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B978-3-437-58072-7.00001-4

10.1016/B978-3-437-58072-7.00001-4

978-3-437-58072-7

Abb. 1.1

[G128]

Lage der beiden Nieren (Ansicht von dorsal)

Abb. 1.2

[E402]

Lage der Nieren mit Nebennieren im Oberbauch (Ansicht von ventral)

Abb. 1.3

[E402]

Niere und Nierenhüllen im Querschnitt

Abb. 1.4

[E402]

Kontaktflächen der Nachbarorgane der Niere

Abb. 1.5

[E402]

Aufbau der Niere

Abb. 1.6

[S007-22]

Kelche und Nierenbecken mit Ureter (Ansicht von ventral)

Abb. 1.7

[L190]

Blutversorgung der Niere

Abb. 1.8

[L141]

Schema eines Nierenkörperchens (Malpighi-Körperchens)

Abb. 1.9

[L141]

Tubulusapparat

Abb. 1.10

[L141]

Querschnitt durch ein Sammelrohr

Abb. 1.11

[L190]

Übergangsepithel (Urothel) der ableitenden Harnwege

Abb. 1.12

[M375]

Ureter im Querschnitt mit sternförmig eingeengtem Lumen (*): 1 Übergangsepithel, 2 Lamina propria, 3 Muskelschicht, 4 kleine Arterie, 5 kleine Vene, 6 Adventitia, Fettgewebe

Abb. 1.13

[E402]

Verlauf des Ureters mit seinen physiologischen Engen

Abb. 1.14

[S007-22]

Harnblase (Ansicht von ventral)

Abb. 1.15

[E402]

Harnröhre bei der Frau (a) und beim Mann (b)

Abb. 1.16

[M438]

Mündung der Urethra im Scheidenvorhof zwischen Klitoris und Scheideneingang

Abb. 1.17

[S007-22]

Harnblase, Prostata und Urethra mit ihren 3 Anteilen (Ansicht von ventral)

Urologie - Anatomie

  • 1.1

    Niere (Ren, Nephros)4

    • 1.1.1

      Lage4

    • 1.1.2

      Aussehen4

    • 1.1.3

      Nachbarorgane6

    • 1.1.4

      Aufbau6

    • 1.1.5

      Nierengefäße7

    • 1.1.6

      Nephron8

  • 1.2

    Ableitende Harnwege13

    • 1.2.1

      Histologischer Aufbau13

    • 1.2.2

      Harnleiter (Ureter)14

    • 1.2.3

      Harnblase (Vesica urinaria)14

    • 1.2.4

      Harnröhre (Urethra)17

Einführung

Der HarnapparatHarnapparat dient der Bildung, Speicherung und Ausscheidung des Harns. Urin wird in der Niere gebildet. Er stellt eine wässrige Lösung dar, deren wesentliche Aufgabe darin besteht, Endprodukte des Stoffwechsels aus dem Blut zu entfernen und auszuscheiden sowie den Flüssigkeits-, Säure-Basen- und Elektrolythaushalt zu regulieren. Daneben bildet die Niere Hormone (Erythropoetin, D-Hormon) und Enzyme wie Renin (manchmal fälschlicherweise ebenfalls als „Hormon“ bezeichnet), das in das System des RAAS integriert ist. Das Organ besitzt also exkretorische (exokrine) und inkretorische (endokrine) Aufgaben:

  • exokrine Funktion:

    • Ausscheidung Harnapparatvon Stoffwechselendprodukten und körperfremden Stoffen (z. B. Medikamente)

    • Regulierung der extrazellulären Körperflüssigkeit

    • Regulierung des Elektrolythaushalts

    • Regulierung des Säure-Basen-Haushalts

  • endokrine Funktion:

    • Bildung von Erythropoetin (Fach Hämatologie)

    • Bildung von D-Hormon (Fach Endokrinologie)

Über die ableitenden HarnwegeHarnapparat Nierenkelche, Nierenbecken und Harnleiter (Ureter) wird der Harn zur Harnblase geleitet, in der er gespeichert wird, um schließlich über die Harnröhre (Urethra) ausgeschieden zu werden. Die anatomischen Strukturen von Nierenbecken, Ureter, Blase und Urethra sind relativ unkompliziert und gut zu verstehen. Dagegen ist die Nierenstruktur sowohl anatomisch als auch physiologisch sehr komplex, weil dort eine ungeheure Vielzahl an physiologischen und biochemischen Vorgängen an unterschiedlichste anatomische Strukturen gebunden ist. Dies drückt sich u. a. darin aus, dass man in der Niere mehr als 30 unterschiedliche Zelltypen unterscheiden kann – mehr als in jedem anderen Organ.

Zum Beispiel werden aus dem zunächst gebildeten Primärharn sowohl Wasser als auch unterschiedlichste Substanzen rückresorbiert, um später evtl. erneut sezerniert zu werden. Die Niere ist so in der Lage, die Ausscheidungsvorgänge an die jeweiligen Erfordernisse des Organismus anzupassen. Dementsprechend kann der Urin so konzentriert werden, dass pro Tag nicht mehr als 0,5 l ausgeschieden werden. Dies bezeichnet man als AntidiureseAntidiurese bzw. physiologisch erreichbare Oligurie (oligos = wenig).Oligurie Bei einem Wasserüberschuss werden dagegen mehrere Liter Urin/Tag produziert (DiureseDiurese). Im Durchschnitt entstehen beim Erwachsenen etwa 1,5 l Urin/Tag (ca. 1 ml/min).

Entsprechend den Verhältnissen in Lunge und Leber dient auch die Durchblutung der beiden Nieren nicht zuvorderst deren Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Vielmehr wird das Blut dort im Dienste des Restorganismus aufbereitet, gereinigt und mit Botenstoffen versehen. Diesen Aufgaben dient auch die ungewöhnlich gute Durchblutung: Die beiden Nieren mit einem Gesamtgewicht von gerade mal gut 300 g erhalten nicht weniger als 20 % des Herzzeitvolumens (1,0–1,2 l Blut/min).

Niere (Ren, Nephros)

Lage

NiereDie NierenNiere liegen RenNephrosretroperitoneal Niereretroperitoneale Lagean der hinteren Bauchwand im sog. Nierenlager, in einer Entfernung von etwa 7 cm von der paravertebralen Hautoberfläche. Die linke Niere reicht von Th11 bis L2, die rechte befindet sich wegen der Leber etwas tiefer (Th12–L3) (Abb. 1.1). Die Atemverschieblichkeit erreicht nicht ganz das Ausmaß von Leber und Milz, doch sinken die Nieren im Stehen und bei tiefer Inspiration (Einatmung) um bis zu 3 cm nach kaudal.

Aussehen

Das Organ weist NiereAussehenein bohnenförmiges („nierenförmiges“) Aussehen auf mit einer Länge von ca. 12 cm, einer Breite von 6 cm und einer Dicke von 3 cm (Abb. 1.2, Abb. 1.5). Das Gewicht liegt bei rund 160 g. Damit ist die Niere etwas länger als die Milz (4 × 7 × 11 cm = 4711), gleichzeitig aber auch schlanker und minimal leichter.
Die beiden Enden der Niere werden als oberer und unterer NierenpolNierenpol bezeichnet. Dem oberen Pol sitzt die NebenniereNebennieren auf, die als endokrine Drüse im Fach Endokrinologie besprochen wird.
An der medial gelegenen Konkavseite der Niere befindet sich der Hilus, an dem die A. renalis und V. renalis, der Harnleiter (Ureter), Lymphgefäße sowie Nerven ein- bzw. austreten. Die beidseitigen Arteria(-ae)renalisAa. renales entstehen auf Höhe L1/L2 aus der Aorta. Die Vv. renales münden direkt in die untere Hohlvene. Die nervale Versorgung erfolgt aus dem Plexus coeliacusPlexuscoeliacus (solaris) (= Plexus solaris, Solarplexus) und dessen Venaerenalesparasympathischen (N. vagus) sowie sympathischen Anteilen (N. splanchnicus). NervussplanchnicusDer Solarplexus befindet sich direkt vor der Wirbelsäule bei Th12 am Abgang des arteriellen Truncus coeliacus aus der Aorta. Die regionären Lymphknoten, zu denen die Lymphe der Nieren geleitet wird, befinden sich entlang von Aorta (linke Niere) und V. cava (rechts).

