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B978-3-437-58112-0.00003-0

10.1016/B978-3-437-58112-0.00003-0

978-3-437-58112-0

Abb. 3.1

[L190]

Die Hirnnerven mit ihren wichtigsten Funktionen

Abb. 3.2

[L157]

Jendrassik-Handgriff

Abb. 3.3

[L190]

Eigenreflex am Beispiel des Patellarsehnenreflexes Patellarsehnenreflex (PSR)

Abb. 3.4

[L190]

Fluchtreflex als Fremdreflex

Abb. 3.5

[L157]

Klinische Meningitis-Zeichen

Abb. 3.6

[L190]

Lumbalpunktion

Abb. 3.7

[L190]

Technik des EEG, physiologische und pathologische Wellen

Abb. 3.8

[L106]

MRT

Abb. 3.9

[L106]

Positronenemissionstomogramm (PET). Nach Injektion von Fluor-Desoxyglukose kann sich z. B. bei einem Patienten mit Hirntumor ein runder Bezirk nachweisen lassen, der die verstärkte Anreicherung der markierten Glukose im Tumor anzeigt.

Die wichtigsten MuskeleigenreflexeMasseterreflexBizepssehnenreflex (BSR)Radiusperiostreflex (RPR)BrachioradialisreflexTrizepssehnenreflex (TSR))Trömner-ReflexKnips-ReflexFingerbeugereflexPatellarsehnenreflex (PSR)Adduktorenreflex (ADR)Achillessehnenreflex (ASR)

Tab. 3.1
Bezeichnung Abkürzung Segment Durchführung Reflexerfolg
Masseterreflex N. trigeminus (V3) Der Zeigefinger des Therapeuten liegt quer auf dem Kinn, knapp unterhalb des leicht geöffneten Mundes. Schlag über den Finger auf den Unterkiefer. Schluss des Mundes
Bizepssehnenreflex BSR C5/C6:
N. musculocutaneus
Der Untersucher hält den leicht angebeugten Arm des sitzenden Patienten und drückt seinen Daumen in die Ellenbeuge. Schlag auf den Daumen und damit indirekt auf die Bizepssehne. Beugung im Ellenbogengelenk
Radiusperiostreflex (Brachioradialisreflex) RPR C5/C6 (v. a. C6):
N. radialis
Schlag auf den distalen Radius, knapp proximal des Proc. styloideus. Beugung im Ellenbogengelenk
Trizepssehnenreflex TSR C6–Th1 (v. a. C7):
N. radialis
Der Patientenarm liegt abduziert und im Ellenbogen angebeugt über der Hand des Therapeuten. Schlag auf die Trizepssehne direkt oberhalb des Olekranon. Streckung im Ellenbogengelenk
Trömner-Reflex(Knips-Reflex, Fingerbeugereflex) C7/C8:
N. medianus und N. ulnaris
Die angebeugten Finger des Patienten werden von den Therapeutenfingern in einer schnellen, schnipsenden Bewegung in Streckstellung geführt. Beugung der Finger
Patellarsehnenreflex PSR L2–L4:
N. femoralis
Der Patient lässt seine Unterschenkel von der Liege baumeln. Oder: Der Therapeut hält das angewinkelte Bein des liegenden Patienten in der Kniekehle, damit keine muskuläre Anspannung des M. quadriceps femoris entsteht. Schlag auf die Sehne zwischen Patella und Sehneninsertion am Tibiakopf. Streckung im Kniegelenk
Adduktorenreflex ADR L4:
N. obturatorius
Schlag an der Innenseite des Oberschenkels auf den Epikondylus knapp oberhalb des Kniegelenks. Adduktion des Oberschenkels
Achillessehnenreflex ASR L5/S1:
N. tibialis
Das Patientenbein liegt schräg auf dem kontralateralen Unterschenkel. Oder: Der Patient kniet entspannt, wobei die Füße nicht aufliegen dürfen. Oder: Der Patient lässt die Unterschenkel von der Liege herabhängen, während der Therapeut (in Hockstellung) auf die Achillessehne schlägt. In jedem Fall muss der Fuß durch den Therapeuten locker nach dorsal flektiert werden. Schlag auf die Achillessehne knapp oberhalb der Insertion am Fersenbeinhöcker. Plantarflexion des Fußes

Die wichtigsten Fremdreflexe

Tab. 3.2
Bezeichnung Abkürzung Segment Durchführung Reflexerfolg
Bauchhautreflex BHR Th7–Th12 Bestreichen der Bauchhaut in verschiedenen Segmenthöhen mit einem Holzstäbchen. Die Striche erfolgen kurz und zügig von lateral nach medial. Kontraktion der Bauchmuskulatur v. a. im gereizten Segment, weniger deutlich jedoch auch in den Nachbarsegmenten derselben Seite
Cremasterreflex L1–L3 Bestreichen der proximalen Oberschenkelinnenseite beim Mann Der M. cremaster zieht den gleichseitigen Hoden und seine Hüllen minimal in Richtung Leiste.
Analreflex S3–S5 Der Patient liegt mit angebeugten Beinen auf der Seite. Mit einem Holzstäbchen bestreicht der Untersucher die Perianalregion. Kontraktion des M. sphincter ani externus

Neurologische Untersuchung

  • 3.1

    Anamnese95

  • 3.2

    Untersuchung der Hirnnerven96

    • 3.2.1

      N. olfactorius (I)96

    • 3.2.2

      N. opticus (II)96

    • 3.2.3

      N. trigeminus (V)96

    • 3.2.4

      N. facialis (VII)96

    • 3.2.5

      N. glossopharyngeus (IX)96

    • 3.2.6

      N. vagus (X)97

    • 3.2.7

      N. accessorius (XI)97

    • 3.2.8

      N. hypoglossus (XII)98

  • 3.3

    Reflexe98

    • 3.3.1

      Muskeleigenreflexe98

    • 3.3.2

      Fremdreflexe100

  • 3.4

    Sensibilität101

    • 3.4.1

      Varianten gestörter Sensibilität102

    • 3.4.2

      Überprüfung der Sensibilität102

    • 3.4.3

      Meningismus und Dehnungsreize102

  • 3.5

    Apparative Diagnostik103

    • 3.5.1

      Liquordiagnostik103

    • 3.5.2

      EEG104

    • 3.5.3

      CT und MRT105

    • 3.5.4

      PET105

Neurologische Untersuchungen, die bei leerer neurologischer Anamnese z. B. im Rahmen eines Ganzkörperstatus durchgeneurologische Untersuchungführt werden, beschränken sich in der Allgemeinpraxis meist auf die Überprüfung der wichtigsten Muskeleigenreflexe, Muskeleigenreflexeder Pupillenreaktion Pupillenreaktionund der Nervenaustrittspunkte V1–V3. NervenaustrittspunkteBegleitend beobachtet man Mimik, Körperhaltung und Motorik des Patienten. Beim Diabetiker oder alkoholkranken Patienten wird man darüber hinausgehen, in jedem Fall auch dann, wenn anamnestische Hinweise auf mögliche neurologische Störungen bestehen oder wenn sich solche Hinweise aus der Untersuchung ergeben.

