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B978-3-437-24401-8.50015-7

10.1016/B978-3-437-24401-8.50015-7

978-3-437-24401-8

AO-Klassifikation der Frakturen, hier am Beispiel der Femurschaftfrakturen (a) und der proximalen Femurfrakturen (b) zur Verdeutlichung des Grundprinzips der Fraktureinteilung.

Einteilung von gelenknahen Frakturen im Kindesalter mit Beteiligung der Wachstumsfugen.

Klassifikation der Azetabulumfrakturen nach Judet und Letournel.

WOMAC-Arthrosefragebogen.

EuroQol-5D-Fragebogen zur Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

Klassifikationen in der Unfallchirurgie

Tab. 10.1
FrakturenKlassifikation
FrakturenKlassifikation
AtlasfrakturenEffendi et al.
DensfrakturenAndersen und DAlonzo
Frakturen von BWS und LWSMagerl und Harms
Akromioklavikular-SprengungenTossy, erweitert durch Rockwood
HumeruskopffrakturNeer
RadiusköpfchenfrakturenMason
ScaphoidfrakturenBöhler und Trojan
BeckenfrakturenTile, Pennal
AzetabulumfrakturenLetournel und Judet
SchenkelhalsfrakturenPauwels, Garden
FemurkopffrakturenPipkin
TibiakopffrakturenMoore
SprunggelenksfrakturenWeber
TalusfrakturenHawkins
KalkaneusfrakturenEssex-Lopresti, Sanders

Grundlage der AO-Klassifikation der Frakturen

Tab. 10.2
1. Schritt: Kodierung des Knochens und des Segments1 = Humerus
2 = Unterarm
3 = Femur
4 = Unterschenkel
1 = proximal
2 = Schaft
3 = distal
2. Schritt: Typisierung der FrakturSchaftfraktur:
A = einfach
B = Keil
C = komplex
Gelenkfraktur:
A = extraartikulär
B = partielle Gelenkfraktur
C = vollständige Gelenkfraktur
3. Schritt: Zuteilung nach Schwierigkeit und Prognose1 = einfach
2 = schwieriger
3 = schwierig

Grundlage der AO-Klassifikation der Weichteilschäden

Tab. 10.3
1. Schritt: Kodierung der StrukturenI = Haut (Integument)
MT = Muskeln – Sehnen (Tendon)
NV = Nerven – Gefäße (Vasa)
2. Schritt: Zuteilung nach Art und Ausmaß der SchädigungI
c = geschlossen (closed)
1 = kein Schaden
2 = Kontusion
3 = umschriebenes Dcollement
4 = ausgedehntes Dcollement
5 = Nekrose
0 = offen
1 = Durchspießung von innen
2 = Eröffnung von außen < 5 cm
3 = Eröffnung von außen > 5 cm mit Wundrandkontusion
4 = umschriebenes Dcollement mit Hautverlust
5 = ausgedehntes Dcollement mit Hautverlust
MTNV
1 = kein Schaden
2 = umschriebener Defekt einer Muskelgruppe
3 = großer Defekt mehrerer Muskelgruppen
4 = Ablederung oder Verlust ganzer Muskelgruppen, Sehnenlazeration
5 = Kompartment- und Crashsyndrom
1 = kein Schaden
2 = isolierter Nervenschaden
3 = lokalisierter Gefäßschaden
4 = Gefäß- und Nervenschaden
5 = subtotale oder totale Amputation