Pathologie

Die V. renalis der linken Niere hat nicht nur den weiteren Weg zur rechts der Wirbelsäule liegenden Hohlvene zurückzulegen, sie überkreuzt dabei zunächst auch die Aorta. Auf der Abb. 1.2 ist zu erkennen (durchscheinend hinter dem Pankreaskörper), dass direkt kranial dieser Kreuzung die A. mesenterica superior aus der Aorta entspringt, wodurch die V. renalis zwischen diesen beiden Arterien zu liegen kommt wie die Nuss im Nussknacker. Man bezeichnet Nussknacker-Syndromdeshalb eventuell hieraus entstehende Symptome als Nussknacker-Syndrom.

Das Problem dieser Gefäßanordnung besteht darin, dass sich die sehr kräftigen Pulswellen von Aorta und A. mesenterica zeitgleich von dorsal und ventral auf die dünnwandige Nierenvene übertragen und dass durch die entstehende Kompression ein Rückstau sowohl in den linken Hoden (→ Varikozele; Kap. 7.6)Varikozele als auch in die linke Niere entstehen kann. Die Auswirkungen des gestörten Blutabflusses der Niere können im Einzelfall zu sporadischen Flankenschmerzen links und einer Hämaturiemilden Hämaturie und Proteinurie Proteinurieführen. Dies gilt besonders für erhöhte Blutdrücke mit ihren großen Pulswellen, wie sie z.B. bei angestrengten körperlichen Tätigkeiten erreicht werden. Weit überwiegend entstehen jedoch aus dieser Gefäßanordnung keinerlei Symptome.

Umschlossen wird die Niere von einer derben, kollagenfaserreichen Kapsel (Capsula fibrosa), die nur sehr wenig nachgeben kann, weshalb es bei entzündlichen Schwellungen der Niere zu heftigen Schmerzen kommt. Nach außen ist der Capsula fibrosa eine weitere Kapsel aus Fettgewebe (Capsula adiposa) aufgelagertCapsula adiposa/fibrosa (Ren) (Abb. 1.3). DiesesNiereFettgewebskapsel Fett ist bei Körpertemperatur halbflüssig, sodass die Niere gewissermaßen in dem Fett schwimmt und Stoßbelastungen in geringem Umfang abgefedert werden. Die letzte und äußerste Schicht bildet schließlich ein Fasziensack (Fascia renalisFascia renalis), der die Niere in der Umgebung verankert, aber nach medial zu den Gefäßen des Nierenhilus und nach kaudal Lücken besitzt. Wenn in der Folge eines lang anhaltenden Hungerzustands die Fettkapsel einschmilzt, kann es (selten) passieren, dass die Niere nach kaudal aus ihrer Hülle heraustritt und sich einige Zentimeter in Richtung des kleinen Beckens bewegt (sog. Wanderniere). An üblichen Fastenkuren normalgewichtiger oder adipöser Menschen ist die WanderniereCapsula adiposa nicht beteiligt, weil das Baufett im Bereich von Organen daran grundsätzlich nicht teilnimmt.

Nachbarorgane

Direkt anliegende NiereNachbarorganeNachbarorgane bzw. Strukturen sind, abgesehen von den Nebennieren, rechts die Leber, die rechte Kolonflexur und Anteile von Duodenum und Jejunum (Abb. 1.4, Abb. 1.2). Links grenzt die Niere an Magen, Milz, Pankreasschwanz, linke Kolonflexur und Teile des Jejunum. Mit ihrer Rückfläche liegen die beiden Nieren dem M. psoas major auf, der den Wirbelkörpern ab Th12 entspringt und beidseits im Kontakt zur Wirbelsäule in Richtung Becken zieht. Im Bereich der Kontaktfläche verlaufen Nerven zur Versorgung der Haut von Bauch, Leiste und Genitalien, sodass eine Mitbeteiligung im Rahmen einer Nephritis in diese Bereiche ausstrahlen kann. Zumeist handelt es sich dabei allerdings um Harnleiterkoliken, weil der am Nierenhilus entstehende Harnleiter dem Muskel direkt und ohne umgebende Zwischenschichten (Hüllen) aufliegt.

Aufbau

Schneidet man die Niere NiereAufbauder Länge nach in 2 Hälften, kann man einen Parenchymanteil von einem Hohlraumsystem abgrenzen (Abb. 1.5):
  • Am Hohlraumsystem lassen sich das NierenbeckenNierenbecken (Pelvis renalis) und Pelvis renalisdie NierenkelcheNierenkelche (Calices renales) Calices renalesunterscheiden.

  • Am Nierenparenchym kann man eine etwa 1 cm breite NierenrindeRindenzone (Cortex renalis) Cortex renalisvon dem streifenförmigen NierenmarkNierenmark (Medulla renalis) trennen. Das Nierenmark bildet jedoch kein zusammenhängendes Gewebe, weil sich die Rinde an verschiedenen Stellen säulenartigMedulla renalis (= Rinden- bzw. NierensäulenNierensäulen, Columnae renalesColumnae renales) dazwischenschiebt. Diese Nierensäulen reichen bis zum Hohlraumsystem, wodurch das Mark in 10–20 vollständig voneinander getrennte Anteile zerfällt. Am Nierenmark lässt sich (theoretisch) noch ein äußeres von einem inneren Mark abgrenzen.

Die Columnae renales ziehen von allen Anteilen des Rindenbereichs unterhalb der Kapsel in Richtung des zentral liegenden Hohlraumsystems, weshalb die dazwischen liegenden Markanteile ein keil- bzw. pyramidenförmiges Aussehen erhalten. Sie heißen dementsprechend Markpyramiden Markpyramidenbzw. einfach nur PyramidenPyramiden (Pyramides renales). Pyramides renalesJeweils eine Pyramide bildet mit dem umgebenden Rindenanteil einen NierenlappenNierenlappen. Die Niere besteht also aus 10–20 Nierenlappen, deren gegenseitige Grenzen mittig in den Nierensäulen liegen und bei der Niere eines Neugeborenen noch als Furchen an der Nierenoberfläche zu erkennen sind. Die Markpyramiden ragen mit ihrer schmalen Spitze warzenartig in die Kelche des Nierenbeckens hinein. Die Pyramidenspitzen werden als NierenpapillenNierenpapillen (Papillae renales) Papillae renalesbezeichnet. Sie besitzen eine siebartig durchlöcherte Oberfläche (Area cribrosa), an der die PapillengängePapillengänge (Ductus papillares) münden. Die Papillengänge bildenDuctuspapillares die Endstrecke der Sammelrohre und Area cribrosa (Nierenpapille)führen den fertigen Harn zum Hohlraumsystem. Dies wird später genauer besprochen.
Das Nierenbecken (Abb. 1.6)Nierenbecken liegt in der NierenbuchtNierenbucht (Sinus renalis) hinterSinus renalis A. und V. renalis auf Höhe L2. Beim Sinus renalis handelt es sich um den Gesamtraum an der konkaven Medialseite der Niere, der vom Nierenparenchym umgeben ist und am Nierenhilus, der Nierenpforte, endet. Sämtliche Gefäße und Nerven, die am Hilus erscheinen, müssen durch die Nierenbucht hindurch, um zum Nierengewebe zu gelangen. Hohlraumsystem mit Kelchen und Nierenbecken sind in ihn eingebettet. In die Lücken zwischen diesen Strukturen ist Bindegewebe und Fett eingeschoben.
Das Nierenbecken entsteht durch eine Aufweitung und Vereinigung der NierenkelcheNierenkelche. Man unterscheidet bei den Nierenkelchen 2–3 große Kelche (Calices renales majores) und etwa 10 deutlich kleinere (Calices renales minores). In diese kleinen bzw. Endkelche ragen napfartig ein oder zwei (selten drei) Pyramidenspitzen (Papillen) hinein. Durch die hier mündenden, jeweils etwa 20 Papillengänge fließt der Harn tröpfchenweise in die Endkelche (in der Summe etwa 1 ml = 20 Tropfen/min) und weiter über die großen Kelche ins Nierenbecken. Dasselbe verschmälert sich schließlich und geht in den Harnleiter über.
Man kann die Nieren, entsprechend z. B. Lunge und Leber, in 5 einzelne Segmente unterteilen. Diese Segmente stellen größere Gewebeeinheiten dar und sind mit den Nierenlappen nicht identisch. Segmente besitzen chirurgische Bedeutung, weil ihre Gefäße und Nerven getrennt von den Nachbarsegmenten verlaufen und deshalb isoliert entfernt werden können.

