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B978-3-437-22107-1.50398-8

10.1016/B978-3-437-22107-1.50398-8

978-3-437-22107-1

Klinische Manifestationen der Lyme-Borreliose.

Tab. 1
Infektion
frühe Phase späte Phase
akut-lokal akut-systemisch chronisch-systemisch
Inkubationszeit Tage bis Wochen Wochen bis Monate Monate bis Jahre
Haut Erythema migrans* multiple Erythemata migrantia*Borrelienlymphozytom* Acrodermatitis chronica atrophicans
ZNS - akute Neuroborreliose* chronische Neuroborreliose
Gelenke - Arthralgien*akute episodische Mono-, Oligoarthritis chronische Arthritis
Herz - Myo-, Perikarditis -
Augen - Konjunktivitis Uveitis intermedia Keratitis
Sonstiges - Myositis -

Anmerkung: Uncharakteristische Begleitbeschwerden wie subfebrile Temperaturen, Glieder- und Gelenkschmerzen und allgemeines Krankheitsgefühl können in jedem Stadium auftreten

*

im Kindesalter übliche Manifestationen

Borreliosen

A. Pohl-Koppe

Kernaussagen

  • Die Lyme-Borreliose wird durch Zecken übertragen. In Europa gibt es mindestens fünf humanpathogene Borrelien-Spezies. Nach einer durchgemachten Infektion ist so eine weitere Infektion mit einer anderen Borrelien-Spezies möglich.

  • Im Kindesalter sind die häufigsten Manifestationen einer akuten Lyme-Borreliose das Erythema migrans und einer systemischen Infektion die Neuroborreliose.

  • Das Erythema migrans ist eine Blickdiagnose, ein positiver Antikörpertiter kann zwar die Diagnose bestätigen, ein negativer Antikörpertiter schließt sie aber keineswegs aus.

  • Bei der akuten Neuroborreliose lassen sich typischerweise im Liquor eine lymphozytäre Pleozytose und borrelienspezifische IgM-Antikörper nachweisen.

  • Die mikrobiologische Diagnostik der Lyme-Borreliose ist eine Herausforderung und sollte spezialisierten Laboratorien vorbehalten sein.

  • Die Antibiotikatherapie soll nicht nur die schnelle Heilung der aktuellen Symptomatik erbringen, sie soll vor allem auch das Auftreten weiterer, systemischer Manifestationen der Infektion verhindern und zu einer Elimination des Erregers führen.

  • Im Kindesalter werden kutane Manifestationen oral und systemische Manifestationen intravenös behandelt.

  • Die Behandlung bei akuten Manifestationen ist in der Regel kurativ. In Einzelfällen persistieren unspezifische Allgemeinsymptome wie Müdigkeit und Arthralgien, echte Therapieversager sind selten.

Die Lyme-Borreliose ist eine Multisystemerkrankung, die durch eine Infektion mit der Spirochäte Borrelia burgdorferi hervorgerufen wird. Von den zahlreichen Genospezies dieses Erregers, die mit dem Sammelbegriff „Borrelia burgdorferi sensu lato” bezeichnet werden, kennt man derzeit fünf humanpathogene Genospezies:

  • Borrelia burgdorferi sensu stricto

  • Borrelia afzelii

  • Borrelia garinii

  • Borrelia spielmanii

  • Borrelia bavariensis.

Überträger des Krankheitserregers sind Schildzecken. Andere Insekten wie Stechmücken oder Bremsen werden als Vektoren diskutiert, spielen aber in der Übertragung offensichtlich keine wesentliche Rolle.

Reinfektionen mit anderen humanpathogenen Borrelien-Spezies sind nach durchgemachter Lyme-Borreliose möglich. Koinfektionen mit anderen Erregern, die denselben Vektor haben, z. B. die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), sind selten.

Klinische Manifestationen

Die Lyme-Borreliose verläuft in mehreren Infektionsstadien und kann verschiedene Organsysteme betreffen, v.a. Haut, Nervensystem, Gelenke oder Herz (▸ Tab. 1).
Der klinische Verlauf der Erkrankung ist individuell sehr variabel, oft verläuft die Infektion auch asymptomatisch.
In Abhängigkeit von der Stechaktivität des Vektors treten lokale und akute systemische Manifestationen während der Frühjahrs-, Sommer- und frühen Herbstmonate auf, während chronische Manifestationen perennial vorkommen. Insgesamt kommen chronische Manifestationen im Kindesalter sehr selten vor.

