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B978-3-437-58303-2.00020-0

10.1016/B978-3-437-58303-2.00020-0

978-3-437-58303-2

Psychische Störungen des Kindes- und Psychische StörungenKindes- und JugendalterIntelligenzminderungEntwicklungsstörungenumschriebeneEntwicklungsstörungentiefgreifendeJugendalters

Tab. 20.1
Intelligenzminderung Leichte, mittelgradige oder schwere Intelligenzminderung
Entwicklungsstörungen Umschriebene Entwicklungsstörungen der Sprache und des Sprechens:
  • Artikulationsstörungen

  • Expressive Sprachstörung

  • Rezeptive Sprachstörung

  • Erworbene Aphasie bei Epilepsie

Umschriebene Entwicklungsstörungen der schulischen Fertigkeiten:
  • Lese- und Rechtschreibstörung

  • Rechenstörung

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen:
  • Frühkindlicher Autismus (oder Kanner-Syndrom)

  • Rett-Syndrom

  • Asperger-Syndrom

Verhaltens- und emotionale Störungen
  • Hyperkinetisches Syndrom (ADHS)

  • Störungen des Sozialverhaltens

  • Emotionale Störungen

  • Tic-Störungen

  • Störungen der Ausscheidungsfunktionen

  • Kindliche Fütterstörung

  • Stottern und Poltern

Einteilung des Intelligenzniveau, Einteilung (IQ-Werte)IQ (Intelligenzquotient)IntelligenzniveausLernbehinderungGrenzdebilität

Tab. 20.2
IQ-Wert Aussagewert Anteil (%)
100–91 Normal durchschnittliche Intelligenz
90–70 Übergangszone, niedrige Intelligenz oder Grenzdebilität, auch als Lernbehinderung bezeichnet
69–50 Leichte Intelligenzminderung 80
49–35 Mittelgradige Intelligenzminderung, frühere Bezeichnungen: Debilität, Imbezillität 12
34–20 Schwere Intelligenzminderung, früher: geistige Behinderung 7
< 20 Schwerste Intelligenzminderung, frühere Bezeichnung: Idiotie < 1

Kennzeichen der IntelligenzminderungKennnzeichenIntelligenzminderung

Tab. 20.3
Grad der Intelligenzminderung IQ Sprache Alltagsbewältigung Schule und Arbeit
Leicht 50–69 Verzögerte Entwicklung, normale Konversation noch möglich Meist volle Unabhängigkeit in der Selbstversorgung, aber verzögerte Entwicklung Schulschwierigkeiten, v. a. beim Lesen und Schreiben, für praktische Arbeit anlernbar
Mittel 35–49 Begrenzte Leistungsfähigkeit bei Sprachverständnis und -gebrauch, in extremer Ausprägung ist Verständigung nur über Handzeichen möglich Verzögerte Entwicklung der Unabhängigkeit bei der Selbstversorgung, häufig lebenslange Unterstützung nötig Deutlich reduzierte schulische Fähigkeiten, einfache praktische Tätigkeiten können verrichtet werden
Schwer 20–34 Basales Sprachverständnis und basaler Sprachgebrauch möglich, ggf. lernt Betroffener nicht sprechen Ausgeprägte motorische Ausfälle, Selbstständigkeit stark eingeschränkt, meist dauerhafte Betreuung und Pflege nötig Starke Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit
Schwerst < 20 Nonverbale Kommunikation nur noch in einfachster Form möglich Meist immobil, inkontinent und unfähig, Anweisungen zu verstehen und auszuführen, dauerhaft pflegebedürftig Spezielles Training kann in Einzelfällen zur Verrichtung einfachster Aufgaben unter Beaufsichtigung im Alltag führen

Kanner- und Asperger-Syndrom im AutismusfrühkindlicherDifferenzialdiagnoseAsperger-SyndromDifferenzialdiagnoseVergleichAutistische Psychopathie

Tab. 20.4
Unterscheidungskriterien Kanner-Syndrom (frühkindlicher Autismus) Asperger-Syndrom (autistische Psychopathie)
Geschlechterverhältnis Jungen : Mädchen: 3 : 1 Jungen : Mädchen: 8 : 1
Beginn Meist vor dem 30. Lebensmonat Kindergarten- und Schulalter; Auftreten der Beziehungsstörungen in der Regel ab etwa 3. Lj.
Intelligenz Oft unterdurchschnittlich Durchschnittlich bis überdurchschnittlich
Sprache Gestörte und verzögerte Sprachentwicklung; Eigentümlichkeiten im Sprechverhalten (verwaschen, unmoduliert, affektarm) Frühzeitige Sprachentwicklung, großer Wortschatz, kreatives Sprechen, Störung in der kommunikativen Funktion
Kontaktverhalten Umgebung ist wie nichtexistent Umgebung wirkt störend

Emotionale Störungen des Kindesalters nach ICD-TrennungsangstPhobische emotionale StörungEmotionale Störungenphobische10

Tab. 20.5
ICD-10-Klassifikation Störungsbild
F93.0 Emotionale Störung mit Trennungsangst
F93.1 Phobische emotionale Störung
F93.2 Störung mit sozialer Ängstlichkeit
F93.3 Emotionale Störung mit Geschwisterrivalität

Symptomatik des StotternsStottern und PolternsPoltern

Tab. 20.6
Stottern (F98.5) Poltern (F98.6)
  • Häufige Wiederholung oder Dehnung von Lauten, Silben und Wörtern

  • Häufiges Zögern und Innehalten mit Unterbrechung

  • Hohe Sprachgeschwindigkeit mit falscher Sprechflüssigkeit und beeinträchtigter Sprechverständlichkeit

  • Fehlerhafte Satzmuster

Kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankungen

  • 20.1

    Definition280

  • 20.2

    Intelligenzminderung (ICD-10: F7)280

    • 20.2.1

      Definition280

    • 20.2.2

      Symptomatik nach ICD-10281

    • 20.2.3

      Epidemiologie281

    • 20.2.4

      Ätiologie282

    • 20.2.5

      Therapie282

  • 20.3

    Entwicklungsstörungen (ICD-10: F8)282

    • 20.3.1

      Umschriebene Entwicklungsstörungen282

    • 20.3.2

      Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (ICD-10: F84)284

  • 20.4

    Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (ICD-10: F9)286

    • 20.4.1

      Definition286

    • 20.4.2

      Hyperkinetische Störung (ICD-10: F90)286

    • 20.4.3

      Störungen des Sozialverhaltens (ICD-10: F91)289

    • 20.4.4

      Emotionale Störungen (ICD-10: F93)290

    • 20.4.5

      Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (ICD-10: F94)290

    • 20.4.6

      Sonstige Verhaltens- und emotionale Störungen mit dem Beginn in der Kindheit und Jugend291

Kapitelübersicht

Zu den kinder- und jugendpsychiatrischen Psychische StörungenKindes- und JugendalterErkrankungen gehören drei Gruppen heterogener Störungsbilder: Intelligenzminderung, Entwicklungsstörungen sowie Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Neben der Legasthenie und der hyperkinetischen Störung gehören die emotionalen Störungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen des Kindesalters. Die Beurteilung von psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter setzt eine genaue Berücksichtigung der Lebensumstände der Betroffenen voraus. Das Wissen um normale Entwicklungsprozesse ist dabei genauso wichtig wie die Beachtung von genetischen Faktoren, Alter, Geschlecht sowie kulturellen und milieubedingten Einflüssen. Entscheidende Bestandteile der Diagnostik sind Eigen- und Fremdanamnese, genaue Verhaltensbeobachtung und testpsychologische Untersuchungen. Eine medizinische Abklärung potenzieller organischer Ursachen ist selbstverständlich Voraussetzung. Die Therapie sollte speziell geschultem Personal überlassen werden, das über ausreichende Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen verfügt. Die Diagnostik und Pharmakotherapie ist ausschließlich Fachärzten vorbehalten.

Definition

Die Kinder- und Kinder- und JugendlichenpsychiatrieJugendlichenpsychiatrie beschäftigt sich mit der Diagnose, Therapie und Prophylaxe von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lj. Dies umfasst u. a. auch die EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologie, die normale Entwicklungsabläufe beschreibt und erforscht, und die EntwicklungspathologieEntwicklungspathologie, die sich mit der Untersuchung und Beschreibung krankhafter Entwicklungen beschäftigt.
Bei der Beurteilung psychischer Beeinträchtigungen und Erkrankungen von Kindern ist ein wesentlicher Faktor die Berücksichtigung der jeweiligen Lebensumstände eines Kindes. Gleichzeitig sollten folgende Punkte nicht außer Acht gelassen werden:
  • Genetische Faktoren

  • Alter und Geschlecht

  • Normalentwicklung

  • Kulturelle und milieubedingte Einflüsse

  • Eigengesetzlichkeit der Störung

  • Entwicklungsprozesse (Reifung und Lernen)

In der ICD-10 werden die kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen in drei Kapitel unterteilt (Tab. 20.1), die im Folgenden detailliert beschrieben werden:
  • Intelligenzminderung (F7) Intelligenzminderung

  • Entwicklungsstörungen (F8) Entwicklungsstörungen

  • Verhaltens- VerhaltensstörungenKindes- und Jugendalterund emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Emotionale StörungenKindes- und JugendalterJugend (F9)

Intelligenzminderung (ICD-10: F7)

Definition

Die IntelligenzminderungIntelligenzminderung ist eine von Kindesalter an bestehende unterdurchschnittliche allgemeine intellektuelle Leistungsfähigkeit unterschiedlichster Genese. Sie ist angeboren oder während der Geburt erworben. Gehen ausgebildete intellektuelle Fähigkeiten wieder verloren, spricht man von DemenzDemenz. Die Intelligenz wird bekanntermaßen nach dem sog. Intelligenzquotienten (IQ) gemessen (Tab. 20.2). Intelligenzminderungen beginnen bei einem IQ < 70.
Synonyme: OligophrenieOligophrenie, SchwachsinnSchwachsinn, ImbezillitätImbezillität, geistige Geistige BehinderungBehinderungBehinderung, geistige, MinderbegabungMinderbegabung

Therapeutische Praxis

Der Begriff „Schwachsinn“Schwachsinn hat historische Bedeutung, sollte jedoch wegen seiner abwertenden und negativen Konnotation im klinischen Alltag nicht verwendet werden!

