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B978-3-437-24950-1.00080-9

10.1016/B978-3-437-24950-1.00080-9

978-3-437-24950-1

Abb. 80.1

Agonistenprotokoll (a) und Antagonistenprotokoll (b).

Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit.

Tab. 80.1
Weibliche Faktoren Männliche Faktoren
tubare Störungen Einschränkungen der Ejakulatparameter (durch Störungen der Spermienbildung im Hoden, Hormonstörungen, genetische Ursachen)
endokrine Störungen Störungen der Sexualfunktion (z.B. erektile Dysfunktion)
Endometriose
uterine/zervikale Faktoren
idiopathische Sterilität
Alter
Lifestyle (Nikotin, Alkohol, Unter-/Übergewicht)

Hormonelle Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit.

Tab. 80.2
Hormonelle Störungen
Hypogonadotroper Hypogonadismus
  • angeboren (z.B. Kallmann-Syndrom)

  • erworben (z.B. Hypophyseninfarkt im Rahmen des Sheehan-Syndroms)

  • iatrogen (Radiatio)

  • niedrige Gonadotropine

  • gegebenenfalls weiterführende Diagnostik: GnRH Stimulationstest, cMRT

Hypothalamo-hypophysäre Dysfunktion
  • Hyperandrogenämie (inkl. Hypercortisolismus)

  • Essstörungen, Leistungssport, Stress

  • Hyperprolaktinämie

  • Schilddrüsenfunktionsstörungen

  • idiopathisch

LH kann erhöht, niedrig oder normal sein
Hypergonadotroper Hypogonadismus
  • idiopathisch

  • iatrogen (postoperativ, Radiatio, Chemotherapie

hohe Gonadotropine

Störungen der Fruchtbarkeit

S.E. Segerer

C. Keck

  • 80.1

    Vorbemerkung600

  • 80.2

    Definitionen600

  • 80.3

    Diagnostik601

  • 80.4

    Therapie602

  • 80.5

    Risiken assistierter Reproduktionstechniken604

Kernaussagen

  • Aufgrund des steigenden Alters bei der Familiengründung steigert sich das Risiko der ungewollten Kinderlosigkeit.

  • Die Dauer des unerfüllten Kinderwunsches reflektiert am exaktesten die Schwere der Subfertilität eines Paares.

  • Basis der Diagnostik bei unerfülltem Kinderwunsch ist eine möglichst gezielte Anamneseerhebung beider Partner.

  • Die Anwendung reproduktionsmedizinischer Verfahren (Assisted Reproductive Techniques, ART) unterliegt strengen gesetzlichen Bestimmungen und ist in den verschiedenen Ländern darüber hinaus durch Richtlinien/Leitlinien reglementiert.

  • Die Erfolgschancen aller ART-Verfahren sind v.a. vom Alter der Frau abhängig. Nach dem 35. Lj. fallen die Schwangerschaftsraten pro Behandlung kontinuierlich ab.

  • Die Präimplantationsdiagnostik (PID) an Embryonen ist in Deutschland nur unter strengen Voraussetzungen zulässig.

  • Im Vergleich zu spontan konzipierten Kindern ist das Fehlbildungsrisiko der nach ART geborenen Kinder um bis zu 30% erhöht.

Vorbemerkung

FertilitätsstörungStörung der FruchtbarkeitIm Jahr 2011 wurde in Deutschland die niedrigste Geburtenrate seit 1946 verzeichnet. Während 1964 in der Bundesrepublik und der DDR zusammen mehr als 1,35 Mio. Kinder geboren wurden, waren es 2011 nur noch 663.000. Parallel zu den niedrigen und weiter absinkenden Geburtenzahlen stieg das Alter der Mütter von 27,3 auf 30,5 J. bei der ersten Geburt eines Kindes in den Jahren von 1991 bis 2011 an. Dies führt zu einem weiteren Problem: Aufgrund des steigenden Alters bei der Familiengründung steigert sich das Risiko der ungewollten Kinderlosigkeit, sodass Maßnahmen assistierter Reproduktion immer mehr in den Fokus des gesellschaftlichen Interesses treten.

