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B978-3-437-22107-1.50405-2

10.1016/B978-3-437-22107-1.50405-2

978-3-437-22107-1

Haemophilus influenzae

R. Roos

Kernaussagen

  • H. influenzae Typ b (Hib) kann im Kindesalter Atemwegsinfektionen und lebensbedrohliche Infektionen hervorrufen, darunter Sinusitis, Otitis media, Mastoiditis, Epiglottitis, Bronchitis, Pneumonie, Konjunktivitis, präpubertale Vulvovaginitis, Phlegmone, Empyeme, Abszesse, Arthritis, Osteomyelitis, Sepsis, Endokarditis, Meningitis.

  • Der diagnostische Nachweis erfolgt über Antigentests, Blutkulturen sollten angelegt werden.

  • Die Therapie erfolgt mit Cephalosporinen der 3. Generation als Mittel der 1. Wahl.

  • Seit der flächendeckenden Impfung von Säuglingen sind invasive Infektionen durch H.influenzae selten geworden.

Haemophilus influenzae ist ein gramnegatives pleomorphes, kokkoides Stäbchen, das in die Serotypen a-f und unbekapselte Stämme eingeteilt wird. Fast alle invasiven Infektionen bei Kindern wurden vor Einführung der Impfung durch den Typ b (Hib) verursacht, selten durch nicht typisierbare Stämme.

Bei Geimpften werden heute 75% der invasiven Infektionen durch unbekapselte Stämme verursacht.

H. influenzae b gehört in geringen Keimzahlen zur Normalflora des Nasopharynx. Einer Invasion und Erkrankung geht meist eine Virusinfektion, z. B. mit Adenoviren, voraus. Die Übertragung erfolgt durch direkten Kontakt oder Tröpfcheninfektion.

Ca. 6% der Stämme sind Betalaktamasebildner und damit ampicillinresistent.

Als Faustregel gilt:

Invasive Haemophilus-influenzae-Infektionen sind bei ungeimpften Kindern unter 6 Jahren am häufigsten: Risiko bei nicht geimpften Kindern unter 1 Jahr ca. 6%, unter 4 Jahren ca. 2%. Hib-geimpfte Kinder haben ein minimales Risiko einer invasiven Infektion durch Hib.

Kleinepidemien in Kindergärten oder Schulen sind möglich. Ungeimpfte Kinder aus der Wohngemeinschaft eines Patienten mit H.influenzae-Meningitis haben ein 500-mal höheres Infektionsrisiko als die Normalbevölkerung.

H. influenzae kann zu lebensbedrohlichen Infektionen im Kindesalter führen. Die Fallzahlen invasiver Infektionen sind seit Einführung der Impfung allerdings drastisch gesunken und heute eine Rarität.

Erkrankungen

Meningitis

Häufig geht ein blander Virusinfekt mit leichtem Schnupfen voraus. Regelmäßig besteht eine Bakteriämie. Es kann zur metastatischen Absiedelung des Erregers mit Pneumonie, Arthritis, Osteomyelitis, Perikarditis oder Endophthalmitis kommen.
Zwischen 5 und 10% der Kinder haben infolge der Meningitis eine bleibende Schwerhörigkeit. Neurologische Spätschäden treten in ca. 20% der Fälle auf. Letale Verläufe sind möglich
Auch unbekapselte Stämme können selten eine Meningitis verurachen.

Epiglottitis

Das Erkrankungsalter der akuten Epiglottitis ist 3–6 Jahre, doch auch Säuglinge können betroffen sein.
Charakteristisch ist ein foudroyanter Verlauf mit hohem Fieber, Schluckschmerzen, kloßiger Sprache, vermehrtem Speichelfluss, Atemnot und inspiratorischem, oft leicht rasselndem Stridor. Innerhalb kürzester Zeit kann es zum Verschluss der oberen Atemwege mit Apnoe kommen, die zum Tod des Kindes führen kann.
Eine begleitende Meningitis muss ausgeschlossen werden.
Die Epiglottitis hinterlässt hohe Serum-Antikörper und damit eine Immunität.
Seit Einführung der Impfung ist die Epiglottitis extrem selten geworden.

Pneumonie

Das Prädilektionsalter liegt unter 6 Jahren. Es gibt keinen spezifischen radiologischen Befund, jedoch tritt in ca. 30% ein Pleuraerguss ein.
Heute sind Pneumonien durch unbekapselte Hi-Stämme häufig.

Arthritis, Osteomyelitis

H. influenzae kann heute selten bei Osteomyelitiden von Kindern unter 2 Jahren isoliert werden. Auch eine eitrige Arthritis ist möglich. Bevorzugt sind Kniegelenk, Hüfte, Ellenbogengelenk.

Phlegmonen

H. influenzae ist einer der häufigsten Erreger von Phlegmonen bei jungen Kindern.
Besonders Phlegmone in der oberen Gesichtshälfte, z. B. Orbitalphlegmone, sind wegen der komplizierend auftretenden Meningitis gefährlich.
Häufig geht der Phlegmone ein Infekt der oberen Luftwege voraus.

Perikarditis

Rund 15% der bakteriellen Perikarditiden im Kindesalter werden durch H. influenzae verursacht. Häufig tritt die eitrige Perikarditis im Rahmen einer Pneumonie auf.

Sonstige

Auch bei der Otitis media kann H. influenzae in ca. 20% isoliert werden und muss bei der Therapie berücksichtigt werden.
Selten sind isolierte H.-influenzae-Bakteriämien ohne erkennbaren Fokus.

Diagnostische Voraussetzungen

H.-influenzae-Infektionen verlaufen häufig bakteriämisch, deswegen soll bei Verdacht immer eine Blutkultur angelegt werden.
H. influenzae Typ B lässt sich durch Antigentests im Liquor, Serum oder Urin nachweisen. Besonders häufig mit > 95% ist der Antigennachweis im Liquor bei H.-influenzae-Meningitis möglich. Ca. 50% der Pneumonien scheiden erfassbare Mengen von Antigenen im Urin aus.
Unbekapselte Stämme werden mittels Serumagglutination und PCR differenziert.

Therapie

In Mitteleuropa ist H. influenzae bzu ungefähr 94% ampicillinempfindlich. In anderen Ländern, z. B. Spanien und USA, beträgt die durch b-Laktamasenbedingte Resistenzquote jedoch 30% und mehr. Aus diesem Grund sind bei invasiven Infektionen therapeutisch Cephalosporine der 3. Generation, z. B. Cefotaxim, Mittel der ersten Wahl:
  • Bei Meningitis beträgt die Dosis 150–200 mg/kg in 3 ED.

  • bei der Epiglottitis, Pneumonie etc. 100 mg/kg/Tag in 3 ED.

Zur oralen Therapie bieten sich an:
  • Amoxicillin 80 mg/kg in 3 ED bei negativem Betalaktamasetest

  • Cefaclor 80–100 mg/kg in 3 ED

  • Cefixim oder Cefuroxim-Axetil je nach Alter 2 × 125–500 mg.

Bei der ambulant erworbenen Pneumonie durch Hib gilt Amoxycillin in Mitteleuropa als ausreichend, da β-Laktamase bildende Stämme hier noch sehr rar sind

CAVE

Bei der heute sehr seltenen Epiglottitis ist es vital wichtig die Atemwege offen zu halten. Entscheidend ist die rechtzeitige Intubation unter optimalen Bedingungen in der Klinik. Auch bei schwerster Atemnot oder Atemstillstand ist präklinisch immer eine Mund-zu-Mund-Beatmung oder Beatmung über Maske möglich und lebensrettend.

Prophylaxe

Invasive Infektionen durch Hib können durch eine Impfung ab dem 3. Lebensmonat durch die aktive Impfung verhindert werden. Sie sind heute deswegen eine Rarität.
Zur Chemoprophylaxe empfohlen wird von der STIKO für alle Haushaltsmitglieder (außer für Schwangere) ab einem Alter von 1 Monat nach engem Kontakt zu einem Patienten mit invasiver H.-influenzae-Typ-b-Infektion eine Rifampicin-Prophylaxe, wenn sich dort ein ungeimpftes oder unzureichend geimpftes Kind im Alter bis zu 4 Jahren oder aber eine Person mit einem relevanten Immundefekt befindet.
Auch der Indexpatient erhält Rifampicin bei Abschluss der Therapie, wenn er mit Ampicillin, nicht aber mit Cephalosporinen der 3. Generation, therapiert wurde.
Dosis:
  • 1 Monat-12 Jahre: 20 mg/kg KG/Tag in 1 ED für 4 Tage.

  • > 12 Jahre: 600 mg/Tag in 1 ED für 4 Tage.

Das Risiko einer Haemophilus-Infektion nach normalem sozialem Kontakt, z. B. in einem Kindergarten, ist auch für Kleinkinder so gering erhöht, dass es nicht erforderlich ist, diese stets prophylaktisch zu behandeln. In Einzelfällen, z. B. sehr enger Kontakt in einer Kinderkrippe über mehrere Stunden pro Tag, kann eine Prophylaxe sinnvoll sein.

Literatur

Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie DGPI, 2009

Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie DGPI DGPI-Handbuch, Infektionen bei Kindern und Jugendlichen 5. Auflage 2009 Thiemeverlag Stuttgart, New York

Robert

Robert Koch Institut, Infektionskrankheiten A-Z, Haemophilus influenzae, http://www.rki.de.

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