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B978-3-437-24950-1.00084-6

10.1016/B978-3-437-24950-1.00084-6

978-3-437-24950-1

Abb. 84.1

Schema der 4-Gläser-Probe zur Diagnose der CBP und CP/CPPS (Chuang et al. 2007).

CBP = chronische bakterielle Prostatitis, CP/CPPS = chronische Prostatitis/chronisches Beckenschmerzsyndrom; VB1 = Anfangsurin, VB2 = Mittelstrahlurin, EPS = Prostataexprimat, VB3 = Exprimaturin

Abb. 84.2

Therapiealgorithmus zur Behandlung der akuten Prostatitis (Schaeffer et al. 2006).

Abb. 84.3

Therapiealgorithmus zur Behandlung der chronischen bakteriellen Prostatitis (Schaeffer et al. 2006).

Abb. 84.4

[G690]

Therapiealgorithmus zur Behandlung des chronischen Beckenschmerzsyndroms (CP/CPPS).

Klassifikation des Prostatitis-SyndromsProstatitis-SyndromKlassifikation nach National Institutes of Health, NIH (Krieger et al. 1999). Prostatitisakute bakterielle (ABP)Prostatitischronische bakterielle (CBP)Prostatitischronische/chronisches Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS)Prostatitisasymptomatische

Tab. 84.1
Kategorie Syndrom Beschreibung
I Akute bakterielle Prostatitis (ABP)
  • Schwere prostatitische Symptome

  • Systemische Infektion

  • Akute bakterielle Harnwegsinfektion (HWI)

II Chronische bakterielle Prostatitis (CBP)
  • Ursache: chronische bakterielle Infektion der Prostata mit oder ohne prostatitische Beschwerden

  • Eine rezidivierende HWI mit demselben bakteriellen Erreger wird häufig nachgewiesen

III Chronische Prostatitis/chronisches Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS)
  • Unterteilung:

    • Entzündliches CP/CPPS (IIIA)

    • Nichtentzündliches CP/CPPS (IIIB)

  • Merkmale:

    • Chronische Beckenschmerzen

    • Häufig auch Miktionsbeschwerden ohne Nachweis einer Harnwegsinfektion

  • Schmerz ist das Leitsymptom, welches das CP/CPPS von der überaktiven Harnblase und anderen Beschwerden des unteren Harntrakts abgrenzt

IV Asymptomatische Prostatitis Bei der asymptomatischen Prostatitis ist eine Entzündung der Prostata nachweisbar, ohne dass der Patient Symptome oder Beschwerden in diesem Bereich angibt

Kriterien für die Diagnose der chronischen bakteriellen Prostatitis (Schaeffer et al. 2006). Prostatitischronische bakterielle (CBP)

Tab. 84.2
Leukozyten [n] Bakterien [KBE/ml]
2- oder 4-Gläser-Probe ≥ 10/mm3 in VB3
oder
≥ 10/HPF in EPS
VB3/EPS = ≥ 10-fach VB1/VB2
Ejakulat ≥ 106/ml (Peroxidase-positiv) Nicht aussagekräftig

VB3 = Exprimaturin, EPS = Prostatasekret

HPF = high power field, KBE = koloniebildende Einheiten

Zusammenfassung der Therapie der unterschiedlichen Prostatitis-SyndromeProstatitis-SyndromTherapie.

Tab. 84.3
I. Akute bakterielle Prostatitis (NIH Kategorie I)
1. Stationäre Behandlung,
Initiale parenterale, empirische Therapie
2. Antibiotikaauswahl zur empirischen Therapie
  • Breit-Spektrum-Penicillin mit β-Laktamasehemmer

  • Cephalosporin der 3. Generation

  • Fluorchinolon

  • Aminoglykoside in Kombination mit Ampicillin

3. Wenn indiziert, Harnableitung
4. Drainage eines Prostataabszesses bei behandlungsrefraktären Patienten
5. Weiterbehandlung mit oralen Fluorchinolonen für 2–4 Wo.
II. Chronisch bakterielle Prostatitis (NIH Kategorie II)
1. Orale Fluorchinolone für empfindliche Bakterien für 4–6 Wo.
2. Trimethoprim-Sulfamethoxazol für Fluorchinolon-resistente Bakterien für 3 Mon.
3. Behandlungsrefraktäre Patienten
  • Intermittierende antibiotische Behandlung einer akuten symptomatischen Zystitis

  • Niedrigdosis antibiotische Suppressionstherapie

  • Radikale TURP oder einfache Prostatektomie (als Ultima Ratio!)

III. Chronische Prostatitis/Chronisches Beckenschmerzsyndrom (NIH Kategorie III)
Therapie nach der UPOINTS-Klassifikation
IV. Asymptomatische, inflammatorische Prostatitis (NIH Kategorie IV)
Eine antimikrobielle Therapie bei speziellen Patienten mit erhöhtem PSA oder Infertilität kann erwogen werden.

Kumulative bakteriologische Eradikationsraten bei Patienten mit chronischer bakterieller Prostatitis behandelt mit Fluorchinolonen (nur Studien, bei denen die Diagnose durch die 4-Gläser-Probe geführt wurde und die eine Nachbeobachtungszeit von mind. 6 Mon. aufweisen, sind aufgeführt).

Tab. 84.4
Chinolon Tagesdosis [mg] Therapiedauer [d] Anzahl evaluierbarer Patienten Bakteriologische Heilung [%] Nachbeobachtungsdauer [Mon.] Studie
Norfloxacin 800 28 14 64 6 Schaeffer u. Sisney 1985
400–800 174 42 69 8 Peppas et al. 1989
Ofloxacin 400 14 21 67 12 Pust et al. 1989
Ciprofloxacin 1.000 14 15 60 12 Weidner et al. 1987
28 16 63 21–36 Weidner et al. 1991b
60–150 7 86 12 Pfau 1991
28 34 76 6 Naber et al. 2000
28 78 72 6 Naber 2002
28 188 771 6 Bundrick et al. 2003
Lomefloxacin 400 28 75 63 6 Naber 2002
Levofloxacin 500 28 189 751 6 Bundrick et al. 2003

1

Nur klinischer Erfolg!

Pathogenetische Denkmodelle für das CP/CPPS (Schaeffer et al. 2006).

Tab. 84.5
Mechanismus Wissenschaftliche Evidenz
Infektion Detektion bakterieller DNA durch PCR in Prostatabiopsien
Detrusor-Sphinkter-Dysfunktion Blasenauslassobstruktion assoziiert mit abnormen urodynamischen Befunden
Neuropathischer Schmerz Nerven-Wachstumsfaktor korreliert mit Schmerzstärke
Interstitielle Zystitis Vorgeschlagene Hypothesen beinhalten:
  • Mastzellen-Aktivierung

  • Urotheliale Defekte

  • Autoimmunerkrankung

  • Toxische Substanzen

  • Neuroendokrin-autoimmune Interaktionen

Immundysfunktion Vorgeschlagene Hypothesen beinhalten:
  • Autoimmunreaktion

  • Erhöhte Spiegel proinflammatorischer Zytokine

  • Erniedrigte Spiegel antiinflammatorischer Zytokine

  • T-Zell-Proliferation als Antwort auf Antigene des Seminalplasmas

Therapie nach der UPOINTS-Klassifikation.

Tab. 84.6
Domänen Aspekt Parameter Therapie
U Urindomäne 1 CPSI-Miktionsscore > 4; IPSS > 7
  • α-Blocker

  • Antimuskarinika

  • Beckenbodenentspannungsübungen

2 Drang, Pollakisurie, Nykturie-Beschwerden
3 Restharn > 100 ml
4 Uroflow pathologisch
P Psychosoziale Domäne 1 Depression in Anamnese
  • Verhaltenstherapie, Psychosomatik

  • Antidepressiva, Anxiolytika

2 Katastrophizierung in Anamnese
O Organspezifische Domäne 1 Spezifische Empfindlichkeit der Prostata
  • Pollenextrakt

  • Quercetin

2 Leukozytose im Prostatasekret/Exprimaturin
3 Hämatospermie in Anamnese
4 Ausgeprägte Prostataverkalkungen
I Infektionsdomäne (nicht Patienten mit NIH I oder II) 1 Gramnegative Erreger oder Enterokokken lokalisiert im Prostatasekret; STD Erreger Antibiotikaversuch
N Neurologische/systemische Domäne 1 Schmerz außerhalb Abdomen/Becken
  • Gabapentinoide

  • Trizyklische Antidepressiva

  • Akupunktur

2 Reizdarmsyndrom in Anamnese
3 Fibromyalgie in Anamnese
4 Chronisches Ermüdungssyndrom in Anamnese
T Empfindlichkeit der Skelettmuskulatur 1 Palpierbare Muskelspasmen oder Triggerpunkte in Abdomen/Becken Physiotherapie, Beckenbodenentspannungsübungen
S Sexuelle Dysfunktion 1 Sexuelle Dysfunktion:
  • Erektile Dysfunktion

  • Orgasmusdysfunktion

  • Libidoverlust

  • PDE5-Hemmer

  • Selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer

  • Testosteronsubsitution

Prostatitis

F.M.E. Wagenlehner

A. Pilatz

  • 84.1

    Vorbemerkungen633

  • 84.2

    Definitionen633

  • 84.3

    Diagnostik634

  • 84.4

    Therapie635

Kernaussagen

  • Die ProstatitisProstatitis wird am besten als Prostatitis-Syndrom verstanden und behandelt, da sie verschiedene Formen umfasst.

  • Die Einteilung der unterschiedlichen Formen erfolgt entsprechend der neuen NIH-Klassifikation in akute bakterielle Prostatitis, chronische bakterielle Prostatitis, entzündliches und nichtentzündliches chronisches Beckenschmerzsyndrom und asymptomatische Prostatitis.

  • Das Prostatitis-SyndromProstatitis-Syndrom ist eine multifaktorielle Erkrankung mit weitgehend unbekannter Ätiologie. Völlig unterschiedliche Behandlungskonzepte kommen deshalb zum Einsatz.

  • Bei der akuten und chronischen bakteriellen Prostatitis können pathogene Erreger ursächlich nachgewiesen werden. Eine Antibiotikatherapie, vornehmlich mit Fluorchinolonen, wird für mind. 14 d empfohlen.

  • Bei der chronischen (abakteriellen) Prostatitis bzw. dem chronischen Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS) ist unklar, ob im Fall der entzündlichen Form eine Infektion ursächlich ist. Eine probatorische Antibiotikatherapie ist deshalb umstritten.

  • Beim CP/CPPS wird eine multimodale, phänotypisch gerichtete Therapie durchgeführt. Die Phänotypen werden nach der UPOINTS-Klassifikation eingeteilt.

  • Das Prostatitis-Syndrom ist eine komplexe Erkrankung mit ausgesprochener Neigung zur Chronifizierung. Es ist deshalb wichtig, dass der Patient über die Problematik der Diagnose und die Limitierung des Therapieerfolgs aufgeklärt ist.

Vorbemerkungen

Die Prostatitis und das männliche Beckenschmerzsyndrom betrifft ungefähr 10% aller Männer und verursacht signifikante Beschwerden und Kosten (Schaeffer et al. 2006). Die Häufigkeit einer bakteriell bedingten Prostatitis bei Patienten mit Symptomen einer Prostatitis liegt allerdings lediglich bei 7% (Weidner et al. 1991a).
Eine asymptomatische Prostatitis wird histologisch fast immer in Prostataresektaten oder -biopsien bei Patienten mit benigner Prostatahyperplasie (Nickel et al. 1999b) oder Prostatakarzinom (Nelson et al. 2004) gefunden. Die Häufigkeit der Erkrankung bei Patienten mit Infertilität ist bis heute unklar.
Nicht in allen Fällen ist die Prostata selbst an der Erkrankung beteiligt, weswegen bestimmte Formen als entzündliches bzw. nichtentzündliches Beckenschmerzsyndrom bezeichnet werden.

Definitionen

Das Prostatitis-Syndrom wird in vier Kategorien nach der Klassifikation der National Institutes of Health (NIH) eingeteilt (Tab. 84.1).

Diagnostik

  • ProstatitisDiagnostikEine eindeutige Symptomatik, die vom klinischen Erscheinungsbild auf die Diagnose schließen lässt, findet sich nur bei der akuten bakteriellen Prostatitis.

  • Alle anderen Prostatitisformen imponieren mehr oder weniger durch eine Vielzahl von Symptomen, deren Übergänge fließend sein können.

Akute bakterielle Prostatitis (Kategorie I)
  • Prostatitisakute bakterielle (ABP)Die mikrobiologische Diagnose der akuten bakteriellen Prostatitis wird durch Nachweis der Erreger im Mittelstrahlurin gestellt.

  • Als Serummarker finden sich regelmäßig erhöhte PSA-Werte, welche nach antibiotischer Therapie rückläufig sind.

  • Die transrektale Sonographie sollte zum Ausschluss eines Prostataabszesses durchgeführt werden.

Cave

  • !

    Eine Prostatamassage ist kontraindiziert.

Chronische bakterielle Prostatitis (Kategorie II)
  • ProstatitisDiagnostikProstatitischronische bakterielle (CBP)Der Nachweis der chronischen bakteriellen Prostatitis wird mit der 4-Gläser-Probe (Anfangs-, Mittelstrahlurin, Prostatasekret durch Prostatamassage, Exprimaturin; Abb. 84.1; Meares et al. 1968) oder mit der 2-Gläser-Probe (Mittelstrahl- und Exprimaturin; Schaeffer et al. 2006) erbracht.

  • Die Keimzahl im Prostatasekret oder/und Exprimaturin sollte ein Zehnfaches der Keimzahl im Mittelstrahlurin betragen.

  • Zusätzlich wird der Nachweis von Leukozyten im Prostatasekret oder/und Exprimaturin gefordert.

Als Faustregel gilt

Die alleinige bakteriologische Ejakulatuntersuchung ist nicht ausreichend, da die mikrobiologischen Befunde nur in etwa der Hälfte der Fälle mit den Ergebnissen der 2- und 4-Gläser-Probe übereinstimmen (Schaeffer et al. 2006).

  • Der Nachweis von Leukozyten im Ejakulat muss durch Spezialfärbungen (z. B. Peroxidasefärbung) geführt werden, um Leukozyten mikroskopisch gegen Entwicklungsvorstufen von Spermien abzugrenzen (Tab. 84.2).

Chronisches Beckenschmerzsyndrom (Kategorie IIIA und IIIB)
In der Diagnostik des chronischen BeckenschmerzsyndromsBeckenschmerzsyndrom, chronischesDiagnostik hat die Evaluierung der Symptomatik einen zentralen Anteil. Die Evaluation der Symptome sollte mit dem international etablierten Standardfragebogen des National Institute of Health „Chronic Prostatitis Symptom Index (NIH-CPSI)“, der auch ins Deutsche übersetzt und validiert worden ist, geschehen (Hochreiter et al. 2001).
  • Bei Patienten mit CP/CPPS finden sich gehäuft Miktionsstörungen, Depressionen und psychosoziale Symptome, Prostata spezifische Symptome, Muskelverspannungen und sexuelle Dysfunktionen. Die Einteilung der Symptome erfolgt in sogenannte Symptomdomänen nach der UPOINTS-Klassifikation (Tab. 84.6).

