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B978-3-437-58303-2.00008-X

10.1016/B978-3-437-58303-2.00008-X

978-3-437-58303-2

Persönlichkeitsstruktur nach Persönlichkeitsstruktur nach FreudFreud

[L157]

Konfliktmodell zur Erklärung der Neurosen/neurotische StörungenKonfliktmodellKonfliktmodell, NeurosenNeurosenentstehung

[L141]

„Pawlow-HundPawlow-Hund“: Ursprünglich neutraler Reiz wird zum spezifischen Auslöser

[L143]

ReizgeneralisierungReizgeneralisierung

[L157]

Primäre Verstärker/VerstärkungprimäreVerhaltensverstärker

[L157]

Sekundäre VerhaltensverstärkerVerstärker/Verstärkungsekundäre

[L157]

PendelkäfigPendelkäfig-Experiment

[L157]

AngstkurveAngstkurve

[R263–1]

Psychoanalytische Schulen/Übertragungsfokussierte PsychotherapieTransference-Focused Psychotherapy (TFP)Sullivan, H. S.PsychotherapieübertragungsfokussiertePsychologieanalytischePsychoanalyseTherapieschulen/-verfahrenPsychoanalysefür Kinder/JugendlicheNeopsychoanalyseMahler-Schönberger, MargaretKernberg, OttoJung, C. G.Individualpsychologie nach Alfred AdlerFromm, ErichFrankl, Viktor E.ExistenzanalyseAnalytische PsychologieAdler, AlfredTherapieverfahren

Tab. 8.1
Begründer Therapieschule/-verfahren
Alfred Adler Individualpsychologie
C. G. Jung Analytische Psychologie
Viktor Frankl Existenzanalyse
Erich Fromm, H. S. Sullivan Neopsychoanalyse
Margaret Mahler-Schönberger Psychoanalyse für Kinder/Jugendliche
Otto Kernberg Übertragungsfokussierte Psychotherapie (Transference-Focused Psychotherapy, TFP)

Phasen der kindlichen Entwicklung nach Über-IchPhallische PhasegestörteOrale PhasegestörteÖdipale PhasegestörteLatenzphasegestörteKindliche EntwicklungStörungenIchGenitale PhasegestörteKindliche EntwicklungCharakteristikaAnale PhasegestörteFreudKindliche Entwicklunggelungene

Tab. 8.2
Entwicklungsphase Alter (Jahre) Charakteristika Kriterien eines „gelungenen“ Abschlusses Mögliche Störungsbilder
Orale Phase 0–1½ Lustvolles Empfinden beim Saugen und bei der Nahrungsaufnahme Bildung von Urvertrauen Dysthymie (neurotische Depression)
Sexualstörung
Narzisstische, schizoide oder Borderline-Persönlichkeitsstörung
Abhängigkeitsstörungen
Psychosomatische Erkrankungen
Angst- und Kontaktstörungen
Anale Phase 1½–3 Lustvolles Erleben der Ausscheidungsfunktionen und eigene Kontrolle über die Ausscheidungsfunktionen sowie die Lust an der Selbstbestimmung Erlernen von Fremd- und Selbstbestimmung, Integration sich widerstrebender Gefühle Zwangsstörungen
Angststörungen
Zwanghafte oder abhängige Persönlichkeitsstörungen
Phallische (ödipale) Phase 4–6 Lustvolles Erleben der eigenen Geschlechtsorgane, Wahrnehmen der Geschlechtsunterschiede mit Werben und Konkurrenz Erleben der sexuellen Unterschiede, sexuelle Identifikation Sexualstörungen
Phobien
Konversionsstörungen
Histrionische Persönlichkeitsstörungen
Latenzphase 6–12 Lustvolles Interesse am Geschlechtlichen nimmt zugunsten der Aufmerksamkeit für die soziale Umwelt und die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten ab Ausbildung von „Ich“ und „Über-Ich“ Kontaktstörungen
Konzentrations- und Leistungsschwächen
Autistische und autoaggressive Entwicklungen und Abweichungen
Genitale Phase (Pubertät) ab 12 Selbstfindung durch Abgrenzung gegenüber Welt der Erwachsenen, verstärkte Identifikation mit der eigenen sexuellen Identität Autonomie, weitere Ausbildung der Identität Störungen der Geschlechts- bzw. der Ich-Identität
Störungen der Sexualpräferenz

Instanzenmodell nach Über-IchRealitätsprinzipMoralitätsprinzipLust-Unlust-PrinzipIchEsFreud