Klassifikation der Frakturen mit Weichteilschaden nach Tscherne und Oestern

Tab. 10.4
Geschlossene FrakturenOffene Frakturen
0Keine oder unbedeutende Weichteilverletzung, indirekte Gewalteinwirkung, einfache Frakturform (z. B. Drehfraktur des Skifahrers)
IOberflächliche Schürfung oder Kontusion durch Fragmentdruck von innen, einfache bis mittelschwere Frakturform (z. B. Luxationsfraktur des oberen Sprunggelenks)Durchspießung der Haut, unbedeutende Kontamination, einfache Frakturform
IITiefe kontaminierte Schürfung oder Kontusion durch direkte Gewalteinwirkung, drohendes Kompartmentsyndrom, mittelschwere bis schwere Frakturform (z. B. Stückfraktur durch Stoßstangenanprall)Durchtrennung der Haut, umschriebene Haut- und Weichteilkontusion, mittelschwere Kontamination, alle Frakturformen
IIIAusgedehnte Hautkontusion, -quetschung oder Zerstörung der Muskulatur, subkutanes Dcollement, manifestes Kompartmentsyndrom, Verletzung eines Hauptgefäßes, schwere Frakturform (z. B. Trümmerfraktur durch Überrolltrauma)Ausgedehnte Weichteildestruktion, häufig Gefäß- und Nervenverletzung, starke Wundkontamination, ausgedehnte Knochenzertrümmerung (z. B. Schussfrakturen und offene Frakturen mit Verletzung der großen Extremitätenarterien)
IVSubtotale und totale Amputation

Klassifikation der offenen Frakturen nach Gustilo und Anderson

Tab. 10.5
Grad 1Hautwunde 1 cm, nicht verschmutzt, Durchspießung von innen, minimale Muskelkontusion, einfache Quer- oder kurze Schrägfraktur
Grad 2Wunde > 1 cm, ausgedehnter Weichteilschaden mit Lappenbildung oder Dcollement, mittelgradige Muskelquetschung, einfache Quer- oder kurze Schrägfrakturen mit kleiner Trümmerzone
Grad 3Ausgedehnter Weichteilschaden mit Zerstörung von Haut, Muskel und neurovaskulären Strukturen, Hochrasanztrauma mit schwerer Gewebsquetschung3A: Ausgedehnte Weichteilwunden mit noch adäquater Knochendeckung, Stück-, Schussfrakturen;
3B: Ausgedehnter Weichteilschaden mit Deperiostierung und freiliegendem Knochen, massive Kontamination;
3C: Rekonstruktionspflichtige Gefäßverletzung

Mangled Extremity Severity Score (MESS) nach Johnson et al.

Tab. 10.6
ParameterPunkte
A Knochen- und WeichteilverletzungNiedrige Energie (einfache Fraktur, low velocity-Schusswunde)1
Offene oder multiple Frakturen mit starker Dislokation2
Hohe/mittlere Energie (Nahschuss mit Schrot, high velocity-Schusswunde, Quetschtrauma)3
Hochrasanztrauma (zusätzlich schwere Kontamination, Weichteilavulsion)4
B ExtremitätenischämiePulse abgeschwächt oder fehlend, ausreichende Perfusion1
Pulslos, Parästhesien, verminderte Kapillarfüllung2
Kühl, motorische Lähmung, asensibel ( doppeltes Scoring für Ischämie > 6 h)3
C SchockSyst. RR immer > 90 mmHg0
Vorübergehende Hypotension1
Anhaltende Hypotension2
D Alter< 30 Jahre0
30–50 Jahre1
> 50 Jahre2

Eine MESS-Punktzahl 7 zeigte in retro- und prospektiven Studien einen positiven Voraussagewert von 100 für eine Amputation.

Glasgow Coma Scale; Werte unter 8 = schwere Funktionsstörung

Tab. 10.7
ReaktionenPunkte
Augen öffnenSpontan
Nach Aufforderung
Auf Schmerz
Nicht
4
3
2
1
Reaktion auf AnsprechenOrientiert
Verwirrt
Unangemessen
Unverständlich
Keine
5
4
3
2
1
Motorische ReaktionReagiert auf Aufforderung
Gezielte Schmerzabwehr
Ungezielte Schmerzabwehr
Beugesynergien
Strecksynergien
Keine
6
5
4
3
2
1
Total3–15

