o. ohne Therapiemöglichkeiten sterilen Tupfer auf Blutungsquelle pressen u. ÜB → Zahnarzt, Oralchirurgie o. Einweisung Fachklinik.

Zahnfleischentzündungen

ZahnfleischentzündungParodontitisKlinikZahnfleischbluten beim Zähneputzen o. spontan; Zahnfleisch stark gerötet u. evtl. geschwollen; keine bis mäßige Schmerzen beim Putzen. Vorkommen auch chron.
ÄtiologieGrundlegende Ursachen sind die Plaqueakkumulation u. Konkremente bei mangelhafter Mundhygiene! Sek. aufgepfropfte Inf. bei hormonell bedingten Gingivahyperplasien (z. B. Schwangerschaftsgingivitis). Hämorrhagische Diathesen (19.1.3), Antikoagulanzien-Ther. (33.2.2), Missbrauch von ASS-Präparaten. Reduzierte Immunabwehr (AIDS, Tumoren, Diab. mell. u. a.). Symptom bei Vit.-C-Mangel (Skorbut).
KomplikationenAusbreitung der Entzündung auf den Zahnhalteapparat (Parodontitis) mit Abbau des Alveolarknochens u. den Spätsymptomen Zahnwanderungen u. -lockerungen.
TherapieDurch Zahnarzt: professionelle Zahnreinigung (supragingivale Zahnstein- u. Belagsentfernung), evtl. Parodontitisbehandlung (subgingivale Konkrement- u. Belagsentfernung) u. Mundpflegeanleitung.

Blutungen nach operativen Eingriffen

Frühblutung
DefinitionMehrere Stunden nach dem operativen Eingriff (meist nach ZahnextraktionBlutungnach Zahnextraktion) infolge einer reaktiven Hyperämie der Gefäße beim Nachlassen der LA. KO: Mundbodenhämatom (Verlegung der Atemwege, Infektionsgefahr).
TherapieBei starken Blutungen Puls u. RR überprüfen. Hämorrhagische Diathesen (19.1.3) u. Antikoagulanzien-Ther. (33.2.2) ausschließen. Sterile Kompresse mit Vaseline imprägnieren u. 20–30 Min. fest aufbeißen lassen. Steht die Blutung nicht, zum Zahnarzt schicken; bei schwerem Blutverlust Schockprophylaxe bzw. -behandlung (3.4.1) u. sofortige Klinikeinweisung in Fachklinik. Falls Zahnarzt nicht erreichbar, Annähern der Wundränder, Naht mit Fäden der Stärke 4.
Spätblutung
DefinitionEinige Tage nach dem operativen Eingriff als Folge eines infektiösen Zerfalls von Gefäßthromben.
TherapieDurch Zahnarzt. Ein dichter Wundverschluss ist kontraindiziert! Druckverband mit steriler Kompresse (s. o.), extraorale Kühlung.

Veränderungen der Mundschleimhaut

Grundsätzlich bei allen oralen Schleimhautveränderungen, bei denen V. a. eine PräkanzeroseMundschleimhautPräkanzerose, ein Carcinoma in situ o. ein invasives Ca besteht, umgehend Klinikeinweisung/FA-ÜW → HNO, Zahn-Mund-Kiefer-Chirurgie. Nicht mit kons. Therapieversuchen Zeit verlieren. Die Biopsie soll am Ort der späteren Weiterbehandlung erfolgen.
Bei oralen Effloreszenzen immer berücksichtigen, dass viele dermatolog. u. systemische Erkr. prim. o. nur in der Mundhöhle auftreten. Mehr als ⅓ der kutanen Paraneoplasien treten im Kopf-Hals-Bereich auf!
Tumorsyndrome mit oraler Manifestation
  • Peutz-Jeghers-Sy.: kleinflächigePeutz-Jeghers-Syndrom Haut- u. Schleimhautveränderungen (Erstsymptom!), Dünndarmpolypen

  • Gardner-Sy.: Gardner-Syndrommultiple Hauttumoren, Osteome der Gesichts- u. Kieferknochen, Zahnretentionen, multiple Kolonpolypen

  • Neurofibromatose: Neurofibromatosemultiple Neurofibrome u. hellbraune Pigmentierungen an Haut u. Schleimhäuten

Weiße Schleimhautveränderungen

Leukoplakie
Mundschleimhautweiße VeränderungenLeukoplakieHäufigste PräkanzeroseLeukoplakiePräkanzerose in der Mundhöhle (s. auch 23.3.4).
ÄtiologieCofaktoren Tabak, Alkohol, schlechte Mundhygiene, chron.-mechanische Irritationen, virusbedingte Schleimhautveränderungen, beruflich bedingte Schwermetallexposition. Auftreten verstärkt ab dem 40. Lj. M sind häufiger betroffen als F.
KlinikWeiße, nicht abwischbare (DD Candidamykose!) Flecken der Mundschleimhaut, v. a. an der Wangenschleimhaut u. am inneren Mundwinkel. Prognostisch ungünstig sind Lokalisationen am Zungenrand u. am Mundboden. Beträchtliche Variationen hinsichtlich Größe u. Oberflächenbeschaffenheit sowie der Tendenz zur malignen Entartung:
  • Planhomogene Leukoplakie (Leucoplacia simplex): gleichmäßig glatte, weißliche Fläche. Geringe Tendenz zu maligner Transformation; günstige Prognose

  • Nichthomogene Leukoplakie: unregelmäßig erhabene, verruköse o. noduläre Oberfläche, teilweise in Verbindung mit der ebenfalls präkanzerösen roten Erythroplakie. Histologie: Hyper- u. Parakeratosen; Dysplasien der Epithelzellen u. entzündliche Infiltrate in der Submukosa; Basalmembran im Gegensatz zum invasiven Ca intakt. Bei hochgradiger Dysplasie liegt ein intraepitheliales Ca (Carcinoma in situ; Sonderform: M. Bowen) vor, das innerhalb von 5 J. sicher zum invasiven Tumor entartet. Cave: Ca. 10 % der Leukoplakien sind (steigend mit dem Dysplasiegrad) mit Candida-Inf. (s. u.) assoziiert! Risikoindikator!

