© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-55696-8.00015-4

10.1016/B978-3-437-55696-8.00015-4

978-3-437-55696-8

Abschnitte des Harnapparates. 1: Niere (Ren), 2: Harnleiter (Ureter), 3: Harnblase (Vesica urinaria), 4: Harnröhre (Urethra), 5: Untere Hohlvene (V. cava inferior), 6: Bauchaorta (Aorta abdominalis), 7: Nebenniere (Glandula suprarenalis).

[L190]

Rechte Niere mit dem Nierenhilum. Das Nierenhilum ist die Durchtrittsstelle für: 1: Nierenarterie (A. renalis), 2: Nierenvene (V. renalis), 3: Harnleiter (Ureter).

[E712]

Längsschnitt durch die Niere. 1: Nierenrinde (Cortex renalis), 2: Nierenmark (Medulla renalis), gebildet von den Nierenpyramiden (Pyramides renales), 3: Bindegewebige Kapsel (Capsula fibrosa), 4: Nierensäulen (Columnae renales), 5: Nierenpapille (Papilla renalis), die die Spitze der Nierenpyramide darstellt, 6: Nierenkelche (Calices renales), stellen einen Teil des Nierenbeckens dar, 7: Nierenbecken (Pyelon, Pelvis renalis), 8: Harnleiter (Ureter), 9: Nierenarterie (A. renalis), 10: Nierenvene (V. renalis).

[L190]

Darstellung der Aufzweigung der Nierenschlagader. 1: Zwischenlappenschlagader, (A. interlobaris), 2: Radiärarterie (Zwischenläppchenschlagader, A. interlobularis), 3: Zuführende Arteriole (Vas afferens), 4: Kapillares Gefäßknäuel (Glomerulus), 5: Wegführende Arteriole (Vas efferens), 6: Kapillarnetz, 7: Zwischenlappenvene (V. interlobaris).

[E713]

Schließmuskeln der weiblichen Blase. 1: Harnblase (Vesica urinaria), 2: Oberer Ringmuskel (Sphincter internus, M. sphincter urethrae superior), 3: Unterer Ringmuskel (Sphincter externus, M. sphincter urethrae inferior).

[E619]

Schematische Darstellung des Miktionsreflexes.

[L106]

Das Nephron (funktionelle Einheit aus Glomerulus, Bowman-Kapsel und Harnkanälchen). Die Pfeile zeigen die jeweilige Richtung der Flüssigkeitsverschiebung während der Harnfiltration an. 1: Zuführendes Gefäß (Vas afferens), 2: Abführendes Gefäß (Vas efferens), 3: Gefäßknäuel des Nierenkörperchens (Glomerulus), 4: Bowman-Kapsel, 5: Proximaler Tubulusanteil, 6: Henle-Schleife, 7: Distaler Tubulusanteil, 8: Sammelrohr, 9: Kapillarnetz um die Nierenkanälchen, 10: Zwischenläppchenvene.

[L106]

Renin-Angiotensin-Aldosteron-System

Zusammensetzung der Steine. Aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung unterscheidet man verschiedene Steinarten.

Tab. 15-1
Steinart Häufigkeit Röntgendarstellung
Kalziumsteine
(Kalziumoxalatsteine)
Ca. 75% Gut sichtbar
Harnsäuresteine Ca. 15% Nicht sichtbar
Phosphatsteine Ca. 7% Sichtbar
Zystinsteine Ca. 3%

Harnableitende Organe und Nieren

  • 15.1

    Anatomie418

    • 15.1.1

      Die Nieren418

    • 15.1.2

      Harnleiter420

    • 15.1.3

      Harnblase421

    • 15.1.4

      Harnröhre423

  • 15.2

    Physiologie424

    • 15.2.1

      Aufgaben der Nieren424

    • 15.2.2

      Das Nephron424

    • 15.2.3

      Harnbereitung425

    • 15.2.4

      Selbstregulation der Niere425

    • 15.2.5

      Steuerung der Nierentätigkeit426

  • 15.3

    Untersuchungsmethoden427

    • 15.3.1

      Körperliche Untersuchung427

    • 15.3.2

      Laboruntersuchungen428

    • 15.3.3

      Apparative Verfahren428

    • 15.3.4

      Harnanalyse mit Mehrfachteststreifen429

  • 15.4

    Erkrankungen der harnableitenden Organe und Nieren434

    • 15.4.1

      Harnblasenentzündung435

    • 15.4.2

      Akute Pyelonephritis436

    • 15.4.3

      Chronische Pyelonephritis436

    • 15.4.4

      Akute (immunogene) Glomerulonephritis437

    • 15.4.5

      Chronische Glomerulonephritis437

    • 15.4.6

      Nephrotisches Syndrom438

    • 15.4.7

      Gichtnephropathie438

    • 15.4.8

      Analgetikanephropathie438

    • 15.4.9

      Nierensteine439

    • 15.4.10

      Nieren- und Blasenkarzinom440

    • 15.4.11

      Niereninsuffizienz und Nierenversagen441

    • 15.4.12

      Urämie442

    • 15.4.13

      Angeborene Nierenerkrankungen442

Ren“\t“Siehe NiereOrgan, harnableitendesDie Nieren haben die Aufgabe, das Blut von schädlichen Stoffen zu reinigen. Dazu bilden sie den Urin, der dann über die ableitenden Harnwege nach außen transportiert wird. Die Nieren sind lebenswichtige Organe, fallen beide aus, so kommt es zur tödlichen Harnvergiftung.

Anatomie

Niere:AnatomieAbschnitte des HarnapparatesHarnapparat<2003>(Abb. 15-1, Atlas Abb. 15-1) Der Harnapparat besteht aus folgenden anatomischen Strukturen:
  • zwei Nieren (Renes)

  • zwei Nierenbecken (Pyelon, Pelvis renalis) mit ihren Kelchen (Calices renales)

  • zwei Harnleiter (Ureter)

  • eine Harnblase (Vesica urinaria)

  • eine Harnröhre (Urethra)

Die Nieren

Lage und Form.Die Nieren (Renes) liegen rechts und links der Wirbelsäule, unterhalb des Zwerchfells, und zwar in Höhe des 12. Brust- bis zum 2. Lendenwirbel. Nach unten sollen die Nieren nicht unter den Beckenkamm absinken (Atlas Abb. 15-2). Die linke Niere liegt unterhalb der Milz, die rechte hinter der Leber, wodurch letztere etwas tiefer steht. Die Nieren sind 10 bis 12 cm lang, 120 bis 200 g schwer und nicht vom Bauchfell (Peritoneum) umgeben, liegen also retroperitoneal.
Die Nieren schwimmen gewissermaßen in einer Fettkapsel (Stützfett), die sie schützt und in ihrer Lage hält. Bei starker Abmagerung (z. B. bei Magersucht) wird dieses Fett eingeschmolzen. Dadurch kann es zum Absinken der Nieren kommen (Senknieren, Wandernieren), und es besteht die Gefahr einer Harnleiterabknickung.
Die Nieren sind bohnenförmig. Ihr innerer Rand ist konkav gewölbt, in seiner Mitte befindet sich das Nierenhilum (Abb. 15-2, Atlas Abb. 15-3). Hier treten der Harnleiter, die Nierenarterie und -vene, außerdem Nerven und Lymphgefäße in das Organ ein bzw. aus.
Längsschnitt durch die Nieren.Schneidet man eine Niere auf, so kann man schon mit bloßem Auge drei Anteile unterscheiden (Abb. 15-3, Atlas Abb. 15-4):
  • NierenrindeNierenrinde (Cortex Cortex renalisrenalis). Die feinkörnige, hellere äußere Zone enthält die Nierenkörperchen und die gewundenen Abschnitte der Nierenkanälchen (Abschn. 15.2.2). Diese hellere Schicht senkt sich in Form von Nierensäulen (Columnae renales) zwischen die dunklere Markschicht. Außen ist die Nierenrinde von einer derben, bindegewebigen Kapsel umgeben.

  • NierenmarkNierenmark (Medulla Medulla renalisrenalis). Das dunklere, fein gestreifte Nierenmark enthält die geraden Anteile der Nierenkanälchen (Henle-Schleifen) und die Sammelrohre (Abschn. 15.2.2). Es bildet keine zusammenhängende Schicht, sondern ist in einzelne Abschnitte, die Pyramiden, gegliedert. Jede Niere enthält 8 bis 16 dieser Pyramiden, deren Spitzen (Nierenpapillen) zum Zentrum hin ausgerichtet sind. Die Nierenpapillen reichen in die Kelche hinein und geben über mikroskopisch kleine Öffnungen den von den Nieren produzierten Urin ans Nierenbecken ab.

  • NierenbeckenNierenbecken (PyelonPyelon, Pelvis Pelvis renalisrenalis). Es handelt sich um eine Ausweitung des Harnleiters mit 8 bis 10 Nierenkelchen (Calices renales, Atlas Abb. 15-4).

Blutversorgung der Nieren.Den Nieren wird ungefähr ein Drittel der Gesamtblutmenge des großen Kreislaufs zugeführt. Dazu zweigen direkt von der Aorta die beiden Nierenarterien (Aa. renales) ab, die sich innerhalb der Nieren zu immer kleineren Gefäßen bis hin zu den Glomerulusschlingen aufspalten (Abb. 15-4).
Die Nierenarterie teilt sich in zwei Segmentarterien, die sich weiter in Zwischenlappenarterien (Aa. interlobares) aufspalten, die an den Lappengrenzen verlaufen. Aus diesen Zwischenlappenarterien gehen die Bogenarterien (Aa. arcuatae) hervor. Hierbei handelt es sich um bogenförmige, querverlaufende Gefäße zwischen Rinde und Mark. Aus diesen Bogenarterien zweigen die Zwischenläppchenarterien (Radiärarterie, Aa. interlobulares) radiär zur Nierenoberfläche ab. Aus den Zwischenläppchenarterien gehen in regelmäßigen Abständen die zuführenden Arteriolen (Vasa afferentia) hervor, die zum Nierenkörperchen laufen. Die zuführenden Arteriolen werden zu den Glomerulusschlingen des Nierenkörperchens.
Bei den Glomerulusschlingen handelt es sich um Kapillaren, in denen der Primärharn abgepresst wird. Das zuführende Gefäß wird Vas afferens, das wegführende Vas efferens bezeichnet. Letzteres zweigt sich auffolgend in ein zweites Kapillarnetz auf, das um die Nierenkanälchen herum liegt. Bitte beachten Sie hierzu auch Abschn. 15.2.2, das Nephron.
Die Kapillaren laufen zu Zwischenläppchenvenen (Vv. interlobulares) zusammen, dann zu Bogenvenen (Vv. arcuatae) und zu Zwischenlappenvenen (Vv. interlobares), die sich ihrerseits zur rechten bzw. linken Nierenvenen vereinigen, die das Blut der unteren Hohlvene zuführen.

Das Blut durchfließt in der Niere also zwei Kapillarsysteme: das erste im Nierenkörperchen (im Glomerulus), das zweite um die Kanälchen (Tubuli) herum.

Harnleiter

Die HarnleiterHarnleiter (UreterUreter) sind 30 bis 35 cm lange muskulöse Schläuche, die das Nierenbecken mit der Harnblase verbinden. Sie verlaufen retroperitoneal. Es können folgende Wandschichten unterschieden werden (Atlas Abb. 15-6):
  • innere Schleimhautschicht: Übergangsepithel mit etwas darunterliegendem Bindegewebe

  • Muskelschicht: mit einer inneren Längsmuskelfaserschicht, einer mittleren Ringmuskelschicht und einer äußeren Längsmuskelfaserschicht

  • äußere Hüllschicht: aus Bindegewebe, in dem viele Blutgefäße verlaufen

Die Muskelschicht besteht aus glatten Muskelfasern, die vom vegetativen Nervensystem innerviert werden. Sie führt zur Beförderung des Harns peristaltische Bewegungen aus, denn der Urintransport kann nicht einfach der Schwerkraft überlassen werden, da sich sonst der Urin im Liegen im Nierenbecken anstauen würde.
Die Harnleiter münden unten seitlich von hinten in die Harnblase ein. Da sie schräg durch die Blasenmuskulatur durchtreten, entsteht eine Art Druckverschluss. Dieser öffnet und schließt sich, um den Urin in die Blase einfließen zu lassen, aber er verhindert gleichzeitig ein Zurückströmen des Urins. Pro Minute laufen durchschnittlich zwei bis drei peristaltische Wellen über den Harnleiter.
Engpässe des Harnleiters.Der Harnleiter ist an drei Stellen eingeengt:
  • kurz unterhalb des Nierenbeckens

  • an der Überkreuzungsstelle mit den großen Blutgefäßen des Beckens (Abb. 15-1, Atlas Abb. 15-1)

  • am Eintritt in die Blase

An diesen Stellen können sich leicht Nierensteine einklemmen. Dabei wird die Harnleiterwand schmerzhaft aufgedehnt, sodass sich die Muskulatur des Harnleiters „krampfartig“ bemüht, den Stein weiterzutransportieren. Dadurch kommt es zu kolikartigen Schmerzen.