Behandlungsplan bei der Lyme-Borreliose im Kindesalter.

Tab. 2
1. Wahl des Antibiotikums
Antibiotikum Dosierung max. Tagesdosis
Orale Therapie
Mittel der 1. Wahl Amoxicillin g/kg KG/Tag in 2–3 ED 6 g
Alternative Cefuroxim-Axetil 20–30 mg/kg KG/Tag in 2 ED 1 g
Alternative ab dem 9. Lebensjahr Doxycyclin1 2–4 mg/kg KG/Tag in 1–2 ED 0,4 g
Mittel der 2. Wahl Azithromycin 10 mg/kg KG/Tag in 1 ED 1 g
Intravenöse Therapie
Mittel der 1. Wahl
  • Ceftriaxon2

  • Cefotaxim

  • 50 mg/kg KG/Tag in 1 ED

  • 200 mg/kg KG/Tag in 2–3 ED

  • 2 g

  • 6 g

Mittel der 2. Wahl bei Neuroborreliose Penicillin G 200.000–500.000 lE/kg KG/Tag in 4 ED 12 Mega
Bei Cephalosporin-Allergie Imipenem 60 mg/kg KG/Tag in 4 ED 4 g
2. Dauer der Therapie
Manifestation Medikament Behandlungsdauer
Erythema migrans
  • Amoxicillin, Cefuroxim

  • Doxycyclin

  • Azithromycin

  • 10–14 Tage

  • 10 Tage

  • 7 Tage

Borrelien-Lymphozytom
  • Amoxicillin, Cefuroxim, Doxycyclin

  • Azithromycin

  • 3–4 Wochen

  • 7–10 Tage

Akrodermatitis
  • Amoxicillin, Doxycyclin

  • Cefuroxim

  • 3 Wochen

  • 2–3 Wochen

Neuroborreliose/Lyme-Karditis Ceftriaxon, Cefotaxim, Penicillin 2 Wochen
Lyme-Arthritis
  • Ceftriaxon, Cefotaxim

  • Doxycyclin

  • 2 Wochen

  • 4–6 Wochen

1

Doxycyclin: CAVE: Fototoxizität. Therapie oftmals in den Sommermonaten, daher strenger UV-Schutz empfohlen

2

Ceftriaxon: Bei höherer Dosierung Gefahr des Gallenblasen-Sludges; allergisches Exanthem nicht selten, Differenzialdiagnose Jarisch-Herxheimer-Reaktion

Manifestationen an der Haut
Die häufigste klinische Manifestation ist das Erythema chronicum migrans (EM), das am Ort des Zeckenstichs wenige Tage bis Wochen nach der Infektion auftritt. Kommt es zu einem multilokuärem EM, hat bereits eine systemische Ausbreitung stattgefunden.
Im Kindesalter findet man nicht selten ein Borrelien-Lymphozytom (BL), das sich nach einer Latenzzeit von Wochen bis Monaten durch eine systemische Ausbreitung entwickelt hat.
Das BL ist gekennzeichnet durch eine rötlich-livide, gut begrenzte, etwas geschwollen erscheinende Effloreszenz an akralen Prädilektionsstellen wie Ohrläppchen, Brustwarze oder Skrotalhaut.
Im Kindesalter selten ist das Auftreten einer Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA). Mit einer Inkubationszeit von Monaten bis Jahren ist die ACA Ausdruck einer chronischen Infektion. Man unterscheidet ein
  • akutes Stadium mit einer flächigen Hautrötung vom

  • chronisch-atrophischen Stadium, bei dem die Haut eine zigarettenpapierähnliche Struktur annimmt.

Als Faustregel gilt:

Die häufigste Manifestation einer Lyme-Borreliose im Kindesalter ist das Erythema migrans.

Manifestationen am ZNS
Nach einer primären unbehandelten Infektion kann es innerhalb weniger Wochen zu einer Dissemination des Erregers kommen. Die häufigste klinische Manifestation im frühen systemischen Stadium im Kindesalter ist die Neuroborreliose.
In zirka der Hälfte der Fälle manifestiert sich die Neuroborreliose als ein-, seltener beidseitige periphere Fazialisparese.
Am zweithäufigsten beobachtet man eine lymphozytäre Meningitis.
Im Gegensatz zum Erwachsenenalter ist das Bannwarth-Syndrom (Meningopolyradikulitis mit dem Kardinalsymptom nächtliche Rückenschmerzen) bei Kindern eher selten.
Andere, seltene Manifestationen der kindlichen Neuroborreliose sind
  • Meningoenzephalitis

  • Lähmungen anderer Hirnnerven, z. B. Abduzensparese

  • periphere Monoparesen oder Hemiparesen

  • isolierte Kopfschmerzen

  • Pseudotumor cerebri oder

  • Hirnparenchymläsionen

  • und andere seltene Manifestationen, z. B. Halluzinationen.

Die chronische Neuroborreliose, die bei Erwachsenen mit einer MS-ähnlichen Symptomatik oder einer Enzephalopathie einhergehen kann, ist bei Kindern eine Rarität.

Als Faustregel gilt:

Die häufigste systemische Manifestation einer Lyme-Borreliose im Kindesalter ist die akute Neuroborreliose.

CAVE

Bei nächtlichen Rückenschmerzen bei Kindern sollte an ein Bannwarth-Syndrom gedacht werden!

Manifestation an den Gelenken
Arthralgien können in jedem Erkrankungsstadium begleitend auftreten. Die klassische Lyme-Arthritis ist aufgrund ihrer längeren Inkubationszeit Ausdruck einer systemischen Infektion.
Typischerweise sind große Gelenke wie Knie-, Sprung-, Ellenbogengelenke betroffen, bei denen sich akut eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung und deutliche Ergussbildung, meist ohne Rötung des Gelenkes, entwickelt.
Unbehandelt tendiert die akute Lyme-Arthritis zu chronischen Verläufen.
Manifestation am Herzen
Gelegentlich kommt es zu einer Karditis mit AV-Block Grad II und III.

CAVE

Eine Lyme-Karditis lässt sich mitunter nur durch ein EKG nachweisen, daher sollte bei systemischen Manifestationen die Diagnostik durch ein EKG komplettiert werden!

Diagnostik

Erythema migrans
Mit Ausnahme des Erythema migrans, das eine Blickdiagnose ist, wird die Diagnose einer Lyme-Borreliose in Zusammenschau von anamnestischen, klinischen und mikrobiologischen Befunden erstellt.
! Aufgrund der kurzen Inkubationszeit des EM sind nur in ca. der Hälfte der Fälle im Serum borrelienspezifische Antikörper nachweisbar. Daher kann ein positiver Borrelien-IgM-Titer die Diagnose eines ECM zwar bestätigen, ein negativer diese aber nicht ausschließen.
Hautmanifestationen, die im Rahmen einer systemischen Ausbreitung entstehen, gehen in der Regel mit einem positiven Antikörpernachweis einher.
Eine positive PCR in Hautbiopsien bestätigt die Diagnose.
Neuroborreliose
Bei V. a. Neuroborreliose müssen sowohl Liquor als auch Serum untersucht werden:
  • Im Liquor lässt sich eine lymphozytäre Pleozytose nachweisen.

  • Positive Antikörper in Serum und/oder Liquor sind umso häufiger nachweisbar, je länger die Inkubationszeit dauert.

Dabei treten im Kindesalter in den meisten Fällen borrelienspezifische IgM-Antikörper im Serum und/oder Liquor – mit oder ohne IgG-Antikörper – auf.
Der Nachweis eines positiven Liquor-Serum-Indexes entspricht einer intrathekalen Antikörpersynthese und beweist die Infektion des ZNS ebenso wie ein positiver PCR-Nachweis im Liquor. Allerdings ist dieser auch bei serologisch nachgewiesener Neuroborreliose meistens negativ und daher diagnostisch wenig hilfreich.

Als Faustregel gilt:

Bei der akuten Neuroborreliose lassen sich typischerweise im Liquor eine lymphozytäre Pleozytose und im Serum und/oder Liquor borrelienspezifische IgM-Antikörper nachweisen.

Lyme-Arthritis
Eine Lyme-Arthritis geht in der Regel mit hochpositiven Serum-IgG-Antikörpern mit oder ohne IgM-Antikörper einher.
Die Borrelien-PCR ist in ca. der Hälfte der Fälle in der Synoviabiopsie oder im Gelenkpunktat positiv, der kulturelle Erregernachweis gelingt nur selten.

Zusammenfassend gilt:

Die Diagnostik der Lyme-Borreliose ist aus verschiedenen Gründen oftmals schwierig:

  • Bei kurzer Inkubationszeit und kurzer klinischer Symptomatik kann der Antikörpernachweis noch negativ sein, eine Borrelien-Infektion aber trotzdem vorliegen.

  • Bei typischer klinischer Symptomatik und initial negativen Serumtitern kann durch eine rasche antibiotische Therapie eine Serokonversion ausbleiben.

  • IgM-Titer weisen auf eine akute oder kürzliche Infektion hin, können aber auch über Monate persistieren und lassen daher nicht immer Rückschlüsse auf den Zeitpunkt der Infektion zu.

  • Im Rahmen von anderen Virusinfektionen, z. B. EBV oder VZV, kann es zu einer polyklonalen Stimulierung kommen und damit zu falsch positiven Borrelien-Titern. Insbesondere bei isoliert auftretenden grenzwertig positiven Borrelien-IgM-Titern sollte eine weitere Differenzialdiagnostik veranlasst werden.

    Behandlungsplan bei der Lyme-Borreliose bei Erwachsenen.

    Tab. 3
    1. Wahl des Antibiotikums
    AntibiotikumDosierung
    Orale Therapie
    Mittel der 1. WahlAmoxicillin2 × 1 g
    Alternative
    • Cefuroxim-Axetil

    • Doxycyclin1

    • 2 × 500 mg

    • 1 × 200 oder 2 × 100 mg

    Mittel der 2. WahlAzithromycininitial 2 × 500 mg, dann 1 × 500 mg
    Intravenöse Therapie
    Mittel der 1. Wahl
    • Ceftriaxon2

    • Cefotaxim

    • Cefuroxim

    • 1 × 2 g

    • 3 × 2 g

    • 2 × 500 mg

    Mittel der 2. Wahl bei NeuroborreliosePenicillin G4 × 5–6 Mio. lE/Tag
    2. Dauer der Therapie
    ManifestationMedikamentBehandlungsdauer
    Erythema migrans
    • Amoxicillin, Cefuroxim-Axetil, Doxycyclin

    • Azithromycin

    • 2 Wochen

    • 5–7 Tage

    Borrelien-Lymphozytom
    • Amoxicillin, Cefuroxim-Axetil, Doxycyclin

    • Azithromycin

    • 2–3 Wochen

    • 5–7 Tage

    Akrodermatitis
    • Amoxicillin, Doxycyclin

    • Ceftriaxon, Cefotaxim

    • 3 Wochen

    • 2 Wochen

    Lyme-Karditis
    • Amoxicillin, Doxycyclin

    • Ceftriaxon, Cefotaxim

    • 3 Wochen

    • 2 Wochen

    Neuroborreliose (akut)
    • Ceftriaxon, Cefotaxim

    • Penicillin G

    • Doxycyclin3

    • 2–3 Wochen

    • 2–3 Wochen

    • 2–3 Wochen5

    Neuroborreliose (chron.)
    • Ceftriaxon, Cefotaxim

    • Doxycyclin

    • 3 Wochen

    • 2–3(-4) Wochen5

    Lyme-Arthritis
    • Ceftriaxon, Cefotaxim

    • Doxycyclin4

    • 2 Wochen

    • (2-)4 Wochen5

    1

    Doxycyclin: Cave Fototoxizität. Therapie oftmals in den Sommermonaten, daher strenger UV-Schutz empfohlen

    2

    Ceftriaxon: Bei höherer Dosierung Gefahr des Gallenblasen-Sludges; allergisches Exanthem nicht selten, Differenzialdiagnose Jarisch-Herxheimer-Reaktion

    3

    Doxycyclin möglich bei isolierter peripherer Fazialisparese

    4

    bei rezidivierender oder chronischer Lyme-Arthritis: Doxycyclin bis zu 8 Wochen

    5

    kein Konsens über die optimale Therapiedauer

  • Bei unspezifischer klinischer Symptomatik kann der Nachweis von IgG-Titern auch Durchseuchungstitern entsprechen und somit nicht auf die aktuelle Situation bezogen werden.

  • Die PCR-Diagnostik ist außer bei Hautbiopsien oftmals negativ. Eine negative PCR schließt eine akute Infektion nicht aus.

  • Borrelien-Lymphozytentransformationstests sind unspezifisch und für eine seriöse Diagnostik ungeeignet.

  • Eine PCR-Untersuchung einer vom Körper entfernten Zecke auf Borrelien ist nicht zu empfehlen. Selbst wenn es sich um eine Borrelien tragende Zecke handeln sollte, ist erstens damit nicht bewiesen, dass es zu einer Übertragung gekommen ist. Zweitens können Zecken auch mit nicht humanpathogenen Stämmen von B. burgdorferi durchseucht sein.

Insgesamt ist die mikrobiologische Diagnostik der Lyme-Borreliose eine Herausforderung und sollte spezialisierten Laboratorien vorbehalten sein. Das nationale Referenzzentrum für Borrelien im bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ist richtungsweisend für die Diagnostik der Lyme-Borreliose.

CAVE

Ohne spezifische klinische Symptomatik sind Borrelien-Titer oftmals sehr schwer zu interpretieren und werfen mehr Fragen auf als sie Antworten bringen.

Therapie

Die frühen Manifestationen der Lyme-Borreliose haben eine hohe Spontanheilungstendenz. Allerdings besteht das Risiko einer systemischen Ausbreitung mit einer nachfolgenden Organmanifestation.
Typisch ist z. B. das Auftreten einer Lyme-Arthritis Wochen bis Monate nach einem unbehandelten Erythema migrans.

Als Faustregel gilt:

Eine antibiotische Therapie hat daher nicht nur die schnelle Heilung der aktuellen Symptomatik zum Ziel, sie soll auch das Auftreten weiterer systemischer und eventuell chronischer Manifestationen der Infektion verhindern und zu einer Elimination des Erregers führen.

Behandlung von kutanen Manifestationen

Kutane Manifestationen der Lyme-Borreliose werden üblicherweise oral behandelt (▸ Tab. 2, ▸ Tab. 3).
Die Therapiedauer eines Erythema migrans sollte 10–14 Tage betragen, bei weiterhin sichtbarem Erythem oder allgemeinen Krankheitssymptomen ist selten eine Behandlung bis zu 20 Tagen erforderlich.
Im Kindesalter gilt als Mittel der Wahl Amoxicillin oder ein orales Cephalosporin der 2. Generation. Alternativ kann man bei Kindern > 9 Jahre auch Doxycyclin einsetzen.
Als Mittel der 2. Wahl gelten Makrolid-Antibiotika wie Azithromycin.
Das Borrelien-Lymphozytom wird wie das Erythema migrans behandelt (▸ Tab. 3). Da es jedoch eine längere Inkubationszeit hat und in der Regel auch mehr Zeit vergeht, bis die richtige Diagnose gestellt wird, empfiehlt sich eine längere Behandlungsdauer über einen Zeitraum von 3–4 Wochen.
Bei einem Borrelien-Lymphozytom kann auch nach einer mehrwöchigen antibiotischen Therapie ein Persistieren der Hautveränderungen beobachtet werden – ohne dass eine erneute antibiotische Behandlung notwendig wäre.
Ebenso wird in der Regel eine – im Kindesalter äußerst selten auftretende – Akrodermatitis chronica atrophicans mit oraler antibiotischer Therapie über 3 Wochen behandelt.

Als Faustregel gilt:

Im Kindesalter werden kutane Manifestationen oral und systemische Manifestationen intravenös behandelt.

Behandlung bei anderen Organmanifestationen

Als Faustregel gilt:

Im Gegensatz zur Therapie bei Erwachsenen wird im Kindesalter bei Manifestationen am Nervensystem, an den Gelenken und am Herzen grundsätzlich eine intravenöse antibiotische Therapie mit Cephalosporinen der 3. Generation (Cefotaxim, Ceftriaxon) empfohlen (▸ Tab. 2, ▸ Tab. 3).

Bei der Neuroborreliose kann auch Penicillin G verwendet werden, es muss jedoch aufgrund der schlechten Liquorgängigkeit von Penicillin die extrem hohe Dosierung beachtet werden (▸ Tab. 2).
Akute systemische Manifestationen der Lyme-Borreliose werden im Kindesalter in der Regel über 14 Tage behandelt. Eine längere Therapiedauer muss in einzelnen Fällen bei zögerlicher Heilung erwogen werden.
Bei älteren Kindern bzw. Jugendlichen kann – in Analogie zu der Therapie im Erwachsenenalter – im Falle einer Lyme-Arthritis eine primär orale Therapie mit Doxycyclin erwogen werden. Zu beachten ist hierbei jedoch eine gute Compliance, da die Therapie über 4–6 Wochen erfolgt.
! Die Fototoxizität von Doxycyclin. Vorsicht bei Erkrankung in den Sommermonaten.
! Dass Therapieversager unter Doxycyclin häufiger auftreten und in einem solchen Falle zusätzlich eine intravenöse Therapie erfolgen sollte!
Steht bei der Lyme-Arthritis eine stark entzündliche klinische Symptomatik im Vordergrund kann zusätzlich mit einem nichtsteroidalen Antiphlogistikum behandelt werden, z. B. Naproxen.
Nach antibiotischer Therapie von Spätmanifestationen kommt es oft erst im Verlauf mehrerer Wochen und Monate zu einer allmählichen Remission oder ggf. zur Defektheilung.

Therapie während der Schwangerschaft

Aufgrund der möglichen, aber wohl sehr geringen Gefahr einer transplazentaren Infektion, die eventuell zu Aborten bzw. Totgeburten führen kann, ist eine frühe antibiotische Behandlung einer Lyme-Borreliose während einer Schwangerschaft erforderlich.
Da es hierzu keine gesonderten Therapiestudien gibt, wird man sich – unter Berücksichtigung geeigneter Antibiotika während einer Schwangerschaft, z. B. Amoxicillin, Penicillin, Ceftriaxon und Cefotaxim – an die generellen Therapieempfehlungen anlehnen.

Therapieversager

Als Faustregel gilt:

Generell muss bei einer Ineffektiven antibiotischen Therapie zunächst die Frage gestellt werden, ob die Diagnose einer Lyme-Borreliose als gesichert angesehen werden kann!

Vielfach werden fälschlicherweise vieldeutige Krankheitssymptome infolge einer Fehl- oder Überbewertung serologischer Befunde und neuerdings auch der PCR als Lyme-Borreliose diagnostiziert.
Bei einer verordneten oralen Therapie ist ggf. auch die Frage der Compliance zu bedenken.
Die Behandlung bei akuten Manifestationen ist in der Regel kurativ. In Einzelfällen persistieren unspezifische Allgemeinsymptome wie Müdigkeit und Arthralgien, echte Therapieversager sind sehr selten.
Dagegen ist die Behandlung von neurologischen Spätmanifestationen – im Kindesalter extrem selten – und die Therapie einer spät diagnostizierten Lyme-Arthritis gelegentlich ineffektiv. Zur Wirksamkeit wiederholter Therapiezyklen oder einer Verlängerung der bisher üblichen Therapiedauer liegen bislang nur kasuistische Erfahrungen vor.
Im Einzelfall kann eine Wiederholung der antibiotischen Therapie bzw. eine Verlängerung des Therapiezeitraums erwogen werden.
Letztlich stellt sich die Frage, ob es sich in solchen Fällen noch um eine persistierende Infektion oder einen erregerinduzierten Autoimmunprozess, z. B. infolge einer unvollständigen Antigenelimination, handelt.
Bei therapieresistenten Lyme-Arthritiden kann die Durchführung einer Synovialektomie erforderlich werden.
! Diese Maßnahme sollte in Anbetracht der langfristig hohen Spontanremissionsrate auf Fälle mit chronischem Gelenkbefall und mit zu befürchtenden erosiven Gelenkläsionen beschränkt bleiben.

Als Faustregeln gelten:

  • Serologische Verlaufskontrollen sind nicht hilfreich, um die Effektivität einer antibiotischen Therapie zu beurteilen.

  • Der Erfolg der Therapie ist nur klinisch zu beurteilen.

Prophylaxe

Eine prophylaktische Gabe von Antibiotika nach einem Zeckenstich kann nicht empfohlen werden. Die Häufigkeit von Infektionen ist weit geringer, als es die durchschnittliche Durchseuchungsrate der Zecken mit Borrelia burgdorferi von etwa 10–30% erwarten ließe.
Die Infektionsrate korreliert mit der Dauer des Saugakts der Zecken.
Nach einer möglichen Exposition kann daher eine sorgfältige Inspektion der Haut – bei Kindern nach entsprechender Exposition vor allem den Kopf- und Halsbereich durchsuchen – und somit frühe Entfernung von Zecken die Gefahr einer Lyme-Borreliose mindern.
Zecken sollten mit einer Pinzette unmittelbar an der Haut gefasst und durch kontinuierlichen Zug herausgezogen werden.

Kasuistik

Fall 1
Anamnese
Die 11-jährige Andrea klagt seit ca. 7 Monaten über Kopfschmerzen, die in den letzten 5 Monaten an Frequenz und Stärke zugenommen haben.
Wegen begleitender Glieder- und Gelenkschmerzen wurde das Kind bei einem Orthopäden vorgestellt, der keinen pathologischen Befund erheben konnte.
Auch eine augenärztliche Untersuchung hat keinen weiteren Befund erbracht.
Es wurde die Diagnose Migräne gestellt.
Eine Fußzonen-Reflex-Massage und eine chiropraktische Behandlung wurden ohne Erfolg durchgeführt.
Das plötzliche Auftreten von Doppelbildern bedingt durch eine Abduzensparese führte schließlich zur Vorstellung an der Universitätskinderklinik.
Dort wurde eine Abduzensparese rechts bei ansonsten unauffälligem körperlichen wie neurologischen Befund festgestellt.
Diagnostik
Zum Ausschluss einer zerebralen Raumforderung wurde notfallmäßig ein kraniales CT und im weiteren Verlauf ein Schädel-MRT durchgeführt, beide ohne pathologischen Befund.
Die Liquorpunktion erbrachte eine milde lymphozytäre Pleozytose von 9 Zellen/μl und erhöhtem Eiweiß (154 mg/dl) bei normaler Glukose.
Im Serum und Liquor waren die Borrelien-IgG-Titer (im ELISA, IFT und Immunoblot) deutlich erhöht, die IgM-Titer waren grenzwertig positiv.
Im Liquor konnten oligoklonale Banden und ein positiver Liquor-Serum-Index nachgewiesen werden.
Aufgrund dieser Befunde wurde die Diagnose einer lymphozytären Meningitis mit Abduzensparese im Sinne einer Neuroborreliose gestellt.
Therapie und Verlauf
Unter intravenöser Therapie mit Ceftriaxon kam es in folgenden Tagen zu einer langsamen Besserung der Symptomatik.
Insgesamt wurde die antibiotische Therapie über 14 Tage durchgeführt.
Die Doppelbilder waren erst 4 Wochen nach Therapiebeginn verschwunden.
Im Verlauf der nächsten 1,5 Jahre blieb der neurologische Befund unauffällig, die Borrelien-Titer persistierten auf einem hochpositiven Niveau.
Fall 2
Anamnese
Der 8-jährige Lukas stellte sich mit einem dicken Knie rechts vor. Die Schwellung sei akut aufgetreten. Ein Zeckenstich sei nicht erinnerlich, das Kind spiele aber gerne und viel in der freien Natur.
Auf Nachfragen konnte sich die Mutter an eine flächige runde Rötung im Bereich der Oberschenkel erinnern, die wenige Monate zuvor aufgetreten sei. Diese sei aber spontan wieder verschwunden.
Diagnostik
Bei der Untersuchung imponierte das rechte Knie deutlich geschwollen und bewegungseingeschränkt. Es war kaum gerötet.
Im Ultraschall fiel eine deutliche Ergussbildung auf.
Im Serum zeigte die Borrelien-Serologie deutlich erhöhte IgG-Titer in ELISA, IFT und Immunoblot und negative IgM-Titer.
Therapie und Verlauf
Unter dem V. a. Lyme-Arthritis wurde eine intravenöse antibiotische Therapie mit Cefotaxim begonnen. Darunter kam es zu einer langsamen Besserung.
Da das Kind bei sehr gutem Allgemeinzustand war, wurde die Therapie nach 3 Tagen auf Ceftriaxon umgestellt, um eine ambulante Behandlung zu ermöglichen.
Bei weiteren Verlaufskontrollen ergab sich klinisch kein pathologischer Befund mehr.

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