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B978-3-437-22107-1.50445-3

10.1016/B978-3-437-22107-1.50445-3

978-3-437-22107-1

Hantavirus

Th. Völkl

Kernaussagen

  • Die Infektion mit dem Hantavirus tritt in zunehmenden Maß auch in Deutschland auf. 2010 wurden 2.017 gesicherte Fälle erfasst.

  • Hantaviren werden über Ausscheidungen (Kot oder Urin) infizierter Mäuse oder Ratten, v. a. Rötelmaus (Myodes glareolus) als Staub eingeatmet, seltener durch Bisse auf den Menschen übertragen.

  • Die aktuell starke, oft regionale Häufung der Erkrankungen 2010/2011, zuletzt 2007, wird durch ein variables Anwachsen der Rötelmauspopulationen erklärt, die stark mit dem Virus durchseucht sind. Die aktuellen Risikogebiete sind Baden-Württemberg und Hessen.

  • Neben asymptomatischen Verläufen beginnt die Hantavirusinfektion in Deutschland mit plötzlichem Fieber, Schmerzen und im Verlauf entwickelt sich ein Nierenversagen.

  • Die Prognose ist bei in Mitteleuropa erworbenen Hantavirusinfektionen in der Regel gut. Besonders schwere Verlaufsformen mit Lungenödem und septischen Verläufen kommen in der Regel nur in Nord- und Südamerika vor.

  • Erregernachweis, Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod bei hämorrhagischem Fieber sind meldepflichtig.

Geschichte

Der Name Hanta wird dem Fluss Hangang in Südkorea zugeschrieben, da während des Koreakriegs (1950–1953) über 3.000 amerikanische U.N.-Soldaten an hohem Fieber mit akutem Nierenversagen erkrankten. Der Virusnachweis gelang erst 1978.

Hantaviren sind Einzelstrang-RNA-Viren und gehören zur Familie der Bunyaviridae. Verschiedene Hantaviren sind bei jeweils bestimmten Mäuse- und Rattenarten als Reservoire zu finden und verursachen beim Menschen unterschiedliche Symptome und Krankheitsverläufe. Diese enge Virus-Wirt-Beziehung erklärt die geographischen Unterschiede der klinischen Erscheinungsformen. Eine detaillierte Darstellung der jeweils aktuellen Risikogebiete für Deutschland wird vom Robert Koch-Institut veröffentlicht (www.rki.de).

Das Auftreten ist ganzjährig mit Häufung im Herbst. Für die in Europa vorkommenden Viren ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch nicht beschrieben. Die Inkubationszeit beträgt etwa 2–4 (bis 6) Wochen. Geschätzt wird, dass in Deutschland bis zu 90% der Infektionen asymptomatisch verlaufen. Der serologisch nachweisbare Durchseuchungsgrad liegt bei 1–2%.

Klinik

Die Pathogenese erklärt sich nicht durch eine direkte viral bedingte Zelllyse, sondern durch immunvermittelte zytotoxische Reaktionen (CD8-T-Zellen), die durch die infizierten Zellen induziert werden. Es besteht eine Organaffinität für Nieren- und Lungenzellen.
Das in Nord- und Südamerika vorkommende Sin-Nombre-Virus (SNV) und das Andes-Virus verursachen sehr schwere Verlaufsformen eines hämorrhagischen Fiebers mit Nieren-, Lungen- und Herzbeteiligung. Man bezeichnet diese Verlaufsformen als Hantavirus-pulmonales-Syndrom (HPS, Hantavirus-cardiopulmonales-Syndrom, HCPS).
V. a. in Ostasien kommen das Hantaan-Virus (HTNV) und das Seoul-Virus (SEOV) vor, die schwere Verlaufsform eines hämorrhagischen Fiebers mit renalem Syndrom (HFRS) auslösen können.
Die durch in Europa vorkommende Puumala-Viren (PUUV) und Dobrava-Viren (DOBV), in Deutschland v. a. Puumala, hervorgerufenen Infektionskrankheiten verlaufen meist milder als Nephropathia epidemica (NE).
Neben plötzlichem Fieber, Sehstörungen, Myalgien, Kopf-, Bauch-, Rückenschmerzen und Meningismus können Zeichen erhöhter Blutungsneigung mit Thrombozytopenie, Hämaturie, Melaena und Petechien auftreten. Typisch ist ein akutes Nierenversagen, oft mit noch ausreichender Urinproduktion. Aber auch eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz kommt vor. Die Letalität bei HFRS ist abhängig vom jeweiligen Virustyp: Bei Hantaan liegt sie bei 5–20%, bei Puumala allerdings < 1%.
Hämorrhagische Verläufe mit Lungen- und Herzbeteiligung (Hantavirus-(kardio-)pulmonales Syndrom, HCPS, HPS) und klassischem, 5-phasigen Verlauf sind in Mitteleuropa sehr selten:
  • 1.–4. Tag: hohes Fieber, „grippale” Symptome, (Haut-)Hämorrhagien

  • 5.–8. Tag: septischer Schock (kritische Phase)

  • 9.–12. Tag: An-, Oligurie (akute interstitielle Nephritis), Lungenödem/ARDS, Hirnödem

  • 13.–21. Tag: Polyurie, selten Übergang in eine chronische Niereninsuffizienz.

