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B978-3-437-22107-1.50451-9

10.1016/B978-3-437-22107-1.50451-9

978-3-437-22107-1

Antiretrovirale Substanzen und Zulassungsstatus im Kin des- und Jugendalter:

HIV-Infektion bei Kindern und Jugendlichen

C. Königs

Kernaussagen

  • Da die Infektion bei entsprechenden Maßnahmen und adäquater Prophylaxe fast immer verhindert werden kann, kommt der Betreuung von infizierten Schwangeren und ihren Kindern eine besondere Bedeutung zu. Voraussetzung ist der bekannte Serostatus der Mutter.

  • Zur Prophylaxe der Infektion von Kindern erhalten HIV-positive Mütter je nach eigener Therapieindikation eine Therapie oder Prophylaxe. Die Entbindung kann bei bestimmten Voraussetzungen vaginal erfolgen, ansonsten, u. a. bei positiver Viruslast, sollte ein elektiver Kaiserschnitt erfolgen. Das Neugeborene wird ebenfalls prophylaktisch je nach Risiko über 2–6 Wochen mit Zidovudin oder einer Kombinationsprophylaxe behandelt. Der Stillverzicht wird weiterhin empfohlen.

  • Eine unbehandelte HIV-Infektion schreitet bei Kindern, insbesondere bei Säuglingen, wesentlich schneller voran als bei Erwachsenen.

  • Die Stadieneinteilung erfolgt bei Kindern anhand der immunologischen Situation und des klinischen Bildes entsprechend der pädiatrischen CDC-Klassifikation.

  • Seit Einführung der cART (Combination Antiretroviral Therapy) ist die HIV-Infektion auch bei Kindern gut behandelbar. Auch wenn sie noch immer nicht heilbar ist, ist eine normale Entwicklung möglich.

  • Mithilfe der cART ist in der Regel auch bei Kindern der Erhalt der Immunkompetenz oder die Immunrekonstitution möglich.

  • Therapiebegrenzende Faktoren sind Einnahme- bzw. Adhärenzprobleme, Nebenwirkungen und die Resistenzentwicklung des Virus.

  • Nach wie vor gibt es wenige Studien zur Therapie der HIV-Infektion bei Kindern.

  • Generell muss die Therapie für jeden Patienten individualisiert und in enger fachübergreifender Zusammenarbeit durchgeführt werden.

  • In Deutschland sind derzeit 32 antiretrovirale Wirkstoffe oder Wirkstoffkombinationen zugelassen, jedoch nur sieben für das gesamte Kindesund Jugendalter. Die Initialtherapie erfolgt in der Regel mit einer Kombination von zwei unterschiedlichen NRTI mit einem NNRTI oder PI/r.

  • Resistenztestungen sind vor Therapiebeginn und bei Therapieversagen unerlässlich.

  • Bei Therapieversagen muss auf andere Kombinationen nach individueller Verträglichkeit und individuellem Resistenzprofil umgestellt werden.

Epidemiologie

  • Weltweit gab es 2012 schätzungsweise 3,3 Millionen HIV-infizierte Kinder. Insgesamt waren 260.000 Neuinfektionen und 210.000 AIDS-bedingte Todesfälle zu verzeichnen (Kinder < 15 Jahren; www.unaids.org; Stand: September 2013). Während die Zahl der HIV-infizierten Kinder stetig zunimmt, hat die Zahl der Neuinfektionen und AIDS-bedingten Todesfälle in den letzten Jahren deutlich abgenommen (seit 2001 Reduktion um 52%).

  • Im internationalen Vergleich ist die Anzahl der infizierten Kinder in West- und Zentraleuropa sehr gering: UNAIDS schätzt die Zahl der infizierten Kinder auf 1600, bei weniger als 200 Neuinfektionen und weniger als 100 AIDS-bedingten Todesfällen pro Jahr.

  • In Deutschland lebten im Jahr 2012 nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ca. 200 Kinder < 15 Jahren mit HIV. Insgesamt waren weniger als zehn Neuinfektionen zu verzeichnen (www.rki.de, Stand: Dezember 2013).

Der Rückgang der Neuinfektionen ist vor allem der Implementierung von Programmen zur Verhinderung der Mutter-Kind-Transmission zu verdanken. In Deutschland kann die Mutter-Kind-Transmission fast vollständig verhindert werden.
Die nach wie vor berichteten Neuinfektionen betreffen Kinder, die im Ausland geboren wurden, aber auch Kinder von Müttern mit unbekanntem HIV-Status in der Schwangerschaft oder nach unzureichender oder nicht erfolgreicher medikamentöser Therapie oder Prophylaxe.
Die zunehmende Anzahl der infizierten Kinder bei gleichzeitigem Rückgang der Neuinfektionen und Todesfälle reflektiert die weltweit durchgeführten Behandlungsprogramme. Diese sind insbesondere bei Kindern mehr als unzureichend: Mehr als 1,2 Millionen Kinder mit Therapieindikation (bei 3,3 Millionen Infizierten) erhielten 2012 keine Therapie (www.unaidsorg).

HIV-Infektion bei Kindern

Klinischer Verlauf

CAVE

Der Verlauf der HIV-Infektion im Kindesalter unterscheidet sich maßgeblich von dem des HIV-infizierten Erwachsenen. In den ersten fünf Lebensjahren und vor allem im ersten Lebensjahr werden frühe AIDS-Manifestationen und Tod deutlich häufiger beobachtet. Bei perinataler Infektion trifft das Virus auf ein unreifes und sich entwickelndes Immunsystem.

  • Die epidemiologischen Zahlen weltweit spiegeln bereits die schnellere Dynamik der Infektionen bei Kindern im Vergleich zu den Erwachsenen wider: Der Anteil der Kinder an der Gesamtzahl der weltweiten Neuinfektionen und Todesfälle ist deutlich höher als der Anteil an der Gesamtzahl der weltweit lebenden HIV-infizierten Personen.

  • Im ersten Lebensjahr erkranken bereits bis zu 20% der infizierten Kinder an einer AIDS-definierenden Erkrankung oder versterben. Dieses Risiko vermindert sich erst nach dem zweiten Lebensjahr deutlich und entspricht in Abhängigkeit von den CD4-Zellzahlen erst ab dem Alter von fünf Jahren dem von Erwachsenen (Blanche et al. 1997; Dunn 2003; Dunn et al. 2008). Die schnelle Progression zu AIDS zeigte sich auch in einer randomisierten kontrollierten Studie, in der sich bei früh therapierten Kindern (6.-12. Lebenswoche) im Vergleich zu erst später therapierten Kindern eine Reduktion von AIDS und Tod um ca. 75% zeigte (Violari et al. 2008).