Harnblase

Die HarnblaseHarnblase (Vesica Vesica urinariaurinaria) ist ein Sammelgefäß für den Urin, der von den Nieren produziert und über Nierenbecken und Harnleiter zur Blase transportiert wurde. Im gefüllten Zustand hat sie annähernd kugelförmige Gestalt, entleert liegt sie als „schlaffer Sack“ im kleinen Becken (Atlas Abb. 15-7).
Lage.Die Harnblase liegt unterhalb des Bauchraums im kleinen Becken, hinter der Schambeinfuge und unterhalb des Dünndarms. Bei der Frau liegt sie vor der Scheide und vor und unterhalb der Gebärmutter (Atlas Abb. 16-15); beim Mann vor dem Mastdarm und oberhalb der Prostata (Atlas Abb. 16-1).
Die Harnblase hat meist ein Fassungsvermögen von 300 bis 500 ml. Ab einer Blasenfüllung von 200 ml kommt es zu Harndrang, der ab 400 ml meist sehr heftig wird. Das größtmögliche Fassungsvermögen ab dem eine Entleerung willkürlich nicht mehr unterdrückt werden kann, hängt entscheidend vom Trainingszustand der Blase ab.
Wandaufbau der Harnblase(Atlas Abb. 15-8)
  • Schleimhaut (Mukosa, Tunica mucosa). Im entleerten Zustand ist die Schleimhaut, mit Ausnahme des Blasendreiecks (s. u.), in Falten gelegt; im gefüllten Zustand erscheint sie glatt. Sie besitzt eine Auskleidung aus Übergangsepithel. Hierbei handelt es sich um ein mehrreihiges Epithel, in dessen oberflächlicher Lage schleimabsondernde Zellen sitzen, die die darunterliegenden Zellen vor dem konzentrierten Harn schützen. Ein weiteres Kennzeichen des Übergangsepithels ist seine Fähigkeit, sich unterschiedlichen Füllungszuständen anzupassen. Dabei geht es von einer mehrreihigen in eine zweireihige Form über (Abschn. 3.1.5).

  • Muskelwand (Muskularis, M. detrusor vesicae). Es handelt sich um glatte Muskulatur, an der man drei Verlaufsrichtungen der Muskelfasern unterscheiden kann, und zwar eine innere Längsschicht, eine mittlere, zirkulär verlaufende Schicht und eine äußere Längsmuskelschicht. Diese Schichten sind allerdings miteinander stark verflochten.

  • Hüllschicht (Adventitia, Tunica adventitia). Es handelt sich um eine Hüllschicht aus Bindegewebe, die allerdings nur an den Anteilen der Blase vorkommt, die nicht vom Bauchfell umgeben sind (s. u.).

  • Bauchfell (Peritoneum). Der obere, der hintere und der seitliche Anteil der Harnblase sind mit Bauchfell überzogen. Füllt sich die Harnblase, so wird das Bauchfell mit nach oben gehoben, sodass die volle Harnblase der vorderen Bauchwand ohne Zwischenschaltung von Bauchfell anliegt. Deshalb ist es möglich, die gefüllte Blase durch die Bauchwand oberhalb der Schambeinfuge zu punktieren, ohne dabei das Bauchfell zu verletzen. Dies macht man sich bei der Harnblasenpunktion zunutze.

Blasendreieck (Trigonum vesicae).Trigonum vesicae<2003>Blasendreieck<2003>An ihrem unteren Anteil besitzt die Harnblase drei Öffnungen, die das Blasendreieck bilden: zwei Öffnungen der Mündungsstellen der Harnleiter und eine Öffnung für die Harnröhre. Hier ist die Schleimhaut fest mit der Muskulatur verbunden und weist keine Falten auf (Atlas Abb. 15-7, Nr. 3). Dies hat den Vorteil, dass sich keine Schleimhautfalte vor die Öffnung der Harnröhre legen kann und so zu einem Verschluss führen könnte. Die Folge wäre, dass der Urin beidseitig in die Harnleiter und weiter in die Niere zurück staut, was unbehandelt ein beidseitiges Nierenversagen zur Folge hätte.
Schließmuskeln der Blase.Wie schon erwähnt wurde, durchstoßen die Harnleiter die Blasenwand nicht rechtwinkelig, sondern schräg. Dadurch wird verhindert, dass Urin in die Harnleiter zurückfließen kann, denn durch den Innendruck der Blase wird der in der Blasenwand gelegene Teil der Harnleiter zusammengepresst (Abb. 15-5).
  • oberer Ringmuskel (M. sphincter internus, M. sphincter urethrae superior). Trotz der Namensgebung handelt es sich nicht um einen Ringmuskel, sondern um elastische Netze und Muskelschlingen, die am Schambein entspringen und den inneren Harnröhrenmund umfassen. Dieser obere Ringmuskel besteht aus glatter Muskulatur und ist nicht dem bewussten Willen unterworfen.

  • unterer Ringmuskel (M. sphincter externus, M. sphincter urethrae inferior). Der untere Ringmuskel wird von der quergestreiften Muskulatur des Beckenbodens gebildet. Er kann willkürlich gesteuert werden.

Miktion (Blasenentleerung).Miktion<2003>Blasenentleerung<2003>Ist die Harnblase stark gefüllt, so wird der elastische Verschlussapparat gedehnt, sodass der Urin in die Harnröhre eintritt. Zunächst kann der untere Ringmuskel noch eine Blasenentleerung verhindern. Je stärker der Harndrang wird, desto stärker wird die willentliche Anstrengung, die Blasenentleerung zu vermeiden. Wird schließlich die Kraft des unteren Schließmuskels überschritten, erfolgt eine unwillkürliche Harnentleerung.
Normalerweise wird jedoch die Blasenentleerung willentlich ausgelöst, wobei der nachfolgende Vorgang reflektorisch abläuft:
  • Die Blasenwand kontrahiert sich.

  • Dadurch wird der obere Ringmuskel aufgedehnt.

  • Der untere Ringmuskel erschlafft willentlich.

  • Das Abfließen des Urins wird durch eine Kontraktion der Bauch- und Beckenmuskulatur unterstützt.

Miktionsreflex. In der Wand der Harnblase befinden sich Dehnungsrezeptoren, die den Füllungszustand über afferente Nervenfasern zum Sakralmark (unterster Teil des Rückenmarks) melden. Von hier aus wird der Impuls zu einem Reflexzentrum in der Brücke (Pons) weitergeleitet. Nimmt die Frequenz der afferenten Impulse zu, so stellt sich das Empfinden „Harndrang“ ein. Zentrale Hemmungsmechanismen aus Mittel- und Großhirn können aber eine Entleerung verhindern. Bei Fortfall dieser Hemmung kommt es über einen Reflexbogen, der die vordere Brückenregion durchläuft, zur Aktivierung motorischer Neuronen im Sakralmark. Die efferenten Impulse gelangen hierbei über parasympathische Fasern zur Blasenwand (Kontraktion) und zum äußeren Ringmuskel (Erschlaffung Abb. 15-6).
Durch Impulse aus dem Mittel- und Großhirn kann der Miktionsreflex willentlich unterdrückt werden. An dieser Hemmung sind sympathische Fasern aus dem Lumbalmark beteiligt. Ihre Aktivierung führt zu einer Erschlaffung der Blasenmuskulatur und zur Tonussteigerung des oberen Ringmuskels.
HarninkontinenzInkontinenzHarninkontinenz<2003>(Unvermögen, den Urin willentlich zurückzuhalten). Bei Inkontinenz unterscheidet man:
  • ÜberlaufinkontinenzÜberlaufinkontinenz. Bei Nervenschädigung (z. B. Polyneuropathie) oder durch ein Abflusshindernis (z. B. Prostatahyperplasie) kann zur „Überlaufblase“ kommen. Dabei füllt sich die Blase zunehmend mit Urin und läuft dann ab einer bestimmten Menge „über“. Durch den in der Blase ständig vorhandenen Resturin sind die Betroffenen erhöht gefährdet einen Harnweginfekt zu erleiden. Evtl. muss ein Dauerkatheter gelegt werden.

  • StressinkontinenzStressinkontinenz (BelastungsinkontinenzBelastungsinkontinenz). Eine Erhöhung des Bauchinnendrucks durch Husten, Niesen, Hüpfen, bei Frauen auch durch Gebärmuttersenkung, beim Mann nach Prostataoperation, führt es zum unwillkürlichen Abgang kleiner Harnmengen.

  • Urge-Urge-InkontinenzInkontinenz (DranginkontinenzDranginkontinenz; urge = engl. nötigen, zwingen). Bei diesem attackenartigen Harndrang kann oft die Toilette nicht mehr rechtzeitig erreicht werden. Manchmal liegen einer Urge-Inkontinenz organische Ursachen wie Entzündungen und Tumoren der Harnblase, der Harnleiter oder des kleinen Beckens zugrunde, beim Mann kommen auch Prostataerkrankungen in Betracht. Meist spielt jedoch psychische Anspannung eine entscheidende Rolle. Therapeutisch bewährt haben sich hier v. a. ein gezieltes Blasentraining und entspannende Maßnahmen wie z. B. autogenes Training. Mischformen von Stress- und Urge-Inkontinenz kommen vor.

  • neurogene Inkontinenz. Es handelt sich um einen unbemerkten Urinabgang, der mit Restharnbildung und Harnverhalten kombiniert auftreten kann. Als Ursachen sind Erkrankungen des ZNS (Enzephalitis, Hirntraumata) und Medikamenteneinnahme (Tranquilizer, Neuroleptika, Antiepileptika, Antiparkinsonpräparate, Betablocker) in Betracht zu ziehen.

Harnröhre

Die HarnröhreHarnröhre (UrethraUrethra) ist ein röhrenförmiges Gebilde, das beim Blasenmund (Ostium urethrae internum) beginnt und das die Aufgabe hat, den Urin aus der Harnblase nach außen transportiert. Innen ist sie mit Schleimhaut, in die kleine Schleimdrüsen eingelagert sind, ausgestattet.
Wegen ihrer unterschiedlichen anatomischen Lage werden die männliche und weibliche Harnröhre getrennt besprochen.
Harnröhre der Frau.Die Harnröhre der Frau ist gerade und etwa 2,5 bis 5 cm lang (Atlas Abb. 16-15). Sie mündet zwischen Klitoris und Scheidenöffnung im Scheidenvorhof (Atlas Abb. 16-27). Die Auskleidung der weiblichen Harnröhre ist, ebenso wie die Scheidenschleimhaut, hormonellen Einflüssen unterworfen. Die Harnröhrenöffnung ist nur unzureichend gegen Verunreinigungen aus Scheide und Rektum geschützt, weshalb es bei Frauen oft zu mikrobiellen Kontaminationen (Verunreinigungen) mit entzündlichen Reizungen kommt.
Harnröhre des Mannes.Die Harnröhre des Mannes ist etwa 20 bis 25 cm lang. Sie zeigt bei schlaff herunterhängendem Glied zwei typische Krümmungen (Abb. 16-1). Sie wird in drei Abschnitte unterteilt (Atlas Abb. 16-9):
  • Pars prostatica (Vorsteherdrüsenteil). Der Anfangsteil der ungefähr drei bis vier Zentimeter langen Harnröhre durchläuft die Prostata.

  • Pars membranacea (membranöser Teil). Der ungefähr ein Zentimeter lange mittlere Anteil durchstößt den bindegewebigen Beckenboden. Er wird vom äußeren Ringmuskel (M. sphincter urethrae inferior) umschlossen.

  • Pars spongiosa (Schwellkörperteil). Der letzte Abschnitt verläuft im Innern des Harnröhrenschwellkörpers des Gliedes.

Da die männliche Harnröhre ab der Einmündungsstelle der beiden Ausspritzgänge gleichzeitig als Samenweg dient, handelt es sich ab dieser Stelle um die kombinierte Harn-Samen-Röhre (Abb. 16-1 Nr. 25).

Physiologie

Aufgaben der Nieren

Niere:PhysiologieDie Nieren haben wichtige Aufgaben:
  • Ausscheidung der Stoffwechselendprodukte Kreatinin, Harnstoff und Harnsäure. Kreatinin ist ein Abbauprodukt des Muskelstoffwechsels, Harnstoff des Eiweißstoffwechsels. Bei der Harnsäure handelt es sich um ein Endprodukt des Purinstoffwechsels.

  • Ausscheidung giftiger Substanzen. Medikamente, Farb- und Giftstoffe werden in der Leber in eine ungiftige, „nierengängige“ Form umgebaut und dann durch die Nieren ausgeschieden.

  • Aufrechterhaltung der Homöostase. Unter der Aufrechterhaltung der Homöostase versteht man die Regelung des Wasser- und Salzhaushaltes (v. a. der Natrium-Kalium-Bilanz), des Säure-Basen-Gleichgewichts und des osmotischen Drucks durch die Ausscheidung von Salzen.

