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B978-3-437-58142-7.00001-8

10.1016/B978-3-437-58142-7.00001-8

978-3-437-58142-7

Von der Anamnese zum Befund

  • 1.1

    Anamnestische Überlegungen1

    • 1.1.1

      Erwartungen des Patienten1

    • 1.1.2

      Erste Hinweise2

    • 1.1.3

      Familienanamnese3

    • 1.1.4

      Anamnesemodell3

  • 1.2

    Differenzierung der Beschwerden4

    • 1.2.1

      Lokalisation4

    • 1.2.2

      Art4

    • 1.2.3

      Stärke4

    • 1.2.4

      Dauer5

    • 1.2.5

      Umstände5

  • 1.3

    Befunderhebung5

Einführung

Der Begriff LeitsymptomeLeitsymptome bzw. Differenzialdiagnose sollte nicht als eigenständiges medizinisches Fach angesehen werden. Vielmehr ist die gesamte Medizin eine einzige Differenzialdiagnose.

Jede Anamnese, jede Untersuchung, jede Beurteilung von Material des Patienten (Blut, Urin, Stuhl, Röntgenbilder usw.) erfordern differenzialdiagnostische Überlegungen, wenn man einmal von Erkrankungen wie einer harmlosen Verletzung absieht. Insofern ist das „Fach“ Leitsymptome sozusagen die Krönung der Medizin, bei dem vom Therapeuten bereits anlässlich der Anamnese, spätestens aber bei den nachfolgenden Untersuchungen das Gehörte und Gesehene zu einem Gesamtbild zusammengefasst und mit allen in Frage kommenden Erkrankungen abgeglichen werden muss, um zumindest die Richtung der nachfolgenden Untersuchungen zu definieren, sofern die Diagnose nicht bereits zu diesem Zeitpunkt gestellt werden kann.

Es versteht sich von selbst, dass dies auch bedeutet, dass alle in Frage kommenden Erkrankungen im medizinischen Fachwissen des Therapeuten verankert sein müssen. Die Differenzialdiagnostik ist also während der Ausbildung eine andere als nach bestandener Prüfung, und hier wieder eine andere als nach etlichen Jahren dazugekommener Erfahrung. Wesentlich in Ausbildung und späterer Praxis ist allerdings, ob man sich mit dem jeweiligen, allseits anerkannten Stand der Medizin begnügt und dabei überwiegend Symptome behandelt, oder ob man das eigene Ziel anders definiert. Wer z. B. bereit ist, die zahlreichen psychosomatischen Erkrankungen der modernen Medizin zu akzeptieren, der wird weder dem Patienten noch sich selbst gerecht.

In diesem Band werden lediglich wichtige und häufige Symptome, die besonders umfangreiche differenzialdiagnostische Überlegungen erfordern, dargestellt. Es wird hierbei nicht auf alle diagnostischen Zeichen und nicht auf alle zugrunde liegenden Störungen bzw. deren Ursachen und Zusammenhänge eingegangen, da dieselben Lehrinhalt der entsprechenden Fächer sind. Es bietet sich von daher an, die Zusammenhänge zumindest in den Fällen nochmals nachzulesen, in denen wichtige Details nicht mehr ausreichend genau in Erinnerung sind.

Leitsymptome bzw. die differenzialdiagnostischen Überlegungen, die sie erfordern, stehen zentral im medizinischen Alltag des Therapeuten. Sie sind allerdings bereits zuvor wesentlicher Bestandteil der Heilpraktikerprüfung. Dies gilt für die schriftliche Prüfung, wie unschwer an den angeführten und diskutierten Prüfungsfragen abzulesen ist. Eher noch mehr gilt dies für die mündliche Überprüfung, in der regelhaft Fallbeispiele bzw. beliebige Leitsymptome angesprochen werden, die der Prüfling abzuarbeiten hat, möglichst ohne dabei die besonders wichtigen Zusammenhänge zu vergessen. Der vorliegende Band der Lehrbuchreihe kann deshalb der direkten, abschließenden Vorbereitung auf die Prüfung dienen, nachdem die zugrunde liegenden Fächer gelernt und verstanden worden sind.