DifferenzialdiagnoseHyperkeratose durch mechanische Reizung (Morsicatio buccarum); Nikotinstomatitis (verhornte weißliche Papeln mit zentraler punktförmiger Rötung am Gaumen bei starken Rauchern); Lichen ruber planus (26.13); Lupus erythematodes (18.6.2); Candidamykose (26.6.5).
TherapieBeseitigung von Noxen u. Risikofaktoren anstreben. FA-ÜW → HNO o. Dermatologie o. in Fachklinik. Dort histolog. Beurteilung des Dysplasiegrades.
Candidamykose
Definition(Soor, s. auch 26.6.5). Pilzinf.Candida-MykoseMundschleimhaut der Mundschleimhaut durch Candida albicans.
ÄtiologiePrädisponierende Faktoren: schlechte Mundhygiene, lokale Reizfaktoren (Prothesen), Schleimhauterkr., Dentitio difficilis, Resistenzschwäche infolge systemischer Erkr. (AIDS, Diab. mell., Leukämien, Agranulozytose, Tbc, Ca), Begleitsympt. bei Bestrahlung u. Behandlung mit Zytostatika, Immunsuppressiva, Kortikosteroiden u. Antibiotika. Cave: chron. orale Soorinf. als Tumorsymptom!
KlinikWeißliche, leicht abwischbare Beläge (DD: Leukoplakie!) auf gerötetem Grund an Zunge, Gaumen u. Wangenschleimhaut; bei schlechter Abwehrlage Ausbreitung auf gesamte Mundschleimhaut u. Pharynx. Beim Abstreifen entstehen Blutungen u. Erosionen. Brennende Schmerzen u. Juckreiz. Bei Manifestation an den Mundwinkeln (Cheilitis Cheilitis angularisangularis, MundwinkelrhagadenMundwinkelrhagade, PerlèchePerlèche) rissige Mundwinkel mit gelblichen Krusten u. Schmerzen bei der Mundöffnung.
DifferenzialdiagnoseFibrinbeläge u. Plaque bei schlechter Mundhygiene u. geschwächter Abwehrlage; Plaques Plaques muqueusesmuqueuses bei Syphilis II (9.8.2); präkanzeröse Leukoplakie (s. o.).
TherapieNach Klärung der Ursache für den Pilzbefall: Mundspülungen mit Nystatin (z. B. Moronal®-Suspension 4–6 × 1 ml/d), Amphotericin B (z. B. Ampho-Moronal®-Suspension 4 × 1 ml/d) o. z. B. Daktar®-, Lederlind® Mundgel 4 ×/d.
Lichen planus (26.13).

Pigmentierte Mundschleimhautveränderungen

Melanose und Melanoplakie
DefinitionPigmentierung MelanoseMelanoplakieder Schleimhaut durch gestörte Melaninproduktion. Keine Präkanzerose! Mundschleimhautpigmentierte Veränderungen
ÄtiologieVererbt bei dunkelhäutigen Menschen; assoziiert mit M. Addison o. intestinaler Polypose (Peutz-Jeghers-Sy.: orale u. periorale Pigmentierungen).
KlinikFleckige o. diffuse, hell- bis tiefbraune Verfärbung im Vestibulum, an Wangenschleimhaut, Gaumen u. am Lippenrot.
DifferenzialdiagnoseExogene Pigmentierungen (s. u.); Nävus (26.10.2); malignes Melanom (26.10.3); Albright-Sy. (polyostotische fibröse Dysplasie mit Pigmentanomalien u. endokrinen Störungen); Zunge isoliert: schwarze Haarzunge (Hypertrophie u. Hyperkeratose der Papillae filiformes der Zunge mit bakt. Besiedelung).
TherapieFA-ÜW → Dermatologie/HNO o. in Fachklinik zur Diagnosesicherung schicken. Grunderkr. abklären.
Weitere Pigmentierung der Mundschleimhaut
  • Acanthosis Acanthosis nigricansnigricans (26.21.1) Mundschleimhautpigmentierte Veränderungen

  • Hämochromatose (8.7.2) Hämochromatose

  • Nävus (26.10.2)

  • Malignes Melanom (26.10.3)

  • Exogene Pigmentierung:

    • Amalgam- u. SilbertätowierungSilbertätowierung: relativ häufig durch zahnärztl. Ther. Klin.: blauschwarze punktförmige Verfärbungen am Zahnfleisch. DD ggü. endogenen Pigmentierungen röntgenolog. (Verschattung) o. histolog. Ther.: (25.9)

    • Chron. Intox. durch Blei, Quecksilber o. Wismut (s. auch 30.2.3): heute selten. Blaugrauer bis schwarzer Saum am Zahnfleischrand, seltener an Gaumen u. Zunge. Starker Speichelfluss; Metallgeschmack. Ther.: FA-ÜW → Dermatologie o. HNO o. in Fachklinik schicken. BK ausschließen.

Bläschenförmige Mundschleimhautveränderungen

Virale Erkrankungen
Herpes-simplex-Virus
Mundschleimhautbläschenförmige VeränderungenHerpes simplexMundschleimhautErstinf. verläuft klin. inapparent o. als schwere Allgemeinerkr. (meist im Kindesalter) mit Fieber u. Lk-Schwellung.
Phytother.: Melisse (Melissa officinalis), z. B. Lomaherpan® Creme. Dos.: 2–4 ×/d pro cm2 Hautfläche 1–2 mm bzw. 10–20 mg Creme auftragen.
Akute Gingivostomatitis herpeticaGingivostomatitis herpeticaMultiple schmerzhafte Bläschen der Mundschleimhaut, Mundgeruch, Blutungsneigung u. starker Speichelfluss.
Phytother.: Kamille (z. B. Kamillosan® Konzentrat), Salbei (z. B. Salviathymol® N Lsg.), 23.3.
Chron. rezid. Herpes labialis(26.4.1). Herpes labialisGruppiert stehende, schmerzhafte Bläschen auf gerötetem Grund an der Haut-Schleimhaut-Grenze der Lippen, Juckreiz, Brennen u. Spannungsgefühl; spontane Abheilung nach 8–10 d. Ther.: bei schweren Verlaufsformen der Erstinf. umgehend FA-ÜW → Dermatologie o. in Fachklinik schicken; bei Herpes labialis äußerlich Aciclovir (z. B. Aciclobeta®Creme).
Varicella-Zoster-Virus
VarizellenErstinf. Varicella-Zoster-Infektionals Varizellen (Windpocken, 16.7.4): Orales Enanthem geht oft den dermalen Erscheinungen voraus. An Gaumen, Zahnfleisch u. Lippen leicht platzende, nicht schmerzhafte Bläschen auf hochrotem Grund.
Herpes zosterHerpes zosterMundhöhleRezidivinf. als Herpes zoster (Gürtelrose, 9.4.2 u. 26.4.2). Paraneoplastisches Sy. bei malignen Lymphomen u. Leukosen.
Allergische Erkrankungen
Toxisches ArzneimittelexanthemToxisches ArzneimittelexanthemArzneimittelexanthemtoxischesAkute pustulöse Erkr. nach Medikamenteneinnahme. Klin.: intraoral große Blasen mit weiß-gelblichem Inhalt, Brennen u. Juckreiz. Beim Aufplatzen Bildung von blutigen Krusten u. Ulzerationen; Lupus-erythematodes-ähnliche Schleimhautveränderungen (DD Lupus erythematodes, 18.6.2). KO: Stevens-Johnson-Sy. mit reduziertem AZ u. Temperatur ↑; konzentrische Effloreszenzen. Letalität 1–10 %. Oft postherpetisch. Ther.: Sofort auslösendes Medikament absetzen. Bei schwerem Krankheitsbild Notfallmaßnahmen wie beim anaphylaktischen Schock: Adrenalin 0,25–1 mg i. v.; Glukokortikosteroide 100–500 mg i. v.; Antihistaminika, z. B. Tavegil® 2–4 mg i. v.; evtl. Intubation o. Koniotomie (3.4.3).
Quincke-ÖdemAkute Quincke-Ödemallergische Reaktion auf Medikamente (Penicillinderivate, Lokalanästhetika, Insulin): V. a. periorales Erythem, Ödem u. Urtikaria. KO: anaphylaktischer Schock, Erstickungsanfälle durch Larynxödem.
Pemphigus vulgaris
DefinitionBullös-Pemphigusvulgarisulzerierende Autoimmunerkr.
KlinikFast immer Befall der Mundschleimhaut. Dünnwandige Blasen mit wässrigem bis rötlich-gelbem Inhalt. Die Schleimhaut kann auch ohne vorherige Blasenbildung durch Reiben abgeschoben werden (charakteristisch!). Großflächige, fetzig begrenzte, schmerzhafte Ulzerationen nach dem Aufplatzen der Blasen. Mundgeruch u. vermehrter Speichelfluss.
TherapieFA-ÜW → Dermatologie, ggf. Klinikeinweisung; i. d. R. Glukokortikosteroide.

