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B978-3-437-22107-1.50252-1

10.1016/B978-3-437-22107-1.50252-1

978-3-437-22107-1

Behandlung des Hyperkalzämiesyndroms.

Tabelle 1
Basistherapie
1
  • Volumentherapie mit NaCl 0,9% zur Rehydrierung und Hydrierung: initial 250–500 ml/h

  • Erhaltungstherapie mit 3,0 l/Tag NaCl 0,9% bis zur Normokalzämie

2 nach Rehydrierung, bei wiedereinsetzender oder erhaltener Nierenfunktion: Furosemid in Einzeldosen von 20–40 mg
spezifische Therapie
3 intravenös Bisphosphonate:
  • z.B. Pamidronsäure (Aredia®) 60–90 mg in NaCl 0,9% i.v.

  • Infusionsgeschwindigkeit maximal 15 mg/h

  • Konzentration maximal 15 mg/125 ml alternativ:

  • Ibandronat (Bondronat®) 4 mg in 500 ml NaCl 0,9% über 2 h

  • Zoledronat (Zometa®) 4 mg in 100 ml NaCl 0,9% über mindestens 15 Min.

4 bei Nierenversagen, Volumenüberlastung: Hämodialyse
zusätzliche Therapie
5 bei hämatologischen Neoplasien: Prednisolon 1 mg/kg/Tag oder äquivalente Kortikosteroide
6 bei Nierenversagen, lebensbedrohlicher Hyperkalzämie, starken Knochenschmerzen zusätzlich Lachs-Calcitonin bis 100 IE alle 6 h, evtl. auch als langsame intravenöse Tropfinfusion (5–10 IE/kg KG Tagesdosis). Alternativ Human-Calcitonin
7 entscheidend für den weiteren Verlauf: frühestmögliche spezifische onkologische Therapie

Hämatologische und onkologische Notfallsituationen

E. Holler

Kernaussagen

  • Die Einleitung intensivmedizinischer Maßnahmen sollte unter interdisziplinärer Abwägung der onkologischen und intensivmedizinischen Prognose erfolgen.

  • Die Hyperkalzämie ist eine häufige onkologische Notfallsituation. Neben einer ausreichenden Rehydrierung ist die frühzeitige Gabe von Bisphosphonaten die Therapie der Wahl.

  • Das seltene Syndrom der inappropriaten ADH-Sekretion (SIADH) zeigt eine Hyponatriämie bis<115 mmol/l. Die Therapie reicht von Flüssigkeitsrestriktion bis zur vorsichtigen Natriumzufuhr.

  • Häufige neurologische Notfallsituationen und ihre Therapie sind:

    • Hirndruck durch zerebrale Metastasen oder Tumoren: Hirndrucktherapie, Dexamethason, Einleitung einer Notfallbestrahlung und ggf. eine neurochirurgische Intervention bei primären Hirntumoren oder bei singulären Metastasen.

    • Akute Querschnittssymptomatik durch Tumorkompression: Dexamethasontherapie, bei strahlensensiblen Tumoren eine Notfallradiatio, evtl. eine Laminektomie.

    • Meningeose: frühzeitige intrathekale Therapie mit Methotrexat, bei hämatologischen Neoplasien in Kombination mit Zytosin-Arabinosid und Dexamethason.

  • Typische pulmonale Notfallsituationen sind massive Hämoptysen, tumorbedingte Atelektasen sowie ausgedehnte Pleuraergüsse. Daneben gibt es spezifische pulmonale Toxizi-täten wie die Bleomycin induzierte Pneumonitis, toxische Alveolitiden oder das Capillary-Leak-Syndrom.

  • Kardiovaskuläre Notfallsituationen sind Perikardtamponade und eine obere Einflussstauung.

  • Eine Hyperleukozytose ist ein hämatologischer Notfall, der die umgehende Einleitung einer systemischen Therapie erforderlich macht.