Anamnestische Überlegungen

AnamneseDas wesentliche Instrument des Therapeuten vor jeder differenzialdiagnostischen Überlegung ist die Anamnese. Sie wird deshalb an den Anfang gestellt.

Erwartungen des Patienten

Der Patient AnamnesePatientenerwartungenkommt zu Ihnen mit bestimmten Vorstellungen und Erwartungen, mit Ängsten, mit einer möglicherweise langen und frustranen Vorgeschichte. Vielleicht ist er voller Hoffnung und Vertrauen, vielleicht aber auch voller Ablehnung, hält gar nichts von Ihren Fähigkeiten, glaubt Ihnen keinerlei Diagnose, die Sie stellen werden, wird lediglich vom Partner „geschickt”. Vielleicht ist er todkrank und Sie sind so etwas wie seine letzte Hoffnung. Vielleicht fehlt ihm eigentlich überhaupt nichts. Vielleicht kommt er, damit Sie ihm das bestätigen und seine Ängste, es könne doch was sein, mindern. Vielleicht aber ist er auch ernsthaft erkrankt und will dies nicht wahrhaben oder er ist derart indolent, dass er es tatsächlich nicht empfindet.
In jedem Fall aber ist er zunächst überhaupt nicht daran interessiert, dass Sie nun akribisch und mit äußerster Exaktheit sämtliche Kinderkrankheiten und Impfungen, Operationen oder Geburtsdaten der Gesamtfamilie erfassen und zu Papier bringen. Vielmehr kommt er in der Hoffnung und Erwartung, dass Sie zunächst einmal genau das Anliegen, dessentwegen er gekommen ist, zur Kenntnis nehmen – und zwar umfassend und genau.
Das Wichtigste, was Sie dem Patienten geben können, ist Ihre Zeit und Ihr Interesse an seiner Person und seiner Krankheit. Danach wird er Sie beurteilen. Sollten Sie durch Fleiß und Begabung und im fortwährenden Bemühen um die immer noch genauere Diagnose und immer noch bessere Therapie zu einer wirklich guten und heilenden Medizin gelangt sein, ist dies nicht einmal die halbe Miete. In den Augen der Mehrzahl der Patienten ist es weit wichtiger, einen wirklich interessierten und an ihren Sorgen und Nöten teilhabenden Zuhörer gefunden zu haben. Die medizinische Kompetenz des Therapeuten kann vom Patienten kaum jemals wirklich beurteilt werden.
Sie sollten also Ihrem Patienten das Interesse an ihm und dem, was er zu erzählen hat, auf eine Weise zeigen, die unmissverständlich ist. Sitzen Sie ihm zugewandt, möglichst ohne trennenden, nicht nur räumlich Distanz erzeugenden Schreibtisch, und schreiben Sie nicht pausenlos auf Ihre Karteikarte oder in Ihren PC. Unterbrechen Sie den Patienten nicht, solange er noch etwas zu sagen hat, es sei denn, er würde Ihnen nun die ganze Schlacht um Stalingrad erzählen wollen. Stellen Sie dann mit kurzen Zwischenfragen nach ungenau oder unzureichend beschriebenen Symptomen den Zusammenhang wieder her. Das Heft in die Hand nehmen können Sie dann, wenn der Patient offensichtlich das Wesentliche, was er sich vorgenommen hat, vorgetragen hat oder wenn er bei minderer Beredtheit einfach Hilfe braucht im Erzählen dessen, weswegen er gekommen ist.

