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B978-3-437-58303-2.00016-9

10.1016/B978-3-437-58303-2.00016-9

978-3-437-58303-2

Körperliche Folgeerscheinungen der Anorexia nervosaAnorexia nervosakörperliche Folgeerscheinungen

[L141; M516]

Körperliche Bulimia nervosakörperliche FolgeerscheinungenFolgeerscheinungen der Bulimia nervosa

[L141]

Teufelskreis der AdipositasTeufelskreisAdipositas

[L157]

Soziokulturelle Ursachen der Adipositas Adipositassoziokulturelle Ursachen

[L157]

Klassifikation des Körpergewichts mithilfe des UntergewichtÜbergewichtBMIBody-Mass-Index (BMI)NormalgewichtKörpergewicht, normales

Tab. 16.1
BMI Klassifikation
> 40 Hochgradiges Übergewicht
30–40 Mittelgradiges Übergewicht
26–29 Leichtes Übergewicht
19–25 Normalgewicht
16–18 Leichtes Untergewicht
14–15 Mittleres Untergewicht
< 14 Ausgeprägtes Untergewicht

Unterteilung der Essstörungen nach ICD-10EssstörungenICD-10-Klassifikation

Tab. 16.2
ICD-10-Codierung Diagnose
F50.0 Anorexia nervosa
F50.1 Atypische Anorexia nervosa
F50.2 Bulimia nervosa
F50.3 Atypische Bulimia nervosa
F50.4 Essattacken bei sonstigen psychischen Störungen
F50.5 Erbrechen bei sonstigen psychischen Störungen
F50.8 Sonstige Essstörungen
F50.9 Nicht näher bezeichnete Essstörungen

BMI-Werte zur Bestimmung der ÜbergewichtAdipositasBMI-WerteAdipositas

Tab. 16.3
Einteilung BMI
Übergewicht 25–29
Adipositas Grad I 30–34
Adipositas Grad II 35–39
Adipositas Grad III > 40

Diagnosekriterien der Essstörungen nach ICD-EssstörungenDiagnosekriterienBulimia nervosaDiagnosekriterienAnorexia nervosaDiagnosekriterienAdipositasDiagnosekriterien10

Tab. 16.4
Anorexia nervosa Bulimia nervosa Adipositas
  • Störung der Körperwahrnehmung (Körperschemastörung, ständiges Gefühl oder Angst, zu dick zu sein)

  • Ausgeprägte Angst vor Gewichtzunahme

  • Körpergewicht 15 % unter Normalgewicht (verringerter BMI)

  • Selbst verursachter Gewichtsverlust (durch Hungern, Erbrechen etc.)

  • Ausbleiben mindestens zweier Menstruationszyklen

  • Heißhungerattacken über mehr als 3 Monate, mindestens 2-mal wöchentlich

  • Den Alltag bestimmende Angst, zu dick zu sein

  • Kompensatorische Maßnahmen gegen „Dicksein“ wie z. B. Diäten, Erbrechen, Abführmittel

  • Oftmals Anorexie in der Vorgeschichte

  • Fettmasse am Körpergewicht bei Frauen > 30 % und bei Männern > 20 %

  • BMI > 30

Unterschiede zwischen Anorexia nervosa und Bulimia Bulimia nervosaDifferenzialdiagnoseAnorexia nervosaDifferenzialdiagnosenervosa

Tab. 16.5
Anorexia nervosa Bulimia nervosa
Übertriebenes Hungern aus Angst vor Gewichtszunahme, dadurch massiver, selbstinduzierter Gewichtsverlust Typisches „Ess-Brech-Prozedere“: Heißhungerattacken mit anschließendem selbstinduziertem Erbrechen
Oft extremer Gewichtsverlust bis zu 10 % unter Idealgewicht; bei 40 % unter Idealgewicht: Lebensgefahr Weniger starker Gewichtsverlust, oft eher normales oder gar leicht erhöhtes Körpergewicht; Orientierung am „Idealgewicht“, häufige Gewichtsschwankungen
Körperschemastörung, verzerrte Körperwahrnehmung Keine ausgeprägte Körperschemastörung, keine verzerrte Körperwahrnehmung
Kein Krankheitsgefühl Ausgeprägtes Krankheitsgefühl (Ekel vor der eigenen Gier und dem Erbrechen)
Kein Leidensdruck (stattdessen Verleugnung oder Bagatellisierung der Krankheit) Stärkerer Leidensdruck (keine Verleugnungstendenzen wie bei der Magersucht)
Sekundäre Amenorrhö (Ausbleiben der bereits vorhandenen Regelblutung länger als 6 Monate infolge des gestörten Hormonhaushalts) Nur vorübergehende Menstruationsstörungen (in der Regel kein langfristiges Ausbleiben der Regelblutung über 6 Monate)
Dauerhungern (als innerer Zwang) ohne spezifische Auslösesituationen Bestimmte Situationen oder Ereignisse als Auslöser für zwanghaftes Ess-Brech-Verhalten (z. B. Gefühl der inneren Leere oder depressive Stimmung); Essen und anschließendes Erbrechen erfolgen normalerweise heimlich. Kommt eine Person dazu, ist ein bulimischer Anfall oft nicht möglich und wird unterdrückt (Psychoanalytiker sprechen in diesem Zusammenhang von einer „oralen Ersatzhandlung“)

Epidemiologie der Bulimia nervosaEpidemiologieAnorexia nervosaEpidemiologieAdipositasEpidemiologieEssstörungen

Tab. 16.6
Anorexia nervosa Bulimia nervosa Adipositas
Prävalenz Frauen: 0,2–2 % Gesamt: 2–4 % Frauen: 9–25 %
Männer: 10–16 %
Geschlecht ca. 95 % aller Erkrankten sind weiblich ca. 90 % aller Erkrankten sind weiblich Geringfügig häufiger bei Frauen
Alter/Erkrankungsgipfel (Jahre) 15–23 20–30 40–65
Soziale Schicht v. a. höhere Mittelschicht Eher Mittelschicht Unterschicht/Oberschicht: 6 : 1
Komorbiditäten Depressive Störungen, Angst- und Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen Angststörungen, Alkoholabhängigkeit, depressive Störungen, Persönlichkeitsstörungen Angststörungen, depressive Störungen

Essstörungen

  • 16.1

    Definition230

  • 16.2

    Klassifikation nach ICD-10230

  • 16.3

    Symptomatik231

    • 16.3.1

      Anorexia nervosa (ICD-10: F50.0)231

    • 16.3.2

      Bulimia nervosa (ICD-10: F50.2)232

    • 16.3.3

      Adipositas234

    • 16.3.4

      Binge-Eating-Störung235

  • 16.4

    Diagnostik236

  • 16.5

    Krankheitsverlauf und Epidemiologie237

    • 16.5.1

      Verlauf237

    • 16.5.2

      Epidemiologie237

  • 16.6

    Ätiologie237

    • 16.6.1

      Genetische Faktoren237

    • 16.6.2

      Soziokulturelle Faktoren238

    • 16.6.3

      Biologische Faktoren238

    • 16.6.4

      Psychologische Faktoren238

  • 16.7

    Therapie241

    • 16.7.1

      Motivationsaufbau241

    • 16.7.2

      Normalisierung und Stabilisierung der Ernährungssituation241

    • 16.7.3

      Psychotherapie241

    • 16.7.4

      Medikamentöse Therapie242

Kapitelübersicht

Essstörungen sind gekennzeichnet durch Essstörungenein pathologisch verändertes Essverhalten und gehen mit einem erniedrigten, erhöhten oder normalen Körpergewicht einher. Im klinischen Alltag dominieren als klassische Krankheitsbilder Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Adipositas. Zudem werden inzwischen die Binge-Eating-Störung und die Orthorexia nervosa als relativ neue Krankheitsbilder zu den Essstörungen gezählt. Bei der Anorexie steht das willentliche stark restriktive Essverhalten bei einer gestörten Körperwahrnehmung im Vordergrund der Erkrankung, bei der Bulimie sind es „Ess-Brech-Anfälle“, die unbeobachtet stattfinden, und bei der Adipositas die unkontrollierte, übermäßige Nahrungsaufnahme.

Von der Anorexie und Bulimie sind hauptsächlich Frauen betroffen. Die Entstehung der Essstörungen lässt sich durch das Zusammenspiel psychologischer, genetischer und soziokultureller Faktoren erklären. Schlankheit ist zum Schönheitsideal der westlichen Welt geworden und wird mit Attributen wie Erfolg und Willensstärke verknüpft. Ausgezehrte, extrem dünne Models in der Werbung unterstreichen diese Vorstellung. Die Diskrepanz zwischen vermehrtem Nahrungsangebot und Körperideal führt bei vielen Mädchen bereits in der Jugend zum Gefühl, zu dick zu sein. Folge sind wiederholte Diäten, die nicht selten in eine Essstörung münden. Große Bedeutung kann bei der Genese der einzelnen Essstörungen aber auch der Familienstruktur und dem Umgang mit Essen in der Familie zukommen.

Die Krankheitseinsicht ist bei essgestörten Patienten in der Regel sehr gering, und eine entsprechende Therapie erfolgt meist erst sehr spät im Krankheitsverlauf. Die Folgen sind körperliche und psychische Komplikationen, die u. a. große sozialmedizinische Relevanz haben. Lebensbedrohliche Komplikationen machen eine stationäre Aufnahme mit ggf. Sondenernährung auch gegen den Willen der Patienten erforderlich. Die Therapie der Essstörungen umfasst mehrere Bereiche: Motivationsaufbau, Normalisierung und Stabilisierung der Ernährungssituation sowie eine begleitende Psychotherapie. Spezialisierte Einrichtungen mit entsprechend geschultem Personal stehen für die Behandlung der Essstörungen in ganz Deutschland zur Verfügung. Trotz dieser therapeutischen Möglichkeiten verlaufen bis zu 20 % der Essstörungen chronisch.