Nierengefäße

Blutversorgung
Die Niere wird nicht NierengefäßeNiereBlutversorgungnur besonders gut durchblutet; der Gefäßverlauf ist auch recht kompliziert, bedingt durch die Filtrationsfunktion des Organs (Abb. 1.7).
  • Aus der Arteria(-ae)renalisA. renalis (Abb. 1.2) entspringen im Bereich des Hilus 5 Segmentarterien. Diese stellen Endarterien dar, weil sie untereinander keine Anastomosen ausbilden, und versorgen jeweils 2–4 benachbart liegende Nierenlappen.

  • Aus den Segmentarterien gehen die Arteria(-ae)interlobares (Ren)Aa. interlobares (Zwischenlappenarterien; Lobus = Lappen) hervor. Sie verlaufen zwischen den NiereZwischenlappenarterienMarkpyramiden in den Columnae renales, um sich dann an der Mark-Rinden-Grenze in bogenförmige Arteria(-ae)arcuatae (Ren)Aa. arcuatae (Bogenarterien) fortzusetzen.

  • Die Aa. arcuatae entlassen zahlreiche Arteria(-ae)interlobulares (Ren)Aa. interlobulares (Zwischenläppchenarterien; Lobulus = Läppchen) zur Rinde.

  • Schließlich entsteht seitlich aus denNiereZwischenläppchenarterien Aa. interlobulares eine riesige Zahl an Vasaafferentes (Ren)Vasa afferentes (= afferente Arteriolen) – insgesamt rund 1 Million/Niere – und aus diesen das Kapillarnetz des Glomerulus.GlomerulusKapillarnetz Die Zwischenläppchenarterien enden mit dem noch verbliebenen Blut direkt unterhalb der Nierenkapsel, wo sie in einen Kapillarplexus übergehen.

  • Aus den Glomeruli gelangt das Blut über dieVasaefferentes (Ren) Vasa efferentes (= efferente Arteriolen) zu einem sehr geringen Teil direkt ins venöse Gefäßnetz, weit überwiegend jedoch zu Rindenstrukturen sowie in die Vasarecta (Ren)Vasa recta (Arteriolae medullares rectae). Dabei ist eine Zweiteilung zu beobachten: Während die efferenten Arteriolen der oberflächlich gelegenen corticalen Nephrone NephronekortikaleKapillarnetze im Rindenbereich ausbilden, steigen die efferenten Arteriolen der tiefen, nahe beim Mark gelegenen sog. juxtamedullären Nephrone (Medulla = Mark, juxta = neben) aNephronejuxtamedullärels arterielle Vasa recta (gerade verlaufende Arteriolen; rectus = gerade) ins Nierenmark hinab, teilweise bis nahe an die Papillenspitze, und bilden in ihrem Verlauf ein Kapillarnetz aus, das mit den Tubuli der Nierenkörperchen und den Sammelrohren kommuniziert. Die aus dem Kapillarnetz hervorgehenden Venolen gelangen schließlich wieder als venöse Vasa recta zurück zur Mark-Rinden-Grenze.

  • Der größte Teil (90 %) des die Niere erreichenden Blutes versorgt die Rindenstrukturen. Dagegen wird das Nierenmark ausschließlich aus den efferenten Arteriolen (Vasa recta) der juxtamedullären Nephrone durchblutet.

  • Das venöse Blut der Niere sammelt sich aus den aufsteigenden Venolen (Vv. rectae), den Venolen der Rinde und sämtlichen weiteren Nierenanteilen überwiegend in Venaearcuatae (Ren)Vv. arcuatae und nachfolgend Vv. interlobares und Venaeinterlobares (Ren)fließt von dort aus in die großen Venenäste (Segmentvenen) am Hilus. Die abschließend aus den 5 Segmentvenen entstehende VenaerenalesV. renalis mündet rechtwinklig in die untere Hohlvene (Abb. 1.2).

Wundernetz
Nahezu überall imNiereWundernetzWundernetz, Niere menschlichen Körper münden Arteriolen in ein Kapillarnetz, aus dem das Blut dann in abführende Venolen und Venen strömt. Die Besonderheit der Nierendurchblutung besteht darin, dass das Kapillarnetz des Glomerulus, das aus dem Vas afferens hervorgeht, nicht in Venolen, sondern über eine weitere Arteriole (Vas efferens) in ein zweites Kapillarnetz mündet. Ein Kapillarnetz, das zwischen 2 arterielle Gefäße eingebettet liegt, nennt man Wundernetz (Rete mirabile). Ein entsprechendesRete mirabile Wundernetz findet man u. a. auch in der Leber, in der das Blut der Vena portae über die Kapillaren (Sinusoide) der Leberläppchen in die Zentralvene abfließt.
Während das glomeruläre Kapillarnetz die eigentliche Nierenfunktion erfüllt, indem dort der Primärharn einschließlich der Stoffwechselendprodukte („Schlacken“) aus dem Blut abgepresst wird, dient das aus dem Vas efferens hervorgehende Kapillarnetz teilweise der Ernährung der Nierenstruktur, teilweise aber wiederum der eigentlichen Nierenfunktion, indem diese Gefäße in enger Nachbarschaft zu Nephronstrukturen und Sammelrohren liegen und so dem Stoffaustausch zwischen Blut und abfiltrierter Harnflüssigkeit dienen. Erreicht wird dies durch die Vasa recta, die (s. oben) mit ihrem Kapillarnetz im direkten Kontakt zu den Harnkanälchen (Tubuli) ins Mark hinabsteigen, während die zahlenmäßig weit überwiegenden, höher in der Rinde entstehenden Vasa efferentes mit ihren Kapillaren in der Rindenzone verbleiben. Dies wurde ob seiner überragenden Bedeutung für die Nierenfunktion sowie die sehr unterschiedliche Durchblutung von Rinde und Mark nochmals zusammengefasst.
Lymphe
Die Nierenrinde NiereLymphgefäßeenthält eine große Zahl an Lymphgefäßen. Dagegen fehlen dieselben im Mark nahezu vollständig. Dies hängt mit der Konzentrierung des Urins zusammen. Neben A. und V. renalis, Ureter und vegetativen Nerven finden sich am Nierenhilus also, wie schon erwähnt, auch Lymphgefäße, welche die Lymphe der Rindenstrukturen zu den regionären Lymphknoten leiten.

Nephron

Die Funktionseinheit der Niere ist das NephronNephrone. Pro Niere gibt es annähernd 1 Million Nephrone. Da diese Strukturen während der gesamten Embryogenese und Fetalzeit bis zum Zeitpunkt der Geburt gebildet werden, ist die Zahl der Nephrone bei einer verkürzten Schwangerschaftsdauer und niedrigem Geburtsgewicht kleiner (bis zu < 500.000 Nephrone). Dies kann dazu führen, dass solche Nieren im fortgeschrittenen Erwachsenenalter vorzeitig von einer Insuffizienz betroffen sind, zumindest jedoch anfälliger auf schädigende Faktoren reagieren.
Das einzelne Nephron besteht aus zwei Anteilen:
  • Dies ist zum einen das NierenkörperchenNierenkörperchen (sog. Malpighi-Körperchen) mit Glomerulus, BMalpighi-Körperchenowman-KapseBowman-Kapsell und Mesangium.