Hannoveraner Polytraumaschlüssel PTS

Tab. 10.8
PTSS (Schädel)PunktePTST (Thorax)Punkte
SHT 14Sternum, Rippenfrakturen (1–3)2
SHT 28Rippenserienfrakturen5
SHT 312Rippenserienfrakturen beidseitig10
Mittelgesichtsfraktur2Hämato-, Pneumothorax2
Schwere Mittelgesichtsfraktur4Lungenkontusion7
Errechnete PunktzahlLungenkontusion beidseitig9
Instabiler Thorax, zusätzlich3
Aortenruptur7
Errechnete Punktzahl
PTSA (Abdomen)PunktePTSB (Becken)Punkte
Milzruptur9Einfache Beckenfraktur3
Milz- und Leberruptur13 (18)Komb. Beckenfraktur9
Leberruptur (ausgedehnt)13 (18)Becken- und Urogenitalverletzung12
Darm, Mesenterium, Niere, Pankreas9Wirbelbruch3
Errechnete PunktzahlWirbelbruch/Querschnitt3
Beckenquetschung15
Errechnete Punktzahl
PTSE (Extremitäten)PunkteAlterseinflussPunkte
Zentraler Hüftverrenkungsbruch12Alter (Jahre)
Oberschenkelfraktur einfach80–90
Oberschenkelstück-, Trümmerfraktur1210–190
Unterschenkelfraktur420–290
Knieband, Patella, Unterarm, Ellbogen, Sprunggelenk230–390
Oberarm, Schulter440–491
Gefäßverletzung oberh. Ellbogen bzw. Kniegelenk850–542
Gefäßverletzung unterh. Ellbogen bzw. Kniegelenk455–593
Oberschenkel-, Oberarmamputation1260–645
Unterarm-, Unterschenkelamputation865–698
Je offene zweit- und drittgradige Fraktur470–7413
Große Weichteilquetschung2 7521
Errechnete PunktzahlErrechnete Punktzahl

Schweregradklassifizierung mit Hilfe des Polytraumaschlüssels (PTS)

Tab. 10.9
SchweregradPunktzahlLetalität
I< 19Bis 10
II20–34Bis 25
III35–48Bis 50
IV 49Bis 75

Klassifikation der Arthrose

(modifiziert nach Brandt et al., 1986)

Tab. 10.10
Idiopathische ArthroseLokalisiert
Generalisiert
Sekundäre ArthrosePosttraumatisch
Angeborene und erworbene Gelenkschäden
Metabolische Störungen
Endokrine Erkrankungen
Sonstige Ursachen

Vereinfachte Röntgenklassifikation der Arthrose nach Kellgren und Lawrence

Tab. 10.11
SchweregradRöntgenologischer Befund
Grad 0Keine Arthrosezeichen
Grad 1Fraglicher Nachweis von Osteophyten
Grad 2Sicherer Nachweis von Osteophyten, keine Gelenkspaltverschmälerung
Grad 3Mäßige Gelenkspaltverschmälerung
Grad 4Gelenkspalt erheblich verschmälert bzw. aufgehoben