Der Neurologe wird sich im Rahmen seiner Untersuchungen an ein gewisses Schema, eine Reihenfolge seiner Untersuchungsschritte halten. Der allgemeinmedizinisch tätige Therapeut untersucht dagegen eher gezielt in Abhängigkeit von den Symptomen, weil er den Patienten nach einer ersten Verdachtsdiagnose und mangels ausreichender Kompetenz ohnehin an den Neurologen überweisen wird. Von daher dürfte eine neurologische Diagnostik, die sich mit einer groben Überprüfung von Reflexen und Sensibilität sowie den wichtigsten Hirnnerven begnügt, vollauf genügen.

Das dafür benötigte Instrumentarium ist übersichtlich, preiswert und leicht zu handhaben. Es besteht neben dem Reflexhammer Reflexhammeraus einer Lichtquelle, einer Stimmgabel und Utensilien wie Pinsel, Wattestäbchen und stumpfen Nadeln, mit denen sich die Sensibilität überprüfen lässt, evtl. zusätzlich aus Reagenzgläsern, die sich mit kaltem bzw. warmem Wasser befüllen lassen. Dies stellt gleichzeitig die Grundausstattung des Neurologen dar, ergänzt durch Geräte zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie) oder Potenzialen in Muskeln (Elektromyographie).

Ursächliche Abklärungen in Zerebrum oder Rückenmark bedürfen häufig eines EEG, CT oder MRT sowie der Lumbalpunktion. In den ersten Lebensjahren, bei noch nicht verschlossenen Fontanellen, bietet der Ultraschall eine besonders wertvolle apparative Ergänzung. Dies gilt in jedem Lebensalter auch für die Untersuchung von Gefäßen, evtl. ergänzt durch die Angiographie.

Anamnese

Es gibt einzelne medizinischeAnamnese, neurologischeneurologische Anamnese Fachbereiche wie z. B. die Dermatologie, bei denen der geübte diagnostische Blick eine größere Bedeutung besitzt als die Erzählung des Patienten. Es gibt aber sehr viel mehr Bereiche, bei denen die Anamnese unabdingbarer Bestandteil der Untersuchung ist und oft genug bereits zur Verdachtsdiagnose führt. Zu dieser Gruppe gehört auch die Neurologie. Zunächst ist eine Anamnese eine subjektive Schilderung, mehrheitlich ein buntes Bild aus den eigentlichen Symptomen und vom Patienten vermuteten Zusammenhängen. Es ist Sache des Therapeuten, den Patienten im Rahmen seiner Schilderung durch gezielte Nachfragen dorthin zu führen, wo ein stabiles medizinisches Fundament entsteht, auf dem die weitere Anamnese und nachfolgende Untersuchung aufgebaut werden kann.
Wie bei jeder Anamnese stehen die Symptome, die den Patienten zum Therapeuten geführt haben, ihr Beginn, ihre tageszeitlichen Schwankungen, ihre Intensität und Abhängigkeit von äußeren oder inneren Einflüssen im Vordergrund. Eine allmähliche Entwicklung ist anders zu bewerten als ein akuter Beginn. Auslösende Ereignisse können (scheinbar) vorhanden sein oder fehlen. Grunderkrankungen wie z. B. ein Diabetes mellitus, medikamentöse Therapien z. B. mit Zytostatika, zurückliegende Unfälle oder Krankheiten können im Zusammenhang Bedeutung haben. Nach der persönlichen und beruflichen Situation, nach Risikofaktoren oder besonderen Ernährungsgewohnheiten sollte gefragt werden. Die Familienanamnese mit Erkrankungen oder neurologischen Auffälligkeiten naher Verwandter vermag im Einzelfall weitere Hilfestellungen zu geben. Nicht vergessen sollte man auch die Frage nach den bisher durchgeführten Untersuchungen und Therapien und ihren Ergebnissen.

Untersuchung der Hirnnerven (Abb. 3.1)

N. olfactorius (I)

Der I. Hirnnerv dient dem GeruchssinnGeruchssinn. HirnnervenUntersuchungEineNervusolfactorius (I) grobe Überprüfung seiner Funktion kann mit Fläschchen durchgeführt werden, die unterschiedliche aromatische, süßliche und saure Inhaltsstoffe enthalten und die der Patient, evtl. mit geschlossenen Augen identifizieren sollte. Man kann diese Untersuchung für die beiden Hirnnerven getrennt vornehmen, indem der Patient abwechselnd ein Nasenloch zudrückt.
Wenn man vom Patienten anamnestisch erfahren hat, dass er den Geschmack seiner Nahrung auseinanderhalten kann, kann man auf diese Untersuchung verzichten. Der Geschmackssinn der Zunge umfasst lediglich Rezeptoren für süß, salzig, sauer, bitter, umami und fettig. Dies bedeutet, dass bei deutlich eingeschränktem Geruchssinn die Speisen nicht mehr voneinander unterschieden werden können.

N. opticus (II)

Der II. HirnnervNervusopticus (II) überträgt die SehinformationenSehinformationen zur okzipitalen Sehrinde. Auge und Ohr, ihre Funktionen und Erkrankungen werden nebst den zugehörigen Hirnnerven III, IV und VI im Fach Sinnesorgane besprochen.

