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B978-3-437-58052-9.00005-0

10.1016/B978-3-437-58052-9.00005-0

978-3-437-58052-9

Abb. 5.1

[S007-22]

Rechter Hoden mit Nebenhoden (a); Skrotum mit beiden Hoden (b)

Abb. 5.2

[M375]

Randpartie des Hodens

Abb. 5.3

[L141]

Schema von Hoden und Nebenhoden

Abb. 5.4

[S007-22]

Aa. und Vv. testiculares, Gefäße von Hoden, Nebenhoden, Plexus pampiniformis rechts, Skrotum und Samenstrang

Abb. 5.5

[M375]

Samenstrang; 1 Samenleiter; 2 Venen des Plexus pampiniformis; 3 A. testicularis; 4 V. ductus deferentis; 5 Fascia spermatica interna; 6 Bündel des M. cremaster

Abb. 5.6

[L106]

Primäre männliche Geschlechtsorgane

Abb. 5.7

[M375]

Querschnitt durch ein Hodenkanälchen; 1 Spermatogonien, 2 frühe Spermatozyten, 3 Spermatiden, 4 Lumen, 5 Leydig-Zellen, Pfeil = Sertoli-Zellen

Abb. 5.8

[L253]

Strukturformel des Testosterons

Abb. 5.9

[L141]

Regulation der Testosteronsekretion; C = Cholesterin, T = Testosteron, LH = luteinisierendes Hormon, FSH = follikelstimulierendes Hormon, GnRH = Gonadotropin-Releasing-Hormon

Abb. 5.10

[L106]

Anatomie der weiblichen Geschlechtsorgane

Abb. 5.11

[M375]

Zahlreiche Primordial- (Pfeile) und ein Sekundärfollikel (*)

Abb. 5.12

[L107]

Follikelbildung und Ovulation

Abb. 5.13

[L253]

Strukturformel des Progesterons

Abb. 5.14

[L141]

Menstruationszyklus

Abb. 5.15

[L157]

Temperaturkurve während des Menstruationszyklus (a) bzw. bei einer beginnenden Schwangerschaft (b)

Abb. 5.16

[L234]

Prä-, Peri- und Postmenopause

Endokrine Drüsen der Geschlechtsorgane

  • 5.1

    Hoden81

    • 5.1.1

      Anatomie81

    • 5.1.2

      Physiologie83

  • 5.2

    Ovar (Eierstock)87

    • 5.2.1

      Anatomie87

    • 5.2.2

      Physiologie88

Hoden

Der HodenHodenendokrine Sekretion (Testis [Mehrzahl Testes]TestesOrchis oder Orchis) produziert zum einen Spermien und zum anderen das männliche Sexualhormon Testosteron. Er dient also, ebenso wie das Ovar, sowohl der Reproduktion als auch der endokrinen Sekretion. Im Folgenden werden vor allem die Funktionen des Hodens besprochen. Seine Erkrankungen sowie die weiteren männlichen Geschlechtsorgane werden im Fach Urologie behandelt.

Anatomie

Hoden und Nebenhoden
Lage und Aufbau
Der paarig angelegte HodenAnatomieHoden hat in der Kindheit ein Volumen von etwa 2 ml und wächst in der Pubertät auf ein Volumen von jeweils etwa 20 ml. Er ist von einer 1 mm dicken Hülle aus straffem Bindegewebe umgeben (Tunica albuginea) Tunica albugineaHodenund liegt im HodensackHodensack (Skrotum), Skrotumeiner Ausstülpung der vorderen Bauchwand. Das Skrotum zeigt im Wesentlichen den Aufbau der üblichen Oberhaut, verstärkt durch Fasern des M. cremaster. Ein bindegewebig-muskuläres Septum trennt die beiden Hoden voneinander. Innen wird das Skrotum von einer ehemaligen Bauchfellduplikatur ausgekleidet, deren inneres Blatt als EpiorchiumEpiorchium der Tunica albuginea des Hodens aufliegt, während das (ehemalige) Peritoneum parietale als PeriorchiumPeriorchium mit dem Skrotum verwachsen ist. Entsprechend den Verhältnissen an Pleura oder Perikard befindet sich ein paar Tropfen Flüssigkeit zwischen den beiden Blättern, sodass der Hoden im Skrotum verschieblich bleibt (Abb. 5.1). An der Dorsalseite des Hodens liegt der NebenhodenNebenhoden (Epididymis)Epididymis dem oberen Anteil des Hodens direkt auf.

Pathologie

Hydrocele testis

Bei einer erheblichen Vermehrung der Flüssigkeit zwischen Epi- und Periorchium entsteht die sog. Hydrocele testis („Wasserbruch“). Hydrocele testisEine Hydrozele kann traumatisch, entzündlich (Hoden, Nebenhoden) oder angeboren entstehen. Oft bleibt die Ursache unklar. Palpatorisch findet man eine prall-elastische Resistenz. Die Abgrenzung gegenüber einem Hodentumor gelingt mit einer Taschenlampe, deren Licht rötlich durch die Flüssigkeit des Skrotums hindurchscheint, während dies bei dem Gewebe eines soliden Tumors nicht möglich ist. Genauer besprochen wird die Hydrozele im Fach Urologie.
Parenchym
Das Parenchym im Inneren des Hodens wird durch von peripher in Richtung Nebenhoden ziehende Bindegewebssepten in etwa 250 pyramidenförmige Läppchen unterteilt. In diesen Läppchen befinden sich die SamenkanälchenSamenkanälchen (= Hodenkanälchen, Tubuli seminiferi, Abb. 5.2)Hodenkanälchen, die bei einem Durchmesser von 0,25 mm 40–80 cm lang werden. Sie sind stark gewunden und gefältelt und münden in gemeinsame Ausführungsgänge (Ductuli efferentes testis), die bereits zum Kopfbereich des Nebenhodens (Caput epididymidis) gehören (Abb. 5.3). Im Bindegewebe zwischen den Hodenkanälchen liegen, zu kleinen Zellgruppen zusammengefasst, die sog. Leydig-ZwischenzellenLeydig-Zwischenzellen (Abb. 5.2). Ihre Gesamtmasse beträgt etwa 10 % des Hodens. Hier findet die Testosteronsynthese statt.

Pathologie

Maldescensus testis

Hoden und Nebenhoden liegen, umgeben vom Hodensack (Skrotum), gewissermaßen außerhalb des Körpers. Ein Hoden, der in der Fetalzeit nicht in das Skrotum deszendiert ist und intraabdominell oder im Leistenkanal liegen bleibtLeistenhoden (Leistenhoden, Kryptorchismus, Maldescensus testis),KryptorchismusMaldescensus testis hat keine oder keine ausreichende Funktion, weil die Spermienbildung und -reifung niedrigerer Temperaturen bedarf (etwa 2 °C weniger als im Körperkern). Daneben ist er auch karzinomgefährdet. Vom Maldescensus betroffen sind immerhin 3 % aller neugeborenen Jungen, doch deszendiert der Hoden in den meisten Fällen doch noch in den ersten Lebensmonaten. Andernfalls wird eine, zumeist erfolgreiche Therapie mit GnRH versucht (oder operiert).
Blutversorgung
Die arterielle Versorgung von HodenHodenarterielle VersorgungNebenhodenarterielle Versorgung, Nebenhoden und ihren Hüllen erfolgt über die A. testicularis, die in Höhe L2 direkt aus der Aorta abgeht und durch den Leistenkanal zum Hoden zieht (Abb. 5.4). Die Venen bilden im Bereich des Samenstrangs den sog. Plexus pampiniformisPlexuspampiniformis (Abb. 5.4) und führen das Blut dann in die Vv. testiculares, wobei die rechte in spitzem Winkel in die V. cava inferior, die linke dagegen rechtwinklig in die V. renalis sinistra mündet. Der Abfluss des venösen Blutes aus der linken V. testicularis kann dadurch erschwert sein.