Die Intelligenz ist ein komplexes Konstrukt, das sich aus einer Reihe von Fertigkeiten (z. B. Sprechen, Rechnen, motorische und soziale Fähigkeiten) zusammensetzt. Auch bei schweren Intelligenzminderungen können die einzelnen Bereiche der Intelligenz unterschiedlich stark betroffen sein. Die Einschätzung der Intelligenz sollte sich daher nicht allein auf eine Kategorie beschränken, sondern alle möglichen Informationen wie z. B. körperliche oder psychische Störungen, kulturellen Hintergrund, Anpassungsfähigkeiten oder klinisches Bild einbeziehen. Der IQ ist dabei ebenfalls nur als ein Richtwert zu sehen.

Gut zu wissen Die frühkindliche Hirnschädigung ist eine Form des organischen Psychosyndromorganischesfrühkindliche HirnschädigungOrganisches PsychosyndromHirnschädigung, frühkindlichePsychosyndroms (Kap. 9), bei dem das Gehirn vor seiner Ausreifung exogen geschädigt wird.

Dieses Erklärungsmodell geht davon aus, dass minimale Schädigungen zwar zu Funktionsstörungen führen, aber keine nachweisbaren Veränderungen im Gehirn gefunden werden können. Da es sich um ein Erklärungsmodell handelt und nicht um eine klar umschriebene Diagnose, ist verständlich, dass epidemiologische Daten stark schwanken und in ihrer Aussagekraft fragwürdig sind. Die Schädigung erfolgt zwischen dem 6. Schwangerschaftsmonat und dem 2. Lj. Betroffen ist in erster Linie das Großhirn, dessen neuronale Struktur erst zu Beginn des 2. Lj. fertig ausgebildet ist, und damit der Bereich der Wahrnehmung und der Sensorik. Das klinische Bild ist durch Störungen in drei Funktionsbereichen gekennzeichnet:

  • Störungen auf neuromotorischer Ebene (z. B. Koordinationsschwäche, Haltungs- und Tonusschwäche)

  • Störungen auf neurokognitiver Ebene (z. B. Aufmerksamkeitsdefizit, Störung der Wahrnehmung, Sprachentwicklungsstörung)

  • Störungen im Verhalten (z. B. Hyperaktivität, Stimmungslabilität, Impulsivität)

Synonyme: frühkindlich Hirnfunktionsstörung, frühkindlich erworbeneerworbene Hirnfunktionsstörung,Frühkindlich erworbene Hirnfunktionsstörung Minimal Brain Dysfunction (MSD)MSD (Minimal Brain Dysfunction)Minimal Brain Dysfunction (MSD), frühkindliches exogenes Psychosyndromfrühkindliches exogenesFrühkindliches exogenes PsychosyndromPsychosyndrom

Symptomatik nach ICD-10

Die Symptomatik der IntelligenzminderungICD-10IntelligenzminderungICD-10Intelligenzminderung nach Ausprägungsgrad ist in Tab. 20.3 zusammengefasst.

Epidemiologie

Der Anteil der von Intelligenzminderung Betroffenen an der Gesamtbevölkerung beträgt ca. 2–3 %; schwere Formen finden sich in weniger als 1 % der Fälle. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen, etwa im Verhältnis 3 : 2. Neben der Intelligenzminderung bestehen häufig weitere körperliche oder psychische Beeinträchtigungen.
In sozialen Unterschichten herrscht Intelligenzminderung häufiger vor als in anderen sozialen Schichten; 60 % der Nachkommen zweier intelligenzgeminderter Elternteile sind oligophren, bei Intelligenzminderung eines Elternteils sind dies 30 %.

Merke

Das Risiko, bei Intelligenzminderung an einer psychischen Psychische StörungenIntelligenzminderungIntelligenzminderungpsychische StörungenStörung zu erkranken, ist um den Faktor 3–4 erhöht.

Ätiologie

In den meisten Fällen (> 50 %) lassen sich keine Ursachen finden. Bei etwa 15 % liegt ein genetischer DefektIntelligenzminderunggenetischer Defekt vor. Folgende Ursachen kommen für eine Intelligenzminderung infrage:
  • Infektionen des ZNS vor oder nach der Geburt (z. B. HIV, Röteln in der Schwangerschaft)

  • Chromosomenschädigung (z. B. Down-Syndrom) oder Erbkrankheiten

  • Toxische Schädigungen durch Alkohol-, Drogen- und Medikamentenkonsum der Mutter während der Schwangerschaft

  • Geburtsschäden durch Komplikationen wie Beckenlage, Nabelschnurumschlingung oder Zangengeburt

  • Frühgeburten mit sehr niedrigem Geburtsgewicht

  • Schädigungen durch Blutgruppenunverträglichkeiten

  • Stoffwechselerkrankungen

  • Hirntumoren, Epilepsien

  • Schädel-Hirn-Trauma durch Unfälle (Sturz vom Wickeltisch, Misshandlungen)

Therapie

Die Behandlung von IntelligenzminderungIntelligenzminderung im heilenden Sinne ist in der Regel nicht möglich. Ausnahmen sind z. B. Stoffwechselerkrankungen, bei denen durch gezielte Diät oder Nahrungsmittelergänzung die Ursache der Intelligenzminderung beseitigt werden kann. Ziel der Therapie sollte die frühkindliche Entwicklungsförderung sein, bei der die eigenständige Lebensführung so weit wie möglich gefördert wird. Den Betroffenen sollte ein geeigneter Lebensraum zur Verfügung stehen, damit sie mit ihren Defiziten umgehen lernen und ihre Fertigkeiten stärken können. Dies können spezialisierte Einrichtungen oder bei schwerster Intelligenzminderung auch Heime sein. Die Betroffenen sollten vor Reizüberflutung, Überforderung und Diskriminierung geschützt werden. Bei frühkindlicher Hirnschädigung kommen krankengymnastische Maßnahmen und Medikamente zum Einsatz.

Entwicklungsstörungen (ICD-10: F8)

Umschriebene Entwicklungsstörungen

Definition
Bei den umschriebenen EntwicklungsstörungenEntwicklungsstörungenEntwicklungsstörungenumschriebene liegen einzelne Leistungsbereiche des Kindes oder Jugendlichen unter dem Niveau seiner gewöhnlichen intellektuellen Möglichkeiten. Es handelt sich nicht um eine allgemeine Intelligenzminderung. Die Intelligenz kann normal bis überdurchschnittlich sein, wobei es zu partiellen Leistungsschwächen des Gehirns kommt, zu sog. Teilleistungsschwächen oder -störungenTeilleistungsschwächen. Die Funktionen dieser Teilbereiche der Intelligenz (z. B. in kognitiven, sensomotorischen und anderen Bereichen) sind dabei herabgesetzt.
Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache
Artikulationsstörungen (ICD-10: F80.0)
Es handelt sich um Fehler in der ArtikulationsstörungenBildung bestimmter Laute, die eine Verständigung erschweren. Die Auffälligkeiten liegen außerhalb des altersentsprechenden Normbereichs. Bei normalen sprachlichen Fähigkeiten und normaler Intelligenz treten deutlich störende Fehler wie Auslassung, Verzerrung und Ersetzen von Lauten auf.
Zu den Artikulationsstörungen gehören z. B. Lallen und Stammeln. 2–3 % der 6- bis 7-Jährigen weisen eine schwere Artikulationsstörung auf. Die Diagnose wird meist zwischen dem 3. und 6. Lj. gestellt. Der Verlauf hängt von der Schwere der Artikulationsstörung ab und kann sehr unterschiedlich sein. Die Unterstützung durch das soziale Umfeld und eine rechtzeitig einsetzende logopädische Therapie können deutliche Verbesserungen erbringen. Leichtere Fälle können sich auch ohne Therapie zurückbilden.
Synonyme: LallenLallen, StammelnStammeln, DyslalieDyslalie, phonologische EntwicklungsstörungPhonologische Entwicklungsstörung, funktionelle ArtikulationsstörungFunktionelle Artikulationsstörung, entwicklungsbedingte ArtikulationsstörungEntwicklungsbedingte Artikulationsstörung

Merke

Im Alter von 4 Jahren sind Fehler bei der Lautbildung noch durchaus üblich. Statt „ich komme“ heißt es dann ich „ich tomme“ oder „Saf“ statt „Schaf“, oder „Ose“ statt „Hose“. Eine Kommunikation ist meist trotzdem möglich, und auch Fremde können das Gesagte verstehen. Erst mit ca. 11 Jahren werden alle Sprachlaute fehlerfrei beherrscht. Bei der Diagnostik einer Artikulationsstörung muss neben der Ausprägung der Störung in jedem Fall die Altersnorm berücksichtigt werden.

Expressive Sprachstörung (ICD-10: F80.1)
Eine umschriebene Störung der gesprochenen Sprache, bei der aktiver Wortschatz, verwendete Grammatik und Ausdrucksfähigkeit deutlich unter dem Intelligenzniveau des Kindes und der Altersnorm liegen, wird als expressive SprachstörungenexpressiveSprachstörungExpressive Sprachstörung bezeichnet. Erste Hinweise auf eine derartige Störung ergeben sich, wenn 2-Jährige keine Wörter oder Wortgebilde formen und 3-Jährige keine Zwei-Wort-Sätze (z. B. „Will trinken“, „Mami kommt“) beherrschen. Elternberatung und rechtzeitige logopädische Therapie können zur Verbesserung der Störung beitragen.
Synonyme: entwicklungsbedingte DysphasieDysphasieentwicklungsbedingte, Aphasie vom expressiven TypAphasieexpressive

Merke

Um die Diagnose einer expressiven Sprachstörung zu stellen, sollte die Störung des Sprachgebrauchs ab dem Kleinkindalter ohne eine deutlich längere Phase von normalem Sprachgebrauch vorhanden gewesen sein. Ansonsten müssen Differenzialdiagnosen wie z. B. die erworbene Aphasie bei Epilepsie oder ein elektiver Mutismus erwogen werden.

Rezeptive Sprachstörung (ICD-10: 80.2)
Bei der rezeptiven SprachstörungenrezeptiveSprachstörungRezeptive Sprachstörung ist das Sprachverständnis gestört. Eine rezeptive Sprachstörung ist in der Regel von einer expressiven Sprachstörung begleitet, und häufig finden sich auch Störungen der Wort-Laut-Produktion. Die Betroffenen sind nicht in der Lage, grammatikalische Strukturen zu verstehen (z. B. Verneinungen, Fragen oder Vergleiche), und ihnen fehlt das Verständnis für subtilere Aspekte der Sprache (z B. Stimmlage, Gestik). Erste Anzeichen für eine rezeptive Sprachstörung sind die fehlende Reaktion auf vertraute Namen nach dem 1. Lj., die Unfähigkeit, mit 18 Monaten wenigstens einige häufig vorkommende Gegenstände zu benennen und mit 2 Jahren einfachen Routineaufforderungen nachzukommen. Auch hier spielen die Elternberatung und die logopädische Therapie eine entscheidende Rolle.

Merke

Auch bei der rezeptiven Sprachstörung darf die Diagnose nur gestellt werden, wenn die Störung außerhalb der Altersnorm für die Entwicklung des Sprachverständnisses liegt und die Intelligenz unbeeinträchtigt ist.

Synonyme: DysphasierezeptiveDysphasieAphasierezeptive oder Aphasie vom rezeptiven Typ, WorttaubheitWorttaubheit

Therapeutische Praxis

Die rezeptive Sprachstörung lässt sich gegenüber dem AutismusDifferenzialdiagnoseAutismus durch folgende Aspekte abgrenzen: Die Betroffenen haben meist einen normalen sozialen Austausch, wenden sich in normalem Maß an die Eltern, beschäftigen sich mit „So-tun-als-ob“-Spielen und ihre nonverbale Kommunikation ist nicht stärker eingeschränkt.

Erworbene Aphasie mit Epilepsie
Bei der erworbenen Aphasie mit Epilepsie Epilepsie/epileptische AnfälleAphasie, erworbeneAphasieerworbene mit Epilepsieist der Beginn der rezeptiven und auch expressiven Sprachstörungen von Auffälligkeiten im EEG begleitet. Meist entwickeln sich parallel auch epileptische Anfälle, wobei zwischen dem Auftreten der Anfälle und der Sprachstörung bis zu 2 Jahre liegen können (Kap. 22). Die Sprachfertigkeiten können schlagartig verloren gehen oder sich über Monate verschlechtern. Dabei kann die Ausprägung vom völligen Verstummen bis zum leichten Defizit der Sprachproduktion variieren. Die erworbene Aphasie tritt meist im Alter von 3–7 Jahren auf; ein Zusammenhang mit einem entzündlichen Prozess des Gehirns wird diskutiert. Etwa zwei Drittel der Erkrankten behalten einen unterschiedlich stark ausgeprägten rezeptiven Sprachdefekt, beim restlichen Drittel kann die Störung vollständig ausheilen.

Gut zu wissen Die erworbene Aphasie mit Epilepsie wird auch als Landau-Kleffner-Landau-Kleffner-SyndromSyndrom bezeichnet.

Sonstige Störungen des Sprechens oder der Sprache (ICD-10: F08.8)
Unter dieser Kategorie wird das LispelnLispeln, der sog. „SigmatismusSigmatismus, eingeordnet. Der Sigmatismus bezeichnet eine Lautbildungsstörung für den Laut „s“.
Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Leistungen (ICD-10: F81)
Es handelt sich bei den umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Schulische Leistungen, EntwicklungsstörungenLeistungenEntwicklungsstörungenschulische Leistungen um Störungen in frühen Entwicklungsstadien, die als TeilleistungsschwächenTeilleistungsschwächen bezeichnet werden. Als Ursache werden Beeinträchtigungen der kognitiven Informationsverarbeitung vermutet. Die Störungen sind also nicht Folge einer erworbenen Hirnschädigung oder einer Krankheit, und sie sind auch nicht dadurch verursacht, dass das Kind zu wenig Gelegenheit zum Lernen hat. Die primären biologischen Faktoren (kognitive Fehlverarbeitung) können aber mit nichtbiologischen Faktoren wie der Gelegenheit zum Lernen, der Unterstützung beim Lernen und der Qualität des Unterrichts zusammenwirken und die Symptomatik erzeugen. Jungen sind davon häufiger betroffen als Mädchen.
Lese- und Rechtschreibstörung (ICD-10: F81.0)

Fall

Legasthenie – Lesen bereitet Bauchschmerzen

Die 8-jährige Sarah Lese- und RechtschreibstörungFallbeispielwird vom Kinderarzt in die kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz überwiesen. Sie sei bis zum Schulanfang ein fröhliches und altersgemäß entwickeltes Mädchen gewesen. In der 1. Klasse hätten Schwierigkeiten mit dem Erwerb des Lesens und Schreibens eingesetzt, obwohl sowohl die Lehrerin als auch die Mutter sie dabei sehr unterstützt hätten. Auffällig ist, dass Sarah dieselben Wörter auf derselben Seite sehr unterschiedlich schreibt und sogar Unsicherheiten dabei zeigt, ein Wort vom anderen abzuschreiben. Bei solchen Übungen träten häufig Fehler auf. In allen übrigen Fächern zeige sie nach Angaben der Eltern dagegen sehr gute Leistungen und beteilige sich auch aktiv und interessiert am Unterricht. Inzwischen zögen sich die Lese- und Schreibprobleme schon über 2½ Jahre hin, und Sarah habe immer weniger Freude an der Schule. Die Eltern äußern sich sehr besorgt, denn sie schlafe in letzter Zeit zudem häufig schlecht, und morgens nach dem Aufstehen klage sie sehr oft über Bauchweh, sodass sie manchmal nicht in die Schule gehen könne. Körperlich, so habe der Hausarzt den Eltern bescheinigt, sei das Mädchen aber ganz gesund.
Die Lese- und RechtschreibstörungRechtschreibstörung (LRS)Lese- und Rechtschreibstörung ist durch erschwertes Lesen und verzögertes Lesenlernen sowie häufige Rechtschreibfehler bei durchschnittlicher bis überdurchschnittlicher Intelligenz und sonst normalen Schulleistungen gekennzeichnet.
Synonyme: LegasthenieLegasthenie, EntwicklungsdyslexieEntwicklungsdyslexie
Die Symptome der LRS nach ICD-10 sind:
  • Anfangs Schwierigkeiten beim Aufsagen des Alphabets

  • Fehler beim Vorlesen

    • Auslassen, Ersetzen, Verdrehen oder Hinzufügen von Worten oder Wortteilen

    • Niedrige Lesegeschwindigkeit

    • Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile, ungenaues Phrasieren des Textes

    • Vertauschen von Wörtern im Satz oder Buchstaben im Wort

  • Gestörtes Leseverständnis (Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben)

  • Im späteren Kindes- und Erwachsenenalter Dominanz der Rechtschreibschwäche

Bei Kindern tritt häufig ein zusätzliches AufmerksamkeitsdefizitAufmerksamkeitsstörungenLese- und Rechtschreibschwäche auf, das von Überaktivität und Impulsivität begleitet ist. Diese Verhaltens- und emotionalen Störungen führen auch zu einem beeinträchtigten Sozialverhalten. Als eine Ursache werden eine fehlerhafte Informationsverarbeitung aufgrund einer neurobiologischen Störung sowie eine genetische Disposition diskutiert. Die genauen Ursachen sind unbekannt.
Die LRS ist die häufigste Entwicklungsstörung des Kindesalters. Etwa 6 % aller Kinder leiden an einer Legasthenie, wobei Jungen um den Faktor 3–4 häufiger betroffen sind als Mädchen. Die Legasthenie verläuft chronisch, aber durch gezielte und rechtzeitige Therapie kann das Ausmaß der Beeinträchtigung deutlich reduziert werden. Speziell geschulte Therapeuten können über einen Legasthenie-TestLegasthenieTest ein entsprechendes Förderprogramm einleiten. So ist auch der Besuch einer höheren Schule möglich. Häufig suchen sich die Betroffenen später einen Beruf, bei dem ihre Störung nicht ins Gewicht fällt.
Rechenstörung (ICD-10: F81.2)
Die RechenstörungRechenstörung oder Dyskalkulie Dyskalkuliebezeichnet eine unter der alters- und schulbedingten Norm liegende Leistungsfähigkeit im Rechnen. Betroffen sind die Grundrechenarten. Es handelt sich um eine sehr seltene Funktionsstörung (< 1 %).
Zu den Symptomen zählen:
  • Unvermögen, die bestimmten Rechenoperationen zugrunde liegenden Konzepte zu verstehen, und ein Mangel im Verständnis mathematischer Ausdrücke oder Zeichen

  • Nichtwiedererkennen numerischer Symbole sowie die Schwierigkeit, Standardrechenschritte auszuführen

  • Nichterfassung der Relationen von Zahlen zueinander (mehr/weniger, Vielfaches, vergleichen), mangelnder räumlicher Aufbau von Berechnungen, Nichtbeherrschen des Einmaleins

Im Intelligenztest finden sich häufig Störungen der visuell-räumlichen Leistungen und Minderungen im Handlungsteil. Die frühzeitige Diagnose und das zeitnahe Einleiten eines spezialisierten und gezielten Übungsprogramms ermöglicht es den Betroffenen, Defizite auszugleichen und im Schulalltag besser zurechtzukommen.
Diagnostik
Zur Diagnostik gehören eine ausführliche Eigen- und Fremdanamnese, eine genaue Verhaltensbeobachtung sowie testpsychometrische Untersuchungen (z. B. standardisierte Intelligenzmessung, spezielle Lesetests). Organische Ursachen für die Auffälligkeiten müssen durch eine gründliche medizinische Untersuchung ausgeschlossen werden.
Krankheitsverlauf und Epidemiologie
Beim Verlauf gilt grundsätzlich, dass leichtere umschriebene Entwicklungsstörungen günstiger verlaufen und eine bessere Heilungsprognose haben als schwere.
Etwa 5–7 % der Kinder aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten bei sonst normaler oder überdurchschnittlicher Intelligenz zeigen Teilleistungsschwächen im verbalen oder nichtverbalen Bereich.Teilleistungsschwächenim verbalen oder nichtverbalen Bereich
Ätiologie
Die Entstehungsfaktoren der umschriebenen Entwicklungsstörung sind häufig unklar. Bekannt sind genetische und neuropsychologische Zusammenhänge; oft können jedoch keine zuverlässigen ätiologischen Aussagen gemacht werden.
Therapie
Lese- und RechtschreibstörungTherapieDie Behandlung der oben genannten Störungen der SprachentwicklungSprachentwicklungsstörungen erfolgt in der Regel durch gezielte Übungsprogramme, oft auch im Rahmen einzel- oder familientherapeutischer Verfahren, um Selbstwertverständnis und Beziehungsfähigkeit zu stärken. Es gilt insbesondere symptomverstärkende Einflüsse sowie Kritik am Sprechverhalten durch das Umfeld abzubauen. Zur Anwendung kommen Verfahren aus der Logopädie, Spiel- und Verhaltenstherapie, Heil- und Sprachheilpädagogik.
Die Behandlung von LegasthenieLegasthenie und DyskalkulieDyskalkulie erfolgt über spezifisch geeignete Übungs- und Trainingsprogramme, z. B. Funktionstraining zur Besserung der Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit, Lese- und Rechtschreibtraining sowie Einüben von Rechenoperationen. Zusätzlich können eine psychotherapeutische Behandlung und eine Elternberatung sinnvoll sein.

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (ICD-10: F84)

Definition
Von den umschriebenen EntwicklungsstörungenEntwicklungsstörungentiefgreifende abgegrenzt werden sog. tiefgreifende EntwicklungsstörungenTiefgreifende Entwicklungsstörungen. Darunter versteht man schwere, tief in die Persönlichkeit des Kindes eingreifende Beeinträchtigungen, die gleich mehrere Entwicklungsbereiche in qualitativer und quantitativer Hinsicht und in erheblichem Ausmaß betreffen. Beeinträchtigt sind meistens:
  • Kommunikation und Interaktion

  • Aktivität und Interessen

Die stereotypen, eingeschränkten Verhaltensweisen und die kognitiven Beeinträchtigungen bestehen in der Regel seit frühester Kindheit.
Frühkindlicher Autismus (ICD-10: F84.0)
Der frühkindliche AutismusFrühkindlicher AutismusAutismusfrühkindlicher ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich bereits in den ersten 3 Lebensjahren manifestiert. Es handelt sich um einen krankhaften Zustand von Selbstbezogenheit und sozialem Rückzug, wobei Sprache, Kontaktaufnahme, Empathie, Interessen und Entwicklungsfähigkeit gestört sind.
Synonyme: autistische Störung, Kanner-Syndrom, infantiler AutismusInfantiler Autismus
Kennzeichen des frühkindlichen AutismusAutismusfrühkindlicherKennzeichen sind:
  • Extremes Abkapseln von der Umwelt (starke Selbstbezogenheit), ritualisiert erfolgende Kontaktaufnahme, kein Blickkontakt

  • Unfähigkeit, soziale und emotionale Signale adäquat zu deuten und zu beantworten

  • Frühe Störung der Sprachentwicklung (Sprache bleibt unmoduliert, affektarm)

  • Stereotype Verhaltensmuster, ritualisierte Handlungsabläufe, starre Beschäftigung mit bestimmten Interessen (z. B. Daten, Fahrtrouten) oder motorische Stereotypien (z. B. Riechen oder Tasten von bestimmten, häufig harten Objekten)

  • Ausgeprägte Veränderungsangst, sobald sich das vorliegende Umfeld nur geringfügig ändert

  • Häufig Wutausbrüche und Aggressionen, Selbstverletzungen (Beißen)

  • Unspezifische Symptome wie Phobien, Schlafstörungen, Essstörungen

Gut zu wissen Bei einem Drittel der an frühkindlichem Autismus Erkrankten besteht zusätzlich eineAutismusfrühkindlicherIntelligenzminderung IntelligenzminderungAutismus, frühkindlicherIntelligenzminderung.

Die Störung gehört zu den bekanntesten psychiatrischen Störungen des Kindesalters, ist insgesamt aber selten (ca. 3–5 auf 10 000 Kinder). Sie tritt in den unterschiedlichsten sozialen Schichten auf. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.
Aufgrund einer Vielzahl von zerebralen Auffälligkeiten werden hirnorganische Ursachen vermutet, aber auch anlagebedingte oder erworbene Störungen kognitiver Entwicklung werden erforscht und diskutiert.
Die Diagnose erfolgt mithilfe von Fremdbeobachtungs- und Beurteilungsskalen. Differenzialdiagnostisch sollten zunächst ausgeschlossen werden: AutismusfrühkindlicherDifferenzialdiagnose
  • Andere tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Asperger- und Rett-Syndrom

  • Infantile Demenz- und Degenerationssyndrome

  • Komplizierte Sprachstörungen (Aphasien)

  • Umschriebene Entwicklungsstörungen

  • Komplexe Zwangsstörungen

AutismusfrühkindlicherTherapieIn der Therapie des frühkindlichen Autismus wird die normale Entwicklung unterstützt und die Lernfähigkeit gefördert. Es gilt, die Fähigkeit der Kontaktaufnahme und eine möglichst weitgehende selbstständige Bewältigung des Alltags mit stützenden Maßnahmen zu trainieren: Unterstützung der Familie in der Alltagsbewältigung, Sprach- und Lernförderung, gezielte Aktivitäten mit Gleichaltrigen und Verbesserung des sozialen Verhaltens. Der Autismus selbst kann nicht erfolgreich mit Medikamenten behandelt werden.

Gut zu wissen Die oben beschriebene Störung wird auch Kanner-SyndromKanner-Syndrom genannt. In Abgrenzung hierzu findet sich eine Störung mit der Bezeichnung Asperger-Asperger-SyndromSyndrom (Tab. 20.4).

Rett-Syndrom (ICD-10: F84.2)
Das Rett-SyndromRett-Syndrom wurde erstmalig 1966 von dem Wiener Arzt und Jugendpsychiater Andreas Rett beschrieben. Es ist eine angeborene, X-chromosomal vererbte neurodegenerative Erkrankung, die sich durch stereotype Bewegungsmuster und autistisches Verhalten auszeichnet. Die Erkrankung tritt nur bei Mädchen auf. Sie lässt sich durch den charakteristischen Beginn und Verlauf und das Symptomenmuster differenzieren. Eines von 15 000–20 000 Kindern erkrankt.
Typischerweise folgt einer scheinbar normalen oder weitgehend normalen frühen Entwicklung ein teilweiser oder vollständiger Verlust von erworbenen Fähigkeiten im Gebrauch der Hände und der Sprache, zusammen mit einer Verlangsamung des Kopfwachstums zwischen dem 7. und 24. Lebensmonat.
Symptome im 7.–24. Lebensmonat:
  • Vollständiger oder teilweiser Verlust der Sprache

  • Verlust zielgerichteter Handbewegungen und feinmotorischer Fähigkeiten

  • Charakteristische stereotype wringende „Handwaschbewegungen“ vor dem Oberkörper

  • Mangelhaftes Kauen

  • Hyperventilation

  • Verlangsamung des Kopfwachstums, Kleinwuchs

  • Verlust des sozialen Interesses (kaum noch Augenkontakt)

Symptome nach dem 2. Lj.:
  • Starre Spastik, in der Regel mehr an den unteren als an den oberen Extremitäten

  • Skoliose

  • Spinale Atrophie mit starken motorischen Einschränkungen

  • Epileptische AnfälleEpilepsie/epileptische AnfälleRett-Syndrom (Beginn vor dem 8. Lj.)

Merke

Beim Rett-Syndrom sind im Gegensatz zum Autismus Selbstschädigendes VerhaltenRett-SyndromSelbstbeschädigungen und komplexe stereotype Stereotype Bewegungen, Rett-SyndromBewegungen oder Gewohnheiten selten.

Die Erkrankung führt in der Regel zu einer mehrfachen Behinderung und macht die Unterbringung in einer speziellen Pflegeeinrichtung nötig. Eine kausale Therapie gibt es nicht, die meisten Betroffenen versterben vor dem 40. Lj.
Asperger-Syndrom (ICD-10: F84.5)
Beim Asperger-SyndromAsperger-Syndrom ist die Intelligenz normal entwickelt oder sogar besonders ausgeprägt. Die Sprachentwicklung erfolgt früh (oft noch vor dem Laufen) und ist auffällig differenziert. Gleichzeitig liegt ein eingeschränktes Repertoire stereotyper Interessen und Aktivitäten vor. Die Beziehungsfähigkeit ist wie beim frühkindlichen Autismus gestört.
Synonyme: schizoide Störung im KindesalterSchizoide Störung im Kindesalter, autistische PsychopathieautistischePsychopathie
Es gibt keine genauen epidemiologischen Daten. In der Ursachenforschung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine genetische Disposition mit hirnorganischen Anteilen (u. a. aufgrund von epileptischen Anfällen) angenommen. Die Krankheit ist im Vergleich zum Kanner-Syndrom erheblich schwächer ausgebildet und hat eine bessere Prognose. Eine Überschneidung beider Krankheitsmuster ist möglich.

Merke

Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus sind beim Asperger-Syndrom Sprachentwicklung und kognitive Fähigkeiten nicht beeinträchtigt!

Die Diagnosestellung erfolgt klinisch. Differenzialdiagnostisch sind auszuschließen:
  • Kindliche Schizophrenie und Hospitalismus (Schädigungen nach Krankenhaus- oder Heimaufenthalten)

  • Entwicklungs- und Bindungsstörungen

  • ZwangsstörungenZwangsstörungenAsperger-Syndrom

  • DeprivationDeprivation, Asperger-Syndrom: keine emotionale Kontaktfähigkeit zur Mutter (oder Primärperson) mit schweren psychischen Folgen

Therapeutisch wird beim Asperger-Syndrom eine frühzeitige sensomotorische Übungsbehandlung empfohlen, um Empfinden und Feinmotorik zu entwickeln. Eine strukturierte Ausrichtung der Umgebung, in der das betroffene Kind lebt, ist ebenso von Vorteil wie die Minderung von familiären Belastungen und Fehlhaltungen. Es wird versucht, das soziale Verhalten des Kindes günstig zu beeinflussen und Stereotypien zu reduzieren. Eine klassische psychotherapeutische Behandlung ist nicht möglich, weil meistens die Krankheitseinsicht fehlt. Versuche einer medikamentösen Behandlung zeigen nur wenig Erfolg.
Sonstige desintegrative Störungen des Kindesalters
Desintegrative Störung/Psychose des KindesaltersEine tiefgreifende Entwicklungsstörung des Kindesalters, bei der eine normale Entwicklung dem Verlust erworbener Fähigkeiten im kognitiven Bereich, im sozialen und kommunikativen Verhalten vorangeht und die sich innerhalb von wenigen Monaten entwickelt, nennt man Dementia infantilisDementiainfantilis.
Synonyme für die desintegrative Störung des Kindesalters: Heller-SyndromHeller-Syndrom, desintegrative PsychosePsychosen/psychotische Störungendesintegrative
Der Beginn des fortschreitenden intellektuellen Abbaus beginnt etwa im 3. bis 4. Lj. nach zunächst normaler Entwicklung. Als Symptome treten auf: zunehmende Schreckhaftigkeit, Unruhe, affektive Verstimmungen, Wahnvorstellungen und Zwänge mit Wesensänderung, „PuppengesichtPuppengesicht“; etwa 50 % der Betroffenen sind im Endzustand unfähig, sich sprachlich auszudrücken. Der Prozess verläuft über 9–12 Monate mit mittlerer bis schwerer Intelligenzminderung ohne Remission.

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (ICD-10: F9)

Definition

Als VerhaltensstörungenVerhaltensstörungenKindes- und Jugendalter im Rahmen der Kinder- und Jugendpsychiatrie bezeichnet man auffällige, von der Norm stark abweichende, emotional und sozial störende Verhaltensweisen, schwere Erziehbarkeit, Dissozialität, kindliche Neurosen und Affektstörungen.

Hyperkinetische Störung (ICD-10: F90)

Fall

Hyperkinetische Störung – „Der Klassenkasper“

Hyperkinetische StörungADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)FallbeispielLuis wird auf Anraten der Schulpsychologin von seiner Mutter zum Kinder- und Jugendpsychiater gebracht. Er ist 7 Jahre alt und besucht die 1. Klasse einer Grundschule. Luis' Klassenlehrerin beklagt, dass er im Unterricht nicht stillsitzen könne, ständig störe und die anderen Schüler vom Unterricht abhalte. Aber nicht nur das „Herumkaspern“ sei ein Problem; in den Pausen sei er regelmäßig Anstifter von Raufereien und Streitereien. Kollegen hätten sich schon bei ihr beschwert, weil Luis schnell „explodiere“ und dann auch gegenüber den Lehrern sehr frech würde. Die Mutter berichtet, dass Luis, seit er laufen könne, ein sehr aktives Kind sei. Im Vergleich zu seinen Geschwistern (einer 2 Jahre älteren Schwester und einem 5 Jahre älteren Bruder) habe er kaum „Sitzfleisch“. Er habe keinen Spaß am Puzzeln oder Malen, da werde er rasch ungeduldig und lasse sich von anderen Sachen leicht ablenken. Im Waldkindergarten, den er besucht habe, hätten die Erzieherinnen nur bemerkt, dass er sehr lebhaft sei und einen großen Bewegungsdrang habe. Auch dass er schnell „emotional“ reagiere, sei ihnen aufgefallen, aber sie haben das nicht als bedenklich empfunden. Die Mutter nehme ihn oft zu ihrer Arbeitsstelle mit, sie arbeitet auf einem Pferdehof, da habe er viel Raum zum Austoben, und das tue ihm gut. Sie erkenne sich in ihrem Sohn wieder; auch sie sei in der Schule immer als zu „laut“, „frech“ und „umtriebig“ gerügt worden und habe die Schule wegen schlechter Leistungen vorzeitig abgebrochen. Erst seit sie ihr Hobby zum Beruf gemacht habe, regelmäßig reiten und sich in frischer Luft bewegen könne, habe sich vieles verbessert. Auch die Unerschrockenheit, die Luis zeige, kenne sie von sich selbst. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern klettere er überall herum und habe keine Angst vor großen Höhen. Allerdings habe er sich schon mehrfach verletzt, als er vom Baum und einem Dach gefallen sei.
Definition
Die hyperkinetische Störung ist besser bekannt unter dem Begriff Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitätsstörungAufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)Das hyperkinetische Syndrom ist gekennzeichnet durch motorische Hyperaktivität, hohe Impulsivität bei niedriger Frustrationstoleranz, mangelnde Aufmerksamkeit und leichte Ablenkbarkeit mit fehlendem Lernerfolg. Hinzu kommen emotional und sozial störende Verhaltensweisen. Die Störung beginnt vor dem 5. Lj. und besteht bis ins Erwachsenenalter weiter. Häufig ändert sich dabei die Ausprägung der Symptome.
Symptomatik
Kennzeichen der hyperkinetischen Störung im ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)im KindesalterKindesalter sind:
  • HypermotorikHypermotorik

  • Störungen der AufmerksamkeitAufmerksamkeitsstörungenADHS: Betroffene können sich nicht lange mit einem Gegenstand beschäftigen und nehmen bereitwillig jede Gelegenheit zur Ablenkung wahr

  • Impulsivität und starke Erregbarkeit: Kinder reagieren ohne innere Hemmung, zappeln, werden laut, schwatzen dazwischen, ohne dies als Regelverstoß zu erkennen; oftmals auch plötzliche Wutausbrüche

  • Störungen der psychosozialen Anpassung

Erläuterungen zum Fall

Hypermotorik

Luis fällt es schwer, sich ruhig und still zu verhalten. Er hat einen starken Bewegungsdrang und eine Ruhelosigkeit, durch die er sich deutlich von seinen Altersgenossen unterscheidet. Diese Hyperaktivität ist charakteristisch für die hyperkinetische Störung. Viele Betroffene zappeln ständig mit den Armen oder Beinen hin und her. Ist die Umgebung so gestaltet, dass sie dem Bewegungsdrang gerecht wird, wie im Beispiel der Waldkindergarten oder der Pferdehof, fallen die Symptome u. U. weniger ins Gewicht. Erst wenn von den Betroffenen eine gewisse Diszipliniertheit und Ruhe verlangt wird, kann es zu Problemen und Konflikten kommen. Dies ist der Grund, warum die hyperkinetische Störung meist erst im Schulalter diagnostiziert und behandlungsbedürftig wird.

Störungen der Aufmerksamkeit und leichte Ablenkbarkeit

Hinzu kommen KonzentrationsstörungenADHSAufmerksamkeitsstörungenADHSKonzentrationsschwierigkeiten, also Probleme, die Aufmerksamkeit länger auf eine Sache zu richten. Luis fallen Beschäftigungen wie Puzzeln oder Malen, die eine gewisse Konzentration erfordern, schwer; er lässt sich sehr schnell ablenken. Die Aufmerksamkeit bei der hyperkinetischen Störung springt schnell von einem Arbeitsgang zum nächsten. Es fällt dem Betroffenen schwer, etwas fertigzustellen. Dabei entstehen häufig Flüchtigkeitsfehler. Dazu kommt, dass unwichtige Signale nicht ausgeblendet werden können. Oft entsteht der Eindruck, dass die Kinder nicht zuhören und schon mit etwas anderem beschäftigt sind.

Impulsivität und starke Erregbarkeit

Ebenso verhält es sich mit den Impulsen, die ohne weitere Reflexion in Taten und Worte umgesetzt werden. In diesem Sinne sind die Raufereien und Streitereien bei Luis in der Schule zu interpretierten. Die schnelle Erregung, kombiniert mit der mangelnden Impulskontrolle und der niedrigen Frustrationstoleranz, führen dazu, dass es betroffenen Schülern schwerfällt, sich in den geregelten und geordneten Schulalltag einzufügen, und es häufig zu Auseinandersetzungen mit den Lehrern kommt. Die Impulsivität bedingt auch eine erhöhte Verletzungsgefahr. Die Kinder verkennen Gefahren, v. a. im Straßenverkehr und im Spiel, sodass es hier gehäuft zu Verletzungen und Unfällen kommen kann.

Störungen der psychosozialen Anpassung

Aufgrund der geschilderten AnpassungsstörungenADHSSymptome kommt es in verschiedenen sozialen Situationen zu Konflikten und Problemen. Hyperkinetischen Kindern fällt eine Anpassung an die konventionellen Normen viel schwerer als anderen. Mit dem Alter nimmt zwar die Hypermotorik ab, aber die Impulsivität und die Aufmerksamkeitsstörung bleiben erhalten. Die Betroffenen haben ein erhöhtes Risiko, Drogen zu nehmen, Unfälle (v. a. im Straßenverkehr) zu verursachen oder ein dissoziales Verhalten zu entwickeln.
Die Schilderung der Mutter, früher ebenfalls als zu „frech“, „umtriebig“ und „laut“ aufgefallen zu sein, sowie ihre schlechten schulischen Leistungen, die möglicherweise ebenfalls auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen hinweisen, legen den Verdacht nahe, dass auch sie an einer hyperkinetischen Störung erkrankt sein könnte. Die von ihr beschriebene Waghalsigkeit unterstreicht diesen Verdacht. Dass sie derzeit weniger unter den Symptomen leidet als früher, kann durch das Alter und die Wahl eines passenden Berufs erklärt werden. Hyperkinetische Störungen zeigen eine familiäre Häufung und können sich im Alter durch eine Abnahme der Hyperaktivität und gewonnene soziale Anpassung abschwächen.
Kennzeichen der ADHS ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)im Erwachsenenalterim Erwachsenenalter sind:
  • Konzentrationsstörung, Desorganisation und Zerstreutheit

  • Fehlendes Durchhaltevermögen, häufig wechselnde Arbeitsplätze und Beziehungen

  • Erhöhte Impulsivität, unüberlegte Entscheidungen, waghalsige sportliche Unternehmungen

  • Schwierigkeiten mit Autoritätspersonen

  • Rasche Stimmungswechsel von Euphorie zur Deprimiertheit, von Aggression zur inneren Leere und Langweile

  • Substanzmissbrauch

  • Probleme mit Kontrollinstanzen (Autoritätspersonen, Arbeitgeber, Polizei, Justiz) und fehlende Einsicht

  • Meiden von Herausforderungen, keine Entwicklung des eigenen Potenzials, oftmals Suchtgefahr

Merke

Da die Hyperaktivität im Depression/depressive EpisodeADHS im ErwachsenenalterErwachsenenalter abnimmt, die Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung aber erhalten bleiben, ist die Diagnose der ADHS meist schwieriger zu stellen als im Kindesalter. Durch eine gewisse Anpassung an konventionelle Normen fällt die Störung im Erwachsenenalter weniger stark auf, die Betroffenen beklagen aber häufig eine innere Leere oder Depressivität.

Diagnostik

Gut zu wissen Obwohl es den Anschein hat, ADHS sei eine neu entdeckte Erkrankung, wurde sie bereits im 19. Jh. von Heinrich Hoffmann, HeinrichHoffmann, einem Neurologen und Psychiater aus Frankfurt, in seinem Werk „Struwwelpeter“ beschrieben. Er selbst war von der Störung betroffen.

Wesentlich für die ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)DiagnoseDiagnose einer ADHS ist, dass verschiedene Untersuchungen zugrunde gelegt werden. Dies ist notwendig, da ein einzelner Test nicht die gesamte Differenzialdiagnostik abdecken kann. Die fundamentale Diagnostik umfasst die Elternbefragung, die Verhaltensbeobachtung sowie verschiedene testpsychologische Untersuchungen. Durch medizinische Untersuchungen muss eine organische Ursache (z. B. Überfunktion der Schilddrüse) ausgeschlossen werden.
Leistungstests wie z. B. der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder (HAWIK)Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder (HAWIK) geben Aufschluss darüber, ob Schulleistungsschwächen auf mangelnde Intelligenz oder auf andere Faktoren wie z. B. ADHS zurückzuführen sind.

Merke

Vor Diagnosestellung muss eine organische Ursache des ADHS ausgeschlossen werden!

Differenzialdiagnostisch ist ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)Differenzialdiagnosebeim ADHS Folgendes zu beachten:
  • Störung des Sozialverhaltens: SozialverhaltensstörungenDifferenzialdiagnoseDa die ADHS mit vielfältigen sozialen Schwierigkeiten einhergeht, sind Störungen des Sozialverhaltens nicht leicht zu differenzieren. Sind beide Störungen gleichzeitig vorhanden, hat die Diagnose „hyperkinetische Störung“ den Vorrang. Die ICD-10 sieht hierzu eine eigene Kategorie vor (Hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens, F90.1)

  • Angststörung Depression/depressive EpisodeDifferenzialdiagnosenAngststörungenDifferenzialdiagnoseund depressive Störung: Treten Unruhe und Hyperaktivität in Verbindung mit Angst oder Depression auf, haben diese in der Diagnose den Vorrang.

  • Hyperaktivität als normale Reifungsvariante darf nicht als ADHS diagnostiziert werden.

Krankheitsverlauf und Epidemiologie
Verlauf
Unbehandelt entwickeln viele betroffene Kinder eine soziale Auffälligkeit oder sogar eine Delinquenz. DelinquenzADHSADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)DelinquenzSie sind wesentlich stärker als andere gefährdet, eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. In der Regel bleiben sie in der Schule und somit auch später im Berufsleben deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Psychosoziale Konsequenzen im Erwachsenenalter können sein:
  • Abgebrochene Ausbildung, häufig wechselnde Arbeitsplätze oder Arbeitslosigkeit

  • Verschuldung durch unüberlegte finanzielle Transaktionen

  • Häufiger Partnerwechsel, unerwünschte Schwangerschaften

  • Erhöhte Unfall- und Verletzungsgefahr

  • Juristische Verfahren und Prozesse

Epidemiologie
Bei Kindern und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)EpidemiologieJugendlichen gehört die hyperkinetische Störung zu den häufigsten psychiatrischen Störungen. Man schätzt, dass 3–5 % aller Kinder eine hyperkinetische Störung aufweisen. Jungen sind im Verhältnis 3- bis 8-mal häufiger betroffen als Mädchen.
  • Häufige komorbide Störungen im Kindesalter:

    • Tic-StörungenTic-StörungenADHS

    • Störungen des SozialverhaltensSozialverhaltensstörungenADHS

    • LegasthenieLegasthenieADHS

    • Sprech- und Sprachstörungen

    • AngststörungenAngststörungenADHS

  • Häufige komorbide Störungen im Erwachsenenalter:

    • Persönlichkeitsstörungen

    • Abhängigkeitserkrankungen

    • Depressive Störungen

    • Angststörungen

Ätiologie
Es gibt keine eindeutig bestimmbare Ursache für die hyperkinetische Störung. Am wahrscheinlichsten handelt es sich um ein ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)Ätiologiemultifaktorielles Geschehen. Genetische Einflüsse (familiäre Häufung der Erkrankung) und neurobiologische Faktoren (Ungleichgewicht in verschiedenen Neurotransmittersystemen im frontalen Bereich und in den Basalganglien) scheinen dabei eine Rolle zu spielen. Aber auch Geburtstraumen, toxische Einflüsse in der Schwangerschaft (z. B. durch Alkohol) und allergische Reaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel werden als ätiologische Faktoren diskutiert.
Therapie

Merke

Wegen ihrer großen Aktualität und Häufigkeit sollte die „hyperkinetische Störung“ gut für die Prüfung vorbereitet werden. Der Lernende sollte sich vor der Prüfung eine fundierte Meinung zum Thema: „Gabe von Medikamenten bei ADHS/Hyperkinetische Störung“ bilden.

Die Therapieform hängt vom Schweregrad der Symptomatik ab. Im Vordergrund steht die Psychoedukation, PsychoedukationADHSADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)Psychoedukationbei der die Eltern, das Kind und Bezugspersonen über die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten informiert werden und eine Entlastung von Schuldgefühlen erfahren sollen. Psychotherapie und Pharmakotherapie können weitere Behandlungsschritte sein. Eine medikamentöse Behandlung richtet sich nach dem Lebensalter des Kindes und der Bereitschaft der Eltern. Die Therapieeffizienz scheint in der Kombination von Psycho- und Pharmakotherapie zu liegen, die in 70–80 % der Fälle angewandt wird.

Merke

Eine gezielte Information über die Erkrankung bewirkt häufig, dass ein Kind von den Eltern oder Bezugspersonen erstmals als hilfebedürftig erkannt wird, während es bisher meist als störend und/oder sogar als „böswillig“ empfunden wurde.

Pharmakotherapie
Das Mittel der 1. Wahl in der Behandlung der hyperkinetischen Störung ist ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)MethylphenidatMethylphenidat, in Deutschland z. B. als Ritalin® oder Concerta® auf dem Markt. MethylphenidatMethylphenidat ist eigentlich ein stimulierendes Medikament aus der Gruppe der Amphetamine und hat nur bei Patienten mit ADHS eine ausgleichende Wirkung. Laien meinen häufig, Kinder würden mit Drogen künstlich ruhiggestellt und in der Folge nur noch „betäubt in der Ecke sitzen“. Diese Vorurteile entbehren jeglicher Grundlage. Es findet keine Beruhigung oder Bewusstseinstrübung statt. Vielmehr gleicht Methylphenidat eine Stoffwechselstörung (Dopamin-Überschuss) im Gehirn aus.

Gut zu wissen „Lieber ein Kind mit Ritalin® in der Familie als eines ohne in einem Heim!“ (Meinung von Prof. Dr. W. Felder, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Bern)

Methylphenidat hat in Deutschland eine Zulassung zur Behandlung von hyperkinetischen Störungen bzw. ADHS bei Kindern ab 6 Jahren sowie zur Weiterführung der Therapie bei Jugendlichen im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie. Methylphenidat fällt unter das Betäubungsmittelgesetz, was seine Verschreibung umständlich macht. Es darf nur unter fachärztlicher Kontrolle und nach gründlicher Prüfung der Einnahmenotwendigkeit verschrieben werden. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen können Schlafstörungen und Appetitminderung sein. Bluthochdruck, Kopfschmerzen und Schwindel sind selten und bessern sich in der Regel nach einer kurzen Einnahmedauer.
Psychotherapie
Grundsätzliche Empfehlungen zum Umgang mit PsychotherapieADHSADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)PsychotherapieKindern, die unter einem hyperkinetischen Syndrom leiden:
  • Eindeutige, unmissverständliche Kommunikation

  • Konsequenz in der Einhaltung von Regeln und Bestrafungen

  • Vermeiden von lauten und wiederholenden Anklagen

  • Bevor man mit dem Kind spricht, sich seiner Aufmerksamkeit versichern (z. B. nur sprechen, wenn es einen anschaut)

  • Beziehung zum Kind pflegen, z. B. durch Spielzeiten, in denen es nur um die Bedürfnisse des Kindes geht und die das Kind aktiv gestaltet

  • Loben, wenn das Kind etwas aktiv gestaltet

Studien aus jüngster Zeit belegen die Wirksamkeit einer ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)VerhaltenstherapieVerhaltenstherapie VerhaltenstherapieADHSbei ADHS. Diese sollte jedoch – wenn möglich – mit einer medikamentösen Therapie gekoppelt werden. Eine kombinierte Therapie ist einer reinen medikamentösen Therapie leicht überlegen.
Ziel der Therapie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)Therapieist, dass Kinder ihr problematisches Verhalten erkennen und modifizieren lernen. Außerdem soll das Selbstwertgefühl, das v. a. bei Mädchen unter den ständigen Rügen und der Kritik leidet, gestärkt werden. Die Kinder lernen, ihre Aufgaben in einer bestimmten Reihenfolge und in zumutbaren Etappen durchzuführen. Belohnt werden sie mit einem Punktesystem, das ihnen nach einiger Zeit eine größere Belohnung ermöglicht. Erworbene Bonuspunkte sollten nicht gestrichen werden. Zudem wird das Führen von Listen trainiert, um dem Tag eine klare Struktur zu geben. Es werden Erinnerungssysteme eingeübt, zu denen Notizbücher und Merkzettel gehören.
In einem Elterntraining ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)Elterntrainingkönnen ungünstige Verhaltensweisen in der Familie reduziert und die Eltern-Kind-Interaktion verbessert werden.
Weitere Therapieverfahren
Weitere Therapieverfahren, die bei der hyperkinetischen Störung zum Einsatz kommen, sind:
  • Entspannungsverfahren (z. B. progressive Muskelentspannung nach Jacobson)

  • Familientherapie: Es scheint, dass eine klassische systemische Familientherapie als alleinige Therapieform nicht ausreicht, um eine hyperkinetische Störung erfolgreich zu behandeln. Sie kann jedoch helfen, die meist belasteten Beziehungen innerhalb der Familie zu verbessern.

  • Ergotherapie und heilpädagogische Verfahren (Verbesserung der Psychomotorik, sensorische Integration)

  • Diätetische Maßnahmen (nur bei wenigen Betroffenen effektiv)

Störungen des Sozialverhaltens (ICD-10: F91)

Definition
Unter Störungen des Sozialverhaltens Sozialverhaltensstörungenwird die tendenziell generalisierte Verletzung altersangemessener Normen verstanden, die schwerwiegender sind als die gewöhnlichen Streiche oder die übliche jugendliche Aufmüpfigkeit und die ein Eingreifen öffentlicher Institutionen wie Polizei und/oder Jugendamt notwendig macht.
Synonyme: Dissozialität, antisoziales VerhaltenAntisoziales Verhalten
Symptomatik
Das dissoziale VerhaltenDissoziales Verhalten/Dissozialität zeichnet sich aus durch: SozialverhaltensstörungenKennzeichen
  • Aggression, Wutausbrüche, Ungehorsam

  • Häufiges Stehlen, Lügen, Brechen von Vereinbarungen

  • Stimmungslabilität, dysphorisch-depressiv oder impulsiv-aggressiv

  • Fehlende Motivation für Schule und Arbeit, Weglaufen, Schulschwänzen

  • Früher regelmäßiger Alkoholabusus

  • Kriminelle Handlungen (Eigentums- und Drogendelikte)

Diagnostik
Nach der ICD-10 wird die Diagnose erst gestellt, wenn die Symptome über einen Zeitraum von 6 Monaten bestehen. Eine organische Ursache der Beschwerden muss vorher ausgeschlossen sein.
Krankheitsverlauf und Epidemiologie
Betroffen sind meist Persönlichkeiten mit schwachem Willen und wenig ausgeprägter Ich-Stärke, deren Kontaktfähigkeit zudem stark eingeschränkt und/oder oberflächlich ist. Jungen neigen hier zu aggressiv-destruktivem Verhalten, Mädchen zur sexuellen Verwahrlosung. Etwa 2–10 % der Kinder und Jugendlichen sollen ein dissoziales Verhalten zeigen, wobei Jungen und junge Männer häufiger betroffen sind. In städtischen Gebieten ist die Dissozialität stärker ausgeprägt. Insgesamt ist die Dunkelziffer allerdings hoch. Die Aufklärungsrate steigt mit Anzahl und Schweregrad der Delikte. Bereits mit 18 Jahren sind viele der Betroffenen mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Ätiologie
SozialverhaltensstörungenUrsachenUrsachen sind meistens im biografischen und sozialen Umfeld zu suchen (z. B. Broken-Home-Situation). Man spricht von einem Sozialisationsdefizit (Sozialisationsdefiziterzieherisch, konstitutionell, sozial). Es handelt sich um die Häufung ungünstiger Lebensbedingungen, die persönlichkeitsgebunden, familiär, schulisch und allgemein sozial begründet sein können und sich in der Regel in Familien mit geringen emotionalen und finanziellen Potenzialen nachteiliger auswirken als in anderen Familien.
Therapie
Die Behandlung erfolgt durch pädagogische und psychologische Maßnahmen. Die Korrektur von destruktiven Anteilen und die Stärkung positiver Eigenschaften sowie die Verbesserung des Schicksals betroffener Kinder und Jugendlicher haben dabei Vorrang.

Emotionale Störungen (ICD-10: F93)

Emotionale StörungenEmotionale Störungenim Kindes- und Jugendalter umfassen auffällige Verhaltensmuster bei Kindern und Jugendlichen, bei denen Angst (Trennungsangst, Angst vor Tieren), Aggressivität (Geschwisterrivalität), Depressivität oder Gehemmtheit (Scheu vor Fremden) im Vordergrund stehen (Tab. 20.5).
Synonyme: kindliche NeuroseNeurosen/neurotische Störungenkindliche, affektive StörungenAffektive Störungenim Kindes- und Jugendalter, milieureaktive StörungenMilieureaktive Störungen
Kennzeichnend ist, dass die Störungen zwar ein erhebliches Ausmaß annehmen, sodass therapeutische Behandlung erforderlich ist, nie aber der Stellenwert einer neurotischen Störung oder Psychose erreicht wird. Die Störungen können sich auch spontan wieder zurückbilden. Es treten begleitend psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen sowie Übelkeit und Erbrechen auf. Die Behandlung erfolgt meist durch Elternberatung und psychotherapeutische Konfliktberatung.
Die Schulphobie und die Schulangst sind typische Störungen, die in die Kategorie der emotionalen Störungen des Kindesalters fallen. Dabei ist die Schulphobie Schulphobieim eigentlichen Sinne eine Trennungsangst. Das Kind befürchtet schon morgens, dass der Bezugsperson (im Regelfall die Mutter) während seines Schulbesuchs etwas passieren könnte. Meist ist das Kind sehr ängstlich sowie depressiv verstimmt und zeigt deutliche körperliche Symptome als Zeichen der Somatisierung (Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen etc.). Ein Kind mit Schulangst Schulangstdagegen fürchtet den Schulbesuch an sich, also das Verhalten der Lehrer oder anderen Schüler oder die Leistungsanforderungen. Nicht selten geht die Schulangst mit einer reaktiven Lernstörung einher.

Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (ICD-10: F94)

Elektiver Mutismus (F94.0)
Bei der SprachverweigerungSprachverweigerung, dem sog. Mutismus, Mutismushandelt es sich um eine „psychogene“ Stummheit bei normaler Sprachentwicklung, die länger als 4 Wochen besteht. Der Mutismus kann selektiv auftreten, d. h. nur gegenüber bestimmten Personen, aber auch als totales Verstummen, also als totale Sprechverweigerung bei intaktem Sprechvermögen. Ist das Verstummen nur auf bestimmte Personen bezogen, spricht man von elektivem Mutismus.Elektiver MutismusMutismuselektiver Als Ursache wird die Wechselwirkung von bestimmten Charaktereigenschaften (Scheu und Ängstlichkeit in sozialen Situationen bei gleichzeitiger Willensstärke) in Verbindung mit auffälligen familiären Interaktionsmustern (Feindseligkeit) und einer starken Anhänglichkeit zu einer bestimmten Bezugsperson diskutiert.
Tic-Störungen (ICD-10: F95)

Fall

Tic-Störungen – „Ich muss aussprechen, was mir auf der Zunge liegt!“

Julia wurde mit knapp Tic-Störungen11 Jahren neuropsychologisch untersucht, weil sie in der Schule durch massive Verhaltensstörungen auffiel. Die Lehrerin berichtete, dass Julia ständig durch Zwischenrufe den Unterricht störe, sich nie länger als maximal zehn Minuten konzentrieren könne und beträchtliche Defizite im Rechnen habe. Zum Untersuchungszeitpunkt hatte Julia bereits ein Schuljahr wiederholt und besuchte die dritte Klasse. Auffälligkeiten zeigten sich bereits in der untersuchungsbegleitenden Verhaltensbeobachtung. Wenn Julia das Gefühl hatte, eine Aufgabe nicht gut bewältigt zu haben, wurde sie kurzzeitig wütend, ballte die Fäuste und grimassierte. Während einzelner Aufgaben sprang sie plötzlich auf und lief im Raum umher. Bei gelungenen Lösungen sprang sie plötzlich auf, klatschte in die Hände und lachte laut. Diese Bewegungsstereotypien nahmen bei zunehmender konzentrativer Belastung ebenfalls zu. In der psychometrischen Untersuchung traten die beim Tourette-Syndrom häufigen Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörungen deutlich zutage. So schrieb Julia ihre eigene Adresse (Angaben geändert) folgendermaßen auf: „Julia Muller. Dresdenerst: 75836 Guldenberg:“ Julia vergaß also die Umlautstriche auf dem „ü“ ihres Namens, das „r“ und die Hausnummer bei der Straßenbezeichnung. Außerdem ersetzte sie den Punkt des Straßennamens durch einen Doppelpunkt und fügte dem Ortsnamen einen Doppelpunkt hinzu. Julia versagte nahezu vollständig bei allen visuellen und räumlich-konstruktiven Anforderungen und bewältigte alle tempobezogenen Aufgaben ausgesprochen fehlerhaft. Bei Anforderungen hinsichtlich der selektiven Aufmerksamkeit beantwortete sie oft ohne erkennbares Auswahlkriterium alle wahrgenommenen Reize oder überflog, wie beim d2-Test, den Testbogen nur flüchtig, ließ zwischen den angekreuzten Zeichen große Abstände und kreuzte nahezu wahllos an. Eine eingehende Befragung der Lehrerin ergab, dass Julia während des Unterrichts oft ohne situativen Zusammenhang Tiergeräusche (Miauen und Wiehern) von sich gab und häufig Grimassen schnitt; sie wurde deshalb von ihren Mitschülern regelmäßig gehänselt [21].
Tic-Störungen Tic-Störungensind unwillkürliche, unregelmäßige, plötzliche, schnell einschießende und wiederkehrende Muskelaktionen oder Lautäußerungen. Es gibt kurze vorübergehende Tics und Tics, die Tage oder Wochen andauern. Ab einer Dauer von 1 Jahr gelten sie als chronisch. Es werden motorische und vokale Formen einfacher (meist im Gesicht: Blinzeln, Zuckungen, Räuspern, Grunzen) oder komplexer Art (Hüpfen, Springen, vokale Tics bezogen auf Wörter oder Sätze) unterschieden. Es gibt auch Mischformen. Hierzu zählt das Tourette-Syndrom, Tourette-Syndrombenannt nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la TouretteGilles-de-la-Tourette-Syndrom, der die Symptomatik erstmals um 1885 beschrieb.
Beim Tourette-Syndrom zeigen sich zusätzlich folgende Symptome:
  • Echolalie (Echolaliezwanghaftes Nachplappern)

  • Koprolalie (Koprolaliespontanes Ausstoßen von Fäkalworten)

  • Palilalie (PalilalieSatzwiederholungen)

4–15 % aller Kinder entwickeln vorübergehende Tics. Das Hauptmanifestationsalter liegt etwa um das 7. Lj. Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über die Ursachen: Es besteht allerdings eine familiäre Häufung von Tic-Erkrankungen. Auf jeden Fall sind psychogene Erklärungsmodelle allein nicht ausreichend; vermutet wird ein Dopamin-/Serotonin-Ungleichgewicht, evtl. auch autoimmune Antikörper gegen Basalganglienzellen. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Differenzialdiagnostisch sind zu beachten: Zwangsstörungen, konversionsneurotische Symptome, Epilepsien und Stereotypien anderer Ursache. Stützende und entlastende psychotherapeutische Verfahren unter Einbeziehung der Familie spielen bei der Behandlung eine Rolle. Bewährt haben sich auch verhaltenstherapeutische Methoden und Entspannungsverfahren.

Sonstige Verhaltens- und emotionale Störungen mit dem Beginn in der Kindheit und Jugend

Enuresis (ICD-10: F98.0)
Verhaltensstörungenim Kindes- und JugendalterEmotionale Störungenim Kindes- und JugendalterUnwillkürliches Einnässen Einnässenohne organischen Befund nach dem 5. Lj., meist während der Nacht (Enuresis nocturna), Enuresisdiurna/nocturnaseltener tagsüber (Enuresis diurna), wird als Enuresis bezeichnet. Enuresis liegt vor, wenn das Kind über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten mindestens zweimal monatlich einnässt.
Man unterscheidet die primäre Enuresis (Enuresisprimäre/sekundäredas Kind war bisher nicht über einen längeren Zeitraum trocken) von der sekundären Enuresis (erneutes Einnässen nach einem trockenen Zeitraum von mindestens 6 Monaten). Neben genetischen (familiäre Häufung) und biologisch-physiologischen Faktoren (z. B. Blasenkapazität, Schlaftiefe) kommen bei der Entstehung auch psychosoziale Aspekte (z. B. schwierige familiäre Situation, Sauberkeitserziehung, belastende Lebensereignisse) zum Tragen.

Merke

Differenzialdiagnostisch muss zunächst eine organische Ursache des Einnässens abgeklärt werden.

Enuresis nocturna ist mit insgesamt 80 % die häufigste Form (Enuresis diurna 5 %), etwa 25 % der 4- bis 7-Jährigen nässen nachts ein. Jungen sind von der Enuresis nocturna häufiger betroffen als Mädchen. Mädchen leiden eher unter Enuresis diurna. Die Störung hat eine gute Prognose und bildet sich häufig spontan zurück. Wichtige Faktoren sind dabei die Unterstützung aus dem familiären Umfeld, die Reduktion psychosozialer Belastungen sowie eine konsequente Umsetzung der Therapie. Normalerweise reichen verständnisvolles Verhalten der Erziehungsberechtigten, positiv fördernde Reinlichkeitserziehung und verhaltenstherapeutische Verfahren (z. B. nachts zu festgelegten Zeiten zum Toilettengang wecken, evtl. „Klingelhose“) aus, um das Einnässen des Kindes zu verhindern.
Enkopresis (ICD-10: F98.1)
Wiederholt auftretendes unwillkürliches oder willkürliches Einkoten Einkotenbei Kindern nach dem 4. Lj., meist tagsüber, bezeichnet man als Enkopresis. EnkopresisDas Einkoten muss mindestens einmal monatlich über 3 Monate auftreten. Wie bei der Enuresis wird auch hier zwischen primärer und sekundärer Enkopresis unterschieden. Enkopresis ist wesentlich seltener als Enuresis, betrifft aber auch in der Mehrzahl Jungen in einer Altersspanne zwischen dem 7. und 10. Lj. und findet sich eher in den unteren sozialen Schichten. Bei der Entstehung spielen ebenfalls soziale Verhältnisse und die Interaktion in der Familie eine wesentliche Rolle.

Merke

Vor der Diagnosestellung muss ein Einkoten aufgrund organischer Ursachen ausgeschlossen sein (z. B. Darmmotilitätsstörungen, neurologische Störungen).

Enkopresis findet sich ebenfalls in Verbindung mit psychischen Störungen und Erkrankungen, am häufigsten mit Störungen des Sozialverhaltens und oppositionellem Verhalten, aber auch als Bestandteil der allgemeinen Symptomatik bei geistiger Behinderung, Zwangsstörungen, Phobien, Schizophrenie oder dem hyperkinetischen Syndrom. Die Beratung der Eltern und die Motivationsförderung beim Kind stehen bei der Therapie im Vordergrund. Belohnungs- und Verstärkerprogramme sowie ein systematisches Toilettentraining kommen dabei zum Einsatz. Spielen gehemmte aggressive Impulse bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Enkopresis eine Rolle, können diese in einer Spieltherapie bearbeitet werden.
Kindliche Fütterstörung (ICD-10: F98.2)
Hierzu zählen häufiges Erbrechen und Wiederkäuen der Nahrung („Kindliche FütterstörungFütterstörung, kindlicheRuminationRumination“) und Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Insgesamt ist die kindliche Fütterstörung selten, meist hat sie psychogene Ursachen. Dabei spielen familiäre Beziehungsstörungen und/oder belastende Lebensbedingungen eine Rolle.
Stottern (ICD-10: F98.5)
Hierbei handelt es sich um Störungen des sog. StotternSprechwerkzeugs, d. h., der Redefluss ist gestört. Die Symptomatik ist Tab. 20.6 zu entnehmen. Die Trennung von Poltern Polternund Stottern ist oft nicht leicht zu vollziehen. Dabei zeigt mindestens die Hälfte der im obigen Sinne gestörten Kinder zusätzlich behandlungsbedürftige psychische Auffälligkeiten wie Ängste, Rückzugstendenzen, Depressivität, Aufmerksamkeitsstörungen, Hypermotorik und Aggressivität.
Kennzeichen des StotternsStottern:
  • Die Störung beginnt in der Regel im Alter von 2–5 Jahren.

  • 1 % aller Kinder stottert.

  • In vier von fünf Fällen tritt eine Spontanremission oder deutliche Besserung ein.

  • Bei den übrigen Patienten erweist sich die Symptomatik häufig als hartnäckig und bleibt trotz Therapie über Jahrzehnte bestehen.

  • Im Erwachsenenalter sind Männer 4- bis 5-mal häufiger betroffen als Frauen.

  • Oft sind für viele Betroffene die sozialen Folgen gravierender als die Störung selbst, sie entwickeln Erwartungsängste und erleben negative Reaktionen von Mitmenschen.

  • Beim Singen, Flüstern oder Sprechen im Chor besteht das Stottern nicht.

Logopädische, entspannende und verhaltenstherapeutische Verfahren werden bei der Behandlung mit Erfolg angewendet. Auch Singen, Atem- und Stimmtechniken haben sich bei der Therapie von stotternden Kindern und Erwachsenen bewährt.
Poltern (ICD-10: F98.6)
Die Sprachstörung „Poltern“ Polternist durch einen überstürzten, hastigen oder fahrigen Redefluss gekennzeichnet. Dadurch kann es zu Veränderungen ganzer Wörter kommen. Das Sprechen ist unregelmäßig und unrhythmisch, mit schnellen, ruckartigen Anläufen, die gewöhnlich zu einem fehlerhaften Satzmuster führen (Tab. 20.6).
Kennzeichen des Polterns:
  • Verschlucken und Verstümmelung von Lauten und Wortenden mit nachfolgend beeinträchtigter Verständlichkeit

  • Überstürzter Redefluss

  • Häufig fehlerhafte Satzmuster

  • In der Mehrzahl besteht zusätzlich eine Sprachentwicklungsverzögerung.

  • Begleitend können impulsive Persönlichkeitszüge bestehen.

  • Im Gegensatz zu den Stotterern können die Polterer bei Aufforderung den Redefluss verbessern.

Auch hier liegt der Fokus der Therapie auf logopädischen und verhaltenstherapeutischen Verfahren.

Verständnisfragen

  • Was ist der Unterschied zwischen einer Intelligenzminderung und einer Demenz?

  • Welche Ursachen sind für die Intelligenzminderung verantwortlich? Findet sich immer eine Ursache?

  • Was versteht man unter frühkindlicher Hirnschädigung oder Minimal Brain Dysfunction?

  • Wie unterscheiden sich expressive und rezeptive Sprachstörung? Wie unterscheidet sich eine rezeptive Sprachstörung vom Autismus?

  • Was ist ein Sigmatismus?

  • Was sind Teilleistungsschwächen? Nennen Sie Beispiele!

  • Wie erklärt man sich das Zustandekommen von Teilleistungsschwächen, und wie werden sie behandelt?

  • Nennen Sie die Unterschiede zwischen dem Kanner- und dem Asperger-Syndrom!

  • Wodurch ist die hyperkinetische Störung im Kindesalter gekennzeichnet? Findet sich die Erkrankung auch bei Erwachsenen? Welche Folgen können durch eine unbehandelte hyperkinetische Störung für den Betroffenen entstehen?

  • Werden hyperkinetische Kinder mit Medikamenten wie Methylphenidat nur ruhig gestellt statt behandelt?

  • Sind Legasthenie und hyperkinetische Störungen bei Mädchen häufiger als bei Jungen?

  • Was verstehen Sie unter dem Tourette-Syndrom?

  • Welche Prognose haben emotionale und dissoziale Störungen im Kindesalter?

  • Welche Störungen können das Sozialverhalten von Schulkindern beeinträchtigen?

  • Welche Störungen gibt es im Bereich der Ausscheidungsfunktionen bei Kindern?

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