N. trigeminus (V)

Der V. Hirnnerv versorgt sensibel dieNervustrigeminus (V) Haut und Schleimhaut des Gesichts einschließlich der Zähne sowie die Dura mater. Motorisch innerviert er die Kaumuskulatur. Seine Kerngebiete befinden sich in der Brücke. Die drei peripheren Äste des Nervs sind an ihren Austrittsstellen Foramen supraorbitale, Foramen infraorbitale und Foramen mentale einer groben Überprüfung auf Druckschmerzhaftigkeit zugänglich (Abb. 1.55).
Masseterreflex
Die Überprüfung der motorischen Funktion kann durch den MasseterreflexMasseterreflex erfolgen, den einzigen monosynaptischen Reflex, der im Bereich des Kopfes ausgelöst werden kann. Man legt hierfür einen Finger quer auf das Kinn des Patienten und fordert ihn auf, seine Kaumuskulatur zu entspannen, den Unterkiefer also leicht absinken zu lassen. Der Schlag des Reflexhammers über den Finger auf den Unterkiefer führt bei ungestörter Funktion zu einem kurzen Anheben des Unterkiefers bzw. Schließen des Mundes.
Man kann den Patienten auch auffordern, kräftig die Zähne zusammenzubeißen. Palpatorisch kann hierbei die Anspannung und Verhärtung von M. masseter und M. temporalis erkannt werden.
Kornealreflex
Zu seiner Auslösung Kornealreflexwird ein Wattestäbchen von der Seite zum Auge des gegenüber sitzenden Patienten geführt. Die leichte Berührung der Kornea wird sensibel zum Hirnstamm und motorisch über den N. facialis auf den M. orbicularis oculi übertragen. Der Reflexerfolg dieses Fremdreflexes besteht im kräftigen Lidschluss.
Ist der Reflex abgeschwächt oder erloschen, sollte zwischen Läsionen von N. trigeminus und N. facialis unterschieden werden. Dafür muss lediglich die Kraftentwicklung eines willkürlich herbeigeführten Lidschlusses (VII) überprüft und der Patient nach der Berührungsempfindung durch das Wattestäbchen gefragt werden (V).

N. facialis (VII)

Der VII. Hirnnerv versorgt Nervusfacialis (VII)motorisch mit Ausnahme der Kaumuskulatur sämtliche Muskeln des Gesichts, das Platysma und den M. stapediusMusculusstapedius des Mittelohrs. Seine Funktion kann aus der Mimik abgeleitet werden. Man beobachtet also zunächst die Gleichseitigkeit von Lidspalten und Mundwinkel und fordert den Patienten anschließend auf, die Stirn zu runzeln und die Zähne zu zeigen bzw. zu pfeifen. Dabei achtet man besonders auf die Gleichseitigkeit von Stirnfalten und Mundstellung. Der Lidschluss wird am besten gegen den Widerstand der aufgelegten Therapeutenfinger überprüft. Zur Unterscheidung zwischen peripherer und zentraler Fazialisparese Kap. 1.10.7.

N. glossopharyngeus (IX)

Der IX. Hirnnerv Nervusglossopharyngeus (IX)innerviert sensibel und sensorisch Gaumen und Rachen sowie den hinteren Teil der Zunge (Geschmackssinn hauptsächlich für die Qualität bitter). Der SchluckreflexSchluckreflex wird über seine Fasern eingeleitet.
Seine Untersuchung erfolgt mit einem Watteträger bzw. Spatel, mit dem die Berührungsempfindung überprüft und das reflektorische Heben des Gaumensegels oder der Würgereflex ausgelöst werden. Der ausführende Teil dieser Fremdreflexe ist der N. vagus.

N. vagus (X)

Der X. Hirnnerv ist über Nervusvagus (X)die Innervation der Muskeln von Kehlkopf und oberen Speisewegen der ausführende Teil des SchluckreflexSchluck- oder auch WürgereflexWürgereflexes. Bei einseitigem Ausfall wird das Zäpfchen zur gesunden Seite hinübergezogen. Bei seinem Ausfall z. B. im Rahmen einer Diphtherie entsteht infolge einer Gaumensegelparese eine RegurgitationRegurgitation aufgenommener Flüssigkeiten durch die Nase. Bei Beteiligung der Kehlkopfmuskulatur kommt es zu Heiserkeit und Dyspnoe. Die Patienten „verschlucken“ sich häufig. Eine isolierte HeiserkeitHeiserkeit weist u. a. auf eine Lähmung des N. laryngeus recurrens, einen Ast des N. vagus.

N. accessorius (XI)

Der XI. Hirnnerv versorgt M. sternocleidomastoideusMusculussternocleidomastoideus Nervusaccessorius (XI)und M. trapeziusMusculustrapezius. Die Untersuchung entspricht den Funktionsüberprüfungen der beiden Muskeln (Fach Bewegungsapparat). Man lässt also den Patienten z. B. die Schultern gegen Widerstand der aufgedrückten Hände nach oben ziehen (M. trapezius) oder den Kopf gegen Widerstand zur Seite drehen (M. sternocleidomastoideus).

N. hypoglossus (XII)

Der XII. Hirnnerv innerviertNervushypoglossus (XII) motorisch die Zunge. Zur Untersuchung lässt man den Patienten die Zunge herausstrecken und rasch hin- und herbewegen. Man kann ihn auch auffordern, sich die Lippen zu belecken.

Reflexe

ReflexeReflexeReflexeUntersuchung werden, abgesehen von den Hirnnerven, auf Rückenmarksebene übertragen, ohne Einschaltung zerebraler Zentren. Sie können willentlich nicht gezielt unterdrückt, jedoch dadurch erschwert werden, dass der Patient angespannt ist bzw. die Muskeln, an denen der Reflexerfolg abgelesen wird, nicht locker lassen kann. Dabei können dann auch Seitendifferenzen entstehen, die vorschnell pathologischen Ursachen angelastet werden.
Andererseits kann bei unzureichender Reflexantwort an den Beinen auch eine BahnungBahnung durch den Jendrassik-HandgriffJendrassik-Handgriff erfolgen. Dabei verhakt der Patient die Finger beider Hände ineinander und versucht, sie auseinander zu ziehen (Abb. 3.2). Die Bahnung erfolgt über eine Aktivierung des extrapyramidalen Systems mit der Folge einer erhöhten Reflexbereitschaft. Zur Bahnung der Reflexe an den oberen Extremitäten lässt man den Patienten die Zähne zusammenbeißen.

Achtung

Grundsätzlich sollte man MuskeleigenreflexeMuskeleigenreflexeBahnungsversuch niemals für abgeschwächt oder erloschen erklären, solange man keinen Bahnungsversuch unternommen hat.

Das entscheidende Kriterium für die Beurteilung von Reflexen ist zunächst nicht die Stärke der Reflexantwort, sondern der Vergleich mit der Gegenseite, weil es bei der Lebhaftigkeit von Reflexen physiologischerweise große individuelle Unterschiede gibt. Erst wenn die Antwort für den Erfahrenen auffallend vom üblichen Schema abweicht, müssen pathologische Ursachen ausgeschlossen werden.
Neben den üblichen Eigen- und Fremdreflexen des Erwachsenen bzw. älteren Kindes, die z. B. mit dem Reflexhammer ausgelöst werden können, gibt es ein breites Spektrum an weiteren AutomatismenAutomatismen, die meist Fremdreflexe darstellen. Hierzu gehören u. a. die frühkindlichen ReflexeReflexefrühkindliche und Phänomene wie z. B. Such- und Saugreflex, die der Nahrungsaufnahme dienen. Oder die Halte- und Stellreflexe wie z. B. Greif- und Nackenreflexe oder das Schreitphänomen. Diese frühkindlichen Reflexe verlieren sich in den ersten Lebensmonaten bzw. spätestens bis zum Ende des 1. Lebensjahres. Dies gilt auch für Reflexe wie z. B. das Babinski-ZeichenBabinski-Reflex, die als pathologisch gelten, in diesem Lebensabschnitt aber lediglich die noch unvollkommene Ausreifung der zerebralen Strukturen aufzeigen.

