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B978-3-437-58112-0.00007-8

10.1016/B978-3-437-58112-0.00007-8

978-3-437-58112-0

Abb. 7.1

[L217]

Verlaufsformen der affektiven Störungen

Abb. 7.2

[L217]

Klassifikation der Angststörungen

Abb. 7.3

[L190]

Phasenverlauf bei der Durchführung einer Reizkonfrontationstherapie

Abb. 7.4

[L157]

Die Rolle des Arztes bei somatoformen Störungen

Abb. 7.5

[L141]

Hierarchisierung von Behandlungszielen bei Persönlichkeitsstörungen

Abb. 7.6

[L141]

Körperliche Folgen der Anorexia nervosa

Abb. 7.7

[L141]

Körperliche Folgen der Bulimia nervosa

Abb. 7.8

[L141]

Reaktionszyklus der sexueller ReaktionszyklusErregung bei Frau (a) und Mann (b)

Suizidmethoden (Statistisches Bundesamt, 2014)

Tab. 7.1
Erhängen 50 %
Sturz in die Tiefe 10 %
Medikamentenvergiftung 8 %
Erschießen 7 %
Überfahren durch Zug oder Auto 5 %
Autoabgase 2 %

Plus- und Minussymptome bei SchizophrenieSchizophreniePlus- und Minussymptome

Tab. 7.2
Plussymptome (produktive oder positive Symptome) Minussymptome (negative Symptome)
Halluzinationen sozialer Rückzug
Wahn Verflachung der Gefühle
zerfahrenes Denken Sprachverarmung (Alogie)
Erregtheit Antriebsverlust, Apathie
bizarres Verhalten Aufmerksamkeitsstörungen

Beispiele für depressive DenkmusterDepressionDenkmuster

Tab. 7.3
Negative Selbstbeurteilung
  • „Ich kann nichts.“

  • „Ich tauge nichts.“

  • „Ich mache alles falsch.“

Negative Sicht der Welt
  • „Immer ist alles schwierig.“

  • „Es tun sich immer wieder neue, unüberwindliche Hindernisse auf.“

Negative Sicht der Zukunft
  • „Es wird nie besser.“

  • „Es wird immer so schwer weitergehen.“

Charakteristika und Diagnosekriterien der einzelnen Persönlichkeitsstörungen und ihre klinische Häufigkeitparanoide Persönlichkeitsstörungschizoide Persönlichkeitsstörungdissoziale Persönlichkeitsstörunghistrionische PersönlichkeitsstörungBorderline-Persönlichkeitsstörungnarzisstische Persönlichkeitsstörungängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörungzwanghafte Persönlichkeitsstörung

Tab. 7.4
Persönlichkeitsstörung Charakteristika
paranoide Persönlichkeitsstörung (2,4 %) misstrauisch, streitsüchtig, leicht kränkbar, überempfindlich gegenüber Kritik und Rückschlägen
schizoide Persönlichkeitsstörung (1,8 %) kühl, distanziert, freudlos, wenig Interesse an Mitmenschen, introvertiert, Einzelgänger, eingeschränktes Gespür für soziale Normen
histrionische Persönlichkeitsstörung (4,3 %) dramatische Selbstdarstellung, erhöhte Suggestibilität, oberflächlicher, labiler Affekt, Geltungssucht, ständige Beschäftigung damit, äußerlich attraktiv zu sein, theatralisch und sprunghaft
dissoziale Persönlichkeitsstörung (3,2 %) geringe Frustrationstoleranz, Missachtung sozialer Normen, rücksichtslos, fehlendes Schuldbewusstsein; verminderte Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen; keine dauerhaften Sozialkontakte
Borderline-Persönlichkeitsstörung (14,9 %) emotional instabil, manipulativ, Wutausbrüche, chronische Ängste, abrupter Kontaktwechsel, Gefühl der inneren Leere, selbstschädigendes Verhalten
narzisstische Persönlichkeitsstörung (1,3 %) „ich bin etwas Besonderes“, Bedürfnis nach Bewunderung, Mangel an Empathie, arrogant, neidisch, nützt andere aus, Größenphantasien
ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (15,2 %) Angst vor Kritik, im Selbstbild unterlegen und sozial unbeholfen, häufig unentschlossen, andauerndes Gefühl von Anspannung und Besorgtheit
abhängige Persönlichkeitsstörung (4,6 %) Fehlen von Selbstvertrauen, delegiert Entscheidungen an andere, Angst vor dem Alleinsein, Unterordnung eigener Bedürfnisse unter andere, Entscheidungsschwäche, „allein geht es nicht“
zwanghafte Persönlichkeitsstörung (3,6 %) Ordnungsliebe, Perfektionismus, Gewissenhaftigkeit, starke Leistungsbezogenheit, ständige Kontrollneigung; Ängste, Fehler zu machen; Gefühl von starkem Zweifel mit Vorsicht, Eigensinn

Einteilung des Körpergewichts nach BMI

[DGPPN 2000]

Tab. 7.5
Klassifikation BMI in kg/m2
hochgradiges Untergewicht < 14
mittelgradiges Untergewicht 14–16
leichtgradiges Untergewicht 16–18
Normalgewicht 18–26
Übergewicht (Adipositas Grad I) 26–30
Adipositas (Adipositas Grad II) 30–40
extreme Adipositas (Adipositas Grad III) > 40

Einteilung von Tic-Störungen

Tab. 7.6
Einteilung Einfach komplex
motorische Tics:
können jeden Körperteil betreffen (z. B. Gesicht, Hände, Beine)
  • Grimassieren

  • Blinzeln

  • Kopfwerfen

  • Kopfschütteln

  • Schulterzucken

  • Springen

  • Hüpfen

  • Sich-selbst-Schlagen

  • wiederholtes Berühren von Gegenständen

  • Liegestützen machen

  • sich flach auf den Boden legen

  • tiefe Kniebeugen

vokale Tics:
unfreiwillig erzeugte Geräusche
  • Räuspern

  • Bellen

  • Schnüffeln

  • Zischen

  • Imitation von Lauten

  • Wiederholung sinnloser Begriffe

  • Ausstoßen von Obszönitäten und Schimpfwörtern

  • Nachsprechen von Worten (Echolalie)

Psychiatrische Krankheitsbilder

  • 7.1

    Suizidalität185

  • 7.2

    Schizophrenie187

  • 7.3

    Affektive Störungen190

    • 7.3.1

      Depression190

    • 7.3.2

      Manie194

    • 7.3.3

      Bipolare affektive Störung195

  • 7.4

    Angst-, Panikstörungen und Phobien195

  • 7.5

    Zwangsstörungen197

  • 7.6

    Belastungs- und Anpassungsstörungen199

  • 7.7

    Dissoziative Störungen201

  • 7.8

    Somatoforme Störungen202

  • 7.9

    Persönlichkeitsstörungen205

  • 7.10

    Essstörungen208

    • 7.10.1

      Anorexia nervosa208

    • 7.10.2

      Bulimia nervosa210

    • 7.10.3

      Binge Eating Disorder211

  • 7.11

    Sexuelle Störungen212

    • 7.11.1

      Nichtorganische sexuelle Funktionsstörungen213

    • 7.11.2

      Störungen der Geschlechtsidentität213

    • 7.11.3

      Störungen der sexuellen Präferenz213

  • 7.12

    Schlafstörungen214

  • 7.13

    Psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen215

    • 7.13.1

      Intelligenzminderung216

    • 7.13.2

      Sprachstörungen216

    • 7.13.3

      Teilleistungsstörungen216

    • 7.13.4

      Tiefgreifende Entwicklungsstörungen216

    • 7.13.5

      Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)217

    • 7.13.6

      Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend218

  • 7.14

    Psychiatrische Notfälle220

    • 7.14.1

      Suizidalität220

    • 7.14.2

      Akute Angst- oder Erregungszustände220

    • 7.14.3

      Delir221

    • 7.14.4

      Akute psychotische Symptome221

    • 7.14.5

      Hirnorganische Verwirrtheitszustände221

    • 7.14.6

      Substanzinduzierte Akutsituationen221

    • 7.14.7

      Dämmerzustand221

    • 7.14.8

      Stupor221

    • 7.14.9

      Hyperventilation221

Suizidalität

Suizid ist eine absichtliche Selbstschädigung mit tödlichem Ausgang. Suizidalität erstreckt sich von Gedanken und Fantasien Suizidalitätüber konkrete Planungen bis hin zum vollzogenen Suizidversuch.
Zirka 2 % der Durchschnittsbevölkerung unternehmen im Laufe ihres Lebens einen Suizidversuch. Fast jeder Mensch erlebt einmal im Leben Suizidgedanken. Über 10.000 Menschen nehmen sich jährlich in Deutschland das Leben. Diese Zahl ist höher als die der Verkehrsopfer, AIDS-Toten, Drogentoten und Opfern von Gewalttaten zusammengenommen. Zusätzlich muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Im Jahr 2014 waren in Deutschland 7624 Männer und 2585 Frauen betroffen. Bei der Zahl der Suizidversuche überwiegt die Zahl der Frauen um das 2- bis 3-Fache. Tödlich endende Suizidversuche kommen häufiger bei Männern vor.
Formen
Hinsichtlich der SuizidmethodenSuizidmethoden können unterschieden werden (Tab. 7.1):
  • harter Suizid: Suizidharter/weicherDiese Methoden führen unentrinnbarer zum Tod. Zu ihnen zählen Erschießen, Erhängen, Sturz aus großer Höhe, sich vor einen Zug werfen. Harte Suizidmethoden werden in der Mehrzahl der Fälle von Männern gewählt.

  • weicher Suizid: Es besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, den Suizidversuch zu überleben, weil man rechtzeitig gerettet wird, z. B. Einnahme von Schlaftabletten oder Einatmen giftiger Gase. Weiche Suizidmethoden werden eher von Frauen gewählt.

In Bezug auf die betroffenen Personen sind zu unterscheiden:
  • erweiterter Suizid: Suiziderweiterter/gemeinsamerVor der eigentlichen Suizidhandlung werden Familienangehörige gegen ihren Willen getötet.

  • gemeinsamer Suizid: Zwei oder mehr Menschen entscheiden sich, gemeinsam in den Tod zu gehen.

Selbstschädigendes und selbstgefährdendes Verhalten wird als Parasuizidalität Parasuizidalitätbezeichnet.
Ursachen
SuizidalitätUrsachenEin Suizid erklärt sich immer vor dem Hintergrund der individuellen Lebensgeschichte. Dennoch gibt es zum einen Theorien über die seelischen Prozesse, die in einen Suizid münden und zum anderen stellen bestimmte Krankheiten und Lebensumstände Risikofaktoren dar.
  • Aggressionsmodell: Aggressionsmodell, SuizidalitätAufgrund komplizierter seelischer Vorgänge, die bereits Sigmund Freud beschrieben hat, wendet der Betroffene die Aggression, die ursprünglich einer anderen Person galt, gegen sich selbst. Häufig handelt es sich bei der Person um einen verlassenen (durch Trennung oder Tod) Beziehungspartner oder Familienangehörigen.

  • Narzissmustheorie: SuizidalitätNarzissmustheorie, Suizidalität als Folge eines gestörten Selbstwertgefühls

Bei folgenden Krankheiten und Lebenssituationen sowie Personengruppen besteht ein erhöhtes Suizidrisiko:
  • Depression: DepressionSuizidalitätDepressive Patienten haben von allen psychisch Kranken das höchste Suizidrisiko. In 40–60 % der Fälle von vollzogenem Suizid lag eine Depression vor.

  • Suchtkranke (Alkoholkranke, Drogenabhängige): ca. 20 % der Fälle

  • Schizophrenie: ca. 10 % der Fälle

  • Persönlichkeitsstörungen: Bei Borderline-PatientenSchizophrenieSuizidalität besteht selbstverletzendes Verhalten gekoppelt mit einer großen Impulsivität. Beides zusammen genommen mündet häufig in einem Suizid.

  • Menschen mit Gewalt- und Missbrauchserfahrung

  • Menschen mit Suizidversuchen in der Anamnese: Bei erfolgtem Suizidversuch liegt die Wahrscheinlichkeit, dass in den ersten 12 Monaten danach ein weiterer Versuch unternommen wird, bei 50 %.

  • alleinstehende Menschen: z. B. Menschen ohne soziale Kontakte, alte Menschen

  • Menschen

    • in familiären, beruflichen oder finanziellen Krisen

    • mit tiefgreifenden Veränderungen im Leben (z. B. Berentung, Umzug in ein Altenheim, Tod des Partners)

    • mit schweren körperlichen Erkrankungen

    • die einen Suizid angekündigt haben

    • in Entwicklungsphasen (z. B. Pubertät)

Merke

Mehr als die Hälfte aller Suizide wird von Menschen verübt, die an einer Psychose (z. B. Depression oder Schizophrenie) erkrankt sind.

Symptomatik
Bevor es zum SuizidSuizidalitätSymptome/Stadien kommt, werden häufig folgende Stadien durchlaufen:
  • passiver Todeswunsch

  • unspezifische Suizidgedanken

  • konkrete Suizidgedanken

  • Planung des Suizids

  • konkrete Vorbereitungen des Suizids

  • Suizidhandlung

Achtung

SuizidankündigungenSuizidankündigungen sind immer ernst zu nehmen. Vorurteile, eine Suiziddrohung sei „nur“ ein Appell oder der Betroffene wolle seine Umwelt unter Druck setzen, sind gefährlich. Studien belegen, dass 75 % der sich selbst Getöteten ihren Suizid vorher angekündigt haben.

Diagnostik
Beim geringsten Verdacht und bei Erkrankungen, die mit einem gesteigerten Suizidrisiko einhergehen, ist vom Untersucher aktiv nach der Suizidalität zu fragen. Eingeleitet werden kann die Exploration etwa mit der Frage: „Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?“. Als weitere Fragen können folgen: „Haben Sie schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen?“ „Wie haben Sie es versucht? Was ist daraufhin passiert?“ „Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, haben Sie schon einmal überlegt, wie Sie es tun würden?“ „Haben Sie bereits konkrete Vorbereitungen getroffen?“
Mit anderen Worten: Während der Laie meistens befürchtet, durch Ansprechen der Suizidalität die Wahrscheinlichkeit eines Suizids zu erhöhen (möglicherweise bringt man ihn noch auf die Idee), beweist die Praxis im Umgang mit psychisch kranken Menschen, dass die Möglichkeit, Suizidabsichten ansprechen zu können, eine enorme und wichtige Erleichterung für die Betroffenen darstellt.
Therapie nach Suizidversuchen

Merke

Bei Patienten mit einem Suizidversuch in der Vergangenheit besteht besonders im ersten Jahr nach dem Versuch die erhöhte Gefahr, dass ein erneuter Versuch unternommen wird.

Bei Patienten mit schweren psychischen Störungen (Schizophrenie, Depression, andere Psychosen, Persönlichkeitsstörungen) muss die Grunderkrankung effektiv therapiert werden. Meist ist zunächst eine stationäre Therapie notwendig. Unter Umständen muss ein Patient auch gegen seinen Willen eingewiesen werden. Die Psychisch-Kranken-Gesetze (PsychKG) bzw. Unterbringungsgesetze der Länder regeln das Vorgehen im Fall des Vorliegens einer Fremd- oder Selbstgefährdung.
Je nach Grunderkrankung werden Psychopharmaka eingesetzt. Bei der Gabe von v.a. klassischen Antidepressiva ist zu bedenken, dass der Stimmungsaufhellung eine Antriebssteigerung vorausgehen kann. Diese Steigerung des Aktivitätsniveaus stellt eine Gefahr dar, da dem Patienten nunmehr die notwendige Energie zur Durchführung eines Suizids zur Verfügung stehen könnte. Die Suizidgefahr kann v.a. in den ersten Wochen einer Medikamenteneinnahme erhöht sein.
Ein Heilpraktiker sollte einen suizidalen Patienten nur behandeln, wenn er sehr erfahren mit psychiatrischen Krankheiten ist und die akute Suizidalität abgeklungen ist. Es empfiehlt sich grundsätzlich eine Kooperation mit einem Psychiater.

Hinweis Prüfung

Bei Vorliegen einer akuten Suizidalität muss ein Patient häufig in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden. Ein Heilpraktiker kann keine Patienten einweisen, jedoch entsprechende Schritte zum Schutze des Patienten einleiten. Die Vorgehensweisen unterscheiden sich regional. Ein Heilpraktiker muss unbedingt wissen, welche Regelungen und Vorgehensweisen für seinen Praxisort gelten und sich entsprechend bei den örtlichen Behörden erkundigen.

Zusammenfassung

Suizidalität

Gedanken und Fantasien über konkrete Planungen bis hin zum vollzogenen Suizidversuch

Ursachen und Risikofaktoren

  • psychische Störungen wie Depression, Abhängigkeitserkrankungen (Alkohol-, Drogenabhängigkeit), Schizophrenie, Borderline-Persönlichkeitsstörung

  • spezielle Personengruppen: Menschen mit Traumatisierungen, alte und einsame Menschen, Menschen in schweren familiären, beruflichen oder finanziellen Krisen, Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen, Menschen mit Suizidversuchen in der Anamnese; Menschen, die einen Suizid ankündigen

Therapie

  • ausführliche Exploration der Suizidalität (Einschätzung der aktuellen Gefährdung, seelische Entlastung)

  • stationäre Unterbringung mit Beobachtung auch gegen den Willen des Patienten (nach Unterbringungsgesetz bzw. PsychKG)

  • Behandlung der psychischen Grunderkrankung (z. B. mit Antidepressiva)

Schizophrenie

Die SchizophrenieSchizophrenie zählt zu den PsychosenPsychosenSchizophrenie, d. h. zu den schwersten seelischen Störungen. Ältere Bezeichnungen sind Geisteskrankheit, Verrücktheit, Irresein oder Wahnsinn. Von der Erkrankung ist die gesamte Persönlichkeit betroffen, die intellektuellen Fähigkeiten sind jedoch nicht herabgesetzt. Die Patienten haben meist starke Ängste mit charakteristischen Änderungen des Denkens, der Wahrnehmung, des Willens und einer herabgesetzten Leistungsfähigkeit. Das Krankheitsbild ist nicht einheitlich; es werden verschiedene typische Verlaufsformen beschrieben. Ein Patient kann laut brüllend auf nicht-existente Personen weisen, die ihn verfolgen, ein anderer sitzt seit Tagen an der gleichen Stelle und schaukelt monoton seinen Körper, ohne einen Ton von sich zu geben. Beide haben eine Schizophrenie, leiden jedoch an unterschiedlichen Formen der Erkrankung.
Das Haupterkrankungsalter liegt zwischen dem 15. und dem 30. Lebensjahr. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit liegt bei 1 %. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.
Krankheitsentstehung
Es gibt viele Hypothesen über die Entwicklung von Schizophrenien, doch lässt sich keine eindeutige Ursache ausmachen. Vielmehr setzt sich die Ansicht durch, dass eine multifaktorielle Krankheitsentstehung auf dem Boden einer genetisch bedingten Anfälligkeit (Vulnerabilität) zur Schizophrenie führt.
Zu den möglichen Faktoren, die bei der Entstehung einer Schizophrenie beteiligt sein können, zählen:
  • genetische FaktorenSchizophrenieEntstehungsfaktoren: Ist ein Elternteil oder eines der Geschwister an Schizophrenie erkrankt, beträgt das Erkrankungsrisiko ca. 10 %, bei eineiigen Zwillingen 50 %. Diese Zahlen weisen auf eine starke Bedeutung genetischer Faktoren hin, zeigen jedoch auch, dass andere Umstände hinzutreten müssen, damit die Krankheit entsteht.

  • morphologische Befunde: Bei manchen Patienten lässt sich ein erweiterter 3. Ventrikel finden. Ebenso lassen sich gehäuft Minderdurchblutungen bestimmter Gehirnbereiche nachweisen.

  • biochemische Ursachen: Die Wirksamkeit der Neuroleptika (Antipsychotika) hat deutliche Hinweise auf die Bedeutung der Neurotransmitter geliefert. Vor allem Dopamin und Serotonin scheinen bei dem vorliegenden Ungleichgewicht eine wichtige Rolle zu spielen. Da durch die Verabreichung älterer Neuroleptika Dopaminrezeptoren gehemmt werden, lässt sich schlussfolgern, dass Schizophrenie durch ein relatives Überwiegen von Dopamin entsteht.

  • psychosoziale Faktoren: Schwierige Beziehungen in der Herkunftsfamilie begünstigen die Entwicklung einer Schizophrenie. Psychosoziale Faktoren können Auslöser sein und den weiteren Verlauf einer Erkrankung entscheidend mitbestimmen. Bei vielen Erkrankten finden sich vor Ausbruch der Erkrankung belastende Lebenssituationen wie Todesfälle oder Trennungen.

Symptomatik
Die Symptome der Schizophrenie werden eingeteilt in eine Positiv- und Negativsymptomatik (Tab. 7.2). Diese Aufteilung ist richtungsweisend für die psychiatrische Therapie.
  • PositivsymptomatikPositivsymptomatik, Schizophrenie (Plussymptome): Verhaltensweisen, die ein Plussymptome, SchizophrenieÜbermaß oder eine Verzerrung normaler Funktionen darstellen. Diese Symptome werden auch als produktiv bezeichnet. Zu den Positivsymptomen zählen Wahn, Halluzinationen, bizarres Verhalten und formale Denkstörungen, also Symptome, die zu typisch psychotischen und chaotischen Verhaltensweisen führen.

  • NegativsymptomatikNegativsymptomatik, Schizophrenie (Minussymptome): Krankheitszeichen, bei denen das Verhalten des KrankenMinussymptome, Schizophrenie im Vergleich zu Gesunden Defizite aufweist. Die Patienten sind in der Weise auffällig, dass sie stark in sich zurückgezogen wirken. Sie sind still, apathisch und antriebsarm. Es bestehen Affektverflachung, Verarmung der Sprache sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen.

Das Denken ist bei SchizophrenenSchizophrenieDenkstörungen im Ablauf verzerrt. Die Patienten wirken zerfahren, die Gedankengänge sind sprunghaft und unlogisch. Der Gedankengang kann ohne erkennbare Ursache plötzlich abreißen. Derlei Störungen des Denkens bezeichnet man als formale Denkstörungen (Kap. 6.4).Denkstörungenformale Bewusstseins- und Orientierungsstörungen sind hingegen nicht typisch für eine Schizophrenie.
Schizophrene haben einen verringerten gefühlsmäßigen Kontakt zu ihren Mitmenschen. Ihre Gefühlsäußerungen können sehr unpassend wirken (Affektstörung). Nach dem Abklingen akuter Schübe kann eine starke GefühlsverarmungGefühlsverarmung, Schizophrenie auftreten. Viele Schizophrene leiden unter starken AngstSchizophrenieÄngsten.
Die Grenzen zwischen Ich und Umwelt werden als durchlässig empfunden. Dabei werden sowohl die eigene Person als auch die Umwelt als fremd und unwirklich erlebt. Die empfundene Durchlässigkeit zwischen Umwelt und Ich kann sich darin zeigen, dass der Patient meint, Gedanken würden ihm von außen eingegeben oder entzogen oder er würde von äußeren Kräften ferngesteuert. Störungen der Ich-Umwelt-Grenze werden als Ich-Störungen bezeichnet (Kap. 6.8).
Zu den typischen psychotischen Symptomen zählt der WahnSchizophrenieWahn. Es handelt sich hierbei um eine krankhafte, nicht korrigierbare, falsche Beurteilung der Realität. Fast alles kann zum Gegenstand eines Wahns werden. Der WahnSchizophrenieWahn kann sich z. B. als Verfolgungs-, Vergiftungs-, Beeinträchtigungs- oder Größenwahn zeigen. Oft entstehen faszinierende, bizarre Wahngebäude (systematisierter Wahn). Wahnsymptome werden auch als inhaltliche Denkstörungen (Kap. 6.5) bezeichnet.
HalluzinationenHalluzinationenSchizophrenie werden zu den Sinnestäuschungen gezählt. Bei Schizophrenien treten am häufigsten akustische HalluzinationenSchizophrenieHalluzinationen auf. Häufig sind diese in einen Wahn eingebettet. Auch andere Halluzinationen wie optische, Geruchs-, Geschmacks- und Körperhalluzinationen können vorkommen, sind aber nicht typisch für die Schizophrenie.akustische Halluzinationen
Sehr häufig kommt es zu Störungen der PsychomotorikPsychomotorikstörungen. Diese ist entweder stark reduziert wie bei einem Stupor: Hier ist der Patient bewegungslos bei vollem Bewusstsein. Die Psychomotorik kann aber auch pathologisch gesteigert sein, wie bei der katatonen Erregung, die mit starker motorischer Unruhe, Schreien und Um-sich-schlagen einhergeht. Der Stupor ist meist zusätzlich verbunden mit Mutismus (nicht oder kaum sprechen). Bei BewegungsstereotypienBewegungsstereotypien, SchizophrenieSchizophrenieBewegungsstereotypien bestehen monotone, wiederholte Bewegungen wie Rumpfschaukeln, Klopfen oder Grimassieren.
Verlauf
Der eigentlichen Erkrankung geht meist ein Prodromalstadium voraus, in dem die Funktionsfähigkeit für die Verrichtungen des täglichen Lebens noch erhalten ist. In diesem Stadium können depressive Stimmungen, allgemeiner Interesseverlust, Vernachlässigung der Körperhygiene, Angst und sozialer Rückzug auftreten. Da es sich meist um junge Menschen handelt, werden die Erscheinungen häufig als AdoleszenzkrisenAdoleszenzkrisen aufgefasst. Eine Schizophrenie kann jedoch auch plötzlich beginnen.
Schizophrene Erkrankungen können sehr unterschiedlich verlaufen. Dennoch lassen sich Gruppen mit ähnlichen Krankheitsverläufen und Symptomenkomplexen, sog. Syndrome, unterscheiden. Zwischen den Syndromen bestehen fließende Übergänge; so lassen sich die verschiedenen Formen nicht eindeutig gegeneinander abgrenzen, zudem kann ein Syndrom in ein anderes übergehen.
Während aller Phasen kann eine oft völlig unvorhergesehene Tendenz zur SuizidalitätSuizidalitätSchizophrenie bestehen. Zirka 10 % der Erkrankten versterben durch Suizid. Die Häufigkeit der Ausführung von Gewalttaten ist bei SchizophrenenSchizophrenieSuizidalität nicht größer als bei der Allgemeinbevölkerung.