  • Opportunistische Erkrankungen finden sich bei Kindern ähnlich wie bei erwachsenen HIV-Infizierten. Generell findet sich aber auch hier ein deutlicher Rückgang im Vergleich zur sogenannten Prä-cART-Ära. Seit Verfügbarkeit einer effektiven Kombinationstherapie sind die vier häufigsten Infektionen

    • die bakterielle Pneumonie,

    • Herpes zoster,

    • Infektionen mit Dermatophyten und

    • die orale Candidiasis.

  • Zum Vergleich fanden sich in der Prä-cART-Ära am häufigsten bakterielle Pneumonien, Bakteriämien, Herpes zoster, disseminierte M.-avium-complex-Infektionen, Pneumocystis-jerovecii-Pneumonien, orale Candidiasis, CMV-Retinitis und Tuberkulose (Gona et al. 2006; Mofenson et al. 2009). Die zuletzt genannten Infektionen sollten folglich bei sehr spät diagnostizierten Kindern in Betracht gezogen werden.

Neben vermehrten oder opportunistischen Infektionen fallen infizierte Kinder aber vor allem durch eine Entwicklungsverzögerung oder durch Rückschritte (“Verlust von Meilensteinen”) auf. Sowohl die neurokognitive Entwicklung als auch die körperliche Entwicklung werden durch die Infektion negativ beeinflusst. Die HIV-Enzephalopathie ist vor allem bei kleinen Kindern bei unbehandelter Infektion eine relativ häufige AIDS-definierende Erkrankung.

Klassifikation der pädiatrischen HIV-Infektion

Analog zur Einteilung von Erwachsenen wurde 1994 eine eigene Klassifikation nach CDC für Kinder < 13 Jahren etabliert. Diese basiert auf klinischen Kriterien und dem vorhandenen Immundefekt anhand der Helferzellzahl. In Ergänzung zur Klassifizierung Erwachsener steht ein klinisches Stadium N für symptomfreie Kinder und Jugendliche. Beispiele für Erkrankungen, die die Stadien N, A, B oder C definieren, sind in > Tabelle 1 aufgeführt. Eine vollständige Auflistung aller Erkrankungen findet sich in den entsprechenden Leitlinien oder bei der CDC. Die altersabhängige Einteilung nach immunologischen Kriterien (CD4-Zellzahl und prozentualer Anteil [CDC 1994]) zeigt > Tabelle 2.

Diagnostik der HIV-Infektion

Aufgrund der schnellen Krankheitsprogression ist eine frühzeitige Diagnose entscheidend für die Prognose des Kindes. Ab dem Alter von 18–24 Monaten erfolgt die Diagnose wie bei Erwachsenen mithilfe des HIV-Antikörper- bzw. des kombinierten HIV-Antikörper-Antigen-Tests. Bei kleineren Kindern und Säuglingen liefert ein positiver Antikörpertest keine Aussage über die Infektion des Kindes, sondern indirekt über die der Mutter, da die mütterlichen Antikörper in den letzten Schwangerschaftswochen diaplazentar übertragen werden (“Nestschutz”). Hier ist der Virusdirektnachweis (PCR) für eine Diagnose zwingend erforderlich.

CDC-Klassifikation für Kinder < 13 Jahren.

Tabelle 1
CDC-StadiumKlinische Manifestation (Beispiele)
NAsymptomatischKeine Symptome bis max. 1 A-Symptom
AMilde SymptomatikLymphadenopathie, Hepatomegalie, Splenomegalie, Dermatitis, Parotitis, rez. Infekte der oberen Luftwege, Sinusitis, Otitis
BMittelschwere SymptomatikU. a. Anämie/Neutropenie/Thrombozytopenie > 30 d, bakterielle Meningitis, Pneumonie oder Sepsis, chronische Diarrhö, oropharyng. Candidiasis, Herpes zoster, LIP, Nephropathie, Fieber > 1 Monat, disseminierte Varizellen
CSchwere SymptomatikU. a. schwere bakterielle Infektionen, disseminierte und symptomatische (> 1 Lj.) CMV-Infektion, Pneumocystis-jiroveci-Pneumonle (PcP/PjP), Enzephalopathie, Myelopathie, zerebrale Toxoplasmose, disseminierte oder extrapulmonale Tuberkulose, Wasting, Kaposi-Sarkom, Lymphom

Altersabhängige Einteilung nach immunologischen Kri te rien (CD4-Zellzahl und prozentualer Anteil).

Tabelle 2
Alter
< 12 Monate 1-5 Jahre 6-12 Jahre
CDC-Kategorie Zellen/μl % Zellenμl % Zellen/μl %
1 Kein Immundefekt ≥ 1500 ≥ 25 ≥ 1000 ≥ 25 ≥ 500 ≥ 25
2 Mittelschwerer Immundefekt 750-1499 15-24 500-999 15-24 200-499 15-24
3 Schwerer Immundefekt < 750 < 15 < 500 < 15 < 200 < 15
Grundsätzlich muss die Diagnose aus zwei unabhängigen Blutproben gesichert werden. Bei bekannter HIV-Exposition werden zwei PCR-Untersuchungen im Alter von > 6 Wochen und > 3 Monaten durchgeführt. Sind beide Tests negativ, kann die HIV-Infektion nahezu hundertprozentig ausgeschlossen werden. Parallel findet man einen abnehmenden Titer der HIV-spezifischen, maternalen Antikörper.
In der Vergangenheit gab es in Einzelfällen Schwierigkeiten bei der Diagnose von Infektionen mit seltenen Subtypen. Dieses Problem kann einfach ausgeschlossen werden, wenn die Probe aus dem mütterlichen Blut mit dem gleichen Test zweifelsfrei untersucht werden konnte.
Früh therapierte Kinder mit gesicherter HIV-Infektion und über Jahre negativer Viruslast serorevertieren auch teilweise, d. h. der HIV-Antikörpertest wird negativ (Neubert et al. 2010). Dies hat keine Auswirkung auf die Therapieindikation der Kinder bei initial zweifelsfrei gesicherter HIV-Infektion. Zum Teil kann bei den Kindern HIV-cDNA im peripheren Blut nachgewiesen werden.