Merke

Muskeleigenreflexe können beliebig wiederholt werden und erzeugen dabei die immer gleiche Reflexantwort. Dagegen sind Fremdreflexe ermüdbar; sie schwächen sich bei wiederholter Auslösung ab.

Muskeleigenreflexe

MuskeleigenreflexeEigenreflexeMuskeleigenreflexe sind Reflexemonosynaptischemonosynaptische Reflexe. Die sensible Information läuft aus den Spindeln eines Muskels und seiner Sehnen (Golgi-Sehnenorgan) überGolgi-Sehnenorgan Hinterwurzel und Hinterhorn direkt zur motorischen Vorderhornzelle, die genau diesen Muskel motorisch innerviert (Abb. 3.3, Abb. 1.72 links). Dort befindet sich die einzige Synapse zwischen sensibler Meldung und motorischem Erfolg, der in einer Reflexzuckung des Muskels besteht. Damit sind Reizort und Erfolgsorgan identisch.
Den entscheidenden Beitrag zur Auslösung der Reflexe leisten die Muskelspindeln, die als sensible, schnell ansprechende Fühler auchMuskelspindeln kleinste Längenänderungen des Muskels registrieren. Die Ansprechschwelle kann allerdings durch die extrapyramidalen γ-Fasern des Vorderhorns in gewissen Grenzen variiert werden. Dagegen stellen Sehnenspindeln Spannungsfühler dar (Sehnen sind unelastisch), mit weit höherer Ansprechschwelle.
Der biologische Sinn der Eigenreflexe liegt in der reflektorischen Stabilisierung der Körperlage. Die Stützmotorik kann damit akute Einwirkungen von außen durch Anpassung ihres Tonus abfangen.
Untersuchung
EigenreflexeEigenreflexeUntersuchung MuskeleigenreflexeUntersuchungdienen der Überprüfung verschiedener Rückenmarksegmente in Bezug auf ihre (ungestörte) Funktion.
Die untersuchte Extremität sollte in eine Mittenstellung verbracht und der Patient dazu aufgefordert werden, möglichst locker zu lassen.
Bei der Verwendung des ReflexhammerReflexhammers beobachtet man häufig denselben Fehler wie bei der Perkussion: Reflexhammer bzw. Perkussionsfinger werden krampfhaft bzw. steif als Verlängerung des Arms eingesetzt anstatt locker aus dem Handgelenk. Auf diese Weise erhält man weder eine zuverlässige Reflexzuckung noch ein verwertbares Perkussionsgeräusch. Von Bedeutung sind auch Größe und Gewicht des Hammers, der im Wesentlichen aufgrund seiner eigenen Schwere aus dem Handgelenk heraus auf die Sehne fällt. Es ist eine Reihe von Reflexhämmern im Gebrauch, die man besser als „Hämmerlein“ bezeichnen sollte und die als medizinisches Spielzeug für Kinder durchaus geeignet sind, nicht jedoch für ihren eigentlichen therapeutischen Einsatzzweck. Dagegen spielt es keine Rolle, welche gummierte Seite des Hammers benutzt wird; manche besitzen aus diesem Grund auch nur eine einzige.
Der Schlag mit dem Reflexhammer erfolgt also locker und kurz auf die Sehne des überprüften Muskels, direkt vor deren Insertion am Knochen und mit ausreichendem Abstand zum muskulären Übergang. Direkt anschließend erfolgt als Antwort eine ebenso kurze Zuckung des abrupt überdehnten Muskels. Ist die Reaktion ausreichend deutlich und mit der Gegenseite weitgehend übereinstimmend, kann von der Intaktheit dieses Segments ausgegangen werden.
Hyporeflexie
Deutlich abgeschwächteHyporeflexie Reflexe in allen Segmenten, besonders auffallend häufig beim ASR, finden sich v. a. bei der HypothyreoseHypothyreoseHyporeflexie. Bestehen bei einer generalisierten, symmetrischen Hyporeflexie bei einem sonst unauffälligen Patienten keine diesbezüglichen Hinweise im Serum, kann man von einer individuell abgeschwächten Reflexantwort ohne pathologische Bedeutung ausgehen.
Hyperreflexie
Auffallend lebhafte HyperreflexieReflexe können ebenfalls individuell und physiologisch sein, doch gilt auch hier, dass man vor dieser Einstufung pathologische Ursachen ausschließen sollte:
  • Die generalisierte Hyperreflexie bei einem unruhigen, schwitzenden Patienten weist auf eine HyperthyreoseHyperthyreoseHyperreflexie hin, würde aber auch zum PhäochromozytomPhäochromozytom, Hyperreflexie passen. Auch hier ist die gesteigerte Reflexantwort besonders deutlich am ASR abzulesen.

  • Sind einzelne Reflexe im Vergleich zur Gegenseite gesteigert, ist dies ein Hinweis auf pyramidale motorische Störungen im Segment.pyramidale motorische Störungen

  • Eine SpastikSpastik als Folge des Ausfalls der PyramidenbahnPyramidenbahnAusfall geht nach einer initialen Übergangsphase stets mit einer Hyperreflexie einher.