Definitionen

Nach der WHO-Definition spricht man von „Sterilität“, wenn sich bei regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr innerhalb eines Jahres keine Schwangerschaft eingestellt hat. Dabei wird unterschieden, ob die Frau in der bestehenden Beziehung noch nie konzipiert hat (primäre Sterilität) Störung der Fruchtbarkeitprimäre SterilitätSterilitätprimäreoder bereits schwanger gewesen ist (sekundäre Sterilität)Störung der Fruchtbarkeitsekundäre SterilitätSterilitätsekundäre. Als Infertilität wird das Unvermögen, ein lebendes Kind zu gebären, bezeichnet. Die Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit sind dabei vielschichtig (Tab. 80.1).
Häufig ist bei Untersuchung der Ursachen nicht ein Partner als „Hauptschuldiger“ anzusehen. Oftmals bedingt erst die Kombination unterschiedlicher, auch geringfügiger Ursachen den unerfüllten Kinderwunsch, sodass bei der Planung der Diagnostik und der Therapie das Paar immer als Einheit und nicht die einzelnen Partner für sich gesehen werden dürfen. Die Dauer des unerfüllten Kinderwunsches reflektiert dabei am exaktesten die Schwere der Subfertilität des Paares. Dies gilt auch für die Wahrscheinlichkeit, mittels Maßnahmen assistierter Reproduktion schwanger zu werden (Kupka et al. 2003).

Grundsätzlich gilt

Je länger die Dauer des Kinderwunsches besteht, desto geringer ist auch die Chance mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) schwanger zu werden.

Diagnostik

Störung der FruchtbarkeitDiagnostikAls Basis der Diagnostik bei unerfülltem Kinderwunsch sollte eine möglichst gezielte Anamneseerhebung beider Partner stehen, um festzustellen, welche weiterführende Diagnostik sinnvoll ist. Zudem fördert ein gemeinsames Erstgespräch das Verständnis beider Partner für eventuell später notwendige Therapiemaßnahmen (welche Maßnahmen werden von dem Par überhaupt gewünscht: ethische/religiöse Bedenken; Darstellung realistischer Erfolgsaussichten).
Zentrale Fragen sind hier die Dauer des Kinderwunsches (Wie lange verhüten Sie in dieser Partnerschaft nicht mehr?) und ob bereits Schwangerschaften in dieser Partnerschaft bestanden.
Bei der Frau sollte auf das Zyklusgeschehen eingegangen werden (regelmäßiger Zyklus bzw. Zyklusstörungen). Im Fall von Zyklusstörungen sollte frühfollikulär (3.–5. Zyklustag) eine Analyse der entsprechenden Hormonparameter erfolgen (Tab. 80.2): follikel-stimulierendes Hormon (FSH), luteinisierendes Hormon (LH), Östradiol, Testosteron, Androstendion, Dehydroepiandrosteron-Sulfat (DHEAS) und Prolaktin.
Im Fall von regelmäßigen Zyklen ohne prämenstruelles Spotting oder Zwischenblutungen ist eine Überprüfung der ovariellen Reserve (3.–5. Zyklustag: FSH und Östradiol) sowie eine Kontrolle des Thyroidea-stimulierenden Hormons (TSH) zum Ausschluss einer Schilddrüsendysfunktion sinnvoll.
Bei Hinweisen auf einen tubaren Faktor (Z.n. entzündlichen Erkrankungen, Tubargravidität oder andere operative Eingriffe in der Vorgeschichte), positiver Chlamydienserologie (IgG, IgA, HSP60-Ig gegen Chlamydia trachomatis, besonders bei positiver Anamnese) und länger andauernder Sterilität (ohne sonstige Auffälligkeiten beider Partner) ist eine Indikation zur Tubendiagnostik gegeben. Goldstandard ist dabei die Laparoskopie mit Chromopertubation und gleichzeitiger Hysteroskopie. Hier ist neben der Diagnostik tubarer Veränderungen und/oder des Nachweises einer Endometriose auch die Möglichkeit der Sanierung (z.B. Adhäsiolyse, Endometrioseresektion/-koagulation) gegeben. Zum Screening von Patientinnen ohne anamnestische Risikofaktoren kann eine Hysterosalpingo-Kontrastmittelsonographie durchgeführt werden (Sensitivität 90,4%, Spezifität 70,3% [Hamilton JA 1998]).
Sterilität und Endometriose sind häufig assoziiert, wobei die kausalen Zusammenhänge noch nicht geklärt sind. Indikation zur endoskopischen Diagnostik sind dabei Schmerzen, Organdestruktion und/oder Sterilität.
  • Bei Vorliegen einer milden/moderaten Endometriose konnte eine Metaanalyse von 16 randomisierten und kontrollierten Studien keine Verbesserung der Fertilität durch eine medikamentöse Behandlung im Vergleich zu Placebo oder exspektativem Vorgehen darstellen (Hughes E et al. 2007).