Erste Hinweise

Die Mehrzahl der Anamneseerste HinweisePatienten kommt bereits mit fertigen Diagnosen und Erklärungen für diese oder jene Krankheit oder Unpässlichkeit. Es entspricht der Natur des Menschen, entsprechend dem eigenen Weltbild und der subjektiven Erfahrung Zusammenhänge auch dort herzustellen, wo beim besten Willen keine sein können. Zu einer guten Anamnese gehört aber auch, sich solche Erklärungen möglichst ohne vorschnelle Wertung anzuhören. Nicht selten lernen wir selbst aus scheinbar abstrusen und laienhaften Vorstellungen wichtige Zusammenhänge erkennen, auf die wir sonst niemals gekommen wären. Jeder Patient hat auch dem Therapeuten etwas zum Lernen mitgebracht, gibt neue Impulse und neue Erfahrungen.
In der ersten Phase des Patientengesprächs geht es also um einen ersten Hinweis auf seine Leiden sowie deren mögliche Ursachen und Zusammenhänge. Es geht aber auch darum, einen „Draht“ herzustellen, mit dessen Hilfe die spätere Therapie erst möglich wird. Es geht um das Annehmen des Patienten und den Aufbau gegenseitigen Vertrauens.
In der nächsten Phase geht es darum, das Gehörte zu verarbeiten, den gemeinsamen Nenner der eventuell vielfältigen Symptome zu finden, die Lücken in der bisherigen Anamnese durch gezielte Fragen zu schließen. Gezielte Fragen setzen eigenes medizinisches Wissen, aber auch Erfahrung voraus. Die Anamnese der ersten Jahre ist eine grundsätzlich andere als die späterer Jahre. Obwohl sie zeitlich immer kürzer wird, weil sie zunehmend „auf den Punkt kommt“, wird dies vom Patienten aufgrund erkennbarer Kompetenz nicht als Manko empfunden. Lediglich wenn die Routine des Therapeuten zur erkennbaren Alltagsroutine, sprich Interesselosigkeit verkommt, empfindet der Patient das Defizit mangelnder Zeit. Je mehr Symptome Sie bereits während der ersten Schilderung ursächlich erkennen und einordnen können, desto leichter fällt Ihnen die sich anschließende ergänzende Frage, um Ihren Verdacht zu erhärten oder beiseite zu schieben.
Bereits die gute und umfassende Anamnese einschließlich sämtlicher differenzialdiagnostischer Überlegungen führtDifferenzialdiagnose beim erfahrenen Arzt oder Heilpraktiker im weit überwiegenden Teil der Fälle zu einer klaren und zumeist korrekten Diagnose. Das Problem dabei ist, die sich ausnahmslos anschließende Untersuchung so neutral und unvoreingenommen durchzuführen, als ob es diese Anamnese mit ihrer scheinbar zweifelsfreien Diagnose gar nicht gegeben hätte. Es kann nämlich auch einmal alles ganz anders sein als erwartet. Oder Sie finden Ihren Verdacht wunderschön bestätigt und übersehen dabei die weit gewichtigere Zweitkrankheit oder die eigentliche Ursache der vermuteten. Erst wenn eine gewissenhafte Untersuchung – bei Bedarf unter Einbeziehung von Labor und weiteren Parametern – zum selben Ergebnis führt wie die vorangegangene Anamnese, sind Sie auf der sicheren Seite.

Merke

Es gibt in der Medizin „Läus und Flöh“. Hüten Sie sich davor, vor lauter Läusen die Flöhe zu übersehen. Hüten Sie sich davor, alle beim Patienten bestehenden Beschwerden in einen gemeinsamen Topf zu werfen. Nicht jedes Symptom muss ein und derselben Erkrankung zuzuordnen sein.