Klonus
Entstehen Klonus/Klonizusätzlich zur Hyperreflexie mehrfach wiederholte Reflexzuckungen Reflexzuckungenals Antwort auf einen einzelnen Dehnungsreiz, bezeichnet man dies als Klonus. Ein Klonus kann erschöpflich sein, indem es lediglich zu einigen wenigen Nachzuckungen kommt, oder unerschöpflich, wenn er über längere Zeit bestehen bleibt.
Erschöpfliche Kloni können physiologischerweise durch anhaltende Dehnung einer Sehne ausgelöst werden. Beispielsweise kann man den ASR als erschöpflichen Klonus auslösen, wenn man den Patientenfuß abrupt nach dorsal flektiert. Einen Klonus des PSR (= Patellarklonus) erhält man, wenn man die Patella abrupt und anhaltend nach distal schiebt.
Unerschöpfliche Kloni entstehen dagegen beim Ausfall des 1. motorischen Neurons, sind also pathologisch und stellen ein Pyramidenbahnzeichen dar.PyramidenbahnzeichenKloni, unerschöpfliche
Die wichtigsten Eigenreflexe
Es existiert eine Vielzahl EigenreflexeMuskeleigenreflexevon Reflexen, die überprüft werden können (Tab. 3.1), doch ist ein beachtlicher Teil davon entbehrlich, weil er lediglich ein Segment überprüft, das bereits durch einen weiteren Reflex abgedeckt ist. Zum Beispiel überprüfen sowohl der Trizepssehnenreflex (TSR) als auch der Radiusperiostreflex (= Brachioradialisreflex) den N. radialis, wenn auch in unterschiedlichen Anteilen. Der Adduktorenreflex (ADR) des Oberschenkels überprüft ebenso wie der Patellarsehnenreflex (PSR) das Segment L4. Auch hier werden unterschiedliche periphere Zweige differenziert, doch hat dies eigentlich nur für den Facharzt größere Bedeutung. Man kann sich also im Praxisalltag auf die wesentlichen Reflexe beschränken (fett gedruckt in Tab. 3.1) und erhält damit einen ausreichend genauen Überblick über die neurologischen Funktionen bzw. deren Störungen.

Fremdreflexe

Bei FremdreflexenFremdreflexe unterscheiden sich Reizort und Erfolgsorgan. Üblicherweise betrifft der Reiz sensible Nerven der Haut, während sich der Erfolg in der Zuckung eines Muskels zeigt, der im Bereich der gereizten Stelle liegt. Die Übertragung im Rückenmarksegment auf das motorische Neuron des Vorderhorns erfolgt stets über ein oder mehrere ZwischenneuroneZwischenneurone (Abb. 3.4, Abb. 1.72 rechts). Damit liegen zwei oder mehr Synapsen zwischen sensibler Meldung und motorischer Antwort: Fremdreflexe sind polysynaptisch.Reflexepolysynaptische
Physiologische Fremdreflexe
Übliche und problemlos überprüfbare FremdreflexeFremdreflexe (Tab. 3.2) gibt es längst nicht in der großen Zahl der Eigenreflexe. Letztendlich reduzieren sich die Möglichkeiten, abgesehen vom PupillenPupillenreflex- und KornealreflexKornealreflex, auf BauchhautreflexBauchhautreflex, CremasterreflexCremasterreflex und AnalreflexAnalreflex, wobei die beiden letzteren aus verständlichen Gründen kaum angewendet werden. Der Bauchhautreflex kann bei sehr schlaffen und/oder sehr fettreichen Bauchdecken so weit abgeschwächt sein, dass die Grenze zum Pathologischen verschwimmt.
Pathologische Fremdreflexe
Neben den physiologischen gibt es auch pathologische Fremdreflexe. Der wichtigste ist der Babinski-Reflex (Babinski-Zeichen). FremdreflexeBabinski-ReflexDas Bestreichen der lateralen Fußsohle mit einem Holzstäbchen oder Stift, von der Ferse in Richtung Vorfuß, löst beim Gesunden eine tonische Bewegung sämtlicher Zehen nach plantar aus („Greifreflex“). Beim Ausfall der Pyramidenbahn führt dieser Reiz jedoch zu einer tonischen Dorsalextension der Großzehe, unter gleichzeitiger Spreizung und Plantarflexion der weiteren Zehen. Das Zeichen bedarf häufig einer längeren Reizung der Fußsohle, bis es erscheint. Man kann sein Erscheinen beschleunigen, indem man den Strich an der lateralen Fußsohle, sobald man am Vorfuß angekommen ist, in Richtung der Großzehe (nach medial) verlängert. Sicher verwertbar ist das Zeichen nur, wenn die Dorsalextension tonisch so lange anhält, wie der Reiz andauert.
Ein positives Babinski-Zeichen gehört zu den PyramidenbahnzeichenSpastikPyramidenbahnzeichen und ist in der Regel verbunden mit einer Spastik und Hyperreflexie, evtl. mit unerschöpflichem Klonus, Hyperreflexieder betroffenen Seite. Fremdreflexe wie der BHR sind zumeist nicht mehr auslösbar.
Dagegen ist die periphere LähmungLähmungenperiphereLähmungenschlaffe bei Läsion des motorischen Nervs bzw. Schädigung der motorischen Endplatte eine schlaffe Lähmung. Jegliche Eigen- und Fremdreflexe sind im betroffenen Segment erloschen. Pathologische Reflexe sind nicht auslösbar. Die über längere Zeiträume nicht mehr innervierte Muskulatur atrophiert.

Exkurs

Die Ursache dafür, dass eine Schädigung der PyramidenbahnPyramidenbahnSchädigung mit einer Lähmungenspastischespastischen Lähmung, gesteigerten Eigenreflexen bis hin zum Klonus und dem Auftreten pathologischer Reflexe verbunden ist, ist in der Verschaltung der motorischen Hirnrinde begründet: Nur gut 50 % der Fasern, die vom Gyrus precentralis durch die Capsula interna als Pyramidenbahn in Richtung Rückenmark laufen, kommen dort auch tatsächlich an. Die restlichen Fasern ziehen zu zahlreichen Kernen und Strukturen – von den Basalganglien (z. B. Striatum) über extrapyramidale Kerne des Hirnstamms, motorische Kerne der Hirnnerven und Formatio reticularis bis hin zum Kleinhirn.

Zusätzliche Bedeutung besitzt die Aktivierung von BereitschaftspotenzialenBereitschaftspotenziale in Stirnlappen und weiteren kortikalen Arealen einschließlich der kontralateralen Hemisphäre, die nicht nur für die eigentliche Bewegung aus dem Gyrus precentralis, sondern auch für das „Umfeld“ der Bewegung wichtig ist. So wird z. B. parallel bzw. bereits kurz vor der Ausführung von Bewegungen das (extrapyramidale) Gammasystem an die beabsichtigte Bewegung angepasst. Dies führt beim Gesunden zu einer Tonuserhöhung der in Anspruch genommenen Muskulatur, noch bevor deren eigentliche (willkürliche) Aktivität erkennbar wird. Das Kleinhirn koordiniert die Motorik durch Verschaltungen sowohl mit den pyramidalen als auch mit den extrapyramidalen Systemen unter Einschluss der Basalganglien.

