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B978-3-437-22107-1.50448-9

10.1016/B978-3-437-22107-1.50448-9

978-3-437-22107-1

Rotaviren

Th. Völkl

Kernaussagen

  • Rotaviren sind die häufigste Ursache viraler Gastroenteritiden bei Säuglingen und Kindern im Alter von 6 Monaten bis 2 Jahren.

  • Weltweit sterben 800.000 Kinder pro Jahr an den Folgen der Dehydratation, insbesondere in Entwicklungsländern.

  • In Deutschland wurden im Jahr 2011 54.444 Fälle dem Robert Koch-Institut gemeldet. Davon verstarben 7 Patienten, die alle zwischen 79 und 89 Jahre alt waren, d. h. die Letalität 2011 beträgt 0,01% und enthält keine Kinder.

  • Die Infektion erfolgt fäkal-oral über Stuhl und Erbrochenes. Durch die sehr hohe Infektiosität kommt es zur raschen Infektionsausbreitung innerhalb von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten, Altenheimen oder Krankenhäusern.

  • Die Therapie besteht in Vermeidung und Bekämpfung einer Dehydratation.

  • Der Erregernachweis ist meldepflichtig, ebenso Krankheitsverdacht und Erkrankung einer akuten infektiösen Gastroenteritis, wenn ein epidemiologischer Zusammenhang bei mehr als zwei gleichartigen Erkrankungen vermutet wird.

MERKE

Rotaviren wurden 1973 von Bishop et al. als Ursache von Gastroenteritiden identifiziert. Der Name leitet sich von der radförmigen Morphologie des Erregers ab (lat. rota: Rad). Seit Sommer 2006 ist eine wirksame orale Impfung für Säuglinge ab der 6. Lebenswoche verfügbar.

Rotaviren sind Doppelstrang-RNA-Viren und gehören zur Familie Reoviridae. Es gibt 7 Serogruppen von A bis G, wobei Gruppe A weltweit am häufigsten ist. 75% der Erkrankungen werden durch den Serotyp G1P8 verursacht. Rotaviren sind äußerst umweltresistent.

Haupterregerreservoir ist der Mensch, aber auch Haus- und Nutztiere, welche jedoch als Erregerquelle kaum Bedeutung haben. Die Infektion erfolgt fäkal-oral, selten über kontaminierte Lebensmittel. Die hohe Kontagiösität mit ca. 10–100 Viruspartikeln erklärt die rasche Infektionsausbreitung innerhalb von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten, Altenheimen oder Krankenhäusern. Bis zum 5. Lebensjahr haben in der Regel fast alle Kinder eine Rotavirusinfektion durchlaufen.

Im Laufe der ersten Lebensjahre wird durch wiederholte Rotavirusinfektionen eine serotypspezifische humorale Immunität aufgebaut. Bei Neugeborenen und Kleinkindern sind Rotaviren die Hauptursache für nosokomiale Darminfektionen. Die Erkrankung tritt saisonal gehäuft auf, am häufigsten in den Monaten Februar bis April.

Bei Erwachsenen treten Rotavirus-Erkrankungen meist milder verlaufend vor allem als Reisediarrhö auf, wenn eine Infektion mit anderen Serotypen erfolgt. In China ist z. B. die Serogruppe B vorherrschend. Auch bei älteren Menschen über 60 Jahre sind Rotaviren für ca. 5% der Gastroenteritiden verantwortlich.

Die Inkubationszeit beträgt 1–3 Tage. Während der akuten Erkrankung besteht eine hohe Ansteckungsgefahr, die aber in der Regel nicht länger als 8 Tage anhält. Bei ca. 30% der Kinder kann eine Virusausscheidung bis zu 8 Wochen nachgewiesen werden.

MERKE

Hygienemaßnahmen in Form von sorgfältiger Sanitär- und Händehygiene ist auch nach Sistieren der Gastroenteritis noch bis zu 2 Wochen, in sensiblen Fällen mehrere Wochen, sorgfältig einzuhalten.