Ulzeröse und aphthöse Mundschleimhautveränderungen

Rezidivierende Aphthen
Häufigste nichtinfektiöse, entzündliche Mundschleimhauterkr. Mundschleimhautaphthöse VeränderungenAphthen, rezidivierende
KlinikSchmerzhafte, linsengroße Erosionen auf erhabenem hochrotem Grund mit gelblich-grauweißem Rand. Vorkommen solitär o. in Gruppen bis zu 6 Aphthen, v. a. an Lippen, Wangenschleimhaut u. Zunge (an nicht über Periost fixierter Schleimhaut). Spontane Abheilung innerhalb von 1–3 Wo. KO: M. Behçet (maligne Aphthose): generalisierte, manchmal letal endende Form in Verbindung mit genitalen Ulzerationen u. entzündlich destruierenden Augenveränderungen.
TherapieSymptomatisch. Lokal z. B. Dynexan® Mundgel (Lidocain). Bei V. a. M. Behçet FA-ÜW → Dermatologie.

Gut wirksam bei Mundschleimhautläsionen ist Sucralfat (z. B. Ulcogant® Suspension); Aphthe bzw. Ulkus damit betupfen; heilt i. d. R. in 1–2 d ab.

Naturheilkundliche Therapieempfehlung (Phytotherapie)Kamille (z. B. Kamillosan® Konzentrat), Salbei (z. B. Salviathymol® N Lsg.), Komb.: InfectoGingi® Mundgel; 23.3.1.
Ulkus
  • Traumatisches Ulkus: UlkusMundschleimhautMundschleimhautulzeröse Veränderungenmechanische Irritation durch psychisch bedingtes o. versehentliches wiederholtes Beißen in die Mundschleimhaut, durch Prothesendruckstellen, scharfe Kanten von Zähnen o. Zahnersatz u. Verletzungen mit der Zahnbürste. Ther.: Beseitigung der Ursache. Cave: Bei jedem nicht spontan abheilenden Ulkus besteht V. a. Tumorulkus!

  • Strahlenulkus: unregelmäßig begrenzte Ulzeration mit schmutzig-grauem Belag. Evtl. Superinf. mit Candida albicans. Oft vergesellschaftet mit Osteoradionekrose, Xerostomie u. multiplen Kariesläsionen.

Syphilis
(9.8.2). SyphilisMundschleimhaut
KlinikOrale Manifestationen: Primäraffekt mit schmerzlosen, harten Ulzera an Lippe o. Zungenspitze. Sekundärphase mit hochinfektiösen erhabenen Erosionen (Plaques muqueuses) u. Ulzerationen der Mundschleimhaut (Ausschlussdiagn.!). Spätsyphilis mit Gewebedestruktionen (Gaumenperforation, Vernarbung u. Schrumpfung der Zunge) durch Nekrosen mit elastischen Anteilen (Gummen).
DifferenzialdiagnoseAgranulozytose (19.1.5), Wegener-Granulomatose (18.6.5), ANUG (25.2.1), Leukämien (19.4), AIDS (9.9), Tbc (12.3.6).

Bisphosphonatinduzierte Knochennekrose

Knochennekrose, bisphosphonatinduzierteBisphosphonatinduzierte KnochennekroseAuslöser ist meist ein zahnärztl. o. kieferchir. Eingriff (Zahnextraktion!). Bei Pat. auftretend, die Bisphosphonate erhalten (bei Osteoporose o. Knochenmetastasen, insb. bei i. v. Verabreichung). Zunehmende Bedeutung; Nekrosen sind den Osteoradionekrosen nach Strahlenther. ähnlich.

Leitsymptom Zahnverfärbungen und Zahnanomalien

Orale Funktionsstörungen

Kiefergelenkbeschwerden

Kieferklemme
DefinitionEin- Kieferklemmeo. beidseitige Beeinträchtigung der Mundöffnung. Unterschiedliche Behinderungsgrade von leicht eingeschränkter Mundöffnung bis hin zur völligen Einschränkung der Mundöffnung.
ÄtiologieHäufige Ursache entzündlich-reflektorisch bei sog. Dentitio difficilis (Infiltrat u. Abszess, ausgehend von dem die Weisheitszähne umgebenden Weichgewebe), bei Mumps, Osteomyelitis, Spritzeninf., posttraumatischer Entzündung; Tetanusinf. (Frühsymptom; 9.2.3); Tumorfolge (v. a. Parotistumoren); Folge narbiger Veränderungen der Muskulatur (posttraumatisch, nach Radiatio); arthrogen: Arthritis, Funktionsstörung/kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)/Myoarthropathie.
TherapieI. d. R. durch Zahnarzt, Kieferchirurgen o. in Fachklinik.
Luxation der Kiefergelenke
LuxationKiefergelenkKiefergelenkLuxationDefinitionEin- o. beidseitiges Gleiten von Gelenkköpfchen u. Discus articularis über das Tuberculum articulare u. elastische Fixation bei der Mundöffnung. Oft rezid. Kann habituell werden.
ÄtiologieErstmalig nach extremer Mundöffnung (Gähnen, Biss in Brötchen o. Apfel, Zahnarztbesuch); bei Myoarthropathien o. CMD; bei Epilepsie; Tumoren des Kiefergelenks; psychogen; posttraumatisch.
KlinikDer Unterkiefer ist gesperrt u. einseitig o. symmetrisch (doppelseitige Luxation) nach vorn verschoben. Kein Lippenschluss möglich. Bei erstmaligem Auftreten äußerst schmerzhafte Verkrampfungen in der Wangen- u. Schläfenregion. Bei habituellen Formen geringe o. keine Schmerzen. Subluxation: Beim Mundschluss gleitet das Gelenkköpfchen von selbst mit terminalem Gelenkknacken zurück.
TherapieBeide Daumen auf untere Zahnreihe legen. Unterkiefer kräftig nach unten vorn drücken. Sobald der Unterkiefer dem Druck nachgibt, kräftig nach unten hinten drücken (Handgriff nach Hippokrates). Gelingt meist, sonst FA-ÜW → Kieferchirurgie, auch Chirother.
Funktionsabhängige Geräusche im Kiefergelenk
DefinitionKnack- u. Reibegeräusche bei Unterkieferbewegungen. KiefergelenkGeräusche
ÄtiologieArthrosen; Myoarthropathien o. CMD; Tumoren; Subluxation; Trauma, z. B. Kondylenkopffraktur.
TherapieDurch Zahnarzt, ggf. in Kooperation mit Physiotherapeuten, Kieferorthopäden u./o. Kieferchirurgen; nach Ausschluss von Tumoren u. ohne Beschwerden i. d. R. nicht erforderlich.
Funktionsschmerz, Myoarthropathie
SynonymeCMD, kraniomandibuläre DysfunktionKraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD). Myoarthropathie.
SchmerzenKiefergelenkMyoarthropathieKiefergelenkSchmerzenDefinitionFunktionelles Schmerzsy.
ÄtiologieGestörtes Zusammenspiel verschiedener Anteile des Kauapparats (Muskeln, Gelenke, Okklusion), psych. Kogenese, bei parafunktionellem Gebrauch des Kauapparats (Knirschen, Pressen).