  • Zum anderen ist es das TubulussystemTubulussystem, Niere – ein Gangsystem, das den im Nierenkörperchen gebildeten Primärharn vielfältig verändert und zu den Sammelrohren transportiert.

Merke

Es gilt zu beachten, dass die Namensgebung „Malpighi-Körperchen“ auch in der Milz für die dortigen Lymphfollikel benutzt wird, sodass erst aus dem Zusammenhang heraus ersichtlich wird, was gemeint ist.

Nierenkörperchen
Glomerulus
Das Kapillarknäuel (= Glomerulus), NierenkörperchenGlomerulusMalpighi-Körperchendas aus der zuführenden Arteriola afferens entsteht und am sog. Gefäßpol des NierenkörperchenGefäßpolGefäßpol, NierenkörperchenNierenkörperchens unmittelbar benachbart in die Arteriola efferens mündet, wird von einer epithelausgekleideten Hohlkugel, der Bowman-Kapsel umgeben (Abb. 1.8).
Die afferente Arteriole teilt sich bei ihrer Aufzweigung in den Glomerulus in etwa 5 separate Kapillaren, die jeweils eigene Netze bilden. Der Glomerulus besteht demnach aus 5 voneinander unabhängigen Segmenten. Die 5 Segmentkapillaren mit ihren insgesamt rund 30 einzelnen Kapillarschlingen vereinigen sich abschließend wieder zu einer einzigen Arteriole, dem Vas efferens, das am selben Gefäßpol das Malpighi-Körperchen verlässt, an dem die afferente Arteriole eintritt.

Merke

Nierenkörperchen liegen ausnahmslos in der Nierenrinde, niemals im Mark.

Der Durchmesser eines Nierenkörperchens liegt bei etwa 0,2 mm und ist damit sogar noch etwas kleiner als eine einzelne Lungenalveole (0,3 mm).
Bowman-Kapsel
Die Bowman-KapselBowman-Kapsel besteht mit ihrem äußeren (parietalen) Blatt aus einem einschichtigen, flachen Epithel, das am Übergang zumNierenkörperchenHarnpol Harnpol kubisch wird und sich nahtlos in das Epithel des Tubulus fortsetzt. Gegenüber, am Gefäßpol, geht das Epithel der Kapsel in das innere (viszerale) Blatt über, das nun von dort aus die Kapillaren des Glomerulus überzieht. Hier verändern die Zellen ihre Form und werden zu sog. PodozytenPodozyten (Deckzellen), die ihren Namen wegen ihrer fußförmigen Fortsätze erhalten haben (Pous, Podos = Fuß). Zwischen den Fortsätzen benachbarter Podozyten entstehen etwa 25 nm breite Spalte (sog. Schlitzporen)Schlitzporen. Durch hier eingelagerte Proteine (z.B. Nephrin) bleibt aber letztendlich nur ein Durchlass mit einer Porenweite von 4–5 nm übrig. Dies ist von größter Bedeutung für das Ultrafiltrat des Primärharns, indem nur Blutbestandteile bis zu einem Molekulargewicht von gut 70.000 Dalton hindurchgelangen (Abb. 1.8). Im Rahmen einer Glomerulopathie zugrunde gegangene Podozyten werden nicht mehr ersetzt.
Filtrationsschranke
Als Besonderheit NiereFiltrationsschrankeglomeruläre Filtrationsschrankeder Glomeruluskapillaren ist deren BasalmembranGlomeruluskapillarenBasalmembranGlomeruluskapillaren zu erwähnen, die auf der Seite, die von den Podozyten bedeckt wird, deutlich dicker ist als üblich (dicker als 300 nm), indem sich auch die (außen) aufliegenden Podozyten an ihrer Bildung beteiligen. Andererseits besitzen die Kapillaren besonders zahlreiche Poren mit einem Durchmesser von durchschnittlich 70 nm (weit größer als üblich).

Merke

Die glomeruläre Filtrationsschrankeglomeruläre Filtrationsschranke besteht aus dem Kapillarendothel mit zahlreichen Poren, einer besonders dicken Basalmembran sowie den aufliegenden Podozyten mit ihren Schlitzporen. Die Kapillarporen mit ihrem ungewöhnlich großen Durchmesser (70 nm) würden selbst allergrößte Eiweißmoleküle passieren lassen und dies gilt prinzipiell sogar für die ungewöhnlich dicke Basalmembran. Allerdings sind in sämtliche Anteile der Filtermembran – Kapillarporen, Basalmembran und Schlitzporen – negativ geladene Eiweiße integriert. Indem die weit überwiegende Mehrzahl der Plasmaeiweiße ebenfalls einen Überschuss an negativen Ladungen aufweist, und sich negative Ladungen gegenseitig abstoßen, werden sie bereits von den Kapillarporen zurückgehalten. Auf diese Weise gelangen selbst vom Albumin, das theoretisch sogar durch die Schlitzporen mit ihrem Nephrin passen würde, nur minimale Anteile in den Primärharn. Gehen jedoch die Ladungen aus pathologischer Ursache verloren, vermag Albumin in großen Mengen die Filterstrukturen zu passieren. Andererseits gelangen einzelne, positiv geladene, große Proteine (z.B. manche Immunglobuline) physiologischerweise durch die ersten Schichten hindurch und bleiben erst in den Schlitzporen hängen bzw. gelangen sogar dort hindurch, sofern ihr Molekulargewicht weniger als 70.000 Dalton beträgt (Hämoglobin).

Hinweis Prüfung

Im Hinblick auf Prüfungsfragen sollte ungeachtet dieses Zusammenhangs davon ausgegangen werden, dass die Kapillarporen mit den weiteren Strukturen eine Einheit darstellen und damit pauschal und unabhängig von ihren Ladungen für große Moleküle unpassierbar sind. Diesbezügliche Prüfungsfragen stellen manchmal mehr den grundsätzlichen Zusammenhang („Poren als Teil der Nierenschranke“) in den Vordergrund, sodass man sich in solchen Fällen nicht in Details verlieren sollte („kleine Kapillarpore hält das Eiweiß zurück“). Die Situation ist zwar manchmal (selten!) gerade für diejenigen Prüflinge, die über ein besonderes Detailwissen verfügen, höchst unbefriedigend, doch lässt sich die erwartete Antwort in aller Regel problemlos aus der Gesamtkonstellation mit den weiteren Antworten von A–E ablesen.

Zwischen den Kapillarschlingen des Glomerulus und der Bowman-Kapsel entsteht ein spaltförmiger Hohlraum, in den der Primärharn aus dem Kapillarnetz abgepresst wird und aus dem er am Harnpol in den proximalen Tubulus läuft.
Mesangium
Als stützendes Element für die Struktur des Glomerulus dient das MesangiumMesangium, bestehend aus Mesangiumzellen und Grundsubstanz. Die Zellen leiten sich aus Bindegewebszellen ab, können jedoch auch phagozytieren und im Rahmen von Entzündungen (z. B. einer Glomerulonephritis) proliferieren. Zusätzlich sind einzelne Makrophagen eingelagert. Aus extraglomerulär NierenkörperchenGefäßpolam Gefäßpol NiereGefäßpolGefäßpol, Nierenkörperchenliegenden Mesangiumzellen (= sog. Polkissen) Polkissenbildet sich ein Streifen oder auch Stiel von Mesangiumzellen, der sich zwischen die Kapillaren des Glomerulus schiebt (Abb. 1.8).
Der Name Mes-Angium rührt daher, dass sich Anordnung und Funktion gut mit dem Gekröse (Meso) des Darms vergleichen lassen. Man kann den Namen aber auch den Gegebenheiten zuordnen, indem das Mesangium mitten zwischen den Gefäßen liegt (mesos = inmitten, zwischen; Angion = Gefäß).
Interessant ist, dass große Serumproteine, die im physiologischen Rahmen in der Filtrationsschranke hängen bleiben und die Poren dadurch mit der Zeit verstopfen würden, sowohl vom Mesangium als auch von den Podozyten durch Endozytose aufgenommen und intrazellulär abgebaut werden. Erst wenn diese Reinigungsfunktion durch einen pathologisch verursachten Mehranfall überfordert wird, proliferiert das Mesangium, sodass dann durch eine Verdrängung der Kapillaren die Filtrationsfläche abnimmt.
Tubulussystem (Abb. 1.9)
Das Tubulussystem eines Tubulussystem, NiereNiereTubulussystemNephrons beginnt NierenkörperchenHarnpolam Harnpol des Malpighi-Körperchens. Der Primärharn des Kapselraums wird in diesem System nicht nur in Richtung Nierenbecken geleitet, sondern auch in seiner Zusammensetzung wesentlich verändert. Von daher ist klar, dass es sich bei den Epithelien, welche die Wandungen des Tubulus aufbauen, um hoch spezialisierte Zellen handeln muss.
Proximaler Tubulus
Der 1. Teil des Nephrons iTubulusproximalerm Anschluss an die Bowman-Kapsel ist der proximale Tubulus (sog. Hauptstück), der zunächst gewunden verläuft (= proximales Konvolut, Pars convoluta bzw. contorta) und noch in der Nähe des Glomerulus verbleibt.
Henle-Schleife
Der proximale Tubulus Henle-Schleifewird dann gerade und steigt in Richtung Mark hinab. Die gesamte, zunächst absteigende und später wieder aufsteigende Schleife wird als Henle-Schleife bezeichnet. Der Durchmesser des Anfangsteils entspricht der Pars convoluta (= dicker absteigender Teil der Henle-Schleife – noch dem Hauptstück zugerechnet), um anschließend in den dünnen absteigenden Schleifenschenkel überzugehen. Dieser verläuft zunächst noch in der Rinde und später im Mark in Richtung Papillenspitze.
Nach einer Haarnadelkurve (Vertex) steigt er als gerader dünner aufsteigender Teil der Henle-Schleife wieder nach oben in Richtung Rinde und geht noch im Mark in den dicken aufsteigenden Teil der Henle-Schleife (= Pars recta des distalen Tubulus = Mittelstück) über.
Distaler Tubulus
In der Rinde nähert Tubulusdistalersich der distale Tubulus wieder dem Glomerulus und geht hier erneut in eine Pars convoluta (= Pars contorta = distales Konvolut) über, die etwas kürzer als das proximale Konvolut ist.
Die dünnen, ab- und aufsteigenden Anteile der Parsconvoluta (contorta), Tubulus, distalerHenle-Schleife werden alsÜberleitungsstück, Tubulussystem Überleitungsstück oder auch Tubulusintermediärerals intermediärer Tubulus bezeichnet, während der dicke aufsteigende Anteil der Henle-Schleife (Pars recta) bereits dem Mittelstück (= distaler Tubulus) zugerechnet wird, ebenso wie das distale Konvolut (Pars contorta bzw. convoluta des Mittelstücks).

Merke

Die Begriffe „Hauptstück, Überleitungsstück und Mittelstück“ sind glücklicherweise etwas aus der Mode gekommen, weil sie eigentlich ohnehin überflüssig sind und im besten Fall der Verwirrung dienen. Es genügt von daher völlig, das Tubulussystem in einen proximalen und einen distalen Tubulus aufzuteilen, mit einem intermediären Tubulus dazwischen, welcher dem dünnen Teil der Henle-Schleife entspricht. Die proximalen und distalen Tubuli enthalten demnach die dicken Anteile der Henle-Schleife samt den gewundenen Abschnitten neben dem Glomerulus.

Insgesamt ist das Tubulussystem eines Nephrons im Durchschnitt etwa 4 cm lang, wobei die oberflächlich liegenden Tubuli kurze Henle-Schleifen ausbilden, die nur ein Stück weit ins Mark hinabtauchen, während die Schleifen der tiefen, an der Grenze zum Mark befindlichen juxtamedullären NephroneNephronejuxtamedulläre sehr lang sind und dadurch teilweise bis in die Nähe der Papillenspitze reichen. Damit entspricht das Tubulussystem der Durchblutungssituation: Die juxtamedullären Nephrone besitzen sowohl Blutgefäße (Vasa recta) als auch Henle-Schleifen, die besonders tief ins Mark hinabziehen.
Sammelrohre
Vom distalen Konvolut Sammelrohraus läuft der Harn über ein kurzes gerades Stück (Verbindungstubulus) in ein im Markstrahl (s. unten) liegendes Sammelrohr. Die Sammelrohre steigen auf geradem Weg von der Rinde ins Mark hinab, wobei sie weitere Zuflüsse aus Nephronen erhalten und dadurch immer voluminöser werden. Schließlich entstehen im Bereich der Papillen aus 1 Million Nephrone einer Niere rund 350 Ductus papillares. Diese letzten großen Sammelrohre (= Papillengänge) öffnen sich abschließend in die siebartigen Area cribrosa (Nierenpapille)Areae cribrosae der Papillenspitze, von wo aus der Harn in die kleinen Kelche des Nierenbeckens tropft.
Markstrahlen
Die Glomeruli mit den beiden direkt benachbarten NiereMarkstrahlenMarkstrahlen, NiereKonvoluten befinden sich in der Rinde unmittelbar neben der A. interlobularis, aus der ihre afferenten Arteriolen entspringen. Im Gegensatz dazu gruppieren sich die geraden Abschnitte des Nephrons (Henle-Schleife) sowie die Sammelrohre seitlich versetzt in Bereichen, die frei von Glomeruli sind. Diese Segmente aus Bündeln von Sammelrohren nebst den geraden Anteilen der proximalen und distalen Tubuli stellen die Markstrahlen dar. Die Nierenrinde wird dadurch in Läppchen aufgeteilt, indem ein Läppchen denjenigen Bereich darstellt, der zwischen zwei benachbarten Interlobulararterien liegt und zentral einen Markstrahl besitzt.
Die zueinander versetzte Anordnung von einerseits Aa. interlobulares mit direkt daneben befindlichen Glomeruli und demnach nur kurzen afferenten Arteriolen einerseits und den in der Mitte zwischen 2 benachbarten Interlobulararterien befindlichen Strukturen aus geraden Tubulusanteilen und Sammelrohren (= Markstrahlen) andererseits ist in den schematischen Abbildungen zumeist nicht zu erkennen, doch besitzen derlei Details eigentlich für Prüfung und Alltag auch keine Bedeutung. Sie werden mehr der Vollständigkeit halber erwähnt bzw. in diesem Fall auch deswegen, damit man dem Begriff der Zwischen-Läppchen-Arterie das anatomische Substrat des Läppchens zuordnen kann. Jeweils 2 benachbart aus der A. arcuata hervorgehende Aa. interlobulares begrenzen also beiderseits ein Nierenläppchen.
Feinbau von Tubulus und Sammelrohren
Im proximalen TubulusproximalerTubulus findet Tubulussystem, NiereSammelrohrFeinbaueine erhebliche Rückresorption verschiedenster Substanzen sowie großer Mengen an Wasser aus dem primären Glomerulusfiltrat statt. Die Zellen des proximalen Tubulus sind dieser Aufgabe angepasst. Sie sind zylindrisch mit zentral liegendem Kern und besitzen zur Oberflächenvergrößerung dem Lumen zugewandt einen gut entwickelten BürstensaumBürstensaum (Mikrovilli). Mikrovilli, Tubulus, proximalerDie jeweils benachbarten Zellen sind durch zahlreiche Fortsätze miteinander und mit der Basalmembran verzahnt. Allerdings verbleiben zwischen aneinandergrenzenden Zellen schmale Spalte, die für Wasser und darin gelöste kleine Moleküle und Ionen passierbar sind.
Im dicken, absteigenden Schenkel (Pars recta) der Henle-Schleife werden die Mikrovilli spärlicher, die Verzahnung der Zellen ist weniger ausgeprägt und die Zahl ihrer Mitochondrien und Lysosomen nimmt ab. Im dünnen Anteil der Henle-Schleife (Überleitung zum distalen Tubulus) gibt es dann nur noch flache Epithelzellen weitgehend ohne Mikrovilli oder sonstige Spezialisierungen.
Mit dem dicken aufsteigenden Teil der Henle-Schleife beginnt der distale Tubulus. Etwa am Übergang der Pars recta zur Pars convoluta berührt der distale Tubulus den Gefäßpol seines Malpighi-Körperchens und bildet dort als Teil seiner Wandung eine Gruppe aus 20–30 spezialisierten Zellen, die sog. Macula densaMacula densa, die wegen ihres direkten Kontakts zum Malpighi-Körperchen einen Teil des juxtaglomerulären Apparatsjuxtaglomerulärer Apparat darstellt (Abb. 1.9). Die Funktion dieser Zellen wird später besprochen (Kap. 2.1.5). Die Zellen des distalen Tubulus ähneln ansonsten, abgesehen von der Macula densa, den Zellen des proximalen Tubulus.
Die Wandungen der Sammelrohre bestehen hauptsächlich aus großen hellen Zellen (Hauptzellen), Hauptzellen, Sammelrohrzwischen die einzelne, dunkler gefärbte Zellen (Schaltzellen) Schaltzellen, Sammelrohreingestreut sind (Abb. 1.10). Die Funktion der Hauptzellen besteht im Transport von Natrium und/oder Wasser. Die Schaltzellen tauschen Kalium gegen Protonen (H+) (Kap. 2.1.3).

Zusammenfassung

Niere

Lage

  • liegt retroperitoneal auf dem M. psoas, linke Niere reicht von Th11–L2, die rechte von Th12–L3

Größe

  • 3 × 6 × 12 cm, etwas schlanker und länger als die Milz („4711“)

Gewicht

  • ca. 160 g

Hüllen

  • Kapsel (Bindegewebe), Fettkapsel, Faszienhülle

Nachbarorgane

  • rechte Niere: Leber, rechte Kolonflexur, Duodenum und weitere Dünndarmschlingen

  • linke Niere: Milz, Magen, Pankreas, linke Kolonflexur, Dünndarmschlingen

Aufbau

  • Rinde: 1 cm breiter Streifen direkt unter der Kapsel, reicht zusätzlich säulenartig zwischen den Markpyramiden bis zum Hohlraumsystem von Kelchen und Nierenbecken

  • Mark: besteht unterhalb der Rinde aus 10–20 voneinander durch die Nierensäulen getrennten Pyramiden; reichen mit ihren Nierenpapillen zum Hohlraumsystem der Nierenkelche; Markpyramiden bilden mit dem umgebenden Anteil der Columnae renales einen Nierenlappen; der Harn tropft aus den Sammelrohren der Nierenpapillen (Papillengänge = Ductus papillares) in die kleinen Kelche.

  • Nephron: annähernd 1 Million/Niere, besteht aus Malpighi-Körperchen + Tubulussystem

    • Malpighi-Körperchen: Glomerulus + Bowman-Kapsel, liegen in der Rinde

    • Mesangium: spezialisierte Zellen am Gefäßpol („Polkissen“) und zwischen den Kapillarschlingen, keine Basalmembran zum Kapillarendothel, sind u.a. an Entzündungen beteiligt

    • Filtrationsschranke: Poren des Kapillarendothels, Basalmembran, Schlitzporen der Podozyten – alle mit negativen Ladungen versehen

    • Tubulussystem: 4 cm lang, beginnt mit proximalem Konvolut am Harnpol der Bowman-Kapsel, Henle-Schleife, distales Konvolut mit Macula densa

    • proximaler Tubulus: proximale Pars convoluta und dicker Anfangsteil (Pars recta) der Henle-Schleife

    • intermediärer Tubulus (Überleitungsstück): dünne Anteile der Henle-Schleife

    • distaler Tubulus: dicker aufsteigender Anteil (Pars recta) der Henle-Schleife + distale Pars convoluta

  • Hohlraumsystem: 10 kleine Kelche → 2–3 große Kelche → Nierenbecken → Ureter

Durchblutung

  • A. renalis auf Höhe L1/L2 aus der Aorta → 5 Segmentarterien (Endarterien) → 10–20 Aa. interlobares → Aa. arcuatae → Aa. interlobulares → afferente Arteriolen → Glomeruluskapillaren → efferente Arteriolen → Kapillarnetz der Rinde oder arterielle Vasa recta → Kapillarnetz im Mark → Vv. rectae → Vv. arcuatae → Vv. interlobares → 5 Segmentvenen → V. renalis → untere Hohlvene

Ableitende Harnwege

Histologischer Aufbau

Die ableitenden HarnwegeHarnwege, ableitende stellen muskuläre Schläuche dar. Da sie lumenwärts dem ständigen Kontakt mit Harn ausgesetzt sind, in dem sich auch toxische Stoffe befinden können, benötigen sie ein Epithel, das entsprechend widerstandsfähig ist. Außerdem muss sich dieses Epithel den unterschiedlichen Füllungsverhältnissen anpassen können, also dehnbar sein. Deshalb gibt es ausschließlich in den ableitenden Harnwegen, von den Nierenkelchen bis zur proximalen Harnröhre, das sog. ÜbergangsepithelÜbergangsepithel s. Urothel (= Urothel) (Abb. 1.11). Es stellt eine besondere Form eines mehrschichtigen Epithels Urothel (Übergangsepithel)dar, das an verschiedenen Stellen der ableitenden Harnwege eine unterschiedliche Dicke aufweist. Während es im Nierenbecken und in den Nierenkelchen nur aus 2–3 Zelllagen besteht, sind es in der leeren Harnblase bis zu 6 Schichten. Die Epithelzellen besitzen die Fähigkeit, sich in Abhängigkeit vom jeweiligen Füllungszustand übereinander zu schieben, sich zu dehnen und abzuplatten, sodass auch das Epithel der Harnblase, wenn dieselbe durch Füllung gedehnt ist, nur noch 2–3 Schichten flacher Zellen aufweist.
Die Deckzellen sind im ungedehnten Zustand zylindrisch und weisen oft 2 Kerne auf. Ihre Oberfläche ist gefältelt. Das Zytoplasma ist lumenwärts verdichtet, was einschließlich einer dickeren Zellmembran zum Schutz vor den teilweise aggressiven Ausscheidungsprodukten beiträgt.
Die nächste Schicht unterhalb des Übergangsepithels, im Anschluss an eine dünne Basalmembran, besteht aus Bindegewebe (Lamina propria). Die Schleimhaut (Mukosa) des Ureters, bestehend aus Übergangsepithel und Lamina propria, ist zu längsverlaufenden Falten aufgeworfen, die das Lumen sternförmig einengen (Abb. 1.12). Das kann man als zusätzliche Reserve für gesteigerte Durchflussmengen bzw. übermäßige Dehnungen ansehen.
Auf die Lamina propria folgen 2 Schichten glatter Muskulatur, wobei zwar die Muskelzellen beider Schichten spiralig angeordnet sind, jedoch auf Querschnitten eine innen liegende Längsmuskulatur von der außen aufliegenden Ringmuskulatur unterschieden werden kann. In den Kelchen und im Nierenbecken ist die Muskulatur nicht so eindeutig angeordnet. Die Muskulatur von Kelchen, Nierenbecken und Ureter weist peristaltische Kontraktionen auf, die den Harn in Richtung Blase treiben.
Der Ringmuskulatur außen aufliegend folgt als äußerster Anteil der Ureterwandung die Adventitia, eine Schicht aus Bindegewebe mit kollagenen Fasern, Blutgefäßen, Nerven und eingeschobenem Fettgewebe.

Harnleiter (Ureter)

Die Aufgabe des UretersUreterHarnleiter besteht darin, den Urin aus der Niere in die Harnblase zu leiten. Er besitzt eine Länge von 25–30 cm und eine Dicke von etwa 0,5 cm (3–6 mm). Er verläuft vom Nierenbecken retroperitoneal und an der hinteren Bauchwand dem M. psoas major aufliegend zum kleinen Becken (Abb. 1.2). Rechts liegt er weiter lateral und überkreuzt die A. iliaca externa, links die A. iliaca communis, liegt also vor diesen Gefäßen, während die Aa. ovaricae und uterinae (Frau) bzw. der Ductus deferens und die A. testicularis (Mann) unterkreuzt werden. Wie man der Abb. 1.13 entnehmen kann, ist der genaue Treffpunkt mit den Gefäßen variabel, sodass man vielleicht besser formuliert, dass die beiden Ureteren die jeweilige A. iliaca communis etwa im Bereich ihrer Aufteilung in A. iliaca externa und interna überkreuzen. Schließlich mündet der Harnleiter dorsolateral in die Harnblase (Abb. 1.13). Am verengten Abgang aus dem Nierenbecken, im Bereich der Gefäßkreuzungen sowie beim Durchtritt durch die Blasenwandung entstehen die 3 physiologischen Ureter-EngenUreterEngen. Nimmt man die Unterkreuzung der Gonadenarterien dazu, sind es 4.

Pathologie

An den Ureter-Engen besteht am ehesten die Möglichkeit, dass aus dem Nierenbecken abgehende Steine hängen bleiben. Da der Ureter reichlich nerval versorgt ist und ein hängen gebliebener Stein zu verstärkten peristaltischen Kontraktionen führt, ist eine HarnleiterkolikHarnleiterkolik außerordentlich schmerzhaft. Daneben führt die nervale (sympathische) Versorgung aus den Segmenten Th12–L2 dazu, dass die Schmerzen aus Nierenlager und proximalem Ureter in den Unterbauch – bei distalen Steinen bis zu Skrotum bzw. großen Schamlippen ausstrahlen können.

Die Mündungsstelle der beiden Harnleiter in die Harnblase heißt UreterostiumUreterostium (Ostium ureteris; Ostium = Öffnung, MündungOstiumureteris). Obwohl bei einer gefüllten Harnblase eigentlich die Gefahr bestünde, dass der Harn in die Niere zurückstaut, gibt es am Ostium keinen Sphinkter. Der Reflux wird aber trotzdem verhindert, weil der letzte Ureteranteil schräg durch die Blasenwand läuft und so sowohl durch eine zunehmende Blasenfüllung als auch durch eine Kontraktion der Blasenmuskulatur zusammengepresst und abgedichtet wird.

Harnblase (Vesica urinaria)

Bei der HarnblaseHarnblaseVesica urinaria (Abb. 1.14) handelt es sich um ein eiförmiges muskuläres Hohlorgan. Der Aufbau der Wandung entspricht weitgehend dem Ureter mit Übergangsepithel, Lamina propria, Muskulatur und Adventitia. Der muskuläre Wandanteil besteht allerdings aus 3 Schichten. Die innere Längsmuskelschicht und die nachfolgende Ringmuskulatur stellen eine direkte Fortsetzung der Uretermuskulatur dar. Zusätzlich ist jedoch noch eine dritte äußere Schicht, die nun wieder längs verläuft, aufgelagert. Wie bei der Uretermuskulatur verlaufen auch die Muskelfasern der Blasenwandung häufig spiralig schräg.

Merke

Der muskuläre Anteil der Blasenwandung wird in seiner Gesamtheit als Musculusdetrusor vesicaeM. detrusor vesicae (der „Entleerer“ der Blase) bezeichnet.

Lage
Die Harnblase liegt im kleinen Becken hinter der Symphyse, deren Oberrand sie erst bei zunehmender Füllung nach kranial überragt. Sie ist nur im oberen Anteil von Bauchfell überzogen, liegt dort also retroperitoneal. Da aber der überwiegende Anteil keinen Kontakt zum Peritoneum hat, liegt sie definitionsgemäß, entsprechend dem Mastdarm, überwiegend extraperitoneal. Ihr Fassungsvermögen liegt – individuell etwas unterschiedlich – bei 200–400 ml, bis der Harndrang einsetzt, doch können willkürlich mehr als 1.000 ml, schmerzhaft sogar bis zu 1,5 l zurückgehalten werden.
Aufbau
Man kann die Blase in verschiedene Bereiche unterteilen: Vom eigentlichen Blasenkörper Harnblasenkörper(Corpus vesicaeCorpus(-ora)vesicae) lässt sich ein nach vorne und oben gerichteter Blasenscheitel (Apex), dHarnblasenscheiteler BlasengrundHarnblasengrund Apex vesicae(Fundus) mit dem Trigonum vesicae sowie der BlasenhalsHarnblasenhals (Cervix) Cervix vesicaean der Spitze des Trigonum, aus dem die Harnröhre hervorgeht, abgrenzen. Das Trigonum vesicaeTrigonum vesicae stellt also den im Blasengrund befindlichen Anteil zwischen den Ureterostien und dem Abgang der Harnröhre dar. In diesem Bereich gibt es kleine Schleimdrüsen.
An der Spitze des Trigonum (Blasenhals) geht die Blase in die Harnröhre über (Ostium urethrae internum). Ostiumurethrae internumHier befindet sich kein eigentlicher Schließmuskel, wie man früher angenommen hatte, sondern eine Verstärkung der 3 muskulären Anteile der Blasenwand, also des M. detrusor, die als Musculussphincter vesicae internusM. sphincter vesicae internus bezeichnet wird. Ungeachtet seiner Namensgebung erweitert dieser Muskel bei der Blasenentleerung (Miktion) das innere Harnröhrenostium, dient also bei seiner Kontraktion der Entleerung und nicht dem Verschluss. Der Verschluss des Harnröhrenabgangs wird durch den Tonus der „Sphinktermuskulatur“ sowie durch elastische Fasern bewirkt.
Miktion
Die BlasenentleerungHarnblasenentleerungMiktion (Miktion) setzt sich, entsprechend der Darmentleerung, aus willkürlichen und reflexartig ablaufenden Anteilen zusammen. Die Harnblase wird sensibel und vegetativ (sympathisch und parasympathisch) innerviert. Daneben befindet sich, ähnlich der Darmwand, ein Ganglienplexus in der Blasenwand, der selbsttätig den Blasentonus regelt und durch rhythmische Kontraktionen die Grundspannung reguliert bzw. einer zunehmenden Füllung anpasst, bis dieselbe zu groß geworden ist. Das vegetative Nervensystem vermag diese Regelung lediglich zu verstärken (Parasympathikus) bzw. abzuschwächen (Sympathikus), sodass auch bei QuerschnittssyndromenQuerschnittssyndromReflexblase oberhalb Th12 und damit fehlenden zerebralen und vegetativen Impulsen die Möglichkeit zur Füllung und Entleerung gegeben ist. Es entsteht die allein durch den Ganglienplexus gesteuerte sog. ReflexblaseReflexblase, die allerdings nicht mehr vollständig entleert werden kann, weil die zusätzlichen Hilfsmechanismen (Parasympathikus und Bauchpresse) nicht mehr vorhanden sind.
Die sensiblen Fasern melden die Blasendehnung an Sakralmark und Großhirn. Sympathische Fasern aus dem Grenzstrang bei Th12–L2 regulieren die BlasenfüllungHarnblasenfüllung. Parasympathische Fasern aus dem Sakralmark (S2–S4 = N. pelvicus) bewirken die muskuläre Kontraktion der Blasenwandung und des M. sphincter vesicae internus, wodurch sich das innere Urethraostium öffnet und die BlasenentleerungHarnblasenentleerung einsetzt, unterstützt durch die willentlich Bauchpresseaktivierte Bauchpresse. Gleichzeitig erschlafft der ebenfalls willkürlich durch denNervuspudendus N. pudendus (motorisch und sensibel aus S2–S4) innervierte äußere Schließmuskel M. sphincter urethrae externus. Musculussphincter urethrae externusDas Sakralmark enthält damit für die Funktion der Harnblase sowohl einen parasympathischen Anteil (N. pelvicus) als auch einen somatischen Nerven (N. pudendus), welcher der Willkür untersteht.