Pathologie

Varikozele

Erweiterungen des Plexus pampiniformis aufgrund insuffizienter Venenklappen werden als VarikozeleVarikozele bezeichnet (wegen des Abflusswiderstandes zumeist links), in deren Folge eine Infertilität möglich ist.
Auch im Hoden existiert wie in der Nebenniere oder beim System Hypothalamus/Hypophyse eine Art portales Gefäßsystem, indem das in den Leydig-Zwischenzellen produzierte Testosteron zunächst in hoher Konzentration u.a. zu den Samenkanälchen gelangt. Die Konzentration im Plasma ist nach der Hormonentnahme in den Samenkanälchen deutlich geringer.
Samenstrang
Der gut 50 cm lange und 3 mm Samenstrangdicke SamenleiterSamenleiter (Ductus deferens) verbindet den Nebenhoden Ductusdeferensmit der Harn-Samen-Röhre. Er besitzt eine kräftige muskuläre Wand und verläuft gemeinsam mit Nerven (vor allem vegetativen), Lymph- und Blutgefäßen (A. und V. testicularis) im Samenstrang (Funiculus spermaticus) durch den Leistenkanal (Abb. 5.5). An seinem Ende vereinigt sich der Ductus deferens mit dem Ausführungsgang der Samenblase zum Ductus ejaculatoriusDuctusejaculatorius, der beiderseits durch die Prostata führt und zuletzt in die Harn-Samen-Röhre mündet. Von den Samenbläschen (Vesicula seminalis) und der Prostata werden dem Ejakulat Sekrete zugemischt.
Der Samenstrang (Funiculus spermaticusFuniculus spermaticus) enthält sämtliche Strukturen, die in Hoden und Nebenhoden Funktionen übernehmen. Er liegt im Leistenkanal und verbindet die Bauchhöhle mit dem Skrotum und seinem Inhalt. Seine Wand besteht aus Fasern des M. cremasterMusculus cremaster, einer Abspaltung bzw. Fortsetzung kaudaler Anteile der Bauchmuskulatur (überwiegend M. obliquus internus abdominis). Die Muskelfasern setzen sich in die Wand von Skrotum und Septum fort und verstärken diese Strukturen. Da die hauptsächliche Verlaufsrichtung des Muskels dem Leistenkanal entspricht, ziehen seine Fasern bei ihrer Kontraktion Skrotum samt Inhalt in seine Richtung. Dies diente wohl evolutionär dem Schutz des Hodens. Beim Menschen ging diese Funktion verloren, kann jedoch in der Form des CremasterreflexesCremasterreflex, Kremasterreflexeinem Fremdreflex (Fach Neurologie), der Überprüfung der nervalen Leitung aus den Segmenten L2/L3 dienen: Ein leichtes Bestreichen der Haut des medialen Oberschenkels führt im physiologischen Fall zu einem minimalen Hochziehen des gleichseitigen Hodens.
Prostata
ProstataDie „kastaniengroße“, mit 4 × 3 × 2 cm und 20 g Gewicht etwa einem Hoden entsprechende ProstataProstata (Vorsteherdrüse) Vorsteherdrüsebesteht aus zwei Lappen, die über einen Isthmus verbunden sind. Sie liegt, in Nachbarschaft zu den Samenbläschen, der Harnblase unten an und umschließt den Anfangsteil der Harn-Samen-Röhre, in die hier auch die beiden Ductus ejaculatoriiDuctusejaculatorius münden (Abb. 5.6).

Physiologie

Spermien
Produktion
SpermienSpermienSpermien SpermienProduktionwerden HodenPhysiologieim Hoden produziert. Die Hodenkanälchen (Abb. 5.7) enthalten in ihrer Wand zwei unterschiedliche Zelltypen, zum einen die Sertoli-Zellen, zum anderen die Vorläuferzellen der Samenzellen (Spermatogonien). Sertoli-ZellenSertoli-Zellen haben eine stabilisierende Funktion, stimulieren und regulieren aber auch die Produktion der Spermien. Für diesen Zweck enthalten sie Rezeptoren für TestosteronTestosteronRezeptoren und für das FSH FSH (follikelstimulierendes Hormon)Sertoli-Zellender Hypophyse, auf die sie durch ein eigenes Hormon (Inhibin) rückwirken können (s.u.). InhibinSpermatogonienSpermatogonien entwickeln sich durch Teilung und Reifung über Spermatozyten zu Spermatiden, die bereits unreife Spermien darstellen:
Aus den Spermatogonien entstehen zunächst durch Teilung zwei Tochterzellen, von denen die eine in der Wand des Kanälchens verbleibt, während die zweite Tochterzelle sich nach mehrmaliger Teilung zum SpermatozytenSpermatozyten entwickelt. Aus den primären entstehen die sekundären Spermatozyten und aus diesen dann schließlich die SpermatidenSpermatiden, die nun nur noch einen haploiden (einfachen) Chromosomensatz aufweisen.
Bildung und Reifung der Spermien dauert etwa 2 Monate. Täglich werden im Hoden ungefähr 200 Millionen Spermien neu gebildet. Die unreifen und noch nicht befruchtungsfähigen Spermien (Spermatiden) werden in den NebenhodenNebenhodenSpermienspeicherung übernommen und dort gespeichert. Während ihrer ungefähr 12 Tage dauernden Wanderung durch den Nebenhoden reifen sie unter dem Einfluss von Testosteron aus. Während die Spermien also im Hoden produziert werden, dient der Nebenhoden ihrer Ausreifung zur Befruchtungsfähigkeit.
Spermien Spermiensind ungefähr 60 µm lang und besitzen einen außerordentlich komplexen Aufbau. Die durch den kontraktilen Schwanzteil erreichbare Geschwindigkeit im Genitale der Frau liegt bei 35 µm/s.
Speicherung und Ejakulation
Im SamenleiterSamenleiter (Ductus deferens)Ductusdeferens Ejakulation, SpermienSpermienSpeicherungSpermienEjakulationwerden die Spermien bis zur nächsten Ejakulation gespeichert. Bei der Ejakulation kommt es in den muskulären Wänden des Samenleiters, aber auch in Nebenhoden. Prostata und Samenbläschen zu Kontraktionen, sodass die Spermien letztlich in die Harn-Samen-Röhre gelangen. Die Samenflüssigkeit wird dabei ergänzt durch die nahezu neutrale Flüssigkeit der Prostata, die u.a. Citrat, Zink und Magnesium enthält, und das schwach alkalische Sekret der Samenbläschen (pH 7,3), dessen Fruktosegehalt der weiteren Ernährung der Spermien dient.
Ein normales EjakulatEjakulat enthält zwischen 20 und 100 Millionen Spermien pro Milliliter (durchschnittlich 50–60 Mio.), von denen der weit überwiegende Teil, zumindest aber > 50 %, beweglich ist. Etwa zwei Drittel der Gesamtmenge von rund 3–5 ml entstammen den Bläschendrüsen, der Hauptanteil des verbleibenden Drittels der Prostata. 3–5 % Anteil entfallen auf die Spermien.

Pathologie

Unterhalb einer Grenze von etwa 20 Millionen Spermien/ml nimmt die BefruchtungsfähigkeitSpermienBefruchtungsfähigkeit rapide ab, obwohl ja zur Zeugung eines Kindes ein einziges Spermium ausreichen würde. Der Zusammenhang ist unklar, doch könnte man sich vorstellen, dass da, wo die Anzahl der Spermien pathologisch vermindert ist, Faktoren vorhanden sind, welche auch die verbliebenen beeinträchtigen.