Antiretrovirale Therapie

Als Faustregel gilt

Die HIV-Infektion ist auch im Kindesalter eine chronische und behandelbare Infektion geworden. Eine Heilung ist nach wie vor mit den zur Verfügung stehenden Medikamenten nicht möglich.

Die Ziele einer antiretroviralen Therapie sind vergleichbar mit denen der Therapie im Erwachsenenalter: der Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Immunkompetenz, die Senkung der Morbidität und der Mortalität sowie die Steigerung der Lebensqualität bei maximaler Virussuppression mit Verhinderung der Resistenzentwicklung und minimaler Toxizität. Ein zusätzliches elementares Ziel der Therapie in der Pädiatrie ist die normale körperliche und neurokognitive Entwicklung.
Aufgrund der oben beschriebenen Unterschiede der HIV-Infektion bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen gibt es für die Therapie von Kindern separate Therapieempfehlungen, die von nationalen oder internationalen Gruppen oder Fachgesellschaften publiziert werden. In Deutschland sind die Empfehlungen der Pädiatrischen Arbeitsgemeinschaft AIDS e. V. (PAAD) und der Deutschen AIDS Gesellschaft e. V. maßgeblich (www.kinder-aids.de, Neubert et al. 2012). Diese zeigen weitgehende Übereinstimmung mit den europäischen oder US-amerikanischen Leitlinien und inzwischen auch zunehmend mit den Therapieempfehlungen von UNAIDS (www.penta-id.org, aidsinfo.nih.gov, www.unaids.org, Welch et al. 2009).
Die Betreuung HIV-infizierter Kinder insbesondere mit Therapieindikation und zum Therapiebeginn sollte multidisziplinär und in einem erfahrenen Zentrum erfolgen (Zentren und Ansprechpartner unter www.kinder-aids.de). Die Therapieindikation wird nach verschiedenen Kriterien gestellt. Die Auswahl der Therapie und die Begleitung müssen sich aber auch nach den individuellen Situationen von Kind und Familie richten. Ebenso muss die Therapiegeschichte bzw. die der Mutter mit berücksichtigt werden.

Beachte

Ziel muss es sein, die begonnene Therapie erfolgreich über viele Jahre fortzusetzen. Dies erfordert eine intensive initiale Planung und eine optimale Betreuung.

Indikationen zur antiretroviralen Therapie

Die Indikationen für den Beginn der antiretroviralen Kombinationstherapie (cART) entsprechend der Leitlinie der PAAD (Neubert et al. 2012) sind nach klinischen, immunologischen und virologischen Kriterien in > Tabelle 3 dargestellt. Aufgrund der schnellen Progression zu AIDS und der hohen Mortalität werden alle Säuglinge behandelt. Nach Vollendung des ersten Lebensjahres ist der Beginn der cART beim Erreichen der klinischen Stadien B und C nach CDC (Tabelle 1), bei Viruslasten > 100.000 Kopien oder bei Unterschreiten von altersabhängigen CD4-Zahlen (relativ oder absolut) empfohlen. Tabelle 3 fasst altersabhängig die klinischen, immunologischen und virologischen Therapieindikationen zusammen.

Darstellung der altersabhängigen Therapieindikationen nach klinischen, immunologischen und virologischen Parametern.

Tabelle 3
AlterKriteriumBehandlungsindikation bei
< 12 Monateklinischallen Kindern
Immunologischallen Kindern
virologischallen Kindern
12-35 MonateklinischCDC-Stadium B oder C
immunologischCD4 < 25% oder < 1000 μl
virologischViruslast > 100.000 Kopien/ml
36-59 MonateklinischCDC-Stadium B oder C
immunologischCD4 < 20% oder < 500 μl
virologischViruslast > 100.000 Kopien/ml
> 60 MonateklinischCDC-Stadium B oder C
immunologischCD4 < 350 μl
virologischViruslast > 100.000 Kopien/ml

Medikamentenkombinationen für die Initialtherapie

Für die Behandlung der HIV-Infektion stehen aktuell 32 antiretroviral wirksame Substanzen oder deren Kombinationen aus verschiedenen Substanzklassen zur Verfügung. Die Substanzen hemmen den Replikationszyklus von HIV an verschiedenen Stellen und blockieren virale Enzyme oder Proteine bzw. in einem Fall den humanen HIV-Korezeptor CCR5. Die Substanzklassen in der Reihenfolge des Wirkmechanismus im HIV-Replikationszyklus sind:
  • Inhibitoren des Viruseintritts in die Zielzelle (EnI)

    • Korezeptorantagonisten

    • Fusionsinhibitoren

  • Nukleos(t)idische Reversetranskriptase Inhibitoren (N(t)RTI)

  • Nicht nukleosidische Reversetranskriptase Inhibitoren (NNRTI)

  • Integraseinhibitoren (InI)

  • Proteaseinhibitoren (PI)

Aus den Substanzklassen N(t)RTIs und NNRTIs gibt es insgesamt sieben Kombinationspräparate – drei davon beinhalten die komplette antiretrovirale Tagesdosis in einer Tablette (STR – Single Tablet Regimen, > S 7.1 AIDS (HIV-Infektion) – internistische Aspekte).
Die genannten Medikamente sind für die Therapie von erwachsenen, therapienaiven oder – erfahrenen Patienten zugelassen. In > Abb. 1 ist der Zulassungsstatus im Kindesalter dargestellt:
Weiß: Zulassung vorhanden; hellgrau: Zulassung mit Einschränkungen vorhanden (z. B. ab 6 oder 12 Jahren); dunkelgrau: keine Zulassung vorhanden.
Für die Initialtherapie von infizierten Kindern wird nach wie vor eine Kombination aus zwei NRTIs und einem PI/r oder einem NNRTI empfohlen (> Tabelle 4). Beide Kombinationen sind als gleichwertig im Sinne des initialen therapeutischen Ansprechens anzusehen (Babiker et al. 2011). Je nach Medikamentenkombination ist erhöhte Vorsicht bei andauernd oder erneut positiven Viruslasten geboten, um eine (weitere) Resistenzentwicklung zu vermeiden.

Empfehlungen zur Arzneimittelkombinationen in der Initialtherapie.

Tabelle 4
BeurteilungKombinationstherapieBewertung
Empfohlen1 PI/r + 2 NRTIAI
1 NNRTI + 2 NRTIAI
Je nach Alter der Kinder, Erfahrungen und Zulassung werden nach PAAD-Leitlinien verschiedene Medikamente aus den Klassen PI/r und NNRTIs für die Initialtherapie empfohlen.> Tabelle 5 gibt eine Übersicht.
  • Häufig gebräuchliche NRTIs in der Pädiatrie sind ABC und 3TC und auch weiterhin AZT und 3TC.