Merke

Die Suizidrate beträgt bei Patienten mit einer Schizophrenie bis zu 10 %.

Paranoid-halluzinatorische Form
Die paranoide SchizophrenieSchizophrenieparanoid-halluzinatorische ist die häufigste Schizophrenieform. paranoid-halluzinatorische SchizophrenieSie beginnt meist akut und tritt im Vergleich zu anderen Formen der Schizophrenie relativ spät auf (4. Lebensjahrzehnt).
Vorherrschend sind Wahn und Halluzinationen; andere psychopathologische Symptome wie Störungen der Stimmung, der Psychomotorik und der Sprache sind nur schwach ausgeprägt. Bei der Wahnsymptomatik stehen Verfolgungs-, Größen- und WahnSendungswahn imSendungswahn Vordergrund. DieseVerfolgungswahnGrößenwahn Wahnsymptome können ein gereizt-aggressives Verhalten produzieren. Bei den Halluzinationen handelt es sich meist um akustische HalluzinationenHalluzinationen, bei denen die Patienten Stimmen hören, die ihr Verhalten kommentieren, Befehle geben oder drohen.akustische Halluzinationen
Das Krankheitsbild wirkt beeinträchtigender als bei anderen Formen von Schizophrenie, die Prognose ist jedoch günstiger als bei Verläufen, die von einer Negativsymptomatik dominiert werden.
Katatone Form
Das Krankheitsbild wird Schizophreniekatatonebeherrscht durch psychomotorische Störungen. Dazu zählen StuporStuporSchizophrenie (völlige Bewegungslosigkeit bei vollem Bewusstsein), MutismusMutismusSchizophrenie oder KatalepsieKatalepsieSchizophrenie (Gliedmaßen können in jede beliebige Stellung bewegt werden, die dann beibehalten wird).
Eine Katatonie kann sich auch in Form von starken Erregungszuständen zeigen. Die Betroffenen schreien, reißen sich die Kleider herunter und schlagen unkontrolliert-aggressiv um sich. Gefürchtet ist die Entwicklung einer perniziösen (bösartigen) Katatonie.perniziöse (bösartige) Katatonie Katatonie, perniziöse (bösartige)Zu den eigentlichen Zeichen der Katatonie treten hohes Fieber, Kreislaufstörungen und Austrocknung des Körpers. Eine akute Katatonie kann lebensbedrohlich sein.
Hebephrene Form
Diese Form derSchizophreniehebephrene Schizophrenie (Hebe = Jugend) beginnt im Jugendalter (15.–25. Lebensjahr). Das Verhalten ist oberflächlich; es besteht eine unernste, alberne Gestimmtheit. Man sprichtHebephrenie, Schizophrenie von einer „läppischen Grundstimmung“. Die Betroffenen sind häufig bereits vor Ausbruch der Erkrankung einzelgängerisch und schüchtern. Die Erkrankung hat wegen der ausgeprägten NegativsymptomatikNegativsymptomatik, Schizophrenie eine ungünstige Prognose.
Residualzustand
Nach Abklingen derSchizophrenieResidualzustand Akutsymptomatik entwickelt sich häufig ein Zustand von sozialem Rückzug, Antriebsmangel, Vernachlässigung der Körperpflege, Affektverflachung, Verarmung der Sprache und depressiven Verstimmungen. Ein Residualzustand stellt die chronifizierte Form der Schizophrenie (BOLD) dar. Besteht der Zustand länger als 3 Jahre, ist er in der Regel nicht mehr reversibel.
Schizophrenia simplex
Beginn und Verlauf der ErkrankungSchizophrenia simplex sind schleichend und unspektakulär. Das Bild ähnelt dem des Residualzustands jedoch ohne eine vorhergehende psychotische Phase mit Positivsymptomen. Die Betroffenen verhalten sich ungewöhnlich, können keine sozialen Anforderungen erfüllen und büßen ihre Leistungsfähigkeit ein.
Schizoaffektive Störungen
Nebeneinander oder kurzschizoaffektive Störungen nacheinander bestehen einerseits Symptome einer Schizophrenie, wie beispielsweise Wahn und Halluzinationen und andererseits depressive, manische oder manisch-depressive Beschwerden.
Diagnostik
Die Diagnose kann sich besonders bei schleichenden Verläufen schwierig gestalten. Eine ausgeprägte Positivsymptomatik ist in der Regel gut zu erkennen, es müssen in diesen Fällen jedoch v.a. Erkrankungen des Gehirns und Folgen von Drogenabhängigkeit diagnostisch ausgeschlossen werden. Die Beobachtung des Verhaltens des Patienten durch einen erfahrenen Behandler stellt die wichtigste diagnostische Maßnahme dar. Zur Diagnosestellung müssen die Symptome seit mindestens 4 Wochen bestehen.
Therapie
Der Beginn einer Behandlung kann sich schwierig gestalten, da häufig keine Krankheitseinsicht besteht. Im Zuge eines Wahns kann das Hilfesystem als bedrohlich wahrgenommen werden, besonders wenn Zwangsmaßnahmen durchgeführt werden müssen. Häufig sind Klinikaufenthalte zu Beginn der Erkrankung während akuter Phasen notwendig.
Im Mittelpunkt der medikamentösen Therapie stehen NeuroleptikaNeuroleptikaSchizophrenie (auch Antipsychotika genannt). Besonders wichtig sind sie in der akuten Krankheitsphase für die Behandlung der positiven Symptome. Moderne Neuroleptika sind viel verträglicher als die typischen Neuroleptika, da sie deutlich weniger Nebenwirkungen produzieren. Nach Abklingen der akuten Symptomatik muss eine Neuroleptikatherapie für mindestens 12 Monate fortgesetzt werden. Dabei wird in der Regel eine niedrigere Dosierung gewählt. Bei einem Teil der Patienten bleibt sie unwirksam, bei einem anderen Teil würden die Schizophrenen auch ohne Neuroleptika rezidivfrei bleiben. Bewährt hat sich die kooperative Pharmakotherapie, bei der die Dosierung mit dem Patienten gemeinsam festgelegt wird.
Problematisch sind die vielfältigen Nebenwirkungen der Neuroleptika, die zusätzlich zur mangelnden Krankheitseinsicht den häufigsten Grund für schlechte Compliance der Patienten darstellen. In manchen Fällen sind Depot-Spritzen am günstigsten. Die wichtigsten Nebenwirkungen betreffen die Steuerung verschiedener Muskeln. Zu Beginn einer Behandlung treten häufig FrühdyskinesienFrühdyskinesien durch Neuroleptika in Form von Augenmuskel- oder Zungenkrämpfen oder Parkinson-ähnliche Bilder mit Zittern und steifen Bewegungen auf. Beide Arten von Nebenwirkungen sind mit Parkinson-Medikamenten gut therapierbar. Bei einem Teil der Patienten entsteht eine Bewegungsunruhe. Sie können nicht ruhig sitzen, trippeln mit den Beinen oder laufen unruhig hin und her. Besonders gefürchtet sind SpätdyskinesienSpätdyskinesien durch Neuroleptika, die oft nach mehrjähriger Behandlung auftreten und sich häufig nicht mehr zurückbilden. Es kommt zu unwillkürlichen Gesichtsbewegungen, Mund- und Zungenkrämpfen sowie Schaukelbewegungen. Weitere Nebenwirkungen sind Gewichtszunahme, Mundtrockenheit und Verstopfung. Selten kann die Produktion von weißen Blutkörperchen gestört sein. Aus diesem Grunde müssen regelmäßig Blutkontrollen durchgeführt werden.
Maßnahmen der PsychoedukationPsychoedukation, SchizophrenieSchizophreniePsychoedukation informieren Patienten und Angehörige über das Krankheitsbild. Eine klassische Psychotherapie ist kontraindiziert.
Prognose
Bezüglich der Prognose ergeben Langzeitstudien eine sog. „Drittelregel“: bei ⅓ der Fälle kommt es zur folgenlosen Abheilung (Vollremission), bei ⅓ treten Rückfälle und ein leichter Residualzustand auf, bei ⅓ wiederum bestehen ungünstige Verläufe mit beträchtlichen bis schweren Dauerschäden und Residualzuständen.

Zusammenfassung

Schizophrenie

Psychotische Erkrankung mit charakteristischen Änderungen des Denkens, der Wahrnehmung, der Psychomotorik und der Affektlage, die mit deutlichen Einschränkungen der Leistungsfähigkeit einhergeht

Ursachen

Multifaktorielles Geschehen:
  • genetische Faktoren

  • neurochemische Faktoren

  • morphologische Veränderungen des Gehirns

  • kritische Lebensereignisse

Symptome

  • Plussymptomatik: Halluzinationen (v.a. akustische), Wahn, zerfahrenes Denken, Erregtheit, bizarres Verhalten

  • Minussymptomatik: sozialer Rückzug, Verflachung der Gefühle, Sprachverarmung (Alogie), Antriebsverlust, Apathie, Aufmerksamkeitsstörungen

  • formale Denkstörungen

  • Ängste

  • Störungen der Affektivität

  • Ich-Störungen

  • Suizidalität

Formen

  • paranoid-halluzinatorische Form: häufigste Form; beginnt akut; tritt relativ spät auf; Wahn und akustische Halluzinationen stehen im Vordergrund.

  • katatone Form: beherrscht durch psychomotorische Störungen (Stupor, Mutismus, Katalepsie) oder starke Erregungszustände; die perniziöse (bösartige) Katatonie mit zusätzlichem hohen Fieber, Kreislaufstörungen und Austrocknung des Körpers kann lebensbedrohlich sein.

  • hebephrene Form: Beginn im Jugendalter; ungünstige Prognose; läppische Grundstimmung, einzelgängerisches und schüchternes Verhalten, Negativsymptomatik im Vordergrund

  • Residualzustand: chronische Form, nach ca. 3 Jahren in der Regel nicht reversibel

  • Schizophrenia simplex: ungewöhnliches Verhalten, soziale Anforderungen können nicht bewältigt werden, Einbußen der Leistungsfähigkeit

  • schizoaffektive Störung: Mischpsychose mit Symptomen der Schizophrenie, der Depression und der Manie

Therapie

  • Neuroleptika

  • Psychoedukation

Affektive Störungen

Bei affektiven Störungenaffektive Störungen handelt es sich um Erkrankungen, die mit einer Störung des Affekts bzw. der Stimmung einhergehen. Diese können sich in zwei entgegengesetzten Richtungen manifestieren, als Manie oder Depression. Affektive Störungen werden auch als affektive Psychosen bezeichnet.
Affektive Störungen können monopolar (auch unipolar genannt) oderbipolare Störungenmonopolare Störungen bipolar auftreten. Bei einer monopolaren Störung schlägt die Stimmung entweder nur in Richtung Depression oder in Richtung Manie aus. Bei einer bipolaren Störung wechseln sich depressive und manische Phasen ab. ⅔ der Erkrankungen verlaufen monopolar, wobei rein manische Verläufe (ca. 5 %) relativ selten auftreten (Abb. 7.1).
Die Lebenszeitprävalenz beträgt 20–25 %. Die Störung beginnt in der Regel im Erwachsenenalter (zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr). Bei depressiven Verlaufsformen sind Frauen etwa doppelt so häufig betroffen, wobei Männer eine höhere Dunkelziffer aufweisen. Zirka 10 % der Depressionen beginnen nach dem 60. Lebensjahr.

Depression

Bei der DepressionDepression handelt es sich um eine psychische Störung mit trauriger Verstimmung, gedrückter, pessimistischer Stimmungslage, Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, Antriebsminderung, leichter Ermüdbarkeit und Selbsttötungsneigung. Depressionen werden heute v.a. nach ihrem Schweregrad unterschieden.

Hinweis Prüfung

Die Depression ist die wichtigste zu erlernende seelische Erkrankung.

Krankheitsentstehung
Wie bei den meisten psychischen Störungen geht man bei der Entstehung einer Depression von einem multifaktoriellen Geschehen aus. DepressionKrankheitsentstehungFolgende Faktoren sind in unterschiedlicher Gewichtung beteiligt:
  • genetische Faktoren: Befunde aus der Zwillingsforschung belegen eindeutig eine genetische Veranlagung. Es besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit zu erkranken, wenn Depressionen in der Familienanamnese zu finden sind.

  • Störungen in der Neurotransmission: Bei einer Depression findet sich ein relativer Mangel an Serotonin und Noradrenalin. Neuere Theorien gehen von einer Dysbalance verschiedener Neurotransmitter aus, wobei auch Veränderungen im Bereich der Rezeptoren eine Rolle spielen.

  • kritische Lebensereignisse („Life Events“): Häufig lassen sich belastende Lebensereignisse (z. B. der Verlust einer wichtigen Bezugsperson) als Auslöser für eine Depression finden.

  • chronobiologische Faktoren: Bei einem kleinen Teil der Erkrankten liegen Störungen der biologischen Rhythmen vor. Dazu gehören Depressionen, die zu bestimmten Jahreszeiten auftreten (v.a. im Herbst und Winter) und gut auf eine Lichttherapie ansprechen. Auch gestörte Schlaf-wach-Rhythmen (z. B. durch Schichtarbeit) können eine Rolle spielen.

  • körperliche Erkrankungen: Zu den Erkrankungen, die Depressionen auslösen können, zählen u.a. Morbus Parkinson, hirnorganische Erkrankungen und Schilddrüsenerkrankungen.

  • Medikamente: Zu den Medikamenten, welche die Entwicklung einer Depression begünstigen können, zählen u.a. Kortison, L-Dopa, Neuroleptika, Betablocker, die „Pille“ und Antibiotika (Sulfonamide).

  • tiefenpsychologische Theorien: Die Psychoanalyse sieht die Depression als Folge von Fehlentwicklungen der frühen Kindheit. Hierbei stehen zwei Entwicklungsbereiche im Vordergrund:

    • In der oralen Phase (1. Lebensjahr) orale PhaseDepressionbefindet sich der Säugling in einer völlig abhängigen, symbiotischen Beziehung zu den primären Pflegepersonen, in der Regel der Mutter. Kann die Mutter das Kind nicht ausreichend emotional versorgen oder wird das Kind sogar wiederholt bzw. endgültig verlassen, können tiefgreifende Entwicklungsdefizite entstehen, die um die Themenbereiche Abhängigkeit und Bedürftigkeit kreisen.

    • narzisstische Krisen: narzisstische Krisen, DepressionDas Kleinkind ist in seiner Entwicklung darauf angewiesen, von den primären Bezugspersonen bzgl. seiner Äußerungen und Bedürfnisse verstanden und wahrgenommen zu werden. Erfährt das Kind nur wenig Resonanz und Verständnis, versucht es mit der Zeit herauszufinden, was es tun muss, um positive Reaktionen zu erhalten. Es passt sich den Bedürfnissen der Bezugspersonen an, büßt dadurch jedoch die Fähigkeit zu Selbstwahrnehmung und Selbstverwirklichung ein. Klassischerweise entwickelt sich auf Grundlage dieser Dynamik eine Betonung der äußeren Leistung. Prestige, materieller Erfolg und gesellschaftliches Ansehen werden entscheidend für das Selbstwertgefühl. Brechen äußere Bestätigungsfaktoren plötzlich weg (z. B. unerwarteter Arbeitsplatzverlust), können sich existenzielle Selbstwertkrisen mit Depression und Suizidalität entwickeln.

  • verhaltenstherapeutische Theorien: Es werden v.a. zwei Erklärungsmodelle herangezogen:

    • Verlust von Verstärkern: Der Wegfall positiver Verstärkungsfaktoren in Form von Zuwendung und Anerkennung durch wichtige Bezugspersonen scheint eine große Rolle bei der Entstehung von Depressionen zu spielen. Auslöser für depressive Verstimmungen können der Verlust von Beziehungspartnern durch Tod oder Scheidung, Arbeitslosigkeit oder soziale Isolation sein.

    • erlernte Hilflosigkeit: Hilflosigkeit, erlernteEin Mensch entwickelt und behält depressives Verhalten bei, wenn er seine Situation als ausweglos und von ihm nicht beeinflussbar erlebt.

  • kognitive Theorie: Aaron T. Beck beschrieb in den 1950er-Jahren typische Denkmuster, die sich bei vielen Depressiven finden lassen (Tab. 7.3): Die betroffenen Patienten nehmen die eigene Person, die Umwelt und ihre eigene Zukunft negativ verzerrt und wie durch einen grauen Filter wahr. Viele dieser Gedankenmuster laufen automatisch ab und führen zu depressiven Stimmungen.

Symptomatik
Zu den typischsten Symptomen einer DepressionDepressionSymptome gehören:
  • depressive Verstimmung: Diedepressive Verstimmung Patienten sind in einer traurigen Stimmung und fühlen sich bedrückt. Es entsteht ein „Gefühl der Gefühllosigkeit“ mit emotionaler Unbeteiligtheit, Gefühlsarmut sowie Sinn- und Hoffnungslosigkeit. Die Patienten fühlen sich in schweren Fällen tot, ausgebrannt, wie versteinert. Sie können keine Freude empfinden.

  • InteressenverlustInteressenverlust: Hobbys und Interessen, die früher Freude gemacht haben, werden nicht mehr verfolgt.

  • Psychomotorik: Es bestehen psychomotorische Störungen, DepressionAntriebslosigkeit mit Bewegungsarmut. Bereits durch kleinste Anstrengungen können sich die Patienten stark erschöpft fühlen. In schweren Fällen kann es zur Entwicklung eines Stupors mit völliger Bewegungslosigkeit kommen. In untypischen Fällen kann auch eine motorische Unruhe auftreten.

  • AngstDepressionängstliche Grundstimmung: Die Patienten haben ein diffuses Gefühl von existenzieller Angst.

  • Suizidgedanken bis hin zur akuten SuizidalitätSuizidalitätDepression

  • WahnDepressionWahnerleben (relativ selten, bei schweren Verläufen auftretend) mit folgenden Wahnthemen: Schuld-, Krankheits-, Armuts-, nihilistischer Wahn (Nichtigkeits- und Kleinheitswahn)

  • vegetative Symptome:

    • Störung der Herz-Kreislauf-Funktionen: Herzrhythmusstörungen, Schwindel-, Kollapsneigung

    • SchlafstörungenSchlafstörungenDepression: Ein- und Durchschlafstörungen. Der Schlaf ist nicht erholsam. Zu den typischen Symptomen einer Depression gehört das morgendliche Früherwachen mit einem Aufwachen von 2–3 Stunden vor dem eigentlichen Aufstehen und dem Wachbleiben mit endlosen Grübeleien.

    • Appetit- und Verdauungsstörungen: Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Obstipation, Übelkeit, Erbrechen

    • Störungen der Tränen-, Speichel-, Schweißdrüsenfunktion: Mundtrockenheit, Schwitzen

    • Störung der Geschlechtsfunktionen: Libido-, Potenzverlust, Amenorrhö

    • Schmerzsyndrome: v. a. Kopf- und Rückenschmerzen, Druckgefühle auf der Brust mit Schwierigkeiten beim Durchatmen

  • DenkstörungenDenkstörungenDepression: Es bestehen oft Denkhemmung, -verlangsamung und -einengung sowie GrübelneigungGrübelnDepression mit pessimistischen Vorstellungen von der Zukunft.

  • gestörte KonzentrationKonzentrationsstörungenDepression: Die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit sind stark herabgesetzt.

  • herabgesetzter Selbstwert: Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind stark vermindert. Es können starke Schuldgefühle bestehen.

  • MorgentiefMorgentief, Depression: Ein weiteres typisches Symptom der DepressionDepressionMorgentief ist eine allgemeine Verschlechterung der Befindlichkeit morgens und vormittags.

Die Störung verläuft in Phasen, d. h., gesunde Phasen wechseln sich mit depressiven Episoden ab. Die Phasen können zwischen einigen Wochen bis über 1 Jahr anhalten. Treten Symptome nur einmalig auf, spricht man von einer einphasigen, bei mehrmaligem Auftreten von einer mehrphasigen oder rezidivierenden Erkrankung. Der Abstand zwischen zwei Phasen kann extrem schwanken und zwischen wenigen Tagen und vielen Jahren betragen. Die beschwerdefreie Zeit wird mit Zunahme der Phasen eher kürzer.

Merke

10–15 % der Erkrankten sterben an einem Suizid.

Schlafstörungen lassen immer auch an das Vorliegen einer Depression denken.

Formen
Depressionen können in unterschiedlichen Formen auftreten. Die Unterschiede betreffen Ursachen, Schweregrade und Verläufe. Schwierigkeiten in der Fachdiskussion entstehen dort, wo neue und veraltete Bezeichnungen nebeneinander verwendet werden.
  • endogene DepressionDepressionendogene: Der Begriff „endogen“ – im Gegensatz zu der Bezeichnung „neurotisch“ – soll beschreiben, dass eine Krankheit nicht durch äußere Faktoren, sondern von innen heraus entsteht. Heute geht man jedoch davon aus, dass sich jede Depression sowohl aufgrund biologischer als auch psychologischer Faktoren entwickelt. Endogene Depressionen verlaufen als schwere Depressionen und müssen von einem Psychiater behandelt werden. Häufig sind Psychopharmaka indiziert und es muss ein stationärer Klinikaufenthalt erwogen werden. Viele der betroffenen Patienten werden suizidal.

  • neurotische DepressionDepressionneurotische: Der Begriff orientiert sich an psychoanalytischen Konzepten. Eine Depression wird demnach als Folge eines verdrängten neurotischen Konflikts angesehen. Häufig lässt sich ein auslösendes Ereignis finden. Neurotische Depressionen verlaufen vergleichsweise milder.

  • MelancholieMelancholie: Die Bezeichnung geht auf Hippokrates (460–370 v. Chr.) zurück und suggeriert, dass die Galle für die Störung verantwortlich ist. Heute wird der Begriff als Synonym für schwerste Formen der endogenen Depression verwendet.

  • DysthymieDysthymie: leichte, eher chronische als episodische Form der Depression. Früher auch als „neurotische Depression“ bezeichnet. Die Betroffenen fühlen sich müde, schlafen schlecht, sind unzufrieden, bewältigen jedoch ihr tägliches Leben.

  • Rapid-Cycling DepressionRapid-Cycling Depression: Als Rapid-Cycling (= schnell wechselnd) Depression wird eine Depression bezeichnet, die mit mehr als 4 manischen und/oder depressiven Phasen pro Jahr einhergeht.

  • larvierte (maskierte/somatisierte) DepressionDepressionlarvierte (maskierte/somatisierte): Körperliche Symptome überwiegen und überdecken die Depression. Die Depression hat sich getarnt und ist als solche oft nur schwer zu erkennen. Im Vordergrund stehen unspezifische, körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Verstopfung oder Unterleibsbeschwerden. Die Diagnose ergibt sich durch aktives Nachfragen. Andere Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden. Besonders wichtig sind Informationen über Tagesschwankungen und die fast nie fehlenden Schlafstörungen.

  • WochenbettdepressionWochenbettdepression: zählt zu den Wochenbettpsychosen, die in den ersten 6 Wochen nach einer Geburt auftreten können. Die depressiven Symptome entwickeln sich nach der Geburt eines Kindes. Die Mutter hat das Gefühl, der Versorgung des Kindes und den damit zusammenhängenden Aufgaben nicht gewachsen zu sein.

  • Altersdepression (auch: Involutionsdepression)Altersdepression:Involutionsdepression Eine Altersdepression tritt ab dem 60. Lebensjahr auf. Sie geht mit einer hohen Suizidrate einher. Es können starke kognitive Defizite wie z. B. Gedächtnisstörungen auftreten. Die Symptomatik kann mit einer Demenz verwechselt werden und wird deshalb auch „Pseudodemenz“ genannt.Pseudodemenz

  • gehemmte DepressionDepressionagitierte/gehemmte: Bei einer gehemmten Depression sind Aktivität und körperliche Bewegung stark vermindert. Im Extremfall entwickelt sich ein Stupor (völlige Erstarrung).

  • agitierte Depression: Diese wird umgangssprachlich bisweilen als „JammerdepressionJammerdepression bezeichnet. Die Patienten sind körperlich extrem unruhig, ängstlich und klagend. Eine für den Patienten, die Angehörigen und den Therapeuten sehr anstrengende Situation. Es besteht ein hohes Suizidrisiko.

  • saisonale DepressionDepressionsaisonale:saisonale Depression In seltenen Fällen haben Patienten zu einer bestimmten Jahreszeit depressive Episoden. Meist sind dies die sonnenarmen Monate Dezember bis Februar. Das Phänomen tritt fast ausschließlich in nördlichen Ländern auf. Während bei den meisten Depressionen ein verringerter Appetit besteht, essen die von einer saisonalen Depression betroffenen Patienten mehr und nehmen an Gewicht zu. Saisonale Depressionen können durch Lichttherapie gebessert werden.

Diagnostik
Die Diagnose ergibt sich aus der Symptomatik, muss jedoch häufig aktiv erfragt werden. Die Diagnose „Depression“ sollteDepressionpsychologische Tests erst gestellt werden, wenn die Symptome seit mindestens 2 Wochen bestehen. Körperliche Erkrankungen sollten stets ausgeschlossen werden. Zur Ermittlung des Schweregrads einer Depression werden spezielle psychologische Tests herangezogen.

Merke

Unbedingt hellhörig werden sollte man bei Schlafstörungen.

Nach einer bestehenden Suizidalität zu fragen, darf nie versäumt werden.

Therapie
Das soziale Umfeld appelliert häufig an die Betroffenen, sich doch aufzuraffen und zusammen zu nehmen. Derlei Hinweise sind nutzlos und kontraindiziert.
Wegen der häufig auftretenden Suizidalität sollten Depressionen nur von psychotherapeutisch und psychiatrisch ausgebildeten Therapeuten behandelt werden. In vielen Fällen müssen die Patienten für einige Wochen stationär in ein Krankenhaus aufgenommen werden.
Schwere und mittelschwere Depressionen müssen mit PsychopharmakaPsychopharmakaDepressionDepressionPsychopharmaka therapiert werden. Die wichtigste Gruppe von Psychopharmaka zur Behandlung von Depressionen sind AntidepressivaAntidepressiva. Sie führen zu einer Normalisierung des Neurotransmitterspiegels im synaptischen Spalt und wirken v.a. auf die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin. Häufig begegnet dem Behandler das Vorurteil, Antidepressiva würden die Persönlichkeit verändern und abhängig machen. Beides trifft nicht zu. Darüber sind die Patienten aufzuklären. Bei auftretenden Nebenwirkungen oder Ausbleiben der erwünschten Wirkung ist vom Arzt ein Präparatewechsel zu erwägen. Es ist wichtig zu wissen, dass der therapeutische Effekt von Antidepressiva erst nach einigen Wochen eintritt. Besonders zu beachten ist, dass bei manchen Antidepressiva (v.a. antriebssteigernde trizyklische Antidepressiva) die SuizidalitätDepressionDepressionSuizidalitätSuizidgefahr zu Beginn der Behandlung steigt, da vor der Stimmungsaufhellung eine Antriebssteigerung eintritt. Antidepressiva haben bei ca. ⅔ der Patienten einen positiven Effekt. Die Medikamente sollten nach Abklingen der Symptomatik mindestens ein halbes Jahr in voller Dosis weiter eingenommen werden.

Achtung

Zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva kann sich die Suizidalität vorübergehend erhöhen.

Zusätzlich zu Antidepressiva werden häufig PhasenprophylaktikaPhasenprophylaktikaDepression verordnet. Zu ihnen zählen LithiumLithium und CarbamazepinCarbamazepin. Lithium weist eine geringe therapeutische Breite auf und es muss regelmäßig der Blutspiegel kontrolliert werden. Weitere, je nach Symptomatik und Notwendigkeit zum Einsatz kommende Psychopharmaka sind Neuroleptika und Tranquilizer.
Eine LichttherapieDepressionLichttherapie hat nursaisonale DepressionLichttherapie bei der saisonalen Depression einen Effekt.
Während der akuten Phase einer schweren Depression ist eine klassische Psychotherapie kontraindiziert. Es sollten stützende, verständnisvolle Gespräche angeboten werden. Nach Abklingen der Akutsymptomatik sollten psychotherapeutische Verfahren wie tiefenpsychologische Therapie oder Verhaltenstherapie eingesetzt werden, um die medikamentöse Behandlung zu begleiten.

Zusammenfassung

Depression

Psychische Störung mit trauriger Verstimmung, gedrückter, pessimistischer Stimmungslage, Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, Antriebsminderung, leichter Ermüdbarkeit, Selbsttötungsneigung

Ursachen

Multifaktorielles Geschehen:
  • genetische Faktoren

  • neurochemische Faktoren

  • kritische Lebensereignisse

  • körperliche Erkrankungen

  • Medikamenteneinnahme

Symptome

  • Niedergeschlagenheit

  • Gefühl der Gefühllosigkeit, Gefühlsarmut

  • negative Denkmuster

  • Antriebslosigkeit

  • Interessensverlust

  • ängstliche Grundstimmung

  • Denkhemmung und -verlangsamung

  • Konzentrationsstörungen

  • Müdigkeit

  • Appetitlosigkeit

  • Druckgefühle

  • Libidoverlust

  • Schlafstörungen

  • Morgentief

  • Suizidalität

Formen

  • endogene Depression: schwere Verlaufsform

  • Melancholie: schwerste Form der endogenen Depression

  • neurotische Depression: häufig lässt sich ein auslösendes Ereignis finden, eher milder Verlauf

  • Dysthymie: eher leichte, chronische Form; Müdigkeit, Schlafbedürfnis und Unzufriedenheit, aber Bewältigung des täglichen Lebens

  • Rapid-Cycling-Depression: schnell wechselnde Depression

  • larvierte (somatisierte) Depression: Überwiegen von körperlichen Symptomen (Kopf-, Rückenschmerzen, Verstopfung, Unterleibsbeschwerden), Schlafstörungen

  • Wochenbettdepression: nach Geburt eines Kindes

  • Altersdepression: kognitive Defizite („Pseudodemenz“), hohe Suizidrate

  • gehemmte Depression: Verminderung der Aktivität

  • agitierte Depression: „Jammerdepression“, Klagen und Unruhe

  • saisonale Depression: Auftreten in sonnenarmen Monaten

Diagnostik

  • Symptomatik, die mindestens über 2 Wochen besteht

  • psychologische Tests

Therapie

  • Psychopharmaka (Antidepressiva); zu Beginn der Behandlung erhöhte Suizidgefahr, kein Suchtpotenzial

  • Phasenprophylaktika: Lithium, Carbamazepin

  • Lichttherapie bei saisonaler Depression

  • Psychotherapie nach Abklingen der akuten Phase (tiefenpsychologische Therapie, Verhaltenstherapie)

Manie

Bei der ManieManie handelt es sich um eine psychische Störung mit euphorisch-gehobener oder gereizter Stimmungslage, Enthemmung, Ideenflucht und Selbstüberschätzung. Wie eine Depression verläuft auch die Manie in Phasen von unterschiedlicher Dauer. Eine Manie führt häufig zu einer zumindest zeitweiligen Schuldunfähigkeit und fehlenden Geschäftsfähigkeit. Bei schwerem und rezidivierendem Verlauf kann sogar die Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung notwendig sein. In einer manischen Phase geschlossene Verträge können für ungültig erklärt werden. Durch Handlungen während einer manischen Phase können Patienten dennoch in ernsthafte finanzielle und soziale Schwierigkeiten geraten.
Krankheitsentstehung
Der Manie liegt ebenso wie der Depression ein multifaktorielles Geschehen zugrunde:
  • genetische Faktoren: Oft liegt eine familiäre Belastung vor. Dabei ist zu beachten, dass sich das Erkrankungsrisiko auf eine affektive Störung im Allgemeinen bezieht und nicht notwendigerweise nur auf eine Manie.

  • Störungen im Neurotransmitterhaushalt: Während bei einer Depression ein relativer Mangel an Serotonin und Noradrenalin vorliegt, besteht bei einer Manie ein relativer Überschuss an Dopamin und Noradrenalin.

Symptomatik
Eine Manie ist besonders gekennzeichnet durch:
  • Stimmungshoch: Stimmungshoch, ManieDie Patienten sind meist gut gelaunt, ausgelassen und euphorisch. Häufig verhalten sie sich jedoch auch gereizt, aggressiv und streitsüchtig.

  • AntriebssteigerungAntriebssteigerungManie: Es besteht ein großer Tatendrang mit starker Bewegungsunruhe. Die Patienten begehen unüberlegte Handlungen wie z. B. unverhältnismäßige Einkäufe oder spontane Vertragsabschlüsse, die teilweise fatale materielle Konsequenzen nach sich ziehen können.

  • LogorrhöLogorrhöManie: Es treten ein unentwegter Redefluss und ein starkes Mitteilungsbedürfnis auf.

  • IdeenfluchtIdeenfluchtManie: Die Patienten springen auf jedes Thema an, sie kommen vom Hundertsten ins Tausendste und haben ständig neue Ideen. Es besteht eine starke Ablenkbarkeit. Zielführende Gespräche sind häufig nicht mehr möglich.

Weiterhin zeigen sich GrößenwahnGrößenwahnManie mit Selbstüberschätzung und unrealistischem Optimismus. Die Patienten weisen ein vermindertes Schlafbedürfnis auf. Es besteht eine gesteigerte sexuelle Aktivität mit Promiskuität. Soziale Hemmungen gehen verloren, es treten Alkohol- und Drogenmissbrauch auf. Die Patienten können suizidal werden.
Diagnostik
Bei Verdacht auf Vorliegen einer Manie kann man sich nicht auf die Aussagen der Betroffenen stützen. Durch die nicht vorhandene Krankheitseinsicht werden Informationen von nahen Angehörigen benötigt (Fremdanamnese). Die Diagnose wird aufgrund der typischen Symptomatik gestellt, die mindestens 1 Woche bestehen muss. Diagnostisch auszuschließen sind eine Schizophrenie, organische Störungen und die Auswirkungen psychotroper Substanzen oder Medikamente.
Therapie
Häufig ist eine Zwangseinweisung notwendig, da in der Regel keine Krankheitseinsicht besteht. Aus diesem Grund besteht meist auch keine Basis für die Mitarbeit an einer Therapie. In vielen Fällen ist eine Abschirmung von sozialen Kontakten hilfreich und notwendig, da sich die Kranken durch ihr problematisches Verhalten oft bleibenden sozialen Schaden zufügen.
Im Mittelpunkt der medikamentösen Therapie steht die Gabe von LithiumLithium oder AntiepileptikaAntiepileptikaManie als Phasenprophylaktika. PhasenprophylaktikaMabnieZusätzlich werden NeuroleptikaNeuroleptikaManie mit antipsychotischer Wirkung sowie SedativaSedativa, Manie zur Beruhigung gegeben.

Zusammenfassung

Manie

Psychische Störung mit euphorisch-gehobener oder gereizter (dysphorischer) Stimmungslage, Enthemmung, Ideenflucht, Selbstüberschätzung

Ursachen

Multifaktorielles Geschehen:
  • genetische Faktoren

  • neurochemische Faktoren

Symptome

  • Stimmungshoch

  • Antriebssteigerung

  • Logorrhö

  • Ideenflucht

  • Größenwahn

  • vermindertes Schlafbedürfnis

  • gesteigerte sexuelle Aktivität

  • Alkohol- und Drogenmissbrauch

  • fehlendes Krankheitsgefühl

Therapie

  • Phasenprophylaktika: Lithium, Antiepileptika

  • Neuroleptika

  • Sedativa

Bipolare affektive Störung

Bei einer bipolaren affektiven Störungbipolare Störungenaffektive Störungenbipolare treten sowohl depressive als auch manische Episoden auf. Leichtere Formen mit andauernder Instabilität der Stimmung und mit zahlreichen Perioden leichter Depression im Wechsel mit leicht gehobener Stimmung bezeichnet man als ZyklothymiaZyklothymia.
Die Symptomatik ist identisch mit der der Depression (Kap. 7.3.1) und der Manie (Kap. 7.3.2) mit dem Unterschied, dass beide Pole der affektiven Störung abwechselnd auftreten können. Nur selten sind beide Formen gleichzeitig anzutreffen (affektiver Mischzustand); in den meisten Fällen treten depressive und manische Schübe nacheinander auf.
In depressiven Phasen ist die häufig vorhandene Suizidalität zu berücksichtigen, in manischen Phasen kann stark selbstgefährdendes Verhalten vorliegen.

Angst-, Panikstörungen und Phobien

Es werden PanikstörungenPanikstörungen, PhobienPhobie und generalisierte AngststörungenAngststörungengeneralisierte unterschieden. Angst- und Panikstörungen gehen sowohl mit körperlichen als auch seelischen Symptomen einher. Bei Phobien tritt Angst überwiegend in spezifischen Situationen oder bei Kontakt mit bestimmten Objekten auf, die an sich genommen ungefährlich sind. Die betreffenden Objekte oder Situationen werden nach Möglichkeit gemieden oder nur voller Angst ertragen. Bei sonstigen Angststörungen (generalisierte Angst, Panikstörung) tritt Angst unvorhersehbar und situationsunabhängig auf (Abb. 7.2).
Etwa 15 % der Bevölkerung in Deutschland leiden im Laufe des Lebens an einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Am häufigsten sind soziale Phobien, gefolgt von spezifischen Phobien. Die meisten Angsterkrankungen beginnen zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr. Frauen sind häufiger betroffen.
Neben den Angststörungen im engeren Sinn, tritt Angst auch als Begleitsymptom bei einer ganzen Reihe anderer psychischer und körperlicher Erkrankungen auf.
Krankheitsentstehung
Von verschiedenen psychologischen Erklärungsmodellen wird heute das Modell der Lerntheorie favorisiert. Aus Sicht der Lerntheorie ist eine AngststörungAngststörungenLerntheorie auf erlerntes Verhalten zurückzuführen. Es werden disponierende, auslösende und aufrechterhaltende Bedingungen für Angststörungen beschrieben:
  • Auslösende Momente können emotional belastende Lebensereignisse sein, die mit einer erhöhten Erregbarkeit des vegetativen Nervensystems einhergehen.

  • Eine wichtige, aufrechterhaltende Komponente stellt (v.a. bei Phobien) das Vermeidungsverhalten dar (z. B. das Haus nicht mehr verlassen bei Agoraphobie). Vermeidung führt zu einer negativen Verstärkung und verhindert korrigierende Lernerfahrungen.

Tiefenpsychologische Konzepte gehen von Belastungen aus der frühen Kindheit aus. Die Wirksamkeit von Psychopharmaka bei Angststörungen deutet auf Störungen im Neurotransmitterhaushalt hin.
Formen
AgoraphobieDer Begriff Agoraphobieleitet sich aus dem Griechischen ab (agora = Marktplatz, phobos = Furcht) und beschreibt ursprünglich die Angst, sich auf weiten, offenen Flächen zu bewegen (Marktplätze). Deshalb wird dieses Beschwerdebild auch „Platzangst“ genannt. PlatzangstHeute wird die Agoraphobie sehr viel weiter gefasst und umfasst das Meiden
  • öffentlicher Plätze,

  • von Menschenmengen,

  • von Situationen, in denen man sich nicht schnell an einen sicheren Platz, insbesondere nach Hause, zurückziehen kann,

  • alleine oder an Orte in größerer Entfernung zu reisen.

Bei der Agoraphobie besteht keine Angst vor der Situation an sich, sondern man fürchtet, im Fall eines Angstanfalls nicht aus der Situation flüchten zu können, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein oder zu kollabieren. Im Extremfall schränkt die Störung die Bewegungsfreiheit so stark ein, dass die Wohnung nicht mehr verlassen wird. 30 % der Agoraphobiker können ihren beruflichen und familiären Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Die Störung beginnt in der Regel im frühen Erwachsenenalter und wird ohne angemessene Behandlung meist chronisch.
Soziale PhobieEs Phobiesozialesoziale Phobiefällt den Betroffenen schwer, sich in Situationen zu begeben, in denen sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und von anderen Menschen kritisch beurteilt werden könnten. Früher wurde die Störung auch „krankhafte SchüchternheitSchüchternheit, krankhafte genannt. Dazu gehören nicht nur so offensichtliche Herausforderungen wie das Halten einer Rede vor einer größeren Gruppe, sondern auch alltägliche Handlungen wie das Unterschreiben von Schriftstücken oder die Einnahme einer Mahlzeit in Gegenwart anderer. Der Betroffene erkennt die Angst als sinnlos und übertrieben. Vor fremden Menschen ist die Angst ausgeprägter als vor Bekannten. Kleine Gruppen sind im Gegensatz zu großen Menschenmengen bedrohlicher. Es bestehen starke Minderwertigkeitsgefühle. In schweren Fällen kann Vermeidungsverhalten zu vollständiger sozialer Isolation führen. Zusätzliche ausgeprägte Panikattacken sind seltener als bei der Agoraphobie. Soziale Phobien beginnen meist im Jugendalter. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.
Spezifische (isolierte) PhobieSie Phobiespezifische (isolierte)beschreibt eine anhaltende, deutlich ausgeprägte Angst vor bestimmten Situationen, Dingen oder Lebewesen, die bei dem Betroffenen erhebliches Leiden verursacht:
  • Tiere: z. B. Spinnen, Schlangen, Hunde, Mäuse, Würmer, Pferde

  • Umweltereignisse: Sturm, Gewitter, Wasser, Dunkelheit, Feuer

  • Anblick von Blut, Spritzen oder Verletzungen

  • spezifische Situationen: z. B. die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Fliegen, Befahren von Tunneln oder Brücken, Benutzung von Fahrstühlen, Aufenthalt in geschlossenen Räumen (Klaustrophobie),Klaustrophobie im Dunkeln oder in der Höhe, Zahnarztbesuch, Furcht, bestimmten Krankheiten ausgesetzt zu sein (z. B. Geschlechtskrankheiten, AIDS)

Die phobischen Situationen werden gemieden bzw. nur unter starker Angst und Unbehagen ertragen. Phobien können mit Panikattacken einhergehen. Der Beginn der Störung liegt in der Kindheit oder dem frühen Erwachsenenalter. Unbehandelt entstehen chronische Verläufe.
Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst)EsPanikstörungen kommt zu wiederkehrenden schweren Angstattacken, die sich nicht auf bestimmte Situationen beziehen. Sie entstehen ohne ersichtlichen Anlass und Angstepisodisch paroxysmalesind deshalb nicht vorhersehbar. Panikattacken beginnen plötzlich und gehen mit starken körperlichen Reaktionen wie Herzklopfen, Erstickungsgefühlen oder Schwindel einher. Damit verbunden sind Gefühle der DepersonalisationDepersonalisation und DerealisationDerealisation, des Kontrollverlusts sowie der Angst davor, wahnsinnig zu werden oder zu sterben. Solche Zustände sind für den Betroffenen subjektiv äußerst bedrohlich. Panikattacken erreichen schnell ihren Höhepunkt und dauern einige Minuten bis zu einer halben Stunde. Tritt Panik in einer bestimmten Situation auf (z. B. bei einer Busfahrt), kann es sein, dass der Betroffene aus Furcht vor einem neuen Angstanfall („Angst vor der Angst“, Erwartungsangst) ähnliche Situationen in Zukunft meidet. Zusätzlich zur Panik entwickelt sich in der Folge oft eine Agoraphobie. Panikstörungen werden häufig als vegetative Dystonie, psychovegetatives Syndrom oder funktionelles kardiovaskuläres Syndrom fehldiagnostiziert. Frauen werden als hysterisch, Männer als Hypochonder bezeichnet.
Generalisierte AngststörungDie AngstAngststörungengeneralisierte bezieht sich wie bei der Panikstörung nicht auf bestimmte Situationen. Sie verläuft nicht hochakut wie eine Panikattacke. Vielmehr leiden die Betroffenen über Monate unter Symptomen wie Befürchtungen (z. B. Geldsorgen), starker Anspannung, Übererregung und ständiger Nervosität.
Symptomatik
Angstanfälle, besonders Panikattacken, gehen mit einer Reihe körperlicher Symptome einher: Tachykardie, Schwitzen, Zittern, Dyspnoe, Mundtrockenheit, Übelkeit, Schwindel und Benommenheit.
Zusätzlich entstehen durch Angststörungen soziale und gesundheitliche Folgen: Durch Vermeidungsverhalten und Versuche, die Angstgefühle zu kontrollieren, kommt es zu einer Unfähigkeit, bestimmte Dinge allein zu tun. In der Folge entstehen Berufsunfähigkeit, soziale Isolation und starke Abhängigkeiten von Bezugspersonen.
Viele Betroffene entwickeln DepressionenDepressionAngststörungen und greifen zu Alkohol und Medikamenten, wodurch Abhängigkeitserkrankungen entstehen können. Angst- und Panikstörungen verlaufen meist chronisch. Im Alter mildern sich die Symptome.
Diagnostik
Da ein Panikanfall ein sehr körpernahes Geschehen ist, muss nach dem ersten Auftreten eine ausführliche ärztliche Untersuchung erfolgen, um körperliche Ursachen der Symptome auszuschließen. Auch andere psychische Störungen müssen ausgeschlossen werden.
Die eigentliche Diagnosestellung ergibt sich aus den Schilderungen des Patienten. Im anamnestischen Gespräch wird abgeklärt, ob die beschriebenen Ängste Krankheitswert besitzen. Danach ist zu erfragen, ob die Ängste nur in bestimmten Situationen bzw. bei Kontakt mit bestimmten Objekten bestehen oder ob sie situationsunabhängig auftreten. Im Anschluss wird das Ausmaß von Vermeidungsverhalten und sozialer Beeinträchtigung ermittelt.
Abzugrenzen sind organische Störungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen, die mit Angst einhergehen (z. B. Schizophrenie).
Therapie
Bei der Therapie von Phobien ist die Verhaltenstherapie VerhaltenstherapiePhobiePhobieVerhaltenstherapieam effektivsten (Abb. 7.3). Der Patient wird nach angemessener Vorbereitung in eine Situation gebracht, in der ein Höchstmaß an Angst aufritt („Flooding“). Der Therapeut muss verhindern, dass der Patient die angstauslösende Situation verlässt und die Flucht ergreift (Reaktionsverhinderung). Der Patient lernt auf diese Weise, dass er – entgegen seiner Befürchtungen – nicht „vor Angst stirbt“ und auch nicht verrückt wird, sondern dass Panik ein vorübergehender Zustand ist, für den es geeignete Bewältigungsstrategien gibt. Dieser therapeutische Ansatz wird ReizkonfrontationReizkonfrontation genannt.
Bei sozialen Phobien soziale PhobiePhobiesozialehaben sich Selbstsicherheitstrainings in Gruppen bewährt. In Rollenspielen lernt der Patient, sich schwierigen Situationen auszusetzen, seine Gedanken und sein Selbstbild zu hinterfragen sowie Kontakt mit fremden Personen aufzunehmen und Gespräche zu führen.
Die verhaltenstherapeutischen Methoden werden häufig mit Entspannungsverfahren, besonders der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson, kombiniert. Zusätzlich werden Psychopharmaka eingesetzt. Für die Langzeitbehandlung sind AntidepressivaAntidepressiva die Mittel der Wahl. Benzodiazepine haben zwar eine sehr starke angstlösende Wirkung, sollten aber wegen ihres großen Abhängigkeitsrisikos, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit verordnet werden.

Zusammenfassung

Phobie, Panikstörung, generalisierte Angststörung

Ursachen

  • ungünstiges, erlerntes Verhalten mit Vermeidung

  • Belastungen in der Kindheit

  • Dysbalancen im Bereich der Neurotransmitter

Formen

  • Agoraphopie („Platzangst“): Meiden von öffentlichen Plätzen, Menschenmengen, Situationen, in denen man sich nicht schnell an einen sicheren Platz zurückziehen kann, Reisen alleine oder an Orte in größerer Entfernung

  • soziale Phobie: „krankhafte Schüchternheit“

  • spezifische Phobie: deutlich ausgeprägte Angst vor bestimmten Situationen, Dingen oder Lebewesen

  • Panikstörung: schwere Angstattacke ohne ersichtlichen Anlass, nicht vorhersehbar, hochakut, starke körperliche Reaktionen

  • generalisierte Angststörung: ohne ersichtlichen Anlass, unvorhersehbar, nicht hochakut, Befürchtungen, starke Anspannung, Übererregung, ständige Nervosität

Symptome

  • Tachykardie

  • Dyspnoe

  • Zittern

  • Schwindel

  • Schwitzen

  • Vermeidungsverhalten

  • soziale und gesundheitliche Folgen

Diagnostik

  • Schilderung des Patienten

  • gründliche körperliche Untersuchung

Therapie

  • Verhaltenstherapie (Reizkonfrontation, „Flooding“)

  • soziale Phobie: Selbstsicherheitstraining in Gruppen

  • Entspannungsverfahren (z. B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobson)

  • Psychopharmaka: Antidepressiva

Zwangsstörungen

Bei einer ZwangsstörungZwangsstörungen besteht ein innerer Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun (ZwangsgedankenZwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen)Zwangshandlungen. Der Betroffene wehrt sich gegen das Auftreten der Zwänge und erlebt diese als übertrieben und sinnlos. Auch viele gesunde Menschen kennen zwangsähnliche Phänomene, wie das Bedürfnis nach einer bestimmten Ordnung oder übertriebener Sauberkeit. Krankheitswert erreicht eine Symptomatik, wenn es zur Beeinträchtigung des Denkens, Handelns und sozialen Verhaltens kommt. Zwangsstörungen führen zu starken Belastungen der sozialen Beziehungen und zu einer Schwächung der beruflichen Leistungsfähigkeit.
Zwangsstörungen werden nach Angststörungen, Depressionen und Schizophrenien als vierthäufigste psychiatrische Störung angegeben. In Deutschland leiden 2 % der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Zwangsstörung, wobei Frauen und Männer ungefähr gleich häufig betroffen sind. Auffallend ist ein sehr hoher Prozentsatz von alleinstehenden Menschen.
Krankheitsentstehung
Es besteht ein Zusammenspiel von biologischen und psychologischen Faktoren:
  • lerntheoretische Aspekte: Das lerntheoretische Modell erklärt mehr die Aufrechterhaltung als das Zustandekommen von Zwängen. Demnach bestehen unangenehme Gedanken und Gefühle, die Angst, Unruhe oder Ekel erzeugen. Bestimmte Handlungen helfen, diese unangenehmen Gefühle zu reduzieren. Da der Betroffene durch bestimmte Zwangsrituale die inneren Gefühle kontrollieren kann und ohne das Ausführen von Zwangshandlungen starken Angstgefühlen ausgesetzt ist, wird das Zwangsverhalten wiederholt und stabilisiert sich.

  • kognitive Aspekte: Menschen mit Zwangsstörungen haben eine bestimmte Art zu denken. Es dominieren folgende Gedankenmuster und Grundüberzeugungen:

    • Überzeugung von Verantwortlichkeit

    • Überzeugung von Schuld

    • Überzeugung von negativem Ausgang

    • Unsicherheit und Zweifel

  • neurobiologische Faktoren: Das Auftreten von Zwangssymptomen bei organischen Hirnerkrankungen zeigt, dass Störungen bestimmter Hirnareale bei der Entstehung von Zwangsstörungen eine Rolle spielen. Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren ergaben Funktionsstörungen im Bereich der Basalganglien, des limbischen Systems und des Frontalhirnlappens. Für die Zusammenarbeit der angesprochenen Gehirnareale spielt der Botenstoff Serotonin eine wesentliche Rolle. Die Wirksamkeit antidepressiver Medikamente in über der Hälfte aller Fälle bestätigt einen starken biologischen Faktor.

  • genetischer Faktor: Zwillingsstudien zeigen eine erhöhte Vulnerabilität von Angehörigen ersten Grades.

  • tiefenpsychologische Theorie: Der psychoanalytischen Theorie zufolge liegt der Zwangsstörung eine Fixierung in der analen Phase zugrunde. Verdrängte, teils verleugnete Seelenanteile werden durch die Zwangssymptomatik in Schach gehalten.

Symptomatik
Pathologische Zwangsphänomene drängen sich auf, werden als sinnlos erlebt, können von den Patienten nicht vermieden werden und wiederholen sich stereotyp. Bei dem Versuch, sich zu widersetzen, tritt eine intensive innere Spannung mit vorherrschender Angst auf. Personen aus der sozialen Umgebung werden oft in das Zwangssystem eingebaut, was zu großen Schwierigkeiten im Zusammenleben und beim Zusammenarbeiten führt.
Typische Symptome der Zwangserkrankung sind:
  • ZwangsgedankenZwangsgedanken: Immer wieder drängen sich die gleichen Gedanken auf. Es können Zwangsbefürchtungen, Zwangsimpulse und Grübelzwang unterschieden werden.

    • ZwangsbefürchtungenZwangsbefürchtungen und ZwangsimpulseZwangsimpulse: Die Betroffenen stellen sich bestimmte Katastrophen vor oder verspüren den Impuls, Dinge zu tun oder zu sagen, die im krassen Widerspruch zu ihrem Wertesystem stehen. So kann eine Mutter den wiederkehrenden Gedanken haben, ihr geliebtes Kind umzubringen, ein gläubiger Mensch hat gotteslästerliche Gedanken, es besteht die Angst, einem Angehörigen oder sich selbst etwas anzutun oder vor impulsartigen sexuellen Handlungen, die als ichfremd erlebt werden.

    • GrübelzwangGrübelzwang: Die Inhalte beim Grübelzwang sind mehr oder weniger beliebig. Der Betroffene ist zwanghaft damit beschäftigt, bestimmte Gedanken wieder und wieder zu durchdenken. Es wird gegrübelt, ob z. B. bestimmte Dinge erledigt worden sind oder nicht.

  • ZwangshandlungenZwangshandlungen: Zum Abbau der inneren Anspannung werden gewisse Handlungen wiederholt durchgeführt.

    • WaschzwangWaschzwang: Die Betroffenen waschen sich bis zu 100-mal am Tag die Hände. Dies geschieht in ritualisierter Form nach einem genau festgelegten Handlungsablauf. Die Reinigungsrituale dienen der „Entseuchung“ des Körpers oder von Gegenständen. Waschzwänge können schwerwiegende Hautschäden verursachen.

    • KontrollzwangKontrollzwang: Die Betroffenen versuchen, durch wiederholtes Kontrollieren von alltäglichen oder beruflichen Verrichtungen Fehler zu vermeiden. Es wird immer wieder bezweifelt, dass man eine bestimmte Tätigkeit bereits vollzogen hat, oder man befürchtet, etwas nicht richtig getan zu haben. In der Folge werden Dinge immer wieder kontrolliert und manchmal auch andere Menschen dazu angehalten, Kontrollen durchzuführen. Typischerweise wird das Abschließen von Türen oder Fenstern, Wasser- und Gashähnen oder Elektrogeräten (Herdplatte, Bügeleisen) überprüft.

    • OrdnungszwangOrdnungszwang: Handlungsabläufe und Gegenstände werden in ein starres Ordnungsschema eingeordnet. Häufig müssen Gegenstände millimetergenau ausgerichtet liegen. Für die Herstellung und Aufrechterhaltung der richtigen Ordnung müssen viele Stunden am Tag aufgewendet werden.

    • WiederholungszwängeWiederholungszwänge: Bei dieser Zwangsform werden Handlungen, Worte, Sätze oder Zahlen ständig in ritualisierter Form wiederholt. Dies dient der Abwehr befürchteter Katastrophen, ohne dass ein logischer Zusammenhang besteht. Handlungen können unter dem Diktat einer bestimmten Zahl stehen, z. B. muss eine Verrichtung immer 7-mal wiederholt werden. Gelingt dies nicht, muss die Arbeit noch einmal von vorn begonnen werden, um ein Unglück zu verhindern.

    • Sammeln, Stapeln, Horten: Aus Angst, es könnte eines Tages noch gebraucht werden, wird nichts weggeworfen. In der Wohnung entstehen Platzmangel und Unordentlichkeit. Teilweise werden sogar Mülltüten gesammelt und gehortet.

Merke

Der Wasch- und Kontrollzwang KontrollzwangWaschzwangsind die häufigsten Symptome bei Zwangsstörungen.

Verlauf
Zwangserkrankungen beginnen in der Kindheit oder treten im jungen Erwachsenenalter auf. Sie haben die Tendenz zu chronifizieren. Oft vergehen viele Jahre, bevor eine Therapie begonnen wird.
In vielen Fällen kommt es im Krankheitsverlauf zu depressiven Symptomen, teils mit akuter SuizidalitätZwangsstörungenSuizidgefahr. ZwangsstörungenSuizidalitätAuch die sozialen Folgen der Erkrankung sind schwerwiegend. Es kommt zu sozialem Rückzug und Isolierung bis hin zur Verwahrlosung.
In ⅔ der Fälle liegen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken gemischt vor.
Therapie
Früher galten Zwangsstörungen als nicht erfolgreich behandelbar. Eine Kombination aus AntidepressivaAntidepressiva und Psychotherapie zeigt heute sehr viel bessere Ergebnisse. Selten gelingt ein vollständiges Verschwinden der Problematik, es kann jedoch ein guter Umgang mit den Symptomen und eine starke Verringerung des Leidensdrucks erreicht werden. Bei ¼ der Patienten bleiben die Symptome trotz Therapie bestehen. Die besten Behandlungserfolge bei Zwangsstörungenkognitive VerhaltenstherapieZwangsstörungen werden mit kognitiver Verhaltenstherapie erzielt.

Zusammenfassung

Zwangsstörungen

Innerer Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun; Zwänge werden als sinnlos erlebt, können von den Patienten nicht vermieden werden und wiederholen sich stereotyp.

Ursachen

  • Kontrolle innerer Spannungen

  • Spezielle Denkmuster und Grundüberzeugungen

  • Kindheitsbelastungen aus der analen Phase

  • Dysbalancen im Neurotransmitterstoffwechsel

  • genetische Faktoren

Symptome

  • Zwangsgedanken: Zwangsbefürchtungen, -impulse, Grübelzwang

  • Zwangshandlungen: Wasch-, Kontroll-, Ordnungs-, Wiederholungszwang, Sammeln, Stapeln, Horten

Therapie

  • Verhaltenstherapie

  • Antidepressiva

Belastungs- und Anpassungsstörungen

Belastungs- und AnpassungsstörungenAnpassungsstörungen sind psychische Reaktionen, dieBelastungsstörungen eindeutig auf außergewöhnlich belastende Lebensereignisse zurückzuführen sind. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Schwere des auslösenden Ereignisses, der Schwere der Symptomatik und des Zeitpunktes ihres Auftretens.
Ursachen
In Betracht kommen als traumatisierende Lebensereignisse (traumatische Erfahrungen nach Ursachengruppen):
  • individuelle Gewalt: Vergewaltigung, Zeuge oder Opfer von Gewalttaten in der Familie, versuchter Raubmord, Geiselhaft, Körperverletzung, Folter, Entführung

  • kollektive Gewalt: Kriegsereignisse, Erlebnisse in Luftschutzkellern, Vertreibung aus der Heimat, unmenschliche Haftbedingungen (Konzentrationslager), Aussteiger aus Sekten

  • Naturkatastrophen: Überschwemmung, Feuer, Blitzeinschlag, Lawinenunglück, Erdbeben

  • technische Katastrophen: Flugzeugunglück, schwerer Autounfall, Explosion, Arbeitsunfall, Chemieunfall

  • körperliche oder psychische Extrembelastungen: schwere Verbrennungen, überlebter Herzstillstand, schwerer allergischer Schock, andere lebensbedrohliche Erkrankungen

Formen
In der Gruppe der Belastungs- und Anpassungsstörungen werden drei Unterformen unterschieden:
  • akute Belastungsreaktion (psychischer Schock)Belastungsreaktion, akute: vorübergehende Reaktionen einer bisherpsychischer SchockSchockpsychischer psychisch unauffälligen Person auf schwerwiegende Ereignisse, die meist sofort nach dem Ereignis auftreten und meist nicht länger als 2–3 Tage bestehen. Beispiele für belastende Lebensereignisse sind Gefahr für Leib und Leben des Patienten oder von Angehörigen, Tod nahestehender Personen, Arbeitsplatzverlust, finanzieller Verlust.

  • posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): verzögerte, schwerwiegende Reaktionen auf extrem traumatische Ereignisseposttraumatische Belastungsstörung (PTBS) (lebensbedrohliche Situationen), die mit dem Erleben von Furcht, Ohnmacht und Entsetzen einhergehen und bei jedem Menschen eine psychische Beeinträchtigung hervorrufen würden. Der Betroffene hat selbst unmittelbare Gefahr für Leib und Leben ausgestanden oder schwerwiegende Ereignisse unmittelbar beobachtet oder miterlebt. Beispiele für extrem traumatisierende Lebensereignisse sind Vergewaltigung, Kriegserfahrungen, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen, Entführung, Gefangenschaft, Folter, Unfälle, die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit oder unangemessene sexuelle Erfahrungen bei Kindern. Besonders schwer traumatisierend scheinen Ereignisse zu sein, die willentlich durch Menschen hervorgerufen wurden (z. B. Folter, Vergewaltigung).

  • AnpassungsstörungAnpassungsstörungen: Reaktionen auf entscheidende Lebensveränderungen oder belastende Ereignisse. Die Reaktionen sind nicht so ausgeprägt wie bei der posttraumatischen Belastungsstörung, dauern nicht so lange an und das auslösende Ereignis ist nicht als extrem traumatisierend anzusehen.

Obwohl es problematisch ist, leidvolle Erfahrungen von Menschen zu bewerten, ist es wissenschaftlich sinnvoll, Ereignisse zu unterscheiden, die „nur“ belastend sind, während andere als extrem traumatisierend angesehen werden. Die Übergänge sind natürlich fließend. Menschen reagieren auf ähnliche Ereignisse zudem sehr unterschiedlich (individuelle Vulnerabilität). Es leuchtet jedoch unmittelbar ein, dass ein Arbeitsplatzverlust von den meisten Menschen anders verarbeitet wird als beispielsweise eine Vergewaltigung.
Symptomatik
Akute Belastungsreaktion
Zu Beginn bestehen ein GefühlBelastungsreaktion, akute von Betäubung und Empfindungslosigkeit, Zeichen panischer Angst, Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Unruhe, Überaktivität, Amnesie, depressive Symptome und sozialer Rückzug. Die Symptome beginnen meist unmittelbar nach dem Ereignis und klingen nach 2–3 Tagen ab.
Posttraumatische Belastungsstörung
Die Beschwerden treten in den posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)meisten Fällen verzögert auf. Sie beginnen oft erst einige Wochen nach dem traumatisierenden Ereignis und/oder halten Monate an.
Meist treten drei Gruppen von Symptomen auf:
  • wiederholtes Erleben des Traumas: ständiges Wiedererleben des Traumas in Gedanken, Albträumen oder Flashbacks, das Vermeiden von Reizen, die an das Trauma erinnern, heftige seelische oder körperliche Reaktionen durch Reize, die an das Ereignis erinnern

  • emotionaler und sozialer Rückzug: sozialer Rückzugposttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Unfähigkeit, sich an zuvor angenehmen Tätigkeiten zu erfreuen; reduzierte Fähigkeit, Gefühle zu empfinden; quälende Schuldgefühle bzgl. anderer betroffener Menschen (v.a. bei überlebenden Opfern gegenüber den nicht Überlebenden), verminderte affektive Schwingungsfähigkeit (oft im Bereich von Intimität und Zärtlichkeit), Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit

  • nervliche und körperliche Übererregtheit: Schlafstörungen (Ein- oder Durchschlafstörungen, Albträume), Angst vor dem Alleinsein, teils mit Kontrollzwängen (Sind Türen und Fenster wirklich verschlossen?), selbstschädigendes und impulsives Verhalten, Schreckhaftigkeit, ständiges Gefühl des Bedrohtseins, depressive Stimmungslage, Suizidgedanken

Der Verlauf ist wechselhaft. In 50 % der Fälle gehen die Symptome nach einigen Monaten von allein zurück. In ⅓ der Fälle nimmt die Störung einen chronischen Verlauf. Bei Nachuntersuchungen berichteten viele Holocaust-Opfer auch nach 4 Jahrzehnten noch von belastenden Bildern.
Anpassungsstörung
Die Betroffenen zeigen eine depressive Stimmung, Angst und Besorgnis. Die Symptome beginnen innerhalb der ersten 4 Wochen nach dem belastenden Ereignis und dauern meist nicht länger als 6 Monate.
Diagnostik
Belastungs- und Anpassungsstörungen können eine Vielzahl von psychischen Symptomen auslösen. Zur Diagnosestellung ist es unbedingt erforderlich, einen Zusammenhang zwischen den psychischen Symptomen und einer belastenden Lebenssituation herzustellen.
Therapie
Akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen bilden sich oft von allein zurück oder lassen sich zumindest mit psychologischer Unterstützung bessern. Anpassungsstörungen dauern selten länger als 6 Monate.
Die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen ist sehr viel schwieriger. Zwar haben sich in den vergangenen Jahren effektive therapeutische Ansätze entwickelt, jedoch sollte die Behandlung Therapeuten vorbehalten bleiben, die dafür speziell ausgebildet sind. Häufig fordern die Patienten selbst vehement nach einer Bearbeitung der Störung, bei unsachgemäßer Therapie ohne ausreichende Vorbereitung kann es jedoch schnell zu einer Retraumatisierung kommen. Auch die Belastung des Therapeuten durch eine Traumatherapie darf nicht unterschätzt werden.
Zur Behandlung von Traumata haben sich besonders bewährt:
  • EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)Eye Movement Desensitization and Reprocessing s. EMDR: EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)Diese für Traumabehandlungen spezifische Therapieform wurde zu Beginn der 1990er-Jahre entwickelt. Die Wirkmechanismen sind noch nicht endgültig erforscht. Nach ausgiebiger Vorbereitung des Patienten werden mittels Augenbewegungen beide Gehirnhälften stimuliert. Dadurch werden Verarbeitungs- und Reintegrationsprozesse angeregt.

  • Hypnotherapie nach EricksonHypnotherapie nach Erickson: Mittels imaginativer Techniken und Suggestionen lernen die Patienten, die Kontrolle über unwillkürlich auftretende Bilder (Flashbacks) zu erlangen. Es werden eigene, individuelle Ressourcen gefunden, um mit den Ereignissen umzugehen und die eigene Handlungskompetenz wiederzuerlangen.

Zur Unterstützung der psychotherapeutischen Behandlung können zeitlich begrenzt AntidepressivaAntidepressiva und selten auch AnxiolytikaAnxiolytika gegeben werden. Im Fall von akuten Erregungszuständen kommen neben Beruhigungsmitteln auch NeuroleptikaNeuroleptika zum Einsatz.

Achtung

Posttraumatische Belastungsstörungen sollten nur von Therapeuten behandelt werden, die eine fundierte Ausbildung in Psychotraumatologie durchlaufen haben.

Zusammenfassung

Belastungs- und Anpassungsstörungen

Reaktionen auf außergewöhnlich belastende Lebensereignisse

Symptome

Sehr unterschiedlich, abhängig von Art und Dauer der Belastung:
  • akute Belastungsreaktion: vorübergehende Reaktionen auf schwerwiegende Ereignisse, Dauer 2–3 Tage

  • posttraumatische Belastungsstörung: verzögerte, schwerwiegende Reaktionen auf extrem traumatische Ereignisse (lebensbedrohliche Situationen); kann lange andauern, chronischer Verlauf möglich; meist drei Gruppen von Symptomen

    • wiederholtes Erleben des Traumas

    • emotionaler und sozialer Rückzug

    • nervliche und körperliche Übererregtheit

  • Anpassungsstörung: nicht so stark ausgeprägte Reaktion auf entscheidende Lebensveränderungen oder belastende Ereignisse, die als nicht extrem traumatisierend anzusehen sind; Dauer meist < 6 Monate

Diagnostik

  • Zusammenhang zwischen Auftreten der Symptome und einem belastenden Lebensereignis

Therapie

  • in schweren Fällen Traumatherapie (nur durch ausgebildeten Therapeuten)

  • Psychopharmaka (Antidepressiva, Anxiolytika, bei akuter Erregung Neuroleptika)

Dissoziative Störungen

Kennzeichen dissoziativer Störungendissoziative Störungen (Dissociatio = Spaltung, Trennung) sind teilweise oder vollständige Entkoppelungen von seelischen und körperlichen Funktionen. In der Folge entstehen sehr unterschiedliche Symptome, die sich auf die Wahrnehmung der eigenen Identität, das Gedächtnis, die Körperwahrnehmung oder Körperfunktionen beziehen.
Dissoziative Störungen lassen sich wie folgt unterteilen:
  • dissoziative Amnesie

  • dissoziative Fugue

  • dissoziativer Stupor

  • Trance und Besessenheitszustände

  • dissoziative Krampfanfälle

  • dissoziative Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindung

  • Ganser-Syndrom

  • multiple Persönlichkeitsstörung

Frauen erkranken häufiger als Männer (3 : 1). Die Krankheit beginnt meist in der Adoleszenz oder im jungen Erwachsenenalter.

Exkurs

Wichtig für das Verständnis der dissoziativen Störungen ist das Konzept der KonversionKonversion. Unter dem Begriff „Konversion“ versteht man die Umsetzung eines seelischen Konflikts in körperliche Symptome. Ausführliche Beispiele schildert Sigmund Freud (1856–1939) in der Entstehungsphase der Psychoanalyse. Zu jener Zeit wurden dissoziative Symptome als Zeichen einer „Hysterie“ angesehen. Einen seiner ersten beschriebenen Fälle beobachtete Freud bei einem Studienaufenthalt in dem seinerzeit berühmten Krankenhaus Charité in Paris. Der Neurologe Jean-Martin Charcot, leitender Arzt der Einrichtung, behandelte eine gelähmte Patientin. Unter Hypnose konnte die Patientin aus ihrem Rollstuhl aufstehen und umhergehen – ein Beweis dafür, dass die Symptome psychischer und nicht körperlicher Natur waren.

Krankheitsentstehung
Tiefenpsychologische Theorie
Die Psychoanalyse geht davon aus, dass sich unerfüllte Triebwünsche Triebwünsche, unerfüllteund verdrängte, unbewusste Konflikte Konflikteunbewusstein Form körperlicher Symptome zeigen. Diese haben einen Symbolcharakter, der bisweilen eine deutliche Sprache spricht:
  • Eine Lähmung der Beine zeigt an, dass jemand nicht mehr weitergehen will.

  • Eine Sehstörung zeigt, dass jemand nicht „hinschauen“ möchte.

  • Eine Schluckstörung signalisiert, dass jemand etwas nicht schlucken (= hinnehmen) möchte.

  • Durch den Ausdruck des Konflikts in symbolischer Form wird die Psyche aufgrund des Nachlassens innerer Anspannung entlastet.

Lerntheorie
Verhaltenstherapeutisch wird davon ausgegangen, dass bestimmte Bewegungen als entlastend erlebt werden. Ein anderer lerntheoretischer Ansatz sieht die Symptome als in der Kindheit erlerntes Schutzverhalten in traumatischen Situationen.
Symptomatik
Dissoziative Störungen können sich in sehr unterschiedlicher Form zeigen:
  • dissoziative AmnesieAmnesiedissoziative: Es besteht ein Erinnerungsverlust an wichtige, oft traumatische, kurz zurückliegende Ereignisse. Die Amnesie kann einen bestimmten Zeitabschnitt (lokalisierte Amnesie) oder bestimmte Inhalte (selektive Amnesie) betreffen. Diese Form ist selten, mit einer Häufung in Kriegszeiten und bei Naturkatastrophen.

  • dissoziative FugueFugue, dissoziative (Ausreißen, Flucht): Es kommt zu einem unbegründeten, plötzlichen, für den Betreffenden selbst nicht nachvollziehbaren Weggehen von zu Hause oder vom Arbeitsplatz, oft mit Zeichen einer dissoziativen Amnesie und Annahme einer neuen Identität. Der Betroffene verhält sich in diesem Zustand meist völlig unauffällig und geordnet. Die Symptome können mehrere Tage bestehen, in seltenen Fällen auch über einen längeren Zeitraum.

  • dissoziativer StuporStupordissoziativer: Die Betroffenen zeigen eine Verringerung oder ein gänzliches Fehlen willkürlicher Bewegungen mit einer verringerten oder fehlenden Reaktion auf äußere Reize. Die Patienten liegen oder sitzen über längere Zeit fast bewegungslos, wobei sie weder schlafen noch bewusstlos sind.

  • dissoziative BewegungsstörungenBewegungsstörungendissoziative: Diese häufigste Unterform der dissoziativen Störungen erweckt meist den Eindruck einer neurologischen Erkrankung. Es kommt zu einem vollständigen oder teilweisen Verlust der Bewegungsfähigkeit eines oder mehrerer Körperteile mit Lähmungen, TremorTremor (Zittern, Schütteln), AtaxieAtaxie (Störung der Bewegungskoordination, z. B. Gangstörungen), AstasieAstasie (Unfähigkeit zu stehen) oder AbasieAbasie (Unfähigkeit zu gehen).

