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B978-3-437-23300-5.10009-6

10.1016/B978-3-437-23300-5.10009-6

978-3-437-23300-5

Verletzungsartenverzeichnis

Tab. 9.2
1. Ausgedehnte oder tief gehende Verletzungen der Haut und des Weichteilmantels, Amputationsverletzungen, Muskelkompressionssyndrome, thermische und chemische Schädigungen
2. Verletzungen der großen Gefäße
3. Verletzungen der großen Nervenbahnen einschl. Wirbelsäulenverletzungen mit neurologischer Symptomatik
4. Offene oder gedeckte Schädel-Hirn-Verletzungen (ab SHT GradII)
5. Brustkorbverletzungen mit Organbeteiligung
6. Bauchverletzungen mit OP-bedürftiger Organbeteiligung einschl. Nieren und Harnwege
7. Operativ rekonstruktionsbedürftige Verletzungen großer Gelenke (mit Ausnahme isolierter Bandverletzung des oberen Sprunggelenks sowie isoliertem Riss des vorderen Kreuzbands und unkomplizierter vorderer Schulterinstabilität)
8. Schwere Verletzungen der Hand
9. Komplexe Knochenbrüche, insbes. mehrfache, offene und verschobene Frakturen
10. Alle Verletzungen und Verletzungsfolgen mit KO, fehlendem Heilungsfortschritt und/oder Korrekturbedürftigkeit

Die Erläuterungen zum Verletzungsartenverzeichnis (Stand 1.8.2007) geben zusätzliche Hinweise für die Zuordnung bestimmter Verletzungen. Diese Erläuterungen können von der Internetseite der Landesverbände der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (www.lvbg.de) heruntergeladen werden.

Berufsgenossenschaftliches Heilverfahren und Begutachtung

Andreas Badke

  • 9.1

    Das berufsgenossenschaftliche Heilverfahren 240

    • 9.1.1

      Gesetzliche Unfallversicherung240

    • 9.1.2

      D-Arzt-Verfahren241

    • 9.1.3

      Verletzungsartenverfahren (VAV)242

    • 9.1.4

      H-Arzt-Verfahren243

  • 9.2

    Begutachtung 243

    • 9.2.1

      Gutachten für die gesetzliche Unfallversicherung243

    • 9.2.2

      Gutachten für die private Unfallversicherung244

    • 9.2.3

      Begutachtung nach dem Schwerbehindertenrecht245

    • 9.2.4

      Gutachten für die gesetzliche Rentenversicherung246

    • 9.2.5

      Allgemeine Hinweise zur Gutachtenerstellung246

Das berufsgenossenschaftliche Heilverfahren

Gesetzliche Unfallversicherung

Die gesetzliche Unfallversicherung stellt eine wesentliche Säule des Sozialsystems der Bundesrepublik Deutschland dar. Für die medizinische Heilbehandlung ist es wesentlich, dass der gesetzlich festgelegte Heilauftrag eine Heilbehandlung mit allen geeigneten Mitteln vorsieht und der Grundsatz Rehabilitation vor Rentenleistung ebenfalls gesetzlich festgeschrieben ist. Zudem werden im Rahmen der gesetzlichen Unfallversicherung die Leistungen der medizinischen Rehabilitation, der sozialen Rehabilitation und der Entschädigung aus einer Hand erbracht.

Aufgaben
Die Aufgaben der gesetzlichen Unfallversicherung sind im Sozialgesetzbuch VII (SGB VII) festgelegt. Als Aufgaben der Berufsgenossenschaften werden hier definiert:
  • Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten sowie arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren.

  • Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit der Versicherten nach Eintritt von Arbeitsunfällen und Berufserkrankungen.

  • Entschädigung von Arbeitsunfallverletzten und Hinterbliebenen durch Geldleistung.

Träger
Die Träger der Unfallversicherung sind neben den gewerblichen Berufsgenossenschaften die Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften, die Unfallkasse Post und Telekom, die Unfallkassen der Länder sowie die Gemeindeunfallversicherungsverbände und Unfallkassen der Gemeinden. Die gewerblichen Berufsgenossenschaften befinden sich in einem Umstrukturierungsprozess, in dem die Zahl der Berufsgenossenschaften deutlich reduziert wird. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) ist der Spitzenverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften und der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand.
Versicherter Personenkreis
Der versicherte Personenkreis der gesetzlichen Unfallversicherung setzt sich aus Versicherten kraft Gesetz ( 2 SGB VII), Versicherten kraft Satzung ( 3 SGB VII) sowie freiwillig versicherten Personen zusammen. Der versicherte Personenkreis umfasst Personen, die eine Erwerbstätigkeit ausüben, sich hierfür aus- oder fortbilden lassen oder sich Untersuchungen, Prüfungen zur Aufnahme oder zum Abschluss einer versicherten Tätigkeit unterziehen. Des Weiteren sind in der Landwirtschaft tätige Personen, Kinder, Schüler und Studenten versichert. Gemäß 2 SGB VII sind auch Personen versichert, die im öffentlichen Interesse tätig werden, also z.B. selbstständig oder ehrenamtlich im Gesundheitswesen oder in der Wohlfahrtspflege tätig sind, ehrenamtlich Tätige für eine Körperschaft, Anstalt und Stiftung des öffentlichen Rechts oder deren Verbände, Zeugen bei Gericht, Schöffen, Ersthelfer und Blutspender.
Versicherte Risiken
Versicherte Risiken sind Arbeitsunfälle und Berufserkrankungen. Als Arbeitsunfall wird in 8 SGB VII ein Unfall in Folge der versicherten Tätigkeiten bezeichnet. Als Unfall wird hier ein zeitlich begrenztes, von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis definiert, das zu einem Gesundheitsschaden oder zum Tod führt.
Des Weiteren sind Wegeunfälle versichert, wobei der Versicherungsschutz beginnt und endet mit dem Durchschreiten der Außenhaustür des vom Versicherten bewohnten Gebäudes.
Als Berufserkrankung werden die Erkrankungen bezeichnet, die nach gesicherten medizinischen Erkenntnissen durch besondere Einwirkungen verursacht sind, denen bestimmte Personengruppen durch ihre Arbeit in erheblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind.

Berufskrankheiten des unfallchirurgisch-orthopädischen Fachgebiets

Tab. 9.1
NummerBerufskrankheit
2101Erkr. der Sehnenscheiden oder des Sehnengleitgewebes sowie der Sehnen oder Muskelansätze
2102Meniskusschäden nach mehrjährigen andauernden oder häufig wiederkehrenden, die Kniegelenke überdurchschnittlich belastenden Tätigkeiten
2103Erkr. durch Erschütterung bei Arbeit mit Druckluftwerkzeugen oder gleichartig wirkenden Werkzeugen oder Maschinen
2104Vibrationsbedingte Durchblutungsstörungen an den Händen
2105Chronische Erkr. der Schleimbeutel durch ständigen Druck
2106Druckschädigung der Nerven
2107Abrissbrüche der Wirbelfortsätze
2108Bandscheibenbedingte Erkr. der LWS durch langjähriges Heben oder Tragen schwerer Lasten oder durch langjährige Tätigkeiten in extremer Rumpfbeugenhaltung
2109Bandscheibenbedingte Erkr. der HWS durch langjähriges Tragen schwerer Lasten auf der Schulter
2110Bandscheibenbedingte Erkr. der LWS durch langjährige, vorwiegend vertikale Einwirkung von Ganzkörperschwingungen im Sitzen
Leistungen
Das Ziel der Behandlung ist es, einen durch einen Arbeitsunfall verursachten Gesundheitsschaden zu beseitigen, zumindest zu bessern oder seine Verschlimmerung zu verhüten. Darüber hinaus soll der Unfallverletzte unter Berücksichtung seiner bisherigen Tätigkeit möglichst auf Dauer beruflich wieder eingegliedert werden. Dieses Ziel ist durch medizinische, berufsfördernde und soziale Leistungen mit allen geeigneten Mitteln anzustreben ( 26 SGB VII).

D-Arzt-Verfahren

Das Durchgangsarztverfahren ist mit dem Vertrag zwischen Ärzten und Unfallversicherungsträgern geregelt. Durchgangsärzte (D-Ärzte) sind von den Berufsgenossenschaften durch öffentlich rechtlichen Vertrag am Heilverfahren beteiligte Ärzte. Für die Bestellung zum Durchgangsarzt muss der Arzt spezielle Kriterien der Weiterbildung und Qualifikation erfüllen.
Gemäß dem Vertrag Ärzte/Unfallversicherungsträger sind dem Durchgangsarzt vorzustellen:
  • Alle Arbeitsunfallverletzten, die über den Unfalltag hinaus arbeitsunfähig sind.

  • Alle Arbeitsunfallverletzten bei Wiedererkrankung.

  • Verletzte, wenn die Behandlung voraussichtlich >1Wo. andauert.

  • Verletzte, bei denen die Verordnung von Heilmitteln erforderlich ist.

Aufgabe des Durchgangsarztes ist es, zu entscheiden, ob die medizinische Versorgung im Sinne einer besonderen Heilbehandlung einzuleiten ist oder ob die Maßnahmen der allgemeinen Heilbehandlung ausreichen. Eine besondere Heilbehandlung ist grundsätzlich durch den D-Arzt durchzuführen. Die Unfallversicherungsträger sind unverzüglich durch den D-Arztbericht und ggf. entsprechende Ergänzungsberichte zu informieren. Der D-Arzt steuert das weitere Heilverfahren und erstattet dem Unfallversicherungsträger in regelmäßigen Abständen Bericht. Er zieht ggf. Fachärzte anderer Fachgebiete hinzu.
Der Durchgangsarzt verordnet wenn notwendig Hilfsmittel, z.B. Prothesen, und überwacht deren Ausfertigung und Einsatz. Des Weiteren steuert er die notwendigen medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen im Bereich der Heilmittel. Es stehen hier zur Verfügung:
  • Krankengymnastische Übungsbehandlung/physikalische Therapie.

  • Erweiterte ambulante Physiotherapie (EAP).

  • Berufsgenossenschaftliche stationäre Weiterbehandlung (BGSW).

  • Komplex-stationäre Rehabilitationsbehandlung (KSR).

Der Durchgangsarzt benachrichtigt die Berufsgenossenschaft, wenn Maßnahmen der Berufshilfe erforderlich sind.
Maßnahmen der Berufshilfe umfassen die Einleitung einer Belastungserprobung, vor Ort notwendige Anpassungen des Arbeitsplatzes oder Maßnahmen der Kfz-Hilfe, notwendige Wohnungsumbauten etc.

Verletzungsartenverfahren (VAV)

Durch die Einführung des Verletzungsartenverfahrens soll erreicht werden, dass Unfallverletzte mit schweren Verletzungen (Tab. 9.2) in dafür ausgewählte und von den Berufgenossenschaften zugelassene Krankenhäuser eingewiesen werden. Diese Kliniken müssen im personellen und apparativen Bereich besonderen Anforderungen gerecht werden.

H-Arzt-Verfahren

H-Ärzte sind Ärzte, die von einem für jeden Bereich der kassenärztlichen Vereinigung gebildeten Ausschuss an der Durchführung der besonderen Heilbehandlung beteiligt werden. Auch der H-Arzt hat die Pflicht, die Berufsgenossenschaft über seine Behandlung unverzüglich mit H-Arzt-Bericht zu informieren. Im Rahmen der Umstrukturierung soll das H-Arzt-Verfahren durch ein zweistufiges D-Arzt-Verfahren ersetzt werden.

Begutachtung

Gutachten für die gesetzliche Unfallversicherung

In Gutachten für die gesetzliche Unfallversicherung werden Folgen eines versicherten Unfallereignisses oder einer Berufskrankheit festgestellt und bewertet. Die erste Feststellung erfolgt im Ersten Rentengutachten.
Rentengutachten
Ein Erstes Rentengutachten wird dann erstattet, wenn über die 26.Wo. hinaus die Erwerbsfähigkeit um mind. 20% vermindert ist. Die Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) richtet sich nach dem Umfang der sich aus der Beeinträchtigung des körperlichen und geistigen Leistungsvermögens ergebenden verminderten Arbeitsmöglichkeiten auf dem gesamten Gebiet des Erwerbslebens. Der Begriff bezieht sich somit nicht auf die konkret während des Arbeitsunfalls verrichtete Tätigkeit, sondern abstrakt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.
Beim Ersten Rentengutachten wird eine vorläufige Festsetzung der Rente vorgenommen. Bei entsprechenden Gutachten zur Nachprüfung wird festgestellt, ob gegenüber den Verhältnissen im Ersten Rentengutachten rechtlich wesentliche Änderungen (10%) eingetreten sind, die eine Veränderung der Rentenleistung erforderlich machen. Zum Ablauf des dritten Unfalljahres wird die Rente auf unbestimmte Zeit gewährt. In diesem Gutachten kann die MdE erneut frei ohne Bezug auf das Erste Rentengutachten eingeschätzt werden. Alle weiteren Nachprüfungsgutachten beziehen sich auf das Rentengutachten, nach welchem der letzte Rentenbescheid erging.
Gesamt-MdE
Die Einschätzung der Gesamt-MdE ist erforderlich, wenn nach einem Unfallereignis MdE-Bewertungen durch verschiedene Fachbereiche (Zusatz-Gutachten) notwendig wurden. Diese dürfen nicht einfach addiert werden, sondern bedürfen einer Bewertung in der Gesamtschau der vorliegenden Unfall- und Schädigungsfolgen.
Vorschaden/Schadensanlage
Als Vorschaden wird ein zum Zeitpunkt des Unfalls bereits manifester Körperschaden bezeichnet. Die Abgrenzung des Vorschadens von den Unfallfolgen kann zu erheblichen Problemen in der Kausalitätsbewertung einzelner Unfallereignisse führen. Besteht eine Gesundheitsstörung, die bis zum Unfallereignis klinisch und funktionell noch nicht manifest war, so wird diese Gesundheitsstörung als Schadensanlage bezeichnet. Diese kann durch das Unfallereignis ggf. verschlimmert werden.
Unfallbedingte Verschlimmerung
Es werden drei Arten der Verschlimmerung bei unabhängigen Vorschäden/Schadensanlagen unterschieden:
  • Eine vorübergehende Verschlimmerung ist dann anzunehmen, wenn durch das Unfallereignis ein bereits bestehendes Krankheitsgeschehen vorübergehend verstärkten Krankheitswert erhalten hat.

  • Eine anhaltend abgrenzbare Verschlimmerung wird dann festgestellt, wenn die exogenen Faktoren zu einem dauernd abgrenzbar höheren Krankheitswert des bestehenden Vorschadens geführt haben.

  • Eine richtunggebende Verschlimmerung ist dann festzustellen, wenn der Krankheitsverlauf der unfallunabhängigen Erkrankung infolge des Unfalls einen grundsätzlich anderen Verlauf genommen hat, als nach ärztlicher Erfahrung zu erwarten gewesen wäre.

Gutachten für die private Unfallversicherung

In der privaten Unfallversicherung kommt der Versicherungsschutz nicht durch ein Gesetz, sondern durch einen privatrechtlichen Vertrag zwischen Versicherer und Versichertem zustande. Er richtet sich i.d.R. nach den allgemeinen Unfallversicherungsbestimmungen (AUB). Hier wird ein Unfall wie folgt definiert:

Ein Unfall liegt vor, wenn der Versicherte durch ein plötzlich von außen auf seinen Körper wirkendes Ereignis (Unfallereignis) unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet.