Stellen Sie bei der geringsten Diskrepanz alles in Zweifel. Es ist kein Armutszeugnis, sondern eher der Nachweis medizinischer und menschlicher Größe, wenn Sie dem Patienten mitteilen, dass Sie im Augenblick noch keine Diagnose stellen bzw. ein bestimmtes Symptom noch nicht einordnen können. Jeder, der nach Heilung seiner Patienten strebt und dieses Streben durch alltägliches Lernen in Offenheit und Toleranz auch gegenüber fremdartigen Meinungen ergänzt, wird immer seltener in derartige Situationen kommen.
Neugierde, also wirkliches Interesse am vor uns sitzenden Menschen und seiner Erkrankung, ist wohl die beste Mutter jeder Anamnese und gleichzeitig ihre beste Führung. In diesem Sinne dürfen Sie den Patienten auch während der ersten Erzählphase unterbrechen, um ein geschildertes Symptom noch genauer zu erfahren. Die Neugierde bestimmt den weiteren Verlauf und begrenzt die Anamnese bzw. führt zur Untersuchung, sobald sie gestillt ist, wir also den Menschen und seine verschiedenen Symptome so gut kennen gelernt haben, dass eine Verdachtsdiagnose entstanden ist.
Hüten Sie sich vor irgendwelchen Schemata – keine Anamnese gleicht der anderen. Sie besteht v. a. nicht aus der Aneinanderreihung vergangener Daten ohne Bezug zum Augenblick. Welche Bedeutung hat ein Mumps im Alter von 7 Jahren bei einem 50-jährigen Patienten? War er es wert, erfragt zu werden? Oder ein Fahrradsturz vor 10 Jahren, wenn über Schlaflosigkeit seit 3 Monaten geklagt wird? Die Anamnese entwickelt sich aus der Gegenwart. Ein Bezug zur Vergangenheit kann sich nur aus gelerntem und erfahrenem Wissen medizinischer Zusammenhänge ergeben. Natürlich ist es bei einem Asthmapatienten wichtig zu erfahren, ob er seine Tonsillen noch hat. Oder bei dem chronisch Müden, wann er zuletzt umgezogen ist. Oder beim Knieschmerzpatienten, ob er nicht vielleicht schon sehr viel länger an Rückenschmerzen leidet.
Selbstverständlich gibt es auch Impfschäden im homöopathischen Sinn. Da aber kaum jemals ein Patient ohne jegliche Impfung in der Vorgeschichte Ihre Praxis betreten wird, und Impfschäden kaum nach den einzelnen Impfungen zu differenzieren sind, haben Sie für Ihr Wissen um den Patienten und seine Symptome nichts gewonnen, wenn Sie seine gesamten Impfungen von Geburt an bis heute zu Papier bringen – Sie verlieren damit lediglich kostbare Zeit. Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich fragen Sie bei einem Masernverdacht nach früheren Masernimpfungen, um Ihren Verdacht damit sicherer oder eher zweifelhafter zu machen. Diese Frage folgt aber direkt aus der Verdachtsdiagnose und ergibt dadurch einen Sinn.

Familienanamnese

Die Frage nach Karzinomen oderFamilienanamnese anderen schweren Krankheiten in der Familie ist eigentlich selten sinnvoll – auch dann nicht, wenn man statistische Zusammenhänge berücksichtigen möchte. Wenn wir bei einem Patienten einen Hinweis auf ein Magenkarzinom finden bzw. nur der leiseste Hinweis auf eine solche Möglichkeit gegeben ist, ist eine entsprechende Abklärung ganz unabhängig davon erforderlich, ob nun der Onkel mütterlicherseits an Magenkrebs gestorben ist oder nicht. Wenn sich aber nicht der geringste Hinweis auf ein solches Geschehen bei unserem Patienten finden lässt, bringt es uns nicht weiter, wenn wir wissen, dass Onkel und Tante daran verstorben sind. Wir werden dann höchstens bei der künftigen Betreuung unseres Patienten daran denken, um durch gezielte Ratschläge z. B. hinsichtlich Ernährung, Rauchen, Alkohol, Helicobacter oder Stressabbau eine gewisse Vorsorge zu erreichen. Hiervon gibt es einige wenige Ausnahmen:
  • Bei einem juvenilen Diabetes mellitus eines Geschwisters sollte jeder Virusinfekt frühzeitiger und intensiver v. a. über eine Stärkung des Immunsystems behandelt und geheilt werden, um die Diabetes-Gefährdung klein zu halten.

  • Entsprechend ist bei einem Darmkrebs naher Angehöriger auf dem Boden einer Polyposis des Darms an eine Koloskopie bzw. auch Untersuchung des Dünndarms zu denken, weil sich ein solcher Krebs bereits zu einem Zeitpunkt aus vorhandenen Polypen entwickeln kann, in dem noch keinerlei Symptome erscheinen.

  • Eine familiäre Häufung von Brustkrebs könnte zu dem Vorschlag einer häufigeren Vorsorgeuntersuchung führen.

