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B978-3-437-24950-1.00041-X

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978-3-437-24950-1

Allergische Gastroenteropathie

S.C. Bischoff

  • 41.1

    Vorbemerkungen330

  • 41.2

    Diagnostik330

  • 41.3

    Therapie331

Kernaussagen

  • Gastroenteropathie, allergischeNahrungsmittelallergienNahrungsmittelallergie beruhen auf immunologisch vermittelten, abnormalen entzündlichen Reaktionen auf Nahrungsmittelproteine.

  • Die Diagnose gründet sich auf den Ausschluss anderer Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik. Messung des IgE-Spiegels und Hauttests besitzen einen niedrigen positiven, aber einen hohen negativen Vorhersagewert, positive Ergebnisse müssen durch weitere Untersuchungen bestätigt werden. Goldstandard ist die Provokationstestung mit verdächtigen Nahrungsmitteln oral oder intestinal.

  • Für Kinder aus allergisch belasteten Familien mit hohem Atopierisiko wird eine Primärprävention (möglichst lange Stillperiode bzw. hydrolysierte Trinknahrung, evtl. Probiotika für Mutter und Kind) empfohlen.

  • Eine medikamentöse Therapie ist indiziert, wenn das auslösende Allergen nicht bzw. nicht vollständig identifiziert oder eliminiert werden kann und ein relevanter Schweregrad der Erkrankung vorliegt.

Vorbemerkungen

Nahrungsmittelallergien, zu denen die allergische Gastroenteropathie i.d.R. gerechnet wird, sind definiert als Erkrankungen, die durch immunologisch vermittelte, abnormale entzündliche Reaktionen auf Nahrungsmittelproteine zustande kommen. Sie müssen von nicht immunologisch vermittelten Unverträglichkeiten (z.B. Enzymdefekte wie Laktoseintoleranz, aber auch sogenannte „Pseudoallergien“, d.h. nahrungsmittelabhängige, jedoch nicht durch Immunglobuline vermittelte Mastzellreaktionen etc.) abgegrenzt werden. Die beteiligten immunologischen Mechanismen (IgE- oder IgG-vermittelte Reaktionen, zelluläre Reaktionen etc.) sind oft unklar. Eine Störung der gastrointestinalen Barriere wird als wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie diskutiert.
Nahrungsmittelallergien betreffen Kinder und Erwachsene gleichermaßen (Prävalenz 3–6%), bei Erwachsenen sind Frauen häufiger betroffen als Männer (6,4 vs. 2,9%).
Sie können sich an unterschiedlichen Abschnitten des Gastrointestinaltrakts (Mund-Rachen-Bereich, Ösophagus, Magen, Dünndarm, Dickdarm) sowie außerhalb des Gastrointestinaltrakts (Haut, Nase, Lunge u.a.) manifestieren. Dementsprechend sind die charakteristischen SymptomeGastroenteropathie, allergischeSymptome vielfältig und variabel.
  • Während das „orale Allergiesyndrom“, das sind Reaktionen im Mund-Rachen-Bereich, vorwiegend durch Nahrungsmittelallergene induziert werden, die mit Inhalationsallergenen kreuzreagieren (z.B. Kern- und Steinobstsorten), kommen als Auslöser intestinaler Beschwerden nahezu alle Nahrungsmittel, insbesondere Milcheiweiß, Ei, Getreide, Gewürze sowie Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, in Betracht. Vielfach lassen sich die auslösenden Allergene nicht zweifelsfrei oder nicht vollständig eruieren.

  • Besondere Manifestationsformen der allergischen Gastroenteropathie sind die eosinophile ÖsophagitisÖsophagitiseosinophile und die eosinophile GastritisGastritis, eosinophile bzw. EnterokolitisEnterokolitiseosinophile (meistens im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter), zwei Krankheitsbilder, die auch allergieunabhängig auftreten können.