Ausdrücklich wird ausgeführt, dass unter den Versicherungsschutz ebenso durch Kraftanstrengung des Versicherten hervorgerufene Verrenkungen, Zerrungen und Zerreißungen an Gliedmaßen und Wirbelsäule fallen. Nach den neuen AUB 1988 fallen isolierte, durch Kraftanstrengung hervorgerufene Schädigungen der Bandscheiben nicht mehr unter den Versicherungsschutz. Isolierte Meniskusschäden im Kniegelenk werden ebenfalls aus dem Versicherungsschutz ausgenommen.
Besonderheiten ergeben sich auch in der Bewertung etwaiger Vorschäden. Das in der gesetzlichen Unfallversicherung angewandte Prinzip der wesentlichen Bedingung gilt in der privaten Unfallversicherung nicht. Vielmehr wird hier das Ausmaß bestimmt, in dem unfallfremde Gebrechen an dem Eintritt der jetzt bestehenden Unfallfolgen mitgewirkt haben. Die Versicherungsleistung wird dann entsprechend dem Anteil des Vorschadens gekürzt.
Vom Versicherungsschutz ausgeschlossen sind sämtliche Berufs- und Gewerbeerkrankungen, Erkrankungen infolge psychischer Einwirkungen, Unfälle infolge von Schlaganfällen, epileptischen Anfällen oder solchen Krampfanfällen, die den ganzen Körper des Versicherten beeinträchtigen.
Die Bewertung der Unfallfolgen erfolgt bei Beeinträchtigungen der Funktion der Extremitäten nach der Gliedertaxe. Hierbei wird die Einschränkung der Funktion einer Gliedmaße in Bruchteilen bezogen auf eine gesunde Extremität bewertet. Bei Unfallfolgen, die durch die Gliedertaxe nicht zu bemessen sind, z.B. Unfallfolgen an der Wirbelsäule oder am Becken, wird die Invalidität bestimmt. Nach den AUB 1988 wird die Invalidität als prozentuale Beeinträchtigung der normalen körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit festgestellt. Bereits vor dem Unfall bestehende körperliche oder geistige Beeinträchtigungen sind bei der Bewertung entsprechend zu berücksichtigen.

Begutachtung nach dem Schwerbehindertenrecht

Die Begutachtung stützt sich auf das Schwerbehindertengesetz. Die Umsetzung des Gesetzes obliegt den Versorgungsämtern. Wesentliche Grundlage der Bemessung von Behinderungen bilden die Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertengesetz.
Im Unterschied zur gesetzlichen Unfallversicherung und zur privaten Unfallversicherung wird im Schwerbehindertenrecht der Grad der Behinderung (GdB) bestimmt. Es kommt somit nicht auf die Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit an, sondern auf das Ausmaß der Funktionsstörung insgesamt.
Als schwerbehindert gelten Personen, die einen Grad der Behinderung von wenigstens 50% aufweisen. Schwerbehinderten gleichgestellt werden können Personen, die einen GdB von mind. 30 v.H. aufweisen und infolge ihrer Behinderung einen geeigneten Arbeitsplatz nicht erlangen oder behalten können. Diese Gleichstellung wird vom Arbeitsamt vorgenommen. Die Versorgungsämter stellen auf Antrag des Behinderten einen entsprechenden Ausweis aus.
Im Schwerbehindertenrecht sind spezielle Merkmale vorgesehen, an die bestimmte Vergünstigungen im sozialen Leben gekoppelt sind:
  • Das Merkzeichen G wird dann vergeben, wenn infolge einer Einschränkung des Gehvermögens, auch durch innere Leiden oder infolge von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit, Wegstrecken im Ortsverkehr von 2000 m nicht mehr zu Fuß zurückgelegt werden können.

  • Das Merkzeichen aG, eine außergewöhnliche Gehbehinderung, liegt vor, wenn sich der Behinderte wegen der Schwere seines Leidens dauernd nur mit fremder Hilfe oder nur mit großen Anstrengungen außerhalb seines Kraftfahrzeugs fortbewegen kann.

  • Das Merkzeichen B wird dann vergeben, wenn bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln infolge der Behinderung ständig fremde Hilfe erforderlich ist.

Gutachten für die gesetzliche Rentenversicherung

Sie beziehen sich zumeist auf Fragen zur Erbringung der Rentenleistungen oder zur Erbringung der Leistung zur Teilhabe. Die Leistungen des Rentenversicherungsträgers sind im SGB IX geregelt. Hier werden zwei Rentenarten unterschieden:
  • Rente wegen voller Erwerbsminderung: Sie setzt voraus, dass das Restleistungsvermögen des Versicherten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unter 3h gesunken ist. Diese Grenze entspricht der Geringfügigkeitsgrenze in der Renten- und Arbeitslosenversicherung und wurde gewählt, um eine Nahtlosigkeit zwischen den Regelungen für die Rentenversicherung und die Arbeitslosenversicherung herzustellen.

  • Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung: Sie wird gewährt, wenn ein Restleistungsvermögen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt von 3 bis unter 6h besteht. Diese Rente hat keine vollständige Lohnersatzfunktion. Es wird der Teil des Einkommens ersetzt, der wegen der gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht mehr zu erwerben ist. Bei einem Restleistungsvermögen von mehr als 6h, bezogen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, wird davon ausgegangen, dass eine rentenrechtlich relevante Erwerbsminderung nicht vorliegt.

Auch in der Rentenversicherung gilt der Grundsatz Rehabilitation vor Rente. Es ist daher stets zu prüfen, ob die festgestellte MdE durch Leistungen der medizinischen Rehabilitation oder durch Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben gebessert werden kann.
In der Begutachtung für die gesetzliche Rentenversicherung ist weder die Minderung der Erwerbsfähigkeit, bezogen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, noch der Grad der Behinderung festzustellen. Primär ist im Gutachten für die Rentenversicherung das individuell verbliebene Leistungsvermögen festzustellen. Insbes. ist festzustellen, dass das alleinige Vorliegen einer Schwerbehinderung oder einer höhergradigen MdE noch nicht bedingt, dass eine Leistungsminderung im Sinne der gesetzlichen Rentenversicherung anzunehmen ist. Es ist für die Rentenversicherung zu prüfen, welchen beruflichen Anforderungen der Versicherte nicht mehr gewachsen ist (negatives Leistungsbild). Ebenso ist festzuhalten, welchen Ansprüchen er noch gerecht werden kann (positives Leistungsbild).

Allgemeine Hinweise zur Gutachtenerstellung

Voraussetzung für die Erstellung eines einwandfreien Gutachtens ist die sorgfältige Prüfung des Gutachtenauftrags. Hierbei sind folgende besondere Umstände zu beachten:
  • Fällt das Gutachten in das Fachgebiet des beauftragten Gutachters?

  • Sind die Anknüpfungstatsachen ausreichend ermittelt und dargestellt (Unfallereignis, Vorerkrankungsregister, Dokumentation des bisherigen Krankheitsverlaufs)?

  • Sind die im Gutachten zu beantwortenden Fragen präzise gestellt?

Der Gutachter sollte sich vor Begutachtung des Probanden eingehend mit der Akte befasst haben. Die im Rahmen der Begutachtung zu erhebende Anamnese umfasst eine umfassende Allgemeinanamnese und eine genaue Schilderung des Unfallereignisses und der nachfolgenden Behandlung aus Sicht des Probanden.
Die gutachterliche Untersuchung gliedert sich in die allgemeine klinische Untersuchung sowie die speziellen Untersuchungsbefunde bezüglich des orthopädisch-unfallchirurgischen Fachgebiets. Die Bewegungsausmaße sind nach der Neutral-Null-Methode zu dokumentieren. Es folgt die Darstellung der notwendigen Bildgebung. Hier sind auch ggf. vorhandene Schnittbild-Untersuchungen und deren Befunde einzufügen. Im abschließenden Teil der Zusammenfassung und Beurteilung werden die Untersuchungsergebnisse prägnant zusammengefasst, wobei insbes. bei der Darstellung der Unfallfolgen die funktionellen Aspekte in den Vordergrund zu rücken sind. Alle im Gutachtenauftrag gestellten Fragen werden in allgemein verständlicher Form und Sprache ggf. in Bezug auf die gängige Literatur beantwortet.

Literatur

Schönberger, 2010

Schönberger Mehrtens Valtentin Arbeitsunfall und Berufserkrankung 9. Aufl. 2010 Schmidt Erich Verlag Berlin

Weise, 2008

K. Weise M. Schiltenwolf Grundkurs orthopädisch-unfallchirurgische Begutachtung 2008 Springer Berlin

Internet

Anhaltspunkte für die Begutachtung im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht,

Anhaltspunkte für die Begutachtung im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht: www.anhaltspunkte.vsbinfo.de

Verletztenartenverzeichnis,

Verletztenartenverzeichnis: www.dguv.de/Landesverbaende/de/med-reha

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