Derartige Zusammenhänge sind allerdings in Relation zur Gesamthäufigkeit der jeweiligen (malignen) Erkrankung eher selten und auch teilweise statistisch nicht wirklich abgesichert. Bei ursächlich bekannten Zusammenhängen z. B. chromosomalen Mutationen oder Konstellationen wie beim HLA-System könnte man natürlich überlegen, ob eine prophylaktische Bestimmung und Zuordnung zu einer derartigen Gefährdung sinnvoll wäre. Die Frage, die sich dabei stellt, ist allerdings, ob daraus auch tatsächlich ein prognostischer Gewinn resultiert oder ob lediglich Ängste erzeugt werden.
Mit großen und umfassenden Anamnesen, die den Opa oder die 13 Enkel genauso mit einschließen wie die lückenlose Auflistung sämtlicher Vorerkrankungen, Unfälle, Impfungen und Lebensumstände ohne Bezug zur gegenwärtigen Erkrankung, verlieren Sie Zeit, die wahrscheinlich anderswo sinnvoller einzusetzen wäre. Und Sie verlieren damit auch allzu leicht den Überblick, sehen vielleicht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Sie werden ohnehin anlässlich der sich anschließenden Untersuchung Zusatzinformationen zu erhalten suchen, die sich aber eben sehr konkret auf vorgefundene Pathologika wie z. B. eine Narbe beziehen.

Anamnesemodell

Für diejenigen, die zunächst und für die AnamneseModellAnfangszeit eine Strukturierung benötigen, wird nun ein solches Anamnesemodell vorgestellt.
10 Schritte zum Ablauf eines Anamnesegesprächs:
  • 1.

    Der Therapeut begrüßt den Patienten und stellt sich vor.

  • 2.

    Der Patient wird gefragt, ob er für das Gespräch in einer bequemen Sitz- oder Liegeposition ist.

  • 3.

    jetzige Beschwerden:AnamneseBeschwerden, jetzige Der Patient wird mit einer „offenen“ Frage (z. B. „Wie fühlen Sie sich?“ oder „Wie geht es Ihnen im Moment?“) angeregt, alle Beschwerden und den Grund für das Aufsuchen des Therapeuten mit eigenen Worten zu schildern.

  • 4.

    Der Gesprächsführer geht im Einzelnen den Symptomen des jetzigen Leidens nach. Er erhellt jedes der erwähnten Symptome nach:

    • seinem zeitlichen Auftreten (Beginn, Dauer, Reihenfolge, beschwerdefreie Zeit?)

    • seiner Qualität (was für ein Schmerz – z. B. dumpf oder stechend?)

    • seiner Intensität

    • der Lokalisation und eventuellen Ausstrahlung

    • dem Zusammenhang mit anderen Beschwerden

    • den Umständen, unter denen es auftritt

    • den Umständen, unter denen es sich verschlechtert oder mildert (z. B. Körperlage, Nahrungsaufnahme, Anstrengung etc.)

  • 5.

    persönliche Anamnese: frühere Krankheiten und/oder Operationen, Krankenhausaufenthalte, Kinderkrankheiten (z. B. Röteln, Masern, Mumps, Scharlach, Diphtherie mit eventuellen Folgestörungen)

  • 6.

    Familienanamnese: Gesundheitszustand der FamilieFamilienanamnese bzw. Blutsverwandten (besonders früher Tod, Erkrankung von [Groß-]Eltern, Geschwistern, Kindern)

  • 7.

    berufliche Anamnese: persönliche Entwicklung (Werdegang, Ausbildung, berufliche Situation, möglicher Zusammenhang mit den Beschwerden?)

  • 8.

    Sozialanamnese: Sozialanamnesesoziale Lebensumstände (Lebenspartner/-in, Wohnsituation, Freundeskreis, Hobbys usw.)

  • 9.

    vegetative Anamnese: z. B. Wasserlassen, Stuhlgang, Appetit, Gewichtsverlust, Allergien, Risikofaktoren, Medikamentevegetative Anamnese

  • 10.

    Der Therapeut erkundigt sich, ob der Patient noch etwas beifügen oder fragen möchte, und vergewissert sich besonders bei Angaben, die ihm einen bestimmten Bezug zum Krankheitsbild nahelegen, dass er sie richtig verstanden hat.

Differenzierung der Beschwerden

SchmerzenDifferenzierungWird z. B. ein Schmerz geklagt, sollten Sie diesen nach seiner genauen Lokalisation, nach seiner Art, seiner Stärke, seiner Dauer und schließlich nach den Umständen, bei denen er auftritt oder sich verschlimmert oder verschwindet, differenzieren.