Bei vorwiegend gastrointestinalem Befall müssen Nahrungsmittelintoleranzen und andere organische Erkrankungen (Infektionen u.a. entzündliche Prozesse, Tumoren etc.) sowie funktionelle Erkrankungen (Reizdarmsyndrom) abgegrenzt werden.

Diagnostik

Gastroenteropathie, allergischeDiagnostikDie Diagnose „allergische Gastroenteropathie“ gründet sich auf den Ausschluss anderer Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik (entzündliche, funktionelle und maligne Erkrankungen) sowie auf eine sorgfältige Anamnese, die alle weiteren diagnostischen Schritte beeinflusst. Dazu müssen gezielte Fragen gestellt werden, um die häufig vom Patienten geäußerte Vorstellung einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu hinterfragen oder zu spezifizieren, um die möglicherweise auslösenden Allergene zu identifizieren und um das genetische Risiko einer Nahrungsmittelallergie zu eruieren.
Die In-vitro-Diagnostik umfasst Laborbestimmungen (Messung von IgE, spezifischem IgE und Entzündungsmediatoren) und wird durch Hauttests (klassischer Prick-Test mit Allergenextrakten, oder „Prick-zu-Prick“-Test mit nativen Allergenen, oder Atopie-Patch-Test) ergänzt.
  • !

    Der positive Vorhersagewert von Hauttests und spezifischem IgE (früher auch RAST genannt) im Falle von allergischer Gastroenteropathie ist gering, der negative Vorhersagewert dagegen relativ hoch, d.h. ein negativer Test macht die Allergie eher unwahrscheinlich, während ein positiver Test die Diagnose allenfalls vermuten lässt.

  • !

    Die In-vitro-Diagnostik kann außer mit Nahrungsmittelextrakten auch mit rekombinanten Allergen durchgeführt werden. Dadurch werden eine genauere Risikoeinschätzung und eine individuellere Hyposensibilisierung ermöglicht.

Die In-vivo-Provokation mit verdächtigen Allergenen am Schockorgan unter kontrollierten Bedingungen gilt als Goldstandard zur Absicherung der Verdachtsdiagnose einer Nahrungsmittelallergie, da diese mittels Labortests oft nicht eindeutig nachweisbar ist. Die Provokation kann oral (in Form verblindeter Testmahlzeiten, engl. Double-blind Placebo-controlled Food Challenge, DBPCFC) oder intestinal (im Rahmen einer Spiegelung: koloskopische Allergenprovokation, COLAP) erfolgen.

Therapie

Prävention
Gastroenteropathie, allergischeTherapieGastroenteropathie, allergischePräventionPrimärprävention wird bei Kindern aus allergisch belasteten Familien mit hohem Atopierisiko empfohlen.
  • Dazu gehört eine möglichst lange Stillperiode (mind. 6, besser 12 Mon.),

  • der Einsatz von hydrolysierter Trinknahrung (wenn nicht gestillt werden kann), aber nicht das Meiden bzw. das stufenweise Einführen von sogenannten Risikonahrungsmitteln.

  • Die frühere Empfehlung, Risikonahrungsmittel wie Nüsse, Ei etc. im 1. Lj. bei Risikokindern zu meiden, wurde aufgrund neuer Studienergebnisse aufgehoben.

  • Ein neuer primärpräventiver Ansatz ist die Modulation der bakteriellen Darm-Mikrobiota mittels Probiotika wie Laktobazillus GG, das beginnend 1–2 Mon. vor der Geburt bis ca. 6 Mon. nach der Geburt der Mutter (wenn diese stillt) oder dem Baby verabreicht werden soll.

Sekundärprävention kann mittels Hyposensibilisierung (s.c. oder p.o.) versucht werden, wobei diese Verfahren für die allergische Gastroenteropathie nicht gut etabliert sind.
Allgemeinmaßnahmen/Ernährung

Als Faustregel gilt

Gastroenteropathie, allergischeErnährungErstes therapeutisches Ziel bei der Behandlung von nachgewiesenen Nahrungsmittelallergien ist die Elimination der auslösenden Allergene, sofern diese ermittelt werden konnten.