Schmerzen bestehen oftmals auch, wenn der Unterkiefer nicht bewegt wird.

KlinikUnterschiedliche, oft diffuse Schmerzen in Ruhe u. Bewegung, oft generalisiert im Bereich einer o. beider Gesichts- o. Kopfhälften, Stirn, Orbita, Schläfe, Wange, Ohr, Mastoid, Nacken u. Schulter, oft als Zahn- o. Kieferschmerz angegeben, oftmals auch nur als Unwohlgefühl beschrieben; Zungen- o. Mundbrennen. DD: dentogener Schmerz, z. B. infolge Pulpitis, Spannungskopfschmerz, Migräne, Somatisierungsstörung.

Oftmals jahrelange Anamnese mit verschiedenen Aufbissbehelfen, Prothesen, Kronen o. Brücken, Psychopharmaka, Materialaustausch wg. angeblicher Unverträglichkeit o. angeblicher Intox., Extraktionen ohne Linderung, unergiebige psychosomatische Behandlungsansätze.

DiagnostikAusschluss von Tumoren, neurolog. u. psychiatrischen Erkr., odontogenen Entzündungen u. Traumata. Druckdolenz u. Verhärtung der Kaumuskulatur, bes. M. temporalis u. M. masseter; Druckdolenz der Kiefergelenke von lateral o. von dorsal (Finger in den äußeren Gehörgang) bei geschlossenem Mund u. sich schließendem Mund; Abweichung des Unterkiefers bei Mundöffnung (Deviation, Deflexion); Asymmetrie des Ausmaßes der Seitwärtsbewegung des Unterkiefers; Schmerzen beim Zusammenpressen der Zähne; Instabilität der Okklusion (Differenz der zahngeführten Kontaktposition u. der durch Muskeln u. Gelenke geführten Kontaktposition); Schmerzen bei den genannten Bewegungen; Gelenkgeräusche; Verlagerung der Gelenkscheibe(n) (Discus) bei Mundöffnung; flächige Abnutzungsmuster auf natürlichen u. künstlichen Zähnen (Schlifffacetten); Zungenimpressionen; abgenutzter Zahnersatz, neuer mangelhafter Zahnersatz mit unzureichender Abstützung (Infraokklusion).
Röntgenolog.: zahnärztl. Panoramaaufnahme, ggf. Asymmetrie der Kondylenkopfhöhe o. der Ramushöhe; ggf. exostotische Veränderungen der Kompakta im Bereich des Kieferwinkels; Erweiterung der Parodontalspalten.
Ausführliche Anamnese ist wichtig; oftmals sind nur einzelne Befunde erhebbar.
TherapieAufbissbehelf (AufbissschieneAufbissschiene) gem. den erhobenen Befunden; ggf. physikalische Maßnahmen, PT, pharmakol. Schmerzther., Stressbewältigung. Beschwerdelinderung sollte nach ca. 6 Wo. erreicht sein, andernfalls Reevaluation der Diagn. auf der Grundlage erneuter Befunderhebung u. ggf. Revision der Behandlungsmittel.

  • Beschwerdepersistenz trotz Aufbissschiene ist kein diagnostisches Ausschlusskriterium! Diskrepanz von Befund u. Befinden sollte nicht vorschnell eine psychosomatische Diagnose veranlassen.

  • Gefahr der Chronifizierung (Behandlungserfolg immer schwieriger, je länger Beschwerden bestehen).

Unterkieferdeviationen
DefinitionUnterkieferdeviationKiefergelenkDeviationEinseitige Abweichung des Unterkiefers während der Öffnungsbewegung des Unterkiefers mit Rückkehr in die Medianebene (Deviation) o. ohne Rückkehr zur Medianebene (Deflexion) bei max. Mundöffnung.
ÄtiologieMyoarthropathie/CMD, Arthritis (Abweichung zur gesunden Seite), Trauma (Abweichung zur betroffenen Seite), Tumor.
TherapieAbhängig von der Ursache: Facharzt, Klinik, Zahnarzt.

Alle Funktionsstörungen sollten überwiesen werden, um die Diagnose zu sichern u. den Behandlungsbedarf zu bestimmen.

Xerostomie

DefinitionFunktionsstörung der Speicheldrüsen mit abnormer Mundtrockenheit. Xerostomie
Ätiologie
  • SialadenoseSialadenose: medikamentös (Antidepressiva, Antihistaminika, Atropin); hormonell (Diab. mell., Hypothyreose); neurogen (Stress, endogene Depression); metab. (Mangelkrankheiten; Plummer-Vinson-Sy., 19.3), v. a. bei Eisenmangel (Zungenbrennen u. -rötung, Schleimhautatrophie u. -anämie, Dysphagie, Xerostomie u. Mundwinkelrhagaden). Cave: Plummer-Vinson-Plummer-Vinson-SyndromSy. ist eine PräkanzerosePlummer-Vinson-SyndromPräkanzerose!

  • Perniziöse Perniziöse AnämieAnämieperniziöseAnämie: Mundschleimhaut blassfahl; hochrote, scharf abgegrenzte Flecken am Zungenrücken (19.3.2)

  • Sialadenitis: Sialadenitisinfektiös (bakt. 23.8.1); radiogen; immunolog.: Sjögren-Sy. mit c. P. u. Conjunctivitis sicca; Sklerodermie; Heerfordt-Heerfordt-SyndromSy.: Genese unbek. Klin.: chron. Parotitis u. Dakryoadenitis, ggf. auch Iridozyklitis, Hirnnervenparesen. Auftreten insb. i. R. einer Sarkoidose. Typ. Symptomkonstellation: Fieber, Parotitis, Uveitis anterior, Fazialislähmung; Rückstau u. Abflussbehinderung

  • Wasser- u. E’lytstörungen: Exsikkose durch Diarrhö; Fieber; Polyurie; chron. Niereninsuff.

  • Malignes Malignes LymphomLymphommalignesLymphom (19.4.3)

TherapieBehandlung der Grunderkr.: symptomatisch.