Lokalisation

Manchmal handelt es sich um eher diffuse SchmerzenSchmerzendiffuseSchmerzenLokalisation, die nicht genau lokalisierbar sind. Zumeist aber wird Ihnen der Patient, zumindest nach entsprechender Nachfrage, sehr genau den Ort, seine Ausstrahlung und seine mehr oberflächliche oder eher tiefe Lokalisation benennen können.
Verwertbar sind die Angaben des Patienten natürlich zunächst nur bei sehr genauen Kenntnissen anatomischer Strukturen und der Art an Schmerzen oder Störungen, die von ihnen ausgehen können. Neben der Kenntnis des Organs, auf das der Patient deutet, ist allerdings auch das Wissen darum von größter Bedeutung, was alles an Alternativen in Frage kommt. Beispiele dafür sind:
  • Die Arteriitis temporalisArteriitis temporalis verursacht z. B. einen Schläfenkopfschmerz. Derselbe kann aber auch hyperton oder durch ein Aneurysma bedingt sein. In Frage kommen Ausstrahlungen von Seiten der HWS oder auch Stoffwechselstörungen bis hin zum Eisenmangel, auch wenn diese eher diffuse Kopfschmerzen verursachen. Weitaus am häufigsten aber wird der Schläfenkopfschmerz durch eine Blockade der 5. Rippe derselben Seite verursacht. Wenn der Therapeut keine Kenntnis von diesem Zusammenhang hat, wird keine Anamnese, keine Differenzialdiagnose und keine Therapie jemals wirklich helfen können.

  • Ein SchulterschmerzSchulterschmerzen kann, soweit nicht das Schultergelenk selbst betroffen ist, eine Periarthropathia humeroscapularisPeriarthropathia humeroscapularis bedeuten oder eine Reizung des Diaphragma durch Cholezystitis, Pankreatitis (Achselhöhle) oder Perikarditis und über etliche weitere Pathologika wie u. a. Herzinfarkt auch auf die Perihepatitis einer Chlamydien-bedingten Adnexitis weisen.

  • Der epigastrische SchmerzSchmerzenepigastrische paramedian rechts betrifft üblicherweise nicht den Magen, sondern das Duodenum (z. B. Ulcus duodeni). Er kann aber auch durch eine Th6-BlockadeTh6-Blockade oder eine Irritation des Nierenmeridians z. B. in Gestalt einer Blockade des Sternoklavikulargelenks ausgelöst werden. In der Gallenblase liegende Steine kommen als Ursache so lange gerade nicht in Frage, wie sie reizlos entsprechend der Körperlage beweglich bleiben, erkennbar in der Sonographie.

Wir benötigen also nicht nur Kenntnisse über die genaue Lage der Organe sowie die durch sie auslösbaren Beschwerden, sondern auch über ihre Verflechtung mit anderen Strukturen einschließlich der Dermatome über Nervenbahnen und Meridiane. Nicht jede Krankheit schmerzt da, wo sie stattfindet, und nicht jede schmerzende Stelle lässt Sie an dieser Stelle eine Ursache finden. Wir können hieraus auch ableiten, dass die genaue Definition des Ortes für einen anamnestischen Hinweis auf die Ursache des Schmerzes selten ausreicht. Gerade die zahlreichen Möglichkeiten, die oftmals in Frage kommen, zeigen die Bedeutung der weiteren Parameter wie Art, Dauer, Stärke und begleitende Umstände, bei denen er auftritt.
Auffallend ist, dass die SchmerzenAusstrahlungenAusstrahlung bei radikulären oder pseudoradikulären Schmerzen in der Regel in der „falschen” Richtung gezeigt wird – das heißt, der Ursprung z. B. bei einer Ischialgie wird in den Fuß oder Unterschenkel gelegt und die Ausstrahlung nach proximal „bis hinauf zum Kreuz“. Oder der BWS-bedingte „Herzschmerz“ wird über dem Herzen gezeigt und „die Ausstrahlung in den Rücken“ erst nach nochmaliger Nachfrage erwähnt. Beachten sollten wir aber die Wege, die uns der Patient mit seinem Finger zeigt, stellen sie doch häufig die genauen Meridianverläufe dar und erleichtern uns so die Zuordnung und Diagnostik. Andererseits sollte man sich gerade bei der Suche nach Ausstrahlungen, die der Patient nicht von sich aus erwähnt hat, vor Suggestivfragen hüten. Der Patient tut uns sonst vielleicht den Gefallen, die erwartete Ausstrahlung zu bestätigen, und schon sind wir auf der falschen Fährte.

