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B978-3-437-24950-1.00100-1

10.1016/B978-3-437-24950-1.00100-1

978-3-437-24950-1

Organische Erkrankungen, die von Angstsymptomen begleitet werden können.

Tab. 100.1
Zentralnervöse Erkrankungen (Beispiele)
  • Anfallsleiden

  • Encephalomyelitis disseminata

  • AIDS – Enzephalopathie

  • Demenzielle Erkrankungen

  • Morbus Parkinson

  • Zerebrale Vaskulitiden

  • Vestibuläre Störungen

Pulmonale Erkrankungen
  • Asthma bronchiale

  • Chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen

  • Lungenembolie

  • Pneumothorax

Kardiovaskuläre Erkrankungen
  • Mitralklappenprolaps

  • Kardiomyopathie

  • Koronarinsuffizienz

  • Koronare Herzkrankheit

  • Myokardinfarkt

  • Lungenödem

  • Rhythmusstörungen

Gastrointestinale Erkrankungen
  • Colitis ulcerosa

  • Morbus Crohn

  • Magen- und Duodenalulzera

Endokrine und metabolische Störungen
  • Morbus Cushing

  • Hyper- oder Hypothyreose

  • Hyperparathyreoidismus mit Hypokalziämie

  • Hypoglykämie

  • Karzinoidsyndrom

  • Phäochromozytom

  • Intermittierende Porphyrie

Diagnostisches Vorgehen bei Angststörungen.

Tab. 100.2
Exploration der aktuellen Beschwerden (Kap. 100.2)
der Anamnese inkl. somatischer und psychischer Vorerkrankungen
eines zeitlichen Bezugs zwischen Beginn der Angstsymptomatik, anderen körperlichen/psychischen Symptomen und äußeren Ereignissen (besonders letzte 6 Mon.)
möglicher Belastungen und Konflikte sowie ungünstiger Lernerfahrungen in der Biographie (frühere Reaktionen auf Belastungen und Verluste)
hypothesengeleitete, kriterienorientierte Überprüfung der speziellen Unterform der Angststörung (vgl. ICD-10-Kriterien)
Psychischer Befund
Gegebenenfalls Fremdanamnese
Klinische körperliche Untersuchung Labordiagnostik (v.a. Schilddrüsenparameter)
Elektrophysiologische Untersuchungen (EEG, EKG)
Gegebenenfalls bildgebende Verfahren

In Deutschland zugelassene Medikamente für die verschiedenen Angststörungen sowie in der AWMF S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen empfohlene Medikamente.

Tab. 100.3
Unterform der AngststörungTZASSRIBZDRIMASSNRIAndere
Panikstörung mit oder ohne AgoraphobieClomipraminParoxetinAlprazolamVenlafaxin retard
Citalopram
Escitalopram
Sertralin
Soziale PhobieClomipraminParoxetinMoclobemidVenlafaxin retard
Escitalopram
Sertralin
Generalisierte AngststörungOpipramolParoxetinVenlafaxin retardBuspiron
EscitalopramDuloxetinPregabalin

TZA = trizyklische Antidepressiva; SSRI = selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer; BZD = Benzodiazepine; RIMA = reversible Monoaminooxidase-Hemmer; SSNRI = selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer

Angsterkrankungen

J. Angenendt

U. Frommberger

  • 100.1

    Einleitung791

  • 100.2

    Symptomatik791

  • 100.3

    Ätiologie und Pathogenese792

  • 100.4

    Diagnostischer und differenzial- diagnostischer Prozess793

  • 100.5

    Therapie793

  • 100.6

    Kasuistik795

Kernaussagen

  • Unterschieden werden Phobien, Panikstörung und generalisierte Angststörung.

  • Eine frühzeitige und korrekte Identifizierung von Angststörungen in der primärärztlichen Versorgung ist Voraussetzung jeder spezifischen Therapie. Das vertrauensvolle Gespräch und eine gezielte Exploration sowie der Ausschluss wichtiger Differenzialdiagnosen sind dabei für die Diagnosestellung unerlässlich.

  • Als therapeutische Basismaßnahmen gelten entlastende Gespräche, Entspannungsverfahren sowie Sensibilisierung für mögliche Zusammenhänge zwischen Angstbeschwerden und aktuellen Belastungen in der Lebensführung.

  • Spezifischere Maßnahmen sind Psychoedukation, Anleitungen zur Symptomprotokollierung und die Vermittlung von basalen Möglichkeiten der Angstbewältigung. Störungsspezifische Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und die Psychopharmakotherapie gelten als Therapien der Wahl.

  • Vorteile der KVT sind die aktive therapeutische Auseinandersetzung mit den Ängsten und ihren Hintergründen sowie die hohe kurzzeitige und langfristige Wirksamkeit.

  • Vorteile der Pharmakotherapie sind die hohe Verfügbarkeit und der kurzfristig geringere Aufwand, ein häufig schnellerer Wirkungseintritt und positive Wirkungen auf ggf. vorhandene komorbide Symptome wie depressive Beschwerden.

  • Sequenzielle Behandlungsstrategien unter Berücksichtigung von Symptomdauer, Schwere, Vorbehandlungen, Motivation des Patienten für unterschiedliche Therapieverfahren und den Vor- bzw. Nachteilen der Therapieverfahren werden den Erfordernissen bei Angsterkrankungen am besten gerecht.

  • In der Regel können Angststörungen ambulant behandelt werden. Stationäre Behandlungen sind besonders schweren Formen und therapieresistenten Fällen vorbehalten.

Einleitung

AngsterkrankungenAngsterkrankungen gehören mit einer Lebenszeitprävalenz von 14% zu den häufigsten psychischen Störungen in der Bevölkerung.
  • Sie werden von Patienten nur selten direkt als Grund der ärztlichen Inanspruchnahme zum Ausdruck gebracht. Häufiger sind sie hinter unklaren körperlichen Symptomen sowie diffusen Beschwerdeschilderungen verborgen.

  • Sie werden in der primärärztlichen Versorgung daher selten frühzeitig diagnostiziert.

Angststörungen sind bei chronischem Verlauf häufig durch komplizierende Faktoren (Komorbidität) wie
  • sekundäre depressive Beschwerden,

  • Missbrauch von Substanzen und

  • erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität gekennzeichnet.

Als Faustregel gilt

Die Vertrautheit von nicht psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärzten mit den typischen Symptomen, dem diagnostischen Vorgehen, den Möglichkeiten einer basalen Behandlung (psychosomatische Grundversorgung) und den speziellen Therapiemöglichkeiten ist Voraussetzung für einen angemessenen Umgang mit Angststörungen.

Symptomatik

Normale Ängste und Angststörungen können anhand quantitativer Merkmale (Häufigkeit, Intensität und Dauer der Angstreaktionen), aber auch der Folgen (Beeinträchtigungen im Alltagsleben und Leidensdruck) unterschieden werden.

Als Faustregel gilt

Bei Angststörungen stehen reale Bedrohungen bzw. Gefährdungen und das Ausmaß der erlebten Ängste nicht in einem angemessenen Verhältnis. Die Ängste erscheinen auch den Betroffenen selbst oft als übertrieben und unvernünftig.

Angststörungen zeigen sich typischerweise auf den folgenden Reaktionsebenen:
  • Physiologisch: Tachykardie, Hypertonie, Schweißausbrüche, Tremor, Atembeschwerden, Beklemmungsgefühle, Hitze- oder Kälteschauer, Kribbelgefühle, Schwindel;

  • Emotional: Panik, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Anspannung, Unsicherheit;

  • Kognitiv: Befürchtungen vor akuten Gefahren, Bedrohungen, Peinlichkeit, Versagen;

  • Verhaltensbezogen: Flucht, Vermeidung, Sicherheitsverhalten, Rückversicherungen bei anderen.