  • dissoziative KrampfanfälleKrampfanfälledissoziative: Es treten Krampfanfälle auf, die epileptischen Anfällen ähneln, allerdings nur selten mit Zungenbiss, Sturzverletzungen oder dem Abgang von Harn einhergehen.

  • dissoziative Sensibilitäts-Sensibilitätsstörungendissoziative und EmpfindungsstörungenEmpfindungsstörungen, dissoziative: Die Betroffenen beklagen Hautareale mit Taubheit und Unempfindlichkeit. Diese Areale entsprechen aber nicht den klar umschriebenen Versorgungsgebieten (Dermatomen) der Nerven, die bei Erkrankungen der peripheren Nerven betroffen sind. Teilweise treten Sehstörungen auf mit Verlust der Sehschärfe, Tunnelsehen oder sogar Blindheit. Selten entwickeln sich Taubheit oder eine AnosmieAnosmie (Verlust des Geruchsvermögens).

  • multiple PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörungenmultiple: Die Betroffenen beschreiben und zeigen 2 oder mehr verschiedene Persönlichkeiten innerhalb einer Person. Zu jedem Zeitpunkt ist dabei jeweils nur eine Teilpersönlichkeit nachweisbar. Jede ist vollständig, hat ihre eigenen Erinnerungen, Verhaltensweisen und Vorlieben. In nahezu allen Fällen lassen sich schwerwiegende Traumata in der Kindheit nachweisen.

Verlauf
Zeichen einer dissoziativen Störung treten meist plötzlich und in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit psychisch belastenden Situationen auf. Die Symptome verschwinden häufig spontan oder infolge der Veränderung von Lebensbedingungen nach einigen Wochen oder Monaten. Chronische Verläufe sind selten. Symptome, die länger als 2 Jahre bestehen, lassen sich häufig therapeutisch nicht mehr beeinflussen. Bei motorischen Störungen besteht die Gefahr bleibender Fehlhaltungen und Kontrakturen.
Diagnostik
Die Diagnose erfordert eine genaue internistische und neurologische Abklärung, um ein körperliches Geschehen sicher auszuschließen. Außerdem muss ein Zusammenhang mit einer aktuellen seelischen Belastung hergeleitet werden können, der die Symptome erklärt. Eine fehlende Übereinstimmung von beschriebenen Beschwerden und anatomischen Gegebenheiten kann wichtige Hinweise geben.
Therapie
Bei multipler Persönlichkeitsstörung wird versucht, eine Integration und Kooperation der verschiedenen Persönlichkeitsanteile zu erreichen.
Eine tiefenpsychologische Therapie sollte folgende Grundsätze einhalten: Der Therapeut darf keinesfalls den Eindruck erwecken, die Symptome des Patienten seien nur eingebildet oder vorsätzlich simuliert. Das konfliktzentrierte Vorgehen zielt darauf ab, dem Patienten schrittweise eine Einsicht in die seelische Entstehung der Beschwerden zu vermitteln. Bei fortgeschrittener Therapie können eine vorsichtige Aufhebung der Verdrängung sowie eine Deutung der Symptomatik erfolgen.
Weitere Verfahren sind Entspannungsverfahren wie autogenes Training und progressive Muskelrelaxation nach Jacobson sowie die Hypnotherapie nach EricksonHypnotherapie nach Erickson. Im Fall von schweren Traumatisierungen sind traumaspezifische Verfahren wie z. B. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) einzusetzen. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
Nur in begründeten Einzelfällen werden bei entsprechender Symptomatik AnxiolytikaAnxiolytika oder AntidepressivaAntidepressiva eingesetzt.

Zusammenfassung

Dissoziative Störungen

Trennung oder Abspaltung von körperlichen und seelischen Funktionen

Ursachen

  • unbewusste neurotische Konflikte aus der Kindheit

  • Traumatisierungen

Symptome

  • dissoziative Amnesie: Erinnerungsverlust an Ereignisse

  • dissoziative Fugue: Weggehen von zu Hause oder vom Arbeitsplatz

  • dissoziativer Stupor: Fehlen willkürlicher Bewegungen

  • dissoziative Bewegungsstörungen: Lähmungen, Tremor, Ataxie, Astasie, Abasie

  • dissoziative Krampfanfälle

  • dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen, Hautareale mit Taubheit und Unempfindlichkeit, die nicht den Dermatomen entsprechen, Sehstörungen, Tunnelsehen, Blindheit, Taubheit, Anosmie

  • multiple Persönlichkeitsstörungen: mehrere verschiedene Persönlichkeiten innerhalb einer Person

Therapie

  • tiefenpsychologische Therapie

  • Traumatherapie

  • Entspannungsverfahren

  • in Einzelfällen Anxiolytika, Antidepressiva

Somatoforme Störungen

Bei somatoformen Störungensomatoforme Störungen liegen einzelne oder mehrere körperliche Beschwerden vor, die nicht ausreichend durch medizinische Faktoren erklärbar sind. Die Betroffenen fordern trotz negativer Ergebnisse von Voruntersuchungen hartnäckig weitere Diagnostik. Zum Störungsbild gehört darüber hinaus die übermäßige, unbegründete Sorge, an einer schweren körperlichen Krankheit zu leiden.
Die Patienten sind meist lange Zeit bei Hausärzten, Fachärzten, Neurologen und auch Heilpraktikern in Behandlung. Oft vergehen mehr als 10 Jahre, bis eine somatoforme Störung erkannt und angemessen behandelt wird. Der Kontakt mit dem Behandler gestaltet sich oft schwierig, da der Patient nach immer weiteren Untersuchungen verlangt, häufig den Arzt wechselt oder mehrere Ärzte gleichzeitig aufsucht (Doktor-Hopping). Körperliche Ursachen, die das Ausmaß der Beschwerden erklären, werden nicht gefunden. Die Versuche, dem Patienten einen Zusammenhang seiner Beschwerden mit seelischen Belastungen nahezubringen, scheitern in der Regel am Widerstand der Patienten (Abb. 7.4).
Somatoforme Störungen werden eingeteilt in:
  • Somatisierungsstörung

  • hypochondrische Störung

  • somatoforme autonome Funktionsstörung

  • anhaltende somatoforme Schmerzstörung

  • sonstige somatoforme Störungen

Von einer Somatisierungsstörung sind häufiger Frauen betroffen. Hypochondrische Störungen treten bei beiden Geschlechtern gleich häufig auf. Der Anteil von Patienten mit einer somatoformen Störung ist schwer einzuschätzen, wird aber in der Allgemeinarztpraxis auf 5–20 %, in Allgemeinkrankenhäusern auf 17–30 % und in der Bevölkerung auf 4–11 % geschätzt. Nach amerikanischen Schätzungen verursacht diese Patientengruppe 10-mal so hohe Kosten wie ein durchschnittlicher Patient. Die meisten Erkrankungen beginnen vor dem 20. Lebensjahr.

Merke

Unterscheidung von somatoformen Erkrankungen und psychosomatischen Krankheiten

Bei somatoformen Störungen leiden die Betroffenen unter vielfältigen körperlichen Symptomen und Krankheitsbefürchtungen, die nicht durch medizinische Befunde erklärt werden können. Bei den klassischen psychosomatischen Krankheiten (Kap. 5.4) liegen objektive, morphologische Organveränderungen vor.
Krankheitsentstehung
Folgende Faktoren können bei der Entstehung somatoformer Störungen beteiligt sein:
  • chronische Überforderung

  • psychosozialer Stress

  • angelegte oder erworbene Organschwäche im Sinne des Locus minoris resistentiae (schwächstes Glied in der Kette).

  • Ähnliche Krankheitsbilder bei Familienangehörigen können auf Identifizierungen hinweisen.

  • Modelllernen: Ein Mitglied der Ursprungsfamilie klagte viel über körperliche Beschwerden und erfuhr daraufhin Schonung und Rücksichtsnahme (sekundärer Krankheitsgewinn).

  • Häufig wird bei den Betroffenen eine stark verminderte Fähigkeit festgestellt, Gefühle wahrzunehmen und angemessen zu äußern (Alexithymie).

Symptomatik
Alle Formen der Erkrankung führen zur Beeinträchtigung von sozialen Beziehungen und beruflicher Leistungsfähigkeit.
Somatoforme Störungen haben eine Tendenz zu chronischen Verläufen. Die lange Zeitspanne bis zur Diagnosestellung und Vermittlung einer Therapie verursacht dem Gesundheitssystem immense Kosten, birgt für den Patienten gesundheitliche Risiken (unnötige Operationen) und verfestigt die Störung. Durch ärztliche Verschreibung von Beruhigungs- und Schmerzmitteln entstehen häufig Abhängigkeitserkrankungen.
Somatisierungsstörung
Charakteristisch sindSomatisierungsstörung vielfältige, wechselnde Beschwerdebilder, die seit mindestens 2 Jahren bestehen und verschiedene Organsysteme betreffen. Es gibt eine lange Vorgeschichte mit ergebnislosen medizinischen Untersuchungen, Operationen und Behandlungen. Die Störung tritt fast nur bei Frauen auf. Folgende Organsysteme können betroffen sein:
  • Verdauungstrakt: Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Regurgitation von Speisen, häufiger Durchfall, Unverträglichkeit von Speisen, Blähungen

  • Herz-Kreislauf-System: Brustschmerzen, Herzklopfen, Schwindel, Benommenheit

  • Urogenitalsystem: Schmerzen beim Wasserlassen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, unangenehme Empfindungen im Genitalbereich, ungewöhnlicher und verstärkter vaginaler Ausfluss

  • weitere Symptome: Taubheit, Kribbelgefühl, Jucken oder Brennen der Haut, Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit.

Hypochondrische Störung
Die Patienten sind der Überzeugung, hypochondrische Störungan einer (oder mehreren) schweren körperlichen Krankheit zu leiden, ohne dass dafür objektive Zeichen bestehen. Sie lassen sich trotz häufiger ärztlicher Konsultationen nicht davon überzeugen, dass kein objektiver Befund vorliegt. Normale oder allgemeine Körperempfindungen werden im Sinne einer schweren Erkrankung fehlinterpretiert.
Somatoforme autonome Funktionsstörung
Der Patient deutet vegetative Erscheinungen somatoforme autonome Funktionsstörungim Sinne einer körperlichen Krankheit. Betroffen sind v.a. Herz, Verdauungstrakt, Atemtrakt und Urogenitalsystem. Im Gegensatz zur Somatisierungsstörung ist in der Regel nur ein Organsystem betroffen. Beispiel: Herzneurose mit zum Teil heftigen Herzsymptomen, die an einen Herzinfarkt denken lassen, jedoch ohne EKG-Veränderungen oder andere objektive Befunde einhergehen.
Somatoforme Schmerzstörung
Die Patienten leiden seit somatoforme SchmerzstörungSchmerzstörung, somatoformemindestens 6 Monaten unter schweren beeinträchtigenden Schmerzen, für die es keine ausreichende organische Erklärung gibt. Die Beschwerden stehen dabei im Zusammenhang mit seelischen Konflikten und psychosozialen Problemen. Dies ist die häufigste Untergruppe der somatoformen Störungen.
Weitere Formen
In der Kategorie „sonstige somatoforme Störungen“ werden in der ICD-10 noch die Beschwerdebilder Globus hystericusGlobushystericus (Kloßgefühl in der Kehle), psychogener SchiefhalsSchiefhalspsychogener (Tortikollis), psychogener Juckreiz, psychogene Regelbeschwerden und Zähneknirschen eingruppiert.

Merke

Bisweilen fällt eine Unterscheidung zwischen Somatisierungsstörung und hypochondrischer Störung schwer. Bei einer Somatisierungsstörung beschäftigen sich die Betroffenen v.a. mit ihren Symptomen und nehmen Medikamente ein, um die Beschwerden zu beseitigen. Bei der hypochondrischen Störung dreht sich alles um die Diagnose. Die Einnahme von Medikamenten wird wegen der Nebenwirkungen eher gefürchtet.

Diagnostik
Im Rahmen von somatoformen Störungen haben in der Regel bereits viele körperliche Untersuchungen stattgefunden. Zur Stützung der Verdachtsdiagnose können Fragebögen wie der SOMS (Screening für somatoforme Störungen)SOMS (Screening für somatoforme Störungen) oder der Whitley-Index für HypochondrieWhitley-Index für Hypochondrie eingesetzt werden. Im therapeutischen Gespräch sollte besonders auf psychosoziale Belastungsfaktoren geachtet werden.
Therapie
Wichtig ist es v.a., eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen und die Beschwerden der Patienten ernst zu nehmen. Auch wenn keine objektiven körperlichen Befunde vorliegen, besteht ein großer Leidensdruck und die Patienten brauchen Hilfe. Viele Patienten berichten von abwertenden Kommentaren frustrierter Behandler („funktionelle Spinner“).
Im Vordergrund stehen psychotherapeutische Maßnahmen, die dem Patienten ein angemessenes Erklärungsmodell liefern, mit dessen Hilfe das organmedizinische Krankheitsmodell vorsichtig durch ein Modell ersetzt wird, das biologische, soziale und seelische Faktoren berücksichtigt:
  • tiefenpsychologische Therapie:

    • Übersetzen der Körpersprache in eine innerseelische Sprache

    • Aufdecken unbewusster Konflikte

    • Finden von auslösenden Ereignissen

  • kognitive Verhaltenstherapie:

    • Maßnahmen zurkognitive Verhaltenstherapiesomatoforme Störungen Wiedererlangung der Eigenkontrolle über das körperliche Wohlbefinden

    • ungünstige Krankheitsüberzeugungen (kognitive Therapie) bewusst machen

    • Verringerung der Frequenz von Selbstuntersuchungen, Arztbesuchen und Medikamenteneinnahmen auf ein angemessenes Maß

    • Übungen zur Schmerzbewältigung

  • Körperpsychotherapie: Körperpsychotherapie somatoforme Störungen

    • Verbesserung der Körperwahrnehmung

    • Training, Gefühle wahrzunehmen und angemessen auszudrücken

  • Hypnotherapie nach EricksonHypnotherapie nach Erickson: spezielle Therapieansätze zur Schmerzbewältigung

  • Entspannungstechniken: autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobsonprogressive Muskelrelaxation nach Jacobson

  • Psychopharmakotherapie: In der Behandlung somatoformer Schmerzstörungen zeigen trizyklische und dual wirksame Antidepressiva gute Erfolge.

Zusammenfassung

Somatoforme Störungen

Einzelne oder mehrere körperliche Beschwerden, die nicht ausreichend durch medizinische Faktoren erklärbar sind

Ursachen

  • Modelllernen

  • schlechter Zugang zur eigenen Gefühlswelt

  • psychosozialer Stress

  • chronische Überforderung

Symptome

vielfältige, medizinisch nicht erklärbare körperliche Symptome:
  • Somatisierungsstörung: verschiedene Organsysteme betroffen, Auftreten fast nur bei Frauen

  • hypochondrische Störung: Überzeugung, an einer (oder mehreren) schweren körperlichen Krankheit zu leiden

  • somatoforme autonome Funktionsstörung: nur ein Organsystem betroffen

  • somatoforme Schmerzstörung: schwere beeinträchtigende Schmerzen ohne organische Erklärung

Diagnostik

  • nach Ausschluss körperlicher Ursachen Einsatz von spezifischen Fragebögen

Therapie

  • tiefenpsychologische Therapie

  • Verhaltenstherapie

  • Körpertherapie

  • Entspannungsverfahren

  • Psychopharmaka

Persönlichkeitsstörungen

Bei PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörungen sind Persönlichkeitsmerkmale in einer Art und Weise ausgeprägt, dass sie subjektiven Leidensdruck hervorrufen und mit sozialen Beeinträchtigungen einhergehen. Meist handelt es sich um tiefgreifende und unflexible Muster inneren Erlebens, Denkens, Fühlens und Verhaltens.
Charakteristisch ist, dass oft mehrere Persönlichkeitsmerkmale, d. h. der Mensch in seinem ganzen Wesen, betroffen sind. Beispielsweise sind Angepasstheit, Ordentlichkeit, Schüchternheit oder Misstrauen extrem ausgeprägt, sodass sie v.a. mit Problemen im sozialen Umfeld einhergehen. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung haben lange Jahre nicht das Gefühl, krank zu sein, sondern erleben sich bestenfalls als Menschen mit besonderen Eigenarten. Sie empfinden ihre Eigenheiten meist als ich-synton, d. h. als zu sich selbst gehörig. Menschen mit neurotischen Störungen hingegen erleben ihre Symptome wie z. B. Ängste oder Zwänge als bedrohlich und ich-dyston.
Persönlichkeitsstörungen beginnen in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter. Zwischen 5 und 25 % der Bevölkerung sind betroffen. In psychiatrischen Kliniken weisen 40–50 % der Patienten eine Persönlichkeitsstörung auf. Dissoziale, schizoide und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen treten häufiger bei Männern auf, Borderline-Störungen, selbstunsichere und abhängige Persönlichkeitsstörungen bevorzugt bei Frauen. Im Hinblick auf den Schweregrad einer Störung sind Persönlichkeitsstörungen zwischen Psychose und Neurose einzuordnen.
Krankheitsentstehung
Obwohl bisher kein allgemein anerkanntes Ursachenmodell besteht, wird die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen als multifaktorielles Geschehen angesehen. So können bisher weder ausschließlich genetische noch organische Befunde Persönlichkeitsstörungen erklären.
Verschiedene psychotherapeutische Schulen haben Hypothesen zur Entstehung von Persönlichkeitsstörungen entwickelt:
  • tiefenpsychologische Theorie: Aus psychoanalytischer Sicht entstehen Persönlichkeitsstörungen durch Fehlentwicklungen in den frühkindlichen Entwicklungsphasen. Persönlichkeitsstörungen werden als sog. Frühstörungen angesehen.

  • lerntheoretische Konzepte: Persönlichkeitsstörungen bilden gelerntes Verhalten ab. Durch positive und negative Verstärkung sowie durch Modelllernen werden spezielle Verhaltensweisen, die bereits genetisch angelegt sind, in extremer Weise über- bzw. unterentwickelt.

Symptomatik
Bei allen Formen von Persönlichkeitsstörungen (Tab. 7.4) kommt es zu deutlichen Leistungseinbußen im privaten, sozialen und beruflichen Bereich. Die Betroffenen weichen in ihrer Wahrnehmung, ihrem Denken und Fühlen sowie in ihrer Beziehungsgestaltung deutlich von den Normen und Werten ihrer Kultur ab.
Persönlichkeitsstörungen entstehen bereits in der Kindheit und Jugend und stabilisieren sich im Erwachsenenalter. Die Symptome bestehen über viele Jahre, wenn nicht ein Leben lang. Hinsichtlich der Schwere und Ausprägung können allerdings Schwankungen auftreten.
Paranoide Persönlichkeitsstörung
Die Patienten interpretieren in verschiedenstenparanoide Persönlichkeitsstörung Situationen Handlungen anderer als absichtlich erniedrigend oder bedrohlich mit
  • misstrauischem, argwöhnischem und grollenden Verhalten,

  • streitsüchtigem, starren Beharren auf vermeintlich eigenem Recht,

  • Vermeidung enger und intimer Kontakte,

  • der Tendenz zu einem stark überhöhten Selbstwertgefühl und ständiger Selbstbezogenheit,

  • leichter Kränkbarkeit und Empfindlichkeit bei Ablehnung und Misserfolg.

2–3 % der Allgemeinbevölkerung sind betroffen. In der Gruppe der stationären Patienten finden sich 11 % mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung. Männer sind häufiger betroffen.
Schizoide Persönlichkeitsstörung
Die Betroffen zeigen einschizoide Persönlichkeitsstörung durchgängiges Muster von Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Beziehungen sowie von eingeschränkter emotionaler Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit mit
  • sozialer Distanziertheit und emotionaler Kühle mit flacher Affektivität,

  • gering ausgeprägter Fähigkeit, zärtliche Gefühle oder Ärger auszudrücken,

  • übermäßiger Vorliebe für Fantasie und einzelgängerischem Verhalten,

  • Mangel an vertrauensvollen Beziehungen.

Dissoziale Persönlichkeitsstörung
Menschen mit dieser Persönlichkeitsstörung werden auch als antisoziale Persönlichkeiten bezeichnet. Es besteht ein verantwortungsloses, antisoziales Verhalten mitdissoziale Persönlichkeitsstörungantisoziales Verhalten
  • deutlicher und andauernder Missachtung sozialer Regeln,

  • niedriger Schwelle für aggressives und gewalttätiges Verhalten,

  • fehlendem Schuldbewusstsein,

  • Unvermögen, aus Erfahrungen zu lernen,

  • Tendenz zu kriminellen Handlungen.

In Gefängnissen beträgt der Anteil der Insassen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung bis zu 40 %.
Borderline-Persönlichkeitsstörung (emotional-instabile Persönlichkeitsstörung)
Die Borderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-Persönlichkeitsstörungemotional-instabile Persönlichkeitsstörung zählt zu den bedeutsamsten psychischen Störungen im klinischen Bereich. Zirka 70 % der Betroffenen sind Frauen. Häufig finden sich schwerwiegende Traumatisierungen in der Kindheit.
Sie beschreibt ein durchgängiges Muster, Impulse auszuagieren ohne Konsequenzen zu berücksichtigen, mit der Tendenz zu instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen sowie dem Erleben rasch wechselnder Stimmungen mit
  • starken Affektausbrüchen, die für die jeweilige Situation unangemessen sind und v.a. durch Kritik ausgelöst werden,

  • emotionaler Instabilität,

  • selbstverletzenden Handlungen („Schnippeln“ = Zufügen von Schnittwunden),

  • dem anhaltenden Gefühl innerer Leere,

  • übergreifendem Schwarz-Weiß-Denken,

  • wiederkehrender Suizidalität.

Histrionische Persönlichkeitsstörung
Der Begriff „histrionisch“ leitet sichhistrionische Persönlichkeitsstörung vom lateinischen Wort „Histrio“ ab, das Schauspieler bedeutet. Es besteht eine überdurchschnittliche Emotionalität und übergroßes Verlangen nach Aufmerksamkeit mit
  • theatralischem, übertriebenem Ausdruck von Gefühlen,

  • Dramatisierung bzgl. der eigenen Person,

  • Verlangen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Anankastische Persönlichkeitsstörung
Auch als zwanghafte Persönlichkeitsstörunganankastische Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Es besteht ein durchgehendes Muster Perfektionismusvon Perfektionismus mitzwanghafte Persönlichkeitsstörung
  • Starrheit im Denken und Handeln, Pedanterie und Anpassung an soziale Normen,

  • Rigidität und Eigensinn,

  • unverhältnismäßiger Leistungsbezogenheit unter Vernachlässigung von Vergnügen und zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung
Es bestehen Anspannung, Besorgtheit, Schüchternheit undängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung Angst vor negativer Beurteilung mit:
  • Vermeidung beruflicher oder sozialer Kontakte aus Furcht vor Kritik oder Ablehnung: Soziale Kontakte werden nur zugelassen, wenn sich der Betroffene sicher ist, gemocht zu werden.

  • Minderwertigkeitsgefühlen: Der Betroffene ist überzeugt, unbeholfen, unattraktiv und minderwertig zu sein.

  • andauernder Sehnsucht nach Zuneigung und Akzeptiertwerden.

Abhängige Persönlichkeitsstörung
Wird auch als dependente Persönlichkeitsstörungabhängige (dependente) Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Es besteht ein durchgehendes Muster der Selbstwahrnehmung als hilflose und inkompetente Person mitdependente Persönlichkeitsstörung
  • Unfähigkeit zu eigenen Entscheidungen: Entscheidungen werden anderen überlassen oder es wird zumindest ein hohes Maß an Ratschlägen zur Bestätigung eingeholt.

  • Abhängigkeit von anderen Personen, starker Nachgiebigkeit auf Wünsche anderer,

  • Ängsten vor Alleinsein und Verlassenwerden.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Es besteht ein Muster von Großartigkeit in Fantasie oder Verhalten mitnarzisstische Persönlichkeitsstörung
  • einem Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel an Einfühlungsvermögen in andere,

  • einem übertriebenem Gefühl der eigenen Wichtigkeit: Gefühl, einzigartig und jemand Besonderes zu sein bei gleichzeitig instabilem Selbstwertgefühl,

  • der Erwartung an andere, bevorzugt behandelt zu werden,

  • der Manipulation und dem Ausnutzen anderer Menschen.

