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B978-3-437-22107-1.50065-0

10.1016/B978-3-437-22107-1.50065-0

978-3-437-22107-1

Antivirale Substanzen, die die Bindung des Virus an die Zelloberfläche hemmen.

Tabelle 1
Substanz Indikation Dosierung Erwachsene Dosierung bei Kindern und Jugendlichen
Enfuvirtide HIV-1 • 180 mg/d in 2 ED s. c.
  • Jugendliche ab 16 Jahre (oder > 42,5 kg): 180 mg/d in 2 ED s. c.

  • Kinder ab 6 Jahre (>11 kg): 54–162 mg/d in 2 ED s. c., oder 4 mg/kg/d in 2 ED s. c., max.180 mg/d in 2 ED s. c.

Maraviroc HIV-1 (CCR5-trop)
  • 300–600–1.200 mg/d in 2 ED (p. o.)

  • Mit CYP3A4-Inhibitor: 300 mg/d

  • Ohne CYP3A4-Inhibitor: 600 mg/d

  • Mit CYP3A4-Induktor: 1.200 mg/d

Jugendliche ab 16 Jahre: 300–600–1.200 mg/d in 2 ED
Palivizumab RSV (Prophylaxe bei Frühgeborenen) Kinder < 2 Jahre: 15 mg/kg in 1 ED alle 4 Wochen i. m. während der RSV-Saison

Dosierung von Amantadin.

Tabelle 2
Influenza A 200–400 mg/d in 1–2 ED (p. o.)
  • Kinder und Jugendliche ab 10–17 Jahre (oder > 45 kg KG): 200 mg in 2 ED

  • Kinder 5–9 Jahre (< 45 kg): 100 mg in 1 ED

  • Kinder 1–4 Jahre: 5 mg/kg/d in 2 ED, max. 100 mg/d

Antivirale Therapie

W. Rascher

Kernaussagen

  • Virusinfektionen sind die häufigsten Infektionen in Praxen und Kliniken.

  • Infektionen der Atemwege sind bei Erwachsenen häufig Anlass für Krankschreibungen und bei Kindern für das Fehlen in Kindertagesstätten, Kindergarten und Schulen verantwortlich.

  • Die Bedeutung von Virusinfektionen im Gesundheitswesen hat aufgrund von Immunschwäche, z. B. bei einer HIV-Infektion, höherer Lebenserwartung, aggressive Therapien von bösartigen Krankheiten und Transplantationen zugenommen.

  • Neue Virostatika haben das Therapiearsenal gegenüber viralen Krankheiten deutlich verbessert.

  • Bei der Anwendung antiviraler Substanzen bilden sich wie bei Antibiotika Resistenzen.

Virusinfektionen sind fur gesunde Menschen meist harmlos, jedoch bei Krankheits- und therapieinduzierter Immundefizienz lebensgefährlich. Therapiebedürftig sind lebensbedrohliche Virusinfektionen, die mit gravierenden Folgekrankheiten wie Hepatitis B und C, Herpesenzephalitis und opportunistischen Infektionen bei AIDS einhergehen, oder bei therapieinduzierter Immunsuppression – CMV, EBV, Adenoviren – auftreten. Voraussetzung für den Einsatz von antiviralen Substanzen ist der Nachweis des Erregers. Die blinde Gabe von breit wirksamen Virostatika wie bei der Behandlung bakterielle Krankheiten mit sog. Breitband-Antibiotika ist nicht möglich. Bereits bei Verdacht auf Herpesenzephalitis muss die Behandlung mit Aciclovir begonnen werden. Mittels PCR lassen sich die meisten Viren rasch nachweisen, sowohl qualitativ als auch quantitativ.

Bei Kindern in den ersten Lebensjahren sind Infektionen mit Adeno-, Rhino-, Rotaviren, respiratorisches Synzytialviren (RSV) sowie Influenza- und Parainfluenzaviren nicht selten der Anlass für eine Krankenhausbehandlung. Dabei sind die Folgen der Krankheiten wie unklares Fieber, Trinkverweigerung, Volumenmangel und pulmonale Obstruktion bei RSV meist der Grund für eine stationäre Aufnahme.

Die auf dem Markt befindlichen antiviralen Substanzen sind meist gegen viruseigene Enzyme oder Strukturen gerichtet. Viren sind aber auch in der Lage durch Einführung von Mutationen während ihrer Replikation dem Selektionsdruck zu entkommen. Folglich entwickeln sich daraus neue, resistente Erreger, die wiederum eine ernsthafte Gesundheitsbedrohung darstellen und eine ständige, kostenintensive Entwicklung neuer antiviraler Pharmaka notwendig machen. Zur Vermeidung von Resistenzen werden oft Virostatika kombiniert, z. B. bei der Behandlung des humanen Immundefizienz-Virus (HIV) und der chronischer Hepatitis B (HBV) oder Hepatitis C (HCV).

Die Entwicklung antiviraler Chemotherapeutika (Virostatika) hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Dies wurde durch ein besseres Verständnis der molekularen Mechanismen der Virusvermehrung in der Zelle und durch die großen Anstrengungen zur Behandlung der HIV-Erkrankung, der viralen Hepatitis und der Zytomegalie ermöglicht. Zur Therapie stehen heute etwa 50 antivirale Chemotherapeutika zur Verfügung, die entweder bereits zugelassen sind oder in den nächsten Jahren zugelassen werden. Die meisten Virostatika behindern die Vermehrung eines Virus durch Blockade viraler Proteine und erlauben dem Immunsystem dadurch, die verbleibenden virusinfizierten Zellen zu eliminieren. Zu beachten ist jedoch, dass Virostatika nicht selten schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen.

Die antivirale Therapie kann grundsätzlich mit biologischen Substanzen wie Interferonen (Biologic Response Modifier), Immunglobulinen, spezifischen zytotoxischen T-Zellen (Zelltherapie) und/oder virostatischer Chemotherapie erfolgen.