Eingeschränkte Elimination von Mikroorganismen u. Speiseresten aus der Mundhöhle sowie mangelhafte Pufferung der Gärungssäuren u. ungenügende Remineralisation des Zahnschmelzes bewirken bei Xerostomie stark erhöhte Kariesaktivität (25.8.1) mit rascher Zerstörung des Gebisses. Bes. auf gründliche Mundhygiene u. systematische Fluoridierung (25.8.4) achten! Die Mundschleimhaut ist auch anfälliger für Pilzinf.

Speicheldiagnostik

SpeicheldiagnostikDie normale Speichelsekretionsrate beträgt mind. 1 ml/Min. Reduzierter Speichelfluss (Xerostomie bei 0,1 ml/Min.) o. reduzierte Pufferkapazität ergeben ein erhöhtes Kariesrisiko. Bei der Speicheldiagn. werden die Speichelsekretionsrate, die Pufferkapazität u. die kariesrelevante mikrobiolog. Zusammensetzung (v. a. Anteil an Streptococcus mutans u. Laktobazillen) untersucht.

Dysästhesien im Mund- u. Gesichtsbereich

DefinitionDysästhesieMund-/GesichtsbereichQualitative Sensibilitätsstörung.
Ätiologie
  • ZungenbrennenZungenbrennen: Lingua geographica (Erosionen der Zungenschleimhaut); „Mangelzunge“ (hochrote, lackartig glatte, firnisartige Zunge) bei Tumoren, Kachexie, Mangelerkr., Hep. u. Leberzirrhose; Lichen ruber planus (26.13); Diab. mell. (17.1); Tbc (12.3.6); psychosomatisch; hormonell (Menopause); Verbrennungen/Verätzungen; Syphilis im Tertiärstadium (9.8.2). Symptom einer Funktionsstörung

  • Hypästhesie/Anästhesie: am häufigsten an Unterlippe, Kinn u. Zunge (N. mandibularis): akute Osteomyelitis; alle destruierend wachsenden Knochen- u. Weichteiltumoren u. Fernmetastasen; Osteoradionekrose; neurogene Verletzungen nach Traumen u. operativen Eingriffen, z. B. Extraktion der unteren Weisheitszähne

  • Hyperästhesie: Herpes zoster (26.4.2); Trigeminusneuralgie (21.10.2); selten Neuralgien anderer Gesichtsnerven (N. glossopharyngeus, N. intermedius)

Mundhygiene und Prophylaxe

MundhygieneKariesProphylaxe Früher war die Karies mit einer Prävalenz von 99 % in der erwachsenen Bevölkerung die am weitesten verbreitete Zivilisationskrankheit in den Industrieländern.
Durch gezielte Prophylaxemaßnahmen (Mundhygiene, Ernährung u. Fluoridierung von Zahnpasten) konnte die Inzidenz von kariösen Läsionen in den letzten Jahren deutlich gesenkt werden.

Viele Prophylaxemaßnahmen (z. B. die Verabreichung von Fluoridtabletten bei Kindern o. das Putzen der Zähne unmittelbar nach einer Mahlzeit) können heute nicht mehr empfohlen werden, da durch falsch durchgeführte Prophylaxe Schäden gesetzt werden können. Cave: Fluorose o. Putzschäden.

Plaquebildung und Kariesentstehung

PlaquebildungKariesEntstehungSpeichel ermöglicht der bakt. Mischflora (ökolog. Gleichgewicht) nur ein begrenztes Wachstum. Vermehrte Substratzufuhr, v. a. in Form kurzkettiger KH (Zucker), fördert eine explosionsartige Vermehrung der kariogenen Bakterien Streptococcus mutans u. Lactobacillus.
Plaque ist festhaftender bakt. Zahnbelag, der sich mit Wasser nicht abspülen lässt. Die Plaquebildung beginnt mit der Bildung des exogenen Schmelzoberhäutchens (Pellicel). Dieses besteht aus hochpolymeren Zuckern u. Eiweißkörpern des Speichels. Auf diesem Schmelzoberhäutchen kommt es zur Haftung u. kolonienartigen Vermehrung der Bakterienstämme. Bei fehlender o. unzureichender Mundhygiene breitet sich der weißliche Zahnbelag großflächig aus u. wird dicker. Die in der mikrobiellen Flora der Plaque vorhandenen Bakterien sind säuretolerant u. teilweise in der Lage, durch Vergärung des Nahrungszuckers Säuren zu produzieren. Bei einem Säureanstieg auf pH 5,7–5,4 überwiegen die demineralisierenden Vorgänge am Zahn ggü. den remineralisierenden Einflüssen durch den Speichel: Der Zahnschmelz beginnt, zunächst reversibel, zu entkalken. Dominiert der Mineralverlust über längere Zeit, entstehen kreidig-weiße Flecken (white spots) als Vorstadien kariöser Läsionen. Durch sorgfältige Mundhygiene (25.8.2) u. Einschränkung des Zuckerkonsums sowie durch Fluoridanwendung (25.8.4) ist der Vorgang reversibel. Die Zeitspanne von der Initialkaries bis zum kariösen Defekt ist sehr unterschiedlich u. kann insb. bei Kindern mit noch unreifem Zahnschmelz extrem kurz sein (2–3 Mon.).

Das Kariesrisiko bei Kindern wird durch Übertragung von S. mutans durch Eltern o. Bezugspersonen erhöht. Übertragungswege sind z. B. vorheriges In-den-Mund-Nehmen des Schnullers o. der Trinkflasche, Essen vom selben Löffel o. Küssen. Eltern müssen auch bei sich selbst auf gute Mundpflege achten!

Erosionen (Säureschäden)

ZahnSäureschädenVerlust von Zahnhartsubstanz durch dir. Kontakt mit Säuren (Magensäure bei Bulimia nervosa o. Reflux, Softdrinks, Fruchtsäfte, stark säurehaltige Nahrungsmittel) ohne Beteiligung von Mikroorganismen. Verursachen erst im Spätstadium Probleme, wenn Dentin freiliegt (→ Schmerzen, Temperaturempfindlichkeit). Problematik durch heutige Ernährungsgewohnheiten stark zunehmend, kann bereits Jgl. betreffen.

Mundhygiene und Reinigung von Zahnersatz

Hilfsmittel und TechnikenZahnPutztechnikMundhygiene
  • Zahnbürste: Synthetisch hergestellte abgerundete Borsten empfehlen (Naturborsten quellen: Bakterienretention; Zahnfleischverletzungen durch nicht abgerundete Borsten). Borsten in weicher bis mittlerer Stärke verwenden, nach operativen Eingriffen o. Verletzungen in der Mundhöhle Zahnbürste mit weichen Borsten. Kurzkopfzahnbürsten (2–2,5 cm Länge u. 3–4 Borstenreihen Breite) für den Einsatz in beengten Bereichen (z. B. distale Fläche endständiger Molaren). Zahnbürsten erneuern, wenn sich die Borsten nach außen zu biegen beginnen, spätestens nach 3 Mon. Die elektrische Zahnbürste ist bes. bei mangelhafter Feinmotorik sinnvoll (Behinderte, Kinder). Zahnbürsten sind nicht ausreichend für die Reinigung der Zahnzwischenräume geeignet (s. Zahnseide).

  • Zahnpaste: Soll wirksamen Fluoridzusatz (25.8.4) enthalten, der pH-Wert soll im leicht sauren Bereich liegen (z. B. Elmex® pH 5,5, Meridol® pH 5). Für Kinder < 6. Lj. Fluoridgehalt 250–500 ppm empfehlen. Bei Verfärbungen der Zähne (25.6) keine stark abrasiven Zahnpasten o. Zahnpasten mit Aufheller benutzen. Pat. mit Abrasionen (z. B. Zahnhalsdefekte) können „niedrig abrasive“ Zahnpasten benutzen. Ursachenklärung, ggf. Entfernung von Belägen, Zahnstein u. Verfärbungen durch den Zahnarzt.

  • Zahnputztechnik: Es gibt mehrere anerkannte Putztechniken (vom Zahnarzt beraten lassen). Entscheidend ist, systematisch u. gründlich den Zahnfleischrand u. alle Zahnflächen „von rot nach weiß“ zu putzen, ohne die Zahnhartsubstanz zu schädigen, z. B. Vermeidung keilförmiger Defekte am Zahnhals durch Abrasionen von Schmelz u. Dentin. Auch elektrische Zahnbürsten müssen zusätzlich zur Eigenbewegung vom Zahnfleisch zu den Zähnen geführt werden. Nach Anwendung von fluoridierten Zahnpasten nur ausspucken, aber nicht spülen, um die Einwirkzeit des Fluorids zu verlängern. Um Putzschäden zu vermeiden, sollte man nicht unmittelbar nach dem Essen saurer Speisen die Zähne putzen, sondern mindestens 30, besser 60 Min. mit der Reinigung warten. Direkt nach dem Essen stattdessen nur den Mund ausspülen!

  • Munddusche: zusätzliches Hilfsmittel bei der Entfernung von losen Speiseresten u. zur Spülung von prothetischen Versorgungen u. kieferorthopädischen Apparaten. Nicht ausreichend zur Entfernung der festhaftenden Plaque. Bei Vorhandensein von Zahnfleischtaschen kann es bei Anwendung der Munddusche zu einer Bakteriämie kommen. In diesen Fällen ist von der Anwendung der Munddusche abzuraten.

  • Zahnseide: für die Reinigung der Interdentalräume. Ungewachste o. leicht gewachste Zahnseide empfehlen (fächert beim Gebrauch auf, dadurch größere Reinigungsfläche). Ca. 50 cm Zahnseide um die Mittelfinger wickeln, mit Daumen u. Zeigefingern den Mittelteil (ca. 2 cm) auf Spannung halten u. über den Kontaktpunkt zweier Zähne in den Zahnzwischenraum einführen. Mit Auf-und-ab-Bewegungen die Seitenflächen der Zähne reinigen. Durch Auf- u. Abwickeln in beiden Händen für jeden Zahnzwischenraum ein neues Stück Zahnseide verwenden. Für prothetische o. kieferorthopädische Versorgungen „Superfloss“-Zahnseide mit verstärktem Ende u. dickem Mittelteil verwenden. Zahnseide nicht mehrmals gebrauchen!

  • Interdentalbürstchen: Bei weit offenen Zahnzwischenräumen, z. B. nach parodontalchir. Eingriffen u. bei prothetischen Versorgungen, z. B. Brücken o. Stegen. Vor Gebrauch anfeuchten; ohne Zahnpaste die Zahnzwischenräume mit Hin-und-her-Bewegungen reinigen.

  • Zahnpflegekaugummi: Wirkung nicht in Langzeitstudien bewiesen; auf jeden Fall Alkalisierung u. bessere Spülung des Mundraums durch vermehrte Speichelbildung.

  • Mundspüllösungen: Wirksam sind entzündungs- u. plaquehemmende Lsg. auf Chlorhexidindigluconat- (z. B. Chlorhexamed-Fluid®) o. auf Hexetidin-Basis (z. B. Hexoral®) bei einer Anwendung bis zu 3 Wo. Cave: Verfärbungen, Geschmacksalterationen. Zur Unterstützung der Mundpflege bei stark entzündlichen Zahnfleischveränderungen u. bei eingeschränkter Mundhygienefähigkeit (z. B. nach OP). Empfehlenswert mit zusätzlichem Fluoridanteil (25.8.4). Wenn keine Zahnbürste zur Verfügung steht, zumindest gründlich den Mund mit Wasser spülen (schützt nicht vor Plaque).

Die frühere Empfehlung des Zähneputzens nach jeder Mahlzeit ist heute abzulehnen, da es zu massiven Putzschäden kommen kann.

Die heutige Empfehlung ist bei Kindern 2 ×/d (vor dem Frühstück u. vor dem Zubettgehen), bei Erw. mit geringem Kariesrisiko sollte die Plaqueentfernung 1 ×/d u. bei Erw. mit höherem Kariesrisiko 2 ×/d (wie bei Kindern) durchgeführt werden. Zur Selbstkontrolle der Zahnpflege erythrosinhaltige Plaquefärbetabletten (z. B. Curasept® PCA 223 Plaque-Färbetabletten) empfehlen.
Viele Zahnarztpraxen bieten „Individualprophylaxe-Programme“ mit speziell geschultem Personal an, d. h. gezielte individuelle Anleitung u. Motivation zur Mundpflege. Sie sind keine Leistung der GKV. Regelmäßige zahnärztl. Vorsorge erhöht bei entsprechendem Nachweis die Festzuschüsse zum Zahnersatz.
Reinigung und Handhabung von herausnehmbarem Zahnersatz
  • Reinigung: ZahnersatzReinigungZahnersatz nach jeder Mahlzeit unter fließendem Wasser über einem mit Wasser gefüllten Handwaschbecken (sonst Bruchgefahr beim Herunterfallen) gründlich mit Zahnbürste u. Zahnpaste o. Seife reinigen. Reinigungstabletten nur ergänzend anwenden. Bei Ablagerung mineralisierter (harter) Beläge auf dem Zahnersatz: Reinigung mit Ultraschallgeräten durch den Zahnarzt. Nach jeder Mahlzeit zusätzlich Reinigung des Munds durch Spülen mit Wasser. Wenn die Prothese nicht getragen wird, in einem Glas mit Wasser aufbewahren.

  • Druckstellen: oft einige Tage nach Neueingliederung. Sofort zum Zahnarzt schicken; Zahnersatz bis dahin tragen lassen (durch die Rötung der Schleimhaut an den Druckstellen kann der Zahnarzt die störenden Stellen am Zahnersatz gezielt beseitigen).

  • Zahnersatz passt nicht mehr: Oft durch altersbedingte Knochenatrophie. Prothesenhaftmittel nicht o. nur als kurzzeitige Notlösung anwenden. Unterfütterung der Prothese durch Zahnarzt

Fissurenversiegelung

FissurVersiegelung (Zahn)Prophylaktische Maßnahme bei schwer zu reinigenden tiefen Fissuren von Risikopat. zur Vermeidung von Fissurenkaries. Dabei werden die Fissuren der Molaren u. teilweise der Prämolaren mit einem Kunststoffversiegler aufgefüllt u. bieten somit keine Retentionsstellen mehr für Bakterien u. Plaque. Bei Risikopat. sollte die Versiegelung der Zähne möglichst bald nach ihrem Durchbruch stattfinden. Die Retention des Versiegelungsmaterials wird durch die fissurennahe Anätzung des Schmelzes mit 35-proz. Phosphorsäure erreicht.
Die GKV übernimmt die Kosten für die Fissurenversiegelung am 1. u. 2. bleibenden Molar zwischen dem 6. u. 18. Lj. (in Österreich bis 20. Lj.).