Testosteron
Bedeutung
TestosteronTestosteron (Abb. 5.8) gehört, entsprechend sämtlicher Sexualhormone beider Geschlechter, zu den Steroidhormonen. Es wird vom männlichen Feten bereits zwischen der 10. und 16. Schwangerschaftswoche produziert, gemeinsam mit dem sog. Anti-Müller-HormonAnti-Müller-Hormon (AMH) (AMH) AMH (Anti-Müller-Hormon)aus den Sertoli-Zellen. Der bei allen Embryonen angelegte Müller-Gang entwickelt sich später zum weiblichen Genitale, sofern er nicht durch Testosteron und AMH zurückgebildet wird. In diesem Fall entsteht ein männliches Genitale bzw., bei verminderter Produktion, eine Intersexualität.
Während der gesamten Kindheit ist der Hoden weitgehend inaktiv, um dann zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr mit wiedererwachender Testosteronproduktion die Pubertät einzuleiten, die etwa im Alter von 18 Jahren abgeschlossen ist.
Im Gegensatz zu den Gegebenheiten bei der Frau ist der Hoden auch im hohen Alter noch aktiv, auch wenn seine Funktion etwa ab dem 50. Lebensjahr nachlässt. Es findet also beim Mann zeitlebens sowohl eine Produktion von Testosteron als auch eine Produktion von Spermatozoen statt. Die Funktionsminderung im Alter kann allerdings zu vor allem psychischen Problemen führen („männliches Klimakterium“).
Regulation der Hormonsekretion
Die Leydig-Zellen produzieren täglich etwa 6–8 mg Testosteron. Stimuliert werden sie hierzu vom luteinisierenden Hormonluteinisierendes Hormon (LH)Leydig-Zellen (LH) der Hypophyse. Dieses wiederum wird in seiner Sekretion kontrolliert vom Gonadotropin-Releasing-HormonGonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) (GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon)GnRH) des Hypothalamus (Abb. 5.9). Das gebildete Testosteron kontrolliert über einen negativen Rückkopplungskreis die Sekretion von GnRH im Hypothalamus und dadurch gleichzeitig auch die Höhe des LH-Serumspiegels. Neben Testosteron werden von den Leydig-Zellen weitere Hormone wie Estradiol (!) in allerdings sehr geringen Mengen produziert. Diese geringe gegengeschlechtliche Hormonproduktion gilt auch für die Ovarien der Frau.
Das follikelstimulierende HormonFSH (follikelstimulierendes Hormon)follikelstimulierendes Hormon s. FSH (FSH) der Hypophyse untersteht der Kontrolle des hypothalamischen GnRH. Während LH überwiegend auf die Leydig-Zellen wirkt, untersteht die Spermienbildung der Stimulation durch FSH, das überwiegend über eine Proteinbildung in den Sertoli-Zellen seine Wirkung entfacht, unterstützt durch Testosteron (Abb. 5.9).
GnRH wird pulsatil mit einem Rhythmus von 2–3 h und einem Maximum am Morgen sezerniert. Entsprechend, und analog zum Cortisol, ist auch der Testosteron-Serumspiegel morgens am höchsten.
Das InhibinInhibinSertoli-Zellen der Sertoli-ZellenSertoli-ZellenInhibin ist in den Regelkreis eingeschaltet, indem es direkt an der Hypophyse, also ohne „Umweg“ über den Hypothalamus, die FSH-Produktion unterdrückt. Dadurch wird eine Feinabstimmung zwischen der Produktion von Spermien und Testosteron möglich, passend zu den individuellen Bedürfnissen des Mannes: Das mit dem Testosteron-Serumspiegel rückgekoppelte GnRH sorgt durch Stimulation der hypophysären Gonadotropin-Sekretion für einen physiologischen Hormonspiegel. Wird parallel zu diesem angemessenen Hormonspiegel eine lediglich geringe Spermienproduktion benötigt, ist dies über den Regelkreis FSH/Inhibin problemlos möglich. GnRH wird in diesen Fällen übliche LH-Serumspiegel erzeugen und in seiner Wirkung auf die FSH-Sekretion aus der Hypophyse eingeschränkt.
Hormonwirkungen
Die Zielorgane des männlichen Geschlechtshormons sind nicht nur die Genitalien, sondern auch Muskulatur, Knochen und weitere Organe:
  • TestosteronTestosteronWirkungen stimuliert Differenzierung und Wachstum von Penis, Hoden, Nebenhoden, Samenbläschen und Prostata. Es ist verantwortlich für den männlichen Körperbau und Behaarungstyp. Es stimuliert also pauschal alle primären und sekundären männlichen Geschlechtsmerkmale.

  • An Knochen und Knochenmark stimuliert es sowohl Aufbau und Mineralisation als auch die Bildung der Erythrozyten. Männer haben daher sowohl einen höheren Hämatokrit als auch „festere“, v.a. dickere Knochen, die weniger frakturgefährdet sind und im Alter oder bei Immobilität größere Reserven bieten. An der Skelettmuskulatur werden Wachstum und Umfang stimuliert. Junge Männer weisen in aller Regel auch dann eine kräftige Skelettmuskulatur auf, wenn sie körperlich eher träge agieren. Das gesamte Körperwachstum wird in der Pubertät vermehrt gefördert, gleichzeitig allerdings auch durch die hohen Serumspiegel gegen Ende der Pubertät der Schluss der Wachstumsfugen eingeleitet. Der Kehlkopf wächst verstärkt (Stimmbruch). An der Haut stimuliert es neben den Fibrozyten der Lederhaut auch die Entwicklung von Terminalhaaren und Talgdrüsen einschließlich deren Produktion.

  • Insgesamt hat das männliche Sexualhormon eine anabole Wirkung, Testosteronanabole Wirkungweshalb es auch (verbotenerweise) zur anhaltenden Leistungssteigerung im Sport eingesetzt wird.

Testosteron wird im Serum überwiegend an Plasmaproteine gebunden. In den Zellen der Zielorgane wird es entweder durch eine 5α-Reduktase5α-Reduktase;Reduktase zu DihydrotestosteronDihydrotestosteron (DHT) (DHT) umgewandelt, das als eigentliche Wirkform anzusehen ist und die virilisierenden und anabolen Effekte vermittelt. Oder es wird in weiteren Geweben zu Östrogenen umgebaut, die im männlichen Organismus teils androgene, teilweise aber auch gegensätzliche Effekte vermitteln. Die physiologische Testosteron-Gesamtwirkung entspricht damit eher der Summe der Einzelwirkungen von Testosteron selbst sowie seinen Umwandlungsprodukten.
Abgebaut werden Testosteron und seine wirksamen Metaboliten überwiegend in der Leber. Dies gilt auch für die Androgene der NNR. Aus diesem Grunde entstehen bei Patientinnen mit einer Leberzirrhose virilisierende Effekte wie Amenorrhö und Hirsutismus.

Pathologie

Mangelbildung an Testosteron

Die Pathologie des TestosteronMangelHodens wird im Fach Urologie besprochen. Zusammengefasst ergeben sich bei angeborener Mangelbildung an Testosteron die folgenden Symptome:
Penis, Hoden und Skrotum bleiben klein. Prostata und Samenbläschen entwickeln sich nicht oder nur rudimentär. Achsel- und Barthaare fehlen. Die Schambehaarung ist weiblich. Es kommt in der Pubertät nicht zum Stimmbruch. Die Wachstumsfugen schließen verspätet – mit der Folge verstärkten Wachstums und, in Relation zum Stamm, besonders langen Beinen. Die Knochen sind frakturgefährdet, die Muskulatur unterentwickelt. Schulter- und Beckenbreite sind den weiblichen Proportionen angenähert. Die Haut ist verdünnt und geringer pigmentiert. Zumeist besteht auch eine mäßige Verminderung der intellektuellen Leistungsfähigkeit.