  • Bei Fieber in einer Myelosuppression muss sofort eine empirische intravenöse antibiotische Kombinationstherapie eingeleitet und bei Nichtansprechen innerhalb von 48 Stunden oder bei Pilzverdacht durch eine antimykotische Therapie ergänzt werden.

  • Das Tumorlysesyndrom tritt vor allem bei der Behandlung chemotherapiesensitiver Neoplasien mit hoher Tumorlast auf. Die Prophylaxe und Behandlung besteht in massiver intravenöser Hydrierung, Gabe von Allopurinol und Elektrolytkorrektur sowie Gabe von rekombinanter Rasburicase.

  • Eng mit dem Tumorlyse-Syndrom verwandt sind Tumorzerfallreaktionen und Zytokinfreisetzungsreaktionen nach Erstgabe monoklonaler Antikörper. Wichtig ist die entsprechende Prophylaxe durch einschleichende Dosierung, hochdosierte Steroide und Antihistaminika.

Notfallsituationen, die eine akute Intervention erfordern, können bei hämato-onkologischen Erkrankungen als Folge der Erkrankung selbst (tumorbedingte Komplikationen) oder aber im Rahmen ihrer Behandlung mit systemischer Therapie (therapieassoziierte Komplikationen) auftreten. Neben der großen Gruppe der durch die therapiebedingte Myelo- und Immunsuppression verursachten infektiösen Komplikationen sind direkte Therapietoxizitäten häufige Ursachen.

Gerade bei älteren Patienten liegen neben der onkologischen Erkrankung häufig internistische Begleiterkrankungen vor, die akut exazerbieren und zu Notfallsituationen führen können und in die Differenzialdiagnose einbezogen werden müssen.

Spezielle Therapie
Im Folgenden wird die Therapie häufiger hämato-on-kologischen Notfallsituationen aufgeführt. Ausführliche Therapieempfehlungen werden für die spezifischen hämato-onkologischen Aspekte gegeben, während die übrigen Grundsätze der Notfalltherapie nur stichwortartig aufgeführt werden.
Sehr seltene oder weniger akut bedrohliche Nebenwirkungen einzelner Zytostatika oder Antikörper sind in den jeweiligen Kapiteln und onkologischen Lehrbüchern beschrieben.

Möglichkeiten und Grenzen

Die Entscheidung zur Notfalltherapie bei Patienten mit hämato-onkologischen Komplikationen wird häufig sehr kontrovers diskutiert, wenn sie die Einbeziehung intensivmedizinischer Maßnahmen erfordert. Sie muss verantwortlich aus der zusammenfassenden Beurteilung der onkologischen und der intensivmedizinischen Prognose gefällt werden und sollte nie kategorisch erfolgen.
Intensivmedizinische Maßnahmen sind auf jeden Fall gerechtfertigt,
  • wenn die Komplikation als Erstmanifestation der onkologischen Erkrankung eintritt, z.B. Beatmung bei respiratorischer Insuffizienz bei einem noch nicht klassifizierten Mediastinaltumor, oder

  • wenn der Patient eine Komplikation im Verlauf einer Erkrankung entwickelt, für die zu diesem Zeitpunkt weiterhin ein kuratives Therapieziel besteht.

Auch das in der Onkologie häufige Therapieziel einer längerfristigen Palliation kann den Einsatz intensivmedizinischer Maßnahmen rechtfertigen, wenn die Wiederherstellung eines Zustands mit adäquater Lebensqualität möglich erscheint.
Dagegen sollte die Indikation zur Behandlung eines Mehrorganversagens bei Patienten mit fortgeschrittener Grunderkrankung und Fehlen sinnvoller onkologischer Therapieoptionen zurückhaltend gestellt werden. Umgekehrt sollte berücksichtigt werden, dass die Prognose nach intensivmedizinischer Behandlung bei Patienten mit hämatologischen und onkologischen Erkrankungen durchaus der anderer Patienten mit chronischen internistischen Erkrankungen vergleichbar ist:
  • Erfordert die Notfallsituation keine mechanische Beatmung, so können nach Erfahrungen der Literatur und eigener Analyse etwa 70% der onkologischen Patienten erfolgreich intensivmedizinisch behandelt werden.