Klassifikationen und Scores

Klaus-PeterGünther

WernerKnopp

TimPohlemann

  • 10.1

    Frakturklassifikationen 123

    • 10.1.1

      Klassifikation der AO 123

    • 10.1.2

      Weitere Frakturklassifikationen 124

  • 10.2

    Klassifikation von Weichteilschäden 124

  • 10.3

    Scoringsysteme in der Traumatologie 127

    • 10.3.1

      Beurteilung der Gehirnfunktion 127

    • 10.3.2

      Beurteilung der Gesamtverletzungsschwere 127

    • 10.3.3

      Prognoseabschätzung 128

  • 10.4

    Klinische Arthrose-Scores 128

    • 10.4.1

      Ätiologische Einteilung der Arthrose 128

    • 10.4.2

      Patientenbezogene Algofunktion und Lebensqualität 129

    • 10.4.3

      Radiologische Arthrose-Scores 130

Eine Vielzahl von Klassifikationen und Score-Systemen sind in der Unfallchirurgie und Orthopädie beschrieben und häufig auch mit Autorennamen belegt. Sie konnten sich immer dann im klinischen Alltag durchsetzen, wenn sie leicht anwendbar waren, einen guten Übereinstimmungsgrad zeigten (Intra- und Interobserver Reliability) und relevante Informationen für Entscheidungsfindungen, Therapieplanung und Therapiekontrolle lieferten. Aus der Vielzahl der beschriebenen Systeme können an dieser Stelle nur wenige, weit verbreitete Klassifikationen angeführt werden. Für die Einteilung der häufigsten Frakturformen hat sich z. B. das von M.E. Müller inaugurierte universelle System der AO-Klassifikation weltweit weitestgehend durchgesetzt. Obwohl hier ein sehr systematischer, einheitlicher Aufbau besteht, sind die Einteilungen für einige spezielle Körperregionen, wie z. B. Azetabulumverletzungen und Fußverletzungen, im praktischen Alltag nur schwer umzusetzen, so dass hier weiterhin auch spezifische Klassifikationen (z. B. Klassifikation der Azetabulumfrakturen nach Letournel, Einteilung der Kalkaneusfrakturen nach Sanders) zum Einsatz kommen ( Tab. 10.1). Bei degenerativen Gelenkerkrankungen ist die Kenntnis der Klassifikation des klinischen und röntgenologischen Schweregrades für die Indikationsstellung zu konservativen und operativen Behandlungsmaßnahmen wichtig (z. B. klinischer WOMAC-Score und radiologischer Kellgren-Lawrence-Score).

Nicht zu vernachlässigen ist die Problematik der In-tra- und Interobserver Reliability, d. h. die Zuverlässigkeit, in der verschiedene Untersucher bzw. der gleiche Untersucher zu verschiedenen Zeitpunkten zu identischen Einschätzungen kommt. Generell ist zu sagen, je komplexer eine Klassifikation ist und je mehr Parameter zur Differenzierung benötigt werden, umso größere Schwierigkeiten bestehen, klare Abgrenzungen zwischen den einzelnen Gruppen zu finden. Während im klinischen Alltag hier nur selten schwerwiegende Fehlentscheidungen resultieren, müssen diese Aspekte bei der Interpretation von wissenschaftlichen Studien immer berücksichtigt werden.

Besonders anspruchsvoll ist die eindeutige Klassifikation der Schwere eines Weichteilschadens, da im Gegensatz zu den Frakturen bildgebende Techniken in der Regel nicht richtungsweisend sind. Aufbauend auf der Klassifikation der offenen Frakturen nach Gustilo und der Einteilung der geschlossenen Weichteilschäden nach Tscherne wurde die Komponente Weichteilschaden in das System der AO-Klassifikation eingefügt.

Zusätzliche Möglichkeiten zur Quantifizierung klinischer Zustände nach Trauma, insbesondere zur Abschätzung von Prognosen, bieten die Scoringsysteme, die sich entweder vollständig auf klinische Beobachtungen (wie z. B. der Glasgow Coma Scale) oder aber auch auf physiologische Parameter bzw. Kombinationen aus Klinik und physiologischen Parametern stützen.

Frakturklassifikationen

Werner Knopp, Tim Pohlemann

Klassifikation der AO

Die AO-Klassifikation der Frakturen erlaubt sowohl die Einteilung der Weichteilschäden als auch der Frakturform. Der einfache, in einem alphanumerischen System gegliederte Ansatz fasst die Informationen der klinischen Untersuchung und der radiologischen Analyse zusammen und erlaubt dadurch die direkte Ableitung des Schweregrades der Verletzung und möglicher bzw. sogar empfohlener Therapieoptionen ( Tab. 10.2).
Die Klassifikationstiefe kann, insbesondere wenn wissenschaftliche Fragestellungen im Vordergrund stehen, neben dem Frakturtyp (A–B–C) in die Frakturgruppe (1–2–3) und die Untergruppe (.1-.2-.3) weitergeführt werden und für spezielle Regionen sogar noch mit Modifikationen und Zusatzeinteilungen belegt werden. Für den klinischen Alltag ist in der Regel die Verwendung von Frakturtyp und Frakturgruppe für die Entscheidungsfindung ausreichend ( Abb. 10.1).
Nach Frakturen ist häufig das Ausmaß der Weichteilschäden prognosebestimmend. Im System der AO-Klassifikation lässt sich mit zwei Schritten sowohl die Einteilung der betroffenen Weichteilstrukturen als auch der Schweregrad dieser Weichteilverletzung vornehmen ( Tab. 10.3).
Die AO-Foundation hat dieses universelle System zwischenzeitlich per Internet ubiquitär zur Verfügung gestellt. Im Rahmen der immer weiter voranschreitenden Komplettierung lassen sich neben der Klassifikation auch zunehmend aktuelle Therapieempfehlungen abrufen (www.aofoundation.org).