Art

Der dumpfe SchmerzSchmerzenArt/Stärke lässt eher an einen tief liegenden Organschmerz denken, der spitze, helle, brennende, scharfe Schmerz ist eher der Schmerz der Körperoberfläche. Der einschießende, krampfartige, wellenförmige, manchmal unerträgliche Kolik-Schmerz hat wieder eine andere Qualität. Wir können den Patienten auch darum bitten, den Schmerz zu erklären oder als Vergleich auszudrücken: „brennt wie Feuer“, „als ob einer ein Messer herumdrehen würde“ usw.

Stärke

Wegweisende Fragen zur Einordnung von Schmerzen können sein:
  • Allmählicher Beginn oder hochakut?

  • Veränderungen im weiteren Verlauf?

  • Kaum ertragbar oder eher unterschwellig?

Eine sinnvolle Unterteilung besteht in der Zuordnung zu leicht, schwer oder unerträglich. Allerdings bedeuten diese Begriffe nicht in jeder Situation und nicht für jeden Menschen dasselbe: Begleitende Ängste haben aus einem leichten schnell einen schweren Schmerz gemacht. Wertvoller ist im Allgemeinen die Frage danach, ob und wie der Schmerz den Alltag des Patienten beeinträchtigt.

Dauer

Ein Bauchschmerz seit 2 Jahren wird uns nicht an eineSchmerzenDauer Notfalleinweisung denken lassen. Wichtig sind der Beginn und die weitere Entwicklung – z. B. in Schüben oder immer gleich, die Zunahme des Schmerzes und der zeitliche Verlauf der Zunahme, eventuelle Rezidive nach beschwerdefreiem Intervall, periodisch jeweils nur über kürzere Zeiten usw.

Umstände

Hiermit ist die Abhängigkeit von äußeren Einflüssen gemeint: Schmerzenäußere Einflüsse
  • Vor oder nach dem Essen?

  • Eher morgens oder abends oder im Bett?

  • In der Bewegung oder eher in der Ruhe?

  • Verstärkung durch Stress, Hitze, Kälte?

  • Abhängigkeit von der Menses oder vom Zyklus?

  • Wie und worauf wirkt sich der Schmerz aus, sobald er da ist? Führt er zu Inappetenz, Insomnie, Depression?

  • Was hat der Patient bisher dagegen unternommen?

  • Bisherige Therapie? Dadurch verändert?

Spätestens hier wird er Ihnen auch eine Erklärung zur vermuteten Ursache seiner Erkrankung anbieten.

Hinweis des Autors

Hüten Sie sich vor der großen „psychosomatischen Schublade“ der Medizin. Der Autor hat in 10 Jahren Allgemeinpraxis mit überdurchschnittlich vielen schweren und/oder „austherapierten“ Fällen sowie solchen, die jahrelang in eben dieser Schublade abgelegt waren, immer eine körperliche Ursache (häufig Blockaden; Fach Bewegungsapparat mit Chirotherapie), eine Wasserader, eine Amalgam- oder Strombelastung, eine Candidose o. ä. entdeckt, aber nicht ein einziges Mal eine psychosomatische Krankheit.

Es gibt keinen Menschen, bei dem man nicht scheinbar fündig werden würde, wenn man nur lange genug nach der vermeintlichen psychischen Ursache eines somatischen Geschehens suchte. Dabei wird übersehen, dass bei Menschen ohne psychosomatische Erkrankungen im gleichen Umfang seelisch-traumatische Ereignisse zu finden sind, nur dass sich ohne angebliche Folgen eben keiner dafür interessiert.

Die Psyche ist ein Verstärker, mehr nicht. Die psychosomatische Erkrankung des Patienten weist aus Sicht des Autors eher auf die diagnostische Ratlosigkeit seiner Therapeuten.