  • Bei nicht mechanisch bedingter schwerer respira-torischer Insuffizienz liegen die Erfolgsaussichten bei etwa 30%. Auch in diesem Fall erweist es sich häufig als hilfreich, zunächst die gesamte Notfalldiagnostik sowie Beatmungstherapie einzuleiten und eine definitive Entscheidung über die weitere Therapieintensivierung erst anhand des Verlaufs nach mehrtägiger intensivmedizinischer Therapie zu fällen.

Hat der Patient eine Patientenverfügung erstellt oder seine Einstellung zu intensivmedizinischen Maßnahmen mit den Angehörigen besprochen, so ist dies bei der Entscheidung über intensivmedizinische Therapiemaßnamen zu berücksichtigen.

Tumorassoziierte Komplikationen

Metabolische Komplikationen

Hyperkalzämiesyndrom
Die Hyperkalzämie ist neben infektiösen Komplikationen die häufigste onkologische Notfallsituation und ist umgekehrt am häufigsten durch eine Tumorerkrankung bedingt. Sie kann sich
  • im Rahmen solider Tumoren ohne Knochenmetas-tasierung, v.a. bei Bronchialkarzinomen,

  • im Rahmen hämatologischer Systemerkankun-gen, v.a. beim Plasmozytom, und

  • am häufigsten im Zusammenhang mit osteolyti-schen Metastasen, v.a. beim Mammakarzinom, manifestieren.

  • Die Hyperkalzämie ist eine wichtige Differenzial-diagnose unklarer Bewusstseinsveränderungen bei Patienten.

Somnolenz und Schwäche sind neben Exsikkose, Anorexie und Erbrechen führende Symptome. Häufige Ursache ist die tumorzellassoziierte Sekretion des Parathormone-related peptide (PTHrP), das neben dem intakten Parathormon gemessen werden kann und diagnostisch wegweisend ist.
  • Daneben sind die direkte Osteoklasten-Aktivie-rung durch Zytokine des Tumors und eine paraneo-plastische Vitamin-D-Produktion Ursachen der Hyperkalzämie.

  • Bei bettlägerigen Patienten, die parenteral ernährt werden, ist an eine durch Vitamin-D-Gaben induzierte Hyperkalzämie zu denken.

Therapie
Behandlung s. Tabelle 1.

Als Faustregel gilt:

Kalziumspiegel > 12 mg/dl (3 mmol/l) erfordern eine umgehende Notfalltherapie und Überwachung.

  • Um das intravasale Volumen aufzufüllen und die Kalziumausscheidung zu fördern, sollte isotonische Kochsalzlösung eingesetzt werden.

  • Nach ausreichender Rehydrierung – der Flüssigkeitsbedarf beträgt oft mehrere Liter – sollte Furosemid zur Verhinderung der tubulären Kalziumreabsorption und Förderung der Diurese gegeben werden.

  • Neben dieser Basistherapie ist heute auch bei bereits eingeschränkter Nierenfunktion die frühzeitige intravenöse Gabe von Bisphosphonaten zur Hemmung der Osteoklastenfunktion die Therapie der Wahl.

  • Beim multiplen Myelom wirkt die gleichzeitige Gabe von Kortikosteroiden zusätzlich auch auf die Grunderkrankung. Bei anderen Erkrankungen ist die Gabe von Kortikosteroiden ebenso wie die Applikation von Calcitonin heute von untergeordneter Bedeutung (Tab. 1).