Definition

Unter EssstörungenDefinitionEssstörungen versteht man ein krankhaft verändertes EssverhaltenEssverhalten, dass durch eine Störung der Körperwahrnehmung, sog. KörperschemastörungEssstörungenEssstörungenKörperschemastörungKörperschemastörung, und ein vermindertes Selbstwertgefühl gekennzeichnet ist. Die Betroffenen sorgen sich darum, zu dick zu sein. Die verzerrte subjektive Wahrnehmung des eigenen Körpergewichts ist eine wesentliche Bedingung für die Auslösung einer Essstörung. Die Essstörungen können mit einem erniedrigten, erhöhten oder normalen Körpergewicht einhergehen. Wenn wir vom normalen Körpergewicht sprechen, meinen wir in der Regel das für Alter und Größe angemessene Gewicht.
Eine ungefähre Richtlinie für ein gesundes durchschnittliches Körpergewicht wird anhand des sog. Body-Mass-Index (BMI)Body-Mass-Index (BMI) erstellt. Der Body-Mass-Index wird nach Formel 16.1 berechnet.
Bei einer 1,65 m großen Frau mit einem Körpergewicht von 60 kg ergibt sich dementsprechend folgender BMI (Formel 16.2):
BMI = 60 / ( 1,65 × 1,65 ) kg / m 2 = ca. 22 kg / m 2
Anhand des BMI lässt sich eine klinische Einschätzung des Körpergewichts entsprechend Tab. 16.1 vornehmen. Die Frau im Beispiel hat also ein normales Körpergewicht, normalesKörpergewicht.

Klassifikation nach ICD-10

Nach der ICD-10 werden die ICD-10EssstörungenEssstörungenICD-10-KlassifikationEssstörungen wie in Tab. 16.2 unterteilt.

Gut zu wissen Die Krankheitsbilder sind nicht als streng abgegrenzte Kategorien zu betrachten, weil es zwischen den einzelnen Störungen Überschneidungen gibt. So können z. B. eine Adipositas und eine Bulimie gleichzeitig vorkommen oder fließend ineinander übergehen. Bei der Anorexie können ebenfalls bulimische Episoden auftreten.

Die AdipositasICD-10Adipositas wird in der ICD-10 nicht bei den psychischen Störungen aufgeführt, sondern bei den endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (Kategorie E). Übermäßiges Essen als Reaktion auf belastende Ereignisse (Trauerfälle, Unfälle, Operationen und emotional belastende Ereignisse), die zu Übergewicht führen, können unter „Essattacken bei sonstigen psychischen Störungen“ (F50.4) codiert werden.

Für den klinisch-therapeutischen Alltag haben die folgenden Krankheitsbilder größte Bedeutung und werden dementsprechend detailliert dargestellt.

Symptomatik

Anorexia nervosa (ICD-10: F50.0)

Fall

Anorexia nervosa – „Sie hungert sich noch zu Tode“

Die 21-jährige Elvira stellt sich auf Anorexia nervosaFallbeispielDrängen ihrer Mutter beim Arzt vor. Die Mutter berichtet, dass sie sich große Sorgen mache, weil ihre Tochter seit einem guten Jahr immer weniger esse und so dünn geworden sei. Sie sei nur noch „Haut und Knochen“. Zunächst habe sie gedacht, ihre Tochter mache eine Diät, weil sie nur noch Salate, Obst und Rohkost gegessen habe. Aber zwischenzeitlich nehme sie auch nicht mehr an den Familienmahlzeiten teil; sie habe ständig Ausreden und verweigere ihre Leibspeisen. Außerdem gleiche sie die durch ihr Verhalten bedingte schlechte Stimmung in der Familie aus, indem sie für die ganze Familie koche. Auch wenn sie selbst davon nur sehr wenig zu sich nehme, beschäftige sie sich doch sehr lange mit der Zubereitung des Essens. Sie koche z. B. sehr aufwendige Gerichte. Auch ihre Art, die Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, sei in ihren Augen ungewöhnlich und auffällig. „Sie kann nichts normal essen. Alles muss immer erst bis ins Kleinste zerlegt oder zerteilt werden, und dann kaut sie endlos lange daran herum. Bei einem Kürbiskernbrötchen zupft sie z. B. von der Oberseite immer erst die Körner ab. Dann schneidet sie das Brötchen in sechs schmale Streifen, die dann jeweils mit exakt darauf zugeschnittenen hauchdünnen Käsescheiben belegt werden. Davon isst sie dann ungefähr die Hälfte, wobei sie immer nur ganz kleine Stückchen abbeißt und endlos lange darauf herumkaut. Dabei könnte man die Miniportionen mit wenigen Bissen aufessen.“ Zusätzlich treibe sie extrem viel Sport. An den Wochenenden verbringe sie mehrere Stunden mit Fitnesstraining und Aerobic, und unter der Woche sei sie fast täglich beim Joggen. Sogar den „Bauch-Beine-Po“-Kurs belege sie hin und wieder, obschon man doch schon gar keinen Po und Bauch mehr bei ihr erkennen könne. Gestern sei sie nach dem Laufen in der Wohnung zusammengebrochen. So könne es nicht mehr weitergehen. Ihre Tochter sei nur noch ein „Klappergestell“. Die Tochter verharmlost die Aussagen ihrer Mutter, sie fühle sich sehr wohl und hungere nicht. Es tue ihr einfach gut, achtsam zu essen und nicht wie die anderen alles einfach „in sich hineinzustopfen“. Und dass sie gestern zusammengebrochen sei, liege nur daran, dass sie nach dem Laufen zu wenig getrunken habe. Im alleinigen Gespräch mit der Tochter räumt diese ein, dass ihre Gedanken schon recht häufig um das Essen und ihr Aussehen kreisten, dass ihr aber die „Kontrolle“ über das Essen und der Sport guttäten, sie fühle sich dadurch sehr leistungsstark und gesund. Früher habe sie sich gar nicht wohlgefühlt, da sei sie viel zu dick gewesen mit ihren 66 kg. Auch wenn sie schon auf einem guten Weg sei, ihr Traumgewicht habe sie momentan noch nicht erreicht. Überall sei, wie man ja sehen könne, noch das eine oder andere „Fettpölsterchen“ zu sehen. Zwar stimme es, dass ihr häufiger „schwarz“ vor Augen werde, aber ihre Mutter dramatisiere maßlos. Das Einzige, das sie tatsächlich beunruhige, sei im Moment ihre ausbleibende Regel. Elvira wiegt bei einer Körpergröße von 1,74 m derzeit 51 kg.
Definition
Anorexia bedeutet wörtlich Anorexia nervosaDefinitionAppetitverlust oder -verminderung; der Zusatz „nervosa“ weist auf eine zugrunde liegende „nervliche“ oder seelische Ursache hin. Die Anorexia nervosa oder auch MagersuchtMagersucht ist durch ein diszipliniertes, stark restriktives Essverhalten gekennzeichnet, mit dem die Patientinnen ihren Wunsch nach Selbstbestimmung und absoluter Schlankheit zum Ausdruck bringen. Meist ist das Essverhalten mit erhöhtem Bewegungsdrang und Überaktivität bei extremen sportlichen Betätigungen verbunden. Die Patientinnen sind oft überdurchschnittlich intelligent (trotzdem fehlt eine Krankheitseinsicht) und fühlen sich in der RegelKörperschemastörungAnorexia nervosa zu dick, obwohl sie objektiv untergewichtig sind. Mit der Anorexie sind häufig depressive Verstimmungen sowie Angst- oder Zwangsstörungen vergesellschaftet. Der durch Hungern und Nahrungsverweigerung (besonders kalorienreicher Nahrung) herbeigeführte extreme Gewichtsverlust (15–45 % unter dem für Größe und Alter als normal zu erwartenden Körpergewicht) führt teilweise zu einer lebensbedrohlichen Unterernährung. Zum Erreichen oder zur Erhaltung des niedrigen Gewichts werden oft übertriebene sportliche Aktivitäten, Gebrauch von AppetitzüglernAppetitzügler, Essstörungen und Abführmitteln (LaxanzienLaxanzien, schädlicher GebrauchEssstörungenAbführmittel, schädlicher Gebrauch) sowie selbstverursachtes Erbrechen eingesetzt. Die Aufmerksamkeit auf das Körpergewicht bestimmt dabei das gesamte Fühlen, Denken und Handeln der Betroffenen.
Symptomatik
Kriterien der Anorexia nervosa Anorexia nervosaICD-10-Kriteriennach ICD-10:
  • Körpergewicht mindestens 15 % unter dem erwarteten Normalgewicht (entweder durch Gewichtsverlust oder nie erreichtes Gewicht) oder BMI ≤ 17,5.

  • Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch:

    • Vermeiden hochkalorischer Speisen

    • Selbstinduziertes ErbrechenErbrechen, selbstinduziertesAnorexia nervosaAnorexia nervosaErbrechen, selbstinduziertes

    • Selbstinduziertes Abführen

    • Übertriebene körperliche Aktivitäten

    • Gebrauch von Appetitzüglern

  • Körperschemastörung KörperschemastörungAnorexia nervosaAnorexia nervosaKörperschemastörungin Form einer spezifischen psychischen Störung; die Angst, zu dick zu werden, besteht als tief verwurzelte überwertige Idee

  • Endokrine Störungen auf der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse:

    • Bei Frauen: Amenorrhö (griech., Fehlen/Ausbleiben der monatlichen Regelblutung)

    • Bei Männern: Libido- und Potenzverlust

    • Erhöhte Wachstumshormon- und Kortisolspiegel

    • Ggf. Änderungen des peripheren Metabolismus, von Schilddrüsenhormonen und Störungen der Insulinsekretion, bei Beginn vor der Pubertät Verzögerung oder Hemmung der pubertären Entwicklungsschritte

Erläuterungen zum Fall

Gewichtsverlust und abnormes Essverhalten

Elvira aus dem Fallbeispiel reduziert durch willentliches Hungern ihr Gewicht von 66 kg auf 51 kg Körpergewicht (KG) bei einer Körpergröße von 1,74 m. Dies entspricht einem BMI von 16,8 und damit per definitionem einem leichten UntergewichtleichtesUntergewichtAnorexia nervosaAnorexia nervosaUntergewichtUntergewicht. Trotz der deutlichen Gewichtsabnahme empfindet sich Elvira immer noch als zu dick, ihr „Traumgewicht“ habe sie noch nicht erreicht. Ihr Essverhalten hat sich im letzten Jahr dramatisch geändert, sie isst nur noch fett- und kalorienarme Kost. Die Nahrung zerlegt sie dabei in kleinste Bestandteile und kaut ungewöhnlich lange daran. Manche magersüchtigen Patienten horten auch das Essen oder machen innerlich Listen von „verbotenen“ und „erlaubten“ Speisen. Neben den restriktiven Magersüchtigen gibt es auch solche, die ihr Gewicht durch Appetitzügler, Abführmittel und Erbrechen reduzieren. Der exzessive Sport ist bei vielen Betroffenen ebenfalls ein Mittel, um ihr Gewicht zu kontrollieren. Auch Elvira treibt ungewöhnlich viel Sport.

Leugnen der Erkrankung

Das Hungergefühl „besiegen“ und sich Anorexia nervosaLeugnung der ErkrankungEssen versagen zu können, gibt vielen ein Gefühl von StärkeGefühlvon Stärke, Anorexia nervosa und hebt ihr Selbstwertgefühl. Sie empfinden sich daher nicht als krank und ignorieren auch körperliche Folgeerscheinungen oder bagatellisieren sie, wie Elvira im Fallbeispiel. Sie führt ihre Ohnmacht auf die fehlende Flüssigkeitszufuhr zurück und spielt die Sorgen ihrer Mutter herunter.

Körperschemastörung

Obwohl die Betroffenen bereits stark abgemagert sind, empfinden sie sich selbst noch als „dick“. Auch Elvira spricht noch von „Fettpölsterchen“. Sie möchte noch weiter abnehmen, um ihr Traumgewicht zu erreichen. Die Wahrnehmung des eigenen KörperschemastörungAnorexia nervosaAnorexia nervosaKörperschemastörungAnorexia nervosakörperliche FolgeerscheinungenKörpers ist gegenüber der der Allgemeinheit deutlich verzerrt. Ihr Handeln ist von der Angst zuzunehmen bestimmt. Diese Angst kann als überwertige IdeeÜberwertige IdeenIdeen, überwertige bezeichnet werden.

Dauernde gedankliche Beschäftigung mit Körpergewicht und Nahrungsaufnahme

Magersüchtige sind gedanklich ständig mit dem Essen beschäftigt und kontrollieren häufig mehrmals täglich ihr Körpergewicht und ihren Körperumfang. Obwohl sie sich selbst viel Essen versagen, suchen sie sich oft Betätigungen, die mit Essen oder Lebensmitteln zu tun haben. Das kann, wie im Fallbeispiel, das Bekochen der Familie oder der Freunde sein, es kann aber auch der Beruf danach gewählt werden.

Körperliche Folgeerscheinungen der Gewichtsabnahme

Die chronische Mangelernährung hat langfristige Folgen (Abb. 16.1) und reicht von Hormonstörungen mit Amenorrhö, wie bei Elvira, über Magen-Darm-Störungen bis zu Herz-Kreislauf-Problemen. Die körperlichen Komplikationen können zum Tod führen.
Ätiologie
Über die Ursachen der Anorexia nervosa Anorexia nervosaÄtiologiestreiten sich die Disziplinen: Soziologen machen das Schönheitsideal in der westlichen Gesellschaft verantwortlich, das z. B. in den Modeschauen die Modelle in der Konfektionsgröße kleiner als 38 auftreten lässt. Familientherapeuten halten ein gestörtes Verhältnis der Eltern für maßgeblich, das der Kranke durch eine Essstörung unbewusst auszugleichen versucht. Diskutiert wird ein Trennungswunsch des Vaters ebenso wie die Ablehnung einer dominanten Mutter. Sexualwissenschaftler argumentieren, dass die Magersucht mit einer Ablehnung der weiblichen Körperlichkeit verbunden sei. Fettpolster (Brust etc.) werden nicht ausgeprägt, die Periode fällt oft aus.

Merke

Magersucht ist keine harmlose Erkrankung. Ohne rechtzeitige Behandlung kann bei extremer Ausprägung der Anorexie ein lebensbedrohliches UntergewichtlebensbedrohlichesUntergewicht entstehen, das eine Anorexia nervosaZwangseinweisung/-ernährungZwangseinweisungZwangseinweisungAnorexia nervosa in eine Klinik mit ZwangsernährungZwangsernährung, Anorexia nervosa nötig macht, um den Tod durch die körperlichen Folgeerscheinungen abzuwenden.

Bulimia nervosa (ICD-10: F50.2)

Fall

Bulimia nervosa – „Alles in sich hineinstopfen“

Eine 42-jährige Sekretärin Bulimia nervosaFallbeispielmit einer Ösophagitis wird vom Hausarzt zum Psychiater überwiesen. Der Hausarzt hat den Verdacht, dass die Entzündung der Speiseröhre durch wiederholtes Erbrechen ausgelöst ist, und vermutet, dass die Patientin an einer Essstörung und einer Depression leidet.
Die Patientin gibt im Gespräch mit dem Psychiater an, dass sie sich schon lange in ihrer eigenen Haut unwohl fühle. Ihre Freundinnen und Kolleginnen hätten einfach mehr Erfolg als sie, sie würden auch viel besser aussehen. Ihre beste Freundin sei so schlank und attraktiv; sie würde auf jederParty sofort von Männern umringt und habe ständig wechselnde Beziehungen. Sie dagegen habe ihren langjährigen Freund mit 37 Jahren verloren. Er habe sich wegen einer anderen Frau von ihr getrennt, und seitdem habe sie nur einmal eine kurze Urlaubsaffäre mit einem verheirateten Mann gehabt. Sie sei einfach einige Kilos zu schwer (derzeit wiegt sie 70 kg bei 1,68 m). Wenn sie nur 10 kg leichter wäre, würde sie bestimmt auch mehr Erfolg bei Männern haben. Sie habe schon sehr viele Diäten ausprobiert, könne sie aber einfach nicht durchhalten. Sie habe dann richtige „Heißhungerattacken“, in denen sie alle verfügbaren Nahrungsmittel in ihrer Wohnung essen würde. Sie könne sich in so einer Attacke einfach nicht mehr bremsen, es sei wie eine „Sucht“. Danach sei ihr schlecht, und sie schäme sich, weil sie so maßlos gewesen sei und sich von ihrem Traumgewicht wieder weit entfernt habe. Natürlich habe sie sich nach so einer Attacke schon mal erbrochen. Auch Appetitzügler habe sie probiert, aber auch die würden bei ihr nicht richtig wirken. Solche Fress-Brech-Attacken habe sie schon mehrmals im Monat, nicht nur bei Diäten. Auch wenn sie abends frustriert allein zu Hause säße, wenn andere auf eine Party gingen oder keine Zeit für sie hätten. Dann setze sie sich vor den Fernseher und anschließend gehe es los: Sie stopfe alles in sich hinein.
Definition
Bulimia (griech., OchsenhungerOchsenhunger) nervosa ist gekennzeichnet durch Heißhungerattacken HeißhungerattackenBulimia nervosaHeißhungerattackenmit anschließendem Erbrechen Erbrechen, selbstinduziertesBulimia nervosaBulimia nervosaErbrechen, selbstinduziertesder hastig heruntergeschlungenen großen Nahrungsmengen. Auch hier besteht die Angst, dick zu werden, und obwohl das Körpergewicht meist der Norm entspricht, sind die Betroffenen unzufrieden und versuchen ihr Gewicht durch Diäten sowie den Gebrauch von Appetitzüglern und Abführmitteln zu regulieren.
Synonyme: Hyperoxia nervosaHyperoxia nervosa, FresssuchtFresssucht
Symptomatik
Kriterien der Bulimie nach ICD-10: ICD-10Bulimia nervosaBulimia nervosaICD-10-Kriterien
  • Andauernde Beschäftigung mit Essen, unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln; Essattacken, bei denen sehr große Mengen Nahrung in kurzer Zeit konsumiert werden

  • Gedankliche Einengung auf die Nahrungsaufnahme und Essensbeschaffung

  • Krankhafte Furcht, zu dick zu sein, und kompensatorisches Verhalten, das dem dick machenden Effekt der Nahrung entgegensteuert (z. B. willentliches Erbrechen, Fasten, Einnahme von Appetitzüglern, Abführmitteln, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika)

Erläuterungen zum Fall

Gedankliche Einengung auf Essen, Selbstwahrnehmung als zu „dick“, Selbstwertproblematik

Patienten mit Bulimie sind Gedankeneinengung, Bulimia nervosaBulimia nervosaGedankeneinengungdavon überzeugt, zu dick zu sein. Gedanklich sind sie auf das Essen fixiert und beschäftigen sich ständig damit. Die Sekretärin im Fallbeispiel fühlt sich schon lange nicht mehr wohl in ihrer „eigenen Haut“, sie sei einige Kilos zu schwer. Sie führt ihre vermeintlichen Misserfolge auf ihr Körpergewicht zurück. Ihre Vorstellungen von der eigenen Wertigkeit sind dabei stark von einem Attraktivitäts- und Schlankheitsideal abhängig. Das tatsächliche Körpergewicht von bulimischen Patienten liegt im Gegensatz zu anorektischen Patienten meist im Normal- oder leichten Übergewichtsbereich. Die Sekretärin im Fallbeispiel hat einen BMI von 24,8 und liegt an der oberen Grenze des Normalgewichts. Lebensbedrohliches Untergewicht ist nicht typisch. Die Bulimie wird als Versuch verstanden, eine Balance zwischen den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen und den scheinbar äußeren Anforderungen (Moral- und Wertevorstellungen) herzustellen. Die Fress- und Brech-Attacken sind inadäquate Bulimia nervosaBewältigungsstrategien, inadäquateBewältigungsstrategien. Man spricht auch von einer oralen Ersatzhandlung für innere Leere.

