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B978-3-437-58112-0.00005-4

10.1016/B978-3-437-58112-0.00005-4

978-3-437-58112-0

Charakteristika von Neurose und Psychose

Tab. 5.1
Psychose Neurose
Schwere der Beeinträchtigung sehr schwer eher leicht
Bezug zur Realität weitgehend verloren erhalten
Soziale und berufliche Funktionsfähigkeit verloren erhalten
Ich-Identität verloren erhalten

Psychiatrie – Einführung und Diagnostik

  • 5.1

    Definitionen173

  • 5.2

    Die Begriffe Neurose und Psychose173

  • 5.3

    Diagnostik psychischer Störungen174

    • 5.3.1

      Das diagnostische Erstgespräch174

    • 5.3.2

      Testverfahren175

  • 5.4

    Psychosomatik175

Definitionen

PsychiatriePsychiatrie ist die Lehre von den seelischen Krankheiten seelische Krankheitendes Menschen. Sie befasst sich mit deren Erforschung, Diagnostik und Therapie, der Prophylaxe (Vorbeugung) psychischer Erkrankungen sowie mit der Rehabilitation (Wiedereingliederung) psychisch kranker Menschen.
Im Laufe der Jahrzehnte haben sich viele Teilgebiete der Psychiatrie entwickelt. Zu ihnen zählen:
  • PsychopathologiePsychopathologie: Lehre von den Leiden der Seele. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Methodik, mit der psychischepsychische Störungen Veränderungen systematisch erfasst werden.

  • forensische PsychiatriePsychiatrieforensische: forensische PsychiatrieDiese Teildisziplin untersucht Zusammenhänge zwischen Straftaten und seelischen Störungen. Viele Straftäter sind aufgrund schwerer psychischer Störungen schuldunfähig. Sie werden in speziellen Einrichtungen betreut.

  • SozialpsychiatrieSozialpsychiatrie: Fachrichtung der Psychiatrie, welche die Bedeutung von sozialen Faktoren für Entstehung und Aufrechterhaltung seelischer Krankheiten untersucht. Zu den sozialen Faktoren zählen sowohl zwischenmenschliche Beziehungen in der Familie als auch gesamtgesellschaftliche Faktoren.

  • PsychopharmakologiePsychopharmakologie: Erforschung der Möglichkeiten der Beeinflussung von seelischen Krankheiten durch Medikamente

  • Kinder- und Jugendpsychiatrie: Kinder- und JugendpsychiatrieErkennung und Behandlung von seelischen Störungen vom Säuglingsalter bis zum vollendeten 18. Lebensjahr

  • psychosomatische Medizinpsychosomatische Medizin: eigenständige Forschungsrichtung, welche die wechselseitigen Einflussfaktoren zwischen seelischen und körperlichen Prozessen untersucht

  • VerhaltensmedizinVerhaltensmedizin: Anwendung von verhaltenstherapeutischen Konzepten auf seelische (und körperliche) Krankheiten

  • GerontopsychiatrieGerontopsychiatrie: Fachgebiet mit zunehmender Bedeutung, das sich mit seelischen Krankheiten von Menschen im höheren Lebensalter beschäftigt. Besonders die zunehmende Anzahl von Demenzen hat diese Teildisziplin in den vergangenen Jahren so bedeutsam gemacht.

  • biologische PsychiatriePsychiatriebiologische: biologische PsychiatrieErforschung der Einflüsse von Vererbungsfaktoren auf die Entstehung seelischer Krankheiten

Zu den Berufsgruppen, die mit Patienten psychiatrisch oder psychotherapeutisch arbeiten, zählen ärztliche und nichtärztliche:
  • Psychiater

  • Neurologen

  • Fachärzte für psychotherapeutische Medizin

  • Kinder- und Jugendpsychiater

  • Psychologen

  • Psychotherapeuten

  • Ergotherapeuten

  • Sozialpädagogen

  • Physiotherapeuten

  • Musik- und Kunsttherapeuten

  • speziell geschultes Pflegepersonal

  • Heilpraktiker (auch sie dürfen psychotherapeutisch tätig werden)

Ärzte, im Besonderen Psychiater, dürfen als einzige PsychopharmakaBerufsgruppe Psychopharmaka verschreiben. Auch die Entscheidung, ob ein Patient in eine psychiatrische Klinik psychiatrische Klinikaufgenommen werden muss, kann nur von einem Arzt bzw. Psychiater gefällt werden.

