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B978-3-437-55696-8.00025-7

10.1016/B978-3-437-55696-8.00025-7

978-3-437-55696-8

Nieder- und hochpotente typische Neuroleptika und ihre Wirkungen

Tab. 25-7
Wirkung Niederpotente-NL Hochpotente-NL
Sedierung Ja Nein
antipsychotische Wirkung Nein Ja
Extrapyramidalmotorische Wirkung Nein Ja
Anticholinerge Wirkung Ja Nein

Psychische Erkrankungen

  • 25.1

    Einleitung und Definition wichtiger Begriffe647

    • 25.1.1

      Psychopathologie647

    • 25.1.2

      Psychische Störungen im Überblick648

    • 25.1.3

      Moderne Klassifikationssysteme649

  • 25.2

    Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (F4)650

    • 25.2.1

      Phobische Störungen (F40)650

    • 25.2.2

      Andere Angststörungen (F41)651

    • 25.2.3

      Zwangsstörungen (F42)652

    • 25.2.4

      Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (F43)653

    • 25.2.5

      Dissoziative Störungen (Konversionsstörung) (F44)654

    • 25.2.6

      Somatoforme Störungen (F45)656

  • 25.3

    Psychosomatische Störungen (Psychosomatik)657

  • 25.4

    Affektive Störungen (F3)658

    • 25.4.1

      Depressive Episode659

    • 25.4.2

      Manische Episode661

    • 25.4.3

      Bipolare affektive Störung (manisch-depressive Störung, manische Depression)661

    • 25.4.4

      Anhaltende affektive Störungen661

  • 25.5

    Persönlichkeitsstörungen (F6)662

    • 25.5.1

      Exzentrisch geprägte Persönlichkeitsstörungen663

    • 25.5.2

      Dramatisch und emotional geprägte Persönlichkeitsstörungen663

    • 25.5.3

      Ängstlich und selbstunsicher geprägte Persönlichkeitsstörungen664

  • 25.6

    Psychotische Störungen (Psychosen)666

    • 25.6.1

      Wichtige psychopathologische Symptome667

    • 25.6.2

      Organisch bedingte psychische Störungen671

    • 25.6.3

      Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen672

  • 25.7

    Kinder und Jugendliche675

    • 25.7.1

      Intelligenzminderungen675

    • 25.7.2

      Entwicklungsstörungen676

    • 25.7.3

      Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Hyperkinetische Störung677

    • 25.7.4

      Übersicht über die Entwicklung des Kindes679

  • 25.8

    Abhängigkeit679

    • 25.8.1

      Stoffungebundene Abhängigkeit679

    • 25.8.2

      Psychische Störungen durch psychotrope Substanzen (stoffgebundene Abhängigkeiten)680

  • 25.9

    Therapieformen684

    • 25.9.1

      Psychotherapie und psychotherapeutische Schulen684

    • 25.9.2

      Psychopharmakotherapie686

Einleitung und Definition wichtiger Begriffe

Erkrankung:psychischeNach den Leitlinienempfehlungen zur Heilpraktiker-Überprüfung gehören „Grundkenntnisse in der Erkennung und Unterscheidung … schwerwiegender seelischer Krankheiten“ zum Gegenstand der Überprüfung vor dem Gesundheitsamt. Deshalb werden in diesem Kapitel wichtige seelische Störungen und Erkrankungen vorgestellt.
Bei jeder Erkrankung ist zu beachten, dass diese einen körperlichen und einen geistig-seelischen Aspekt hat. Bei manchen Erkrankungen muss vorrangig das körperliche Geschehen behandelt werden, bei anderen der psychische Aspekt.
Erfahrungsgemäß wird gerade der Heilpraktiker häufig von Menschen aufgesucht, deren Krankheitsbild nicht eindeutig einer organischen Ursache zugeordnet werden kann. Darunter sind allerdings auch Personen, die an einer schwerwiegenden seelischen Störung leiden. Deshalb muss der Heilpraktiker in der Lage sein, das Krankheitsbild zu erkennen und die Schwere der Erkrankung zu beurteilen. Hiervon hängt die Entscheidung ab, ob die Krankheit vom Heilpraktiker behandelt werden kann oder ob der Patient einer psychotherapeutischen oder psychiatrischen Betreuung bedarf. Dies ist besonders im Hinblick auf eine medikamentöse Behandlung wichtig, da diese bei bestimmten Krankheitsbildern unverzichtbar ist, z. B. bei psychotischen Erkrankungen.

Psychopathologie

PsychopathologieDer Begriff Psychopathologie entstammt dem Griechischen und bedeutet „die Lehre von den seelischen Erkrankungen“. Die Psychopathologie sucht eine Antwort auf die Frage, warum sich Menschen auf ungewohnte, manchmal selbstzerstörende Weise verhalten, denken oder fühlen, um dann durch die Entwicklung einer Therapie diesen Menschen zu helfen. Dabei wirken mehrere Disziplinen und Berufsgruppen mit:
  • Die Klinische Psychologie, klinischePsychologie ist ein Teilgebiet der Psychologie, das sich auf die Erforschung und Behandlung von psychischen Störungen spezialisiert hat.

  • Die PsychiatriePsychiatrie (SeelenheilkundeSeelenheilkunde) ist ein Fachgebiet der Medizin, das alle Maßnahmen umfasst, die sich mit der Erforschung, Diagnose und Behandlung von Patienten mit psychischen Störungen beschäftigt. Ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, kurz als Psychiater bezeichnet, hat in der Regel ein Medizinstudium abgeschlossen und anschließend eine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie gemacht. Die Psychiatrie arbeitet mit nicht-operativen Methoden, stationärer oder ambulanter medikamentöser Therapie sowie der Psychotherapie.

  • Ein Psychologischer Psychotherapeut, psychologischerPsychotherapeut hat in der Regel ein Psychologiestudium absolviert und sich anschließend auf eine Therapieform spezialisiert, z. B. Familientherapie, Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie. Nur der Therapeut, der diesen Ausbildungsweg gegangen ist, darf sich nach dem Psychotherapeutengesetz von 1999 „Psychologischer Psychotherapeut“ nennen. Psychotherapeut ist ein geschützter Begriff und darf nur von psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten benutzt werden.

Auch ein Heilpraktiker darf aufgrund des Heilpraktikergesetzes grundsätzlich psychotherapeutische Behandlungen durchführen. Allerdings muss er hier, wie bei jeder anderen Therapie auch, die Sorgfaltspflicht beachten. Das bedeutet, dass er nur solche psychisch bedingten Krankheiten behandeln darf, für die sein Wissen ausreicht. Das werden in der Regel leichtere psychische Störungen sein, die er z. B. mit Gesprächstherapie, Bach-Blüten oder homöopathischen Mitteln behandeln kann. Müssen bei einer Krankheit verschreibungspflichtige Medikamente eingesetzt werden, so ist der Patient an einen Facharzt zu verweisen.
Zusätzlich gibt es noch die Zulassung zum Heilpraktiker eingeschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, den sogenannten „kleinen Heilpraktiker“ (Abschn. 1.1.1, Sonderfall: Heilkundliche Psychotherapie/psychotherapeutischer Heilpraktiker bzw. „kleiner Heilpraktiker“). Dabei handelt es sich um eine aufgrund des Heilpraktikergesetzes erteilte Heilerlaubnis, die auf das Gebiet der Psychotherapie eingeschränkt wurde. Diese Erlaubnis kann, wie beim Heilpraktiker, nur nach Bestehen einer Überprüfung vor dem Gesundheitsamt erteilt werden.

Psychische Störungen im Überblick

Störung:psychischeEine seelische Störung wird als psychische Störung bezeichnet, eine körperliche hingegen als physische. Wie äußert sich eine psychische Störung? Dazu hat man verschiedene Kriterien beschrieben:
  • Eine Person hat Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen,

  • zeigt ein Verhalten, das ihr selbst quälendes Leid bringt und

  • das Verhalten erscheint nicht rational, sondern ist unverständlich, manchmal auch unvorhersehbar.

Außerdem ist das Verhalten oft unkonventionell, d. h. es weicht von den gesellschaftlich allgemein akzeptierten Maßstäben ab, bis hin zu unmoralischem oder Normen verletzendem Verhalten. Manchmal kann man einen Kontrollverlust beobachten, d. h. dass der Betroffene die Selbstbestimmung verliert und sein Verhalten nicht mehr eigenverantwortlich steuern kann. Oder eine Person ist nicht in der Lage, wegen einer seelischen Störung ein Ziel zu verfolgen, z. B. arbeiten zu gehen. Anders ausgedrückt, man spricht von einer psychischen Störung, wenn dadurch die allgemeine Lebensführung beeinträchtigt oder sogar unmöglich ist oder für den Betroffenen Leid entsteht.
Das Problem dieser Kriterien liegt darin, dass keines eine unbedingt notwendige Bedingung für eine psychische Erkrankung ist, also in allen Fällen einer psychischen Störung auftreten muss. Zudem zeigt jeder einmal das eine oder andere Symptom, ohne dass eine psychische Störung vorliegt. Es gibt also keine klare Trennungslinie zwischen psychisch gestörtem und normalem Verhalten.
Ursachen psychischer Störungen
Um psychische Störungen erkennen, behandeln und verhindern zu können, wäre es sehr hilfreich die Ursachen zu kennen. Leider ist eine kausale Begründung für die Erkrankungen nicht möglich. So hat man sich in der Vergangenheit bis Gegenwart immer wieder bemüht durch verschiedene Herangehensweisen Gründe zu finden. Es sind viele verschiedene Betrachtungsweisen entstanden. Die wichtigsten sind:
  • Die psychoanalytische Betrachtungsweise, die von Sigmund Freud (1856–1939) begründet wurde. Seine Psychoanalyse sieht vor allem in nicht bewältigten Konflikten der Kindheit die Ursachen für einen Ausbruch einer psychischen Störung. Freuds Psychoanalyse hat Wandlungen im Laufe der Zeit erfahren, ist aber weiterhin Grundlage für die verschiedenen tiefenpsychologischen oder psychodynamisch genannten Therapien.

  • Die biologische Betrachtungsweise legt vor allem biologisch-medizinische Faktoren zugrunde, z. B. Botenstoffe oder genetische Anlagen und befasst sich deshalb mit der Neurophysiologie, um psychische Störungen erkennen und therapieren zu können.

  • Der humanistische Ansatz, der hauptsächlich von Carl Rogers (1902–1987) entwickelt wurde, stellt den Menschen in den Mittelpunkt und möchte den Klienten, wie der Betroffene genannt wird, seine Bedürfnisse, Motive und Fähigkeiten bewusst machen und damit Wege aufzeigen, sich selbst zu heilen, und zwar durch Aktivierung seiner Selbstheilungskräfte. Zu diesen Ansätzen zählt man die klientzentrierten Psychotherapien und die Gestalttherapie.

  • Die lerntheoretische Betrachtungsweise geht davon aus, dass wir unser Verhalten erlernt haben. Die reine Lerntheorie ging davon aus, dass wir Verhalten nachahmen. Je nachdem ob dieses Verhalten durch Lob belohnt oder durch Tadel bestraft wird, wird es bei zukünftigem Handeln weiter auftreten oder nicht mehr. Ist ein Verhalten erlernt worden, dann kann es wieder „verlernt“ werden, so ist die Annahme, aber in dieser ganz reinen Form sieht man es heute nicht mehr. Es kommen noch andere Faktoren dazu, vor allem genetische Anlagen. Die lerntheoretische Betrachtungsweise bildet die Grundlage der heutigen Verhaltenstherapie, allerdings wurde sie stark modifiziert.

Ganz wichtig bei der Betrachtung der Ursachen war das klassische triadische System.
Das triadische System
System, triadischesNach dem triadischen System werden die psychischen Erkrankungen nach ihrer Verursachung eingeteilt. Diese Betrachtungsweise hat sich sehr lange erhalten, ist aber in der ICD-10 und DSM-IV (Abschn. 25.1.3) abgeschafft worden. Der Grund ist, dass es oft nicht eindeutig ist, wo die Verursachungen liegen. Außerdem sieht man heute mehr eine multifaktorielle Begründung von psychischen Störungen. Danach müssen mehrere Faktoren zusammen kommen, damit eine psychische Störung ausbricht. Deshalb betrachtet man heute in der Hauptsache die auftretenden Symptome und ordnet diese den Krankheiten zu, um eine Diagnose zu erhalten.
Allerdings wird das triadische System mit seinen Begriffen sowohl in der Alltagssprache als auch in der Medizin weiter verwendet und manchmal in Prüfungen abgefragt. Aus diesem Grund wird es kurz vorgestellt.
Das Grundprinzip ist die Einteilung in die drei Verursachungsgründe: Exogen, endogen, psychogen.
  • exogen. Die psychische Störung wurde verursacht durch eine organische Erkrankung, z. B. eine Hirnschädigung. Ein Synonym ist organische psychische Störung.

  • endogen. Diesen Erkrankungen kann keine eindeutige körperliche Verursachung zugeschrieben werden, man vermutet eine genetisch-konstitutionelle Veranlagung. Die wichtigsten endogenen Psychosen nach dem triadischen System sind die affektiven Störungen und die Schizophrenien.

  • psychogen. Diese Betrachtungsweise sieht in Faktoren, die auf die Person einwirken, z. B. belastende Lebensereignisse, die Gründe für den Ausbruch einer psychischen Störung. Hierzu zählen hauptsächlich die neurotischen Störungen, wie Angst-, Zwangs- und dissoziative Störungen, somatoforme und Persönlichkeitsstörungen. Was sich unter diesen Störformen verbirgt, wird in den einzelnen Kapiteln später erklärt.

Neurose und Psychose
Auch die Begriffe Neurose und Psychose sollen nach ICD nicht mehr verwendet werden, weil sie nicht eindeutig sind. Sie werden aber nach wie vor in der Alltagssprache und in der Medizin weiter verwendet und in Prüfungen abgefragt. Deshalb erfolgt hier eine kurze Darstellung.

Neurosen und Psychosen

Tab. 25-1
NeurosePsychose
Kein RealitätsverlustZumindest zeitweiliger Realitätsverlust
Keine erkennbare organische Verursachung, psychogen entstandenExogen oder endogen entstanden
Krankheitseinsicht vorhandenKeine Krankheitseinsicht vorhanden
Neurose.NeuroseDieser Begriff entstammt der klinischen Arbeit Sigmund Freuds (1856–1939), dem Begründer der klassischen Psychoanalyse. Freud ging davon aus, dass alle psychischen Störungen durch nicht verarbeitete Konflikte in der frühen Kindheit ihren Ursprung haben. Diese Konflikte wurden vom Kind verdrängt. Später können diese Konflikte wieder aufbrechen und zeigen sich dann als psychische Störungen.
Im triadischen System werden die Begriffe Neurose und Psychose in einer Art Abgrenzung verwendet. Bei einer Neurose liegt keine organische Verursachung zugrunde, der Betroffene hat keinen Realitätsverlust erlitten und behält eine Krankheitseinsicht. Dies ist ein wichtiger Unterschied zur Psychose.
Psychose.Bei einer Psychose handelt es sich um eine tiefer greifende, schwere psychische Erkrankung. Sie kann exogen (also organisch) oder endogen entstanden sein. Der Betroffene erleidet zumindest zeitweise einen Realitätsverlust oder hat andere psychotische Symptome (Abschn. 25.6.1) und es besteht keine Krankheitseinsicht.

Moderne Klassifikationssysteme

Störung:psychischeDie modernen Klassifikationssysteme gehen nicht mehr von dem triadischen System aus, die entweder endogene, exogene oder psychogene Verursachung annehmen, sondern sie betrachten mehr die auftretenden Symptome und die Zeitspanne, wie lange diese schon bestehen. Sie legen dar, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine bestimmte Erkrankung vorliegt. Die beiden bekanntesten Diagnoseschlüssel sind:
  • ICD (International Classification of International Classification of DeseasesICD (International Classification of Deseases)Diseases). Es handelt sich um einen von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen Diagnoseschlüssel, in dem das Kapitel V die psychischen Störungen behandelt. Er liegt im Moment als ICD-10 vor und wird vor allem in der Medizin verwendet.

  • DSM (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen). Es wird von der „American Psychiatric Association“ herausgegeben. Die neueste Ausgabe ist das DSM-IV-Textrevision. Bei uns in Deutschland wird es hauptsächlich in Forschung und Lehre verwendet.

Beide Systeme werden immer wieder aktualisiert und neu aufgelegt.
ICD-10. Als Leitfaden für die folgenden Ausführungen schließen wir uns der Klassifikation nach der ICD-10 an. Deswegen noch einige weitere Informationen zum Aufbau dieses Diagnoseschlüssels. Die ICD erschließt die psychischen Erkrankungen in 10 große mit F bezeichnete Kapitel:
  • F 0 psychische Störungen aufgrund einer organischen Erkrankung

  • F 1 psychische Erkrankungen, ausgelöst durch psychotrope Substanzen

  • F 2 Schizophrenien

  • F 3 affektive Störungen

  • F 4 neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen

  • F 5 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren

  • F 6 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

  • F 7 Intelligenzminderungen bei Kindern

  • F 8 Entwicklungsstörungen bei Kindern

  • F 9 Verhaltensstörungen bei Kindern.

Diese einzelnen Kapitel werden dann noch weiter untergliedert. Beispielhaft wird das hier am Kapitel F3 gezeigt (im Auszug):
F 3 Affektive Störungen
  • F 30 manische Episoden

    • F 30.0 Hypomanie

    • F 30.1 Manie ohne psychotische Symptome

    • F 30.2 Manie mit psychotischen Symptomen

  • F 31 bipolare affektive Störung (manisch-depressive Erkrankung)

  • F 32 depressive Episode (Depression)

    • F 32.1 Depression ohne psychotische Symptome

    • F 32.2 Depression mit psychotischen Symptomen

  • F 34 anhaltende affektive Störungen

    • F 34.0 Zyklothymia

    • F 34.1 Dysthymia

Was sich hinter den einzelnen Erkrankungen verbirgt, wird im Folgenden erklärt.

Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (F4)

Störung:neurotischeDie ICD fasst unter der Überschrift F4 eine Reihe von Störungen zusammen, deren gemeinsame Ursache innere, psychische Konflikte und/oder Ängste sind, d. h. die psychogen entstanden sind. In der Überschrift spricht die ICD noch von neurotischen Störungen, erklärt aber im weiteren Verlauf, dass das Organisationsprinzip der Neurose nicht erhalten bleibt. Es werden nun die einzelnen Erkrankungen vorgestellt, die die ICD unter F4 auflistet.

Phobische Störungen (F40)

Störung:phobischeDen phobischen Störungen ist gemeinsam, dass sie durch Situationen oder Objekte ausgelöst werden, die eigentlich ungefährlich sind, die aber den Betroffenen große Angst machen, deshalb vermeiden sie diese Situationen oder Objekte. Daher nennt man diese Störformen auch VermeidungsstörungVermeidungsstörungen. Die Angst kann an dem Betroffenen direkt beobachtet werden, deshalb spricht man von AngststörungAngststörungen.
Die wichtigsten phobischen Störungen sind nach der ICD die Agoraphobie, die soziale und die spezifische Phobie.
Agoraphobie
Ursprünglich verstand man unter AgoraphobieAgoraphobie (phobos, gr. Angst und agora, gr. = Versammlungsplatz, Marktplatz) die Angst eines Menschen sich auf weiten, offenen Plätzen zu bewegen. Heute hat man den Begriff ausgeweitet. Unter Agoraphobie leidet jemand, der Angst bekommt, wenn er sich außerhalb seiner vertrauten Umgebung aufhält. Das kann z. B. auf Reisen der Fall sein oder in Menschenansammlungen, in Geschäften, vielleicht auch schon, wenn er nur das Haus verlässt. Die Agoraphobie tritt also situationsgebunden auf. Die Angst wird begleitet durch starke Befürchtungen in Ohnmacht zu fallen, Schwindelanfälle zu erleiden, die Kontrolle über die Darm- oder Blasenmuskulatur zu verlieren oder sogar die Kontrolle über sich selbst.
Wichtig ist zu wissen, dass keine Angst vor der Situation an sich besteht, z. B. vor dem Betreten eines Geschäfts, sondern dass befürchtet wird, im Falle eines Angstausbruchs einen Kontrollverlust zu erleiden und nicht aus der Situation entkommen zu können bzw. nicht fliehen zu können.
Eine mögliche Entwicklung einer solchen Störform ist folgendermaßen denkbar: Jemand befindet sich in einer schwierigen Lebensphase und zusätzlich in einer Stresssituation, hetzt in ein Geschäft, um letzte Einkäufe zu tätigen, dort wird ihm plötzlich heiß und schwindelig, er bekommt schlecht Luft und rettet sich deshalb ins Freie. Da dieser Person nicht klar ist, warum und was mit ihr hier passiert ist, wird sie sich vor dem nächsten Betreten dieses Geschäftes Sorgen machen, dass es wieder passieren könnte. Passiert es tatsächlich wieder, entwickelt sich eine Spirale aus Angst und folgendem Vermeiden dieser und ähnlicher Situationen.
Den Betroffenen selbst ist klar, dass das Geschäft oder dergleichen keine Gefahr an sich bedeutet, sondern die Angst und das Vermeidungsverhalten bezieht sich darauf, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren.
Die Agoraphobie ist mit 60 % der Phobien die häufigste; meist sind Frauen betroffen. Die Agoraphobie kommt sehr oft in Kombination mit Panikstörungen (Abschn. 25.2.2) vor.
Soziale Phobie
Die soziale PhobiePhobie zeigt sich insbesondere in Situationen, in denen der Betroffene der prüfenden Beobachtung durch andere Menschen ausgesetzt ist oder glaubt ausgesetzt zu sein. Ausgangspunkt der Ängste sind soziale Situationen, also das Zusammentreffen mit anderen Menschen. Hierzu gehören nicht nur so offensichtliche Herausforderungen wie eine Rede halten, sondern auch ganz alltägliche Dinge wie unterschreiben eines Schriftstücks oder ein gemeinsames Essen mit anderen Personen. Häufig leiden die Betroffenen an einem insgesamt niedrigen Selbstwertgefühl sowie unter Furcht vor jeglicher Kritik.
Typische Symptome sind Erröten, das Vermeiden von Blickkontakten, Händezittern, Übelkeit, Drang zum Wasserlassen und Schweißausbrüche.
Den Betroffenen selbst ist klar, dass es sich um eine übertriebene, unangemessene Angst handelt. Trotzdem versuchen sie die angstauslösenden Situationen zu vermeiden. Gelingt dies nicht, ist ein sozialer Rückzug meist die unausweichliche Folge.
Spezifische (isolierte) Phobien
Spezifische Phobien oder isolierte Phobien, wie die ICD-10 sie auch nennt, sind ausgeprägte Ängste vor speziellen Objekten und Situationen. Häufig zeigen sie sich als übertriebene und unbegründete Angst vor Tieren, z. B. Hunden, Schlangen oder Spinnen. Es gehören auch die Höhenangst (Akrophobie), die Flugangst, Angst vor Spritzen und die Angst vor geschlossenen, engen Räumen (Klaustrophobie) und viele weitere dazu. Auch hier wissen die betroffenen Personen, dass sie überreagieren. Trotzdem können sie sich nur sehr schlecht oder gar nicht dagegen wehren. Meist wirkt sich das fatal auf die allgemeine Lebensführung aus.
Nehmen wir folgendes Beispiel an: Eine Frau hat sehr starke Ängste vor Tauben. Nun sind aber auf dem Bahnhofsplatz sehr viele Tauben und sie muss ihn überqueren, um mit dem Zug zur Arbeit zu fahren. So könnte die letzte Konsequenz sein, dass die Frau ihren Arbeitsplatz aufgeben muss, weil sie aus Angst nicht an den Tauben vorbeigehen kann.
Bei den phobischen Ängsten, wie auch bei den noch folgenden Ängsten, ist zu bedenken, dass jeder im Verlauf seines Lebens solche Ängste gelegentlich erfahren wird. Nur wenn sie sich zu einem außerordentlichen Störfaktor entwickeln, der die allgemeine Lebensführung bedroht, spricht man von einer Angststörung.