Ess-Brech-Attacken

Auslösesituationen für die Fressanfälle sind bei der Sekretärin u. a. das Alleinsein und das Gefühl der „Minderwertigkeit“. Die Fressanfälle erfolgen meist im Geheimen, wie ein verbotenes Tun. Die Ess-Brech-Ess-Brech-Attacken (Bulimia nervosa)Bulimia nervosaEss-Brech-AttackenAttacken laufen immer wieder zwanghaft und ritualisiert ab, und es wird so lange Nahrung aufgenommen, bis es zu Bauchschmerzen, Erschöpfung oder Unterbrechung durch äußere Umstände kommt. Die Sekretärin beschreibt die „Fressanfälle“ wie eine Sucht, bei der sie alles in sich hineinstopfen müsse. Sie fühle sich dabei „maßlos“ und schäme sich für dieses Verhalten. Die Betroffenen leiden unter den Schuld- und Schamgefühlen wegen ihres unkontrollierten Verhaltens und ekeln sich vor ihrer eigenen Gier und dem Erbrechen.

Depressive Stimmung

Die Auslösesituation der Fress-Brech-Attacken bei der Sekretärin, aber auch die danach empfundene Scham zeigen depressive Züge. Weil die Aufmerksamkeit auf das gewünschte Depression/depressive EpisodeBulimia nervosaBulimia nervosaDepression„richtige“ Körpergewicht das gesamte Fühlen, Denken und Handeln bestimmt, dieses Körpergewicht aber nicht erreicht wird, wird dies von den Betroffenen als ausgesprochen leidvoll und als Einschränkung ihrer Lebensqualität empfunden. Es finden sich begleitend häufig depressive Symptome. Im Fallbeispiel müsste in einer genauen Exploration die depressive Symptomatik noch hinterfragt werden, um eine angemessene Gewichtung der Symptome bei der Diagnosestellung zu berücksichtigen.
Wenn Personen an einer Bulimia nervosa leiden, ist dies nicht nur für sich allein gesehen ein Problem, sondern die Erkrankung kann auch die Ursache für eine Reihe von körperlichen Schäden sein (Abb. 16.2), welche die Gesamtproblematik zusätzlich erschweren und langfristig zu dauerhaften Gesundheitsschäden führen können. Da Betroffene häufig versuchen, ihre Essstörung vor der Außenwelt geheim zu halten, ist es wichtig, in der Anamnese auf mögliche körperliche Anzeichen zu achten.

Therapeutische Praxis

Viele bulimische Patienten kommen zunächst wegen Depression/depressive EpisodeBulimia nervosadepressiver Symptome zum Arzt oder Therapeuten. Deswegen sollte bei einer gründlichen Anamnese das Erfragen des Essverhaltens nicht fehlen!

Merke

Eine durch das Erbrechen verursachte Hypokaliämie, Bulimia nervosaBulimia nervosaHypokaliämieHypokaliämie bei Bulimie kann zu kardialen Problemen und Nierenfunktionsstörungen führen.

Adipositas

Fall

Adipositas – „Sei ruhig, du kriegst etwas Süßes“

Die 22-jährige AdipositasFallbeispielKrankenschwester Anna H. leidet seit 3 Jahren an ÜbergewichtAdipositasÜbergewicht (135 kg bei 1,76 m). Sie fühlt sich schlapp, kann nachts nicht mehr schlafen und ist mit sich selbst unzufrieden. Eine organische Ursache für die Fettsucht wird nicht gefunden. Sie raucht 60 Zigaretten am Tag. „Wenn ich mich ärgere“, erzählt sie, „bekomme ich Heißhunger auf Süßes.“ Sie kam unehelich zur Welt, musste eigene Wünsche früh zurückstellen. Die strenge, jähzornige Mutter gab ihre Tochter zu einer alkoholabhängigen Tante, bei der sie nie laut und lebhaft sein durfte. „Sei ruhig, du kriegst etwas Süßes“, habe es oft geheißen. Vor 3 Jahren zog Anna H. nach Bayern, nachdem ihr Verlobter sich von ihr getrennt hatte. In dieselbe Zeit fällt auch der Tod der Großmutter, zu der sie als einziger Person echtes Vertrauen hatte. Seitdem hat sie Heißhungerphasen, v. a. in Situationen, in denen sie sich frustriert und allein gelassen fühlt [16].
Definition
Adipositas AdipositasDiagnoseist die krankhafte übermäßige Zunahme von Fettgewebe. Der Anteil der Fettmasse am Körpergewicht beträgt bei Frauen 25–30 %, bei Männern etwa 20 %. Bei Menschen, die zur Fettleibigkeit neigen, besteht grundsätzlich ein Missverhältnis zwischen zugeführter Nahrung und deren energetischer Verwertung. Hier kommt es zur vermehrten Bildung von Fettgewebe im Vergleich zur Körpermasse, was in der Regel auch mit einer Erhöhung der Körpermasse einhergeht. Mit dem BMI lässt sich eine Adipositas abschätzen (Tab. 16.3). Übergewicht ist aber nicht automatisch mit Adipositas gleichzusetzen. Erst bei einem BMI > 30 spricht man von Adipositas, also bei erheblichem Übergewicht. ÜbergewichtAdipositasIn den Industrieländern sind etwa 35 % der Gesamtbevölkerung übergewichtig.
Symptomatik
Adipöse Menschen leiden nicht automatisch unter ihrem Übergewicht. Leidensdruck und der Wunsch abzunehmen entstehen möglicherweise durch den gesellschaftlichen Druck des Schönheits- und Schlankheitsideals. In bestimmten Kulturen ist Übergewicht sogar so etwas wie ein Statussymbol – ein Zeichen, dass man nicht arm ist. In westlichen Ländern gilt Fettleibigkeit als Ausdruck von Maßlosigkeit, Willensschwäche, Faulheit und mäßiger Intelligenz.
Symptome der Adipositas sind:
  • Psychosoziale Folgeerscheinungen Adipositas körperliche/psychosoziale Folgeerscheinungen

    • Ausgrenzung (gesellschaftliche Stigmatisierung)

    • Reduziertes Selbstwertgefühl

    • Negative Einstellung zum eigenen Körper

    • Verlust der Lebensfreude

  • Körperliche Folgeerkrankungen

    • Kardiovaskuläre Erkrankungen (z. B. Herzinfarkt, Hypertonie, Schlaganfall)

    • Stoffwechselstörungen (z. B. Diabetes mellitus Typ 2, Hyperlipidämie, Gicht)

    • Sonstige Erkrankungen (z. B. Gallenblasenerkrankungen, Schlafapnoe-Syndrom, orthopädische Beschwerden)

Merke

Adipositas ist mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko verbunden!

Bei der Adipositas entwickelt sich häufig ein Teufelskreis der Erkrankung (Abb. 16.3). Die beschränkte Beweglichkeit oder körperliche Symptome führen zur verminderten Aktivität mit der Gefahr einer weiteren Gewichtszunahme. Die negative Reaktion der Gesellschaft auf die Körperfülle führt weiter zum sozialen Rückzug mit Frustration und Verlust der Lebensfreude. Kompensatorisch wird vermehrt gegessen, und der Teufelskreis der weiteren Gewichtszunahme wird angetrieben.

Binge-Eating-Störung

Fall

Ich kämpfe jeden Tag mit Binge-Eating-StörungFallbeispielmeiner Ess-Sucht, die Gedanken ans Essen oder das Nichtessen sind eigentlich der ständige Begleiter. Jeden Morgen nehme ich mir vor, gesund und ganz „normal“ – d. h. nicht zu viel – zu essen. Am Anfang des Tages habe ich mich meistens gut im Griff. Es gelingt mir dann, mich beim Einkaufen zu beherrschen. Ich packe nicht den ganzen Einkaufswagen voll mit Nahrungsmitteln, die ich später verschlingen könnte, sondern entscheide mich für gesunde Produkte in üblichen Mengen. Irgendwann kommt dann der Gedanke in mir auf, dass ich ruhigen Gewissens auch eine Tafel von meiner Lieblingsschokolade mitnehmen könnte. Schließlich ist das nichts Verbotenes, und wenn ich wie jeder normale Mensch z. B. auch nur zwei oder drei Riegel esse – und eben nicht die ganze Tafel auf einmal – ist doch nichts dabei. Mit dieser festen Absicht öffne ich dann, zu Hause angekommen, auch die Verpackung. Aber wenn ich mich gestresst fühle und an dem Tag eine Sache nach der anderen vorgefallen ist, erliege ich trotz meiner eisernen Vorsätze der süßen Versuchung. Ich esse den ersten Riegel, dann den zweiten und, tja, schon kann ich mich nicht mehr stoppen und vertilge die ganze Tafel. Doch dabei bleibt es dann nicht. Ich durchsuche meine Vorräte im Haus nach weiteren Süßigkeiten oder anderen „Schweinereien“ oder was eben in dem Moment zu finden ist und meinen Essensdrang befriedigt. Während ich das alles verschlinge, ist mir nicht so bewusst, wie schnell ich das ganze Zeug in mich hineinfresse. Das geschieht dann meist hinterher. Aber wenn ich einmal dabei bin, bemerke ich es entweder gar nicht, oder ich kann es nicht stoppen. Manchmal kommt es sogar so weit, dass ich nochmal aus dem Haus gehe und bei der erstbesten Gelegenheit – z. B. am Kiosk um die Ecke – noch was kaufe, wieder nach Hause gehe und auch das noch esse, bis ich total vollgefressen bin und physisch nicht mehr kann … Am nächsten Tag fasse ich erneut den Vorsatz, mich essenstechnisch im Griff zu haben, aber das klappt an den meisten Tagen nicht. Ich fühle mich nach den Essattacken immer total schlecht und mache mir große Vorwürfe. Ich bestrafe mich selber, schließe mich zu Hause ein und mag am liebsten niemanden sehen. Ich habe schon einen ganzen Katalog voller Ausreden, warum ich nichts unternehmen kann, und meine Freunde ziehen sich deswegen zunehmend von mir zurück.

Definition
Der englische Begriff Binge-Eating heißt übersetzt: „ein Essgelage abhalten“. Eine Binge-Eating-Störung liegt dann vor, wenn wenigstens an 2 Tagen in der Woche über einen Zeitraum von 6 Monaten Essattacken (Binge-Eating) Essattacken (Binge-Eating)Binge-Eating-StörungDefinitionauftreten, d. h., die Betroffenen nehmen innerhalb kurzer Zeit eine ungewöhnlich große Menge an Nahrungsmitteln auf. Sie verlieren die Kontrolle darüber, wie viel sie essen oder wann sie mit dem Essen aufhören. Sie essen auch dann, wenn sie eigentlich gar kein Hungergefühl verspüren, und sie essen meist so lange, bis ein unangenehmes Völlegefühl einsetzt. Die Essattacken entstehen aufgrund bestimmter Stimmungslagen: häufig aufgrund von Traurigkeit, Einsamkeit, Frust, Angst oder Euphorie. Diese Stimmungslagen werden von den Betroffenen als Belastung empfunden und sind zudem mit einem Gefühl der Scham verbunden, sodass sie in der Regel heimlich bzw. allein essen. Im Rahmen der Essanfälle aufgenommene Nahrung wird im Körper behalten, d. h., Aktivitäten, um die Kalorienzufuhr rückgängig zu machen oder zu unterbinden, bleiben aus. Häufig entstehen in dem Zusammenhang auch Depressionen. Erfahrungsgemäß stellen sich nach der Essattacke Ekel- und Schuldgefühle ein.
Während die Binge-Eating-Störung in der ICD-10 gar nicht erwähnt ist (aber dennoch als prüfungsrelevant eingeschätzt wird), wurde sie im DSM-IV zu den „unspezifischen Essstörungen“ Essstörungenunspezifische(Eating Disorders Not Otherwise Classified, EDNOC) EDNOC (Eating Disorders Not Otherwise Classified)Eating Disorders Not Otherwise Classified (EDNOC)gerechnet. Seit 2013 wird die Binge-Eating-Störung im DSM-5 nun als eigenständige Diagnose geführt, und auch die Diagnosekriterien (Herabsetzung der Häufigkeit der Essanfälle) wurden geändert.
Symptomatik
Diagnosekriterien nach DSM-5 (Ausgabe 2013): Binge-Eating-StörungDSM-Diagnosekriterien
  • 1.

    Wiederholte Episoden von „Essanfällen“. Eine Episode von „Essanfällen“ ist durch die beiden folgenden Kriterien charakterisiert:

    • Essen einer Nahrungsmenge in einem abgrenzbaren Zeitraum (z. B. innerhalb von 2 Stunden), die definitiv größer ist, als sie die meisten Menschen in einem ähnlichen Zeitraum unter ähnlichen Umständen verzehren würden.

    • Ein Gefühl des Kontrollverlusts über das Essen während der Episode (z. B. ein Gefühl, dass man mit dem Essen nicht aufhören kann bzw. nicht kontrollieren kann, was und wie viel man isst).

  • 2.

    Die Episoden von „Essanfällen“ treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auf:

    • Wesentlich schnelleres Essen als normal.

    • Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl.

    • Essen großer Nahrungsmengen, obwohl man keinen Hunger hat.

    • Allein Essen aus Verlegenheit über die Menge, die man isst.

    • Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach dem übermäßigen Essen.

  • 3.

    Es besteht deutliches Leiden wegen der Essanfälle.

  • 4.

    Die Essanfälle treten im Durchschnitt an mindestens 1 Tag in der Woche in einem Zeitraum von 3 Monaten auf.

  • 5.

    Die Essanfälle gehen nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen einher und treten nicht ausschließlich im Verlauf einer Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa auf.

Eine weitere neuere Form der Essstörung ist nach dem Arzt Steven Bratman die sog. Orthorexia nervosaOrthorexia nervosa. Dabei handelt es sich um eine EssstörungEssstörungenOrthorexia nervosa, bei der Betroffene ein ausgeprägtes, zwanghaftes Verlangen nach einer möglichst gesunden Ernährung haben. Bei den betroffenen Patienten besteht eine ausgeprägte Fixierung auf die Auswahl gesunder Nahrung und auf die Vermeidung ungesunder Nahrung. Inwiefern es sich bei der Orthorexie tatsächlich um eine psychische Störung handelt und nicht eher um einen aufwendigen Lebensstil, ist hier kritisch zu hinterfragen und wird sicherlich danach zu beurteilen sein, wie ausgeprägt der Leidensdruck bei Betroffenen ist. Im Vergleich zur Anorexia nervosa könnte man sagen, dass es sich bei der Anorexie um eine quantitative und bei der Orthorexie um eine qualitative Essstörung handelt. Die Orthorexie selbst wurde bislang noch in kein anerkanntes Diagnosesystem (DSM-5, ICD-10) aufgenommen, sodass es auch noch keine objektiven Kriterien gibt, anhand derer diese Essstörung dem Patienten attestiert werden könnte. Als Anhaltspunkte seien folgende Kriterien genannt:
  • Die Essstörung dauert über einen längeren Zeitraum.

  • Die Gedanken kreisen ständig um das Essen bzw. Essverhalten.

  • Negative Gefühle, falls vom Ernährungsstil und -plan abgewichen wird.

  • Negative Auswirkungen auf die Lebensqualität des betroffenen Patienten wie z. B. soziale Isolation.

Diagnostik

Eine gründliche Diagnostik der Essstörungen EssstörungenDiagnostikumfasst folgende Punkte:
  • Genaue Erfassung des Ess- und Aktivitätsverhaltens (z. B. mit Fragebögen, Fremdanamnese)

  • Exploration zusätzlicher psychischer Beschwerden

  • Erfassen des körperlichen Zustands mit Basisparametern (z. B. Gewicht, Größe, Blutdruck) und möglicher körperlicher Folgeerkrankungen oder Komplikationen

  • Abklärung anderer körperlicher Ursachen der Gewichtszu- oder -abnahme

Therapeutische Praxis

Alarmzeichen für eine EssstörungenAlarmzeichenEssstörung sind:

  • Ständige Sorgen um Figur, Gewicht, Aussehen

  • Ablehnung des eigenen Körpers als zu dick

  • Ständige Beschäftigung mit Nahrung und Kalorien

  • Fixierung der Gedanken auf Essen bzw. Nicht-Essen

  • Kontrollversuche beim Essen

  • Einteilung in „erlaubte“ und „verbotene“ Lebensmittel

  • Fixierung auf Gewichtsabnahme

  • Verleugnung/Verlust von Hunger- und Sättigungsgefühl

  • Heimlichkeit im Essverhalten

  • Depressive Verstimmung

  • Mangelndes Selbstwertgefühl

  • Sozialer Rückzug/Interessenverlust

Die entscheidenden Diagnosekriterien der Essstörungen nach ICD-10 sind in Tab. 16.4 zusammengefasst.

Merke

In der KrankheitsvorgeschichXte von bulimischen Patienten lassen sich häufig anorektische Episoden ausmachen. Anders formuliert entwickeln 50–60 % der Bulimische Phasen, Anorexia nervosaAnorexia nervosabulimische PhasenAnorexie-Patienten bulimische Phasen. Nach der ICD-10 leiden die Betroffenen in dieser Phase unter einer Bulimie und nicht mehr unter einer Anorexia nervosa.

Die Unterschiede zwischen Anorexia und Bulimia nervosa fasst Tab. 16.5 zusammen.
Differenzialdiagnostisch müssen bei Untergewicht UntergewichtDifferenzialdiagnosefolgende Erkrankungen berücksichtigt werden:
  • Körperliche Störungen

    • Tumoren (z. B. Leukämie, Pankreaskarzinom)

    • Infektionen (z. B. HIV, Tbc)

    • Stoffwechselstörungen (z. B. Hyperthyreose, Diabetes mellitus)

    • Magen-Darm-Erkrankungen (z. B. Morbus Crohn, Zöliakie)

  • Psychische Störungen Psychische Störungen Untergewicht Untergewicht psychische Störungen Untergewicht psychische Störungen

    • Depressive StörungenDepression/depressive EpisodeUntergewicht

    • Anorexia nervosa

    • AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungenUntergewichtUntergewichtAbhängigkeitserkrankungen

    • Schizophrene Störungen (Schizophrenie/schizophrene StörungenUntergewichtz. B. Vergiftungswahn) VergiftungswahnUntergewicht

    • Angst- oder Zwangsstörungen

Differenzialdiagnosen bei Übergewicht: ÜbergewichtDifferenzialdiagnose
  • Körperliche Störungen

    • Stoffwechselstörungen (z. B. Hypothyreose, Morbus Cushing)

    • Hirntumoren

    • Medikamenteneinnahme

  • Psychische Störungen

    • Affektive Störungen

    • Bulimie

Krankheitsverlauf und Epidemiologie

Verlauf

Essstörungen EssstörungenKrankheitsverlaufhaben einen hohen Anteil an chronischen Verläufen und sind mit einer erhöhten Mortalität belastet. Einen Therapieerfolg mit langfristiger Besserung findet man bei > 50 % der Patienten mit Anorexie. Von einem guten Therapieerfolg spricht man, wenn die Patienten ein beständiges Körpergewicht von 85–115 % ihres Normalgewichts halten können. In 10–20 % der Fälle verläuft die Störung jedoch chronisch mit einer Mortalitätsrate von bis zu 20 %. Therapierte Patienten mit Bulimie weisen eine geringfügig bessere Prognose und geringere Mortalitätsraten auf als Patienten mit Anorexie; aussagekräftige Langzeitstudien fehlen aber bisher. Nur ca. 20 % der adipösen Patienten können ihr reduziertes Gewicht langfristig halten.

Epidemiologie

Epidemiologische Daten zu den Essstörungen EssstörungenEpidemiologiesind Tab. 16.6 zu entnehmen.

Ätiologie

Für die Essstörungen EssstörungenÄtiologiegibt es kein einheitliches empirisch gesichertes Entstehungsmodell. Es werden verschiedene Ursachen für das Zustandekommen der Störungen diskutiert. Als wahrscheinlich gilt derzeit ein multifaktorielles Geschehen nach dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell, bei dem psychologische, biologische, genetische und soziokulturelle Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Essstörungen verantwortlich gemacht werden.

Genetische Faktoren

In Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien konnten für alle Essstörungen Essstörungengenetische Faktorengenetische Einflüsse bei der Entstehung der Erkrankungen nachgewiesen werden.

Soziokulturelle Faktoren

Seit den letzten 50 Jahren wird Schlankheit zunehmend als Essstörungensoziokulturelle UrsachenSchönheitsideal gesehen, das mit Werten wie Erfolg, Attraktivität, Intelligenz und Kompetenz verknüpft ist. Die Werbung suggeriert mit den extrem dünnen, ausgezehrten und androgynen Frauen den „idealen Körper“. Die Diskrepanz zwischen Körperideal und den durch das Nahrungsüberangebot in der westlichen Welt bedingten Körpergewichtszunahmen führt bei vielen Frauen schon frühzeitig dazu, sich zu „dick“ zu fühlen. Diäten sind dann häufig der Einstieg in ein „kontrolliertes“ Essverhalten mit der Gefahr, Essstörungen zu entwickeln. Mehr als die Hälfte aller minderjährigen Mädchen ab 11 Jahren hat bereits eine Diät gemacht. In der industrialisierten Welt wird der Mensch im Alltag außerdem immer weniger körperlich gefordert bei gleichzeitig steigendem Nahrungsmittelangebot. Diese Entwicklung trägt zur Zunahme der Adipositas bei (Abb. 16.4).

Biologische Faktoren

Durch die Fehlernährung bei Essstörungen Essstörungenbiologische Faktorenkann es zu Veränderungen im Hormonhaushalt der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse kommen. Sie steuert u. a. das Bedürfnis nach Nahrung, die Magen-Darm-Tätigkeit, die Körpertemperatur, die Schilddrüsenfunktion, den Bewegungsdrang und die Ausschüttung von Sexualhormonen. Diese Faktoren können zur Aufrechterhaltung der Essstörung beitragen.

Psychologische Faktoren

Familienstruktur
Familienstrukturen,EssstörungenFamilienstrukturen in denen emotionale Rigidität herrscht, in denen Auseinandersetzungen gescheut und nur harmonische Gefühle zugelassen werden, können zur dauerhaften Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und Gefühle (v. a. aversive Gefühle wie Ärger, Wut, Hass, Neid und Eifersucht) und zu einer Fehlentwicklung von Selbstwertgefühl und Körperwahrnehmung führen.

Beispiel

Aussagen von essgestörten Patienten zur Familienstruktur

„Gefühle zu zeigen war in unserer Familie nicht erlaubt, auf gar keinen Fall aber negative Gefühle wie Wut oder Enttäuschung; höchstens Freude durfte man dosiert zeigen, aber niemals zu stark. Es musste eben alles ein ausgewogenes Mittelmaß sein. Wut einmal richtig zu zeigen war geradezu ein Verbrechen, und so gab es bei uns nie Streit. Da niemand seine negativen Gefühle loswerden konnte, entstand eine ekelhafte Grundstimmung. Wenn wir abends alle zusammen vor dem Fernseher saßen, konnte man gelegentlich die Luft knistern hören. Es war eine unheimliche Spannung da, die sich keiner von uns so richtig erklären konnte, weil sie sich nicht auf ein bestimmtes Ereignis bezog, sondern unterschwellig durch ständiges Herunterschlucken von Wut und Ärger irgendwann entstanden war.“
„In unserer Familie konnte man nie diskutieren. Eine Diskussion bedeutete Streit. Streit war die Zerstörung der Harmonie. Die Zerstörung der Harmonie bedeutete die Zerstörung der Familie. Ohne die Familie aber war niemand von uns lebensfähig.“
Lerntheoretische und kognitive Aspekte
Bei der Entstehung von Essstörungen Essstörungenlerntheoretische AspekteEssstörungenkognitive Aspektespielt zudem eine Rolle, wie mit Essen in der Familie umgegangen wird. Wird es als „Belohnung“, als „Entspannung“, manipulativ, nach starren Regeln („Erst isst du den Teller leer!“) oder als „Liebesersatz“ eingesetzt, dann dient das Essen nicht mehr allein der Bedürfnisbefriedigung (Hunger). Die Nahrungsaufnahme wird dann nicht mehr nur von Hunger und Sättigung bestimmt, sondern durch andere Faktoren beeinflusst. Diese Lernerfahrungen können später den Umgang mit Essen entscheidend prägen und zu Essstörungen führen. Aber bereits das Fütterverhalten in der frühsten Kindheit kann Einfluss auf eine spätere Essstörung haben (z. B. Überfütterung mit vermehrter Anlage von Fettzellen, häufiger Wechsel der Bezugspersonen mit der Folge von Appetitlosigkeit und Nahrungsverweigerung des Kindes).
Ein durch Diäten erlerntes neues „kontrolliertes“ und „gezügeltes“ Essverhalten kann ebenfalls der Einstieg in die Entwicklung einer Essstörung sein. Das Essen ist dann von den primären Gefühlen „Hunger“ und „Sättigung“ abgekoppelt. Die gesellschaftliche Anerkennung für den Gewichtsverlust und das damit einhergehend gestiegene Selbstbewusstsein stellen bei essgestörten Patienten einen positiven Verstärker Verstärker/VerstärkungEssstörungenEssstörungenVerstärker, positivefür ihr Verhalten dar und fördern somit die Störung. Die Patienten sind stolz auf die Fähigkeit zur Leistung und Disziplin.
Auch kognitive Kognitive StörungenEssstörungenEssstörungenkognitive StörungenDysfunktionen, also irrationale Denkmuster, sind bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Essstörungen von Bedeutung. „Ich bin nur erfolgreich und attraktiv, wenn ich dünn bin“ oder „Wenn ich jetzt etwas esse, kann ich mich nicht mehr bremsen und werde total dick“ (Alles-oder-Nichts-Denken) sind Beispiele für verzerrte Denkprinzipien, welche die Essstörung unterhalten.
Psychodynamische Aspekte
Anorexia nervosa
Der seelische Hintergrund Anorexia nervosapsychodynamische Ursachenfür die Entstehung einer Anorexia ist ein meist verringertes Selbstwertgefühl, Selbstwertgefühlverringertes, Essstörungenteilweise gespeist aus Problemen mit der Identität (IdentitätsstörungenEssstörungenz. B. Verleugnung der eigenen Weiblichkeit) oder Eigenständigkeit (EigenständigkeitsentwicklungAnorexia nervosav. a. eigene Effizienz), das mit kontrollierter Nahrungsverweigerung und strenger Disziplin kompensiert wird. Essen, wenn man hungrig ist, wird als Kontrollverlust empfunden. Die Kontrolle über das eigene Körpergewicht und die Überwindung des Hungergefühls ersetzen den (abgewehrten) Wunsch nach Selbstbehauptung, also der Erlangung eines Selbstwertgefühls (Streben nach Identität), und den Kampf, seelisch eigenständig zu werden, sich abzunabeln von den engen Vorgaben, Werten und Regeln des Elternhauses (z. B. Familienzusammenhalt, Verleugnung eigener Bedürfnisse zugunsten der Allgemeinheit). Trotz der Versuche, vom Elternhaus unabhängig zu werden, bleibt häufig eine sehr starke familiäre Bindung erhalten (Verklärung der Familienverhältnisse), und der untersagte Wunsch nach Anerkennung und Geborgenheit, nach Liebe, wie sie möglicherweise in einem emotional rigiden Elternhaus nicht erlebt wurden, ist die treibende Kraft hinter dem anorektischen Verhalten.
In einer wenig sinnlichen und eher leistungsorientierten Familienstruktur, in der „negative“ Emotionen gar keinen und „positive“ nur bedingt Platz haben, gelten auch sexuelle Bedürfnisse häufig als nicht existent oder werden als niederes Triebverhalten abgewertet. Die starke Abmagerung suggeriert die Vermeidung der postpubertären Geschlechtsreife durch die weitgehend unterentwickelten sekundären Geschlechtsmerkmale sowie das Ausbleiben der Menstruation und damit eine Rückkehr in die scheinbar heile Welt der Kindheit, in der außerdem die Verantwortung für die Anforderungen des Erwachsenenlebens reduziert ist.

Merke

Mögliche psychodynamische Ursachen der Anorexia nervosa: Anorexia nervosapsychodynamische Ursachen

  • Verbotenes Streben nach eigener Identität und stabilem Selbstwertgefühl

  • Unterdrücktes Autonomiebedürfnis

  • Kontrolle über den eigenen Körper als Abwehr des Wunsches nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit

  • Verklärung der Verbundenheit in den Familienstrukturen

  • Vermeintlicher Schutz vor den Anforderungen des Erwachsenwerdens

Bulimia nervosa
Auch hier lässt Bulimia nervosapsychodynamische Ursachensich als Ursache für die Entstehung der Störung ein geringes Selbstwertgefühl sowie eine gestörte Identitäts- IdentitätsstörungenBulimia nervosaund Eigenständigkeitsentwicklung EigenständigkeitsentwicklungBulimia nervosaund das damit verbundene Anpassungsverhalten an vorgegebene Werte und Normen ausmachen. Die vermeintlich harmonische Familienstruktur wird idealisiert, wobei nachweislich unterschwellige Konflikte und Tabus bis hin zu massiven Grenzüberschreitungen von den Betroffenen nicht realisiert werden. Innerhalb der Familienstruktur werden individuelle Bedürfnisse meist nicht respektiert, dafür haben allgemeine gesellschaftliche Ideale und die äußere Erscheinung einen hohen Stellenwert.
Einer überfürsorglichen Mutter steht oft ein wenig präsenter oder emotional abweisender Vater gegenüber. Konflikte werden nicht benannt; kennzeichnend sind vielmehr indirekte Schuldzuweisungen und Doppelbotschaften im Umgang miteinander. In dem Maße, in dem individuelle Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden, wird auch Essen nicht bedürfnisorientiert, sondern eher manipulativ eingesetzt, z. B. zur Belohnung und Entspannung oder zur Erhaltung traditioneller Normen. So können später auch Gefühle und Bedürfnisse nicht in ihrer Art erkannt, differenziert und geäußert werden. Essen wird dabei unbewusst als Verdrängung von Aggressionen und zur Spannungsabfuhr, aber auch zum Überspielen von emotionaler Leere, Langeweile und Einsamkeit eingesetzt. Hinzu kommen starke Verlust- und Trennungsängste, die sich aus den Abhängigkeitsgefühlen mangels Eigenständigkeit ergeben.
Dies alles führt zu depressiver Verstimmtheit, die durch ein Gefühl der Scham und Schuld wegen des unkontrollierbaren, „verbotenen“ Essverhaltens unterstützt wird. Gleichzeitig muss nach außen ein Idealbild aufrechterhalten werden. Diese Diskrepanz zwischen Idealbild und erlebter Wirklichkeit führt zu Spannungszuständen, die sich in Essattacken entladen. Auf die Heißhungeranfälle folgt ein psychisches und körperliches Unwohlsein. Die Patienten versuchen, den unangenehmen Zustand durch Erbrechen zu beenden, erreichen aber nur wieder einen psychischen und körperlichen Mangelzustand, der den Teufelskreis der Essattacken erneut in Gang setzt.

Merke

Mögliche psychodynamische Ursachen der Bulimia nervosa: Bulimia nervosapsychodynamische Ursachen

  • Unreflektierte Anpassung an vorgegebene Ideale (Schönheitsideale, Partnerschaft, Rollenerwartungen etc.) mangels Selbstwertgefühl und eigener Identität

  • Idealisieren der vermeintlich harmonischen Familienstruktur

  • Essen als Möglichkeit der Selbstwahrnehmung, ohne dass individuelle Bedürfnisse zählen

  • Mangel an adäquaten Bewältigungsstrategien zum Ertragen alltäglicher Frustrationen (Ärger, Enttäuschung, Langeweile etc.)

Adipositas
Neben dem frühkindlichen Fütterverhalten wird die Adipositaspsychodynamische AspekteFamilienstruktur, in der Essen als Ersatz für Zuwendung fungiert oder in der tradierte Normen („Was auf dem Teller ist, wird aufgegessen“) rigide weitergegeben werden, als psychologische Ursache der Störung angesehen. Aber auch die psychosoziale Struktur des Umfelds (z. B. Übergewicht als emotionale Schutzfunktion oder als Machtdemonstration) spielt eine Rolle. Essen kann bei Einsamkeit, Langeweile, Trennung, erhöhter Leistungsanforderung, Frust oder Austritt aus dem Elternhaus (sog. PensionatsfettsuchtPensionatsfettsucht) zur „oralen Ersatzbefriedigung“ werden.
Psychoreaktive Faktoren
Belastende Lebensereignisse und -umstände können den Ausbruch einer Essstörung Essstörungenpsychoreaktive Faktorenbegünstigen. Dazu zählen z. B. der Verlust des Partners oder der Bezugsperson, neue Anforderungen durch Umzug oder Arbeitsplatzwechsel.
„Magersucht und Bulimie: Hunger nach Liebe“

Immer mehr Menschen, die meisten von ihnen junge Mädchen, leiden unter Essstörungen. Die Märchenkaiserin Sissi war die wahrscheinlich prominenteste Magersüchtige in der Geschichte. Die britische Prinzessin Diana konnte ihre Traumfigur lange Jahre nur dadurch halten, dass sie die meisten Mahlzeiten heimlich wieder erbrach – sie war Bulimikerin.

Keine Einzelfälle: Eine Studie ergab, dass 80 % aller Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 18 Jahren mit ihrer Figur nicht zufrieden sind. Wie viele von ihnen deshalb potentielle Kandidaten für eine Essstörung sind, weiß niemand. Wir sprachen mit der Psychiaterin Dr. Monika Gerlinghoff, der Leiterin des Münchner Therapie-Centrums für Essstörungen (TCE) am Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Magersucht und Bulimie zählen zu den psychosomatischen Krankheiten. Was ist ihre Ursache?

Letztendlich ist die Ursache für beide Formen von Essstörungen nicht geklärt. Wir wissen heute, dass eine Reihe von Faktoren Essstörungen begünstigt. So waren fast alle Patienten in ihrer Kindheit eher familien- und leistungsorientiert und äußerst angepasst. Weibliches Geschlecht ist an sich ein Risikofaktor: Auf zehn kranke Frauen kommt nur ein betroffener Mann. Ein extrem niedriges Selbstwertgefühl spielt ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung von Essstörungen. Verantwortlich sind außerdem gesellschaftliche Faktoren. Dazu zählt auch, welcher Figurtyp von der Gesellschaft als schön favorisiert wird. Durch die Zwillingsforschung ist überdies gesichert, dass es auch eine genetische Disposition für Essstörungen gibt. Alle diese Faktoren müssen aber zusammenhängend berücksichtigt werden, die Ursache gibt es nicht.

Was passiert im Körper von magersüchtigen Patienten?

Die Gefährlichkeit der Magersucht wird von den Betroffenen selbst und ihren Angehörigen häufig unterschätzt. Immerhin sterben 10 bis 15 % der Patienten langfristig an ihren Folgen. Die anhaltende Unter- und Mangelernährung führt überdies zu einer Reihe von Sparmaßnahmen des Körpers. Der Herzschlag wird langsamer, es kommt zu einer Unterfunktion der Schilddrüse und zu einer Unterzuckerung. Erbrechen und Abführmittel führen zu einer Störung des Elektrolythaushalts. Auf Dauer können bei der Bulimie die Zähne, der Magen-Darm-Trakt sowie Herz und Nieren geschädigt werden.

Wie behandeln Sie die Betroffenen?

Wir haben mit dem Therapie-Centrum für Essstörungen als Alternative zu einer stationären Behandlung die erste Tagesklinik in Europa eingerichtet. Wir wollten unsere Patienten während der Behandlung in ihrem sozialen Umfeld belassen. Unser Modell gliedert sich in vier zeitlich aufeinander folgende Phasen:

    • Motivationsphase (1 Monat)

    • Tagesklinische Phase (4 Monate)

    • Ambulante Phase (4 Monate)

    • Selbsthilfephase (6 Monate)

Für jede dieser Phasen gilt: Soviel professionelle Hilfe wie nötig, soviel Eigenverantwortung wie möglich.

Was passiert in den einzelnen Phasen genau?

In der Motivationsphase entscheiden sich die Patienten für die Therapie und schließen mit uns einen Therapievertrag. Dieser beinhaltet die Bereitschaft zu einer Gewichtszunahme von 500 Gramm pro Woche bei Magersucht bzw. eine Einstellung der Heißhunger-Attacken bei bulimischen Patienten.

In der Tagesklinik-Phase kommen verschiedene Therapie-Bausteine zum Tragen: So nehmen die Betroffenen an einer verhaltenstherapeutisch orientierten Gruppentherapie, aber auch an Ernährungs-, Körper- und Kunsttherapie teil. Wir versuchen, die Behandlung der Symptome mit einem Lebenskompetenz-Training zu verbinden. Die Tagesklinik-Phase wird von 24 Patienten am gleichen Tag gemeinsam begonnen und auch beendet. Das Programm läuft nach einem festen Stundenplan ab.

In der ambulanten Phase wird die therapeutische Arbeit fortgesetzt, allerdings nimmt dabei der Umfang des Therapieangebots ab.

In der Selbsthilfephase versuchen die Betroffenen, ihr Leben nach der Behandlung selbstständig zu gestalten.

Kann man Essstörungen verhindern?

Wir mussten leider erkennen, dass Essprobleme nicht erst in der Pubertät, sondern oft schon viel früher beginnen. Wichtig für Mädchen (und auch für Jungen) wäre unter anderem ein positives Vorbild der Eltern, die ein entspanntes Verhältnis zu Essen und Figur haben sollten. Wir vom TCE veranstalten regelmäßig Informationstage an Schulen, an denen auch ehemalige Patientinnen von uns teilnehmen.

Reisch U. Magersucht: Hunger nach Liebe. Abendzeitung 25.7.1998: S. 24

Therapie

Essstörungen EssstörungenTherapieAdipositasTherapieBulimia nervosaTherapieAnorexia nervosaTherapiesind in ihrer Entstehung ein multifaktorielles Geschehen und deswegen haben sich bei der Behandlung der Störungen auch Verfahren bewährt, die mehrere Bereiche umfassen:
  • Motivationsaufbau

  • Normalisierung und Stabilisierung der Ernährungssituation

  • Psychotherapie

  • Medikamentöse Therapie

Spezialisierte Einrichtungen (s. Artikel „Magersucht und Bulimie: Hunger nach Liebe“) bieten mit einem geschulten Personal für essgestörte Patienten Behandlungsprogramme an, die diese Aspekte beachten und kombinieren. Die Behandlung kann dabei in Abhängigkeit vom Typ der Essstörung, der Ausprägung der Erkrankung und den psychosozialen Faktoren (Unterstützung durch Angehörige, Familiensituation, keine geeigneten Therapeuten vor Ort etc.) ambulant, stationär oder teilstationär erfolgen.

Merke

Eine stationäre Essstörungenstationäre UnterbringungUnterbringung und ggf. SondenernährungAnorexia nervosaSondenernährung ist in folgenden Situationen indiziert:

  • Übermäßiger Gewichtsverlust (> 40 % des Normalgewichts)

  • Bedrohliche körperliche Komplikationen (z. B. Elektrolytentgleisung, Niereninsuffizienz)

  • Bedrohliche psychische Komplikationen (z. B. SuizidalitätEssstörungenSuizidalitätSuizidalitätEssstörungen)

Motivationsaufbau

Essgestörte Patienten EssstörungenMotivationsaufbaunehmen ihre Krankheit meist nicht als solche wahr. So empfinden anorektische Patienten ihr Verhalten z. B. als Kontrolle und Stärke, oder bulimische Patienten stellen sich eher wegen körperlicher oder psychischer Folgeerscheinungen (v. a. Depression) beim Arzt vor. Viele Patienten werden auch von besorgten Angehörigen in die Therapie gedrängt. In der Regel vergeht viel Zeit, bis die Erkrankten adäquate Hilfe erfahren, und manchmal sind die Komplikationen der Essstörungen so gravierend, dass die Patienten stationär aufgenommen werden müssen. Im Vordergrund der Therapie stehen also, ähnlich wie bei Abhängigkeitserkrankungen (Kap. 10.1.7), zunächst Strategien zur Motivationssteigerung.

Normalisierung und Stabilisierung der Ernährungssituation

In der Behandlung der Essstörungen hat die Ernährungssituation EssstörungenErnährungssituation, Normalisierungzunächst Vorrang. Lebensbedrohliche zusätzliche oder schwere Folgeerscheinungen der Essstörung müssen sofort therapiert werden. Dazu zählen körperliche Gefahren (z. B. extremes Untergewicht, Elektrolytentgleisungen, Niereninsuffizienz), aber auch psychische Komplikationen (z. B. Suizidalität). Für eine psychotherapeutische Behandlung ist ein akzeptables Körpergewicht Voraussetzung, um den Anforderungen der Psychotherapie psychisch wie körperlich gewachsen zu sein.
Anschließend sollte eine Gewichtsnormalisierung EssstörungenGewichtsnormalisierungangestrebt werden. Bei anorektischen Patienten kann dies z. B. über einen „GewichtsvertragGewichtsvertrag“ geschehen, der eine kontrollierte Gewichtszunahme pro Woche vorgibt, oder über eine freiwillige Sondenernährung. Bei adipösen Patienten kann die Gewichtsreduktion über eine vorgegebene Diät erfolgen, bei der eine Gewichtsreduktion von 0,5 kg pro Woche erreicht werden sollte. Dabei sind Ernährungsprotokolle hilfreich.

Gut zu wissen EssstörungenErnährungsprotokolleErnährungsprotokolle umfassen alle Aspekte der Nahrungsaufnahme und beantworten z. B. folgende Fragen:

  • Bei welchen Gelegenheiten esse ich im Laufe des Tages?

  • Welche Ereignisse oder Gefühle sind damit verbunden?

  • Welche Art von Nahrung nehme ich dabei zu mir?

  • Wie viele Stunden bewege ich mich am Tag? Welche körperliche Bewegung bevorzuge ich?

Langfristig ist bei essgestörten Patienten eine Ernährungsberatung mit dauerhafter Ernährungsumstellung und dem Einüben eines normalen Essverhaltens nach Hunger- und Sättigungsgefühl sinnvoll. Ausreichend Bewegung und Sport sollten Teil der Behandlung von adipösen Patienten sein.

Merke

Ausreichende körperliche Bewegung führt nicht nur zu einer Steigerung des Grundumsatzes, sondern verbessert die Stimmung und ermöglicht es adipösen Patienten, Therapieerfolge zu erleben.

Psychotherapie

Die Ernährungsumstellung sollte immer in Begleitung einer Psychotherapie PsychotherapieEssstörungenEssstörungenPsychotherapieerfolgen. Je nach Störung und individuellen Gegebenheiten können dabei kognitiv-verhaltenstherapeutische oder psychoanalytische Verfahren zum Einsatz kommen (Kap. 8).
GruppentherapienEssstörungenGruppentherapieGruppentherapieEssstörungen haben sich v. a. bei anorektischenAnorexia nervosaGruppenpsychotherapie und adipösen PatientenAdipositasGruppenpsychotherapie bewährt, weil neben der gegenseitigen Unterstützung und der Wahrnehmung von Therapieerfolgen von den Gruppenteilnehmern auch ungünstige und therapiegefährdende Verhaltensmuster erkannt und angesprochen werden.
  • Bestandteile der kognitiven Verhaltenstherapie: Kognitive VerhaltenstherapieEssstörungenEssstörungenkognitive Verhaltenstherapie

    • Training der angemessenen Wahrnehmung eigener Gefühle und des Körpers

    • Analyse und Veränderung der Essgewohnheiten (z. B. mithilfe von Ernährungsprotokollen, Belohnungssystemen)

    • Erlernen sinnvoller Problemlösungsstrategien

    • Selbstkontrolltechniken (z. B. Stimuluskontrolle bei adipösen Patienten)

    • Korrektur dysfunktionaler Gedankenmuster

    • Soziales Kompetenztraining

  • Bestandteile der psychoanalytischen Therapie: Psychoanalytische TherapieEssstörungenEssstörungenpsychoanalytische Therapie

    • Analyse des Autonomie-Abhängigkeits-Konflikts

    • Bearbeitung der Probleme mit der Akzeptanz der Geschlechterrolle

    • Verbesserung der Beziehungsfähigkeit

Therapeutische Praxis

Psychologische Gemeinsamkeiten der Anorexie und Bulimie können sein:

  • Ausleben des Bedürfnisses nach Kontrolle und Disziplin über die Nahrung

  • Hungern als Protest gegen die Autorität der Eltern oder die Welt allgemein

  • Weigerung, so zu werden wie die Mutter

  • Leugnung des eigenen (weiblichen) Geschlechts

  • Weigerung, erwachsen zu werden

Weitere Verfahren, die sich bei essgestörten Patienten bewährt haben:
  • Interpersonelle TherapieInterpersonelle PsychotherapieBulimia nervosa (v. a. bei Bulimie)

  • Familientherapie

  • Kreative Therapien (z. B. Kunsttherapie)

  • Entspannungsverfahren

  • Körperorientierte Verfahren (z. B. Feldenkrais, Yoga)

  • SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppenEssstörungen (z. B. WeightWatchers)

Merke

Essgestörte Patienten können vom Heilpraktiker für Psychotherapie behandelt werden, wenn körperliche Ursachen für die Erkrankung ausgeschlossen sind, körperliche Komplikationen, die eine ärztliche Behandlung erforderlich machen, fehlen, der Schweregrad der Erkrankung eine ambulante Therapie erlaubt und keine bedrohlichen psychischen Komplikationen wie Suizidalität vorliegen. Der Heilpraktiker sollte aber unbedingt über ausreichende Therapieerfahrungen verfügen, weil die Krankheitseinsicht der Patienten meist gering und die Komplikationsrate hoch ist.

Medikamentöse Therapie

Medikamente stehen bei der Behandlung der Essstörungen nicht im Vordergrund. Eine Behandlung mit Antidepressiva EssstörungenAntidepressivaAntidepressivaEssstörungenkann bei depressiven Patienten sinnvoll sein. Bei adipösen Patienten kommen gelegentlich auch Medikamente zum Einsatz, die das Sättigungsgefühl steigern, den Grundumsatz erhöhen oder die Aufnahme von Nahrungsfetten im Darm hemmen.

Gut zu wissen In ganz seltenen Fällen kann bei extremer AdipositasMagenverkleinerung, operativeAdipositas nach Ausschöpfung aller konservativen Verfahren auch eine operative Magenverkleinerung indiziert sein. Dazu müssen die konservativen Therapien fachmännisch durchgeführt worden und langfristig erfolglos gewesen sein.

Verständnisfragen

  • Welche Krankheitsbilder werden zu den Essstörungen gezählt?

  • Welches Verhalten und welche Gedanken können auf eine Essstörung hinweisen?

  • Wodurch ist die Anorexia nervosa gekennzeichnet? Welche Gefahr besteht bei einer unbehandelten Anorexie?

  • Wie unterscheidet sich die Bulimie von der Anorexie?

  • Welche körperlichen Folgeerscheinungen können bei der Bulimie auftreten?

  • Essgestörte Patienten haben meist keine oder nur wenig Krankheitseinsicht. Welche Probleme bringen anorektische und bulimische Patienten meist in ärztliche Behandlung?

  • Was versteht man unter Adipositas? Welche körperlichen und psychosozialen Folgeerscheinungen sind bei adipösen Patienten häufig zu beobachten?

  • Wie erklärt sich das Zustandekommen von Anorexie, Bulimie und Adipositas?

  • Welche psychodynamischen und lerntheoretischen Überlegungen zur Entstehung von Essstörungen kennen Sie?

  • Welche Bedeutung hat die Familienstruktur bei essgestörten Patienten?

  • Welche Therapieoptionen gibt es für essgestörte Patienten? Wann ist eine stationäre Unterbringung und ggf. Sondenernährung erforderlich?

  • Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit eine essgestörte Patientin vom Heilpraktiker für Psychotherapie behandelt werden darf?

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