  • Die in der Erwachsenenmedizin häufig genutzte Kombination aus FTC und TDF sind in der Pädiatrie nur als Einzelsubstanzen und mit Altersbeschränkungen zugelassen.

  • Kombinationen mit d4T und ddI sind nicht mehr empfohlen und nur noch für den Ausnahmefall zugelassen.

    ! Sollte es im Einzelfall zu einem Einsatz kommen, sind je nach Wirkstoff die Kombinationen streng zu prüfen, da sich unerwünschte Wirkungen ergänzen können und die Wirkungen antagonisieren können.

  • Von den weiterhin häufiger gebräuchlichen Wirkstoffen dürfen Lamivudin (3TC) und Emtricitabine (FTC) nicht kombiniert werden.

In der Vergangenheit wurden strukturierte Therapieunterbrechungen diskutiert. Diese sollten zum einem mit dem Einsparen von Medikamenten Nebenwirkungen mindern und teilweise eine “Resensitivierung” der cART ermöglichen. Aufgrund der negativen Ergebnisse in der Erwachsenenmedizin wurde diese Strategie verlassen (El Sadr et al. 2006). Neuere Daten aus der Pädiatrie sehen deutlich vielversprechender aus: In der PENTA-11-Studie konnte die Möglichkeit von CD4-gesteuerten Therapiepausen in der Pädiatrie gezeigt werden (PENTA 2010).

Empfehlungen zur Medikamentenkombinationen in der Initialtherapie in Abhängigkeit vom Alter.

Tabelle 5
KombinationstherapieBemerkungBewertung
2 NRTI + 1 PI/r
< 6 JahreLPV/r + 2 NRTIZulassung erst > 2 Jahren, Dosisangaben nach FDA, TDM, nicht bei FrühgeborenenAII
NFV + 2 NRTIMögliche Alternative, Zulassung erst > 3 Jahren, TDM, geschmacklich besserAII
> 6 JahreLPV/r + 2 NRTIAII
ATV/r + 2 NRTIAII
FPV/r + 2 NRTIAII
2 NRTI + 1 NNRTI
< 3 JahreNVP + 2 NRTINicht bei NVP-exponierten KindernAII
> 3 JahreNVP + 2 NRTINicht bei NVP-exponierten Kindern, bei Jugendlichen CD4-Grenzen beachten (49, 50)AII
EFV + 2 NRTIZulassung > 3 JahrenAII
3 NRTI + 1 NNRTI
< 1 JahrNVP + AZT + 3TC + ABCIn Ausnahmefällen möglichCIII
! Dennoch sind Therapiepausen weit davon entfernt Einzug in Therapieempfehlungen zu halten und sollten unbedingt nur unter Studienbedingungen durchgeführt werden (z. B. DARE Studie, DRKS00000473).

Therapiebegrenzende Faktoren

Als therapielimitierende Faktoren sind vor allem Adhärenzprobleme, Nebenwirkungen und in der Folge Resistenzentwicklungen zu nennen. Ein häufiges Problem ist die zunehmende und schleichende Unterdosierung bei Kindern durch Wachstum und Gewichtszunahme. Die Dosis muss entsprechend häufig kontrolliert und angepasst werden.
Bei der Wahl der Medikation muss die Adhärenz unbedingt mit berücksichtigt werden. Geboostete Proteaseinhibitoren in Saftform sind geschmacklich eine große Herausforderung in der Verabreichung. Hingegen werden NNRTI-basierte Regime von den Kindern leichter genommen, haben aber eine niedrige Resistenzbarriere. Die Adhärenz kann durch eine entsprechende Betreuung der Kinder und deren Familie positiv beeinflusst werden.
Mögliche Nebenwirkungen müssen klinisch und laborchemisch regelmäßig überprüft werden. Auch wenn unter einer modernen cART metabolische Störungen seltener beobachtet werden, sind diese nicht ausgeschlossen. In der Pädiatrie treten sichtbare Nebenwirkungen wie die Lipodystrophie mit beginnender Pubertät (Tanner-Stadium 2) vermehrt zu Tage (EPLG 2004, Aurpibul et al. 2007).
In Tabelle 6 sind die erhältlichen Substanzen mit den aktuellen Dosisempfehlungen aufgeführt:

Antiretrovirale Substanzen mit den aktuellen Dosisempfehlungen.

Tabelle 6
ArzneimittelDosierungHauptnebenwirkungenEinnahme und Kommentar
Nukleosidische/Nukleotidische Reverse Transkriptase Inhibitoren (N(t)RTI)
Abacavir (ABC):
  • Suspension: 20 mg/ml

  • Tabletten: 300 mg mit Bruchrille

  • 1-3 Mon.: Studie mit2 × 8 mg/kg KG

  • > 3 Mon.: 2 × 8 mg/kg KG (in Studien: 1 × 16 mg/kg KG)

  • Max. 2 × 300 mg oder 1 × 600 mg

  • Diarrhö, Bauchschmerz, Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Anorexie, Hautausschlag, Kopfschmerz

  • Überempfindlichkeitsreaktion gewöhnlich in den ersten 6 Wo. der Behandlung vor allem bei HLA B*5701 Positiven

  • Unabhängig vom Essen

  • Schlechte Wirksamkeit von ABC + 3TC + TDF

  • Bestimmung von HLA-B*5701 vor Therapiebeginn, da bei Vorliegen des Merkmals hohes Risiko der Hypersensitivitätsreaktion

Didanosin (DDI):
  • Suspension: 10 mg/ml

  • Magensaftresistente Hartkapseln: 125 mg, 200 mg, 250 mg und 400 mg

  • 2 Wo.-8 Mon.: 2 × 50 mg/m2 KOF

  • 8 Mon. bis 60 kg KG: 2 × 100-120 mg/m2 KOF

  • Max. 2 ×125 mg oder 1 × 250 mg

  • > 60 kg KG: 1 × 400 mg oder 2 × 200 mg

  • Diarrhö, Bauchschmerz, Übelkeit, Erbrechen

  • Selten: periphere Neuropathie, Hyperurikämie, retinale Depigmentation, Pankreatitis, Elektrolytstörungen

  • Nüchtern: 30 Min. vor oder 2 h nach Essen, Suspension maximal 30 d im Kühlschrank haltbar, einmal tägliche Dosierung möglich

  • TDF führt zu erhöhtem DDI-Spiegel, schlechte Wirksamkeit der Kombination DDI + 3TC oder TDF

Emtricitabin (FTC):
  • Suspension: 10 mg/ml

  • Kapseln: 200 mg

  • 3 Mon. bis < 18 Jahre: 1 × 6 mg/kg (Saft)

  • Max. 1 × 240 mg

  • Patienten > 33 kg: 1 × 200 mg (Kps.)