Fluoridierung

FluoridierungIm physiolog. Zustand steht der Verlust an Kalziumhydroxylapatit bei der Demineralisation durch Säuren im dynamischen Gleichgewicht mit der Remineralisation durch Ionen aus dem Speichel. Fluoride beschleunigen die Remineralisation u. erhöhen die Stabilität des Kristallgefüges im Schmelz, indem sie die Hydroxylgruppe des Apatits ersetzen. Das so entstehende Fluorhydroxylapatit ist wesentlich säureresistenter. Fluoride haben zudem eine stoffwechselhemmende Wirkung auf die Bakterien im Zahnbelag.
Systemische Fluoridanwendung
  • Tablettenfluoridierung: Von der systemischen Fluoridverabreichung bei Kindern wird heute abgeraten, sobald sie in der Lage sind, 2 ×/d die Zähne mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta zu putzen (16.3.8), da die systemische Wirkung auf die Kariesreduktion unbedeutend ist, es auf der anderen Seite aber bei Überdosierung leicht zur Fluorose des Zahnschmelzes kommen kann.

  • Trinkwasserfluoridierung: Zur Kariesverhütung muss der Fluoridgehalt des Trinkwassers zwischen 0,7 u. 1,2 ppm liegen. Die Anreicherung des Trinkwassers mit Fluorid ist kostengünstig u. effektiv, im Hinblick auf andere schädigende Auswirkungen jedoch umstritten u. deshalb in D nicht eingeführt. Ethischer Terminus: „Zwangsmedikation“.

  • Speisesalzfluoridierung: individuell einsetzbar u. noch kostengünstiger, jedoch zur alleinigen Kariesprophylaxe nicht ausreichend.

Lokale Fluoridanwendung
  • Fluoridzahnpasten: Die in Zahnpasten am häufigsten vorkommenden Fluoridverbindungen sind Natriummonofluorphosphat, Aminfluoride sowie – am wirksamsten – Komb. von Na-Fluorid u. Amin-/Zinnfluorid in einer Konz. von 0,1–0,15 % u. bei Kinderzahnpasten von 0,025–0,05 % (250–500 ppm, Gefahr durch Verschlucken, s. u.!).

  • Mundspüllösungen: Die Konz. der Fluoridverbindungen beträgt meist 0,2 %. Eine Komb. aus Aminfluorid u. Zinnfluorid (z. B. Meridol®) wirkt kariesprophylaktisch u. entzündungshemmend.

  • Fluoridhaltige Lacke u. Gele: enthalten 10- bis 25-mal höhere Fluoridkonz. als Zahnpasten. Bei den Gelen genügt 1 Anwendung pro Wo. (z. B. Elmex® Gelee). Die höher konzentrierten Lacke werden nur indikationsbedingt u. lokal dosiert in der zahnärztl. Praxis eingesetzt.

Bei Überdosierung von Fluorid (z. B. dauerndes Verschlucken des Gels bei Kindern o. > 3–5 mg/d) kann es zur Dentalfluorose (25.6) o. auch zu Vergiftungen mit Nierenschädigung kommen.

Amalgamproblematik

Amalgam(intoxikation)S. auch 30.2.3. Amalgam besteht aus Quecksilber u. der Feilung einer Legierung im Verhältnis 1 : 1. Die Legierung besteht aus ca. 65 % Silber, 17 % Zinn, 8–13 % Kupfer sowie Zink u. Quecksilber. Durch Entwicklung der Gamma-2-freien Silberamalgame (die Gamma-2-Phase ist eine leicht korrodierende Quecksilber-Zinn-Verbindung) wurden ein verbesserter Randschluss der Füllungen, höhere mechanische Werte u. eine höhere Korrosionsbeständigkeit des Amalgams erreicht.
Verwendung von Amalgam als Füllungsmaterial ist heute trotz guter mechanischer Eigenschaften umstritten. Aufgrund des hohen Quecksilbergehalts steht Amalgam im Verdacht, Vergiftungserscheinungen auslösen zu können. Allergische Reaktionen sind sicher nachgewiesen, jedoch sehr selten. Problematisch sind die unzähligen, z. T. widersprüchlichen wissenschaftlichen Unters. zur Toxizität von Amalgam. Gemäß BFArM-Anordnung vom 1.7.1995 darf Amalgam nicht eingesetzt werden:
  • Bei nachgewiesener Amalgamallergie

  • Bei schweren Nierenfunktionsstörungen

  • In der Grav. u. Stillzeit

  • Bei Kindern < 6 J.

Amalgam empfiehlt sich zudem nicht:
  • für retrograde Wurzelfüllungen (Amalgamapplikation an der Wurzelspitze zum bakteriendichten Verschluss des Wurzelkanals nach Wurzelspitzenresektionen),

  • außerhalb des kaudrucktragenden Seitenzahnbereichs,

  • als Material für Stumpfaufbauten unter Kronen o. Inlays,

  • bei okklusalem o. approximalem Kontakt mit vorhandenem gegossenem Zahnersatz.

Alternativen zum Amalgam im kaudrucktragenden Seitenzahnbereich sind Einlagefüllungen (Inlays) aus Goldlegierungen o. aus Keramik. Sie sind jedoch wesentlich teurer als entsprechende Versorgungen aus plastischen Füllungsmaterialien u. werden nur bei nachgewiesener Amalgamallergie von den gesetzlichen KK bezuschusst.
Obwohl die Entwicklung druck- u. abriebfester Kunststoffe fortschreitet, sind mehrflächige Kunststofffüllungen im kaudrucktragenden Seitenzahnbereich nur unter strenger Indikationsstellung angebracht. Das korrekte Legen der Füllungen erfordert große Sorgfalt u. hohen zeitlichen Aufwand. Durch die Polymerisationsschrumpfung beim Aushärten bilden sich bei nicht korrekter Arbeitsweise leicht Spalten an den Füllungsrändern, die zu Sekundärkaries führen können.

Ästhetik u. Geroprothetik

ZahnersatzMaßnahmen reichen vom festsitzenden (Inlays, Onlays, Kronen, Brücken) bis zum abnehmbaren (Teilprothese, Totalprothese) Zahnersatz. Konventionelle Behandlungskonzepte der Prothetik zum Ersatz verloren gegangener Zähne erfahren derzeit durch die Möglichkeiten mithilfe von Implantaten (künstliche Zahnwurzel aus Titan) einen deutlichen Wandel. Während früher die Verbesserung der Funktion im Vordergrund der prothetischen Maßnahmen stand, werden heute ästhetische Verbesserungen (Bleichen, Veneers, Vollkeramikrestaurationen) immer wichtiger.