Weitere Frakturklassifikationen

Frakturen im Kindesalter
Frakturen im Kindesalter sind auf Grund der spezifischen Eigenschaften des wachsenden Skeletts und der noch vorhandenen Wachstumsfugen in der beschriebenen Klassifikation nicht ausreichend berücksichtigt. Es treten hier spezifische, beim Erwachsenen nicht vorkommende Frakturformen (wie z. B. Grünholzbrüche, inkomplette Frakturen) auf, die im entsprechenden Kapitel im Detail beschrieben sind ( Kap. 19). Gelenknahe Frakturen unter Beteiligung der Wachstumsfugen werden nach Aitken, bzw. verfeinert nach Salter, eingeteilt ( Abb. 10.2).
Azetabulumfrakturen
Auch die Azetabulumfrakturen lassen sich nur ungenügend in den von der AO-Klassifikation vorgesehenen Frakturtypen A-B-C abbilden, hier ist weiterhin die Einteilung nach Letournel und Judet gebräuchlich, die zwischen so genannten einfachen und kombinierten Frakturtypen unterscheidet. Dieses System erleichtert insbesondere die systematische Röntgenbildanalyse und darauf basierend die Zugangswahl ( Abb. 10.3).

Klassifikation von Weichteilschäden

Die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO) hat neben einer einheitlichen Frakturklassifikation auch eine Klassifikation der Weichteilschäden erarbeitet ( Tab. 10.3). Neben der Klassifikation der AO hat sich die Einteilung des Weichteilschadens bei offenen und geschlossenen Frakturen nach Tscherne und Oestern durchgesetzt ( Tab. 10.4). In der angloamerikanischen Literatur ist für die offenen Frakturen auch die Klassifikation nach Gustilo und Anderson verbreitet ( Tab. 10.5).
Stellt sich bei schwerverletzter unterer Extremität die Frage nach einer primären Amputation oder einem Rekonstruktionsversuch, so bietet der Mangled Extremity Severity Score (MESS) eine bewährte Entscheidungshilfe ( Tab. 10.6). Insbesondere gilt dies beim polytraumatisierten Patienten unter dem Aspekt der Lebenserhaltung (life before limb), aber auch bei der Überlegung, dem Patienten nach zahlreichen Operationen und langen Klinikaufenthalten eine funktionslose Extremität zu ersparen.

Scoringsysteme in der Traumatologie

Scoringsysteme erlauben es, sich in relativ einfacher Weise einen Überblick über das Schädigungsausmaß einzelner oder kombinierter Organsysteme zu verschaffen. Insbesondere der wenig Erfahrene gewinnt damit einen schnellen, fundierten Überblick. Es wird aber empfohlen, in jedem Fall ein Scoring vorzunehmen, da vor allem nach Mehrfachverletzungen Fehleinschätzungen schwerwiegende Folgen für den Patienten haben können.

Beurteilung der Gehirnfunktion

Ein weltweit anerkanntes System zur Beurteilung der Gehirnfunktion nach Trauma ist die Glasgow Coma Scale (GCS), die durch einfache klinische Beobachtungen eine zuverlässige Einschätzung der Akutsituation erlaubt und insbesondere auch für Verlaufskontrollen brauchbar ist ( Tab. 10.7).

Beurteilung der Gesamtverletzungsschwere

Die Beurteilung der Gesamtverletzungsschwere wird in der Regel additiv vorgenommen, wobei die Einzelverletzungen ihrer Schwere nach dem Abbreviated Injury Score (AIS) bewertet werden. Als prognostisch aussagefähig hat sich die Berücksichtigung der fünf schwersten Einzelverletzungen erwiesen. Nach einer einfachen mathematischen Formel wird daraus der international gebräuchliche Injury Severity Score (ISS) generiert. Da aber weitere Einflussgrößen, wie z. B. das Alter, einen entscheidenden Einfluss auf die Prognose nach schweren Verletzungen haben, wird insbesondere im deutschsprachigen Raum der Hannoveraner Polytraumaschlüssel PTS bevorzugt ( Tab. 10.8), da er eine direkte Abschätzung des Letalitätsrisikos erlaubt ( Tab. 10.9).

Prognoseabschätzung

Beginnend mit dem Schockindex nach Allgöwer (Quotient aus Pulsfrequenz und systolischem Blutdruck) wurde eine Reihe von Scoresystemen entwickelt, die physiologische Messgrößen in die Prognoseabschätzung einbeziehen. Sie konnten sich bisher nicht generell in der Akutbehandlung des Schwerverletzten durchsetzen, da einfach zu bestimmende Parameter bei dem heutigen Ausbaustand des Rettungssystems in der Regel schon sehr frühzeitig normalisiert werden. Für den Langzeitverlauf bzw. die kontinuierliche Abschätzung, insbesondere in der Intensivmedizin, konnten diese Systeme allerdings durch die Bestimmung zusätzlicher physiologischer Parameter und laborchemischer Messwerte verfeinert werden (z. B. APACHE, Hospital Trauma Index, Multi Organ Failure Syndrome, MOFS, Akut Trauma Index u. a.).

Klinische Arthrose-Scores

Klaus-Peter Günther
Aufgrund der Häufigkeit degenerativer Gelenkerkrankungen sollen verbreitete Klassifikationssysteme zur Ätiologie und Messung von Algofunktion bzw. Lebensqualität kurz beschrieben werden.

Ätiologische Einteilung der Arthrose

Lassen sich keine eindeutigen Risikofaktoren für die Entstehung einer Arthrose identifizieren, spricht man von idiopathischen Arthrosen. Bestehen jedoch ana-mnestisch fassbare Gelenkverletzungen, erkennbare Formstörungen (z. B. Hüftdysplasie) oder systemische Erkrankungen als mögliche Ursache der Knorpelschädigung, handelt es sich um eine sekundäre Arthrose. In der Gruppe der idiopathischen Arthrosen werden zwei Erkrankungsformen unterschieden: Lassen sich die Veränderungen nur an ein oder maximal zwei Gelenken nachweisen, spricht man von lokalisierter Arthrose. Sind drei oder mehrere Gelenkregionen betroffen (unter Einschluss der Hände), handelt es sich um eine generalisierte Arthrose. Dieses Konzept berücksichtigt die Tatsache, dass Menschen – möglicherweise auch genetisch beeinflusst – unterschiedliche Empfindlichkeiten für Entwicklung und Ausbreitung degenerativer Gelenk-erkrankungen aufweisen ( Tab. 10.10).

Patientenbezogene Algofunktion und Lebensqualität

Beschwerden bei degenerativen Gelenkerkrankungen wurden früher meist nur wenig standardisiert hinsichtlich von Schmerzen und Bewegungsumfängen erfasst. Mittlerweile sind jedoch zuverlässige Messinstrumente entwickelt worden, die eine reproduzierbare und valide Einschätzung aller Dimensionen erlauben, in denen sich krankheitsbezogene Veränderungen bei Arthrosen ergeben. Dazu gehören vor allem Algofunktion und Lebensqualität, die mit entsprechenden Fragebögen dokumentiert werden.
Messung der Algofunktion
Neben gelenkspezifischen Scores (z. B. Harris-Hip-Score bei Koxarthrose und Hüftgelenkersatz) hat sich vor allem der bei Hüft- und Kniearthrosen generell anwendbare WOMAC-Score (Western Ontario and Mac Master Universities Osteoarthritis Index ( Abb. 10.4) durchgesetzt. Damit kann die Algofunktion Untersucher-unabhängig erfasst werden, da es sich hierbei um einen Fragebogen handelt, den der Patient selbst ausfüllt. Er umfasst drei Skalen mit insgesamt 24 Fragen. Der erste Teil besteht aus fünf Fragen zu Schmerzen. Im zweiten Teil werden zwei Fragen zu Steifigkeit gestellt. Der letzte Teil besteht aus 17 Fragen zur körperlichen Aktivität. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten der Ergebnisdokumentation (visuelle Analogskala, Likert-Skala, Angabe von Schweregraden einer Einschränkung), wobei ein hoher Punktewert immer als Hinweis auf eine schlechte Funktion zu werten ist.
Messung der Lebensqualität
Ein zunehmend wichtiges Ziel in der Ergebniskontrolle ist die Erfassung der individuellen Lebensqualität, die maßgeblich mit der Patientenzufriedenheit korreliert. Hierzu wurden spezifische Fragebögen entwickelt und bei Arthrosen sind der SF-36 und der EuroQol-Fragebogen am häufigsten.
Beim SF-36 wird in acht Subskalen die krankheitsübergreifende Lebensqualität erfasst (körperliche Funktionsfähigkeit, körperliche Rollenfunktion, körperliche Schmerzen, allgemeine Gesundheitswahrnehmung, Vitalität, soziale Funktionsfähigkeit, emotionale Rollenfunktion und psychisches Wohlbefinden). Um den Nachteil der recht umfangreichen Dokumentation mit relativ vielen Fragen zu reduzieren, steht auch eine verkürzte Version (SF-12) zur Verfügung.
Der EuroQol umfasst nur fünf Fragen, die sich auf Probleme in den Dimensionen Beweglichkeit/Mobilität, Selbstversorgung, Alltägliche Tätigkeiten, Schmerzen/körperliche Beschwerden und Angst/Niedergeschlagenheit beziehen ( Abb. 10.5). Die Beantwortung der Fragen erfolgt anhand einer einfachen Ordinalskala (1 = keine Probleme, 2 = mäßige Probleme, 3 = extreme Probleme). Zusätzlich muss der Befragte anhand einer visuellen Analogskala seinen eigenen Gesundheitszustand beschreiben. Aufgrund seiner Kürze und den zuverlässigen testtheoretischen Eigenschaften ist der EuroQol ein zunehmend beliebtes Instrument.

Radiologische Arthrose-Scores

Der röntgenologisch nachweisbare Schweregrad von Arthrosen kann mit unterschiedlichen Klassifikationssystemen beschrieben werden, die sich am Ausprägungsgrad degenerativer Schäden (v. a. subchondrale Sklerosierung, Gelenkspaltverschmälerung, Osteophyten, Zystenbildung und Deformation der Gelenkflächen) orientieren. Eine gut reproduzierbare und verbreitete Klassifikation ist die Einteilung nach Kellgren und Lawrence (1963), der eine Graduierung anhand eines Röntgen-Atlasses zugrunde liegt ( Tab. 10.11).
LITERATUR

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KDBrandtHJMankinLEShulmanWorkshop on etiopathogenesis of osteoarthritisJ Rheumatology13198611261160

The EuroQol Group, 1990

The EuroQol GroupEuroQol - a new facility for the measurement of health-related quality of lifeHealth Policy1631990199208

Kellgren and Lawrence, 1963

JHKellgrenJSLawrenceAtlas of standard radiographs of arthritis1963Blackwell Scientific PublicationsOxford

Ware and Sherbourne, 1992

J.E.WareJr.C.D.SherbourneThe MOS 36-item short-form health survey (SF-36). I. Conceptual framework and item selectionMed Care3061992473483

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