Zusammenfassung

Testosteron

Charakteristika

  • männliches Sexualhormon

  • Steroidhormon

  • wird von den Leydig-Zellen im Hoden gebildet und in der Leber abgebaut

  • ist im Serum an Plasmaproteine gebunden

Wesentliche Wirkungen

  • stimuliert alle primären und sekundären männlichen Geschlechtsorgane

  • anabole Wirkung (Knochenaufbau und -mineralisation, Muskelwachstum und -umfang, Haut)

Ovar (Eierstock)

Wie die Hoden haben auch die OvarienEierstockOvarienendokrine Sekretion zwei unterschiedliche Funktionen: die Bildung von befruchtungsfähigen Eizellen (= generative Funktion) und die Bildung und Sekretion der weiblichen Sexualhormone (Östrogene und Gestagene). Die weiblichen Genitalorgane mit ihren Funktionen einschließlich der Schwangerschaft werden im Fach Gynäkologie besprochen. Im Rahmen der Endokrinologie interessieren lediglich die Eierstöcke, ihre Hormonproduktion sowie deren Auswirkungen auf Genitale und Gesamtorganismus.

Anatomie

Die längsovalen EierstöckeOvarienAnatomie liegen beiderseits der Gebärmutter (Uterus) im kleinen Becken. Sie messen etwa 3–4 cm (knapp „pflaumengroß“), wiegen jeweils bis zu 8 g und sind wie die Hoden von einer dicken bindegewebigen Hülle (Tunica albuginea) umgeben (Abb. 5.10). Tunica albugineaOvarienAm Hilus des Organs treten Nerven, Blut- und Lymphgefäße ein und aus. Die Ovarien liegen intraperitoneal, hängen also beweglich in einer Duplikatur des Bauchfells (Meso) zwischen Gebärmutter und seitlicher Beckenwand. Befestigt sind sie über Ligamente sowohl am Fundus des Uterus als auch an der Beckenwand.
Im Inneren des Ovars unterscheidet man die sehr breite Rindenzone vom hilusnah gelegenen Mark. Die Rindenzone besteht aus bindegewebigem Stroma und enthält sowohl „unverbrauchte“ als auch narbig umgewandelte, „verbrauchte“ Ei-Follikel. Daneben liegen die sog. Theka-ZellenTheka-Zellen im Stroma, in etwa vergleichbar mit den Leydig-Zwischenzellen des Hodens, in denen nach Integration in den Follikel (s.u.) die Östrogene produziert werden.
Ein FollikelFollikelOvarien besteht aus einer einzelnen EizelleEizellen und einer umhüllenden, einreihigen, flachen Schicht von Epithelzellen, den sog. GranulosazellenGranulosazellen. Die Einheit aus zentraler Eizelle und umhüllenden Granulosazellen stellt den PrimordialfollikelPrimordialfollikel dar, von denen in jedem Ovar (zur Zeit der Pubertät) etwa 200.000 vorhanden sind. Der Durchmesser der Primordialfollikel liegt bei 25 µm. Während der Reifung eines Follikels entsteht zusätzlich aus den Zellen des umgebenden Bindegewebes eine in den Follikel integrierte Umhüllung, die Theca folliculiThecafolliculi, deren innerer Anteil (Theca interna) für die Östrogenproduktion des Ovars zuständig ist.

Exkurs

Ei-Follikel

Die maximale Anzahl der Follikel ist beim weiblichen Feten mit ungefähr 7 Millionen im 6. Schwangerschaftsmonat erreicht. Danach findet eine stetige Rückbildung statt, sodass zum Zeitpunkt der Geburt noch etwa 1 Million und mit Beginn der Pubertät „nur noch“ 400.000 vorhanden sind. Wenn man von einem 28-tägigen Menstruationszyklus der geschlechtsreifen Frau und einer etwa 30-jährigen Befruchtungsfähigkeit ausgeht, werden im Verlauf eines Lebens maximal 400 dieser 400.000 Ei-Follikel benötigt. Weil aber während eines jeden 28-Tage-Zyklus üblicherweise mehrere bis zahlreiche Follikel in beiden Ovarien reifen, die dann bis auf einen wieder zugrunde gehen, und weil sich zusätzlich weitere Primordialfollikel zurückbilden, sind zum Zeitpunkt der Menopause mit etwa 48–52 Jahren alle angelegten Follikel aufgebraucht. Ab diesem Zeitpunkt sind weder eine Befruchtung noch zyklische Monatsblutungen möglich.

Physiologie

Reifung der Eizelle
Während der ReifungEizellenReifung einerOvarienPhysiologie Eizelle zur Befruchtungsfähigkeit entstehen nacheinander aus dem PrimordialfollikelPrimordialfollikel der PrimärfollikelPrimärfollikel (50 µm), der Sekundär-Sekundärfollikel (200 µm) und TertiärfollikelTertiärfollikel (500 µm) bis hin zum sprungreifen, präovulatorischen sog. Graaf-FollikelGraaf-Follikel, der bis zu 2 cm im Durchmesser erreichen kann (Abb. 5.11). Diese Stadien sind sowohl mit einer Reifung der zentralen Eizelle als auch mit der Entwicklung der Epithelzellen sowie der Theca folliculi verbunden. Beispielsweise wird aus dem einschichtigen Epithel des Primärfollikels das mehrschichtige Epithel des Sekundärfollikels.
Die Theka Thekadifferenziert sich im Tertiärfollikel in eine zellreiche Theca internaThecainternaThecaexterna, welche gemeinsam mit den Granulosazellen Östrogene produziert, und in eine faserreiche Theca externa, welche die Blutgefäße führt und in das umgebende Bindegewebe übergeht.
Das wichtigste Östrogen ist das EstradiolEstradiol (früher: ÖstradiolÖstradiol). Daneben entstehen noch Estriol und Estron. Die Östrogene gehören wie die Androgene oder die weiteren Hormone der NNR zu den SteroidhormonenSteroidhormone mit dem Grundgerüst des Sterans (Abb. 1.4) und sind auf den ersten Blick kaum voneinander oder vom Testosteron (Abb. 5.8) oder den Hormonen der NNR zu unterscheiden (Abb. 3.5, Abb. 3.7).
Ovulation
Aus demOvulation sprungreifen TertiärfollikelTertiärfollikelsprungreifer, dem Graaf-FollikelGraaf-Follikel, der zwischen den Follikelepithelzellen einen zystischen, flüssigkeitsgefüllten Hohlraum gebildet hat, erfolgt etwa am 14. Zyklustag der Eisprung (Ovulation). Dies bedeutet, dass die Wand des Follikels rupturiert und die Eizelle mitsamt einer umhüllenden Schicht aus Granulosazellen in den Eileiter (Tube) hinausgeschleudert wird (Abb. 5.12). Dabei legt sich die Tube mit ihrer trichterförmigen Öffnung, chemotaktisch angelockt, exakt über den Graaf-Follikel. Selbst das Ovar ist an diesem Vorgang beteiligt, indem es den Follikel durch eine Rotation um die Längsachse in die geeignete Position bringt.
Der zurückbleibende Rest des Follikels faltet sich zusammen und formt sich zum sog. GelbkörperGelbkörper (Corpus luteum) Corpusluteumum. Die Theka-Zellen des Gelbkörpers produzieren ab diesem Zeitpunkt (genau genommen bereits einige Stunden vor der Ovulation) für die folgenden 2 Wochen zusätzlich zu den Östrogenen das GelbkörperhormonGelbkörperhormon ProgesteronProgesteron (Abb. 5.13). Wird die im Eileiter zur Gebärmutter wandernde Eizelle in dieser Zeit nicht befruchtet, bildet sich der Gelbkörper allmählich zurück und wandelt sich nach nunmehr insgesamt 28 Tagen (± 2 Tage) in eine bindegewebige Narbe um, das sog. Corpus albicansCorpusalbicans („weißer Körper“ = Narbe). Auch die Produktion des Progesterons ist damit bis auf eine sehr geringe Basalsekretion beendet, sofern es nicht zum Eintritt einer Schwangerschaft gekommen ist.
Das zweite weibliche Sexualhormon Progesteron wird also, da es überwiegend nur im Gelbkörper entsteht, nicht fortlaufend, sondern nahezu ausschließlich während der jeweils 2. Hälfte eines Menstruationszyklus (und in der Schwangerschaft) gebildet und ins Blut sezerniert!
Es sei hier noch angemerkt, dass aus dem Ovar neben den weiblichen auch eine geringe Menge männlicher Hormone (z.B. DHEA und Testosteron) ins Blut sezerniert werden.