  • Bei der Diagnose des CP/CPPS werden ebenfalls die 4- oder 2-Gläser-Probe sowie die Ejakulatuntersuchung zum Nachweis von Leukozyten und damit zur Unterscheidung in entzündliche und nicht entzündliche Form durchgeführt.

  • Bei Hinweisen auf obstruktive Miktionsbeschwerden kann eine urodynamische Abklärung diskutiert werden.

  • Zystoskopie, Isotopenuntersuchungen und Kernspintomographie sind i. d. R. nicht von Nutzen.

  • Differenzialdiagnostische Erkrankungen wie z. B. Proktitis, Analfissur, Hämorrhoiden, Urethritiden und Zystitiden sollten mit untersucht und weiter abgeklärt werden.

Asymptomatische Prostatitis (Kategorie IV)
ProstatitisasymptomatischeEine asymptomatische Prostatitis wird zufällig z. B. bei Patienten zur Abklärung einer Infertilität oder eines Prostatakarzinoms diagnostiziert.
Für die feingewebliche Diagnose sollte die standardisierte Einteilung des International Prostatitis Network verwendet werden (Nickel et al. 2001).

Therapie

ProstatitisTherapieDie Therapieoptionen der unterschiedlichen Prostatitis-Syndrome sind in Tab. 84.3 zusammengefasst.

Akute bakterielle Prostatitis

Prostatitisakute bakterielle (ABP)Die Therapie der akuten bakteriellen Prostatitis ist im Algorithmus der Abb. 84.2 dargestellt.
Pharmakotherapie
Mittel der Wahl ist die empirische antibiotische Therapie. Die akute bakterielle Prostatitis wird in der Mehrheit der Fälle verursacht von
  • Escherichia coli,

  • anderen Enterobakterien und

  • gelegentlich auch Pseudomonas aeruginosa.

Die wirksamsten Antibiotika stellen bei empfindlichen Bakterien die Fluorchinolone dar.
Alternativ eingesetzt werden können
  • Cephalosporine der 3. Generation,

  • Breitspektrum-Penicilline in Kombination mit einem β-Laktamaseinhibitor oder

  • Aminoglykoside in Verbindung mit Ampicillin.

Nach dem kulturellen Erregernachweis aus dem Urin und dem Ergebnis der Resistenzbestimmung sollte auf eine gezielte Antibiotikatherapie umgestellt werden, die als orale Therapie für mind. 2–4 Wo. fortgesetzt wird (Evidenzgrad 2A).
Zusätzliche Therapie
  • Bei zunehmendem Restharn sollte ein Therapieversuch mit α-Rezeptorenblockern durchgeführt werden.

  • Bei Harnverhaltung muss ein Einmalkatheterismus oder die Anlage eines Dauerkatheters (transurethral oder suprapubisch) durchgeführt werden.

  • Ein Prostataabszess sollte zumindest ab einer Größe von 1 cm interventionell behandelt werden (Punktion, Drainage).

Für diese Behandlungsformen besteht ein Evidenzgrad 3B.

Chronische bakterielle Prostatitis

Prostatitischronische bakterielle (CBP)Die Therapie der chronischen bakteriellen Prostatitis ist im Algorithmus der Abb. 84.3 dargestellt.
Pharmakotherapie

Als Faustregel gilt

Fluorchinolone sind aufgrund ihrer guten Pharmakokinetik in die Prostata die Antibiotika der Wahl und sollten über 4 Wo. verabreicht werden. Alternative Antibiotika sind bzgl. Ihrer Effektivität bei chronisch bakterieller Prostatitis schlecht/nicht untersucht

Die bakteriologischen Heilungsraten unter Fluorchinolontherapie lagen in einer Reihe von Studien bei mind. 60% (Tab. 84.4; Evidenzgrad 2A).
Bei Fluorchinolon-resistenten Erregern wird eine Therapie mit Co-trimoxazol über 3 Mon. empfohlen (Evidenzgrad 3B; Schaeffer et al. 2006). Andere Antibiotika sind in dieser Indikation nicht untersucht worden.
Bei rezidivierender, chronischer bakterieller Prostatitis kann entweder jede Episode antibiotisch behandelt werden oder eine antibiotische Dauerprophylaxe für mind. 6 Mon. durchgeführt werden (Evidenzgrad 3A).
Chirurgische Therapie
Chirurgische Verfahren sind insgesamt zurückhaltend anzuwenden (Frazier et al. 1992).

Cave

  • !

    Falls eine operative Therapie angestrebt wird, ist die transurethrale Resektion der Prostata möglichst radikal durchzuführen, da sich die Infektion v. a. auch in der peripheren Zone der Prostata befindet (Evidenzgrad 4C).

Chronisches Beckenschmerzsyndrom

Beckenschmerzsyndrom, chronischesTherapieDie Therapie des chronischen Beckenschmerzsyndroms ist im Algorithmus der Abb. 84.4 dargestellt.
Pharmakotherapie
Die Ätiologie des chronischen Beckenschmerzsyndroms beim individuellen Patienten ist oft unklar. Es werden verschiedene, klinisch nicht fassbare, pathogenetische Kategorien unterschieden (Tab. 84.5; Schaeffer et al. 2006):
  • Detrusor-Sphinkter-Dysfunktion

  • Infektion (nicht nachweisbar)

  • Immundysfunktion

  • Interstitielle Zystitis

  • Neuropathischer Schmerz

Therapie entsprechend der vermuteten Ursache oder dem Phänotyp
Einen Überblick über entsprechende Therapieverfahren gibt Tab. 84.6.
  • Da eine funktionelle Obstruktion als eine der Ursachen diskutiert wird, kommt der Therapie mit α-Rezeptorenblockern bei α-Blocker-naiven Patienten eine große Bedeutung zu. Es wird eine mind. 6-monatige Behandlung empfohlen, da es hierdurch zu einer Herunterregulierung von α1a-Rezeptoren in der Prostata kommt (Evidenzgrad 1A; Schaeffer et al. 2006, Barbalias et al. 1998).

  • Geben die urodynamischen Untersuchungen Hinweise auf eine Funktionsstörung der quer gestreiften Muskulatur (Beckenboden-EMG etc.) im Sinne einer externen Sphinkter-Detrusor-Dyssynergie, können Muskelrelaxanzien (wie z. B. Baclofen) versucht werden.

    Die intraprostatische Injektion neurotoxischer Substanzen wie z. B. von Botulinumtoxin A zeigte in ersten Studien gute Erfolge und wird derzeit weiter wissenschaftlich untersucht (Evidenzgrad 3C; Chuang et al. 2007).

  • Eine weitere pathogenetische Hypothese stellt die chronische Infektion mit schwer nachweisbaren Bakterien dar.

    Die Rolle von Chlamydia trachomatis und Ureaplasmen ist nicht endgültig geklärt. Das Hauptproblem stellt die Zuordnung eines positiven Befunds dar, da diagnostisches Material, welches die Urethra passiert, eine urethrale Kontamination reflektieren könnte.

  • Bestimmte Phytotherapeutika (z. B. Quercetin, Cernilton) haben einen antiinflammatorischen Effekt und können bei entsprechendem Signal einer Entzündung in Erwägung gezogen werden (Wagenlehner et al. 2009).

Therapie entsprechend der Beschwerden
  • Nichtsteroidale antiinflammatorische Substanzen (NSAID) hemmen die Prostaglandin-Synthese durch Hemmung der Cyclooxygenase und haben so einen günstigen Effekt auf die Prostataentzündung (Bach 1982).

    Stehen Schmerzen im Vordergrund der Symptomatik können deshalb NSAID hinzugegeben werden (Canale et al. 1993a und 1993b). Bei starken Schmerzen sind Analgetika mit anderen Wirkmechanismen (z.B. zentral) indiziert.

  • Stehen Miktionsstörungen mit Drangbeschwerden im Vordergrund, sollte eine interstitielle Zystitis weiter abgeklärt werden. Anticholinergika können zur symptomatischen Behandlung verabreicht werden (Evidenzgrad 4D).

Alternative Behandlung
Psychosomatische Therapie
Bei Patienten, bei denen keine bakteriellen und entzündlichen Befunde nachweisbar sind, aber entsprechende Symptome eines chronischen Beckenschmerzsyndroms bestehen, wird das Krankheitsbild oft als psychosomatisch eingestuft (Csef u. Sökeland 2000). Die Diagnose einer psychosomatischen Erkrankung muss jedoch sorgfältig differenzialdiagnostisch abgewogen werden und eine Ausschlussdiagnose bleiben.
  • Abzugrenzen ist sie im Wesentlichen von begleitenden depressiven Symptomen, welche neben den eigentlichen Prostatitis-Beschwerden diagnostiziert und behandelt werden sollten.

  • Bei einer signifikanten Anzahl von Patienten findet sich eine erektile Dysfunktion (Schneider et al. 2007; Magri et al. 2010). Auch hier sollten eine weitere Diagnostik und Therapie durchgeführt werden.

Physikalische Therapien

Cave

  • !

    Physikalische Optionen wie repetitive Prostatamassagen oder verschiedenste Methoden, Energie innerhalb der Prostata zu applizieren, sind nicht evidenzbasiert und deswegen stark umstritten (Evidenzgrad 3B; Hennenfent et al. 1998, Nickel et al. 1999).

Operative Therapie
Werden anatomische Veränderungen der Prostata oder benachbarter Strukturen nachgewiesen, können chirurgische Verfahren wie z. B. die Resektion von Resten des Müller-Gangs, Zysten oder Beseitigung von infravesikalen Obstruktionen (z. B. TURP) durchgeführt werden.
Auch hier gilt, dass diese Verfahren insgesamt zurückhaltend angewendet werden sollten.

Asymptomatische Prostatitis

ProstatitisasymptomatischeDie Kategorie IV, asymptomatische Prostatitis, wurde für solche Patienten eingeführt, bei denen aufgrund anderer Fragestellungen (Prostataobstruktion, PSA-Erhöhung, Infertilität) ein entzündliches Korrelat der Prostata festgestellt wurde, die aber diesbezüglich keine Beschwerden angeben.
Die derzeitige Lehrmeinung empfiehlt, dass diese Patienten i. d. R. keiner weiteren Diagnostik und Therapie bezüglich der Prostatitis bedürfen. Trotzdem kann hier auch eine Assoziation zu Prostatakarzinom oder benigner Prostatahyperplasie vorliegen.

Essentials für den Hausarzt

  • Das Prostatitissyndrom weist eine komplexe Ätiologie auf. Infektionen sind nur für einen kleineren Teil aller Patienten nachweisbar ursächlich.

  • Die akute Prostatitis muss von chronischen Formen abgegrenzt werden. Bei den chronischen Formen ist eine detaillierte Diagnostik mit 2-oder 4-Gläser Probe sowie weitere fachärztlich spezielle Untersuchungen wichtig.

  • Bei den bakteriellen Formen ist die Therapie im Wesentlichen antiinfektiös, bei den nicht bakteriellen Formen richtet sich die Therapie nach den phänotypischen Befunden, die mit der UPOINTS Klassifikation erfasst werden.

  • Das Prostatitissyndrom ist eine komplexe Erkrankung, deren Management frühzeitig in spezialisierte Hände gehört.

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