Unter einer Phobie versteht man die Angst vor bestimmten Situationen oder Objekten, die meist Vermeidungsreaktionen zur Folge hat, deswegen wird sie auch Vermeidungsstörung genannt.

Andere Angststörungen (F41)

Zu den „anderen Angststörungen“ zählt die ICD-10 im Wesentlichen die generalisierte Angststörung und die Panikstörung. Zusammen mit den phobischen Störungen gehören sie zu den Angststörungen, weil bei ihnen die Angst gut beobachtbar ist. Sind die Agoraphobie, die soziale und spezifische Phobie auf bestimmte Situationen oder Objekte begrenzt, so unterscheiden sich die „anderen Angststörungen“ dadurch, dass dies nicht der Fall ist. Sie werden jetzt genauer vorgestellt.
Generalisierte Angststörung
Darunter versteht man eine Angst, die mehr oder weniger das ganze Leben des Betroffenen durchzieht. Sie besteht lang anhaltend und ist nicht auf bestimmte Situationen und Objekte begrenzt. Es handelt sich um eine unrealistische und übertriebene Angst und Besorgnis im Hinblick auf allgemeine oder besondere Lebensumstände.
So könnte sich jemand große Sorgen um seine finanzielle Lage machen, obwohl keinerlei Anlass dafür besteht, oder jemand befindet sich in ständiger Sorge, dass einem Familienmitglied etwas passieren könnte. Aber die Sorgen sind nicht auf bestimmte Inhalte begrenzt, d. h. sie sind frei flottierend. Grundsätzlich können sich diese Menschen nur kurzfristig von ihren Ängsten lösen oder ablenken. Bei generalisierten Angststörungen findet man Symptome wie motorische Anspannung, vegetative Übererregbarkeit (Atemnot, Beklemmungsgefühle), Schreckhaftigkeit, Herzprobleme und Schlafstörungen.
Panikstörungen
PanikstörungPanikstörungen, auch episodisch Angst, episodisch paroxymaleparoxysmale Angst genannt, sind nicht situationsgebunden. Sie treten plötzlich attackenartig (deswegen auch Panikattacken genannt) und unerwartet auf und steigern sich innerhalb von Minuten zu einem Höhepunkt. Beim Anfall kommt es zu Tachykardie, Hitzewallungen, Beklemmungsgefühlen und Zittern, Angst vor Ohnmacht oder sogar Todesangst. Sie dauern meist wenige Minuten bis zu einer halben Stunde, können aber auch Stunden andauern. Da sie meist wiederkehrend auftreten, besteht typischerweise eine Erwartungsangst vor erneuten Attacken. Manchmal werden die Attacken als so bedrohlich erlebt, dass der Betroffene Angst hat „verrückt“ zu werden oder zu sterben. Panikattacken können auch mit einem Gefühl der Derealisation (Gefühle von Unwirklichkeit) und Depersonalisierung (Gefühle von sich selbst losgelöst zu sein) einhergehen.
Panikstörungen kommen oft zusammen mit phobischen Störungen vor, denn wenn jemand einmal eine Panikattacke in einem überfüllten Geschäft erlebt hat, wird er das Erlebnis leicht mit dem „vollen Geschäft“ in Verbindung bringen und vielleicht in Zukunft diese Situation meiden wollen. In diesem Fall entwickelt er zusätzlich eine Agoraphobie (Abschn. 25.2.1).

Abgrenzung Agoraphobie zu Panikstörung: Eine Agoraphobie tritt immer in Zusammenhang mit einer bestimmten Örtlichkeit oder Situation auf. Panikstörungen sind nicht situationsgebunden.

Zwangsstörungen (F42)

ZwangsstörungUnter der Bezeichnung Zwang werden Vorstellungen, Handlungsimpulse und Handlungen zusammengefasst, die sich einem Menschen aufdrängen und gegen deren Auftreten er sich vergeblich wehrt. Als Zwangsstörungen werden Krankheitsbilder bezeichnet, bei denen Zwangsgedanken, Grübelzwang, Zwangshandlungen oder Zwangsrituale im Vordergrund stehen. Sie werden von der Person selbst als unsinnig, wesensfremd (ich-dyston) und bedrohlich erkannt und erlebt, nur die Möglichkeit sich dagegen zu wehren, fehlt.
Aber warum muss der Betroffene z. B. immer und immer wieder kontrollieren, ob das Licht ausgeschaltet ist? Was sind die Gründe für diese Zwangshandlungen? Man vermutete, dass die Durchführung ritueller Zwangshandlungen bedrohliche Gedanken und Gefühle kanalisiert und Ängste dadurch reduziert. Die Erleichterung, dass man sich noch mal versichern darf, dass das Licht ausgeschaltet ist, tritt zwar ein, dauert aber nur sehr kurz an und die Zwangshandlungen müssen wieder durchgeführt werden.
Besonders belastend sind Zwangsgedanken, also Gedanken, die sich dem Betroffenen aufzwingen, und die manchmal schlimme Vorstellungen beinhalten, z. B. „Ich muss das Fenster zertrümmern.“ „Ich muss aus dem Fenster springen“ oder eine Mutter glaubt fest, dass sie ihr Baby verletzen wird. Charakteristisch ist, dass diese Vorstellungen keine Folgen haben, es sind Zwangsgedanken, die in der Regel nicht durchgeführt werden.
Auch dem gesunden Menschen sind zwangsähnliche Phänomene bekannt, z. B. wenn einem eine Melodie oder ein Gedanke nicht aus dem Kopf geht. Pathologische Zwangsphänomene unterscheiden sich davon, dass sie das gesamte Denken, Handeln und das soziale Verhalten beeinträchtigen. So könnte sich jemand immer wieder gezwungen fühlen zu kontrollieren, ob der Herd oder das Bügeleisen abgeschaltet sind. Ein solcher Zwang führt zu großen Störungen und Leid im Alltag der Betroffenen. Typische Zwangsstörungen sind der Wasch-, Zähl-, Kontroll-, Grübel- und der strikte Ordnungszwang.

Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (F43)

Die in dieser Gruppe zusammengefassten Störformen unterscheiden sich von den bislang vorgestellten dadurch, dass ihnen ein reales, außergewöhnlich belastendes Lebensereignis zugrunde liegt, das je nach Schwere und Verarbeitungsmöglichkeit zu verschiedenen unangepassten psychischen Reaktionen führt. Solche belastenden Ereignisse können z. B. eine Naturkatastrophe, ein Krieg oder ein schwerer Unfall sein. Entscheidende Lebensveränderungen, belastende Lebensereignisse, z. B. Umzug und Freunde zurücklassen müssen, können hingegen zu einer Anpassungsstörung führen.
Nun zu den einzelnen möglichen psychischen Reaktionen auf mehr oder weniger starke Belastungen.
Posttraumatische Belastungsstörung
Eine posttraumatische PTB (posttraumatische Belastungsstörung)Belastungsstörung, posttraumatischeBelastungsstörung kann nach tatsächlich abgelaufenen außergewöhnlichen Situationen oder Veränderungen katastrophalen Ausmaßes wie Kriegserlebnisse, Terroranschläge, Emigration, Flucht oder Folter auftreten. Sie ist die gravierendste Reaktion eines Menschen auf ein dramatisches Ereignis. Wichtig ist die Schwere eines Ereignisses, dass vom Betroffenen nicht gut verarbeitet werden konnte. Charakteristisch ist, dass die Reaktion mit ihren Symptomen erst verspätet auftritt, und zwar Wochen bis Monate nach dem Ereignis, selten aber später als 6 Monate.
Wichtigste Kennzeichen einer PTB sind:
  • häufiges und andauerndes Wiedererleben des auslösenden Ereignisses, z. B. durch Albträume

  • sozialer Rückzug

  • ein Gefühl, dass Gefahr droht

  • Auslösen einer emotionalen Erregung durch ähnliche Reize (Schlüsselreize). Beispielsweise könnte ein Geruch von Rauch an das brennende Haus erinnern, aus dem jemand nur im letzten Moment entfliehen konnte.

  • Vermeiden von Reizen, die an das Ereignis erinnern. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Der Betroffene könnte Schwierigkeiten haben ein Grillfeuer anzuzünden.

  • Schlafschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme, gesteigerte physiologische Erregung mit vegetativen Symptomen, z. B. vermehrtem Schwitzen.

  • Gefühlstaubheit, Niedergeschlagenheit, Depression oder Verlust von Interesse an anderen Menschen, weil man sich nicht verstanden glaubt.

  • evtl. treten Schuldgefühle auf, indem sich der Betroffene vorwirft: „Hätte ich anders reagiert, hätte ich vielleicht das Schlimmste vermeiden können.“

  • Gefühle des Kontrollverlustes im Alltag, wenn das belastende Ereignis den Betroffenen immer wieder „überfällt“, ohne dass er hierfür den Auslöser erkennen kann.

Dabei ist für das Auftreten einer PTB nicht nur wichtig, dass sich der Betroffene in einer äußerst schlimmen Lage befand, sondern auch, dass er das Gefühl hatte, einer Situation völlig ausgeliefert zu sein, in der er den Verlust jeglicher Autonomie erleben musste. In den letzten Jahren tritt diese Störform häufig bei Soldaten auf, die im afghanischen Krieg mitkämpfen mussten. Da die Symptome bei einer PTB erst Wochen oder Monate nach dem auslösenden Ereignis auftreten, ist der Zusammenhang zwischen dem Ereignis und der Erkrankung schwer zu erkennen. Der Betroffene glaubt, das „lang“ zurückliegende Ereignis bewältigt zu haben, für den Therapeut sind dann oft die Albträume die wichtigsten Hinweise.

Vergleich PTB, akute Belastungsstörung und Anpassungsstörung

Tab. 25-2
PTBAkute BelastungsstörungAnpassungsstörung
UrsacheSchwer wiegendes Ereignis, z. B. Vergewaltigung, Kriegserlebnis, FolterSchwer wiegendes Ereignis, z. B. Vergewaltigung, Kriegserlebnis, FolterLebenskrise, einschneidende Lebensveränderung
BeginnMeist Wochen bis Monate nach dem Ereignis, selten später als 6 Monate danachUnmittelbar im Anschluss an das belastende EreignisCa. 1 Monat danach
DauerHohe Chronifizierungsneigung, nach 10 Jahren sind noch bei 2/3 der Betroffenen Symptome vorhanden (bei Nichtbehandlung)Stunden bis einige TageCa. 6 Monate
Akute Belastungsreaktion
Eine akute Belastungsreaktion, akuteBelastungsreaktion wird, wie eine PTB, durch ein schwer wiegendes Ereignis ausgelöst. Im Unterschied zur PTB kommt es aber unmittelbar nach dem dramatischen Ereignis zu einer Art Betäubung, einer Bewusstseinseinengung (Abschn. 25.6.1), Desorientiertheit (Abschn. 25.6.1) und zu vegetativen Symptomen. Diesen ersten Symptomen folgen sehr oft depressive oder überaktive Reaktionen. Auch sozialer Rückzug ist möglich. Häufig kommt es vor, dass der Betroffene eine Amnesie (Erinnerungslücke) erleidet, die einen Teil oder das ganze auslösende Ereignis betrifft.
Ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal zur PTB ist, dass die akute Belastungsreaktion meist nur wenige Stunden bis einige Tage anhält.
Anpassungsstörung
AnpassungsstörungGelingt es jemanden nicht, mit einer einschneidenden Lebensveränderung, einem belastenden Ereignis, einer schweren Erkrankung, Trennung oder Tod eines lieben Menschen fertig zu werden, d. h. sich dieser Lebenskrise anzupassen, dann kann es sein, dass es zu einer Anpassungsstörung kommt. Diese ist immer mit subjektiv empfundenem Leid verbunden, das zu Konzentrationsstörungen, Leistungseinbußen und Schwierigkeiten den Alltag zu bewältigen führt. Es können eine depressive Stimmung, Ängste und eine allgemeine Besorgnis entstehen.
Meist beginnt die Störung 1 Monat nach dem auslösenden Ereignis und hält ca. 6 Monate an.

Dissoziative Störungen (Konversionsstörung) (F44)

Störung:dissoziativeKonversionsstörungZuerst zwei kurze Worterklärungen: Dissociatio ist lateinisch und bedeutet „Trennung, Entkopplung, Spaltung“. Konversion bedeutet, „die Umwandlung eines seelischen Konflikts in ein Körpersymptom, für das keine körperliche Ursache nachweisbar ist“.
Die ICD-10 erklärt hierzu: „Kennzeichen der dissoziativen oder Konversionsstörungen ist der teilweise oder völlige Verlust der normalen Integration von Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der unmittelbaren Empfindungen, sowie der Kontrolle von Körperbewegungen.“
Eine Möglichkeit mit Ängsten umzugehen, die aus schweren seelischen Belastungen, verstörenden Erlebnissen, unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder aus gestörten Beziehungen entstanden sind, ist sie zu „entkoppeln“, also von der eigenen Erinnerung, von der eigenen Identität abzuspalten, damit sie einen nicht mehr quälen.
Dissoziative Störungen sprechen für das tiefenpsychologische Konzept der Verdrängung von Sigmund Freud. Verstörende Ereignisse werden abgewehrt, abgespalten und so aus dem Bewusstsein verdrängt. Leider können sich diese Verdrängungen an anderer Stelle wieder bemerkbar machen, durch Störungen in der Wahrnehmung der eigenen Identität, der Körperfunktionen und des Gedächtnisses. Durch Psychoanalyse, psychodynamische Therapieverfahren oder andere Verfahren kann es gelingen, die Ereignisse wieder bewusst zu machen, um zu einer Gesundung zu gelangen.
Die wichtigsten Formen dissoziativer Störungen sind: dissoziative Amnesie, dissoziative Fugue, multiple Persönlichkeitsstörung und dissoziative Störungen der Bewegungen und der Sinnesempfindungen. Diese werden nun vorgestellt.
Dissoziative Amnesie
Bei einer dissoziativen Amnesie, dissoziativeAmnesie kommt es, meist im Zusammenhang mit einem traumatischen Erlebnis, zu einem Unvermögen, sich an bedeutsame persönliche Daten und Lebensereignisse zu erinnern, d. h. der Betroffene spaltet (entkoppelt) das Erlebnis ab, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.
Es kann sich um eine selektive Amnesie oder eine vollständige Amnesie handeln. Bei einer selektiven Amnesie kann nur ein bestimmter Zeitraum oder ein bestimmter Inhalt nicht mehr erinnert werden. Bei einer vollständigen Amnesie dagegen kann nicht nur das belastende Ereignis nicht mehr erinnert werden, sondern es werden auch alle persönlichen Fakten „vergessen“ und das soziale Umfeld nicht mehr erkannt. Die kognitiven Funktionen, wie Lesen, Sprechen, Schreiben, Argumentieren, bleiben erhalten. Eine vollständige Wiedergesundung ist möglich. Eine Amnesie setzt meist abrupt ein und endet plötzlich.

Eine Amnesie muss gegen Vergesslichkeit (nur kleinere Gedächtnislücken ohne verstörendes Erlebnis zuvor) oder organisch bedingten Gedächtnisverlust abgegrenzt werden. Bei organisch bedingten Gedächtnisverlusten lässt die Gedächtnisleistung allmählich nach und ist unabhängig von einem besonders belastenden Lebensereignis, aber abhängig von einer organischen Erkrankung des Gehirns, z.B. bei Alzheimer oder Hirnarteriosklerose.

Dissoziative Fugue
Von einer dissoziativen Fugue, dissoziativeFugue (franz. fugue = Flucht) spricht man, wenn jemand aufgrund eines traumatischen Ereignisses nicht nur eine vollständige Amnesie erleidet, sondern darüber hinaus sein ganz normales Lebensumfeld aufgibt, das heißt, er „flieht“, verlässt sein zuhause und/oder seinen Arbeitsplatz und nimmt eine neue Identität an. In diesem Zustand benimmt er sich völlig normal und geordnet, ist aber ohne jede Erinnerung an sein früheres Leben. Diese Identitätsänderung kann sehr weitreichend sein. Er nimmt einen neuen Namen an, wählt einen anderen Wohnort, einen neuen Arbeitsplatz, sucht sich neue Freunde und nimmt sogar neue Persönlichkeitszüge an. Dieses vollständige Krankheitsbild ist sehr selten. In den meisten Fällen ist das neue Leben weniger komplex als sein früheres. Die dissoziative Fugue dauert unterschiedlich lang an. Sie kann eine vollständige Genesung erfahren.
Multiple Persönlichkeitsstörung
Hauptmerkmal einer multiplen Persönlichkeit, multiplePersönlichkeitsstörung ist die ständige Existenz von zwei oder mehr komplexen Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums, die abwechselnd das Verhalten übernehmen. Jede Persönlichkeit ist vollständig, hat ihre eigenen Erinnerungen, Verhaltensweisen, Vorlieben und Gefühle, wobei die einzelne Persönlichkeit keinen Zugang zur Persönlichkeit des anderen hat, es gibt aber eine Art „Hauptpersönlichkeit“. Diese leidet oft an Depressionen, Kopfschmerzen, Phobien, Suizidgedanken oder anderen selbstzerstörerischen Gedanken und/oder betreibt Substanzmittelmissbrauch.
Die multiple Persönlichkeitsstörung ist die schwerste dissoziative Störung, sie verläuft meist chronisch und eine Gesundung gelingt oft nur unvollständig. Von der Erkrankung sind oft Frauen betroffen, die in ihrer Kindheit traumatisiert wurden, z. B. durch Missbrauch.
Glücklicherweise tritt die Störform in der hier beschriebenen vollständigen Ausprägung nur sehr selten auf, die Diagnose wird sogar zunehmend in ihrer Richtigkeit angezweifelt. Manche Therapeuten ordnen sie der Borderline-Störung (Abschn. 25.5.2) zu.
Die multiple Persönlichkeitsstörung, die früher auch als gespaltene Persönlichkeit bezeichnet wurde, darf nicht mit der Schizophrenie (Abschn. 25.6.3) verwechselt werden, wie sie umgangssprachlich oft bezeichnet wird.
Weitere dissoziative Störungen
Psychogen verursachte Dissoziationen können sich auch durch Lähmungen, mangelnde Bewegungskoordinationen (Ataxien), Unfähigkeit zu stehen (Astasie) oder zu gehen (Abasie), durch Krampfanfälle, Empfindungsstörungen der Haut, Taubheit, Trance- oder Besessenheitszustände zeigen. Allen diesen Störungen ist gemeinsam, dass Symptome vorhanden sind, für die keine körperliche Begründung gefunden werden kann, da sie aus dem seelischen Bereich herrühren.