Merke

1999 ist in Deutschland das Psychotherapeutengesetz Psychotherapeutengesetzin Kraft getreten. Seitdem ist der Begriff „Psychotherapeut“ geschützt und darf nur von ärztlichen oder psychologischen Therapeuten mit entsprechender Zusatzausbildung benutzt werden. Der Heilpraktiker darf zwar Psychotherapie ausüben, sich aber nicht Psychotherapeut nennen.

Die Begriffe Neurose und Psychose

Für den Anfänger auf dem Gebiet der Psychiatrie ist die Lage verwirrend. Einerseits werden die Begriffe NeuroseNeurosen und PsychosePsychosen ständig verwendet, andererseits liest man, dass diese Bezeichnungen veraltet sind. Dies sind Begriffe, die an das psychoanalytische Gedankengebäude geknüpft sind, das in der psychiatrischen Fachwelt an Bedeutung verloren hat. Die Unterscheidung zwischen Neurose und Psychose (Tab. 5.1) hat in der Praxis jedoch nach wie vor hohe praktische Relevanz.
Psychosen sind schwerste psychiatrische Störungen. Sie führen zu Realitätsverlust und einem Verlust sozialer Basisfertigkeiten. Zu den Psychosen zählen Schizophrenie, Manie, schwere Depression und fortgeschrittene organische psychische Störungen. Für den Heilpraktiker bedeutet das Vorliegen einer Psychose, dass er einen Patienten nicht behandeln sollte, da Psychopharmaka und oft auch ein stationärer Aufenthalt angezeigt sind.
Bei einer Neurose haben die Betroffenen oft ebenfalls sehr stark unter den Symptomen zu leiden. Dennoch ist es berechtigt, von leichteren Störungsbildern zu sprechen. Der Realitätsbezug bleibt erhalten, meist auch die Arbeitsfähigkeit. Beispiele für Neurosen sind z. B. Angststörungen oder Zwangserkrankungen. Neurosen können auch ambulant behandelt werden, wenn der Therapeut über geeignete psychotherapeutische Qualifikationen verfügt; eine stationäre Behandlung ist weitaus seltener notwendig.

Diagnostik psychischer Störungen

Anders als bei der rein körperlichen psychische StörungenDiagnostikDiagnostik sind bei Verdacht auf das Vorliegen einer psychischen Erkrankung v.a. seelische Symptome zu erfragen bzw. zu beobachten. Dennoch ist grundsätzlich auch eine ausführliche körperliche Untersuchung durchzuführen, da psychische Störungen auch in der Folge organischer Prozesse auftreten können. Für eine Vielzahl psychischer Störungen existieren diagnostische Tests. Diese werden zumeist von Psychologen eingesetzt, können aber bei entsprechender Schulung bezüglich Durchführung und Auswertung auch vom Heilpraktiker vorgenommen werden.
Psychische Störungen sind in der Regel nicht anhand äußerlicher Merkmale erkennbar, sondern wie oben erwähnt mithilfe gezielter Symptomerfragung zu eruieren. Eine nennenswerte Ausnahme bilden hier die Abhängigkeitserkrankungen. AbhängigkeitserkrankungenVor allem bei der Alkoholabhängigkeit gibt es zum Teil äußerliche Anzeichen, die dem Diagnostiker Hinweise geben können, eventuell weiter in diese Richtung explorieren zu müssen (Kap. 4.12). So kann im Gespräch z. B. eine Alkoholfahne auffallen oder der Patient scheint unkonzentriert und seine Hände zittern. Gefäßspinnen, Bindehautentzündungen oder gerötete Handinnenflächen würden eine Vermutung stützen, andere Ursachen müssen jedoch ausgeschlossen werden. Treten im weiteren Dialog neben Symptomen wie Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und depressiven Gefühlen zusätzliche soziale Folgeerscheinungen, beispielsweise Schwierigkeiten in Beruf und/oder Partnerschaft, Vernachlässigung bisheriger Interessen und Rückzugstendenzen zu Tage, sollte im weiteren Verlauf der Behandlung sorgfältig darauf geachtet werden, dass der Patient ggf. einer angemessenen Therapie zugeführt wird. Als Heilpraktiker haben Sie hier z. B. die Möglichkeit, dem Betroffenen hinsichtlich einer Suchttherapie oder eines Klinikaufenthalts motivierend zur Seite zu stehen.