Immunglobuline

Immunglobuline spielen in der Abwehr von Virusinfektionen v. a. bei therapieinduzierter Immundefizienz eine wichtige Rolle. Sie sind in der Lage freie Viren zu neutralisieren und ihre Bindung an zelluläre Rezeptoren zu hemmen. Dabei kann das Komplementsystem die Reaktion verstärken. Immunglobuline und Komplement können auch virusinfizierte Zellen lysieren, wenn die Zellen virusspezifische Proteine, z. B. Glykoproteine exprimieren.
Für die Primär- und Sekundärprophylaxe einiger Viruserkrankungen, wie z. B. Tollwut, HBV, RSV, Varizellen (VZV) und Zytomegalie (CMV), stehen sog. spezifische Immunglobuline zur Verfügung, durch die standardisierte virusspezifische IgG-Titer garantiert werden. Der prophylaktische oder therapeutische Nutzen dieser spezifischen Immunglobuline ist aber nicht bei allen Präparaten belegt. Neuere Entwicklungen konzentrieren sich auf die Herstellung von monoklonalen virusspezifischen Antikörpern. So steht für die Prophylaxe von RSV-Erkrankungen bei anfälligen Frühgeborenen und Säuglingen der humanisierte, monoklonale Antikörper Palivizumab zur Verfügung, der an ein Epitop des viralen F-Proteins bindet und damit das Andocken des Virus an die Wirtszelle verhindert.
Zur Behandlung des Epstein-Barr-Virus (EBV) existieren bisher keine wirkungsvollen antiviralen Medikamente. Seit einigen Jahren ist es aber möglich, bei gravierenden EBV-induzierten, chronischen Erkrankungen wie der Posttransplantations-Lymphoproliferativen Krankheit (PTLD) die EBV-produzierenden B-Lymphozyten mittels monoklonaler Antikörper gegen CD20 zu eliminieren. In Europa wurde der chimäre monoklonale Anti-CD20-Antikörper Rituximab bereits 1998 zur Behandlung von malignen Non-Hodgkin-Lymphomen zugelassen und 2006 zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis, die nicht auf TNFα-Blocker anspricht. In der Behandlung der lebensbedrohlichen PTLD ist Rituximab neben der Reduktion der Immunsuppression nicht mehr wegzudenken. Neuere Therapieansätze wie die antivirale Therapie mit Argininbutyrat oder mit einer EBV-virusspezifischen zytotoxischen T-Zelltherapie scheinen ebenfalls erfolgversprechend.

Zellulärelmmuntherapie

Eine größere Rolle in der Abwehr und Bekämpfung von Virusinfektionen kommt dem zellulären Immunsystem zu. Vor allem T-Zellen sind für die Kontrolle dieser Infektionen entscheidend. CD4-positive T-Helferzellen zeigen eine virusspezifische Abwehrreaktion gegen infizierte Zellen, die HLA-Antigene der Klasse 2 exprimieren. Sie können dabei selbst gegen diese Zellen vorgehen, indem sie entweder γ-Interferon und andere Zytokine freisetzen (T-Helferzellen der Gruppe 1) oder die Antikörperproduktion und die Wirkung der zytotoxischen T-Zellen unterstützen (T-Helferzellen der Gruppe 2). Der adoptive Transfer von modifizierten T-Zellen oder auch dendritischen Zellen befinden sich derzeit noch in der Entwicklung. Besonders überzeugende Ergebnisse wurden bei der Behandlung von Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) und mit dem Zytomegalievirus (CMV) nach Knochenmarktransplantation berichtet, wobei T-Zellen von immunen Knochenmarkspendern übertragen wurden und EBV-induzierte Lymphome zur Rückbildung bringen konnten.

Interferone

Interferone werden von virusinfizierten Zellen gebildet und haben antivirale, antiproliferative und immunstimulierende Wirkungen. Grundsätzlich können alle Zellen des menschlichen Körpers Interferon-α und Interferon-β bilden, wobei beide an den Rezeptor für Interferon-α binden und hierdurch die Zelle vor Infektionen mit Viren schützen. Am effektivsten ist Interferon-γ, das von natürlichen Killerzellen (NK) und immunen T-Zellen durch Stimulation mit Interleukin-12 gebildet wird. Interferone bewirken intrazellulär auf mehreren Wegen die Abschaltung der Proteinsynthese und damit die Virusproduktion, aber auch den Tod der infizierten Zelle.
Interferone stimulieren die adaptive Immunität. Sie entfalten ihre Wirkung zum einen durch Freisetzung aus Zellen direkt in der Umgebung und zum anderen durch Bindung an spezifische Interferon-Rezeptoren. Über die Synthese zellulärer Proteine mit antiviralen Eigenschaften, z. B. gegen virale mRNA gerichtete RNAsen, werden die Viren gehemmt oder es wird über die Aktivierung der p53-Signalkette die Apoptose virusinfizierter Zellen induziert. Interferone finden v. a. bei chronischer Hepatitis B und C sowie bei Condylomata acuminata Anwendung.
Nebenwirkungen der Interferone sind vor allem grippeähnliche Symptome, Leukopenie und Thrombopenie, Parästhesien, Haarausfall, Hautausschläge und Durchfall. Reizbarkeit und Depressionen können ebenfalls auftreten, können aber unter einer Dosisreduktion wieder verschwinden. Autoimmunerkrankungen, vor allem eine Autoimmunthyreoiditis, können jedoch irreversibel sein und erfordern somit das Absetzen der Interferone.

Antivirale Therapie

Die antivirale Chemotherapie hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Angriffspunkte für selektiv wirkende, antivirale Chemotherapie sind:
  • Binden des Virus an seinen Rezeptor auf der Zelloberfläche

  • Aufnahme des Virus in die Zelle, z. B. Virus-Zell-Fusion

  • Freisetzen des viralen Genoms (Uncoating)

  • Reverse Transkription im Zytoplasma, im Fall eines Retrovirus, z. B. HIV

  • Replikation der viralen DNA durch die virale DNA-Polymerase im Kern der infizierten Zelle, etwa im Fall eines Herpesvirus, z. B. HSV und CMV

  • Hemmen der viralen RNA-Polymerase, z. B. bei HCV

  • Integration des viralen Provirus in die zelluläre DNA, im Fall eines Retrovirus, z. B. HIV

  • Prozessieren eines viralen Vorläuferproteins in aktive Proteine, z. B. Nichtstruktur-Proteine (NS-Proteine) des HCV

  • Hemmen der Ausschleusung von Viruspartikeln, z. B. bei Influenza

  • Hemmen der Reifung von Viruspartikeln durch Inhibition einer viralen Protease, z. B. bei HIV

Für einige Virusinfektionen gibt es gute und etablierte, antivirale Substanzen wie z. B. gegen Herpes-simplex-Virus (HSV), Varicella-Zoster-Virus (VZV), Zytomegalie-Virus (CMV), Epstein-Barr-Virus (EBV), Hepatitis B (HBV), Hepatitis C (HCV) und humanes Immundefizienz-Virus (HIV).
Vor jeder antiviralen Chemotherapie muss das verursachende Virus zwingend nachgewiesen werden, vor allen bei chronischer Hepatitis B und C, bei HSV, CMV, EBV und HIV ist dies von Bedeutung. Für einige Infektionen wie z. B. Herpes zoster, ist das klinische Bild ausreichend oder das epidemische Auftreten kann zur Diagnose, z. B. einer Influenza, herangezogen werden, aber oft sind die klinischen Syndrome nicht eindeutig. Ist dies der Fall, z. B. bei Influenza, ist ein Schnelltest hilfreich. Der Nachweis von IgM- und IgG-Antikörpern im Serum des Patienten kann jedoch nur zur Bestätigung eines Verdachts bei immunologisch Gesunden dienen. Die Zellkultur mit Nachweis eines zytopathologischen Effekts dauert dagegen Tage. In neuerer Zeit sind Immunfluoreszenz-Methoden und auch molekularbiologische Methoden wie die Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) dazugekommen. Die Einordnung positiver Befunde in die klinische Krankheit, kann vor allem bei immunologisch abwehrgeschwächten aber immer noch große Schwierigkeiten bereiten.

Bindung des Virus an seinen Rezeptor auf der Zelloberfläche

Der erste Schritt einer Virusinfektion ist die Bindung des Virus an die Oberfläche der Wirtszelle. Dazu binden Oberflächenmoleküle des Virus an spezifische Rezeptoren der Zelle.
Über Endozytose oder Fusion gelangt das Virus anschließend in die Zelle. Inhibitoren dieser Bindung an die Zelle werden bei HIV (Enfuvirtide und Maraviroc) und zur Prävention einer RSV-Infektion (Palivizumab) eingesetzt (▸ Tabelle 1).
Enfuvirtide hemmt die Fusion des HI-Virus beim Eintritt in die Zelle. Chemisch ist es ein Peptid von 34 Aminosäuren, das an zwei Regionen des gp41-Proteins bindet. Es muss zweimal täglich subkutan verabreicht werden. Häufig treten lokale Reaktionen mit Schmerzen, Juckreiz und Induration an der Injektionsstelle auf. Sehr selten werden Hypersensivitätsreaktionen beobachtet.
Maraviroc ist ein CCR5-Rezeptorantagonist, einem HIV-Korezeptor, der für das Andocken des HI-Virus an die Zelle notwendig ist. Die allosterische Hemmung des Rezeptors durch Maraviroc bewirkt, dass das gp120-Protein nicht erkannt wird und eine Zellfusion ausbleibt. An Nebenwirkungen treten Müdigkeit, Husten, Fieber und Infektionen des oberen Respirationstrakts auf, außerdem Hautauschlag, Bauchschmerzen und Muskelschmerzen.
Palivizumab ist ein humanisierter, monoklonaler Antikörper, der an ein Epitop des viralen F-Proteins bindet und damit das Andocken des Virus an die Wirtszelle verhindert. Die Substanz besteht zu 95% aus einem primären, humanen Antikörper und zu 5% aus einer murinen Antikörpersequenz und erfordert eine intramuskuläre Applikation. Palivizumab bewirkt die Neutralisierung und die Fusionshemmung des RS-Virus.

Inhibitoren der Virusaufnahme in die Zelle

Für die Virusaufnahme in die Zelle muss die Hülle des Influenzavirus entfernt werden (Uncoating). Dieses virale Uncoating kann spezifisch gehemmt und damit der Eintritt des Virus in die Zelle blockiert werden.
Amantadin ist ein Virostatikum, das eine diamantenförmige, dreifache Ringstruktur aufweist. Es wirkt gegen Influenza A, indem es die Ionenkanalfunktion des M2-Proteins hemmt (Dosierung ▸ Tabelle 2).
Amantadin wird nach oraler Einnahme gut resorbiert und erreicht Spitzenspiegel nach 2–4 h. Die Ausscheidung erfolgt zu 90% renal, durch Filtration und tubuläre Sekretion. Die Halbwertszeit beträgt zwischen 12 und 17 h, wobei im Plasma Spitzenspiegel von 0,4 μg/ml erreicht werden.
Die wesentlichen Nebenwirkungen von Amantadin sind zentralnervöser Art: Nervosität, Konzentrationsschwäche, aber auch Krämpfe und delirante Zustände. Die klinische Anwendung beschränkt sich auf die Prophylaxe und Behandlung von Infektionen mit Influenza A, da nur dieses Virus das M2-Protein besitzt. Bei Influenza B übernimmt das MB-Protein die Funktion, das nicht durch Amantadin gehemmt wird. Die prophylaktische Therapie mit Amantadin kommt vor allem während der Wintermonate für ältere Personen oder Personen mit kardiopulmonalen Problemen sowie immungeschwächten Personen infrage. Nach Exposition wird eine 10-tägige Prophylaxe empfohlen. Die Behandlung einer bestehenden Infektion wird für 5–7 Tage empfohlen, Erfahrungen mit bedrohlichen Formen wie Pneumonien sind aber gering. Durch Resistenzentwicklung ist die Wirksamkeit heute eingeschränkt.

Inhibitoren der reversen Transkriptase von Retroviren

Die Erkenntnis, dass das Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS) von einem Retrovirus verursacht wird, hat zu erfolgreichen Entwicklungen neuartiger, antiviraler Chemotherapeutika gegen Retroviren geführt. Als erste Substanz wurde das Zidovudin, bekannt auch als Azidothymidin (AZT), eingeführt.
Verschiedene Viren synthetisieren ihre Nukleinsäuren mithilfe viraler Enzyme, wie z. B. der viralen DNA-Polymerase, RNA-Polymerase und der reversen Transkriptase. Da diese Polymerasen für Viren lebensnotwendig sind, sind sie attraktive Zielstrukturen für Virustatika.
Nukleosidanaloga waren die ersten Polymerasehemmstoffe mit klinischer Wirksamkeit und werden heute breit zur Behandlung von Virusinfektionen durch HBV, HSV-1, HSV-2 und HIV-1 eingesetzt. Nukleosidanaloga sind typische Prodrugs, die nach intrazellulärer Phosphorylierung als „falsches” Nukleosidtriphosphat durch die virale Polymerase in die neue virale DNA eingebaut werden und dann über einen Kettenabbruch die Polymerisation behindern.

Inhibitoren der reversen Transkriptase von Retroviren.

