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B978-3-437-58301-8.00010-6

10.1016/B978-3-437-58301-8.00010-6

978-3-437-58301-8

Häufigkeitsverteilung der Abhängigkeiten

[5]

Beurteilungstest zum Alkoholkonsum

Folgeerkrankungen der Alkoholabhängigkeit

Stadien des Rausch:StadienAlkoholrausch:StadienAlkoholrauschs

Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen nach ICD-10 (F1)ICD-10:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:ICD-10

Tab. 10.1
Klassifikation der psychotropen Substanz (codiert durch die 2. Stelle) Klinisches Erscheinungsbild (codiert durch die 4. und 5. Stelle)
Störungen durch Alkohol (F10) Akute Intoxikation (F1x.0), z. B.
  • mit Delir (F1x.03) oder

  • mit Krampfanfällen (F1x.06)

Schädlicher Gebrauch (F1x.1)Abhängigkeitssyndrom (F1x.2), z. B.
  • gegenwärtig abstinent (F1x.20)

  • episodischer Substanzgebrauch (F1x.26)

Entzugssyndrom (F1x.3)
  • ohne Komplikation (F1x.30)

  • mit Krampfanfall (F1x.31)

Entzugssyndrom mit Delir (F1x.4)
  • ohne Krampfanfall (F1x.40)

  • mit Krampfanfall (F1x.41)

Psychotische Störung (F1x.5), z. B.
  • vorwiegend halluzinatorisch (F1x.52)

  • vorwiegend depressive Symptome (F1x.54)

Amnestisches Syndrom (F1x.6)
Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung (F1x.7), z. B.
  • Nachhallzustände (Flashbacks) (F1x.70)

  • Demenz (F1x.73)

Sonstige psychische und Verhaltensstörung (F1x.8)
Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung (F1x.9)
Störungen durch Opioide (F11)
Störungen durch Cannabinoide (F12)
Störungen durch Sedativa oder Hypnotika (F13)
Störungen durch Kokain (F14)
Störungen durch sonstige Stimulanzien einschl. Koffein (F15)
Störungen durch Halluzinogene (F16)
Störungen durch Tabak (F17)
Störungen durch flüchtige Lösungsmittel (F18)
Störungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen (F19)

Psychische Symptome, körperliche Symptome und soziale Auswirkungen von Sucht und AbhängigkeitSucht:soziale AuswirkungenSucht:psychische SymptomeSucht:körperliche Symptomepsychische Störungen:SuchtAbhängigkeitserkrankungen:psychische Symptome

Tab. 10.2
Psychische Symptome Körperliche Symptome Soziale Auswirkungen
  • Stimmungsschwankungen

  • Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt

  • Interessenverlust

  • Verfall kognitiver Fähigkeiten

  • Persönlichkeitsveränderungen bis zur Deprivation

  • Verstärkung des mangelnden Selbstbewusstseins

  • vegetative Störungen

  • Schlafstörungen

  • Gewichtsverlust

  • irreversible hirnorganische Schädigungen

  • organische Schädigungen (z. B. Leberzirrhose, Hepatitis)

  • Schädigung des Immunsystems

  • dissoziales Verhalten

  • Kriminalität

  • beruflicher und sozialer Abstieg

  • Verschuldung

  • Verkehrsdelikte

  • Suizidgefährdung

Therapiephasen der AbhängigkeitserkrankungEntwöhnungsphase:AbhängigkeitserkrankungenEntgiftungsphase:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:EntwöhnungsphaseAbhängigkeitserkrankungen:Entgiftungsphase

Tab. 10.3
Phase Dauer Ambulante Therapie Stationäre Therapie
Kontaktphase Tage bis Monate Familie, Arbeitsplatz, Freundeskreis, ärztliche oder psychotherapeutische Praxis, Poliklinik, Gesundheitsamt, Seelsorge, Suchtberatungsstelle, psychosoziale Beratungsstelle, Selbsthilfegruppen psychiatrischer Konsiliardienst nach Unfällen oder Behandlung von Folgeschäden
Entgiftungsphase 1–4 Wochen internistische Klinik, psychiatrische Klinik, toxikologische Abteilung
Entwöhnungsphase 4–12 Monate ambulante Therapie von bis zu 1 Jahr psychiatrische Fachkliniken, psychiatrische Universitätskliniken, Fachkliniken für Suchtkranke
Nachsorgephase Jahre Therapeuten, Hausarzt, Fachambulanz, psychosoziale Beratungsstelle, Selbsthilfegruppen (Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz), Familie und Arbeitsplatz

Alkoholikertypen nach JellinekTrinker, episodischerSpiegeltrinkerKonflikttrinkerJellinek-Einteilung, AlkoholikertypenGelegenheitstrinkerAlpha-Trinker

Tab. 10.4
Trinker-Typ Typisierung Kennzeichen Abhängigkeit Häufigkeit (%)
Alpha Konflikttrinker kein Kontrollverlust, Fähigkeit zur Abstinenz psychisch 5
Beta Gelegenheitstrinker kein Kontrollverlust, Fähigkeit zur Abstinenz keine 5
Gamma süchtiger Trinker Kontrollverlust und Toleranzentwicklung, eingeschränkte Fähigkeit zur zeitweiligen Abstinenz erst psychisch, später auch körperlich 65
Delta Spiegeltrinker kein Kontrollverlust, Unfähigkeit zur Abstinenz, rauscharmer, kontinuierlicher Alkoholkonsum körperlich 20
Epsilon episodischer Trinker Kontrollverlust, mehrtägige Exzesse, Fähigkeit zur Abstinenz psychisch 5

Entwicklungsphasen zum süchtigen TrinkerRausch, pathologischerFrustrationstoleranz:AlkoholabhängigkeitErleichterungstrinkenAlkoholtoleranzAlkoholintoleranzAlkoholdemenzAlkoholabhängigkeit:präalkoholische PhaseAlkoholabhängigkeit:EntwicklungsphasenAlkoholabhängigkeit:Frustrationstoleranz

Tab. 10.5
1. Stufe 2. Stufe 3. Stufe 4. Stufe
Präalkoholische Phase (Vorstufe) Prodromalphase (Vorläuferphase) Kritische Phase Chronische Phase
Es gibt Gelegenheits- und Konflikttrinker, die ihr Leben lang in diesem Stadium bleiben. Bei Menschen, die eine Disposition zum Alkoholismus haben, kann die präalkoholische Phase jedoch den Ausgangspunkt für die eigentliche Alkoholkrankheit darstellen. Trinker in dieser Phase werden meist von der Gesellschaft akzeptiert, erlangen u. U. dadurch sogar Ansehen. Ein Rausch wird dann als besondere Leistung oder große Kontaktfreudigkeit verkannt. Die starke Abhängigkeit wird vom sozialen Umfeld wahrgenommen und ruft meist Unverständnis und Ablehnung der alkoholabhängigen Person durch die Gesellschaft hervor. Totaler Zusammenbruch, zwanghaftes Trinken wird einziger Lebensinhalt. In diesem Stadium tritt oft der Wunsch nach echter Hilfe auf. Allerdings bestehen häufig Folgeschäden mit bleibender Invalidität oder tödlichem Ausgang.
Merkmale
  • gelegentliches Trinken mäßiger Alkoholmengen bei bestimmten Gelegenheiten, um Spannungen zu reduzieren (Erleichterungstrinken)

  • Trinkhäufigkeit und Alkoholmenge nehmen zu (beinahe tägliches Erleichterungstrinken)

Grund:
Frustrationstoleranz, d. h. die Fähigkeit, unangenehme Situationen auszuhalten und adäquat zu bewältigen, nimmt ab. Alkohol dient mehr und mehr als Seelentröster.
Die Alkoholtoleranz steigt, d. h., der Körper verträgt mehr Alkohol, er hat sich an die regelmäßige Alkoholzufuhr gewöhnt, sodass er mehr Alkohol benötigt, um eine berauschende Wirkung zu erzielen.
  • häufiges Gedankenkreisen um Alkohol (Alkoholvorräte)

  • erste Gedächtnislücken für die Zeit während des Alkoholkonsums (Filmriss)

  • Änderung der Trinkgewohnheit (heimlich, allein, morgens, erstes Glas schnell trinken)

  • Vermeiden des Themas Alkohol (Schuldgefühle, aber Unfähigkeit, Trinkverhalten zu ändern)

  • weitere Steigerung der Alkoholmengen, aber selten Vollrausch

  • zunehmender Kontrollverlust nach Trinkbeginn (kaum zu stillendes Verlangen nach mehr)

  • wiederholte Abstinenzversuche

  • Zunahme der Entzugserscheinungen nach Trinkpausen (körperliche Abhängigkeit)

  • Störungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und Desintegration (familiäre und berufliche Schwierigkeiten)

  • beginnende Wesensveränderung (z. B. Verlust von Interessen, sozialer Rückzug)

  • häufige Niederlagen führen zu aggressiven Reaktionen oder Selbstmitleid. Alkoholkonsum wird beschönigt, verharmlost oder rationalisiert

  • regelmäßiges morgendliches Trinken wird notwendig, sonst Abstinenzerscheinungen

  • Kontrollverluste und tagelange Räusche

  • Störungen von Konzentration und Merkfähigkeit (beginnende Alkoholdemenz)

  • körperlicher, psychischer und sozialer Abbau

  • Minderung der bisher erhöhten Alkoholtoleranz bis hin zur Alkoholintoleranz (dadurch vereinzelt auch pathologische Räusche)

  • lebensbedrohliche Komplikationen bei Entzug (Delirium tremens), häufig Krampfanfälle und Entgleisung der vegetativen Funktionen

Alkoholgehalt verschiedener Getränke

Tab. 10.6
Getränk Alkoholgehalt (Vol.%) Menge Reiner Alkohol (g)
Bier ca. 5 0,2 l ca. 8
Wein, Sekt ca. 10 0,1 l ca. 8
Schnaps (Obstler, Korn) ca. 35 2 cl ca. 5
Whisky ca. 50 2 cl ca. 8

Prinzipien im Umgang mit AlkoholkrankenAlkoholabhängigkeit:Umgang

Tab. 10.7
Umgangsregeln
  • verständnisvolle, hilfsbereite, aber kompromisslos-konsequente Haltung

  • viel Geduld und Zeit

  • kein Moralisieren

  • kein Appellieren an die Vernunft

  • Angehörige einbeziehen

  • Sozialdienste, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen einbeziehen

Inhalte der FrühinterventionAlkoholabhängigkeit:Frühintervention

Tab. 10.8
Ziele Themen
Information über die Erkrankung
  • epidemiologische Faktoren

  • Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit!

  • körperliche, psychische und soziale Folgen der Alkoholerkrankung

Analyse der persönlichen Situation
  • Aufzeigen der negativen Folgen der Alkoholabhängigkeit beim Patienten

  • Besprechen von Labor- und organischen Befunden

Informationen über die Therapie
  • Informationsvermittlung über mögliche Therapieformen

  • Erarbeiten von realistischen Zielen und konkreten Therapiemaßnahmen

Medikamentöse Therapie der AlkoholabhängigkeitNeuroleptika:Alkoholabhängigkeit\"Benzodiazepine:AlkoholabhängigkeitAnticraving-Substanzen:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:NeuroleptikaAlkoholabhängigkeit:Clomethiazol (Distraneurin)Alkoholabhängigkeit:BenzodiazepineAlkoholabhängigkeit:Anticraving-Substanzen

Tab. 10.9
Medikament Indikation Wirkung Merkmale
Clomethiazol (Distraneurin) Alkoholentzugssyndrom/-delir antikonvulsiv, sedierend bei i. v. Gabe Gefahr der Atem-/Kreislaufdepression und Gefahr eines Bronchospasmus
Neuroleptika psychotische Symptomatik (Halluzinationen), Erregungszustände antipsychotisch, sedierend Risiko einer Krampfauslösung relativ gering
Benzodiazepine Erregungszustände, Unruhe, Schlafstörung, Entzugssymptome sedierend Abhängigkeitspotenzial
Anticraving-Substanzen (z. B. Acamprosat) starkes Craving drosselt Craving (Acamprosat, Naltrexon), Übelkeit bei Alkoholeinnahme als aversiver Reiz (Disulfiram) begleitende psychosoziale Therapie ist obligatorisch

Körperliche Reaktionen bei Opiatabhängigkeit und EntzugOpiat-/Opioidabhängigkeit:körperliche Reaktionen

Tab. 10.10
Intoxikation (Rausch) und Abhängigkeit Entzug
Pupillen Miosis (stecknadelkopfgroße Verengung) Mydriasis (lichtempfindliche Erweiterung)
Magen-Darm-Trakt, Blase Appetitlosigkeit, Obstipation, Blasenentleerungsstörungen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, erhöhter Harndrang
Puls, Blutdruck, Temperatur niedriger Puls, niedriger Blutdruck, niedrige Temperatur (Hypothermie), fahle Haut; wenig durchblutet erhöhter Puls, erhöhter Blutdruck, erhöhte Temperatur (Fieber), Schweiß/Schüttelfrost
Drüsen, Nase, Mund trockene Schleimhäute (Mund/Nase) vermehrter Speichel- und Tränenfluss, laufende Nase, Schweißausbrüche
Muskeln Entspannung der Skelettmuskulatur Skelettmuskelkrämpfe, -schmerzen, -zuckungen
Atmung verlangsamt, Gefahr des Atemstillstands! normal bis beschleunigt

Symptome des CannabisrauschsWahnvorstellungen:CannabisrauschVergiftungsswahn:CannabisrauschVerfolgungswahn:Cannabisrauschvegetative Störungen/Symptome:CannabisrauschSinneswahrnehmungen:Cannabisrauschillusionäre Verkennung:CannabisrauschDenkstörungen:CannabisrauschCannabisrauschCannabisrausch:vegetative Symptome

Tab. 10.11
Symptomebenen Kennzeichen
Verändertes Raum- und Zeiterleben
  • Zeit scheint langsamer zu vergehen (Dehnung der Zeit)

  • Dinge scheinen weiter entfernt als normal

Sinneswahrnehmungen
  • Hören, Sehen manchmal auch Riechen und Schmecken sind in ihrer Intensität gesteigert

  • Gefühl der Irrealität

  • bei höherer Dosierung kommt es zu Wahrnehmungsstörungen, z. B. zu illusionärer Verkennung oder optischen Pseudo-Halluzinationen

Denkstörungen
  • Verlangsamung der Denkvorgängeideenflüchtiges (sprunghaftes) Denken

  • Konzentrationsstörungen

  • bei Überdosierung: kurzzeitige Wahnvorstellungen (Vergiftungs- oder Verfolgungswahn)

Affektivität
  • heiter-euphorisch

  • bei Überdosierung: Angst

Antrieb
  • Apathie (Gleichgültigkeit)

  • Antriebsmangel (körperliche Bewegungen fallen schwerer als normal)

  • Passivität (Mangel an Initiative)

Vegetative Symptome (v. a. bei Überdosierung)
  • Tachykardie (Steigerung der Herzfrequenz/erhöhter Puls)

  • Schwindel

  • Mydriasis (Pupillenerweiterung)

  • gerötete Augen (gerötete Bindehaut der Augen), Tränenfluss

  • Mundtrockenheit

  • Übelkeit mit Erbrechen

  • Schwitzen

Zusammenfassung und Unterscheidungskriterien der AbhängigkeitserkrankungenStimulanzienabhängigkeitSchmerzmittel (Analgetika):AbhängigkeitOpiat-/OpioidabhängigkeitNikotinabhängigkeitLösungsmittel, flüchtige, AbhängigkeitKokainabhängigkeitHalluzinogeneCannabinoidabhängigkeitBenzodiazepinabhängigkeitBarbituratabhängigkeitAnalgetika (Schmerzmittel):AbhängigkeitAlkoholabhängigkeitAbhängigkeitserkrankungen:Differenzialdiagnose

Tab. 10.12
Substanz Pupillenreaktion Psychische Abhängigkeit Körperliche Abhängigkeit Vorgehen beim Entzug Entzugssymptome Akuttherapie bei Intoxikation
Alkohol nicht auffallend ja ja abrupt Angst, Unruhe, Schlafstörungen, Tremor, vegetative Symptome, Krampfanfall, Delir Neuroleptika, Benzodiazepine oder Clomethiazol
Opiate Miosis ja ja abrupt (Substitution mit Opiatagonisten) Unruhe, Craving, Übelkeit, Schwitzen, Gliederschmerzen, Nasen- und Tränenfluss, Gähnen, Fieber Naloxon
Cannabis Mydriasis ja nein abrupt Angst, Depressivität, Schlafstörungen Talking down
Benzodiazepine nicht auffallend ja ja langsam ausschleichend Angst, Unruhe, Schlafstörungen, Tremor, vegetative Symptome, Krampfanfall, Delir Flumazenil
Barbiturate nicht auffallend ja ja langsam ausschleichend Angst, Unruhe, Schlafstörungen, Tremor, vegetative Symptome, Krampfanfall, Delir Neuroleptika, Benzodiazepine
Analgetika nicht auffallend ja ja abrupt Unruhe, Dysphorie Neuroleptika
Kokain Mydriasis ja nein abrupt Reizbarkeit, Angst, Depressivität, Schlafstörungen Benzodiazepine
Stimulanzien Mydriasis ja nein abrupt Dysphorie, Depressivität, Schlafstörungen Neuroleptika, Benzodiazepine, Betablocker
Halluzinogene Mydriasis ja nein abrupt Dysphorie, Depressivität Benzodiazepine, Neuroleptika
Nikotin nicht auffallend ja ja abrupt (Substitution mit Nikotinpflaster) Reizbarkeit, Unruhe Betablocker
Flüchtige Lösungsmittel nicht auffallend ja nein abrupt Dysphorie Neuroleptika

Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen

  • 10.1

    Abhängigkeit und Sucht92

    • 10.1.1

      Definitionen92

    • 10.1.2

      Klassifikation nach ICD-1093

    • 10.1.3

      Symptomatik93

    • 10.1.4

      Diagnostik93

    • 10.1.5

      Krankheitsverlauf und Epidemiologie94

    • 10.1.6

      Ätiologie94

    • 10.1.7

      Therapie95

  • 10.2

    Störungen durch Alkohol (ICD-10: F10)97

    • 10.2.1

      Alkoholabhängigkeit97

    • 10.2.2

      Neuropsychiatrische Folgeschäden der Alkoholabhängigkeit103

  • 10.3

    Störungen durch Opioide (ICD-10: F11)108

    • 10.3.1

      Definition108

    • 10.3.2

      Symptomatik109

    • 10.3.3

      Diagnostik109

    • 10.3.4

      Epidemiologie109

    • 10.3.5

      Ätiologie110

    • 10.3.6

      Therapie110

  • 10.4

    Störungen durch Cannabinoide (ICD-10: F12)110

    • 10.4.1

      Definition111

    • 10.4.2

      Symptomatik111

    • 10.4.3

      Diagnostik112

    • 10.4.4

      Epidemiologie112

    • 10.4.5

      Ätiologie112

    • 10.4.6

      Therapie112

  • 10.5

    Störungen durch Medikamente (ICD-10: F13)113

    • 10.5.1

      Definition113

    • 10.5.2

      Symptomatik113

    • 10.5.3

      Epidemiologie114

    • 10.5.4

      Ätiologie114

    • 10.5.5

      Therapie114

  • 10.6

    Störungen durch Kokain (ICD-10: F14)114

    • 10.6.1

      Definition115

    • 10.6.2

      Symptomatik116

    • 10.6.3

      Diagnostik116

    • 10.6.4

      Epidemiologie116

    • 10.6.5

      Ätiologie117

    • 10.6.6

      Therapie117

  • 10.7

    Störungen durch sonstige Stimulanzien (ICD-10: F15)117

    • 10.7.1

      Definition117

    • 10.7.2

      Symptomatik117

    • 10.7.3

      Diagnostik118

    • 10.7.4

      Epidemiologie118

    • 10.7.5

      Ätiologie118

    • 10.7.6

      Therapie118

  • 10.8

    Störungen durch Halluzinogene (ICD-10: F16)118

    • 10.8.1

      Definition119

    • 10.8.2

      Symptomatik119

    • 10.8.3

      Diagnostik120

    • 10.8.4

      Therapie120

  • 10.9

    Störungen durch Nikotin (ICD-10: F17)120

    • 10.9.1

      Definition120

    • 10.9.2

      Symptomatik120

    • 10.9.3

      Krankheitsverlauf und Epidemiologie120

    • 10.9.4

      Therapie121

  • 10.10

    Störungen durch flüchtige Lösungsmittel (ICD-10: F18)121

    • 10.10.1

      Definition121

    • 10.10.2

      Symptomatik121

    • 10.10.3

      Epidemiologie122

    • 10.10.4

      Ätiologie122

    • 10.10.5

      Therapie122

Kapitelübersicht

Alkoholismus, Nikotin- Verhaltensstörungen:psychotrope Substanzenpsychotrope Substanzen:Verhaltensstörungenund Medikamentenabhängigkeit sind die häufigsten Suchterkrankungen. 5–7 % der deutschen Bevölkerung leiden unter einer Suchterkrankung. Den zweitgrößten Anteil stellen nach den Nikotinabhängigen die Alkoholabhängigen. Die Entstehungsbedingungen der Abhängigkeitserkrankungen sind multifaktoriell und umfassen genetische, psychosoziale und biologische Aspekte. Entscheidend zur Sucht tragen aber auch Suchtpotenzial, Verfügbarkeit und Einnahmeart der Substanz bei. Mit ihren körperlichen und psychosozialen Folgeschäden stellen die Abhängigkeitserkrankungen ein großes individuelles, aber auch gesundheitspolitisches Problem dar. Tödliche Überdosierungen, Beschaffungskriminalität, Verkehrsdelikte, Gewalttätigkeit im Drogen- oder Alkoholrausch, Suizide und Tod durch körperliche Folgeschäden machen Abhängigkeitserkrankungen zum sozialmedizinischen Problem ersten Ranges. Der Genuss von Alkopops und der Konsum von Designerdrogen bei Partys und in Diskos sind häufig der Einstieg zur langfristigen Drogen- oder Alkoholabhängigkeit. Die psychischen und körperlichen Entzugserscheinungen halten den Teufelskreis der Abhängigkeit aufrecht und führen nicht selten zu schwerwiegenden Komplikationen. Die Therapie verläuft i. d. R. in vier Phasen: Motivations-, Entzugs-, Entwöhnungs- und Nachsorgephase, wobei die Entzugs- und Entwöhnungstherapie meist stationär in Begleitung von Fachärzten und speziell geschultem Personal erfolgt. Die Therapieaussichten sind wenig optimistisch; die Rückfallraten unter Abhängigen sind sehr hoch.