Somatoforme Störungen (F45)

Störung:somatoformeHauptmerkmal einer somatoformen Störung ist ein anhaltendes oder wiederholtes Auftreten von körperlichen Symptomen, für die keine erkennbare organische Ursache gefunden werden kann. Davon kann praktisch jedes Organ und jede körperliche Funktion betroffen sein. Im Unterschied zu den vorstehend geschilderten Störungen, bei denen die Ängste für einen außenstehenden Beobachter offensichtlich sind oder zumindest die Probleme oder Ängste dahinter „entdeckt“ werden können, ist dies bei den somatoformen Störungen nicht der Fall. Man nimmt aber an, dass Ängste im weitesten Sinn die Ursache der auftretenden Störungen sind.
Symptome.Typische Symptome sind Kloßgefühl im Hals (Globus hystericus), Schluckbeschwerden, Erbrechen, Menstruationsschmerzen, Schmerzen in den Extremitäten, Kurzatmigkeit, Juckreiz oder Brennen in den Geschlechtsorganen. Im Unterschied zu den nachstehend beschriebenen psychophysiologischen bzw. psychosomatischen Krankheiten (Abschn. 25.3) ist es zu keinen Organveränderungen gekommen, sondern es handelt sich um funktionelle Störungen, also um Störungen im Arbeitsablauf des betroffenen Organs.
Die Folgen der somatoformen Störung sind für die Betroffenen oft gravierend, weil die körperliche Symptomatik immer wieder Anlass für umfangreiche Untersuchungen und Therapien gibt, bis hin zu Operationen. Meist haben die Patienten lange Jahre die verschiedensten Ärzte aufgesucht, bis bei ihnen die Diagnose einer somatoformen Störung gestellt wird.
Ursachen.Die Ursachen somatoformer Störungen werden von den verschiedenen Psychotherapieschulen (Abschn. 25.9.1) unterschiedlich gesehen. So nehmen tiefenpsychologisch orientierte Schulen seelische Konflikte als Ursache an, die wohl in der Kindheit entstanden sind. Verhaltenstherapeutische Schulen betonen dagegen, dass die Beschäftigung mit körperlichen Symptomen eine Form von Belohnung ist: „Alles dreht sich um die Krankheit.“ Dadurch kommt es zu einem sekundären Krankheitsgewinn in dem Sinn, dass ihnen nun vermehrt Aufmerksamkeit und Rücksicht durch die Umwelt zuteil werden. Dies führt dazu, dass die Symptomatik weiter aufrechterhalten wird.
Eine weitere vertretene Theorie besagt, dass bei den Betroffenen eine verminderte Fähigkeit vorliegt, Gefühle wahrzunehmen und angemessen zu äußern. Deshalb drücken sie ihre Gefühle in Form von körperlichen Symptomen aus. In diesem Sinne zeigt jemand körperliche Schluckstörungen, der nichts mehr schlucken möchte, z. B. am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft. Oder jemand hat von seiner Arbeit „die Nase voll“ und bekommt einen Schnupfen.
Auswirkungen.Die Auswirkungen einer somatoformen Störung auf das Privat- und Berufsleben sind gravierend. Ständige Krankschreibungen z. B. können zum Verlust des Arbeitsplatzes führen oder sogar zu einer Frühverrentung.
Die besten Therapieerfolge erreicht man bei den „somatoformen Störungen“ durch einen Gesamtbehandlungsplan, einer Kombination aus Psychotherapie (sehr effektiv sind vielfach Verhaltenstherapien), Pharmakotherapie, Familienberatung und Selbstmanagement.
Es muss immer zuerst sorgfältig eine körperliche Erkrankung ausgeschlossen werden, bevor die Diagnose „somatoforme Störung“ gestellt werden darf.
Wichtige Erscheinungsformen von somatoformen Störungen sind die Somatisierungsstörung, somatoforme Schmerzstörung und die Hypochondrie.
Somatisierungsstörung
Bei einer SomatisierungsstörungSomatisierungsstörung treten zahlreiche, über mehrere Jahre bestehende Körpersymptome auf, ohne dass ein körperlicher Befund dafür gefunden werden kann. Charakteristisch für diese Störung ist, dass in der Anamnese viele verschiedene Symptome angegeben werden, eine lange Krankheitsgeschichte besteht und die Patienten häufig wechselnde Beschwerden haben.
So können sie eine Woche Bauchschmerzen und Verstopfung als Beschwerden haben, und in der nächsten Woche kommt der Patient wieder in die Praxis und klagt über Schlafstörungen. Die Beschwerden werden oft in theatralischer, dramatischer Weise beschrieben und eingeflochten in eine lange Krankheitsgeschichte. Die Betroffenen sind überzeugt davon, schon ihr ganzes Leben lang leidend gewesen zu sein. Dabei muss man unbedingt bedenken, dass diese Beschwerden für den Betroffenen real sind, dass sie wirklich leiden und deshalb ernst genommen werden müssen. Für den Heilpraktiker heißt das, dass die dahinter liegenden seelischen Probleme aufgedeckt und therapiert werden müssen. Dabei haben sich v. a. hochpotenzierte homöopathische Mittel, Bachblüten, Gesprächstherapie u. ä. Verfahren bewährt.
Vegetative Dystonie.In der Medizin wird häufig die Diagnose, vegetativeDiagnose „vegetative Dystonie“ gestellt, wobei hier mehr im Vordergrund steht, dass es durch psychisch-seelische Faktoren zu einer Auswirkung auf das unbewusst arbeitende vegetative Nervensystem gekommen ist. Dies hat zu einem fehlerhaften Spannungszustand (Tonus) von Muskeln geführt. Die Folge davon kann z. B. Verstopfung oder Durchfall sein, zu hoher oder zu niedriger Blutdruck (Fehlspannung der Gefäßmuskulatur) oder Rückenschmerzen durch Muskelverspannungen.
Somatoforme Schmerzstörung
Schmerzstörung, somatoformeEs kommt zu vielfältigen, andauernden, quälenden, organisch nicht begründbaren Schmerzen. In der Regel ruft eine somatoforme Schmerzstörung eine umfangreiche medizinische Betreuung und den schon genannten sekundären Krankheitsgewinn für den Betroffenen hervor.
Die Diagnose „somatoforme Schmerzstörung“ wird nur gestellt, wenn die Schmerzstörung in Verbindung mit gravierenden emotionalen oder psychosozialen Konflikten, die sich als Überforderung, Unterforderung, Arbeitsprobleme u. ä. äußern, auftritt. Diese Konflikte sollten schwerwiegend genug sein, um als ursächlich zu gelten.
Hypochondrie
HypochondrieBei dieser Störung sind die zugrunde liegenden Ängste noch am leichtesten erkennbar, denn der Betroffene äußert dem Therapeuten und Mitmenschen gegenüber seine übermäßige Angst, an einer schweren körperlichen Krankheit zu leiden. Dazu wird der eigene Körper immer wieder auf Anzeichen einer schweren Erkrankung hin untersucht und es werden die meist sehr unspezifischen Symptome falsch interpretiert. So entdeckt der Hypochonder z. B. eine Lymphknotenschwellung oder ausgeprägte Müdigkeit an sich und glaubt gleich an Krebs zu leiden. Bestätigt ihm ein Arzt nach der Untersuchung, dass dieses Symptom nicht auf eine Krebserkrankung hindeutet und auch keiner anderen körperlichen Verursachung zugeordnet werden kann, folgen meist nach einer ganz kurzen „Beruhigungszeit“ weitere häufige Arztbesuche oder Arztwechsel (doctor-hopping).
Um die Diagnose Hypochonder stellen zu können, müssen diese Symptome mindestens seit 6 Monaten vorliegen.

Psychosomatische Störungen (Psychosomatik)

PsychosomatikBei einer Störung:psychosomatischepsychosomatischen Störung hat ein psychischer (seelischer Konflikt) eine organische Krankheit verursacht.
Psychosomatik umfasst den Einfluss der Psyche (Seele) auf das Soma (Körper). So nimmt man bei psychosomatischen Erkrankungen an, dass bestimmte Emotionen und Denkprozesse zur Entstehung einer körperlichen Erkrankung geführt haben. Im Gegensatz zu den somatoformen Störungen, bei denen keine Organveränderungen zu finden sind, sind hier körperliche Veränderungen nachweisbar.
Die ICD-10 hat kein eigenes Kapitel für psychosomatische Störungen, sondern sie werden den einzelnen psychiatrischen Erkrankungen und neurotischen Belastungs- und somatoformen Störungen zugeordnet. So ordnet sie z. B. die weiter unten aufgeführten „Holy Seven“ den psychischen Faktoren und Verhaltenseinflüssen bei anderorts klassifizierten Krankheiten (F 54) zu. Aber da in der Medizin und besonders in der Naturheilkunde und Psychologie immer noch viel von psychosomatischen Erkrankungen gesprochen wird, werden sie hier vorgestellt. Beachten Sie bitte, dass die Krankheitsbezeichnung jedoch sehr unterschiedlich benutzt wird. In bestimmten Bereichen der Naturheilkunde wird der Begriff der psychosomatischen Störungen in einem sehr weiten Sinn verwendet, nämlich: Alle Krankheiten mit oder ohne Organveränderung haben grundsätzlich ihre Ursache im psychisch-seelischen Bereich. Damit werden auch Erkrankungen wie Spannungskopfschmerz und Schnupfen zu den psychosomatischen Erkrankungen gerechnet. Im letzteren Fall ist jemand über eine bestimmte Sache „verschnupft“ und erkrankt deshalb an einer Rhinitis (Schnupfen). Wäre er in einer psychisch stabilen Ausgangslage gewesen, hätten ihm die Schnupfenviren nichts anhaben können.
Oft wird der Begriff „Psychosomatosen“ verwendet. Darunter versteht man die klassischen psychosomatischen Erkrankungen, die auch als Holy Seven bezeichnet werden:
  • Asthma bronchiale

  • Neurodermitis

  • Hyperthyreose

  • Ulcus duoden

  • Colitis ulcerosa

  • Essentielle Hypertonie (nicht organisch verursacht)

  • Rheumatoide Arthritis

Bei psychosomatischen Störungen müssen Körper und Seele behandelt werden.

Affektive Störungen (F3)

Störung:affektiveUnter Affekt versteht man eine heftige Gemütsbewegung wie Freude, Wut oder Begeisterung. Es handelt sich um ein relativ kurz dauerndes, abgrenzbares, stark ausgeprägtes Gefühl, begleitet von körperlichen Symptomen wie Blutdruckveränderungen, Schweißausbruch, Änderung der Herztätigkeit oder der Gesichtsfarbe. Unter einer Handlung im Affekt versteht man eine Kurzschlusshandlung, bei der es zum Fortfall von Hemmungen und/oder zur Bewusstseinseinengung kam. Es kann nun zu den bekannten Affekthandlungen kommen wie z. B.: „im Affekt habe ich sie geschlagen“, aber auch: „nach der bestandenen Prüfung bin ich dem Prüfer um den Hals gefallen“. Typisch für eine Affekthandlung ist, dass sie erst einer kritischen Einsicht zugänglich ist, wenn der Affekt abgeklungen ist.
Bei einer Steigerung des Affektes kann es sogar zum Affektdelikt kommen. So könnte jemand aus einem Affekt heraus einen anderen Menschen schwer verletzen oder töten. Anhaltende Gefühlszustände werden nicht zu den Affekten gerechnet, sie werden als Stimmung bezeichnet. Stimmungen kennzeichnen das allgemeine Lebensgefühl eines Menschen und sind unabhängig von äußeren Ereignissen.
Unter einer affektiven Störung versteht man länger anhaltende, das gesamte Erleben prägende Störungen der Stimmungslage wie übermäßige Niedergeschlagenheit, Gereiztheit, Traurigkeit oder Hochstimmung.
Übersicht über die Erscheinungsformen der affektiven Störungen nach der ICD-10
Die affektiven Störungen treten in zwei Hauptausprägungen auf:
  • Unipolare affektive Störung bedeutet, die Stimmung ist nur in eine Richtung verändert: entweder als depressive Episode, in der die Stimmungslage niedergeschlagen, tieftraurig, antriebslos ist oder als manische Episode mit Hochgestimmtheit und Euphorie.

  • Bipolare affektive Störung bedeutet, hier gibt es einen Wechsel der Stimmung zwischen depressiven und manischen Episoden.

Weiterhin unterteilt die ICD-10 die affektiven Störungen folgendermaßen:
Depressive Episode
  • leichte bis schwere depressive Episode

  • schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen

Manische Episode
  • Hypomanie: leichtere Form der Manie

  • Manie ohne psychotische Symptome

  • Manie mit psychotischen Symptomen

Bipolare affektive Störung (manisch-depressive Episode), d. h., es treten sowohl manische als auch depressive Episoden auf
Anhaltende affektive Störungen
  • Zyklothymia: andauernde Instabilität der Stimmung mit zahlreichen Perioden leichter Depression und leicht gehobener Stimmung

  • Dysthymia: chronische depressive Verstimmung

  • andere affektive Störungen wie saisonale Depression u. a.

Diese einzelnen Erscheinungsformen werden nun näher vorgestellt.

Depressive Episode

Episode, depressiveDie depressive Episode (DepressionDepression) ist die am weitesten verbreitete affektive Störung. Es kommt zu einer tieftraurigen, niedergeschlagenen, antriebslosen Stimmung mit Schlaflosigkeit (hauptsächlich Früherwachen), Müdigkeit, Lethargie, Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit, vermindertem Selbstwertgefühl, Konzentrationsschwäche, Libidoverlust und dem sog. Morgentief. Mit Morgentief meint man, dass die schlechte Stimmungslage am frühen Morgen am ausgeprägtesten ist, sie kann sich im Laufe des Tages zum Abend hin dann leicht verbessern.
Eine Depression kann in ganz unterschiedlichen Schweregraden auftreten, und zwar von einer leichten depressiven Verstimmung über schwere bis schwerste Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, der Unfähigkeit Gefühle wahrzunehmen, bis hin zur Lähmung jeglicher Aktivität und dem Auftreten von Wahngedanken (psychotische Ausprägung einer Depression). In letzterem Fall kann es zu der wahnhaften Idee eigener, großer Schuld kommen (Abschn. 25.6.1). Grundsätzlich können bei einer Depression der Antriebsverlust und die Niedergeschlagenheit so stark sein, dass der Betroffene nicht mehr in der Lage ist das Bett zu verlassen, um seinen Alltagsverpflichtungen nachzukommen.
Beachten Sie bitte, dass bei einer Depression grundsätzlich eine erhöhte Suizidgefahr besteht (s. auch die Ausführungen zu Suizid in der Folge).
Übersicht über mögliche Symptome:
  • Stimmung: Sie ist niedergeschlagen, traurig, ängstlich, schwermütig, verzweifelt, gefühllos.

  • Denken: Es ist gehemmt, verlangsamt, blockiert, zerfahren (Abschn. 25.6.1), grüblerisch mit Schuldgefühlen. Es treten Suizidgedanken, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten auf.

  • körperliche Symptome: Energielosigkeit, Libidoverlust, Schlafstörungen, Müdigkeit, Appetitlosigkeit oder gesteigerter Appetit.

  • Motivation: Es kommt zu einer Lähmung des Willens, Interessensverlust und Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen.

  • psychotische Symptome: Es handelt sich meist um Schuldwahn, Verarmungswahn, hypochondrischer Wahn, Versündigungswahn.

Um die Diagnose depressive Episode stellen zu können, hat die ICD-10 die Symptome gegliedert, und zwar in typische Symptome (Hauptsymptome) und andere häufige Symptome (Zusatzsymptome).
Typische Symptome sind:
  • gedrückte Stimmung

  • Interessenverlust, Freudlosigkeit

  • verminderter Antrieb, erhöhte Ermüdbarkeit

Andere häufige Symptome sind:
  • verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit

  • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen

  • Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit

  • negative und pessimistische Zukunftsperspektiven

  • Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzung oder Suizidhandlungen

  • Schlafstörungen

  • verminderter Appetit

Je nach Schweregrad der Depression müssen mindestens zwei Hauptsymptome und zwei Zusatzsymptome mindestens zwei Wochen lang bestanden haben, um die Diagnose einer depressiven Episode stellen zu können.
Depressionen können aus ganz unterschiedlicher Ursache heraus entstehen, allerdings gibt es oft gar keinen erkennbaren Grund.
Bis sie von den modernen Klassifikationssystemen (Abschn. 25.1.3) abgelöst wurden, wurde auch das klassische triadische System (Abschn. 25.1.2) auf die affektiven Störungen angewandt. Sie wurden affektive Psychose:affektivePsychosen genannt und nach ihrer Verursachung unterteilt in:
  • endogene affektive Psychosen. Es handelt sich um eine körperlich nicht begründbare Depression, Manie oder bipolare Störung. Eine direkte kausale Ursache kann nicht gefunden werden. Damit steht ihr Auftreten nicht im Zusammenhang mit z. B. traumatischen Ereignissen oder einer hirnorganischen Erkrankung. Sie gilt als eine konstitutionell-genetisch mitbedingte Erkrankung.

  • exogene affektive Psychosen. Ihr liegen bestimmte körperliche, organische Ursachen zugrunde auf die man die affektive Störung zurückführen kann, z. B. Hirnarteriosklerose, Drogeneinnahme, Schilddrüsenunterfunktion.

  • Psychogene (seelische) Depressionen können sich aufgrund eines chronischen emotionalen Drucks entwickeln. Jemand leidet z. B. unter einer Dauerbelastung durch einen schwierigen Arbeitsplatz oder hat Eheprobleme. Daraus könnte sich z. B. eine „Erschöpfungsdepression“ entwickeln. Von dieser Depression sind v. a. Frauen betroffen.

Suizidalität.Bei einer vorliegenden Depression muss man immer mit einer SuizidalitätSuizidalität (SelbstmordgefährdungSelbstmordgefährdung) rechnen. Es ist ganz wichtig, in der Therapie das Thema anzuschneiden und nicht zu denken, ich rühre nicht daran, sonst bringe ich ihn/sie eventuell erst auf die Idee. Ein depressiver Patient hat längst daran gedacht.
Wichtig ist zu wissen, dass die Selbstmordgefährdung am Beginn einer Therapie besonders hoch ist. Das kann an der Therapieaufnahme an sich liegen oder es liegt daran, dass bei einer Depression Antidepressiva verordnet werden. Diese wirken erst nach einigen Wochen wirklich gut. Aber nach wenigen Einnahmen wird in der Regel schon der Antrieb gesteigert. Das bedeutet, wenn eine Person in einer Depression selbstmordgefährdet war und ihr die Kraft zur Durchführung gefehlt hat, hat sie jetzt die Kraft dazu, denn die anderen schweren Symptome der Depression sind ja noch vorhanden. Ein Alarmsignal sollte immer sein, wenn ein Patient berichtet, dass es ihm nun (plötzlich) gut geht oder sogar, dass er berichtet „alle seine Probleme seien gelöst“. Dahinter kann stehen, dass er den endgültigen Entschluss gefasst hat, seinem Leben ein Ende zu setzen, und dass ihn das sehr erleichtert.
Was ist zu tun, wenn ein Patient in Ihrer Praxis Selbstmordgedanken äußert, in einer Form, dass man annehmen muss, er könnte sein Vorhaben auch durchführen? Diesen Patient dürfen Sie nicht alleine lassen und er darf ohne entsprechende Vorsorgemaßnahmen nicht aus der Praxis entlassen werden. In besonders kritischen Fällen muss eine Einweisung in eine Psychiatrische Klinik veranlasst werden. Dabei muss folgendes beachtet werden:
Nur ein Arzt kann das Einweisungsverfahren in Gang setzen. Weigert sich ein Patient in eine Klinik zu gehen, muss der Arzt vor Gericht eine vormundschaftliche Genehmigung einholen. Um diese zu bekommen, sind genau vorgegebene Indikationen erforderlich.
Sollte eine Notfall-Einweisung in eine Klinik notwendig sein, so kann dies auch nur ein Arzt in die Wege leiten. Er muss dann ein Zeugnis der Selbst- oder Fremdgefährdung ausstellen mit den Angaben, welche Unterbringung er für notwendig hält. Die Dauer dieser notfallmäßigen Unterbringung ist begrenzt und bedarf stets der schnellen nachträglichen richterlichen Überprüfung. Die Vorgehensweisen in den einzelnen Bundesländern und Städten ist unterschiedlich.
Weitere gebräuchliche Einteilungen der Depression:EinteilungDepression:
  • somatogene Depression. Der Depression liegt eine körperliche Ursache zugrunde.

  • psychoreaktive Depression. Sie tritt als Reaktion auf schwerwiegende Lebensereignisse auf.

  • Wochenbettdepression. Sie kann sich noch Wochen nach der Entbindung bei der Mutter einstellen. Eine Wochenbettpsychose ist die schlimmste Form, sie kann einhergehen mit Wahngedanken.

  • saisonabhängige Depression. Bekannt ist die Winterdepression, die mit hellem Licht behandelt werden kann.

  • larvierte Depression. Davon spricht man, wenn jemand eigentlich an einer Depression erkranken würde, er verkappt, versteckt sie aber hinter körperlichen Symptomen. Dem Betroffenen selbst ist nicht klar, dass er „eigentlich“ an einer Depression leidet.

  • Altersdepression. Bei ihrem Auftreten spielen zwei Faktoren eine Rolle, zum einen hirnorganische Abbauprozesse, z. B. Hirnarteriosklerose, und zum anderen seelische Probleme, wie Vereinsamung, fehlende Perspektive, Altersarmut, Tod des Lebenspartners und der Freunde.

Bitte beachten: Gerade die Altersdepression geht mit einer hohen Selbstmordrate einher. Ältere Menschen sprechen seltener als jüngere über ihre Selbstmordabsichten. Führen sie einen Suizid durch, so ist dieser meist erfolgreich. Bei einem jüngeren Menschen dagegen kommt es öfter vor, dass ein Tötungsversuch ein Hilfeschrei an die Umwelt ist, ihm bei der Lösung seiner Probleme zu helfen.

Manische Episode

ManieEpisode, manischeIn einer manischen Episode zeigt sich die Stimmungslage konträr zu einer depressiven. Der Betroffene zeigt einen gesteigerten Antrieb und fühlt sich in einer gehobenen Stimmungslage mit sorgloser Heiterkeit, er kann sogar euphorisch sein. Er hat Schlafstörungen, leidet aber nicht darunter, weil er kein Schlafbedürfnis empfindet; er ist hellwach. Seine Heiterkeit ist situationsinadäquat, d. h. sie hat keinen nachvollziehbaren Grund. Die Stimmungserhöhung ist gepaart mit einem erhöhten Erregungsniveau, gereizter Stimmung, Überaktivität, Rededrang und Ideenflucht (Abschn. 25.6.1). Es besteht eine erhöhte Ablenkbarkeit und damit kommt es zu Konzentrationsstörungen.
Die Manie kommt – wie die Depression auch – ohne und mit psychotischen Symptomen vor. Treten diese auf, handelt es sich meist um Größenwahn, Verfolgungswahn (kann aus der überhöhten Reizbarkeit und Misstrauen entstehen) oder um einen religiösen Wahn.
Der Maniker hat keine Krankheitseinsicht, allerdings leiden die Menschen seiner sozialen Umgebung, denn die Überaktivität verführt den Betroffenen dazu, seine Lebenspläne ständig zu ändern, oft verbunden mit überhöhten Geldausgaben. Beispielsweise könnte jemand seinen Job hinwerfen, um jetzt als Schriftsteller zu leben, ein paar Tage später könnte er entscheiden auswandern zu wollen.
Kennzeichen der Manie:
  • gehobene Stimmung

  • Selbstüberschätzung

  • erhöhte körperliche Unruhe

  • soziale Hemmungen gehen verloren, gesteigerte Libido

  • Logorrhoe (starker Redefluss)

  • krankhaft gesteigerte Aktivität

  • Ideenflucht

  • deutlich vermindertes Schlafbedürfnis

  • Rastlosigkeit

  • Agitiertheit (Erregung, Unruhe)

  • bei psychotischer Ausprägung: Wahnideen

Von einer HypomanieHypomanie spricht die ICD-10 bei einer leichteren Ausprägung der Manie mit gesteigertem Lebensgefühl und einer erhöhten Reizbarkeit.
Die manische Episode (unipolare Ausprägung) als eigenständige Diagnose kommt nur sehr selten vor. Meist handelt es sich um eine bipolare affektive Störung (Abschn. 25.4.3), d. h. Phasen depressiver Stimmungslage wechseln sich mit manischen Episoden ab.

Bipolare affektive Störung (manisch-depressive Störung, manische Depression)

Störung:manisch-depressiveDepression:manischeCharakteristikum der bipolaren affektiven Störung ist der Wechsel von Phasen mit depressiver Stimmungslage und Phasen von Hochstimmung. Zwischen den Phasen ist die Stimmungslage normal. Manische Episoden treten meist abrupt auf und dauern von zwei Wochen bis ca. fünf Monate, wohingegen depressive Phasen etwas länger anhalten, meist bis sechs Monate, im Ausnahmefall auch bis zu einem Jahr. Die bipolare Depression ist seltener als die unipolare.

Anhaltende affektive Störungen

Anhaltende affektive Störungen werden diagnostiziert, wenn Stimmungslagen jahrelang anhalten, aber vom Schweregrad nicht zu einer leichten Depression oder Hypomanie gerechnet werden können.
Die ICD-10 unterscheidet die DysthymiaDysthymia und die Zyklothymia:
  • Dysthymia. Die Betroffenen erleben eine depressive Verstimmtheit und fühlen sich müde, schlafen schlecht und neigen zum Grübeln. Ihr Leben erscheint ihnen als eine einzige Anstrengung. Dieser Zustand kann über Jahre andauern und wird nur kurz unterbrochen. Die Diagnose Dysthymia darf nur gestellt werden, wenn die depressive Verstimmtheit mindestens 2 Jahre angedauert hat und sie sollte nicht länger als 2 Monate unterbrochen gewesen sein.

  • Zyklothymia. Die ZyklothymiaZyklothymia entspricht der bipolaren affektiven Störung, d. h., die Phasen guter, leicht euphorischer Stimmung wechseln sich mit Phasen von Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit ab. Diese Instabilität entwickelt sich meist im Erwachsenenalter und zeigt oft einen chronischen Verlauf.

Therapie.Die Therapie der affektiven Störungen muss sich an der zugrunde liegenden Ursache ausrichten. Das gilt vor allem für die organischen Depressionen, nach deren Verursachung sorgfältig geforscht werden muss.
Ausgeprägte Krankheitsbilder müssen an den Psychotherapeuten verwiesen werden; schwerste, die z. B. mit Wahn einhergehen, müssen vom Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie therapiert werden, weil in diesen Fällen verschreibungspflichtige Medikamente unerlässlich sind. Bitte beachten Sie zu den Antidepressiva Abschn. 25.9.2.
Der Heilpraktiker kann leichte Formen depressiver Verstimmung behandeln, die noch keiner psychotherapeutischen Behandlung bedürfen, z. B. mit Gesprächstherapie, Phytotherapie (v. a. Johanniskraut, Hypericum perforatum), Bach-Blüten-Therapie, Farbbestrahlung (v. a. Gelblicht), Homöopathie, Ausleitungsverfahren und mit physikalischen Anwendungen (z. B. Ordnungstherapie nach Kneipp).

Persönlichkeitsstörungen (F6)

PersönlichkeitsstörungUnter Persönlichkeit versteht man die Summe der Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen bzw. seinen ganz eigenen Charakter.
Eine Persönlichkeitsstörung liegt vor, wenn sich in einer Person auffallende, tief verwurzelte und starre Muster im Wahrnehmen, Denken, Handeln und Fühlen und in den Beziehungen zu anderen zeigen, wenn sich diese Verhaltensmuster von denen anderer Menschen deutlich unterscheiden und den Betroffenen und vielfach auch seinem persönlichen Umfeld Schwierigkeiten bis hin zu Leiden verursachen. Persönlichkeitsstörungen treten meist schon sehr früh auf und sie dauern unbehandelt über die ganze Lebenspanne an. Da hier die Person mit der Gesamtheit ihrer Charakterzüge betroffen ist, wurden sie früher als Charakterneurosen bezeichnet. Die Betroffenen selbst haben oft keine Krankheitseinsicht. Persönlichkeitsstörungen können nur schwer einerseits vom „normalen“ Verhalten und andererseits von psychischen Störungen abgegrenzt werden. Bei der Abgrenzung zu normalem Verhalten spielt der Ausprägungsgrad der Charaktereigenschaft eine wichtige Rolle. Um von einer Persönlichkeitsstörung zu sprechen, muss die Ausprägung der Charaktereigenschaft so stark sein, dass dadurch bei dem Betroffenen ein Leidensdruck entstanden ist und er in seiner normalen Lebensführung erheblich gestört wird. Damit man von einer Persönlichkeitsstörung sprechen kann, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
  • Das Persönlichkeitsmerkmal muss auffallend sein, sehr ausgeprägt vorliegen, in der Person tief verwurzelt sein und zu starren Verhaltensmustern führen.

  • Die Merkmale müssen sich im Verhalten, im Fühlen, im Antrieb, der Impulskontrolle, im Wahrnehmen, Denken und in den Beziehungen zu anderen deutlich zeigen.

  • Das individuelle Befinden und die alltägliche Lebensführung müssen gestört sein, Leid hervorrufen oder geforderte Leistungen können nicht erbracht werden.

  • Die Merkmale zeigen sich zuerst im Kindes- und Jugendalter und manifestieren sich dann auf Dauer im Erwachsenenalter.

Häufigkeit.Persönlichkeitsstörungen sind weit verbreitet. Man rechnet damit, dass 10 bis 20 % der Bevölkerung betroffen sind. Bis zu 35 % der in einer psychiatrischen Klinik aufgenommenen Patienten leiden an einer Persönlichkeitsstörung.
Um die Persönlichkeitsstörungen leichter lernen zu können, werden sie nach ihren Hauptmerkmalen untergliedert.

Exzentrisch geprägte Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörung:exzentrisch geprägteBei den exzentrisch geprägten Persönlichkeitsstörungen unterscheidet man:
  • paranoide Persönlichkeitsstörung

  • schizoide Persönlichkeitsstörung

Paranoide Persönlichkeitsstörungen
Persönlichkeitsstörung:paranoideWesentliches Merkmal einer paranoiden Persönlichkeitsstörung ist das ausgeprägte Misstrauen. Die betroffenen Menschen erwarten von ihren Mitmenschen nur Schlechtes, verschließen sich und halten Ausschau nach möglichen Anzeichen dafür, dass man sie betrügt und schädigt. Diese Menschen vertrauen kaum jemandem und neigen dazu, andere zu beschuldigen, auch dann, wenn der Fehler bei ihnen liegt. Sie neigen zu übertriebener Empfindlichkeit und Groll, haben ein rigides, streitsüchtiges Verhalten und eine ausgeprägte Neigung zu Eifersucht. Sie empfinden Handlungen anderer als erniedrigend oder bedrohlich gegen sie selbst gerichtet. Außerdem zeigen sie ein stark überhöhtes Selbstwertgefühl und sind sehr selbstbezogen.

Achtung: Paranoide Persönlichkeitsstörungen dürfen nicht mit Paranoia verwechselt werden. Paranoia ist eine Form der Psychose, die durch das isolierte Auftreten von Wahnvorstellungen gekennzeichnet ist (Abschn. 25.6.3).

Schizoide Persönlichkeitsstörung
Persönlichkeitsstörung:schizoideDiese Menschen sind scheu, reserviert, zurückgezogen und es fällt ihnen schwer, soziale Beziehungen zu knüpfen. Sie haben meist nur sehr wenig enge Freunde, sind aber grundsätzlich zu vertrauten Beziehungen fähig. Sie erscheinen gelangweilt und unnahbar und ohne warme Empfindungen für andere. Sie berichten selten über starke Gefühle und haben wenig Interesse an sexuellen Aktivitäten.
Nur wenige Tätigkeiten machen ihnen richtig Freude, überwiegend mögen sie einzelgängerische Beschäftigungen. Oft haben sie Probleme mit gesellschaftlichen Regeln.

Dramatisch und emotional geprägte Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörung:dramatisch und emotional geprägtBei den dramatisch und emotional geprägten Persönlichkeitsstörungen unterscheidet man:
  • emotional instabile Persönlichkeitsstörungen (Typ Borderline und impulsiver Typ)

  • histrionische Persönlichkeitsstörung

  • narzisstische Persönlichkeitsstörung

  • dissoziale Persönlichkeitsstörung

Diese werden nun im Einzelnen vorgestellt.
Emotional instabile Persönlichkeitsstörungen
Persönlichkeitsstörung:Typ BorderlineBorderline-TypDie ICD-10 untergliedert die emotional instabile Persönlichkeitsstörung in zwei Typen, den Borderline und den impulsiven Typ.
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline.Ursprünglich bedeutete der Begriff Borderline, dass sich der Patient an der Grenze (= borderline) zwischen Neurose und Psychose befindet. Heute versteht man darunter jedoch eine überdauernde Beeinträchtigung des Selbstbilds, der Stimmung und der zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich in den beruflichen und privaten Lebensbereichen nachteilig auswirken. Zum Krankheitsbild gehört, dass Einstellungen und Gefühle gegenüber anderen Menschen innerhalb kurzer Zeit beträchtlich und aus unerklärlichen Gründen schwanken. Das heißt, Beziehungen werden zunächst „in den Himmel gehoben“, können aber zu einem späteren Zeitpunkt genau ins Gegenteil kippen. Ein ständiges Gefühl der Depression und Leere kann die Betroffenen zu selbstverletztendem Verhalten treiben, wie das Ritzen an den Armen oder das Zufügen von Brandverletzungen mit Zigaretten. Dies geschieht, um sich wieder „spüren“ zu können, wie Betroffene erklären. Weitere Kennzeichen sind suizidale Gesten, starke Stimmungsschwankungen, Ängste vorm Verlassenwerden, Unsicherheiten, Schwierigkeiten der Orientierung an langfristigen Leistungs- und Zielvorstellungen, erhöhte Reizbarkeit und Aggressivität. Von allen diesen zahlreichen und sehr unterschiedlichen Symptomen sind die instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen ein entscheidendes Merkmal.
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ.Beim impulsiven Typ sind es die emotionale Instabilität und die mangelnde Impulskontrolle, die sich evtl. durch bedrohliches und gewaltsames Verhalten äußern können.
Histrionische Persönlichkeitsstörung
Persönlichkeitsstörung:histrionischeDie histrionische (früher: hysterische) Persönlichkeitsstörung hat als Hauptmerkmal übertriebene Emotionen und Ichzentriertheit. Die Betroffenen sind fortwährend bemüht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und fühlen sich unwohl, wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen. Sie zeigen ein theatralisches, oberflächliches Verhalten, übertriebenes Interesse an körperlicher Attraktivität und fallen oft durch ein verführerisches Verhalten auf. Sie sind aber gleichzeitig leicht durch andere zu beeinflussen. Auffallend ist auch, dass sie sehr leicht gekränkt sind.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Persönlichkeitsstörung:narzisstischeNarzissmusDie ICD-10 listet eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen auf, von denen mindestens fünf vorliegen müssen, damit die Diagnose narzisstische Persönlichkeitsstörung gestellt werden darf:
  • Größengefühl

  • Phantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Schönheit und ideale Liebe

  • Gefühl der Einmaligkeit

  • Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung

  • unbegründete Anspruchshaltung

  • Ausnützung von zwischenmenschlichen Beziehungen

  • Mangel an Empathie

  • Neidgefühle oder Überzeugung, beneidet zu werden

  • arrogantes, hochmütiges Verhalten

Dissoziale Persönlichkeitsstörung
Persönlichkeitsstörung:dissozialeDiese Störung ist gekennzeichnet durch anhaltendes antisoziales Verhalten wie die Verletzung der Rechte anderer und die Verneinung der von der Gesellschaft geschaffenen sozialen Normen. Oft kommt es zum Gesetzesbruch, möglicherweise zu einem kriminellen Lebensstil. Tatsächlich werden 80 % aller kriminell gewordenen als dissoziale Persönlichkeit (Psychopath) diagnostiziert. Sie wirken kalt und rücksichtslos und sehen selten eine eigene Schuld ein. Ebenso gehört eine Unfähigkeit dazu, längerfristige Beziehungen zu führen. Sie haben eine sehr niedrige Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives Verhalten. Diese Persönlichkeitsstörung gilt als besonders schwer zu therapieren.

Ängstlich und selbstunsicher geprägte Persönlichkeitsstörungen

Bei den ängstlich und selbstunsicher geprägten Persönlichkeitsstörungen unterteilt man in:
  • ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung

  • abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung

  • anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung

Diese werden nun genauer betrachtet.
Ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung
Persönlichkeitsstörung:ängstlich-vermeidendBetroffene einer ängstlich vermeidenden Persönlichkeitsstörung fühlen sich selbst als inkompetent, ungeschickt und anderen unterlegen. Ihnen fehlt es an einem gesunden Selbstbewusstsein. Sie leben in einer ständigen Besorgnis, fühlen sich bei sozialen Kontakten minderwertig und haben ständig Angst abgelehnt zu werden, was dazu führt, dass sie sich möglichst wenig auf persönliche Kontakte einlassen, es sei denn, sie sind sich ganz sicher, gemocht zu werden. Das beeinträchtigt nicht nur die Lebensführung im sozialen Umfeld, sondern auch das Berufsleben.

Übersicht über die Persönlichkeitsstörungen

Tab. 25-3
UntergruppeAuffallendes VerhaltenLebensgefühl
Paranoide PersönlichkeitsstörungMisstrauen, Empfindlichkeit, Streitsucht, RechthabereiIch bin gut, die anderen wollen mir schlecht, deshalb muss ich mich vor ihnen schützen.
Schizoide PersönlichkeitsstörungEinzelgänger, der noch zu vertrauten Beziehungen fähig ist;emotional kühles VerhaltenWenn ich jemandem zu nahe komme, vereinnahmt er mich.
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung; Borderline TypStarke emotionale Gefühle, Stimmungsschwankungen;instabile soziale Bezüge, andere werden entweder abgewertet oder idealisiert;selbstschädigendes VerhaltenIn mir geht es drunter und drüber, einmal himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt.
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung; impulsiver TypMangelnde ImpulskontrolleIch habe Schwierigkeiten mich zu beherrschen.
Histrionische PersönlichkeitsstörungÜbertriebene und oberflächliche Emotionen;Ichzentriertheittheatralisches VerhaltenVerletzlichkeitIch brauche Aufmerksamkeit und Beachtung, wenn ich sie nicht bekomme, bin ich tief verletzt.
Narzisstische PersönlichkeitsstörungSelbstverherrlichungSelbstverliebtheitIch bin einzigartig und außergewöhnlich, die anderen sind Massenmenschen.
Passiv-aggressive PersönlichkeitsstörungVerweigerung von VerpflichtungenIch muss doch nicht alles machen, sollen es doch die anderen tun.
Dissoziale PersönlichkeitsstörungRechte anderer werden verletzt;Verantwortungslosigkeitgeringe Frustrationsschwelleerhöhte ReizbarkeitIch muss angreifen, bevor ich angegriffen werde.
Ängstlich-vermeidende PersönlichkeitsstörungVermeidung von Situationen, in denen eine Bewertung durch andere erfolgen könnte;leicht verletzbar und schüchternIch bin anderen unterlegen.
Abhängige (asthenische) PersönlichkeitsstörungBetrachtet sich als hilflos und lehnt sich deshalb an eine andere Person an, von der sie auch ihr Glück erwartet;EntscheidungsschwierigkeitenVerlassensängsteIch kann ohne die Hilfe dieses Menschen nicht leben.
Anankastische (zwanghafte) PersönlichkeitsstörungPerfektion in allen Lebensbereichen;hohe Anforderungen an sich selbstUnentschlossenheitIch darf nichts falsch machen.Alles muss nach meiner Vorstellung erledigt werden.Ordnung und Kontrolle
Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung
Persönlichkeitsstörung:abhängige (asthenische)Die Bezeichnung abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung sagt es schon: Die Betroffenen sind abhängig von anderen Personen und von deren Unterstützung. Ihnen selbst mangelt es an Selbstvertrauen und Entscheidungsmut. Sie lassen lieber andere Personen für sie die Entscheidungen treffen. Eigene Wünsche und Bedürfnisse ordnen sie anderen unter. Hauptangst für sie ist verlassen oder abgelehnt zu werden. Passiert das, ist die Gefahr groß, dass sie depressiv werden.
Beispiel. Eine Ehefrau überlässt völlig passiv alle Entscheidungen ihrem Ehemann, z. B. wo die Familie lebt, wovon sie lebt und mit wem man Freundschaften schließt.
Anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung
Persönlichkeitsstörung:anankastische (zwanghafte)Zwanghafte Persönlichkeiten sind perfektionistisch und übermäßig mit Regeln und Plänen beschäftigt. Arbeit geht ihnen vor Vergnügen und es fällt ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen. Konventionen zu befolgen, ist ihnen sehr wichtig. Sie sind sehr rigide und eigensinnig und zeigen sich und anderen gegenüber Kontrollverhalten. In zwischenmenschlichen Beziehungen bestehen sie darauf, dass alles nach ihrer Art und Weise gemacht werden muss.
Beispiel. Ein Patient erzählt seinem Therapeuten, dass sein Leben hauptsächlich aus Arbeit bestanden habe. Als Botaniker habe er sich vor allem mit Klassifikationssystemen beschäftigt, was ihm wegen seines ausgeprägten Ordnungssinnes sehr entgegen kam. Seine viele Arbeit konnte er immer gut bewältigen. Dann wurde er zum Professor berufen, was ihm neben Stolz auch ein tiefes Gefühl der Angst gab. Schon bei den Berufungsverhandlungen sei ihm regelmäßig wegen der zu treffenden Entscheidungen übel geworden. Danach habe er fast Tag und Nacht gearbeitet, sei aber nie fertig geworden. Aus Unsicherheit sei er ständig damit beschäftigt gewesen, Zeitpläne zu strukturieren, an die er es aber nicht schaffte sich zu halten. Auch haben ihm die Vorlesungen große Probleme bereitet, weil er aus Angst, Fehler zu begehen, ständig alles überprüfen und gegenprüfen musste bis ins kleinste Detail. So sei er nie mit seiner Arbeit fertig geworden. Auch die Gremienarbeiten in der Universität seien zu einer größten Belastung geworden, weil ihm ständig Entscheidungen abverlangt wurden und er die Tragweite von Entscheidungen nicht genügend überprüfen konnte.

Psychotische Störungen (Psychosen)

Störung:psychotischePsychosePsychotische Störungen werden klassischerweise und bis heute von Ärzten und Laien als Psychosen bezeichnet, gerade als Abgrenzung zu den neurotischen Störungen (Abschn. 25.1.2). Die ICD-10 verwendet den Begriff Psychose nicht mehr. Psychotische Störungen sind die schwersten psychischen Erkrankungen, bei der die Betroffenen erhebliche Schwierigkeiten haben, in einer organisierten, rationalen Form zu denken. Psychotische Störungen haben eine starke Auswirkung auf die Wahrnehmung, das Denken, das Ichbewusstsein und das Erleben der eigenen Person. Ist die Erkrankung sehr stark ausgeprägt, kann sie mit einem (zeitweiligen) Verlust der Realität einhergehen.
In der ICD-10 werden diese psychotischen Störformen unter dem Kapitel „Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen“ geführt.
Symptome.Diese Störungen sind hauptsächlich gekennzeichnet durch folgende psychopathologische Symptome:
  • Denkstörungen

  • Ichstörungen

  • affektive Störungen

  • Halluzinationen

  • Wahn

  • Störungen der Psychomotorik (katatone Störungen)

  • Störungen des Antriebs- und Sozialverhaltens

  • Bewusstseinsstörungen

Beachten Sie bitte, dass nicht bei jeder psychotischen Störung alle Symptome vorhanden sein müssen. Je nach Krankheitsschwere finden Sie ein, zwei oder mehrere Symptome mehr oder weniger stark ausgeprägt.

Im Folgenden werden zuerst die vorstehend aufgezählten Symptome ausführlich erklärt, dann wird auf die Ursachen von psychotischen Störungen eingegangen und diese unterschieden in organisch (durch eine körperliche Erkrankung, meist des Gehirns ausgelöst) und nicht-organisch bedingte.

Wichtige psychopathologische Symptome

Denkstörungen
DenkstörungSie kommen als formale und inhaltliche Denkstörungen vor.
Formale Denkstörungen.Formale Denkstörungen unterscheidet man nach folgenden Kriterien:
  • Störung des Denkens hinsichtlich der Geschwindigkeit.

    • beschleunigtes Denken: Das Denkziel kann nicht mehr festgehalten werden, deshalb erscheint es für den Zuhörer zerfahren und inkohärent.

    • verlangsamtes Denken: Das Denken ist zähflüssig, schleppend, monoton.

    • gehemmtes Denken: Der Patient erlebt sein Denken als blockiert.

  • Störung des Denkens hinsichtlich des Ablaufs.

    • umständliches Denken: Das bedeutet Weitschweifigkeit in den Äußerungen, Wesentliches kann nicht von Unwesentlichem unterschieden werden.

    • perseverierendes, sich wiederholendes Denken: Dabei werden gleichen Gedanken, Fragen oder Redewendungen ständig wiederholt.

    • Eingeengtes Denken: Das heißt, dass der inhaltliche Denkumfang eingeschränkt ist, da es zum Verhaftetsein an ein oder wenige Themen kommt.

  • Störung des Denkens hinsichtlich der logischen Struktur. Zeichen sind hier Zerfahrenheit oder Inkohärenz. Das Denken ist zusammenhangslos und in sich nicht logisch. Das Sprechen und Denken verliert für den Zuhörer den inhaltlichen Zusammenhang. Ein Beispiel (nach Kraepelin), welches das gut verdeutlicht: „Das Mädchen sei bei solchen Gelegenheiten immer unangenehm akzeptnahme Trinkgelder.“

  • Grübeln, Gedankendrängen, Ideenflucht, Vorbeireden, Gedankenabreißen, Neologismen (sprachliche Neubildungen, z. B. „Häusergras“), Verbigeration (ständiges Wiederholen von gleichen, oft unsinnigen Wörtern oder Sätzen) gehören auch zu den formalen Denkstörungen.

Inhaltliche Denkstörungen (Wahn).WahnInhaltliche Denkstörungen betreffen die Fähigkeit, die Realität richtig einzuschätzen, d. h. sie betreffen nicht mehr die äußere Form, wie gedacht wird, sondern den Inhalt des Denkens, also was gedacht wird. Es ist ein Sinneseindruck vorhanden, aber es kommt zu einer falschen Beurteilung der Realität. Bei den inhaltlichen Denkstörungen handelt es sich hauptsächlich um das Symptom Wahn.
Beim Wahn kommt es zu einer eigenen Interpretation der Realität, die sich im Gegensatz zu der von der Allgemeinheit akzeptierten Realität befindet. Beim Wahn liegt im Unterschied zur Halluzination ein Sinnesreiz oder eine Gegebenheit vor, diese werden allerdings wahnhaft umgedeutet.
Beispiel. So können Wahnwahrnehmungen dazu führen, dass ein gemusterter roter Teppich als bedrohlich loderndes, verschlingendes Flammenmeer wahrgenommen wird. Da diese Wahrnehmung als Realität erlebt wird, kann man den Patienten auch nicht von seinem Irrtum überzeugen. Es hilft keine Erklärung, dass es sich nur um einen völlig harmlosen roten Teppich handelt.
Ein weiteres Beispiel wäre eine Frau, die mit der Wahnerinnerung an ein völlig harmonisches und liebevolles Elternhaus lebt, da sie mit der Tatsache, dass Misshandlungen und Missbrauch an der Tagesordnung waren, nicht anders fertig wird. Sie erzählt überall, und glaubt dies auch selbst, wie liebevoll und verständnisvoll ihre Eltern waren.
Häufig zeigt sich Wahn als Verfolgungswahn, Eifersuchtswahn, Größenwahn, religiöser Wahn, Schuldwahn oder Beziehungswahn. Beim Beziehungswahn bezieht jemand alles auf sich, auch Dinge und Ereignisse, die nichts mit ihm zu tun haben. Als Beispiel könnte jemand Radionachrichten als versteckte Botschaften an sich auffassen.
Bei den verschiedenen psychischen Erkrankungen treten unterschiedliche Wahnformen auf. Bei einer schweren Depression trifft man häufig auf Schuld- oder Verarmungswahn, bei einer Alkoholerkrankung auf Eifersuchtswahn, bei Demenz besteht oft die wahnhafte Überzeugung bestohlen zu werden. Bei manischen Störformen findet man oft Größenwahn.

Bitte beachten: Das Auftreten bestimmter Wahnformen bei speziellen psychischen Störformen ist zwar typisch, aber nicht zwingend.

Wahrnehmungsstörungen
WahrnehmungsstörungWahrnehmung bezeichnet den Vorgang der Reizaufnahme aus der Außenwelt eines Lebewesens mit Hilfe seiner Sinne, wie sehen, hören, riechen, schmecken. Leidet ein Mensch unter einer Wahrnehmungsstörung, dann nimmt er Dinge wahr, die nicht vorhanden sind, d. h., es liegt kein Sinnesreiz für diese Wahrnehmung vor. Zur Wahrnehmungsstörung gehört auch, dass derjenige sich ganz sicher ist, eine „reale Wahrnehmung“ zu erleben. Deshalb kann man ihn nicht durch Argumente vom Gegenteil überzeugen.
Die wichtigste Wahrnehmungsstörung ist die Halluzination, außerdem wird noch die Illusion dazugezählt.
Halluzination.Wie vorstehend erwähnt ist eine HalluzinationHalluzination eine Sinneswahrnehmung ohne adäquaten Außenreiz; trotzdem wird die Halluzination für einen echten Sinneseindruck gehalten.
Die häufigsten Halluzinationen sind optische (sehen), akustische (hören) und olfaktorische (riechen). Außerdem kennt man noch Sinnestäuschungen aus dem Bereich der Körperwahrnehmung. Letztere können z. B. in Folge eines Hirnschlages auftreten, bei dem der Betroffene nicht mehr in der Lage ist sein Bein oder Arm als zu ihm gehörend zu erkennen.
Beispiel einer optischen Halluzination: Jemand nimmt ein schreckliches Wesen wahr, das ihn bedroht, sodass er vor Angst versucht aus dem hochgelegenen Fenster zu fliehen. Dieses Wesen ist für keinen anderen der Anwesenden wahrnehmbar.
Beispiel einer gestörten Körperwahrnehmung: Jemand „sieht“ zwar seinen Arm, erkennt ihn aber nicht als seinen eigenen. Oder jemand betrachtet sein Bein als nicht zu ihm gehörend und möchte unbedingt, dass es ihm jemand operativ entfernt.
Illusion.Die IllusionIllusion oder illusionäre Verkennung ist eine optische Täuschung. Ein Schatten könnte so als bedrohlicher Mensch gesehen werden. Entscheidender Unterschied zum Wahn ist, dass die Illusion als solche erkannt werden kann, der Eindruck ist durch die Realität korrigierbar.
Ich-Störungen
Ich-StörungBei den Ich-Störungen handelt es sich um fehlerhafte Zuordnungen innerseelischer Erlebnisse. Innerseelische Ereignisse werden als von-außen-gemacht erlebt. Das betrifft sowohl Gedanken als auch Gefühle, Motive und Impulse. Diese Ich-Störungen werden als Fremdbeeinflussungs- und Entfremdungserlebnisse empfunden.
Fremdbeeinflussungserlebnisse.Unter FremdbeeinflussungserlebnisFremdbeeinflussungserlebnissen versteht man:
  • Gedankeneingebung: Die Betroffenen fühlen sich von außen gelenkt, geführt, Gedanken und Vorstellungen werden ihnen eingegeben, ja aufgedrängt.

  • Gedankenentzug: Hier kommt es zu dem Gefühl, als ob ihnen die Gedanken aus dem Kopf gezogen werden, dass ihnen die Gedanken weggenommen werden.

  • Gedankenausbreitung: Es besteht das Gefühl, dass ihre Gedanken von ihrem Umfeld gelesen werden können, dass sie ihnen nicht mehr alleine gehören.

Entfremdungserlebnisse.Bei EntfremdungserlebnissEntfremdungserlebnisse herrscht das Gefühl vor, dass Teile des Ichs oder eigene Körperteile als fremd oder nicht mehr zugehörig empfunden werden.
  • Depersonalisationsstörungen: Der Betroffene empfindet seine eigenen Gefühle und Erfahrungen als fremd. Er würde sagen, ich komme mir selbst fremd vor. Ich bin mir selbst entfremdet.

  • Derealisationsstörungen: Hier ist die Hauptempfindung, dass Personen, Objekte, die Umgebung unwirklich sind, als ob man sich selbst von außen beobachtet.

Störungen des Antriebs und der Psychomotorik.
Störung:Antrieb und PsychomotorikAntriebsstörungUnter Antrieb versteht man das, was uns „antreibt“, unsere innere Kraft, die Energie, die Aufmerksamkeit, Lebendigkeit, die allen unseren psychischen und physischen Leistungen zugrunde liegt. Psychomotorik ist die Gesamtheit der durch psychische (seelische) Vorgänge beeinflussten Bewegungsabläufe. Diese kann man z. B. an der menschlichen Mimik und der körperlichen Haltung gut erkennen, so könnte z. B. jemand unter Anspannung die Schultern hochziehen.
Es gibt eine Vielfalt von Störungen des Antriebs und der Psychomotorik.
So kennt man z. B. folgende Antriebsstörungen:
  • Antriebsarmut. Ein Mangel an Energie, Interesse und Initiative.

  • Antriebshemmung. Die eigene Energie und Initiative werden vom Patienten als gebremst erlebt.

  • Antriebssteigerung. Es liegt eine Zunahme an Energie, Initiative und Interesse vor, die aber nicht zielgerichtet und effektiv sein müssen.

Wichtige Störungen der Psychomotorik sind:
  • Mutismus. Eine Wortkargheit bis Stummheit (ein Nicht-Sprechen) bei intaktem Sprachvermögen und intakten Sprechorganen. Ein Gegensatz dazu ist die Logorrhoe (sehr starker Redefluss).

  • motorische Unruhe. Eine ziellos gesteigerte Motorik, z. B. ständiges Gestikulieren oder Nesteln am Knopf.

  • Stereotypien. Dabei handelt es sich um monoton wiederholte, sinnlos erscheinende Bewegungsabläufe wie Wischbewegungen, Reiben und Blinzeln. Auch die Tics werden zu den Stereotypien gerechnet, obwohl sie weniger komplex als Stereotypien sind. Es handelt sich um unwillkürliche, plötzlich einsetzende, schnelle und wiederholte Muskelzuckungen, die an keinen bestimmten Rhythmus gebunden sind.

  • Katatonie. Damit bezeichnet man einen Erkrankungszustand, bei dem psychomotorische Störungen im Vordergrund stehen. Die Katatonie wird noch weiter untergliedert. Bekannte Zustände sind:

    • Stupor. Eine motorische Bewegungslosigkeit bei voll erhaltenem Bewusstsein.

    • Raptus. Eine starke motorische Unruhe mit möglicherweise stereotypen Bewegungsabläufen, wie Schreien, Herunterreißen der Kleidung, Um-sich-Schlagen, ziellose Aggressivität.

    • Katalepsie. Eine gliederpuppenartige Bewegungsstarre, die der Kranke eine sehr lange Zeit aufrechterhalten kann.

Störungen der Affektivität
AffektivitätsstörungUnter Affektivität versteht man die Grundgestimmtheit eines Menschen, also nicht den Affekt, wie wir ihn im Kap. 25.4. vorgestellt haben, nämlich die heftigen Gemütsbewegungen wie Freude, Wut oder Begeisterung. Affekt bezeichnet die Gestimmtheit im Augenblick, Affektivität dagegen die länger überdauernde Grundgestimmtheit einer Person. Störungen der Affektivität finden ihren Ausdruck in:
  • Affektverflachung. Gefühls-, Ausdrucks-und Reaktionsverarmung

  • Apathie. Ein Mangel an Energie und Interesse, Willensschwäche

  • Anhedonie. Die Unfähigkeit überhaupt Freude zu empfinden

  • Gefühle der Gefühllosigkeit. Das Gefühl gar keine Gefühle zu haben

  • Störungen der Vitalgefühle. Störung der körperlichen und seelischen Frische bzw. Energie

Bewusstseinsstörungen
Störung:BewusstseinBewusstseinsstörungBewusstseinsstörungen werden in zwei große Gruppen unterteilt, in die quantitativen und die qualitativen (Abschn. 23.5.3) Bewusstseinsstörungen.
  • Quantitative Bewusstseinsstörungen bezeichnen, wie stark das Bewusstsein gestört ist bzw. den Grad der Wachheit. Quantitative Bewusstseinsstörungen können sich in Benommenheit, Somnolenz, Sopor bis zum Koma äußern. Bitte beachten Sie hierzu Abschn. 23.5.3.

  • Qualitative Bewusstseinsstörungen (Bewusstseinsklarheit) beurteilen die Qualität, das heißt, wie gut und klar das Bewusstsein ist, also die Reaktionen auf das Erleben seiner eigenen Person und der Umwelt. Dabei wird unterschieden in:

    • Bewusstseinseintrübung. Der Patient ist nicht in der Lage seine Umgebung, sein Erleben und Verhalten richtig einzuschätzen. (Typisches Kennzeichen für ein Delir Abschn. 25.6.2).

    • Bewusstseinsverschiebung. Es liegt eine gesteigerte, intensivierte Wachheit vor, z. B. bei Drogenabusus.

    • Bewusstseinseinengung. Das Erleben ist eingeschränkt auf bestimmte Erlebnisinhalte, wie bei einem Dämmerzustand, im pathologischen Rausch oder bei Epilepsie.

Orientierungsstörungen
Störung:OrientierungOrientierungsstörungOrientierung bedeutet die Fähigkeit sich zurechtzufinden, dass man Bescheid weiß über die momentane Situation, in der man sich befindet, dass man sich zeitlich und örtlich einordnen kann und dass man die Kontrolle über sich hat. Dafür brauchen wir alle unsere Sinne, die Wahrnehmung und die kognitiven Fähigkeiten und ein funktionierendes Gedächtnis. Ist die Orientierung gestört, hat der Betroffene nur noch ein mangelndes Wissen über sich selbst, ist orientierungslos und im Vollbild der Erkrankung wird er völlig hilfsbedürftig.
Die Orientierungsstörungen unterscheidet man in:
  • zeitliche Orientierungsstörung: Der Patient hat Probleme sich „zeitlich“ einzuordnen, d. h. zu wissen in welchem Jahr, Monat, Wochentag er sich im Moment befindet. Beispielsweise könnte er auf die Frage nach seinem Lebensalter antworten „25 Jahre“, tatsächlich ist er aber 63 Jahre.

  • örtliche Orientierungsstörung: Der Patient weiß nicht wo er gerade ist, oft auch nicht, wie er dahin gekommen ist.

  • situative Orientierungsstörung: Die Einordnung der augenblicklichen Lage, in welcher er sich befindet gelingt nicht, so erkennt er z. B. nicht, dass er im Krankenhaus ist.

  • persönliche Orientierungsstörung: Hier haben wir es mit der schwersten Orientierungsstörung zu tun. Der Patient „erkennt“ sich selbst nicht mehr, er verliert seine eigene biografische Geschichte, erkennt meist den Ehepartner und die Kinder nicht mehr.

Orientierungsstörungen treten meist in der Reihenfolge auf:

zeitlich, örtlich, situativ, zur Person Z-Ö-S-P

Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
Störung:Aufmerksamkeit, Konzentration und GedächtnisKonzentrationsstörungGedächtnisstörungAufmerksamkeit und Konzentration ist die zielgerichtete Ausrichtung auf die Wahrnehmung, auf Lerninhalte und auf Objekte, um sie zu erfassen. Diese müssen in ihrer Bedeutung begriffen und dann sinnvoll in vorhandenes Wissen eingegliedert werden. Das Gedächtnis speichert diese Informationen. Wichtigste Voraussetzungen dieser Fähigkeiten sind Wachheit und Klarheit des Bewusstseins. Können diese Fähigkeiten nicht oder nur unzureichend ausgeübt werden, spricht man von Störungen der Aufmerksamkeit, der Konzentration oder des Gedächtnisses.
Gedächtnisstörungen kommen bei vielen Erkrankungen vor. Man unterscheidet:
  • Merkfähigkeitsstörungen (Störung des Kurzzeitgedächtnisses): neue Eindrücke können nicht länger als 10 Minuten behalten werden, d. h., sie werden nicht in das Langzeitgedächtnis übernommen.

  • Gedächtnisstörungen: Informationen können nicht in das Langzeitgedächtnis gespeichert werden bzw. schon Erlerntes daraus nicht mehr abgerufen werden.

  • Ebenfalls zu den Gedächtnisstörungen zählt man die Amnesie (Gedächtnislücke). Das ist ein zeitlich oder inhaltlich begrenzter Gedächtnisausfall, wobei man unterscheidet zwischen:

    • retrograder Amnesie: Dinge, die vor einem bestimmten, typischerweise traumatischem Ereignis oder einem Schädel-Hirn-Trauma lagen, können nicht erinnert werden.

    • anterograde Amnesie: Dinge, die nach einem bestimmten Ereignis liegen, können nicht erinnert werden.

    • kongrade Amnesie: Es besteht eine Erinnerungslücke für das Ereignis, das die Amnesie ausgelöst hat.

FlashbackFlashbacks (Echopsychosen) dagegen sind sogenannte Nachhallerinnerungen, bei denen sich unwillkürlich albtraumartige Bilder, Erinnerungen oder übermächtige Sinneseindrücke aufdrängen. Solche Flashbacks können nach traumatischen Erlebnissen (PTB) oder infolge von Einnahme von Halluzinogenen, also von Rauschmitteln wie Haschisch oder LSD auftreten.
Hiermit wurden die wichtigsten psychopathologischen Symptome erklärt, die bei psychischen Störungen auftreten können. Für das Verständnis der weiteren Ausführungen sind sie sehr wichtig. Psychosen haben zwei große Gruppen von Verursachungen, nämlich:
  • organisch bedingte psychische Störungen (organische Psychosen, exogene Psychosen, Psychosyndrome). Hier ist eine akute oder chronische organische Erkrankung, z. B. eine Hirnerkrankung oder Demenz, Ursache der Krankheit. In diesen Fällen muss die zugrunde liegende Erkrankung geheilt werden, damit die psychotischen Symptome verschwinden.

  • Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen. Es kann keine erkennbare körperliche Ursache für die aufgetretene Krankheit gefunden werden. Hier muss eine ganz andere Art der Therapie angewendet werden, die in den jeweiligen Kapiteln erklärt wird.

Organisch bedingte psychische Störungen

Bei organisch bedingten psychischen Störungen (organische Psychosen, exogene Psychosen, Psychosyndrome) sind organische Veränderungen des Gehirns krankheitsverursachend, z. B. Hirntumore, Hirnverletzungen, degenerative Hirnprozesse (Demenz) oder Schädigungen des Gehirns durch Drogen, Medikamente oder Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen.
Organisch bedingte psychische Störungen können die gleichen Symptome hervorrufen wie die nichtorganisch bedingten Psychosen, nämlich Gedächtnisstörungen, Desorientiertheit, Wahrnehmungsstörungen und Unfähigkeit, die Realität zu beurteilen. Nach der ICD-10 gehören zu den organischen Psychosen z. B. die Alzheimer-Krankheit, die vaskulären Demenzen, die AIDS-Demenz, Morbus Parkinson, Pick-Krankheit, Creutzfeld-Jacob-Krankheit und das Delir. Die organisch bedingten psychischen Störungen (exogene Psychosen) werden unterteilt in akute und chronische Psychosyndrome.
Akute Psychosyndrome
Psychosyndrom, akutesAkute Psychosyndrome beruhen auf akuten organischen Veränderungen des Gehirns, einer körperlichen Erkrankung mit Auswirkung auf das Gehirn und seinen Funktionen oder auf einer Intoxikation.
Kennzeichen des akuten Psychosyndroms sind der plötzliche Beginn, die auftretenden Bewusstseinsstörungen, und dass sie reversibel sind. Reversibel heißt, wenn die Ursprungserkrankung geheilt bzw. die Schadstoffeinwirkung auf das Gehirn abgeklungen ist, verschwinden die psychischen Symptome.
Auch das Alkoholdelir (Säuferwahn, Delirium tremens) wird mit dazu gerechnet. Allerdings kann ein Delirium tremens sowohl durch Alkoholabusus als auch bei Alkoholentzug auftreten. Typische Erscheinungen sind Bewusstseinstrübung, motorische Unruhe, Verwirrtheit, Angst und Halluzinationen.
Durchgangssyndrom.DurchgangssyndromDer Begriff gilt als obsolet (veraltet) und wird deshalb in der ICD-10 nicht aufgelistet, allerdings wird der Begriff in der medizinischen Alltagssprache noch verwendet. Man meint damit, dass es z. B. durch Fieber oder Intoxikation (Medikamente, Drogen) zu einer kurzzeitigen organischen Psychose kommt. Ein Durchgangssyndrom geht nicht mit Bewusstseinsstörungen einher. Es bildet sich in der Regel innerhalb von Stunden oder einigen Tagen auch ohne Therapie zurück, deshalb die Bezeichnung „Durchgangssyndrom“. So kommt es typischerweise in der Klinik infolge einer Operation zu einem Durchgangssyndrom, von dem der Patient sich innerhalb von Stunden erholt. Auch nach einer Drogeneinnahme kann ein Durchgangssyndrom auftreten. Besteht die Intoxikation nicht mehr, klingen die psychotischen Syndrome ab.

Bei einem akuten Psychosyndrom (einer akuten organischen psychischen Störung) handelt es sich immer um einen Notfall.

Hauptunterschiede zwischen akuten und chronischen Psychosyndromen

Tab. 25-4
akute organische psychische Störungchronische organische psychische Störung
AuslöserAkute organische Erkrankung, IntoxikationDegenerative Veränderungen des Gehirns
BeginnPlötzlicher BeginnSchleichender Beginn
(Ir)reversibelReversibel, wenn Erkrankung ausgeheilt ist bzw. Intoxikation abgeklungen istIrreversibel
BewusstseinsstörungMit BewusstseinsstörungKeine Bewusstseinsstörung
Chronische Psychosyndrome
Psychosyndrom, chronischesChronische Psychosyndrome (demenzielle Syndrom, demenziellesSyndrome) beruhen auf einer degenerativen organischen Veränderung des Gehirns, die zu einem fortschreitenden, irreversiblen Abbau der intellektuellen Leistungsfähigkeit führt. Der Beginn der Krankheit ist schleichend mit fortschreitendem (progredientem) Verlauf. Leitsymptome sind Gedächtnisstörungen, Orientierungsstörungen und affektive Beeinträchtigungen. Das bekannteste demenzielle Syndrom ist die Alzheimer-Demenz (Abschn. 18.9.8), häufig sind auch die Altersdemenzen und die vaskulären Demenzen. Demenzielle Syndrome sind nicht reversibel.
Symptome.Symptome des chronischen Psychosyndroms:
  • Gedächtnisprobleme

  • Sprachstörungen

  • Müdigkeit, Depression

  • Probleme, den Alltag zu bewältigen

  • Sprachzerfall

  • eingeschränktes Urteilsvermögen

  • im Endstadium Verlust der kognitiven Fähigkeiten und Persönlichkeitsveränderung

Bitte beachten, dass eine Bewusstseinsstörung nicht zum Krankheitsbild gehört.
Apallisches Syndrom (Wachkoma, Coma vigile, Dezerebrationssyndrom).WachkomaSyndrom, apallischesDezerebrationssyndromComa vigileEine Sonderform einer exogenen Psychose ist das apallische Syndrom. Dabei ist es zu einem Ausfall der Großhirnrinde gekommen bei erhaltenen Funktionen des Hirnstammes wie Steuerung der Atmung und des Herzschlages.
Häufige Ursachen sind fehlerhafte Reanimation, Vergiftung oder Schock, die zu einem Sauerstoffmangel des Gehirns geführt haben. Die Großhirnrinde reagiert empfindlicher als das Stammhirn auf Sauerstoffmangel, deshalb konnte letzteres die Arbeit wieder aufnehmen. Beim apallischen Syndrom handelt es sich um einen „schlafähnlichen Zustand“ mit offenen Augen, wobei der Blick allerdings ins Leere gerichtet ist. Der Betroffene hat Zeiten, in denen er wach ist, und Zeiten, während deren er schläft. Auch wenn er wach ist, zeigt er jedoch keine gerichtete Aufmerksamkeit und keine sinnvollen Reaktionen auf Umweltreize. Er äußert sich nicht spontan, z. B. kann er nicht sagen, dass er Hunger hat oder Harn- bzw. Stuhldrang verspürt.

Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen

Störung:wahnhafteStörung:schizotypeWährend bei den organisch bedingten psychotischen Störungen die Ursache in einer organischen Veränderung des Gehirns liegt, ist bei den psychotischen Störungen des schizophrenen Formenkreises keine körperliche Ursache auszumachen. Die Krankheit kommt von innen (= endogen) bzw. ist eine konstitutionell genetisch mitbedingte Erkrankung.
Über die Ursache der Entstehung der endogenen psychotischen Störungen gibt es viele Hypothesen. Es setzt sich allerdings die Ansicht durch, dass die Krankheit multifaktoriell bedingt ist und dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Außerdem scheinen bestimmte psychosoziale Faktoren den Ausbruch der Erkrankung zu begünstigen. Dazu gehören:
  • schwierige Beziehungen in der Herkunftsfamilie

  • belastende Lebensereignisse

  • soziale Isolation in der Adoleszenz

  • Double-bind-Botschaften

  • unglückliche Eltern, die ihr Kind zur Stillung eigener Bedürfnisse „benutzen“

Double-Bind-Double-Bind-BotschaftBotschaften (DoppelbindungstheorieDoppelbindungstheorie): Darunter versteht man, dass von einer Bezugsperson einander widersprechende Botschaften gesandt werden, die den Empfänger in einen unlösbaren Konflikt stürzen. Sie wurden lange Zeit als (Mit-)Verursacher für den Ausbruch der Krankheit angenommen, konnten aber wissenschaftlicher Überprüfung nicht standhalten.
Beispiel einer Double-Bind-Botschaft: Ein Schulkind sieht seine Mutter am Schultor warten und läuft auf sie zu. Die Mutter breitet die Arme aus und so läuft das Kind schnell der Mutter in die Arme. Da merkt das Kind, dass es der Mutter unangenehm ist, das Kind auf den Arm zu nehmen, weil sie sich versteift und das Kind zurückdrückt. Daraufhin lässt das Kind sofort los, um dem Wunsch der Mutter gerecht zu werden. Als die Mutter das merkt, sagt sie mit „unglücklicher Stimme“: „Was ist denn, hast du deine Mami nicht mehr lieb?“
Da sich hier die Körpersprache und die Sprache in ihren Botschaften an das Kind klar widersprechen, hat das Kind keine Möglichkeit so zu reagieren, dass es die Wünsche der Mutter erfüllen kann.
Schizophrenien
Unter dem Begriff der SchizophrenieSchizophrenie wird eine Gruppe psychotischer Störungen zusammengefasst, die durch massive Störungen des Denkens, der Emotionen und des Verhaltens gekennzeichnet sind. Hauptsymptome sind Ich-Störungen, formale Denkstörungen, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Inkohärenz der Sprache, Affektstörungen, Antriebsstörungen, gestörtes Sozialverhalten und gestörte Psychomotorik. Die Emotionen sind flach oder unangemessen. In der motorischen Aktivität treten bizarre Störungen auf. All dies führt dazu, dass sich die Patienten von den Menschen und der Realität zurückziehen, häufig in eine Fantasiewelt aus Wahnideen und Halluzinationen. Krankheitseinsicht besteht in aller Regel nicht.
Allerdings zeigt kein Patient immer alle diese Symptome, sondern nur einige davon. Auch gibt es kein Symptom, das in jedem Fall vorhanden sein muss, um die Diagnose „Schizophrenie“ stellen zu können. Die Symptome kann man in Positiv- und Negativsymptome einteilen. Das ist wichtig, weil die einzelnen Symptome unterschiedlich auf Medikamente ansprechen.
Positivsymptome.Positivsymptome sind durch ein Übermaß oder durch eine Verzerrung der normalen Funktionen gekennzeichnet. Dazu gehören Symptome wie:
  • Wahnideen

  • Halluzinationen

  • bizarres Verhalten

  • Ich-Störungen

  • formale Denkstörungen

Um die Schwere der Erkrankung zu zeigen und zu verdeutlichen, wie weit sich ein Schizophrener von der Realität entfernt hat, hier ein Beispiel, wie eine „Unterhaltung“ zwischen einem Therapeuten und einem Patienten aussehen könnte:
Therapeut: „Haben Sie sich in letzter Zeit nervös oder angespannt gefühlt?“
Patient: „Nein, ich bekam einen Kopf Salat.“
Therapeut: „Sie bekamen einen Kopf Salat, das verstehe ich nicht.“
Patient: „Nun, es war nur ein Kopf Salat.“
Therapeut: „Erzählen Sie mir von dem Salat. Was meinen Sie?“
Patient: „Nun, … Salat ist eine Umwandlung eines toten Puma, der einen Rückfall auf der Kralle eines Löwen erlitt …“
Negativsymptome.Bei Negativsymptomen kommt es zu einer Verminderung oder zu einem Verlust von normalen Funktionen. Sie sind gekennzeichnet durch Verhaltensdefizite wie:
  • Antriebsschwäche, Willensschwäche und Mangel an Energie. Die Patienten können dabei auch gegenüber ihrer persönlichen Körperhygiene nachlässig werden. Aufgrund des Energiemangels kann es sein, dass die Patienten zu nichts anderem fähig sind, als einfach nur herumzusitzen.

  • flacher Affekt. Reize lösen fast keine emotionalen Reaktionen mehr aus.

  • Alogie (Sprachverarmung). Die Sprache ist entweder quantitativ stark reduziert oder sie vermittelt wenig Information, bleibt vage und ist voller Wiederholungen.

  • Anhedonier. Eine Unfähigkeit, Freude zu empfinden

  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen

  • depressive Stimmung

  • gebremste Psychomotorik bis hin zum Stupor (Starrezustand bei wachem Bewusstsein)

Die ICD-10 unterteilt Schizophrenien in folgende wichtige Erscheinungsbilder:
  • paranoide Schizophrenie.Sie ist die häufigste Form und zeigt vorrangig Positivsymptome wie Halluzinationen (meist akustischer Art), Wahn, Ich-Störungen und formale Denkstörungen. Treten Wahnvorstellungen auf, sind dies meist Verfolgungs-, Beziehungs- oder Sendungswahn (Ich werde die Menschheit retten). Bei den akustischen Stimmen, die auftreten können, werden meist befehlende oder bedrohliche Stimmen gehört, seltener Akoasmen wie Pfeifen, Brummen, Zischen.

  • hebephrene Schizophrenie.Hebephrene Schizophrenien treten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf und zeigen vorrangig Negativsymptome. Die Affektstörungen werden oft als „läppischer Affekt“ bezeichnet, weil die Stimmung flach und unangepasst und von Kichern begleitet ist, auch von Grimassen und Manierismen (gekünsteltes und verschrobenes Verhalten). Positivsymptome können auftreten, sind aber nicht dominant. Die Betroffenen neigen zu einem sozialen Rückzug. Die Prognose für diese Erkrankung ist eher schlecht.

  • katatone Schizophrenie.Bei der katatonen Schizophrenie stehen die psychomotorischen Störungen im Vordergrund und zwar: starke Erregung und Stupor, Haltungsstereotypien (Zwangshaltungen können sehr lange aufrecht erhalten werden), Flexibilitas cerea (eine Art wächserne Biegsamkeit, Verharren der Glieder oder des Körpers in Haltungen, die von außen auferlegt sind). Die katatone Schizophrenie ist eher selten.

  • schizotype Störung.Die Betroffenen leiden unter vielfältigen neurotischen und teilweise psychotischen Symptomen, sodass es vom Erscheinungsbild her so aussieht, als ob eine Schizophrenie vorläge. Jedoch können diese trotz vieler Symptome, die einer Schizophrenie ähneln, nicht eindeutig dieser Erkrankung zugeordnet werden. Zu diesen Symptomen einer schizotypen Störung gehören inadäquater Affekt, seltsames Verhalten, sozialer Rückzug, auffällige Sprache und ungewöhnliche Wahrnehmungserlebnisse. Diese Störung zeigt einen chronischen Verlauf und manchmal entwickelt sich auch eine eindeutige Schizophrenie. Die Diagnose schizotype Störung wird nach ICD-10 nicht zum allgemeinen Gebrauch empfohlen, weil eine Abgrenzung zur Schizophrenia simplex (einer leichteren Form der Schizophrenie) und zur paranoiden Persönlichkeitsstörung sehr schwierig ist.

  • schizoaffektive Störung.Wie der Name schon sagt, treten hier gleichzeitig affektive und schizophrene Symptome auf. Bei den affektiven Störungen handelt es sich um Manien und Depressionen, wobei bei einer manischen Ausprägung einer schizoaffektiven Störung eine gehobene Stimmung im Vordergrund steht und bei einer depressiven die niedergeschlagene.Bei den schizophrenen Symptomen handelt es sich um die im Abschn. 25.6.1 beschriebenen, z. B. Denk-, Wahrnehmungs- und Ich-Störungen.

  • anhaltende wahnhafte Störung.Bei einer anhaltenden wahnhaften Störung (Paranoia) leidet der Patient ausschließlich an einer Wahnsymptomatik, wie Verfolgungswahn, hypochondrischer Wahn, Größenwahn, Eifersuchtswahn oder Querulantenwahn. Dabei können einzelne Wahnideen auftreten oder es kann ein komplexes Wahngebäude aufgebaut werden. Weiterhin können depressive Elemente dazu kommen. Eine Paranoia beginnt oft schleichend und bleibt deshalb anfänglich unbemerkt. Krankheitseinsicht besteht nicht.

Bitte beachten: Der Begriff Paranoia kommt auch in der Alltagssprache vor, damit wird jedoch meist eine Krankheit bezeichnet, die vom „Betrachter aus gesehen“ unverständig, exzentrisch oder außergewöhnlich erscheint. Manchmal wird sie auch mit der paranoiden Schizophrenie gleichgesetzt. Aber die ICD-10 versteht darunter nur die anhaltende wahnhafte Störung, wie vorstehend geschildert.

Verlauf und Therapie schizophrener Erkrankungen.Schizophrenie:TherapieSchizophrene Störungen verlaufen meist in Schüben, wobei eine akute Krankheitsphase mehrere Wochen bis Monate andauert. Danach klingt die Krankheit ab, manchmal vollständig, manchmal bleiben jedoch Restsymptome (Residualsymptome) zurück, wie z. B. soziale Isolation. Oft folgen nach Monaten oder nach Jahren weitere Krankheitsschübe. Die Residualsymptomatik zwischen den Schüben kann konstant bleiben oder sich nach jedem Schub verschlechtern.

Zu beachten ist die erhöhte Suizidgefahr, sie liegt bei ca. 10 %.

Die Behandlung erfolgt durch den Psychiater, evtl. in einer Fachklinik, wegen der Schwere der Erkrankung und weil verschreibungspflichtige Medikamente eingesetzt werden. Wichtig ist auch, die einem neuen Schub vorbeugende medikamentöse Therapie (Abschn. 25.9.2).
Der Heilpraktiker kann, am besten in Absprache mit dem Facharzt, begleitend therapieren.
Besteht eine Eigen- oder Fremdgefährdung, so ist eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik notwendig. Bitte beachten Sie in diesem Fall: Nur ein Facharzt kann das Einweisungsverfahren in Gang setzen. Weigert sich ein Patient in eine Klinik zu gehen, dann muss der Arzt vor Gericht eine vormundschaftliche Genehmigung einholen. Um diese zu bekommen, sind genau vorgegebene Indikationen erforderlich.
Sollte eine Notfalleinweisung notwendig sein, so kann dies auch nur ein Arzt in die Wege leiten. Er muss ein Zeugnis der Selbst- oder Fremdgefährdung ausstellen mit den Angaben, welche Unterbringung er für notwendig hält. Die Dauer dieser notfallmäßigen Unterbringung ist begrenzt und bedarf stets der schnellen nachträglichen richterlichen Überprüfung. Die Vorgehensweisen in den einzelnen Bundesländern und Städten ist unterschiedlich, deshalb müssen entsprechende Informationen vor Ort eingeholt werden.

Kinder und Jugendliche

In der ICD-10 werden den psychischen Problemen, die Kinder und Jugendliche haben können, drei Kapitel gewidmet, und zwar:
  • Intelligenzminderungen (Oligophrenien)

  • Entwicklungsstörungen

  • Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend

In dieser Reihenfolge werden sie nun vorgestellt.

Intelligenzminderungen

IntelligenzminderungIntelligenzminderungen (OligophrenieOligophrenien), auch geistige Behinderung (mentale Retardierung) genannt, sind angeborene oder frühzeitig erworbene Intelligenzstörungen, die eine in der Entwicklung stehen gebliebene oder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten zeigen. Außerdem gehen sie mit einer Beeinträchtigung des Anpassungsvermögens einher. Intelligenzminderungen betreffen hauptsächlich die Fähigkeiten, die man mit Intelligenz definiert, wie Kognitionen (Denken, Erkennen und Wahrnehmen), Sprache, motorische Fertigkeiten und soziale Fähigkeiten. Sie treten bei ca. 2 bis 3 % der Kinder auf.
Entstehung.Entstehen können diese Intelligenzminderungen schon pränatal im Mutterleib, z. B. durch genetische Schädigungen wie Trisomie 21 oder perinatal während der Geburt durch Geburtstraumata. Auch eine postnatale Entstehung ist möglich, z. B. durch ein Schädel-Hirn-Trauma. Allerdings kann in ca. 50 % der Fälle keine genaue Ursache festgestellt werden.
Diagnose.Diagnostiziert werden Oligophrenien durch eine Anamneseerhebung, durch neurologische Untersuchungen und mit Hilfe von IntelligenztestIntelligenztests. Die ICD-10 untergliedert auf der Basis von Intelligenztests detailliert, wie stark die Intelligenz gemindert ist.
Ein Intelligenztest misst mit Hilfe von Fragen und Aufgaben das Denkvermögen, das Sprachverständnis, das visuelle Vorstellungsvermögen und die soziale Kompetenz und ermittelt aus den Antworten, wie hoch der sogenannte Intelligenzquotient (IQ) ist. Ein IQ von 100 bedeutet eine durchschnittliche Intelligenz, ab einem IQ von 130 spricht man von Hochbegabung. Liegt ein IQ unter 70 liegt eine Minderbegabung vor.
Es gibt spezielle Tests für Kinder. Aber Achtung: Ein Intelligenztest alleine kann ein Kind nicht bewerten, er kann immer nur ein Puzzleteil in der Gesamtbeurteilung sein. Es müssen viele weitere Untersuchungen dazu kommen. Sehr wichtig ist es zu sehen, wie das Kind den Anforderungen des Alltags und besonders den schulischen nachkommen kann.
Schwergrade.Auf der Basis von Intelligenztests für Kinder wurde festgelegt, wie schwer die Intelligenzminderung ist.
Man unterscheidet:
  • leichte Intelligenzminderung bei einem IQ von 50–69 (ca. 80–85 %)

  • mittelgradige Intelligenzminderung bei einem IQ von 35–49 (ca. 10–12 %)

  • schwere Intelligenzminderung bei einem IQ von 34–20 (ca. 3–7 %)

  • schwerste Intelligenzminderung bei einem IQ von unter 20 (ca. 1–2 %)

Die Zahlen in Klammern geben an, wie häufig die einzelnen Schweregrade bei von Intelligenzminderung Betroffenen auftreten (100 % = Gesamtheit der Menschen mit Intelligenzminderung).
Die Einordnung in die IQ-Bewertung ermöglicht eine Abstufung von einer leichten bis zur schwersten Intelligenzminderung, d. h. die Fähigkeiten, den Alltag zu bewältigen, die sprachliche Entwicklung oder die Möglichkeiten, den Herausforderungen von Schule und Arbeit zu begegnen sind von leicht gemindert bis nicht mehr vorhanden.
Unterscheidung zwischen Intelligenzminderung und Demenz:
  • Intelligenzminderung: Es werden bestimmte geistige Fähigkeiten nicht erreicht.

  • Demenz: Bereits erworbene geistige Fähigkeiten gehen wieder verloren.

Therapie.Eine Heilung, im Sinne von vollständiger Genesung, gibt es bei Intelligenzminderung nicht. Wichtig ist die Förderung der Kinder bei den Fähigkeiten, die sie besitzen, um ihnen soweit als möglich eine eigenständige Lebensführung zu ermöglichen.

Entwicklungsstörungen

EntwicklungsstörungBei Entwicklungsstörungen kommt es zu einer umschriebenen, bestimmten Störung, z. B. bei der Fähigkeit richtig schreiben oder lesen zu können. Sie entwickeln sich meist im Kleinkindalter und sind eng mit der biologischen Reifung des Nervensystems verbunden.
Die ICD-10 unterteilt die Entwicklungsstörungen in zwei große Gruppen, nämlich in die Teilleistungsstörungen und die tief greifenden Entwicklungsstörungen.
Teilleistungsstörungen
TeilleistungsstörungWie man aus der Bezeichnung schon entnehmen kann, ist „nur“ ein Teil der Entwicklung gestört, und zwar nennt die ICD-10 hier Störungen
  • des Sprechens und der Sprache,

  • der schulischen Fertigkeiten: die isolierte Rechtschreibstörung, die kombinierte Lese- und Rechtschreibstörung und die Rechenstörung (Dyskalkulie) sowie

  • der motorischen Funktionen (der Grob-, Fein-, und Mundmotorik).

Tief greifende Entwicklungsstörungen
Diese Entwicklungsstörungen greifen „tief“ und umfassend in die Entwicklung des Kindes ein und zeigen sich meist im sozialen Bereich, in der Kommunikation, in stereotypem Verhalten und in den Aktivitäten und Interessen.
Die Kinder werden schon sehr früh, in der Regel vor dem 3. Lebensjahr, auffällig.
Die wichtigsten klinischen Störbilder sind der frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom und das Rett-Syndrom.
Frühkindlicher Autismus.Frühkindlicher Autismus, frühkindlicherAutismus (Kanner-Kanner-SyndromSyndrom) zeigt sich schon ab dem 36. Lebensmonat. Betroffene Kinder sind besonders auffällig im Sozialverhalten. Sie sind in sich abgekapselt und zeigen kaum Interesse am Spielen oder an Kontakt mit anderen Kindern. Sie vermeiden Blickkontakte, haben kaum Gestik und Mimik und können diese auch bei anderen nicht deuten. Die Emotionalität ist eingeschränkt, man sagt, sie sind wenig schwingungsfähig. Deutlich vermindert ist die Sprachentwicklung, etwa 50 % entwickeln keine Sprache. 2/3 der Kinder haben eine Intelligenzminderung, die Zahlen variieren in der Literatur allerdings sehr stark. Auffällig sind auch ritualisierende Handlungen, stereotypes Verhalten und Angst vor Veränderungen.
Frühkindlichen Autismus findet man bei ca. 0,1 % aller Kinder. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.
Asperger-Syndrom.Das Asperger-Asperger-SyndromSyndrom hat Ähnlichkeiten mit dem frühkindlichen Autismus, allerdings zeigen sich beim Asperger-Syndrom die Störungen meist ab dem 3. Lebensjahr. Es kommt zu Störungen im Sozialverhalten, Auftreten von Stereotypien (nicht so ausgeprägt wie beim Kanner-Syndrom) und eingeschränkten Interessen. Allerdings findet man beim Asperger-Syndrom oft Spezialinteressen technischer oder lexikalischer Art in denen die Betroffenen brillieren. Manchmal kommt es sogar zu Hoch- oder Inselbegabungen. Im Unterschied zum Kanner-Syndrom sind die Intelligenz und die Sprachentwicklung durchschnittlich bis gut. Blickkontakte sind meist da, aber nicht sehr ausgeprägt. Jungen sind auch hier stärker betroffen.
Heute gibt es Tendenzen, die Trennungen in Kanner- und Aspergersyndrom durch den Begriff autistisches Spektrum abzulösen, da das Auseinanderhalten in zwei klinische Diagnosen wegen der häufigen Überlappungen des Erscheinungsbildes nicht gut möglich ist.
Es wird auch diskutiert, ob dem Asperger-Syndrom überhaupt Krankheitswert zuzuweisen ist oder ob es als Normvariante menschlichen Verhaltens und der Informationsverarbeitung anzusehen ist.
Beide autistischen Syndrome sind nicht heilbar. Wichtig ist die Förderung der vorhandenen Fähigkeiten, um den Betroffenen ein weitgehend eigenständiges Leben zu ermöglichen. Viele Beispiele zeigen, dass dann mit autistischer Störung weitreichende Möglichkeiten bestehen, ein erfolgreiches Leben, auch beruflicher Art, zu führen.
Rett-Syndrom.Das Rett-Rett-SyndromSyndrom zeigt sich zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 4. Lebensjahr und ist durch einen teilweisen oder kompletten Verlust von schon erworbenen Fähigkeiten gekennzeichnet. Nach außen zeigt es sich auffällig durch waschende Handbewegungen, d. h. die Kinder wringen die Hände. Die Sprachentwicklung ist mangelhaft und entwickelt sich im Laufe der Erkrankung zurück. Es findet ein demenzieller Prozess statt, das Kopfwachstum verringert sich.
Im Gegensatz zum autistischen Spektrum, bei dem die Ursache nicht bekannt ist, kennt man hier die Verursachung: Es handelt sich um eine angeborene, neurodegenerative Erkrankung, hervorgerufen durch eine spontane Mutation des MeCP2-Gens auf dem X-Chromosom. Die Krankheit ist progredient, d. h. sie kann nicht gestoppt und geheilt werden. Sie ist eine sehr seltene Krankheit, von der nur Mädchen betroffen sind.

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Hyperkinetische Störung

Störung:hyperkinetischeDie ICD-10 ordnet diese Störung den Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend zu. Allgemein versteht man darunter den „Zappelphilipp“, der nicht ruhig sitzen kann, ständig stört und in der Schule für Lehrer und Mitschüler eine Belastung ist und für die Eltern eine echte Herausforderung an ihre Geduld bedeutet. Selbstverständlich leidet auch das Kind selbst darunter.
Diese Störung tritt schon sehr früh auf, wird aber meist erst im Kindergarten oder in der Schule diagnostiziert, wenn sich die Störungen in der Gruppe zeigen und sich auf die schulischen Leistungen auswirken.
Diese Störform tritt in zwei Varianten auf und zwar als ADS und ADHS:
ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom).AufmerksamkeitsdefizitsyndromADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom)Unter ADS leidet ein Kind, das sich nicht konzentrieren kann, es träumt vor sich hin, ist leicht ablenkbar und unaufmerksam. Auf der anderen Seite ist es impulsiv und hat Schwierigkeiten, das eigene Verhalten zu steuern, redet viel, neigt zu Wutausbrüchen und ist starken Gefühlsschwankungen unterworfen.
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung).Aufmerksamkeitsdefizit-HyperaktivitätsstörungADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) Unter ADHS leidet ein Kind, wenn zu den ADS-Problemen noch eine Hyperaktivität dazu kommt, d. h. es kann nicht ruhig sitzen, da es einen übermäßigen Bewegungsdrang hat. In der Schule fallen diese Kinder ganz besonders auf, weil sie durch ihre exzessive Ruhelosigkeit den Unterricht stören.
Hauptsymptome bei ADHS/ADS: Bitte beachten Sie, dass nicht alle Symptome auftreten müssen.
Im Säuglingsalter
  • unerklärlich langandauernde Schreiphasen

  • Schlafprobleme

  • Essprobleme

  • Ablehnung von Körperkontakt

Im Kleinkindalter
  • vermehrte Unfallgefahr

  • Rastlosigkeit

  • häufiger Handlungswechsel

  • geringe Ausdauer

  • auffallend früher Spracherwerb oder verzögerte Sprachentwicklung

Im Grundschulalter
  • Fortdauer der Probleme, die schon im Kleinkindalter aufgetreten sind

  • Auswirkungen auf die schulischen Leistungen, z. B. Leistungsprobleme und schlechte Schrift

  • Stören im Unterricht, träumen im Unterricht oder Unkonzentriertheit

  • Impulsivität

  • Außenseitertum

  • niedriges Selbstbewusstsein

  • Stimmungsschwankungen

In der Adoleszenz
  • Fortdauer der Probleme, die schon zuvor aufgetreten sind

  • Null-Bock-Mentalität

  • Leistungsverweigerung

  • oppositionell-aggressives Verhalten

  • Neigung zu Randgruppen, Drogen, Alkohol

Im Erwachsenenalter
  • Unbeständigkeit von beruflichen und sozialen Bindungen

  • erhöhte Neigung zu Straffälligkeiten

  • Bei ADS kommt es gehäuft zu Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, bei ADHS zu Störungen des Sozialverhaltens und einer erhöhten Aggressionsbereitschaft. Bei beiden Typen ist die Alkohol- und Drogen-Prävalenzrate erhöht.

Vorkommen.Jungen haben häufiger ein ADS als Mädchen. Bei ihnen tritt auch häufiger die Variante ADHS auf. Bekommen Mädchen dieses Syndrom, dann haben sie eher die ADS-Variante.
Ursache.Eine alleinige Ursache kann nicht benannt werden, sondern man nimmt an, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt, bei dem genetische, neurochemische Störungen (des Dopamin-Noradrenalin-Systems) und neurophysiologische Besonderheiten im Frontalhirn und den Basalganglien eine Rolle spielen. Auch Intoxikationen in der Schwangerschaft mit Blei, Alkohol und Nikotin werden in Betracht gezogen. Umwelt und Erziehung können ebenfalls eine Rolle spielen, allerdings die Krankheit nicht ursächlich hervorrufen, sondern lediglich beeinflussen.
Therapie.Gerade die neurochemische Erklärung, dass möglicherweise eine Störung des Dopamin-Noradrenalin-Systems verursachend ist, hat zu einer medikamentösen Therapie geführt.
Schulmedizinische Therapie.Vor allem in den USA, aber in den letzten Jahren auch zunehmend bei uns, wird mit dem Medikament Ritalin behandelt, das die Substanz Methylphenidat enthält, die den Neurotransmitterstoffwechsel beeinflusst. Allerdings ist diese medikamentöse Therapie nicht nur in der Naturheilkunde, sondern auch in der Schulmedizin sehr umstritten. In der Schulmedizin gilt, dass dieses Medikament Einzelfällen vorbehalten bleiben sollte: Bevor Ritalin eingesetzt werden darf, muss eine sehr gründliche Diagnostik vorausgegangen sein, die abgeklärt hat, ob nicht vielleicht eher eine Funktionsstörung der Schilddrüse vorliegt, eine Minderbegabung, Epilepsie, familiäre Problematiken, evtl. auch eine posttraumatische Störung. Außerdem muss die Familiensituation geprüft werden: Wie ist der Umgang in der Familie und der Schule bzw. im Kindergarten mit dem Kind und welche Rollenzuschreibungen gibt es hier?
Die schulmedizinische Lehrmeinung empfiehlt, Ritalin nur in besonders schwierigen Fällen einzusetzen und nur im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplanes wie Elterntraining, Gruppen- oder Einzeltherapie. Außerdem sollte das Kind selbst mit der Tabletteneinnahme einverstanden sein.
Naturheilkundliche Therapie.Es sollte über mehrere Monate geprüft werden, ob durch eine phosphatarme Ernährung eine Verbesserung erzielt werden kann. Phosphat ist vor allem in industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln enthalten. Außerdem sollten anregende Stoffe, wie Cola, Kaffee oder Schwarztee gemieden werden. Auch Zucker sollte weitgehend weggelassen werden oder der Konsum zumindest stark eingeschränkt werden. Großes Gewicht ist auf einen konstanten Blutzuckerspiegel zu legen, da ein plötzliches Absinken des Blutzuckerwertes, wie es gerade nach reichlicher Zuckeraufnahme passiert, zu Unruhezuständen führt.
Großes Gewicht wird in der Naturheilkunde auf eine entsprechende Schulung und Betreuung der Eltern und der Erzieher im Umgang mit dem Kind gelegt, wie es schon vorstehend bei der schulmedizinischen Therapie beschrieben wurde.

Übersicht über die Entwicklung des Kindes

KindesentwicklungEntwicklung des KindesBitte beachten Sie, dass es sich um Durchschnittswerte handelt.
Geburtsgröße: 46–54 cm
Geburtsgewicht: 2,5–4,2 kg
Gewichtsentwicklung
  • 5 Monate: Geburtsgewicht verdoppelt

  • 1 Jahr: Geburtsgewicht verdreifacht

  • 2,5 Jahre: Geburtsgewicht vervielfacht

  • 10 Jahre: Geburtsgewicht verzehnfacht

Motorische Entwicklung
  • 5 Monate: sitzt mit Unterstützung

  • 9 Monate: steht mit Unterstützung

  • 10 Monate: sitzt frei und krabbelt

  • 12 Monate: läuft mit Unterstützung

  • 14 Monate: steht frei

  • 18 Monate: läuft frei

Sprachliche Entwicklung
  • 1 Jahr: spricht einzelne Worte

  • 2 Jahre: spricht 2-Worte-Sätze und versteht kurze Aufträge

  • 3 Jahre: spricht 5–6-Worte-Sätze und versteht komplexe Zusammenhänge

2-Jährige
  • Reflexe: wie beim Erwachsenen

  • Atmung: die „abdominale“ Atmung hat für die Ventilation erhebliche Bedeutung

  • Atemfrequenz: höher als beim Erwachsenen

  • Herzfrequenz: schneller als beim Erwachsenen

Neugeborene
  • Herzfrequenz: ca. 140 Schläge/Min.

  • Neugeborenengelbsucht: durch Erhöhung des Bilirubins in den ersten Lebenstagen

Schädelnähte: schließen sich mit 1–2 Jahren
36 Monate: ist hinsichtlich Stuhl und Wasserlassen über Tage sauber
1. Zahn: 6. Monat

Abhängigkeit

AbhängigkeitUnter Abhängigkeit (SuchtSucht, Suchterkrankungen, Suchtverhalten) versteht man die zwanghafte Befriedigung eines starken Bedürfnisses.
Die ICD-10 trennt zwischen stoffungebundenen und stoffgebundenen Abhängigkeiten und verschlüsselt sie an unterschiedlicher Stelle.

Stoffungebundene Abhängigkeit

Die ICD versteht unter dem stoffungebundenen Suchtverhalten eine Störung der Impulskontrolle, das heißt, ein Betroffener kann einer bestimmten Handlung nicht widerstehen, auch wenn sie ihm Leid bringt und er es nach der „Tat“ bitter bereut. Das betreffende Kapitel in der ICD-10 heißt: abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle.
Zusammenfassung der „abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ nach der ICD-10:
  • Pathologisches Spielen (Spielsucht). Das zwanghafte Glücksspiel, das auch nicht gestoppt werden kann, wenn die Gefahr eines persönlichen und familiären Ruins besteht.

  • Pathologische Brandstiftung (Pyromanie). Die Brandstiftung ohne erkennbares Motiv wie der Bereicherung (Versicherungsbetrug), Rache oder Extremismus.

  • Pathologisches Stehlen (Kleptomanie). Der Impuls zu Stehlen ohne Bereicherungsabsicht.

  • Pathologisches Haare ausreißen (Trichotillomanie). Hier kann dem Impuls, sich die Haare auszureißen nicht widerstanden werden.

Psychische Störungen durch psychotrope Substanzen (stoffgebundene Abhängigkeiten)

Substanz, psychotropeBei diesen Abhängigkeiten haben wir es mit Substanzen zu tun, bei denen die Einnahme die Abhängigkeit hervorrufen kann. Die ICD-10 listet diese unter dem Kapitel psychische- und Verhaltensstörungen durch psychotrope (auf die Psyche einwirkend) Substanzen auf. Dazu zählen z. B. Alkohol, Opioide, Cannabinoide, Sedativa, Hypnotika, Kokain, Stimulanzien einschließlich Koffein, Halluzinogene, Tabak und flüchtige Lösungsmittel. Die wichtigsten davon werden später noch genauer erklärt. Zuvor sollen jedoch die Begriffe schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit genauer erklärt werden, wobei zu beachten ist, dass der Übergang fließend ist:
Schädlicher Gebrauch.Schädlicher Gebrauch (Substanzmissbrauch, Abusus) liegt vor, wenn eine potenziell süchtig machende Substanz konsumiert wird, die Person es nicht schafft den Konsum zu stoppen oder wenigstens einzuschränken und deren Gebrauch sich negativ auf den Alltag auswirkt. Es treten vielfältige Probleme auf, wie Vernachlässigung von Pflichten, soziale Probleme in der Familie oder Gefahraussetzungen, z. B. betrunken Autofahren. Es liegt (noch) keine körperliche Abhängigkeit vor.
Abhängigkeit.Durch den anhaltenden Abusus von psychotropen Substanzen kommt es zu einer körperlichen bzw. psychischen Abhängigkeit. Diese ist gekennzeichnet durch genau definierte Kriterien. Hier die Wichtigsten:
  • Craving (vom engl. craving = Verlangen, Begierde). Starker Zwang, Verlangen nach der Droge.

  • verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums der psychotropen Substanz.

  • Toleranzentwicklung. Bei andauernder Einnahme einer Substanz gewöhnt sich der Körper immer mehr daran und toleriert dadurch immer größere Dosen. Dadurch geraten die Betroffenen in einen Teufelskreis, da die Substanz in einer immer höheren Dosierung eingenommen werden muss, um den gewünschten Effekt zu erreichen.

  • Entzugssymptome treten auf, wenn die Substanz nicht konsumiert werden kann oder abgesetzt wird. Dabei kommt es zu körperlichen Reaktionen, den Entzugserscheinungen. Die Entzugserscheinungen sind abhängig von der Art der Substanz, die zur Abhängigkeit geführt hat. Bei Alkoholentzug zeigen sie sich z. B. durch vegetative Übererregtheit, erhöhten Handtremor, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, vorübergehende visuelle, taktile, akustische Halluzinationen oder Illusionen, Ängste. Immer tritt natürlich das Craving auf.

  • erfolgloses Loskommen von der Substanz.

  • aufwendige Beschaffung. Da die Substanzen meist nicht leicht zu erhalten und/oder teuer sind, treten Probleme bei der Beschaffung auf, die leicht zur sogenannten „Beschaffungskriminalität“ führt, d. h. jemand muss, um Geld für die Drogen zu beschaffen, kriminell werden, also z. B. Diebstähle begehen oder er muss sich prostituieren.

  • Beibehaltung des Konsums trotz des Auftretens körperlicher Probleme.

  • sozialer Rückzug von Geselligkeiten und Aktivitäten.

Psychische Abhängigkeit zeigt sich in Craving, Kontrollverlust (die Zufuhr der psychotropen Substanz kann nicht mehr gesteuert werden) Interessenverlust, Stimmungsschwankungen, Gleichgültigkeit und Störungen des Kritikvermögens.
Körperliche Abhängigkeit zeigt sich in Toleranzentwicklung, Entzugsproblematik, Craving, Kontrollverlust durch vegetative Störungen, Schlafstörungen, Gewichtsproblemen und neurologischen Ausfällen.
Mit Suchtpotenzial bezeichnet man das Ausmaß der Fähigkeit einer Substanz, bei einem Menschen eine Abhängigkeit zu erzeugen.
Jetzt werden die wichtigsten psychotropen Substanzen mit ihren Auswirkungen auf den Konsumenten im Überblick vorgestellt:
Störungen durch Alkohol
AlkoholabhängigkeitEin paar Zahlen zum Vorkommen von Alkoholabhängigkeit in Deutschland:
  • ca. 7,8 Mio. Deutsche haben einen riskanten Alkoholkonsum, das sind 16 % der Bevölkerung.

  • ca. 2,4 Mio. missbrauchen Alkohol (4 %)

  • ca. 2 Mio. sind alkoholabhängig (3 %)

  • ca. 30–60 % der alkoholabhängigen Männer und 20–30 % der Frauen haben zusätzliche psychische Probleme, meist Angststörungen und affektive Störungen, seltener Persönlichkeitsstörungen, v. a. eine dissoziale (antisoziale) Persönlichkeitsstörung. Erschwerend kommt hinzu, dass oft noch weitere Abhängigkeiten von anderen psychotropen Substanzen vorliegen.

Elvin M. Jellinek hat die Alkoholtypen untergliedert in Alpha- bis Epsilontrinker:
Symptome bei Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit: gastrointestinale Beschwerden, Konzentrationsstörungen, Nervosität, Unruhezustände, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Vergesslichkeit.
Nach einer Phase missbräuchlichen Gebrauchs kommt die Phase der körperlichen Abhängigkeit, wichtigstes Kennzeichen ist das Entzugssyndrom:
Entzugssyndrom.Es tritt 1–3 Tage nach dem letzten Alkoholkonsum auf und wird auch Alkoholdelir oder Delirium tremens genannt. Es ist gekennzeichnet durch:
  • vegetative Symptome wie Schwitzen und Zittern

  • gastrointestinale Symptome

  • Bewusstseinstrübung

  • Desorientiertheit

  • optische Halluzinationen

  • Nesteln mit den Händen

  • Angstgefühle

  • Situations- und Personenverkennung

  • Suggestibilität (erhöhte Beeinflussbarkeit)

  • generalisierte Krampfanfälle

Akuter Rauschzustand oder Alkoholintoxikation. Bei einer Alkoholvergiftung kommt es zu Bewusstseinsstörungen, Störungen der Wahrnehmung, der Kognitionen und des Verhaltens.
Folgeerkrankungen bei fortgesetztem Konsum
  • Orientierungsstörungen

  • amnestische Probleme (Gedächtnisprobleme)

  • Wahn, hier besonders Eifersuchtswahn

  • hirnorganische Veränderungen

  • neurologische Symptome

Therapie.Die Therapie erfolgt in ambulanten oder stationären Einrichtungen zuerst durch eine Entgiftungsphase mit körperlichem Entzug, dann wird eine Entwöhnungsphase angeschlossen, indem der Patient lernt ohne die Substanz zu leben. Anschließend kommt die Nachsorgephase als Rückfallprophylaxe.

Alkoholtypen nach M. Jellinek

Tab. 25-5
Art des AlkoholismusTypisierungSuchtkennzeichen bzw. KontrollverlustAbhängigkeitHäufigkeit
AlphaKonflikttrinkerKein Kontrollverlust, abstinenzfähigPsychischCa. 5 %
BetaGelegenheitstrinker, WochenendtrinkerKein Kontrollverlust, abstinenzfähigKeineCa. 5 %
GammaSüchtiger TrinkerKontrollverlust, nur noch zeitweise abstinenzfähigErst psychisch, dann physisch (körperlich)Ca. 65 %
DeltaGewohnheitstrinker oder SpiegeltrinkerAbstinenzunfähig, rauscharmer kontinuierlicher Alkoholkonsum, kein KontrollverlustPhysisch und psychischCa. 20 %
EpsilonEpisodischer Trinker, Dipsomanie, umgangssprachlich QuartalsäuferEvtl. mehrtägiges exzessives Trinken mit Kontrollverlust, abstinenzfähigPsychischCa. 5 %
Störungen durch Opioide
OpoidZu den Opiaten zählt man das Opium und seine pflanzlichen Derivate (Abkömmlinge) wie Morphium und Heroin und die synthetisch hergestellten Derivate Methadon, außerdem gehört das Codein dazu, das sich in Schmerz- und Hustenmitteln befindet.
Morphium findet als starkes Schmerzmittel Verwendung und ist in der Schmerzbehandlung unverzichtbar. Heroin wird als Droge benutzt, die äußerst schnell zu einer körperlichen Abhängigkeit und somit zu einer Toleranzentwicklung führt. Auch Methadon macht abhängig, da ihm aber die euphorisierende Wirkung fehlt, wird es als Substitutionsdroge verwendet und unter ärztlicher Aufsicht gegeben, wenn ein sonstiger Entzug nicht erfolgreich ist. Vorteil dabei ist, dass die Betroffenen aus der Beschaffungskriminalität herauskommen und das Craving (Verlangen nach der Droge) aufhört. Auch Codein führt zur Abhängigkeit.
Opiate können geraucht, gespritzt oder inhaliert werden. Einen Opiatrausch oder eine Opiatintoxikation erkennt man vor allem an folgenden Symptomen:
  • Miosis (stecknadelkopfgroße Pupillen)

  • Rötung des Gesichts

  • Bradykardie

  • Obstipation

  • Miktionsstörungen

  • evtl. Krampfanfälle

  • Bewusstseinsstörungen, die bis zum Koma führen können

  • Atemdepression mit der großen Gefahr des Atemstillstandes

Körperliche Kennzeichen eines Opiatentzuges
  • Mydriasis (Pupillenerweiterung)

  • Durchfälle

  • starker Harndrang

  • Niesen

  • Schwitzen, Zittern

  • Übelkeit

  • Gähnzwang

  • Tachykardie

  • Fieber

Dazu kommt ein starkes Craving, Ängste, Depressionen, psychomotorische Unruhe u. a.
Therapie.Eine Entwöhnungskur wird meist in speziellen Kliniken durchgeführt und dauert 6–12 Monate.
Ein Entzug kann als „kalter Entzug“, d. h. Absetzung der Droge ohne oder als „warmer“ Entzug mit Medikamentenbegleitung stattfinden. Alternativ erfolgt der Entzug durch den oben erwähnten Substitutionsentzug mit Methadon.
Störungen durch Cannabinoide
CannabinoidCannabis ist die am weitesten verbreitete Droge, es handelt sich um die Hanfpflanze Cannabis sativa. Als Haschisch wird das Harz der weiblichen Blütenstaude verwendet und Marihuana wird aus den getrockneten Blüten und Blättern hergestellt. Haschisch und Marihuana werden als Droge verwendet, indem sie entweder geraucht oder gegessen werden.
Wirkung und Gefahr.Die Wirkung zeigt sich als Euphorie, Entspannung, psychomotorische Verlangsamung, Ideenflucht und Konzentrationsstörungen. Aber nicht nur positive Gefühle sind bei einer Intoxikation möglich, sondern auch Angst und das Gefühl, wie gelähmt zu sein. Die Pupillen sind nach der Einnahme weit (Mydriasis).
Cannabis soll keine körperliche Abhängigkeit hervorrufen, allerdings ist das nicht sicher. Gefahrenpunkte sind:
  • psychische Abhängigkeit, nämlich das Verlangen, die euphorisierende Wirkung immer wieder zu erleben

  • Amotivationssyndrom, das bei chronischem Konsum entsteht und die Kennzeichen Apathie, Teilnahmslosigkeit, Verstimmungszustände, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen hat

  • Einstiegsdroge, um dem Amotivationssyndrom zu entgehen, führt das leicht zum Umstieg auf andere Drogen

  • Intoxikationspsychose. Nach einem chronisch höher dosierten Konsum besteht eine erhöhte Gefahr, eine paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie oder eine schizophrene Psychose auszulösen.

Kennzeichen chronischer Intoxikation sind paranoide Gedanken, optische Pseudohalluzinationen, Denkstörungen und vegetative Störungen.
Entzug.Werden sehr hohe Dosen über einen längeren Zeitraum eingenommen, wird der Konsument beim Absetzen ein Entzugssyndrom erfahren, und zwar mit den Kennzeichen:
  • physiologische Symptome, wie Schwitzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Tremor, Pupillenerweiterung

  • Stimmungsänderungen

  • Flashbacks (Echopsychosen) können auch noch Monate nach Absetzen auftreten, sie zeigen eine ähnliche Wirkung wie die eigentliche Droge.

Störungen durch Beruhigungs- und Schlafmittel
Störung:Schlafmittel bedingteStörung:Beruhigungsmittel bedingteSchlafmittel bedingte StörungBeruhigungsmittel bedingte StörungHeutzutage enthalten die starken Beruhigungs- und Schlafmittel als Hauptwirkstoff Benzodiazepine. Das bekannteste Mittel Valium (Diazepam) ist sehr effektiv, macht aber bei regelmäßiger Einnahme physisch und psychisch abhängig.
Entzug.Das Mittel muss ausgeschlichen werden, damit meint man, die Dosierung muss langsam reduziert werden.
Entzugssymptome sind Schlafstörungen, Tremor, Tachykardie, Unruhe, Desorientiertheit, evtl. auch zerebrale Krampfanfälle.
Störungen durch Stimulanzien
StimulanziumStimulanzien sind das pflanzliche Kokain und die synthetisch hergestellten Amphetamine, die illegal oft unter der Bezeichnung „Speed“ oder „Pep“ gehandelt werden.
Wirkungen.Durch eine Steigerung der Aktivität des zentralen Nervensystems wird eine gesteigerte Wachheit hervorgerufen.
Abhängigkeit.Durch Amphetamine kommt es sehr schnell zu einer psychischen Abhängigkeit, besonders bei Kokain. Eine körperliche Abhängigkeit entsteht nicht.
Kennzeichen chronischer Intoxikation.Kennzeichen chronischer Intoxikation sind akute paranoid-halluzinatorische Psychosen, Angst, Verfolgungswahn, haptische Halluzinationen, d. h. Tast- oder Berührungshalluzinationen.
Entzug.Es kommt zu Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Stimmungsänderungen. Der Entzug kann Tage bis Wochen dauern.
Störungen durch Halluzinogene
HalluzinogenHalluzinogene sind das synthetisch hergestellte LSD und Ecstasy; pflanzlicher Herkunft sind: Meskalin (aus dem Peyote-Kaktus), ein Psilocybin-Pilz (Magic Mushroom) und die Engelstrompeten (Brugmansia), eine Garten- und Zierpflanze.
Wirkungen.Es kommt zu einer Steigerung der Sinneswahrnehmung, Gefühlsintensivierung, Omnipotenzgefühlen, Euphorisierung, Veränderungen des Ich-Erlebens und der Körperwahrnehmung.
Bei Einnahme besteht die Gefahr von sogenannten „Horrortrips“ mit Angst, Panik, Erregungszuständen, psychotischen Positivsymptomen und Realitätsverlust.
Abhängigkeit.Es entsteht sehr schnell eine psychische Abhängigkeit mit rascher Toleranzsteigerung.
Kennzeichen von chronischer Intoxikation sind Delir mit euphorisch-ängstlicher Verstimmung, Wahn und Halluzinationen.
Entzug.Es entstehen zwar keine körperlichen Entzugssymptome, es treten aber psychische Symptome auf, vor allem das Verlangen nach der Droge.
Die ICD-10 zählt auch Tabak, flüchtige Lösungsmittel, Koffein und den multiplen Gebrauch von Substanzen (Polytoxikomanie) zu dem Kapitel „Psychische Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen“.

Psychotrope Substanzen und ihre Form der Abhängigkeit

Tab. 25-6
SubstanzKörperliche AbhängigkeitPsychische Abhängigkeit
AlkoholJaJa
OpiodenJaJa
Cannabinoide(Nein)Ja
BarbiturateJaJa
BenzodiazepineJaJa
StimulanzienNeinJa
HalluzinogeneNeinJa
KokainNeinJa
NikotinJaJa

Therapieformen

Einführung.Erkrankung:psychische Die Therapie von psychisch erkrankten Menschen kann auf ganz verschiedenen Wegen stattfinden, auch haben sich ganz verschiedene Berufszweige auf die Therapie psychischer Erkrankungen spezialisiert. Hier sind vor allem der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der Psychologische Psychotherapeut, der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, der Heilpraktiker und der Heilpraktiker eingeschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie zu nennen.
Bei der Therapie bedient man sich hauptsächlich der Mittel der Psychotherapie, der Psychopharmakologie und der Soziotherapie. Diese Begriffe werden nun genauer erklärt.
Psychotherapie.Die PsychotherapiePsychotherapie ist eine Behandlungsform, bei der man überwiegend psychische Mittel einsetzt, um zu heilen. Es handelt sich um einen Oberbegriff für alle psychologischen Behandlungsmethoden. Der Begriff Psychotherapie wird vor allem in Abgrenzung zur Somatotherapie verwendet, das ist eine Sammelbezeichnung für die körperlichen Behandlungsverfahren.
Es gibt sehr unterschiedliche Psychotherapieformen, z. B. die Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, systemische Therapien, Hypnosetherapie, die Psychoanalyse nach Sigmund Freud und viele mehr.
Psychopharmakologie.Psychopharmakologie Sie stützt sich auf den Einsatz von Substanzen, die in die Regulation von zentralnervösen Funktionen eingreifen und dadurch seelische Verläufe verändern (Abschn. 25.9.2).
Soziotherapie.Die SoziotherapieSoziotherapie beschäftigt sich in erster Linie mit dem sozialen Umfeld des Erkrankten, damit dieses bei der Wiedergesundung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft hilft. Dazu gehört die Arbeit mit Angehörigen, berufliche Rehabilitation, Umschulungen, betreutes Wohnen, betreutes Arbeiten, Selbsthilfegruppen u. v. m.

Psychotherapie und psychotherapeutische Schulen

Es gibt hunderte verschiedene Psychotherapieverfahren, allerdings sind nur wenige davon wissenschaftlich abgesichert und nur wenige haben eine Kassenzulassung. Die psychodynamischen und verhaltensorientierten Therapieformen gelten in Deutschland als wissenschaftlich anerkannt und die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten. Deshalb werden diese im Folgenden vorgestellt, danach lernen Sie noch einige bekannte Therapieverfahren kennen.
Psychodynamische Therapieverfahren
Therapieverfahren, psychodynamischesPsychodynamische bzw. tiefenpsychologische Therapieverfahren gehen von der Grundannahme aus, dass heute auftretende Störungen in der Kindheit durch nichtbewältigte Konflikte entstanden sind. Diese Konflikte sollen durch die Therapie aufgedeckt werden. Hauptvertreter und Begründer dieser Sichtweise ist Sigmund Freud (1856–1939). Sein Therapieverfahren nennt man die klassische Psychoanalyse. Sie war ein sehr langwieriges und zeitaufwendiges Verfahren, denn die Therapiesitzungen fanden 3–5 mal in der Woche statt, und zwar in einem genau vorgegebenen Rahmen, dem sog. Setting (z. B. muss der Patient liegen und der Therapeut sitzt hinter ihm, sodass kein Blickkontakt möglich ist).
Die Psychoanalyse hat im Laufe der Jahre viele Veränderungen erfahren. Wichtige Hauptvertreter nach Sigmund Freud waren seine Tochter Anna Freud (1895–1982), Alfred Adler (1870–1937, Individualpsychologie) und Carl Gustav Jung (1895–1961, Analytische Psychologie).
Eine der größten Veränderung der Psychoanalyse sind die sogenannten tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapien, die auch weiterhin von den Grundannahmen der Psychoanalyse ausgehen, sich aber in der Regel auf eine Sitzung in der Woche beschränken und grundsätzlich auf eine Dauer von nicht mehr als 100 Sitzungen insgesamt. Es gibt weiterhin eine psychodynamisch orientierte Kurztherapie, auch Krisenintervention genannt. Wie der Name schon vermuten lässt, versucht diese Methode auf eine akute Belastungssituation hin schnelle Hilfe zu geben.
Verhaltensorientierte Therapieverfahren
Therapieverfahren, verhaltensorientiertesBei verhaltensorientierten Verfahren geht man von einer ganz anderen Grundannahme aus, nämlich, das gesamte Verhalten, das ein Mensch zeigt, hat er gelernt, und zwar basiert das Lernen auf drei Säulen: der klassischen Konditionierung, dem operanten Lernen und dem Modelllernen:
  • klassische Konditionierung. Ein ursprünglich neutraler Reiz wird zum spezifischen Auslöser. Dies wurde von Pawlow an Hunden untersucht und zeigte folgendes: Reicht man einem Hund sein Futter, dann entwickelt er eine Speichelproduktion. Läutet man gleichzeitig, wenn man ihm das Futter reicht, eine Glocke, dann wird er nach einiger Zeit schon die Speichelproduktion zeigen, wenn nur die Glocke läutet. Das heißt, der ursprünglich neutrale Reiz „Glocke“, wird zum spezifischen Auslöser einer Speichelproduktion.

  • operantes Lernen (instrumentelles Lernen, Verstärkungslernen). Das operante Lernen basiert auf der Annahme, dass erwünschtes Verhalten durch Belohnung verstärkt wird und umgekehrt, Verhalten, das unerwünscht ist, bestraft wird. Je nachdem ob Verhalten durch Lob verstärkt oder durch Tadel bestraft wird, wird es in Zukunft wieder auftreten oder verhindert werden. Die Häufigkeit des Auftretens eines Verhaltens kann dadurch gesteuert werden.

  • Modelllernen (Nachahmungslernen). Unter Modelllernen wird das Lernen von Kindern verstanden. Kinder beobachten und ahmen nach, seien es die Eltern, Bezugspersonen, Gleichaltrige, Freunde oder Idole.

Wenn man nun von der Annahme ausgeht, dass alles Verhalten gelernt ist, kann man daraus schließen, dass Verhalten auch wieder verlernt werden kann. Das ist die klassische Grundannahme der Verhaltenstherapie. Inzwischen wird sie aber nicht mehr in dieser reinen Form angewendet, sondern sie wurde zur Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) erweitert. Denn es wurde festgestellt, dass noch viele weitere Faktoren unser Verhalten bestimmen, so unsere Erbanlagen, die wir mitbringen und die Umwelt, in der wir aufwachsen, außerdem unsere Kognitionen (Gedanken, Einstellungen, Bewertungen, Überzeugungen) und unsere Affekte (was wir fühlen). Aber nach wie vor versteht sich die KVT nicht als aufdeckendes Verfahren, sondern der Therapeut möchte Hilfe zur Selbsthilfe geben. Es soll gelernt werden Gedanken, Werte, Bewertungen zu verändern (kognitive Umstrukturierung) und es sollen neue Verhaltensmuster etabliert werden.
Hier eine knappe Übersicht über die wichtigsten verhaltenstherapeutischen Verfahren:
  • (klassische) Verhaltenstherapie

  • kognitive Verhaltenstherapie

  • systematische Desensibilisierung. Beseitigung von Phobien durch langsames, systematisches Gewöhnen an das angstauslösende Objekt in einem entspannten Kontext.

  • Reizüberflutungstherapie oder Flooding. Der Patient wird in Begleitung und mit Hilfestellung eines Therapeuten direkt dem am stärksten angstauslösenden Reiz ausgesetzt.

  • systematische Desensibilisierung. Z. B. Beseitigung von Phobien durch langsames, systematisches Gewöhnen an das angstauslösende Objekt in einer entspannten Situation.

Humanistische, erlebnisorientierte Psychotherapieformen
Psychotherapie:humanistische, erlebnisorientierteDiese Therapieformen stellen den Menschen in den Mittelpunkt und gehen von den folgenden Grundannahmen aus: Jede Person strebt nach Selbstverwirklichung, sie ist eine schöpferische Persönlichkeit, sie lebt in zwischenmenschlichen Beziehungen, sie lebt bewusst und als besonders wichtige Grundannahme, sie hat Entscheidungsfreiheit. Die beiden wichtigsten humanistischen Therapieformen sind die Gesprächs- und Gestalttherapie, die Sie nun näher kennenlernen.
Gesprächstherapie.Gesprächstherapie.Sie wird auch als klientzentrierte, nicht-direktive Psychotherapie bezeichnet und geht zurück auf Carl Rogers (1902–1987) und Reinhard Tausch (∗1921). Der „Patient“ wird hier Klient genannt. Dass die Therapie nicht-direktiv ist bedeutet, dass der Therapeut keine Handlungsanweisungen gibt, sondern dem Klienten lediglich hilft, seine eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Eine wichtige Grundannahme ist, dass allen Menschen solche Selbstheilungskräfte innewohnen. In der Therapiestunde hört der Therapeut aktiv zu, er greift aber nicht ein, um Ratschläge zu geben. Vom Therapeuten wird erwartet, dass er menschlich integer (unbescholten) ist. Er muss frei von Beurteilungen über seinen Klienten sein und ihn bedingungslos akzeptieren. Er soll Empathie (Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen) für ihn empfinden und das auch ausdrücken.
Gestalttherapie.Die GestalttherapieGestalttherapie geht auf Friedrich (1893–1970) und Laura Perls (1905–1990) zurück. Durch Untersuchungen wie unsere Wahrnehmung funktioniert, nämlich Wahrnehmung wird als ganzheitlicher Prozess gesehen, mit dem ein Lebewesen seine Umwelt für sich strukturiert, kamen sie zu der Einsicht, dass auch unsere Seele derart arbeitet. Sie möchte Dinge abschließen, ihr Selbstbild verwirklichen.
In der Therapie gilt das Hier und Jetzt, das heißt, es gilt nicht wie bei den tiefenpsychologisch fundierten Therapien in die Vergangenheit zurückzugehen und sie aufzuarbeiten, sondern aufgetretene Probleme müssen in der Gegenwart aufgearbeitet werden. Die Gestalttherapie erkennt aber an, dass diese Probleme in der Vergangenheit entstanden sein können. Auch die Gestalttherapie zeigt eine große Würdigung des Menschen und vertraut auf dessen eigene Kräfte. Sie gibt keine Handlungsanweisungen und Patentrezepte. Die Gestalttherapie arbeitet mit Hilfe von Rollenspielen, Traumarbeit, Wahrnehmungsschulung, Körperübungen und kreativen Techniken.
Hypnotherapie
HypnotherapieIm Gegensatz zu Sigmund Freud glaubte Milton Erickson (1901–1980) nicht, dass das Unbewusste die Stelle der Verdrängung sei, sondern eine Quelle von Ressourcen und Kreativität. Auch Erickson hat ein sehr würdevolles Menschenbild. Seine Maximen waren: Jeder Mensch ist einzigartig, jeder Mensch hat seine eigenen Entwicklungsressourcen und eigene Wege zur Selbstheilung.
Der Hypnotherapeut hilft dem Klienten in eine hypnotische Trance zu gelangen und diesen Zustand für die Veränderungsarbeit zu nutzen. Dabei wird versucht, den Verstand auszuschalten, um an diese Quelle heranzukommen.
Die Hypnose ist eine Technik, bei der ein Trancezustand hergestellt wird, mit dem die Aufmerksamkeit nach innen, ins Unbewusste, gelenkt wird. Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Therapeut und Klient, um die gemeinsam gesetzten Ziele erreichen zu können.

Psychopharmakotherapie

PsychopharmakotherapieDie Psychopharmakologie beschäftigt sich mit der Erforschung und dem Einsatz von Psychopharmaka bei psychischen Störungen. Bei Psychopharmaka handelt es sich um Substanzen, die in die Regulation zentralnervöser Funktionen eingreifen und dadurch seelische Vorgänge beeinflussen. Psychopharmaka haben eine segensreiche Auswirkung auf schwere psychische Störungen und helfen den Betroffenen wieder ein normales Leben zu führen.
Leider haben Psychopharmaka, wie alle Medikamente, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Arzneien und einige wenige besitzen auch ein Suchtpotenzial. Psychopharmaka sind aber bei manchen Erkrankungen, wie schweren Depressionen und vor allem bei Schizophrenien unabdingbar. Sie dürfen nur vom Facharzt verschrieben werden. Da aber der Heilpraktiker begleitend therapieren darf, muss er die Neben- und Wechselwirkungen sowie das Suchtpotenzial kennen. Beachten muss man, dass bei älteren Menschen die Reaktion auf Psychopharmaka oft wesentlich stärker ist. Besonders bei ihnen ist an Wechselwirkung mit anderen Medikamenten zu denken, da sie oft mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen. Auch Kinder und Jugendliche reagieren anders, eine reine Herunterstufung der Dosierung ist deshalb nicht richtig.
Neuroleptika (Antipsychotika)
NeuroleptikumArzneimittel:NeuroleptikumAntipsychotikumHaupteinsatzgebiete.Neuroleptika wirken antipsychotisch, psychomotorisch dämpfend, schlaffördernd, angstnehmend, manche auch stimmungsaufhellend. Deshalb sind die Einsatzgebiete Schizophrenien, schizoaffektive Störungen, Manien, psychotische Depressionen, neurologische Erkrankungen, organisch bedingte psychotische Störungen und Epilepsien.
Nebenwirkungen.Bestimmte Neuroleptika, wie Thioridazin und Haloperidol können die Fahrtüchtigkeit beeinflussen. Nach den „Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung“ in der Ein- oder Umstellungsphase mit sedierenden Psychopharmaka muss die Fahrtüchtigkeit deshalb in der Regel verneint werden. Neuroleptika haben kein Abhängigkeitspotenzial.
Bei den Neuroleptika werden zwei Formen unterschieden, nämlich typische/klassische (1. Generation) und atypische/moderne (2. Generation) Neuroleptika. Das ist wichtig für ihren Einsatz, denn sie lösen verschiedene Wirkungen aus.
Typische Neuroleptika (NL) der 1. Generation wirken besonders auf die Positivsymptomatik bei Schizophrenien, wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen ein. Allerdings haben sie z. T. starke Auswirkungen auf das extrapyramidalmotorische System und führen deshalb zu einer gestörten unwillkürlichen Steuerung von Stützmotorik und Regulierung des Muskeltonus, was sich z. B. als Muskelverkrampfungen oder als Sitz- und Bewegungsunruhe zeigt.
Außerdem haben Neuroleptika teilweise eine anticholinerge Wirkung, damit meint man, dass sie der Wirkung des Parasympathikus entgegenwirken. Daraus ergeben sich Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, erweiterte Pupillen, Harnverhalt, Obstipation sowie trockene, rote und warme Haut. Außerdem können sich Unruhe, Erregung und Angst einstellen.
Bei den typischen Neuroleptika unterscheidet man noch hoch und niedrig potente. Bitte beachten Sie dazu die Tabelle 25-7.
Atypische Neuroleptika. Der antipsychotische Effekt ist bei den atypischen Neuroleptika weniger stark ausgeprägt, dafür wirken sie aber gut auf die Negativsymptomatik. Sie haben generell einen breiteren Wirkungsgrad und sind nebenwirkungsärmer.
Antidepressiva
Arzneimittel:AntidepressivumAntidepressivumWeil bei einer Depression der zentralnervöse Stoffwechsel der Transmitter Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin gestört ist, versucht man die Depression an dieser Stelle durch Psychopharmaka zu behandeln.
Je nachdem welche Transmitterproduktion gestört ist, setzt man folgende Medikamente ein:
  • Eine hemmende Wirkung auf die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin haben die tri- und tetrazyklischen Antidepressiva (AD).

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer hemmen die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin im synaptischen Spalt.

  • Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer hemmen das Noradrenalin im synaptischen Spalt.

  • Monoaminooxidase-Hemmer (MAO) wirken hemmend auf das Enzym Monoaminooxidase, somit verbleiben Serotonin und Noradrenalin länger im synaptischen Spalt.

Unterteilt man die Antidepressive nach ihrer Wirkung, unterscheidet man:
  • beruhigende, entspannende, angstlösende Antidepressiva

  • antriebssteigernde Antidepressiva

Wegen der Wichtigkeit hier nochmals der Warnhinweis, der schon im Kap. 25.4.1 angebracht wurde:

Nimmt ein Patient Antidepressiva, so ist die Selbstmordgefährdung am Beginn einer Therapie besonders hoch. Antidepressiva entfalten erst nach einigen Wochen ihre volle Wirkung. Allerdings wird der Antrieb schon nach wenigen Einnahmen gesteigert. Das bedeutet, wenn eine Person in einer Depression selbstmordgefährdet war und ihr die Kraft zur Durchführung gefehlt hat, hat sie jetzt die Kraft dazu.

Haupteinsatzgebiete.Haupteinsatzgebiete der Antidepressiva sind v. a. Depressionen, aber auch Panikstörungen mit und ohne Agoraphobie, phobische Störungen, Essstörungen, somatoforme Störungen, generalisierte Angststörungen, Chronic Fatigue Syndrom (chronisches Erschöpfungssyndrom), Zwangsstörungen u. a.
Nebenwirkungen.Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Schwitzen, Obstipation, Tremor, Dysarthrie (neurogene Sprech- und Stimmstörungen), Tachykardie, Hypotonie, Schwindel, Unruhe oder Müdigkeit, Übelkeit, sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtsproblematik u. v. m.
Antidepressiva machen nicht abhängig. Sie dürfen aber nicht plötzlich abgesetzt werden, sondern sie müssen unter ärztlicher Aufsicht ausgeschlichen werden.
Pflanzliche Sedativa wie Johanniskraut (Hypericum) können bei Depressionen helfen, wenn die Dosierung genau stimmt. Allerdings wird ihr Einsatz auf leichtere Formen von Depression beschränkt.
Auch pflanzliche Sedativa können Nebenwirkungen haben, wie Exantheme, Verdauungsbeschwerden, Müdigkeit oder Unruhe und eine gesteigerte Empfindlichkeit der Haut gegenüber Sonnenlicht.
Außerdem kann es zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen, z. B. mit Immunsuppressiva, Antikoagulanzien, Proteasehemmern, Anti-HIV-Arzneimitteln, Zytostatika und Antidepressiva.
Kontraindikation.Kinder unter 12 Jahren, Schwangere und Stillende sollen Johanniskraut nicht einnehmen.
Phasenprophylaktika
PhasenprophylaktikumArzneimittel:PhasenprophylaktikumPhasenprophylaktika (Stimmungsstabilisierer) dienen der Rückfallvorbeugung bei bipolaren, chronisch rezidivierenden Depressionen und schizoaffektiven Erkrankungen. Hauptsächlich eingesetzt wird Lithium. Sie können über die ganze Lebensspanne eingenommen werden, der Patient muss aber wegen der Nebenwirkungen engmaschig ärztlich überwacht werden.
Nebenwirkungen.Wichtige Nebenwirkungen sind Nierenfunktionsstörungen, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Störungen des Natriumhaushalts. Zu Beginn der Behandlung kommt es oft zu gesteigertem Durst, Erbrechen, Durchfällen, Muskelschwäche, Gewichtszunahme, Schwindel und Gedächtnisstörungen.
Kontraindikation.Absolut kontraindiziert sind Phasenprophylaktika in den ersten Schwangerschaftsmonaten und in der Stillzeit.
Phasenprophylaktika machen nicht abhängig. Beim Absetzen des Medikaments muss unbedingt beachtet werden, dass es ausgeschlichen wird, sonst kann es zu psychotischen Störungen kommen.
Hypnotika
HypnotikumArzneimittel:HypnotikumHypnotika haben eine sedierende, schlafanregende, angstlösende, antiepileptische und antiaggressive Wirkung. Nach ihrer Einnahme tritt die Wirkung sehr schnell ein. Ein großer Nachteil ist, dass sie schnell abhängig machen, das kann schon nach einigen Wochen passieren. Deshalb dürfen sie nur für einen sehr begrenzten Zeitraum verordnet werden und sollten immer in einen Gesamtbehandlungsplan eingebunden werden.
In der Vergangenheit wurden Barbiturate als Hypnotika eingesetzt, heute sind es dagegen Benzodiazepine. Es gibt sog. Nicht- oder Non-Benzodiazepin-Hypnotika, die nebenwirkungsärmer sind und ein geringeres Abhängigkeitsrisiko haben.
Wenn Benzodiazepine eingenommen werden, muss auf Alkohol verzichtet werden.
Haupteinsatzgebiete.Wichtigste Einsatzgebiete der Hypnotika sind Angststörungen, Schlafstörungen, Akutphasen der Schizophrenie, Spasmen, Status epilepticus, psychovegetative Störungen (körperliche Symptome durch seelische Ursachen ausgelöst) und Suizidalität.
Nebenwirkungen.Nebenwirkungen sind außer dem hohen Abhängigkeitspotenzial Müdigkeit oder paradoxe Erregung. Trotz Sedierung sind Agitiertheit, Erregungszustände oder Schlaflosigkeit möglich, ebenso Konzentrationsschwierigkeiten und Libidoverlust.
Kontraindikation.Kontraindiziert sind Hypnotika bei Personen, die eine Suchtgefährdungsproblematik haben, ebenso in der Schwangerschaft, Stillzeit und bei Leber-, Nieren- und Ateminsuffizienz.
Anxiolytika
Arzneimittel:AnxiolytikumAnxiolytikumAnxiolytika sind angstlösende Substanzen. Hierunter werden in der Regel auch Benzodiazepine verstanden, die gleichzeitig angstlösend und beruhigend wirken. Deshalb werden sie auch als Tranquilizer (sog. Beruhigungsmittel) bezeichnet. Neben diesen Benzodiazepinen gibt es andere Substanzen, die angstlösend und beruhigend wirken, z. B. einige Antidepressiva, Neuroleptika und Beta-Rezeptorenblocker (Herzmedikament).
Nebenwirkungen.Auch hier gilt: Benzodiazepine als Anxiolytika sollten nicht länger als einige Wochen eingenommen werden, es droht die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung. Wenn Benzodiazepine eingenommen werden, muss auf Alkohol verzichtet werden. Häufige Nebenwirkungen sind Tagesmüdigkeit (Achtung: eingeschränkte Fahrtüchtigkeit) paradoxe Erregung sowie Appetitlosigkeit und Sexualstörungen.

Zur Überprüfung des Kenntnisstands und als Vorbereitung zur Prüfung empfehlen wir die umfangreiche Fragensammlung zu diesem Thema in Richter: Prüfungstraining für Heilpraktiker. 2000 Prüfungsfragen zum Lehrbuch für Heilpraktiker, 8. Auflage, Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag München 2013.

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