  • endokrine Funktion. Die Nieren produzieren die beiden wichtigen Wirkstoffe Renin (ein Enzym) und Erythropoetin.

    • Renin für das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, das der Blutdruckregulation dient (Abschn. 15.2.5).

    • Erythropoetin regt die Erythrozytenbildung im roten Knochenmark an. Die Erythropoetinbildung kann bei renaler Insuffizienz erniedrigt sein (renale Anämie!), bei Zystennieren und Nierenadenomen kann sie vermehrt sein (renale Erythrozytose).

  • Aktivierung von Vitamin D in seine wirksame Form.

Das Nephron

NephronDie kleinste Funktionseinheit der Niere ist das Nephron (Abb. 15-7, Atlas Abb. 15-10). Man versteht darunter das Nierenkörperchen (Glomerulus und Bowman-Kapsel) und die Nierenkanälchen (Tubulussystem). In jeder Niere befinden sich ungefähr eine Million Nierenkörperchen mit etwa 10 km Nierenkanälchen.
Aufbau einer Arbeitseinheit.Eine Arbeitseinheit setzt sich aus den folgenden Anteilen zusammen:
  • zuführende Arteriole (Vas afferens), die das Blut zum

  • Nierenkörperchen (Malpighi-Körperchen) bringt, das aus Glomerulus (Gefäßknäuel des Nierenkörperchens) und Bowman-Kapsel besteht (Atlas Abb. 15-9).

  • Nierenkanälchen mit proximalem Tubulusanteil, Henle-Schleife und distalem Tubulusanteil

  • wegführendes Gefäß (Vas efferens)

  • Sammelrohre

Die NierenkörperchenNierenkörperchen liegen, zusammen mit den gewundenen Anteilen des Nierenkanälchens, in der Nierenrinde, wodurch diese ein feines, gekörntes Aussehen erhält. Die geraden, zur Henle-Schleife gehörenden Anteile der Kanälchen, liegen zusammen mit den Sammelrohren im Nierenmark, was zu deren streifigem Aussehen führt. Die NierenkanälchenNierenkanälchen (TubulusTubuli) sind von einem Netzwerk von Kapillaren umgeben, mit deren Hilfe die tubuläre Rückresorption und Sekretion stattfinden (s. u.).

Harnbereitung

Bei der HarnproduktionHarnbereitung werden drei Arbeitsschritte unterteilt:
  • glomeruläre Filtration

  • tubuläre Rückresorption

  • tubuläre Sekretion

Diese Arbeitsvorgänge werden nun im Einzelnen vorgestellt, um die Arbeit der Nieren zu verdeutlichen.
Glomeruläre Filtration.Filtration, glomeruläre<2003>Das Blut gelangt über die zuführende Arteriole in den Glomerulus, einem Kapillarknäuel, dessen Wand wie ein Filter wirkt, durch den Wasser, Salze und Glukose hindurchtreten können. Dagegen werden Erythrozyten und die Bluteiweiße aufgrund ihrer Größe zurückgehalten und können den Filter nicht passieren. Die abgepresste Flüssigkeit heißt UrinPrimärharnHarnPrimärharn (GlomerulumfiltratGlomerulumfiltrat). Sie gelangt in die Bowman-Kapsel und von hier aus in den proximalen Tubulusanteil (Atlas Abb. 15-11). Aus den 1.500 l Blut, die die Nieren in 24 Stunden durchfließen, bilden sie ungefähr 180 l Primärharn. Aus diesem Primärharn wird ca. 1,5 l Urin gebildet, der über die Harnblase ausgeschieden wird.
Damit die glomeruläre Filtration in unterschiedlichsten physischen Situationen durchgeführt werden kann, gibt es ein kompliziertes Zusammenspiel von Blutdruck, kolloidosmotischem Druck und Widerständen der Gewebe, durch die das Plasma hindurchgedrückt wird. Außerdem spielen die veränderlichen Querschnitte von Vas afferens und Vas efferens (s. Kap. 15.2.4, Selbstregulation der Niere) eine wichtige Rolle
Bluteiweiße können aufgrund ihrer Größe nicht durch die Poren der Glomeruluskapillaren treten. Diese zurückgehaltenen Eiweiße wirken wasserhaltend. Damit Bluteiweiße zurückgehalten werden, müssen sie ein Molekulargewicht von 70.000 überschreiten. Fibrinogen hat ein Molekulargewicht von 340.000 und Globulin von 165.000. Dagegen hat Albumin nur ein Molekulargewicht von 70.000. So kommt es, dass die Albumine bei manchen Nierenerkrankungen die Glomerulusmembran passieren können. Die Folge ist eine „Albuminurie“, das heißt, im Harn befinden sich Albumine.
Tubuläre Rückresorption.Rückresorption, tubuläre<2003>Aufgrund der glomerulären Filtration gelangen pro Minute ungefähr 125 ml Primärharn in die Nierenkanälchen. Der Körper kann sich einen so großen Verlust an Wasser, Elektrolyten und Nährstoffen nicht leisten, weshalb es zur Rückresorption der noch benötigten Nährstoffe (Glukose, Aminosäuren), Elektrolyte und Wasser kommt. So bleibt von den pro Minute gebildeten 125 ml Primärharn nur 1 ml in den Nierenkanälchen zurück. Die restlichen 124 ml werden ins Blut zurückgeholt.
Die Rückresorption geschieht durch aktiven und passiven Transport, wobei der Elektrolyt- und Wassertransport miteinander kombiniert wird und sich gegenseitig beeinflusst.
Abbauprodukte wie Harnstoff, Harnsäure und Kreatinin werden nicht resorbiert, sie verbleiben in den Nierenkanälchen, da sie ausgeschieden werden sollen.
Schwellenwert. Dieser Rückresorptionsmechanismus kann nur bestimmte Konzentrationen im Blut bewältigen. Wird ein bestimmter Schwellenwert überschritten, so wird dieses „Zuviel“ mit dem Urin ausgeschieden. So scheiden die Nieren über dem Schwellenwert von 160 bis 180 mg/dl Glukose aus (Diabetes mellitus Abschn. 14.13.1).
Tubuläre Sekretion.Sekretion, tubuläre<2003>Medikamente, Farbstoffe, Gifte, Kreatinin und verschiedene Sulfate werden aktiv in den Primärharn abgegeben (sezerniert). Dies geschieht v. a. im distalen Tubulusanteil. Diese Stoffe können also entweder durch glomeruläre Filtration oder über tubuläre Sekretion in den Harn gelangen.

Selbstregulation der Niere

Selbstregulation, NiereNierenselbstregulationDie Nieren sollen ihre vielfältigen Aufgaben (Abschn. 15.2.1) auch bei Blutdruckschwankungen im Körper erfüllen. Dabei spielen die Filtrationsrate und der Blutstrom durch die Glomeruli eine wesentliche Rolle.
Eine Änderung des systolischen Blutdruckwertes zwischen 80 und 190 mmHg hat keinen nennenswerten Einfluss auf die Filtrationsrate und damit auf die Arbeitsfähigkeit der Nieren. Die zuführenden und abführenden Gefäße des Nephrons können bei Bedarf erweitert bzw. verengt werden, sodass der Durchfluss des Blutes durch die Glomeruli und die Filtration gewährleistet sind. Diese besondere Fähigkeit der Nieren wird als Autoregulation (Selbstregulation) bezeichnet.
Sinkt allerdings der systolische Blutdruckwert unter 80 mmHg, so muss mit einer eingeschränkten Nierenfunktion gerechnet werden bis hin zum Nierenversagen (Schockniere). Steigen die Werte über 190 mmHg, so kommt es durch den zu hohen Filtrationsdruck zu einem ungenügend konzentriertem Harn; darüber hinaus kann das Nierengewebe durch die hohe Druckbelastung geschädigt werden.

Steuerung der Nierentätigkeit

Nierentätigkeit, SteuerungDer Wasserhaushalt des Körpers wird v. a. durch die beiden Hormone ADH und Aldosteron (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System) geregelt.
ADH(antidiuretisches Hormon, Adiuretin, Vasopressin, Abschn. 14.3.1). Kommt es im Körper zum Wasserverlust, z. B. durch starkes Schwitzen oder aufgrund einer Durchfallerkrankung, schüttet der Hypophysenhinterlappen ADH aus, ist dagegen zuviel Wasser vorhanden, wird die Ausschüttung von ADH eingestellt und die Nieren scheiden vermehrt Wasser aus. Besteht ADH-Mangel, kommt es zum Diabetes insipidus (Wasserharnruhr), bei ADH-Überschuss zur Wasserintoxikation (Abschn. 14.9.6).
Renin-Angiotensin-Aldosteron-System.Das Renin-Angiotensin-Aldosteron-Renin-Angiotensin-Aldosteron-SystemSystem wird von der Niere in Gang gesetzt, wenn ihr der Arbeitsdruck nicht ausreicht.
  • ReninRenin ist ein Enzym, das v. a. in der Niere aus dem juxtaglomerulären Apparat (d. h. aus Zellen, die nahe beim Glomerulus sitzen) freigesetzt wird. Es stammt jedoch zu geringerem Teil auch aus anderen Organen wie Gebärmutter, Leber und Gefäßwänden.

  • AngiotensinAngiotensin wird von der Leber und vom Fettgewebe zunächst als inaktives Angiotensinogen gebildet. Trifft Renin im Blut auf Angiotensinogen, spaltet es davon ein Stück ab, sodass dieses zu Angiotensin I aktiviert wird. Danach trennt das im Blut vorhandene Enzym „Angiotensin-Converting-Enzym“ (ACE) zwei weitere Aminosäuren ab, sodass sich Angiotensin II bildet. Angiotensin II wirkt blutdrucksteigernd, indem es eine Verengung der Gefäße bewerkstelligt; außerdem regt es die Aldosteronausschüttung aus der NNR an, setzt die Natriumausscheidung herab und steigert das Durstgefühl.

  • AldosteronAldosteron ist ein Hormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird und auf den Mineralstoffwechsel einwirkt. Es bewirkt eine erhöhte Natrium- und Wasserrückresorption und eine vermehrte Kalium-Ausscheidung.

Zwischen Renin, Angiotensin und Aldosteron bestehen enge Wechselbeziehungen: Sinkt der Arbeitsdruck in der Niere unter einen bestimmten Wert, wird Renin freigesetzt, das nun seinerseits die Bildung von Angiotensin aus Angiotensinogen im Blutplasma anregt. Angiotensin bewirkt seinerseits eine Blutdrucksteigerung. Darüber hinaus wirkt es noch auf die Aldosteronausschüttung in der Nebennierenrinde ein. Durch Aldosteron werden Natrium und Wasser zurückgehalten, wodurch der Blutdruck noch weiter ansteigt. Reicht der Arbeitsdruck in der Niere aus, so stellt sie die Reninfreisetzung ein (Schema 15-1).

Untersuchungsmethoden

Körperliche Untersuchung

Niere:UntersuchungemethodeAnamnese.Typische Beschwerden, die auf Blasen- oder Nierenschädigung hinweisen können sind:
  • häufiges und schmerzhaftes Wasserlassen mit schmerzhaftem Harndrang (z. B. Zystitis, Prostataerkrankung)

  • erhöhte Harnmenge und vermehrter Durst (z. B. chronische Niereninsuffizienz)

  • verminderte oder fehlende Harnausscheidung (z. B. akute oder chronische Niereninsuffizienz im Endstadium)

  • Rotfärbung des Urins (durch Erythrozyten, aber auch durch Nahrungsmittel, Medikamente, Farbstoffe)

  • Druckgefühl oder Schmerzen in der Nierengegend (z. B. Pyelonephritis, Glomerulonephritis, Harnstau)

  • Ödeme (Niereninsuffizienz)

  • Kopfschmerz (Blutdruck kontrollieren, evtl. liegt ein renaler, sog. „weißer Hochdruck“ vor)

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit (z. B. chronische Niereninsuffizienz)

Inspektion.Inspektion:Niere und Blase<2003>Wichtige diagnostische Hinweise sind Blässe (renale Anämie), schmutzig-bräunlich-gräuliche Hautfarbe, gedunsenes Gesicht, Ober- bzw. Unterlidödeme und Ödeme von Händen und Füßen, die morgens am schlimmsten sind.
Perkussion.Perkussion:Nieren- und Blasenfunktion<2003>Durch das Abklopfen der Nierenlager erhält man Informationen über die Empfindlichkeit der Nieren. Der Patient setzt sich mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper auf die Untersuchungsliege, während der Untersucher die Nierenlager mit lockerer Faust großflächig und seitenvergleichend perkutiert. Dabei wird der Patient aufgefordert, jede Schmerzempfindung sofort zu melden. Sind die Nierenlager klopfempfindlich, muss der Patient an einen Facharzt verwiesen werden.
Auskultation.Auskultation:Nieren- und Blasenfunktion<2003>Auskultiert werden können die Nierenarterien, die von der Bauchaorta in Höhe des Bauchnabels abzweigen. Liegt eine Nierenarterienstenose vor, kann in knapp der Hälfte der Fälle ein Strömungsgeräusch gehört werden.
Blutdruckmessung.Infolge von Nierenerkrankungen kommt es häufig zu Blutdruckerhöhungen, und zwar v. a. des zweiten, d. h. des diastolischen Wertes auf über 90 mmHg.