Die eigentliche Pyramidenbahn stellt also lediglich einen Teilaspekt eines umfassenden Systems dar, das auch dann auf die Muskulatur einwirkt, wenn der Gyrus precentralis z. B. im Rahmen eines Schlaganfalls ausgefallen ist. Zusätzlich kommen dessen Informationen auch von der (nicht geschädigten) Gegenseite zum Skelettmuskel. Schließlich bestehen auch noch Quervernetzungen der sensiblen, motorischen und vegetativen Nerven in den einzelnen Rückenmarksegmenten, wodurch sensible oder vegetative Reize auf die Motorik übertragen werden und dort zu Kontraktionen führen. Im Ergebnis entsteht eine erhebliche „Vorspannung“ (Spastik) Spastikund „Habt-Acht-Stellung“ mit resultierender HyperreflexieHyperreflexie Habt-Acht-Stellungauf Rückenmarksebene, die sogar dann eintritt, wenn infolge eines kompletten Querschnittsyndroms selbst die extrapyramidale Motorik nicht mehr bei der Skelettmuskulatur ankommt.

Allerdings gilt es zu beachten, dass der akute Ausfall der Pyramidenbahn, z. B. bei einem Schlaganfall im Bereich des Gyrus precentralis, direkt nach dem Ereignis eine schlaffe Lähmung erzeugt, weil die an die extrapyramidale Motorik gerichteten Informationen aus dem Gyrus und seinem Umfeld genauso ausgefallen sind wie die Willkürmotorik selbst. Erst nach Stunden, Tagen oder Wochen übernimmt das extrapyramidale System in Eigenregie die muskuläre Stabilisierung der Skelettmuskulatur, wodurch die Spastik entsteht. Noch länger, Wochen bis Monate dauert es, bis sich bei einem akuten QuerschnittssyndromQuerschnittssyndrom aus der schlaffen Lähmung spastische Kontraktionen bis hin zu muskulären Automatismen entwickeln, weil in diesen Fällen auch das extrapyramidale System nicht mehr stabilisierend zur Verfügung steht. In diesen Fällen wird die Spastik nur noch in den peripheren Segmenten distal der vollständigen Leitungsunterbrechung aufgrund der dort bestehenden Vernetzungen zwischen Motorik, Sensibilität und Vegetativum verursacht.

Sensibilität

Sensible InformationenSensibilität gelangen als TastsinnTastsinn (Berührung, Druck, Kitzel und Vibration), VibrationsempfindungKitzel als JuckreizJuckreiz, SchmerzSchmerzempfinden, WärmeempfindenWärme und KälteempfindenKälte ins BerührungsempfindlichkeitDrucksinnBewusstsein. Während der Schmerz der Körperoberfläche von frei liegenden sensiblen Fasern aufgenommen wird, ist dies im Körperinnern, in Organen und Geweben Aufgabe des Vegetativums, hauptsächlich des Sympathikus. Die Untersuchung der sensiblen Qualitäten erfolgt im Praxisalltag lediglich grob orientierend und mit einfachsten Hilfsmitteln.

Varianten gestörter Sensibilität

Parästhesie
Sensible Irritationen, die der SensibilitätsstörungenPatient schildert, bestehen als Juckreiz oder Schmerz oder in Form von ParästhesienParästhesien. Dies sind Missempfindungen, Missempfindungendie als Kribbeln, „Ameisenlaufen“, AmeisenlaufenGefühllosigkeit empfunden werden, teils spontan zu bestimmten Zeiten oder auf Dauer und teilweise auch erst bei Berührungsreizen. Sie können als Teil fassbarer nervaler Störungen wie einer Mono- oder Polyneuropathie auftreten, stellen aber besonders häufig lediglich das Korrelat von Gelenkblockaden Gelenkblockadendar. PolyneuropathieMononeuropathieIn diesen Fällen entstehen sie regelhaft in der Ruhe, um bei beginnender Bewegung in den betroffenen Gelenken nachzulassen oder ganz zu verschwinden. Ein besonders häufig zu beobachtendes Beispiel besteht in Parästhesien in den Fingern beim morgendlichen Erwachen, das nach einigen Bewegungen der Arme wieder abklingt. Ursache sind Blockaden in der mittleren oder unteren HWS (Plexus brachialis), sodass häufig gleichzeitig über Verspannungen im Bereich von Schulter und Hals geklagt wird.
Neuralgie
Dieser Begriff steht für NeuralgieSchmerzen (Algos) in einzelnen Nerven oder Nervenplexus, die oft wellenförmig bzw. anfallsartig auftreten. Es handelt sich um reißende, ziehende oder brennende SchmerzenKausalgie (= Kausalgie von Kausis = Brennen) im Versorgungsgebiet eines oder mehrerer Nerven, die wie bei der TrigeminusneuralgieTrigeminusneuralgie nicht immer einer Ursache zuzuordnen sind. Weitere Beispiele bieten die Neuralgie im Segment eines Herpes ZosterHerpes zoster oder die Wurzelirritation von Nerven, die von einem BandscheibenvorfallBandscheibenvorfallHypästhesien bedrängt werden. Hier bestehen dann oft gleichzeitig Hypästhesien durch den Ausfall einzelner sensibler Fasern sowie Hypästhesienmotorische Störungen bei gleichzeitiger Schädigung der Motoneurone.
Phantomschmerzen
Dies sind SchmerzenPhantomschmerzen in einem Phantom, also überwiegend in einer durch Amputation entfernten Extremität, wobei zerebral oft noch für längere Zeit nach der Amputation spontan oder bei Berührung des Stumpfes das fehlende Glied schmerzt oder zumindest scheinbar vorhanden ist und sogar noch „bewegt“ werden kann. Die Ursache liegt weniger in einer nervalen Irritation im Stumpfbereich, sondern mehr in einer gesteigerten Erregbarkeit derjenigen Areale in Gyrus post- und precentralis, die für das fehlende Glied zuständig waren. Dies bedeutet, dass solche Phantomempfindungen auch bei einem angeborenen Fehlen von Gliedmaßen beobachtet werden können.

Überprüfung der Sensibilität

Berührungsempfindlichkeit
Sie erfolgt z. B. mit einem SensibilitätUntersuchungBerührungsempfindlichkeitWattestäbchen, das in verschiedenen Segmenten leicht über die Haut geführt wird. Der Patient soll angeben, ob und wo er den Reiz wahrnimmt. Man kann zusätzlich in die Qualitäten spitz und stumpf differenzieren, indem man in unregelmäßigem Wechsel einmal mit der wattierten Seite und einmal mit der Rückseite, die man durch Abbrechen des Stäbchens zugespitzt hat, Berührungsreize setzt.
Mit dem Zeigefinger oder einem stumpfen Stäbchen werden auf verschiedene Areale von Rumpf und Extremitäten Zahlen geschrieben, die der Patient mit geschlossenen Augen erkennen soll. Während die Zahlen am Rumpf aufrecht stehen, werden sie an den Extremitäten so geschrieben, dass sie von proximal gelesen werden könnten.
Vibrationsempfindung
Beim Diabetiker ist der VibrationsempfindungVerlust des Vibrationsempfindens oft ein früher Hinweis auf die beginnende Polyneuropathie. Überprüft wird sie mit einer Stimmgabel, die man auf knöcherne Strukturen wie z. B. Ellenbogen, distalen Radius, Dornfortsätze, Patella, Tibia oder Knöchel aufsetzt. Der Patient sollte mit geschlossenen Augen angeben, ob und wie lange er die Schwingungen empfindet. Mit den skalierten Stimmgabeln, die für diesen Einsatzzweck zur Verfügung stehen, lässt sich recht genau eine Zuordnung treffen, ob und in welchem Umfang bereits Einschränkungen bestehen.
Temperaturempfindung
Die Untersuchung erfolgt mit Temperaturempfindungzwei Reagenzgläsern, die man mit kaltem bzw. warmem Wasser gefüllt hat und die man in variabler Reihenfolge an verschiedene Körperstellen hält.
Stereognosie
Mit diesem BegriffStereognosie bezeichnet man die Fähigkeit des Patienten, Gegenstände mit geschlossenen Augen durch den TastsinnTastsinn der Hände zu erkennen. Bei eingeschränktem Tastsinn ist in der Regel auch die Motorik der Hände beeinträchtigt.

Meningismus und Dehnungsreize

Die verschiedenen MeningismusZeichen, die für diese Untersuchungen zur Verfügung stehen (Abb. 3.5), ergeben sowohl Hinweise auf WurzelreizungenWurzelreizung peripherer Nerven als auch auf zerebral-entzündliche Vorgänge wie v. a. eine MeningismusMeningitisMeningitisMeningitisMeningismus. Dies stellt allerdings im medizinischen Alltag kein Problem dar, weil sich Wurzelirritationen hinsichtlich ihrer Gesamtkonstellation leicht von einer Meningitis abgrenzen lassen.
Zeichen nach Lasègue
Beim auf dem Rücken liegendenLasègue-Zeichen Patienten wird das gestreckte Bein passiv angehoben. Besteht eine Wurzelreizung lumbal oder sakral, z. B. durch Bandscheibenvorfall, Osteochondrosis oder Tumor, wird die Bewegung durch den Patienten schmerzbedingt gehemmt. In Abhängigkeit vom noch erzielbaren Bewegungsumfang kann das Ausmaß der Wurzeleinengung abgeschätzt werden. Denselben Hinweis erhält man, wenn der Schmerz durch einen Meningismus ausgelöst wird.
Das Zeichen kann auch kontralateral am gesunden Bein durchgeführt werden. Während der Bewegungsumfang bei einer Meningitis demjenigen des anderen Beines entspricht, ist der erreichbare Winkel bei einer Wurzelirritation ungleich größer. Wenn es dann doch zu Schmerzen kommt, entstehen sie auf der erkrankten Seite.
Als umgekehrten Lasègue umgekehrter Lasèguebezeichnet man die Untersuchung in Bauchlage des Patienten. Dabei wird das Bein passiv im Kniegelenk gebeugt und im Hüftgelenk überstreckt. Schmerzen entstehen dabei überwiegend bei Wurzelreizungen der Segmente L2–L4.
Kernig-Zeichen
Der Untersucher beugt dasKernig-Zeichen Bein des auf dem Rücken liegenden Patienten sowohl im Hüft- als auch im Kniegelenk (90°) und versucht aus dieser Ausgangslage heraus, das Bein im Kniegelenk zu strecken. Sollte das vollständig gelingen und vom Patienten nicht schmerzbedingt unterbunden werden, ist diese Endstellung keine andere als diejenige eines gestreckten Beins, das beim Lasègue-Versuch in 90° Hüftbeugung gebracht wurde. Insofern kann der Kernig auch als Teilaspekt des Lasègue angesehen werden.
Brudzinski-Zeichen
Dieses Zeichen steht bei positivem Ausfall primär für einen Meningismus, könnte jedoch ebenfalls (angedeutet) bei einer seBrudzinski-Zeichennsiblen Wurzelreizung entstehen. Der Untersucher beugt (inkliniert) den Kopf des auf dem Rücken liegenden Patienten. Bei Reizung der Hirnhäute beugt der Patient bei diesem Versuch zur Druckentlastung die Beine in Hüft- und Kniegelenk.
Als positives Lhermitte-ZeichenLhermitte-Zeichen (NackenbeugezeichenNackenbeugezeichen) wird bei diesem Versuch gewertet, wenn der Patient während der Inklination Parästhesien verspürt, die sich über die Wirbelsäule nach kaudal erstrecken. Dieses Zeichen ist bei entzündlichen oder tumorösen Veränderungen des Rückenmarks häufig positiv, u. a. bei Multipler Sklerose.

Apparative Diagnostik

Neurologische Störungenneurologische Diagnostik, apparative erfordern in Abhängigkeit von den Symptomen des Patienten, der Anamnese und dem Ergebnis einer ersten klinischen Untersuchung häufig eine weiterführende Diagnostik. Die wichtigsten Maßnahmen im Sinne einer abschließenden Diagnostik bestehen in EEG, CT (evtl. mit Angiographie), MRT und Lumbalpunktion. Die Dopplersonographie der zuführenden Gefäße wird bei entsprechenden Fragestellungen durchgeführt. Auffallende Serumparameter sind dagegen bei neurologischen Erkrankungen eher selten aussagekräftig bzw. wegweisend, wenn man einmal von spezifischen Antikörpern oder der Blutkultur beim Verdacht auf infektiöse Veränderungen absieht.