  • Ob eine laparoskopisch ablative Therapie einer minimalen oder milden Endometriose zu einer Steigerung der postoperativen spontanen Schwangerschaftsrate führt, ist noch umstritten:

    • 1997 wurden in einer randomisierten kontrollierten Studie 341 Patientinnen (mittleres Alter: 30,5 J., mittlere Kinderwunschdauer: 31 Mon.) untersucht (Marcoux S et al. 1997). In der Gruppe der Patientinnen, in welcher die Endometrioseherde entfernt wurden, wurden 30,7% der Patientinnen schwanger. In der Gruppe, in der nur eine diagnostische Laparoskopie durchgeführt wurde, 17,7%. Die Geburtenrate wurde nicht angegeben.

    • Dagegen konnten in einer weiteren Studie von 1999 (101 Patientinnen, mittlere Kinderwunschdauer: 38 Mon.) keine signifikanten Unterschiede der Schwangerschafts- und der Geburtenrate von Patientinnen der Resektionsgruppe im Vergleich zur diagnostischen Laparoskopie festgestellt werden (Parazzini F 1999).

    • Hinsichtlich des Schwangerschaftserfolges nach IVF konnte eine retrospektive Kohortenstudie (661 Patientinnen einer milden/moderaten Endometriose) eine Steigerung der Schwangerschaftrate um 10,7% (29,4% vs. 40,1%) nach vorheriger Resektion der Endometrioseherde feststellen (Opoien HK 2011).

Vor Durchführung einer invasiven Diagnostik oder hormonellen Stimulationstherapie sollte in jedem Fall der andrologische Faktor abgeklärt werden. Die andrologische Diagnostik umfasst hier neben
  • der Anamnese,

  • eine klinischen Untersuchung mit Skrotalsonographie,

  • eine Hormondiagnostik (FSH, LH, Testosteron, Prolaktin) sowie

  • ein Spermiogramm (zur besseren Vergleichbarkeit Durchführung nach einer Karenzzeit von 2–7 d), in welchem Spermienanzahl, -motilität und-morphologie beurteilt werden (Abb. 80.1 a u. b).

Grundsätzlich gilt

Eine genetische Diagnostik ist nur bei einem kleinen Teil der Patienten indiziert.

Therapie

Monofollikuläre Stimulation

Störung der FruchtbarkeitTherapieStörung der Fruchtbarkeitmonofollikuläre StimulationIndikationen zur Durchführung einer monofollikulären Stimulation sind
  • anovulatorische Zyklen (klinisches Bild: Oligo-/Amenorrhoe) und

  • Follikelreifungsstörungen (klinisches Bild: mittzyklische Blutungen, prämenstruelles Spotting).