Eine Betreuung der Nahrungsmittelallergiker durch erfahrene Diätassistenten ist nötig, um
  • eine ausreichende Compliance zu erreichen,

  • den Ernährungsplan hinsichtlich Kalorien und Zufuhr von Substraten, Elektrolyten, Vitaminen und Spurenelementen zu überprüfen und

  • um mögliche Kreuzreaktionen zwischen Nahrungsmitteln und Inhalationsallergenen zu berücksichtigen.

Medikamentöse Therapie

Als Faustregel gilt

Gastroenteropathie, allergischeTherapie, medikamentöseDie medikamentöse Therapie ist indiziert, wenn das auslösende Allergen nicht bzw. nicht vollständig identifiziert oder eliminiert werden kann und ein relevanter Schweregrad der Erkrankung vorliegt.

Medikamentöse Therapie und Eliminationsdiät schließen sich aber keineswegs aus, da auch eine partielle Elimination von wenigen „Hauptallergenen“ zu einer wesentlichen Einsparung von Medikamenten führen kann. Allerdings fehlen kontrollierte Studien an großen Patientenzahlen, die die Wirksamkeit einzelner Präparate für die Behandlung gastrointestinaler Allergien eindeutig belegen.
Cromoglicinsäure zur oralen Anwendung (Colimmune®, Pentatop®)
  • Wirkungsweise (soweit bekannt): CromoglicinsäureCromoglicinsäureGastroenteropathie, allergischeCromoglicinsäure moduliert Zellmembranen, sodass die Degranulation von Zellen inhibiert wird. Weitere Mechanismen sind die Regulation von B-Zellen sowie die Aktivierung von nicht allergischen Entzündungszellen wie Neutrophilen, Eosinophilen und Monozyten.

  • Dosierung: 3 × 200 mg (vor den Mahlzeiten).

  • Nebenwirkungen: nicht bekannt.

Cromoglicinsäure ist möglicherweise prophylaktisch wirksam, bewährt sich vor allen Dingen bei milderen Formen der Nahrungsmittelallergie und bietet sich in Kombination mit einer Eliminationsdiät an.
  • !

    Allerdings bleibt die gewünschte Wirkung bei etwa der Hälfte der Patienten aus bislang unbekannten Gründen aus.

Budesonid (Budenofalk®, Entocort®)
  • BudesonidGastroenteropathie, allergischeBudesonidWirkungsweise: multiple antiinflammatorische Wirkung

  • Dosierung: 3–9 mg/d

  • Nebenwirkungen:

    • Blockade der Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse

    • Cushing-Syndrom

    • Osteoporose u.a.m. (dosisabhängig)

Insbesondere bei stärkeren Schweregraden der Nahrungsmittelallergie muss oft auf Kortikosteroide, bevorzugt auf vorwiegend lokal wirksame Präparate, zurückgegriffen werden, deren Wirksamkeit bei allergischen Erkrankungen belegt ist und die auch bei allergischer Gastropathie erfolgreich eingesetzt werden können.
Die zusätzliche Gabe von Cromoglicinsäure kann bei schweren Formen der Erkrankung eine Einsparung von Kortikosteroiden ermöglichen.
Antihistaminika
Gastroenteropathie, allergischeAntihistaminikaDiese Medikamentengruppe hat sich, abgesehen von der Behandlung des oralen Allergiesyndroms, in der Therapie der gastrointestinalen Allergien bislang nicht bewährt.
Loperamid (Imodium®)
LoperamidGastroenteropathie, allergischeLoperamidAls supportive medikamentöse Maßnahme zu empfehlen, insbesondere als Akuthilfe oder als Übergangslösung.

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