Die Letalität des HCPS/HPS wird mit bis zu 50% angegeben.
In Deutschland verlaufen die Infektionen in der Regel asymptomatisch. In ihrer symptomatischen Form beginnen sie meist mit plötzlichem Fieber und grippaler Symptomatik. Bei schweren Verläufen kommt es im Verlauf zu Blutdruckabfall und akutem Nierenversagen, bei dem aber noch Urin produziert wird. Deswegen muss bei unerwartetem Anstieg des Serumkreatinins nach bzw. im Zusammenhang mit einer Infektion die entsprechende Virusdiagnostik veranlasst werden. Auch werden Thrombozytopenie, Proteinurie und Hämaturie beobachtet. Unter supportiver Therapie mit bilanzierter Flüssigkeitszufuhr erholt sich die Nierenfunktion und die Krankheit heilt in der Regel folgenlos aus.

Grundsätzlich gilt:

Bei oder nach unklarer Infektionskrankheit mit Fieber, Blutdruckabfall und Nierenversagen an eine Hantavirus-Infektion denken und einen serologische Nachweis führen.

Diagnostik

Nur während der akuten Krankheitsphase (kurze Virämiephase) ist eine Virusanzucht möglich. Der Virusnachweis in Urin, Blut, Speichel und Gewebeproben (Nierenbiopsie) ist mittels RT-PCR möglich. Deshalb ist es wichtig, bei klinischem Verdacht sofort Material für eine spätere PCR-Analyse zu asservieren.
Meist gelingt im späteren Krankheitsverlauf der serologische Nachweis von spezifischen Antikörpern (IgM, IgG, IgA), wobei IgM auch Jahre nach der Infektion noch nachweisbar sein kann.
Aufgrund der unspezifischen Symptome sind verschiedene bakterielle oder virale Erkrankungen mit Nierenbeteiligung sowie akute Nierenerkrankungen differenzialdiagnostisch zu erwägen, z. B. Leptospirose und Rickettsiose. Treten Hämorrhagien auf, ist die Differenzialdiagnose breiter (andere virale hämorrhagische Fieber).

Therapie

Bei unkompliziertem Verlauf ist keine spezifische Therapie nötig. Bei Fieber sollte die Flüssigkeitszufuhr gesteigert und antipyretisch behandelt werden. Die symptomatische Behandlung erfolgt mit angepasster Schmerztherapie und mit bilanzierter Flüssigkeitszufuhr.
Bei fortgeschrittenem akutem Nierenversagen oder Komplikationen ist eine Dialysetherapie angezeigt. Aus Einzelstudien mit Ribavirin und Interferon-α bei schweren Verläufen (HFRS, HCPS, HPS) lassen sich aufgrund sehr unterschiedlicher Studienergebnisse derzeit keine generellen Therapieempfehlungen für oder gegen eine solche Therapie ableiten.
Nach Diagnosesicherung ist im Krankenhaus keine Isolierung nötig da bei europäischen Hantaviren keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung berichtet ist; eine Ausnahme ist der Andesvirus.

Prophylaxe

Eine Expositionsprophylaxe ist durch Vermeiden eines direkten Kontakts mit wildlebenden Nagetieren und deren Ausscheidungen möglich. Nahrungsmittel sollten unzugänglich für Nagetiere aufbewahrt werden, um zu vermeiden, dass Nager angelockt werden.
Beim Reinigen von Kellern, Scheunen, Schuppen, Ställen, die von Nagern verschmutzt sein können, sollte eine Staubentwicklung vermieden werden und ggf. ein Augen- und Atemschutz sowie Schutzhandschuhe getragen werden. Dies ist v. a. in Epidemiegebieten dringend nötig. Bei der Bekämpfung von Nagern in Verbindung mit Ausbrüchen durch hochvirulente Hantaviren müssen Schutzanzüge und Atemschutzmasken getragen werden.
Gefährdet sind insbesondere Personen, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen einen Kontakt zu infizierten Nagern und deren Exkrementen begünstigen, z. B. Waldarbeiter, Landwirte und Laborpersonal.
Eine zuverlässige Impfung ist nicht verfügbar. Ein in Südkorea verwendeter Impfstoff führt zu keiner ausreichenden Serokonversion.

Literatur

Krüger et al., 2010

D.G. Krüger J. Hofmann R. Ulrich K. Stark Hantavirusinfektionen: Massiver Anstieg an Erkrankungen in Deutschland Deutsches Ärzteblatt 107 31–32 2010 1517 1518 A-1517 / B-1347/C-1327 (2010) A

Huttunen et al., 2011

N.P. Huttunen Mäkelä S. T. Pokka J. Mustonen M. Uhari Systematic literature review of symptoms, signs and severity of serologically confirmed nephropathia epidemica in paediatric and adult patients Scand J Infect Dis. 43 2011 405 410

Robert-Koch-Institut, Hantavirus-Erkrankungen, 2012

Robert-Koch-Institut, Hantavirus-Erkrankungen Hinweise auf Anstieg der Fallzahlen 2012 Epid Bull 10 2012 79 81

Robert-Koch-Institut, 2011

Robert-Koch-Institut, RKI-Ratgeber für Ärzte Hantaviren. Epid Bull 24 2011 217 221

Scholz, 2009

Scholz H DGPI-Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen 2009 Thieme Stuttgart

Schmaljohn and Hjelle, 1997

C. Schmaljohn B. Hjelle Hantaviruses: A Global Disease Problem Emerg. Infect. Dis. 3 1997 95 104

Zöller, 2012

L. Zöller Hantaviren Suerbaum S Hahn H Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie 2012 Springer Berlin, Heidelberg u. a. (Hrsg.):

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