Bei den Angststörungen werden unterschieden:
  • PhobienPhobienAngsterkrankungen: exzessive Angstreaktionen bei Furcht vor Objekten oder Situationen,

  • Panikstörung: PanikstörungAngsterkrankungenplötzlich auftretende, anfallsartige Angstzustände und

  • generalisierte Angststörung: AngststörungAngsterkrankungenanhaltende, eher diffuse Ängste und Sorgen.

Kennzeichnend für Patienten mit Angststörungen ist
  • eine „Angst vor der Angst“,

  • eine Neigung zur verstärkten körperlichen Selbstbeobachtung,

  • eine gedankliche Überbewertung möglicher Gefahren der Auslösesituationen bzw. der eigenen Reaktionen darauf.

Phobisches Vermeidungs- und Schonverhalten und fehlendes Vertrauen in die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten sind typische Folgen.
Phobien
Alle PhobienPhobien zeichnen sich durch ein Vermeidungsverhalten gegenüber den angstauslösenden Situationen oder Objekten aus.
  • Die Agoraphobie tritt auf als Angst vor dem Verlassen der vertrauten Umgebung und dem alleinigen Aufsuchen öffentlicher Situationen (z.B. Besuch der Innenstadt, Supermärkte, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Reisen etc.).

Die Furcht vor dem Auftreten von Angstanfällen mit ihren vegetativ-sympathikotonen Symptomen sowie deren antizipierten Folgen (Ohnmacht, Herzinfarkt, Kontrollverlust, Hilflosigkeit) ist dabei zentral.
  • Bei den spezifischen Phobien werden dagegen die von den angstauslösenden Objekten und Situationen ausgehenden Gefahren (z.B. Höhenphobie) oder die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens überschätzt.

  • Die soziale Phobie bezieht sich auf zwischenmenschliche Situationen. Patienten befürchten, aufgrund ihrer Anspannung oder ihres unzulänglichen Verhaltens nach außen hin auffällig, negativ bewertet oder abgelehnt zu werden. Gefühle von Peinlichkeit und Scham werden erlebt.

Panikstörung
Die PanikstörungPanikstörung zeigt sich in Form wiederholter plötzlich auftretender Angstattacken, die durch eine Reihe körperlicher Übererregungssymptome und gleichzeitigen Befürchtungen, dass eine akute gesundheitliche Bedrohung vorliegen könnte, gekennzeichnet sind.
Sie erscheinen für Patienten subjektiv als unvorhersehbar, unkontrollierbar und bedrohlich.
Generalisierte Angststörung
Die generalisierte AngststörungAngststörunggeneralisiertegeneralisierte Angststörung gilt als die diagnostisch am unschärfsten definierte Störung, die starke Überlappungen mit depressiven oder somatoformen Störungen sowie Persönlichkeitsstörungen aufweist.
Die anhaltende Angst ist nicht auf bestimmte Situationen beschränkt. Die im Vordergrund stehenden Befürchtungen und Sorgen über zukünftiges Unglück führen zu motorischer Anspannung (Unruhe, Nervosität, Spannungskopfschmerz, Zittern, Unfähigkeit zu entspannen) und vegetativer Übererregbarkeit (Schwitzen, Tachykardie, Oberbauchbeschwerden, Schlafstörungen).

Ätiologie und Pathogenese

Ein Vulnerabilitäts-Stress-Modell wird der Entstehung und Auslösung von Angststörungen am ehesten gerecht.
  • Der genetische Anteil wird auf bis zu 30–40% geschätzt.

  • Frühe, negative Stresserfahrungen können die künftigen Reaktionen auf Stress nachhaltig beeinflussen und die Wahrscheinlichkeit für pathologische Angstreaktionen erhöhen.