Welche Medikamente zur ovariellen Stimulation eingesetzt werden, ist dabei abhängig von der Ursache der Zyklusstörung.
Bei hormonellen Störungen, die mit einem niedrigen LH einhergehen, eignen sich eine kombinierte FSH/LH-Gabe oder eine Stimulation mit humanem Menopausengonadotropin (HMG). Alternativ kann auch Gonadotropin-Releasing Hormon (GnRH) pulsatil verabreicht werden.
Die in der Praxis am häufigsten eingesetzte Therapie ist die Stimulation mit Clomifencitrat (CC). CC ist ein selektiver Östrogenrezeptormodulator, der im Hypothalamus zu einer Inhibition der Östrogenrezeptoren führt, was wiederum auf hypophysärer Ebene die Sekretion der Gonadotropine fördert. Der Nachteil von CC besteht in den antiproliferativen Effekten auf das Endometrium, sodass bei nicht adäquater Entwicklung des Endometriums eine Umstellung auf eine Gonadotropinstimulation erfolgen sollte.
  • CC wird üblicherweise in einer Dosierung von 50 mg über 5 d verabreicht (Therapiebeginn: 3.–5.Zyklustag). Darunter lassen sich bei etwa der Hälfte der Patientinnen Ovulationen erzielen.

  • Bei fehlendem Ansprechen auf die Gabe von 50 mg erfolgt im nächsten Zyklus eine Dosiserhöhung auf 100 mg (Ovulationsrate: 21% der „Versager“).

  • Eine Dosiserhöhung auf 150 mg bringt nur noch bei 8% der Patientinnen den gewünschten Erfolg (Rostami-Hodjegan A et al. 2004).

Grundsätzlich gilt

Aufgrund des gesteigerten Mehrlingsrisikos sollte in jedem Fall ein sonographisches Monitoring erfolgen.

Spontane Ovulationen nach CC-Stimulation können in einem variablen Zeitfenster erwartet werden (Follikelgröße 14–15 mm, aber auch ≥ 25 mm). Zur besseren Planbarkeit für die Paare kann daher eine Ovulation gezielt mit einem hCG-Präparat ausgelöst werden. Eine Steigerung der Schwangerschaftsrate kann dadurch jedoch nicht erzielt werden. Die Erfolgsraten liegen bei CC (bei ansonsten unauffälliger reproduktiver Funktion beider Partner) bei 8–10% pro Behandlungszyklus. Nach sechs Behandlungszyklen konnte eine kumulative Lebendgeburtenrate von 38% beobachtet werden, welche jedoch bei steigendem Alter (> 35 J.) geringer ausfällt (Imani B et al. 2002).
Bei fehlendem Ansprechen auf eine CC-Stimulation erfolgt eine Stimulationstherapie mit Gonadotropinen. Da die FSH-Schwelle, um eine Follikelreifung zu induzieren, individuell verschieden ist, wird im Rahmen des sogenannten Step-up-Protokolls zunächst mit einer niedrigen Initialdosis (z.B. 50–75 IE FSH) begonnen. Diese Dosis wird zunächst sieben Tage lang appliziert. In einem sonographischen Monitoring wird dann untersucht, ob bereits eine Follikelselektion stattgefunden hat. Falls ja, kann die Dosis bis zur Ovulationsinduktion (ab einem Leitfollikel von 17 mm) fortgeführt werden. Bei fehlendem Ansprechen kann eine Steigerung der Dosis (um max. 50%) vorgenommen werden.

Therapieverfahren assistierter Reproduktion

Störung der Fruchtbarkeitassistierte ReproduktionFalls durch Anwendung konservativer Maßnahmen der Kinderwunsch nicht erfüllt werden kann, besteht die Möglichkeit zur Anwendung reproduktionsmedizinischer Verfahren (Assisted Reproductive Techniques, ART). Die Anwendung der ART-Verfahren unterliegt strengen gesetzlichen Bestimmungen und ist in den verschiedenen Ländern darüber hinaus durch von den Fachgesellschaften erlassene Richtlinien/Leitlinien reglementiert.
Die Erfolgschancen aller Verfahren sind v.a. vom Alter der Frau abhängig. Nach dem 35. Lj. fallen die Schwangerschaftsraten pro Behandlung kontinuierlich ab. Zudem kommt es zu einem altersabhängigen Anstieg der Spontanaborte, welche die Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt weiter reduziert. Auch dies muss in der Beratung der Paare beachtet werden.
Intrauterine Insemination
Störung der Fruchtbarkeitintrauterine InseminationEine Indikation zur intrauterinen Insemination (IUI) ist bei idiopathischer Subfertilität oder leichter männlicher Subfertilität gegeben. Dabei kann eine Insemination im Spontanzyklus oder nach ovarieller Stimulation mit CC oder Gonadotropinen erfolgen, was bei gleichzeitigen Follikelreifungsstörungen in jedem Fall sinnvoll ist. Prädiktoren einer erfolgreichen IUI sind dabei:
  • junges Alter der Frau

  • unauffällige ovarielle Reserve

  • sekundäre Sterilität der Frau

  • Indikation: Anovulation, bifollikuläre Stimulation, Gesamtzahl motiler Spermien nach Ejakulatpräparation > 1 Mio. (Dinelli L et al. 2014)

Eine IUI sollte innerhalb von 24 h nach dem endogenen LH-Anstieg (Blockeel C et al. 2014) oder 32–36 h nach der hCG-Gabe erfolgen (Kosmas IP 2007). Die Schwangerschaftsrate bei monofollikulärem Wachstum liegt bei etwa 8%; bei polyfollikulärem Wachstum kann eine höhere Schwangerschaftsrate (ca. 13% bei 2 Follikeln, ca. 16% bei 3 Follikeln) erzielt werden (van Rumste MM et al. 2008).

Grundsätzlich gilt

Aufgrund der gesteigerten Mehrlingsrate bei Nachweis einer polyfollikulären Entwicklung und der damit verbundenen Komplikationen, sollte allerdings eine IUI bei max. 2 Follikeln durchgeführt werden.

Eine prospektiv randomisierte Kohortenstudie ergab, dass im Fall einer Gonadotropinstimulation mit polyfollikluärem Wachstum die klinische Schwangerschaftsrate bei Unterstützung der Lutealphase mit vaginalem Progesterongel oder mikronisiertem Progesteron höher ist (Seckin B et al. 2014).
In-vitro-Fertilisation
Störung der FruchtbarkeitIn-vitro-Fertilisation (IVF)In-vitro-FertilisationZusammen mit dem britischen Gynäkologen Patrick Steptoe entwickelte Sir Robert Edwards die IVF, wofür er 2010 den Nobelpreis erhielt. Am 25. Juli 1978 wurde mit Louise Brown das erste Kind nach In-vitro-Fertilisation (IVF) per Kaiserschnitt geboren. Heute hat sich dieses Verfahren zu einer „Routinebehandlung“ bei unerfülltem Kinderwunsch entwickelt. In Deutschland wurden 2012 über 11.000 Behandlungen durchgeführt (Deutsches IVF-Register).
Zu den Hauptindikationen der IVF gehören u.a.
  • tubare Sterilität,

  • idiopathische Subfertilität nach Versagen der Insemination,

  • Endometriose,

  • lange Kinderwunschdauer ohne Konzeption (> 5 J.).

Während die erste erfolgreiche IVF-Behandlung noch im Rahmen eines natürlichen Zyklus erfolgte, wird heute häufig eine höher dosierte Gonadotropinstimulation angewandt, um ein polyfollikuläres Wachstum zu induzieren. Zur Inhibition des endogenen LH-Anstiegs kann entweder
  • ein GnRH-Antagonist (schneller Wirkungseintritt, flexible Anwendung je nach Größe des Leitfollikels möglich) oder

  • ein GnRH-Agonist (verzögerter Wirkungseintritt) appliziert werden (Abb. 80.1 a u. b).

Aufgrund des initialen Flare-up-Effekts der GnRH-Agonisten (zunächst Stimulation der Gonadotropinsekretion vor Einsetzen der Rezeptorblockade), erfolgt die Gabe bereits im Vorzyklus (Abb. 80.1 a u. b).
Zur Ovulationsinduktion (finale Eizellreifung) wird urinäres oder rekombinantes hCG 36 h vor Follikelpunktion appliziert. Im GnRH-Antagonistenprotokoll erfolgt die Gabe tendenziell etwas früher (sobald 2–3 Follikel eine Größe von 17–18 mm erreichen [Devroey P et al. 2009]). Auch die Gabe von GnRH-Agonisten kann zur Ovulationsinduktion (nur möglich im GnRH-Antagonistenprotokoll) eingesetzt werden.

Beachte

Aufgrund der im Vergleich zu hCG einsetzenden Luteolyse ist nach Gabe des GnRH-Agonisten zur Ovulationsinduktion eine Kryokonservierung der Oozyten oder der Vorkernstadien zu empfehlen. Vorteil dieser Vorgehensweise ist eine Prävention schwerer Verlaufsformen eines ovariellen Überstimulationssyndroms (Youssef MA et al. 2014).

Die Eizellen werden durch transvaginale Follikelpunktion entnommen und in der Petrischale mit den Spermien zusammengeführt. Nach erfolgreicher Fertilisation werden meist zwei Embryonen nach 2–3 d intrauterin transferiert. Die Erfolgsraten einer IVF-Behandlung liegen in Deutschland bei 16–40%, abhängig vom Alter der Patientin (< 29 J.: klinische Schwangerschaftsrate 40,34%; > 40 J.: 16,55%).
Intrazytoplasmatische Spermieninjektion
Störung der Fruchtbarkeitintrazytoplasmatische SpermieninjektionDie intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) wurde 1992 erstmalig erfolgreich durchgeführt. Indikation für die ICSI ist
  • die männliche Subfertilität oder

  • keine/niedrige Fertilisationsrate nach IVF.

Der prinzipielle Ablauf der ICSI-Methode gleicht der Vorgehensweise bei der IVF. Unterschied ist, dass die Spermien unter mikroskopischer Sicht direkt in das Zytoplasma der Eizelle injiziert werden. Die Erfolgsraten einer ICSI-Behandlung liegen in Deutschland bei 15–35%, abhängig vom Alter der Patientin.
Kryokonservierung von (imprägnierten) Oozyten
Störung der FruchtbarkeitKryokonservierungZiel der konventionellen IVF/ICSI-Behandlung (Stimulation zur Polyovulation) ist die Gewinnung von 10–12 Eizellen. Kommt es zur Fertilisation von mehr Oozyten, als in dem gleichen Zyklus transferiert werden dürfen (max. 3 nach Emybonenschutzgesetz), besteht die Möglichkeit der Kryokonservierung der imprägnierten Oozyten (Pronukleusstadien), sodass diese zu einem späteren Zeitpunkt aufgetaut, kultiviert und retransferiert werden können.

Beachte

Grundsätzlich ist die Lagerung bei −196 °C zeitlich unbegrenzt möglich. Es gibt jedoch Hinweise, dass bei überdurchschnittlich langer Lagerung (> 10 J.) die Zellen möglicherweise doch Schaden nehmen könnten.

Als neues Verfahren wurde die Vitrifikation eingeführt. Hierbei handelt es sich um ein ultraschnelles Einfrierverfahren.
Auch unbefruchtete Eizellen lassen sich kryokonservieren. Im Vergleich zu befruchteten Eizellen ist die Überlebensrate unbefruchteter Eizellen nach Vitrifikation etwas geringer. Weiterhin muss beachtet werden, dass nach Auftauen vitrifizierter Eizellen die Fertilisierungsrate bei höchstens 50–60% liegt, sodass die Ausbeute an befruchteten Eizellen bei diesem Vorgehen im Vergleich zur Kryokonservierung von PN-Zellen geringer ist.
Präimplantationsdiagnostik
Unter PräimplantationsdiagnostikPräimplantationsdiagnostikStörung der FruchtbarkeitPräimplantationsdiagnostik (PID) (PID) versteht man die genetische Untersuchung embryonaler Zellen (Vier- bis Acht-Zellstadium: Entnahme von 1–2 Blastomeren; Stadium der Blastozyste: Entnahme von Trophektoderm). Indikationen der PID sind chromosomale Anomalien (z.B. bei spinaler Muskelatrophie, myotoner Dystrophie Typ I, Chorea Huntington).
Nach Abstimmung des Bundestages 2011 ist eine PID an Embryonen unter strengen Voraussetzungen zulässig. Die PID soll dabei nach verpflichtender Aufklärung und Beratung sowie einem positiven Votum einer interdisziplinär zusammengesetzten Ethikkommission in den Fällen zulässig sein, in denen ein oder beide Elternteile die Veranlagung für eine schwerwiegende Erbkrankheit in sich haben oder in denen mit einer Tot- oder Fehlgeburt zu rechnen ist.

Risiken assistierter Reproduktionstechniken

Ovarielles Überstimulationssyndrom (OHSS)
Störung der Fruchtbarkeitovarielles Überstimulationssyndrom (OHSS)ovarielles Überstimulationssyndrom (OHSS)Überstimulationssyndrom, ovarielles (OHSS)Durch die ovarielle Stimulationstherapie kann es zur Entwicklung eines OHSS kommen. Aufgrund einer gesteigerten Gefäßpermeabilität (Capillary Leakage Syndrome) kommt es hier zur Entwicklung von
  • Ödemen,

  • Pleurergüssen und

  • Aszitesbildung sowie zu einem

  • erhöhten Thromboembolierisiko.

Die Inzidenz eines schweren OHSS (OHSS III) liegt nach Deutschem IVF-Register zwischen 0,05 und 1,48% (Deutsches IVF-Register, 2012). Dabei induziert
  • exogenes hCG (hCG zur Ovulationsinduktion: Early Onset OHSS), aber auch

  • endogenes hCG (Late Onset OHSS: 12–17 d nach hCG durch endogene hCG-Produktion in der Frühschwangerschaft)

das Entstehen eines OHSS.
Operationsrisiken
Nach dem Deutschen IVF-Register war 2012 in ca. 3,2% der Fälle eine stationäre Versorgung der Patientinnen nach Follikelpunktion notwendig. Das Auftreten von Komplikationen wurde bei 344 von 42.895 Eizellentnahmen (0,08%) angegeben. Dabei wurden am häufigsten
  • vaginale Blutungen (68,6%),

  • intraabdominale Blutungen (18,9%) und

  • Darmverletzungen (0,87%)

angegeben.
Mehrlingsrisiko
Durch die Stimulation mit nachfolgendem Transfer von durchschnittlich zwei, selten drei Embryonen (nach Embryonenschutzgesetz maximaler Transfer von drei Embryonen erlaubt) kommt es zu einem Anstieg der Rate an Mehrlingsgraviditäten. Die Zwillingsrate liegt nach dem Deutschen IVF-Register (2012) dabei bei 20,07%; die Drillingsrate bei ca. 0,7%. Aufgrund der mit der Mehrlingsrate einhergehenden Risiken (erhöhte perinatale Mortalität und Morbidität, gesteigerte Sectiorate etc.) sollte das Ziel der Reproduktionsmedizin weiterhin eine Reduktion der Mehrlingsrate darstellen (Transfer eines „good quality, single embryos“).
Extrauteringravidität
Das Risiko einer Gravidität außerhalb des Cavum uteri liegt bei einer IVF bei ca. 2–5% pro Zyklus. Selten (ca. 1%) kann es auch zu heterotopen Implantationen an verschiedenen Lokalisationen (zeitgleich intrauterin und extrauterin) kommen.
Fehlbildungsrate
Fehlbildungen treten nach IVF- und ICSI-Behandlung in gleicher Weise auf. Im Vergleich zu spontan konzipierten Kindern ist das Fehlbildungsrisiko der nach ART geborenen Kinder um bis zu 30% erhöht. Derzeit steht die Erforschung möglicher Imprinting-Defekte (Störung der Methylierung einer Genregion mit der Folge einer fehlerhaften Aktivierung/Inaktivierung eines Gens) im Vordergrund der Untersuchungen.

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