Unter Bisphosphonatgabe ist mit einem Absinken der Kalziumspiegel bei > 90% der Patienten innerhalb von 48 Stunden zu rechnen. Der Effekt hält 7–10 Tage an. Innerhalb dieser Zeit sollte unbedingt eine spezifische Therapie der Grunderkrankung eingeleitet werden, z.B. Operation oder spezifische Chemotherapie.
Bei Vorliegen von Knochenmetastasen, z.B. beim Mammakarzinom, kann die regelmäßige Gabe von Bisphosphonaten nicht nur die Rate erneuter Hyper-kalzämien, sondern auch insgesamt die metastasenbedingten ossären Komplikationen senken. Die früher häufig eingesetzte Infusion von Mithramycin wird heute nicht mehr empfohlen.
Syndrom der inappropriaten ADH-Sekretion
Das seltene Syndrom der inappropriaten ADH-Sekretion (SIADH) kann vor allem bei schwerer Hyponatriämie (< 115 mmol/l) und dadurch bedingter Volumenverschiebung in den Intrazellulärraum zu schweren neurologischen Störungen führen. Es tritt
  • am häufigsten in Zusammenhang mit dem kleinzel-ligen Bronchialkarzinom,

  • seltener auch bei Tumoren aus dem HNO-Bereich und anderen Lungenkarzinomen auf und

  • wird gelegentlich auch als Nebenwirkung spezifischer Zytostatika, z.B. Cyclophosphamid, beobachtet.

Für die Diagnostik ist neben der Bestimmung von Serum- und Urinelektrolyten der Vergleich der Serum-und Urinosmolalität entscheidend.
Therapie
Leichte Formen werden mit Flüssigkeitsrestriktion behandelt, bei schweren Formen erfolgt zusätzlich die vorsichtige Natriumzufuhr mit 0,9% NaCl, im Extremfall auch durch Zusatz von höherprozentigem NaCl.
  • Bei schwerer Hyponatriämie<125 mmol/l muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Natriumkorrektur ausreichend langsam mit maximal 12 mmol/Tag erfolgt, da es sonst zur Komplikation der eventuell irreversiblen pontinen Myelinolyse kommt.

  • Bei hypervolämischen Patienten sollte zusätzlich Furosemid gegeben werden.

  • Der Stellenwert der neuen oralen Vasopressin-Rezeptor-Antagonisten, z.B. Tolvaptan, beim schweren tumorassoziierten SIADH ist derzeit noch nicht abschließend zu beurteilen.

  • Auch beim SIADH-Syndrom ist nach der Stabilisierung die spezifische onkologische Therapie vorrangig.

Neurologische Notfallsituationen

Hirndruck durch zerebrale Metastasen oder Tumoren
Zur Therapie des durch die Tumorinfiltration und das umgebende Ödem bedingten Hirndrucks wird – neben den üblichen Maßnahmen der Hirndrucktherapie – Dexamethason in einer initialen Dosierung von mindestens 8 mg alle 8 Stunden – Dosierung bis zu 48–96 mg möglich – eingesetzt und bis zur Einleitung einer Notfallbestrahlung fortgeführt.
Neben allgemeinen Maßnahmen wie der Hochlagerung des Oberkörpers können zusätzlich Mannitolin-fusionen angewandt werden.
Die neurochirurgische Intervention kommt vor allem bei primären Hirntumoren oder in Einzelfällen bei singulären Metastasen in Frage.
Gegebenenfalls ist eine antiepileptische Prophylaxe erforderlich.
Akute Querschnittssymptomatik durch Tumorkompression
Bei der Diagnostik der akuten Rückenmarkskompression steht die Magnetresonanztomographie heute an erster Stelle.
  • Als Notfallmaßnahme wird eine Dexamethason-therapie in einer Dosierung von mindestens 3 × 8 mg/Tag, nach neueren Untersuchungen auch bis zu Gesamtdosen von 96 mg/Tag empfohlen.