Diagnostik
Obwohl Persönlichkeitsstörungen PersönlichkeitsstörungenDiagnostikbereits während der Pubertät entstehen, sollte die Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt werden. Persönlichkeitsstörungen werden meist erst nach längerer Beobachtungszeit erkannt und somit häufig in Fachkliniken diagnostiziert. Viele psychiatrische Patienten weisen als Nebendiagnose mehrere Persönlichkeitsstörungen auf. Die Diagnostik kann durch Persönlichkeitsfragebögen Persönlichkeitsfragebögenwie z. B. FPI (Freiburger-Persönlichkeits-InventarFreiburger Persönlichkeits-Inventar (FPI)) oder MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory) Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI);Minnesota Multiphasic Personality Inventory 1 (MMPI)unterstützt werden. Auch die Befragung von Angehörigen kann wichtige Hinweise geben.
Therapie
Persönlichkeitsstörungen gelten als nicht heilbar. Durch geeignete therapeutische Maßnahmen kann jedoch ein starkes Maß an Linderung und Kompensation erreicht werden. Eine Motivation zur Therapie ist oft schwer zu erreichen. Die Betroffenen sind zwar unzufrieden und unglücklich, erleben sich aber nicht als krank und behandlungsbedürftig.
Es bestehen mittlerweile gut entwickelte Strategien zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen mittels psychodynamischer Therapien (Abb. 7.5). Allerdings ist mit jahrelangen Therapieverläufen zu rechnen.
Patienten mit Persönlichkeitsstörungen stellen eine große Herausforderung für den Therapeuten dar. Es ist viel Erfahrung und Geduld gefordert. Der Therapeut muss mit starken Gegenübertragungsgefühlen kämpfen, da er häufig beschimpft oder entwertet wird und die Patienten ständig die Beziehung belasten und infrage stellen. Dies ist besonders bei Borderline-Störung, dissozialer und narzisstischer Persönlichkeitsstörung der Fall. Mit persönlichkeitsgestörten Klienten muss weniger aufdeckend und einsichtsorientiert gearbeitet werden, sondern mehr stützend und Ich-stärkend.
Im Bereich der Verhaltenstherapie wurden in den vergangenen Jahren erfolgreiche Therapiekonzepte für spezifische Persönlichkeitsstörungen entwickelt. Ein Beispiel dafür ist das Konzept von Marsha Linehan (DBT-dialektisch-behaviorale Psychotherapie) DBT (dialektisch-behaviorale Psychotherapie)zur Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen.

Zusammenfassung

Persönlichkeitsstörungen

Übermäßig stark ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale, die subjektiven Leidensdruck hervorrufen und mit sozialen Beeinträchtigungen einhergehen; oft mehrere Persönlichkeitsmerkmale betroffen

Ursachen

  • frühkindliche Fehlentwicklungen und Traumatisierungen

  • Modelllernen

  • positive/negative Verstärkung spezieller Verhaltensweisen

Symptome

Bei allen Formen deutliche Leistungseinbußen im privaten, sozialen und beruflichen Bereich (Tab. 7.4)
  • paranoide Persönlichkeitsstörung: Interpretation von Handlungen anderer als absichtlich erniedrigend oder bedrohlich

  • schizoide Persönlichkeitsstörung: eingeschränkte emotionale Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit

  • dissoziale Persönlichkeitsstörung: verantwortungsloses, antisoziales Verhalten

  • emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline): Ausleben von Impulsen ohne Berücksichtigung der Konsequenzen, mit der Tendenz zu intensiven, aber instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen

  • histrionische Persönlichkeitsstörung: überdurchschnittliche Emotionalität mit übergroßem Verlangen nach Aufmerksamkeit

  • anankastische Persönlichkeitsstörung: zwanghafte Persönlichkeitsstörung mit Hang zum Perfektionismus

  • ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung: Angst vor negativer Beurteilung

  • abhängige Persönlichkeitsstörung: Selbstwahrnehmung als hilflose und inkompetente Person

  • narzisstische Persönlichkeitsstörung: Gefühl der Großartigkeit in Fantasie und Verhalten

Diagnostik

  • Verhaltensbeobachtung über einen längeren Zeitraum, Fremdanamnese

Therapie

  • Heilung nicht möglich, aber mit Verhaltenstherapie Erlernen von günstigeren Verhaltensweisen

Essstörungen

Als EssstörungenEssstörungen werden Störungen des Essverhaltens bezeichnet, die mit der Aufnahme zu großer oder zu geringer Nahrungsmengen einhergehen. Beim selben Patienten finden sich häufig beide Extreme. Zu den Essstörungen werden die Anorexie und die Bulimie gezählt. Eine Bulimie kann einer Anorexie vorausgehen oder umgekehrt. Außer den aufgeführten klassischen Essstörungen gibt es eine große Patientengruppe von Menschen mit krankhaftem Übergewicht (Adipositas). Die Störung gilt bisher jedoch nicht als typische psychiatrische Krankheit. Seit knapp 10 Jahren existiert im amerikanischen Sprachraum der Begriff „Binge Eating Disorder“.Binge Eating Disorder Da anzunehmen ist, dass dieses Krankheitskonstrukt in naher Zukunft auch bei uns Verbreitung findet, wird auch dieses kurz dargestellt.

Anorexia nervosa

Bei der Anorexia nervosaAnorexia nervosa handelt es sich um selbstverursachtes, deutliches Untergewicht verbunden mit der übersteigerten Idee, trotz Untergewicht zu dick zu sein. Meist ist sie mit einem Ausbleiben der Regelblutung verbunden (Amenorrhö). Amenorrhö, Anorexia nervosaWeitere Bezeichnungen für dieses Störungsbild sind MagersuchtMagersucht und Anorexie.
Das Wort „Anorexia“ bedeutet Appetitlosigkeit. Die Bezeichnung ist irreführend, da die Patientinnen sehr wohl großen Appetit haben können, diesen jedoch rigoros bekämpfen. Der Zusatz „nervosa“ weist auf seelische Zusammenhänge hin. Bereits im 19. Jahrhundert trat die Anorexia nervosa häufig auf, ablesbar z. B. an der von Heinrich Hoffmann 1845 beschriebenen Geschichte des Suppenkaspars.
Zu über 90 % sind Mädchen und junge Frauen betroffen; ca. 1 % aller Mädchen leidet an einer Anorexie. Die Krankheit bricht meist in der Pubertät aus, das Durchschnittsalter liegt zwischen 16 und 17 Jahren. In vielen Fällen sind die Betroffenen sehr leistungsorientiert und überdurchschnittlich gute Schülerinnen. Die Zahl der Krankheitsfälle scheint zuzunehmen.
Ursachen
Wie bei den meisten psychischen Störungen ist bei der Entstehung einer Anorexia nervosa von einem multifaktoriellen Geschehen auszugehen. Zu den wichtigsten Entstehungsfaktoren zählen:
  • soziokulturelle Faktoren: Eine große Rolle scheint das in einer Kultur vorherrschende Schönheitsideal zu spielen. In Gesellschaften, in denen beleibte Frauen als schön gelten, tritt die Anorexie kaum auf. Studien belegen, dass in Westeuropa Frauen, unabhängig davon, ob sie über-, normal- oder gar untergewichtig sind, ihr Wunschgewicht durchschnittlich 5 Kilo unter ihrem tatsächlichen Gewicht angeben.

  • gestörte Beziehungen zu nahen Familienmitgliedern: Diskutiert wird immer wieder die Frage nach der Beziehung zwischen der Patientin und der Mutter. Dabei wird die Verweigerung der Nahrungsaufnahme gleichgesetzt mit einer unbewussten Abkehrbewegung von der Mutter. Häufig finden sich in der Anamnese sehr dominante Mütter.

  • Schwierigkeiten mit der weiblichen Geschlechtsrolle: In der Pubertät findet die Entwicklung vom Mädchen zur Frau statt mit starken körperlichen Veränderungen und einer erwachenden Sexualität. Durch die starke Gewichtsreduktion treten die typisch weiblichen Merkmale deutlich in den Hintergrund, sodass sich die Jugendliche nicht mehr mit ihrer sexuellen Rolle auseinandersetzen muss. Auch dieser Faktor kann mit der inneren, unbewussten Notwendigkeit zusammenhängen, sich von der Mutter als weiblichem Vorbild abzugrenzen.

  • genetische Faktoren: Ergebnisse der Zwillingsforschung belegen eine erbliche Komponente.

  • hoher Stellenwert von Leistung in der Ursprungsfamilie: Leistung und damit Äußerlichkeiten stellen in Familien von Anorexie-Kranken wichtige Faktoren dar. Nicht zuletzt ist das Verhalten der Patientin auch als eine enorme Willensleistung anzusehen.

Symptomatik

Hinweis Prüfung

Die körperlichen Folgen und Risiken einer Anorexia nervosa müssen genau gekannt werden.

Das Körpergewicht liegt weit unter der Norm und unterhalb von 85 % des zu erwartenden Gewichts. Die durchschnittliche Gewichtsabnahme beträgt 45 % des Normalgewichts. Bei einem Gewicht von unter 35 kg besteht akute Lebensgefahr. Bei erwachsenen Patientinnen spricht man ab einem BMI (Body-Mass-Index) von 17,5 und darunter von einer Anorexie (Tab. 7.5). Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch das Quadrat der Körpergröße. Beispielrechnung: Eine Patientin wiegt 45 kg und ist 1,68 m groß; ihr BMI beträgt 45 kg : (1,68 m)2 = 15,95.Anorexia nervosa
Es besteht eine Störung des Körperschemas KörperschemastörungAnorexia nervosaAnorexia nervosamit einer übersteigerten Angst, zu dick zu werden bzw. zu sein. Diese Befürchtung hat keinen Bezug zur Realität, und es wird ein extrem niedriges Zielgewicht angestrebt. Die Sorge um die vermeintliche Körperfülle kann sich auch speziell auf bestimmte Körperpartien beziehen (z. B. Bauch, Gesäß, Hüften). Häufig betrachtet sich die völlig abgemagerte Patientin im Spiegel und nimmt sich als dick wahr. Diese Wahrnehmungsverzerrung und Bewertung ist von außen nicht korrigierbar.
Aus diesem Grund werden von den Patienten drastische Maßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme bzw. zur Herbeiführung einer weiteren Gewichtsreduktion durchgeführt:
  • Kalorienhaltige Speisen wie Fett, Süßigkeiten und Fleisch werden gemieden.

  • Fasten

  • Essensrituale, z. B. Essen von Puppengeschirr oder extrem langsames Essen

  • willentliches Herbeiführen von Erbrechen

  • Missbrauch von Abführmitteln (Laxanzien)

  • ständige Gewichtskontrolle (mehrfaches, tägliches Wiegen)

  • starke körperliche Aktivität: In manchen Fällen nimmt die sportliche Betätigung mehrere Stunden am Tag in Anspruch.

Das durchschnittliche Gewicht, bei dem die Regelblutung ausbleibt (Amenorrhö), liegt nach wissenschaftlichen Untersuchungen bei 47 kg. Bei männlichen Patienten kommt es als Folge der hormonellen Störungen zu Libido- und Potenzverlust.
Die Regulation der folgenden Hormone kann infolge einer Anorexie gestört sein: Wachstumshormon, Insulin, Kortisol, Schilddrüsenhormone, Hypothalamus-Hypophysen-Hormone (regeln übergeordnet die Tätigkeit der Hormondrüsen im Körper) und Sexualhormone.
Viele Anorektikerinnen haben keine Krankheitseinsicht. Besteht die Krankheit länger, können körperliche Folgesymptome auftreten (Abb. 7.6): Schwellung der Ohrspeicheldrüse, Hypothyreose, Osteoporose (Veränderung der Knochensubstanz), verzögerte körperliche Entwicklung, Muskelabbau (Muskelatrophie), Hautveränderungen (z. B. Akrozyanose: Blaufärbung von Händen, Füßen, Nase und Ohren), Obstipation, Bradykardie, Hypotonie, herabgesetzte Körpertemperatur (Hypothermie), Veränderungen des Blutbildes (herabgesetzte Bildung von Blutzellen) und Entgleisungen im Bereich der Elektrolyte (Natrium, Kalium).
Wissenschaftliche Beobachtungen beschreiben, dass nach einem Zeitraum von 10 Jahren ungefähr 25 % der Anorektiker als geheilt angesehen werden können. Die Hälfte der Erkrankten hat sich nach 10 Jahren stabilisiert und kann mit der Störung leben. 10–20 % der Erkrankten, die einmal stationär aufgenommen wurden, versterben im Zeitraum von 10–20 Jahren.

Achtung

Die Anorexia nervosa ist eine lebensbedrohliche Krankheit. 10–20 % der Patientinnen versterben durch Suizid oder durch die körperlichen Folgen der Unterernährung.

Diagnostik
Im Mittelpunkt der Diagnostik steht das ausführliche Gespräch. Patient und Eltern sollten getrennt interviewt werden. Wegen der fehlenden Krankheitseinsicht muss damit gerechnet werden, dass die Angaben des Patienten nicht verlässlich sind. Zusätzlich zu den allgemeinen anamnestischen Fragen sind besonders folgende Themen zu erfragen:
  • Essverhalten: Zusammensetzung der Mahlzeiten, Einhalten von Essenszeiten, Essen allein oder mit anderen zusammen, spezifische Essensrituale, Täuschungsmanöver gegenüber Dritten, Diäten, Missbrauch von Abführmitteln oder anderen Medikamenten

  • Entwicklung des Gewichts, subjektives Zielgewicht, gewichtsreduzierende Maßnahmen (z. B. übermäßige körperliche Aktivität)

  • Beziehung zum Körper, Wahrnehmung des Körpers

  • Sexualität

  • soziale Beziehungen

  • körperliche Aktivität

  • Menstruation

Die ärztliche Diagnostik gilt den typischen körperlichen Folgen einer Mangelernährung, z. B. Veränderungen an Haut und Haaren (Haarausfall, Flaum- bzw. sog. Lanugo-Behaarung), Laboruntersuchungen (Blutbild, Elektrolyte), Hormonstatus (Amenorrhö) und EKG.
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnostisch ist die Anorexia nervosaAnorexie dem Störungsbild der BulimieBulimia nervosa ähnlich (Kap. 7.10.2). Bei der Bulimie besteht jedoch eher Normalgewicht, bei einer Anorexie per Definition ein deutliches Untergewicht. Beide Störungen können Essanfälle und willentlich herbeigeführtes Erbrechen aufweisen.
Weiter abzugrenzen sind organische Ursachen wie Fälle von organisch bedingtem Untergewicht (z. B. Erkrankungen des Verdauungstrakts, Krebserkrankungen, AIDS). Diese Patienten streben jedoch kein Untergewicht an.
Therapie

Achtung

Bei der Behandlung der Störung muss aufgrund des Risikos einer drohenden Mangelernährung immer ein Arzt beteiligt sein.

Es bestehen sehr unterschiedliche Behandlungsansätze. Durchgesetzt hat sich eine Kombination aus verschiedenen Bausteinen unterschiedlicher Therapiesysteme. Diese sog. multimodalen Therapieansätze werden v.a. in Spezialkliniken eingesetzt. Gruppentherapien werden mit Einzelgesprächen kombiniert. Eine stationäre Therapie ist angezeigt bei kritischem Untergewicht, körperlichen Komplikationen sowie bei schwerwiegenden seelischen Störungen (z. B. Psychosen, Suizidalität, selbstschädigendem Verhalten). Nach einer stationären Therapie sollte immer eine ambulante Therapie folgen. Auch dabei haben sich Gruppentherapien bewährt.
Einigkeit besteht darüber, dass als erste und vorrangige Therapiemaßnahme eine Stabilisierung des Gewichts zu erzielen ist. In Extremfällen muss zunächst über eine Magensonde oder per Infusion ernährt werden. Zu Beginn der Behandlung steht die genaue Dokumentation (Ernährungsprotokoll), in schweren Fällen auch die Kontrolle der Nahrungsaufnahme. Als regelmäßige Gewichtskontrolle erfolgt ein 1- bis 2-maliges Wiegen pro Woche (in der Akutphase auch häufiger) in Unterwäsche und in Anwesenheit einer Kontrollperson. Ein häufiges Täuschungsmanöver ist das Trinken großer Wassermengen vor dem Wiegen.
Körperorientierte Therapiemethoden wie Bioenergetik, Feldenkrais-Übungen oder auch Yoga bieten die Möglichkeit, die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu verbessern. Kontraindiziert sind alle Übungen, die einen Leistungscharakter aufweisen.

Bulimia nervosa

Bei einer Bulimia nervosaBulimia nervosa handelt es sich um EssattackenEssattacken, die mindestens 2-mal wöchentlich auftreten, gefolgt von dem Versuch, durch Erbrechen, Abführen oder andere Maßnahmen einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Es besteht eine übersteigerte Angst davor, zu dick zu werden bzw. zu sein. Eine andere Bezeichnung für die Störung ist Ess-Brech-SuchtEss-Brech-Sucht.
Das Wort „Bulimie“ bedeutet sinngemäß „Ochsenhunger“. Der Zusatz „nervosa“ weist auf seelische Zusammenhänge hin. Obwohl die Symptome im Zusammenhang mit der Magersucht schon lange beschrieben wurden, ist die Bulimia nervosa als eigenes Störungsbild erst 1979 definiert worden.
In über 95 % der Fälle sind Frauen bzw. Mädchen betroffen. Schätzungen gehen davon aus, dass 2,5 % aller Frauen bis zum Alter von 35 Jahren eine Bulimie entwickeln. Zirka 5 % aller Frauen geben an, bereits Phasen durchlebt zu haben, in denen sie ihr Gewicht durch willentliches Erbrechen oder Abführmittel gesenkt haben. Die Zahl der Neuerkrankungen scheint in den vergangenen Jahren weiter gestiegen zu sein. Die Mortalitätsrate wird mit 3 % angegeben.
Ursachen
Auch die Bulimie wird durch verschiedene Faktoren ausgelöst. In den meisten Fällen finden sich ähnliche Ursachen wie bei der Anorexie:
  • soziokulturelle Faktoren: Schönheitsideal vom schlanken Model in der westlichen Kultur

  • traumatische Kindheitserlebnisse: In einigen Fällen und häufiger als bei Anorexie ließen sich Traumatisierungen, wie z. B. sexuelle Übergriffe, in der Kindheit finden.

  • genetische Faktoren: Zwillingsstudien zeigen bei Bulimie eine hohe Konkordanzrate (Übereinstimmungsrate), wenn auch nicht ganz so hoch wie bei Anorexie.

  • Persönlichkeitsfaktoren: Bei Bulimie-Patientinnen liegt gehäuft eine Borderline Persönlichkeitsstörung vor.

Symptomatik
Es kommt zu „Fressanfällen“ Fressanfälle, Bulimia nervosamit der Aufnahme von unnatürlich großen Nahrungsmengen. Meist handelt es sich um stark kalorienhaltige Nahrungsmittel (z. B. Süßigkeiten). Die Kalorienaufnahme kann bis zu 10.000 Kalorien betragen. Die Nahrungsmittel werden häufig sehr schnell gegessen (verschlungen). Der Sättigungsgrad kann sich bis zu einem schmerzhaften Völlegefühl steigern. Nach einem kurzfristigen Gefühl der Zufriedenheit stellen sich Schuldgefühle und depressive Zustände ein. Die Patienten erleben ein Gefühl des Kontrollverlusts. Allerdings können sie sehr wohl einen Essanfall unterbrechen, v.a. wenn eine andere Person hinzukommt.
Typischerweise versuchen die Patienten nach einem Essensexzess zu viel Gegessenes wieder loszuwerden, um nicht zuzunehmen. Die häufigsten Maßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme sind:
  • willentliches Erbrechen der aufgenommenen Speisen

  • Missbrauch von Medikamenten mit dem Ziel der Gewichtsreduktion (z. B. Abführmittel, Appetitzügler).

Es besteht meist Normalgewicht. Einige Patienten sind leicht unter- oder auch übergewichtig. Zu den Symptomen einer Bulimie zählen:
  • Diäten und Fasten: Den „Fressanfällen“ folgen immer wieder Phasen von begrenzter Nahrungsaufnahme.

  • Störungen des Körperschemas: Wie bei der Anorexie messenKörperschemastörungBulimia nervosa Bulimiker ihrem Äußeren eine überwertige Bedeutung zu und halten sich für zu beleibt.

  • sozialer Rückzug: Die Patienten schämen sich ihres Essverhaltens und isolieren sich. Es wird heimlich gegessen (und sich wieder entleert).

Als körperliche Folgesymptome können auftreten (Abb. 7.7): Zahnschäden, Schwielen an den Fingern oder Verletzungen des Handrückens durch vielfaches Auslösen des Würgereizes, Entzündungen von Speicheldrüsen, Speiseröhre, Rachen, Magen und Bauchspeicheldrüse, Entgleisungen des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts mit der Gefahr von Krampfanfällen, lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen, Niereninsuffizienz oder Muskelschwäche. Bei Diabetikern besteht die Gefahr, dass die Kontrolle des Insulinspiegels vernachlässigt wird.
Die Hälfte der Patienten hat bei einer Nachuntersuchung nach 10 Jahren die Krankheit überwunden oder zumindest eine deutliche Verbesserung erreicht. Je 20 % haben auch nach 10 Jahren noch eine Bulimie oder mittlerweile eine andere Essstörung. Ungünstig ist die Prognose besonders bei den Patienten, die auch andere schwere psychische Erkrankungen aufweisen (z. B. Depression oder schwere Persönlichkeitsstörungen). Zirka 3 % der Patienten versterben an der Erkrankung.
Diagnostik
Die Diagnostik entspricht weitgehend der der Anorexia nervosa (Kap. 7.10.1).
Therapie
Die Behandlung der Bulimie kann meist ambulant erfolgen. Wie bei Anorexia nervosa hat sich ein multimodaler, störungsspezifischer Behandlungsansatz etabliert. Es wird meist eine Kombination aus Gruppen- und Einzeltherapie bevorzugt. Körperliche Komplikationen müssen ärztlicherseits kontrolliert werden.

Binge Eating Disorder

Bei der Binge Eating DisorderBinge Eating Disorder (BED) kommt es zu wiederkehrenden Essanfällen, bei denen in kurzer Zeit große Mengen an Nahrungsmitteln konsumiert werden. Im Anschluss an einen Essanfall werden keine Maßnahmen durchgeführt, um eine Gewichtszunahme zu verhindern (Abgrenzung zur Bulimie).
Das Wort „Binge“ bedeutet Trinkgelage, sodass Binge Eating auch als „Sich-mit-Essen-Besaufen“ verstanden werden kann. Diese seit 1994 in den USA als eigenständige Diagnose geltende Störung geht meist mit Übergewicht einher. Ungefähr 2 % der Bevölkerung und 5 % aller Übergewichtigen (ca. 1–2 Millionen US-Amerikaner) leiden an einer BED. Ein Drittel der Betroffenen sind Männer. Die Störung hat einen starken Bezug zu Suchterkrankungen.
Ursachen
Die Ursachen sind bisher unbekannt. Die Hälfte der Betroffenen leidet an depressiven Verstimmungen. Allerdings ist unklar, ob die Depression Ursache oder Folge der BED ist.
Symptomatik
Zu den wichtigsten Symptomen einer Binge Eating Disorder zählen:
  • EssanfälleEssattackenBinge Eating Disorder: Der Kühlschrank wird leer gegessen. Die Anfälle finden mindestens 2-mal in der Woche seit mindestens 6 Monaten statt.

  • schnelles Essen bzw. Schlingen

  • essen, bis ein unangenehmes Völlegefühl entsteht und ohne Hunger

  • Gefühl des Kontrollverlusts bzgl. Menge und Beschaffenheit der konsumierten Nahrung

  • Mahlzeiten werden alleine eingenommen aus Schamgefühl, dabei gesehen zu werden.

  • Gefühle des Ekels, der Depression und Schuld nach einer Essattacke

  • Bei einer Chronifizierung droht ein sozialer Rückzug.

Die Erkrankung verläuft chronisch. Gefährlich sind die Folgen starken Übergewichts wie Diabetes mellitus, Hypertonie, Erkrankungen der Gallenblase oder des Herz-Kreislauf-Systems.
Therapie
Der Erfolg von Diäten ist sehr fraglich, denn sie verstärken u.U. die Störung. Vor allem Menschen, die kein oder nur ein geringes Übergewicht aufweisen, sollten keine Diäten durchführen.
Eine Therapie sollte sich zunächst auf die Reduzierung der Essanfälle beschränken. Die Patienten sollen eine gesunde Ernährungsweise erlernen. Dadurch stellt sich in den meisten Fällen automatisch eine Gewichtsreduzierung ein. Zusätzlich ist die Teilnahme an Selbsthilfegruppen zu empfehlen, z. B. Overeaters Anonymous (arbeiten nach einem ähnlichen 12-Punkte-Programm wie die Anonymen Alkoholiker).

Zusammenfassung

Anorexia nervosa

Selbstverursachtes, deutliches Untergewicht verbunden mit der Idee, trotzdem zu dick zu sein

Ursachen

  • soziokulturelle Belastungen

  • belastete Beziehungen in der Ursprungsfamilie

  • Schwierigkeiten mit der Geschlechtsidentität

  • Leistungsorientierung

  • genetische Faktoren

Symptome

  • massives Untergewicht

  • Störung des Körperschemas

  • Maßnahmen zur Gewichtsreduktion

  • Amenorrhö

Komplikationen

  • Störungen der Hormonregulation (z. B. Unterfunktion der Schilddrüse)

  • Osteoporose

  • verzögerte körperliche Entwicklung, Minderwuchs

  • Hautveränderungen (Lanugo-Behaarung)

  • Obstipation

  • Bradykardie, Herzrhythmusstörungen, orthostatische Dysregulation

  • Akrozyanose, Hypothermie

  • Muskelatrophie

  • Elektrolytverschiebungen (Natrium, Kalium ↓)

  • Blutbildveränderungen (Anämie, Neutropenie, Thrombozytopenie)

Therapie

  • bei kritischem Untergewicht stationäre Intensivmedizin

  • störungsspezifische Therapieprogramme mit Elementen der Verhaltenstherapie

  • Körpertherapie

Bulimia nervosa

Essattacken gefolgt von dem Versuch, durch Erbrechen, Abführen oder andere Maßnahmen einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken

Ursachen

  • soziokulturelle Faktoren

  • genetische Faktoren

  • Traumatisierungen

Symptome

  • Essattacken mit anschließendem Erbrechen

  • meist Normalgewicht

  • Medikamentenmissbrauch

  • Diäten

  • Körperschemastörung

Komplikationen

  • Parotitis, Schwellung der Speicheldrüsen

  • schwere Karies

  • Schwielen an Fingern oder Handrücken

  • Ösophagitis, Pharyngitis, Gastritis, Pankreatitis

  • Herzrhythmusstörungen

  • Muskelschwäche

  • Niereninsuffizienz

  • Elektrolytverschiebungen, diabetische Entgleisung

Therapie

  • Störungsspezifische Therapieprogramme mit Elementen der Verhaltenstherapie

Binge Eating Disorder

Wiederkehrende Essanfälle ohne Maßnahmen, die Gewichtszunahme zu verhindern

Ursachen

  • unbekannt, aber Bezug zu depressiven Episoden

Symptome

  • Essanfälle ohne anschließende Maßnahmen zur Gewichtskontrolle

  • Übergewicht

Therapie

  • Ernährungsumstellung, keine Diät

  • Psychotherapie

  • Selbsthilfegruppen

Sexuelle Störungen

Unter sexuellen Störungensexuelle Störungen versteht man Störungen des sexuellen Verlangens, der sexuellen Erregung, der Geschlechtsidentität und der sexuellen Präferenz (sexuelle Ausrichtung). Die häufigsten sexuellen Störungen bei Frauen sind verminderte Lust auf sexuelle Kontakte und Orgasmusprobleme. Bei Männern dominieren Erektionsstörungen und vorzeitiger Samenerguss.
Für den Ablauf der sexuellen Erregung wird ein klarer Phasenablauf beschrieben: Erregungs-, Plateau-, Orgasmus-, Entspannungsphase (Abb. 7.8). Die Phasen verlaufen beim Mann relativ gleich, bei Frauen ist der Verlauf deutlich individueller. Sexuelle Störungen können alle Phasen betreffen.
Sexualstörungen treten relativ häufig auf. 35 % der Frauen und 16 % der Männer leiden an Störungen der sexuellen Appetenz. Störungen der sexuellen Erregung finden sich bei 30 % der verheirateten Frauen und 20 % der Männer. Ein Drittel der verheirateten Männer leidet unter einem vorzeitigen Samenerguss (Ejaculatio praecox).Ejaculatio praecox
Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 15 % der Patienten, die einen Arzt aufsuchen, behandlungs- oder zumindest beratungswürdige sexuelle Probleme haben. Diese Probleme werden jedoch aus Scham oft nicht berichtet. Es bietet sich deshalb an, im Anamnesegespräch auch nach Problemen im Bereich der Sexualität zu fragen, um Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.
Ursachen
Zur Entstehung von sexuellen Störungen bestehen keine einheitlichen Theorien. Es scheinen sich, körperliche, soziale und seelische Aspekte zu ergänzen:
  • Störungen in unterschiedlichen Phasen der sexuellen Entwicklung

  • Probleme in der Partnerschaft

  • kognitive Faktoren: Einstellungen zu Sexualität und Partnerschaft, oft unreflektiert und unbewusst aus Kindheit und Jugend übernommen

  • unzureichende Informationen über sexuelle Abläufe

  • körperliche Erkrankungen (z. B. Arteriosklerose, Diabetes mellitus)

Therapie
Die psychotherapeutische Behandlung einer sexuellen Störung sollte spezifisch erfolgen. Für viele Störungen gibt es mittlerweile bewährte Vorgehensweisen. Lebt der Patient in einer festen Partnerschaft, sollte der Partner in die Therapie mit einbezogen werden. Starke Partnerschaftskonflikte wirken sich auch auf das Sexualleben aus und müssen möglicherweise vor einer reinen Sexualtherapie bearbeitet werden.

Nichtorganische sexuelle Funktionsstörungen

  • Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen: sexuelle StörungennichtorganischeSexuelle Aktivitäten werden wegen eines verminderten Verlangens seltener durchgeführt. Die Möglichkeit der sexuellen Erregung und Befriedigung ist nicht ausgeschlossen. Dies wird auch als Frigidität bezeichnet.

  • mangelnde sexuelle Befriedigung: Diese häufiger bei Frauen anzutreffende Störung führt im sexuellen Erleben trotz Orgasmus zu keinem Lustgefühl.

  • Versagen genitaler Reaktionen: ErektionsstörungenErektionsstörungen (beim Mann), Störungen der sexuellen Erregung mit Mangel an vaginaler Lubrikation (Befeuchtung der Scheide). Sind Erektionsstörungen psychisch bedingt, sollte mit technischen oder medikamentösen (z. B. Viagra®) Hilfen zurückhaltend umgegangen werden.

  • Orgasmusstörungen:Orgasmusstörungen Der Orgasmus tritt nicht oder nur stark verzögert ein. Häufiger bei Frauen als bei Männern.

  • Ejaculatio praecoxEjaculatio praecox: frühzeitiger Samenerguss mit Beeinträchtigung des sexuellen Erlebens

  • nichtorganischer VaginismusVaginismus: Verkrampfung der den Scheideneingang umgebenden Muskulatur. Dies macht den Geschlechtsakt unmöglich oder er ist nur unter Schmerzen möglich.

Störungen der Geschlechtsidentität

Bei den Störungen der GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentitätsstörungen besteht eine kontinuierliche, tiefe Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht bis hin zur Empfindung, in einem falschen Körper zu sein und eigentlich dem anderen Geschlecht anzugehören. Es besteht der dringende und anhaltende Wunsch, die Rolle des anderen Geschlechts teilweise oder vollständig anzunehmen. Dazu zählen:
  • TranssexualismusTranssexualismus: Die Betroffenen haben den Wunsch, als Angehörige des anderen anatomischen Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden. Es werden Bemühungen um Angleichung des Körpers an das bevorzugte Geschlecht durch hormonelle und chirurgische Behandlungen unternommen.

  • TransvestitismusTransvestitismus: Anhaltendes oder wiederholtes Tragen der jeweils gegengeschlechtlichen typischen Kleidung ohne Wunsch nach langfristiger Geschlechtsumwandlung. Es werden beide Geschlechtsrollen beibehalten. Fast nur bei Männern auftretend.

Therapie
Am Ende einer Therapie kann eine vollständige Geschlechtsumwandlung stehen. Wegen der weitreichenden Konsequenzen solcher medizinischer Maßnahmen sollte die Beratung und Therapie nur durch spezialisierte Therapeuten erfolgen, die auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung stehen. Vor einer Geschlechtsumwandlung muss ein psychiatrisches Fachgutachten erstellt werden.

Störungen der sexuellen Präferenz

Darunter versteht man Formen sexuellersexuelle Präferenzstörungen Betätigung und Befriedigung mit Kopplung außergewöhnlicher Bedingungen an die sexuellen Handlungen. Sexuelle Impulse, Fantasien und Handlungen richten sich fast ausschließlich auf nichtmenschliche Objekte, Leiden oder Demütigung der eigenen Person, des Partners, von Kindern oder Personen, die mit der sexuellen Interaktion nicht einverstanden sind. Die sexuelle Ausrichtung kann einen suchtähnlichen Charakter mit Verlust der Impulskontrolle annehmen. Dazu zählen:
  • FetischismusFetischismus: Die Durchführung sexueller Handlungen ist an den Gebrauch lebloser Objekte gekoppelt (z. B. Kleidungsstücke, Schuhe, Leder, Gummi, Plastik).

  • fetischistischer TransvestitismusTransvestitismusfetischistischer: Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung (u. U. inklusive Make-up und Perücke) zur Erlangung sexueller Erregung

  • ExhibitionismusExhibitionismus: Entblößen der Genitalien vor gegengeschlechtlichen Fremden, begleitet von sexueller Erregung und Masturbation

  • VoyeurismusVoyeurismus: heimliches Beobachten anderer bei sexuellen Aktivitäten oder beim Entkleiden, Verbunden mit sexueller Erregung und Masturbation

  • PädophiliePädophilie: sexuelle Kontakte Erwachsener mit Kindern (meist nicht älter als 13 Jahre)

  • SadomasochismusSadomasochismus: Es werden sexuelle Aktivitäten bevorzugt, die mit Schmerzen, Erniedrigungen oder Fesselungen einhergehen. Bei der Bevorzugung der aktiven Rolle als Sadismus, bei Bevorzugung der passiven Rolle als Masochismus bezeichnet.

Eine Diagnosestellung ist nur bei Unerlässlichkeit oder extremer Ausprägung dieser Praktiken erforderlich. Leichte Formen sind sehr verbreitet und haben keinen Krankheitswert.

Zusammenfassung

Sexuelle Störungen

Störungen des sexuellen Verlangens, der sexuellen Erregung, der Geschlechtsidentität und der sexuellen Präferenz

Nichtorganische sexuelle Funktionsstörungen

  • Mangel oder Verlust an sexuellem Verlangen

  • mangelnde sexuelle Befriedigung

  • Versagen genitaler Reaktionen

  • Orgasmusstörungen

  • Ejaculatio praecox

  • nichtorganischer Vaginismus

Störungen der Geschlechtsidentität

  • Transsexualismus

  • Transvestitismus

Störungen der sexuellen Präferenz

  • Fetischismus

  • fetischistischer Transvestitismus

  • Exhibitionismus

  • Voyeurismus

  • Pädophilie

  • Sadomasochismus

Therapie

  • verschiedene störungsspezifische, meist verhaltenstherapeutische Therapieprogramme

Schlafstörungen

Psychisch bedingte SchlafstörungenSchlafstörungen lassen sich in zwei Hauptgruppen unterteilen: Dyssomnien und Parasomnien.Dyssomnien ParasomnienDie durchschnittliche Schlafdauer beträgt 7–8 Stunden täglich. Während ein Neugeborenes noch bis zu 16 Stunden täglich schläft, benötigt ein alter Mensch nur noch 5–6 Stunden. Das Schlafbedürfnis nimmt also im Laufe des Lebens immer weiter ab. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 30 % der Bevölkerung an behandlungsbedürftigen Schlafstörungen leiden. Frauen und ältere Menschen sind besonders betroffen.
Normaler Schlaf gliedert sich in fünf SchlafstadienSchlafstadien, die sich zyklisch wiederholen (Kap. 2.3). Während des Schlafs treten Phasen mit schnellen Augenbewegungen auf, sog. REM-Phasen (Rapid Eye Movement)REM-Schlaf. Diese Schlafphasen werden als aktiver Schlaf bezeichnet. In ihnen treten die meisten Träume auf.
Ursachen
Die Gründe für Schlafstörungen können sehr vielfältig sein und müssen im Einzelfall herausgefunden werden:
  • körperliche Erkrankungen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafapnoe (Atemaussetzer während der Nacht, besonders bei übergewichtigen Patienten), Morbus Parkinson, Polyneuropathie, Erkrankungen, die mit Juckreiz oder mit Schmerzen einhergehen

  • seelische Erkrankungen: Depressionen, Schizophrenie, Manie, Suchterkrankungen, Neurosen, Ängste, Demenzen

  • situative Faktoren: ungewohnte Umgebung, Zeitverschiebung, Lärm, Hitze, Kälte

  • psychosoziale Belastungen: berufliche oder familiäre Krisen

  • Medikamente und Drogen: Alkohol, Betablocker, Diuretika, Appetitzügler, Antidementiva, Antibiotika, aktivierende Antidepressiva

Symptomatik
Dyssomnien
Störung von Dauer, Qualität oder Zeitpunkt des Schlafs aufgrund emotionaler Ursachen. Zu den DyssomnienDyssomnien zählen:
  • InsomnieInsomnie (Schlaflosigkeit bzw. Schlafmangel): ungenügende Dauer oder SchlafmangelSchlaflosigkeitQualität des Schlafs über einen längeren Zeitraum. Es werden Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen und morgendliches Früherwachen unterschieden. Bei länger andauernden Insomnien entsteht ein Teufelskreis, bei dem die ständige Beschäftigung mit dem Thema Schlaf einen guten Schlaf erst recht verhindert. Die ungenügende Schlafdauer oder -qualität kann das Leistungsvermögen herabsetzen. Häufig stehen Insomnien im Zusammenhang mit erhöhten beruflichen oder psychosozialen Anforderungen. Insomnien stellen mit Abstand die größte Gruppe der Schlafstörungen dar.

  • HypersomnieHypersomnie (übersteigertes Schlafbedürfnis): stark ausgeprägte Müdigkeit, die nicht mit einer unzureichenden Schlafdauer zu erklären ist. Es kann tagsüber zu Schlafanfällen kommen. Der Übergang von Schlaf- zu Wachzustand kann stark verlängert sein. Wenn keine organische Ursache gefunden wird, ist eine Hypersomnie meist auf eine Depression zurückzuführen.

  • Störung des Schlaf-wach-RhythmusSchlaf-wach-RhythmusStörungen: Die Betroffenen wachen, wenn andere schlafen, und sind dafür tagsüber müde und haben Schlafanfälle. Meist findet sich eine organische Ursache oder es besteht eine andere schwerwiegende psychiatrische Störung. Eine weitere Gruppe von Betroffenen sind Menschen in Schichtarbeit, deren innere biologische Uhr nicht mehr richtig funktioniert.

Parasomnien
ParasomnienParasomnien sind Schlafphänomene, die nicht zu einem normalen Schlaf gehören. Zu ihnen zählen:
  • SchlafwandelnSchlafwandeln (Somnambulismus): Somnambulismusnächtliches Verlassen des Betts, u. U. sogar des Hauses, ohne richtig wach zu sein

  • Pavor nocturnusPavor nocturnus: nächtliche Episoden äußerster Furcht und Panik mit heftigem Schreien und starker Erregung; Auftreten meist im ersten Drittel der Nacht

  • AlbträumeAlbträume: lebhaftes Träumen mit beängstigenden Inhalten. In den Träumen drohen Gefahr für Leben, Sicherheit oder Selbstachtung.

Therapie

Achtung

Vor Therapiebeginn bei einer Schlafstörung muss immer ausgeschlossen werden, dass eine Depression vorliegt.

Eine Therapie von Schlafstörungen sollte erst erfolgen, wenn organische Ursachen (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Störungen der Atmung, Schilddrüsenüberfunktion, Diabetes mellitus, Schlafapnoe, Schmerzzustände, Inkontinenz) und andere schwerwiegende seelische Erkrankungen ausgeschlossen wurden.
Die Patienten müssen sich darauf einstellen, dass die Therapie zwar sehr gute Erfolge zeigt, die Wirkung jedoch erst nach einiger Zeit, möglicherweise nach Wochen eintritt. Besonders bei älteren Menschen ist häufig eine Aufklärung und Beratung über Faktoren hilfreich, die den Schlaf fördern bzw. verhindern:
  • Zu vermeiden sind: Lärmbelästigungen, stimulierende Substanzen wie Kaffee, Tee, Nikotin, Nahrungsaufnahme bzw. aufregende Tätigkeiten kurz vor dem Schlafengehen. Das Bett sollte nur zum Schlafen benutzt werden. Die Patienten sollten das Bett wieder verlassen, wenn sie nicht schlafen können und z. B. in einem Sessel lesen.

  • schlaffördernde Faktoren: Einhaltung regelmäßiger Schlafenszeiten, optimale Schlaftemperaturen (15–17 °C), ausreichend abgedunkelter Schlafplatz, warme Füße (Socken, Wärmflasche, Fußbäder), Einschlafrituale (v.a. bei Kindern)

  • Entspannungsübungen: Entspannungsübungen, SchlafstörungenDas Erlernen und regelmäßige Praktizieren von Entspannungsübungen wie autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung nach Jacobson können bei Schlafstörungen sehr hilfreich sein.

  • Einschränken der Schlafenszeiten: Diese scheinbar paradoxe Maßnahme ist eminent wichtig. Die Patienten sollen dem Schlafbedürfnis nicht tagsüber oder abends vor dem Fernseher nachgeben, sondern später ins Bett gehen und früher aufstehen. Dadurch wird das natürliche Schlafbedürfnis wieder geweckt. Nach Absprache mit dem Therapeuten kann die Schlafdauer 15-Minuten-weise verlängert werden.

Hypnotika wie z. B. BenzodiazepineBenzodiazepineSchlafstörungen Hypnotika, Schlafstörungenwerden heute sehr viel zurückhaltender verschrieben. Ihre Einnahme sollte zeitlich befristet erfolgen. Bei schnellem Absetzen kann wieder Schlaflosigkeit auftreten, bei längerer Einnahme drohen Gewöhnung und Abhängigkeit. Pflanzliche Mittel als Tropfen oder besser als Tees können hilfreich sein (Baldrianwurzel, Melissenblätter, Hopfenzapfen).

Zusammenfassung

Schlafstörungen

Ursachen

  • körperliche und psychische Erkrankungen

  • seelische Belastungen

  • Umgebungswechsel

  • Medikamente und Drogen

Dyssomnien

Störungen von Schlafdauer und -qualität:
  • Insomnie: zu wenig oder zu schlechter Schlaf

  • Hypersomnie: starke Müdigkeit

  • Störung des Schlaf-wach-Rhythmus

Parasomnien

Schlafphänomene:
  • Schlafwandeln

  • Pavor nocturnus

  • Albträume

Therapie

  • Schlafberatung und Schlaftraining

  • Entspannungsübungen

  • Hypnotika (z. B. Benzodiazepine)

  • Phytopharmaka (Baldrianwurzel, Melissenblätter, Hopfenzapfen)

Psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen

Achtung

Die Arbeitsbereiche der psychische StörungenKinder und JugendlicheKinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Kinder- und Jugendpsychotherapie setzen differenzierte Kenntnisse der Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen voraus. Kinder und Jugendliche sollten nur von Therapeuten diagnostiziert und behandelt werden, die diese speziellen Kenntnisse besitzen.

Die Entwicklung von Kindern lässt sich auf verschiedenen Ebenen beschreiben. Es ist wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass die Beschreibung von Entwicklungsphasen Durchschnittsbilder wiedergibt. Die individuelle Entwicklungs- und Reifungsgeschwindigkeit von Kindern ist sehr unterschiedlich. Faktoren wie Genetik, Konstitution und v.a. Umwelteinflüsse können eine große Rolle spielen. Es ist z. B. für die geistige Entwicklung eines Kindes außerordentlich wichtig, welche Anreize ein Kind erhält.

Intelligenzminderung

Darunter versteht man eine stehengebliebene Intelligenzminderungoder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten, die sich im Laufe der Entwicklung zeigt. Die Störung wirkt sich auf Denken, Verhalten, Problemlösefähigkeiten, Sprechen, Lebensbewältigung, soziale und teilweise motorische Fähigkeiten aus.
Intelligenz wird meist in Form eines Intelligenzquotienten (IQ) gemessen. Auch die Unterteilung der Schweregrade einer Intelligenzminderung orientiert sich am IQ. Intelligenzminderungen werden in Schweregrade eingeteilt:
  • grenzwertige Intelligenz (IQ 70–85): keine psychiatrische Störung, sondern Lernbehinderung

  • leichte Intelligenzminderung: IQ von 50–69

  • mittelgradige Intelligenzminderung: IQ von 35–49

  • schwere Intelligenzminderung: IQ von 20–34

  • schwerste Intelligenzminderung: IQ < 20

Sprachstörungen

Artikulationsstörung
Bei ArtikulationsstörungenArtikulationsstörungenSprachstörungen kommt es zu Fehlern in der Lautbildung, Lautbildungsstörungendie bezogen auf das Entwicklungsalter außerhalb des Normbereichs liegen. Kinder sprechen z. B. „Tuhl“ statt „Stuhl“, „sade“ statt „schade“, „ot“ statt „rot“ oder „Tarten“ statt „Garten“.
Stottern
Sprechstörung mit StotternUnterbrechung des Redeflusses in Form von Blockaden, Wiederholungen von Wortteilen oder Dehnungen. Zögern und Innehalten unterbrechen den rhythmischen Redefluss. Der Schweregrad der Störung kann bei derselben Person in Abhängigkeit von der sozialen Situation, bestimmten Wörtern, der Gefühlslage oder der körperlichen Verfassung sehr variieren. Eltern sollten sich im Verdachtsfall immer an kompetente Spezialisten (z. B. Logopäden) wenden, da eine Therapie umso Erfolg versprechender ist, je früher sie begonnen wird.
Poltern
Redeflussstörung, Polterndie sich durch eine überstürzte und unregelmäßige Sprechweise zeigt. Die Störung betrifft die gedankliche Vorbereitung des Sprechens, nicht den Sprechvorgang selbst. Während ein stotternder Mensch vielleicht sagen würde: „Ich möchte zum Llllladen und habe kein Ge-ge-ge-geld“, würde ein polternder Mensch sagen: „Ich möchte zum La … eeh … wo man einkauft. La-la-laden und habe kein Geld.“
Expressive Sprachstörung
Umschriebene Störung, Sprachstörungenexpressive/rezeptivebei der das Niveau der gesprochenen Sprache deutlich unter dem Intelligenzniveau des Kindes liegt. Zum Sprachniveau gehören der aktive Wortschatz, die Grammatik und die Fähigkeit, Inhalte sprachlich auszudrücken. Das Sprachverständnis entspricht bei dieser Störung der Altersnorm.
Rezeptive Sprachstörung
Umschriebene Störung, bei der das Sprachverständnis, d. h. die Fähigkeit gesprochene Sprache altersentsprechend zu verstehen, deutlich unter dem Intelligenzniveau des Kindes liegt. SprachverständnisstörungenHäufig ist auch die expressive Sprache beeinträchtigt.

Teilleistungsstörungen

Lese- und Rechtschreibstörung (LRS)
Bei der Lese- und RechtschreibstörungRechtschreibstörungLese- und Rechtschreibstörung (LRS) Teilleistungsstörungenkommt es zu einer umschriebenen Beeinträchtigung beim Erwerb der Lese- und der Rechtschreibfähigkeiten, die nicht altersgemäß ist. Die Kinder vertauschen Wörter, lesen insgesamt sehr langsam, verdrehen Wortteile oder weisen Verständnisschwierigkeiten beim Lesen auf. Durch Misserfolgserlebnisse in der Schule können Störungen des Selbstwertgefühles entstehen. Eine andere Bezeichnung für die LRS ist Legasthenie.
Rechenstörung (Dyskalkulie)
Bei der RechenstörungRechenstörung Dyskalkuliekommt es trotz ausreichender Beschulung zu einer umschriebenen Beeinträchtigung des Erwerbs der Rechenfähigkeit. In der Regel sind die Grundrechenarten Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division betroffen.

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen

Frühkindlicher Autismus
Diese tiefgreifende EntwicklungsstörungEntwicklungsstörungen, tiefgreifendeAutismusfrühkindlicher beginnt vor dem 3. Lebensjahr und besteht ein Leben lang. Es findet sich eine gestörte Funktionsfähigkeit in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation. Andere Bezeichnungen für frühkindlichen Autismus sind autistische Störung und Kanner-AutismusKanner-Autismus.
Es kommt zu sozialen Beeinträchtigungen mit mangelndem Kontakt zu Gleichaltrigen und der Unfähigkeit, Freundschaften zu schließen. Die Kinder halten kaum Blickkontakt und zeigen kaum den Wunsch nach emotionaler Zuwendung. Gefühle wie Freude, Mitleid und Traurigkeit können nicht ausgedrückt werden.
Eine frühzeitig einsetzende Therapie kann zu erheblichen Verbesserungen führen.
Asperger-Syndrom
Beim Asperger-SyndromAsperger-Syndrom handelt es sich um eine Form von autistischer Entwicklungsstörung mit gestörter Beziehungsfähigkeit sowie eingeschränkten, spezialisierten Interessen und Aktivitäten. Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus ist die Sprachfähigkeit entwickelt oder besonders ausgeprägt.

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Beginnend in der frühen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)Kindheit entwickelt sich ein charakteristisches, zeitlich stabiles Verhaltensmuster mit Störungen der Aufmerksamkeit. In den meisten Fällen treten Impulsivität und Hyperaktivität hinzu. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass bei einem Teil der betroffenen Kinder lediglich eine gestörte Aufmerksamkeit vorliegt, ohne dass sie eine Hyperaktivität entwickeln. Aus diesem Grunde finden sich auch die Kürzel ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ohne Hyperaktivität) oder AD(H)S (Aufmerksamkeitsdefizit, das mit und ohne Hyperaktivität einhergehen kann).
ADHS gehört zu den häufigsten psychiatrischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Man schätzt, dass 3 % aller Schulkinder ein ADHS aufweisen. Jungen sind im Verhältnis bis zu 3 : 1 häufiger betroffen.
Auch wenn es den Anschein hat, dass es sich bei ADHS um eine neue Erkrankung handelt, wurde sie bereits im 19. Jahrhundert von Heinrich Hoffmann, einem Neurologen aus Frankfurt, beschrieben. Im „Struwwelpeter“ stellt er die Symptome des ADHS pointiert dar.
Ursachen
Zu den wichtigsten Ursachen eines ADHS zählen:
  • genetische Faktoren

  • Störungen des Hirnstoffwechsels: ADHS scheint mit einer unzureichenden Verfügbarkeit bestimmter Neurotransmitter zusammenzuhängen. Besonders Dopamin und Noradrenalin sind beteiligt, wahrscheinlich auch Serotonin.

Als nicht haltbar haben sich Theorien erwiesen, nach denen ADHS auf Faktoren wie zu viel Fernsehen, Unverträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel oder ein schlechtes Elternhaus zurückzuführen ist. Richtig ist vielmehr, dass das Elternhaus, die Schule oder auch die Häufigkeit von Fernsehen den Verlauf der Störung positiv oder negativ beeinflussen können.
Symptomatik
Der Beginn liegt in der frühen Kindheit (vor dem 6. Lebensjahr). Die Kinder fordern ihre Umgebung ständig heraus, sodass zunehmend negative Interaktionsmuster entstehen. Eltern und Lehrer schimpfen ständig, was sich auch auf das Selbstwertgefühl aller Beteiligten auswirkt. Die Kinder „nerven“ und sind auch bei Gleichaltrigen oft unbeliebt. Langfristig entwickelt sich häufig dissoziales Verhalten.
Weitere Symptome eines ADHS sind:
  • Konzentrationsstörungen Konzentrationsstörungen ADHS

  • erhöhte Ablenkbarkeit

  • Hyperaktivität und Impulsivität

  • Mangel an Ausdauer

  • motorische Unruhe mit Neigung zu Unfällen und Verletzungen

  • Distanzlosigkeit in sozialen Beziehungen

  • Störungen des Affekts mit Wutausbrüchen und niedriger Frustrationstoleranz können zusätzlich vorhanden sein

Unbehandelt entwickeln viele der betroffenen Kinder Delinquenz und soziale Auffälligkeiten. Sie sind wesentlich stärker als andere gefährdet, eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. Sie bleiben in der Regel in der Schule und somit auch später im Berufsleben deutlich unter ihren Möglichkeiten.
ADHS kann auch bei Erwachsenen auftreten.
Diagnostik
Zur Diagnosestellung eines ADHS sind zunächst Informationen von wichtigen Betreuungspersonen einzuholen. Hierzu können neben den Eltern v.a. Lehrer und Erzieher befragt werden. Der Therapeut beobachtet das Verhalten des Kindes während der Behandlung und führt meist weitere spezifische Tests durch, die Aussagen über die Intelligenz und Konzentrationsfähigkeit zulassen.
Therapie
Der am weitesten verbreitete Wirkstoff in der Behandlung von ADHS ist Methylphenidat,Methylphenidat, ADHS in Deutschland z. B. als Ritalin®Ritalin®, ADHS oder Concerta® auf dem Markt. Methylphenidat ist eigentlich ein stimulierendes Medikament aus der Gruppe der Amphetamine und hat nur bei Patienten mit ADHS eine ausgleichende Wirkung. Laien meinen häufig, Kinder würden mit Drogen künstlich ruhiggestellt und würden in der Folge nur noch betäubt in der Ecke sitzen. Diese Vorurteile entbehren jeder Grundlage. Es findet keine Beruhigung oder Bewusstseinstrübung statt. Vielmehr gleicht Methylphenidat eine Stoffwechselstörung im Gehirn aus. „Lieber ein Kind ohne Ritalin® als eines mit. Lieber ein Kind mit Ritalin® in der Regelklasse als eines ohne in der Sonderschule. Und: Lieber eines mit Ritalin® in der Familie als eines ohne in einem Heim.“ (Prof. Dr. Wilhelm Felder, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Bern). Das Risiko einer Abhängigkeit ist bei den genannten Medikamenten sehr gering. Allerdings darf die Einnahme nur unter fachärztlicher Aufsicht erfolgen, da – wie bei jedem Medikament – auch hier Nebenwirkungen auftreten können. Methylphenidat kann das Herz-Kreislauf-System belasten sowie zu Appetitmangel, Schlafstörungen, Tics oder Kopfschmerzen führen.
Neuere Untersuchungen beschreiben in der Therapie des ADHS auch gute Erfolge mit AntidepressivaAntidepressivaADHS.
Studien aus jüngerer Zeit belegen die Wirksamkeit einer VerhaltenstherapieVerhaltenstherapieADHS bei ADHS. Diese sollte jedoch, wenn möglich, mit einer medikamentösen Therapie gekoppelt werden. Eine gekoppelte Therapie, bei der eine Medikamentengabe mit Verhaltenstherapie verbunden wird, ist einer reinen medikamentösen Therapie leicht überlegen. Die Kinder lernen, ihre Aufgaben in einer bestimmten Reihenfolge und in zumutbaren Etappen durchzuführen. Belohnt werden sie mit einem Punktesystem, das ihnen nach einiger Zeit eine größere Belohnung ermöglicht. Zudem wird das Führen von Listen trainiert, um dem Tag eine klare Struktur zu geben. Es werden Erinnerungssysteme eingeübt, zu denen Notizbücher und Merkzettel gehören.
Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen, die mit dem Kind in regelmäßigem Kontakt stehen, können durch ihr Verhalten zur Besserung der ADHS-Störung beitragen. Meist muss zunächst eine ausführliche Aufklärung durchgeführt werden, damit das Kind als hilfebedürftig erkannt wird, nachdem es bisher meist als störend und u. U. sogar als böswillig eingestuft wurde.
Empfehlungen zum Umgang mit ADHS-Kindern:
  • eindeutige, unmissverständliche Kommunikation

  • mit dem Kind dann sprechen, wenn man seine Aufmerksamkeit hat, d.h., wenn es einen anschaut

  • Pflegen der Beziehung zum Kind durch Zeiten, in denen es nur um die Bedürfnisse des Kindes geht und die das Kind aktiv gestaltet (Spielzeiten)

  • Loben, wenn das Kind etwas gut oder richtig gemacht hat

  • Konsequenz in der Einhaltung von Regeln und angekündigten Sanktionen

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend

Störungen des Sozialverhaltens
Als Störungen des SozialverhaltensSozialverhaltensstörungen bezeichnet man ein Muster dissozialer, aggressiver oder aufsässiger Verhaltensweisen mit Verletzung altersentsprechender sozialer Erwartungen. Andere Bezeichnungen für Störungen des Sozialverhaltens sind Schwererziehbarkeit oder Verhaltensstörung.
Emotionale Störung
Bei der Emotionalen Störung emotionale Störungen, Kindes-/Jugendalterkommt es bei den betroffenen Kindern zu Befindensstörungen, die mit unterschiedlichen Symptomen wie Angst, Depression, Unsicherheit, Zwangssymptomen oder Geschwisterrivalität einhergehen können.
Bindungsstörungen
BindungsstörungenBindungsstörungen entwickeln sich in der Folge von starker Vernachlässigung und von Misshandlungen in der Familie oder durch häufig wechselnde Bezugspersonen bei Heim- oder Pflegekindern. Je nachdem, wie sich der Kontakt zu den wichtigsten Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren eines Kindes gestaltet, können Kinder auffällige Beziehungsmuster entwickeln. Bindungsstörungen beginnen vor dem 5. Lebensjahr mit Störungen der sozialen Funktion und emotionalen Auffälligkeiten. Die Kinder zeigen ein ambivalentes Verhalten gegenüber Betreuungspersonen mit einer Mischung zwischen Annäherung und Vermeidung von Kontakt. Einerseits kann wenig Kontakt zu Gleichaltrigen bestehen, andererseits zeigen die Kinder wahllose Freundlichkeit und Distanzlosigkeit auch gegenüber Fremden.
Elektiver Mutismus (Sprachverweigerung)
Bei dieser Störung sprechenMutismuselektiverSprachverweigerung Kinder in bestimmten Situationen oder mit bestimmten Personen nicht, obwohl erwiesenermaßen die Fähigkeit zum Sprechen besteht.
Fütterstörung im frühen Kindesalter
Die FütterstörungFütterstörung des frühen Kleinkindalters zeigt sich durch unterschiedliche Symptomatik wie Ablehnen einzelner Speisen, Verweigerung fester Nahrung oder Rumination (willkürliches Heraufwürgen von Nahrung mit erneutem Kauen und Schlucken). Häufig liegen der Störung schwere Verwahrlosungen oder Hirnschädigungen zugrunde.
Pica
Meist infolge Picaeiner geistigen Behinderung kommt es zum Verzehr von normalerweise nicht essbaren Substanzen wie Schmutz, Farbschnipseln, Holz, Insekten, Kot, Kreide, Gras, Haaren, Papier, Zigaretten, Streichhölzern, Steinen oder Erde.
Stereotype Bewegungsstörung
Wiederholte, gleichförmigeBewegungsstörungenstereotype Bewegungen von Kopf, Körper undstereotype Bewegungsstörung Händen können selbstschädigend (z. B. Kopfschlagen, Ins-Gesicht-Schlagen, In-die-Augen-Bohren, Beißen in Lippen, Hände oder andere Körperteile) oder nicht selbstschädigend sein (z. B. Körperschaukeln, Kopfschaukeln, Haarezupfen, Fingerschnippen, Händeklatschen).
Im Gegensatz zu Tics (s.u.), betreffen stereotype Bewegungsstörungen eine ganze Körperregion und wirken willensgesteuert.
Tic-Störungen
TicsTic-Störungen bestehen aus unwillkürlichen, raschen, wiederholten und nicht kontrollierbaren Bewegungen eines Körperteils oder aus unfreiwillig erzeugten Geräuschen. Unterschieden werden motorische und vokale Tics sowie einfache und komplexe Tics (Tab. 7.6). Das Tourette-SyndromTourette-Syndrom stellt eine schwere, chronische Form einer motorischen und vokalen Tic-Störung dar.
Tics können eine sehr unterschiedliche Intensität aufweisen. Viele Betroffene haben kaum wahrnehmbare Tics, am anderen Ende der Skala stehen sehr auffällige und nicht übersehbare Tics, die zu massiven Beeinträchtigungen der Lebensführung und sozialer Isolation führen können. Bei Anspannung treten sie verstärkt auf. Tics können kurzfristig unterdrückt werden, um sich dann in einer „günstigen“ Situation zu entladen. Über längere Zeit sind Tics jedoch nicht willentlich steuerbar und den Betroffenen darf für ihr Verhalten kein Vorwurf gemacht werden. Tics sind kein Ausdruck einer geistigen Behinderung.
Enuresis
Unkontrollierte, Enuresisvollständige Blasenentleerung ohne organische Ursache am falschen Platz und zur falschen Zeit. Unterschieden werden eine primäre und sekundäre Form der Enuresis:
  • primäre Enuresis: Das Kind war noch nie länger als 6 Monate „trocken“. Mit über 80 % die häufigste Form.

  • sekundäre Enuresis: Es gab bereits eine Phase von mindestens 6 Monaten, in der das Kind „trocken“ war. Meist ausgelöst durch psychosoziale Belastungen fängt es wieder an einzunässen.

Eine andere Bezeichnung für Enuresis ist Bettnässen.Bettnässen Abzugrenzen ist der Begriff der Harninkontinenz. Diese tritt bei Erwachsenen auf und hat organische Ursachen. Obwohl eine Enuresis bei 1 % der Erwachsenen auftritt, wird die Störung dem Kindesalter zugeordnet.
Therapie
Vor einer Therapie müssen immer organische Ursachen ausgeschlossen werden. Häufig eingesetzt werden spezifische verhaltenstherapeutische Programme mit Protokoll- und Belohnungssystemen und apparativen Methoden wie Klingelmatratze. Ein abendlicher Flüssigkeitsentzug hat sich nicht als sinnvoll erwiesen.
Enkopresis
Regelmäßige, willkürlicheEnkopresis oder unwillkürliche Entleerung von Stuhl in die Unterwäsche oder an nicht dafür vorgesehenen Stellen. Einkoten Einkotenist eine andere Bezeichnung für Enkopresis. In ¼ der Fälle liegt auch eine Enuresis vor.

Zusammenfassung

Intelligenzminderung

Unterteilt in leichte, mittelgradige, schwere und schwerste Intelligenzminderungen

Sprachstörungen

  • Artikulationsstörung: Störungen der Lautbildung

  • Stottern: Störungen des Redeflusses

  • Poltern: überstürzte Sprechweise

  • expressive Sprachstörung: Sprache deutlich unter Intelligenzniveau

  • rezeptive Sprachstörung: verzögerte Entwicklung des Sprachverständnisses

Teilleistungsstörungen

  • Lese-/Rechtschreibstörung: gestörter Erwerb der Lese- und Rechtschreibfähigkeit

  • Rechenstörung: gestörter Erwerb der Rechenfähigkeit

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen

  • frühkindlicher Autismus: gestörte Funktionsfähigkeit v.a. in den Bereichen Interaktion und Kommunikation

  • Asperger-Syndrom: autistische Störung, bei der die Kinder jedoch Sprechen lernen

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Stabiles Verhaltensmuster mit Beginn in der Kindheit, geprägt durch Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit; meist mit Hyperaktivität und Impulsivität verbunden

Ursachen

  • genetische Faktoren

  • Störungen im Bereich der Neurotransmitter

Symptome

  • Unfähigkeit, sich über eine längere Zeit zu konzentrieren

  • soziale Schwierigkeiten

  • motorische Unruhe

  • reduzierte schulische Leistungen

Therapie

  • Verhaltenstherapie

  • medikamentöse Therapie (z. B. Methylphenidat)

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend

  • Störungen des Sozialverhaltens: aggressives, aufsässiges Verhalten

  • emotionale Störung: unterschiedliche Störungen der Befindlichkeit bei Kindern wie Ängste, Zwänge, Depressionen

  • Bindungsstörungen: meist Folge von Vernachlässigung, widersprüchliches Kontaktverhalten zu Bezugspersonen

  • Tic-Störungen: unwillkürliche Bewegungen und unfreiwillige Lautäußerungen

  • elektiver Mutismus: Sprachverweigerung

  • Enuresis: unkontrollierte Blasenentleerung ohne organische Ursache

  • Enkopresis: willkürliche oder unwillkürliche Stuhlentleerung

  • Pica: Verzehr nicht essbarer Substanzen

  • stereotype Bewegungsstörung: sich wiederholende, gleichförmige Bewegungen

Psychiatrische Notfälle

Psychiatrische psychiatrische NotfälleNotfälleNotfälle, psychiatrische sind zunächst nicht anders zu handhaben als andere medizinische Notfälle. Sie führen in der Regel zu einer intensivmedizinischen Behandlung durch Arzt oder Notarzt. Der Heilpraktiker ist wie jeder andere Bürger auch zur Hilfe verpflichtet. Er hat weder die Rechte noch die Kenntnisse, einen solchen Notfall selbst zu behandeln. Vor allem stehen ihm die meist notwendigen Medikamente nicht zur Verfügung. Es wird jedoch mit Recht erwartet, dass ein Heilpraktiker in der Lage ist, Verdachtsdiagnosen zu stellen sowie in einer Akutsituation beruhigend und aufklärend mit den Betroffenen zu sprechen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 20 % der Notarzteinsätze auf psychiatrische Notfälle zurückgehen. Die häufigsten Ursachen sind:
  • Alkohol- und Drogenprobleme

  • psychische Krisen

  • Schizophrenien

  • Depression und Manie

Im Folgenden werden die wichtigsten Notfallsituationen mit den dazugehörigen Behandlungshinweisen beschrieben.

Merke

Auch psychiatrische Notfälle verlangen häufig nach einer intensivmedizinischen Behandlung.

Suizidalität

Wegen der außerordentlichen SuizidalitätWichtigkeit seien die wichtigsten Informationen an dieser Stelle noch einmal zusammengefasst: Suizidalität kann im Zusammenhang mit vielen psychischen Störungen auftreten (Kap. 7.1). Zu den wichtigsten zählen dabei Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen, Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenien. PersönlichkeitsstörungenDepressionBesonders häufig sind alte und alleinstehende Menschen betroffen. Schizophrenie
Maßnahmen
Im Zusammenhang mit psychischen Störungen, die mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden sind, ist vom Behandler immer aktiv nach suizidalen Gedanken und Impulsen zu fragen. Die akute Gefahr muss eingeschätzt werden können. Als besonders gefährlich muss die Suizidalität bewertet werden, wenn der Patient bereits konkrete Vorstellungen hat, wie er den Suizid umsetzen will, wenn er bereits konkrete Vorbereitungen für die Umsetzung des Suizids getroffen hat und wenn es in der Anamnese bereits Suizidversuche gab.
Im akuten Fall gilt es, den Patienten davon zu überzeugen, sich freiwillig in eine stationäre Einrichtung in Behandlung zu begeben. Notfalls muss der Patient wegen Selbstgefährdung auch gegen seinen Willen in eine psychiatrische Einrichtung gebracht werden. Das Vorgehen in diesem Fall regeln die Psychisch-Kranken- bzw. Unterbringungsgesetze der Länder.

Akute Angst- oder Erregungszustände

Bei AngstAngst- und ErregungszuständenErregungszustände kommt es zu einer ziellosen Steigerung des Antriebs und der Psychomotorik. Die Patienten leiden unter großer innerer Unruhe und können vegetative Symptome wie Herzklopfen, Zittern, starkes Schwitzen oder Luftnot aufweisen. Sie können gereizt sein und sich aggressiv verhalten. Erregungszustände können durch eine Vielzahl von psychischen Störungen ausgelöst werden (z. B. Schizophrenie, Manie, Panikattacken, Persönlichkeitsstörungen, Intelligenzminderung, organische Hirnerkrankungen, agitierte Depression).
Maßnahmen
Die Patienten sollten durch ein ruhig und besonnen geführtes Gespräch davon überzeugt werden, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Liegt eine Gefährdung der eigenen Person oder anderer Personen vor, muss der Patient stationär behandelt werden. Die medikamentöse Therapie orientiert sich an der zugrunde liegenden psychischen Störung.

Delir

Ein DelirDelir geht mit Bewusstseinstrübung, Desorientiertheit, motorischer Unruhe, erhöhter Suggestibilität und vegetativen Symptomen einher. Zusätzlich können Halluzinationen und Wahnsymptome auftreten. Am häufigsten entsteht ein Delir im Zusammenhang mit Alkohol- und Medikamentenentzug. Auch im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen und Operationen treten besonders bei älteren Patienten delirante Zustände auf.
Maßnahmen
Bei der medikamentösen Unterstützung von Entzugssyndromen kommen v.a. Clomethiazol, Diazepam und Doxepin zum Einsatz. Die Behandlung muss unbedingt stationär erfolgen, da ein schweres Entzugssyndrom einen lebensgefährlichen Zustand darstellt.

Akute psychotische Symptome

Psychotischepsychotische Symptome, akute Patienten verhalten sich sehr auffällig. Sie sind motorisch unruhig, leiden unter starken AngstAngstgefühlen und haben häufig Wahnwahrnehmungen Wahnwahrnehmungenund HalluzinationenHalluzinationen. Die Symptome können durch Schizophrenien, Hirnerkrankungen und als Folge von Entzug oder Zufuhr psychotroper Substanzen auftreten.
Maßnahmen
Ein Patient mit einer akuten Psychose muss möglichst sofort einer Behandlung durch einen Psychiater oder einem psychiatrischen Krankenhaus zugeführt werden. In der Akutsituation steht die medikamentöse Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund der Therapie.

Hirnorganische Verwirrtheitszustände

Wie die Bezeichnung nahelegt, Verwirrtheithirnorganischehirnorganische Verwirrtheitszuständehandelt es sich bei dieser Gruppe von Notfällen um Folgen von Erkrankungen des Gehirns. Es können jedoch auch andere körperliche Erkrankungen wie eine Hypoglykämie, Blutdruckkrisen oder schwere Herzrhythmusstörungen – besonders bei älteren Patienten – zu Verwirrtheitszuständen führen. Die Betroffenen sind desorientiert, verkennen die Umwelt, das Denken ist verworren und unzusammenhängend, und es besteht häufig Angst oder Aggressivität.
Maßnahmen
Im Vordergrund steht die medikamentöse Behandlung der körperlichen Grunderkrankung. Symptomatisch werden häufig Neuroleptika gegeben. Bei Vorliegen einer Selbst- oder Fremdgefährdung muss eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik erfolgen.

Substanzinduzierte Akutsituationen

Durch die Einnahme von substanzinduzierte AkutsituationenAlkohol, Drogen oder Medikamenten können sehr unterschiedliche Akutsituationen auftreten. RauschzuständeRauschzustände durch Alkohol, Halluzinogene oder Cannabis gehören ebenso in diese Gruppe von Akutzuständen wie die unerwünschten Arzneimittelwirkungen von Medikamenten. Besonders bei älteren Patienten kann quasi jedes Medikament zu Arzneimittelwirkungen, unerwünschtedeliranten Zuständen führen.
Maßnahmen
Zunächst muss umgehend eine intensivmedizinische Diagnostik und Therapie durchgeführt werden, um Komplikationen wie Kreislaufversagen, Atemlähmungen oder Herzrhythmusstörungen zu kontrollieren.

Dämmerzustand

Ein DämmerzustandDämmerzustand wird meist durch eine Epilepsie ausgelöst. Das Bewusstsein ist auf einen inneren Erlebnisbereich eingeengt und die Kommunikation mit der Umwelt bricht ab. Die Betroffenen scheinen in einem traumähnlichen Zustand zu sein. Es kann zu gefährlichen aggressiven Handlungen kommen.
Maßnahmen
Die Patienten müssen stationär behandelt werden und bekommen häufig zunächst Diazepam.

Stupor

Ein StuporStupor ist ein Zustand, bei dem jegliche körperliche und seelische Aktivität fehlt. Obwohl die Patienten wach sind, reagieren sie nicht auf Kontaktaufnahme. Ein Stupor kann im Rahmen von Schizophrenien, bei schweren Depressionen oder als Schreck- und Belastungsreaktion auftreten.
Maßnahmen
Die Grundkrankheit muss medikamentös behandelt werden. Bei Schizophrenien wird z. B. hochdosiert mit Neuroleptika therapiert. Bei Therapieresistenz oder Lebensgefahr stellt eine Elektrokrampftherapie eine häufig wirksame Therapie dar.

Hyperventilation

Bei einer HyperventilationHyperventilation kommt es durch eine beschleunigte Atmung zu einer Absenkung des CO2-Spiegels im Blut. Die Betroffenen erleben ein Gefühl der Luftnot, von Kribbeln um den Mund und in den Händen. Die Hände können verkrampfen und es kann ein Gefühl der Benommenheit entstehen. Die Symptome können an eine Panikattacke erinnern und treten tatsächlich auch häufiger bei ängstlichen Menschen auf. Eine Hyperventilation stellt keinen wirklichen Notfall dar, kann aber sowohl auf Patienten als auch auf Behandler dramatisch wirken, wenn noch keine Erfahrungen mit diesem Phänomen bestehen.
Maßnahmen
Die einfachste Methode, eine Hyperventilation zurückzubilden, besteht darin, den Patienten in eine Tüte ein- und ausatmen zu lassen ohne abzusetzen. In der Tüte erhöht sich die CO2-Konzentration und es wird somit vermehrt CO2 eingeatmet. Nach 10 solchen Atemzügen sollte ein paar Mal normal geatmet werden, um anschließend weitere 10 Atemzüge mit der Tüte auszuführen. Nach spätestens 3 Minuten sollten sich die Symptome zurückgebildet haben. Tritt eine Hyperventilation erstmalig auf, sollte vorsorglich auf organische Ursachen hin untersucht werden.

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