Abhängigkeit und Sucht

Definitionen

Abhängigkeit Abhängigkeitbezeichnet ein unwiderstehliches, dauerhaftes Verlangen nach der Einnahme einer Substanz oder dem Ausführen einer Tätigkeit. Man unterscheidet also stoffgebundene stoffgebundene Abhängigkeitnichtstoffgebundene AbhängigkeitAbhängigkeit:stoffgebundeneAbhängigkeit (z. B. Drogen- oder Alkoholabhängigkeit) von Abhängigkeit:nichtstoffgebundenenichtstoffgebundener Abhängigkeit (z. B. Spiel- oder Arbeitssucht).
In den 1960er-Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Begriff Sucht durch den SuchtBegriff Abhängigkeit ersetzt. Die Sucht, deren Hauptmerkmal die psychische Sucht:psychische Abhängigkeitpsychische Abhängigkeit:SuchtAbhängigkeit:psychischeAbhängigkeit war, wurde von Gewöhnung (körperliche Abhängigkeit) unterschieden. Da beide Phänomene ineinander übergehen bzw. gleichzeitig vorhanden sein können, war die Abgrenzung klinisch wenig sinnvoll.
Die Angewohnheit, regelmäßig ein Glas Alkohol zu trinken, mal eine zu rauchen oder schnell zu einem Schmerzmittel zu greifen, kann zu Abusus (unangemessenem Gebrauch) führen. Sucht:MissbrauchMissbrauch:SuchtMissbrauch oder schädlicher Sucht:schädlicher Gebrauchschädlicher Gebrauch:SuchtGebrauch schließt eine übermäßige Dosierung des Genuss- oder Schmerzmittels ein. Die daraus resultierende Gesundheitsschädigung kann psychischer (z. B. Angststörung bei Alkoholabusus) oder körperlicher Art (Leberschaden bei Alkoholabusus) sein. Je nach Suchtpotenzial der Substanz und Risikofaktoren des Konsumenten kann sich eine psychische und/oder physische (körperliche) Abhängigkeit entwickeln. Die psychische psychische AbhängigkeitAbhängigkeit:psychischeAbhängigkeit bezeichnet ein unbezwingbares ständiges Verlangen nach Einnahme und Beschaffung der Substanz. Die physische physische AbhängigkeitAbhängigkeit:physischeAbhängigkeit dagegen bezeichnet den Zustand, bei dem der Organismus gegenüber der jeweiligen Substanz eine Toleranz entwickelt hat. Die Substanz muss immer wieder und in höheren Dosen eingenommen werden, damit sich beim Organismus der gleiche berauschende Effekt einstellt und keine psychotrope Substanzen:EntzugssymptomeEntzugssymptome:psychotrope SubstanzenEntzugssymptome auftreten. Die Abhängigkeitsentwicklung lässt sich folgendermaßen skizzieren: Psychotrope psychotrope SubstanzenSubstanzen stimulieren oder dämpfen einen Gemütszustand. Zu ihnen gehören z. B. Drogen, Alkohol oder Tabak. Durch ihren Konsum wird vorübergehend eine als unbefriedigend empfundene Situation oder Stimmung scheinbar gebessert. Nach Abklingen der Wirkung folgt gewöhnlich bei Konfrontation mit der Realität eine Ernüchterung, die das Bedürfnis nach erneuter Einnahme der Substanz weckt. Ständige oder periodische Einnahme führt i. d. R. zur Substanzabhängigkeit. Langfristig gesehen haben die meisten psychotropen Substanzen schädigende Wirkungen auf den Organismus, insbesondere auf das Zentralnervensystem (ZNS).
Besteht eine Abhängigkeit von mehreren psychotropen Substanzen, die gleichzeitig eingenommen werden, spricht man von Polytoxikomanie Polytoxikomanie(z. B. ein Alkoholabhängiger, der auch Cannabis und Benzodiazepine konsumiert).

Unter Suchtpotenzial:psychotrope Substanzenpsychotrope Substanzen:SuchtpotenzialLösungsmittel, flüchtige, AbhängigkeitSuchtpotenzial versteht man die Stärke, mit der eine psychotrope Substanz beim Konsumenten die Entwicklung einer Abhängigkeit bewirkt. Psychotrope Substanzen mit einem hohen Suchtpotenzial (wie z. B. Heroin) führen bei sehr vielen Menschen innerhalb kürzester Zeit zur Abhängigkeit. Im angloamerikanischen Sprachraum wird der Suchtdruck, also das unwiderstehliche Verlangen nach der Droge, als psychotrope Substanzen:CravingCraving:psychotrope SubstanzenCraving bezeichnet.

Drogenkonsum ist ein Verhalten, das weit in die Geschichte zurückreicht und schon vor Jahrhunderten durch Bierbrauen und Weinanbau gepflegt wurde. Die entspannende und euphorisierende Wirkung von Drogen und der vermeintliche Zugewinn an Kreativität haben Menschen schon immer zur Einnahme von Drogen bewegt. Wie und welche Drogen konsumiert wurden, hängt jedoch stark vom kulturellen und historischen Umfeld ab.
In arabisch-asiatischen und mittel- bzw. südamerikanischen Kulturen ist Opium eine der ältesten und am meisten verbreiteten Drogen. In den genannten Kulturkreisen werden seit Jahrtausenden die Rauschmittel Haschisch (Hanf,Haschisch Cannabis),Koka und andere Halluzinogene Halluzinogenesowie Pilze zu heilerischen und kultischen Zwecken angewendet.
Paracelsus wandte Opium als Kur zur Behandlung von endogenen Depressionen an. Aus dem eingedickten Milchsaft des Schlafmohns isolierte der Apotheker W. A. Sertürner 1804 das Morphium. Sigmund Freud verfasste 1899 sein Werk Traumdeutung unter dem Einfluss von Kokain. In den 1920er-Jahren war der Konsum von Kokain, KokainMorphium und Heroin in Heroingroßstädtischen gutbürgerlichen Kreisen durchaus en vogue und Kokain eine Modedroge. Während nach dem Zweiten Weltkrieg nur einige Wissenschaftler und Autoren mit Cannabis experimentierten, entwickelte sich in den 1960er-Jahren mit den Protestbewegungen gegen das sog. Establishment auch der regelmäßige Konsum von Haschisch und Marihuana.
In der heutigen Zeit haben sog. Designerdrogen wie DesignerdrogenCrack und CrackEcstasy als Ecstasysynthetische Rauschmittel den illegalen Markt erobert. Zu den heute am meisten verbreiteten legalen Drogen gehören noch immer Alkohol und Nikotin. Alkopops, Alkopopsalkoholische Mischgetränke, bei denen Softdrinks Wodka oder Rum zugemischt wird, stellen derzeit ebenfalls einen bedenklichen Trend dar, weil sie vielen Jugendlichen als Einstiegsdroge dienen. Auch Spice, eine Substanz, die synthetische Cannabinoide Cannabinoideund getrocknete Pflanzenteile enthält, kam in den letzten Jahren in Mode. Der Verkauf dieser Pflanzenmischung ist seit 2009 in Deutschland verboten. Die bestehende Einteilung in illegale (Opium, Haschisch, Kokain usw.) und legale (Alkohol, Nikotin) Drogen entbehrt jedoch jeder rationalen und pharmakologisch begründbaren Basis und hat ausschließlich historische Gründe.

Klassifikation nach ICD-10

Die ICD-10 unterteilt die psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen in Abhängigkeit von der Substanz und dem klinischen Erscheinungsbild (Tab. 10.1).
Nichtstoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen nichtstoffgebundene AbhängigkeitAbhängigkeit:nichtstoffgebundenewie z. B. Spielsucht, werden in der ICD-10 unter Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle (ICD-10 F63) codiert.

Im triadischen System werden die Suchterkrankungen den psychogenen Erkrankungen zugerechnet.

Symptomatik

Tab. 10.2 gibt eine Übersicht über die körperlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen der Abhängigkeit.

Diagnostik

Um eine stoffgebundene AbhängigkeitAbhängigkeit:stoffgebundenestoffgebundene Abhängigkeitserkrankung nach ICD-10 zu diagnostizieren, müssen während eines Jahres mindestens drei der folgenden Kriterien aufgetreten sein:
  • starker Wunsch oder starkes Verlangen, Alkohol oder eine andere Substanz zu konsumieren

  • verminderte Fähigkeit, den Konsum der psychotropen Substanz zu kontrollieren

  • Entzugssymptome und Substanzgebrauch zur Milderung der Entzugssymptome

  • Toleranzentwicklung und Dosissteigerung, um gleiche Wirkung der Substanz zu erreichen

  • Einengung auf Substanzgebrauch, Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten der Beschaffung und Einnahme der Substanz

  • anhaltender Konsum trotz nachweislich schädlicher Folgen

Krankheitsverlauf und Epidemiologie

Verlauf
Die Therapieaussichten sind wenig optimistisch, die Rückfallrate unter Abhängigen ist sehr hoch (bei Alkoholkranken z. B. 50–80 %). Die Folgen der Abhängigkeitserkrankungen sind immens und betreffen i. d. R. Patienten und ihre Angehörigen. Neben schweren psychischen Störungen und körperlichen Schäden stellen die sozialen Folgen (z. B. Arbeitsplatzverlust, Verschuldung) die Familien oft vor große, kaum lösbare Probleme. Nicht selten führt die Abhängigkeitserkrankung zum frühzeitigen Tod durch Suizid oder körperliche Folgeschäden.
Epidemiologie
Die Abhängigkeitserkrankungen:EpidemiologieAbhängigkeitserkrankungen stellen ein großes gesundheitspolitisches Problem dar. Rund 5–7 % der deutschen Bevölkerung leiden unter einer Suchterkrankung. Der Anteil der Alkoholabhängigen ist neben den Nikotinabhängigen am größten (Abb. 10.1). Entscheidend sind die körperlichen und sozialen Folge- und Langzeitschäden der Abhängigkeitserkrankungen, die neben dem Leiden für die Betroffenen erhebliche Kosten verursachen.
Fast die Hälfte aller Suchterkrankten weist weitere psychische Störungen auf. Damit ist die Komorbiditätsrate bei Abhängigen besonders hoch. Häufige mit der Abhängigkeit vergesellschaftete psychische Erkrankungen sind:
  • Persönlichkeitsstörungen

  • affektive Störungen, v. a. Depressionen

  • Angststörungen

  • Schmerzstörungen

  • Schlafstörungen

Ätiologie

Für die Entstehung und Entwicklung von Abhängigkeitserkrankungen:ÄtiologieAbhängigkeiten wirken immer mehrere Faktoren im Sinne einer multifaktoriellen Genese zusammen:
  • genetische Faktoren

  • abhängig machende Substanz

  • soziale Faktoren

  • lerntheoretische Aspekte

  • psychodynamische Aspekte

  • Persönlichkeitsfaktoren

Genetische Faktoren
Familienstudien haben ergeben, dass in Familien Abhängigkeitserkrankungen:genetische Faktorenmit einem Suchterkrankten das Risiko für die anderen Familienmitglieder, ebenfalls an einer Abhängigkeit zu erkranken, erhöht ist. Dass dies nicht nur auf lerntheoretische Faktoren (s. u.) zurückzuführen ist, belegt das erhöhte Risiko für eineiige Zwillinge. Wenn ein eineiiger Zwilling erkrankt ist, ist die Wahrscheinlichkeit für den anderen Zwilling, ebenfalls eine Abhängigkeit zu entwickeln, größer als bei zweieiigen Zwillingen. Da die Konkordanzrate aber unter 100 % liegt, müssen bei der Entstehung der Abhängigkeit noch weitere Faktoren eine Rolle spielen.
Abhängig machende Substanz
Maßgeblich für die Entwicklung von Abhängigkeitserkrankungen ist auch die Substanz. Dabei sind das Suchtpotenzial:psychotrope Substanzenpsychotrope Substanzen:SuchtpotenzialSuchtpotenzial (Kap. 10.1.1), die Verfügbarkeit und die Einnahmeart (z. B. oral, i. v.) der Substanz entscheidend. Die Drogenwirkung, über eine gesteigerte Dopaminfreisetzung im End- und Mittelhirn eine Entspannung und eine Euphorie beim Konsumenten zu erzeugen, kann eine Abhängigkeitsentwicklung auslösen und die Sucht aufrechterhalten (lerntheoretische Aspekte s. u.).
Die WHO unterscheidet verschiedene Sucht- bzw. Abhängigkeit:Sucht- bzw. PrägnanztypenPrägnanztypen der Abhängigkeit:
  • Opiat-Opiat-Typ:AbhängigkeitTyp (Opiate, Betäubungsmittel, Opioide)

  • Barbiturat-Alkohol-Barbiturat-Alkohol-Typ:AbhängigkeitTyp (Barbiturate, Clomethiazol, Benzodiazepine, Alkohol, Lösungsmittel)

  • Amphetamin-/Khat-Khat-Typ:AbhängigkeitAmphetamin-/Khat-Typ:AbhängigkeitTyp (Stimulanzien, Designerdrogen)

  • Kokain-Kokain-Typ:AbhängigkeitTyp

  • Cannabis-Cannabis-Typ:AbhängigkeitTyp

  • Halluzinogen-Halluzinogen-Typ:AbhängigkeitTyp (Halluzinogene)

Soziale Faktoren
Wie bereits erwähnt, stammen Abhängigkeitserkrankungen:soziale FaktorenSuchtgefährdete nicht selten aus Familien mit bereits abhängigen Verwandten. Auch psychische Erkrankungen und Suizide oder Suizidversuche lassen sich oftmals in den Familien nachweisen (Epidemiologie). Die Verhältnisse im Elternhaus sind häufig von gestörten Beziehungen und anderen familiären Belastungen geprägt (sog. Broken-Home-Situation). Aber auch Langeweile und Einsamkeit können eine Ursache für Drogenkonsum sein. Weitere soziale Faktoren, welche die Abhängigkeitsentwicklung begünstigen können, sind leichte Verfügbarkeit und geringe Kosten der Droge. Kulturelle Normen, Gesetze und Leitbilder in Mode- und Werbeindustrie beeinflussen ebenfalls die Suchtentstehung.

Abhängigkeitserkrankungen treten in allen sozialen Schichten auf und sind kein spezifisches Problem der Unterschicht.

Lerntheoretische Aspekte
Aus lerntheoretischer Sicht ist die Abhängigkeitsentwicklung ein klassisches Beispiel für die operante operante Konditionierung:AbhängigkeitserkrankungenKonditionierung:operanteAbhängigkeitserkrankungen:operante KonditionierungKonditionierung (Kap. 8.2.2). Als primär positiver Verstärker/Verstärkung:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:Verstärker/VerstärkungVerstärker wirken dabei die Entspannung und Euphorie, die durch die Einnahme von Drogen ausgelöst werden. Diese angenehmen Gefühle dämpfen ein zuvor empfundenes Unlust-, Angst- oder Leeregefühl und führen zu Stimmungsaufhellung oder Schmerzlinderung. Häufig ist die Drogeneinnahme auch ein Versuch, sich bei einer anderen psychischen Störung (z. B. Depression) selbst zu kurieren. Dies erklärt auch die hohe Komorbiditätsrate bei abhängigen Patienten (Epidemiologie). Die dadurch geförderte Kontaktfreudigkeit dient als sekundärer positiver Verstärker, weil sie die soziale Isolation aufhebt. Weitere sekundäre Verstärker sind die größere soziale Anerkennung und Zugehörigkeit zu einer Gruppe bei Drogenkonsum. Hier spielt beispielsweise der Gruppenzwang unter Jugendlichen oder die soziale Erwünschtheit, bei bestimmten Anlässen Alkohol zu trinken, eine Rolle. Diese als positiv erlebten Veränderungen nach Drogeneinnahme rufen im Konsumenten den Wunsch nach erneuter Einnahme hervor, um den unangenehmen Gefühlszuständen zu entkommen oder sozial besser integriert zu sein. Bei einer fortgeschrittenen Abhängigkeitserkrankung ist bereits das Bekämpfen der Entzugssymptome durch die Drogeneinnahme eine positive Verstärkung und hält die Abhängigkeit aufrecht.
Psychodynamische Aspekte
Tiefenpsychologische Konzepte gehen bei Abhängigkeitserkrankungen:psychodynamische Aspekteder Abhängigkeitsentwicklung von einer Ich-Ich-Schwäche:AbhängigkeitserkrankungenSchwäche des Konsumenten aus. Eine Überversorgung oder fehlende Versorgung in der Kindheit schränkt die Fähigkeit zur Kontrolle eigener Bedürfnisse und Emotionen ein. Die Frustrationstoleranz:AbhängigkeitserkrankungenFrustrationstoleranz, d. h. die Fähigkeit, unangenehme Situationen oder Gefühle aushalten zu können, ist herabgesetzt. Dies macht den Betroffenen für den Konsum von Drogen besonders anfällig.
Persönlichkeitsfaktoren
Suchtgefährdete Personen zeichnen sich meist durch eine wenig stabile Abhängigkeitserkrankungen:PersönlichkeitsfaktorenPersönlichkeit, ein geringes Selbstwertgefühl, eine labile Gemütslage und einen gewissen Reizhunger aus. Sie leiden häufig unter einer weiteren psychischen Erkrankung (Epidemiologie), und die Droge dient ihnen oft als Ersatz für fehlende oder gestörte Beziehungen.

Therapie

Grundsätzlich lässt sich die Therapie von Abhängigkeitserkrankungen:Therapie(phasen)Alkohol- und Drogenabhängigkeit in vier Phasen einteilen (Tab. 10.3):
  • Kontakt- und Motivationsphase

  • Entgiftungsphase

  • Entwöhnungsphase

  • Nachsorge

Kontakt- und Motivationsphase
Die Abhängigkeitserkrankungen:KontaktphaseKontaktphase spielt sich meist im ambulanten Bereich ab, kann aber auch im Rahmen einer stationären Behandlung von Folgeschäden oder Unfällen beginnen. Dem motivierenden Gespräch kommt hier besondere Bedeutung zu, denn Abhängige verweigern oft die aktive Problemlösung, die anstelle der bisherigen passiven und nur scheinbaren Konfliktlösung durch den Substanzmissbrauch treten muss. In dieser ersten Kontaktphase sollte auf die aktuellen Probleme des Kranken, die zum Drogenkonsum geführt haben oder ihn aufrechterhalten, intensiv eingegangen werden. Parallel sollte eine Beratungsstelle oder das zuständige Gesundheitsamt eingeschaltet werden, um gemeinsam einen Therapieplan zu entwerfen und organisatorische Fragen (z. B. Kostenübernahme) zu klären. Wichtig ist auch der Kontakt zu Selbsthilfegruppen:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppen; dem Patienten sollten die entsprechenden Informationen zur Verfügung gestellt werden. Die Kontakt- und Motivationsphase kann mehrere Tage bis zu Monaten in Anspruch nehmen. Am Ende dieser Phase sollte die Entscheidung stehen, ob eine Entgiftung sinnvoll ist und wie die anschließende Entwöhnung (ambulant, stationär, kurz-, mittel- oder langfristig) ablaufen soll.

Bevor der Abhängige Suchtberatungsstellen aufsucht, können natürlich Gespräche im Freundes- oder Familienkreis sehr entscheidend sein. Abhängige bagatellisieren ihre Sucht im Allgemeinen, sodass dem offenen, klaren und wiederholten Ansprechen auf die Erkrankung eine bedeutende Rolle zukommt. Klienten die sich beim Heilpraktiker für Psychotherapie wegen anderer Beschwerden vorstellen, sollten beim Verdacht auf eine Abhängigkeitserkrankung auf die Sucht angesprochen werden.

Entgiftung (Entzug)
In der Entgiftungsphase:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:EntgiftungsphaseEntgiftungsphase erfolgt der Entzug vom Suchtmittel. Ziel der Entgiftung ist die komplette Abstinenz und Überwindung der Entzugssymptome als Voraussetzung für die anschließende Entwöhnung. Die Entgiftung dauert i. d. R. 1–4 Wochen und erfolgt in einer darauf spezialisierten internistischen oder psychiatrischen Abteilung. Bei Alkohol oder Drogen erfolgt die Entziehung abrupt, bei Barbituraten und Tranquilizern vom Benzodiazepin-Typ fraktioniert. Bei Drogen vom Morphintyp ist ein sofortiger Entzug immer möglich, außer bei bedrohlicher Entkräftung und bei Neigung zu zerebralen Krampfanfällen. Stärkere Entzugssymptome können mit Clomethiazol (Distraneurin) oder mit Benzodiazepinen vermindert werden. Benzodiazepine führen aber bei längerem Gebrauch ihrerseits wieder zur Abhängigkeit. Bei depressiven Verstimmungen im Rahmen eines Entzugs sowie Schlafstörungen und Unruhezuständen können niederpotente Neuroleptika eingesetzt werden. Nach erfolgreicher Entgiftung kommt es allmählich zum Abklingen der vegetativen Fehlregulationen und zur körperlichen Erholung.

Die Einnahme von Benzodiazepinen zur Reduktion der Entzugssymptomatik ist kritisch zu sehen, weil Benzodiazepine:SuchtpotenzialBenzodiazepine bei längerer Einnahme ein eigenes Suchtpotenzial haben.

Entwöhnungsphase
Ziel der Entwöhnungsphase:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:EntwöhnungsphaseEntwöhnung ist der Aufbau eines drogenfreien Lebens. Im Vordergrund dieser Phase steht die Psychotherapie:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:PsychotherapiePsychotherapie. Die Patienten müssen lernen, ohne Drogen auszukommen, d. h. Stress-, Konflikt- oder sonstigen schwierigen Situationen anders zu begegnen und sie anders zu bewältigen als bisher. Die stationäre Entwöhnungsphase dauert 4–6 Monate, gelegentlich auch länger (z. B. bei Heroinabhängigen). Alternativ gibt es inzwischen kurzfristigere Modelle (4–8 Wochen stationäre Entwöhnung; anschließend einjährige ambulante Entwöhnung mit wöchentlicher Teilnahme an einer geschlossenen Gruppe). Stationäre Entwöhnungsbehandlungen werden von Fachkrankenhäusern und psychiatrischen Kliniken durchgeführt. Die Entwöhnung sollte nahtlos in die Nachsorgephase übergehen, in die Selbsthilfegruppen, soziale Dienste, aber auch die Angehörigen einbezogen werden.
Nachsorgephase
Um die Rückfallquote möglichst niedrig zu halten, ist nach der Entwöhnung eine Abhängigkeitserkrankungen:NachsorgephaseNachsorge unverzichtbar. Ziel ist die Aufrechterhaltung der Abstinenz bei Wiedereingliederung in ein drogenfreies Berufs- und Privatleben. Deswegen müssen Arzt, Beratungsstellen, Arbeits- und Sozialamt, Arbeitgeber und Selbsthilfegruppen eng zusammenarbeiten.
Nach der Entlassung aus der Entwöhnung stehen im Vordergrund:
  • Wiedereingliederung in das gesellschaftliche Leben

  • Wiedereinstieg ins Arbeitsleben

  • Wohnungssuche bzw. -beschaffung

  • Aufbau eines neuen Bekanntenkreises ohne Süchtige

  • Weiterbetreuung in Selbsthilfegruppen

Wichtige Selbsthilfegruppen:AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungen:SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppen sind:
  • Anonyme Alkoholiker

  • Blaues Kreuz

  • Guttempler

  • Kreuzbund

  • Club 29 (Caritas)

Nicht nur der enge persönliche Kontakt zu einer dieser genannten Nachsorgeorganisationen, sondern auch ein gesicherter Arbeitsplatz, ein fester Wohnsitz, eine enge persönliche Bindung an die Familie oder den Freundeskreis sollten Voraussetzung für eine Entlassung in die Nachsorgephase sein, wobei diese durchaus Jahre beanspruchen kann. Angebote zur sinnvollen Freizeitgestaltung sind unerlässlich, um einerseits der Gefahr der Isolierung, andererseits dem erneuten Anschluss an Alkoholiker oder an die Drogenszene vorzubeugen.

Störungen durch Alkohol (ICD-10: F10)

Alkoholabhängigkeit

Alkoholabhängigkeit – Alles schlägt mir auf den Magen

Ein 56-jähriger AlkoholabhängigkeitAbhängigkeitserkrankungen:Alkoholselbstständiger Software-Entwickler stellt sich in der Allgemeinarztpraxis vor. Sein Gesicht ist leicht gerötet. Während des Gesprächs muss er sich mehrfach die Stirn abwischen, weil er stark schwitzt. Er ist bei der Schilderung seiner Beschwerden sehr zurückhaltend, schildert vieles erst auf Nachfrage. Er habe seit Wochen Probleme mit dem Magen. Die Schmerzen würden nicht weggehen, alles schlage ihm auf den Magen. Er wisse gar nicht mehr, was er essen solle, sein Appetit sei ihm schon total vergangen. Er habe 5 kg in den letzten 3 Monaten abgenommen. Erst auf Nachfragen berichtet er von weiteren Problemen. Seit er einen wichtigen Auftrag verloren habe, hat er finanzielle Schwierigkeiten. Er könne seitdem nicht mehr richtig schlafen und traue sich auch nicht, seiner Frau die Wahrheit über seine berufliche Situation zu sagen. Er will sie nicht noch mehr enttäuschen, nachdem er in vielen Gebieten nicht mehr das bringe, was er früher gebracht habe. Auf sexuelle Probleme angesprochen, gibt er zu, Potenzstörungen zu haben. Insgesamt fühle er sich nicht mehr leistungsfähig und meide Kontakt mit Kollegen, die ihm immer nur von ihren Erfolgen berichten würden. Er fühle sich zwar ausgelaugt, aber nicht wirklich depressiv. Allerdings falle es ihm schwer, sich eine Verbesserung seiner Situation vorzustellen. Auf die Frage, ob er Alkohol konsumiere, antwortet er: Gelegentlich auch nicht mehr als andere. Glaube ich. Na ja, vielleicht ein bisschen mehr, seit der Ärger in der Arbeit begonnen hat. Bei genauem Nachhaken stellt sich heraus, dass er über die letzten Monate täglich eine bis anderthalb Flaschen Wein und hin und wieder einen Grappa oder Cognac getrunken habe. Am Anfang trank er ein schnell geleertes Glas Wein, damit er sich besser und seiner Frau gegenüber entspannter fühlte. Nun müsse er schon einen gewissen Pegel an Alkohol trinken, um den gleichen Effekt zu erleben.
Definition
Die AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:DefinitionAlkoholabhängigkeit (chronischer Alkoholismus)Alkoholismus, chronischer ist nach der WHO-Definition eine Verhaltensstörung, die durch anhaltenden exzessiven Alkoholkonsum gekennzeichnet ist, d. h., die konsumierten Mengen überschreiten das sozial übliche Maß deutlich und/oder werden zu unpassenden Gelegenheiten getrunken. Folgen davon sind psychische und körperliche Abhängigkeit mit den entsprechenden substanzbedingten Schädigungen sowie Störungen und Konflikte im sozialen und wirtschaftlichen Bereich oder die Vorläufer dazu. Alkoholismus wurde 1968 von der WHO als Krankheit anerkannt. Psychische Abhängigkeit, also das unwiderstehliche Verlangen nach Alkohol, geht mit einem Kontrollverlust bei der Konsumierung einher, begleitet von depressiven Stimmungslagen und Selbstvorwürfen, was oft auch zu heimlichem Trinkverhalten führt. Die körperliche Abhängigkeit ist durch Entzugssymptome:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:EntzugssymptomeEntzugssymptome, Alkoholabhängigkeit:ToleranzentwicklungToleranzentwicklung und eine damit einhergehende Dosissteigerung gekennzeichnet. Um die gewünschte Wirkung zu erreichen, muss die Menge der Droge zunehmend gesteigert werden. Außerdem muss die Droge ständig eingenommen werden, um dem Erleben von Entzugserscheinungen entgegenzuwirken (Kap. 10.1.1).

Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit! Ihre allgemeinen Kennzeichen sind Kontrollverlust:AlkoholabhängigkeitKontrollverlust, Entzugssymptome und Toleranzentwicklung.

Symptomatik
Nur selten begeben sich Alkoholabhängigkeit:Symptomatikalkoholabhängige Menschen mit dem Wunsch zum Entzug in Behandlung. In der Regel wird das Alkoholproblem bagatellisiert, und die Vorstellung beim Arzt erfolgt gewöhnlich wegen anderer körperlicher Beschwerden.

Bei etwa 20–50 % der Alkoholkranken in Arztpraxen und Krankenhäusern wird die Abhängigkeit übersehen. Es ist daher entscheidend, die Anzeichen einer Alkoholabhängigkeit zu erkennen und adäquate Schritte zur Behandlung einzuleiten.

Die Symptome der Alkoholabhängigkeit setzen sich aus psychischen Symptomen und Zeichen der internistisch-neurologischen Folgekrankheiten zusammen. Mit fortschreitender Erkrankung gewinnen soziale Folgeschäden an Bedeutung:
  • psychisch:

    • verändertes Trinkverhalten (Erleichterungstrinken, heimliches Trinken, gieriges Trinken)

    • Alkoholtoleranz

    • gedankliche Einengung auf Alkohol

    • depressive Stimmungslage mit Selbstvorwürfen und Minderwertigkeitsgefühlen

    • Suizidalität:AlkoholabhängigkeitDepression:AlkoholabhängigkeitSuizidalität

    • kognitive Einbußen (Konzentrations-, Aufmerksamkeits-, Gedächtnisstörungen)

    • Wesensänderung (bei alkoholbedingtem organischem Psychosyndrom)

  • körperlich:

    • reduzierter Allgemeinzustand

    • gerötete Gesichtshaut mit Gefäßveränderungen

    • Magen-Darm-Störungen (z. B. Gastritis, Ulzera)

    • Schlafstörungen:AlkoholabhängigkeitSchlafstörungen

    • Appetitsverlust

    • vegetative vegetative Störungen/Symptome:AlkoholabhängigkeitStörungen (z. B. Kreislaufprobleme, Schwitzen, Zittern)

    • Potenzstörungen

  • soziale Alkoholabhängigkeit:soziale FolgenFolgeschäden:

    • Vernachlässigung von Beziehungen (Familie, Freunde) bis hin zum Missbrauch

    • Probleme am Arbeitsplatz, Arbeitsplatzverlust

    • Konflikte mit dem Gesetz, Verkehrsdelikte

    • Probleme mit Mietverhältnis, ggf. Wohnungsverlust

    • finanzielle Probleme, sozialer Abstieg

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Trinkverhalten und Alkoholtoleranz

Der Mann im Fallbeispiel gibt erst im fortgeschrittenen Gespräch zu, dass sich seine Trinkgewohnheiten verändert haben. Zunächst versucht er noch, den Alkoholkonsum zu bagatellisieren. Er trinkt, um eine Entspannung herbeizuführen, und entwickelt so eine psychische Abhängigkeit. Das schnelle, also gierige Trinken steigert die Alkoholwirkung. Er muss die Alkoholmenge auch zunehmend erhöhen, um einen Effekt zu spüren. Diese Toleranzentwicklung:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:ToleranzentwicklungToleranzentwicklung ist ein Anzeichen der körperlichen Abhängigkeit.

Affektive Symptome

Er gibt an, ausgelaugt, Alkoholabhängigkeit:affektive Störungenaffektive Störungen:Alkoholabhängigkeitweniger leistungsstark und zeitweise hoffnungslos zu sein. Sein Selbstbewusstsein ist vermindert, er meidet Situationen, in denen er sich mit Konkurrenten messen muss. Bei manchen Alkoholikern können diese Selbstvorwürfe und Minderwertigkeitsgefühle bis zum Suizid führen. Differenzialdiagnostisch muss bei dem Patienten natürlich auch ein Alkoholkonsum auf dem Boden einer depressiven Episode in Erwägung gezogen werden.

Kognitive Störungen und organische Wesensänderung

Einbußen im kognitiven Bereich zeigen sich bei dem Mann im Fallbeispiel noch nicht. Dazu ist die Erkrankungsdauer vermutlich noch zu kurz. Auch eine organische Wesensänderung lässt sich nicht feststellen, dazu wäre auch eine Fremdanamnese wegweisend.

Körperliche Symptome

Erste Anzeichen der körperlichen Abhängigkeit zeigen sich schon in den vegetativen Symptomen. Der Patient schwitzt stark und hat eine rote Gesichtsfarbe. Schlaf- und kognitive Störungen:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:kognitive StörungenPotenzstörungen sind weitere Kennzeichen. Entscheidend und organisch unbedingt abklärungsbedürftig sind Magenschmerzen und Inappetenz, hinter denen sich eine alkoholbedingte Gastritis oder Ulzera verbergen können.

Soziale Folgeschäden

Aufgrund der vergleichsweise kurzen Krankheitsphase sind die Folgeschäden noch nicht so ausgeprägt. Da aber bei dem Mann bereits finanzielle Probleme bestehen und er als Selbstständiger sehr von seiner Leistungsfähigkeit abhängig ist, wird sich bei Fortdauer der Alkoholabhängigkeit die Situation sicherlich verschlechtern. Auch zeichnen sich Beziehungsprobleme zu seiner Ehefrau ab, die er bislang nicht in seine beruflichen Probleme einbezogen hat. Alkoholabhängigkeit:soziale Folgen
Diagnostik
Der amerikanische Physiologe Alkoholabhängigkeit:Typeneinteilung nach JellinekElvin Morton JellinekJellinek, Elvin Morton unterscheidet fünf Typen des Alkoholismus (Tab. 10.4). Diese Typisierung ist ein grobes Raster, hat sich aber klinisch bewährt.
Alpha-Trinker Alpha-Trinkertrinken, um sich Erleichterung zu verschaffen. Sobald Stress- oder Konfliktsituationen eintreten, wird der Wunsch nach Alkohol geweckt, um die angstlösende und entspannende Wirkung zu spüren. Typisches Beispiel ist ein unter Leistungsdruck stehender Angestellter, der kurz vor einer beruflichen Besprechung einen Schluck aus der im Schreibtisch versteckten Flasche trinkt. Es handelt sich um eine psychische Abhängigkeit ohne Kontrollverlust.
Beta-Trinker Beta-Trinkernützen Anlässe wie Betriebsfeste oder Stammtisch, um viel zu trinken. Sie sind nicht süchtig. Wegen des hohen Alkoholverbrauchs bekommen sie jedoch häufig organische Alkoholschäden (z. B. Leberzirrhose, Fettleber, Pankreatitis, Herzverfettung).
Gamma-Trinker Gamma-Trinkersind die eigentlich süchtigen Trinker. Nach einer anfänglichen psychischen Abhängigkeit stellt sich der Stoffwechsel auf die chronische Alkoholzufuhr um. Der Gamma-Trinker muss immer größere Mengen trinken, um den gleichen Effekt zu erzielen, und zeigt Entzugssymptome, wenn er keinen Alkohol konsumiert. Andererseits verliert er schon durch kleinste Mengen Alkohol völlig die Kontrolle über sein eigenes Trinken – er muss weiter trinken, häufig bis zur Bewusstlosigkeit.
Im Vordergrund des Delta-Alkoholikers Delta-Trinkersteht die körperliche Abhängigkeit. Um keine Entzugssymptome zu entwickeln, muss der Trinker einen gewissen Blutalkoholspiegel halten. Dieser Typ wird daher häufig auch Spiegeltrinker genannt. Er muss kontinuierlich Alkohol trinken, in Mengen, die meist nicht zum Rausch führen. Typischerweise trinken Delta-Alkoholiker bereits am frühen Morgen, um das Zittern in den Griff zu bekommen.
Der Epsilon-TrinkerEpsilon-Trinker ist der typische Quartalssäufer, Quartalssäuferder in periodischen Abständen trinkt. Er wird plötzlich rastlos und angespannt, kann weder arbeiten noch schlafen und setzt den Alkohol als Mittel gegen diese Spannungszustände ein. Nicht selten konsumiert er zuerst alkoholfreie Getränke, um einen quälenden Durst zu stillen. Schließlich aber trinkt er massenhaft, oft über mehrere Tage, und setzt das Trinken bis zur Betäubung fort. Nach dem Exzess kann der Trinker seine gewohnte soziale Rolle wieder übernehmen und distanziert sich häufig von dem Geschehenen. Die Intervalle zwischen den Exzessen können zunächst Monate dauern, werden aber nicht selten kürzer, sodass die sog. Dipsomanie in einen chronischen Alkoholismus übergehen kann.

Die häufigsten Formen sind der Gamma- und der Delta-Alkoholismus, wobei der Gamma-Typ der eigentlich süchtige Trinker ist. Alpha-, Beta- und Epsilon-Typ sind häufig die Vorläufer des süchtigen Trinkers.

Die Diagnose Alkoholismus (Kap. 10.1.4) ist abhängig von drei Kriterien:
  • dem in Bezug auf Menge und Häufigkeit persönlich und gesellschaftlich abnormen TrinkverhaltenAlkoholabhängigkeit:Trinkverhalten

  • den alkoholbedingten physischen, psychischen und sozialen Schäden

  • der psychischen und/oder physischen Abhängigkeit

Das entscheidende Kriterium der Abhängigkeit lässt sich durch folgende Merkmale überprüfen:
  • Kontrollverlust:AlkoholabhängigkeitKontrollverlustAlkoholabhängigkeit:Kontrollverlust beim Trinken

  • Unfähigkeit zur Abstinenz

  • Toleranzentwicklung:AlkoholabhängigkeitToleranzentwicklungAlkoholabhängigkeit:Toleranzentwicklung und damit Dosissteigerung

  • Entzugssymptome:AlkoholabhängigkeitEntzugssymptomeAlkoholabhängigkeit:Entzugssymptome beim Absetzen des Alkohols

Selten wird Ihnen ein Klient direkt von seiner Suchtproblematik berichten. Das gilt auch für das unmittelbare Umfeld, also Lebenspartner und Familie, die als Koabhängige das Problem ebenfalls bagatellisieren. Häufig lassen sie sich bereitwillig täuschen, oder der Alkoholkranke trinkt in Gesellschaft mäßig, greift zudem aber heimlich zu Hochprozentigem. Auch äußere Kriterien (Hautrötung, Schwitzen etc.) sind nicht immer erkennbar. Deswegen gehört zu einer ausführlichen Exploration auch das Hinterfragen von körperlichen Symptomen (z. B. Probleme mit Magen, Leber oder Bauchspeicheldrüse) dazu. Häufig gibt es hier Entzündungen (Gastritis, Pankreatitis) oder Funktionseinschränkungen (Leberzirrhose). Ebenso sollte die täglich konsumierte Trinkmenge bestimmt werden. Sie sollten dabei nicht vergessen, dass Alkoholkranke die Trinkmenge sehr häufig aus Scham bagatellisieren (z. B. nur ein Pikkolo). In Verdachtsfällen ist eine Abklärung beim Internisten oder Psychiater erforderlich.

Zur ersten groben Abklärung von Alkoholabhängigkeit:BeurteilungstestAlkoholproblemen und als Hilfe für eine Diagnose können Fragebögen nützlich und sinnvoll sein (Abb. 10.2). Auch z. B. der Münchner Alkoholismus Test (MALT) Münchner Alkoholismus Test (MALT)oder der sog. CAGE-Test CAGE-Test:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:CAGE-Test(Cut down, Annoyed, Guilty, Eye-opener) dienen einer Ersteinschätzung.
Differenzialdiagnose:Alkoholabhängigkeit:Differenzialdiagnose Entscheidend ist die Abklärung der komorbiden Störungen Alkoholabhängigkeit:komorbide Störungen(Kap. 10.1.4). Im Fallbeispiel zeichnen sich beispielsweise erste Anzeichen einer depressiven Störung ab. Ob eine depressive Störung vor dem Alkoholkonsum bestand oder ob sie sich im Rahmen des Alkoholmissbrauchs entwickelt hat, lässt sich häufig erst nach einem Entzug endgültig feststellen.
Viele Alkoholiker leiden unter einer Polytoxikomanie,Polytoxikomanie:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Polytoxikomanie weil sie durch die gleichzeitige Einnahme weiterer Drogen die Alkoholwirkung steigern oder verlängern können.
Krankheitsverlauf und Epidemiologie
Verlauf
Die Entwicklung vom sozial akzeptierten Alkoholkonsum bis zur Alkoholkrankheit Alkoholkrankheitlässt sich anhand eines Stufenmodells darstellen (Tab. 10.5). Die Schnelligkeit, mit der die Phasen eintreten, ist individuell unterschiedlich. Im Schnitt vergehen 6–12 Jahre. Bei Jugendlichen kann sich das Vollbild der Abhängigkeit auch in 2–3 Jahren entwickeln.
Ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung zum Alkoholismus ist die Alkoholtoleranz Alkoholtoleranz(Kap. 10.1.1). Sie ist individuell unterschiedlich ausgeprägt und hängt von der körperlichen Konstitution (Alter, Körpergewicht und Blutvolumen) und dem gegenwärtigen Gesundheitszustand eines Menschen ab. Bei Medikamenteneinnahme, Organschäden (z. B. Leberinsuffizienz), Überanstrengung, Ermüdung und Infektionen kann die Alkoholtoleranz herabgesetzt sein.
Bei anhaltendem Alkoholabusus sinkt in der chronischen Phase die gewöhnlich erhöhte Alkoholtoleranz ab und wandelt sich später aufgrund von schleichender Leberinsuffizienz zur Alkoholintoleranz.Alkoholintoleranz
Entscheidend für die Prognose der Alkoholabhängigkeit sind die organischen Folgeerkrankungen. Die Lebenserwartung Alkoholabhängigkeit:Lebenserwartungvon Alkoholkranken ist deutlich erniedrigt (ca. 10 Jahre). Außerdem ist der Anteil der Suizidenten unter den Erkrankten sehr hoch. Rund 10 % aller Alkoholabhängigen begehen Suizid.Suizidalität:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Suizidalität Prognostisch günstig sind höheres Lebensalter, gute Schulbildung und Berufstätigkeit, Zusammenleben mit einem Partner und Fehlen einer organischen Persönlichkeitsveränderung. Ansonsten gelten die bereits im Kap. 10.1.3 angeführten Faktoren.
Epidemiologie
Die Alkoholabhängigkeit Alkoholabhängigkeit:Epidemiologieist – neben der Nikotinabhängigkeit – die in Deutschland am meisten verbreitete substanzbedingte Störung. Nach Untersuchungen sind etwa 3–5 % der Bevölkerung alkoholabhängig. In Deutschland leben etwa 2 Mio. Alkoholkranke (Nikotinabhängige etwa 7,5 Mio.), davon ca. 500.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 21 Jahren. Dabei ist die hohe Dunkelziffer nicht berücksichtigt. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Der Pro-Kopf-Verbrauch reinen Alkohols in der Bundesrepublik liegt bei ca. 12 Litern pro Jahr.

Die Grenze zum Missbrauch (Tab. 10.6) liegt für Frauen bei 20 g, für Männer bei 40 g Konsum reinen Alkohols täglich (Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren).

In mehr als einem Viertel der Fälle tritt die Alkoholabhängigkeit mit einer weiteren psychischen Störung auf. Häufige komorbide psychische StörungenAlkoholabhängigkeit:psychische Störungenpsychische Störungen:Alkoholabhängigkeit sind:
  • affektive Störungen

  • affektive Störungen:Alkoholabhängigkeit Angststörungen

  • Angststörungen:Alkoholabhängigkeit Persönlichkeitsstörungen

  • Persönlichkeitsstörung(en):Alkoholabhängigkeit Abhängigkeit von anderen psychotropen Substanzen

Wird der Alkohol als Selbstbehandlungsversuch zur Linderung der Beschwerden einer anderen psychischen Störung getrunken, z. B. um einer depressiven Stimmung entgegenzuwirken, kann sich die Alkoholabhängigkeit sekundär entwickeln. Bei primärer Alkoholerkrankung ist es häufig schwer zu entscheiden, ob die zusätzlichen psychischen Symptome ein eigenständiges Krankheitsbild oder Ausdruck der Abhängigkeitserkrankung sind. So treten z. B. Angst- und depressive Gefühle auch als Entzugserscheinungen auf.
Neben dem persönlichen Leiden für den Alkoholabhängigen und ihre Familien ist die Alkoholkrankheit Alkoholkrankheitein immenses sozialmedizinisches Problem in Deutschland. Bis zu 30 Mrd. Euro wirtschaftliche Belastungen entstehen für Staat und Gesellschaft pro Jahr durch Fehlzeiten am Arbeitsplatz, Unfälle sowie direkte und indirekte Therapiekosten. Außerdem werden 50 % aller Straftaten unter Alkoholeinfluss begangen.
Ätiologie
Ursache, Entstehung und Entwicklung (Ätiopathogenese) Alkoholabhängigkeit:Ätiopathogenesevon Alkoholismus sind multifaktoriell und setzen sich zusammen aus Persönlichkeitsstruktur, Substanz und sozialem Umfeld (Kap. 10.1.6). Hinzu kommt eine genetische Disposition, die durch individuelle und ethnische Alkoholtoleranz, also den Abbau und Metabolismus von Alkohol, unterstützt wird. Auch das Modell-Lernen spielt als psychologischer Faktor eine Rolle.
Chronischer Alkoholgebrauch führt zu Veränderungen der Neurotransmittersysteme. Es entwickelt sich ein sog. Suchtgedächtnis. Psychologische Faktoren ergeben sich meist aus Broken-Home-Situationen oder negativen Vorbildfunktionen. Oft stammen Alkoholiker aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil Alkoholmissbrauch betrieb. Die Persönlichkeitsstruktur von Alkoholkranken Alkoholabhängigkeit:Persönlichkeitsstrukturzeichnet sich häufig durch eine besondere Selbstunsicherheit und Kontakthemmung bei starkem Geltungsbedürfnis und hohem Anspruchsniveau aus. Zudem verfügen sie über eine niedrige Frustrationstoleranz bei gleichzeitig hoher Sensibilität. Der Alkohol dient durch seine entspannende und lockernde Wirkung hier als Spannungsausgleich. Psychodynamisch wird Alkoholabhängigkeit als eine Fixierung in der oralen Phase verstanden.
Die ständige Verfügbarkeit von Alkohol, Vorbilder in Alltag, Film und Literatur, speziell ausgerichtete Werbung, besondere Berufsgruppen (z. B. Baugewerbe, Gastronomie) sowie die allgemeine soziale Akzeptanz (Gruppendruck) haben hier großen Einfluss (weitere Ausführungen zur Ätiopathogenese Kap. 10.1.6).
Therapie
Von entscheidender Bedeutung ist die Alkoholabhängigkeit:TherapieFrühdiagnose, also das frühe Erkennen eines Alkoholproblems, bevor der Verfall der sittlichen und moralischen Verhaltensweisen einsetzt. Hierzu gehören Aufmerksamkeit von Angehörigen, Freunden und Ärzten in Bezug auf Warnsymptome mit der Konsequenz, Betroffene auf einen schädlichen Gebrauch und Umgang mit Alkohol anzusprechen (konfrontierende und aufklärende Gespräche). Das verlangt ein großes Maß an Geduld, Zeit und Verständnis (kein Moralisieren), Hilfsbereitschaft, Akzeptanz (der Betroffene soll lernen, seine Krankheit als solche annehmen zu können) und Empathie. Es erfordert aber auch eine kompromisslose und konsequente Haltung in Bezug auf die Behandlung (Tab. 10.7).

Wenn ein Klient unter einer Abhängigkeitserkrankung leidet, dann ist sie das entscheidende Problem. Es sollte immer erst versucht werden, den Klienten vom Entzug zu überzeugen und eine Abstinenz zu erreichen, bevor andere Problemfelder oder psychische Störungen zum Ziel der Psychotherapie werden. Alkoholabhängigen fällt es sehr schwer, unangenehme Situationen auszuhalten und neue Bewältigungsstrategien einzusetzen, solange sie Alkohol trinken. Der Griff zur Droge wird daher die Ziele einer Psychotherapie i. d. R. vereiteln.

Bei diagnostiziertem Alkoholismus gibt es vier Behandlungsphasen (Kap. 10.1.7; Tab. 10.8):
  • Motivation des Betroffenen zur Abstinenz durch Ärzte, Suchtberatungsstellen, Fachambulanzen unter Einbeziehung der Angehörigen

  • Entgiftung/Entzug: 1–4 Wochen meist stationär im Allgemeinkrankenhaus oder in der Psychiatrie (wegen Entzugssymptomen: Krampfanfall- und Delirgefahr), i. d. R. pharmakologisch gestützt

  • Entwöhnung: über 4–6 Monate in Fachkliniken; meist gruppenpsychotherapeutische Maßnahmen zur Selbstfindung und Eigenverantwortlichkeit; der Betroffene soll lernen, ohne Alkohol zu leben

  • Nachsorge- und Rehabilitationsphase: über mehrere Jahre, ambulante Betreuung zur Stabilisierung sowie Hilfe beim Aufbau neuer sozialer Kontakte und beruflicher Existenz durch Ärzte, Suchtberatungsstellen und Selbsthilfeorganisationen

Ziel der Behandlung sollte immer die totale Abstinenz sein. Kontrolliertes Trinken kommt nur für ganz wenige Ausnahmefälle in Betracht.

Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie ist bei Alkoholabhängigkeit:medikamentöse TherapieAlkoholkranken eine Begleittherapie, um Komplikationen oder Entzugssymptomen entgegenzuwirken (Tab. 10.9).

Clomethiazol darf wegen seiner Nebenwirkungen (Atem-/Kreislaufdepression, Bronchospasmus) nur stationär unter intensivmedizinischer Beobachtung verabreicht werden.

Psychotherapeutische Therapie

Obwohl alkoholkranke Menschen nach dem triadischen System unter einer exogenen Störung leiden und damit grundsätzlich auch vom Heilpraktiker für Psychotherapie:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:PsychotherapiePsychotherapie behandelt werden dürfen, sollte die Psychotherapie speziell geschulten Therapeuten vorbehalten bleiben. Der Heilpraktiker für Psychotherapie kann aber durch die Benennung der Erkrankung und die Weitervermittlung eines alkoholkranken Menschen in eine geeignete Therapie einen entscheidenden Beitrag zum Wohl des Patienten leisten.

Die psychotherapeutische Therapie ist ein Kernstück der Behandlung und umfasst drei Schwerpunkte: Aufbau der Motivation zur Abstinenz, Festigung der Abstinenz und Hilfe bei einem Leben ohne Alkohol. Die Psychotherapie ist unentbehrlich für die Langzeittherapie. Entwöhnungsbehandlungen liegen in der Kompetenz speziell geschulter Psychologen und Ärzte. Es gibt unterschiedliche Gruppen- und Einzelprogramme. Bestandteile dieser Programme sind Psychoedukation und Informationsvermittlung, Entspannungsverfahren, Verhaltensanalysen mit kognitiver Therapie und Techniken zur Rückfallprophylaxe (Kap. 10.1.7).
Mit Langzeittherapien erreicht man die besten Heilungsquoten: 40–50 % der Abhängigen erreichen darüber eine stabile Besserung.
Selbsthilfegruppen Selbsthilfegruppen:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Selbsthilfegruppenhaben v. a. in der Nachsorgephase eine zentrale Bedeutung. Sie bieten dem Alkoholkranken eine Anlaufstelle und unterstützen ihn in schwierigen Phasen der Rehabilitation.

Die Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, die durch viele Rückfälle gekennzeichnet ist. Mehr als die Hälfte der Abstinenzwilligen erleidet einen Rückfall. Allein der Genuss eines alkoholhaltigen Essens oder eines alkoholhaltigen pflanzlichen Medikaments kann einen Rückfall provozieren. Abstinente Alkoholkranke sind also lebenslang gefährdet.

Neuropsychiatrische Folgeschäden der Alkoholabhängigkeit

Abb. 10.3 veranschaulicht die Folgeerkrankungen der Alkoholabhängigkeit.Alkoholabhängigkeit:psychiatrische Folgeschäden Die psychiatrischen Folgeschäden werden im Text näher erläutert.
Akute Alkoholintoxikation (ICD-10: F10.0)

Alkoholintoxikation – Ein bisschen Spaß muss sein

Ein Mann sitzt an der Alkoholintoxikation:akuteBar eines Restaurants und trinkt unter kritischer Beobachtung des Kellners in kurzer Zeit auffällig viel Wein. Nach einer Weile versucht er, mit dem Kellner ins Gespräch zu kommen, der jedoch nur kurz antwortet und sich wieder seiner Arbeit zuwendet. Daraufhin schlägt der Mann mit der flachen Hand auf den Tresen und beschwert sich, dass ein freundliches Wort doch nichts koste. Er schenkt sich aus seiner zweiten Flasche Wein ein weiteres großes Glas ein und gleitet unsanft vom Hocker, der dabei fast umfällt. Lallend und mit unsicherem Gang steuert er auf die übrigen Bargäste zu. Er spricht sie in beleidigender Form und lautem Ton an und muss sich dabei immer wieder an den Stuhllehnen festhalten, um nicht umzukippen. Daraufhin wenden sich einige Gäste von ihm ab und rufen den Kellner herbei, um sich über die Störung zu beschweren. Daraufhin eskaliert die Situation: Der Mann wird wütend und aggressiv. Mehrfach schreit er: Nicht ich – ihr seid doch alle gestört! Alles nur Gestörte hier, die keinen Spaß vertragen! und schmeißt eine ganze Reihe von Tischen und Stühlen um. Dann verlässt er fluchtartig die Bar. Als die Polizei ihn am nächsten Morgen in seiner Wohnung aufsucht, ist er überrascht und sagt: Was soll ich getan haben? Davon weiß ich gar nichts mehr.
Definition
Die akute Alkoholintoxikation wird auch als einfacher Rausch bezeichnet. Dabei liegt die Alkoholzufuhr nur eine, höchstens einige Stunden zurück. In den meisten Fällen sind die Folgen des alkoholisierten Zustands geringfügig, solange keine zusätzlichen Gefahrenherde (Auto, Fahrrad) dazukommen. Allerdings kommt es des Öfteren zu Stürzen. Die Menge Alkohol, die einem Organismus zugeführt werden muss, damit er Zeichen der Alkoholvergiftung zeigt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Sie hängt von der individuellen Verstoffwechselung des Alkohols ab, die von genetischen Faktoren, dem Allgemeinzustand und einer Toleranzentwicklung beeinflusst wird.
Symptomatik
Der Rausch kann in unterschiedliche Stadien eingeteilt werden. Die Symptome sind Abb. 10.4 zu entnehmen.

Erläuterung zum Fallbeispiel

Der Mann im Fallbeispiel durchläuft die Stadien des Alkoholrauschs in Abhängigkeit von der getrunkenen Menge Alkohol. Im leichten Rausch entwickelt er zunächst einen vermehrten Rededrang, verhält sich enthemmt und spricht andere Gäste an. Er wird psychomotorisch unruhig und bewegt sich durch die Bar. Dabei zeigt er schon eine Gangunsicherheit und eine lallende Sprache. Im mittelschweren Rausch steigert sich seine Aggressivität, die er zunächst verbal auslebt, bevor er handgreiflich wird und in seiner Erregung die Bar verwüstet. Im Nachhinein kann er sich an die Ereignisse nicht erinnern; dies kann als Zeichen einer Bewusstseinsstörung nach seiner Flucht gewertet werden.
Manche Autoren sprechen von einem komplizierten Rausch, Rausch:komplizierterwenn die Symptome intensiver ausgeprägt sind als beim einfachen Rausch. Dies ist häufig bei einem vorgeschädigten Gehirn (z. B. Schädel-Hirn-Trauma, Demenz) der Fall. Die Symptomatik unterscheidet sich nur quantitativ, aber nicht qualitativ.
Diagnostik
Nach der ICD-10 kann die Alkoholintoxikation Alkoholintoxikation:Diagnoseanhand ihres klinischen Erscheinungsbilds noch weiter klassifiziert werden:
  • ohne Komplikation

  • mit Verletzung oder andere Schädigung

  • mit anderen medizinischen Komplikationen

  • mit Wahrnehmungsstörungen:AlkoholintoxikationDelir:AlkoholintoxikationDelirKoma:AlkoholintoxikationKrampfanfälle:Alkoholintoxikation

  • mit Wahrnehmungsstörungen

  • mit Koma

  • mit Krampfanfällen

  • pathologischer Rausch

Der pathologische Rausch Rausch:pathologischerist eine Sonderform und zeichnet sich durch eine qualitative Veränderung der Symptomatik im Vergleich zum einfachen Rausch aus. Zur Veranschaulichung folgt ein Beispiel.

Pathologischer Rausch – Ein jähes Ende

Auf einer Hochzeitsfeier gerät ein bis dahin sehr zuvorkommender, freundlicher, junger Mann nach dem Abendessen plötzlich in einen heftigen Streit mit seinem Tischnachbarn, den er lautstark beschimpft und beim Schlips packt. Als der andere sich zu wehren versucht, ergreift der Mann den Sektkühler und versetzt dem Hilflosen einen tödlichen Schlag. Die Gäste sind fassungslos und wirken für ein paar Sekunden vollkommen ohnmächtig. Der Mann verlässt den Saal und legt sich in der Lounge auf ein Sofa, wo er, beinahe wie ein Toter, in eine Art regungslosen Tiefschlaf verfällt. Bei der Befragung durch die Polizei gibt er an, er habe keine Erinnerung an den Vorfall – weder an den Tischnachbarn noch an den Streit oder seinen Gefühlsausbruch. Das Einzige, woran er sich erinnern könne, sei, dass er nach dem Dessert einen Obstler serviert bekommen und getrunken habe. Aber nach dem Obstler habe alles bei ihm ausgesetzt, und von diesem Moment an habe er einen absoluten Filmriss. Bei der ärztlichen Untersuchung stellt sich heraus, dass der junge Mann vor wenigen Wochen bei der Renovierung seines Hauses von einer Leiter gestürzt war und sich dadurch eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen hatte, die ausgeheilt schien. Die Aussagen der Hochzeitsgäste belegen, dass der Mann bis dahin ein überaus netter, sensibler Kerl gewesen sei und keinerlei Spuren von Aggression gezeigt habe. Stets sei er sehr aufmerksam und freundlich, hilfsbereit und bedächtig gewesen. Der Totschlag entspreche absolut nicht seinem Wesen und seiner Art; niemand könne sich den Vorfall erklären.
Der pathologische Rausch Rausch:pathologischerkommt relativ selten vor und ist eine schlagartige Reaktion auf die Einnahme einer meistens geringen Menge Alkohol. Aufgrund einer Vorschädigung des Gehirns kommt es zu einer herabgesetzten Alkoholtoleranz (ein Glas kann genügen!). Der pathologische Rausch ist gekennzeichnet durch Bewusstseinstrübung, Desorientiertheit, oft auch durch Erregungszustände mit Halluzinationen/Halluzinose:Rausch, pathologischerHalluzinationenBewusstseinseintrübung:Rausch, pathologischerDesorientiertheit:Rausch, pathologischer, Personen- und Situationsverkennung. Während der Rauschphase kann es zu persönlichkeitsfremden, häufig aggressiven Tätlichkeiten kommen. Der Rausch geht meist in einen Terminalschlaf über, der oft kürzer ist als beim normalen Rausch. Anschließend kann sich der Betroffene an die Ereignisse vor oder im Rauschzustand nur noch bruchstückhaft oder überhaupt nicht mehr erinnern; es besteht also eine Teilamnesie bzw. totale Amnesie.Amnesie:Rausch, pathologischer
Organische Ursachen für einen pathologischen Rausch können sein:
  • langjähriger Alkoholismus mit zunehmender Alkoholintoleranz (am häufigsten)

  • Schädel-Hirn-Trauma

  • Epilepsie

  • Hepatitis

  • Enzephalitis

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Alkoholintoleranz

Bei dem jungen Mann Alkoholintoleranzim Fallbeispiel reicht schon ein kleiner Obstler, um bei ihm den pathologischen Rausch auszulösen.

Erregungszustand

Er gerät dann in einen aus der Situation heraus nicht nachvollziehbaren Erregungszustand, in dem er zunächst handgreiflich wird und dann seinen Tischnachbarn erschlägt. Diese Handlung entspricht überhaupt nicht seiner Persönlichkeit (Fremdanamnese der Nachbarn).

Terminalschlaf mit Amnesie

Der Rausch endet mit einem zwanghaften Schlafbedürfnis, das aber nur eine halbe Stunde dauert. Danach besteht für die Dauer des Rauschs eine komplette Amnesie.
Das Schädel-Hirn-Trauma in der Vorgeschichte des Mannes liefert eine Erklärung für die organische Ursache des Geschehens.
Alkoholentzugsdelir

Eine Medizinstudentin erscheint mit ihrer Entzugsdelir:AlkoholAlkoholentzugsdelirWG-Freundin in der Notfallambulanz. Sie erzählt aufgeregt, ihre Freundin habe nach einer Auseinandersetzung, bei der sie sie zum wiederholten Male auf ihre Alkoholabhängigkeit aufmerksam gemacht habe, zum Beweis, dass sie nicht süchtig sei, für einen Tag auf Alkohol verzichtet. Als sie von der Uni zurückgekommen sei, habe sie gezittert wie Espenlaub und sei unruhig in der Wohnung umhergelaufen. Sie habe sie gebeten, wieder am Küchentisch Platz zu nehmen. Darauf habe sie sich gesetzt und zusammenhangloses Zeug geredet. Sie hatte den Eindruck, die Freundin habe sie für ihre Mutter gehalten. Während sie sprach, habe sie immer seltsam auf das Tischtuch geschaut und daran gezogen. Auf die Frage, was sie da mache, habe sie geantwortet, sie schüttele die Würmer ab. Dann sei sie ganz merkwürdig geworden und plötzlich vom Stuhl gerutscht. Sie habe einen Krampfanfall gehabt, sich dabei aber glücklicherweise keine Verletzung zugezogen. Vor der Fahrt in die Ambulanz habe sie ihr ein kleines Glas Himbeergeist zu trinken gegeben, weil sie so gezittert habe.

Definition
Bei alkoholkranken Menschen können zwei Formen des Delirs auftreten:
  • Alkoholentzugsdelir (ICD-10: F10.4)

  • Kontinuitätsdelir Kontinuitätsdelir:Alkoholabhängigkeit(ICD-10: F10.03)

Das Alkoholentzugsdelir (Delirium tremens) Delirium tremens:Alkoholabhängigkeitist die häufigere Form und tritt etwa 1–3 Tage nach dem Alkoholentzug auf. Der Alkoholentzug erfolgt meist ungewollt, häufig wird er durch einen Infekt oder durch die Aufnahme ins Krankenhaus wegen eines Unfalls oder zur Abklärung der organischen Alkoholschäden ausgelöst. In seltenen Fällen kann ein Delir auch nach langem Dauertrinken auftreten (Kontinuitätsdelir).
Als physiologische Ursache des Delirs wird eine Übererregung des limbischen Systems diskutiert, die durch den Entzug der ruhigstellenden Droge Alkohol ausgelöst wird. Es kommt dabei zu schweren Angst- und Unruhezuständen, starkem Zittern und Sinnestäuschungen (z. B. Sehen von weißen Mäusen oder Spinnen und Erleben von früheren Lebenssituationen oder bedrohlichen Geschehnissen).
Symptomatik
Alkoholabhängige Menschen erleben beim Alkoholentzug Alkoholentzugsdeliri. d. R. zunächst ein vegetatives Prädelir,Prädelir:vegetatives, Alkoholentzug das gekennzeichnet ist durch:
  • vegetative Symptome (z. B. Schwitzen, Zittern)

  • Atem- und Kreislaufbeschwerden

  • Magen- und Darmbeschwerden

  • psychische Symptome [Unruhe, Schlaflosigkeit, Angst und Schreckhaftigkeit, Verlust der zeitlichen, örtlichen und situativen Orientierung, leichte Ablenkbarkeit, flüchtige (meist optische) Halluzination]Halluzinationen/Halluzinose:Alkoholentzugsdelir

  • generalisierte Krampfanfälle

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Die Patientin im Fallbeispiel erlebt nach dem Entzug von Alkohol ein Prädelir mit den klassischen Symptomen. Nach dem Entzug schwitzt und zittert sie (vegetative Symptome).vegetative Störungen/Symptome:AlkoholentzugsdelirAlkoholentzugsdelir:vegetative Symptome Sie ist unruhig und läuft umher (psychomotorische Symptome). Ihre Freundin hält sie für ihre Mutter und ist über ihre derzeitige Situation nicht richtig im Bilde (situative und Personenverkennung). Sie sieht Würmer auf dem Tisch, die sie zu entfernen versucht (optische optische Halluzinationen/Halluzinose:AlkoholentzugsdelirHalluzination). Das Prädelir gipfelt in einem Entzugskrampf:AlkoholentzugsdelirEntzugskrampf, einer häufigen Komplikation in den ersten Stunden nach dem Entzug. Dass die Freundin den Entzug unterbricht und ihre abhängige Freundin zunächst in die Klinik bringt, um eine stationäre Therapie anzuregen, war für die alkoholkranke Mitbewohnerin u. U. lebensrettend. Denn ein unbehandeltes Delir kann tödlich enden.

Raten Sie einem alkoholkranken Klienten nie, selbstständig mit dem Trinken aufzuhören. Der Entzug muss stationär überwacht werden, weil es zu generalisierten Krampfanfälle:AlkoholentzugsdelirKrampfanfällen und zum Delir:AlkoholentzugDelir kommen kann.

Das Prädelir kann unbehandelt in ein eigentliches Alkoholdelir übergehen, das sich durch eine ausgeprägtere Symptomatik und das Auftreten von Bewusstseinsstörungen Bewusstseinsstörungen:Alkoholentzugsdelirauszeichnet.
Hauptsymptome des Delirs (Kap. 9.5.2):
  • akuter Verwirrtheitszustand mit Bewusstseinstrübung (qualitative Bewusstseinsstörung)

  • ggf. quantitative Bewusstseinsstörung (Schläfrigkeit etc.)

  • Gedächtnisstörungen und Desorientiertheit bezüglich Zeit, Ort, Situation

  • optische Halluzinationen

  • Situations- und Personenverkennung (illusionäre Verkennungen)

  • illusionäre Verkennung:Alkoholentzugsdelir ausgeprägte Angst und Schreckhaftigkeit

  • dysphorische Verstimmung (grantig)

  • Hypermotorik (Unruhe, Nesteln, Herumsuchen)

  • Suggestibilität (Faden, weißes Blatt Papier)

  • vegetative Reaktionen wie Schwitzen, Tremor, Gesichtsrötung, Erbrechen und Diarrhö, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus

  • Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen:Alkoholentzugsdelir Krampfanfälle

Das Delir dauert 3–7 Tage. Bei fehlender Behandlung verläuft es in bis zu 20 % der Fälle tödlich. Häufigste Todesursache ist die Pneumonie (z. B. Aspiration). Schwere Folgezustände sind die Wernicke-Wernicke-Enzephalopathie:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Wernicke-EnzephalopathieEnzephalopathie und das Korsakow-Alkoholabhängigkeit:Korsakow-SyndromSyndrom.Korsakow-Syndrom:Alkoholabhängigkeit

Beim Alkoholentzugsdelir handelt es sich nach dem triadischen System um eine akute organische Psychose (Kap. 9.5).

Beim Delir kommen manchmal auch sog. Akoasmen Akoasmen:Alkoholentzugsdelirvor, d. h. akustische (Elementar-)Halluzinationen Alkoholentzugsdelirwie Knallen, Zischen, Lispeln, Wispern (keine Stimmen).
Alkoholhalluzinose (ICD-10: F10.5)

Alkoholhalluzinose – Quälgeister

Ein 42-jähriger Halluzinationen/Halluzinose:AlkoholabängigkitAlkoholhalluzinoseArbeitsloser erzählt von Stimmen, die ihn schon seit geraumer Zeit tyrannisieren würden. Meist sei es eine Frauenstimme, manchmal aber auch mehrere Stimmen zugleich. Er würde von ihnen beleidigt und als Dreckskerl oder Hurensohn beschimpft. Gelegentlich habe er auch den Eindruck, es sei die Stimme seines Vaters, die ihm vorwerfe, aus ihm sei nichts Gescheites geworden. Am Wochenende habe sich die Belästigung durch die Stimmen so verschlimmert, dass er sich bedroht fühle. Er sei regelrecht in Panik geraten, aus Angst, man wolle ihm das Leben nehmen. Deswegen habe er um Aufnahme in die Klinik gebeten. Der seit seinem 22. Lebensjahr alkoholabhängige Mann habe mehrere Entziehungskuren durchgeführt, die letzte vor einem guten Jahr. Danach habe er auch für kurze Zeit in einem Beschäftigungsverhältnis gestanden, allerdings sei ihm wegen Insolvenz der Firma gekündigt worden. Das habe ihn emotional so mitgenommen, dass er wieder mit dem Trinken begonnen habe. Seitdem würde er auch wieder von den quälenden Stimmen heimgesucht. Im Untersuchungsgespräch ist der Mann voll orientiert und bewusstseinsklar. Seine Konzentrationsfähigkeit ist geringfügig eingeschränkt, er ist leicht ablenkbar. Formale oder inhaltliche Denkstörungen sind nicht festzustellen. Die Affektlage erscheint ängstlich-paranoid.
Definition
Die Alkoholhalluzinose ist eine seltene Folge von chronischem Alkoholmissbrauch und zeichnet sich durch akustische Halluzinationenakustische Halluzinationen/Halluzinose:AlkoholabhängigkeitHalluzinationen/Halluzinose:Alkoholabhängigkeit aus. Unbehandelt kann sie Tage bis Monate andauern oder in etwa der Fälle in eine chronische Form übergehen. Bei medikamentöser Therapie mit Neuroleptika oder bei Abstinenz klingt sie innerhalb weniger Tage ab.

Die Alkoholhalluzinose zählt zu den akuten organischen Psychosen (Kap. 9.5).

Symptomatik
Typische Kennzeichen der Alkoholhalluzinose Alkoholhalluzinosesind:
  • akustische Halluzinationen (oft im Chor – bedrohend, schimpfend)

  • Angst/Panik (paranoid-ängstliche Gestimmtheit, oft Bedrohungswahn)

  • keine Bewusstseinstrübung

  • keine Desorientiertheit

  • keine Vorstellung von Fremdbeeinflussung (im Gegensatz zur Schizophrenie)

  • keine körperlichen Symptome (z. B. Tachykardie, Fieber, Erbrechen, Durchfälle, Schwitzen, Zittern oder epileptische Anfälle)

Erläuterung zum Fallbeispiel

Im Vordergrund der Beschwerden des 42-Jährigen stehen die akustischen Halluzinationen. Die oft im Chor wahrgenommenen Stimmen beschimpfen und bedrohen ihn. Psychopathologische Hinweise auf eine Schizophrenie gibt es nicht. Der Patient hat sich selbst in die Klinik einliefern lassen, weil er die Stimmen als ein Krankheitszeichen wahrnimmt. Ein Realitätsbezug ist also vorhanden. Auch das Bewusstsein ist nicht beeinträchtigt. Es ist also von einer Alkoholhalluzinose auszugehen. Der Exploration sollte natürlich eine körperliche Untersuchung folgen und der Patient sollte bei einer Bestätigung der Verdachtsdiagnose zum Entzug motiviert werden. Bis dahin kann die Symptomatik mit Neuroleptika behandelt werden.

Im Gegensatz zur Schizophrenie wissen Patienten mit einer AlkoholhalluzinoseAlkoholhalluzinose, dass sie Halluzinationen erleben. Es handelt sich daher um sog. Pseudohalluzinationen:AlkoholabhängigkeitPseudohalluzinationen. Der Realitätsbezug bei den Patienten ist erhalten, und andere entscheidende psychopathologische Kriterien der schizophrenen Störung fehlen.

Alkoholischer Eifersuchtswahn (ICD-10: F10.5)

Alkoholischer Eifersuchtswahn – Offener Hosenstall

Eine 44-jährige Frau beklagt Eifersuchtswahn:alkoholischeralkoholischer Eifersuchtswahnsich, dass ihr Mann schon seit geraumer Zeit mit einer anderen Frau fremdgehe. Auf die Frage nach Belegen für diese Annahme gibt sie an, dass sie im Bett Haare gefunden habe, die nicht ihre Haarlänge hätten, und dass sie auf dem Bettlaken Spuren von Make up entdeckt habe. Eine angebrochene Flasche Prosecco und eine CD mit romantischer Musik im CD-Player, die sie bei der Heimkehr von einem Besuch bei ihren Eltern gesehen hatte, belegten dies ebenfalls. Einmal sei sie auch von der Arbeit heimgekommen, als eine Frau mit schnellen Schritten das Mietshaus, in dem sie wohnten, verließ. Als sie dann leise die gemeinsame Wohnung betreten habe, sei ihr Mann gerade mit geöffnetem Reißverschluss an der Hose aus dem Bad gekommen. Er habe sich merkwürdig verhalten, sei einem Gespräch ausgewichen und sei sich mit der Hand ständig durch die platt gelegene Frisur gefahren. Ihr Mann widersetze sich jedoch nach wie vor vehement den Vorwürfen, er habe sie nie betrogen, und sie solle endlich aufhören mit den Beschuldigungen. Er könne sich nicht erklären, wie sie auf solch einen Unfug käme. Trennungsabsichten habe ihr Mann nicht geäußert. Allerdings hätten sie momentan eine schwere Zeit miteinander. Ihr Mann leide unter ihrer langjährigen Alkoholabhängigkeit und ihrer sexuellen Inappetenz.
Definition
Zufällige Beobachtungen und Vorkommnisse werden als Beweis für die Untreue des Partners gewertet. Diese Eifersucht kann sich bis zum Wahn steigern, wobei Männer häufiger betroffen sind als Frauen. Der Wahnkranke ist rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich. Häufig tritt der Eifersuchtswahn beim alkoholkranken Mann auch infolge einer Potenzstörung auf. Unter neuroleptischer Therapie kann sich der Wahn zurückbilden.
Symptomatik
Das Krankheitsbild ist geprägt von einem ausgestanzten Wahnerleben, das sich auf die Untreue des Partners bezieht.

Erläuterung zum Fallbeispiel

Die Patientin im Fallbeispiel weist eine langjährige Alkoholkrankheit auf und hat als Folge davon einen Eifersuchtswahn entwickelt. Sie ist unkorrigierbar davon überzeugt, dass ihr Ehemann sie betrügt. Auch kritisches Hinterfragen der Verdächtigungen und Hinweise darauf, dass die unumstößlichen Beweise nur zufällige Beobachtungen seien, die einen anderen Hintergrund haben könnten, werden von der Patientin nicht akzeptiert. Sind keine anderen psychopathologischen Symptome zu erkennen, die auf andere Ursachen des wahnhaften Erlebens hinweisen, ist von einem alkoholbedingten Eifersuchtswahn auszugehen. Eine genaue körperliche Abklärung ist selbstverständlich noch notwendig. Eifersuchtswahn:alkoholischeralkoholischer Eifersuchtswahn
Wernicke-Enzephalopathie

Wernicke-Korsakow-Syndrom – Der konfabulierende Wirt

Eine 58-jährige Weinlokalbesitzerin, Wernicke-Enzephalopathie:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Wernicke-Enzephalopathiedie an einer chronischen Wernicke-Korsakow-SyndromAlkoholsucht leidet, wird in einem sehr verwirrten Zustand in die Klinik eingeliefert. Sie berichtet, dass sie schon seit längerer Zeit Doppelbilder sehe und Gehschwierigkeiten habe. Ihre Füße fühlten sich wie taub an, sodass sie beim Gehen über den Boden schlufften. Die Ärzte stellen einen erheblichen Vitamin-B1-Mangel fest und diagnostizieren eine Lähmung des Augenmuskels sowie eine verminderte Nervenleitgeschwindigkeit in den Beinnerven. Bei der Untersuchung spricht sie die Oberärztin mit liebe Großmama an, die – wie sich herausstellt – bereits verstorben ist. Es wird eine medikamentöse Therapie mit Thiamin in hohen Dosen eingeleitet, woraufhin die akuten Symptome abklingen. Merkfähigkeit, Kurzzeitgedächtnis und Orientierungssinn der Patientin bleiben jedoch weiterhin gestört. Die Krankenschwestern berichten, dass die Patientin auffällige Gedächtnislücken habe, die sie mit Inhalten fülle, die nicht der Wahrheit entsprächen. Wenn sie ihr innerhalb kurzer Zeit dieselbe Frage noch einmal stellten, bekämen sie meist zwei unterschiedliche Antworten. Auf die Frage, was es gestern zum Mittagessen gab, habe sie beispielsweise zunächst geantwortet: Ja, das war herrlich. Wir waren in der Weinschenke, und es gab einen knusprigen Flammkuchen und Federweißen. Auf den Hinweis, dass dies nicht sein könne, da sie doch im Krankenhaus sei, antwortet sie, Ja, natürlich! Es gab Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat. Meine Großmutter hat auch probiert, und es hat ihr sehr gut geschmeckt. Lediglich die Preiselbeeren aus unserem Garten haben wir dazu vermisst. Tatsächlich habe es ein ganz anderes Gericht gegeben; außerdem besitze die Patientin (wie sie von der Tochter erfahren hätten) gar keinen Garten.
Definition
Die relativ selten auftretende Wernicke-Enzephalopathie (Wernicke-Enzephalopathie:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Wernicke-Enzephalopathiebei ca. 10 % der verstorbenen Alkoholiker nachweisbar) ist die schwerste, vielfach tödlich ausgehende Alkoholfolgeerkrankung. Der Mangel an Thiamin (Vitamin B1) Alkoholabhängigkeit:Thiamin (Vitamin B1)-Mangelverursacht vaskuläre und neuronale Schädigungen im Gehirn.
Symptomatik
Die Wernicke-Enzephalopathie ist gekennzeichnet durch:
  • Bewusstseinstrübung, Desorientiertheit, Somnolenz

  • Augenmuskellähmungen, Sehstörungen und Doppelbilder, Pupillenstörungen und Nystagmus (ruckartiges Zittern der Augen)

  • Ataxie (Torkeln, Greifstörungen)

  • vegetative Störungen (Hypotonie, Hyperthermie, Hyperhydrose)

Die Wernicke-Enzephalopathie ist eine lebensbedrohliche Erkrankung und muss sofort stationär durch Gabe von hohen Dosen Vitamin B1 behandelt werden.

Korsakow-Syndrom
Definition
Bei Patienten, welche die Wernicke-Enzephalopathie überleben, besteht nach Abklingen der akuten Symptome häufig ein Korsakow-Syndrom. Korsakow-Syndrom:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Korsakow-SyndromDieses kann allein oder als Folge der Enzephalopathie auftreten. Der Übergang zum Korsakow-Syndrom ist fließend, deshalb wird die Krankheit auch oft Wernicke-Korsakow-Syndrom Wernicke-Korsakow-Syndromoder chronischer Korsakow genannt.
Symptomatik
Beim Korsakow-Syndrom findet man eine Trias von:
  • hochgradiger Beeinträchtigung des Alt- und Neuzeitgedächtnisses

  • Konfabulation

  • Orientierungsstörungen:Kosakow-SyndromKonfabulationen:Kosakow-Syndrom Orientierungsstörungen

Weitere Symptome sind:
  • reduzierte Auffassungsgabe

  • Antriebsstörungen

  • Antriebsstörungen:Korsakow-Syndrom ggf. Polyneuropathie

Obwohl das Korsakow-Syndrom zunächst beim chronischen Alkoholismus beschrieben wurde, kann es auch bei Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutungen, Enzephalitis, bei Toxikosen oder Infektionen (Fleckfieber, Typhus) auftreten. Ursächlich handelt es sich auch hierbei um einen Thiaminmangel.

Füllt ein Patient Gedächtnislücken mit fantastischen Erlebnissen, spricht man von Korsakow-Syndrom:KonfabulationenKonfabulationen:Korsakow-SyndromKonfabulationen. Häufig erhält man beim Nachfragen auf dieselbe Frage zwei unterschiedliche Antworten.

Thiaminmangel:Korsakow-Syndrom
Organische Wesensveränderung
Bei chronischem Alkoholabusus kommt es zu Persönlichkeitsveränderungen, Persönlichkeitsstörung(en):AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Persönlichkeitsveränderungenbei der labile Stimmungen mit reizbarem und aggressivem Verhalten im Vordergrund stehen. Als Folge der zerebralen Schädigungen durch ständige alkoholbedingte Intoxikationen wird die intellektuelle Leistungsfähigkeit bis hin zur Alkoholdemenz Demenz:AlkoholabhängigkeitAlkoholdemenzabgebaut.
Polyneuropathie
Bei einer Polyneuropathie Polyneuropathie:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Polyneuropathiesetzen i. d. R. zunächst Parästhesien Parästhesien:Alkoholabhängigkeitein. Dies sind körperliche Missempfindungen wie ein Gefühl des Kribbelns oder Juckens (Ameisenlaufen), Taubheitsgefühle, brennende Fußsohlen unter der warmen Bettdecke oder eine Druckempfindlichkeit der Waden. Im weiteren Verlauf zeigen sich die Parästhesien oft auch an den Armen, und es ist insgesamt eine zunehmende Schmerzempfindlichkeit festzustellen. Im fortgeschrittenen Stadium kommen weitere Symptome wie Muskelschwäche, Gangstörungen, zGangstörungen:Alkoholabhängigkeit. T. extreme Schmerzzustände sowie in einigen Fällen auch Seh-/Pupillenstörungen und Augenmuskellähmungen Augenmuskellähmungen:Alkoholabhängigkeithinzu.
Schlafstörungen
Obwohl Alkoholiker häufig an Einschlafschwierigkeiten Schlafstörungen:AlkoholabhängigkeitEinschlafstörungen:AlkoholabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:Schlafstörungenleiden und Alkohol das Einschlafen verbessern und in einen Tiefschlummer versetzen kann, führt genau dies in der zweiten Nachthälfte aber oft zu Unruhe mit flachem Schlaf und vermehrtem Aufwachen. Eine Ursache dafür ist, dass der sog. Traumschlaf, der durch REM-Phasen (engl. rapid eye movements) gekennzeichnet ist, durch den Alkohol unterdrückt wird. Auch Albträume, Albträume:Alkoholabhängigkeitstarkes Schwitzen, Kopfschmerzen und Mundtrockenheit sind häufige Begleiterscheinungen. Diese Störung des Schlafs bewirkt, dass sich die Betroffenen am Morgen häufig matt und selten frisch und vital fühlen. Bei Absetzen des Alkohols kommt es zudem zu einer – entzugsbedingten – ausgeprägten Schlaflosigkeit, wodurch sich nicht selten ein negativer Kreislauf in Gang setzt: Die Betroffenen greifen, um zu ermüden und zu entspannen, wieder zum Alkohol.

Störungen durch Opioide (ICD-10: F11)

Alkoholabhängigkeit

Opiatintoxikation – Nur Schnupfen?

Eine 20-jährige Studentin Opiat-/OpioidabhängigkeitOpiatintoxikationwird von einer aufgelösten Mutter zum Arzt gebracht. Die junge Frau zittert am ganzen Körper, wirkt blass und abgemagert. Sie gähnt häufig und putzt sich mehrfach die Nase, laut Mutter habe sie auch Fieber. Die Mutter mache sich große Sorgen, weil ihre Tochter in eine dubiose Clique geraten sei. Sie habe sich in den letzten Wochen sehr verändert, sei häufig spätabends alkoholisiert nach Hause gekommen, tagsüber könne man gar nicht mehr mit ihr reden. Sie sei so abweisend und rotzig. Auch werde sie in allem immer nachlässiger, nicht nur in der Körperpflege. Die Mutter habe heute beim Müllentleeren eine Spritze gefunden. Die Tochter tue diesen Fund (harmloses Schmerzmittel) ab, sie habe doch nur einen blöden Schnupfen. Sie gibt aber zu, dass sie starke Schmerzen in den Beinen und im Nacken habe und ihr Herz rase.

Definition

Der Begriff Opioide Opiat-/Opioidabhängigkeitumfasst Opiate (Heroin, Morphin Heroinund Codein) und CodeinMorphinderivate. Synthetische und halbsynthetische Morphinderivate finden sich z. T. auch in Husten- und Schmerzmitteln. Wichtige Vertreter sind: Morphin, MorphinabhängigkeitHeroinabhängigkeitHeroin (Diacetylmorphin), Codein, MethadonabhängigkeitCodeinabhängigkeitMethadon sowie hoch wirksame Schmerzmittel wie Pethidin (z. B. Dolantin) und Buprenorphin (z. B. Temgesic).
Opioide werden hauptsächlich gespritzt, aber auch geschluckt, geraucht oder geschnupft. Sie haben sowohl euphorisierende als auch dämpfende Wirkung. Bei der üblichen intravenösen Einnahme setzt die Wirkung (Kick) innerhalb weniger Minuten ein und hält typischerweise 10–30 Minuten an. Der Rauschzustand geht mit einer ausgeprägten Euphorie und einem Befreiungsgefühl einher. Wärme- und Glücksgefühle, gesteigertes Selbstbewusstsein sowie ein Gefühl des Entrücktseins werden beschrieben. Danach folgt die dämpfende Wirkung: Die Konsumenten können dann apathisch oder gereizt werden. Häufig sind sie auch verlangsamt und zeigen Konzentrationsstörungen. Eine echte Opiatintoxikation tritt bei hoher Dosierung nach etwa 2–5 Minuten ein. Opiate sind die Drogen mit dem größten Suchtpotenzial: Suchtpotenzial:OpioideOpioide:SuchtpotenzialBereits 2–3 Injektionen können zur Abhängigkeit führen. Es entsteht eine starke physische wie psychische Abhängigkeit mit rascher Toleranzentwicklung.
Toleranzentwicklung:OpioidabhängigkeitOpiat-/Opioidabhängigkeit:ToleranzentwicklungSynonyme für Heroin: HeroinabhängigkeitH, brown sugar, horse, Jack, Schnee (auch für Kokain).

Gefahren der i. v. Applikation sind Spritzenabszesse, Hepatitis, HIV-Infektionen und tödliche Intoxikationen.

Symptomatik

Morphinderivate wirken hemmend auf den Sympathikus (noradrenerges System) und die Reizweiterleitung (Kap. 21). Darum werden sie in der Klinik zur Schmerztherapie und Narkose eingesetzt und unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz. In höherer Dosierung (Opiatintoxikation) wirken sie auf den Parasympathikus (unwillkürliche Muskulatur).
Eine Opiatintoxikation Opiat-/Opioidabhängigkeit:SymptomeOpiatintoxikationist gekennzeichnet durch (Tab. 10.10):
  • Rötung des Gesichts (Flush)

  • Miosis (stecknadelkopfgroße Pupillen)

  • niedrigen Puls (Bradykardie) und niedrigen Blutdruck

  • Obstipation (Verstopfung)

  • Miktionsstörungen (Störungen der Harnblasenentleerung)

  • evtl. Krampfanfälle

  • Krampfanfälle:Opioidabhängigkeit Bewusstseinsstörung (Bewusstseinsstörungen:Opioidabhängigkeitbis hin zum Koma)

  • verlangsamte Atmung (Atemdepression, Gefahr des Atemstillstands)

Die Gefahr der OpiatintoxikationOpiatintoxikation ist ein zum Tod führender Atemstillstand (goldener Schuss)!

Die Opiatabhängigkeit zeigt weitere somatische Symptome (Tab. 10.10):
  • Libidostörungen

  • Tremor (Zittern)

  • Gewichtsverlust, Ernährungsmangel, fahle trockene Haut

  • Einspritzstellen an den Armen

Opiatentzugssymptome (Tab. 10.10):
  • psychisch:

    • starkes Craving (Craving:OpioidabhängigkeitDrogenhunger)

    • Schlaflosigkeit

    • Schlafstörungen:Opioidabhängigkeit psychomotorische Unruhe

    • ängstlich-depressive Gestimmtheit

  • körperlich:

    • Niesen, Schwitzen, zwanghaftes Gähnen

    • Tränen- und Nasenfluss

    • Mydriasis (Pupillenerweiterung)

    • Muskelschmerzen und -krämpfe

    • Übelkeit, Erbrechen, Durchfall

    • ständiger Harn- oder Stuhldrang

    • Blutdruckanstieg, Fieber, Tachykardie (erhöhter Puls)

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Die Studentin im Fallbeispiel bagatellisiert ihre Symptomatik als bloßen Schnupfen. Die fremdanamnestischen Angaben der Mutter lenken jedoch den Verdacht auf eine Entzugssymptomatik. Die dubiose Clique, in welche die junge Frau hineingeraten sei, die Verhaltensänderung und die gefundene Spritze weisen in Richtung Drogenkonsum. Zittern, wiederholtes Gähnen, starker Nasenfluss, Fieber, Muskelschmerzen in Beinen und Nacken sowie Herzrasen (Tachykardie) legen den Verdacht auf einen Opiatentzug nahe (körperliche Entzugssymptome). Zur Sicherung der Verdachtsdiagnose gehört neben dem ausführlichen Gespräch mit der Tochter (am besten in Abwesenheit der Mutter, um die Gesprächsbereitschaft der Tochter zu erhöhen, und als Zeichen, dass man sie als Person mit ihren Beschwerden ernst nimmt) eine ausführliche körperliche Untersuchung (z. B. Einstichstellen) und ein Drogenscreening (Blut-, Urin-Untersuchung).

Diagnostik

Im Drogenrausch kann eine Abgrenzung zur Rausch:DifferenzialdiagnoseOpiat-/Opioidabhängigkeit:DiagnoseSchizophrenie oder Manie schwierig sein. Über die Anamnese und den körperlichen Befund, z. B. Injektionsstellen und sog. Spritzenabszesse, Miosis und Rückstände der Substanz im Urin (Drogenscreening) lässt sich eine Opiatabhängigkeit meist erkennen. Komorbide Störungen beiDrogenabhängigkeit:komorbide Störungen Drogenabhängigen sollten bei der Diagnostik unbedingt beachtet werden, wobei diese Störungen häufig vor der Drogenabhängigkeit bestanden. Dazu gehören insbesondere affektive und Angststörungen, schizophrene Störungen, Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen (Kap. 10.1.5).

Epidemiologie

Die Zahlen der Opiat-Konsumenten beruhen auf polizeilichen Ermittlungen. Die Dunkelziffer wird als sehr viel höher eingeschätzt. In Deutschland rechnet man mit etwa 0,2 % der Bevölkerung; 1 % der jungen Erwachsenen hat Erfahrung mit Opioiden. Etwa 1.500 Menschen sterben pro Jahr an ihrer Drogensucht, meist infolge einer Überdosierung; Heroinabhängige sind davon anteilsmäßig am häufigsten betroffen.

Ätiologie

Die Entstehungsbedingungen für eine Drogenabhängigkeit Opiat-/Opioidabhängigkeit:ÄtiologieDrogenabhängigkeit:Ätiologiesind multifaktoriell und setzen sich u. a. aus Faktoren wie Neugier, Gruppenzwang und Verfügbarkeit der Substanz zusammen. Hinzu kommen persönliche Hintergründe wie Biografie und Persönlichkeitsstruktur (z. B. Ich-Schwäche, Reizhunger, niedrige Frustrationstoleranz, Mangel an adäquaten Konfliktbewältigungsstrategien). Zur ausführlichen Beschreibung der Ätiopathogenese wird auf Kapitel 10.1.6 verwiesen.
Nach neurobiologischen und pharmakologischen Theorien wirken Morphinderivate auf den Teil des Gehirns, in dem sich das Suchtgedächtnis Suchtgedächtnis:OpioidabhängigkeitOpiat-/Opioidabhängigkeit:Suchtgedächtnisentwickelt: das mesolimbische Gehirn. Hier werden scheinbar Erinnerungen an die erste Drogenerfahrung gespeichert und assoziiert, die damit immer wieder als Auslöser für die nächste Drogeneinnahme fungieren (sog. Trigger).

Therapie

Für den Opiatentzug gelten Opiat-/Opioidabhängigkeit:Entzugstherapiedieselben Therapierichtlinien, wie sie in Kapitel 10.1 besprochen wurden. Besonderheiten der Therapie für Opiatabhängige werden im Folgenden dargestellt. Neben den klassischen vier Therapiestufen der Abhängigkeitserkrankungen (Tab. 10.3) sollte in der Kontakt- und Motivationsphase auch ein niederschwelliges Angebot zum Schutz vor Folgeschäden angeboten werden. Im Fokus stehen dabei v. a. die Verhinderung von Komplikationen der i. v. Drogeneinnahme (z. B. sterile Spritzen, Fixerräume, Kondomautomaten), aber auch soziale Angebote (z. B. Streetworker). Beim warmen Entzug Entzug:warmerwerden zur Abmilderung der körperlichen Entzugssymptome Opioide (z. B. Methadon oder Buprenorphin) eingesetzt. Diese Opioide haben zwar selbst ein Suchtpotenzial, die körperlichen Entzugserscheinungen sind aber deutlich geringer, und sie haben keine euphorisierende Wirkung. Sie werden nach dem Entzug der Opiate langsam reduziert und abgesetzt. Der kalte Entzug Entzug:kaltererfolgt ohne Einsatz medikamentöser Ersatzstoffe.

Der warme Entzug ist dem kalten Entzug vorzuziehen, weil die Abbruchrate deutlich geringer ist und das Angebot besser akzeptiert wird. Die Opiat-/Opioidabhängigkeit:MethadonsubstitutionstherapieMethadonsubstitutionstherapie:OpioidabhängigkeitMethadonsubstitutionstherapie ist im Betäubungsmittelgesetz geregelt und darf nur nach enger Indikationsstellung und nur unter Aufsicht eines Arztes, Apothekers oder speziell geschulten Personals erfolgen.

Innerhalb von 6–12 Stunden stellen sich die ersten Entzugssymptome ein, erreichen nach etwa 2–4 Tagen ihren Höhepunkt und halten etwa 10 Tage an. Nach spätestens 1 Wochen ist der Patient beim regulären Heroinentzug Heroinabhängigkeit:Entzugclean (engl.: sauber). Die Körperfunktionen normalisieren sich wieder. Die Pupillen verengen sich auf die normale Größe. Bei Frauen setzt häufig die Regel ein, die sonst durch die Opiate unterdrückt wurde. Allerdings kann die psychische Abhängigkeit psychische Abhängigkeit:Opioidenoch über Wochen weiterbestehen, weswegen eine anschließende Langzeitbehandlung unabdingbar ist. Neben der medizinischen Grundversorgung trägt die Therapie zur Entkriminalisierung, Reintegration und zum Existenzaufbau bei.

Störungen durch Cannabinoide (ICD-10: F12)

Opiat-/Opioidabhängigkeit

Cannabis-Abusus – Total geflasht

Ich bin 21 Jahre alt und rauche seit 6 Jahren CannabinoidabhängigkeitCannabis – angefangen hat es damals in der Realschule. Zwischendurch habe ich zwar immer wieder mal versucht aufzuhören wegen verschiedenster Leute (Eltern, Freundinnen, Ärzte), die mich dazu drängen wollten, aber nie wirklich wegen mir selbst. Vor ein paar Monaten wurde mir dann eigentlich zum ersten Mal wirklich bewusst, was eigentlich so passiert ist in meinem Leben. Das hatte zur Folge, dass ich meinen Freundeskreis zum Teufelskreis umbenannte und jemandem, den ich schon seit ich klein bin, kenne, die Freundschaft gekündigt habe. Denn durch den bin ich in den ganzen Mist hineingeraten. Am Anfang waren es scheinbar lockere Sprüche wie: Mann, lass uns Kiffer werden, das sind coole Typen. Und die sind immer so lässig drauf, die stresst ja gar nichts. Weil es damals bei mir zu Hause ziemlich viel Stress gab und ich mich auch viel zu schwach fühlte, um mich gegen den Erwartungsdruck meiner Freunde zu wehren, habe ich es einfach mal ausprobiert. Beim ersten Mal habe ich von der Wirkung gar nicht so viel gespürt, sodass ich mir dachte, das ist harmlos und schadet mir nicht. Nachdem ich dann ein paar Mal gekifft hatte, war das anders. Die Wirkung hat mich echt geflasht – ich war total high und fühlte mich wie auf Wolken. Alles um mich herum erlebte ich viel stärker, wie ungefiltert: Die Farben erschienen mir bunter, die Töne lauter, Gerüche und Geschmäcke viel intensiver. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, total runterzukommen, alle Probleme um mich herum zu vergessen und mich viel mehr zu amüsieren als sonst. Wenn wir total breit waren, diskutierten und philosophierten wir stundenlang bis mitten in die Nacht über Gott und die Welt. Manchmal hatten wir sogar richtige Lach-Flashs, d. h., wir konnten nicht mehr aufhören zu lachen. Zum Beispiel, wenn mein bester Freund mal wieder Hallus hatte, Papa Schlumpf auf der Straße stehen sah und versuchte, grüne Kühe von der Straße zu schieben. Das war schon ne lustige und geile Sache – es sei denn, es gab Beschaffungsstress im Freundeskreis und die Stimmung war mies, weil nicht genug Stoff da war.
Es kam aber auch dazu, dass ich vieles zu relaxed sah, bis mir die Lehrer und meine Eltern, die das Ganze natürlich auch irgendwann mitkriegten, erheblich auf den Geist gingen. Meine Noten hatten sich total verschlechtert, ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren und hatte, wenn ich nicht rausdurfte und kiffen konnte, zu Hause nur noch die Ich-verschanz-mich-Technik parat. Auf Schule hatte ich echt keine Lust mehr. Tja – den Realschulabschluss habe ich nicht bestanden, ich habe all die Jahre ab der 8. Klasse den Drückeberger
und Lückenschlüpfer gespielt. Nicht nur in der Schule, auch im Privaten. Das hat sich dann so weit hochgeschaukelt, dass ich mir meine Schlupflöcher suche und erst mal kiffe, bevor ich mich meinen Tagesaufgaben widme, die ich dann sehr oft nicht mehr wahrnehme, zurückstelle und mich lieber ausruhe von der Anstrengung des Rauschs.

Definition

Die Cannabispflanze (indischer Hanf) beinhaltet als Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC). THC Tetrahydrocannabinol (THC)bewirkt eine angeregte, heiter-euphorische Stimmung, hat aber einen eher dämpfenden Einfluss auf den Antrieb. Es gibt zwei Substanzvorkommen, beide aus der weiblichen Pflanze stammend:
  • Haschisch – das HaschischHarz der Blütenstauden

  • MarihuanaMarihuanagetrocknete Blüten und Blätter

Cannabis wird inhaliert (Joint), macht körperlich nicht abhängig und zeigt nur eine geringe Toleranzentwicklung. Vielmehr entwickelt sich eine psychische Abhängigkeit. psychische Abhängigkeit:CannabinoideBeim Absetzen nach längerem Konsum werden Unruhe, Schlaflosigkeit und Albträume Schlafstörungen:CannabinoidabhängigkeitAlbträume:Cannabinoidabhängigkeitbeobachtet. Cannabis ist häufig Einstiegsdroge für andere Suchterkrankungen.
Synonyme für Cannabis: bar, brown, dope, shit, pot, Gras, Heu, Kiff, lady.

Symptomatik

Die klassischen Symptome des Cannabisrauschs sind Cannabisrauschin Tab. 10.11 zusammengefasst. Beim chronischen Gebrauch können schizophrenieartige Psychosen (schizophrenieartige Psychosen:CannabisrauschFlashbacks:Cannabisrauschparanoid-halluzinatorisch, z. B. Verfolgungs- oder Vergiftungswahn), ein amotivationales Syndrom und amotivationales Syndrom:CannabinoidabhängigkeitFlashback-Erlebnisse (Echo-, Nachhallphänomene) auftreten.
Nachhallphänomene bei Nachhallphänomene:CannabinoidabhängigkeitCannabiskonsum erklären sich durch ihre Speicherung im Fettgewebe. Die fettlösliche Substanz (wie auch LSD) kann z. T. erst Wochen nach dem Konsum (z. B. durch körperliche Anstrengung) freigesetzt werden.

Ein amotivationales Cannabinoidabhängigkeit:amotivationales Syndromamotivationales Syndrom:CannabinoidabhängigkeitSyndrom kann sich beim chronischen Cannabiskonsum entwickeln und zeichnet sich durch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Antriebsminderung, Interessenschwund und Verwahrlosungstendenzen aus.

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Verändertes Raum- und Zeiterleben

Cannabis regt bestimmte Hirnstrukturen im Hirnstamm, v. a. im limbischen System (dem Gefühlszentrum), zu erhöhter Aktivität an. Der Hirnstamm steuert z. B. das Zeitgefühl, das Gefühlserleben und die Gefühlsintensität. Infolge des veränderten Hirnstoffwechsels entsteht ein rauschhaftes, hochgestimmtes Gefühl, das sich jedoch häufig erst nach mehrmaligem Konsum von Cannabis voll entfaltet. Es treten Gefühle von Gelassenheit und Sorglosigkeit ein, oft begleitet von einem veränderten Zeitgefühl (Zeitlupengefühl) und einer veränderten Wahrnehmung der Umwelt. Der junge Mann im Fallbeispiel hat das Gefühl, dass die Zeit stehen bleibt, dass aber auch Alltagssorgen mit Eltern und Freundin in die Ferne rücken.

Sinneswahrnehmungen

Farben werden ausdrucksstärker, Töne deutlicher und schöner wahrgenommen, Speisen schmecken aromatischer, und Gerüche können zu intensiven Erlebnissen werden. Hören, Sehen, manchmal auch Riechen und Schmecken sind in ihrer Intensität gesteigert. So erlebt es auch der Schüler im Fallbeispiel; er meint, im Rausch auf Wolken zu gehen.

Affektivität

Im Rausch fühlt sich der Schüler wohlig entspannt. Cannabis lockert auch die Zensurschranke, hebt Verdrängungen auf und kann bislang verschlossene Bereiche der Persönlichkeit öffnen. Allerdings gibt es auch eine Öffnung für im Alltag beherrschte Ängste. Der Cannabiskonsum führt dann zu intensiv erlebter Angst bis hin zur Paranoia.

Denkstörungen

Die Substanz THC wirkt depressiv auf Denkstörungen:Cannabisrauschdas retikuläre System, das für unser Wachsein und unsere Konzentrationsfähigkeit verantwortlich ist. Das bedeutet, dass die Wahrnehmungen von Auge und Ohr in Qualität und Geschwindigkeit verändert sind, das Sprechen gehemmt, verzerrt oder undeutlich ist. Die gleichzeitige Depression und Reizung wichtiger Gehirnzentren wird als Grund für die psychische Wechselhaftigkeit gesehen, die den Berauschten von einem Gedanken zum anderen übergehen lässt und Lachsalven in plötzliche Tränenausbrüche verwandelt. Davon berichtet auch der junge Mann im Fallbeispiel. In der Schule zeigen sich allerdings Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen.

Antrieb

Die wichtigste Folge ist eine Aufhebung der alltäglichen Unterscheidung zwischen wichtigen und weniger wichtigen Angelegenheiten. Damit entfällt der Ansporn, sich für ein Ziel anzustrengen. Im Beispiel hat der Realschüler aufgrund seines chronischen Konsums bereits ein amotivationales amotivationales Syndrom:CannabisrauschSyndrom mit Leistungsabfall, Desinteresse, Apathie und vermindertem Antrieb entwickelt.

Flashbacks

Die Wirkung der Droge kann sich nach längerem Konsum auch von der Einnahme entkoppelt zeigen. Man nennt dies Flashbacks:CannabisrauschFlashbacks. Im Beispiel nimmt der Schüler bereits Monate nach dem Entzug der Droge nochmals ähnliche Gefühlszustände wie im Cannabisrausch wahr. Diese Flashbacks zeigen sich gerne nach körperlicher Anstrengung, hier nach durchtanzter Nacht in der Disko.
Dass Cannabis in höherer Dosierung nicht nur angenehme Zustände hervorruft, wird im folgenden Fallbeispiel illustriert. Neben körperlichen Symptomen stehen hier die Wahrnehmungsstörungen und die Angst im Vordergrund.

Cannabiskonsum – Eine gefährliche Mischung

In den Schulferien hatte Cannabinoidabhängigkeitmeine beste Freundin sturmfreie Bude, und wir kamen auf die Idee, mit ein paar Freundinnen Haschischkekse zu backen. Gleich nachdem wir sie aus dem Ofen genommen hatten, probierte jede von uns ein, zwei Kekse. Dann machten wir uns mit dem Auto auf den Weg ins Jugendheim. Während ich auf dem Rücksitz saß, bekam ich plötzlich heftiges Herzrasen. Mein Herz klopfte so stark, und ich nahm die Musik im Radio so eindringlich wahr, dass ich das Gefühl hatte, von ihr erdrückt zu werden. Das Lachen meiner Freunde und ihre Handbewegungen zur Musik kamen mir schrill und bizarr vor. Ich verfiel total in Panik und hatte das Bedürfnis auszusteigen. Doch am Jugendheim angekommen, hatte ich das Gefühl, ich könne nicht mehr aussteigen. Meine Arme und Hände waren wie gelähmt und eiskalt. Meine Freundin fragte mich, was los sei, doch ich konnte kaum sprechen, so trocken waren mein Mund und meine Kehle. Sie versuchte, mich aus dem Auto zu zerren, doch ich wehrte mich. Denn wenn ich sie ansah, verwandelten sich ihre langen, lockigen Haare in zischende Schlangen mit gefährlich langen Zungen. Ich war so verängstigt und verzweifelt, dass ich nicht wusste, ob es besser war, die Augen zu schließen oder offen zu halten. Zwei Freunde hievten mich mit Gewalt aus dem Auto und legten mich im Jugendheim in einem stillen Zimmer auf eine Couch. Dort bin ich dann irgendwann eingeschlafen, und als ich mehrere Stunden später aufwachte, hatte das Ganze ein Ende. Ich war heilfroh und habe mir geschworen, nie wieder davon zu probieren.
Ein spezielles Problem stellt sich bei unkontrollierter Dosierung ein. Das erfolgt häufig, wenn Cannabis nicht geraucht, sondern oral eingenommen wird, beispielsweise im Backwerk. Hier zeigt sich die Wirkung zum einen zeitlich verzögert, zum anderen mit zunehmender Heftigkeit.

Diagnostik

Vor der Diagnose ist der Ausschluss andersartiger Cannabinoidabhängigkeit:DiagnoseIntoxikationen, schizophrener Störungen und hirnorganischer Wesensänderungen wichtig. Cannabis kann über Abbauprodukte im Urin nachgewiesen werden. Komorbide Störungen wie Persönlichkeitsstörungen, ADHS, Angst-, schizophrene und affektive Störungen sind bei der Diagnostik zu berücksichtigen.

Einerseits können Cannabinoide schizophrenieartige Störungen auslösen, andererseits konsumieren schizophrene Patienten Cannabis häufig zur Symptomlinderung. Eine genaue Diagnostik ist hier unerlässlich (Kap. 11.3).

Epidemiologie

Der Erwerb und die Verbreitung von Cannabis sind Cannabinoidabhängigkeit:Epidemiologieillegal. Schätzungsweise 16 % der Bevölkerung haben in ihrem Leben Erfahrungen mit Haschisch oder Marihuana gemacht. Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge, wobei die Tendenz unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen steigend ist.

Ätiologie

Grundsätzlich gelten dieselben Prinzipien wie für andere Drogen (Kap. 10.1.6). Der Wunsch nach Selbsterfahrung, Bewusstseinserweiterung und Emanzipation und die vermeintliche Anregung geistiger Produktivität und künstlicher Kreativität verleiten zum Konsum. Wegen der geringen Toleranzentwicklung und fehlenden körperlichen Abhängigkeit ist Cannabis eine beliebte Einstiegsdroge. Gerade das sich bei chronischem Konsum entwickelnde amotivationale Syndrom fördert dabei den Umstieg auf andere Drogen, um der Apathie zu entkommen. Der Besitz von Haschisch bzw. Marihuana fällt unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und wird strafrechtlich verfolgt. Allerdings kommt es zu einer Aussetzung der Strafe nach 35 BtMG, wenn eine kontrollierte Therapie erfolgt und nachgewiesen wird.

Therapie

Ein Entzug im eigentlichen Sinne ist nicht Cannabinoidabhängigkeit:Therapie\t \"Siehenotwendig. Allerdings hat sich die psychotherapeutische Unterstützung bei der Drogenabstinenz bewährt. Sie umfasst motivationsverstärkende und Psychotherapie:CannabinoidabhängigkeitCannabinoidabhängigkeit:Psychotherapiekognitiv-verhaltenstherapeutische Aspekte sowie Konfliktlösung und individuelle Beratung. Auftretende Komplikationen können den Einsatz von Medikamenten erfordern, z. B. schizophrenieartige Störungen (Neuroleptika), Unruhe (Benzodiazepine) und depressive Syndrome (Antidepressiva).

Ein stationärer Entzug ist immer dann sinnvoll, wenn längerer und intensiver Missbrauch oder eine Polytoxikomanie:CannabinoidabhängigkeitCannabinoidabhängigkeit:PolytoxikomaniePolytoxikomanie vorliegen. Entzugssymptome sind nach einem Intervall von 2–4 Tagen zu erwarten.Cannabinoidabhängigkeit

Störungen durch Medikamente (ICD-10: F13)

Benzodiazepin-Abhängigkeit – Kleine Dosis, große Wirkung

Eine 75-jährige Patientin erscheint beim BenzodiazepinabhängigkeitArzt Medikamentenabhängigkeitmit folgenden Beschwerden: Sie fühle sich so unruhig, ihr zitterten pausenlos die Hände. Sie bringe nichts zustande, müsse immer umhergehen, und ihr Herz schlage ganz wild. Auch habe sie Angst, wieder depressiv zu werden. Sie sei deswegen bereits zweimal stationär behandelt worden, zuletzt vor einem Jahr. Schlafen könne sie auch nicht mehr, sie wälze sich hin und her, finde keinen Schlaf. Wenn sie dann endlich eingeschlafen sei, würde sie schon nach Kurzem, von Albträumen geplagt, wieder erwachen. Weiter berichtet sie, dass sie letztes Jahr in der Klinik ein Antidepressivum erhalten habe, das ihr gut geholfen habe und das sie immer noch einnehme. Zur Nacht habe sie Noctamid (Lormetazepam) genommen, über die letzten Wochen nur noch Tablette. Da die Dosis so niedrig sei, habe sie sie vor zwei Wochen einfach weggelassen.

Definition

Zu den abhängig machenden Medikamenten zählen:
  • Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine, Barbiturate) und

  • Schmerzmittel (Schmerzmittel (Analgetika):AbhängigkeitAnalgetika (Schmerzmittel):AbhängigkeitOpioide und andere Analgetika).

Die genannten Medikamente machen psychisch und physisch abhängig und fördern eine Toleranzentwicklung. BeiMedikamentenabhängigkeit:ToleranzentwicklungToleranzentwicklung:Medikamentenabhängigkeit längerem chronischem Missbrauch muss der Entzug fraktioniert erfolgen, da beim abrupten Absetzen nicht nur alte Symptome wieder auftauchen, sondern es zu einer Delir:MedikamentenabhängigkeitAngststörungen:Medikamentenabhängigkeitdeliranten Symptomatik, Angstzuständen oder zerebralen Krampfanfällen Krampfanfälle:Medikamentenabhängigkeitkommen kann.

Symptomatik

Benzodiazepine
Benzodiazepine Benzodiazepinabhängigkeitwirken sedierend (dämpfend, schlaffördernd), anxiolytisch (angstlösend), muskelrelaxierend (muskelentspannend) und antikonvulsiv (krampflösend). Daher werden sie oft auch als Tranquilizer (Beruhigungsmittel) Tranquilizer (Beruhigungsmittel):AbhängigkeitBeruhigungsmittel (Tranquilizer):Abhängigkeitbezeichnet. Aus diesem Grund kommen sie häufig bei akuten Krampfanfällen und Panikattacken zum Einsatz. Es besteht allerdings die Gefahr der Abhängigkeit, selbst dann, wenn die Dosierung niedrig ist und keine Toleranzentwicklung bewirkt. In dem Fall spricht man von Niedrigdosisabhängigkeit (engl. low-dose dependency). Beim Niedrigdosisabhängigkeit (engl. low-dose dependency):Benzodiazepineabrupten Absetzen kann es durch den Entzug zu optischen Halluzinationen, deliranten Zuständen, Delir:Benzodiazepinabhängigkeitvegetativen Störungen und vegetative Störungen/Symptome:BenzozepinabhängigkeitKrampfanfällen Krampfanfälle:Benzodiazepinabhängigkeitkommen. Der Entzug muss daher fraktioniert durchgeführt werden, bei längerem Benzodiazepin-Missbrauch i. d. R. stationär.
Typische Benzodiazepine: BenzodiazepineDiazepam (Valium), Lormetazepam (Noctamid), Bromazepam (Lexotanil), Oxazepam (Adumbran), Lorazepam (Tavor), Chlordiazepoxid (Librium)

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Vegetative Symptome mit Zittern und Herzrasen sowie psychische Symptome (Angst, Schlaflosigkeit mit Albträumen) legen beim abrupten Absetzen von Benzodiazepinen den Verdacht einer Entzugssymptomatik nahe. Die niedrige Dosierung der Benzodiazepine ist dabei kein Gegenargument. Schon geringe Dosen können, wenn sie ausreichend lange eingenommen werden, zur Abhängigkeit führen (sog. Niedrigdosisabhängigkeit). Risikofaktoren sind hier ein hohes Alter und eine Vorschädigung des Gehirns. Bei der Patientin sollte aber die psychiatrische Vorgeschichte nicht außer Acht bleiben. Natürlich können die unspezifischen Symptome, welche die Patientin schildert, auch Ausdruck einer beginnenden depressiven Phase sein. In psychiatrischer Behandlung könnte die zuletzt eingenommene Benzodiazepin-Dosis wieder verordnet werden, um zu sehen, ob sich die Symptome bessern. Wenn dies der Fall ist, ist von einer Entzugssymptomatik auszugehen. Die Patientin sollte dann über einen erneuten Entzug genau informiert werden; ggf. könnten zur Dämpfung der Entzugserscheinungen niedrigpotente Neuroleptika oder Betablocker eingesetzt werden.

Benzodiazepine in Kombination mit anderen Schlaf- oder Beruhigungsmitteln und Alkohol stellen eine lebensgefährliche Mischung dar, die oft in suizidaler Absicht eingenommen wird.

Barbiturate
Barbiturate gehören zur Gruppe der BarbituratabhängigkeitHypnotika und Hypnotika, Abhängigkeitsind Medikamente, die ähnlich wie die Benzodiazepine eine beruhigende, krampflösende, schlafauslösende oder – bei hoher Dosierung – narkotische Wirkung haben. Allerdings besteht bei ihnen eine größere Gefahr der Abhängigkeit, da es schon nach 10 Tagen zu einer Toleranzentwicklung kommt und eine Dosiserhöhung erforderlich ist. Früher wurden sie als Schlafmittel verwendet. Doch wegen der hohen Sucht- und Vergiftungsgefahr werden sie heutzutage nur noch im Rahmen der Narkose und als Mittel gegen Epilepsie (Anfallsleiden, oft mit Krämpfen) eingesetzt. Im Falle einer Abhängigkeit muss der Entzug fraktioniert (meist stationär) durchgeführt werden, da sonst die Gefahr besteht, dass epileptische Anfälle und ein Entzugsdelir auftreten.
Barbiturate werden übrigens häufig in selbstmörderischer Absicht eingenommen, da sie bei Überdosierung eine Atemdepression bewirken und dadurch zum Tod führen können.
Die älteren Barbiturat-Typen, wie z. B. Veronal und Luminal hatten eine lange bis sehr lange Halbwertszeit, sodass sich am Morgen nach dem herbeigeführten Schlaf noch 50–80 % der Wirkstoffe im Körper befinden. Die Folge ist ein Hangover (Kater), der sich in den meisten Fällen in Form von Müdigkeit, dysphorischen Verstimmungen, Reizbarkeit, Vergesslichkeit und Konzentrationsproblemen zeigt.

Barbiturate werden heutzutage zur Behandlung von Schlafstörungen kaum noch eingesetzt. Dennoch wurde vor einiger Zeit in einer Heilpraktikerprüfung als Antwort erwartet, dass Schlafstörungen in bestimmten Situationen auch heute noch kurzfristig mit Barbituraten leicht behandelt werden können. In der überwiegenden Praxis werden Barbiturate allerdings meist nur noch zur Behandlung von Epilepsie (z. B. Luminal) und zur Narkoseeinleitung in der Anästhesie eingesetzt.

Auswirkungen des Missbrauchs von Barbituraten und Tranquilizern:
  • Müdigkeit, Ermattung und Tranquilizer (Beruhigungsmittel):AbhängigkeitBeruhigungsmittel (Tranquilizer):AbhängigkeitBarbituratabhängigkeitErschöpftheit

  • körperliche Symptome wie Übelkeit oder Kopfschmerzen

  • undeutliche Sprache und Konzentrationsstörungen

  • bedrückte, traurige oder missmutige Stimmungslage (dysphorische Verstimmung)

  • manchmal Doppelbilder und Gangstörungen (Ataxie)

Entzugserscheinungen (v. a. bei abruptem Absetzen):
  • psychisch:

    • innere Unruhe, Nervosität

    • Schlafstörungen und Schlafstörungen:Barbiturat-/TranquilizerabhängigkeitSchlaflosigkeit

    • Angst

    • Dysphorie

    • depressive Stimmung

    • Entzugsdelir mit Verwirrtheit, Desorientiertheit und psychotischem Erleben

  • körperlich:

    • vegetative Symptome (Händezittern, Blutdruck- und Pulserhöhung, Schwitzen)

    • Übelkeit und Erbrechen

    • Kopf- und Muskelschmerzen

    • bei schweren Entzugserscheinungen epileptische Anfälle

Analgetika
Analgetika (Schmerzmittel) Schmerzmittel (Analgetika):AbhängigkeitAnalgetika (Schmerzmittel):Abhängigkeitwerden neben ihrer eigentlichen Indikation, der Schmerzlinderung, auch bei Verstimmungszuständen und zur Leistungssteigerung eingenommen. Die toxischen Wirkungen bei chronischem Gebrauch und Entzugserscheinungen entsprechen denen der Benzodiazepine. Zusätzlich sind häufig noch Nierenschädigungen zu verzeichnen. Analgetika sind oft rezeptfrei erhältlich, wobei Mischpräparate (Thomapyrin, Spalt, Vivimed) ein Problem darstellen, da das beigefügte stimulierende Koffein die Abhängigkeitsentwicklung fördert.

Bei 20 % der Patienten treten beim Entzug von Delir:BenzodiazepinabhängigkeitDelir:BarbituratabhängigkeitBenzodiazepinen oder Barbituraten lebensgefährliche delirante Symptome und Krampfanfälle auf.

Bei längerer Einnahme kleiner Dosen oder beim abrupten Absetzen können die Krankheitszeichen wieder auftreten, gegen die das Mittel eigentlich eingesetzt wurde. Dies bezeichnet man als Rebound-Phänomen. So Rebound-Phänomen:BenzodiazepineBenzodiazepine:Rebound-Phänomenkann es bei Benzodiazepinen z. B. zu Unruhe, Angst, Schlafstörungen (Rebound-Insomnie) oder Rebound-Insomnie:Benzodiazepinezu einem sog. REM-Rebound (Wiederkehr von Traumphasen, oft in Form von Albträumen) kommen.

Intoxikationen mit Benzodiazepinen oder Barbituraten führen zu quantitativen Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma, zum Blutdruckabfall und zum Atemstillstand. Wegen der geringeren therapeutischen Breite zeigen Barbiturate schneller Vergiftungserscheinungen.

Epidemiologie

Neben Nikotin und Alkohol werden Medikamente am Polytoxikomanie:MedikamentenabhängigkeitMedikamentenabhängigkeit:Polytoxikomaniehäufigsten missbräuchlich verwendet. Dazu gehören v. a. die Benzodiazepine, von denen ca. 1,2 Mio. Deutsche abhängig sind. Häufiger sind davon Frauen und Personen > 40 Jahre betroffen. Von polytoxikomanen Patienten werden Schlaf- und Beruhigungsmittel meist zusätzlich zu anderen Drogen eingenommen.

Ätiologie

Sedativa und Hypnotika werden i. Allg. aus medizinischen Gründen verordnet. Werden sie länger eingenommen, als es medizinisch sinnvoll ist (im Schnitt > 3 Monate), wird eine Abhängigkeit gebahnt. Häufig konsultieren die abhängigen Patienten verschiedene Ärzte, um höhere Dosen der Substanzen zu erhalten. Ansonsten gelten die ätiopathogenetischen Faktoren, wie sie in Kap. 10.1.6 dargestellt sind.

Therapie

Die Therapie erfolgt durch einen fraktionierten Entzug Medikamentenabhängigkeit:EntzugEntzug:fraktionierter, Medikamentenabhängigkeitunter engmaschiger ärztlicher Kontrolle. Die abhängig machenden Medikamente werden dabei schrittweise über einen langen Zeitraum abgesetzt. Die Entzugssymptome können dabei z. T. mit niedrigpotenten Neuroleptika, Betablockern oder Antidepressiva abgefangen werden. Je nach Vorgeschichte und Ausgangssituation kann auch eine stationäre Behandlung nötig sein. Wenn bereits ein Entzugskrampf in der Vorgeschichte bekannt ist, sollte eine begleitende antikonvulsive MedikamentenabhängigkeitTherapie eingeleitet werden.

Störungen durch Kokain (ICD-10: F14)

Kokainismus – ein Fallbericht aus dem Jahr 1926

R. C., 29 Jahre alt, KokainabhängigkeitBüroangestellter, ledig, unehelich geboren. Vater und Großvater väterlicherseits Alkoholiker. Mutter tuberkulös, eine Schwester als Kind an tuberkulöser Meningitis gestorben, ein Großvater väterlicherseits mit Schizophrenie interniert.
Pat. schnupft seit November 1919 Kokain, das ihn lebhafter macht, fühlt sich dann sicher, ist aber unter dessen Einfluss auch in Alkoholabusus hineingekommen. Er steigert die Dosen nach und nach auf 2–3 g Kokain im Tag. Wenn er so viel nahm, sah er Schmetterlinge, Flammen, liliputanische Gestalten und Schlangen um sein Bett. Er hörte Geräusche, Schritte und manchmal auch Stimmern, die ihn beschimpfen, ihm seine Sucht vorwerfen oder ihn als Homosexuellen denunzieren. Daneben hatte er auch unangenehme Gefühle auf der Haut. Wenn er ohne Kokain war, hatte er Angstzustände, war misstrauisch und reizbar, sah überall Anspielungen auf sich, glaubte, dass die Polizei ihn auf der Straße verfolge. Nach einigen Monaten entwickelte sich ein Verfolgungssystem, das auch nach Kokaingenuss anhielt. Er glaubte, dass sein Prinzipal Journalisten bezahle, damit sie Anspielungen auf ihn in der Zeitung bringen, und dass er Schauspieler besteche, die sich merkwürdigerweise die Nase schnäuzen und ihn dabei ansehen. Aus Rache gegen seinen Chef bestiehlt er diesen langsam in Banknoten von 50 bis 100 Franken, die er zum großen Teil verbrennt.
Am 23. Januar 1921 hatte er zu Hause einen Aufregungszustand und zerschlug einige Möbel. Am 28. Januar 1921 machte er einen Selbstmordversuch mit Leuchtgas und wurde in die medizinische Klinik gebracht, wo man nichts von seinem Kokainismus bemerkte und ihn mit der Diagnose Dementia praecox (Schizophrenie) in die psychiatrische Klinik schickte.
Dort war er von Anfang an vollständig klar. Körperlich bestand leichte Fettsucht, neurologisch keine Abweichungen. Das Septum der Nase zeigte im knorpeligen Teil eine große Perforation. Daneben bestand Rhinitis. Der Pat. klagte über Schlaflosigkeit und Angstzustände. Im Übrigen bot er das Bild eines konstitutionellen Homosexuellen mit sehr weibischem Wesen, der früher viel gleichgeschlechtliche mutuelle Onanie trieb. Von Jugend auf hatte er Freude an Freundschaft mit einem Homosexuellen, lebte seither in diesen Milieus. Bei passivem Verkehr in den Anus fühlte er sehr starke sexuelle Befriedung. Daneben war er auch gegen Frauen potent, fühlte aber dabei viel weniger Orgasmus. Nach der Internierung in der Klinik, wo er sofort kein Kokain mehr bekam, hatte er keine Halluzinationen mehr, korrigierte recht langsam im Verlauf von einigen Monaten seinen Verfolgungswahn. Er schilderte, dass nach dem Kokainschnupfen bei ihm eine sehr starke sexuelle Begierde auftrete, aber nur in homosexueller Beziehung. Er behauptete, schon beobachtet zu haben, dass die Frauen sexuell erregter werden, wenn sie Kokain genommen haben, als die Männer. Manche sind so haltlos nach dem Schnupfen, dass sie sich einfach ausziehen und sich auf eine irgend mögliche Weise zu befriedigen suchen. Bei den Männern kombiniert sich mit sofort gesteigerter psychischer Sexualität eine völlige körperliche Unfähigkeit; es sei, als wenn der Penis direkt zurückgehalten werde. Daneben hat das Kokain nach ihm die Wirkung, zur Perversität zu treiben. Männer, die sonst normal veranlagt sind, sind manchmal nach den Giftgaben für einige Stunden passiv und aktiv homosexuell; wenn sie aus dem Rausch aufwachen, wissen sie das Geschehene und können sich gar nicht erklären, wie sie zu diesen ihnen sonst ganz ferne liegenden Perversitäten kamen. Der leichtere Kokainrausch bei der Frau löst eine alles überwältigende geschlechtliche Erregtheit aus, die gar nicht befriedigt werden kann. Auch bei ihnen sind Wünsche nach perverser Befriedigung dann sehr häufig, die oft stundenlang andauern. In den Klubs der Kokainisten werden diese erotischen Orgien oft in größerer Gesellschaft gefeiert. Am Morgen, wenn der Rausch vergangen, meiden sich dann die Teilnehmer, weil sie sich schämen, einander anzuschauen. Aber sobald sie wieder Kokain genommen haben, beginnt das Gleiche von neuem.
Bei der Aufnahme in der Klinik hatte der Mann eine Menge von tiefen Bisswunden auf der Brust; diese waren ihm von einer erotisch sehr erregten Kokainistin beigebracht worden. Nach dem Aufhören der Kokaingaben sank die erotische Erregbarkeit des Patienten bedeutend. Die Schlaflosigkeit schwand bald. Am Anfang hatten deutliche Gedächtnisschwäche und Störung der Aufmerksamkeitskonzentration bestanden. Im Verlaufe von einigen Wochen verschwanden diese Symptome, und er arbeitete gut auf dem Verwaltungsbüro der Klinik. Er soll geheilt geblieben sein. – Irgendwelche Symptome für Schizophrenie konnten nicht gefunden werden [19].

Definition

Kokain wird aus den KokainBlättern des Kokastrauchs gewonnen. Es wird meist geschnupft oder geraucht (z. B. das Kokaderivat Crack), aber auch Crackgespritzt und im Herkunftsland Peru gekaut. Oft wird es mit anderen Drogen kombiniert, z. B. Heroin, Nikotin, Alkohol und LSD.
Kokain hat eine hohe antriebssteigernde, euphorisierende, enthemmende und libidosteigernde Wirkung. Es entwickelt sich eine starke psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit und damit keine physischen Entzugssymptome. Es kommt bei Kokain zu keiner Toleranzentwicklung. Ein längerer Missbrauch geht also nicht notwendigerweise mit einer Dosissteigerung einher.
Synonyme: Coke, Koks, Schnee, Show, Kokainabhängigkeitstar dust, Speedball (Injektion von Kokain und Heroin gemischt)
Konstantin Wecker: Conny und die 50 Zwerge

Der Sänger Konstantin Wecker muss für zweieinhalb Jahre hinter Gitter. Über seine Erfahrungen mit Kokain, Base und Crack sagt er: Es war ein Horror. Bei seinen Konzerten sei er oft beinahe eingeschlafen, habe aber weitergespielt. Bis zu den Pausen sei es ihm viel zu lang gewesen, er musste zwischendurch raus und Base rauchen. Er hatte Wasser in den Beinen und ein Nierenversagen und es sah so aus, dass ich mir Fernsehen nicht mehr leisten konnte. Heute sei er froh über die U-Haft, denn ich wäre sonst nie von dem Zeug weggekommen. Mit dem Übergang zur Base (Crack), sagt Wecker, kam die total schiefe Ebene, da hörte das klare Denken auf.

Die letzten Monate müssen, wenn schon nicht die Hölle, so zumindest ein verschärftes Fegefeuer gewesen sein. Der Musiker suchte zwar wegen Atemnot seinen Hausarzt auf, gierte aber in immer kürzeren Abständen nach ein paar Zügen aus der Drogenpfeife, duschte nicht mehr und schnitt sich nicht mehr die Finger- und Zehennägel, weil er dann zu lange auf den nächsten Zug hätte warten müssen. Oft, sagt Wecker, habe er Halluzinationen gehabt, das Gefühl, aus sich herauszusteigen, habe Dutzende von Zwergen gesehen, die ihm das Kokain wegtrugen, manchmal auch den Teufel, der ihm an der Wand erschien. Frau W. ergänzt das Bild: In seinem Haus war eine Verwahrlosung, dass man es sich kaum vorstellen kann. Er war ein Menschlein, das sich nicht mehr bewegen konnte, das man pflegen musste.

Wenn sie für ihn die Droge abholte, habe sie nicht daran gedacht, eine Straftat zu begehen. Wenn sie es nicht getan hätte, wäre er total verfallen. Der Gang zum Kokainlieferanten sei für sie wie ein Gang zur Apotheke gewesen, ihn zu verweigern, eine unterlassene Hilfeleistung.

(Tochtermann E: Künstler-Karriere: Zweieinhalb Jahre Haft für Konstantin Wecker. Süddeutsche Zeitung 27.9.1996: S. 37).

Symptomatik

Merkmale des Kokain-Rauschs (Rush):
  • Rausch:KokainabhängigkeitKokain-Rausch (rush)Antriebssteigerung, vermeintliche Steigerung der Leistungsfähigkeit

  • Abbau von Hemmungen (Sexualität, Aggressionen)

  • reduziertes Hunger-, Durst- und Schlafbedürfnis

  • Libidosteigerung (sexuelle Lust, Verzögerung der Ejakulation)

    • Drang, den Zustand durch sukzessive Einnahme beizubehalten

    • beim Ausklingen der Wirkung Umschlagen der Euphorie in Niedergeschlagenheit bis hin zu Depression und Selbstmordgedanken

  • taktile, optische oder akustische Halluzinationen

  • Rededrang

Kokain hemmt hauptsächlich die Wiederaufnahme von Dopamin, aber auch von Serotonin und Noradrenalin in den präsynaptischen Nervenzellen des mesolimbischen Systems (Kap. 21). Ähnliche Transmitterstörungen werden auch bei der Schizophrenie diskutiert (Kap. 11.3). Die Halluzinationen und paranoiden Gedanken bei Kokainkonsum lassen sich also durch das Dopaminüberangebot erklären.
Merkmale bei Kokainismus (Kokainismuschronischer Konsum):
  • starke psychische Abhängigkeit, die materielle und soziale Bedenken (Kosten, soziale Kontakte) in den Hintergrund drängen

  • keine körperliche Abhängigkeit oder Toleranzentwicklung

  • körperlicher Verfall (starke Abmagerung) und kognitive Einbußen

  • delirante Zustände mit euphorisch-ängstlicher Verstimmung

  • Kokain-Wahnsinn (Verfolgungswahn)

  • akustische, szenische und taktile Halluzinationen (Gefühl, dass Milben, Insekten oder andere Parasiten auf der Haut ein Jucken oder Kribbeln verursachen)

  • Antriebsstörungen (apathisches Wesen, nicht zu verwechseln mit dem amotivationalen Syndrom oder Passivitätssyndrom bei Cannabis)

  • weite Pupillen (Mydriasis), Tachykardie, Temperaturerhöhung und Impotenz; häufig Schädigung der Nasenschleimhaut durch das Schnupfen von Kokainpulver

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Kokainismus wird oft jahrelang geübt und erfolgt heimlich. Bei langem Konsum prägen sich die Symptome besonders deutlich aus, v. a. wenn, wie im Beispiel, die täglich eingenommene Dosis stark erhöht ist. Es zeigt sich eine starke psychische Abhängigkeit, da im Beispielfall bei Abstinenz unangenehme Empfindungszustände (Angstzustände, Schlaflosigkeit) eintreten.

Starke psychische Abhängigkeit

Bei dem Kokainisten im Fallbeispiel zeigt sich, dass er bei Abstinenz Angstzustände, paranoide Gedanken, Misstrauen, Reizbarkeit und eine Schlaflosigkeit entwickelt. Eine psychische Abhängigkeit ist hier nach 7 Jahren Konsum gegeben.

Kognitive Störungen

Bei der Aufnahme in die Klinik fallen Gedächtnis-, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen auf.

Akustische, optische und taktile Halluzinationen

Sehr eindrücklich beschreibt er, dass er im Rausch Schmetterlinge, liliputanische Gestalten, Flammen und Schlangen sehe Kokain-Rausch (Rush):Halluzinationen(optische Halluzinationen).taktileHalluzinationen/ Halluzinose:Kokain-Rauschoptische Halluzinationen/Halluzinose:Kokain-RauschHalluzinationen/Halluzinose:Kokain-Rauschakustische Halluzinationen/Halluzinose:Kokain-Rausch Er nimmt aber auch Geräusche und Stimmen als Ausdruck akustischer Halluzinationen wahr. Die unangenehmen Empfindungen auf der Haut könnten ein Hinweis auf taktile Halluzinationen sein, müssten aber noch genauer hinterfragt werden.

Paranoides Erleben

Die zunächst während der Abstinenz aufgetretenen paranoiden Gedanken, er werde von der Polizei verfolgt, verselbstständigen sich, und es entwickelt sich auch über die Abstinenzphasen hinaus ein systematisierter Verfolgungswahn.

Steigerung der Libido, Impotenz

Im Rauschzustand erfährt der Kokainist eine Libidosteigerung, hat aber im Gegenzug bereits paranoides Erleben:Kokainabhängigkeiteine Impotenz entwickelt.
Wie wichtig eine gründliche Abklärung der Symptome ist, zeigt sich auch bei der damaligen Diagnosestellung. Bei dem Kokainisten wurde zunächst eine Dementia praecox (Kap. 9.3) festgestellt, obwohl die Symptome durch den chronischen Kokainkonsum bedingt waren und sich durch die Abstinenz zurückbildeten.

Diagnostik

Ausschluss andersartiger Intoxikationen, schizophrener Störungen und hirnorganischer Wesensänderung sind entscheidend. Kokain kann über Abbauprodukte im Urin nachgewiesen werden. Komorbide Störungen wie Persönlichkeitsstörungen, Angst-, schizophrene und affektive Störungen müssen bei der Diagnostik beachtet werden.

Epidemiologie

Kokain ist besonders beliebt bei den über 25-Jährigen. Seitdem das preisgünstigere Kokaderivat Crack auf dem Markt ist, haben Kokainkonsumenten einen deutlichen Zuwachs erfahren. Man geht von einer jährlichen Zunahme von 10 % aus.

Crack hat ein höheres Suchtpotenzial, es wirkt schneller und intensiver. Bei Intoxikationen kommt es häufiger zu Komplikationen als bei Kokain. Der Crackkonsum geht auch mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft und Zunahme von kriminellen Handlungen im Rausch einher.

Ätiologie

Auch hier wirken individuelle, drogenbedingte und psychosoziale Faktoren (Kap. 10.1.6) zusammen. Kokain fand durch Sigmund Freud bereits 1884 Eingang in die Schulmedizin, weil dieser Kokain bei seinen alkoholabhängigen und morphiumsüchtigen Patienten zur Entwöhnung einsetzte. Dem euphorischen Rausch folgt bereits nach etwa einer Stunde ein starker Kater. Der Konsument fühlt sich abgespannt, missmutig, ängstlich-depressiv und schläfrig. Diese Faktoren stärken den Drang zur erneuten Kokaineinnahme, und die psychische Abhängigkeit entsteht bzw. wird aufrechterhalten.

Therapie

Der Entzug kann mit Kokainabhängigkeit:TherapieAntidepressiva wie Imipramin (Tofranil) unterstützt werden. Eine eventuelle Intoxikationspsychose wird neuroleptisch, z. B. mit Haldol, behandelt. Dazu kommen ergänzende psycho-, verhaltens- und soziotherapeutische Maßnahmen und evtl. Medikationen zur Stützung des kardiovaskulären Systems. Die Therapie richtet sich dabei nach den in Kap. 10.1.7 dargestellten Richtlinien.

Störungen durch sonstige Stimulanzien (ICD-10: F15)

Kokainabhängigkeit

Amphetamine – Meine erste Nacht mit Ecstasy

Zu vorgerückter AmphetaminabhängigkeitStunde tauchte in Ecstasymeiner Stammdisco Stimulanzienabhängigkeitplötzlich ein flüchtiger Bekannter auf, der sich aufführte, als verbinde uns weit mehr als nur eine lockere Bekanntschaft. Er war total aufgedreht, wirkte auf mich wie ein vollkommen verzückter Junge in einem Wunderland. Ich beneidete ihn um diesen Zustand, denn er strahlte etwas zutiefst Zufriedenes aus, während mich einmal mehr diese öde Müdigkeit komplett einzufangen drohte. Und als er dann seine Hand öffnete, in der mehrere kleine Pillen zum Vorschein kamen, und er mir anbot, eine dieser Pille zu nehmen, griff ich zu.
Ich erinnere mich noch an den widerlich bitteren Geschmack, der sich daraufhin augenblicklich in meinem Rachen ausbreitete. Mir wurde leicht übel. Ich bekam Herzrasen und spürte Angst und Kälte in mir aufsteigen. Doch als ich eine halbe Stunde später auf die Tanzfläche ging, schien mein Gehör plötzlich völlig neue Frequenzen zu empfangen. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich Musik derart klar und gleichzeitig verzerrt und bei alldem so wunderbar wärmend empfunden. Anfangs dachte ich noch, dass ich vielleicht einfach nur den geilsten Song hörte, der jemals durch meine Gehörtunnel gedrungen ist. Doch als der nächste Track genauso geil klang und mich noch mehr wärmte und die Farben plötzlich keine gewöhnlichen Farben mehr waren, sondern Gefühle in mir auslösten, war mir klar, dass ich drauf war. Und wie ich drauf war!
Es zauberte sich ein breites Grinsen in mein Gesicht. Und dies war dermaßen breit, dass ich befürchtete, es würde meinen Kiefer ausrenken. Aber dieser Umstand beunruhigte mich keinesfalls; eher belustigte er mich – so wie mich nunmehr beinahe alles belustigte und in ein heiteres Staunen versetzte. Die ganze Musik umarmte mich und riss mich mit sich. Die Musik wurde Teil von mir und ich Teil der Musik. Hungrige Bässe fingen mich ein und schleuderten mich in unbekannte Höhen. Ich fühlte mich als Zahnrad eines universellen Rhythmus – als Teil eines sich ständig bewegenden und neu erfindenden tanzenden Kosmos. Wellen der Wonne schlugen in mir hoch, voll von purer Lebenskraft. Und ich tanzte und tanzte – wie an unsichtbaren Fäden gezogen – nicht müde werdend. Alles war so leicht, so geil – so überschäumend genial. Einfach nur atmen – einfach nur im Jetzt ersaufen und tanzen – einfach die Leute anschauen und lächeln. Ich war berauscht vor lauter Glückseligkeit, und ein Schauer nach dem anderen durchflutete meinen ganzen Körper. Und dann suchte und fand ich meinen flüchtigen Bekannten, der nun auch in meinen Augen mehr zu sein schien als lediglich ein flüchtiger Bekannter. Jawohl, er war mein Freund. Und ich liebte ihn. Am liebsten wollte ich sofort mit ihm schlafen, all meine Hemmungen, meine Angst vor Nähe oder Zurückweisung waren wie weggeblasen. Ich liebte ihn. Ich liebte alle.
Doch so kolossal dieser erste Rausch meine Seele auch wärmte, so kalt riss es mich anschließend zurück in die Realität. Ich erlebte einen mächtigen Psycho-Kater: Ich hatte Panikattacken, war total deprimiert und fühlte mich wie von der Außenwelt isoliert. Mir war heiß und kalt zugleich, und ich hatte den ganzen Tag keinerlei Appetit. Und wie ich heute weiß, wächst der Preis, den man für dieses heuchlerische Glück zu zahlen hat, mit jeder Pille. Und mit jeder weiteren Pille wächst in mir die Angst, dass der gezahlte Preis für dieses kurze heuchlerische Glück zu hoch ausfallen wird. Die Pillen sind Gift fürs Gehirn! Das Gedächtnis wird mehr und mehr zu einem löchrigen Sieb: Namen, Zahlen oder Telefonnummern kann ich mir nur noch schwer merken, und der gelernte Prüfungsstoff für meinen Abschluss in Jura oder auch Verabredungen sind manchmal wie weggeblasen.

Definition

Zu den Psychostimulanzien (PsychostimulanzienabhängigkeitAmphetamin-Gruppe) gehören das in der Natur vorkommende Ephedrin sowie dasEphedrin, Abhängigkeit in Chemielabors synthetisch hergestellte Amphetamin (Speed). Chemisch sind SpeedAmphetamine mit dem Adrenalin unseres Körpers verwandt. Sie werden missbräuchlich zur Antriebs- und Leistungssteigerung (Dopingmittel) angewendet, aber auch als Appetitzügler zur Unterdrückung von Hungergefühlen (z. B. Recatol) eingesetzt. Die bekannteste moderne Designer- oder Partydroge ist der heart opener Ecstasy (XTC), Ecstasychemisch meistens in Form von MDMA (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin). Bei den MDMA (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin)Psychostimulanzien entsteht keine körperliche Abhängigkeit, sodass es keine typischen Entzugssymptome gibt. Allerdings kommt es zur Toleranzentwicklung. Nach chronischem Abusus entsteht eine Dysphorie mit Müdigkeit und Abgeschlagenheit.
Synonyme für Stimulanzien: StimulanzienabhängigkeitEnergetika, Energetika, AbhängigkeitWeckamine, Psychoanaleptika, Weckamine, AbhängigkeitPsychoanaleptika, AbhängigkeitPsychotonika
Synonyme Psychotonika, Abhängigkeitfür Ecstasy: XTC, Ecstasy:SynonymeE, X, Adam, Love-Drug

Symptomatik

Psychische Merkmale des Amphetaminrauschs:
  • Rausch:AmphetamineAmphetaminrauschUnruhe, Enthemmung, Euphorie

  • Nervosität, optische und akustische Sinnestäuschungen

  • Kritiklosigkeit, Ideenflucht, Aggressivität

  • Angstzustände, Stimmungslabilität und paranoide Symptome

Körperliche Symptome:
  • erhöhte Pulsfrequenz, erhöhte Körpertemperatur, Blutdruckanstieg mit der Gefahr von Herz-Kreislauf-Versagen

  • Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, Tremor

  • Pupillen weit (Mydriasis)

  • Gewichtsverlust

Die toxische Wirkung auf das serotonerge System hat bei Ecstasy-Konsumenten, die sich körperlich verausgaben und zu wenig Flüssigkeit zu sich nehmen, schon zu lebensbedrohlichen Zuständen und Todesfällen geführt – Komplikationen, die bei der allgemein propagierten Harmlosigkeit der Droge oft übersehen werden. Auch sind die Langzeitschäden der Droge noch nicht absehbar.

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Oftmals sind die Wirkungen unbekannt, und die Einnahme erfolgt aus blindem Vertrauen.

Körperliche Symptome

Im Fallbeispiel erlebt die Ecstasy-Konsumentin zunächst unangenehme körperliche Symptome mit Übelkeit, Herzrasen und Schüttelfrost.

Angstzustände

Diese Empfindungen werden von einer aufkommenden Angststörungen:EcstasyAngst begleitet. Häufig treten auch mit oder nach dem Abklingen der Wirkung von Ecstasy Angstzustände auf.

Euphorie, vermeintliche Leistungssteigerung, Enthemmung, Affektlabilität

Die Designerdrogen:WirkungenDesignerdrogen wirken auf der kommunikativen und emotionalen Ebene. Durch die enthemmende Wirkung kommt es zu größerer Kontaktbereitschaft und Emotionalität. Dies wird sehr eindrücklich im Fallbeispiel beschrieben. Das Herz öffnet sich, die Konsumentin badet in einem Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Die Enthemmung wird in der plötzlich empfundenen Nähe zu anderen Menschen und zur erlebten Aufhebung innerer Barrieren deutlich. Affekte werden nicht mehr zurückgehalten. Durch die euphorischen Zustände und vermeintlich verbesserte Introspektion haben die Konsumenten das subjektive Gefühl einer Leistungssteigerung. Im Fallbeispiel fühlt sich die Konsumentin von einer irren Energie durchströmt. Zudem entfallen Hemmungen, ich wollte mit ihm schlafen und meine Hemmungen, meine Angst vor Nähe oder Zurückweisung waren wie weggeblasen.
Liquid EcstasyLiquid Ecstasy ist ein GABA-Analogon und wird als geschmacklose Flüssigkeit angeboten. Es hat euphorisierende und dämpfende Wirkung, kann bei Intoxikation zu Atemstillstand, Krampfanfall und Koma führen. Die Gefahr besteht in der unbemerkten Zugabe der Flüssigkeit zu Getränken, um jemanden sexuell gefügig zu machen (engl. date rape).

Nebenwirkungen

Durch die Unterdrückung von Müdigkeit und Durst und durch die direkte Wirkung auf die Temperaturregulation im Gehirn kann es bei langem, pausenlosem Tanzen zu gefährlichen Schwankungen der Körpertemperatur bis hin zum Kollaps kommen. Zu den negativen Effekten zählen darüber hinaus Kieferkrämpfe, Muskelzittern, Übelkeit, Brechreiz und erhöhter Blutdruck. Herz, Leber und Nieren werden besonders stark belastet. Der Konsum von Ecstasy kann auch zu großer Ängstlichkeit, Schreckensvisionen und Orientierungsschwierigkeiten führen. Anlass zur Sorge gibt derzeit die aktuelle wissenschaftliche Diskussion um langfristige neurologische Schäden infolge erhöhten Ecstasy-Konsums. Störungen der Merkfähigkeit sowie des Kurzzeit- und Langzeitgedächtnisses sind bei dauerhafter Einnahme erfahrungsgemäß zu erwarten.

Diagnostik

Neben Intoxikationen anderer Genese müssen differenzialdiagnostisch auch Schilddrüsenüberfunktionen, maniforme Syndrome bei affektiven Störungen oder eine affektive Störungen:Differenzialdiagnosebeginnende Schizophrenie ausgeschlossen werden. Der Substanznachweis erfolgt im Blut und Urin.

Epidemiologie

Ecstasy ist das am Ecstasyhäufigsten konsumierte Amphetamin. Es findet v. a. unter Jugendlichen in Diskotheken Verbreitung: Erfahrungen mit Ecstasy haben ca. 8–9 % der 18- bis 25-Jährigen.

Ätiologie

Es gibt vielfache Gründe, warum Psychostimulanzien genommen Psychostimulanzienabhängigkeitwerden, z. B. zur allgemeinen oder besonderen Leistungssteigerung, zur Überwindung innerer Leere, zur Selbstbehandlung von Depressionen oder zur Appetitzügelung, um dem herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen (ausführliche Darstellung der ätiopathogenetischen Faktoren der Abhängigkeitserkrankungen Kap. 10.1.6).

Therapie

Die Therapierichtlinien sind in Kap. 10.1.7 dargestellt. Bei Intoxikation sind Flüssigkeits- und Glukosezufuhr sowie Abkühlung wichtig. Eine Begleitmedikation kann nötig werden, z. B. Benzodiazepine zur Beruhigung, Neuroleptika bei psychotischer Symptomatik, Antihypertensiva bei Bluthochdruckkrisen und ggf. Antidepressiva.

Störungen durch Halluzinogene (ICD-10: F16)

Stimulanzienabhängigkeit Amphetaminabhängigkeit

Wirkung der Halluzinogene – Solomon Snyders Selbstversuche mit LSD

Nach der Einnahme eines Psychedelikums Halluzinogenewird man als Erstes bemerken, dass sich die sensorische, insbesondere die visuelle Wahrnehmung verändert. Zunächst registrierte ich lediglich einen schwachen purpurfarbenen Saum um die Gegenstände in meiner Nähe. Anschließend begann jedes Objekt, das ich fixierte, eine erheiternd wunderliche Gestalt anzunehmen. Die Dachfirste und Fassaden der Häuser erinnerten mich an das Lebkuchenhaus in Hänsel und Gretel, was mich zu unkontrolliertem Kichern veranlasste.
Dann nahmen die Wahrnehmungsstörungen eine extremere Form an. Wenn ich meinen Blick auf meinen Zeigefinger richtete, schwoll er an. Wenn ich mir einbildete, er sei unwichtig, schrumpfte er buchstäblich zu einem Nichts zusammen. Als ich zu den verschnörkelten Holzschnitzereien emporblickte, die die Decke einrahmten, begannen die geschnitzten Formen hin und her zu schwingen.
Eine der unglaublichsten Wahrnehmungsstörungen:PsychedelikaPsychedelika:WahrnehmungsstörungenWahrnehmungsstörungen, die durch Psychedelika herbeigeführt werden, trägt den Namen Synästhesie. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, bei dem die Sinne vertauscht werden, sodass man beispielsweise eine Berührung als Ton, einen Ton als Bild und so weiter empfindet. Ich selbst habe erlebt, wie eine Stunde nach LSD-Einnahme Schallwellen vor meinen Augen vorbeiliefen, als ich in die Hände klatschte. Klatschten zwei Personen mit unterschiedlichen Frequenzen, sah ich zwei Wellenzüge, die sich in ihrer Amplitude unterschieden und miteinander zu kollidieren schienen.
Auch der Zeitsinn ist stark gestört. Zwei Stunden nach Einnahme der Droge hatte ich den Eindruck, als stünde ich Tausende von Jahren unter ihrem Einfluss. Wenn ich Gitarre zu spielen versuchte, schien jede Viertelnote einen Monat lang nachzuklingen.
Die räumliche Wahrnehmung ist ebenfalls gestört. Ich erinnere mich, wie ich von einem Raum in den anderen ging und dabei das Gefühl hatte, als überquerte ich das Universum in seiner gesamten Breite. So aufwühlend diese Wahrnehmungsveränderungen sein können, noch außergewöhnlicher ist die unbeschreibliche Veränderung der Ich-Empfindung. Die Grenzen zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich lösen sich auf und machen dem heiter-gelassenen Gefühl Platz, eins mit dem Universum zu sein. Ich erinnere mich noch, wie ich immer wieder vor mich hin murmelte: Alles ist eins, alles ist eins. Meine Frau war beunruhigt und fragte mich, was denn los sei, worauf ich nur erwidern konnte: Was ist los? Alles ist eins. Nach psychiatrischer Lehrmeinung ist ein Verlust der Ich-Grenzen eines der Kennzeichen psychotischer Desintegration. In meinem Fall folgte dem mächtigen Gefühl, mit dem Universum eine Einheit zu bilden, ein Verlust des Ich-Bewusstseins. Ich begann zu rufen: Wer bin ich? Wo ist die Welt? Auf dem Höhepunkt dieser Auflösung geriet ich in Entsetzen. Ich versuchte, mich mit aller Gewalt an meinen Namen zu erinnern – in der Hoffnung, so zur Realität zurückzufinden –, doch ich schaffte es nicht. Am Ende klammerte ich mich an den einzigen Namen, der mir überhaupt einfiel: San Francisco. Ich wiederholte ihn ein ums andere Mal: San Francisco, San Francisco, San Francisco. Es schien mir, als könne er mir verraten, wo ich mich befand und wer ich wohl war. Zu diesem Zeitpunkt – acht Stunden nach der Einnahme des LSD – begannen die Wirkungen der Droge nachzulassen. Indem ich mich an der Vorstellung festhielt, dass San Francisco für mich ein bedeutsamer Ort war, gelang es mir nach und nach, mich daran zu erinnern, wer und wo ich war und wer die Leute um mich herum waren. Sehr schnell brach dann meine Traumwelt zusammen, und die Realität hatte mich wieder [20].

Definition

Halluzinogene heißen auch psychedelische Drogen (griech. delos: offenlegen). Es sind Substanzen, die bewusstseinserweiternde Wirkung zeigen und lebhafte Wahrnehmungsveränderungen hervorrufen.
Zu den wichtigsten Vertretern dieser Gruppe gehören LSD (Lysergsäurediethylamid), ein LSD (Lysergsäurediethylamid)synthetisches Derivat aus Mutterkorn, und Meskalin aus dem Peyote-MeskalinKaktus. Daneben gibt es noch Psilocybin (Wunderpilze Psilocybinoder Magic Mushrooms) und Magic MushroomsPhencyclidin (Angel Dust) sowie Phencyclidin (Angel Dust)Muskarin (Fliegenpilz)Muskarin und Atropin (TollkirscheAtropin).
Die psychische Abhängigkeit ist psychische Abhängigkeit:Psychedelikaunterschiedlich stark ausgebildet, die körperliche fehlt. Allerdings zeigt sich eine schnelle Toleranzentwicklung, Toleranzentwicklung:HalluzinogeneHalluzinogene:Toleranzentwicklunginsbesondere gegenüber LSD. Es ist meist als kleine, weiße Tablette erhältlich. Ein Trip kann 6–8 Stunden dauern. Danach folgt häufig eine depressive Phase, die den Wunsch nach erneuter Einnahme der Droge verstärkt. Entzugssyndrome werden nicht beobachtet.
Cannabis und Ecstasy (MDMA) werden von einigen Autoren den Halluzinogenen zugerechnet, auch wenn die Wahrnehmungsveränderungen hier im Vergleich zu den oben genannten Substanzen deutlich geringer sind.

Symptomatik

Zu den typischen psychischen Auswirkungen von Halluzinogenen gehören:
  • tiefgreifende Wahrnehmungsveränderungen (optische Halluzinationen, Intensivierung von Farben und Formen, illusionäre Verkennungen, veränderte Geräuschwahrnehmung, haptische Halluzinationen, Vermischung von Sinneseindrücken)

  • Veränderungen des Denkens

  • Desorientiertheit

  • Desorientiertheit:HalluzinogeneDenkstörungen:HalluzinogeneVeränderungen der Stimmungslage

  • Veränderung des Ich-Bewusstseins (Entgrenzung)

Erläuterungen zum Fallbeispiel

Der Selbsterfahrungsbericht beschreibt eindrücklich die entscheidenden Wirkungen der Halluzinogene auf subjektiver und objektiver Ebene. Der Halluzinogenrausch ist charakterisiert durch extreme Gefühlsintensivierung, optische (Pseudo-)Halluzinationen, starke Affektlabilität und Omnipotenzgefühle. Daneben gibt es Wahrnehmungsverzerrungen und insbesondere ein anderes Ich-Erleben, Raum-, Zeit- und Körpergefühl. In den Nachwirkungsphasen kommt es zu Angst und depressiver Verstimmung.

Halluzinationen

Die Trennung der Sinneskanäle ist nicht Halluzinationen/Halluzinose:Halluzinogenemehr stringent. Farben haben Gerüche, Töne erhalten Farben usw.

Emotionen, Entkoppelung

Emotionen werden verstärkt. Dies kann zu absoluten Glücksgefühlen oder aber auch zu Horrorzuständen führen.
Schizophrenieähnliche Psychosen sind durch den Konsum von Halluzinogenen auslösbar. In der Psychiatrie haben Halluzinogene Bedeutung für die Erzeugung sog. Modellpsychosen:HalluzinogeneModellpsychosen (experimentelle Psychosen) erlangt. Halluzinogene werden bei der Erforschung der Schizophrenie in der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) eingesetzt.
Körperliche Auswirkungen sind:
  • Anstieg der Herz- und Pulsfrequenz, Bluthochdruck

  • Mydriasis

  • Schwindel und Übelkeit

  • Schwitzen

  • Zittern

  • Erschöpfung in der Nachwirkungsphase

Im Gegensatz zu den Cannabinoiden werden die intellektuellen Fähigkeiten kaum beeinträchtigt. Halluzinogene gehören zu den Substanzen, bei denen ein alleiniges Abhängigkeitssyndrom eher selten vorkommt. Wichtigstes und stärkstes Halluzinogen ist LSD.

Gefährlich werden Halluzinogene, weil sie beim Konsumenten einen HorrortripHorrortrip:HalluzinogeneHalluzinogene:Horrortrip auslösen können. Dabei verleitet eine extreme Depersonalisation, kombiniert mit intensiver Angst, paranoiden Ideen und intensiven Wahrnehmungsstörungen, den Konsumenten im Rausch zu suizidalen oder fremdaggressiven Handlungen.

Flashbacks treten Halluzinogene:FlashbacksFlashbacks:Halluzinogenebeim Konsum von Halluzinogenen häufiger auf als bei Cannabinoiden. Die Ursache dafür ist nicht ein psychedelischer Effekt, sondern ein pharmakologisches Phänomen: Da die stark fettlöslichen Substanzen im Fettgewebe gespeichert werden, können sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder freigesetzt werden und zu einem erneuten Rauschzustand führen.

Diagnostik

Eine Substanzprüfung kann im Urin vorgenommen werden. Wichtig ist die Abgrenzung zu drogeninduzierten Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis (Kap. 11.3).

Therapie

Eine therapeutische Unterstützung ist i. d. R. nicht erforderlich, weil nach Abklingen der Wirkung keine Entzugserscheinungen auftreten. Bei akuten Problemen, v. a. psychotischer Art, hilft der Aufenthalt im abgedunkelten Raum mit medikamentöser Unterstützung (z. B. Haldol).

Störungen durch Nikotin (ICD-10: F17)

Definition

HalluzinogeneNikotin ist die Nikotinabhängigkeitsuchterzeugende Substanz des Tabaks. Es stimuliert spezielle Rezeptoren im Gehirn, welche die Ausschüttung von Dopamin im mesolimbischen Bereich steigern. Dies wirkt beruhigend und vermeintlich konzentrations- und antriebssteigernd.
Die Verbreitung des Tabaks begann, als Christoph Kolumbus Handelsbeziehungen mit den Indianern in Amerika aufnahm. Bald danach übernahmen auch Seeleute und Händler die indianische Angewohnheit, gerollte Tabakblätter zu rauchen – und wie bei den Indianern wuchs auch bei ihnen die Sucht nach Tabak. Der Tabak wurde geraucht, gekaut oder, stark zerkleinert, durch die Nase geschnupft.

Symptomatik

Entzugssymptome der Nikotinabhängigkeit:EntzugssymptomeEntzugssymptome:NikotinabhängigkeitNikotinabhängigkeit sind:
  • gesteigerter Wunsch zu rauchen

  • Konzentrationsstörungen

  • Ängste und depressive Stimmung

  • Schlafstörungen

  • Gewichtszunahme bei gesteigertem Hungergefühl

  • Kollapsneigung

Krankheitsverlauf und Epidemiologie

Rauchen stellt eine große Gefahr für die Volksgesundheit dar. Weltweit liegen mehr als 30.000 Studien vor, welche die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens einwandfrei belegen.
Die Deutsche Gesellschaft für Nikotinforschung (DGFN) veröffentlichte in ihrem Bericht vom 12.5.2004 die Folgen des Tabakkonsums:
  • Bis zu 20 Mio. Deutsche sind Schätzungen zufolge vom Rauchen abhängig.

  • Die Zahl der Todesfälle durch Rauchen hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt.

  • Im Durchschnitt sterben täglich 383 Menschen an den Folgen des Rauchens.

  • Frauen sind doppelt so häufig vom Tod durch Rauchen betroffen wie Männer.

  • Die Lebensdauer wird um durchschnittlich 5,7 Jahre verkürzt.

  • Über 170.000 Neugeborene wurden bereits im Mutterleib durch Schadstoffe im Tabakrauch geschädigt.

  • pro Jahr etwa 80.000 bis 90.000 Herz-Kreislauf-Erkrankungen; mindestens jeder 3. Herz-Kreislauf-Todesfall beruht auf Rauchen, zusätzlich Krebs- und Lungenerkrankungen.

  • Etwa aller Kinder probieren vom 11. bis 13. Lebensjahr ihre erste Zigarette.

  • Tabakbedingte Erkrankungen verursachen ca. 18 Mrd. Euro Kosten bei nur 12 Mrd. Euro Einnahmen aus Tabaksteuer.

Etwa die Hälfte aller Raucher stirbt frühzeitig durch die Folgeschäden des Rauchens. Kardiovaskuläre Erkrankungen und Tumoren spielen dabei die Hauptrolle.

Häufige komorbide Erkrankungen der Nikotinabhängigkeit sind:
  • Alkohol- und Drogenabhängigkeit

  • Drogenabhängigkeit:NikotinabhängigkeitAlkoholabhängigkeit:NikotinabhängigkeitSchizophrenie

  • Schizophrenie:NikotinabhängigkeitDepressionen

Therapie

Depression:NikotinabhängigkeitDie Angebote für die Raucherentwöhnung sind Raucherentwöhnung:NikotinabhängigkeitNikotinabhängigkeit:Raucherentwöhnungvielfältig. Sie reichen von der Methode reine Willenskraft bis zur Pharmakotherapie mit Nikotin-Ersatzpräparaten oder der Anti-Raucher-Pille. Sehr wichtig für die Motivation ist die Unterstützung durch Beratungsgespräche mit dem Therapeuten, Hausarzt, Nikotinentwöhnungsgruppen oder Selbsthilfegruppen.
Nikotintherapie
In Form von Pflastern oder Kaugummis wird dem Körper Nikotin zugeführt, Nikotinabhängigkeit:Nikotintherapiedas über die Haut bzw. Schleimhaut aufgenommen wird. Es stimuliert die beim Nikotinabhängigen vermehrten Rezeptoren und soll die Erfolgschancen einer Entwöhnung verdoppeln.
Akupunktur
Bei dieser Methode aus dem alten China werden i. d. R. Nikotinabhängigkeit:AkupunkturAkupunktur:NikotinabhängigkeitNadeln in die drei Suchtpunkte des Ohrs gesetzt. Der Nikotinabhängige behält diese Nadeln über einen Zeitraum von mehreren Wochen im Ohr. Rund 50 % der abhängigen Raucher sollen erfolgreich auf diese Methode ansprechen, denn sie dämpft das Verlangen nach Nikotin und mildert gleichzeitig die Entzugserscheinungen. Zur Entwöhnung werden zwei bis fünf Behandlungen benötigt.
Hypnose
Zunächst werden die typischen Situationen, in denen Nikotinabhängigkeit:HypnoseHypnose:Nikotinabhängigkeitzur Zigarette gegriffen wird, analysiert und alternative Verhaltensweisen besprochen. Dann wird der abhängige Patient von seinem Therapeuten in einen Trancezustand versetzt. In diesem Zustand kann der Therapeut das Rauchen mit unangenehmen Vorstellungen verknüpfen (z. B. dem Gefühl, Asche im Mund zu schmecken) und alternative Verhaltensweisen im Gedächtnis des Patienten verankern. Gleichzeitig können positive und glückliche Gefühle von Nichtrauchersituationen in der Trance verstärkt werden, z. B. spontan einen Kuss auszutauschen, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass sich der Partner vor dem Mundgeruch ekelt. Um Erfolg zu erzielen, sind meist mehrere Sitzungen nötig. Die Erfolgsquoten sind nicht eindeutig und werden mit 30–80 % angegeben.
Psychotherapie
Es sind spezielle Einzel- und Gruppentherapieprogramme zur Raucherentwöhnung entwickelt Raucherentwöhnung:NikotinabhängigkeitPsychotherapie:NikotinabhängigkeitNikotinabhängigkeit:Psychotherapieworden, denen folgende Aspekte gemeinsam sind:
  • psychoedukative Elemente mit Informationsvermittlung und Erfahrungsaustausch

  • Verhaltensanalysen und Aufbau alternativer Verhaltensweisen

  • Erlernen neuer Problemlösungsstrategien

  • Vorbereitung auf die Abstinenz und ggf. soziale Unterstützung

Die Programme dauern bis zu 10 Sitzungen und können durch spezielle Manuale unterstützt werden.

Eine Raucherentwöhnung kann auch vom Heilpraktiker für Psychotherapie angeboten werden, wenn er sich die nötigen Erfahrungen angeeignet hat.Nikotinabhängigkeit

Störungen durch flüchtige Lösungsmittel (ICD-10: F18)

Definition

Das Inhalieren der Dämpfe organischer Lösungsmittel wird als Schnüffeln bezeichnetSchnüffelstoffe. Es entwickelt sich eine ausgeprägte psychische, jedoch keine körperliche Abhängigkeit.
Synonyme: Sniffing, Thinner-SniffingSucht Hierzu Thinner-SuchtLösungsmittel, flüchtige, Abhängigkeitwerden handelsübliche Haushaltsmittel genauso verwendet wie Industrieprodukte, z. B.:
  • Benzin, Feuerzeuggas; Propangas

  • Lösungsmittel für Farben, Lacke, Klebstoffe (Uhu, Pattex)

  • Sprays (Lack-, Haar-, Reinigungs-, Wundsprays)

  • Fleckentferner

  • Farb-, Lack-, Klebstoffverdünner (Nitroverdünner)

  • Ether, Chloroform

Chemische Bezeichnungen: Aceton, Benzol, Trichlorethylen (Tri), Toluol, Tetrachlorkohlenstoff (Tetra) u. a.

Symptomatik

Durch Inhalation der Dämpfe eines Lösungsmittels werden die oberen Atemwege gereizt. Es entsteht ein kurzer Erregungszustand, der in einen tranceähnlichen Zustand übergeht und zur Bewusstseinstrübung führt.

Im Rausch besteht eine akute Gesundheitsgefährdung durch Atemstörungen, Herzrhythmusstörungen, zerebrale Krampfanfälle:SchnüffelstoffeKrampfanfälle, Verletzungen und Unfälle.

Symptome der Inhalation von flüchtigen Lösungsmitteln:
  • kurzes Erregungsstadium mit Übelkeit

  • Euphorie und Entspannung (gesteigerte Empfänglichkeit für optische Sinneseindrücke und Gefühl von Wohlbehagen und Schwerelosigkeit)

  • Reizerscheinungen in den oberen Atemwegen, Atemnot

  • Herzklopfen, Kopfdruck

  • Wadenschmerzen

  • Desorientiertheit

  • delirante Symptome und optische Halluzinationen

  • Bewusstseinstrübung

Bei chronischem Missbrauch kann es zu folgenden Schäden kommen:
  • Störungen des ZNS mit hirnorganischer Wesensänderung

  • Polyneuropathien

  • Ataxien (Koordinationsstörungen der Bewegungsabläufe)

  • Sprachstörungen

  • Schädigungen von Leber, Nieren, Lunge, Herz und Blutbild

Epidemiologie

Das Schnüffeln wird überwiegend von Kindern und Jugendlichen angewendet, um durch die Inhalation von preiswerten Stoffen Rauschzustände zu erzeugen.

Ätiologie

Die Motivation zu Schnüffeln wird durch Neugier, Reizhunger und Geltungsbedürfnis bestimmt. Pharmakologisch geht man von einer serotonergen und adrenergen Wirkung im ZNS aus.

Therapie

Die Therapie läuft nach den im Kap. 10.1.7 aufgeführten Grundsätzen ab. Zu beachten ist, dass es sich i. Allg. um sehr junge Abhängige handelt, bei denen v. a. psychotherapeutische Begleitung und soziotherapeutische Nachsorge von Bedeutung sind.
Tab. 10.12 gibt einen Überblick über wichtige Unterscheidungskriterien der Abhängigkeitserkrankungen.

Verständnisfragen

  • Wie definiert man eine Abhängigkeitserkrankung?

  • Welche Faktoren sind am Zustandekommen einer Abhängigkeitserkrankung beteiligt? Ist eine Abhängigkeitserkrankung erblich?

  • Was versteht man unter dem Suchtpotenzial einer Substanz?

  • Welche Folgen ergeben sich aus einer Abhängigkeitserkrankung für den Betroffenen?

  • In welche Phasen gliedert sich die Therapie von Abhängigkeitserkrankungen grundsätzlich, und was sind jeweils die Ziele?

  • Um eine dauerhafte Abstinenz bei einem Abhängigen zu unterstützen, ist der nahtlose Übergang zur Nachsorgephase von entscheidender Bedeutung. Wie wird er gewährleistet?

  • Wodurch ist Alkoholismus gekennzeichnet? Welche Anzeichen für Alkoholismus gibt es?

  • Welches sind die vier Phasen der Alkoholkrankheit nach Jellinek?

  • Worin unterscheiden sich nach Jellinek die fünf Typen von Alkoholikern?

  • Welche Alkoholfolgeerkrankungen kennen Sie? Wodurch sind sie charakterisiert?

  • Welche komorbiden Störungen kommen beim Alkoholismus häufig vor?

  • Was ist eine akute Alkoholintoxikation?

  • Was ist ein Delirium tremens?

  • Wie können Sie eine Alkoholhalluzinose von einer Schizophrenie oder einem Delir diagnostisch abgrenzen?

  • Was ist ein pathologischer und komplizierter Rausch? Wodurch unterscheiden sie sich?

  • Welche grundsätzlichen Prinzipien sollten Sie im Umgang mit Alkoholkranken beachten?

  • Von wem sollte die Therapie des Alkoholismus durchgeführt werden (Entzug/Entwöhnung/Nachsorge)?

  • Welche Anzeichen weisen auf eine Opiatabhängigkeit hin?

  • Welche Symptome treten beim Opiatentzug auf?

  • Welche Gefahr besteht bei einer Opiatintoxikation?

  • Welche Formen des Opiatentzugs gibt es, und von wem sollten sie durchgeführt werden?

  • Stimmt die Aussage, dass Cannabis eine ungefährliche Droge ist, weil sie keine körperliche Abhängigkeit verursacht?

  • Was ist ein amotivationales Syndrom, und wann tritt es auf?

  • Welcher Zusammenhang kann zwischen Drogenkonsum und einer Schizophrenie bestehen?

  • Wodurch ist ein Benzodiazepin-Entzugssyndrom gekennzeichnet, und warum ist es gefährlich?

  • Wo werden Barbiturate heute noch eingesetzt? Worin besteht ihre Gefahr?

  • Warum ist es wichtig, in der Exploration den Patienten nach seiner regelmäßigen Medikamenteneinnahme zu befragen?

  • Was sind die Merkmale des Kokainismus?

  • Was ist die Gefahr bei einer Überdosierung mit Ecstasy?

  • Wie heißt der Hauptvertreter der Halluzinogene? Wie wirkt er?

  • Was sind Flashbacks, und wie erklärt man sich ihr Zustandekommen?

  • Welche epidemiologische Bedeutung hat die Nikotinabhängigkeit?

  • Ist Schnüffeln ein harmloses Kinderspiel?

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