Tabelle 3
Substanz Indikation Dosierung Erwachsene Dosierung bei Kindern und Jugendlichen
NRTI
Zidovudin HIV 500–600 mg/in 2 ED (p. o.)
  • 1–17 Jahre: 18 mg/kg in 2 ED, max. 300 mg

  • < 1 Jahr: 24 mg/kg/d in 2 ED

Prävention der maternofetalen HIV-Transmission
  • Schwangere ab der 14. Woche: 500 mg/d in 5 ED (p. o.)

  • unter der Geburt initial 2 mg/kg i. v. in 1 Std. i. v., dann 1 mg/kg/h als Dauerinfusion

Neugeborene: 8 mg/kg in 4 ED p. o. oder 6 mg/kg/d i. v. über 30 min in 4 ED
Lamivudin HBV 100 mg /d in 1 ED (p.o.)
  • keine Zulassung. In Studien: Jugendliche > 12 Jahre; 100 mg/d in 1 ED

  • keine Zulassung. In Studien: Kinder 2–17 Jahre: 3 mg/kg/d in 1 ED, max. 100 mg

Didanosin HIV-1 ≥ 60 kg: 400 mg/d in 1–2 ED, < 60 kg: 250 mg/d in 1–2 ED (p.o.)
  • Kinder > 3 Monate: 180–240 mg/m2/d, in 1–2 ED

  • in Kombination mit Zidovudin: 180 mg/m2/d

Stavudin HIV
  • < 60 kg: 60 mg/d in 2 ED

  • ≥ 60 kg: 80 mg/d in 2 ED (p. o.)

  • Kinder und Jugendliche > 30 kg: 60–80 mg/d in 2 ED oder 2 mg/kg/d in 2 ED

  • Neugeborene und Kinder < 30 kg: 1–2 mg/kg/d in 2 ED

Abacavir HIV 600 mg/d in 1–2 ED (p. o.)
  • Jugendliche > 12 Jahre: 600 mg/d in 1–2 ED

  • 3 Monate-11 Jahre: 16 mg/kg/d in 2 ED, max. 600 mg/d

Entecavir HBV 0,5–1 mg/d in 1 ED (p. o.)
NtRTI
Adefovir HBV 10 mg/d in 1 ED (p. o.)
  • keine Zulassung < 18 Jahre

  • in Studien: 0,25 mg/kg/d in 1 ED bis max. 10 mg/d

Tenofovir HIV-1, HBV 245 mg/d in 1ED (p. o.)
  • keine Zulassung < 18 Jahre

  • in Dosisfindungsstudien: 175 mg/m2/d

NNTRI
Efavirenz HIV-1 600–720 mg/d in 1 ED (p. o.)
  • Jugendliche > 12 Jahre: 600–720 mg /d in 1 ED

  • Kinder 3–11 Jahre: 270–510 mg/d in 1 ED

Etravirin HIV-1 400 mg/d in 2 ED (p. o.)
  • keine Zulassung < 18 Jahre

  • in Studien: 10–15 mg/kg/d in 2 ED

Nevirapin HIV-1
  • 200 mg/d in 1 ED (initial für 14 d)

  • 400 mg/d in 2 ED (p. o.)

Kinder und Jugendliche: 150 mg/m2/d in 1 ED für 2 Wochen, dann 300 mg/m2/d in 2 ED, max. 400 mg/d
Rilpivirin HIV-1 25 mg/d in 1 ED (p. o.)
Polymeraseinhibitoren zur Therapie einer HIV-Infektion werden in drei Klassen eingeteilt:
  • Nukleosid-Reverse-Transkriptaseinhibitoren(NRTI),

  • Nukleotid-Reverse-Transkriptaseinhibitoren(NtRTI)und

  • Nicht-Nukleosid-Reverse-Transkriptaseinhibitoren(NNRTI).

Nukleosid-Reverse-Transkriptaseinhibitoren

Zidovudin
Zidovudin (Azidothymidin) hemmt die reverse Transkriptase durch Zidovudintriphosphat und führt dadurch zum Kettenabbruch der viralen DNA. Es kann oral und intravenös appliziert werden. Die Halbwertszeit im Plasma beträgt etwa 1 h, 90% wird renal, zumeist als Glucuronid ausgeschieden. Randomisierte Studien haben gezeigt, dass Zidovudin sowohl bei manifestem AIDS als auch in früheren Stadien effektiv ist. Wegen der Resistenzentwicklung wird Zidovudin heute nur in Kombination mit anderen Virostatika eingesetzt. Eine Ausnahme bildet jedoch die Prophylaxe der HIV-Übertragung von der Mutter auf ihr Kind durch den Einsatz in der Schwangerschaft und unmittelbar nach der Geburt.
Häufige Nebenwirkungen von Zidovudin sind vor allem Myelosuppression mit Anämie und Neutropenie. Übelkeit, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Myopathien, einschließlich Kardiomyopathien, kommen ebenfalls vor. Auch wurde Laktatazidose bei der Behandlung mit Zidovudin – entsprechend anderer Nukleosidanaloga – beobachtet.
Lamivudin
Lamivudin ist ein NRTI, der nicht nur die HIV-Polymerase, sondern auch die HBV-Polymerase hemmt, und damit bei HIV- und HBV-Infektionen eingesetzt werden kann. Resistenzen gegenüber Lamivudin entstehen bei der Langzeittherapie durch Mutationen in den reversen Transkriptasen von HIV und HBV. Die Mutationen betreffen dabei die Aminosäuresequenz YMDD im aktiven Zentrum des Enzyms. Durch Kombination mit anderen Medikamenten wie z. B. Abacavir und Zidovudin, kann die Resistenzentwicklung gehemmt werden. Entecavir und Emtricitabin wirken ebenfalls gegen HIV und HBV.
Didanosin
Didanosin ist ein anderer Inhibitor der reversen Transkriptase, der als ddATP zum Kettenabbruch führt und auch bei zidovudin-resistentem HIV wirksam ist. Die hauptsächlichen Nebenwirkungen von Didanosin sind Polyneuropathie und Pankreatitis. Didanosin hat kaum myelosuppressive Wirkungen.
Zalcitabin
Zalcitabin oder Dideoxycytidin (DDC) ist ebenfalls ein Nukleosidanalogon, das zum DNA-Kettenabbruch führt. Sein Einsatz betraf hauptsächlich die Kombinationsbehandlung mit Zidovudin, in der es die Wirksamkeit verbesserte. Heute findet Zalcitabin keinen Einsatz mehr. Seine Nebenwirkungen sind Polyneuropathie und aphthöse Stomatitis.
Stavudin
Stavudin ist ein Nukleosidanalogon mit geringer Toxizität. Es wird meist gut vertragen. Als Nebenwirkung ist selten eine schmerzhafte Polyneuropathie bekannt.
Abacavir
Abacavir hemmt nach intrazellulärer Phosphorylierung und Konversion die reverse Transkriptase von HIV und führt hierdurch zum Kettenabbruch. Es wird ausschließlich zur Therapie der HIV-Infektion in Kombination mit anderen Anti-HIV-Medikamenten eingesetzt. Acabavir verursacht selten eine schwere Überempfindlichkeitsreaktion mit Haut- und Organmanifestation. Diese Überempfindlichkeit kommt vor allem bei Trägern des HLA-B*5701-Allels vor. Deswegen sollte vor Beginn einer Therapie mit Acabavir ein Screening für dieses Allel erfolgen.

Nukleotid-Reverse-Transkriptaseinhibitoren

Tenofovir ist der bisher einzige zugelassene, nukleotidbasierte Reverse-Transkriptaseinhibitor. Tenofovir hemmt als Prodrug die reverse Transkriptase von HIV und HBV und wird bei der Therapie der HIV-Infektion in Kombination mit anderen Anti-HIV-Medikamenten wie Lamivudin und Efavirenz (aber nicht mit Acabavir) eingesetzt.

Nicht-Nukleosid-Reverse-Transkriptaseinhibitoren

NNRTI oder Non-Nukleosidanaloga hemmen die reverse Transkriptase, gehören aber nicht zu den Nukleosiden. Sie haben einen völlig anderen Wirkmechanismus als NRTI oder NtRTI, da sie an die allosterische Tasche der p66-Untereinheit der reversen Transkriptase binden und so nichtkompetitiv die DNA-Synthese hemmen. Derzeit sind mehrere verschiedene NNTRI für die Behandlung der HIV-Infektion verfügbar, darunter Nevirapin, Delavirdin, Efavirenz, Etravirin und Rilpivirin. Nevirapin, Delavirdin und Efavirenz entwickelten rasch Resistenzen, die ihre Anwendung begrenzte. Neuere Substanzen, die sog. 2. Generation der NNRTI wie Etravirin und Rilpivirin, sind in ihrer Struktur weniger anfällig und fähig, den resistenzerzeugenden Mutationen zu begegnen.

Inhibitoren viraler DNA-Polymerasen (Nukleosidanaloga)

Ribavirin

Ribavirin (1-D-Ribofuranosyl-1,2,4-triazol-3-carboxamid) ist ein Guanosinanalogon mit einem inkompletten Purinring. Es wird von zellulären Kinasen phosphoryliert und hemmt als Ribavirin-Monophosphat die Inosinmonophosphat-Dehydrogenase. Ribavirin hemmt die Guanyltransferase und die virale RNA bei der Synthese viraler Proteine. Ribavirin hat ein breites antivirales Spektrum, darunter sowohl DNA- als auch RNA-Viren. In vitro wirkt Ribavirin gegen respiratorisches Synzytial-Virus (RSV), Masern, Influenza A und B, Parainfluenza, Lassa-Fieber, Bunya-Virus, Hepatitis A und HIV, aber auch gegen verschiedene Adenoviren, Herpesviren und CMV.
Ribavirin wird als Trockensubstanz zur Inhalationsbehandlung als Aerosol angeboten. Dabei wird vermutlich wenig Wirksubstanz in das Blut aufgenommen. Es sollte unter einer Maske verabreicht werden, um einerseits hohe Konzentrationen in der Atemluft zu garantieren und andererseits das Pflegepersonal vor der möglichen teratogenen Wirkung zu schützen.
Die Erfahrungen mit oraler bzw. intravenöser Anwendung sind nicht groß. Ribavirin und seine Metaboliten reichern sich in Erythrozyten an, wo deren Konzentration in 4 Tagen ein Plateau erreicht und anschließend langsam wieder abnimmt. Dabei kann es zu Hämolyse kommen. Die hämatopoetische Toxizität ist jedoch als gering einzuschätzen.
Die wichtigste Anwendung war die Aerosolbehandlung bei Säuglingen und Kindern mit RSV-Infektionen. Wegen der aufwendigen Anwendung – Maske und Absaugung über 12–18 Stunden – sowie nicht überzeugender Wirksamkeit, ist diese Behandlung kaum noch üblich. Auch bei immungeschwächten Erwachsenen mit RSV-Pneumonie waren die Ergebnisse nicht überzeugend.
In Einzelfällen wurde Ribavirin i. v. zur Behandlung von schweren Darminfektionen mit Adenoviren und Rotaviren sowie respiratorischen Infekten mit Parainfluenza bei Transplantationspatienten mit Erfolg eingesetzt. Größere Studien fehlen jedoch. In Kombination mit Interferon-α wird Ribavirin in peroraler Form erfolgreich zur Therapie der chronischen Hepatitis C eingesetzt. Über Erfolge von Ribavirin wurde auch bei Lassa- Fieber, Hanta-Virusinfektionen und hämorrhagischen Pneumonien viraler Genese berichtet, wenn die Therapie frühzeitig begonnen wurde.

Aciclovir

Aciclovir (9-(2-Hydroxyethoxymethyl)-guanin) war das erste systemisch anwendbare Virostatikum mit überzeugender Wirksamkeit. Für die Entwicklung der Substanz erhielt Gertrude Belle Elion 1988 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Dieses Nukleosidanalogon wird selektiv durch die HSV-kodierte Thymidinkinase phosphoryliert. Es kann damit nur in HSV-infizierten Zellen wirksam werden. Nach Phosphorylierung hemmt Aciclovir-Triphosphat die DNA-Polymerase durch einen Kettenabbruch der DNA-Synthese, der durch das Fehlen der 3’-OH-Gruppe der D-Ribose zustande kommt. Aciclovir hemmt sehr wirkungsvoll die Replikation von Herpesviren, vor allem von Herpes-simplex-Virus 1 und 2 und Varicella-Zoster-Virus. Es zeigt dagegen kaum Wirksamkeit gegenüber Zytomegalieviren (CMV) und ist gegen Epstein-Barr-Viren (EBV) unwirksam.
Die Aufnahme von Aciclovir aus dem Magen-Darm-Trakt ist variabel, etwa 15–30% werden resorbiert, wobei eine Nahrungsaufnahme die Resorption offensichtlich nicht verändert. Bei Patienten mit häufig auftretenden HSV-Infektionen kann die orale Behandlung erfolgreich sein. Eine Therapie sollte jedoch bei den ersten Symptomen begonnen werden. Der Effekt einer Aciclovir-Behandlung auf den klinischen Verlauf von HSV-Infektionen bei immungesunden Personen ist allerdings nicht eindeutig bewiesen. So klingen die Symptome meist schon ab, bevor der Behandlungseffekt zum Tragen kommt. Lokale Behandlungen von HSV-Läsionen mit Aciclovir können die Dauer der Virusabscheidung und Abheilung verkürzen und die Schmerzhaftigkeit reduzieren. Insgesamt ist der Effekt von Aciclovir bei Immungesunden minimal, bei Immungeschwächten jedoch bedeutend.
Die schwerste Erkrankung mit HSV ist die Enzephalitis, die ohne virostatische Therapie in einem hohen Prozentsatz tödlich verläuft oder schwere, bleibende Schäden wie Lähmungen, Krampfleiden und psychomotorische Retardierung hervorruft. Hier hat die virostatische Therapie ihre größten Erfolge: die Mortalität kann durch Aciclovir auf wenige Prozent gesenkt und bleibende Störungen verhindert werden, wenn die Diagnose frühzeitig gestellt und die Behandlung bereits bei der Verdachtsdiagnose begonnen wird. Die Diagnose wird mittels PCR aus dem Liquor gesichert.
Besonders bei immungeschwächten Patienten hat Aciclovir einen günstigen Effekt auf den Verlauf von Herpes-zoster-Infektionen. So wird die Ausbreitung von Herpes zoster verhindert und die Abheilung beschleunigt.
Die Nebenwirkungsrate ist gering: ein vorübergehender Anstieg von Harnstoff und Kreatinin ist dosisabhängig und reversibel. Patienten, die Aciclovir über einen längeren Zeitraum oral einnehmen, berichten über Kopfschmerzen. Etwa 1% der Patienten entwickeln Anzeichen einer Enzephalopathie mit Verwirrtheitszuständen, Lethargie, Tremor, Krämpfen etc., meist Patienten, die gleichzeitig Interferon oder Methotrexat intrathekal erhalten. Selten sind Hautausschlag, Haarverlust, Hämaturie und Gelenkschmerzen zu beobachten.
Teratogene Wirkungen wurden bisher weder im Tierversuch noch beim Menschen beobachtet. Chromosomenbrüche konnten jedoch nach sehr hoher Dosierung nachgewiesen werden. Eine Therapie während der Schwangerschaft sollte daher nur bei strenger Indikation durchgeführt werden.
Die Wirksamkeit von Aciclovir bei EBV- und CMV-Infektionen ist gering. Für die CMV-Prophylaxe und Therapie nach Organtransplantationen ist daher Ganciclovir Mittel der Wahl.

Valaciclovir

Valaciclovir (Valyl-Aciclovir) hat eine etwa 3-fach höhere Bioverfügbarkeit im Vergleich zu Aciclovir und wirkt bei oraler Gabe besser. Valaciclovir ist ein Prodrug (Valylester des Aciclovir), dessen Valylrest in der Leber abgespalten wird.

Ganciclovir

Ganciclovir (9-(1,3-Dihydroxy-2-prooxymethylguanin)) ist dem Aciclovir verwandt, es zeigt aber gute Wirksamkeit gegen CMV. Wie Aciclovir wird Ganciclovir in HSV- und VZV-infizierten Zellen durch die virale Thymidinkinase phosphoryliert. In CM-Viren wird Ganciclovir durch eine andere Kinase phosphoryliert, die vom
UL97-Gen kodiert wird. Die virale DNA-Polymerase baut Ganciclovir in die virale DNA ein und hemmt damit die weitere DNA-Synthese. Nachdem CMV aber keine virusspezifische Thymidinkinase besitzt, ist die Wirkung von Ganciclovir auf CMV nicht geklärt. Vermutlich phosphorylieren andere Enzyme Ganciclovir.
Im Gegensatz zu Aciclovir wird Ganciclovirtriphosphat langsamer abgebaut, wodurch sich seine bessere Wirksamkeit erklären lässt. Ganciclovir wirkt gegen alle pathogenen Herpesviren einschließlich CMV. Sogar gegen Adenoviren zeigt es eine gewisse Aktivität. Gegen RNS-Viren ist es unwirksam. Ganciclovir ist sowohl i. v. als auch oral anwendbar, die orale Bioverfügbarkeit ist jedoch mit 5–9% sehr niedrig, sodass große Mengen eingenommen werden müssen. Um die Resorption zu verbessern sollte Ganciclovir mit Nahrung gegeben werden.
Ganciclovir ist für die Behandlung der CMV-Retinitis und die Prophylaxe von CMV-Infektionen bei Transplantationspatienten zugelassen. Es findet breite Anwendung bei der Knochenmarktransplantation zur Behandlung interstitieller Pneumonie, gastrointestinaler Infektionen und Hepatitis. Entscheidend ist auch hier der frühzeitige Beginn der Therapie.
Nach Knochenmarktransplantation wird heute in der Regel eine prophylaktische Behandlung durchgeführt, sobald Viren im Blut nachgewiesen werden. Somit konnte die Häufigkeit schwerer interstitieller CMV-Pneumonien gesenkt werden. Allerdings kommt es nach Absetzen von Ganciclovir oft zu Rezidiven.
Die häufigste Nebenwirkung einer Ganciclovir-Behandlung ist eine schwere Myelosuppression, die die Anwendung beschränkt. Sie tritt besonders häufig bei AIDS-Patienten auf, die gleichzeitig Zidovudin einnehmen. Weitere Nebenwirkungen sind Azoospermie, über deren Reversibilität bisher nichts bekannt ist. Übelkeit, Hepatitis, Hautausschlag, Verwirrtheitszustände, Psychosen, Eosinophilie und Venenreizung werden ebenso beobachtet.

Valganciclovir

Valganciclovir ist ein Prodrug von Ganciclovir, das nach oraler Anwendung rasch und umfassend zu Ganciclovir metabolisiert wird. Valganciclovir weist eine bessere Bioverfügbarkeit als Ganciclovir auf. Es ist zur Behandlung der CMV-Retinitis und zur Prophylaxe der CMV-Erkrankung nach Organtransplantation zugelassen. Die für Ganciclovir bekannten Nebenwirkungen können auch bei der Anwendung von Valganciclovir erwartet werden, da alle Nebenwirkungen, die bei Valganciclovir in klinischen Studien beobachtet wurden, bereits zuvor bei der Therapie mit Ganciclovir berichtet wurden. Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen nach Anwendung von Valganciclovir sind Neutropenie, Anämie und Diarrhö.

Famiciclovir

Famiciclovir ist ein Prodrug, das nach oraler Gabe zu Penciclovir verstoffwechselt wird. Es ist wirksam gegen HSV-1, HSV-2 und VZV.

Foscarnet

Foscarnet (Phosphonoformat) ist kein Nukleosid, sondern ein Pyrophosphatderivat, das reversibel und kompetitiv die virale DNA-Polymerase von HSV und CMV hemmt. Auch die reverse Transkriptase von HIV kann von Foscarnet gehemmt werden. Klinische Studien bei Transplantations- und AIDS-Patienten haben die Wirksamkeit gegen CMV-Infektionen und HIV belegt. Foscarnet ist auch gegen aciclovirresistente HSV und ganciclovirresistente CMV aktiv.

Inhibitoren viraler DNA-Polymerasen (Nukleosidanaloga).

Tabelle 4
Substanz Indikation Dosierung Erwachsene Dosierung bei Kindern und Jugendlichen
Ribavirin RSV als Aerosol 20 mg/ml Lösung über 12–18 Std./d als Aerosol 20 mg/ml Lösung über 12–18 h/d
HCV 0,8–1,4 g/d in 2 ED (p. o.)
  • ab 3 Jahren: 15 mg/kg/d

  • Kinder >47–65 kg: 600–800 mg/d in 2 ED

Aciclovir (oral) HSV, VZV 1–4 g/d in 4–5 ED
  • >2 Jahre: 1–4 g/d in 4–5 ED

  • Kinder < 2 Jahre erhalten die halbe Erwachsenendosis

Aciclovir (intravenös) Herpes zoster 3 g/d in 3 ED
Herpes simplex 1–2 g/d in 2 ED ab 12 Jahre 1 g/d in 2 ED
Herpes labialis 4 g/d in 2 ED für 1 Tag ab 12 Jahre 4 g/d in 2 ED für 1 Tag
CMV-Prophylaxe Transplantation 8 g/d in 4 ED ab 12 Jahre: 8 g/d in 4 ED
Ganciclovir CMV bei Immunschwäche (Organtransplantation, HIV)
  • initial 10 mg/kg in 2 ED

  • Dauertherapie 5 mg/kg/d an 7 Tagen der Woche in 1 ED oder 6 mg/kg/d an 5 Tagen der Woche in 1 ED (i. v.)

  • keine Zulassung < 18 Jahre

  • Kinder 0–17 Jahre (aufgrund pharmakokinetischer Daten): initial 10 mg/kg/d, dann 5 mg/kg/d in 1 ED

Valganciclovir CMV-Retinitis, Prophylaxe nach Organtransplantation
  • Initialdosis bei CMV-Retinitis: 1,8 g in

  • 2 ED über 21 Tage; dann 0,9 g/d in 1 ED

  • nach Organtransplantation: 0,9 g/d in 1 ED (p. o.)

Famciclovir Herpes zoster und Herpes genitalis 1,5 g/d in 3 ED (p. o.) 0,75 g/d in 3 ED (p. o.)
  • keine Zulassung < 18 Jahre

  • in Studien: Jugendliche: 0,75–1,5 g/d in 3 ED, Kinder 1–12 Jahre: 0,375–0,75 g/d in 3 ED

Brivudin Herpes zoster 125 mg/d in 1 ED für 7 Tage (p. o.)
Foscarnet CMV bei HIV
  • Initialtherapie: 180 mg/kg/d in 2–3 ED als Kurzinfusion

  • Erhaltungstherapie: 90–120 mg/kg/d in 1 ED als Infusion über 2 h

Jugendliche erhalten die Erwachsenendosis
Cidofovir Reservetherapie der CMV-Retinitis bei HIV 5 mg/kg KG 1 × pro Woche für 2 Wochen, dann 1 × alle 2 Wochen als Kurzinfusion
Wesentliche Nebenwirkungen von Foscarnet sind Störungen der Nierenfunktion, die sorgfältig überwacht werden sollte. Foscarnet bindet zweiwertige Metallionen, wodurch es zu Hypokalzämie, Hypomagnesämie, Hypokaliämie und Hypo- oder Hyperphosphatämie kommen kann. Myelosuppression kommt praktisch nicht vor.

Cidofovir

Cidofovir ist ein Phosphonomethylether-Derivat von Cytosin. Es ist gegen CMV sehr wirksam, selbst gegen Stämme, die gegen Ganciclovir und Foscarnet resistent sind. Aufgrund seiner hohen Nephrotoxizität muss Cidofovir mit Probenecid kombiniert werden, um eine langsame Ausscheidung zu gewährleisten.

Inhibitoren der retroviralen Integrase

Spezifische Inhibitoren, die die Integration der proviralen DNA in das Genom der Wirtszelle hemmen, haben das Therapiearsenal gegen HIV-Infektionen entscheidend erweitert. Die provirale DNA entsteht, wenn nach Eintritt in die Zelle die reverse Transkriptase die virale, genomische RNA in DNA umschreibt. Da die Integration in das Wirtsgenom eine wichtige Rolle für die Persistenz des HIV spielt, stellt die Hemmung dieser eine wichtige Komponente in der Kombinationstherapie der HIV-Infektion dar.
Raltegravirist der erste zugelassene Intergrase-Inhibitor. Wie alle HIV-Chemotherapeutika sollten Integrasehemmer, aufgrund der Gefahr der Resistenzbildung, nicht allein verabreicht werden.
Weitere Integrasehemmer wie Elvitegravir stehen kurz vor der Zulassung. Beide Verbindungen hemmen den Transfer der Einzelstrang-DNA. An unerwünschten Wirkungen treten Übelkeit, Kopfschmerz, Müdigkeit, Diarrhö und Juckreiz auf.

Dosierung des Integrasehemmers Raltegravir.