Merke

M. detrusor vesicaeMusculusdetrusor vesicae und M. sphincter internus werden sympathisch gehemmt und parasympathisch aktiviert, sodass der Parasympathikus für die Miktion zuständig ist. Dies gilt entsprechend auch für die Defäkation (Darmentleerung) bzw. ganz allgemein für sämtliche Vorgänge oder Funktionen, die der körperlichen Ruhe, Erholung, Nahrungsaufnahme und -ausscheidung oder sexuellen Aktivitäten zugeordnet werden können. Dagegen unterdrückt der Sympathikus als Antagonist sämtliche Anteile körperlicher und geistiger Ruhe- und Erholungsphasen, weil bei Kampf und Flucht weder für Nahrungsaufnahme und Ausscheidung von Harn oder Stuhl noch für Müdigkeit und Schlaf Gelegenheit besteht. Insofern können die jeweiligen Funktionen der beiden vegetativen Anteile problemlos und ohne eigentliches Lernen zugeordnet werden.

Die sympathischen und parasympathischen Zentren der Wirbelsäule werden als spinales Blasenzentrum, die Verschaltungen in Mittelhirn und Großhirnrinde als supraspinales Blasenzentrum bezeichnet Blase s. Harnblase(Spina bedeutet Dorn oder Stachel, aber auch Rückgrat bzw. Wirbelsäule wie in diesem Fall):
  • spinales BlasenzentrumHarnblasenzentrum: vegetative Zentren in Sakralmark (parasympathische Aktivierung) und sympathischem Grenzstrang mit Verschaltung zum Ganglienplexus der Blasenwand (Hemmung des M. detrusor)

  • supraspinales Blasenzentrum: willentliche Steuerung der Miktion im Großhirn mit Verschaltung zu den vegetativen Zentren des Hirnstamms; von hier aus Weiterleitung zum spinalen Blasenzentrum und zum N. pudendus als Teil der Willkürmotorik (→ Erschlaffung des Beckenbodens mit äußerem Sphinkter = M. sphincter urethrae externus)

Die Miktion wird durch den supraspinalen Anteil mit Weiterleitung an den parasympathischen Anteil willkürlich in Gang gesetzt und danach reflektorisch unterhalten.

Harnröhre (Urethra)

Ausgekleidet ist die UrethraUrethraHarnröhre im Anfangsteil von einem Übergangsepithel und distal von einem mehrschichtigen, unverhornten Plattenepithel. Ähnlich wie beim Ureter ist auch das Lumen der Urethra durch längs verlaufende Schleimhautfalten schlitzförmig verengt.
Der Wandaufbau entspricht dem üblichen Bauplan der ableitenden Harnwege mit Mukosa, Lamina propria und 2 muskulären Wandschichten. Beim Durchtritt durch den BeckenbodenBeckenboden (Diaphragma urogenitale – eine Platte aus verschiedenen Muskeln und Faszien) Diaphragma urogenitaleerhält die Harnröhre einen zusätzlichen muskulären Anteil, der als quergestreifter Musculussphincter urethrae externusM. sphincter urethrae externus für die willkürliche Kontrolle der Miktion zuständig ist.
Weibliche Harnröhre
HarnröhreweiblicheDie HarnröhreHarnröhreweibliche unterscheidet sich naturgemäß bei den Geschlechtern (Abb. 1.15a). Bei der Frau ist sie etwa 3–5 cm lang und 1 cm (8–12 mm) dick, verläuft vor der Scheidenvorderwand und mündet mit ihrem Ostium urethrae externumOstiumurethrae externum zwischen Klitoris und Scheideneingang im Scheidenvorhof (Abb. 1.16).

Merke

Die Kürze der weiblichen Harnröhre ist einer der Gründe dafür, dass Frauen wesentlich häufiger an einer aufsteigenden Harnwegsinfektion erkranken als Männer.

Männliche Harnröhre
Die männliche Urethra Harnröhremännlicheist 20–25 cm lang (Abb. 1.15b) und wesentlich komplexer als die weibliche, weil sie ab der Einmündung des Ductus ejaculatorius als Harn-Samen-RöhreDuctusejaculatorius Harn-Samen-Röhredient und damit zwei unterschiedliche Aufgaben hat.
Man kann 3 Abschnitte unterscheiden (Abb. 1.17):
  • Der Anfangsteil ab dem Ostium urethrae internum ist die rund 4 cm lange Pars prostatica.

  • Die nachfolgende Pars membranacea ist nur 1–2 cm lang und reicht vom Unterrand der Prostata bis zum Bulbus penis.

  • Die Pars spongiosa verläuft im Corpus spongiosum penis, ist 10–20 cm lang und reicht bis zum Ostium urethrae externum auf der Glans penis.

Die beiden Ductus ejaculatorii münden in die Pars prostatica. Die kurze Pars membranacea zieht durch das Diaphragma urogenitale als Teil des Beckenbodens. Entsprechend den Verhältnissen bei der Frau befindet sich dort der M. sphincter urethrae externus, der die willkürliche Harnentleerung kontrolliert. Übergangsepithel findet sich hauptsächlich in der Pars prostatica.

Zusammenfassung

Ureter

  • Länge 25–30 cm vom Abgang am Nierenbecken bis zum Ureterostium

  • 3 (4) physiologische Engen: Abgang vom Nierenbecken, Unterkreuzung der Gonadenarterien (wird nicht immer als getrennte Enge angesehen), Überkreuzung der Iliakalgefäße, Eintritt in die Harnblase

Harnblase

  • Lage: hinter der Symphyse, überwiegend extraperitoneal

  • Wandaufbau aus Übergangsepithel, Lamina propria, Muskularis (= M. detrusor vesicae) und Adventitia

  • Harndrang ab einer Füllung von 200–400 ml, Fassungsvermögen > 1 l (schmerzhaft bis 1,5 l)

  • Mündung der beiden Harnleiter schräg und ohne eigenen Sphinkter in die Blase

  • Innervation:

    • eigener Nervenplexus der Blasenwand für die Basisregulation

    • Parasympathikus: aus dem Sakralmark (S2–S4), Kontraktion des M. detrusor

    • Sympathikus: aus dem Grenzstrang (Th12–L2), Erschlaffung des M. detrusor (Hemmung der Miktion)

  • M. sphincter internus am Abgang der Urethra, erweitert bei parasympathischer Aktivierung die Harnröhrenöffnung (dient der Entleerung)

Urethra

  • Länge:

    • Frau: 3–5 cm; mündet zwischen Klitoris und Scheideneingang im Scheidenvorhof

    • Mann: 20–25 cm; Doppelfunktion als Harn-Samen-Röhre; 3 Abschnitte: Pars prostatica, Pars membranacea im Diaphragma urogenitale (Beckenboden), Pars spongiosa; mündet auf der Glans penis

  • Übergangsepithel nur im proximalen Drittel

  • M. sphincter externus (willkürlich) als Teil des Diaphragma urogenitale, wird innerviert vom N. pudendus (Sakralmark)

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