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B978-3-437-22107-1.50427-1

10.1016/B978-3-437-22107-1.50427-1

978-3-437-22107-1

Enterovirusinfektion: Coxsackie, ECHO

U. Wintergerst

Kernaussagen

  • Es gibt eine Vielzahl nichtpolioviraler Enteroviren, die meist milde verlaufende unspezifische fieberhafte Erkrankungen der oberen Atemwege verursachen. Schwere, septische Verlaufsformen mit Entzündungen des Herzens bzw. des ZNS sind aber besonders bei Neugeborenen möglich.

  • Der Nachweis erfolgt über die Virusisolierung bzw. mithilfe molekularbiologischer Methoden (RT-PCR).

  • Eine gut wirksame antivirale Therapie gibt es nicht.

  • Bei Ausbrüchen von schweren Enterovirusinfektionen auf Neugeborenenstationen kann eine Prophylaxe mit Immunglobulinen für die noch nicht erkrankten Neugeborenen erwogen werden.

Bisherige Klassifikation der nichtpolioviralen Enteroviren:

  • Gruppe-A-Coxsackieviren: Serotypen 1–22, 24

  • Gruppe-B-Coxsackieviren: Serotypen 1–6

  • Echoviren: Serotypen 1–9, 11–21, 24–27, 29–33

  • Enteroviren: Serotypen 68–71

  • Parechoviren: zunächst Enterovirus 22 und 23, inzwischen 14 Subtypen.

Inzwischen gibt es auch eine neuere Klassifikation aufgrund Homologien in der Kodierungsregion des VP 1-Kapsel-Proteins (Gruppen A-D, ca. 100 Typen).

Diese Viren verursachen ein breites Spektrum von Krankheitsmanifestationen.

  • Am häufigsten sind milde verlaufende, unspezifische, fieberhafte Erkrankungen der oberen Luftwege, die – besonders im Kindesalter – öfters mit masern- und rötelnähnlichen Exanthemen einhergehen.

  • Seltener sind Herz und ZNS in Form von Peri-/Myokarditis, Meningitis, Enzephalitis und spinaler Muskellähmung betroffen.

  • Besondere Verlaufsformen sind chronische Enterovirusmeningoenzephalitiden bei Agammaglobulinämie und schwere Neugeborenenerkrankungen bis hin zum Schock mit disseminierter intravasaler Gerinnung.

Enterovirus-Infektionen gehen oft mit hohen Entzündungszeichen einher: z. B. stark beschleunigte Blutsenkungsgeschwindigkeit, Granulozytose mit Linksverschiebung.

! Verwechslungen mit bakteriellen Infektionen sind daher leicht möglich, was zum unnötigen Einsatz von Antibiotika führen kann.

Diagnostische Voraussetzungen

Eine klinische Diagnose ist nur in Ausnahmefällen möglich, z. B. bei Herpangina, Hand-Fuß-Mundkrankheit oder Myalgia epidemica.
Der Goldstandard für die Diagnose einer Enterovirus-Infektion war bisher die Virusisolierung mit anschließender Typisierung aus Liquor, Blut, Rachenspülwasser, Bläscheninhalt oder Biopsiematerial.
! Der Virusnachweis im Stuhl allein ist für die Diagnose unzureichend!
Heutzutage kann eine Enterovirus-Infektion rascher mit etwas höherer Sensitivität, bei gleicher Spezifität im Vergleich zur Virusisolierung durch molekularbiologische Methoden bewiesen werden: Nachweis enterovirusspezifischer RNA-Sequenzen aus Körperflüssigkeit oder Biopsiematerial mittels RT-PCR(Picornavirusnachweis). Hiermit ist allerdings keine Typisierung möglich. Die PCR ist bei Enterovirus 71 häufig negativ! Parcechoviren werden ebenfalls nicht von der “normalen ” Enterovirus-PCR erfasst.
Serologische Untersuchungen sind nur dann indiziert, wenn bereits ein gezielter Verdacht auf eine Infektion mit einem bestimmten Erreger vorliegt, z. B. im Fall einer Peri- oder Myokarditis mit Coxsackie-B-Viren. Hierfür wird allerdings ein im Abstand von 7–10 Tagen entnommenes Serumpaar benötigt.
  • Ein mindestens vierfacher Titeranstieg in der Komplementbindungsreaktion oder im Neutralisationstest spricht dann für eine frische Infektion.

  • Spezifische IgM-Antikörper sind wegen der weiten antigenen Kreuzreaktionen nur bedingt aussagefähig.

Therapie

Als Faustregel gilt:

Es gibt bisher keine wirksame antivirale Therapie.

Das Virostatikum Pleconaril(ViroPharma Inc., Exton, Pennsylvania) zeigte in randomisierten Studien und Fallreporten eine mäßige Wirkung, wurde aber von der FDA nicht zugelassen und ist m. W. derzeit nicht verfügbar.

CAVE

  • Steroide und nichtsteroidale Antiphlogistika sollten bei einer frischen Infektion, v. a. bei Myokarditis, nicht verabreicht werden.

  • Tierversuche konnten zeigen, dass durch diese Substanzen die Nekrosen im Herzmuskel verstärkt werden.

Bei Patienten mit iatrogenen Immundefekten (immunsuppressive Therapie, Z. n. SZT) wurde für die Gabe von i. v. Immunglobulinen (0,4–2 g/kg KG) in einer Kohortenstudie ein günstiger Effekt beobachtet [Empfehlungsgrad C].
Bei Patienten mit Agammaglobulinämie, die an einer chronischen ECHO-Virusinfektion leiden, ist ein Behandlungsversuch mit möglichst hochtitrigen, typenspezifischen Immunglobulinen, in Kombination mit Pleconaril indiziert.
Der Einsatz von intravenös applizierbaren Immunglobulinen bei der schweren neonatalen Enterovirusinfektion ist umstritten.

Prophylaxe

Impfstoffe gegen Enteroviren stehen nicht zur Verfügung.
Bei Ausbrüchen von schweren Enterovirusinfektionen auf Neugeborenenstationen ist eine Prophylaxe mit Immunglobulinen für die gesunden Kinder zu erwägen. Zu berücksichtigen ist hierbei allerdings, dass man oft nicht weiß, ob überhaupt ausreichende Mengen an spezifischen Antikörpern gegen den ursächlichen Serotyp in dem verwendeten Immunglobulinpräparat enthalten sind.

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