Klinik

Die Pathogenese ist nicht vollständig geklärt. Es kommt zur Verkürzung der Villi und verringerter Aktivität der Bürstensaumenzyme. Neben einer sekretorischen Komponente kommt es vermutlich als Folge der Malabsorption verschiedener Zucker zur osmotischen Diarrhö.
Die klassischen Symptome bestehen aus der Trias Erbrechen, gelblich-wässrige Diarrhö und Fieber. Bei 20–50% der Kinder treten auch respiratorische Symptome wie Dyspnoe und Husten auf, wobei unklar ist, ob hierfür nicht zusätzliche Infektionen mit anderen respiratorischen Viren ursächlich sind.
Wichtigste Komplikation ist eine Dehydratation (Exsikkose), die häufig eine stationäre, intravenöse Infusionstherapie notwendig macht. Anhand des klinischen Bilds mit halonierten Augen, trockenen Schleimhäuten, reduziertem Hautturgor, stehenden Hautfalten und signifikantem Gewichtsverlust von > 5%, kann das Ausmaß der Dedydratation eingeordnet werden. Ohne adäquate Behandlung kann die Dedydratation zum Tod führen.
Bei Erwachsenen steht in der Regel das Erbrechen als Leitsymptom bei insgesamt mildem Verlauf im Vordergrund, wohingegen bei immunsupprimierten Patienten, insbesondere mit T-Zell-Defekten, prolongierte, schwerere Verläufe zu erwarten sind.
Da Rotavirusinfektionen sehr häufig sind, ist unklar, ob verschiedene, beschriebene Komorbiditäten zufällige Koinzidenzen sind oder ein tatsächlicher, kausaler Zusammenhang besteht. Hierzu zählen
  • die nekrotisierende Enterokolitis, insbesondere bei nosokomialer Infektion

  • die Invagination, vermutlich ähnlicher Zusammenhang wie bei anderen Gastroenteritiden durch Darmwandödem und mesenteriale Lymphadenopathie begünstig

  • die Gallengangatresie

  • zerebrale Manifestationen, wie Krampfanfälle bei Fieber oder Enzephalopathien. Eine Inzidenz ist unbekannt.

Ohne verkomplizierende Faktoren wie Grunderkrankungen oder schwere Dehydratation bestehen die klinischen Symptome etwa 2–6 Tage mit anschließender rascher Besserung.
Auch leichte oder asymptomatische Verläufe sind möglich.

Diagnostik

In der Routine werden Rotaviren im Stuhl mittels EIA oder RT-PCR nachgewiesen, wobei die PCR bei Bedarf eine Virustypisierung erlaubt, z. B. bei nosokomialen Häufungen. Der direkte Virusnachweis mittels Elektronenmikroskopie oder eine Virusanzucht sind aufwendig und werden in der Routine nicht durchgeführt.
Differenzialdiagnostisch kommen andere virale, aber auch lebensmitteltoxinvermittelte Gastroenteritiden in Betracht.

Therapie

Eine antivirale Therapie gibt es für Rotaviren nicht. Hauptsäule der symptomatischen Therapie ist die Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution, die bei kleinen Kindern oder zusätzlicher Grunderkrankung häufig intravenös und stationär erfolgen muss.
Eine orale Rehydratation, z. B. mit Oralpädon®, InfectodiaStop® oder Elotrans® ist wegen des vordergründigen Erbrechens oft nicht möglich. Ggf. sind Antiemetika wie Dimenhydrinat bei starker Nausea hilfreich. Sie verbessern aber nicht die Dehydratation oder den Krankenhausaufenthalt.
Der Einsatz des Enkephalinhemmers Racecadotril ist nicht empfohlen. Eine Therapie mit oral verabreichten Immunglobulinen (300 mg/kg KG) ist bei immundefizienten Patienten ggf. hilfreich.