  • In Abhängigkeit von der onkologischen Diagnose wird bei strahlensensiblen Tumoren eine Notfallra-diatio mit hohen Einzeldosen eingeleitet.

  • Bei singulären Prozessen, unbekannter histologi-scher Diagnose und fehlenden Hinweisen auf ein Lymphom oder zu erwartender geringer Strahlensensibilität muss die neurochirurgische Intervention, eine Laminektomie, diskutiert werden.

  • Bei Lymphomverdacht sollte die Diagnose möglichst bioptisch gestellt werden und ohne operative Intervention rasch eine systemische Therapie eingeleitet werden.

Meningeose
Eine meningeale Aussaat wird vor allem bei hämatolo-gischen Neoplasien und Lymphomen, aber auch beim Mammakarzinom beobachtet und bedarf bei entsprechender Klinik einer akuten Intervention. Nach Ausschluss eines Hirndrucks und adäquater Dexamethasontherapie ist frühzeitig eine intrathekale Therapie einzuleiten.
  • Primär werden hierzu die Substanzen Methotrexat in einer Dosierung von 15 mg, bei hämatologischen Neoplasien in Kombination mit Zytosin-Arabinosid 40 mg, und Dexamethason 4 mg i.th. eingesetzt.

  • Die Therapie kann bis zur Normalisierung der Liquorzellzahl in Abständen von 3 Tagen mehrfach wiederholt werden.

  • Alternativ kann eine systemische ZNS-wirksame Therapie, z.B. mit hochdosiertem Methotrexat, oder palliativ eine Radiatio indiziert sein.

Pulmonale Notfallsituationen

Massive Hämoptysen und tumorbedingte Atelektasen können rasch zur respiratorischen Insuffizienz und Beatmungspflichtigkeit führen. Neben supportiver Therapie und definitiver chirurgischer Intervention kann bei ausgedehnter Erkrankung eine Intervention mit dem Laser, bei chemotherapiesensiblen Erkrankungen, z.B. dem kleinzelligen Bronchialkarzinom, auch eine notfallmäßige systemische Chemotherapie zur erneuten Stabilisierung führen.
Bei ausgedehnten Pleuraergüssen und dadurch bedingter pulmonaler Insuffizienz schafft die einmalige Pleurapunktion oder das Anlegen einer Pleuradrainage rasche Erleichterung. Zunächst sollten maximal 1000–1500 ml unter entsprechender Überwachung, Sauerstoffzufuhr und intravenösem Volumenausgleich abgelassen werden.
Instillationen von Tetrazyklinen, Zytostatika, Zytokinen, vor allem aber Talkum werden zur Behandlung nicht beherrschbarer rezidivierender Ergüsse empfohlen.

Kardiovaskuläre Notfallsituationen

Die Perikardtamponade durch maligne Ergüsse, z.B. beim Mammakarzinom, wird akut durch Punktion und Drainage entlastet. Erst bei rezidivierenden Ergüssen kommen Verfahren wie Perikardfensterung, intraperikardiale Instillation von Zytostatika oder Bestrahlung in Frage.
Die obere Einflussstauung wird gelegentlich als Erstmanifestation von Bronchialkarzinomen, malignen Lymphomen oder Keimzelltumoren beobachtet und ist eine klassische onkologische Notfallsituation. Die Diagnose wird klinisch und am besten mit dem Computertomogramm unter Kontrastmittelgabe zum Nachweis der thrombotischen Komponente gestellt. Notfallmaßnahmen sind
  • Lagerung des Patienten mit erhöhtem Oberkörper sowie Sauerstofftherapie,

  • bei sicherem Nachweis einer Thrombosierung oder Cavakompression auch die Gabe von Heparin.

  • Diuretika sollten zurückhaltend eingesetzt werden.

Die weitere Therapie richtet sich nach der wahrscheinlichen oder definitiven onkologischen Diagnose:
  • Bei Lymphomverdacht ist die frühe hochdosierte Gabe von Kortikosteroiden – mindestens 100 mg Prednisolonäquivalent – indiziert.

