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B978-3-437-22107-1.50137-0

10.1016/B978-3-437-22107-1.50137-0

978-3-437-22107-1

Funktionelle Dyspepsie (funktionelle Magenbeschwerden) – Psychosomatische Aspekte

G. Schüßler

Kernaussagen

  • Für die Entstehung einer funktionellen Dyspepsie ist ein komplexes Wechselspiel von biologischen Faktoren, Regulationsstörungen, Belastungsfaktoren und persönlichen Verarbeitungsmöglichkeiten ausschlaggebend. Eine einheitliche Persönlichkeit des „Magenkranken” gibt es nicht.

  • Für die Prognose der funktionellen Dyspepsie scheinen psychische Faktoren ausschlaggebend zu sein.

  • Die Leitlinie der Diagnostik ist „so viel wie nötig” und nicht „so viel wie möglich”, dies gilt für die psychosoziale ebenso wie für die organische Diagnostik.

  • Grundlage der psychosomatischen Behandlung des Magenkranken ist das vertrauensvolle ärztlich-psychotherapeutische Gespräch.

  • Die Kombination verschiedener Therapiemaßnahmen ist oft sinnvoll und notwendig, z.B. die Kombination von Psychotherapie und Medikamenten, insbesondere Gastroprokinetika und antisekretorischen Medikamenten.

Vorbemerkungen

Entsprechend der großen Verbreitung der funktionellen Magenbeschwerden sind unterschiedliche emotionale Konflikte und Persönlichkeitskonstellationen in der Entstehung und im Verlauf dieser Krankheitsbilder zu erwarten, es kann also nicht von einer einheitlichen Persönlichkeit, z.B. des „Magenkranken”, gesprochen werden.
Für die Entstehung funktioneller Störungen ist ein komplexes Wechselspiel von biologischen Faktoren, alltäglichen Missempfindungen (bei einer Subgruppe der Patienten mit funktioneller Dyspepsie [FD] ist eine gastrische Hypersensitivität beschrieben), Regulationsstörungen, Belastungsfaktoren, „Stress” (findet sich vor Ausbruch einer FD häufiger) und persönlichen Verarbeitungsmöglichkeiten anzunehmen.
  • Unterschiedliche psychosoziale oder biologische Bedingungen führen zu Funktionsänderungen oder -störungen und zu entsprechenden Beschwerden. Diese werden individuell unterschiedlich verarbeitet und bewältigt.

  • Bei entsprechenden somatisch entgegenkommenden Faktoren – ungefähr 25% der Fälle von FD entwickeln sich nach einer akuten Mageninfektion mit Erbrechen (Tack et al. 2002) – Persönlichkeitsfaktoren oder auch Umweltfaktoren kann dies zu einer Fortführung der Funktionsstörung und zur Inanspruchnahme medizinischer Hilfe führen.

Für die Prognose scheinen psychische Faktoren ausschlaggebend zu sein.

Diagnostische Anmerkungen

Nur 20–50% der Patienten mit funktionellen Magen- und Oberbauchbeschwerden nehmen ärztliche Hilfe in Anspruch.
Patienten mit funktioneller Dyspepsie zeigen in der Regel ein Krankheitsverhalten, das sie von organisch Kranken deutlich unterscheidet.
  • Sie leiden neben den Oberbauchbeschwerden unter einer Vielzahl anderer vegetativer (somatoformer) Beschwerden, gehen häufiger zum Arzt, sind häufiger krank und neigen zur ängstlichen Bewertung ihrer Beschwerden.

  • Insbesondere die erhöhte Ängstlichkeit und die damit verbundene ängstliche Wahrnehmung und Bewertung der Körpersymptome spielen für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Beschwerden eine entscheidende Rolle.

Als Faustregel gilt:

Die Leitlinie der Diagnostik ist „so viel wie nötig” und nicht „so viel wie möglich”, dies gilt ebenso für die psychosoziale Diagnostik, die stets begleitend zur organischen Diagnostik stattfinden sollte.

Behandlungsempfehlungen

Als Faustregel gilt:

Die Beschwerden des Patienten müssen – wie generell bei funktionellen Störungen – ernst- und angenommen werden: auf keinen Fall sollte versucht werden, dem Patienten seine Beschwerden „auszureden” oder ihm fragwürdige Sicherheit mit immer neuen diagnostischen Maßnahmen zu geben.

Grundlage der psychosomatischen Behandlung des Magenkranken ist das vertrauensvolle ärztlich-psychotherapeutische Gespräch.
Dabei sind wesentliche Techniken
  • Informationsgebung,

  • stützende Begleitung und,

  • je nach Bereitschaft des Patienten, das Gespräch über Lebenskonflikte und Probleme.

    • Häufig ist der erste Schritt die Veränderung des ausschließlich organischen Erkrankungskonzeptes des Patienten („Ja, ich merke, mir schlägt etwas auf den Magen”).

Die gestuften weiteren psychosozialen und psychotherapeutischen Maßnahmen im engeren Sinne müssen individuell getroffen werden.
Die Indikation zur Überweisung zum Fachpsychotherapeuten besteht bei hinreichender Motivation und dem Vorhandensein von komorbiden psychischen Störungen.
Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Maßnahmen ist gesichert (Evidenzstufe A; Soo et al. 2005):
  • Entspannungstechniken, Hypnose, Verhaltenstherapie und psychodynamisch-tiefenpsychologische Therapien zeigten bei 8–12 Stunden über 12 Monate eindeutige Besserungen, meist auch langfristig.

  • Die Cochrane-Übersicht (Soo et al. 2005) betont auch die Reduktion der Gesundheitskosten!

Die Kombination verschiedener Therapiemaßnahmen ist oft sinnvoll und notwendig, so auch die Kombination von Psychotherapie und Medikamenten, insbesondere Gastroprokinetika und antisekretorischen Medikamenten.
Psychopharmaka sind entsprechend der Zielsymptomatik (depressive Verstimmungen, Unruhe, Ängste u.a.) einzusetzen, dies gilt insbesondere für Antidepressiva (bevorzugt Serotonin-Wiederaufnahmehemmer [SSRI]), die in der Regel niedrig dosiert angewandt werden.
  • Vorsicht bei längerdauernder Benzodiazepin-Einnahme!

Refraktäre Symptomatik
Trotz aller Bemühungen zeigen sich bei einem Teil der Patienten die Beschwerden als therapeutisch nicht beeinflussbar.
Gerade diese Patienten bedürfen einer langfristigen Begleitung durch den Arzt. Die Therapie umfasst hierbei Zuhören, Ablenken, Suggestion, Ermutigung, Vorschläge bis hin zu Ratschlägen und Einflussnahme auf die Umwelt.

Literatur

Schüssler, 2005

G Schüssler Lehrbuch der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie 2005 Uni-Med Bremen

Soo et al., 2005

S Soo P Moayyedi J Deeks Psychological interventions for non-ulcer dyspepsia Cochrane Database Syst Rev 2005 CD002301

Tack et al., 2002

J Tack I Demedts G Dehondt Clinical and pathophysiological characteristics of acute-onset functional dyspepsia Gastroenterol 122 2002 1738

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