  • Kopfschmerzen, Diarrhö, Übelkeit, Hautausschlag, Hyperpigmentationen

  • Hepatitis-B-Exazerbation nach Absetzen möglich

  • Unabhängig vom Essen

  • Nur 1 Mutation bis zur kompletten Resistenz

  • Wirksamkeit gegen Hepatitis-B-Virus, nicht mit 3TC kombinierbar

Lamivudin (3TC):
  • Suspension: 10 mg/ml

  • Tabletten: 150 mg (mit Bruchrille) und 300 mg

  • < 30 Tage: 2 × 2 mg/kg KG

  • > 30 Tage: 2 × 4 mg/kg KG (in Studien: 1 × 8 mg/kg)

  • Max. 2 × 150mg

  • Gewichtsbereiche:

    • -

      14-21 kg: 2 × ½ Tbl.

    • -

      21-30 kg: ½-0-1 Tbl.

    • -

      > 30 kg: 2 × 150 mg oder 1 × 300 mg

  • Kopfschmerz, Diarrhö, Bauchschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Hautausschlag

  • Selten: Neutropenie, periphere Neuropathie, Pankreatitis

  • Unabhängig vom Essen

  • Schlechte Wirksamkeit der Kombination von DDI + 3TC

  • Nur 1 Mutation bis zur kompletten Resistenz

  • Wirksamkeit gegen Hepatitis-B-Virus, nicht kombinierbar mit FTC

Stavudin (D4T):
  • Suspension: 1 mg/ml

  • Kapseln: 15 mg, 20 mg, 30 mg und 40 mg

  • 1-13 d:2 × 0,5 mg/kg

  • 14 d bis 30 kg KG: 2 × 1 mg/kg KG

  • 30-60 kg KG: 2 × 30 mg

  • > 60 kg KG: 2 × 40 mg

  • Kopfschmerzen, GI-Probleme, Hautausschlag Lipoatrophie,

  • Selten: periphere Neuropathie, Pankreatitis, Leberenzymanstieg, Laktatazidose

  • Unabhängig vom Essen

  • Liquorgängig

  • Zulassung nur noch für Gabe bei mangelnden Alternativen

Tenofovir (TDF):
  • Granulat (G): 33 mg/g

  • Tabletten: 245, 204, 163 und 123 mg

  • < 2 Jahre nichtzugelassen

  • 10-< 12 kg: 1 × 65mg (G)

  • 12-< 14 kg: 1 × 82 mg (G)

  • 14-< 17 kg: 1 × 98mg (G)

  • 17-< 22 kg: 1 × 123 mg

  • 22-< 28 kg: 1 × 163 mg

  • 28-< 35 kg: 1 × 204mg

  • > 35 kg: 1 × 245 mg

  • Gastrointestinale Beschwerden (Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, Flatulenz)

  • Hypophosphatämie

  • Zum Essen, Einnahme: 1 × täglich; cave: Bei Kombination von TDF und DDI können DDI-Serumspiegel ansteigen und CD4-Zellen abfallen

  • Vermindert ATV-Spiegel

  • Nicht in Kombination mit D4T + ABC + 3TC

  • Wirksamkeit gegen Hepatitis-B-Virus

Azidothymidin (AZT) oder Zidovudin (ZDV):
  • Suspension: 10 mg/ml

  • Kapseln: 100 und 250 mg

  • Tabletten: 300 mg

  • Ampullen: 10 mg/ml i. v.

  • Lösung:

    • -

      4-9 kg: 2 × 12 mg/kg

    • -

      > 9-30 kg: 2 × 9 mg/kg

  • Kapseln:

    • -

      8-14 kg: 2 × 100 mg

    • -

      > 14-21 kg: 100 mg-0-200 mg

    • -

      > 21-30 kg: 2 × 200 mg

    • -

      > 30 kg: 2 × 250-300 mg

  • Hämatotoxizität (Neutropenie und Anämie), Kopfschmerzen

  • Selten: Myopathie, Myositis, Hepatotoxizität, Laktatazidose

  • Unabhängig vom Essen

  • Große Erfahrung in der Pädiatrie inkl. Frühgeborene und Neonaten

  • Liquorgängig

  • Präparation i. v. vorhanden

  • Dosis für Frühgeborene und zur Prophylaxe der Mutter-Kind-Transmission beachten

NRTI-Kombinationspräparate:
Combivir® (AZT + 3TC): Tabletten mit Bruchrille: 300 mg AZT + 150 mg 3TC
  • 14-21 kg: 2 × ½ Tbl.

  • 21-30 kg: ½-1 Tbl.

  • > 30 kg: 2 × 1 Tbl.

Siehe Einzelpräparate
Kivexa® (3TC + ABC): 300 mg 3TC + 600 mg ABC
  • < 18 Jahre (bzw. < 40 kg KG) nicht zugelassen

  • Erwachsenendosis: 1 × 1 Tbl.

Siehe Einzelpräparate
Trizivir® (AZT, 3TC, ABC): 300 mg AZT + 150 mg 3TC + 300 mg ABC
  • < 18 Jahre nicht zugelassen

  • Erwachsenendosis: 2 × 1 Tbl.

Siehe Einzelpräparate
Truvada® (FTC + TDF): 200 mg FTC + 300 mg TDF
  • < 18 Jahre nicht zugelassen

  • Erwachsenendosis: 1 × 1 Tbl.

Siehe Einzelpräparate
Nicht nukleosidische Reverse Transkriptase Inhibitoren (NNRTI)
Efavirenz (EFV): Lösung: 30 mg/ml Kapseln: 50, 100 und 200 mg Tabletten: 600 mg
  • < 3 Jahre nicht zugelassen

  • Kapseln/Tablette:

    • -

      10-< 15 kg: 1 × 200 mg

    • -

      15-< 20 kg: 1 × 250 mg

    • -

      20-< 25 kg: 1 × 300 mg

    • -

      25-< 32,5 kg: 1 × 350 mg

    • -

      32,5-< 40 kg: 1 × 400 mg

    • -

      > 40 kg: 1 × 600 mg

    • -

      Max. 1 × 600-800 mg

  • Supension: Dosierungstabelle nach Alter und Körpergewicht

  • ZNS: Somnolenz, Albträume, Verwirrung, Amnesie, Konzentrations schwäche, Veränderungen der Persönlichkeit, Agitation, Halluzinationen, Euphorie, Hautausschlag, Transaminasenerhöhung

  • Teratogen bei Primaten

  • Einnahme auf leeren Magen, Einnahme: 1 × täglich, am besten vor dem Einschlafen!