Merke

Produktion der Östrogene (Follikelhormone)

  • hauptsächlich in den reifendenOvarienÖstrogeneÖstrogeneOvarien Follikeln, in der 2. Zyklushälfte im GelbkörperFollikelhormone

  • in sehr geringem Umfang auch in der Nebennierenrinde

Produktion des Progesterons (Gelbkörper- oder Schwangerschaftshormon)

  • im Gelbkörper der 2. ZyklushälfteGelbkörperhormon

  • in der Schwangerschaft auch in der Plazenta

Zyklische Veränderungen der Gebärmutter
Etwa alle 28 Tage reift in denGebärmutterschleimhautzyklische Veränderungen Ovarien der Frau eine einzelne Eizelle zur Befruchtungsfähigkeit heran, die dann in die Tube (Eileiter) ausgestoßen wird, um zur Gebärmutter zu wandern. Ermöglicht wird dies durch Flimmerhärchen und die Peristaltik der Tube. Während dieser „Wanderschaft“ kann die Eizelle befruchtet werden. Da die Gebärmutter in keinem der 28-tägigen ZyklenZyklus, weiblicher „wissen“ kann, ob das Ei nun befruchtet wird oder nicht, muss sie jedes Mal Vorkehrungen für den Fall einer eventuellen Schwangerschaft treffen. Dies bedeutet vor allem, dass die Schleimhaut sich einer solchen Situation in jedem Zyklus aufs Neue anzupassen hat.
Beide Hormone wirken an der GebärmutterschleimhautGebärmutterschleimhaut (Endometrium): Endometrium
  • Estradiol bewirkt in den ersten 14 Tagen, der FollikelphaseFollikelphase, Endometrium (auf das Ovar bezogen) bzw. ProliferationsphaseProliferationsphase, Endometrium (auf das Endometrium bezogen), überwiegend eine Dickenzunahme des Endometriums von 1–2 auf ca. 6 mm. Diese Proliferation der Schleimhaut ist mit einem Wachstum von Arterien und Endometriumdrüsen verbunden. Der Muttermund weitet sich; der Schleim im Zervikalkanal wird dünnflüssiger und damit für die Spermien zunehmend leichter passierbar.

  • In den folgenden 14 Tagen, der LutealphaseLutealphase, Endometrium (Ovar) bzw. SekretionsphaseSekretionsphase, Endometrium (Endometrium), erfolgt neben dem weiteren östrogenvermittelten Wachstum durch Progesteron eine Umwandlung der hypertrophierten Schleimhaut. Die Durchblutung wird weiter gesteigert und es kommt zur Sekretion eines glykogenhaltigen Schleims.

Der weibliche Zyklus (Abb. 5.14) beginnt mit dem 1. Tag der Menstruationsblutung. Die Proliferationsphase beginnt also definitionsgemäß mit diesem 1. Blutungstag und endet 2 Wochen später mit der Ovulation. Inmitten der Sekretionsphase, etwa am 20. Zyklustag, ist die Gebärmutterschleimhaut unter dem Einfluss des Progesterons auf die Einnistung einer befruchteten Eizelle vorbereitet.
Diese Bereitschaft des Endometriums bleibt so lange erhalten, wie die Serumspiegel an Estradiol und Progesteron ausreichend hoch sind. Fallen sie als Folge der degenerativen Rückbildung des Gelbkörpers ab, kommt es zu einer Minderdurchblutung durch Konstriktion der Schleimhautgefäße: Die Schleimhaut geht zugrunde und ihr Hauptanteil wird abgestoßen. Es kommt zur Menstruation und damit zum Beginn des nächsten Zyklus.
Die in der Gebärmutter während des 28-tägigen Zyklus aufgebaute und für eine Schwangerschaft vorbereitete Schleimhaut kann also wegen des Versiegens der Hormonproduktion im Gelbkörper nicht mehr stabil gehalten werden und stößt sich ab; es kommt für 3–5 Tage zur HormonentzugsblutungHormonentzugsblutung (Menstruation). MenstruationBereits 2 Tage vor diesem neuen Zyklus beginnen allerdings schon wieder die nächsten Primordialfollikel zu reifen.
Regulation der Hormonsekretion
Die Hormone des Ovars unterstehen analog zur Situation beim Hoden der Kontrolle und Stimulation durch die Gonadotropine (= auf die Gonaden wirkende Hormone), also der hypophysären Hormone FSHFSH (follikelstimulierendes Hormon)Ovarien und LH, die ihrerseits wiederum durch das Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH)GnRHGnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon) des luteinisierendes Hormon (LH)OvarienHypothalamus zur Sekretion gebracht werden.
LH und FSH während eines Zyklus
Während das FSH am Hoden ununterbrochen die Spermiogenese der Hodenkanälchen, und LH ebenfalls „rund um die Uhr“ die Testosteronproduktion der Leydig-Zellen stimuliert, sind ihre Wirkungen im Ovar zeitlich abgestuft. Die Hormonproduktion der Ovarien ist auf LH und FSH sowie auf das GnRH des Hypothalamus abgestimmt und mit diesen rückgekoppelt:
  • FSH (follikelstimulierendes Hormon!) FSH (follikelstimulierendes Hormon)bedingt am Beginn eines Zyklus die Reifung verschiedener Primordialfollikel zu Primär- und Sekundärfollikeln, von denen etwa am 7. Zyklustag ein einziger herausgebildet ist, der sich in der Folge weiterentwickelt, während die übrigen atrophieren. Der übrig gebliebene, sog. dominante Follikel, beginnt nun verstärkt Östrogene ÖstrogeneFollikel, dominanterzu produzieren, wodurch im Zuge der negativen Rückkopplung der FSH-Serumspiegel abfällt.

  • Das LH der Hypophyse ist, im Gegensatz zum FSH, mit dem Estradiol positiv rückgekoppelt, sodass sein Serumspiegel parallel zur zunehmenden Östrogensekretion aus dem dominanten Follikel zunimmt. Kurz vor der Zyklusmitte erreicht die Östrogensekretion aus dem entstandenen Tertiärfollikel ein Maximum, und nachfolgend hiermit auch der LH-Serumspiegel.