Das diagnostische Erstgespräch

Das Gespräch PsychiatrieErstgesprächsollte mit offenen Fragen beginnen, die dem Patienten Gelegenheit geben, frei über seine Beschwerden, Sorgen und Ängste zu berichten. Der Untersucher muss zum einen für eine vertrauensfördernde Gesprächsatmosphäre sorgen und erste Grundlagen für ein therapeutisches Arbeitsbündnis legen. Zum anderen sollte er auf einer zweiten Ebene durch sorgfältige Beobachtung wahrnehmen, ob sich jenseits der verbalen Information auffällige Verhaltensweisen zeigen, die diagnostisch zu beachten sind. Dies können im Besonderen sein:
  • Veränderungen des Antriebs: z. B. große Unruhe, starke Gedämpftheit

  • Auffälligkeiten in der Affektivität: z. B. Niedergeschlagenheit, Euphorie

  • Art der Schilderung: z. B. logischer Zusammenhang des Gesagten, Sprechgeschwindigkeit

Weitere Hinweise können sich aus dem äußeren Erscheinungsbild des Patienten ergeben (z. B. Hinweise auf Verwahrlosung, auffällige Kleidung, Ernährungszustand).
Psychopathologischer Befund
Im strukturierten Teil des Erstgesprächs muss systematisch ein psychopathologischer Befund erhoben werden. Dabei sind u. a. folgende Aspekte zu berücksichtigen (Kap. 6.1 bis Kap. 6.11):psychopathologischer Befund
  • Bewusstseinslage

  • Orientierung

  • Aufmerksamkeit

  • Konzentration und Gedächtnis

  • Ängste und Zwänge

  • formales Denken

  • inhaltliches Denken

  • Wahrnehmungsstörungen

  • Ich-Störungen

  • Antrieb und Psychomotorik

  • Affektivität

  • zirkadiane Rhythmik (die Tagesrhythmik betreffend)

  • Schlaf

  • Suizidalität

Anamnese
Im Rahmen der AnamnesePsychiatrieAnamnese wird nach wichtigen persönlichen und biografischen Daten sowie bisher aufgetretenen körperlichen und seelischen Vorerkrankungen gefragt. Weiterhin relevant sind aktuelle Beschwerden und bisherige Behandlungsversuche. Da viele psychische Störungen eine starke genetische Komponente aufweisen, müssen auch Erkrankungen in der Familie eruiert werden. Bei einer Reihe von Patienten, z. B. Menschen mit affektiven Störungen, Essstörungen, verwirrten Demenz-Patienten oder alkoholabhängigen Personen sind Familienangehörige oder andere Bezugspersonen zu befragen, um zuverlässige Informationen zu erhalten (Fremdanamnese).

Testverfahren

Zur Erhärtung einer Verdachtsdiagnose oder zur allgemeinen Einschätzung der Persönlichkeit eines Patienten werden verschiedene psychologische Testspsychologische Testverfahren herangezogen. Stellvertretend für eine Fülle von Hunderten von Tests seien hier einige aufgeführt:
  • Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI-R): Freiburger Persönlichkeits-Inventar (FPI)Das Freiburger Persönlichkeitsinventar misst Faktoren wie Lebenszufriedenheit, soziale Orientierung, Leistungsorientierung, Gehemmtheit, Erregbarkeit, Aggressivität, Beanspruchung, körperliche Beschwerden, Gesundheitssorgen, Offenheit, Extraversion und Emotionalität. Der Test kann ab dem 16. Lebensjahr eingesetzt werden und dauert 20–30 Minuten.

  • Minnesota Multiphasic Personality Inventory 2 (MMPI-2): Minnesota Multiphasic Personality Inventory 2 (MMPI-2)Der MMPI ist der weltweit am häufigsten eingesetzte Persönlichkeitstest. Neben vielen Persönlichkeitsvariablen erfasst er auch pathologische Kriterien. Zu Letzteren zählen Hypochondrie, Depression, Hysterie, Psychopathie, Paranoia, Schizophrenie, Hypomanie und soziale Introversion.

  • Beck-Depressions-Inventar (BDI): Beck-Depressions-Inventar (BDI)Das Beck-Depressions-Inventar ist ein seit 30 Jahren bewährtes Verfahren zur Erfassung des Schweregrads einer depressiven Symptomatik.

  • Münchner Alkoholismus-Test (MALT): Der Münchner Alkoholismus-Test (MALT)MALT (Münchner Alkoholismus-Test)MALT besteht aus einem Selbst- und einem Fremdbeurteilungsteil. Der Test erfasst zuverlässig das Vorliegen einer Alkoholabhängigkeit.

  • Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene (HAWIE-III): Hamburg-Wechsler-Intelligenztest (HAWI)für Erwachsene (HAWIE)Dieser Intelligenztest wird mit Abstand am häufigsten eingesetzt. Für Kinder gibt es eine eigene Version.