  • Bei gesichertem Lymphom, kleinzelligem Bronchialkarzinom oder Keimzelltumoren sollte möglichst rasch eine adäquate Polychemotherapie eingeleitet werden.

  • Bei weniger chemotherapiesensiblen Tumoren ist die Notfallbestrahlung indiziert.

  • Als Notfallmaßnahme hat sich die interventionelle Einlage von Gefäßstents als sehr effektiv erwiesen.

Hämatologische Notfallsituationen

Hyperleukozytosen sind bei akuten Leukämien ab Werten > 100.000/mm3, bei chronischen Leukämien ab Werten > 300.000/mm3 eine akute Notfallsituation, die die umgehende Einleitung einer systemischen Therapie erforderlich macht, um vor allem zerebrale Blutungen, neurologische Komplikationen und Organschäden durch Leukostase zu vermeiden.
Die Basistherapie beinhaltet
  • Hydrierung,

  • Gabe von Allopurinol in hohen Dosen bis zu 3 × 300 mg/Tag und

  • niedrigdosierte Heparinisierung bei Zeichen der Verbrauchskoagulopathie.

In Einzelfällen kann eine Leukapherese indiziert sein.

Therapieassoziierte Notfallsituationen

Myelosuppression

Die therapieinduzierte Knochenmarksuppression kann zu thrombopenischen Blutungen, vor allem aber zu infektiösen Komplikationen infolge der Neutropenie und Immunsuppression führen.
Die schwerwiegendsten Notfallsituationen sind
  • neutropenische Enterokolitis und Sepsis

  • bakterielle Pneumonien durch nosokomiale Erreger

  • Pilz- und atypische Pneumonien.

Die Diagnostik muss rasch unter Einbeziehung von Blutkulturen und Kulturverfahren oder Antigennach-weisen für Pilze und Viren erfolgen.
  • Serologische Verfahren können falsch negativ sein.

MERKE

! Bei Fieber in Neutropenie muss die intravenöse antibiotische Kombinationstherapie empirisch ohne Verzögerung eingeleitet und bei Nichtansprechen innerhalb von 48–72 Stunden oder bei Pilzverdacht und Lungeninfiltraten sofort durch eine anti-mykotische Therapie ergänzt werden.

Venöse Verweilkatheter kommen als Sepsisquelle in Frage und sollten bei Verdacht entfernt oder ersetzt werden.
In Abhängigkeit von der hämatologisch-onkologischen Diagnose kann bei Neutropenie der interventionelle Einsatz von Wachstumsfaktoren – G-CSF (Neupogen®, Granocyte®) oder Pegfilgastrim (Neulasta®) indiziert sein.

Pulmonale Toxizität

Neben der infektiösen Genese der respiratorischen Insuffizienz können bestimmte Zytokine und Zytostati-ka akute pulmonale Toxizitäten induzieren.
  • Das unter Interleukin-2-Therapie, gelegentlich auch nach Wachstumsfaktorgabe auftretende Capillary-leak-Syndrome wird mit Flüssigkeitsrestriktion, Gabe von Dopamin, Diuretika und in schweren Fällen hochdosierter Kortikosteroidgabe behandelt.

  • Bei Gabe von Taxanen kann es zu Hypersensitivi-tätsreaktionen bis hin zum Capillary-leak-Syndrom kommen, weshalb immer eine Prämedikation mit Steroiden und Antihistaminika erforderlich ist.

  • Bei der nach Gabe von Bleomycin und selten auch nach Gabe anderer Zytostatika auftretenden akuten Pneumonitis ist die ausreichend hohe und lange Kortikosteroidgabe von > 1 mg/kg KG Prednisolon-äquivalent eine wirksame Therapie.