Sowohl Estradiol als vor allem auch das LH (luteinisierendes Hormon!) luteinisierendes Hormon (LH)induzieren LH s. luteinisierendes Hormonnun die Luteinisierung des Graaf-FollikelsGraaf-FollikelLuteinisierung und Umwandlung in das Corpus luteum, wodurch bereits kurz vor der Ovulation die Progesteron-Synthese beginnt. Das zunächst lokal im Graaf-Follikel freigesetzte ProgesteronProgesteron führt zur Aktivierung von proteolytischen Enzymen, die nun ihrerseits die Wand des Follikels andauen und damit die Ovulation erzwingen: Die Eizelle wird einschließlich der umgebenden Granulosazellen in die Tube ausgeschieden.
Der Gelbkörper produziert neben EstradiolEstradiol zunehmende Mengen Progesteron, um sich etwa ab dem 22. Zyklustag kontinuierlich zurückzubilden, sofern es nicht zur Befruchtung gekommen ist. Wenn gegen Zyklusende die sezernierten Mengen an Estradiol und Progesteron nicht mehr ausreichen, die hypertrophierte Uterusschleimhaut stabil zu halten, kommt es zur Blutung. Schon einige Tage zuvor führte die allmähliche Abnahme der Östrogenspiegel zu einem Anstieg des FSH, dessen Wirkung auf die Primordialfollikel den Beginn des neuen Zyklus ermöglicht.
Rückkopplungen
Während ÖstrogeneÖstrogeneRückkopplungen die Sekretion von FSH direkt an der Hypophyse unterdrücken, erfolgt die entsprechende negative Rückkopplung durch ProgesteronProgesteronRückkopplungen vor allem am Hypothalamus, was zur Unterdrückung der GnRH-Sekretion führt. In deren Folge kommt es zum Abfall von FSH und LH. Erst im Zuge der allmählichen Rückbildung des Corpus luteum mit Verminderung der Hormonsynthese können die GnRH-Produktion und damit die Serumspiegel von FSH und LH erneut ansteigen, sodass es zur erneuten Hormonsekretion aus dem Ovar kommt.
Periphere Hormonwirkungen
Östrogene
  • Östrogene (Abb. 1.4) ÖstrogeneWIrkungenstimulieren die Zellen des Bindegewebes z.B. an der Haut, erhöhen die Zahl der Kollagenfasern wie auch insgesamt den Wassergehalt des Interstitiums. Bei ihrem Mangel entsteht so eine verdünnte und trockene Lederhaut. Die Gesamtdicke der Haut nimmt ab. Auch Androgene stimulieren die Fibrozyten zur vermehrten Bildung von Kollagen und Grundsubstanz, darüber hinaus aber auch Haarfollikel und Talgdrüsen. Durch ihr relatives Überwiegen bei Östrogenmangel in der Menopause kommt es im Alter zur verstärkten Behaarung (Hirsutismus) – und in der Pubertät zur Akne.

  • An den Schleimhäuten von Scheide, Harnröhre und Harnblase entsprechen die Östrogenwirkungen denen an der Haut. Primäre und sekundäre (Mammae) weibliche Geschlechtsorgane werden zum Wachstum angeregt. Ein Mangel führt zur Trockenheit der Schleimhäute und Atrophie der Sexualorgane.

  • Östrogene stimulieren den Knochenstoffwechsel. Ein Mangel führt in jedem Lebensalter zur Osteoporose.

  • Die Blutgefäße erhalten, u.a. durch eine Verbesserung des LDL/HDL-Quotienten, einen Schutz, der das Risiko für eine Arteriosklerose mit ihren Folgen koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt und Schlaganfall vermindert. Die gleichzeitig erfolgende, minimale Erhöhung der Triglyceride des Serums hat keine erwähnenswerten negativen Auswirkungen. Lang anhaltende Mangelzustände an Östrogenen gleichen das weibliche Risiko für die Entstehung der Arteriosklerose demjenigen der Männer an.

  • Östrogene haben einen stimulierenden Einfluss auf die Psyche. Ein Mangel führt zu Antriebslosigkeit, Reizbarkeit und Aggressionen, Stimmungsschwankungen und Depressionen.

Die häufigen HitzewallungenHitzewallungen nach der Menopause sind nicht nur auf den Östrogenmangel, sondern auch auf Veränderungen zerebraler Zentren und die hohen LH-Serumspiegel zurückzuführen.
Progesteron
  • ProgesteronProgesteronWirkungen induziert den Umbau der Gebärmutterschleimhaut in der 2. Zyklushälfte zur Vorbereitung auf eine mögliche Schwangerschaft. Die Aktivität der Uterusmuskulatur wird gehemmt. Diese Hemmwirkung gilt auch für die glatte Muskulatur des Magen-Darm-Trakts: Sehr viel häufiger als beim Mann kommt es zur Obstipation. Die geringere Abdichtung der Speiseröhre infolge Insuffizienz des unteren Ösophagussphinkters führt in der Schwangerschaft mit ihren hohen Progesteronspiegeln (Fach Gynäkologie) und im Verein mit der mechanischen Komponente der wachsenden Gebärmutter zum Reflux von Magensaft (Fach Verdauungssystem). Die verminderte Kontraktionsfähigkeit der Gallenblase mit längerer Verweildauer der Gallenflüssigkeit begünstigt das Entstehen von Gallesteinen.

  • An der Niere wirkt Progesteron dem Aldosteron entgegen; über eine vermehrte Natriumausscheidung wird gleichzeitig Flüssigkeit ausgeschwemmt. Es hemmt also auch die durch Östrogene verursachte Wasseranreicherung im Interstitium.

  • Durch Anheben des Sollwertes im Temperaturzentrum des Hypothalamus erhöht es die Körperkerntemperatur um etwa 0,5 °C, wodurch bei täglicher Messung der Rektaltemperatur ein sicherer Hinweis auf eine erfolgte Ovulation gegeben ist, weil das Gelbkörperhormon Progesteron eben nur vom Gelbkörper in ausreichender Menge produziert wird. Wo aber ein Gelbkörper entstanden ist, muss zuvor eine Ovulation stattgefunden haben (Abb. 5.15). Dies bedeutet gleichzeitig, dass es exakt zu diesem Zeitpunkt in dem aktuellen Zyklus nicht mehr zur Schwangerschaft kommen kann.

  • Inzwischen wurde gefunden, dass das Hormon die zerebrale Leistungsfähigkeit deutlich zu steigern vermag. Daraus könnte man ableiten, dass vorübergehende Aufgaben, die diesbezüglich ganz besondere Anforderungen stellen wie z.B. Prüfungen, nach Möglichkeit in die 2. Zyklushälfte gelegt werden sollten.