  • Aufmerksamkeits-Belastungstest (d2-Test): Aufmerksamkeits-Belastungstest (d2-Test)d2-Test (Aufmerksamkeits-Belastungstest)Der Test misst Tempo und Sorgfalt, mit der aus einer Reihe von Buchstaben diejenigen mit einem bestimmten Merkmal angekreuzt werden. Mithilfe dieses Tests können Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen gemessen werden, z. B. bei ADHS.

  • Szeno-Test: Dieser Test dient der spielerischen Diagnostik bei Kindern. Szeno-TestDer Szeno-Testkasten enthält eine Fülle von Figuren (Menschen, Tiere, Bäume, Häuser), die von den Kindern zu einer Szene aufgestellt werden. Im Dialog mit dem Untersucher wird diese dann analysiert.

Achtung

Um psychologische Tests korrekt durchführen und auswerten zu können, bedarf es einer fundierten Zusatzausbildung.

Psychosomatik

„Psychosomatik ist die Wissenschaft und Heilkunde von den wechselseitigen Beziehungen psychosozialer und körperlicher Vorgänge in ihrer Bedeutung für Gesundheit und Krankheit von Menschen“ (Michael von Rad, Arzt für psychosomatische Medizin).
Psychosomatische KrankheitenPsychosomatik werden als körperliche Erkrankungen angesehen und deshalb von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) nicht unter den psychiatrischen Krankheitsbildern aufgeführt.
Die Psychosomatik beschäftigt sich u.a. mit folgenden Fragestellungen:
  • Welchen Anteil an der Entstehung einer Erkrankung haben Faktoren wie Disposition (Anlage, Vererbung), aktuelle Belastungen (berufliche Schwierigkeiten, Eheprobleme) oder Belastungen aus der Kindheit?

  • Warum wurde zu eben diesem Zeitpunkt insbesondere dieses Organ betroffen?

  • Wie gehen Betroffene mit dieser Krankheit um und wie sieht eine effektive Therapie aus?

  • Welche (psychischen) Faktoren halten das Krankheitsgeschehen aufrecht?

Moderne Entwicklungen in der Fachdisziplin der Psychosomatik brachten als eigenständige Forschungsbereiche die Psychoneuroendokrinologie Psychoneuroendokrinologieund Psychoneuroimmunologie Psychoneuroimmunologiehervor. Beide Fachdisziplinen untersuchen die Wechselwirkungen zwischen seelischen Prozessen und Aktivitäten im Bereich der Hormone und Neurotransmitter (Neuroendokrinologie) bzw. des Immunsystems (Psychoimmunologie). So konnte nachgewiesen werden, dass belastende Lebensereignisse wie z. B. Scheidung, Arbeitslosigkeit oder der Verlust einer nahestehenden Person zu einer messbaren Schwächung des Abwehrsystems führen.
Maßgeblich durch die Arbeiten von Franz Alexander geprägt, wurden einige Krankheiten als klassische psychosomatische Krankheiten beschrieben. In der Literatur werden die wichtigsten sieben nach Alexander psychosomatische Krankheitenauch als „Holy Seven“Holy Seven bezeichnet. Zu diesen zählen:
  • Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür (Ulcus ventriculi und duodeni)

  • Colitis ulcerosa (geschwürige Dickdarmentzündung)

  • Asthma bronchiale

  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)

  • essenzielle Hypertonie (Blutdruckhochdruck ohne organische Ursache)

  • rheumatoide Arthritis

  • Neurodermitis

Diese vor etwa 50 Jahren vorgenommene Einteilung kann allerdings die Entwicklung der Fachgebiete der Medizin, Psychosomatik und Psychologie nicht mehr widerspiegeln. Es herrscht heute Einigkeit darüber, dass die meisten Krankheiten multikausal bedingt sind. Neue Forschungsergebnisse belegen Verschiebungen in der Gewichtung der seelischen Einflussgrößen auf die Entstehung der genannten Krankheitsbilder. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Magen- und Zwölffingerdarmgeschwürs (Ulcus ventriculi und duodeni), das früher zu den „Holy Seven“ der psychosomatischen Krankheiten zählte. Hier wurde vor einiger Zeit ein Erreger gefunden (Helicobacter pylori), der erwiesenermaßen mit verursachend für die Erkrankung ist. Eine intensive Antibiotikatherapie führt heutzutage bei den meisten Patienten zu einer Vertreibung der Erreger und zu einer Heilung. Somit muss die Bedeutung seelischer Ursachen für dieses Krankheitsbild deutlich geringer eingeschätzt werden als zu Zeiten Alexanders.

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