Prophylaxe

Aufgrund der hohen Kontagiösität sind schon beim klinischen Verdacht entsprechende Hygienemaßnahmen zu beachten:
  • Isolierung

  • Tragen von Handschuhen, Schutzkittel

  • bei Erbrechen geeigneter Atemschutz

  • konsequente Händehygiene

  • Desinfektion von patientennahen Flächen mit Präparaten mit nachgewiesener viruzider Wirksamkeit.

Seit 2006 steht ein hoch wirksamer oraler Lebendimpfstoff (2 oder 3 Dosen) von der 6. bis zur 26. Lebenswoche zur Verfügung, womit über 90% der stationären Behandlungen vermieden werden können. Der Impfschutz besteht mindestens 2–3 Jahre. Die Impfung ist gemäß STIKO nicht generell empfohlen, da schwere, lebensbedrohliche Verläufe bei Kindern in Deutschland extrem selten sind und damit derzeit die Kosten-Nutzen-Effektivität einer generellen Impfempfehlung negativ bewertet wird. Ggf. ändert sich dies nach Abschluss einer entsprechenden Studie des ESPED-Netzwerks. Die Kosten der Impfung werden aber von den meisten Kassen übernommen.
Wichtig ist die konsequente Einhaltung der allgemeinen Hygieneregeln in Gemeinschaftseinrichtungen.

MERKE

Nach IfSG dürfen Kinder unter 6 Jahren und Personen in Lebensmittelberufen (§ 42), die an einer infektiösen Gastroenteritis erkrankt oder dessen verdächtig sind, Gemeinschaftseinrichtungen bzw. den Arbeitsplatz nicht besuchen. Erst 2 Tage nach dem Abklingen der klinischen Symptome kann unter Beachtung allgemeiner Hygieneregeln die Einrichtung wieder besucht bzw. wieder gearbeitet werden. Ein Monitoring bezüglich Virusausscheidung ist nicht angezeigt.

Beim Auftreten von Rotaviruserkrankungen in Gemeinschaftseinrichtungen muss eine Norovirusinfektionen rasch von anderen, z. B. durch Lebensmitteltoxine verursachten Gastroenteritiden, abgegrenzt werden. Ggf. ist eine Kohortenisolierung notwendig.
Der direkte Nachweis von Rotaviren ist meldepflichtig. Krankheitsverdacht und Erkrankung an einer akuten infektiösen Gastroenteritis sind meldepflichtig, wenn die erkrankte Person in der Lebensmittelverarbeitung tätig ist (§ 42 IfSG) oder wenn ein epidemiologischer Zusammenhang bei mehr als zwei gleichartigen Erkrankungen vermutet wird.

Beratung und Spezialdiagnostik

Konsiliarlaboratorium für Rotaviren
Robert Koch-Institut
Nordufer 20
13353 Berlin
Leitung: Dr. Marina Höhne
Tel.: +49 (0)30 – 18754–2375
Fax: +49 (0)30 – 18754–2617

Literatur

Bernstein, 2009

D.I. Bernstein Rotavirus overview Pediatr Pediatr Infect Dis J 28 2009 50 53

Caspary, 2006

W.F. Caspary Infektiologie des Gastrointestinaltraktes 2006 Springer Heidelberg

Pammi and Haque, 2011

M. Pammi K.N. Haque Oral immunoglobulin for the prevention of rotavirus infection in low birth weight infants Cochrane Database Syst Rev. 9 11 2011 CD003740

Robert-Koch-Institut, 2007

Robert-Koch-Institut Fragen und Antworten zur Möglichkeit einer Impfung gegen Rotaviruserkrankungen Epid Bull 2 2007 9 11

Robert-Koch-Institut, 2012

Robert-Koch-Institut Infektionsepidemiologisches Jahrbuch für 2011 2012 RKI Berlin

Scholz, 2009

Scholz H DGPI-Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen 2009 Thieme Stuttgart

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