  • 50 mg Kapseln können geöffnet und mit Nahrung eingenommen werden

  • Sehr lange HWZ

  • Erniedrigt Spiegel von PI

  • Geringe genetische Barriere

  • Nicht empfohlen bei Frauen im gebärfähigen Alter

Etravirin (ETR):
  • Tabletten: 100 mg

  • < 18 Jahre nicht zugelassen

  • Phase-II-Studie mit 2 × 5,2 mg/kg

Übelkeit, HautausschlagTabletten auch in Wasser aufgelöst trinkbar
Nevirapin (NVP):
  • Suspension: 10 mg/ml

  • Tabletten: 200 mg

Nevirapin retard (NVP XR): Tabletten: 50, 100 und 400 mg
  • > 14 d-8 Jahre:

    • -

      2 Wo. 1 × 4 mg/kg NVP, dann:

    • -

      NVP 2 × 7 mg/kg oder

    • -

      NVP XR:

      • 12,5-17,8 kg: 1 × 200 mg

      • 17,9-24,9 kg: 1 × 300 mg

      • ≥ 25 kg: 1 × 400 mg

  • > 8 Jahre:

    • -

      2 Wo. 1 × 4 mg/kg NVP, dann:

    • -

      NVP 2 × 4 mg/kg (max. 2 × 200 mg) oder

    • -

      NVP XR

      • 17,9-31,2 kg: 1 × 200 mg

      • 31,3-43,7 kg: 1 × 300 mg

      • ≥ 43,8 kg: 1 × 400 mg

  • Hautausschlag (v. a. in den ersten 6 Wochen der Therapie)

  • Auch Steven-Johnson-Syndrom möglich

  • Fieber, Erbrechen, Kopfschmerz

  • Leberenzymerhöhung, Hepatitis

  • Unabhängig vom Essen

  • Erniedrigt Spiegel von PI

  • Geringe genetische Barriere

Rilpivirin (RLP): Tabletten: 25 mg
  • < 18 Jahre nicht zugelassen

  • Erwachsenendosis: 1 × 1 Tbl.

  • Übelkeit, abnorme Träume, Schlafstörungen

  • Cholesterin- und Triglyzeriderhöhung

  • Hautausschlag

Muss mit einer Mahlzeit eingenommen werden
NRTI-NNRTI-Kombinationspräparate:
Atripla® (FTC + TDF + EFV): 200 mg FTC + 300 mg TDF + 600 mg EFV
  • < 18 Jahre nicht zugelassen

  • Erwachsenendosis: 1 × 1 Tbl.

Siehe EinzelpräparateMit dem Essen
Eviplera®: 200 mg FTC, 300 mg TDF, 25 mg RLP
  • < 18 Jahre nicht zugelassen

  • Erwachsenendosis: 1 × 1 Tbl.

Siehe EinzelpräparateMuss mit einer Mahlzeit eingenommen werden
Proteaseinhibitoren (PI)
Atazanavir (ATV): Kapseln: 100, 150, 200 und 300 mg
  • < 6 Jahre nichtzugelassen

  • 15-< 25 kg: 1 × 150 mg + 80 mg RTV

  • 25-< 32 kg: 1 × 200 mg + 100 mg RTV

  • 32-< 39 kg: 1 × 250 mg + 100 mg RTV

  • >39kg (Erwachsenendosis): 1 × 300 mg + 100 mg RTV

Erhöhung des indirekten Bilirubins, Ikterus, Kopfschmerz, Fieber, Arthralgien, Depression, Schlaflosigkeit, Schwindel, Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, ParästhesienBessere Absorption mit Essen
Cobicistat (Cobi): Tabletten: 150 mg
  • <18 Jahren nicht zugelassen

  • > 18 Jahren: 1 × täglich mitATV oder DRV als Booster

Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Hyperglykämie, Ikterus
  • Einnahme mit Essen

  • Wechselwirkungen

Darunavir (DRV): Tabletten: 75, 150, 300, 400 und 600 mg
  • < 6 Jahren nichtzugelassen

  • ≥ 20-30 kg: 2 × 375 mg + 2 × 50 mg RTV

  • ≥ 30-40 kg: 2 × 450 mg + 2 × 60 mg RTV

  • ≥ 40 kg: 2 × 600 mg + 2 × 100 mg RTV

Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen Bauchschmerzen, MüdigkeitEinnahme mit Essen
Fosamprenavir (FPV):
  • Tabletten: 700 mg

  • Suspension: 50 mg/ml

  • < 6 Jahre nichtzugelassen

  • 2-5 Jahre/naiv: 2 × 30 mg/kg FPV

  • > 6 Jahre: 2 × 18 mg/kg FPV + 3 mg/kg RTV

  • Erwachsenendosis: 2 × 700 mg FPV + 2 × 100 mg RTV

Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, periorale Parästhesien, Kopfschmerz, Hautausschlag bis Stevens-Johnson Syndrom (1%), LipidabnormalitätenUnabhängig vom Essen
Lopinavir/Ritonavir (LPV/r):
  • Suspension: 80 mg/ml LPV + 20 mg/ml RTV

  • Tabletten:

    • -

      200 mg LPV + 50 mg RTV

    • -

      100 mg LPV + 25 mg RTV

  • < 2 Jahre nichtzugelassen

  • Lösung:

    • -

      < 6 Mo.: 2 × 300 mg/m2 KOF LPV

    • -

      > 6 Mo.: 2 × 230 mg/m2 LPV

  • Tabletten:

    • -

      ≥ 0,5-< 0,9 m2 KOF 2 × 200 mg

    • -

      ≥ 0,9-< 1,4 m2 KOF 2 × 300 mg

    • -

      ≥ 1,4 m2 KOF 2 × 400 mg

  • Hautausschlag, Durchfall, Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Dyslipidämie

  • Selten: gestörter Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsel, Leberenzym erhöhung

  • Saft: mit dem Essen, Fett erhöht Absorption, mit 42% Alkohol, übler Geschmack,

  • Tabletten: unabhängig vom Essen 1 × tägliche Gabe in Studie

  • In Kombination mit EFV/NVP höhere Dosierung (ca. 30%) notwendig (siehe Packungsbeilage)

Nelfinavir (NFV):
  • Pulver: 50 mg/g

  • Tabletten: 250 mg

  • < 3 Jahre nichtzugelassen

  • < 1 Jahr (Studie): 2 × 75 mg/kg

  • 3-13 Jahre: 2 × 50-55 mg/kg

  • >13 Jahre: 2 × 1250 mg

  • Siehe auch Dosierungstabellen für Pulver und Tabletten

  • Diarrhö

  • Selten: Bauchschmerzen, Hautausschlag, gestörter Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsel, CK-Erhöhung

  • Große Erfahrung in der Pädiatrie

  • Mit leichtem Essen einnehmen, nicht in Zitrussäfte oder Apfelsaft geben, Pulver wird geschmacklich nicht toleriert

  • Es kann aber eine adäquate Menge der Tablette in Wasser gelöst verabreicht werden

Ritonavir (RTV):
  • Suspension: 80 mg/ml

  • Tabletten: 100 mg

  • < 2 Jahren nichtzugelassen

  • Einsatz nur noch als Booster-Medikament

  • Dosis je nach PI

  • Als Booster-Medikament weniger Nebenwirkungen

  • Sonst: Anorexie, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerz, Diarrhö, periorale Parästhesie, Geschmackstörungen

  • Selten: Blutungen bei Hämophilie, Pankreatitis, gestörter Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsel

  • Einnahme mit dem Essen erhöht die Absorption und vermindert GI-Nebenwirkungen

  • Wegen fürchterlichem Geschmack ist die Gabe von Erdnussbutter oder Schokoladenmilch vor der Einnahme ratsam!

Saquinavir (SQV): Tabletten: 500 mg
  • < 16 Jahre nicht zugelassen

  • < 1 Jahr: Dosis unbekannt

  • > 1 Jahr: 2 × 50 mg/kg SQV + 2 × 75 mg/m2 RTV

  • Erwachsenendosis: 2 × 1000 mg SQV + 2 × 100 mg RTV

  • Diarrhö, Bauchschmerz, Kopfschmerz, Parästhesie, Hautausschlag, Erbrechen, Dyslipidämie

  • Selten: gestörter Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsel, Photosensitivität

Mit oder bis zu 2 h nach der Mahlzeit
Tipranavir (TPV):
  • Saft: 100 mg/ml

  • Kapseln: 250 mg

  • < 2 Jahre nicht zugelassen

  • > 2 Jahre: 2 × 375 mg/m2 KOF + 2 × 150 mg/m2 KOF RTV oder 2 × 14 mg/kg TPV + 2 × 6 mg/kg RTV

  • Erwachsenendosis: 2 × 500 mg TPV+ 2 × 200 mg RTV

Diarrhö, Übelkeit, Müdigkeit, Kopfschmerz, Hautausschlag, Erbrechen, erhöhte Transaminasen und Triglyzeride sowie erhöhtes Cholesterin + Triglyzeride
  • Unabhängig vom Essen

  • Enthält 116 U/ml Vitamin E

Entry- und Fusionsinhibitoren
Enfuvirtide (T-20): 108 mg lyophilisiertes Pulver + 1,1 ml steriles Wasser = 90 mg/ml
  • < 6 Jahren nicht zugelassen

  • > 6 Jahre: 2 × 2 mg/kg KG s. c.

  • Max. 2 × 90 mg s.c.

  • Erwachsenendosis: 2 × 90 mg s. c.

  • Lokale Reaktionen an Injektionsstellen (98%) mit Schmerz, Induration, Erythem, Juckreiz

  • Sehr selten: Hypersensitivitätsreaktion

Schulung für korrektes steriles Auflösen und korrekte s. c. Injektion nötig
Maraviroc (MVC): Tabletten: 150 und 300 mg
  • < 16 Jahre nicht zugelassen

  • > 16 Jahre:

    • -

      Mit CYP3A4-Inhibltor: 2 × 150 mg

    • -

      Ohne CYP3A4-Inhibitor: 2 × 300 mg

    • -

      Mit CYP3A4-Inducer: 2 × 600 mg

Husten, Fieber, Infektionen des oberen Respirationstrakts, Hautausschlag, Bauchschmerzen, muskuloskelettale Symptome, Müdigkeit
  • Nur bei CCR5- Tropismus, nicht bei CXCR4-Tropismus

  • Unabhängig vom Essen

  • Zurzeit pädiatrische Studien

Integraseinhibitoren (InI)
Raltegravir (RAL): Tabletten: 25, 100 und 400 mg
  • < 2 Jahren nicht zugelassen

  • 12-< 14 kg: 2 × 75 mg

  • 14-< 20 kg: 2 × 100 mg

  • 20-< 28 kg: 2 × 150 mg

  • 28-< 40 kg: 2 × 200 mg

  • > 40 kg: 2 × 300 mg

Übelkeit, Kopfschmerz, Müdigkeit, Diarrhö, JuckreizUnabhängig vom Essen
Dolutegravir (DTG): Tabletten: 50 mg
  • < 12 Jahre nicht zugelassen

  • > 12 Jahre: 1 × 50 mg

Übelkeit, Kopfschmerz, Diarrhö, Schlafstörungen, Hautausschlag, Juckreiz
  • Unabhängig vom Essen

  • 2 × tägliche Einnahme bei paralleler Einnahme von u. a. Efavirenz, Nevirapin, Tipranavir Ritonavir oder Rifampicin und bei Resistenzen in der Integrase erforderlich

NRTI-InI-Kombinationspräparate:
Stribild®:
  • Tabletten: 150 mg EVG

  • 150 mg Cobi

  • 200 mg FTC

  • 245 mg TDF

  • < 18 Jahre nicht zugelassen

  • > 18 Jahre: 1 × täglich 1 Tbl.

Siehe EinzelpräparateEinnahme zum Essen

Versagen der Initialtherapie

Bei einem erneuten und bestätigten Anstieg der Viruslast oder bei mangelndem Abfall der Viruslast unter Therapie spricht man von einem virologischen Versagen. Zunächst sollten Dosierungen, Adhärenz und Plasmaspiegel überprüft werden. Parallel wird eine genotypische Resistenzbestimmung empfohlen.
Entsprechend den Ergebnissen sollten die Entscheidungen für eine effektive Folgetherapie in der adäquaten Dosierung getroffen werden. Grundsätzlich ist für eine Zweittherapie mit vorhandenen Möglichkeiten für NRTIs ein Wechsel von initial NNRTI plus 2 NRTI auf PI plus 2 NRTI bzw. umgekehrt denkbar. Die für Erwachsene bereits erhältlichen “neuen” Substanzen ermöglichen aber auch den Einsatz neuerer NNRTIs oder neuer Substanzklassen wie Entry- oder Integrase-Inhibitoren ohne Kreuzresistenzen.
! Die Umstellung auf eine neue Therapie sollte unter Berücksichtigung möglichst aller medizinischen und auch individuellen Gesichtspunkte nach adäquater Diskussion und Beratung erfolgen.

Schutzimpfungen

Schutzimpfungen spielen gerade bei Kindern mit möglichem Immundefekt eine wichtige Rolle. Grundsätzlich sollten alle HIV-infizierten Kinder Impfungen entsprechend den aktuell gültigen Empfehlungen der STIKO erhalten (www.rki.de). Aufgrund des möglicherweise vorhandenen oder im Verlauf zu erwartenden Immundefekts sind jedoch unbedingt Besonder- heiten zu beachten.
  • Bei bereits vorhandenem Immundefekt werden nur unzureichende Immunantworten beobachtet bzw. bei fortschreitendem Immundefekt gehen protektive Immunantworten wieder verloren.

  • Zusätzlich ist zu beachten, dass Lebendimpfungen bei schwerem Immundefekt nicht durchgeführt werden dürfen. Hierzu gibt es Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (Impfungen bei Immunsuppression, www.rki.de) und der pädiatrischen Studiengruppe PENTA (Menson et al. 2012).

  • Grundsätzlich sollen alle HIV-infizierten Kinder bei gutem Immunstatus entsprechend den Empfehlungen der ständigen Impfkommission geimpft werden. Bei Immunsuppression soll te die Immunrekonstitution(z. B. ein halbes Jahr nach Start der cART, mit supprimierter Viruslast und Helferzellen > 15%) abgewartet werden.

  • Zusätzlich sollte entsprechend der Empfehlungen jährlich die Immunisierung gegen Influenza durchgeführt werden.

  • Reiseimpfungen müssen bedacht werden. Eine Beratung und Impfung muss der immunologischen Situation entsprechend erfolgen.

  • Bei unbekanntem Immunstatus(z. B. Kinder mit Migrationshintergrund) wird eine Grundimmunisierung unter Berücksichtigung der oben genannten Einschränkungen empfohlen. Da ein schnellerer Verlust der protektiven Antikörperantiwort bei HIV-infizierten Kindern beschrieben ist, empfiehlt sich die regelmäßige Kontrolle der Impfantikörper und ggf. eine Nachimpfung.

Transmissionsprophylaxe der Mutter-Kind-Transmission von HIV

Die Prophylaxe der Mutter-Kind-Transmission basiert auf
  • der mütterlichen Therapie,

  • der kindlichen Prophylaxe,

  • dem Stillverzicht und unter gewissen Umständen der Schnittentbindung.

Wichtigstes Ziel ist die Identifikation von HIV-positiven Schwangeren: Unter adäquaten Maßnahmen beträgt das Transmissionsrisiko heutzutage in Deutschland < 1%, ohne solche Maßnahmen > 20%. Dies setzt einen HIV-Test in der Schwangerschaft voraus.
  • Die mütterliche Therapie richtet sich nach der eigenen Therapieindikation. Zu beachten ist jedoch die Verträglichkeit in der Schwangerschaft.

  • Die Postexpositionsprophylaxe des Neugeborenen erfolgt risikostratifiziert.

    • Bei einem niedrigen Transmissionsrisiko erfolgt die Prophylaxe bei einem reifen Neugeborenen mit Zidovudin p. o. 2 × täglich mit 4 mg/kg KG über 2–4 Wochen (i. v. Gabe möglich, Dosis: 2 × 3 mg/kg KG). Bei Frühgeborenen sind andere Dosierungen zu beachten.

    • Bei erhöhtem Risiko– vor allem durch eine positive Viruslast der Mutter (initial oder Anstieg) – erfolgt eine Transmissionsprophylaxe über 4–6 Wochen mit Zidovudin, Lamivudin (2 mg/kg KG 2 × täglich) und Nevirapin (8 mg/Dosis: 1. Dosis innerhalb von 48 h nach Geburt, 2. Dosis 48 h nach der ersten, 3. Dosis 96 h nach der zweiten Gabe).

  • Unter Therapie erfolgen Kontrollen des Blutbilds und des Säure-Basen-Haushalts. Im Anschluss erfolgt die Kontrolle der HIV-Transmission im Alter von 6 Wochen sowie 3, 6, 12 und 18–24 Monaten (www.daignet.de)

Transmissionsprophylaxe bei nicht beruflichen Nadelstichverletzungen

In den Ambulanzen werden immer mal wieder Kinder mit nicht beruflichen Nadelstichverletzungen vorgestellt – zum Beispiel berichten die Eltern über eine Verletzung mit einer auf dem Spielplatz gefundenen Nadel. Hier besteht keine Indikation für eine HIV-Postexpositionsprophylaxe entsprechend der aktuellen Leitlinien. Neben der medizinischen Versorgung der Wunde wird die Überprüfung und ggf. Auffrischung des Tetanus- und HBV-Impfschutzes empfohlen. Auch wenn keine Transmission von HIV zu erwarten ist, wird eine Kontrolle der Serologie nach Verletzung und nach sechs Wochen bis drei Monaten nach Verletzung empfohlen (www.daignet.de, Havens 2003).

LITERATUR

Babiker et al., 2011

A. Babiker H. Castro nee Green A. Compagnucci First-line antiretroviral therapy with a protease inhibitor versus non-nucleoside reverse transcriptase inhibitor and switch at higher versus low viral load in HIV-infected children: an open-label, randomised phase ⅔ trial The Lancet infectious diseases 11 2011 273 283

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S. Blanche M.L. Newell M.J. Mayaux Morbidity and mortality in European children vertically infected by HIV-1. The French Pediatric HIV Infection Study Group and European Collaborative Study Journal of acquired immune deficiency syndromes and human retrovirology : official publication of the International Retrovirology Association 14 1997 442 450

CDC, 1994

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Havens, 2003

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Neubert et al., 2010

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Neubert et al., 2012

J. Neubert T. Niehues U. Baumann [Guideline for antiretroviral therapy of HIV-infected children and adolescents] Klinische Padiatrie 224 2012 98 110

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