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B978-3-437-58303-2.00005-4

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978-3-437-58303-2

Systematik des psychopathologischen BefundsPsychopathologischer BefundSystematik

[L157]

Kennzeichen der OrientierungsstörungenKennzeichenOrientierungsstörungenDesorientierungzur SituationDesorientierungzur ZeitDesorientierungzum OrtDesorientierungzur eigenen Person

Tab. 5.1
Orientierung Kennzeichen Erfragen der Orientierungsstörung
Zur Zeit Orientierung zu Datum, Tag, Jahr oder Jahreszeit „Welchen Wochentag haben wir heute?“, „In welcher Jahreszeit befinden wir uns?“
Zum Ort Wissen um derzeitigen Aufenthaltsort „In welcher Stadt liegt diese Klinik/Praxis?“, „In welcher Straße befinden Sie sich?“
Zur Situation Erfassen der augenblicklichen Situation „Wo befinden Sie sich derzeit?“ (Klinik, Praxis), „Warum sind Sie hier?“, „Wer bin ich?“ (Therapeut, Untersucher)
Zur eigenen Person Wissen um eigene persönliche Situation „Wann sind Sie geboren?“, „Wie heißen Sie?“, „Wie ist Ihr Familienstand?“, „Welchen Beruf üben Sie aus?“

Formale VorbeiredenSchizophrenie/schizophrene StörungenDenkstörungenPerseverationenNeologismenKonkretismusIdeenfluchtIdeenfluchtGedankensperrungGedankendrängenGedankenabreißenFormale DenkstörungenDenkverlangsamungDenkstörungenSchizophrenieDenkstörungenformaleDenkhemmungDenkenumständlichesDenkeneingeengtesDenkstörungenZerfahrenheitInkohärenz

Tab. 5.2
Psychopathologie Erklärung Beispiel Beispielhaftes Vorkommen
Denkverlangsamung Verlangsamtes und schleppendes Denken „Na ja, also … ich weiß nicht recht … die Gedanken sind so schwer …“ Depression, organisches Psychosyndrom
Denkhemmung Denken wird als mühsam, wie blockiert erlebt „Am schlimmsten war das Denken. Ich kam nicht mehr voran, meine Gedanken waren wie verschluckt …“ Depression, Schizophrenie
Gedankenabreißen, Gedankensperrung Plötzlicher Abbruch eines flüssigen Gedankengangs bzw. des Sprechens ohne ersichtlichen Grund „Dann ging ich in das Zimmer …“ (Patient schweigt, schaut in den Raum, lauscht) „Das Leben ist merkwürdig und belastet mich.“ Schizophrenie
Umständliches Denken Weitschweifiger Gedankengang, wesentliche Inhalte können nicht von Nebensächlichem getrennt werden, inhaltlicher Zusammenhang bleibt erhalten Patient wird nach Zwangshandlungen gefragt: „Mein Wohnzimmer ist relativ groß, so um die 30 qm, und die Balkontür liegt am hinteren Ende, etwa 50 cm von der rechten Wand entfernt. Ich habe sie erst neu streichen lassen, sie sieht jetzt ganz gut aus. Obwohl, ein paar Ausbesserungen muss ich noch machen. Also, ich muss immer wieder prüfen, ob sie verschlossen ist …“ Zwangsstörung, Demenz
Eingeengtes Denken Gedanken sind auf wenige Themen eingeengt, haften an diesen Inhalten „Die Gedanken drehen sich im Kreis, immer wieder die Frage, ob ich schuld an ihrem Verschwinden bin. Eine einzige Gedankenschleife, immer wieder …“ Depression
Perseverationen Ständiges Wiederholen eines bestimmten Gedankens „Sie hat mir das Geld gestohlen! Da bin ich mir sicher. Es war an Ostern, als wir uns alle trafen. Sie hat mir das Geld gestohlen, zweifelsfrei. Die Kinder haben die Eier gesucht, und wir haben den Tisch geschmückt. Natürlich hat sie es getan, sie hat mir das Geld gestohlen.“ Organisches Psychosyndrom, Zwangsstörung, wahnhafte Störung
Gedankendrängen Patient ist dem Druck vieler unterschiedlicher Gedanken ausgesetzt „Ich musste so viel denken, musste immer wach bleiben und konnte nicht schlafen. Ich war total überdreht.“ Manie, Schizophrenie
Ideenflucht Beschleunigtes Denken und Sprechen, extrem einfallsreicher Gedankengang, wobei einzelne Gedanken nicht zu Ende geführt, sondern durch Assoziationsflut unterbrochen werden „Gustav IV. ist es gewesen, König von Schweden, diese Macht zu haben, wie ein König, da wäre das Leben aber schön, schöner noch am Strand liegen, nichts tun und Wasser, das ist es! Wasser wird uns erlösen. Kühl und klar und rein …“ Manie
Vorbeireden Eine Frage wird, obwohl sie verstanden wurde, mit anderen Inhalten beantwortet Ein Patient berichtet, er fühle sich verfolgt. Auf die Frage, wer ihn verfolgt, antwortet er: „Nichts ist mehr so, wie es war, das schaffen sie.“ Schizophrenie
Zerfahrenheit, Inkohärenz Zusammenhanglosigkeit von Denken und Reden „Gott lebt dort und redet, manche schaffen es zum Heiland bis ins Hirn hinein. Das schmerzt im Kopf, man merkt, wer dort regiert. Gott vierteilt oder halbiert, ich weiß nicht, aber ich sah es.“ Schizophrenie
Neologismen Wortneuschöpfungen, die nicht der sprachlichen Konvention entsprechen und oft nicht unmittelbar verständlich sind „Blutgebären“, „Jahreswechselgeld“, „Verschnittbehörde“, „trausam“ Schizophrenie
Konkretismus Unfähigkeit, die übertragene Bedeutung von Sprichwörtern zu erkennen; alles wird wörtlich genommen Das Sprichwort „Wer anderen eine Grube gräbt“ wird so erklärt: „Wenn ich im Garten grabe, gibt es ein Loch, ein großes, und dann gehen sie da vorbei und plumps, sind sie drin.“ Schizophrenie

Wahninhalte und WahnInhalteWahnnihilistischerWahnhypochondrischerVersündigungswahnVerfolgungswahnVerarmungswahnSchuldwahnSchizophrenie/schizophrene StörungenWahninhalteSchizoaffektive StörungenWahninhalteNihilistischer WahnLiebeswahnHypochondrischer WahnGrößenwahnEifersuchtswahnDermatozoenwahnBeziehungswahnBeeinträchtigungswahnVorkommenWahnVorkommen

Tab. 5.3
Wahninhalte Beispielhaftes Vorkommen
Beziehungswahn Schizophrenie, schizoaffektive Störung
Beeinträchtigungs- und Verfolgungswahn Schizophrenie, wahnhafte Störungen, schizoaffektive Störung
Größenwahn Manie, Schizophrenie, schizoaffektive Störung
Schuld- und Versündigungswahn Depressive Störung mit psychotischer Symptomatik, schizoaffektive Störung
Nihilistischer Wahn Depression mit psychotischer Symptomatik, schizoaffektive Störung
Hypochondrischer Wahn Depression mit psychotischer Symptomatik, schizoaffektive Störung
Verarmungswahn Depression mit psychotischer Symptomatik, schizoaffektive Störung
Eifersuchtswahn Chronische Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie, schizoaffektive Störung
Liebeswahn Wahnhafte Störung, Schizophrenie, schizoaffektive Störung
Dermatozoenwahn Schizophrenie, organisch psychotische Störung

HalluzinationenHalluzinationenVorkommenOptische HalluzinationenHalluzinationenoptischeAkustische HalluzinationenHalluzinationenakustischeGeschmackshalluzinationenGeruchshalluzinationenHalluzinationenolfaktorischeHalluzinationengustatorischeTaktile HalluzinationenHaptische HalluzinationenHalluzinationenhaptische/taktileKörperhalluzinationen und VergiftungswahnVerfolgungswahnDermatozoenwahnAlkoholhalluzinoseihr VorkommenSchizophrenie/schizophrene StörungenHalluzinationenOrganische PsychoseHalluzinationenDermatozoenwahn

Tab. 5.4
Art der Halluzination Beispielhaftes Vorkommen
Optische Halluzinationen Organische psychotische Störung (Alkoholentzugsdelir, Drogeneinnahme [LSD])
Akustische Halluzinationen Schizophrenie, organische psychotische Störung (z. B. Alkoholhalluzinose, epileptische Aura), schizoaffektive Störungen, wahnhafte Störungen
Geruchs- und Geschmackshalluzinationen Organische psychotische Störung (z. B. Hirntumoren), Schizophrenie (z. B. Verfolgungs- und Vergiftungswahn), Depression mit psychotischen Symptomen (z. B. Fäulnis- und Leichengeruch)
Taktile und haptische Halluzinationen Organische psychotische Störung (z. B. Dermatozoenwahn), Schizophrenie
Körperhalluzinationen Schizophrenie

Ich-Störungen und VorkommenIch-StörungenVorkommenSchizophrenie/schizophrene StörungenIch-StörungenDepersonalisationserlebenDerealisationserlebenFremdbeeinflussungserleben

Tab. 5.5
Ich-Störungen Beispielhaftes Vorkommen
Depersonalisations-/Derealisationserleben (Entfremdungserlebnisse) Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung, dissoziative Störung, Schizophrenie, depressive Störung, organische Hirnerkrankung, Epilepsie, Drogenabusus
Gedankenausbreitung, -entzug, -eingebung, Fremdbeeinflussung Schizophrenie, schizoaffektive Störung, wahnhafte Störung

Störungen der Affektivität und VorkommenAffektive StörungenVorkommenAmbivalenzAffektinkontinenzInsuffizienzgefühlÄngstliches ErlebenAffektverarmung/-starreParathymieAffektinkontinenzVitalstörungen

Tab. 5.6
Störungen der Affektivität Beispielhaftes Vorkommen
Affektverarmung/-starre Depressive Störung, organische affektive Störung, Schizophrenie, schizoaffektive Störung, wahnhafte Störung, schizophrenes Residuum
Parathymie Schizophrenie
Affektlabilität, -inkontinenz Demenz, organisch affektive Störung
Ambivalenz Depressive Störung, Zwangsstörung, Schizophrenie
Störungen der Vitalgefühle Depressive Störung, Manie
Ängstliches Erleben Angststörung, Zwangsstörung, Schizophrenie, depressive Störung, posttraumatische Belastungsstörung
Insuffizienzgefühle Depressive Störung, Persönlichkeitsstörung

Antriebsstörungen und VorkommenAntriebshemmung/-schwächeAntriebssteigerungAntriebsstörungenVorkommen

Tab. 5.7
Antriebsstörungen Beispielhaftes Vorkommen
Antriebsarmut/-mangel Organisch affektive Störung (Schilddrüsenfunktionsstörung, Tumor, Hirnhautentzündung), depressive Störung, bei Residualzuständen schizophrener Störungen
Antriebshemmung/-schwäche Depressive Störung, schizoaffektive Störung
Antriebssteigerung „Agitierte“ Depression, organische psychische Störung, Manie (bis zur Enthemmung), Schizophrenie, Einfluss von Amphetaminen (sog. Weckamine), Koffein oder Nikotin, histrionische Persönlichkeitsstörung

Psychomotorische Störungen und VorkommenMotorische UnruhePsychomotorische StörungenVorkommenParakineseManierismen/ManieriertheitTheatralikMutismusLogorrhöRedefluss, verstärkterSchizophrenie/schizophrene StörungenkatatoneSchizophrenie/schizophrene Störungenhebephrene

Tab. 5.8
Psychomotorische Störung Beispielhaftes Vorkommen
Motorische Unruhe „Agitierte“ Depression, organische psychische Störung, Manie, Schizophrenie, histrionische Persönlichkeitsstörung, Einfluss von Amphetaminen, Koffein oder Nikotin
Parakinese Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, katatone Schizophrenie, organische psychische Störung
Manieriertheit/Theatralik Hebephrene Schizophrenie, Manie, histrionische Persönlichkeitsstörung
Mutismus Schizophrenie, depressive Störung, organische psychische Störung
Logorrhö Manie, schizoaffektive Störung, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung

Allgemeine Psychopathologie und psychopathologischer Befund

  • 5.1

    Bewusstseinsstörungen26

    • 5.1.1

      Quantitative Bewusstseinsstörungen26

    • 5.1.2

      Qualitative Bewusstseinsstörungen26

  • 5.2

    Orientierungsstörungen27

  • 5.3

    Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen27

  • 5.4

    Denkstörungen28

    • 5.4.1

      Formale Denkstörungen28

    • 5.4.2

      Inhaltliche Denkstörungen29

  • 5.5

    Wahrnehmungsstörungen und Sinnestäuschungen31

    • 5.5.1

      Illusionen32

    • 5.5.2

      Halluzinationen32

    • 5.5.3

      Pseudohalluzinationen32

  • 5.6

    Ich-Störungen32

  • 5.7

    Störungen der Affektivität und Angst33

  • 5.8

    Antriebsstörungen34

  • 5.9

    Psychomotorische Störungen35

  • 5.10

    Weitere wichtige psychopathologische Aspekte35

  • 5.11

    Somatische Aspekte35

  • 5.12

    Abfassen des psychopathologischen Befunds36

Kapitelübersicht

Der psychopathologische Psychopathologischer BefundBefund dient der systematischen Überprüfung und Ermittlung, ob und inwieweit bestimmte Bereiche der Psyche oder Elementarfunktionen beim Klienten oder Patienten gestört und welche Symptome infolgedessen vorhanden sind. Er wird schriftlich verfasst und enthält neben den Angaben des Patienten oder Klienten v. a. Angaben zu seinem (vom untersuchenden Arzt oder Therapeuten, aber auch von Dritten wie z. B. Angehörigen) beobachteten Verhalten sowie eine fundierte Beurteilung durch den untersuchenden Arzt und Therapeuten. Im psychopathologischen Befund werden somit alle Veränderungen und Auffälligkeiten festgehalten, die für die psychische Störung des jeweiligen Patienten bedeutsam sind. Sie können Erscheinungsbild, Verhalten und Ausdruck sowie innerpsychisches Erleben und Affektlage betreffen.

Die Erstellung eines präzisen, vollständigen psychopathologischen Befunds bildet das Kernstück der psychiatrischen und psychotherapeutischen Diagnostik und setzt umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen voraus.

Zur Stellung einer Diagnose ist es wichtig festzuhalten, welche Bereiche der Psyche oder Elementarfunktionen beim Klienten oder Patienten gestört sind und welche Symptome demzufolge vorliegen. Dazu dient der psychopathologische Befund, der eine Systematik der zu ermittelnden Funktionen enthält, d. h., mithilfe des psychopathologischen Befunds kann systematisch geprüft und ermittelt werden, in welchen Bereichen Störungen vorliegen und Ausdruck einer psychischen Erkrankung sein können. Die im Folgenden beschriebenen Störungen der Elementarfunktionen – Bewusstsein, Affektivität, formales Denken, inhaltliches Denken, Intelligenz, Ich-Erleben, Wahrnehmung, Antrieb, Orientierung, Gedächtnis – sind Bestandteile des psychopathologischen Befunds.

Bewusstseinsstörungen

Unter BewusstseinsstörungenBewusstseinsstörungen versteht man die Beeinträchtigung der BewusstseinsklarheitBewusstseinsklarheit, Überprüfung mit Störungen des einheitlichen und sinnhaften Erlebens. Es handelt sich hier um einen Oberbegriff für alle Veränderungen der Bewusstseinslage. Man unterscheidet quantitative und qualitative Bewusstseinsstörungen.

Merke

Die Bewusstseinsklarheit wird anhand folgender Faktoren überprüftBewusstseinsklarheit, Überprüfung:

  • Funktion der Sinne

  • Orientierung

  • Gedächtnis- und Erinnerungsfunktionen

  • Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Auffassungsfähigkeit

  • Möglichkeit zur sprachlichen Verständigung und situationsangepasstem Verhalten

Quantitative Bewusstseinsstörungen

Fall

Quantitative Bewusstseinsstörungen: Somnolenz

BewusstseinsstörungenquantitativeBewusstseinsstörungenFallbeispielEine 65-jährige Patientin wird nach einem Fahrradunfall stationär aufgenommen. Das Stationspersonal stellt fest, dass sich die Patientin verstärkt in einem schläfrigen Zustand befindet. Ihr Ehemann bestätigt dies und berichtet, dass sie auf der Fahrt in die Ambulanz immer wieder eingenickt sei. Bei Ankunft in der Klinik sei sie erst wach geworden und ausgestiegen, als er ihren Namen laut gerufen habe. Bei der Untersuchung durch den Stationsarzt fällt auf, dass die Patientin erst erwacht und auf seine Fragen antwortet, wenn er sich unmittelbar neben das Bett stellt, sie am Arm berührt und laut in ihr Ohr spricht. Seine Fragen beantwortet sie nur langsam und leise und fällt schon kurz darauf wieder in den Schlaf zurück.
Die quantitativen Bewusstseinsstörungen zeichnen sich durch eine Minderung der Vigilanz (Grad der Wachheit) aus. Das Bewusstsein ist verändert, bleibt aber in seiner Qualität erhalten. Es gibt fließende Übergänge im Grad der Bewusstseinsstörung. Typische Formen der quantitativen Bewusstseinsstörungen sind:
  • BenommenheitBenommenheit: leichte Beeinträchtigung der Bewusstseinsklarheit; verlangsamt, schläfrig, eingeschränkte Informationsaufnahme und -verarbeitung

  • SomnolenzSomnolenz: Apathie und abnorme Schläfrigkeit; Patient ist durch lautes Ansprechen relativ leicht zu wecken

  • SoporSopor: sehr starke Trübung des Bewusstseins, nur stärkste Reize führen zum Erwachen aus der Schläfrigkeit

  • KomaKoma: tiefe Bewusstlosigkeit, ggf. Fehlen der natürlichen Schutzreflexe, im Extremfall Störungen zentraler vegetativer Funktionen wie Atmung, Kreislauf und Temperaturregulation

Qualitative Bewusstseinsstörungen

Fall

Qualitative Bewusstseinsstörungen: Bewusstseinstrübung

BewusstseinsstörungenFallbeispielBewusstseinsstörungenqualitativeEinem 72-jährigen Mann wird ein neues Hüftgelenk eingesetzt. Am Tag nach der Operation wirkt er sehr unruhig und nervös. Immer wieder unternimmt er Versuche, das Bett ohne Hilfe zu verlassen. Als eine Krankenschwester sein Zimmer betritt, hält er sie für seine Tochter (BewusstseinstrübungBewusstseinstrübung). Er erzählt ihr, dass er jetzt aufstünde, um wie üblich den Tisch für das Sonntagsfrühstück mit der Familie zu decken (situative, zeitliche und örtliche DesorientierungDesorientierungs. a. OrientierungsstörungenDesorientierungzur ZeitDesorientierungzum OrtDesorientierungzur Situation).
Die Qualität des Bewusstseins, also das Erleben, Erinnern und Denken, ist verändert. Zu den qualitativen Bewusstseinsstörungen zählen:
  • BewusstseinstrübungBewusstseinstrübung: mangelnde Klarheit des gegenwärtigen Erlebens mit Verwirrtheit des Denkens und Handelns. Bestimmte Aspekte der eigenen Person und der Umgebung können nicht mehr sinnvoll miteinander in Zusammenhang gebracht werden. Die Bewusstseinseintrübung ist ein typisches Zeichen des DelirsDelirBewusstseinstrübung.

  • BewusstseinseinengungBewusstseinseinengung: betrifft den Umfang des Bewusstseins, z. B. starre Fixierung des Denkens, Fühlens und Wollens auf bestimmte Aspekte des Erlebens mit verminderter Reaktionsfähigkeit auf Außenreize; schwieriger zu erkennen, da komplexe äußere Handlungsabläufe normal bewältigt werden können. Vorkommen z. B. beim epileptischen Dämmerzustand oder bei abnormen Erlebnisreaktionen.

  • BewusstseinsverschiebungBewusstseinsverschiebung: entspricht einer Bewusstseinssteigerung mit dem Gefühl einer Intensitätssteigerung des äußeren und inneren Erlebens. So können im Drogenrausch (z. B. LSD) Farben und Gerüche subjektiv stärker wahrgenommen und der persönliche Erfahrungshorizont als erweitert erlebt werden.

Therapeutische Praxis

Die BewusstseinseinengungBewusstseinseinengung wird auch als „eingeschränkter Lichtkegel des Bewusstseins“ beschrieben, wobei ein Mensch sein Bewusstsein wie einen engwinkligen und starren Lichtkegel nur auf wenige innere und äußere Umstände richten kann und davon gebannt ist. Dies kann im TrancezustandTrance geschehen (Hypnose) oder wenn ein Mensch innere Stimmen hört, denen er lauscht (Schizophrenie)Schizophrenie/schizophrene StörungenBewusstseinseinengung.

Orientierungsstörungen

Fall

Orientierungsstörungen: örtliche Desorientierung

Eine Frau wird OrientierungsstörungenFallbeispielnach einem Sturz in ihrer Wohnung mit einem gebrochenen Arm in die Klinik eingeliefert. Bei der Aufnahme ist sie stark alkoholisiert, was laut Auskunft der Nachbarin häufiger der Fall zu sein scheint. Nach drei Tagen Klinikaufenthalt (ohne Alkohol) hat sich der Zustand der Patientin zwar deutlich gebessert, allerdings berichtet sie von kleinen braunen Käfern, die ununterbrochen über ihr Kissen und ihre Decke liefen (optische HalluzinationOptische HalluzinationenHalluzinationenoptische). Bei der Visite macht sie einen verwirrten, geistesabwesenden Eindruck (BewusstseinstrübungBewusstseinstrübung). Sie versteht die Fragen der Stationsärztin nicht und erkundigt sich danach, wo sie sich momentan eigentlich aufhalte (örtliche DesorientierungDesorientierungzum OrtOrientierungsstörungenörtliche).
Fehlende Klarheit über zeitliche, örtliche, situative Gegebenheiten und über die eigene Person (Merksatz: Z-Ö-S-P) wird als Orientierungsstörung bzw. Desorientierung bezeichnet (Tab. 5.1).

Merke

Eine Orientierungsstörung ist nicht automatisch eine Bewusstseinsstörung.

Merke

Das Nichtwissen des genauen Kalendertags gilt nicht als Orientierungsstörung! Das Datum kann um einen Tag abweichen, wichtig ist das Wissen um den Wochentag.

Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen

Beispiel

Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen

Mit folgenden einfachen GedächtnisstörungenFallbeispielAufmerksamkeitsstörungenFallbeispielAufgaben werden verschiedene Bereiche des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit geprüft: Der Patient soll sich drei neutrale Begriffe einprägen (z. B. Tür, Seil und Knopf) und danach von 100 schrittweise jeweils 8 abziehen (Hinweis auf KonzentrationsstörungenKonzentrationsstörungen). Dann wird er aufgefordert, die Fabel vom Löwen und von der Maus nachzuerzählen (Hinweis auf AuffassungsstörungAuffassungsstörungen). Nach 10 Minuten wird er gebeten, die gemerkten Begriffe aus der ersten Aufgabe zu wiederholen (Hinweis auf MerkfähigkeitsstörungenMerkfähigkeitsstörungen). Danach lassen Sie sich schildern, was er in den letzten Tagen getan und unternommen hat (Hinweis auf Störungen des Altgedächtnisses).
Bei den Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen handelt es sich um die verminderte Fähigkeit, neue und alte Gedächtnisinhalte wiederzugeben. Unterschieden werden in diesem Zusammenhang:
  • AuffassungsstörungenAuffassungsstörungen: Die gedankliche Verarbeitung einer Wahrnehmung ist gestört.

  • KonzentrationsstörungenKonzentrationsstörungen: Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit über längere Zeit auf eine bestimmte Tätigkeit oder ein Thema zu fokussieren.

  • Störungen der MerkfähigkeitMerkfähigkeitsstörungen: Die Fähigkeit, neue Eindrücke über einen Zeitraum von ca. 10 Minuten zu behalten, ist vermindert oder aufgehoben.

  • GedächtnisstörungenGedächtnisstörungen: Die Fähigkeit, Eindrücke und Erfahrungen länger als 10 Minuten zu speichern oder sich an Ereignisse zu erinnern, die länger als 10 Minuten zurückliegen, ist vermindert oder aufgehoben.

  • KonfabulationKonfabulationen: Erinnerungslücken werden mit Einfällen gefüllt, die vom Betroffenen für Erinnerungen gehalten werden. Konfabulationen sind ein typisches Zeichen der Wernicke-Wernicke-EnzephalopathieKonfabulationenEnzephalopathie (Kap. 10.2.2).

  • Amnesien: Bei AmnesienAmnesie handelt es sich um inhaltlich und zeitlich begrenzte Erinnerungslücken. Es werden folgende Untergruppen definiert:

    • Retrograde Retrograde AmnesieAmnesie: keine Erinnerung an eine bestimmte Zeitspanne unmittelbar vor einer Hirnschädigung. So sind z. B. nach einem Verkehrsunfall mit Schädel-Hirn-Trauma die Ereignisse vor dem Unfall nicht mehr erinnerlich. Meistens kommen die Erinnerungen jedoch später wieder.

    • Kongrade Kongrade AmnesieAmnesie: Erinnerungslücke für die Dauer der Bewusstlosigkeit.

    • Anterograde Anterograde AmnesieAmnesie: Gedächtnislücke für die Ereignisse in der unmittelbaren Zeit nach dem Trauma.

    • Die transiente globale Transiente globale AmnesieGlobale Amnesie, transienteAmnesie bzw. die amnestische Amnestische EpisodeEpisode als eine neurologische Erkrankung mit unbekannter Ursache ist eine vorübergehende retrograde und anterograde Amnesie, die zusammen mit der Orientierungsstörung oder Verwirrtheit auftritt. Gehäuft kommt sie im höheren Lebensalter vor und führt zu einer vorübergehenden (transienten) Störung des Gedächtnisses. Obwohl diese neurologische Erkrankung als harmlos eingestuft werden kann, bereitet sie Betroffenen und deren Angehörigen dennoch große Besorgnis. Die transiente globale Amnesie tritt z. B. oft bei Migräne auf.

  • ZeitgitterstörungenZeitgitterstörungen: Unfähigkeit, Erlebnisse in eine richtige zeitliche Reihenfolge zu bringen.

Therapeutische Praxis

Bei der Beurteilung von Orientierung, Gedächtnis und Aufmerksamkeit ist es entscheidend, keine Suggestivfragen oder Ja-Nein-Fragen zu stellen, um zu einem verwertbaren Ergebnis zu kommen. Fragen wie „Wissen Sie, wer ich bin?“ oder „Können Sie sich an alles erinnern?“ sollten also vermieden werden.

Denkstörungen

Das Denken ist ein komplexer DenkstörungenProzess, bei dem alle Bereiche des täglichen Lebens – z. B. Situationen, Probleme und Gegenstände – rational verarbeitet, also abstrahiert, analysiert, visualisiert und beurteilt werden. Die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, also wie schnell, beweglich und inhaltsreich seine Gedanken sind und wie er die Ergebnisse seines Denkprozesses äußert, gibt Auskunft über sein Wesen und seine aktuelle Gemütslage. Denken ist also immer ein vielschichtiger Vorgang, der den Menschen als Ganzes betrifft. Störungen dieses Prozesses und seiner Äußerungen werden unterteilt in formale Formale DenkstörungenDenkstörungenformaleDenkstörungen, die sich auf die Art und Weise des Denkens beziehen, sowie inhaltliche Inhaltliche DenkstörungenDenkstörungeninhaltlicheDenkstörungen, die den Inhalt der Gedanken betreffen.

Formale Denkstörungen

Formale DenkstörungenDenkstörungenformaleBei den formalen Denkstörungen handelt es sich um Störungen des Gedankenablaufs, die sich überwiegend in der Sprache äußern (Tab. 5.2): Wie denkt jemand, und wie fasst er seine Gedanken in Worte? Bricht er mitten im Satz ab? Ist verständlich, was er äußert? Wie schreibt er? Klar gegliedert oder zusammenhanglos? Bleibt er bei einem Thema?
Formale Denkstörungen sind nicht krankheitsspezifisch, sie führen erst im Zusammenhang mit anderen Symptomen zu einer bestimmten Diagnose.

Merke

Das AbstraktionsvermögenAbstraktionsvermögen ist eine wichtige kognitive Eigenschaft. Um sie zu prüfen, können Sie den Patienten bitten, den Unterschied zwischen Zwerg und Kind zu erläutern oder ein Sprichwort zu erklären. Kann der Patient den abstrakten Zusammenhang nicht erfassen, spricht man von KonkretismusKonkretismus.

Inhaltliche Denkstörungen

Bei inhaltlichen Inhaltliche DenkstörungenDenkstörungeninhaltlicheDenkstörungen ist das inhaltliche Ergebnis des Denkprozesses verzerrt oder verändert: Was denkt jemand? Was schreibt er? Sind seine Ideen und Vorstellungen für unseren Kulturkreis „normal“, oder sind sie verändert, krankhaft oder „ver-rückt“?
Hat ein Klient die Idee, Jesus zu sein, das Wetter beeinflussen zu können oder am Unglück aller Menschen schuld zu sein, ist dies eine inhaltliche Denkstörung. Unter diesem Begriff werden vornehmlich Wahnformen und Zwänge zusammengefasst.

Merke

Wahnformen Wahn Formen

  • WahnstimmungWahnstimmung

  • WahnwahrnehmungWahnwahrnehmung

  • Wahneinfall = Wahngedanke = WahnideeWahneinfall/-gedanke/-idee

  • Wahnerinnerung

  • Wahnarbeit

  • Wahnhafte Personenverkennung

  • Symbiotischer Wahn

  • Erklärungswahn

Wahn (Paranoia)

Fall

Inhaltliche Denkstörung: Wahn

„Die ganze letzte Zeit war so merkwürdig. Ich spürte, dass etwas geschehen würde. Mir kam alles so fremd und seltsam vor (WahnstimmungWahnstimmung).
ParanoiaAls ich dieses Kind mit der roten Fahne sah, war es mir schlagartig klar (Wahneinfall): WahnFallbeispielDie Mutter Gottes hatte mir ein Zeichen gegeben: Ich sollte auf die alarmierenden Nachrichten reagieren und die kranken Kinder dieser Welt retten (WahnwahrnehmungWahnwahrnehmung). Ich musste ihnen helfen! Schon als Kind hatte ich diese Kraft (mnestischer Mnestischer WahneinfallWahneinfallWahneinfall/-gedanke/-idee = Wahneinfall, das Gedächtnis betreffend), ich konnte heilen. Die Berichte aus den Medien über all die vielen Kinder gaben mir Recht. Sie ließen mich wissen, dass ich auserwählt bin (BeziehungswahnBeziehungswahn). Auf der Straße und in der U-Bahn traf ich immer wieder auf Schwangere und Kinder mit roten Kleidungsstücken und Spielzeugen. Einmal, als ich auf einer Bank in der Nähe eines Spielplatzes saß, ließ sich ein Marienkäfer auf meinem Zeigefinger nieder und zeigte mir damit meine Bestimmung und die Richtung, die ich zur Rettung der Kinder einschlagen musste. Ich sollte runde Geldmünzen sammeln und damit ins Kloster Maria Laach fahren, um in der spirituellen Meditation alle Kinder zu heilen (systematisierter WahnWahnsystematisierter).“
WahnWahn ist eine inhaltlich falsche Beurteilung der Realität, an welcher der Betroffene unkorrigierbar, wider alle bisher gemachten Erfahrungen, festhält. Seine Überzeugung steht im Widerspruch zur Wirklichkeit und zur Überzeugung der Mitmenschen (subjektive Wahngewissheit, Privatwirklichkeit).

Merke

Wahn tritt in erster Linie isoliert bzw. spezifisch auf und fokussiert somit nur auf eine einzige Sache; damit muss er das Leben des Betroffenen keinesfalls dominieren. Er kann aber auch lebensbestimmend sein. Dann beherrscht er das gesamte Fühlen, Denken und Handeln des Betroffenen.

Formale Begrifflichkeiten des Wahns sindWahnformale Begrifflichkeiten:
  • WahnstimmungWahnstimmung: Dem Wahn geht häufig eine Wahnstimmung voraus. Sie ist durch eine gespannte oder „geladene“, unheildrohende, nicht eindeutig fassbare Gestimmtheit gekennzeichnet („Es liegt was in der Luft“, „Da braut sich was zusammen“).

  • Wahnwahrnehmung: Eine WahnwahrnehmungWahnwahrnehmung ist die falsche Interpretation einer richtigen Sinneswahrnehmung. Der Betroffene sieht, hört, riecht, schmeckt oder fühlt etwas, das er umdeutet und seinem Wahnsystem anpasst. Der Wahn kann so beherrschend werden, dass alle realen Wahrnehmungen des Alltags im Sinne des Wahns umgedeutet werden.

  • Wahneinfall/Wahngedanke/Wahnidee: Wahneinfall/-gedanke/-ideeplötzlich auftretende Überzeugung ohne objektivierbare und plausible Begründung.

  • Wahnarbeit/WahnsystemWahnarbeitWahnsystem: Bei der Wahnarbeit „arbeitet“ jemand seinen Wahn mithilfe von Erklärungsansätzen, logischen und scheinbar logischen Verknüpfungen systematisch aus. Sachverhalte und Beziehungen werden so umgedeutet oder konstruiert, dass der Wahn immer wahrhaftiger erscheint und in ein logisch zusammenhängendes (Gedanken-)Gebilde eingebettet ist. In dem Fall spricht man von einem Wahnsystem (oder systematisiertem WahnWahnsystematisierter). Es schützt vor Einwänden, die den Wahrheitsgehalt der Wahnideen entkräften könnten.

  • WahndynamikWahndynamik: affektive Anteilnahme am Wahn. Eine starke Wahndynamik zeigt z. B. ein Patient mit einem depressiven Schuldwahn, der weint, sich die Haare rauft und völlig verzweifelt ist.

  • Wahnhafte Wahnhafte PersonenverkennungPersonenverkennungPersonenverkennung, wahnhafte: Bekannte oder unbekannte Personen werden wahnhaft „verkannt“.

  • ErklärungswahnErklärungswahn: rationaler Versuch, die Erlebnisse des Wahns durch den Betroffenen zu erklären, z. B.: „Die Stimmen in meinem Kopf empfange ich durch einen Sender im Zahn. Die Radiowellen sendet der Geheimdienst.“

  • Symbiotischer Symbiotischer WahnWahnWahnsymbiotischer: Sonderfall der Wahnvorstellung, bei dem ein gesunder Partner den Wahn – oft VerfolgungswahnVerfolgungswahn – des Erkrankten übernimmt. Bei einer nahen Bezugsperson des Wahnkranken wird der Wahn also induziert (Folie à deuxFolie à deux).

Merke

Eine WahnwahrnehmungWahnwahrnehmung ist keine Wahrnehmungsstörung, denn die Wahrnehmung eines Sinnesreizes erfolgt ungestört. Nur die kognitive Umdeutung ist entscheidend!

Therapeutische Praxis

Wenn ein wahnhaftes Erleben nicht so auffällig ist, dass der Patient es in einem ausgeprägten Krankheitsbild präsentiert, muss es behutsam erfragt werden, z. B. auf folgende Weise: „Haben Sie das Gefühl, dass sich in letzter Zeit etwas in Ihrer Umgebung verändert hat?“, „Haben Sie in letzter Zeit merkwürdige Dinge erlebt?“, „Gibt es etwas, das Sie verunsichert, Ihnen Angst macht oder Sie beunruhigt?“, „Haben Sie das Gefühl, dass etwas gegen Sie im Gange ist?“, „Haben Sie das Gefühl, etwas falsch gemacht oder Schuld auf sich geladen zu haben?“

Es werden folgende WahnthemenWahnThemen unterschieden (Tab. 5.3):
  • BeziehungswahnBeziehungswahn: Wenn jemand alles, was in seiner Umgebung geschieht, auf sich selbst bezieht, spricht man von Beziehungswahn (wenn er z. B. meint, die entgegenkommenden Autos hätten die Scheinwerfer nur an, um ihn vor dem Geheimdienst zu warnen).

  • Beeinträchtigungs- und Verfolgungswahn:Beeinträchtigungswahn VerfolgungswahnDer Betroffene erlebt sich als Ziel von Feindseligkeiten. Er fühlt sich bedroht, beleidigt, verspottet oder glaubt, man wolle ihm Schaden zufügen (Beeinträchtigungswahn). Fühlt er sich verfolgt oder in ein Komplott verstrickt, das sein Geld oder Leben bedroht, spricht man von Verfolgungswahn. Entscheidend ist dabei v. a. die Art der Begründung, die schwer nachvollziehbar und inadäquat wirkt.

  • GrößenwahnGrößenwahn: wahnhafte Selbstüberschätzung bis hin zur Identifikation mit berühmten Persönlichkeiten. Der Patient kann die eigenen Fähigkeiten nicht mehr realistisch einschätzen; er glaubt, alles bewirken und beeinflussen zu können. Er wähnt sich reich, von besonderer Abstammung (z. B. Napoleon) oder zu höheren Aufgaben berufen (z. B. Erlöser, Retter, Gott).

  • Schuldwahn/Versündigungswahn:Schuldwahn Versündigungswahnwahnhafte Überzeugung, große Schuld auf sich geladen oder sich versündigt zu haben.

  • Nihilistischer Wahn/Nichtigkeitswahn:Nichtigkeitswahn WahnnihilistischerNihilistischer WahnDer Patient hat das Gefühl, nicht mehr zu sein, keine Familie, keine Organe oder nichts mehr zu haben.

  • Hypochondrischer WahnHypochondrischer Wahn: krankhafte Überzeugung, unheilbar an AIDS, einer Tumor- oderWahnhypochondrischer anderen Erkrankung zu leiden.

  • VerarmungswahnVerarmungswahn: unbegründete Überzeugung, nicht über ausreichende finanzielle Mittel zu verfügen oder durch die Erkrankung sich und die Familie in den Ruin zu treiben.

  • EifersuchtswahnEifersuchtswahn: wahnhafte Überzeugung von der Untreue des Partners, wobei zufällige Beobachtungen und Vorkommnisse als Beweis für die Untreue gewertet werden. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.

  • LiebeswahnLiebeswahn: Überzeugung, von einem Menschen geliebt zu werden, zu dem häufig nur ein geringer oder flüchtiger Kontakt besteht. Gesten und Blicke werden dabei im Sinne des Wahns gedeutet. Frauen sind häufiger als Männer betroffen.

  • DermatozoenwahnDermatozoenwahn: Vorstellung, an einer Hauterkrankung zu leiden, die durch Parasiten oder in die Haut eingedrungene Erreger hervorgerufen wurde.

Merke

Der BeeinträchtigungswahnBeeinträchtigungswahn ist eine Steigerung des BeziehungswahnsBeziehungswahn, bei dem der Betroffene nicht nur alles auf sich bezieht, sondern auch alles gegen sich gerichtet glaubt.

Doppelte Buchführung
Der von E. Bleuler eingeführte Begriff „doppelte Buchführung“ beschreibtDoppelte Buchführung das gleichzeitige und Buchführung, doppelteparallele Wahrnehmen einer Wahnwirklichkeit und der Realität durch den Betroffenen. Ein Patient, der z. B. überzeugt ist, Napoleon zu sein, gibt als Eltern seine leibliche Mutter und seinen leiblichen Vater an.
Befürchtungen und Zwänge
BefürchtungenZu den inhaltlichen Inhaltliche DenkstörungenDenkstörungenDenkstörungeninhaltliche gehören neben dem Wahn auch überwertige Ideen und Zwänge, die nicht wahnhaft, aber verhaltensbestimmend sind. Dazu gehören:
  • Überwertige Überwertige IdeenIdeenIdeen, überwertige: Ideen, die das Denken in einseitiger und unsachlicher Form dominieren und allein beherrschend werden. Die Ideen werden rücksichtslos gegen Anfeindungen und beharrlich vertreten, auch wenn der Betroffene dadurch massive Nachteile in Kauf nehmen muss. Die Ideen können allen Lebensbereichen entstammen, meist beziehen sie sich jedoch auf eine Weltanschauung, die Politik oder Wissenschaft. Sie führen zu Eingleisigkeit, Isolation oder Intoleranz. Die Übergänge zu einer querulatorischen Persönlichkeitsakzentuierung (Kap. 19.3.1) sind fließend.

  • Zwangsgedanken/-ideen (Obsessionen):Zwangsideen (Obsessionen) ObsessionenObsessionensich immer wieder beharrlich aufdrängende, stereotype Ideen oder Gedanken, nicht unterdrückbare Denkinhalte, die vom Patienten meist als sinnlos und quälend erlebt werden.

  • ZwangsimpulseZwangsimpulse: angsterzeugende, repetitive Antriebserlebnisse gegen den inneren Widerstand.

Merke

Der Zwangsneurotiker weiß, dass die Zwangsgedanken (z. B. „Alles ist voller Bakterien“) und Zwangsimpulse („Ich springe vor ein Auto“, „Ich bringe meine Frau um“) unsinnig und in ihm entstanden sind. Er erlebt sie als „dem eigenen Ich nicht zugehörig“ (ich-dystonIch-Dystonie/-Syntonie). Damit unterscheidet er sich von den Vorstellungen von Patienten mit einer anankastischen (zwanghaften) PersönlichkeitsstörungAnankastische (zwanghafte) PersönlichkeitsstörungZwangsgedanken/-handlungen, deren oft zwanghafte Gedanken und Handlungen als dem Ich zugehörig und damit als ich-synton erlebt werden.

  • Zwangshandlungen (Kompulsionen)ZwangshandlungenKompulsionen: monoton-ritualisiert ausgeführte wiederkehrende Handlungen aufgrund von Zwangsgedanken oder -impulsen, die vom Betroffenen trotz erkannter Unsinnigkeit immer wieder umgesetzt werden müssen.

  • Zwangsrituale: Zwangshandlungen können sich zu komplexen ZwangsritualenZwangsrituale zusammenfügen, die in einer festgelegten Reihenfolge durchlaufen werden müssen. Bei der geringsten Störung muss oft der gesamte Handlungsablauf wiederholt werden. Zwangsrituale neigen dazu, sich auszubreiten und immer größere Bereiche des Alltags zu besetzen.

Merke

Vorkommen von Zwängen

ZwangsdynamikenZwangsdynamiken, Vorkommen sind nicht spezifisch, d. h., sie treten bei verschiedenen psychischen Erkrankungen auf:
  • Zwangsstörungen

  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

  • Depressive Erkrankungen

  • Schizophrenie

  • Verschiedene neurologische Erkrankungen

Wahrnehmungsstörungen und Sinnestäuschungen

Fall

Halluzinationen

„Es beginnt damit, HalluzinationenFallbeispieldass ich in der Ferne WahrnehmungsstörungenSinnestäuschungenein Poltern höre (Akoasmen).Akoasmen Schließlich kommt es näher und wird lauter, und dann sind sie da. Ich bin umgeben von Priestern und vermummten Kreaturen, und sie streiten miteinander. Sie schreien sich an und beschuldigen sich: Ihr Dummköpfe – ihr bringt uns nur Unheil! – Wir haben doch alle Gebote befolgt. Gebt Ruhe! – Von wegen! Ihr macht uns nichts vor! (dialogisierende StimmenStimmendialogisierende). Ich versuche mich dann zu verstecken und mir die Ohren zuzuhalten, aber es hört nicht auf. Dann kommen die alten langbärtigen Greise, die sind am schlimmsten. Sie rufen mir zu: Geh dahin! – Schnell! Lauf weg! – Stopp! Dreh dich um! (imperative StimmenStimmenimperative). Und manchmal passiert es, dass ich einen ungeheuren Druck im Kopf und in den Augäpfeln spüre. Es bilden sich schleimige Tropfen, die meine Gehirnwindungen verkleben und sich wie ein Film auf meine Augen und meine Zunge legen (KörperhalluzinationenHalluzinationenzönästhetische).Körperhalluzinationen Das fühlt sich ganz ekelhaft an und schmeckt wie Kleister (GeschmackshalluzinationenHalluzinationengustatorische).Geschmackshalluzinationen
WahrnehmungWahrnehmung ist das Bemerken von sinnlichen Eindrücken aus unserer Umwelt und der Regungen des eigenen Leibes. Äußere Reize (Sinnesreize) werden über Augen, Ohren, Nase, Mund und Tastsinn wahrgenommen, in unser Gehirn geleitet und dort verarbeitet. Wahrnehmungen können auf zwei Ebenen gestört sein. Entweder ist die Funktion des Sinnesorgans gestört, oder die kognitive Verarbeitung und Interpretation des Sinnesreizes ist fehlerhaft, oder eine Sinneswahrnehmung erfolgt ohne entsprechenden Sinnesreiz.
Zu den Wahrnehmungsstörungen gehören: Wahrnehmungsstörungen
  • Illusionen

  • Halluzinationen

  • Pseudohalluzinationen

Illusionen

Bei IllusionenIllusionen oder illusionären VerkennungenIllusionäre Verkennung wird ein realer Sinnesreiz fehlinterpretiert. Begünstigende Faktoren für das Auftreten von Illusionen können ein Erwartungsdruck durch eine starke affektive Spannung (z. B. Fahrt in Geisterbahn), Unschärfe oder mangelnder Kontrast eines Objekts (z. B. im Halbdunkel oder in der Dämmerung) oder aber eine Beeinträchtigung der Wahrnehmung (z. B. durch Übermüdung, Fieber oder Drogen) sein. Illusionäre Verkennungen treten häufig bei Kindern auf, die z. B. einen Kleiderhaufen auf dem Stuhl in der Nacht für einen Menschen oder eine Hexe halten.

Halluzinationen

HalluzinationenHalluzinationenDefinition sind Sinneswahrnehmungen ohne äußeren Reiz. Jemand nimmt etwas wahr, was real nicht vorhanden ist und von seinen Mitmenschen nicht nachvollzogen bzw. bestätigt werden kann, z. B. Stimmen, Ungeziefer, Dämonen oder Gerüche. Definitionskriterien sind also der mangelnde Zusammenhang mit realen Sinneseindrücken und die subjektive Gewissheit des Betroffenen. Halluzinationen können in allen Sinnesbereichen auftreten. Danach werden unterschieden (Tab. 5.4):
  • Optische Optische HalluzinationenHalluzinationenHalluzinationenoptische: Wahrnehmen von Farben, Blitzen, Mustern, Gegenständen und Personen bis hin zu ganzen Szenen.

  • Akustische Akustische HalluzinationenHalluzinationenHalluzinationenakustische: Akustische Trugwahrnehmungen äußern sich als amorphe Geräusche wie Zischen, Knallen, Tuscheln (Akoasmen)Akoasmen oder Stimmen, Worte, Reden (PhonemePhoneme). Die StimmenStimmendialogisierende können als dialogisierend wahrgenommen werden, also in Form von Rede und Gegenrede, oder als kommentierende StimmenStimmenkommentierende, welche die Handlungen des Betroffenen begleiten, oder als imperative StimmenStimmenimperative, die dem Betroffenen Befehle erteilen.

  • Geruchs- und GeschmackshalluzinationenHalluzinationenolfaktorischeHalluzinationengustatorischeGeschmackshalluzinationenGeruchshalluzinationen: das Gefühl, z. B. Gas oder Fäulnis zu riechen oder einen bitteren Geschmack (z. B. Vergiftungswahn) wahrzunehmen.

  • Taktile oder haptische HalluzinationenTaktile HalluzinationenHalluzinationenhaptische/taktileHaptische Halluzinationen: Wahrnehmungen der Haut, also das Gefühl, berührt, festgehalten oder durchstochen zu werden, oder das Gefühl, dass Tierchen über oder in der Haut krabbeln.

  • KörperhalluzinationenZönästhesien (Zönästhesien):KörperhalluzinationenHalluzinationenzönästhetische abnorme, fremdartige und meist unangenehme Leibsensationen, z. B. das Gefühl, die Organe würden sich verändern; der Betroffene fühlt sich wie versteinert, vertrocknet, leer, der Körper sei entstellt (geschrumpft, übergroß, unförmig, einzelne Körperteile in Form oder Lage verändert), oder brennende, stechende Schmerzen durchdringen ihn. Da sie den Charakter des von außen Gemachten haben können, werden die Körperhalluzinationen auch bei den Ich-Störungen (Kap. 5.6) aufgeführt.

An weiteren Formen von Halluzinationen findet man:
  • MetamorphopsieMetamorphopsie (verzerrte Wahrnehmung einer Farbe, eines Gegenstands)

  • Makropsie/MakropsieMikropsieMikropsie (Gegenstände werden größer/kleiner wahrgenommen)

Therapeutische Praxis

Halluzinationen müssen beim Patienten indirekt erfragt werden, denn die direkte Frage, ob er Halluzinationen habe, würde er sicherlich verneinen. Akustische Halluzinationen können Sie z. B. folgendermaßen erfragen: „Haben Sie in letzter Zeit beunruhigende Geräusche oder Dinge gehört, die andere Menschen nicht wahrgenommen haben, z. B. aus dem Radio oder Fernseher?“ Mit Halluzinationen aus den anderen Sinnesbereichen verfahren Sie in ähnlicher Weise.

Pseudohalluzinationen

SinnestäuschungenSinnestäuschungen, bei denen der Betroffene den Trugcharakter erkennen kann, werden als PseudohalluzinationenPseudohalluzinationen bezeichnet. Wenn z. B. ein Fieberkranker einen Stern oder eine Hand sieht, dies aber als „Bild“ enttarnt, spricht man von einer PseudohalluzinationHalluzinationenPseudo-.

Ich-Störungen

Beispiele

Ich-Störungen

Depersonalisationserleben

Eine Patientin beschreibt Ich-StörungenFallbeispielihre Angstgefühle: „Da ist dieser Druck auf der Brust, als würde der Brustkorb zusammengezogen. Auch meine Arme und Beine erscheinen mir dann ganz schwer, ich habe das Gefühl, ich bin nicht mehr richtig in meinem Körper.“

Gedankenausbreitung, Gedankeneingebung und Fremdbeeinflussung

FremdbeeinflussungserlebenEin schizophrener Patient berichtet: „Gott ist immer da. Er ist in mir, er hat sich bei mir eingenistet. Er liest meine Gedanken, und wenn sie schlecht sind, flößt er mir seine ein. Ich weiß genau, so etwas würde ich nicht denken, es ist sein Fluidum.“
Unter Ich-StörungenIch-Störungen versteht man die Beeinträchtigung der Unversehrtheit und Ganzheit des subjektiven Erlebens und Verhaltens, der Abgrenzung der eigenen Person gegenüber der Umwelt sowie des Ich-Erlebens. Der Betroffene erlebt eigene seelische Vorgänge als nicht mehr zu ihm gehörig, sondern als von außen und von anderen gemacht, beeinflusst, gesteuert.

Merke

Ich-Störungen: Übersicht

  • Entfremdungserleben Entfremdungserleben : Ich-Störungen Formen

    • DepersonalisationserlebenDepersonalisationserleben

    • DerealisationserlebenDerealisationserleben

  • Psychotische Ich-Störungen Ich-Störungen psychotische :

    • GedankenausbreitungGedankenausbreitung

    • GedankeneingebungGedankeneingebung

    • GedankenentzugGedankenentzug

    • Fremd-/WillensbeeinflussungWillensbeeinflussungFremdbeeinflussungserleben

Zu den Ich-StörungenIch-StörungenFormen gehören (Tab. 5.5):
  • DepersonalisationserlebenDepersonalisationserleben: Der Betroffene erlebt sich oder Teile seines Körpers als fremd, nicht zu ihm gehörig, verändert oder unwirklich („Ich komme mir fremd vor“, „Ich bin nur ein Schatten meiner selbst“, „Ich fühle mich leer und ausgebrannt“).

  • DerealisationserlebenDerealisationserleben: Der Betroffene erlebt seine Umwelt als verfremdet, unwirklich oder räumlich verändert („Ich nehme alles wie durch einen Schleier wahr, alles wirkt so künstlich“).

Merke

Depersonalisations- und Derealisationsphänomene sind häufige psychische Symptome, die nicht immer Krankheitswert (z. B. Übermüdung, Stress) haben und sehr unspezifisch sind.

  • GedankenausbreitungGedankenausbreitung: Dem Betroffenen gehören seine Gedanken nicht mehr allein. Sie sind nicht mehr hinter der Ich-Grenze verborgen, sondern er hat das Gefühl, dass andere seine Gedanken lesen oder mithören können („Alle wissen, was in meinem Kopf vorgeht“).

  • GedankeneingebungGedankeneingebung: Gefühl, dass die Gedanken von außen eingegeben, gelenkt, gesteuert und beeinflusst werden („Dies sind nicht meine Gedanken, sie werden mir in den Kopf hypnotisiert“).

  • GedankenentzugGedankenentzug: Beim Gedankenentzug hat der Betroffene das Gefühl, dass ihm seine Gedanken von außen weggenommen oder abgesaugt werden, sodass sie ihm selbst nicht mehr zur Verfügung stehen.

  • FremdbeeinflussungWillensbeeinflussungFremdbeeinflussungserleben: Der Betroffene glaubt, sein ganzes Fühlen, Wollen und Handeln werde von außen gemacht, gelenkt und beeinflusst („Ich bin eine Marionette – die machen, dass ich randaliere“). Eine besondere Form nehmen hier die LeibhalluzinationenLeibhalluzinationen ein, bei denen der Patient das Gefühl hat, sein Körper werde von außen beeinflusst, und er erlebt diesen dementsprechend als verändert („Sie schicken elektrischen Strom durch meinen Bauch, und dann zieht sich der Darm zusammen“).

Merke

Ich-Störungen: Charakteristische Aussagen

  • Entfremdungserlebnisse: „Ich komme mir fremd vor“, „Meine Umgebung kommt mir fremd vor“

  • Gedankenausbreitung: „Jeder kennt meine Gedanken“

  • Gedankenentzug: „Meine Gedanken werden von außen abgesaugt“

  • Gedankeneingebung: „Meine Gedanken werden von außen eingegeben“

  • Fremdbeeinflussung: „Ich bin eine Marionette“ Fremdbeeinflussungserleben

Störungen der Affektivität und Angst

Fall

Störungen der Affektivität

Eine depressive Patientin schildert Affektive StörungenFallbeispielihre Situation wie folgt: „Seit etwa einem Vierteljahr kann ich mich zu nichts mehr aufraffen. Ich habe einfach keine Kraft und Energie mehr (Störungen der VitalgefühleVitalstörungen) – selbst die einfachsten Dinge kann ich manchmal nicht mehr erledigen, wie z. B. morgens aufstehen oder einkaufen. Seit 2 Wochen schaffe ich es nicht mal mehr, regelmäßig zur Arbeit zu gehen und für meinen Mann und die Kinder zu kochen. Ich bin irgendwie zu nichts mehr zu gebrauchen (InsuffizienzgefühlInsuffizienzgefühl). Und dann diese innere Leere. Ich kann das gar nicht beschreiben, aber mir kommt es so vor, als würde das alles um mich herum mich gar nicht berühren. Selbst die Menschen und Dinge, die mir am Herzen liegen, sind mir inzwischen irgendwie gleichgültig. Meine Empfindungen und Gefühle sind wie totgestellt: Ich kann weder lachen noch weinen noch sonst irgendetwas (Gefühl der Gefühllosigkeit). Ich fühle nichts mehr, und auch meinen Mann und meine Kinder spüre ich nicht mehr (AffektarmutAffektarmut/-starre). Es ist, als würde ich mich hinter einer Milchglasscheibe befinden und ihnen beim Leben zuschauen. Wo soll das nur hinführen? Es ist die reinste Qual!“
Die AffektivitätAffektivität umfasst die Gesamtheit des Gefühlslebens (Emotionalität) und der Stimmungslage (Gemüt) des Menschen. Sie beinhaltet die kurz andauernden Affekte wie Wut, Hass, Freude ebenso wie die länger bestehenden Stimmungen, z. B. bei einer Depression. AffekthandlungenAffekthandlungen sind demnach häufig aus aufgestauten Affekten herrührende unkontrollierte Handlungen (Kurzschlusshandlungen), die zu einer der Person ansonsten nicht entsprechenden Entäußerung führen.
Affekte können bei psychischen Störungen im Vergleich zu Gesunden sowohl vermindert als auch vermehrt sein, die „Amplitude“ der Affekte kann verringert oder vergrößert sein. Aber auch die Qualität des Gefühlserlebens kann verändert sein. Die Übergänge zwischen „gesund“ und „krank“ sind im Bereich der Affektivität oft unscharf und schwer bestimmbar. Außerdem sind Affektstörungen häufig unspezifische Merkmale, die bei verschiedenen psychischen Störungen auftreten können.
Die Störungen der Affektivität umfassen folgende Teilaspekte (Tab. 5.6)Affektive StörungenMerkmale:
  • Gefühl der GefühllosigkeitGefühlder Gefühllosigkeit/Affektarmut/-starreAffektverarmung/-starre: Affektarmut ist der Mangel an affektiver Ansprechbarkeit. Der Betroffene wirkt gleichgültig, lust- und interessenlos, emotional zurückgenommen, apathisch. Den Verlust aller emotionalen Regungen bis hin zur Erstarrung bezeichnet man als Affektstarre. Wenn der Betroffene unter einem Mangel an Affektivität leidet, sich wie abgestorben fühlt und für nichts und niemanden mehr etwas empfinden kann, spricht man vom Gefühl der Gefühllosigkeit.

  • Depressives Erleben/DeprimiertheitDepressives Erleben/Deprimiertheit: Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit, die von dem Gefühl „ich bin so traurig“ bis zur „entsetzlichen Qual“ reichen kann. Dazu kommt meist ein Gefühl der HoffnungslosigkeitHoffnungslosigkeit.

  • Störungen der VitalgefühleVitalstörungen: Herabsetzung der vom Patienten erlebten Spannkraft und Frische und des Tatendrangs (Klagen über „Müdigkeit“, „Alles ist so schwer und drückt mich nieder“, „Ich fühle mich so kraftlos“) oder Steigerung derselben („Ich könnte Bäume ausreißen“, „Ich fühle mich so energiegeladen“) → larvierte DepressionDepression/depressive EpisodelarvierteLarvierte Depression!

  • Ängstliches ErlebenÄngstliches Erleben: unbestimmtes Gefühl der Beengung, der Bedrohung, des Ausgeliefertseins, oft ohne konkreten Bezug.

  • EuphorieEuphorie oder DysphorieDysphorie: übersteigertes Wohlbefinden oder missmutige, reizbare Stimmungslage.

  • Klagsamkeit/JammerigkeitJammerigkeitKlagsamkeit: Schmerz, Kummer und Ängstlichkeit werden deutlich sicht- und hörbar dargebracht („Wehklagen“).

  • AmbivalenzAmbivalenz: gleichzeitiges Erleben von widersprüchlichen Gefühlen, die sich eigentlich aufheben (z. B. Glück – Unglück, Liebe – Hass), ein Zustand, der in der Regel als quälend erlebt wird.

  • Affektlabilität/Affektinkontinenz: Den raschen Wechsel von Stimmungen bezeichnet man als Affekt- oder StimmungslabilitätStimmungslabilitätAffektlabilität. Beim Betroffenen können Gefühlsäußerungen leicht ausgelöst werden. Bei einer AffektinkontinenzAffektinkontinenz ist es dem Patienten nicht möglich, aufkommende Affekte zu kontrollieren oder zu unterdrücken. So ist zu beobachten, dass diese Menschen in völlig unpassender Umgebung plötzlich laut loslachen, in Tränen ausbrechen oder schreiend ihren Ekel ausdrücken.

  • ParathymieParathymie: Diskrepanz zwischen Erleben und Affekt, d. h., Inhalt der Situation und Gefühlsäußerung stimmen nicht überein. Ein Patient mit einer hebephrenen Schizophrenie berichtet z. B. grinsend über Gräueltaten aus dem Krieg (inadäquater AffektAffektinadäquater).

  • InsuffizienzgefühlInsuffizienzgefühl: Verlust des Vertrauens in die eigene Leistungsfähigkeit oder den eigenen Wert.

Merke

VerarmungsgefühleVerarmungsgefühle, SchuldgefühleSchuldgefühle und ein übersteigertes SelbstwertgefühlübersteigertesSelbstwertgefühl müssen gegenüber wahnhaftem Erleben abgegrenzt werden.

Angst
Definition: AngstAngstDefinition ist ein nicht greifbares, qualvolles, unbestimmtes, subjektives und sehr unterschiedlich ausgeprägtes Gefühl der Beengung, der Bedrohung und des Ausgeliefertseins. Die Angst geht meist mit starken vegetativen Symptomen wie Herzrasen, Zittern und Schweiß einher.
Auftreten: AngstAuftreten
  • Als Realangst (Heilpraktikerprüfung, unbekannte Situation, Trauma)

  • Vor bestimmten Objekten oder Situationen (Phobie) und generalisierte Ängste

  • Bestandteil anderer psychischer Störungen wie z. B. Depressionen oder Anpassungsstörungen

  • Bei körperlichen Krankheiten

Antriebsstörungen

AntriebsstörungenFormenDer Antrieb ist die grundsätzliche Aktivitätsbereitschaft des Menschen, eine angenommene Kraft, die alle seine psychischen und physischen Leistungen hinsichtlich Tempo, Intensität und Ausdauer bestimmt. Unterschieden werden herabgesetzter AntriebAntrieb, herabgesetzter und AntriebssteigerungAntriebssteigerung. Kennzeichnend für die Antriebsstörungen ist, dass die Patienten diese meistens bewusst erleben und unter dem Mangel oder dem Übermaß an Antrieb leiden.
Es werden folgende Antriebsstörungen unterschieden (Tab. 5.7):
  • Antriebsarmut/AntriebsmangelAntriebsarmut/-mangel: Es wird ein Mangel an Energie, Anteilnahme und Eigeninitiative erlebt. Die Spontaneität der Motorik und Gesprächsinitiative ist vermindert oder geht verloren. Dies führt zu Trägheit, Verstimmung und Interessenlosigkeit.

  • Antriebshemmung/AntriebsschwächeAntriebshemmung/-schwäche: Energie, Initiative und Anteilnahme werden als blockiert oder gebremst erlebt. Der Betroffene möchte gern etwas erreichen, schafft es aber nicht. Die Willensanstrengung kann den inneren Widerstand nicht überwinden.

  • AntriebssteigerungAntriebssteigerung: Der Betroffene ist besonders lebhaft und initiativ, steckt voller Ideen und spricht mehr und schneller. Er ist umtriebig und hat vermehrte soziale Kontakte. Die Aktivitäten sind dabei grundsätzlich zielgerichtet. Die Antriebssteigerung kann sich auch zur AntriebsenthemmungAntriebsenthemmung entwickeln, bei der die Aktivitäten sich unkontrolliert gestalten und von einer inneren Unruhe, Rastlosigkeit und Triebhaftigkeit mit Impulshandlungen begleitet sind.

Psychomotorische Störungen

Die Psychomotorik ist diePsychomotorische StörungenFormen begleitende Reaktion des Bewegungsapparats auf psychische Vorgänge. Zu den psychomotorischen Störungen gehören (Tab. 5.8):
  • Motorische UnruheMotorische Unruhe: gesteigerte motorische, ungerichtete Aktivität; sie geht vom „nervösen“ Händereiben bis zur psychomotorischen Erregung mit Umherlaufen, Schreien oder Heulen. Dazu gehören auch die Erregungszustände der KatatonieKatatonie.

  • ParakineseParakinese: qualitativ abnorme, meist komplexe Bewegungsabläufe, die Gestik, Mimik oder Sprache betreffen. Hierzu gehören die Ticstörungen, Stereotypien der katatonen SchizophrenieSchizophrenie/schizophrene Störungenkatatone, Befehlsautomatismen und Negativismus (Kap. 11).

  • StuporStupor: Starrezustand des Körpers bei wachem Bewusstsein.

  • ManieriertheitManierismen/Manieriertheit: Alltägliche Handlungen erscheinen dem Beobachter verstiegen, bizarr verschroben oder gekünstelt. TheatralikTheatralik erfasst dagegen den Aspekt der Selbstdarstellung.

  • MutismusMutismus: völlige Erstarrung des Sprechens; tritt typischerweise bei Kindern und/oder bei Traumata auf.

  • LogorrhöLogorrhö: verstärkter RedeflussRedefluss, verstärkter.

Weitere wichtige psychopathologische Aspekte

  • 1.

    Zirkadiane StörungenZirkadiane Störungen: Schwankungen der Befindlichkeit und des Verhaltens im 24-Stunden-Rhythmus. Patienten mit einer schweren depressiven Episode leiden z. B. häufig unter einem MorgentiefMorgentief, während dysthyme Patienten eher eine Befindlichkeitsverschlechterung am Abend erleben.

  • 2.

    SuizidalitätSuizidalität: Suizidgedanken oder -handlungen, Ausdruck der Suizidalität, können von passiven Todeswünschen bis hin zu Suizidversuchen reichen (Kap. 21).

  • 3.

    AggressivitätAggressivität: verbale Aggression oder Bereitschaft zu Gewalttaten gegenüber anderen Personen oder Gegenständen.

  • 4.

    Soziales Verhaltensoziales Verhalten: sozialer Rückzug und Isolierung oder soziale Umtriebigkeit.

  • 5.

    KrankheitseinsichtKrankheitseinsicht: Es sollte erfasst werden, inwieweit der Patient seine Störung wahrnimmt, sie als krankhaft erlebt und bereit ist, eine Behandlung in Anspruch zu nehmen.

Somatische Aspekte

Da bei psychischen StörungenPsychische Störungensomatische Aspekte auch körperliche Funktionen in Mitleidenschaft gezogen sein können (z. B. der Schlaf bei depressiven Patienten, das Gewicht bei Essstörungen), sollten die folgenden Parameter ebenfalls erhoben werden:
  • Schlaf- und Vigilanzstörungen:VigilanzstörungenSchlafstörungen Einschlaf-, Durchschlafstörungen, Früherwachen, Tagesmüdigkeit

  • AppetenzstörungenAppetenzstörungen: veränderter Appetit und Durst, verändertes sexuelles Verhalten

  • Vegetative StörungenVegetative Störungen/Symptome: u. a. Kopfschmerzen, -druck, vermehrter Speichelfluss, Mundtrockenheit, Schwindel, Herzrasen, -stolpern, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Atembeschwerden, Schwitzen, Blasenentleerungsstörungen, Menstruationsstörungen

Therapeutische Praxis

Nachdem es bei Schlaf, Appetit und sexuellem Verhalten große interindividuelle Schwankungen gibt, ist es wichtig, eine Veränderung im persönlichen Erleben zu erkennen, d. h., ob es bei dem Betroffenen Unterschiede im Verhalten vor und nach Auftreten der psychischen Beschwerden gibt.

Abfassen des psychopathologischen Befunds

Fall

Psychopathologischer Befund einer depressiven Patientin

Eine gepflegte, Psychopathologischer BefundFallbeispielfreundliche 53-jährige Klientin zeigt sich im Anamnesegespräch zugewandt, aber wenig schwingungsfähig. Die Klientin ist bewusstseinsklar und allseits orientiert. Die Konzentrationsfähigkeit ist geringfügig eingeschränkt, im Gespräch muss der Therapeut eine Frage zweimal wiederholen, weil die Klientin nicht aufmerksam gefolgt ist. Sie gibt Schwierigkeiten bei der Merkfähigkeit und Gedächtnisprobleme an, die sich bei der Erkundung im Gespräch zunächst nicht objektivieren lassen. Das formale Denken ist verlangsamt, die Antworten kommen zögerlich. Subjektiv erlebt sie ihren Gedankengang als blockiert oder gehemmt und berichtet von einer ausgeprägten Grübelneigung. Inhaltlich ist sie auf die Versäumnisse in der Erziehung ihrer Kinder (ihre Tochter mit zwei Kleinkindern lässt sich derzeit scheiden) eingeengt, fühlt sich schuldig am Schicksal ihrer Tochter und deren Unglück. Die Schuldgefühle haben keinen wahnhaften Charakter, die Klientin kann sich bedingt von dem Erleben distanzieren. Weiter klagt sie über InsuffizienzgefühleInsuffizienzgefühl gegenüber ihrem Ehemann und der Haushaltsführung. Sie beschreibt DepersonalisationserlebenDepersonalisationserleben (sie fühle sich wie ein Schatten ihrer selbst); weitere Sinnes- oder Ich-Störungen sind nicht festzustellen. Der Affekt ist deutlich minimiert, mit zirkadianer Rhythmik (MorgentiefMorgentief) und von VitalstörungenVitalstörungen begleitet (Energielosigkeit, Kraftlosigkeit und Druckgefühl auf der Brust). Ihre Mimik und Sprache sind wenig moduliert, die Antworten eher einsilbig. Der Antrieb ist deutlich reduziert, es werden Freud- und Interessenlosigkeit beklagt. Sie leidet unter sozialem Rückzug, Ein- und Durchschlafstörungen mit morgendlichem Früherwachen. Der Appetit ist schlecht; die Patientin hat nach eigenen Angaben im letzten Monat ca. 6 kg abgenommen. Zudem erlebt sie eine sexuelle Inappetenz und beklagt leichten Schwindel und Obstipation. Es bestehen passive Todeswünsche; von akuter Suizidalität ist sie aber glaubhaft distanziert. Die Patientin ist krankheitseinsichtig und kommt auf eigenen Wunsch in die Behandlung.
Nach ausführlicher Exploration wird der psychopathologische Befund festgehalten. Es hat sich bewährt, ein bestimmtes Schema einzuhalten, um eine Vergleichbarkeit zu anderen Krankheitsfällen und eine eigene Systematik zu erhalten, damit keine Aspekte vergessen werden (Abb. 5.1).
Man beginnt zunächst mit der Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes und des Sprechverhaltens, macht dann Angaben zur Kontaktfähigkeit des Patienten, also wie bzw. ob er mit dem Untersucher Kontakt aufnimmt, und wendet sich dann den einzelnen psychopathologischen Aspekten zu. Die Stärke der psychopathologischen Phänomene sollte dabei ebenfalls in den Befund eingehen. Es sollte ein möglichst plastisches Bild vom Patienten und seinem aktuellen psychischen Zustand erfasst werden. Dabei ist es empfehlenswert, auch seine Krankheitseinsicht und Behandlungsbereitschaft, mögliche Gefährdungen (Selbst- oder Fremdgefährdungen) sowie Dissimulations- oder Simulationstendenzen zu benennen.

Verständnisfragen

  • Wozu dient der psychopathologische Befund?

  • Auf welche Elementarfunktionen stützt sich der psychopathologische Befund? Zählen Sie sie möglichst vollständig auf!

  • Was verstehen Sie unter formalen Denkstörungen? Nennen Sie Beispiele und Vorkommen.

  • Was ist ein Wahn? Wie unterscheidet sich der Wahn von schizophrenen, depressiven und manischen Erkrankungen?

  • Was ist ein Zwang? Wie unterscheidet sich der Zwang in der Zwangsneurose von der zwanghaften Persönlichkeitsstörung?

  • Zu welcher Art von Störungen zählt eine Wahnwahrnehmungsstörung?

  • Wie definieren Sie Ich-Störungen?

  • Nennen Sie Beispiele für Affektstörungen.

  • Nennen Sie Arten von psychomotorischen Störungen!

  • Welche Aspekte müssen im psychopathologischen Befund erfasst werden? Warum dokumentieren Sie auch körperliche Beschwerden?

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