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B978-3-437-22107-1.50247-8

10.1016/B978-3-437-22107-1.50247-8

978-3-437-22107-1

Hydrozele

S.C. Müller

Kernaussagen

  • Eine primäre Hydrozele ist angeboren (offener Processus vaginalis peritonei).

  • Eine sekundäre Hydrozele hingegen ist eine Begleithydrozele infolge eines Tumors oder einer Entzündung.

  • Bei Erwachsenen tritt eine idiopathische Hydrozele auf.

  • Anamnese, körperliche Untersuchung und Sonographie sind für eine gesicherte Diagnose unerlässlich.

  • Bei der Therapie der primäre Hydrozele gilt: Wenn möglich, abwarten bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr; dann Resektion des offenen Processus vaginalis peritonei.

  • Bei spät neu auftretenden Hydrozelen des Kindesalters (> 2 Jahre) kann zugewartet werden (6–9 Monate).

  • Die Therapie sekundärer und idiopathischen Hydrozelen erfolgt mittels Resektion nach Winkelmann oder von Bergmann.

Vorbemerkungen

Man unterscheidet
  • die primäre, angeborene Hydrozele des Kindesalters bei offenem Prozessus vaginalis peritonei von

  • der sekundären Hydrozele des Kindes und

  • der idiopathischen Hydrozele des Erwachsenen.

Die Flüssigkeitsansammlung zwischen dem viszeralen und dem parietalen Blatt der Tunica vaginalis testis der beiden letzten Formen erklärt sich durch ein Ungleichgewicht zwischen sekretorischer und absorptiver Kapazität der Tunica vaginalis testis (Kapur et al.1998).
Das Spektrum des offenen Processus vaginalis reicht von der Hydrocele funiculi spermatici, mit inkompletter Obliteration bei noch offenem Mittelteil, bis hin zur skrotalen Form. Andere Pathologien wie z. B. indirekte Inguinalhernien sowie deren Komplikationen können assoziiert sein (Barthold et al. 2002).
Wann die Obliteration des Processus vaginalis peritonei exakt eintritt ist bislang unklar. Durchschnittlich findet sich ein persistierender Processus bei etwa 80–90% der Neugeborenen und 20% aller Erwachsenen. Eine Hydrozele weisen ca. 6% der reifen männlichen Neugeborenen auf. Das Ausmaß einer kommunizierenden Hydrozele variiert oft im Tagesverlauf und hängt u. a. von der körperlichen Aktivität ab (schreiender Säugling).
Sekundäre, erworbene Hydrozelen ohne persistierenden Processus vaginalis sind bei Kindern eher selten und meist in Zusammenhang mit Trauma, Hodentorsion, Epididymitis, Hernie, Tumor (Begleithydrozelen) oder als Rezidiv nach einer Operation anzutreffen (Rubenstein et al. 2004). Als Sonderform gilt die abdominoskrotale Hydrozele, bei der neben dem skrotalen Part auch große, intraabdominal lokalisierte, zystische Raumforderungen beobachtet werden (Spier et al. 1995).

Diagnostik

Anamnese sowie die körperliche Untersuchung sind unverzichtbar: Epidymo-Orchitis und Torsion präsentieren sich oft schmerzhaft, die idiopathische Hydrozele und der Hodentumor dagegen nicht.
! Etwa 40% der Hodentumoren weisen eine Begleithydrozele auf und auch nur beim geringsten Verdacht ist die operative Exploration gerechtfertigt.
Die Sonographie als Goldstandard mit einer Sensitivität von nahezu 100% lässt heutzutage in den meisten Fällen eine exakte Diagnose zu. Fakultativ kann die Dopplersonographie eingesetzt werden:
  • Eine Begleithydrozele bei Epididymitis zeigt im Seitenvergleich einen hyperperfundierten ipsilateralen Nebenhoden.

  • Torquierte Hoden präsentieren sich eher hypoechogen-hypoperfundiert.

  • !

    Ein normaler Dopplerbefund schließt eine Torsion jedoch nicht aus und im Zweifel ist immer die notfallmäßige operative Freilegung indiziert.

Therapie

Primäre kindliche Hydrozele

Bei der primären kindlichen Hydrozele (offener Proc. vaginalis) kann bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr aufgrund der häufigen spontanen Rückbildungstendenz abgewartet werden.
Ab dem zweiten Lebensjahr sollte eine Hydrozele wie eine Inguinalhernie behandelt und der chirurgischen Therapie zugeführt werden. Eine Evidenz hinsichtlich einer Gefahr der Hodenschädigung durch weiteres Zuwarten gibt es allerdings nicht.
Der operative Zugang erfolgt durch Inguinalinzision: Der Processus wird aufgesucht und unter Schonung der Strukturen des Funiculus spermaticus bis hin zum inneren Leistenring präpariert und ligiert. Der distale Teil wird reseziert bzw. offen zurückgelassen. In den Händen eines erfahrenen Operateurs liegt die Komplikationsrate hinsichtlich einer Hodenschädigung bei ungefähr 0,3% (Kapur et al. 1998, Skoog 1997, Stringer et al. 2001).
! Einen Sonderfall stellen “spät” auftretende Hydrozelen des Kindesalters bei Jungen > 1 Jahr dar. Diese können über einen Zeitraum von 6–9 Monaten kontrolliert werden. Sie zeigen eine hohe Spontanheilungsrate von ca. 75% (Christensen et al. 2006).

Sekundäre, nichtkommunizierende Hydrozele

Sekundäre, nichtkommunizierende Hydrozelen operiert man durch eine Skrotalinzision: Nach Isolierung der Hydrozelenwand kann diese nach Eröffnung reseziert/marsupialisiert werden. Hierdurch wird ein Anschluss an das skrotale Lymphabflusssystem erreicht. Hydrozelenwände geringen Ausmaßes können gemäß der Technik nach Winkelmann umgeschlagen und dorsal vernäht werden. Große, entzündliche Häute werden nach von Bergmann reseziert und mit fortlaufender Naht gerändelt.
! Eine Sklerosierung sollte nicht durchgeführt werden. Diese Therapie führt gehäuft zu chemischen Peritonitiden, hat eine höhere Rezidivrate (Skoog 1997, Stringer et al. 2001) und möglicherweise auch negative Einflüsse auf die Fertilität (Hüter et al. 1996).

Essentials für den Hausarzt

  • Bei Hydrozelen an eine Sekundärpathologie denken (Leistenhernie/Leistenhoden)!

  • Eine Größenzunahme und dadurch bedingte Beschwerden rechtfertigen die Operation.

  • Obsolet sind wiederholte perkutane Punktionen bzw. Sklerosierungsversuche.

Literatur

Barthold and Kass, 2002

J.S. Barthold E.J. Kass Abnormalities of the penis and scrotum. Belman AB King LR Kramer SA Clinical pediatric urology 4th ed. 2002 Martin Dunitz London 1093 1124

Christensen et al., 2006

T. Christensen P.C. Cartwright C. DeVries New onset of hydroceles in boys over 1 year of age. Int J Urol 13 11 2006 1425 1427

Hüter and Roth, 1996

K. Hüter S. Roth Die Sklerosierungstherapie der sekundären Hydrocele testis. Urologe (B) 36 1996 360 362

Kapur et al., 1998

P. Kapur M.G. Caty P.L. Glick Pediatric hernias and hydroceles. Pediatric Clin North Am 45 1998 773 789

Rubenstein et al., 2004

R.A. Rubenstein V.S. Dogra A.D. Seftel M.I. Resnick Benign intrascrotal lesions. J Urol 171 2004 1765 1772

Skoog, 1997

S.J. Skoog Benign and malignant pediatric scrotal masses. Pediatr Clin North Am 44 1997 1229 1250

Spier et al., 1995

L.N. Spier H. Cohen K. Kenigsberg Bilateral abdominoscrotal hydrocele. J pediat Surg 30 1995 1382 1383

Stringer and Godbole, 2001

M.D. Stringer P.P. Godbole Patent processus vaginalis. Gearhart JP Rink RC Mouriquand PD Pediatric urology 2001 WB Saunders Philadelphia 755 762

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