Tabelle 5
Indikation Dosierung Erwachsene Dosierung bei Kindern und Jugendlichen
HIV-1 800 mg/d in 2 ED (p. o.) Jugendliche ab 16 Jahre: 800 mg/d in 2 ED

Proteaseinhibitoren

Virale Proteasen stellen ein attraktives Ziel für die Entwicklung neuer, antiviraler Substanzen dar. Verbindungen, die diese Enzyme blockieren, werden als Proteaseinhibitoren bezeichnet. Virale Proteasen katalysieren die Bildung von Kapsidproteinen aus Vorläuferproteinen. Wird durch Blockade der Protease die Hülle des Virus nicht gebildet, verliert es seine Infektiosität. Die meisten Proteaseinhibitoren sind Peptide, die dem Enzym ähnlich sind, aber keine Schnittstelle für die Spaltung von Proteinen aufweisen und so die Bildung von Kapsidproteinen verhindern. Proteaseinhibitoren spielen heute eine wichtige Rolle in der Behandlung von HIV- und HCV-Infektionen. Die Wirkung der Substanzen Saquinavir, Indinavir, Nelfinavir, Amprenavir, Lopinavir, Tripanavir, Ritonavir und Tripanavir ist sehr gut. Leider haben sie substanzspezifische, unerwünschte Wirkungen wie Störung der Glukosetoleranz und des Fettstoffwechsels sowie eine Umverteilung des Körperfetts (Lipodystrophie). Die Proteasehemmer sollten immer in Kombination mit Nukleosidanaloga oder anderen Proteaseinhibitoren angewandt werden, um frühzeitige Resistenzen zu vermeiden.

Proteaseinhibitoren.

Tabelle 6
Substanz Indikation Dosierung Erwachsene Dosierung bei Kindern und Jugendlichen
Saquinavir HIV-1 2 g/d in 2 ED (p. o.)
  • Jugendliche >16 Jahre: 2 g/d in 2 ED

  • keine Zulassung < 18 Jahre: 4 Monate–5 Jahre: 100 mg/kg/d in 2 ED, max. 1 g/d (nur pharmakokinetische Daten)

Indinavir HIV-1 2,4 g/d in 3 ED (p. o.)
Nelfinavir HIV-1 2,5 g/d in 2 ED oder 2,25 g/d in 3 ED (p. o.)
  • Jugendliche ab 14 Jahre: 2,5 g/d in 2 ED oder 2,25 g/d in 3 ED

  • Kinder ab 3–13 Jahre: 100–110 mg/kg/d in 2 ED oder 75–105 mg/kg/d in 3 ED

Tipranavir HIV-1 500–1.000 mg/d (p. o.), immer in Kombination mit Ritonavir Kinder und Jugendliche 2–17 Jahre: 375 mg/m2/d max. 500 mg/d in Kombination mit Ritonavir
Ritonavir HIV-1 Dosierung zur Verbesserung der Pharmakokinetik in Kombination: 200 mg/d in 2 ED (p. o.)
  • Kinder ab 2 Jahre: 500–600–700 mg/m2/d in 2 ED

  • Dosierung zur Verbesserung der Pharmakokinetik in Kombination: 100–150 mg/m2/d in 2 ED

Telaprevir HCV 2,25 g/d in 3 ED (p. o.)
Boceprevir HCV 2,4 g/d in 3 ED (p. o.)
Saquinavir war der erste zugelassene Proteaseinhibitor mit Wirkung gegen HIV-1 und HIV-2. Allerdings hat Saquinavir nur eine geringe Bioverfügbarkeit von 4%. Bessere Bioverfügbarkeiten haben Indinavir und Ritonavir sowie Nelfinavir.
Auch für die Behandlung der chronischen HCV-Infektion wurden Inhibitoren der HCV-Protease (NS3/4A-Serinprotease) entwickelt. Sie hemmen die Freisetzung der einzelnen HCV-Proteine aus dem HCV-Polyproteinvorläufer und sind sehr effektiv. Die ersten beiden Substanzen dieser Gruppe sind Telaprevir und Boceprevir. Boceprevir ist der Serinprotease nachgeahmt, die reversibel an das aktive Zentrum des Nicht-Strukturproteins 3 (NS3) bindet, Telaprevir hemmt selektiv die NS3/4A-Protease von HCV. Beide Substanzen wurden zur Therapie des HCV-Genotyp-1 entwickelt, der bis zur Einführung nicht ausreichend behandelt werden konnte.

Neuraminidaseinhibitoren.

Tabelle 7
Substanz Indikation Dosierung Erwachsene Dosierung bei Kindern und Jugendlichen
Oseltamivir Influenza 150 mg/d in 2 ED (p. o.)
  • Jugendliche > 12 Jahre und Kinder > 40 kg: 150 mg/d in 2 ED für 5 Tage

  • Kinder 1–11 Jahre: 60–150 mg/d in 2 ED

Zanamivir Influenza A und B Inhalation: 20 mg/d in 2 ED Kinder ab 5 Jahre: Inhalation: 20 mg/d in 2 ED

Inhibitoren der Ausschleusung von Viruspartikeln

Die chemisch als kompetitive Neuraminidaseanaloga zu betrachtenden Neuraminidaseinhibitoren binden an die Neuraminidase der Influenza-Virushülle und blockieren so deren enzymatische
Aktivität. Hierdurch können neu gebildete Virionen die infizierten Zellen nicht verlassen. Neuraminidaseinhibitoren sind bei Influenza-A- und -B-Erkrankungen wirksam, müssen aber aufgrund ihres Wirkmechanismus möglichst früh, d. h. innerhalb von 24–48 Stunden nach Beginn der ersten Symptome, verabreicht werden. Ein Cochrane Review zeigte, dass Neuraminidaseinhibitoren eine Infektion mit Influenza nicht verhindern, jedoch den Verlauf abmildern können. Derzeit sind zwei Neuraminidaseinhibitoren auf dem deutschen Markt erhältlich: Oseltamivir und Zanamivir. Während Zanamivir inhalativ Anwendung findet, wird Oseltamivir oral verabreicht. Oseltamivir vermindert auch die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Ausbreitung der Influenza in der Familie. Die Substanz kann offensichtlich die Komplikationen einer Grippe nicht verhindern, verursacht aber neben Übelkeit und Erbrechen gelegentlich auch psychische und neurologische Nebenwirkungen. Neuere Substanzen wie Peramivir sind in der Entwicklung.

Literatur

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Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, 2009

Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie Infektionen bei Kindern und Jugendlichen 5. Auflage 2009 Thieme Verlag Stuttgart

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Schulz and Falke, 2012

TF Schulz D Falke Antivirale Chemotherapie S Suerbaum Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie 7. Auflage 2012 Springer Verlag Berlin 763 773

Wainberg et al., 2011

MA Wainberg GJ Zaharatos AG Brenner Development of antiviral drug resistance N Engl J Med 367 2011 637 646

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