Pubertät
Die GnRH-, FSH- und LH-Sekretion Pubertätaus den zerebralen Drüsen beginnt, aus einer niedrigen Basalsekretion heraus, zum Zeitpunkt der Pubertät. Die anfangs noch nach einem Tag-Nacht-Rhythmus erfolgende Sekretion führt im Alter von durchschnittlich 12 Jahren zur ersten Menstruation, der MenarcheMenarche. Die ersten Zyklen verlaufen zumeist ohne Ovulation und zeitlich unregelmäßig, bis die Sekretion der Hypophysenhormone schließlich in den stabilen, pulsatilen Rhythmus übergeht und regelmäßige Zyklen und Ovulationen im 28-Tage-Rhythmus entstehen.
Ausgelöst wird die Menarche offensichtlich in Abhängigkeit von einem Körpergewicht von ca. 48 kg. Die Menarche tritt also bei adipösen Mädchen zeitlich früher ein als bei normalgewichtigen, und bei besonders zarten eben später.
Etwa 2 Jahre vor der Menarche kommt es im Alter von 10–11 Jahren als erstem Anzeichen der Pubertät und gleichzeitig erstem sekundärem Geschlechtsmerkmal zu einem Wachstum der Brust (Thelarche). ThelarcheEtwas später beginnt das Wachstum der Schambehaarung (Pubarche) Pubarcheund schließlich der Achselbehaarung. Scham- und Achselbehaarung wachsen zunächst unter dem Einfluss der Androgene aus Ovar und NNR – zum Weiblichen modifiziert durch die nachfolgenden Östrogene der stimulierten Follikel.
Menopause
Definitionen
In Deutschland Menopausekommt es durchschnittlich im Alter von 51 Jahren (bei Raucherinnen etwas früher) zur letzten, durch die Hormone der Ovarien gesteuerten Menstruation, die als Menopause bezeichnet wird. Sporadische Blutungen nach diesem Termin werden nicht mehr „bewertet“. Da man zum Zeitpunkt einer Blutung nicht wissen kann, ob es sich um die letzte reguläre Monatsblutung handelt, wird die Menopause retrospektiv, definitionsgemäß 1 Jahr nach der letzten zeitgerechten Blutung zugeordnet.
Der Menopause geht eine unterschiedlich lange Phase voraus, in der die Zyklen bereits unregelmäßig sind. Dieser Zeitraum wird, gemeinsam mit dem Jahr nach der Menopause, als PerimenopausePerimenopause bezeichnet (Abb. 5.16). Die Perimenopause entspricht den sog. WechseljahrenWechseljahre, dem KlimakteriumKlimakterium. Die Zeitspanne vor der Menopause, in der die Zyklen bereits unregelmäßig stattfinden, wird häufig PrämenopausePrämenopause genannt.
Im Anschluss an die Perimenopause, also 1 Jahr nach der Menopause beginnt die PostmenopausePostmenopause. Sie endet etwa mit dem 65.–70. Lebensjahr am Übergang ins SeniumSenium, dem eigentlichen „Alter“.
Hormonsituation
Die PrimordialfollikelPrimordialfollikelMenopause sind zum Zeitpunkt der Menopause nahezu vollständig aufgebraucht. Im Gefolge der nun niedrigen Spiegel der weiblichen Sexualhormone sind die Spiegel der Hypophysenhormone FSH und LH erhöht. Die PostmenopausePostmenopauseFSH-/LH-Spiegel ist dementsprechend an hohen FSH-/LH-Spiegeln ablesbar. Dies kann große Bedeutung insofern besitzen, als Frauen in der Prämenopause etwa genauso oft ungewollt schwanger werden wie junge Mädchen. Die Serumspiegel der Gonadotropine bieten von daher einen guten Hinweis darauf, ob noch kontrazeptive Maßnahmen benötigt werden.
Nach der Menopause sinkt die Hormonproduktion in den Ovarien nahezu auf null. Lediglich geringe Mengen an Testosteron werden weiterhin gebildet. Allerdings entstehen vor allem im Fettgewebe und unabhängig von Alter und Geschlecht ebenfalls gewisse Mengen an ÖstrogenenÖstrogeneFettgewebeFettgewebeÖstrogene, vorwiegend als Estron, sodass die Produktion auch nach der MenopauseEstron, Menopause nie vollständig versiegt. Bei sehr adipösen Frauen können sogar Hormonspiegel erreicht werden, die sich kaum von üblichen Spiegeln vor der Menopause unterscheiden. Dies ist gleichzeitig neben der zusätzlichen Fetteinlagerung die wesentliche Ursache dafür, dass es bei adipösen Männern zur GynäkomastieGynäkomastieadipöse Männer kommt.
Klimakterische Beschwerden
Die häufigsten und wichtigsten Beschwerdenklimakterische Beschwerden in KlimakteriumKlimakterium und PostmenopausePostmenopauseBeschwerden bestehen aus
  • Hitzewallungen und Schweißausbrüchen

  • einer zunehmenden Atrophie der Genitalorgane und Mammae

  • psychischen Störungen (Reizbarkeit, Leistungsabfall, Schlafstörungen)

  • der Ausbildung einer Osteoporose

Alle diese Symptome können im Einzelfall sehr mild und vorübergehend, aber auch äußerst heftig und über viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte andauern.
Die eigentliche Ursache der HitzewallungenHitzewallungenKlimakterium ist immer noch nicht geklärt. Man vermutet einen Zusammenhang sowohl mit dem ÖstrogeneKlimakteriumÖstrogenabfall als auch mit den erhöhten LH-Spiegeln, die vor allem dann besonders hoch nachweisbar werden, wenn die Hitzewallung erscheint.
Die Atrophie von Genitalien und Mammae hat als wesentliche Ursache den Östrogenmangel. Aus demselben Grund kommt es zur Trockenheit und Atrophie der Scheidenschleimhaut. Auch die Harnwege sowie die Oberhaut sind davon betroffen.
Die OsteoporoseOsteoporoseÖstrogenmangel ist ebenfalls auf den Östrogenmangel zurückzuführen, doch addiert sich hierzu auch die zunehmende körperliche Inaktivität des Alters, verbunden mit Mangelerscheinungen hinsichtlich Calcium und Vitamin D durch mangelnde Sonnenbestrahlung. Da gealterte Haut ohnehin nicht mehr zu einer ausreichenden Vitamin-D-Synthese in der Lage ist, sollte spätestens ab der Menopause an eine Substitution gedacht werden, noch bevor die Osteoporose manifest geworden ist. Ein Vitamin-D-Mangel ist in Deutschland auch bei jüngeren Personen weit verbreitet, weil sich niemand mehr ohne Lichtschutz (Kleidung, Cremes) in die Sonne traut.
Für die depressiven Verstimmungen dieser Jahre ist sehr wahrscheinlich der Ausfall zerebraler Östrogenwirkungen verantwortlich in Verbindung mit mangelndem Selbstwertgefühl und der Schwierigkeit, den neuen Lebensabschnitt anzunehmen und als positiv zu bewerten.
Hormontherapie klimakterischer Beschwerden
KlimakteriumHormontherapieDie über Jahrzehnte übliche klimakterische BeschwerdenHormonersatztherapieHormontherapieklimakterische Beschwerdenund aufgrund ihrer guten und breiten Wirksamkeit allgemein bevorzugte Therapie bestand in der Substitution mit Hormonen. Dies geschah zunächst mit Östrogenen, bis deren erhöhtes Karzinomrisiko an Uterus und Ovar offenkundig wurde. Die Risiken der sich anschließenden Kombinationstherapien mit Östrogenen und Gestagenen schienen beherrschbar. Einer mäßig zunehmenden Häufigkeit des Mammakarzinoms stand der positive Effekt einer geringeren Rate an Endometrium- und Ovarialkarzinomen sowie in Bezug auf das Herz-Kreislauf-System gegenüber. Die im Jahr 2002 veröffentlichte WHI-Studie, WHI-Studie, HormonersatztherapieHormonersatztherapie, WHI-Studieeiner Beobachtungsstudie über 5 ½ Jahre, die den zuvor als positiv angesehenen Effekt auf Herzinfarkt und Schlaganfall ins Gegenteil zu verkehren schien, führte zu einem radikalen Umdenken und machte den Einsatz einer Hormonersatztherapie ab diesem Zeitpunkt für die Ärzte nahezu unmöglich.
2013 wurde nun eine dänische Studie an mehr als 1.000 Frauen im Alter zwischen 45 und 58 Jahren veröffentlicht, die 10 Jahre lang mit Hormonen substituiert und mit einer Kontrollgruppe verglichen wurden. Hier wird nun ein weiteres Mal alles auf den Kopf gestellt, wie dies heute tatsächlich fast zur Norm geworden ist. Der beobachtete Effekt in Bezug auf kardiale Erkrankungen war bei den substituierten Frauen tatsächlich positiv, wie dies sowohl theoretisch als auch nach den Ergebnissen früherer Studien zu erwarten war.
Neuerdings wird die Datenlage (endlich) etwas differenzierter gesehen. Kombinierte Hormontherapien aus Östrogenen und Gestagenen besitzen danach unbestreitbar positive Auswirkungen auf Gefäßerkrankungen und ihre Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, wenn sie auf Gefäße einwirken können, die noch keine wesentlichen atherosklerotischen Plaques aufweisen. Beginnt man also die Hormontherapie bereits etwa zum Zeitpunkt der Menopause und bei noch weitgehend gefäßgesunden Frauen, wird damit Herzinfarkt und Schlaganfall sehr deutlich vorgebeugt. Die Zahl an Mammakarzinomen nimmt in mäßigem Umfang zu, diejenige an Karzinomen von Endometrium, Ovar und Dickdarm dagegen deutlich ab. Das Wohlbefinden der Frauen wird gesteigert. Selbst der Eintritt einer Alzheimer-Demenz wird um Jahre hinausgezögert.
Dagegen ist bei einer Hormontherapie mit Beginn in der Postmenopause und bei bereits bestehenden arteriosklerotischen Veränderungen selbstverständlich ein direkter positiver Effekt auf solche Gefäße kaum noch nachweisbar. Indem jedoch gleichzeitig über die Stimulation der Leber in Bezug auf Gerinnungsfaktoren wie Faktor II und Faktor VII sowie zusätzlich gebildete Akute-Phase-Proteine die Thrombenbildung an den arteriosklerotischen Plaques gefördert wird, entsteht unter dem Strich ein gesteigertes Risiko für Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Auswirkungen auf Karzinome von Mamma, Uterus, Ovar und Dickdarm entsprechen den frühzeitig beginnenden Hormontherapien.

Exkurs

Medizinische Studien (mehr als 50.000/Jahr!) kann man heutzutage als „Tsunami“ begreifen, von dem die Fachwelt überrollt wird. Ihre ungeheure Vielzahl gestattet es eventuell gerade noch, die subjektiv wichtigsten, tatsächlichen oder angeblichen Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, doch wird hierdurch möglicherweise das eigene Fachwissen auf eine höchst ungute Weise verändert. Denn es ist kaum möglich, aus einer kurzen Zusammenfassung auf die Suffizienz einer Studie, ihre grundsätzliche Anlage, Durchführung und sachlich richtige Auswertung rückzuschließen. Meist ist man gezwungen, auf die nachfolgende Interpretation durch Presse und Fachgremien zu vertrauen.

Ein jeder scheint sich dazu berufen zu fühlen, eine Studie oder das, was er selbst dafür hält, durchzuführen. Das ist in Bezug auf Autoren, die höhere wissenschaftliche Weihen oder eine Uni-Laufbahn anstreben, durchaus nachvollziehbar, denn oft geht es mehr um die Zahl an Veröffentlichungen und weniger um deren Qualität. Schlimmer ist, dass sich nicht wenigstens diejenigen, welche die tatsächlichen oder angeblichen Ergebnisse zu bewerten und in den Alltag zu übersetzen haben, für das Studiendesign oder das, was letztlich am Ergebnis wirklich aussagekräftig ist, zu interessieren scheinen. Und wenn dies schon den sog. Fachleuten nicht möglich ist, kann es erst recht nicht verwundern, dass sich die Presse auf die „Ergebnisse“ interessierender Studien stürzt, seien sie auch noch so insuffizient angelegt und zusätzlich missverstanden und fehlinterpretiert. Schließlich geht es auch bei Journalisten zuvorderst um Karrieren, Auflagestärken und Einschaltquoten. Zusätzlich leben wir inzwischen im postfaktischen Zeitalter und Effekthascherei oder Likes scheinen bedeutsamer als Genauigkeit zu sein.

Während es allein schon in zeitlicher Hinsicht schwierig bis unmöglich scheint, subjektiv interessierende Studien im Original nachzulesen, um die Relevanz ihrer Ergebnisse zu erkennen, wären selbst dann noch Fehlbewertungen möglich. Denn oft genug wird man bei interessierenden Details im Unklaren gelassen oder man entdeckt Unstimmigkeiten. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Metaanalyse der Berliner Charité von 2016, die dem bekannten Satz „Trau keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast“ zu unverändert aktueller Gültigkeit verhilft. Bei ihrer Überprüfung zahlreicher Publikationen wurde z.B. festgestellt, dass zahlreiche Versuchstiere „einfach verschwanden“. Die Forscher bemängelten mangelnde Transparenz und nachlässige Datenauswertungen oder auch fehlende Angaben zur Zahl eingesetzter Tiere. Mithilfe eines Computerprogramms wurden die Effekte simuliert, die ein zufälliger oder beabsichtigter Verlust von „unpassenden“ Tieren auf die dargestellten Ergebnisse haben kann und die waren ganz erheblich. Es ergaben sich Hinweise, dass dadurch Studienergebnisse in die Richtung verändert werden sollten, die dem Wunschdenken der Autoren entsprach. Als Quintessenz der Analysen machten die Berliner Wissenschaftler darauf aufmerksam, dass einer großen Zahl veröffentlichter Studien „überbewertete, wenn nicht gar verfälschte Forschungsergebnisse zugrunde lagen“.

Neu und ungewohnt ist nun im Zusammenhang mit der Therapie klimakterischer Beschwerden, dass sich die Autoren der 2002 veröffentlichten WHI-Studie (Manson und Kaunitz) im Jahr 2016 zu Wort gemeldet haben, um zu verkünden, „dass ihre Studie jahrelang fehlinterpretiert worden sei“. Es ist nicht überliefert, was die Autoren in den dazwischen liegenden 14 Jahren gemacht haben. Jedenfalls erklären sie nun, dass ihre Untersuchungen an durchschnittlich 63 Jahre alten weiblichen Probanden, von denen jede zweite bereits an Bluthochdruck, einer KHK oder einem Diabetes litt, nicht auf gesunde Frauen in den Wechseljahren, also um das 50. Lebensjahr herum, übertragen werden dürfe. Dies sei auch gar nicht die Fragestellung gewesen. Vielmehr sollte die WHI-Studie klären, ob Östrogene bei Frauen weit jenseits der Wechseljahre und mit bereits ordentlich verkalkten Gefäßen noch irgendetwas zum Schutz dieser Gefäße beitragen können. Und das erstaunliche Studienergebnis war: Nein! Dagegen hätten sie bei jüngeren Teilnehmerinnen positive Effekte beobachtet – also genau das, von dem man immer schon ausgegangen war und was gerade durch die WHI-Studie dieser Autoren erstmals widerlegt schien.

Im Ergebnis darf man also nun, falls sich mit einer Ernährungsumstellung (z.B. auf Soja-Produkte), homöopathischen oder pflanzlichen Therapien (Cimicifuga u.a.) keine Erleichterung klimakterischer Beschwerden erreichen lässt, durchaus zu einer Hormonersatztherapie raten! Letztendlich gibt es ja auch hinsichtlich der Osteoporose-Prophylaxe, im Verbund mit Vitamin D, Calcium und körperlicher Aktivität, keine wirksamere und nebenwirkungsärmere Therapieform. Dem leicht gesteigerten Mammakarzinom-Risiko sollte allerdings durch ausreichende Vitamin-D-Serumspiegel (idealerweise > 50 ng/ml, bezogen auf Calcidiol) sowie intensivierte Vorsorgemaßnahmen begegnet werden. Die deutlich geringere Zahl an (gynäkologischen) Karzinomen des Bauchraums stellt einen höchst angenehmen Zusatzeffekt dar.

Zusammenfassung

Östrogene

Charakteristika

  • weibliches Sexualhormon

  • Steroidhormon

  • wird überwiegend als Estradiol von den Granulosazellen und der Theca interna des Ovars gebildet, als weniger wirksames Estron zusätzlich im Fettgewebe beider Geschlechter

Wesentliche Wirkungen

  • stimuliert das Endometrium isoliert in der 1. und gemeinsam mit Progesteron auch in der 2. Zyklushälfte

  • stimulierende Wirkung auf Haut, Schleimhaut, Knochenstoffwechsel und Wachstum der Mammae

  • Schutz der Blutgefäße vor Arteriosklerose

Progesteron

Charakteristika

  • weibliches Sexualhormon

  • Steroidhormon

  • wird vom Gelbkörper, in der Schwangerschaft auch von der Plazenta produziert

Wesentliche Wirkungen

  • bereitet das Endometrium für die Einnistung einer befruchteten Eizelle vor

  • wirkt an der Niere dem Aldosteron entgegen

  • erhöht die Körperkerntemperatur

  • hemmt die glatte Muskulatur u.a. in Gebärmutter und Verdauungstrakt

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