  • Eine toxische Alevolitis ist unter eine Reihe anderer Zytostatika, z.B. Hydroxy-Urea, möglich.

Tumorlysesyndrom

Das Tumorlysesyndrom ist durch Hyperurikämie, Hyperkaliämie und Hyperphosphatämie gekennzeichnet und kann bei fehlender Prävention zum Nierenversa-gen führen.
Es tritt vor allem bei der Behandlung chemotherapiesensitiver Neoplasien mit hoher Tumorlast–hochmaligne Lymphome und Leukämien, ausgedehnte Teratokarzinome, kleinzellige Bronchialkarzinome – auf. Die Prophylaxe und Behandlung besteht
  • in massiver intravenöser Hydrierung mit 3 l/m2 KO/Tag unter Überwachung von Bilanz und zentralem Venendruck,

  • Gabe von Allopurinol in hohen Dosen von 300–600 mg/Tag und

  • Elektrolytkorrektur.

  • Mit der 5–7-tägigen Gabe von rekombinanter Rasburicase (Fasturtec®) in einer Dosierung von 0,2 mg/kg und Tag steht heute eine spezifische Möglichkeit zur Prohpylaxe und Therapie der tumor- und therapieassoziierten Hyperurikämie zur Verfügung.

Die Urinalkalisierung wird wegen der Gefahr der Kalziumausfällung in der Niere restriktiv gesehen und sollte vor allem bei metabolischer Azidose eingesetzt werden. Bei Verschlechterung der Nierenfunktion sollte frühzeitig dialysiert werden.

Erstdosis-Reaktionen bei Antikörpergabe

Eng mit dem Tumorlyse-Syndrom verwandt sind Tumorzerfallreaktionen und Zytokinfreisetzungsreakti-onen nach Erstgabe monoklonaler Antikörper wie anti-CD20 (Rituximab) oder anti-CD52 (Alemtu-zumab), die v.a. bei lymphatischen Neoplasien eingesetzt werden.
Innerhalb von Stunden nach Infusionsbeginn kann es zu Fieber, Schüttelfrost, Dyspnoe bis hin zum Lungenödem und allen weiteren Zeichen der Tumorlyse (s. o.) kommen.
  • Wichtig ist die entsprechende Prophylaxe durch einschleichende Dosierung und langsame Steigerung der Infusionsgeschwindigkeit.

Zusätzlich werden hochdosierte Steroide und Antihistaminika prophylaktisch und therapeutisch gegeben.

Hepatotoxizität

Die Therapie der bei einer Reihe von Zytostatika berichteten hepatozellulären Toxizität beschränkt sich auf das Absetzen der jeweiligen Substanz.
Bei der schweren Lebervenenverschlusserkrankung (veno-occlusive disease), die nach autologer oder allo-gener Stammzelltransplantation, aber auch unter Einsatz des Zytostatika-gekoppelten anti-CD33 Antikörpers Mylotarg® auftreten kann, sind einzelne erfolgreiche Behandlungen mit Heparin, intravenösen Prostaglandi-nen und rt-PA beschrieben.
Mittel der Wahl ist zurzeit die Behandlung mit dem fibrinolytisch wirksamen Medikament Defibrotide (Noravid®).

Neurotoxizität

Akute Neurotoxizitäten sind unter hochdosierter Gabe von Zytosin-Arabinosid – v.a. zerebelläre Symptome – sowie Ifosfamid und Interferonen – Enzephalopa-thie – beschrieben.
Neben dem Absetzen der Substanz und gegebenenfalls einer Hirnödemtherapie wird bei der Ifosfamid-Toxi-zität die Infusion von Methylenblau empfohlen.

Literatur

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D.P. Berger R Engelhardt R Mertelsmann Das rote Buch 2006 Ecomed Verlag Landsberg/Lech

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R.W. Carlson M.A. Geheb Principles and Practice of Medical Intensive Care 1993 Saunders Company Philadelphia

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Sculier, 1995

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