Befunderhebung

Auf jegliche AnamneseBefunderhebung folgt sofort oder später die entsprechende UntersuchungUntersuchung. Dies sollte selbstverständlich auch für Therapeuten gelten, die z. B. ausschließlich homöopathisch oder nach beliebten, fernöstlichen Verfahren arbeiten und die Mehrzahl der Erkrankungen damit primär nicht nach ihren medizinisch definierten Ursachen, sondern nach den erscheinenden Symptomen behandeln. Wenn man als Homöopath eine Reihe typischer Symptome in Erfahrung gebracht hat und über das Gesamtbild des Patienten mit etwas Glück das Konstitutionsmittel oder das momentane homöopathische Simillimum auf Anhieb erkennt bzw. repertorisiert, vor lauter Symptomen aber die entsprechende Grundkrankheit übersieht, ist man als Therapeut weder dem Patienten noch sich selbst gerecht geworden – von möglichen rechtlichen Konsequenzen ganz zu schweigen.
Anamnese und nachfolgende Untersuchung bilden also eine untrennbare Einheit. Hierbei bedarf es zunächst keiner Untersuchung „von Kopf bis Fuß“ – es sei denn, die vorgebrachten Symptome wären vielfältig und unspezifisch oder Sie wollten in Ihrer Anfangszeit einfach die Gelegenheit zum Üben nutzen. Es ergibt keinen Sinn, wenn man bei einem Patienten, der wegen Fußpilz kommt, nach einem Meningismus schaut und sämtliche Reflexe überprüft. Sinnvoll im Zusammenhang wäre hier aber schon, wenn Sie nicht nur Haut und Nägel inspizierten, sondern gleichzeitig nach Zusammenhängen und möglichen Ursachen fahndeten. Tasten Sie also die Fußpulse; schauen oder fragen Sie nach übermäßigem Schwitzen und nach einem entsprechenden Beruf (Arbeitsschuhe?); fragen Sie nach gehäuften Infekten – möglicherweise jeweils ohne adäquates Fieber? – und schauen Sie nach vergrößerten Lymphknoten, nach den Tonsillen und den Nasennebenhöhlen oder einer auffallend trockenen Haut (Sebostase), um ein geschwächtes Immunsystem (Atopie) nicht zu übersehen.
Denken Sie an Diabetes, an Anämien, Eisen- oder Zink- oder Vitaminmangel bei insuffizienter Ernährung. Beachten Sie oder fragen Sie nach Symptomen aus dem Krankheitsbild Fußpilz, sofern Sie nicht mit der später rezeptierten Salbe nur behandeln wollen. Dies wiederum gilt natürlich nicht in den Fällen, in denen die Tinea pedis akut nach einem Schwimmbadbesuch aufgetreten ist; hier wäre jede weiterführende Anamnese oder Untersuchung reine Zeitverschwendung.
Grundsätzlich hat eine jede Krankheit ihre Ursache. Wer heilen und nicht nur behandeln möchte, sollte nicht nur die Krankheit, sondern auch deren Ursache finden und nach Möglichkeit abstellen. Die tiefere Ursache für zahllose Erkrankungen mag im jeweiligen Karma begründet sein. Ungeachtet dessen aber gibt es immer auch ein fassbares körperliches Korrelat bzw. eine anders geartete Ursache (geopathische Störung usw.).
Eine erste Untersuchung im Anschluss an die Anamnese betrifft also den Ort des Schmerzes bzw. der geklagten Beschwerden. Dabei ist es oft sinnvoll, mit der kontralateralen Seite zu beginnen. Bei einem Schmerz im Bereich des Zökum wird man also zunächst das Sigma palpieren. Damit müssen Sie dem Patienten nicht gleich weh tun, erzeugen keine Abwehrspannung und erfahren gleichzeitig etwas über die Ausdehnung bzw. über den Umfang der Erkrankung, also im gewählten Beispiel, ob ein Peritonismus besteht oder ob eventuell weitere Darmanteile beispielsweise im Sinne eines Reizdarmsyndroms erkrankt sind. In der Folge sollten dann alle weiteren Körperregionen mit einbezogen werden, die primär oder sekundär am Geschehen beteiligt sein könnten. Zu denken ist hierbei immer auch an radikuläre bzw. pseudoradikulärepseudoradikuläre Schmerzenradikuläre SchmerzenSchmerzenradikuläreSchmerzenpseudoradikuläre Ausstrahlungen SchmerzenAusstrahlungenund an den Verlauf der Körper-Meridiane.

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