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B978-3-437-55696-8.00012-9

10.1016/B978-3-437-55696-8.00012-9

978-3-437-55696-8

Schematische Darstellung der Gallengänge. 1: Rechter Lebergallengang (Ductus hepaticus dexter), 2: Linker Lebergallengang (Ductus hepaticus sinister), 3: Gemeinsamer Lebergallengang (Ductus hepaticus communis), 4: Gallenblasengang (Ductus cysticus), 5: Gallenblase (Vesica fellea), 6: Gallengang (Ductus choledochus), 7: Zwölffingerdarm (Duodenum), 8: Bauchspeicheldrüsengang (Ductus pancreaticus).

[E509]

Gallenblase und Gallenwege

  • 12.1

    Anatomie und Physiologie374

    • 12.1.1

      Gallenblase374

    • 12.1.2

      Gallenwege374

    • 12.1.3

      Gallenflüssigkeit375

  • 12.2

    Untersuchungsmethoden376

  • 12.3

    Krankheiten der Gallenblase und Gallenwege376

    • 12.3.1

      Dyskinesie des Gallensystems376

    • 12.3.2

      Gallensteinleiden376

    • 12.3.3

      Gallenblasenentzündung378

    • 12.3.4

      Gallenwegsentzündung378

    • 12.3.5

      Gelbsucht379

    • 12.3.6

      Verschlussikterus380

    • 12.3.7

      Tumoren der Gallenblase und -wege380

Anatomie und Physiologie

Wie im vorhergehenden Kapitel schon erwähnt wurde, ist die Herstellung der Gallenflüssigkeit eine wichtige Aufgabe der Leber. Man unterscheidet die gelbe LebergalleLebergalle und die grüne bis braungrüne BlasengalleBlasengalle. Die Leber produziert pro Tag ungefähr 0,5 bis 1 l Galle, die sie außerhalb der Verdauungszeit über die Gallenwege in die Gallenblase abgibt, wo sie durch Wasserentzug eingedickt wird. Während der Verdauungszeit kann die Galle sowohl direkt aus der Leber als auch aus der Gallenblase in den Zwölffingerdarm gelangen.

Gallenblase

Die birnenförmige Gallenblase:Anatomie und PhysiologieGallenblase (Vesica Vesica felleafellea, Vesica biliaris) liegt an der Rückseite der Leber, seitlich der Leberpforte (Abb. 11-1, Atlas Abb. 12-1). Sie hat eine Länge von ca. 8 bis 10 cm und einen Durchmesser von ca. 4 cm. Ihr Fassungsvermögen beträgt 50 ml.
Anatomisch unterscheidet man Gallenblasenkörper (Corpus), Gallenblasenhals (Collum) und den nach unten gerichteten Gallenblasengrund (Fundus). Die Innenauskleidung der Gallenblase besteht aus Schleimhaut, die Falten bildet, wodurch sich die Oberfläche vergrößert. Der Überzug der Schleimhaut besteht aus Zylinderepithel, das kleine Ausstülpungen (Mikrovilli) bildet. Diese Mikrovilli haben die Aufgabe, Wasser aus der Gallenblase zu resorbieren und die Gallenflüssigkeit auf ein Zehntel ihres ursprünglichen Volumens einzudicken. Dies hat den Vorteil, dass dem Körper bei Bedarf sofort eine größere Menge Gallenflüssigkeit zur Verfügung steht. Unter der Schleimhaut befindet sich eine Muskelwand aus glatten Muskelzellen. Diese können sich kontrahieren und so die Gallenflüssigkeit über die Gallengänge an den Zwölffingerdarm abgeben.
Wurde die Gallenblase chirurgisch entfernt, so wird die Gallenflüssigkeit direkt über die Gallenwege (s. u.) ins Duodenum abgegeben. Damit steht bei Bedarf keine größere Menge Galle mehr zur Verfügung, weshalb möglichst fettarm gegessen und die Nahrungsaufnahme auf mehrere kleine Mahlzeiten pro Tag verteilt werden sollte.

Gallenwege

GallenwegNachdem die Galle in den Leberzellen gebildet wurde, wird sie in die Gallenkapillaren (Aussparungen zwischen den Leberzellbalken) abgegeben. Danach wird sie in kleinen Gefäßen gesammelt, die zu größeren zusammenfließen. Die Sammelkanäle aller dieser Gallengänge sind der rechte und linke Lebergallengang (Ductus hepaticus dexter et sinister), die sich dann zum gemeinsamen Lebergallengang (Ductus hepaticus communis) vereinigen (Abb. 12-1). Von diesem führt der Gallenblasengang (Ductus cysticus) zur Gallenblase. Unterhalb dieser Abzweigung führt der gemeinsame Lebergallengang die Bezeichnung Gallengang (Ductus choledochus)Ductus choledochus. Dieser durchläuft den Kopf der Bauchspeicheldrüse und mündet bei den meisten Menschen zusammen mit dem Ausführungsgang der Bauchspeicheldrüse auf der Vater-Papille (Papilla duodeni major) in den Zwölffingerdarm (Atlas Abb. 12-2). In dieser Vater-Papille befindet sich ein Schließmuskel, der Oddi-Spinkter, der erschlaffen muss, wenn die Gallenflüssigkeit an den Zwölffingerdarm abgegeben werden soll. Ist er geschlossen, staut die Gallenflüssigkeit über den Ductus choledochus in die Gallenblase zurück.

Gallenflüssigkeit

GallenflüssigkeitGallenflüssigkeit besteht im Wesentlichen aus, Wasser, Gallensäuren, Bilirubin, Cholesterin, Phospholipiden (v. a. Lezithin), Elektrolyten (Na, Cl, K, Ca), Schleim und Stoffen, die ausgeschieden werden sollen, wie z. B. Hormone und ggf. Medikamente. Die Gallenflüssigkeit hat die Aufgabe, die Fette im Duodenum zu emulgieren und die Lipasen zu aktivieren, was durch die enthaltenen Gallensäuren erreicht wird. Ohne Gallenflüssigkeit ist somit keine ausreichende Fettaufnahme möglich und damit auch keine ausreichende Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K.
Außerdem wird die Gallenflüssigkeit aber auch benutzt, Stoffe, die im Körper nicht mehr benötigt werden, über den Darm auszuscheiden (Bilirubin, Hormone, Medikamente, Schadstoffe, jodhaltige Röntgenkontrastmittel u. a.). Darüber hinaus wirken Gallensäuren antibakteriell.
Aktivierung der Galle.In der Duodenalschleimhaut wird bei Kontakt mit Fetten das Gewebshormon Cholezystokinin (syn. Pankreozymin) freigesetzt. Es erreicht über den Blutweg die Gallenblase und veranlasst sie zur Kontraktion, damit sie ihren Inhalt in das Duodenum entleert. Sekretin veranlasst die Leber, die Gallenproduktion heraufzusetzen (Abschn. 9.1.5, Magen).
Gallensäure.Die GallensäureGallensäure wird in der Leber aus Cholesterin hergestellt. Das dazu benötigte Cholesterin wird mit der Nahrung aufgenommen. Reicht die Zufuhr nicht aus, kann die Leber Cholesterin aus anderen Fetten selbst herstellen. Die Gallensalze ermöglichen das Emulgieren der Fette, sodass die Pankreaslipase über die vergrößerte Oberfläche besser angreifen kann. Im Ileum, dem letzten Abschnitt des Dünndarms, wird die Gallensäure zu etwa 90 % über den enterohepatischen Kreislauf (s. u.) zur Leber zurückgeholt, damit diese sie erneut in die Gallenflüssigkeit abgeben kann.
Enterohepatischer Kreislauf.Mit Kreislauf, enterohepatischerenterohepatischem Kreislauf bezeichnet man den Sachverhalt, dass bestimmte Stoffe mit der Gallenflüssigkeit in den Darm abgegeben, in tieferen Abschnitten wieder rückresorbiert werden, um mit dem Pfortaderblut erneut in die Leber zu gelangen. Dies betrifft z. B. Bilirubin (s. nachstehend), Gallensäuren und bestimmte Medikamente.
Bilirubin (wichtigster Gallenfarbstoff).GallenfarbstoffBilirubinBeim Abbau des Häms der roten Blutkörperchen in der Milz, dem Knochenmark und der Leber entsteht das grünliche Zwischenprodukt Biliverdin, das dann in das gelbliche Bilirubin umgewandelt wird. Bilirubin ist wasserunlöslich und wird deshalb zum Transport an das Bluteiweiß Albumin gebunden und so als freies bzw. primäres (indirektes, unkonjugiertes) Bilirubin in die Leber transportiert. Hier wird es vor Aufnahme in die Leberzelle wieder vom Albumin gelöst. In der Leberzelle wird Bilirubin an Glucuronsäure gekoppelt und dann als gebundenes oder sekundäres (direktes, konjugiertes) Bilirubin bezeichnet. Durch diese Bindung an Glucuronsäure wird Bilirubin besser wasserlöslich. Dieses gebundene Bilirubin wird an die Gallenflüssigkeit abgegeben und gelangt so in den Darm. Hier, und zwar v. a. im Dickdarm, wird das Bilirubin im Wesentlichen durch Darmbakterien zu Urobilinogen und Sterkobilinogen, dann zu Urobilin und Sterkobilin umgewandelt. Diese Produkte werden zum größeren Teil mit dem Stuhl ausgeschieden. So ist SterkobilinSterkobilin der Hauptfarbstoff des Stuhls und in erster Linie für die Dunkelfärbung des Stuhls verantwortlich.
Bilirubin und seine Stoffwechselzwischenprodukte (v. a. Urobilinogen!) werden jedoch im Kolon teilweise wieder rückresorbiert, über das Pfortadersystem in die Leber transportiert, um danach erneut in die Galle abgegeben zu werden (enterohepatischer Kreislauf!). Der andere Teil wird über das Kreislaufsystem zur Niere transportiert und hier mit dem Harn ausgeschieden.

Untersuchungsmethoden

Gallenblase:UntersuchungsmethodeInspektion.Inspektion:GallenblaseEs erfolgt eine Untersuchung auf Gelbfärbung der Skleren, der Haut und der Schleimhaut, außerdem achtet man auf Kratzspuren.
Palpation der Gallenblase.Palpation:GallenblaseDie Gallenblase liegt normalerweise verdeckt hinter der Leber, und zwar an der Stelle, an der die MCL (Medioklavikularlinie) den Rippenbogen schneidet. Beim Gesunden kann sie wegen ihrer weichen Konsistenz nicht palpiert werden. Nur wenn sie sich vergrößert und verfestigt, wird sie unterhalb des Leberrandes tastbar (Murphy-Zeichen Abschn. 12.3.3, Diagnose der akuten Cholecystitis).
Sonografie (Ultraschall).Ultraschall:GallenblaseDiese Untersuchungsmethode erlaubt Rückschlüsse auf Größe und Lage der Gallenblase, Weite der Gallengänge und auf Gallensteine. Da kein Kontrastmittel eingegeben werden muss, handelt es sich um ein für den Patienten schonendes Verfahren.
ERC (Endoskopisch-retrograde Cholangiografie).ERC (endoskopisch-retrograde Cholangiografie)Cholangiografie, endoskopisch-retrogradeMit einem Endoskop wird die Vater-Papille aufgesucht und ein Kontrastmittel eingespritzt, sodass die Gallenwege „retrograd“, das heißt von hinten, dargestellt werden können. Bei diesem Verfahren kann auch mittels eines kleinen Schnittes in die Papille ein Stein, der hier steckenblieb zum Abgehen gebracht werden (auch ERCP = Endoskopisch-retrograde Cholangio-Pankreatikografie).

Krankheiten der Gallenblase und Gallenwege

Gallenblase:KrankheitBei den Krankheiten der Gallenwege kann man vier große Gruppen unterscheiden:
  • funktionelle Störungen (Dyskinesien)

  • Steinbildungen (Gallensteinleiden)

  • Entzündungen (Gallenblasenentzündungen, Gallenwegsentzündungen)

  • Tumoren

Dyskinesie des Gallensystems

Dyskinesie, GallensystemEs liegt eine Störung im Bewegungsablauf zwischen Gallenblase, Gallenwegen und dem Oddi-Spinkter (Schließmuskel in der Vater-Papille) vor. Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer. Die Diagnose „Dyskinesie“ darf nur gestellt werden, wenn organische Veränderungen sicher ausgeschlossen wurden. Die Störung kann im Rahmen einer vegetativen Dystonie zusammen mit weiteren funktionellen Störungen wie z. B. Reizmagen oder Reizdarmsyndrom auftreten. Eine Dyskinesie kann das Vorstadium einer Gallenblasenerkrankung mit Organveränderungen, v. a. einer Steinbildung sein.
Symptome.Es können leichte bis kolikartige Schmerzen auftreten, die denen bei Gallensteinkoliken gleichen. Zudem kann es zu Gallenentleerungsstörungen kommen.
Therapie.Bei Patienten mit vegetativer Dystonie dürfen keine stark wirkenden Mittel eingesetzt werden. Bewährt haben sich hier sanfte Heilverfahren wie Homöopathie, Bachblüten und Wärmeanwendungen. Phytotherapeutisch können Pfefferminzöl sowie Zubereitungen aus Erdrauch und Artischocke eingesetzt werden.

Gallensteinleiden

GallensteinleidenGallensteinleiden (CholelithiasisCholelithiasis) werden nach der Lokalisation der Steine wie folgt unterschieden:
  • Cholezystolithiasis (Steine in der Gallenblase)

  • Choledocholithiasis (Steine in den Gallenwegen)

Gallensteine kommen sehr häufig vor. Sie treten bei 25 % der über 60-Jährigen auf. Frauen erkranken häufiger als Männer. Allerdings können Steine auch schon bei Kindern vorkommen (hämolytische Anämie, Anomalien der Gallenwege, s. u.).
Pathophysiologie.Zur Steinbildung kommt es, wenn die normale Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit gestört ist. In der Folge werden wasserunlösliche Substanzen wie Cholesterin, Bilirubin und/oder Kalzium ausgefällt, die dann unterschiedlich große Steine bilden, vom Gallengrieß bis zu einzelnen großen Solitärsteinen. Meist handelt es sich um cholesterinhaltige Mischsteine, die Anteile von Bilirubin und Kalzium besitzen (Atlas Abb. 12-6, 12-7).
Ursachen.Erhöhung des Blutcholesterinspiegels, Schilddrüsenunterfunktion, Adipositas, Schwangerschaft, Diabetes mellitus, rasche Gewichtsabnahme, Einnahme oraler Kontrazeptiva („Pille“) bzw. Östrogenpräparate und Anomalien der Gallenwege. Bei Bilirubinsteinen spielt ein vermehrter Abbau von Erythrozyten die wichtigste Rolle, bei Kalziumsteinen eine Erhöhung des Blutkalziumspiegels.

„6-F-Regel“

Unterschieden werden folgende Risikofaktoren, die die Ausbildung von Gallensteinen begünstigen:
  • female (weiblich)

  • fat (übergewichtig)

  • fair (hellhäutig)

  • forty (über 40 Jahre)

  • fertile (fruchtbar)

  • family (familiär gehäuft)

Symptome.Etwa 50 bis 80 % der Gallensteinträger haben sogenannte „stumme Steine“, das heißt, die Steine verursachen keine Beschwerden. Bei den restlichen kann es zu uncharakteristischen Beschwerden kommen wie Übelkeit (v. a. morgens), Druckgefühl im rechten Oberbauch, auch (leicht bis stark) ziehende, in den rechten Rücken oder die rechte Schulter ausstrahlende Schmerzen, Unverträglichkeit bestimmter Speisen (Fettgebackenes, Hülsenfrüchte, Kaffee). Letzteres führt oft zur Fehldiagnose „Magenerkrankung“.
Oft werden die Steine erst mit dem Auftreten einer Gallenkolik erkannt. Eine solche Kolik kann sich durch Diätfehler (v. a. durch sehr fettreiches Essen) oder psychische Belastungen einstellen bzw. wenn sich ein Stein im Gallengang eingeklemmt hat. Die Kolik tritt v. a. abends und nachts mit heftigsten krampfartigen Oberbauchschmerzen auf. Diese Schmerzen strahlen bis in den rechten Rücken, die rechte Schulter und manchmal bis in den rechten Arm aus. Während des Anfalls bestehen Übelkeit und Erbrechen. Im rechten Oberbauch bildet sich in schweren Fällen eine Abwehrspannung; in leichten Fällen fehlt allerdings nur der rechte Bauchdeckenreflex.
Verschließt der Stein den Ductus choledochus oder Ductus hepaticus, so kommt es vier bis sechs Stunden später zum Ikterus, entfärbten Stuhl, dunklem Urin, evtl. auch zum Juckreiz.

Gallensteinkolik

  • kolikartige Schmerzen im rechten Oberbauch, die in den rechten Rücken (Schulter) ausstrahlen

  • Übelkeit und Erbrechen

Diagnose.Sie wird v. a. über die auftretenden Symptome gestellt. Ultraschall (Trefferquote 95 %), Röntgen (bei Kalziumsteinen möglich), Cholangiografie (ERC).
Therapie.Grundsätzlich müssen bei einer Kolik schnell wirkende Verfahren und Medikamente eingesetzt werden, die krampflösend und schmerzstillend wirken. Bewährt haben sich in der Naturheilkunde dabei v. a. die Neuraltherapie und die Akupunktur. Vorsichtige physikalische Maßnahmen erweisen sich als günstig: Wärmeanwendung, Fangopackungen und Kurzwellen. Je nach Ursache ist bei der Behandlung des Gallensteinleidens evtl. eine Ernährungsumstellung anzuraten. Speisen, die zu ihrer Verdauung eine größere Gallenmenge brauchen (z. B. Fettgebackenes), sind zu vermeiden, ebenso schwerverdauliche Nahrungsmittel wie Hülsenfrüchte. Außerdem muss für eine geregelte Verdauung gesorgt werden. Das ist auch ein wichtiger Aspekt der Trinkkuren mit Mineralwässern, die sowohl galletreibend als auch etwas abführend wirken. Weiterhin kann mit entsprechenden naturheilkundlichen Mitteln, wie sie auch als Komplexpräparate von verschiedenen Firmen angeboten werden, eine Auflösung der Steine versucht werden.
In der Schulmedizin werden Gallensteine, die Beschwerden verursachen, mitsamt der Gallenblase operativ entfernt (meist durch laparoskopische Cholezystektomie). Nur in Ausnahmefällen kommt eine Cholelithotripsie in Betracht. Dabei handelt sich um eine Zertrümmerung der Gallensteine mittels Druckwellen (extrakorporale Stoßwellenlithotripsie). Sie wird häufig in Kombination mit einer medikamentösen oralen Steinauflösung durchgeführt. Die Komplikationsrate gegenüber operativen Verfahren ist geringer, allerdings kann es zur Bildung von Rezidivsteinen kommen. Wurden Gallensteine operativ entfernt, so stellt sich in ca. 5 % der Fälle ein Postcholezystektomiesyndrom ein.
PostcholezystektomiesyndromPostcholezystektomiesyndrom. Damit fasst man alle Folgeerscheinungen zusammen, die sich Wochen bis Monate nach der Gallensteinentfernung einstellen können. Dabei kommt es zu Schmerzen im rechten Oberbauch, Meteorismus, Sodbrennen und Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln (v. a. Fett). Als Ursachen sind in Betracht zu ziehen: übersehene Steine, Strikturen (Vernarbungen und Verziehungen) der Gallenwege, Papillenstenosen, Tumoren, Adhäsionen (Verwachsungen, Verklebungen des Bauchfells), vegetative Dystonie, Dyskinesie der Gallenwege, aber auch schon vor der OP bestehende Erkrankungen wie Magen-Darm-Geschwüre, Pankreatitis u. a.

Gallenblasenentzündung

Die häufigste Ursache einer GallenblasenentzündungGallenblasenentzündung (CholecystitisCholecystitis) ist ein Gallenstein, der den Ductus cysticus verlegt. Nur sehr selten kommt sie in steinfreien Gallenblasen vor. Die bakterielle Besiedelung kann vom Duodenum aus oder über den Blutweg erfolgen.
Eine scharfe Trennung zwischen akuter und chronischer Cholecystitis ist nicht möglich, da alle Schweregrade einer Entzündung auftreten können. Darüber hinaus kann eine nicht ausgeheilte akute Form in eine chronische übergehen und eine chronische kann in ihrem Verlauf akute Schübe zeigen.
Symptome
  • akute Cholecystitis. Koliken im rechten Oberbauch, die in Rücken und Schulter ausstrahlen können, Fieber, Übelkeit, Erbrechen.

  • chronische Cholecystitis. Meist symptomlos oder dumpfes Druckgefühl im rechten Oberbauch und Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Fett und Schwerverdauliches).

Diagnose
  • akute Cholecystitis. Positives Murphy-Murphy-ZeichenZeichen: Bei Druck auf die Gallenblasenregion kommt es bei tiefer Einatmung zum schmerzbedingten Anhalten des Atems.

    Weiterhin treten auf: Leukozytose mit Linksverschiebung, BKS-Beschleunigung, CRP-Anstieg. Außerdem können Ultraschall, evtl. CT und eine Cholangiografie (ERC) weitere Hinweise bringen. Kommt es zum Anstieg von Bilirubin, SGPT, SGOT und AP weist das auf eine begleitende Cholangiitis hin; ein Anstieg der Amylase auf Pankreatitis.

  • chronische Cholecystitis. Evtl. leichte BKS-Beschleunigung und CRP-Anstieg. Manchmal ist eine Ultraschalluntersuchung aufschlussreich. Grundsätzlich ist die Diagnose schwierig zu stellen.

Differenzialdiagnose.Akutes Abdomen, Pankreatitis, Hepatitis, Appendizitis, Ulkus, Nierenkolik.
Komplikationen
  • akute Cholecystitis. Gallenblasenperforation, Gallenblasenempyem (Eiteransammlung in der Gallenblase), Cholangitis, Begleitpankreatitis, akutes Abdomen, Sepsis

  • chronische Cholecystitis: akute Cholecystitis, Cholangitis, Begleitpankreatitis

Therapie.Die Therapie hängt vom Ausmaß der Entzündung ab. In schweren Fällen erfolgt die Behandlung durch den Arzt bzw. die Klinik (operative Steinentfernung). Leichte Entzündungen können vom Heilpraktiker mit antientzündlichen (z. B. Enzympräparaten) und steinauflösenden Mitteln behandelt werden. Mit pflanzlichen Bittermitteln kann der Gallefluss verbessert werden.

Gallenwegsentzündung

GallenwegsentzündungBei der Entzündung der Gallenwege (CholangitisCholangitis, Cholangiitis) handelt es sich meist um eine bakterielle Infektion, die sich fast immer aufgrund einer Behinderung des Gallenabflusses, und zwar durch Steine (häufig!), Gallengangstrikturen, Papillenstenose, Tumoren oder Parasiten entwickelt. In die gestauten Gallengänge dringen Keime v. a. aus der Darmflora ein (z. B. E. coli, Pseudomonas, Enterokokken). Die Erkrankung kann akut oder chronisch verlaufen.
Bei der seltenen chronisch-sklerosierenden Cholangitis handelt es sich um eine chronische Entzündung, die mit einer Fibrosierung und Verengung der Gallenwege einhergeht. Die Ursache ist unbekannt. Die Krankheit tritt jedoch oft in Kombination mit Colitis ulcerosa oder (seltener) M. Crohn auf. Betroffen sind meist Männer zwischen dem 25. bis 50. Lebensjahr.
Die primäre biliäre Zirrhose ist eine nicht-eitrige, chronische Cholangitis, bei der es zur fortschreitenden Zerstörung der kleinen Gallengänge und zur Leberzirrhose kommt. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, die v. a. bei Frauen im 40. bis 60. Lebensjahr auftritt. Typische Beschwerden sind hartnäckiger Juckreiz, Pigmentierungszunahme der lichtexponierten Stellen, Gelenkschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Oberbauchbeschwerden. Oft liegen noch weitere Autoimmunerkrankungen vor wie chronische Hepatitis, Arthritis, Kollagenosen, Hashimoto-Thyreoiditis.
Symptome
  • akute Cholangitis: Fieber, bei schweren Verläufen auch Schüttelfrost, (kolikartige) Schmerzen im rechten Oberbauch, Ikterus, Juckreiz, dunkler Urin, heller Stuhl

  • chronische Cholangitis: oft symptomenarme Verläufe mit subfebrilen Temperaturen, Druck im rechten Oberbauch, chronisch-rezidivierendem Ikterus und Juckreiz

Charcot-Trias

Charcot-Trias(Leitbefunde der akuten Cholangitis):
  • rechtsseitige Oberbauchschmerzen

  • Schüttelfrost und Fieber

  • Ikterus

Komplikationen.Sepsis, Abszesse, sekundäre biliäre Zirrhose (von den Gallengängen ausgehende Leberzirrhose), akutes Abdomen.
Diagnose.Leukozytose, BKS-Beschleunigung, CRP-Anstieg; im Blut Erhöhung von SGPT, SGOT, Gamma-GT und AP. Ultraschall.
Therapie.Die Therapie hängt vom Schweregrad und der Ursache ab. Grundsätzlich entspricht sie der bei Gallensteinleiden und Gallenblasenentzündung (s. o.).

Gelbsucht

GelbsuchtGelbsucht (IkterusIkterus) bezeichnet eine Gelbfärbung der Skleren, der Haut und der Schleimhäute, aufgrund einer Einlagerung von Bilirubin ins Gewebe, v. a. an die elastischen Fasern des Bindegewebes. Gelbsucht ist also keine Krankheit (auch wenn im Volksmund damit oftmals eine Leberentzündung gemeint ist), sondern nur ein Symptom, nach dessen Ursache geforscht werden muss.
Ikterusformen.Man unterscheidet nach der Ursachen der Gelbsucht drei Formen: den prähepatischen, den intrahepatischen und den posthepatischen Ikterus.
  • prähepatischer Ikterus (nicht-hepatischer Ikterus, Überproduktionsikterus). Durch einen vermehrten Abbau von Erythrozyten (Hämolyse, hämolytische Anämie) fällt vermehrt Bilirubin an. Im Blut ist das freie (unkonjugierte) Bilirubin erhöht.

  • intrahepatischer Ikterus (Parenchymikterus). Die Ursache der intrahepatischen Gelbsucht liegt innerhalb der Leber (v. a. Hepatitis). In diesen Fällen kommt es v. a. zur Erhöhung des gebundenen (konjugierten) Bilirubins, evtl. aber auch zum Anstieg des freien Bilrubins.

  • posthepatischer Ikterus (Verschlussikterus Abschn. 12.3.6). Infolge einer Störung des Gallenabflusses durch eine Verlegung der Gallenwege durch Steine, Tumoren oder Entzündungen, erfolgt eine Rückstauung des Bilirubins ins Blut. In diesem Fall ist v. a. das gebundene (konjugierte) Bilirubin erhöht.

Physiologischer Neugeborenenikterus.Beim NeugeborenenikterusNeugeborenenikterus liegt ein Anstieg des freien Bilirubins im Blut vor, der zu einer gelblichen Verfärbung der Skleren und der Haut führt. Der Bilirubinanstieg kann entweder durch den nach der Geburt vermehrten Hämoglobinabbau bedingt sein oder er kann sich infolge der noch unreifen Leber entwickeln: Durch einen Enzymmangel wird Bilirubin nur verzögert an die Glukuronsäure angekoppelt oder es wird vermehrt Bilirubin im enterohepatischen Kreislauf zurückgeholt.
Ein physiologischer Neugeborenenikterus erreicht am 4. bis 5. Lebenstag sein Maximum und besteht nach zwei bis drei Wochen nicht mehr.
Das Kind ist nur bei einer sehr hohen Bilirubinkonzentration gefährdet. In diesem Fall kann Bilirubin in die sich entwickelnden Kerngebiete des Gehirns (Kernikterus) eingelagert werden, dadurch könnte es zu einer irreversiblen Hirnschädigung kommen. Neben diesem physiologischen Neugeborenenikterus gibt es aber auch eine Gelbfärbung des Neugeborenen mit Krankheitswert. Das ist v. a. bei Blutgruppenunverträglichkeiten zwischen Mutter und Kind der Fall.

Verschlussikterus

Beim VerschlussikterusVerschlussikterus ist der Gallenabfluss aufgrund eines Abflusshindernisses in den Gallenwegen gestört. Dies führt zu einem posthepatischen Ikterus (Abschn. 12.3.5).
Ursachekönnen Steine, Entzündungen und Tumoren (v. a. Pankreaskopfkarzinom) im Bereich der abführenden Gallenwege sein.
Symptome.Sitzt der Verschluss im Ductus hepaticus, im Ductus choledochus oder bei der Vater-Papille, kommt es zum Rückstau der Gallenflüssigkeit und damit zur Gelbsucht. Befindet sich das Abflusshindernis jedoch im Ductus cysticus, fehlt ein Ikterus (Abb. 12-1). Ansonsten entsprechen die Symptome denen bei Gallensteinleiden.
Therapie.Verschlussikterus ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Es muss immer sorgfältig nach der Ursache geforscht werden, da sich dahinter schwerste Krankheiten verbergen können, z. B. ein Pankreaskopfkarzinom.

Tumoren der Gallenblase und -wege

Tumoren, die sich an der GallenblasentumorGallenblase, den GallenwegstumorGallenwegen oder der Vater-Papille bilden, sind fast immer bösartig.
Im Anfangsstadium sind die Beschwerden uncharakteristisch, sodass die Erkrankung meist zu spät erkannt wird. Darüber hinaus entwickelt sich das Karzinom oft bei Gallensteinleiden durch den chronisch ausgeübten Reiz. Die auftretenden Symptome werden dann auf die Steine zurückgeführt und das sich entwickelnde Karzinom bleibt unerkannt. Erst wenn weitere tumorverdächtige Zeichen wie Anämie, Lymphknotenschwellungen, Appetitmangel und Gewichtsverlust hinzukommen und sich eine Gelbsucht entwickelt, wird die Erkrankung richtig diagnostiziert.
Da Gallenkarzinome frühzeitig in die Leber metastasieren, ist die Leber bei der Palpation dann meist schon als vergrößert zu tasten (Abschn. 13.3.3, Courvoisier-Zeichen).

Merke

Bei allen Beschwerden seitens der Gallenblase und -wege auch ein bösartiges Geschehen in die differenzialdiagnostischen Überlegungen mit einbeziehen!

Zur Überprüfung des Kenntnisstands und als Vorbereitung zur Prüfung empfehlen wir die umfangreiche Fragensammlung zu diesem Thema in Richter: Prüfungstraining für Heilpraktiker. 2000 Prüfungsfragen zum Lehrbuch für Heilpraktiker, 8. Auflage, Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag München 2013.

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