Lern- und Erfahrungseinflüsse sind von zentraler Bedeutung für die Pathogenese. Für einige Angststörungen (z.B. spezifische Phobien) können manchmal konditionierte (traumatische) Ereignisse als Auslöser der pathologischen Angstreaktionen festgestellt werden. Neben Entwicklungen mit akut wirksamen Auslösefaktoren (z.B. bei Panikstörung und Agoraphobie), gibt es schleichende Entstehungsverläufe (z.B. bei der sozialen Phobie und generalisierten Angst). Hier sind kumulative Belastungsfaktoren anzunehmen, die erst unter speziellen äußeren Konstellationen zum Auftreten der Angstsymptomatik führen. Durch Vermeidungsverhalten wird zwar kurzfristig die Angst reduziert (lerntheoretisch: negative Verstärkung), langfristig aber aufrechterhalten, weil ein Verlernen und Löschen der Angst verhindert wird.
Spezielle Belastungen und Beziehungserfahrungen in der biographischen Entwicklung, intrapsychische und interaktionelle Konflikte, Ambivalenzen (z.B. zwischen Autonomie- und Abhängigkeitswünschen) können für die Entstehung, Auslösung und Aufrechterhaltung von Angststörungen eine große Rolle spielen.

Als Faustregel gilt

In der Therapie ist die gemeinsame Entwicklung eines für den Patienten nachvollziehbaren Erklärungs- und Verständnismodells von großer Bedeutung.

Neuronale Grundlagen
In einem komplexen Interaktionsgefüge sind die an Angstreaktionen beteiligten zentralnervösen Areale (z.B. Locus coeruleus, Amygdala, präfrontaler Kortex) miteinander vernetzt.
Die wesentlichen beteiligten Neurotransmitter sind
  • Noradrenalin,

  • Serotonin und

  • GABA.

  • Dem hypothalamischen Kortikotropin-Releasing-Hormon (CRH) kommt eine zentrale Funktion bei der Regulation von Angst- und Stressreaktionen über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse zu.

Diagnostischer und differenzialdiagnostischer Prozess

Die aktuelle operationalisierte Diagnostik der Angststörungen erfolgt phänomenologisch, d.h. ohne ätiologische Annahmen. Definiert sind dabei
  • die auslösenden Situationen,

  • welche Symptome oder Symptommuster vorhanden sein müssen,

  • deren Häufigkeit und Zeitdauer sowie

  • Auswirkungen auf die Lebensführung sowie Ausschlusskriterien (siehe ICD-10-Kriterien).

Angstsymptome können bei einer Vielzahl von somatischen Erkrankungen auftreten (Tab. 100.1). Die Frage, ob die Angstsymptomatik eine eigenständige psychische Erkrankung ist, auf einer organischen Erkrankung beruht oder als psychische Reaktion auf eine organische Erkrankung anzusehen ist, kann in Einzelfällen erst nach Abschluss des (differenzial)diagnostischen Prozesses entschieden werden.

Als Faustregel gilt

Zunächst sollte es unabhängig von einer endgültigen diagnostischen Klarheit Ziel sein, dem Patienten bei der Reduktion seiner Angstsymptomatik zu helfen.

Die wichtigsten Verfahren und Inhalte des (differenzial)diagnostischen Vorgehens sind in Tab. 100.2 aufgeführt.

Therapie

Verhaltenstherapie (VT) und Psychopharmakotherapie dominieren in den letzten drei Jahrzehnten die klinisch-empirische Therapieforschung und haben eine Reihe störungsspezifischer therapeutischer Verfahren hervorgebracht.

Verhaltenstherapie

Aufseiten der VerhaltenstherapieVerhaltenstherapie, Angsterkrankungen stehen verschiedene wirksame Therapietechniken zur Verfügung. Dies sind
  • Expositionsverfahren,

  • kognitive Verfahren und

  • Entspannungsverfahren.

Sie setzen entsprechend den lerntheoretischen Modellannahmen an den Angst aufrechterhaltenden Prozessen an und vermitteln Patienten konkrete Hilfestellungen zum Erlernen eines veränderten Umgangs mit ihren aufkommenden Angstreaktionen.
  • Entspannungsverfahren und Atemtechniken erlauben eine Kontrolle der körperlichen Übererregungssymptome.

  • Die kognitive Verhaltenstherapie setzt an den angstverstärkenden intrapsychischen Aufmerksamkeits- und Bewertungsprozessen an.

Sie schließt an die diagnostische (verhaltensanalytische) und edukative (Krankheitsaufklärung) Phase an und arbeitet mit Übungen und sogenannten Verhaltensexperimenten. Ziele sind
    • ein Verlernen der Angstreaktionen durch neue korrigierende Erfahrungen und

    • der Aufbau von aktiven Bewältigungsfertigkeiten.

  • Expositionsübungen unterbrechen auf der Verhaltensebene den Teufelskreis von Angst und Vermeidung.

Die kurzfristigen Effekte dieser Verfahren bei den einzelnen Angststörungen sind gegenüber Kontrollgruppen deutlich überlegen, gegenüber anderen wirksamen Therapieverfahren (z.B. Pharmakotherapie) mindestens gleichwertig. Die hohe Wirksamkeit spezieller VT-Verfahren ist insbesondere für die Phobien (Agoraphobie, soziale und spezifische Phobie) und für die Panikstörung nachgewiesen (Evidenzstärke Ia).
Die Langzeiteffekte nach Verhaltenstherapien weisen auf eine hohe Stabilität und geringe Rückfallquoten hin. Bei der generalisierten Angststörung ist die Entwicklung der Verfahren noch weniger weit fortgeschritten.

Pharmakotherapie

Als Faustregel gilt

Bei spezifischen Phobien ist in der Regel keine medikamentöse Therapie angezeigt.

PharmakotherapieAngsterkrankungenFür die Behandlung der verschiedenen Angststörungen sind derzeit unterschiedliche Medikamente zugelassen (Tab. 100.3). Dies ist bei einer eventuellen Off-label-Verordnung in der Praxis zu beachten.
In der Pharmakotherapie der Angststörungen sind Antidepressiva die Mittel der Wahl und in zahlreichen Studien evaluiert (Evidenzstärke Ia).
  • Gegenüber den Benzodiazepinen haben sie den Nachteil, dass ihre Wirksamkeit erst mit zeitlicher Verzögerung von einigen Tagen bis Wochen einsetzt.

Benzodiazepine wirken im akuten Notfall rasch und sind kardial gut verträglich.
  • Bei pulmonalen Erkrankungen oder Muskelerkrankungen wie einer Myasthenia gravis muss das Risiko der Hypoxie und Muskelrelaxation beachtet werden.

  • Bei Patienten mit Suchtanamnese sind Benzodiazepine ganz zu vermeiden, ansonsten nur bei besonders begründeter Indikation wegen der Gefahr der Abhängigkeitsentwicklung.

Cave

  • !

    Die längerfristige Verordnung über wenige Tage bzw. Wochen hinaus ist ebenfalls zu vermeiden, um einen Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Benzodiazepinen zu verhindern.

Dosierung
Bei der Psychopharmakotherapie der Angsterkrankungen muss die hohe Empfindlichkeit der Patienten auf jegliche Medikation berücksichtigt werden.
  • Daher ist die initiale Dosis sehr niedrig zu wählen (z.B. Paroxetin 10 mg) und nur langsam zu steigern.

  • Aus Studien ist bekannt, dass die Medikation lange fortzusetzen und ggf. stetig zu erhöhen ist (z.B. Paroxetin bis 50 mg) bis eine Reduktion der Angstsymptomatik erreicht ist (z.T. 6–12 Wochen) und

  • nach Remission lange beibehalten werden muss (häufig 1–2 Jahre).

Begrenzende Faktoren
  • Die häufige generelle Ablehnung einer Medikation durch die Patienten,

  • die hohe Empfindlichkeit der Patienten gegenüber Medikamenten sowie

  • unerwünschte Wirkungen begrenzen den Einsatz der Psychopharmaka.

Als Faustregel gilt

Psychoedukation und eine sorgfältige Vorbereitung auf mögliche Nebenwirkungen und deren Management sind deshalb auch bei der Pharmakotherapie unverzichtbar.

Im Langzeitverlauf treten nach Absetzen der Medikation mehr Rückfälle auf als nach Beendigung einer Verhaltenstherapie.

Allgemeine Aspekte der Behandlung

Patienten mit Angststörungen sollten primär ambulant behandelt werden. Stationäre Behandlungen sind vor allem
  • bei schweren komorbiden Zuständen (Abhängigkeitserkrankungen, Depressionen mit Suizidalität),

  • massiven psychosozialen und familiären Belastungen sowie

  • bei Therapieresistenz nach angemessenen ambulanten Behandlungen angezeigt.

  • Eine Kombinationsbehandlung aus kognitiver Verhaltenstherapie und Psychopharmakotherapie (hier speziell mit Antidepressiva) ist möglich, sollte jedoch nicht generell als erste Option betrachtet und auf spezielle Indikationsbereiche (z.B. Komorbidität mit Depression, besonders schwere Symptomatik) beschränkt bleiben.

Behandlungsverlauf
  • Wenn möglich, verfügbar und vom Patienten gewünscht, sollte zunächst mit einer kognitiven Verhaltenstherapie begonnen werden.

  • Bei unzureichender Besserung ist eine Kombination mit einem für die spezielle Unterform zugelassenen Antidepressivum zu erwägen.

Wichtiger als das Erreichen von Angstfreiheit ist es, dass Patienten lernen, mit ihren aufkommenden Ängsten umzugehen und die als hilfreich erlebten Maßnahmen selbstständig und konsequent weiterhin anzuwenden.
Nach der intensiven Therapiephase (ca. 6–12 Monate) empfiehlt sich in vielen Fällen die Vereinbarung von Nachuntersuchungsterminen in zeitlich größer werdenden Abständen, um den Behandlungserfolg zu sichern.
Häufig ist auch das explizite Angebot, sich bei erneut auftretenden, vom Patienten nicht selbstständig zu bewältigenden Schwierigkeiten wieder an den Therapeuten wenden zu können, sehr hilfreich. Dies stellt eine Form von geeigneter Hintergrundsicherheit für den Patienten dar.

Kasuistik

Fall
Anamnese
Ein 27-jähriger, gelernter Industriekaufmann mit kürzlich abgeschlossenem BWL-Studium wird vom Hausarzt wegen eines seit ca. 10 Monaten bestehenden Angstsyndroms überwiesen.
  • Nach Jahren sehr hoher Arbeitsbelastung im Rahmen des berufsbegleitend durchgeführten Studiums habe er wenige Tage nach dessen erfolgreichem Abschluss erstmals einen plötzlichen, für ihn unerklärlichen und massiven Unruhezustand mit Tachykardie, Hypertonie, Schwindelgefühlen und Todesängsten erlebt.

  • Er wurde von Kollegen in die internistische Ambulanz eines nahen Krankenhauses gebracht und umfassend untersucht. Zwar wurde kein auffälliger organmedizinischer Befund festgestellt und der Verdacht auf ein Erschöpfungssyndrom geäußert. Wegen eines bei seiner Mutter vor ca. 2 Jahren aufgetretenen Myokardinfarkts wurde aber ambulant eine weiterführende kardiologische Abklärung durchgeführt, ebenfalls o.B.

  • Der Patient erlebte vergleichbar schwere Angstattacken bei Veranstaltungen in engen menschenvollen Räumlichkeiten (Tauffeier, Abschlussfest der Universität, Kirche).

  • Er entwickelte eine zunehmende Angst vor erneuten Angstattacken (Angst vor der Angst) und ein Vermeidungsverhalten gegenüber Situationen, in denen ihm das Auftreten erneuter Attacken als besonders wahrscheinlich erschien.

  • Er beschrieb starke v.a. kardiale Gesundheitsängste und zog sich von Unternehmungen mit Kollegen zurück, um „seine Schwäche nicht in Anwesenheit anderer zeigen zu müssen“. Er gab sportliche Aktivitäten auf und beschrieb starkes Misstrauen gegenüber seinem Körper. Er befürchtete, wegen seiner Symptomatik den neuen Anforderungen im Beruf und beim Umzug in eine entferntere Stadt nicht gewachsen zu sein.

  • Der Verdachtsdiagnose des Hausarztes (Panikstörung) und Überweisung an die Angstsprechstunde stand er skeptisch gegenüber.

  • Es war keine Pharmakotherapie durchgeführt worden.

Diagnose
In der Angstsprechstunde wurde nach ausführlicher Exploration (Tab. 100.2) und Vorgabe verschiedener Angstskalen sowie Sichtung der unauffälligen körperlichen Vorbefunde die Diagnose einer „Panikstörung mit begrenztem phobischem Vermeidungsverhalten“ bestätigt.
Therapie
Der Patient wurde zur systematischen Symptomprotokollierung angeleitet, über das Paniksyndrom aufgeklärt und über die verschiedenen Therapieoptionen informiert. Er entschied sich trotz gewisser Vorbehalte für eine ambulante KVT, die ihm in den wichtigsten Grundzügen erläutert worden war.
  • Die Exploration der Lebensgeschichte und genaue Analyse der Belastungsfaktoren bei Erstauftreten der Angstsymptomatik führte zu einem veränderten Selbstverständnis seiner Beschwerden. Er konnte eine Verunsicherung und Ängste vor der bevorstehenden Ablösung vom Elternhaus, einem Versagen im anspruchsvollen Berufsfeld und dem antizipierten Verlust seiner Freunde als vorhandene Emotionen erkennen.

  • Bezüglich der Panikattacken wurde das sogenannte „Teufelskreismodell“ erarbeitet. Dieses verdeutlicht Aufschaukelungsprozesse zwischen körperlichen Symptomen, deren Wahrnehmung und katastrophisierenden Bewertung („ich bekomme einen Herzinfarkt“), verstärkten Angstgefühlen und daraus folgender Intensivierung der körperlichen Symptome.

  • Der Versuch, durch Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten seine Angstsymptomatik verhindern oder kontrollieren zu wollen, wurde als langfristig angstverstärkend bewertet. Stattdessen wurde der Pat. angeleitet, seine Angst als unangenehme, aber nicht gefährliche Reaktion zuzulassen und einen veränderten Umgang mit aufkommenden Angst- und Panikreaktionen zu erlernen. Er wurde ermutigt, absichtlich wieder solche Situationen aufzusuchen, die er aus Angst vor dem Auftreten von Panikattacken vermieden hatte.

Durch die verhaltenstherapeutischen Therapiemaßnahmen wurden die Angstattacken seltener, weniger stark und für den Patienten verständlicher in den Bedingungen für ihr Auftreten.
  • Er konnte die vermittelten Strategien einsetzen und als hilfreich erleben.

  • Er weitete seinen Aktionsradius aus und verstärkte Unternehmungen mit anderen.

  • Sein Vermeidungsverhalten baute er systematisch ab.

Er bewarb sich längere Zeit um eine akademische Erstanstellung, trotz sehr guter Abschlussnoten über Monate zunächst ohne Erfolg. Er nahm die Arbeit in seinem alten Betrieb wieder auf und bewarb sich parallel dazu.
Nach deutlicher Symptombesserung wurde die Behandlung in größeren Abständen fortgesetzt, bis sie nach 18 Sitzungen (ca. 7 Monaten) beendet werden konnte. Der Patient berichtete noch leichtere Restbeschwerden, vor allem Zweifel in besonders „stressvollen“ Anforderungssituationen; ob nicht doch die Panikattacken in alter Intensität wieder auftreten könnten, ließ sich hiervon aber letztendlich nicht einschränken.
8 Monate nach Therapieende hatte er eine akademische Anstellung in einer weiter entfernten Großstadt gefunden, sich dort eine Wohnung eingerichtet und war sehr stolz auf die erreichten Fortschritte bei der Angstbewältigung und seinem Neuanfang.
Es wurden keine weiteren festen Termine vereinbart. Er erhielt jedoch das Angebot, sich bei Bedarf jederzeit wieder melden zu können.

Literatur

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