Laboruntersuchungen

Harnuntersuchung.Der Harnuntersuchung:Nieren- und BlasenfunktionHarnuntersuchung kommt eine große diagnostische Bedeutung bei der Aufdeckung von Nierenerkrankungen zu, da praktisch jede Harnwegserkrankung den Urin in irgendeiner Weise verändert. Beachten Sie hierzu die ausführliche Besprechung Abschn. 15.3.4.
Blutuntersuchung.Eine Blutuntersuchung:Nieren- und BlasenfunktionBlutuntersuchung ist bei Verdacht auf Nierenerkrankung unerlässlich, da die wichtige Frage geklärt werden muss, ob die Nieren in der Lage sind, die harnpflichtigen Substanzen aus dem Blut herauszuholen und auszuscheiden. Deshalb sollten v. a. Kreatinin, Harnstoff und Harnsäure bestimmt werden.
Darüber hinaus kann es bei chronischer Niereninsuffizienz zur „renalen Anämie“ kommen. Weitere Hinweise auf Nierenerkrankung sind außerdem Verschiebungen im Elektrolythaushalt (v. a. Kalium, Natrium, Kalzium).
Clearance-Untersuchung.Die Clearance-Clearance-UntersuchungUntersuchung (sprich: klirenß) erlaubt es, bereits leichte Funktionseinschränkungen der Niere zu erkennen. Clearance bedeutet Klärung und meint entweder die Entfernung bekannter körpereigener Stoffe, wie z. B. des Kreatinins, oder die Entfernung künstlich in die Blutbahn eingebrachter Stoffe aus dem Blut. Für letzteres kommen verschiedene Substanzen zum Einsatz, z. B. Inulin (Maß für die glomeruläre Filtrationsleistung) oder radioaktiv markierte Substanzen.

Apparative Verfahren

Ultraschall-Verfahren.Das Ultraschall:Niere und HarnapparatUltraschall-Verfahren eignet sich, um Lage, Größe und Form der Nieren zu bestimmen. Es kann auch zum Nachweis von Zysten und Steinen dienen.
Röntgenuntersuchung.Durch Röntgen ohne Kontrastmittel können die Nierengröße und eventuelle Verkalkungen festgestellt werden, außerdem können Harnsteine erkannt werden.
Zystoskopie(Blasenspiegelung).BlasenspiegelungZystoskopie<2003> Ein Blasenspiegel wird durch die Harnröhre in die mit sterilem Wasser gefüllte Harnblase geschoben, um die Blasenwand zu betrachten. Dünne Katheter (Ureterkatheter) können sogar bis in das Nierenbecken hochgeschoben werden, um Nierenbeckenurin aufzufangen oder um Kontrastmittel für die Urografie einzubringen.
Urografie.Eine UrografieUrografie ist die röntgenologische Darstellung der Nierenkelche, des Nierenbeckens, der Harnleiter und der Blase, nachdem ein Röntgenkonstrastmittel eingebracht wurde. Sie eignet sich v. a. um Anomalien der Harnwege und Harnsteine aufzudecken.
Suprapubische Blasendrainage, suprapubische<2003>Blasendrainage.Es handelt sich um eine Punktion der Harnblase mittels einer Kanüle. Der Einstich erfolgt 1 bis 2 Querfinger oberhalb der Symphyse senkrecht zur Bauchdecke in die gut gefüllte Harnblase. Mittels dieser Methode kann steriler Harn zu Untersuchungszwecken entnommen werden bzw. bei Harnverhalten eine Harnableitung als Dauerdrainage vorgenommen werden.
Katheterisierung.Katheterisierung<2003>Statt einer Blasenpunktion kann auch ein Katheter durch die Harnröhre in die Blase vorgeschoben werden. Dies sollte unter möglichst sterilen Bedingungen geschehen, um eine Infektion der Harnblase zu vermeiden. Bevorzugt wird oft die suprapubische Blasenpunktion, da das Katheterisieren über die Harnröhre meist als sehr unangenehm empfunden wird.
RadioisotopennephrografieRadioisotopennephrografie<2003>(IsotopennephrogrammIsotopennephrogramm, NierensequenzszintigrafieNierensequenzszintigrafie). Der Patient bekommt eine harnpflichtige, radioaktiv markierte Substanz intravenös verabreicht. Auffolgend werden die zeitlichen Radioaktivitätsschwankungen der Niere gemessen und graphisch dargestellt. Damit können Lage, Form und Größe der Niere, renale Durchblutungsstörungen, die Tubulusfunktion und die Entleerungsdynamik untersucht werden.
Nierenbiopsie.Bei der Biopsie wird mittels einer Punktion Gewebe entnommen.

Harnanalyse mit Mehrfachteststreifen

Stellenwert der Teststreifen
Mehrfachteststreifen, HarnuntersuchungHarnuntersuchung:MehrfachteststreifenTeststreifen haben ihren festen, unverzichtbaren Platz in der Labordiagnostik erobert. Sie liefern zuverlässige und schnelle Aussagen bei bestimmten Veränderungen und sind einfach und unproblematisch in der Handhabung (Atlas Abb. 15-12).
Einsatzgebiete.Teststreifen werden heute vor allen Dingen in der Vorfelddiagnostik, zu Routineuntersuchungen und zur Kontrolle des Krankheitsverlaufes eingesetzt.
Parameter.Vom Handel werden Teststreifen mit den folgenden Parametern angeboten: spezifisches Gewicht, pH-Wert, Leukozyten, Nitrit, Eiweiß, Glukose, Ketonkörper, Urobilinogen, Bilirubin, Blut (Erythrozyten, Hämoglobin).
Probengewinnung.Es dürfen nur völlig saubere Sammelgefäße verwendet werden. Es ist darauf zu achten, dass keine Desinfektions- und Reinigungsmittelrückstände vorhanden sind, da sie zu Verfälschungen bestimmter Testfelder führen können.
In den meisten Fällen hat es sich bewährt, Morgenurin zu verwenden, da er, durch eine genügend lange Verweildauer in der Blase, weitgehend unabhängig von tageszeitlichen Schwankungen und von der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ist. Eine Ausnahme bildet eine Untersuchung auf Glukosurie, da hier zweckmäßigerweise ein Urin verwendet wird, der ungefähr zwei Stunden nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit gelassen wurde.
Empfehlenswert ist die Verwendung von Mittelstrahlurin, da er weniger Verunreinigungen aufweist als Spontanurin. Zur Gewinnung wird die erste Portion des Urins in die Toilette gelassen. Die mittlere Portion wird in dem Sammelgefäß aufgefangen. Das letzte Drittel geht wieder in die Toilette.
Eine Kontamination des Urins tritt vor allen Dingen bei Frauen mit Ausfluss auf.
Bei Frauen sollte während der Menstruation und zwei bis drei Tage davor und danach möglichst keine Untersuchung mittels Teststreifen zur Harnanalyse erfolgen, da es hier sehr häufig zu Kontaminationen kommt, z. B. durch Erythrozyten der Monatsblutung oder durch Leukozyten bei Ausfluss.
Probenaufbewahrung.Nachdem der Urin gelassen wurde, sollte er so schnell wie möglich untersucht werden, spätestens jedoch vier Stunden nach der Miktion. Die Verfälschung von Testwerten kann entsprechend verlangsamt werden, wenn der Urin in einem geschlossenen Behälter im Kühlschrank aufbewahrt wird. Das Sammelgefäß darf nicht dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt werden.
Durchführung.Den Teststreifen maximal eine Sekunde in die Harnprobe eintauchen. Es ist darauf zu achten, dass alle Testfelder befeuchtet werden. Danach überschüssigen Harn am Rand des Sammelgefäßes abstreifen.
Das Ergebnis wird nach 30 bis 60 Sekunden mit der Farbskala auf der Verpackung der Harnstreifen verglichen.
Tritt im Urin nur eine geringe Menge Blut auf, so erfolgt ein Farbumschlag des Teststreifens erst ein bis zwei Minuten nach dem Eintauchen. Diese Veränderung kann dann ebenfalls zur Beurteilung des Krankheitsbildes verwendet werden. Alle anderen Farbveränderungen, die nach mehr als zwei Minuten auftreten oder die sich nur an den Rändern der Testbezirke abspielen, können diagnostisch nicht verwertet werden.
Es ist darauf zu achten, dass der Sammelbehälter wieder gut verschlossen wird, damit die Teststreifen vor Luftfeuchtigkeit geschützt sind.
Spezifisches Gewicht
Das spezifische Gewicht des Urin:Gewicht, spezifischesHarn:Gewicht, spezifischesGewicht des HarnsHarns wird in erster Linie von der Flüssigkeitsaufnahme und von der Flüssigkeitsabgabe über die Nieren bestimmt. Es kann beim Gesunden grundsätzlich zwischen 1.000 kg/m3 nach einer überreichlichen Wasseraufnahme bis hin zu 1.040 kg/m3 nach Dursten schwanken.
Um vergleichbare Werte zu bekommen, sollte der Patient am Vorabend keine zu großen Flüssigkeitsmengen mehr zu sich genommen haben. Außerdem sollte nur der Morgen- und nicht der Tagesurin untersucht werden. Noch besser ist allerdings die Untersuchung des 24-Stunden-Sammelurins.
Beurteilung.
  • erniedrigtes spezifisches Gewicht. Wird ein erniedrigtes spezifisches Gewicht gefunden, so kommen als zugrundeliegende Ursache eine große Trinkmenge, Diabetes mellitus, Diabetes insipidus, Hyperaldosteronismus, Diuretika-Einnahme oder Nierenerkrankungen in Betracht.

  • erhöhtes spezifisches Gewicht. Hier muss an eine herabgesetzte Flüssigkeitsaufnahme und an Fieber gedacht werden.

pH-Wert
Der pH-Urin:pH-WertpH-Wert, HarnHarn:pH-WertWert beim Gesunden schwankt in den weiten Bereichen von 4,5 bis 8. Meistens werden jedoch pH-Werte zwischen 5 bis 7 gemessen. Der pH-Wert ist in erster Linie von der Ernährung abhängig, wird aber auch von der allgemeinen Stoffwechsellage und von der Einnahme bestimmter Medikamente beeinflusst.
Beurteilung.Treten über längere Zeit saure Werte auf, liegt also der pH-Wert anhaltend unter 5, so muss man vor allen Dingen an eine Gichterkrankung denken. Dabei muss in Betracht gezogen werden, dass sich eventuell Harnsäuresteine gebildet haben können. Werden über mehrere Tage anhaltend alkalische Werte über pH 7 gefunden, so kann die Ursache ein Harnweginfekt sein.
Fehlerquellen.Wird der Urin vor der Untersuchung zu lange stehen gelassen, so können sich falsch-alkalische Werte ergeben. Das Ergebnis kann in diesem Fall nicht verwertet werden.
Leukozyturie
Unter einer LeukozyturieLeukozyturie versteht man ein vermehrtes Auftreten von Leukozyten im Urin. Eine solche erhöhte Leukozytenzahl kann sich bei entzündlichen Erkrankungen der Nieren und/oder der ableitenden Harnwege einstellen. Bei chronischen Verläufen dieser Erkrankungen ist die Leukozyturie ein konstanteres Symptom als auftretende Bakterien im Urin!
Ursachen.Besonders wichtig ist eine Leukozyturie zum Auffinden einer chronischen Pyelonephritis, da sie oft das einzige Symptom ist. Natürlich kann eine Leukozyturie aber auch bei allen anderen entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege wie Glomerulonephritis, Urethritis und Zystitis vorkommen, aber auch bei Harnsteinen oder bei angeborenen Fehlbildungen, die zu Harntransportstörungen geführt haben.
Bei einer abakteriellen Leukozyturie kommen abheilende Harnweginfekte, Schädigungen der Niere durch Schmerzmittel und degenerative Erkrankungen der Nierenkörperchen in Betracht. Außerdem Infektionen durch Erreger, die mit dem Nitritfeld nicht nachweisbar sind wie Viren, Pilze, Trichomonaden, Gonokokken und Mykoplasmen. Differenzialdiagnostisch müssen aber auch alle Arten von Harntransportstörungen, Tumoren und Tuberkulose der Nieren und der ableitenden Harnwege in Betracht gezogen werden.

Leukozyturie

kann das einzige Zeichen einer chronischen Pyelonephritis sein!
Aber nicht jede Leukozyturie ist auf eine chronische Pyelonephritis zurückzuführen!
  • Leukozyturie und Bakteriurie. Meist treten bei entzündlichen Erkrankungen der Harnwege gleichzeitig eine Leukozyturie und eine Bakteriurie auf. In diesen Fällen ist klar, dass Bakterien zu einer Entzündung geführt haben.

  • Leukozyturie und Glukosurie. Kommt es sowohl auf dem Leukozyten- als auch auf dem Glukosefeld zu einem Farbumschlag, so ergibt das einen starken Verdachtshinweis auf eine Diabetes-mellitus-Erkrankung, die bereits zu einer diabetisch bedingten Nierenschädigung geführt hat. Evtl. können je nach eingetretener Nierenschädigung auch Albumine und Blut nachweisbar sein.

Fehlerquellen.Eine massive Albuminurie oder Antibiotikaeinnahme können zu einem falsch-negativen Befund führen.
Nitrit im Urin
Nitrit im UrinHarnuntersuchung:NitritbefundEscherichia coli, der häufigste Erreger von Harnwegsinfektionen, aber auch andere krankmachende Keime, bauen das im Urin vorhandene Nitrat zu Nitrit um. Dadurch ist ein indirekter Nachweis von nitritbildenden Keimen möglich. Ein positiver Nitritbefund weist somit auf einen Harnwegsinfekt hin.
Fehlerquellen.Die Treffsicherheit des Testfeldes ist sehr hoch, da schon bei einmaliger Untersuchung ungefähr 90 % der Harnweginfekte erfasst werden. Damit die Umwandlung von Nitrat zu Nitrit erfolgen kann, ist eine bestimmte Verweildauer des Harns in der Blase notwendig. Deshalb sollte der Morgenurin verwendet werden, da damit gewährleistet ist, dass die Verweildauer in der Blase mindestens vier bis sechs Stunden betragen hat.
  • Es ist darauf zu achten, dass der Patient am Vortag eine normale gemüsehaltige Nahrung (Spinat, Kohlrabi, Karotten) zu sich genommen hat, damit eine ausreichende Menge Nitrat im Harn gesichert ist.

  • Eine Antibiotika- oder eine Chemotherapie könnte zu einem falsch-negativen Befund führen, da die Anzahl der Keime so herabgesetzt ist, dass für den Test nicht genug Nitrit gebildet wurde.

Beurteilung.Auch schon eine geringe Rosa-Färbung des Testfeldes ist als positiver Befund zu werten. Es ist zu beachten, dass ein negatives Ergebnis einen vorliegenden Harnwegsinfekt nicht ausschließt, da auch nicht-nitritbildende Keime Harnwegsinfekte verursachen können!
Proteinurie
Harnuntersuchung:Eiweißbefund, krankhafterTreten im Urin vermehrt Eiweiße (ProteinurieProteinurie) auf, so kann es sich um eine pathologische oder um eine physiologische Eiweißausscheidung handeln. An eine pathologische Eiweißausscheidung aufgrund einer Nierenerkrankung ist vor allen Dingen beim Diabetiker und beim Hypertoniker zu denken. Gelingt es in diesen Fällen nicht, eine wirkungsvolle Therapie einzuleiten, so muss man mit einer fortschreitenden Niereninsuffizienz rechnen. Gerade diese Nierenschäden lassen sich aber mit einem neueren Test (Mikroalbuminurie) schon in einem frühen Stadium feststellen (s. u.).
  • gutartige Proteinurie. Gutartige Proteinurien werden v. a. bis zum 30. Lebensjahr gefunden. Als Ursachen kommen körperliche Anstrengungen, Stress, Lordose, längeres Stehen, Unterkühlung, Erhitzung, Schwangerschaft und Einnahme gefäßverengender Medikamente in Betracht. Ein wichtiges Kennzeichen der gutartigen Proteinurie ist es, dass sie intermittierend auftritt. Typisch ist, dass im ersten Morgenurin eine normale Eiweißausscheidung gefunden wird, im Tagesverlauf können dann die Werte ansteigen. Dabei liegt die Eiweißkonzentration im 24-Stunden-Sammelurin unter 30 mg. Das intermittierende Auftreten ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu einer pathologischen Eiweißausscheidung im Urin.

  • pathologische Proteinurie. Hier kommt v. a. eine Nierenschädigung durch Diabetes mellitus oder Bluthochdruck in Betracht. Eine Proteinurie kann jedoch auch auftreten bei Pyelonephritis, Zystenniere, Gichtniere und Schmerzmittelniere (Analgetikaniere). Ist eine Glomerulonephritis die Ursache, so kommt es meist zusätzlich zu einer Mikrohämaturie (Abschn. 15.4.4).

Die Ursachen können jedoch auch außerhalb der Nieren liegen, z. B. in Fieber oder in einer Herzinsuffizienz, die zu Stauungsnieren geführt hat. Charakteristisch ist in diesen Fällen, dass die Eiweißausscheidung nach Beseitigung der Ursache wieder verschwindet. Nierenbedingte Proteinurien sind persistierend, das heißt, sie werden im Tages- und Nachturin gefunden.
Eine Eiweißausscheidung im Urin eignet sich nicht nur zum Aufdecken einer Nierenerkrankung, sondern auch sehr gut zur Verlaufskontrolle. Es ist allerdings zu beachten, dass nicht alle auftretenden Eiweiße im Urin mittels Teststreifen nachgewiesen werden können und deshalb ggf. weitere Untersuchungen nötig sind.
Mikroalbuminurie. Wie bereits oben dargelegt, eignet sich der Nachweis einer MikroalbuminurieMikroalbuminurie v. a. bei Diabetes mellitus und Bluthochdruck zum Aufdecken einer Nierenschädigung. Mit diesem Testverfahren ist es möglich, eine Nierenerkrankung in einem so frühen Stadium zu erkennen, sodass sie noch gut behandelt werden kann. Dies geschieht beim Diabetiker durch eine optimale Stoffwechseleinstellung und beim Hypertoniker durch blutdrucksenkende Maßnahmen. Zur Harnuntersuchung soll in diesen Fällen der erste Morgen-Mittelstrahlurin verwendet werden, da die Eiweißausscheidung in diesem frühen Stadium noch im Tagesverlauf schwankt. Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu bekommen, wird an drei Tagen – möglichst innerhalb einer Woche – untersucht. Die Durchführung des Tests weicht etwas von der Darstellung der hier besprochenen Teststreifen ab. Die entsprechenden Herstellerhinweise sind zu beachten.
Glukosurie
Eine erhöhte Glukoseausscheidung im Harnuntersuchung:GlukosebefundGlukoseausscheidung im HarnUrin (GlukosurieGlukosurie) kann ein wichtiger Hinweis zum Auffinden einer unentdeckten Diabetes-mellitus-Erkrankung sein. Selbstverständlich genügt der Nachweis von Glukose im Urin alleine nicht, um die Diagnose „Diabetes“ zu stellen, sondern hier sind weitere Blutuntersuchungen nötig. Einer Glukoseausscheidung im Harn könnten aber auch die nachstehend aufgeführten Ursachen zugrunde liegen.
Ursachen
  • Diabetes mellitus

  • Ernährungsbedingte Glukosurie. Nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit kommt es auch beim Gesunden zu einer ernährungsbedingten Glukoseausscheidung im Urin. Dies dient dazu, die Glukosekonzentration im Blut im Normbereich zu halten.

  • renale Glukosurie. Normalerweise scheidet die Niere erst Glukose aus, wenn der Blutzucker 160 bis 180 mg/dl beträgt. Gerade während der Schwangerschaft wird häufig eine renal bedingte Glukosurie beobachtet.

  • Nierenerkrankungen. Sinkt die Nierenfunktion auf unter 30 %, so kommt es zum vermehrten Auftreten von Glukose im Urin. Diese Glukoseausscheidung tritt bei akutem und chronischem Nierenversagen auf.

Fehlerquellen.Zu einem falsch-positive Befund kann es durch Rückstände von Reinigungsmittel kommen, zu einem falsch-negativen durch Einnahme von Rheumamitteln (Gentisinsäure) oder durch einen Urin-pH-Wert < 5.
Azetonurie (Ketonurie)
KetonurieHarnuntersuchung:KetonkörperbefundAzetonurieKetonkörper sind eine Sammelbezeichnung für Azetessigsäure, Betahydroxybuttersäure und Azeton. Ketonkörper fallen vermehrt an, wenn im Körper gesteigert Fette abgebaut werden. Dies kann beim Diabetiker (s. u.), bei erhöhter Glukagonkonzentration im Blut, aber auch bei Hungerzuständen und beim Fasten der Fall sein.
Ursachen
  • Diabetes mellitus. Eine Ketonurie ist besonders beim Diabetiker wichtig zu erkennen, da präkomatöse und komatöse Zustände fast immer von einer Ketonurie begleitet werden (Ausnahme: hyperosmolares Koma). In diesen Fällen findet man aber nicht nur eine Keton-, sondern auch eine Glukosurie.

  • Hunger-, Fasten- und Schlankheitskuren. Eine Ketonurie tritt bei Hunger- und Fastenkuren (Null-Diäten und Totalfasten) auf; ebenfalls bei Schlankheitskuren, bei denen keine Kohlenhydrate aufgenommen werden, aber gleichzeitig eine eiweißreiche Ernährung stattfindet.

  • Erbrechen. Schwangerschaftserbrechen oder lang andauerndes Erbrechen aus anderen Ursachen kann zur Ketonurie führen.

Bewertung.Beim Diabetiker sollte regelmäßig eine Überprüfung auf Ketonurie stattfinden, um Stoffwechselentgleisungen möglichst rechtzeitig zu erkennen. Kommt es zur Ketonurie aufgrund von Fasten- oder Schlankheitskuren, so ist auch eine langandauernde Ketonurie unbedenklich. Sie kann in diesen Fällen sogar als Kontrolle benutzt werden, ob die geforderte Diät eingehalten wird.
Urobilinogen im Urin
Urobilinogen im UrinTritt vermehrt Harnuntersuchung:UrobilinogenbefundUrobilinogen im Urin auf, so muss man in zwei Richtungen differenzialdiagnostische Überlegungen anstellen: Zum einen kann eine gestörte Leber-Galle-Funktion zugrunde liegen oder ein vermehrter Hämoglobinabbau die Ursache sein.
Urobilinogen wird im Wesentlichen durch die Darmbakterien aus Bilirubin gewonnen. Zu einem geringen Teil wird es jedoch auch in den ableitenden Gallenwegen hergestellt. Normalerweise wird ein Teil des Urobilinogens über den Pfortaderkreislauf wieder der Leber zugeführt. Scheiden die Nieren vermehrt Urobilinogen aus, so ist das ein Hinweis darauf, dass im Blut der Urobilinogenspiegel erhöht ist. Dies kann der Fall sein, weil die Leber das über die Pfortader zugeführte Urobilinogen nicht weiter abbaut, da sie in ihrer Arbeit beeinträchtigt ist. Eine andere Möglichkeit ist, dass das Pfortaderblut nicht ungehindert in die Leber einfließen kann, weil ein Pfortaderhochdruck vorliegt, z. B. aufgrund einer Leberzirrhose, einer Pfortaderthrombose oder durch einen gut- oder bösartigen Tumor, der von außen auf die Pfortader drückt.
Ursachen
  • vermehrter Hämoglobin-Abbau. Grund hierfür kann eine hämolytische Anämie oder eine andere Bluterkrankung sein, die mit einer Erhöhung der roten Blutkörperchen einhergeht, wie z. B. Polyzythämie oder Polyglobulie.

  • Lebererkrankungen. Es kommen alle Lebererkrankungen in Betracht wie Virushepatitis, chronische Hepatitis, toxische Leberschädigung (z. B. durch Alkohol oder Medikamente), Stauungsleber durch Herzinsuffizienz, Leberzirrhose und Lebertumoren. Jedoch können auch andere Erkrankungen, v. a. Infektionskrankheiten, zu einer sekundären Leberschädigung und damit zum Urobilinogenanstieg führen.

  • Infektionen der Gallenwege. Hier kommen alle Entzündungen der Gallenwege (Cholangitis) in Betracht.

  • Darmerkrankungen. Der Urobilinogenanstieg kann auch auf eine erhöhte Tätigkeit von Darmbakterien zurückzuführen sein aufgrund von Verstopfung, vermehrter Gärung, Darmverschluss und Entzündungsvorgängen im Dünn- und Dickdarm.

Fehlerquellen.Wird der Urin direkter Sonnenbestrahlung ausgesetzt, kann es zu falsch-negativen Befunden kommen. Außerdem können Medikamente eine Verfälschung des Testfeldes herbeiführen. Es ist zu beachten, dass besonders am Nachmittag nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit höhere Werte auftreten können, die keinen Krankheitswert haben.
Bilirubin im Urin
Harnuntersuchung:BilirubinbefundBilirubin:UrinBilirubin fällt beim Abbau der roten Blutkörperchen in der Milz, der Leber und im Knochenmark an. Dieses (unkonjugierte) Bilirubin wird in die Leberzelle transportiert und hier an Glukuronsäure gekoppelt. Danach wird das Bilirubin als konjugiertes Bilirubin bezeichnet; es ist nunmehr wasserlöslich. Dieses wasserlösliche, konjugierte Bilirubin ist ausscheidungsfähig und kann im Urin auftreten.
Ursachen.Zu einem vermehrten Auftreten von Bilirubin im Harn kommt es, wenn das Bilirubin von der Leber aufgrund eines intra- oder posthepatischen Verschlusses nicht über die Gallenwege in den Darm abgegeben werden kann. Ursachen für einen solchen Verschlussikterus können eine akute oder chronische Hepatitis, eine Leberzirrhose oder ein Verschluss der Gallenwege durch Steine oder Tumoren (Gallenwegstumor, Pankreaskopfkarzinom) sein.
Fehlerquellen.Große Mengen Nitrit, aber auch zu langes Stehenlassen des Urins unter Lichteinwirkung kann zu falschen Ergebnissen führen.
Hämaturie
Harnuntersuchung:BlutbefundObwohl sehr viele Erkrankungen zu Blut im Blut im UrinUrin (HämaturieHämaturie) führen können, gilt eine Hämaturie so lange als Tumorverdachtszeichen, bis dafür eine andere Ursache gefunden werden kann.
Bewertung.Man unterscheidet Mikro- und Makrohämaturie. Bei einer Mikrohämaturie kann man die Blutbeimengung nur mittels Testverfahren nachweisen. Eine Makrohämaturie dagegen ist schon mit bloßem Auge zu erkennen.
Ursachen
  • Infektionen der Nieren und der ableitenden Harnwege, wobei in diesem Fällen häufig auch Leukozyten und Nitrit im Harn nachweisbar sind. Ursachen können Pyelonephritis, Urethritis oder Zystitis sein.

  • Glomerulonephritis. Sie tritt v. a. nach eitrigen Streptokokken-Infektionen des Hals-Kopf-Bereichs auf. Oft findet man eine Erhöhung des diastolischen Blutdruckwertes oder eine Eiweißausscheidung im Urin.

  • Steinbildung. Meistens verursachen Steine Schmerzen in den ableitenden Harnwegen. Im Anfangsstadium kann eine Steinbildung jedoch auch schmerzlos verlaufen.

  • hämorrhagische Diathese. Ursache kann eine Infektionskrankheit sein, die zur vermehrten Blutungsneigung geführt hat oder eine Therapie mit Antikoagulanzien. Des Weiteren können eine Hämophilie (Bluterkrankheit) oder eine Thrombozytopenie vorliegen.

  • Tumor. Es kommen v. a. bösartige Tumoren der Nieren, der ableitenden Harnwege und der Blase in Betracht. Gerade in diesen Fällen kann Blut im Urin auftreten, schon lange Zeit bevor über erste Beschwerden geklagt wird.

  • Prostatitis

  • Stauungsnieren durch Rechtsherzinsuffizienz

  • Analgetikaniere (Schmerzmittelniere)

  • Diabetes mellitus

  • Nierenzysten

  • Nierentuberkulose

  • Gichtniere

  • Regelblutung. Bei Frauen kann es sich um eine Kontamination durch Menstruationsblut oder durch Schmierblutungen handeln.

Zweigläserprobe.Zweigläserprobe<2003>Die Zweigläserprobe wird bei Blutbeimengung im Urin durchgeführt. Dabei wird der Patient aufgefordert, seinen Harn nacheinander in zwei Gläser zu entleeren:
  • initiale Hämaturie. Die Blutbeimengung befindet sich nur in der ersten Portion, die zweite ist klar. In diesem Fall liegt beim Mann oft eine Urethritis, eine Prostatitis oder ein Prostatakarzinom vor; bei der Frau ist häufig ein Harnröhrenpolyp die Ursache.

  • absolute Hämaturie. Die Blutbeimengung befindet sich gleichmäßig in beiden Portionen. In diesem Fall spielt sich ein Prozess in der Blase, dem Harnleiter, dem Nierenbecken oder in der Niere ab.

Blutungsquellen

  • initiale Hämaturie: Harnröhre, ProstataGesetz:Heilpraktikergesetz

  • absolute Hämaturie: Blase, Harnleiter, Nierenbecken, Niere

Erkrankungen der harnableitenden Organe und Nieren

Organ, harnableitendes:ErkrankungNiere:ErkrankungHarnapparat:ErkrankungDie wichtigsten begünstigenden Faktoren einer HarnweginfektionHarnweginfektion sind
  • Harnabflussstörungen, z. B. durch anatomische Anomalien der Nieren und der ableitenden Harnwege, Verlegungen (Steine, Prostataadenom, Urethralklappen, Tumoren), Gebärmuttersenkung, Blasenfunktionsstörungen (neurogene Störungen z. B. durch Querschnittslähmung)

  • Schmerzmittelmissbrauch (Analgetikaabusus)

  • Schwangerschaft

  • „Flitterwochen-Zystitis“. Damit meint man, dass es bei Frauen durch häufigen Geschlechtsverkehr zur Zystitis kommt. Die Zystitis kann zum einen durch eine Erregereinschleppung verursacht werden, zum anderen ist es jedoch auch möglich, dass sich die Frau durch die Erkrankung (unbewusst) vor weiteren sexuellen Anforderungen schützen möchte.

  • Katheterisierung und urologische Untersuchung mit unsterilen Instrumenten

  • Unterkühlung, Durchnässung, „kalte Füße“

  • Diabetes mellitus

  • Gicht

  • Abwehrschwäche

  • immunsuppressive Therapie

In weitaus den meisten Fällen (ca. 98 %) erfolgt die Keimbesiedelung des Harntrakts aufsteigend von der Harnröhre aus. Bei einer Vorschädigung der Niere kann die Absiedlung auch auf dem Blut- oder Lymphweg erfolgen (hämatogene bzw. lymphogene Absiedlung).
Jede zweite Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an einer Harnblasenentzündung. Der Grund liegt in der Kürze der Harnröhre und der unmittelbaren Nähe der Analregion, gegen deren Kontamination sie nur unzureichend geschützt ist. Bei Männern treten Harnweginfekte erst im höheren Lebensalter gehäuft auf. Hier ist die Ursache meist in Prostataerkrankungen zu suchen.

Harnblasenentzündung

HarnblasenentzündungBei einer ZystitisZystitis kommt es zu einer schmerzhaften Entzündung der Harnblase. Betroffen sind v. a. Frauen im geschlechtsreifen Alter und Kinder.
Ursachen.Meist handelt es sich um eine Entzündung, die durch Escherichia coli-Bakterien verursacht wird, die über die Harnröhre in die Blase aufgestiegen sind. Allerdings kommen auch andere Bakterien, Viren und Pilze in Betracht. Beim Auftreten einer Blasenentzündung muss man nach begünstigenden Faktoren suchen (s. o.).
Urinbefund.Der Urin ist durch die Bakterientätigkeit meist alkalisch. Im Urin befinden sich Bakterien, Leukozyten, evtl. Erythrozyten und geringfügig Albumine.
Sonderformen.Von der bakteriell verursachten Harnblasenentzündung müssen die Reizblase und die asymptomatische Bakterienausscheidung im Urin abgegrenzt werden.
  • Reizblase (neurogene Blase, neurogeneBlase). Die ReizblaseReizblase tritt bevorzugt bei Frauen auf. Es handelt sich um einen chronischen Reizzustand des unteren Harntrakts, ohne dass Erreger nachgewiesen werden können. Man vermutet, dass die oft erheblichen Beschwerden Dysurie (s. u.) und Harndrang auf psychovegetativen Störungen beruhen.

  • asymptomatische Harnuntersuchung:B∗akterienbefund, asymptomatischer∗Bakterienausscheidung im Urin. Im Harn können Bakterien nachgewiesen werden, im Harnsediment kommt es nicht zu Veränderungen. Es bestehen keine Symptome.

Es ist zu beachten, dass der vordere Harnröhrenabschnitt physiologischerweise mit Keinem besiedelt ist, wohingegen die Harnblase keimfrei ist. Dabei kommt dem unteren Ringmuskel eine „Schrankenfunktion“ zu.
Symptome.Die wichtigsten Symptome der Zystitis sind eine erschwerte und schmerzhafte Blasenentleerung (Dysurie) mit häufiger, evtl. tropfenweise Entleerung kleiner Urinmengen (Pollakisurie), evtl. auch nächtliches Wasserlassen (Nykturie). Meist liegen Blasentenesmen vor, mit andauerndem, schmerzhaftem Harndrang.
Handelt es sich um eine einfache Blasenentzündung ohne Beteiligung des Nierenbeckens, so tritt kein Fieber und kein Flankenschmerz auf.

Leitsymptome der Zystitis

  • Dysurie (erschwerte, schmerzhafte Blasenentleerung)

  • Pollakisurie (häufige Entleerung kleiner Harnmengen)

  • Nykturie (nächtliches Wasserlassen)

  • Harninkontinenz

  • Blasentenesmen

Therapie.Lokale Wärmeanwendung mit entkrampfenden Maßnahmen und Kneipp-Anwendungen. Die tägliche Trinkmenge soll auf über 2 Liter pro Tag gesteigert werden. Das wichtigste pflanzliche Mittel sind Bärentraubenblätter. Außerdem kommen Goldrute als Nierenmittel und Petersilienfrüchte in Betracht. Es stehen viele gute Fertigpräparate von verschiedenen Firmen zur Verfügung, die pflanzliche und/oder homöopathische Wirkstoffe enthalten.
In jedem Fall muss sorgfältig geprüft werden, ob eine Antibiotikagabe durch den Arzt erforderlich ist.

Akute Pyelonephritis

Bei der akuten PyelonephritisPyelonephritis handelt es sich um eine bakteriell bedingte Entzündung des Nierenbeckens, der Nierenkelche und des Nierenzwischengewebes (Stroma) mit oder ohne Beteiligung des Nierenmarks.
Ursachen.Die Bakterien (zu 80 % Escherichia coli, auch Proteus, Klebsiellen, Staphylokokken) steigen fast immer über Harnröhre und Harnblase auf. Damit es allerdings zur Pyelonephritis kommen kann, spielen begünstigende Faktoren eine wichtige Rolle (Abschn. 15.4 Einleitung).
Symptome.Häufig besteht zuerst eine Blasenentzündung mit den typischen Beschwerden. Als Zeichen der akuten Pyelonephritis treten nun hinzu: Fieber, Flankenschmerz und Klopfempfindlichkeit der Nierenlager (meist einseitig). Oft kommt es zu Müdigkeit und vermehrtem Durst, manchmal auch zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfällen.

Symptomentrias der akuten Pyelonephritis

  • Dysurie (kann allerdings auch fehlen)

  • Fieber (evtl. Schüttelfrost)

  • Klopfempfindlichkeit der Nierenlager

Diagnose.Im Urin können Bakterien, Leukozyten, evtl. Albumin und Erythrozyten nachgewiesen werden. Im Blut findet man eine Leukozytose mit Linksverschiebung, eine BKS-Beschleunigung und CRP-Anstieg.
Prognose.Meist heilt die Krankheit gut aus, sie kann jedoch in eine chronische Verlaufsform übergehen.
Therapie.Die akute Pyelonephritis muss vom Arzt mit Antibiotika behandelt werden. Sie erfordert strenge Bettruhe. Oft werden örtliche Wärmeanwendungen als wohltuend empfunden. Der Heilpraktiker kann begleitend behandeln, z. B. mittels Homöopathie, Akupunktur u. v. m.

Chronische Pyelonephritis

Die chronische Pyelonephritis kann als Folge einer nicht ausgeheilten akuten oder als Folge von rezidivierenden Pyelonephritiden auftreten. Man geht davon aus, dass bei einer chronischen Pyelonephritis immer eine Harnabflussbehinderung vorliegt.
Die chronische Pyelonephritis spielt sich wie auch die akute im Nierenbecken, den Kelchen und im Niereninterstitium ab, kann aber auch auf das Parenchym übergreifen und so zu einer mehr oder weniger starken Schädigung v. a. der Harnkanälchen, evtl. auch der Nierenkörperchen führen.
Symptome.Oft ist der Verlauf symptomenarm oder sogar symptomlos. Es können über lange Zeit uncharakteristische Beschwerden bestehen: Kopfschmerzen, leichte Ermüdbarkeit und unklare Fieberanfälle.
Auch symptomlose oder symptomarme Verläufe können zu schweren Nierenschädigungen bis zum Nierenversagen führen und so eine Dauerdialysebehandlung (künstliche Niere) notwendig machen!

Eine chronische Pyelonephritis entwickelt sich nur, wenn Harnabflussbehinderungen vorliegen!

Während der beschwerdefreien Intervalle ist eine Leukozyturie oft der einzige Hinweis auf die vorliegende Erkrankung!

Diagnose.Bei akuten Schüben kann man im Urin Leukozyten und Bakterien finden, in den chronischen Phasen lediglich Leukozyten.
Im Blut kann es zu BKS-Beschleunigung, CRP-Anstieg, Leukozytose (bei eitrigen Nierenkomplikationen) und Anämie kommen. Um sich ein Bild über die Nierenfunktion machen zu können, sollten Kreatinin und Harnstoff bestimmt werden.
Komplikationen.Eitrige Nierenentzündungen, renale Hypertonie, Sepsis, Niereninsuffizienz bis Nierenversagen (Schrumpfniere).
Therapie.Es müssen die begünstigenden Faktoren ausgeschaltet werden. Eine evtl. bestehende Infektion muss durch den Arzt mittels Antibiotika behandelt werden. Der Heilpraktiker kann begleitend behandeln.

Akute (immunogene) Glomerulonephritis

Glomerulonephritis, akuteGlomerulonephritis ist ein Sammelbegriff für verschiedenartige Nierenerkrankungen, bei denen es in den Nierenkörperchen, den Glomeruli, zu entzündlichen Veränderungen kommt. Eine Glomerulonephritis kann akut mit guter Prognose und chronisch mit schlechter Prognose auftreten. Von diesen beiden Formen müssen die schnell fortschreitende (rapid progressive) Glomerulonephritis, bei der es innerhalb von Wochen bis Monaten zum Nierenversagen kommen kann und die nichtentzündlichen Glomerulopathien, wie sie z. B. bei Diabetes mellitus auftreten (diabetische Glomerulosklerose) unterschieden werden.
Ursache.Der Entzündung der Glomeruli liegt ein immunologischer Vorgang zugrunde. Dabei kommt es ein bis drei Wochen nach einer Streptokokkeninfektion z. B. der Mandeln, der Nasennebenhöhlen, der oberen Luftwege, der Ohren oder der Zahnwurzeln durch die Toxine der Erreger in den Glomeruli zu einer Antigen-Antikörper-Reaktion. Gelegentlich können auch Staphylokokken, Pneumokokken und Viren eine Glomerulonephritis auslösen (sehr selten).
Symptome.(Gesichts- bzw. Lid-)Ödeme, Kopfschmerzen, Hypertonie, Gliederschmerzen, evtl. Fieber, Schmerzen in der Nierengegend. Allerdings verläuft ca. die Hälfte der Fälle symptomlos und sie wird nur zufällig oder zu spät diagnostiziert!
Komplikationen.Eventuell entwickelt sich durch die Oligurie und der dadurch bedingten Überwässerung ein Lungenödem. Außerdem kann es durch die Blutdrucksteigerung zu einer hypertonen Krise mit Linksherzversagen, evtl. auch zur Dyspnoe und zum Lungenödem kommen.
Diagnose.Im Urin Mikro- (evtl. Makro)hämaturie und Albuminurie; im Blut Nachweis des Antistreptolysintiters, außerdem können Kreatinin und Harnstoff leicht ansteigen (DD: rapid progressive Glomerulonephritis mit hohem Anstieg).
Bei Streptokokkeninfekten muss unterschieden werden zwischen einer
  • intrainfektiösen Hämaturie, die relativ harmlos ist und wieder spontan verschwindet und einer

  • postinfektiösen Hämaturie, die gefährlich ist, da sie anzeigt, dass sich eine akute Glomerulonephritis entwickelt hat.

Symptomen-Trias (Volhard-Trias)

Volhard-TriasBei akuter Glomerulonephritis liegt häufig folgende Symptomentrias vor:
  • Hämaturie

  • Hypertonie

  • Ödeme

Die Hälfte der Fälle verläuft allerdings symptomlos!
Prognose.Bei Kindern heilt die Krankheit in über 90 % der Fälle völlig aus, bei Erwachsenen nur bei 50 %. Bei den restlichen Fällen kann es zur Defektheilung kommen oder zu einem Übergang in eine chronische Verlaufsform, evtl. bis zum Nierenversagen. Selten kommt es zu tödlichen Komplikationen wie Linksherzversagen oder Lungenödem.
Therapie.In den ersten Wochen strengste Bettruhe, um Herz und Kreislauf zu entlasten. Bei eingeschränkter Nierenfunktion muss die Zufuhr von Kochsalz, Flüssigkeit und Eiweiß eingeschränkt werden. Der Streptokokkeninfekt muss durch den Arzt mit Antibiotika behandelt werden, evtl. werden auch Immunsuppressiva und Kortison eingesetzt. Bluthochdruck, Ödeme und Herzinsuffizienz werden symptomatisch therapiert. Der Heilpraktiker kann begleitend behandeln. Um eventuelle chronische Verlaufsformen zu erfassen, müssen sich die Nachsorgeuntersuchungen auf mehrere Jahre erstrecken.

Akute Glomerulonephritis

Ärztliche Antibiotikagabe ist unverzichtbar.

Chronische Glomerulonephritis

Glomerulonephritis, chronischeMan fasst darunter verschiedene Erkrankungen zusammen, die mit einer Schädigung der Nierenkörperchen einhergehen. In der Mehrzahl der Fälle findet man in der Anamnese keine vorausgegangene akute Glomerulonephritis. Es wird vermutet, dass allen Fällen einer chronischen Glomerulonephritis ein Immungeschehen zugrunde liegt.
Verlaufsform.Man unterscheidet zwei Verlaufsformen:
  • vaskulär-hypertone Verlaufsform: die Blutgefäßschlingen in den Glomeruli sind verändert und behindern den Blutdurchfluss. Die Folge ist eine Blutdruckerhöhung, wobei v. a. der diastolische Wert erhöht ist.

  • nephrotische Verlaufsform: die Durchlässigkeit der Glomeruli für Eiweiß steht im Vordergrund. Es kommt zu einer ausgeprägten Proteinurie, die evtl. zu einer Verringerung der Bluteiweiße führt. Der Blutdruck muss bei dieser Verlaufsform nicht erhöht sein.

Symptome.Schleichender Krankheitsbeginn, Hämaturie, Proteinurie, Hypertonie, evtl. entwickeln sich Zeichen einer langsam fortschreitenden Niereninsuffizienz (Abschn. 15.4.11).
Prognose.Die Erkrankung hat eine schlechte Prognose.
Therapie.Da die Ursache der Erkrankung unbekannt ist, steht in den meisten Fällen keine Therapie zur Verfügung. Spielt ein Autoimmungeschehen eine Rolle, können Immunsuppressiva, Kortison und Antiphlogistika eingesetzt werden. Meist beschränkt sich die Behandlung jedoch auf symptomatische Maßnahmen wie die Normalisierung des Bluthochdrucks. Wegen der Schwere der Erkrankung und des Einsatzes verschreibungspflichtiger Medikamente behandelt der Heilpraktiker nur begleitend.

Nephrotisches Syndrom

Unter dem Begriff Syndrom, nephrotischesnephrotisches Syndrom (EiweißverlustniereEiweißverlustniere) fasst man Nierenerkrankungen zusammen, die die folgenden Symptome vorweisen:
  • Protein- und Lipidurie (Eiweiß- und Fettausscheidung im Urin)

  • Hypoproteinämie (Mangel an Bluteiweißen)

  • Hyperlipidämie bzw. Hypercholesterinämie (erhöhte Fett- bzw. Cholesterinwerte im Blut)

  • massive Ödeme. Vor allem im Bereich der Augenlider und der unteren Extremitäten kommt es zu massiven Ödemen. Durch die mangelhafte Wasserausscheidung kann es zu einer Gewichtszunahme von mehr als 20 % des normalen Körpergewichts kommen (Atlas Abb. 15-15).

Die Ursache der Erkrankung liegt in einer veränderten Durchlässigkeit der Glomeruli aufgrund entzündlicher oder degenerativer Nierenerkrankungen.
Der Verlauf des nephrotischen Syndroms hängt von der zugrundeliegenden Erkrankung ab. Betroffen sind oft Diabetiker! Häufig gehen der Erkrankung Glomerulonephritiden (Entzündungen der Nierenkörperchen) voraus. Weitere mögliche Ursachen sind Kollagenosen, Nierenvenenthrombose oder toxische Schädigung (Schwermetalle, Antiepileptika u. a.).

Gichtnephropathie

GichtnephropathieIn einer „GichtniereGichtniere“ werden Harnsäurekristalle im Nierenparenchym abgelagert, was entzündliche Reaktionen zur Folge hat, die ihrerseits bis zur Schrumpfniere führen können. Außerdem entwickeln Gichtpatienten oft Nierensteine, weshalb die Gefahr besteht, wiederkehrende Pyelonephritiden und/oder Nierenkoliken zu erleiden.
Bei diesen Patienten müssen gleichzeitig die Stoffwechselerkrankung „Gicht“ und die Nierenschädigung behandelt werden. Bitte beachten Sie zur Gicht auch Abschn. 10.10.3.

Analgetikanephropathie

AnalgetikanephropathieDurch langjährige Einnahme von Schmerzmitteln kann sich eine AnalgetikaniereAnalgetikaniere („SchmerzmittelniereSchmerzmittelniere“) entwickeln. Bei den verursachenden Schmerzmitteln handelt es sich um Phenacetin, Paracetamol, nicht-steroidale Antiphlogistika und Mischanalgetika (= ASS, Paracetamol und Koffein). Die Nierenschädigung ist wahrscheinlich, wenn im Laufe der Jahre mehr als 1.000 g Phenazetin oder Paracetamol eingenommen wurden. Die Schmerzmittel führen in der Niere zu Durchblutungsstörungen und Papillennekrosen.
Betroffen sind meist Menschen, die unter Migräne oder Rheuma leiden.
Symptome.Im Frühstadium der Erkrankung treten meist keine Beschwerden auf. Manchmal kommt es jedoch zu Kopfschmerzen und Müdigkeit. Oft lässt sich eine Anämie nachweisen. Bei der Untersuchung fällt eine blasse (durch Anämie) oder schmutzig-grau-bräunliche Hautverfärbung (durch Stoffwechselanlagerungen im Gewebe) auf, evtl. findet man auch halonierte Augen, d. h. dunkle Ringe um die Augen.
Diagnose.Im Anfangsstadium der Erkrankung findet man typischerweise eine Leukozyturie ohne Nitrit, evtl. kommt es zur Hämaturie und zu einer gering ausgeprägten Proteinurie. Später lässt sich typischerweise Blut im Urin nachweisen, wenn komplizierende Harnwegsinfekte auftreten auch Nitrit. Im Labor kann Papillengewebe im Urin nachgewiesen werden.
Prognose.Wird das Schmerzmittel rechtzeitig abgesetzt, bevor die Niere höhergradig geschädigt wurde (Kreatinin unter 3 mg/dl), kommt die Nierenschädigung zum Stillstand.
Komplikationen.Papillennekrose, Niereninsuffizienz, Karzinome im ableitenden Harnwegssystem und Mammakarzinom.
Therapie.Absetzen des Schmerzmittels.

Nierensteine

NierensteinNierensteine (NephrolithiasisNephrolithiasis) kommen bei 5 % der Bevölkerung vor. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Die Steine können in der Niere, im Nierenbecken, im Harnleiter, der Blase oder der Harnröhre vorkommen. Sie können unterschiedliche Ausmaße haben: von reiskorngroß bis zu sogenannten Ausgusssteinen, die die ganze Lichtung des Nierenbeckens ausfüllen können und den Korallensteinen, die das ganze Hohlraumsystem bis in die Kelche einnehmen.
In Zeiten des Wohlstandes steigt durch eine eiweißreiche Ernährung die Harnsäure-, Oxalat- und Kalziumausscheidung im Urin, wodurch die Gefahr der Nierensteinbildung zunimmt. In armen Ländern kommen Nierensteine nur selten vor.
Pathogenese.Steine bilden sich, wenn aus übersättigten Lösungen Salze ausgefällt werden. Am häufigsten sind Kalziumsteine, ihnen folgen Harnsäure- und Phosphatsteine.
Begünstigende Faktoren Tab. 15-1
  • KalziumoxalatsteinKalziumoxalatsteine: Erhöhung des Blutkalziumspiegels durch Überfunktion der Nebenschilddrüsen, medikamentöse Kalzium- oder Vitamin-D-Einnahme, kalziumreiche Ernährung, oxalatreiche (selten) Ernährung (Rhabarber, Spinat, Tomaten) oder durch zu geringe Trinkmenge.

  • PhosphatsteinPhosphatsteine („InfektsteinInfektsteine“): entstehen durch einen anhaltend alkalischen Urin, da Phosphate im basischen Milieu schlecht löslich sind. Deshalb werden Kalziumphosphatsteine v. a. durch Harnweginfekte begünstigt, da Bakterien den Urin alkalisieren.

  • Harnsäure-Harnsäure-SteinSteine: Gicht, Zytostatika-Therapie (vermehrter Zellzerfall).

Nierensteine und Harnweginfekte begünstigen sich gegenseitig!

Pathophysiologie und Symptome.Nicht jeder Stein macht Beschwerden. Kommt es zu Schmerzen, so handelt es sich um ziehende oder dumpfe Schmerzen in der Nieren- bzw. Harnleitergegend. Meist besteht Druck- und Klopfschmerzhaftigkeit des Nierenlagers.
Zur Nierensteinkolik kommt es, wenn ein Stein zu wandern beginnt und sich dabei im Kelchhals oder an einer physiologischen Enge im Harnleiter festklemmt. Diese heftigen Schmerzen werden fast immer durch kleine Steine verursacht, da nur sie in den Harnleiter, die Blase oder die Harnröhre gelangen können. Geraten die Steine in die Blase, kann durch Blockierung der Harnröhre das Wasserlassen plötzlich unterbrochen werden. Größere Steine verursachen zwar keine Koliken, reizen aber die Nierenbeckenschleimhaut und begünstigen damit die Entstehung von Pyelonephritiden. Außerdem können sie ab einer bestimmten Größe den Harnabfluss behindern.
Akute Nierensteinkolik.Die akute Nierensteinkolik Nierensteinkolikbeginnt ohne Vorboten mit heftigsten, wellenförmigen, krampfartigen Schmerzen. Je nach Sitz des Steins treten die Schmerzen in der Lendengegend (evtl. auch auf der gesunden Seite!), dem Rücken oder dem Unterbauch auf. Bei tiefsitzenden Steinen erfolgt eine Schmerzausstrahlung bis in die Hoden bzw. Schamlippen. Der Betroffene läuft aufgeregt hin und her.
Die Anfälle können Minuten bis Stunden dauern. Sie können einmalig sein oder häufig wiederkehren. Gelegentlich begleiten Übelkeit und Erbrechen die Kolik, was zur Fehldiagnose „Magen-Darm-Galle-Erkrankung“ führen kann. Im Urin findet man Erythrozyten (Hämaturie).
Komplikationensind wiederkehrende Pyelonephritiden und Niereninsuffizienz bis Nierenversagen.
Diagnose.Ungefähr 85 % der Steine können im Röntgenbild erkannt werden, außerdem können Ultraschall oder eine Urografie durchgeführt werden.
  • im Urin: Hämaturie, evtl. anhaltend saurer oder alkalischer Urin, Leukozyten, Bakterien, Kalzium, Oxalat, Harnsäure, Phosphat, Zystin

  • im Blut: evtl. Erhöhung von Kalzium, Harnsäure, Phosphat

Differenzialdiagnose.Gallenkolik, Appendizitis, Niereninfarkt oder andere Nierenerkrankungen, akutes Abdomen (Pankreatitis, Bauchhöhlenschwangerschaft, Ileus u. a.).
Therapie
  • akute Nierensteinkolik. Die Behandlung erfolgt durch den Arzt oder die Klinik. Im Vordergrund der Therapie steht das Bemühen um einen spontanen Steinabgang. Der Patient soll sich bewegen und viel trinken. Lokale Wärmeanwendungen werden als wohltuend empfunden. Während der akuten Kolik sind entkrampfende Maßnahmen allein meist nicht ausreichend, da die Schmerzen nicht durch eine vermehrte Harnleiterperistaltik, sondern durch eine Harnleiterüberdehnung entstehen. Deshalb müssen zusätzlich schmerzstillende Maßnahmen zum Einsatz kommen.

  • Beseitigung der Steine

    • Steinauflösung (Litholyse) bei Harnsäuresteinen durch Medikamente, Ernährungsumstellung, Erhöhung der Harnmenge und Neutralisierung des Urins

    • Schlingenextraktion bei „schlingengerechten“ bis bohnengroßen Steinen im distalen Harnleiterdrittel

    • Steinzertrümmerung (Stoßwellenlithotripsie) ist möglich, wenn der Stein lokalisiert werden kann und wenn kein Abflusshindernis vorliegt

Akute Nierensteinkolik

Entkrampfende und schmerzstillende Maßnahmen sind notwenig!
Prophylaktische Maßnahmen
  • Erhöhung der Harnmenge durch reichliche Flüssigkeitszufuhr

  • Schaffung eines günstigeren pH-Wertes des Urins

  • Senkung der steinbildenden Substanzen im Blut durch entsprechende diätetische oder medikamentöse Maßnahmen

  • Behandlung evtl. bestehender Harnwegsinfektionen

Nieren- und Blasenkarzinom

NierenkrebsNierenkarzinomKrebs:NiereKrebs:HarnblaseHarnblasenkrebsBlasenkrebsFormen.Im Harnapparat können folgende Tumorerkrankungen auftreten:
  • bösartige Nierentumoren:

    • Nierenkarzinom (beim Erwachsenen)

    • Nierenmetastasen

    • Wilms-Tumor (häufigster Nierentumor im Kindesalter)

  • Blasenkrebs (v. a. bei Männern über 60 Jahren)

Beim Wilms-Tumor handelt sich um einen meist einseitigen, sicht- und tastbaren Tumor im Bauchbereich, der v. a. Kinder zwischen dem 3. bis 5. Lebensjahr betrifft. Er wächst zunächst verdrängend, metastasiert dann aber oft in Lungen, Leber, Gehirn und regionale Lymphknoten. Es kann zu Bauchschmerzen, Blässe und Hämaturie kommen.
Symptome.Es gibt keine typischen Frühsymptome bei Nieren- bzw. Blasenkrebs. Allerdings kann es zu Schmerzen in der Nierengegend, Hämaturie, unklares Fieber (Tumorfieber) und Gewichtsabnahme kommen, bei Blasenkrebs evtl. zu Dysurie und Harnstauung.

Nieren- und Blasenkrebs

  • In 90 % der Fälle kommt es zu Blut im Urin (Hämaturie)!

  • Da jedes Auftreten von Blut im Urin das Zeichen eines Blasen- oder Nierentumors sein kann, muss dieser Befund in jedem Fall sorgfältig abgeklärt werden.

Niereninsuffizienz und Nierenversagen

Akute Niereninsuffizienz (Schockniere)
NierenversagenBeiNiereninsuffizienzSchockniere der akuten Niereninsuffizienz handelt es sich um eine plötzliche Einschränkung der Nierenfunktion, die mit einer verminderten Harnausscheidung (Oligurie, unter 500 ml/Tag) oder einer fast erloschenen Harnproduktion (Anurie, unter 100 ml/Tag) einhergeht, manchmal allerdings mit normalem oder sogar gesteigertem Harnfluss. In jedem Fall nehmen im Blut die harnpflichtigen Substanzen zu (Harnstoff, Kreatinin, Harnsäure).
Ursachen
  • Kreislaufschock, z. B. durch Blutdruckabfall oder durch Flüssigkeits- bzw. Blutverlust. Es handelt sich um die häufigste Ursache (ca. 50 %)

  • Nierenerkrankungen, z. B. akute Glomerulo- bzw. Pyelonephritis, Infekte (Streptokokkeninfekte, Leptospirose)

  • Harnstauung, z. B. durch Blasenstein oder Prostatahypertrophie

  • Vergiftungen, z. B. durch Schwermetalle (wie Blei, Gold, Arsen), Pilze (Knollenblätterpilze!), Medikamente (Antibiotika, Zytostatika, Aciclovir u. a.)

Symptome und Stadien
  • Stadium 1: Schädigung der Niere (Stunden bis Tage), z. B. durch Schock oder Nierengifte

  • Stadium 2: Oligo- bzw. Anurie (9 bis 12 Tage) mit den Gefahren der Überwässerung (Lungen- bzw. Hirnödem, Linksherzinsuffizienz) und Hyperkaliämie, metabolische Azidose, Harnvergiftung

  • Stadium 3: Polyurie (2 bis 3 Wochen) mit der Gefahr der Exsikkose, Hypokaliämie und Hyponatriämie

  • Stadium 4: Wiederherstellung (Wochen bis Monate). Es kann zur völligen Ausheilung oder zur Defektheilung kommen.

Therapie.Bei Verdacht auf akutes Nierenversagen muss sofortige Krankenhauseinweisung erfolgen.
Chronische Niereninsuffizienz
Bei der chronischen Niereninsuffizienz kommt es zu einer irreversiblen, über Jahre sich verschlimmernden Einschränkung der Nierenfunktion, die schließlich zur Harnvergiftung (Urämie, s. u.) führt.
Ursachen.Chronische Pyelo- und Glomerulonephritis sind die häufigsten Ursachen, außerdem spielen die Zystenniere, diabetischen Nierenerkrankungen, bösartiger Bluthochdruck und die Analgetika- und Gichtniere eine Rolle.
Stadien
  • 1.

    Kompensiertes Dauerstadium: Leichte Einschränkung der Kreatinin-Clearance (Abschn. 15.3.2). Die harnpflichtigen Substanzen sind im Blut noch nicht erhöht. Es kann zur renalen Hypertonie und durch einen Vitamin-D-Mangel zur Nebenschilddrüsenüberfunktion kommen.

  • 2.

    Kompensierte Retention: Im Blut steigen die harnpflichtigen Substanzen an, es bestehen jedoch noch keine Urämie-Symptome.

  • 3.

    Dekompensierte Retention: Im Blut sind die harnpflichtigen Substanzen erhöht. Es bestehen Urämie-Symptome (s. u.).

  • 4.

    Terminale Niereninsuffizienz: Irreversibles Nierenversagen. Es muss eine Behandlung mittels Dialyse oder Nierentransplantation erfolgen, da es sonst zu einem tödlichen Verlauf kommt.

Symptome.Die harnpflichtigen Substanzen im Blut nehmen immer mehr zu und es kommt zu schweren Störungen im Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt. Da Vitamin D nicht mehr ausreichend in der Niere aktiviert werden kann, können sich eine Osteoporose und eine Osteomalazie einstellen. Der Erythropoetinmangel führt zur Anämie. Bitte beachten Sie zu den möglicherweise auftretenden Beschwerden auch nachfolgend die Symptome der Urämie.

Urämie

Eine Urämie (UrämieHarnvergiftung) Harnvergiftungist das Endstadium einer akuten oder chronischen Niereninsuffizienz.
Symptome.Durch die Überwässerung und den Anstieg der harnpflichtigen Substanzen werden nahezu alle Funktionskreise des Organismus betroffen.
  • allgemein: Es kommt zu Schwächegefühl, starken Gewichtsschwankungen, Foetor uraemicus (Betroffene riecht nach Urin), Juckreiz, Kopfschmerzen, „milchkaffeefarbener“ Haut (Café-au-Lait-Farbe), Abwehrschwäche, Kachexie.

  • ZNS: Konzentrationsschwäche, Wesensveränderungen, Psychosen, Polyneuropathie, Krampfneigung, Verwirrtheit, Bewusstseinstrübung, Bewusstlosigkeit, Coma urämicum

  • Herz/Kreislauf: Hypertonie, Perikarditis, Herzrhythmusstörungen mit der Gefahr des Herzstillstandes durch Hyperkaliämie

  • Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle

  • Lunge: Lungenödem, Pneumonie, Pleuritis

  • Blut: renale Anämie, Thrombozytopenie mit Blutungsneigung, Thrombozytopathie

  • Skelett: Osteoporose und Osteomalazie (durch Mangel an Vitamin D und sekundärer Nebenschilddrüsenüberfunktion)

Therapie.Dialysebehandlung bzw. Nierentransplantation

Angeborene Nierenerkrankungen

Nierenerkrankung, angeboreneFolgende angeborene Nierenerkrankungen kommen häufig vor (Atlas Abb. 15-17):
  • Agenesie. Eine Niere, meist die linke, fehlt völlig. Die verbleibende Niere hypertrophiert und übernimmt die Arbeit der fehlenden mit.

  • Hufeisenniere (Verschmelzungsniere). Beide Nieren sind miteinander verwachsen. Meist bestehen gleichzeitig Fehlbildungen des Harnleiters und des Nierenbeckens.

  • Lageanomalie der Niere. Die Niere ist ins Becken verlegt, der Harnleiter oft verkürzt: ein Harnstau kann die Folge sein.

  • Wanderniere (Nephroptose). Je nach Körperlage verändert die Niere im Körper ihre Position. Bei aufrechtem Stehen sinkt sie in das kleine Becken ab. Es besteht die Gefahr der Harnleiterabknickung.

  • Zystenniere. Bei der Zystenniere handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung. Hierbei ist die Niere mit mehreren Zysten durchsetzt, und es besteht eine oft erhebliche Organvergrößerung. Bei diesen Patienten befinden sich Zysten häufig auch in der Leber, im Pankreas und in der Schilddrüse.

Zur Überprüfung des Kenntnisstands und als Vorbereitung zur Prüfung empfehlen wir die umfangreiche Fragensammlung zu diesem Thema in Richter: Prüfungstraining für Heilpraktiker. 2000 Prüfungsfragen zum Lehrbuch für Heilpraktiker, 8. Auflage, Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag München 2013.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen