© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-22107-1.50447-7

10.1016/B978-3-437-22107-1.50447-7

978-3-437-22107-1

Noroviren

Th. Völkl

Kernaussagen

  • Noroviren sind bei Säuglingen und Kleinkindern nach den Rotaviren die zweithäufigste Ursache einer akuten Gastroenteritis. Kinder unter 5 Jahren und ältere Personen über 70 Jahre sind besonders häufig betroffen.

  • Die Infektion erfolgt über Stuhl und Erbrochenes fäkal-oral. Durch die sehr hohe Infektiosität kommt es zur raschen Infektionsausbreitung innerhalb von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten, Altenheimen oder Krankenhäusern.

  • Die Therapie besteht in Vermeidung und Bekämpfung einer Dehydratation.

  • Der Erregernachweis ist meldepflichtig. Ebenso Krankheitsverdacht und Erkrankung einer akuten infektiösen Gastroenteritis, wenn ein epidemiologischer Zusammenhang bei mehr als zwei gleichartigen Erkrankungen vermutet wird.

Geschichte:

Noroviren wurden 1972 in Stuhlproben einer Gastroenteritis-Epidemie in Norwalk, Ohio, erstmalig elektronenmikroskopisch nachgewiesen.

Noroviren, früher Norwalk-Like-Viren, sind Einzelstrang-RNA-Viren und gehören zur Familie der Caliciviridae. Sie zeichnen sich durch eine ausgeprägte Genomvariabilität aus. Es werden fünf Genogruppen (I bis V) unterschieden, wobei die Genogruppen I und II mindestens 20 Genotypen subsumieren. Noroviren der Genogruppen III (Jena-Virus) und V (Maus-Virus) sind nicht humanpathogen.

Noroviren sind weltweit verbreitet. Der Mensch ist das einzige bekannte Erregerreservoir humanpathogener Noroviren. Infektionen mit Noroviren kommen ganzjährig vor mit einer Häufung in den Monaten Oktober bis März. In den Wintermonaten der vergangen 10 Jahre war eine erhebliche Zunahme an Norovirus-Ausbrüchen des Genotyps GG II.4 in Deutschland und europäischen Nachbarländern zu beobachten.

Die Infektion erfolgt über Stuhl und Erbrochenes fäkal-oral, aber auch durch kontaminierte Speisen wie Salate, Krabben, Muscheln und verunreinigtes Wasser. Die sehr hohe Kontagiosität, ca. 10–100 Viruspartikel verursachen meistens schon eine Infektion, erklärt rasche Infektionsausbreitung innerhalb von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten, Altenheimen oder Krankenhäusern.

Die Inkubationszeit beträgt ca. 6–50 h. Während der akuten Erkrankung besteht eine sehr hohe Ansteckungsfähigkeit, wobei Noroviren häufig 7–14 Tage, in Einzelfällen über Wochen, nach Abklingen der Symptome noch im Stuhl nachweisbar sind.

CAVE

Eine sorgfältige Sanitär- und Händehygiene (Hygienemaßnahmen) ist auch nach Sistieren der Gastroenteritis noch bis zu 2 Wochen, in sensiblen Fällen mehrere Wochen, sorgfältig einzuhalten.

Klinik

Die Pathogenese ist in Ermangelung eines guten Tiermodells nur unzureichend geklärt. Es kommt zu Beeinträchtigung der Villi und verringerter Aktivität der Bürstensaumenzyme.
Eine Noroviren-Gastroenteritis beginnt in der Regel akut mit schwallartigem, heftigem Erbrechen und starken, unblutigen, wässrigen Durchfällen, wobei nicht immer beide Hauptsymptome vorhanden sein müssen. Begleitet wird die Gastroenteritis in der Regel von subfebrilen Temperaturen (< 39 °C), oft ausgeprägtem Krankheitsgefühl mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Myalgien. Bei unzureichender Flüssigkeitssubstitution kommt es zur Dehydratation (Exsikkose).
Ohne komplizierende Faktoren, etwa Grunderkrankungen oder schwere Dehydratation, bestehen die klinischen Symptome etwa 1–3 Tage mit anschließender rascher klinischer Besserung. Auch leichte oder asymptomatische Verläufe sind möglich.

Diagnostik

In der Routine werden Noroviren im Stuhl mittels RT-PCR oder Antigen-EIA (ELISA) nachgewiesen, wobei die PCR hinsichtlich Sensitivität und Spezifität erste Wahl ist.
Differenzialdiagnostisch kommen andere virale, aber auch lebensmitteltoxinvermittelte Gastroenteritiden in Betracht.

Therapie

Eine antivirale Therapie gibt es für Noroviren nicht. Hauptsäule der symptomatischen Therapie ist die Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution, die bei kleinen Kindern oder zusätzlicher Grunderkrankung häufig intravenös und stationär erfolgen muss. Eine orale Rehydrierung, z. B. mit Oralpädon®, ist wegen des vordergründigen Erbrechens oft nicht möglich. Ggf. sind Antiemetika wie Dimenhydrinat bei starker Nausea hilfreich.

Prophylaxe

Aufgrund der hohen Kontagiösität sind schon beim klinischen Verdacht entsprechende Hygienemaßnahmen zu beachten: Isolierung, Tragen von Handschuhen, Schutzkittel, bei Erbrechen geeigneter Atemschutz, konsequente Händehygiene, Desinfektion von patientennahen Flächen mit Präparaten mit nachgewiesener viruzider Wirksamkeit.
Eine Impfung steht nicht zur Verfügung. Wichtig ist die konsequente Einhaltung der allgemeinen Hygieneregeln in Gemeinschaftseinrichtungen. Zur Vermeidung einer Übertragung durch kontaminierte Speisen sollten insbesondere Gerichte mit Meeresfrüchten gut durchgegart sein.

MERKE

Nach IfSG dürfen Kinder unter 6 Jahren und Personen in Lebensmittelberufen (§ 42), die an einer infektiösen Gastroenteritis erkrankt oder dessen verdächtig sind, Gemeinschaftseinrichtungen bzw. den Arbeitsplatz nicht besuchen. Erst 2 Tage nach dem Abklingen der klinischen Symptome kann unter Beachtung allgemeiner Hygieneregeln die Einrichtung wieder besucht bzw. wieder gearbeitet werden. Ein Monitoring bezüglich Virusausscheidung ist nicht angezeigt.

Beim Auftreten von Norovirus-Erkrankungen in Gemeinschaftseinrichtungen sollte eine Norovirusinfektion rasch von anderen, z. B. durch Lebensmitteltoxine verursachten Gastroenteritiden, abgegrenzt werden. Ggf. ist eine Kohortenisolierung notwendig.
Der direkte Nachweis von Noroviren ist meldepflichtig. Krankheitsverdacht und Erkrankung an einer akuten infektiösen Gastroenteritis sind meldepflichtig, wenn die erkrankte Person in der Lebensmittelverarbeitung tätig ist (§ 42 IfSG) oder wenn ein epidemiologischer Zusammenhang zwischen mehr als zwei gleichartige Erkrankungen vermutet wird.

Beratung und Spezialdiagnostik

Konsiliarlaboratorium für Noroviren
am Robert Koch-Institut
Nordufer 20
13353 Berlin
Leitung: Frau Dr. M. Höhne
Tel.: +49 (0)30 – 18754–2375
Fax: +49 (0)30 – 18754–2617

Literatur

Caspary, 2006

W.F. Caspary Infektiologie des Gastrointestinaltraktes 2006 Springer Heidelberg

Glass et al., 2009

R.I. Glass U.D. Parashar M.K. Estes Norovirus gastroenteritis N Engl J Med. 361 2009 1776 1785

Koch et al., 2006

J. Koch T. Schneider K. Stark E. Schreier Norovirusinfektionen in Deutschland Bundesgesundheitsblatt 49 2006 296 309

Robert-Koch-Institut, Norovirus-Infektionen, 2007

Robert-Koch-Institut, Norovirus-Infektionen Gegenwärtig starke Ausbreitung in Deutschland Epid Bull 5 2007 34 37

Schneider et al., 2005

T. Schneider J. Mankertz A. Jansen E. Schreier M. Zeitz Norovirusinfektionen – häufigste Ursache akuter Gastroenteritiden in den Wintermonaten Deutsches Ärzteblatt 38 2005 2551 2556

Scholz, 2009

Scholz H DGPI-Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen 2009 Thieme Stuttgart

Tan and Jiang, 2010

M. Tan X. Jiang Norovirus gastroenteritis, carbohydrate receptors, and animal models PLoS Pathog. 26 2010 6 (8):e1000983.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen