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B978-3-437-58303-2.00009-1

10.1016/B978-3-437-58303-2.00009-1

978-3-437-58303-2

Häufigkeitsverteilung der DemenzenDemenzHäufigkeitsverteilung

[M515]

Organische psychische Störungen nach ICD-10 (F0)PsychosyndromorganischesSchädel-Hirn-TraumaPick-KrankheitDemenzPersönlichkeitsstörungenorganischeParkinson-SyndromDemenzOrganisches PsychosyndromOrganische PersönlichkeitsstörungHIV-DemenzDemenzvaskuläreDemenzPick-KrankheitDemenzParkinson-SyndromDemenzDelirDemenzCreutzfeldt-Jakob-KrankheitDemenzAlzheimer-TypDelirDemenzCreutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK)DemenzAlzheimer-DemenzOrganische psychische StörungenKlassifikationenICD-10

Tab. 9.1
ICD-10-Klassifikation organischer psychischer Störungen Unterteilung
Demenz bei Alzheimer-Krankheit (F00) Demenz bei Alzheimer-Krankheit mit frühem Beginn (F00.0)
Demenz bei Alzheimer-Krankheit mit spätem Beginn (F00.1)
Vaskuläre Demenz (F01)
Demenz bei andernorts klassifizierten Krankheiten (F02) Demenz bei Pick-Krankheit (F02.0)
Demenz bei Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (F02.1)
Demenz bei primärem Parkinson-Syndrom (F02.3)
Demenz bei HIV (F02.4)
Nicht näher bezeichnete Demenz (F03)
Delir, nicht durch Alkohol oder sonstige psychotrope Substanzen bedingt (F05) Delir ohne Demenz (F05.0)
Delir bei Demenz (F05.1)
Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit (F06)
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (F07) Organische Persönlichkeitsstörung (F07.0)
Organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma (F07.2)
Nicht näher bezeichnete organische oder symptomatische psychische Störung (F09)

Reisberg-SkalaDemenzReisberg-SkalaReisberg-Skala, Demenz

Tab. 9.2
Stadium Charakteristika
1 Keine Einbußen (keine Demenz)
2 Zweifelhafte kognitive Einbußen (evtl. Hinweis auf Demenz): unauffällige Gedächtnisstörung, Vergessen bekannter Namen, Verlegen von Gegenständen
3 Geringe kognitive Einbrüche (leichte Demenz): subtiler Gedächtnisverlust, Orientierungsstörung in ungewohnter Umgebung, Verlegen oder Verlieren von Wertgegenständen, Schwierigkeiten bei der Arbeit, Aphasie, Ängste und Depressionen können auftreten
4 Mäßige Einbußen (leichte bis mittelschwere Demenz): Vergessen aktueller und kurz zurückliegender Ereignisse (ca. der letzten 10 Jahre), Orientierungsverlust an bekannten Orten, Aphasie, Alltagskompetenz eingeschränkt (z. B. im Umgang mit Finanzen), Mimik-Gestik
5 Mittelschwere kognitive Störung (mittelschwere Demenz): Vergessen alltäglichen Wissens, Orientierungsstörung zeitlich und räumlich (auch in ungewohnter Umgebung), formale Aspekte der Sprache, Schreiben nach Diktat, Koordination, Assoziation, Mimik-Gestik, alltagspraktische funktionale Kompetenzen eingeschränkt (z. B. Auswahl der Kleidung)
6 Schwere kognitive Einbrüche (mittelschwere bis schwere Demenz): Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, Vergessen der Biografie, möglicherweise Orientierungslosigkeit bezüglich Personen, Apraxie, Sprache, Akalkulie, Inkontinenz, Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus, Alltagskompetenz völlig eingeschränkt (z. B. Ernährung, Hygiene, Auswahl der Kleidung), Störung der Affektivität, Persönlichkeitsveränderungen, Beeinträchtigungs- und Verfolgungsgedanken
7 Sehr schwere kognitive Einbrüche (schwere Demenz oder Spätstadium): völliger Verlust des Gedächtnisses, Orientierungsverlust, häufig totaler Sprachverlust, Schluckstörung, Inkontinenz, Gelenkversteifung; hinzu können Halluzinationen kommen

Differenzialdiagnosen der Vaskuläre DemenzPick-KrankheitSymptomeParkinson-SyndromDemenzMulti-Infarkt-DemenzKortikale DemenzFrontotemporale DemenzDemenzvaskuläreDemenzParkinson-SyndromDemenzneurologische/internistische GrunderkrankungenDemenzkortikaleDemenzfrontotemporaleChorea HuntingtonDemenzAlzheimer-DemenzDifferenzialdiagnoseDemenzformenDemenzDifferenzialdiagnosenDemenzSymptomatikDemenzVerlauf(scharakteristika)Demenzorganische BefundePick-KrankheitSymptomatik

Tab. 9.3
Demenzform Krankheitsvorgeschichte Verlauf Symptomatik Organische Befunde
Alzheimer-Demenz In der Regel keine auffälligen körperlichen/psychischen Erkrankungen Langsam progredient Defizite betreffen in gleichem Maße Gedächtnis, Orientierung und Urteilsfindung; keine fokalen neurologischen Ausfälle PET: temporoparietaler Hypometabolismus
Liquor: ggf. erhöhtes τ-Protein
Vaskuläre Demenz (Multi-Infarkt-Demenz) Vaskuläre, d. h. die Gefäße betreffende Risikofaktoren (Bluthochdruck, Nikotinabusus, Fettleibigkeit, erhöhtes Cholesterin, Diabetes mellitus), zerebrale Infarkte Schubweise Verschlechterung Fokal neurologische Ausfälle, kognitive Defizite ungleich verteilt, Symptome entsprechend dem Bereich der Schädigung CT: zerebrale Infarkte oder subkortikale vaskuläre Enzephalopathie
PET: fokaler Hypometabolismus
Frontotemporale Demenz (Morbus Pick) In der Regel keine auffälligen körperlichen/psychischen Erkrankungen Langsam progredient Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen gehen Gedächtnisstörungen voran; typischerweise völlige Apathie oder Triebenthemmung mit sozialem Tabubruch (sexuelle Enthemmung, Distanzlosigkeit), Witzelsucht; keine neurologische Symptomatik CT: frontale Atrophie
PET: frontaler Hypometabolismus
Demenzen bei neurologischen/internistischen Grunderkrankungen (Kap. 22) Neurologische Erkrankungen wie Chorea Huntington (positive Familienanamnese), Morbus Parkinson, Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (CJK), paraneoplastische Syndrome, Infektionen (HIV) CJK: rascher Verlauf Chorea Huntington: choreatische Bewegungsstörung
Morbus Parkinson: Rigor, Akinese, Tremor
CJK: Kleinhirnsymptome, Krampfanfälle, Myoklonien
Chorea Huntington: CT/MRT – Kaudatum-Atrophie; genetische Diagnostik
CJK: EEG – triphasische Wellen, CT – Hyperintensität in Basalganglien; Liquor – spezifische Marker erhöht

Prävalenz der Alzheimer-DemenzAlzheimer-DemenzPrävalenz

Tab. 9.4
Altersgruppe Häufigkeit (%)
30–59 0,02
60–69 0,30
70–79 3,20
80–90 10,80

Charakterisierung organischer psychischer Störungen nach ihrem Organische psychische StörungenVerlaufscharakteristikaVerlaufDelirVerlauf(scharakteristika)DemenzVerlauf(scharakteristika)

Tab. 9.5
Akute organische Psychose Chronische organische Psychose
Kennzeichen Akut einsetzend, reversibel Sich langsam entwickelnd (progredient), irreversibel
Leitsymptome Bewusstseinsstörung (Eintrübung) Denk- und Gedächtnisstörungen (Störungen der kognitiven Fähigkeiten)
Typisches Krankheitsbild Delir (z. B. Delirium tremens) Demenz (z. B. Morbus Alzheimer)
Behandlung Stationär, Behandlung der Ursache (Medikamente, chirurgischer Eingriff etc.) Behandlung der Grunderkrankung (Medikamente, chirurgischer Eingriff etc.)
Dauer Höchstens 6 Monate Mindestens 6 Monate

Organische psychische Störungen 2. Ranges nach ICD-10 Wahnhafte (schizophreniforme) Störung, organischeSchizophreniforme StörungenorganischeOrganische psychische StörungenICD-10F06PseudohalluzinationenOrganische wahnhafte (schizophreniforme) StörungOrganische katatone StörungOrganische HalluzinoseKognitive StörungenleichteKatatone Störung, organischeICD-10psychische StörungorganischeHalluzinationenorganischeEmotional labile (asthenische) Störung, organischeDissoziative StörungenorganischeAsthenische Störung, organischeAngststörungenorganischeAffektive StörungenorganischeF06

Tab. 9.6
Störung Erklärung mit Symptomen
Organische Halluzinose (F06.0) Störung ohne Bewusstseinsstörungen mit anhaltenden oder immer wieder auftretenden, meist akustischen oder optischen Halluzinationen:
  • Halluzinationen manchmal als Pseudohalluzinationen erkannt

  • Fehlen von Bewusstseinstrübung

  • Fehlen eines eindeutigen intellektuellen Abbaus

  • Keine auffällige Störung der Stimmung

  • Keine Wahnideen

Organische katatone Störung (F06.1) Störung mit verminderter (Stupor) oder gesteigerter (Erregung) psychomotorischer Aktivität in Verbindung mit katatonen Symptomen:
  • Stupor

  • Erregung

  • Beides

  • Andere katatone Phänomene wie Stereotypien, Flexibilitas cerea, Impulshandlungen

  • Sorgfältige Abgrenzung gegenüber dem Delir

Organische wahnhafte (schizophreniforme) Störung (F06.2) Anhaltende oder immer wieder auftretende Wahnideen, die von Halluzinationen begleitet sein können:
  • Symptome nach F06

  • Wahnideen wie Verfolgungswahn, Wahn körperlicher Veränderung, Eifersuchtswahn, Krankheitswahn, Wahn, man selbst oder andere seien tot

  • Halluzinationen

  • Formale Denkstörungen

  • Einzelne katatone Phänomene

  • Bewusstsein und Gedächtnis sind ungestört

Organische affektive Störungen (F06.3) Veränderung der Stimmung oder des Affekts:
  • Erfüllung der Kriterien nach F06 und F30–33

  • Veränderung in der gesamten Aktivitätslage

  • Affektive Störung

Organische Angststörung (F06.4)
  • Wesentliche Merkmale einer generalisierten Angststörung

  • Wesentliche Merkmale einer Panikstörung

  • Kombination von beiden

  • Als Folge einer organischen Störung

Organische dissoziative Störung (F06.5)
  • Entsprechend den Kriterien eines der unter F44 aufgeführten Zustandsbilder

  • Folge einer organischen Störung

Organische emotional labile (asthenische) Störung (F06.6)
  • Deutliche und anhaltende Affektinkontinenz oder Affektlabilität

  • Ermüdbarkeit

  • Vielzahl unangenehmer körperlicher Empfindungen (z. B. Schwindel)

  • Folge einer somatischen Störung

Leichte kognitive Störung (F06.7)
  • Störung kann vor, während oder nach einer Vielzahl zerebraler und systemischer Infektionen und körperlicher Erkrankungen (einschl. HIV) auftreten

  • Gedächtnisstörungen, Vergesslichkeit, Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, zunehmende Beeinträchtigung kognitiver Funktionen

Psychische Störungen nach ICD-10 Psychische StörungenICD-10-KlassifikationPostenzephalitisches SyndromPersönlichkeitsstörungenorganischeOrganisches PsychosyndromSchädel-Hirn-TraumaF07Organische psychische StörungenICD-10F07

Tab. 9.7
Störung Erklärung mit Symptomen
Organische Persönlichkeitsstörung (F07.0) Auffällige Veränderung des gewohnten prämorbiden Verhaltens; Veränderungen betreffen tief greifend die Äußerung von Affekten, Bedürfnissen und Impulsen:
  • Andauernd reduzierte Fähigkeit, zielgerichtete Aktivitäten über längere Zeiträume durchzuhalten und Befriedigungen aufzuschieben

  • Verändertes emotionales Verhalten, emotionale Labilität, flache und ungerechtfertigte Fröhlichkeit, leichter Wechsel zu Reizbarkeit oder kurz andauernden Ausbrüchen von Wut und Aggression; Apathie

  • Äußerung von Bedürfnissen und Impulsen meist ohne Berücksichtigung von Konsequenzen oder sozialen Konventionen

  • Kognitive Störungen in Form von Misstrauen oder paranoidem Denken und/oder exzessiver Beschäftigung mit einem einzigen, meist abstrakten Thema

  • Auffällige Veränderung der Sprachproduktion und des Redeflusses, Umständlichkeit, Begriffsunschärfe, zähflüssiges Denken und Schreibsucht

  • Verändertes Sexualverhalten

Postenzephalitisches Syndrom (F07.1) Bleibende Verhaltensänderung nach einer viralen oder bakteriellen Enzephalitis:
  • Reversibles Syndrom

  • Unwohlsein, Apathie, Reizbarkeit

  • Verminderung kognitiver Funktionen

  • Veränderte Schlaf- und Essgewohnheiten

  • Änderungen im Sexualverhalten und in der sozialen Urteilsfähigkeit

  • Bleibende neurologische Funktionsstörungen wie Lähmung, Taubheit, Aphasie, konstruktive Apraxie und Akalkulie

Organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma (F07.2) Das Syndrom folgt einem Schädeltrauma, das schwer genug ist, um zu Bewusstlosigkeit zu führen:
Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpftheit, Reizbarkeit
  • Störungen der Konzentration, des geistigen Leistungsvermögens, Gedächtnisses, Schlafs

  • Verminderte Belastbarkeit bei Stress, emotionalen Reizen oder unter Alkohol

  • Depressivität, Angst, vermindertes Selbstwertgefühl, Furcht vor bleibender Hirnschädigung

  • Einige Patienten werden hypochondrisch

Organische psychische Störungen

  • 9.1

    Definition80

  • 9.2

    Klassifikationen80

    • 9.2.1

      Klassifikation nach der Symptomatik (ICD-10)80

    • 9.2.2

      Klassifikation nach dem triadischen System81

    • 9.2.3

      Klassifikation nach der Ätiologie81

  • 9.3

    Organische psychische Störungen ersten Ranges81

    • 9.3.1

      Demenzen (ICD-10: F00)81

    • 9.3.2

      Organisches amnestisches Syndrom (ICD-10: F04)88

    • 9.3.3

      Delir (ICD-10: F05)88

  • 9.4

    Organische psychische Störungen zweiten Ranges90

    • 9.4.1

      Organische Halluzinose (ICD-10 F06.0)90

    • 9.4.2

      Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (ICD-10 F07)91

Kapitelübersicht

Psychische StörungenorganischeOrganische psychische Organische psychische StörungenStörungen sind entweder primär bedingt durch direkte Schädigungen des Gehirns oder sekundär durch Störungen des Gesamtorganismus, die sich auf die Gehirnfunktion auswirken. Die akute organische Störung bietet das charakteristische Krankheitsbild des Delirs, die chronische organische Störung das Bild der Demenz. Beim DelirDelir steht die Bewusstseinsstörung im Vordergrund, bei der DemenzDemenz der Abbau verstandesmäßiger (kognitiver) Leistungen. Als häufigster Vertreter der Demenz gilt die Alzheimer-ErkrankungAlzheimer-Demenz, die 5 % der über 65-Jährigen betrifft. Sie ist durch eine Degeneration von Hirngewebe verursacht, die nicht heilbar ist. Die akuten organischen Störungen bilden sich bei entsprechender Therapie in der Regel zurück, während die chronischen Störungen länger als 6 Monate dauern und im Allgemeinen irreversibel sind.

Entscheidend für die Heilung und damit Rückbildung der Symptome sind das frühzeitige Erkennen der Störungen und die Diagnose der Ursachen. Wird der schädigende Reiz auf das Gehirn rechtzeitig beseitigt, kann man eine fortschreitende Schädigung und Zerstörung von Hirnstrukturen verhindern und einer irreversiblen Störung vorbeugen. Eine internistische und neurologische Abklärung der psychischen Symptome ist für den Gesundungsprozess nicht nur entscheidend, sondern kann, z. B. im Fall eines Delirs, auch lebensrettend sein. Die primäre Versorgung und Therapie der an organischen psychischen Störungen Erkrankten liegt damit in fachärztlicher Hand.

Definition

Als organische psychische Organische psychische StörungenDefinitionStörungen werden Störungen bezeichnet, deren Ursache in einer direkten Schädigung des Gehirns (zerebral) begründet ist oder die als Folge einer krankhaften Veränderung des Gesamtorganismus (systemisch) auftreten. Dabei kann die Hirnerkrankung entweder eine primär das Gehirn Organische psychische StörungensekundäreOrganische psychische Störungenprimärebetreffende Erkrankung (z. B. Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumor oder Morbus Alzheimer) oder eine körperliche Allgemeinerkrankung sein, die erst sekundär zu einer Hirnfunktionsstörung führt (z. B. Vergiftungen oder gefäßbedingte Hirnschädigung). Diese zerebralen oder systemischen Erkrankungen sind nachweisbar, es liegt also ein organischer Befund vor.
Synonyme: exogene psychische, körperlich bedingte, hirnorganische, somatogene oder symptomatische exogene (wenn eine sekundäre Funktionsstörung des Gehirns vorliegt) Psychose oder Störung

Gut zu wissen Die ICD-Organische psychische StörungenICD-10ICD-10organische psychische Störungen10 vermeidet das Wort „Psychose“ und spricht stattdessen von „organischen psychischen Störungen“.

Manche Autoren grenzen die organische Psychose auch von der symptomatischen Psychose ab und verwenden die Bezeichnung „organische Psychose“ nur für Krankheitsbilder, die auf eine primäre Funktionsstörung des Gehirns zurückzuführen sind. Die Terminologie ist allerdings uneinheitlich; häufig werden alle körperlich verursachten psychischen Störungen unter der Sammelbezeichnung „organische Psychosen“ zusammengefasst.

Klassifikationen

Klassifikation nach der Symptomatik (ICD-10)

In der ICD-10 werden die organischen psychischen Organische psychische StörungenKlassifikationenStörungen nach Störungen ersten und zweiten Ranges unterteilt (Tab. 9.1).
Organische Störungen ersten Ranges sind: Organische psychische StörungenKlassifikationenersten Ranges
  • Demenz

  • Organisches amnestisches Syndrom

  • Delir

Organische Störungen zweiten Ranges sind: Organische psychische StörungenKlassifikationenzweiten Ranges
  • Organische Halluzinose

  • Organische katatone Störung

  • Organische wahnhafte Störung

  • Organische affektive Störung

  • Organische Angststörung

  • Organische dissoziative Störung

  • Organische Persönlichkeitsstörung

  • Leichte kognitive Störung

Die Störungen ersten Ranges zeichnen sich durch ein charakteristisches psychopathologisches Bild aus, das eine Verdachtsdiagnose auf eine organische psychische Störung erlaubt. Die Störungen zweiten Ranges lassen sich nicht ohne Weiteres von einer primären psychischen Erkrankung abgrenzen, d. h., das klinische Bild kann z. B. einer Schizophrenie, Angststörung oder Depression entsprechen. Erst die körperliche Abklärung und der Nachweis einer organischen Ursache für die Symptome rechtfertigen die Diagnose einer organischen psychischen Störung.

Klassifikation nach dem triadischen System

Im traditionellen triadischen Triadisches Systemorganische psychische StörungenOrganische psychische StörungenKlassifikationentriadisches SystemAnsatz (Kap. 3.1; Abb. 3.1) wurden organische psychische Störungen nach dem Verlauf eingeteilt in:
  • Akute organische Psychosen

  • Chronische organische Psychosen

Klassisches Krankheitsbild der akuten organischen Psychose ist das Delirorganische PsychoseDelir mit dem Leitsymptom der Bewusstseinsstörungenorganische PsychoseBewusstseinsstörung. Die Demenzorganische PsychoseDemenz dagegen ist das klassische Krankheitsbild der chronischen organischen Psychose mit den Leitsymptomen Wesensveränderung und kognitive Beeinträchtigung.

Gut zu wissen Der akute exogene Reaktionstyp nach Reaktionstyp, akuter, exogener nach BonhoefferAkuter exogener Reaktionstyp nach BonhoefferBonhoeffer ist identisch mit der akuten organischen PsychoseOrganische psychische Störungenakuter exogener Reaktionstyp.

Das hirnorganische Psychosyndrom (HOPSHOPS (hirnorganisches Psychosyndrom)Hirnorganisches Psychosyndrom (HOPS)) ist eine veraltete Bezeichnung für akute und chronische organische PsychosyndromePsychosyndromorganisches. Es wird gern auf nichtpsychiatrischen Stationen verwendet und umfasst kognitive und affektive Störungen mit einer Veränderung der Psychomotorik. Weiterhin beinhaltet es den emotionalen Kontrollverlust, eine Veränderung des Bewusstseins und Umkehr des Schlaf-Wach-Schlaf-Wach-RhythmusstörungenPsychosyndrom, organischesRhythmus. Bei einem lang andauernden hirnorganischen Psychosyndrom kann es beim Betroffenen auch zu einer Wesensveränderung kommen. HOPS ist keine Diagnose, sondern ein Symptomkomplex!
Der Begriff DurchgangssyndromDurchgangssyndrom nach Wieck ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene unspezifische, organisch bedingte reversible Psychosyndrome, die historische Bedeutung hat und heute in der ICD-10 als organische psychische Störung codiert wird. Es gehört zur Gruppe der akuten organischen Psychosyndrome und unterscheidet sich vom Delir durch eine fehlende Bewusstseinsstörung. Eine solche psychische Störung wird häufig beim Abklingen, manchmal auch zu Beginn einer hirnorganischen Schädigung durchlaufen und kann nahezu jeden Menschen im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen (z. B. Fieber, Operation, Unfall, Intoxikation) betreffen. Meistens bildet sich das Durchgangssyndrom jedoch wieder völlig zurück.
Je nach vorherrschenden Symptomen unterscheidet man zwischen verschiedenen Ausprägungsformen:
  • Affektives DurchgangssyndromAffektives Durchgangssyndrom mit depressiver oder manischer Symptomatik

  • Paranoid-halluzinatorisches DurchgangssyndromParanoid-halluzinatorisches Durchgangssyndrom mit Wahnideen und Wahrnehmungsstörungen

  • Amnestisches DurchgangssyndromAmnestisches Durchgangssyndrom mit Gedächtnis- und Denkstörungen

Klassifikation nach der Ätiologie

Die Ursachen für eine organische psychische Organische psychische StörungenÄtiologieStörung können sehr vielfältig sein. Man unterscheidet dabei:
  • Primäre organische psychische Organische psychische StörungenprimäreStörungen: nach Schädel-Hirn-Trauma, vaskulären Prozessen (z. B. Herzinsuffizienz, Hypertonie), Entzündungen (z. B. Hirnhautentzündung, HIV-Infektion) oder Hirntumoren

  • Sekundäre organische psychische Organische psychische StörungensekundäreStörungen: bei schweren Nieren- oder Leberkrankheiten, Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmangelzuständen oder metastasierenden Tumoren.

Primäre Hirnschädigungen sind durch intrazerebrale Erkrankungen oder Verletzungen verursacht. Sekundäre Hirnschäden sind entweder Folge extrazerebraler Prozesse, also systemischer Erkrankungen, oder Folge von Drogen- bzw. Medikamenteneinflüssen, welche die Hirnfunktion beeinträchtigen.

Merke

Unterschiedliche körperliche Erkrankungen können dieselben psychischen Symptome hervorrufen, d. h., die Symptome sind nicht spezifisch für die Ursache der Erkrankung!

Organische psychische Störungen ersten Ranges

Demenzen (ICD-10: F00)

Definition
Eine DemenzDefinitionDemenz (lat. demens, schwachsinnig) ist ein infolge einer Hirnkrankheit erworbener Intelligenzdefekt, der mit einem irreversiblen, groben und nicht selten progredienten (fortschreitenden) intellektuellen und mnestischen (das Gedächtnis betreffenden) Abbau einhergeht. Es kommt also zu einem Verlust früher vorhandener intellektueller Fähigkeiten.
Symptomatik

Fall

Demenz – „Kein Kartenspiel mehr“

DemenzFallbeispielEin 69-jähriger ehemaliger DemenzSymptomatikBankkaufmann kommt zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter in die Sprechstunde. Die Angehörigen beklageneine zunehmende Vergesslichkeit und soziale „Abkapselung“ ihres Mannes bzw. Vaters. Häufig müsse die Ehefrau ihn mehrfach um etwas bitten. Wenn sie ihn z. B. bitte, die Wäsche in den Keller zu bringen, und er dann das Zimmer mit diesem Auftrag verlasse, bleibe er aber im Wohnzimmer stehen, setze sich hin und schaue zum Fenster raus. Wenn sie ihn nicht ansprechen würde, bliebe er dann stundenlang untätig sitzen. Er sei so schweigsam geworden, gehe nicht mehr gern einkaufen und seit einem Monat meide er auch seine „heiß geliebten“ Canasta-Abende. Eigentlich sei er ein geselliger Mann, der gern mit den Freunden rede und Karten spiele. Der Ehefrau sei außerdem aufgefallen, dass er sich wiederholt mit dem Auto verfahren habe, obwohl ihm die Strecken absolut geläufig seien. Auch habe er Termine verwechselt oder versäumt. Als sie zum Steuerberater gehen wollten, sei sie erschrocken, welche Unordnung in den Unterlagen ihres Mannes geherrscht habe; er sei sonst so genau und gewissenhaft. Vor gemeinsamen Treffen mit Freunden habe er sich auch öfters gedrückt, und seit Neustem gehe er nicht mal mehr gern zu seiner Tochter. Wenn man ihn auf diese Veränderungen anspreche, reagiere er abweisend oder sogar böse. Im Gespräch mit der Therapeutin gibt der Klient jedoch zu, dass er Schwierigkeiten habe, sich Dinge zu merken, und auch nicht mehr richtig rechnen könne. Auch falle es ihm schwer, Gesprächen zu folgen, weswegen er ungern Freunde und die Familie treffe. Er sei einfach nicht mehr „der Alte“ und fühle sich so nutzlos. Während er dies berichtet, steigen ihm Tränen in die Augen.
Klassische Symptome des demenziellen Syndroms (bis 6 Monate, ab dem 6. Monat Demenz) sind Störungen des GedächtnisstörungenDemenzGedächtnisses und der Lernfähigkeitsstörungen, DemenzLernfähigkeit. Das Urteilsvermögen ist eingeschränkt und der Ideenfluss vermindert. Hinzu kommen OrientierungsstörungenDemenzOrientierungsstörungen, Sprachverständnisstörungen, DemenzSprachverständnisstörungen und sog. Werkzeugstörungen. Die Werkzeugstörungen, DemenzWerkzeugstörungen umfassen u. a. Lesen, Schreiben, Rechnen und komplexe Handlungsabläufe.

Merke

Zur Symptomatik der Demenz gehört keine qualitative Bewusstseinsstörung!

Die Demenz dämpft die kognitiven Fähigkeiten generell. Es gibt keine verminderte Ansprechbarkeit oder gesteigerte Empfindlichkeit auf einzelne Wahrnehmungsbereiche. Die Bewusstseinsinhalte sind geschwächt, aber nicht verschoben.

Begleitet sind diese Symptome meist von einer Verschlechterung der emotionalen Kontrolle, des sozialen Verhaltens und der Motivation. Langfristig zeichnet sich eine Veränderung der Persönlichkeitsveränderungen, DemenzPersönlichkeit ab. Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz können neurologische Symptome wie Harn- oder Stuhlinkontinenz auftreten. Psychiatrische Symptome wie Depression, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Wahnsymptome, DemenzWahnsymptome und HalluzinationenDemenzHalluzinationen können sich ebenfalls entwickeln.

Erläuterungen zum Fall

Kognitive Einbußen

Bei einer demenziellen Entwicklung sind zunächst v. a.Kognitive StörungenDemenz Konzentration, Merkfähigkeit und Kurzzeitgedächtnis betroffen. Die Erscheinungen wie im Fallbeispiel sind nicht an ein Geschlecht gebunden. Sie entwickeln sich bei Männern und Frauen gleichermaßen. Allerdings überdecken in Beruf und Haushalt eingespielte Routinen die Symptome, weil das Langzeitgedächtnis zunächst intakt bleibt und vornehmlich das Kurzzeitgedächtnis betroffen ist. Der Bankangestellte im Fallbeispiel hat z. B. Schwierigkeiten, sich Aufgaben zu merken, die ihm kurz zuvor aufgetragen wurden. Außerdem vergisst er Verabredungen und Termine. Im Verlauf der Erkrankung kann aber auch das Abrufen von Inhalten aus dem Altgedächtnis Schwierigkeiten bereiten. Biografische Daten werden in der Regel noch am längsten behalten.

Orientierungsstörung

Die Gedächtniseinbußen sind mitverantwortlich für die Entwicklung von räumlichen und zeitlichen OrientierungsstörungenzeitlicheOrientierungsstörungenräumlicheOrientierungsstörungenDemenzDemenzOrientierungsstörungenOrientierungsstörungen. Im Beispiel kann der Bankangestellte die Termine nicht mehr voneinander unterscheiden. Er versäumt sie ganz oder bereitet sich nicht mehr wie gewohnt ordentlich vor. Auch die örtliche Orientierung fällt zunehmend schwer; so erklärt sich, dass sich der Mann aus dem Fallbeispiel in bekannter Umgebung verfährt. Die Orientierungsstörung prägt sich zunehmend stärker aus: So vergisst der Bankangestellte den Auftrag seiner Frau bereits, wenn er das Zimmer wechselt.

Vermeidungsverhalten

Neben Antriebslosigkeit, VermeidungsverhaltenDemenzDemenzVermeidungsverhaltendie bei der Hälfte der Patienten mit Unruhe gekoppelt ist, zeigt sich ein ausgesprochenes Vermeidungsverhalten. Der Demenzkranke meidet bewusst Situationen, in denen seine Probleme schwer zu kaschieren sind. So verzichtet der Bankangestellte aus dem Fallbeispiel sogar auf seine Canasta-Abende.

Sprachverständnis- und Werkzeugstörungen

Häufig verändert sich die Sprache der Betroffenen, sie wird umständlich oder stereotyp als Folge der Wortfindungsstörungen, DemenzWortfindungsstörung. Die verminderte Fähigkeit zur Kombination und Erfassung Werkzeugstörungen, DemenzDemenzWerkzeugstörungenvon Sinnzusammenhängen macht es den Erkrankten schwer, Gesprächen zu folgen und sich daran zu beteiligenSprachverständnisstörungen, DemenzDemenzSprachverständnisstörungen. Im Fallbeispiel macht das gesellige Abende unmöglich, weil der Bankangestellte den Gesprächen zunehmend schwerer folgen kann. Aber auch seine Unfähigkeit zu rechnen macht ihm diese Treffen zum Problem und erschwert ihm das Einkaufen. Häufig sind auch das Lesen, Schreiben und Erfassen von dreidimensionalen Zusammenhängen betroffen. Die Erkrankten haben dementsprechend Probleme, komplexere Handlungsabläufe wie Kochen, Anziehen oder Waschen umzusetzen. Der Bankangestellte scheint z. B. nicht mehr in der Lage zu sein, seine Unterlagen zu sortieren und zu ordnen. Die Unfähigkeit zum Ausführen von Tätigkeiten führt nicht selten zu ausgeprägter Hilflosigkeit. Der Bankangestellte im Fallbeispiel nimmt diese Veränderungen wahr und reagiert entsprechend. Er ist herabgestimmt und fühlt sich nutzlos.

Wesensveränderung und Verhalten

Vor dem Beginn der eigentlichen kognitiven VerhaltensstörungenDemenzDemenzWesensstörungenDemenzVerhaltensstörungenSymptome zeigen sich oft Frühsymptome wie Apathie, Rückzug, Motivationsverlust, Reizbarkeit und Stimmungslabilität. Im Fallbeispiel zeigt sich, dass der gesellige Mann schweigsam und untätig wird und sich sozial zurückzieht. Im Gespräch mit der Therapeutin stehen ihm schnell Tränen in den Augen, und er reagiert gegenüber Nachfragen seiner Angehörigen oft böse und ungehalten – ein Zeichen der AffektlabilitätAffektlabilität. Im weiteren Erkrankungsverlauf können sich Persönlichkeitszüge zuspitzen. Patienten verlieren z. T. ihre Kritik- und Urteilsfähigkeit, können Unwichtiges nicht mehr von Wichtigem unterscheiden, das Problemlösen und die Fähigkeit zum abstrakten DenkenDenkenabstraktes sind eingeschränkt. Dies verändert die Personen stark und führt zu persönlichkeitsfremden Handlungen. Betroffene werden z. B. menschenscheu, apathisch oder umständlich und bleiben an Details haften. Die Emotionen können nicht mehr kontrolliert werden, und Wut- oder Tränenausbrüche sind die Folge. Im Extremfall kann es zur Triebenthemmung, DemenzTriebenthemmung kommen.

Therapeutische Praxis

Menschen, die eine Demenz entwickeln, klagen meist nicht über ihre Defizite, sondern versuchen, ihre Schwierigkeiten zu überspielen. Spricht man sie direkt auf ihre Gedächtnisprobleme an, weichen sie gern aus, VermeidungsverhaltenDemenzDemenzVermeidungsverhaltenentwickeln Vermeidungsstrategien (machen Witze oder wechseln das Thema) oder negieren die Problematik.

Die Einschätzung des Schweregrades einer DemenzDemenzSchweregrade kann mithilfe der Reisberg-Skala (Tab. 9.2) erfolgen.
Diagnostik
Ein demenzielles Syndrom muss mindestens über einen Zeitraum von 6 Monaten bestehen, bevor die Diagnose einer Demenz DemenzDiagnostikgestellt werden kann.

Merke

Ist die Demenz durch einen reversiblen (rückgängig zu machenden) Faktor bedingt, kann sie bei entsprechender Therapie auch vorübergehend sein. Beispiele hierfür sind: Vitamin-B12-Subkortikale DemenzHIV-DemenzDemenzsubkortikaleMangel, depressive Pseudodemenz, Alkoholabusus, Sauerstoffmangel bei Herzinsuffizienz oder Schilddrüsenerkrankungen. Eine internistische/neurologische Abklärung der kognitiven Defizite ist daher unabdingbar!

Entscheidend für die Diagnosefindung sind:
  • Ausführliche Eigen- und Fremdanamnese

  • Testpsychologische Beurteilung der kognitiven Einbußen

  • Neurologische bzw. internistische Abklärung

Zur orientierenden Diagnostik beim Verdacht auf eine Demenz eignen sich folgende Fragen:
  • Wie gut können Sie sich Termine oder Namen im Vergleich zu früher merken?

  • Fällt Ihnen manchmal ein Wort im Gespräch oder ein Begriff für Alltagsgegenstände nicht mehr ein?

  • Haben Sie in letzter Zeit Schwierigkeiten gehabt, den Herd oder die Kaffeemaschine zu bedienen oder sich anzuziehen?

  • Wie schätzen Sie Ihre derzeitige Leistungsfähigkeit ein?

  • Ist Ihr Alltagsablauf durch die geschilderten Beschwerden beeinträchtigt?

  • Seit wann erleben Sie die geschilderten Einschränkungen?

Der Mini-Mental-Status-Test (MMST)Mini-Mental-Status-Test (MMST) ist ein klassischer Test, um eine Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit zu erfassen. Er beansprucht nur wenig Zeit und lässt sich gut in die Exploration integrieren. Maximal können 30 Punkte erreicht werden. Ältere Menschen erreichen im Schnitt 24–29 Punkte. Ein Wert unter 23 Punkten ist verdächtig für das Vorliegen eines demenziellen Syndroms.

Merke

Die Alzheimer-Alzheimer-DemenzDemenz (AD) stellt immer eine Ausschlussdiagnose dar, d. h., der Verdacht auf andere Ursachen muss vor der Diagnosestellung ausgeräumt werden.

Differenzialdiagnostik
Es gibt verschiedene Formen der Demenz, DemenzDifferenzialdiagnosendie in der ICD-10 entsprechend verschlüsselt werden (Klassifikation organischer psychischer Störungen nach ICD-10). Die Unterschiede und Abgrenzung sind in Tab. 9.3 zusammengestellt.
Ein anderes Einteilungsschema orientiert sich an der Lokalisation der Demenz. Danach werden unterschieden:
  • KortikaleDemenzkortikale (von der Gehirnrinde ausgehende) Demenzen: Alzheimer-Demenz, Morbus Pick

  • SubkortikaleDemenzsubkortikale (unter der Gehirnrinde) Demenzen: vaskuläre Demenz, Demenz bei Morbus Parkinson oder Chorea Huntington

Therapeutische Praxis

Die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK)Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) ist eine chronische EnzephalopathieCreutzfeldt-Jakob-KrankheitEnzephalopathie (griech. enképhalos: Gehirn und griech. pátheia, Leiden → Gehirnleiden), die in eine Demenz mündet. Nervenzellen degenerieren, und das Gehirn nimmt eine spongiforme (schwammartige) Struktur an.

Der Ursprung der Erkrankung wird in einem veränderten Körpereiweiß vermutet, das bereits in verschiedenen Körperflüssigkeiten (z. B. Muttermilch) nachgewiesen wurde. Bei etwa jedem tausendsten Verstorbenen lassen sich Anzeichen der CJK nachweisen. Eine Übertragung der Erkrankung wurde bei Hornhauttransplantationen, Injektionen von Wachstumshormonlösungen menschlichen Ursprungs und fehlerhaft sterilisierten Operationsbestecken bei neurochirurgischen Eingriffen nachgewiesen. Etwa 10 % der CJK-Fälle traten familiär gehäuft und offensichtlich unabhängig vom Kontakt mit kontaminiertem Material auf; dies legt eine erbliche Komponente nahe. In den letzten Jahren gab es Anlass, eine Verbindung zum „Rinderwahn“, der bovinen spongiformen Enzephalopathiebovine, spongiforme (BSE)Enzephalopathie (BSE),BSE (bovine spongiforme Enzephalopathie)Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE) anzunehmen (Auftreten der Krankheit nach Verzehr kontaminierter Lebensmittel). Die dabei beobachtete CJK brach deutlich rascher auf und betraf auch Jugendliche, weshalb sie als „neue Variante“ (nvCJK) bezeichnet wurde.Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK)neue Variante (nvCJK)

Differenzialdiagnostisch ist die Abgrenzung einer Demenz, v. a. in der Frühphase der Erkrankung, von einer depressiven Pseudodemenz, depressiveDepressive PseudodemenzPseudodemenz wichtig, jedoch aufgrund der Ähnlichkeit der Symptomatik häufig erschwert (Kap. 12; Tab. 9.4).

Krankheitsverlauf und Epidemiologie
Verlauf
  • Alzheimer-Demenz (AD): DemenzVerlauf(scharakteristika)DemenzAlzheimer-TypAlzheimer-DemenzVerlaufAb Diagnosestellung beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung 5–8 Jahre. Die letzten 2 Jahre sind in der Regel durch starke Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet, da die Patienten häufig einfache Alltagsverrichtungen nicht mehr leisten können oder Gefahr laufen, sich selbst durch ihre Vergesslichkeit zu gefährden (Herd abschalten etc.). Es können auch Phasen großer Unruhe und nächtlicher Verwirrtheit auftreten.

  • Vaskuläre Demenz: Vaskuläre DemenzDemenzvaskuläreDiese Demenz führt im Schnitt schneller zum Tod als die Alzheimer-Demenz. Die mittlere Lebenserwartung nach Diagnosestellung beträgt 4 Jahre.

  • Morbus Pick: Pick-KrankheitVerlaufDemenzPick-KrankheitDer Krankheitsverlauf beträgt im Schnitt 5–10 Jahre.

  • Zum Verlauf der durch neurologische Erkrankung bedingten Demenzen wird auf Kap. 22 verwiesen.

Häufige Todesursache der Demenzen ist eine Pneumonie infolge der Bettlägerigkeit.
Epidemiologie
Die Häufigkeit der unterschiedlichen DemenzEpidemiologieDemenzformen verteilt sich wie in Abb. 9.1 dargestellt.
Die Alzheimer-Demenz (Alzheimer-DemenzAD) ist die häufigste Demenzform und betrifft 5 % der über 65-Jährigen (Tab. 9.4).

Merke

In Deutschland leiden ca. 1 Mio. Menschen an einer Alzheimer-Demenz.

Man unterscheidet:
  • AD mit frühem Beginn: vor dem 65. Lj. (präsenile Demenz Demenzpräsenilevom Alzheimer-Typ)

  • AD mit spätem Beginn: nach dem 65. Lj. (senile Demenz Demenzsenilevom Alzheimer-Typ)

Diese Unterformen zeigen jedoch keine bedeutenden Unterschiede bezüglich Symptomatik oder Verlauf. 95 % der AD treten sporadisch auf, nur ein kleiner Anteil zeigt eine familiäre Häufung bei Verwandten 1. Grades. Diese Unterform wird auf einen genetischen Defekt zurückgeführt.
Vaskuläre Demenzen Vaskuläre DemenzDemenzvaskuläresind die zweithäufigsten Demenzen; sie machen 15 % aller Demenzen aus. Häufig sind vaskuläre Demenz und AD vergesellschaftet.
Der Morbus Pick Pick-KrankheitDemenzPick-Krankheitist eine relativ seltene Erkrankung und betrifft vorwiegend Männer unter 65 Jahren. Sie tritt sporadisch und selten familiär gehäuft auf.
Ätiologie
Die Ursachen DemenzÄtiologievon Demenzen sind im Folgenden zusammengestellt:
  • Degenerative Prozesse im Gehirn (AD, Morbus Pick)

  • Kardiovaskuläre Erkrankungen mit Störungen der Hirndurchblutung (vaskuläre Demenzen)

  • Systematrophien (Parkinson-Krankheit, Chorea Huntington)

  • Hirntraumen

  • Infektionen (HIV, Enzephalitis, CJK)

  • Intoxikationen (Alkohol, Medikamente, Kohlenmonoxid, Schwermetalle)

  • Störungen der Liquorzirkulation (Normaldruckhydrozephalus)

  • Stoffwechselstörungen (Diabetes mellitus, Schilddrüsenerkrankungen, Leber-/Niereninsuffizienz, Vitaminmangelerkrankungen)

  • Tumoren (intrazerebrale oder extrazerebrale Tumoren mit Metastasen)

Alois Alzheimer Alzheimer, Aloisbeschrieb erstmals 1906 das Krankheitsbild, bei dem sich neuropathologisch kortikale amyloide Plaques, eine Hirnatrophie und eine Veränderung der Neurofibrillen darstellen ließen. Die verstorbene Patientin litt an einer Demenz mit frühem Beginn.
Beim Morbus Pick gehen frontotemporale Nervenzellen zugrunde. In den angeschwollenen Nervenzellen lassen sich sog. Pick-Körper Pick-Körperanfärben.
Therapie der Demenzen
Allgemeine Empfehlungen
DemenzTherapieDemenzen, deren Ursache behandelbar ist, müssen so früh wie möglich diagnostiziert und therapiert werden (z. B. Infektionen, kardiovaskuläre Erkrankungen, Intoxikationen). Damit beugt man der fortschreitenden Schädigung des Gehirns vor und wirkt je nach Ursache einer drohenden irreversiblen Demenz entgegen. Degenerativ bedingte Demenzen wie beim Morbus Pick und Morbus Alzheimer lassen sich bisher nicht kurativ therapieren, d. h., es gibt keine Heilung. Die Krankheiten führen auf jeden Fall zum Tod. Man kann den Krankheitsprozess nur begleitend behandeln.

Merke

Demenz bei Morbus Parkinson

Etwa 30–40 % der Patienten mit Parkinson-Krankheit entwickeln im späteren Verlauf der Erkrankung eine Demenz. Die typische Parkinson-Symptomatik (Akinese, Verlangsamung, monotone Stimme etc.) täuscht häufig ein demenzielles Syndrom vor. Deshalb müssen alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden, bevor eine Demenz bei Parkinson diagnostiziert werden kann.

Alzheimer-Demenz

Wichtige therapeutische Ziele bei der Behandlung der Alzheimer-Demenz sind neben der Verbesserung der klinischen Symptomatik die Stabilisierung auf dem Niveau vor Behandlungsbeginn und die Verlangsamung des Krankheitsprozesses.
Medikamentöse Therapie der Alzheimer-Demenz
Bisher gibt es keine kurative Therapie der Alzheimer-Erkrankung.Alzheimer-DemenzNootropikaNootropika, Alzheimer-Demenz Mit eingeschränktem Erfolg werden Psychopharmaka eingesetzt, die den Krankheitsverlauf aber nur verlangsamen und nicht aufhalten können. Dazu zählen Nootropika (z. B. Ginkgopräparate/Tebonin®, Piracetam/Nootrop®) und Acetylcholinesterase-Hemmer (Alzheimer-DemenzAcetylcholinesterase-HemmerAcetylcholinesterase-Hemmer, Alzheimer-Demenzz. B. Donezepil/Aricept®).
Beachten muss man bei der eingeschränkten Wirksamkeit auch die Nebenwirkungen, die den Einsatz der Medikamente bei einigen Erkrankten ausschließen. Die psychiatrische Begleitsymptomatik wie z. B. Wahn, Depression oder Unruhe kann jedoch eine entsprechende Therapie mit Psychopharmaka (Antidepressiva, Antipsychotika etc.) nötig machen. Diese nimmt der Psychiater unter Berücksichtigung des Alters der Patienten, der körperlichen Verfassung und der Nebenwirkungen der Präparate vor.
Nichtmedikamentöse Therapie der Alzheimer-Demenz
Alzheimer-Demenznichtmedikamentöse TherapieIm Vordergrund der Therapie stehen die Realitätsorientierung und die Organisation des Tagesablaufs. Der Betroffene sollte im Frühstadium über die medizinischen Hintergründe der Erkrankung aufgeklärt werden; zudem sollten ihm Hilfen angeboten werden, damit er Alltagsaufgaben möglichst lange selbstständig übernehmen kann. Spezielle Tagesstätten oder -kliniken bieten Programme zur Aktivierung mentaler und körperlicher Fähigkeiten an und entlasten die Angehörigen bei der Pflege.

Therapeutische Praxis

Gedächtnistraining führt bei Alzheimer-Erkrankten nicht zu einer Verbesserung der Symptomatik. Es kann aber die Zufriedenheit der Patienten erhöhen.

Alzheimer-DemenzAngehörige(ngruppen)Von besonderer Bedeutung bei der Therapie ist die Einbeziehung der pflegenden Angehörigen. Aufgrund der extremen Belastung, die mit dem fortschreitenden Krankheitsprozess auf die Angehörigen zukommt, ist es wichtig, sie fachgerecht aufzuklären und zu entlasten. Die betreuenden Angehörigen sind auf die krankheitsbedingten Veränderungen der nahestehenden Person selten vorbereitet und fühlen sich oft überfordert. Die Informationen, auch über die Grenzen der Therapie, beugen unrealistischen Erwartungen und damit verbundenen Enttäuschungen vor. Als besonders hilfreich erleben die Angehörigen Selbsthilfegruppen, die von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft angeboten werden (www.deutsche-alzheimer.de).
Grundsätzlich sollte mit den Angehörigen auch frühzeitig über die Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung Alzheimer-DemenzBetreuung, gesetzlicheund die Möglichkeit einer Heimunterbringung bzw. über andere Pflegeangebote und ggf. die Vorsorge- und Betreuungsvollmacht des Patienten gesprochen werden, sofern dieser dazu noch fähig ist.

Therapeutische Praxis

Durch eine ausreichende Beratung der Angehörigen kann deren Bereitschaft, den Betroffenen auch in schwierigen Krankheitsphasen zu betreuen, erhöht und die Zahl der Heimunterbringungen reduziert werden. In Alzheimer-DemenzAngehörige(ngruppen)Angehörigengruppen lernen die Angehörigen mit den emotionalen Ausbrüchen und psychischen Begleitsymptomen (Halluzinationen, Wahn) der Patienten umzugehen, aber auch ihre eigene Wut, Trauer und Schuld besser zu verstehen.

Mein zweites Leben

Die Kanten der Blätter sind abgegriffen, Eselsohren und kleine Knicke lassen die Seiten mit der Überschrift „Januar“ wie ein Fächer aufeinander fallen. Der rote Kalender liegt aufgeschlagen auf einem Tisch mitten im Wohnzimmer, daneben ein gespitzter Bleistift. Wenn die Sonne den kleinen Glastisch – wie jetzt – in ein helles Licht taucht, wirkt der Kalender fast wie ein Ausstellungsstück im Museum. „Spazieren“, „Theater“ und „Essen“ steht da, mit Bleistift geschrieben. Es ist das Leben eines Mannes, der solche Kalendereinträge braucht, um seinen Alltag nicht zu vergessen. Christian Zimmermann, 58 Jahre alt, mit Dreitagebart und leicht eingefallenen Wangen, hat Alzheimer. Er ist dieser eine Mensch unter 1 000, der statistisch gesehen zwischen 45 und 64 Jahren an der präsenilen Demenz erkrankt. Im Juli 2007 wurde die Krankheit bei ihm festgestellt. 7 000 ähnlich junge Schicksale gibt es in Deutschland schätzungsweise, und sie alle passen nicht in das Bild, das sich die meisten Menschen von Demenz machen.

Dabei war auch Auguste Deter, die erste Patientin, bei der Alois Alzheimer 1906 die Krankheit beschrieben hatte, erst 56 Jahre alt. Doch auch 100 Jahre später fällt es noch immer schwer zu begreifen, dass die Alzheimerdemenz über das Leben jüngerer Menschen hereinbricht. Menschen, die arbeiten, Kinder haben und den Kopf voller Zukunftspläne. Für diesen Vormittag steht „Malen“ im Kalender. Die Buchstaben torkeln auf dem linierten Papier, als stammten sie von einem Kind, das gerade Schreiben lernt. Christian Zimmermann ist dabei, das Schreiben wieder zu verlernen, genauso das Hemdknöpfen und Schuhebinden. Alzheimerpatienten fehlt ein Botenstoff im Gehirn, der für viele Denkvorgänge und Muskelbewegungen gebraucht wird, deshalb tun sie sich schwer mit fein abgestimmten Bewegungen. „Das ist wie eine Sandburg am Strand. Mit jedem Sandkorn, das weggeweht wird, geht ein Stück von dir, und du weißt, es ist für immer verloren.“ Christian Zimmermann knetet seine Hände, nie sitzt oder steht er ganz still. Alzheimerpatienten sind ständig ruhelos, als wollten sie vor ihrer Krankheit davonlaufen. Malen jedoch kann der 58-Jährige noch wie früher. Geduckt steht Christian Zimmermann in einer Nische unterm Dach. Die Altbauwohnung haben er und seine Frau vor acht Jahren nach eigenen Plänen umgebaut, jetzt bilden die Zimmer einen weitläufigen Rundgang über zwei Etagen, verbunden durch kleine Absätze und freistehende Treppen. Nur die Malnische hinter dem Bad ist eine Sackgasse. Auf schwarzem Grund trägt Christian Zimmermann mit Acrylfarbe dicke blaue Pinselstriche auf und tritt prüfend einen Schritt zurück. Schon steht er mit dem Rücken an der Wand, denn es ist eng in der Nische. „Ich mag diese Farbkombination“, sagt er und deutet mit dem Pinsel auf ähnliche Bilder, die an der Wand lehnen. Gemalt hat Christian Zimmermann auch in der Tagesklinik der Psychiatrie, wo er nach der Diagnose ein halbes Jahr lang jeden Morgen hinging. „Ich habe meine Krankheit gemalt“, sagt der 58-Jährige. Ob man das Bild einmal sehen dürfe? Er zögert kurz. „Wollen Sie das wirklich?“ Dann tritt er aus seiner Malnische in das Badezimmer, lässt sich auf die Knie fallen und greift in einen Spalt zwischen Badewanne und Toilettenschüssel. Mit einem Stapel Papiere in der Hand richtet er sich wieder auf. Ein Bild nach dem anderen legt er auf den Badewannenrand, jedes ist ordentlich in der rechten unteren Ecke beschriftet. „Liebe“ heißt eines, das zweite „Tod“, dann kommt „Alzheimer“. Vor einem wirren Hintergrund führen vier schwarze Linien auf ein silbernes Rechteck in der Mitte des Blattes zu. „Es zieht einen rein bis zum Ende. Man kann nicht entkommen“, sagt Christian Zimmermann und stopft die Bilder wieder zurück in den Spalt. „Ich verstecke sie, weil meine Frau sie nicht sehen will. Sie will sich nicht an die schreckliche Zeit erinnern.“

Die schreckliche Zeit begann für seine Frau Christa Prohaska zwei Jahre vor der Diagnose, und noch heute klingt ihre Stimme bitter, wenn sie darüber spricht. „Wir haben so viel gestritten damals. Ich dachte, warum hört er mir nicht zu, bin ich ihm nicht mehr wichtig? Warum erledigt er nicht die Dinge, um die ich ihn gebeten habe? Natürlich habe ich irgendwann geglaubt, dass etwas mit unserer Beziehung nicht stimmt.“ Auch Christian Zimmermann merkte, dass er sich von seiner Frau entfernte, und ihm kam ein erster Verdacht. „Ich hatte Angst, dass es ein Gehirntumor war.“ Dann brach er zweimal hintereinander bewusstlos zusammen. Schon nach den ersten Tests sagten die Ärzte: Alzheimer. „Es war fast eine Erleichterung, dass wir endlich Bescheid wussten. Erst danach kamen Trauer und Fassungslosigkeit“, erinnert sich Christa Prohaska. Ein einziges Bild hat es geschafft, dem Spalt neben der Toilette zu entkommen. Es setzt sich aus groben, schwarzgrauen Strichen zusammen und zeigt Alois Alzheimer, das Porträt hängt in der Nische an der Wand. Wenn Christian Zimmermann malt, guckt ihm Herr Alzheimer mit aufgerissenen Augen von der Seite zu. Von Zeit zu Zeit muss der Hobbykünstler diesem Blick entfliehen. „Man wird zum Außenseiter mit Alzheimer“, sagt er nuschelnd. Auch Sprechen erfordert eine Muskelkoordination, auf die er sich mittlerweile bewusst konzentrieren muss. „Man muss rausgehen und Menschen sehen.“ „Möhlstraße“ steht immer noch an mehreren Tagen der Woche in seinem Kalender, der Straßenname ist zum Synonym für die Tagesklinik geworden. Doch jetzt kommt Christian Zimmermann nur noch zu Besuch und plaudert mit anderen Patienten im Aufenthaltsraum. „Wenn ich den alten Damen Komplimente über ihre Frisur mache, freuen sie sich. Die müssen doch auch mal lachen“, sagt er und klingt dabei, als habe er vergessen, dass er selbst Patient ist. Die anderen sind deutlich älter.

„Wir sind nicht auf die Versorgung junger Demenzkranker eingestellt“, sagt der Psychiater Alexander Kurz vom Münchner Universitätsklinikum rechts der Isar, zu dessen Abteilung die Tagesklinik gehört. „Die Jungen haben ganz andere Probleme, wenn die Krankheit sie aus Beruf und Familienleben reißt, und sie wollen auch anders beschäftigt werden als die Alten.“ Bei mindestens der Hälfte aller Patienten unter 65 Jahren ist Alzheimer erblich bedingt. Sie tragen eine Mutation in einem von drei Genen mit sich herum, die molekulare Schneidewerkzeuge für Eiweiße herstellen. Deren Ablagerungen sind vermutlich für die Demenz verantwortlich. In Christian Zimmermanns Familie aber war Alzheimer nie ein Thema. Täglich läuft der 58-Jährige in flottem Schritt durch Haidhausen im Münchner Osten. „Ich sehe die Menschen alt werden. Oft stirbt zuerst der Mann, und die Frau bleibt allein zurück. Das ist schlimm.“ Zwei Straßen weiter sagt er dasselbe noch einmal, so wie er alles mehrfach sagt, was ihm wichtig ist. Vielleicht befürchtet er, seine eigene Frau werde ähnlich enden wie die einsamen Alten.

Und vielleicht hat Christian Zimmermann sich deshalb vorgenommen, sie aufzuheitern. „Als kleiner Junge habe ich mich jedes Mal gefreut, wenn ich auf der Straße einen Glückspfennig gefunden habe. An so einem Tag konnte mir nichts mehr passieren.“ Jetzt lässt er manchmal absichtlich im Gemüseladen ein Centstück fallen und wartet in der Nähe, bis er es jemanden aufheben sieht. Wenn er dabei sein Portemonnaie oder das Gemüse liegen lässt, bringt es ihm der Ladenbesitzer hinterher. „Dass ich Dinge vergesse, ist nicht so schlimm“, sagt der Alzheimerkranke im Weitergehen. „Das passiert gesunden Menschen ja auch gelegentlich.“ Er geht jeden Tag den gleichen Weg, zur gleichen Zeit; in den vertrauten Straßen rund um seine Wohnung wirkt er nicht wie einer, der gerade sein Gedächtnis verliert. Gegen Mittag schaut Christian Zimmermann stets in seiner Firma vorbei, einem Spiegelhersteller. Dort steht er vor einer großen Gärungssäge und erklärt, wie die Kunststoffspiegel entstehen, die in den Theaterhäusern von München bis Sydney hängen. Ab und zu kreischt eine Säge, in der Halle riecht es nach Klebstoff. Die drei Angestellten grüßen kurz und arbeiten weiter. Dass der ehemalige Chef vorbeischaut, ist Routine. Die Kunststoffspiegel werden mit einer Schutzfolie beklebt, bearbeitet und zurechtgeschnitten, dann kommt die Folie wieder herunter. Kein einziges Mal muss Christian Zimmermann bei seinen Erklärungen nach einem Wort suchen, wie sonst so oft im Gespräch. „Manchmal bin ich selbst erstaunt, was ich noch an Altwissen habe“, sagt er mit hörbarem Stolz. „Als ob ich die Maschinen doch noch bedienen könnte.“

Kurz bevor ihm die Ärzte sagten, was mit ihm los ist, hat er das zum letzten Mal probiert. Doch schon damals irrten seine Finger hilflos über die vielen Schalter, Hebel und Displays, ohne einen davon zu betätigen. „Ich weiß noch, wie alles geht, aber ich kann es einfach nicht mehr. Und ich weiß, es kommt nie mehr wieder.“ Täglich nimmt er Tabletten, die seine absterbenden Gehirnzellen länger am Leben halten sollen. „Eine Heilung wird es in meinem Leben nicht geben“, sagt Christian Zimmermann.

Zu Hause geht er zu dem Glastisch im Wohnzimmer und setzt einen ordentlichen Haken hinter die Kalendereinträge „Spazieren“ und „Firma“. Dann legt er sich aufs Sofa, die Tabletten machen müde. „Ein Mann soll seine Familie beschützen, und es fällt schwer zu akzeptieren, dass ich das nicht mehr kann. Ich will meiner Frau nicht zur Last fallen.“ Meist versucht er es daher mit Disziplin. „Man muss sich zusammenreißen, um die Vorgänge im Gehirn aufzuhalten.“ Viele Alzheimerkranke leiden unter Depressionen, sie zerbrechen an dem Wissen, wie es mit ihnen weitergeht. In der Tagesklinik hört Christian Zimmermann, wie sie bedeutungsvoll davon reden, in die Schweiz zu fahren, das Wort Sterbehilfe spricht niemand aus. „Du kannst dir nur selbst helfen“, erwidert er dann. Auf dem Rückweg in die Wohnung sagt er eine Zeitlang nichts, doch wer einige Tage mit dem 58-Jährigen unterwegs war, ahnt, dass gleich etwas umso Wichtigeres kommt. An einer roten Ampel spricht er weiter. „Ich habe mein altes Leben verloren. Da fällt ein Riesenpaket auf dich, und du weißt nicht, was du damit machen sollst, weil du es nicht begreifst. Dann ist mir klar geworden, dass ich mir ein zweites Leben aufbauen muss.“

Eines der ersten Ereignisse in diesem neuen, zweiten Leben war ein Auftritt beim Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft im Oktober 2008. Als einziger Betroffener stand er vor 800 Zuhörern am Rednerpult. Der Psychiater Alexander Kurz hatte ihm das vorgeschlagen, und schließlich dachte Christian Zimmermann: „Ich hab nichts zu verlieren. Das ist wie bei Asterix: So lang einem nicht der Himmel auf den Kopf fällt, muss man vor nichts Angst haben.“ Seine Stimme klingt beinahe übermütig. „Und der Himmel ist mir noch nicht auf den Kopf gefallen.“ Den Vortrag nannte er: „Es gibt ein Leben nach der Diagnose“. Später übernahmen einige Nachrichtenagenturen das Zitat als Überschrift. In seinem zweiten Leben traut sich Christian Zimmermann auch auf die Theaterbühne. In einem Hinterhoftheater in Schwabing wartet er auf seinen Einsatz. Alle zwei Wochen probt er hier in einer Gruppe psychisch kranker Menschen, von denen er der einzige Alzheimerpatient ist. „Er kann wunderbar improvisieren“, sagt Anette Spola, die Leiterin des Theaters. Auch die Szene in dem imaginären Café haben sie nicht vorbereitet. Drei Frauen sitzen kichernd im Lichtkegel an einem Tisch. „Jetzt“, ruft die Regisseurin, und Christian Zimmermann tritt aus dem Dunkeln zu den Damen und verwickelt sie in ein Gespräch. Bald stößt der Ehemann einer der Frauen dazu und fragt misstrauisch: „Und wer sind Sie?“ „Ich bin Unternehmer“, antwortet der ehemalige Chef eines Handwerksbetriebs, ohne zu zögern.

„Alzheimer ist wie ein Partner, der dich in deinem zweiten Leben begleitet. Du darfst ihn nur nicht zu mächtig werden lassen“, hat Christian Zimmermann bei einem seiner Spaziergänge gesagt. Und vielleicht hat er dabei an den Merksatz gedacht, den er in zittriger Schrift in seinem Kalender notiert hat: „Das Leben ist kurz, aber es ist dazu da, um gelebt zu werden.“

Blawat K. Mein zweites Leben. Süddeutsche Zeitung 20.2.2009: S. 40–47

Organisches amnestisches Syndrom (ICD-10: F04)

Definition
Unter dem organischen amnestischen Syndrom (Organisches amnestisches SyndromAmnesieorganischeICD-10: F04) versteht man eine erhebliche Beeinträchtigung des Kurz- und Langzeitgedächtnisses, die nicht durch Alkohol oder Drogen verursacht ist. Es besteht eine anterograde Amnesie Anterograde AmnesieAmnesieanterogradeund eine zeitliche DesorientierungDesorientierungzur Zeit. Das Intermediatgedächtnis ist meist erhalten. Die Wahrnehmung, kognitive Funktionen und der Intellekt sind in der Regel nicht betroffen. Konfabulationen Konfabulationenamnestisches Syndrom, organischeskönnen auftreten, sind aber nicht obligat.
Ätiologie
Ursachen des organischen amnestischen Syndroms können sein:
  • Schädel-Hirn-Trauma

  • Zerebrovaskuläre Erkrankung

  • Infektion (Enzephalitiden)

  • Multiple Sklerose

  • Hirntumor

  • CO-Vergiftung

  • Minderversorgung des Gehirns mit Sauerstoff (z. B. Strangulation, Anämie, Narkosezwischenfälle)

Merke

Das organische amnestische Syndrom wird auch als nicht durch Alkohol bedingtes Korsakow-Korsakow-Syndromakutes (amnestisches Syndrom)Syndrom bezeichnet (auch: „akuter Korsakow“).

Ein organisches amnestisches Syndrom, das durch Alkohol ausgelöst ist, wird in der ICD-10 an anderer Stelle verschlüsselt. Eine Darstellung des alkoholbedingten Korsakow-Syndroms („chronischer Korsakow“Korsakow-SyndromchronischesKorsakow-SyndromAlkoholabhängigkeit) findet sich in Kap. 10.2.2.

Delir (ICD-10: F05)

Definition
Das Delir DelirDefinitionist eine akute, unspezifische Reaktion des Gehirns auf eine Schädigung, die sich nach Beseitigung der Ursache zurückbildet. Früher wurde unter Delir hauptsächlich das AlkoholentzugsdelirAlkoholentzugsdelir verstanden; in der ICD-10 wird der Begriff aber weiter gefasst und bezieht dementsprechend vielfältige Ursachen ein.

Gut zu wissen Im triadischen System ist das Delir der klassische Fall einer akuten organischen Psychose. Die Psychodynamik der Suchterkrankung ist psychogen zuzuordnen.

Symptomatik

Fall

Delir – „Käfer auf der Bettdecke“

DelirFallbeispielEine 67-jährige Patientin wurde am Tag zuvor an der Hüfte operiert. Bei der morgendlichen Visite ist sie schläfrig und reagiert auf Ansprache zunächst nicht. Erst als sie ein Pfleger am Arm berührt, blickt sie verwundert um sich. Auf Fragen nach ihrem Befinden antwortet sie ausweichend und wortkarg. Dann steht sie plötzlich auf und geht unruhig im Zimmer umher. Sie wirkt aufgebracht, schwitzt und zittert. Sie wolle jetzt sofort nach Hause, sagt sie, dieses Hotel sei ein „Saustall“. Ob denn die Damen und Herren nicht die Käfer und Spinnen auf ihrem Bett sehen würden. So etwas sei ihr noch nie passiert. Dieses „Etablissement“ habe mit Sicherheit ihre Schwägerin ausgesucht. Die sei heute Nacht da gewesen. Sie habe genau gesehen, wie sie durch das Hotelzimmer spaziert sei. Die glaube heute noch, dass sie das Erbe veruntreut habe. „Eine Unperson ist das, ich muss schon sehr bitten“, ruft sie. Dann setzt sie sich abrupt auf ihr Bett, verstummt, nestelt wort- und ratlos an ihrem Nachthemd herum.
Zu den Symptomen eines Delirs DelirSymptomegehören:
  • Bewusstseinsstörungen Bewusstseinsstörungen Delir

  • Wahrnehmungsstörungen (WahrnehmungsstörungenDeliroptische Halluzinationen, illusionäre VerkennungenIllusionäre VerkennungDelir)

  • Kognitive Störungen (Kognitive StörungenDelirMerkfähigkeitsstörung mit meist gut erhaltenem Altgedächtnis, Beeinträchtigung des abstrakten Denkens)

  • Desorientierung (DesorientierungDelirmeist zeitlich, aber auch zu Ort und Person)

  • Psychomotorische Störung (Psychomotorische StörungenDelirBeschäftigungsunruhe, Nesteln, verlängerte Reaktionszeit, verstärkte Schreckreaktion, verminderter oder verstärkter Redefluss)

  • Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus Schlaf-Wach-RhythmusstörungenDelirmit Zunahme der Symptome in der Nacht

  • Affektive Störungen (Affektive StörungenDelirDepression, Angst, Reizbarkeit, Euphorie, Apathie, staunende Ratlosigkeit)

  • Vegetative Begleitsymptome (Vegetative Störungen/SymptomeDelirZittern, Schwitzen etc.)

Therapeutische Praxis

Menschen im Delir sind gewöhnlich sehr suggestibel. Das bedeutet, sie würden nach Aufforderung von einem leeren Blatt lesen oder einen nicht vorhandenen Faden aufheben. Von dieser Form der Exploration sollte man aber aus ethischen Gründen Abstand nehmen.

Erläuterungen zum Fall

Bewusstseinsstörung und Desorientierung

Die Patientin DesorientierungDelirBewusstseinsstörungenDelirim Fallbeispiel ist schläfrig und wacht erst auf, als sie angefasst wird. Sie ist verwirrt, verkennt die Situation und ordnet ihren aktuellen Zustand falsch ein. Sie glaubt, in einem Hotel zu sein und sofort nach Hause gehen zu können. Situativ und örtlich ist sie desorientiert, der postoperative Zustand ist ihr nicht bewusst.

Wahrnehmungsstörungen

WahrnehmungsstörungenDelirDie Patientin sieht nicht vorhandene Käfer und Spinnen auf der Bettdecke als Ausdruck einer optischen Optische HalluzinationenDelirHalluzinationenoptischeHalluzination. Sie meint, nachts ihre Schwägerin gesehen zu haben; auch dies ist ein Hinweis auf optische Halluzinationen oder ggf. das Verkennen von Personen (z. B. könnte sie eine Pflegekraft für die Schwägerin gehalten haben).

Psychomotorische und affektive Störung und vegetative Begleitsymptome

Psychomotorische StörungenDelirAffektive StörungenDelirDie Patientin ist motorisch unruhig, nestelt am Vegetative Störungen/SymptomeDelirNachthemd, schwitzt und zittert. Im Gespräch ist sie zunächst aufgebracht, die Stimmung kippt dann aber relativ abrupt in Ratlosigkeit; die Wut ist wie verflogen. Diese rasche Fluktuation der Symptomatik ist typisch für ein Delir.
Da die Bewusstseinsstörung im Delir ebenfalls fluktuieren kann, sollte man klären, ob die Patientin weitere Phasen der Schläfrigkeit bzw. Bewusstseinstrübung gezeigt hat. Weitere Symptome wie kognitive Einbußen müssten bei der Patientin noch genau erfragt werden. Über eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus würde man im konkreten Fall am besten eine Fremdanamnese einholen und das Pflegepersonal zum nächtlichen Verhalten der Patientin befragen.
Diagnostik

Merke

Leitsymptom des Delirs ist die Bewusstseinsstörung! DelirSymptome

DelirDiagnostikDas charakteristische Krankheitsbild mit den oben beschriebenen Symptomen ist in der Regel einfach zu diagnostizieren. Die Symptome müssen nicht immer alle vorhanden sein bzw. können in der Intensität variieren. Die Symptomatik beginnt rasch, zeigt starke Fluktuationen DelirFluktuationenund ist von kurzer Dauer (< 6 Monate).

Therapeutische Praxis

Akustische Halluzinationen sind meist ein Hinweis auf eine schizophrene Störung, während optische HalluzinationenOptische HalluzinationenDelir häufiger beim Delir auftreten, vereinzelt können auch AkoasmenAkoasmenDelirAkustische HalluzinationenSchizophrenie vorhanden sein.

Teilt man die organischen psychischen Störungen nach ihrem Verlauf ein, lassen sie sich wie in Tab. 9.5 charakterisieren.
Krankheitsverlauf und Epidemiologie
Verlauf
DelirVerlauf(scharakteristika)Delire entwickeln sich plötzlich mit ausgeprägter Symptomatik und dauern in der Regel nicht länger als 1 Monat, wenn die Ursache des Delirs adäquat behandelt wird. Bleibt die Therapie aus, kann ein Delir auch in eine chronische organische psychische Störung übergehen (z. B. Demenz).
Epidemiologie
Etwa 15 % aller stationären chirurgischen und internistischen Patienten entwickeln ein Delir. DelirEpidemiologie
Risikofaktoren:
  • Alter (Patienten im Kindesalter und > 65 Jahre)

  • Männliches Geschlecht

  • Vorgeschädigtes Gehirn

  • Alkohol- oder Drogenabhängigkeit

  • Einnahme von vielen unterschiedlichen Medikamenten

Ätiologie
Ursachen des Delirs DelirÄtiologiekönnen sein:
  • Entzug von Alkohol, Medikamenten (Barbiturate, Anxiolytika, Benzodiazepine, Opiate) oder Drogen

  • Intoxikationen mit Amphetaminen, Halluzinogenen, Medikamenten (z. B. Anticholinergika, Digitalis, trizyklische Antidepressiva, Antiparkinsonmittel)

  • Stoffwechselerkrankungen

  • Leber- oder Nierenerkrankungen

  • Schädel-Hirn-Trauma

  • Störungen des Elektrolythaushalts (z. B. postoperativ, Fieber)

  • Postoperative Zustände

  • Gefäßerkrankungen

Nach ICD-10 wird das Delir, das durch psychotrope Substanzen (Alkohol, Drogen, Medikamente) verursacht wird, an anderer Stelle verschlüsselt. Das klinische Bild ist jedoch identisch mit den hier aufgeführten Symptomen.
Therapie des Delirs

Therapeutische Praxis

Obwohl Sie ein Delir gewöhnlich nicht in der heilpraktischen Praxis sehen werden, ist es wichtig zu wissen, dass es unbehandelt lebensbedrohlich sein kann. Deswegen raten Sie alkohol- oder drogenabhängigen Klienten immer zum stationären Entzug. Bei einem abrupten Entzug kann ein Delir tödlich enden (zur ausführlichen Therapie des AlkoholentzugsdelirAlkoholentzugsdelirs Kap. 10.2).

Das Delir kann lebensbedrohlich sein und DelirTherapiemacht eine sofortige Einweisung zur stationären Behandlung notwendig. Entscheidend ist hier die frühzeitige Erkennung und Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung. Weitere Vorgehensweisen sind:
  • Allgemeine und symptomatische Maßnahmen (z. B. geeignete Ernährung, ausgeglichener Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushalt)

  • Vermeidung von Verletzungen oder Unfällen, ggf. Sedierung und Fixierung

  • Medikamentöse Behandlung (Antipsychotika zur Behandlung psychotischer Symptome, Clomethiazol bei Unruhe und Erregung),

  • Optimale sensorische, soziale und pflegerische Betreuung, möglichst Einbindung von Familienmitgliedern und persönliche Betreuung bei anstehenden Untersuchungen

Merke

Clomethiazol (Distraneurin®),AlkoholentzugsdelirClomethiazol (Distraneurin®) das beruhigend und krampflösend wirkt, darf wegen seiner Nebenwirkungen (Gefahr der Atemdepression; vermehrte Schleimbildung in den Bronchien, Gefahr der Abhängigkeit) nur stationär angewendet werden.

Organische psychische Störungen zweiten Ranges

In der Kategorie der psychischen Störungen, die aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns Psychische StörungenUrsachenHirnfunktionsstörungoder einer körperlichen Krankheit Psychische StörungenUrsachenkörperliche Krankheitbedingt sind, sind nach ICD-10 F06 verschiedene Krankheitsbilder zusammengefasst, die ursächlich mit einer Hirnfunktionsstörung in Zusammenhang stehen; sie sind Folge von primär zerebralen Erkrankungen oder systemischen Erkrankungen, die sekundär das Gehirn betreffen, von endokrinen Störungen oder anderen somatischen Erkrankungen und einigen toxischen Substanzen. Bei der Diagnosestellung ist es wichtig, folgende Aspekte zu berücksichtigenPsychische StörungenDiagnostik:
  • Nachweis einer zerebralen Erkrankung, Verletzung oder Funktionsstörung oder einer systemischen körperlichen Erkrankung

  • Zeitlicher Zusammenhang zwischen der Entwicklung der zugrunde liegenden Krankheit und dem Auftreten des psychischen Syndroms

  • Rückbildung der psychischen Störung nach Rückbildung oder Besserung der zugrunde liegenden Ursache

  • Kein überzeugender Beleg für eine andere Verursachung des psychischen Syndroms (z. B. belastete Familiengeschichte oder belastende Ereignisse)

Im Folgenden werden die einzelnen psychischen Störungen nach der ICD-10 F06 in der Übersicht kurz dargestellt (Tab. 9.6) und im Anschluss exemplarisch die organische Halluzinose (F 06.0) näher beschrieben.

Organische Halluzinose (ICD-10 F06.0)

Die organische Halluzinose Organische HalluzinoseHalluzinationenorganischegehört zu den organischen psychischen Störungen zweiten Ranges (Klassifikation nach ICD-10). Folgende Kriterien müssen zur Diagnosestellung erfüllt sein:
  • Ständige oder immer wieder auftretende Halluzinationen irgendeines Sinnesgebiets

  • Fehlen von Bewusstseinstrübung

  • Fehlen eines eindeutigen intellektuellen Abbaus

  • Keine auffälligen Störungen der Affektivität

  • Kein Vorherrschen von Wahnideen

Grundsätzlich muss der Nachweis einer organischen Ursache für die Entwicklung der Störung erbracht sein, die im zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftreten der Symptome steht. Als Ursache für die organische Halluzinose kommen die gleichen körperlichen Erkrankungen infrage, die ein Delir oder eine Demenz bedingen können.
Der Dermatozoenwahn Dermatozoenwahnoder die chronische taktile Halluzinose Taktile HalluzinationenHalluzinationentaktilegehören zu den organischen Halluzinosen. Die Betroffenen sind wahnhaft davon überzeugt, von Ungeziefer befallen zu sein, weil sie krabbelnde oder beißende Bewegungen auf oder unter der Haut wahrnehmen. Somit wird die Halluzination wahnhaft verarbeitet. Nicht selten ist die Einsichtsfähigkeit des Betroffenen jedoch erhalten.
Die Alkoholhalluzinose Alkoholhalluzinoseals Sonderform der organischen Halluzinose wird in Kap. 10.2.2 dargestellt.

Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (ICD-10 F07)

Die Kategorie der durch eine Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns VerhaltensstörungenUrsachenVerhaltensstörungenHirnfunktionsstörungPersönlichkeitsstörungenHirnfunktionsstörungbedingten Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen sind in der ICD-10 unter F07 subsumiert. Im Folgenden werden die einzelnen psychischen Störungen gemäß ICD-10 (F07) lediglich im Überblick kurz dargestellt (Tab. 9.7).

Verständnisfragen

  • Welche Begriffe gibt es in der Fachliteratur und Praxis für die organischen psychischen Störungen?

  • Wie werden organische psychische Störungen in der ICD-10 unterteilt?

  • Definieren Sie den Begriff „akute organische psychische Störung“.

  • Welches Krankheitsbild ist für die akute organische psychische Störung typisch?

  • Welche Symptome sind typisch für akute organische psychische Störungen?

  • Wie kommt es zu einer akuten organischen Störung?

  • Was ist bei der Therapie einer akuten organischen psychischen Störung zu beachten?

  • Erklären Sie den Begriff „chronische organische psychische Störung“. Welches Krankheitsbild ist typisch für die chronische organische psychische Störung?

  • Welche Demenzformen gibt es? Welche kommt am häufigsten vor?

  • Welche Symptome charakterisieren eine Demenz?

  • Welche Therapieoptionen gibt es für die Alzheimer-Erkrankung?

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