Bleichen von Zähnen (Bleaching)

ZahnBleachingImmer mehr Menschen wünschen sich hellere Zähne. Diesem Wunsch der Pat. wird durch Bleaching nachgekommen.
Ursachen von VerfärbungenViele Zähne weisen Verfärbungen auf. Man unterscheidet externe Verfärbungen durch Nikotin o. bestimmte Getränke (Kaffee, Tee, Rotwein u. a.), interne Verfärbungen (z. B. nach Zahntrauma o. nach einer Wurzelbehandlung), genetisch bedingte sowie durch Medikamente (Tetrazykline) hervorgerufene Verfärbungen. Die Zähne werden außerdem im Laufe des Lebens dunkler.
Die externen Verfärbungen werden bei der professionellen Mundhygiene entfernt, die restlichen können durch Bleaching beseitigt werden.
Vor u. nach dem Bleaching
  • Professionelle Mundhygiene sowie Sanierung des Gebisses vor dem Bleaching

  • Austausch von Füllungen frühestens 4 Wo. nach Abschluss des Bleachings

Produkte für das BleachingWasserstoffperoxidverbindungen in unterschiedlichen Konz. (10–35 %), meist als Gel (Tab. 25.3). Wenn Zähne nachgedunkelt sind, kann das Bleichen wiederholt werden.
NebenwirkungenHypersensibilitäten, Schleimhautreizungen sowie vorübergehende Demineralisation der Schmelzoberfläche.

Je höher die H2O2-Konz., umso aggressiver die Technik, v. a. wenn zusätzliche Energiequellen (Licht o. Hitze) die Wirkung verstärken sollen.

Vollkeramikrestaurationen

Pat. wünschen vermehrt metallfreie Vollkeramikrestaurationenu. ästhetisch sehr ansprechende Restaurationen. Diese Erwartungen können durch Restaurationen aus Vollkeramik erfüllt werden. Sehr gute Langzeitergebnisse bei Versorgungen der Frontzähne mit Keramikschalen (Veneers) Veneerso. Einzelkronen. Vollkeramikrestaurationen sind auch im Seitzahnbereich o. als Brückenversorgung möglich, dort ist jedoch im Vergleich zu klassischen keramikverblendeten Metallgerüsten mit höheren Misserfolgsraten (insb. Abplatzungen, „Chipping“) zu rechnen. Je nach Festigkeit des verwendeten Materials gibt es auch unterschiedliche Befestigungsmöglichkeiten (adhäsiv o. mit konventionellen Zementen). Klin. Vorgehen u. technische Herstellung bei Vollkeramikrestaurationen aufwendig u. teuer.

Implantate zum Ersatz fehlender Zähne sowie zur Verankerung von herausnehmbarem Zahnersatz

Möglichkeiten der ZahnImplantatImplantat (Zahn)implantatgestützten Versorgung haben traditionelle prothetische Behandlungskonzepte entscheidend verändert.
Vor ca. 30 J. wurden Implantate zunächst nur als Verankerungselement für schlecht sitzende Totalprothesen im Unterkiefer verwendet; in den folgenden Jahrzehnten entscheidende Erweiterung der ther. Möglichkeiten. Durch neue kieferchir. OP-Methoden können die Implantate heute meist so platziert werden, dass sie nicht nur funktionellen, sondern auch ästhetischen Erwartungen genügen. Dazu bedarf es einer engen Zusammenarbeit von Zahnarzt, Zahntechniker u. Kieferchirurg. Ausgehend vom gewünschten prothetischen Ergebnis werden Zahl u. Position der Implantate festgelegt u. diese Information dem Kieferchirurgen mittels Bohrschablonen übermittelt.
Die Implantate (künstliche Zahnwurzeln) sind meist aus Titan u. haben die Form von Schrauben, um eine höhere Primärstabilität zu gewährleisten. Durch neue Oberflächen an den Implantaten, die einen schnelleren Implantat-Knochen-Verbund erzielen, ist die Einheilzeit im einfachen Fall auf ca. 6 Wo. verkürzt.
I. Allg. beginnt man nach der Einheilzeit mit der prothetischen Versorgung. Jedes Implantatsystem (hunderte verschiedene Systeme am Markt) ist nur mit seinen spez. Teilen (Abformpfosten, Kronenaufbauten usw.) verwendbar. Auf gute Mundhygiene muss bes. geachtet werden.
Sehr gute Prognose der implantatgestützten Versorgungen (nach 5 J. Erfolg > 90–95 %). Erhöhung Misserfolgsrate der durch z. B. Rauchen, Knochenerkr., Diab. u. gewohnheitsmäßiges Zähneknirschen möglich.
Verlust der Implantate meist durch Periimplantitis (ähnlicher Verlauf wie bei Parodontitis, Knochenabbau, aber schneller u. stärker). Periimplantitisbehandlungen sind aufwendig u. nur selten langfristig erfolgreich.
Ist ein Implantat nicht eingeheilt o. aus unterschiedlichen Gründen verloren gegangen, kann i. Allg. nach einer gewissen Zeit wieder implantiert werden.

Geroprothetik

GeroprothetikDie Menschen werden immer älter, doch trotz besserer Zahnprophylaxe bleibt der Zahnverlust fast gleich, auch wenn er für das jeweilige Individuum erst im höheren Lebensalter erfolgt.
Die Geroprothetik strebt die lebenslange Sicherung des oralen Komforts mit angemessenen Behandlungsmaßnahmen an. Sie hat viele Facetten u. reicht vom anspruchsvollen älteren Pat., dem das jugendliche Erscheinungsbild immer wichtiger wird, über den Senior, der mit dem neuen Zahnersatz v. a. eine funktionelle Verbesserung erwartet, bis hin zum chron. kranken u. pflegebedürftigen Pat.
Um den älteren Pat. entsprechend versorgen zu können, bedarf es eines breiten zahnärztl. Therapiespektrums von der Prophylaxe über konservierende, sanierende Maßnahmen, oral-chir. implantolog. Eingriffe bis zu diversen prothetischen Maßnahmen.

Für den Langzeiterfolg jeder Maßnahme ist entscheidend, inwieweit Pat., Pflegepersonal o. Angehörige motiviert o. imstande sind, eine ausreichende Mundhygiene (25.8.2) zu betreiben. Hier öffnet sich dem HA, v. a. in Heimen, ein weites Beratungsfeld.

Doch auch der vollständig zahnlose Pat. ist nach wie vor Realität. In der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen sind ca. 25 % ZahnTotalprotheseTotalprothesenträger, u. je älter die Bevölkerung wird, umso mehr Zahnlose gibt es.
Dies hat große Auswirkungen auf die Fähigkeit, neuen Zahnersatz zu inkorporieren, denn je älter jemand ist, umso geringer ist seine Adaptationskapazität. Daher ist es bei sehr alten Pat. häufig erfolgversprechender, den vorhandenen Zahnersatz durch Unterfütterung u. Einschleifen der Okklusion zu verbessern, als neuen Zahnersatz herzustellen, an den sich der alte Pat. gar nicht mehr gewöhnen kann.

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