Liquordiagnostik

Der Liquor cerebrospinalis wird Liquordiagnostiküblicherweise mit einer LumbalpunktionLumbalpunktionLiquordiagnostik entnommen. Vor allem bei infektiösen Erkrankungen des ZNS kann dadurch über die Zellzahl, Eiweiß- und Glukosegehalt oder Blutbeimischungen, im Idealfall auch über Kultur oder PCR auf den Erreger geschlossen werden.
Lumbalpunktionen haben unter äußerst sterilen Bedingungen zu erfolgen, weil eine Einschleppung geringster Erregerzahlen zur Meningitis oder Enzephalitis mit unsicheren Behandlungsmöglichkeiten bzw. unklarem Ausgang führen würde. Man kann vor der Punktion eine Lokalanästhesie durchführen, doch ist die Punktion selbst nicht allzu schmerzhaft, während die Lokalanästhesie ihrerseits geringe Schmerzen verursacht.
Das Rückenmark endet mit dem Conus medullaris beim Erwachsenen spätestens auf Höhe L2. Eine Punktion zwischen L3 und L4, alternativ bei L2/L3 oder L4/L5 kann also keine Schädigung verursachen (Abb. 3.6). Der Cauda equina steht im Spinalkanal sehr viel Platz zur Verfügung, sodass ihre Fasern nicht „punktiert“ werden können. Sie weichen vielmehr der Nadelspitze aus. Der Liquor wird nicht wie bei einer Blutentnahme mit der Spritze entnommen, sondern tropft durch die Punktionsnadel in ein darunter gehaltenes Behältnis. Entnommen werden 1 bis maximal 2 ml Liquor.
Komplikationen
Bei einer ausgeprägten intrakraniellen Drucksteigerung kann es durch die plötzliche Druckentlastung durch den abfließenden Liquor zuHirnstammeinklemmung, Drucksteigerung, intrakranielle Einklemmungen des Hirnstamms kommen. Bei unklaren Bedingungen erfolgt deshalb zunächst eine Abklärung durch CT oder Spiegelung des Augenhintergrunds, bei der die Papille beurteilt wird.
Im Gegensatz zu früheren Jahren entsteht heute eher selten das postpunktionelle LiquorunterdrucksyndromLiquorunterdrucksyndrom, postpunktionelles. Dabei entstehen heftige KopfschmerzenKopfschmerzenLiquorunterdrucksyndrom, evtl. verbunden mit Schwindel, Übelkeit und Kollapsneigung über Stunden oder Tage. Ursache ist nicht die geringe Menge entnommenen Liquors, sondern ein anschließendes Nachlaufen in den Stichkanal. Man verwendet deshalb inzwischen möglichst dünne bzw. atraumatische Nadeln, mit denen dieses Risiko gering geworden ist. Trotzdem wird – zumindest bei Punktionen in der Klinik – empfohlen, dass der Patient im Anschluss an die Punktion über Stunden (bis zu 24 Stunden) flach auf dem Rücken liegen bleibt.

EEG

Die Elektroenzephalographie (EEG) Elektroenzephalogramm (EEG)stellt eine wertvolle Ergänzung der weiteren Untersuchungsmöglichkeiten dar. Für die Epilepsiediagnostik ist sie ohne Alternative. EpilepsieEEG
Analog zum EKG des Herzens zeichnet das EEGEEG s. Elektroenzephalographie die pseudoelektrischen (ionalen) Potenzialepseudoelektrische (ionale) Potenziale, EEG in den verschiedenen Hirnarealen auf. Dies kann sich allerdings, wiederum analog zu den ableitbaren Potenzialen des Herzens, nicht auf einzelne Zellen oder umschriebene Zellverbände beziehen, denn dazu müssten Nadeln durch Kopfschwarte und Schädel hindurch in die einzelnen zerebralen Anteile eingebracht werden. Man erhält also im EEG lediglich Summenpotenziale großer Neuronenverbände, SummenpotenzialeSummenpotenzialewobei eine genaue Zuordnung der verschiedenen Wellen zu den Arealen oder auch nur zur Art der Aktionspotenziale noch immer nicht gelungen ist. Man vermutet jedoch, dass es sich um Potenziale erregter Nervenzellen, also um postsynaptische Potenzialepostsynaptische Potenziale handelt.
Abgenommen wird das EEG standardisiert über mindestens 16 Elektroden, die der Kopfhaut anliegen (Abb. 3.7). Da lediglich Summenpotenziale abgegriffen und verstärkt an das Aufzeichnungsgerät weitergeleitet werden, ist das EEG weder schmerzhaft noch potenziell schädlich noch mit sonstigen Risiken verbunden. Der Zeitaufwand beträgt etwa 30 Minuten. Es kann je nach Fragestellung beliebig oft wiederholt werden.

Hinweis Prüfung

Das EEG ist im Detail weder für den Praxisalltag des Nicht-Neurologen noch für die Heilpraktikerprüfung von Bedeutung. Es braucht nicht weiter besprochen zu werden.

CT und MRT

Die Technik von ComputertomographieComputertomographie (CT), neurologische Störungen (CT) und MagnetresonanztomographieMagnetresonanztomographie (MRT)neurologische Störungen (MRT;Abb. 3.8) braucht nicht besprochen zu werden. Beide Verfahren liefern mit den modernen Geräten, vom Computer aufbereitet und in dreidimensionale Bilder übersetzt, Bilder zerebraler oder spinaler Strukturen in bestechender Qualität. Während das CT letztendlich nichts anderes darstellt als eine Serie von Röntgenaufnahmen, einschließlich der resultierenden Strahlenbelastung, ist das MRT frei von radioaktiven Strahlen. Da die Qualität seiner Aufnahmen eher noch höher einzuschätzen ist, stellt es die bevorzugte Untersuchungsmethode dar.

PET

Die Positronenemissionstomographie (PET) stellt ein modernes Verfahren dar, mit dem die metabolische Aktivität verschiedener Körperareale gemessen werden kann. Man injiziert dem PatientenPET s. Positronenemissionstomographie Positronenemissionstomographie (PET)eine geringe Menge radioaktiv markierte, also elektronenartige Teilchen (Positronen) abstrahlende Glukose (Fluor-Desoxyglukose). Glukose stellt für jedes Gewebe einschließlich Tumorgewebe den Hauptbrennstoff dar. Die Fluor-Desoxyglukose wird sich also auf dem Blutweg in sämtliche Organe verteilen und dort entsprechend der Aktivität der Gewebe aus dem Blut entnommen werden.
Mit dem Verfahren lassen sich präzise Aussagen über die regionale Durchblutung und aktuelle Aktivität gesunder Gewebe treffen. Besonders aktiv ist in der Regel Tumorgewebe, sodass die vermehrte Entnahme aus dem Blut auch zu einer verstärkten Anreicherung in diesem Gewebe führen muss.
Gemessen wird die geringe Strahlung mit hochempfindlichen Detektoren, verarbeitet und übersetzt werden die Bilder wiederum vom Computer (Abb. 3.9). Um sie den verschiedenen Körperarealen korrekt und detailgetreu zuordnen zu können, werden die Aufnahmen einem parallel durchgeführten CT zugeordnet (PET-CT).
Große Bedeutung besitzt die PET bei neurologischen Erkrankungen Parkinson-SyndromPETAlzheimer-Demenz/-KrankheitPETwie Morbus Parkinson oder Morbus Alzheimer und ganz pauschal bei der Suche nach Tumoren und Tumormetastasen, die sich mit der allgemeinen Routinediagnostik nicht zuverlässig darstellen lassen.

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