Tab. 8.3
Instanz Inhalt Wahrnehmung Zugehörige Begriffe
Es Triebhaftes Denken (ererbte Triebe und Instinkte) meist unbewusst Lust-Unlust-Prinzip: Triebe, Impulse, Instinkte, Strebungen, Bedürfnisse
Ich Logisches, realistisches Denken (Vernunft) meist bewusst Realitätsprinzip: Wahrnehmung, Entscheidung, Verhalten, Reflexion
Über-Ich Verbote, Normen und Regeln (erworbenes Gewissen) unbewusst und bewusst Moralitätsprinzip: soziale Normen, Gewissen, Regeln

Lerntheoretische Verstärker/VerstärkungkontinuierlicheVerstärker/VerstärkungintermittierendeLerntheoretische BegriffeKontinuierliche VerstärkungKontingenzHabituationGewöhnungAnpassungAdaptationBegrifflichkeiten

Tab. 8.4
Lerntheoretischer Begriff Erklärung Beispiele
Kontinuierliche Verstärkung Jedes Auftreten des gewünschten Verhaltens wird verstärkt. Jedes Mal, wenn ein Kleinkind die Toilette benutzt und nicht in die Windel macht, erhält es einen Aufkleber.
Intermittierende Verstärkung Das gewünschte Verhalten wird nur unregelmäßig verstärkt. Der Lernvorgang dauert länger, das Gelernte ist jedoch löschungsresistenter als bei kontinuierlicher Verstärkung. Ein Kleinkind, das mit dem Handy seines Vaters spielen will, schreit und tobt, um es zu erhalten. Obwohl der Vater es eigentlich nicht gutheißt, gibt er ihm das Handy gelegentlich, um das Theater zu unterbrechen. Das Kind lernt: „Wenn ich tobe und schreie, kriege ich häufig das Handy“, also setzt es das Verhalten fort.
Habituation (Gewöhnung) Ein zunächst neuartiger Reiz löst nach mehrfacher Darbietung keine Reaktion mehr aus. Ein Lehrer, der sich im Unterricht Gehör und Respekt durch Schreien zu verschaffen sucht, wird bald nicht mehr wahrgenommen.
Ein Schafhirte machte sich einen Spaß daraus, alle paar Tage in sein Dorf zu laufen und „der Wolf kommt“ zu rufen. Wenn die Dorfbewohner dann zu Hilfe eilten, stellte sich der Notruf als unbegründet heraus. Nach einiger Zeit reagierten sie nicht mehr auf seine Hilferufe.
Adaptation (Anpassung) Ein Dauerreiz führt zu einer Abschwächung der Reaktion. Eine Frau, die in ein Haus gezogen ist, an der die S-Bahn direkt vorbeifährt, beklagt sich anfangs beim Ehemann über den starken Lärm. Mit der Zeit reagiert sie gar nicht mehr auf die vorbeifahrenden Züge; sie nimmt sie nicht mehr wahr.
Kontingenz (engl. contingent on, abhängig von, bedingt durch) Der Zusammenhang von Verstärkerdarbietung und Verhalten; bei erwünschtem Verhalten werden Verstärker angeboten, bei unerwünschtem Verhalten werden Verstärker entzogen. Anorektische Patientinnen dürfen bei Zunahme des therapeutisch vereinbarten Gewichts bestimmte sportliche Geräte nutzen.

SORCK-ModellVerstärker/VerstärkungpositiveVerstärker/VerstärkungnegativeVerhaltensanalyse, SORCK-ModellSORCK-Modell, VerhaltensanalyseKontingenzBestrafungindirekteBestrafungdirekte

Tab. 8.5
SORCK Erklärung Am Beispiel einer alkoholkranken Patientin
Stimulus Reiz, der das problematische Verhalten auslöst; dies kann eine Situation, ein bestimmter Gedanke, ein Gefühl oder physiologischer Vorgang sein Alleinsein (Situation), Streit mit Partner (soziale Situation), Gefühl der Minderwertigkeit, Angst vor Überforderung, Anblick von Alkohol (z. B. im Kühlschrank, TV-Werbung)
Organismusvariablen Konstitutionelle und biologisch-physiologische Aspekte, die das problematische Verhalten auslösen oder aufrechterhalten Chronischer Partnerkonflikt, Arbeitslosigkeit, fehlende soziale Kontakte, alkoholkranke Mutter
Reaktion Sichtbares problematisches Verhalten, aber auch Gedanken, Gefühle und physiologische Reaktionen Alkohol trinken (sichtbares Verhalten), „Ohne Alkohol schaffe ich es nicht“, „Niemand versteht mich“, „Ich bin nichts wert“ (kognitiv), Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung (emotional), Zittern, Unruhe, Schwitzen, körperliche Anspannung, Suchtdruck (Craving) (physiologisch)
Konsequenzen Kurz- und langfristige Folgen des problematischen Verhaltens Negative Verstärkung (kurzfristig): Nachlassen des Suchtdrucks, Abklingen der Verzweiflung, Alleinsein wird erträglicher, Nachlassen potenzieller Entzugssymptome (z. B. Zittern, Unruhe), Auseinandersetzung mit Partnerschaftskonflikt wird verschoben
Positive Verstärkung (kurzfristig): Entspannung, Euphorie, gesteigertes Selbstwertgefühl
Direkte Bestrafung (überwiegend langfristig): Übelkeit, Kopfschmerzen, vermehrter Suchtdruck und verstärkte Entzugssymptome, Albträume, Scham, weitere soziale Isolierung, Zuspitzung der Partnerschaftsproblematik
Indirekte Bestrafung (überwiegend langfristig): Selbstachtung und Selbstwertgefühl gehen verloren, Toleranzentwicklung (es müssen immer größere Mengen Alkohol getrunken werden, um denselben Effekt zu erreichen)
Kontingenz Regelmäßigkeit, mit der das problematische Verhalten auf einen Reiz erfolgt Abstinenz nur noch ganz selten möglich; Stimulus führt in der Regel zum Trinken

AngsthierarchieAngsthierarchie bei Spinnenphobie, AngsthierachieSpinnenphobie

Tab. 8.6
Stufen der Angsthierarchie Visualisierung Angstskala (%)
10 Spinne krabbelt über meine Hand 100
9 Spinne ist 10 cm von mir entfernt und krabbelt auf mich zu 90
8 Spinne ist 10 cm von mir entfernt und bewegt sich nicht 80
7 Spinne ist 50 cm von mir entfernt 70
6 Spinne ist 1 m von mir entfernt 60
5 Spinne ist oben an der Decke 50
4 Spinne ist in einem Glas eingesperrt 40
3 Lebendige Spinne ist im Fernsehen 30
2 Foto von Spinne 20
1 Jemand spricht über Spinnen 10

Ausschnitt aus einem Selbstbeobachtungsprotokoll (automatische Gedanken)VerhaltenstherapieSelbstbeobachtungsprotokollSelbstbeobachtungsprotokoll, Verhaltenstherapie

Tab. 8.7
Zeitpunkt Situation Emotion (Stärke von 0–100) Automatischer Gedanke Rationale Antwort Ergebnis:
Neubewertung der Emotion (Stärke von 0–100)
11.7., 19:00 Uhr Eine Heilpraktikerin möchte gern die psychotherapeutische Zusatzausbildung machen und sieht sich die Lerninhalte an hoffnungslos, verzweifelt (90), ratlos (100) „Oh je, das ist so viel Stoff. Das kann ich nie lernen. Ich vergesse immer alles. Die Prüfung schaffe ich nie.“ „Auch wenn ich keine Einser-Schülerin war, habe ich meine Schulabschlüsse geschafft, und das ist das Entscheidende. Wenn ich die Prüfung geschafft habe, bin ich froh, dass ich die Herausforderung angenommen habe. Es ist sicher viel Arbeit, aber ich kann mir einen Lernplan erstellen und manches anders und besser machen als bei früheren Prüfungsvorbereitungen.“ Hoffnungslos, verzweifelt (30), ratlos (10)

Psychotherapeutische Verfahren

  • 8.1

    Psychoanalytische Therapie52

    • 8.1.1

      Definition52

    • 8.1.2

      Grundannahmen52

    • 8.1.3

      Psychoanalytisches Krankheitskonzept57

    • 8.1.4

      Therapiesetting58

    • 8.1.5

      Therapievoraussetzungen58

    • 8.1.6

      Therapieprinzipien58

    • 8.1.7

      Interventionstechniken59

    • 8.1.8

      Therapieindikationen60

  • 8.2

    Verhaltenstherapie61

    • 8.2.1

      Definition61

    • 8.2.2

      Grundannahmen61

    • 8.2.3

      Modernes verhaltenstherapeutisches Krankheitskonzept65

    • 8.2.4

      Therapiesetting65

    • 8.2.5

      Therapievoraussetzungen65

    • 8.2.6

      Therapieprinzipien66

    • 8.2.7

      Interventionstechniken66

    • 8.2.8

      Therapieindikationen70

  • 8.3

    Systemische Psychotherapie71

  • 8.4

    Humanistische und erlebnisorientierte Verfahren71

    • 8.4.1

      Gesprächspsychotherapie71

    • 8.4.2

      Gestalttherapie72

    • 8.4.3

      Logotherapie und Existenzanalyse73

    • 8.4.4

      Weitere wichtige Psychotherapien73

  • 8.5

    Ergänzende spezielle Psychotherapieverfahren73

    • 8.5.1

      Körperorientierte Psychotherapieverfahren73

    • 8.5.2

      Entspannungsverfahren74

    • 8.5.3

      Hypnotherapie74

    • 8.5.4

      Psychoedukation74

Kapitelübersicht

Es gibt vier bedeutende, wissenschaftlich anerkannte Therapieverfahren: psychoanalytische Therapie, Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie (humanistisches Verfahren) und (seit 2008) systemische Therapie. Im Mittelpunkt der psychoanalytischen Therapie steht die Vorstellung, dass psychische Störungen durch unbewusste KonflikteunbewussteKonflikte entstehen, die in kindlichen Entwicklungsphasen nicht ausreichend bewältigt werden konnten, durch aktuelle Lebensereignisse wiederbelebt werden und zu krankhaftem Erleben und Verhalten führen. In der Interaktion zwischen Klient und Therapeut sollen diese Konflikte aufgedeckt und bearbeitet werden.

Aus verhaltenstherapeutischer Sicht sind psychische Psychische StörungenLernprozesse, fehlerhafteErkrankungen durch fehlerhafte Lernprozesse bedingt. In der Therapie kann der Erkrankte versuchen, fehlerhafte Verhaltensweisen zu korrigieren, neues Verhalten zu erlernen und einen positiven Einfluss auf seine intrapsychischen Prozesse zu nehmen. Eine Vielzahl weiterer psychotherapeutischer Verfahren (Entspannungsverfahren, Gestalttherapie, Psychoedukation etc.) haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt. Welche Therapieform der Heilpraktiker für Heilpraktiker für PsychotherapieTätigkeitsgebietePsychotherapie anwendet, hängt von seiner Ausbildung, seiner Erfahrung, der Diagnose und dem Wunsch des Klienten ab. Er ist verpflichtet, nur bestimmte Störungsbilder zu behandeln. Der Heilpraktiker für Psychotherapie trägt dabei die volle Verantwortung für die professionelle und kompetente Durchführung der Therapie. Dazu gehört ein umfassendes Fachwissen über die psychischen Störungen, ihre Ursache und Behandlungsmöglichkeiten, aber auch regelmäßige Selbstreflexion und Supervision. Er sollte seine eigenen und die Grenzen der Therapie kennen. Eine unprofessionell durchgeführte Psychotherapie kann viel Leid und Schaden beim Klienten anrichten.

Psychoanalytische Therapie

Definition

Die psychoanalytische Psychoanalytische TherapieDefinitionTherapie geht von der Idee aus, dass Verhalten Psychotherapiepsychoanalytischeund Erleben von unbewussten Persönlichkeitsanteilen bestimmt werden. Die unbewussten Persönlichkeitsanteile sind also psychodynamisch wirksam und können in der Interaktion von Therapeut und Klient aufgedeckt werden. Die klassische Form der psychoanalytischen Therapie ist die PsychoanalysePsychoanalyse. Aus der Psychoanalyse entwickelte sich, nicht zuletzt unter dem Kostendruck des Gesundheitssystems, eine modifizierte, weniger zeitintensive tiefenpsychologisch orientierte Tiefenpsychologisch orientierte PsychotherapieTherapie. Beide Verfahren sind psychodynamische bzw. aufdeckende TherapieformenPsychotherapiepsychodynamischePsychotherapieaufdeckende.
Nach den Psychoanalytikern Peter Kutter, PeterKutter und Thomas Müller, ThomasMüller (Psychoanalyse. Eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse. Stuttgart: Klett-Cotta; 2008) lässt sich Psychoanalyse näher verstehen als:
  • „Konflikttheorie“

  • „Spannende Geschichte“

  • „Wissenschaft“

  • „Entwicklungspsychologie“

  • „Lehre vom Traum“

  • „Persönlichkeitstheorie“

  • „Krankheitslehre“

  • „Diagnostisches Verfahren“

  • „Behandlungsverfahren“

Gut zu wissenDie psychoanalytische Therapie oder PsychoanalysePsychoanalyse wurde von Sigmund Freud, SigmundFreud zwischen 1890 und 1939 im Rahmen seiner Behandlung von hysterischen Erkrankungen in Wien entwickelt. Angeregt durch die Arbeiten Charcots, der die „Hysterie“ mit Hypnose behandelte, motivierte er seine hysterischen Patientinnen, unvermittelt alle Wünsche, Gedanken, Erinnerungen, Fantasien und Träume, die sie bewegten, mitzuteilen. Er versuchte so, die Frauen mit ihren spezifischen Problemen zu verstehen, und entwickelte seine NeurosenlehreNeurosenlehre, ein Modell zum Verständnis der Entstehung und Behandlung psychischer Störungen. Im therapeutischen Prozess wird der Therapeut dazu angehalten, sich empathisch introspektiv auf die innere Erlebniswelt des Klienten zu konzentrieren und in einem nächsten Schritt das Mitgeteilte mithilfe von ÜbertragungÜbertragungsphänomenen zu deuten.

Grundannahmen

Die PsychoanalysePsychoanalyseTherapieschulen/-verfahren wurde in den Jahren nach Freuds Tod vielfach weiterentwickelt und modifiziert und ist Grundlage für verschiedene Therapieschulen (Tab. 8.1).
Zum klassischen Verständnis der Psychoanalyse sind folgende von Freud entwickelte Theorien von Bedeutung:
  • Phasen der kindlichen EntwicklungKindliche Entwicklung

  • InstanzenmodellInstanzenmodell nach Freud

  • AbwehrmechanismenAbwehrmechanismen

Die LibidoLibido (SexualtriebSexualtrieb, Streben nach sexueller Lust oder, besser verständlich, „Lebenstrieb“) umfasst dabei alle psychischen Regungen und ist eng mit dem UnbewusstenUnbewusstesLibido verbunden. In Freuds späteren Werken wird die Libido eher als Lebenskraft oder lebensbejahende Energie verstanden. Die durch die Libido bedingten Gefühle und Impulse streben nach unverzüglicher Befriedigung. Im Laufe der psychosexuellen EntwicklungPsychosexuelle Entwicklung stehen unterschiedliche körperliche Bereiche im Mittelpunkt von Lust und Befriedigung. Erst bei abgeschlossener ungestörter psychosexueller Entwicklung findet die Libido ihren Ausdruck in der Sexualität mit genitaler Befriedigung an einem anderen Menschen. Bis zu diesem Zeitpunkt werden nach Freud verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen. Störungen können in jeder Entwicklungsphase auftreten. In der Sprache der Entwicklungspsychologie heißt dies, dass die Phase „nicht gelungen“ bewältigt werden konnte. Entwicklungsschritte können dann auf einer bestimmten Stufe „fixiert“ werden, d. h., in späteren Krisensituationen fällt die betroffene Person wieder auf eine frühere Entwicklungsstufe mit den dazugehörigen Verhaltensmustern zurück (RegressionRegression).
Phasen der kindlichen Entwicklung
Freud unterscheidet die folgenden kindlichen EntwicklungsphasenEntwicklungsphasen, kindliche:
  • Orale PhaseOrale Phase (0–1½ Jahre) Kindliche Entwicklungorale Phase

  • Anale Phase (1½–3 Jahre) Kindliche Entwicklunganale Phase

  • Phallische (ödipale) Phase (4–6 Jahre) Kindliche Entwicklungphallische (ödipale) Phase

  • Latenzphase (6–12 Jahre) Kindliche EntwicklungLatenzphase

  • Genitale Phase (ab Pubertät) Kindliche Entwicklunggenitale Phase

Orale Phase (0–1½ Jahre)
Kindliche Entwicklungorale PhaseNach Freud existiert die Libido schon bei der Geburt des Kindes. In der oralen Lebensphase erlebt das Kind diese sexuelle Lust über den Mund (lat. os, Mund). Es empfindet Lust beim Saugen und bei der Nahrungsaufnahme. Wohlbefinden stellt sich also beim saugenden und nährenden Kontakt mit der mütterlichen Brust ein. Saugen, Anklammern und Lutschen gehören somit zu den wichtigsten Betätigungen, um Befriedigung für die grundlegenden körperlichen Bedürfnisse (Hunger, Durst) zu erhalten. „IchIch“ und „Umwelt“ gehören für den Säugling noch untrennbar zusammen. Erst später lernt das Kind, zwischen „Ich“ und „Umwelt“ zu unterscheiden. Kommt es zu einer Störung in der oralen Phase, können sich aus psychoanalytischer Sicht folgende Störungen entwickeln: Orale Phasegestörte
  • DysthymieDysthymie (neurotische DepressionDepression/depressive Episodeneurotische)

  • Sexualstörung

  • NarzisstischeNarzisstische Persönlichkeitsstörungorale Phase, gestörte, schizoideSchizoide Persönlichkeitsstörungorale Phase, gestörte oder Borderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-Persönlichkeitsstörungorale Phase, gestörte

  • AbhängigkeitsstörungAbhängigkeitserkrankungenorale Phase, gestörte

  • Psychosomatische ErkrankungenPsychosomatische Störungenorale Phase, gestörte

  • Angst- und Kontaktstörungenorale Phase, gestörteKontaktstörungenAngststörungenorale Phase, gestörte

Oral fixierte Oral fixierte Personen, FrustrationstoleranzPersonenFrustrationstoleranzoral fixierte Personen haben aufgrund ihres geringen Selbstwertgefühls eine geringe Frustrationstoleranz. Sie sind ungern allein, meist sehr liebesbedürftig und anhänglich. Eine Fixierung auf die orale Phase geht mit übertriebenen Ansprüchen und Erwartungen an die Umwelt einher. Der Betroffene muss – wie der Säugling – im Mittelpunkt allen Geschehens stehen, damit er eine gewisse Befriedigung erfährt.
Anale Phase (1½–3 Jahre)
Kindliche Entwicklunganale PhaseIn der analen PhaseAnale Phase rücken das bewusste Erleben der Ausscheidungsfunktionen und die eigene Kontrolle über diese Funktionen in den Mittelpunkt der lustvollen Empfindungen. Mit zunehmender Beherrschung der Darmentleerung entwickelt sich die Problematik von Behalten und Abgeben, die eng mit Selbstbestimmung und Autonomie verbunden sind. Auch die Zunahme der motorischen Beweglichkeit und der Erkundungsdrang fördern den Wunsch nach Selbstbestimmung. Der Bewegungsfreiheit wird jedoch oft von Erziehungspersonen Einhalt geboten, sodass Macht, Kontrolle und Selbstbestimmung dem Gehorsam und der Abhängigkeit gegenüberstehen. Dementsprechend gehören Abhängigkeits-Autonomie-Abhängigkeits-Autonomie-Konfliktanale PhaseKonflikteAnale PhaseAbhängigkeits-Autonomie-Konflikt zu den Hauptthemen der analen Phase. Das Kind reift in einer ungestörten Entwicklung in der analen Phase dazu heran, sich widerstrebende Gefühle mit den Bedürfnissen der Außenwelt in Einklang zu bringen. Regeln und Verbote formen dabei die Ausgestaltung des „Über-IchsÜber-Ich“ (InstanzenmodellInstanzenmodell nach Freud).
StörungenAnale Phasegestörte in der analen Phase können aus psychoanalytischer Sicht zu folgenden Erkrankungen führen:
  • ZwangsstörungenZwangsstörungenanale Phase, gestörte

  • AngststörungenAngststörungenanale Phase, gestörte

  • Zwanghafte oder abhängige PersönlichkeitsstörungenzwanghaftePersönlichkeitsstörungenabhängige (asthenische)Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörunganale Phase, gestörtePersönlichkeitsstörungenZwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörunganale Phase, gestörte

Phallische (ödipale) Phase (4–6 Jahre)
Kindliche Entwicklungphallische (ödipale) PhaseIn dieser Phallische PhasePhaseÖdipale Phase richtet sich die Wahrnehmung des Kindes auf die eigenen Geschlechtsorgane und die damit verbundenen lustvollen Empfindungen, die z. B. im spielerischen Umgang mit dem eigenen Körper entstehen können. Dadurch gelangt das Kind auch zu ersten Annahmen von geschlechtsspezifischen Unterschieden und Rollen. Das Kind erfährt und entdeckt die Liebe zum gegengeschlechtlichen Elternteil sowie die Rivalität mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil (Ödipuskomplex bei Jungen).Ödipuskomplex Das Erkennen der anatomischen Unterschiede führt nach Freuds Vorstellung zur Kastrationsangst bzw. zum Penisneid. Bei gesunder Entwicklung steht am Ende der Phase die Ausbildung der sexuellen Identifikation.
Eine gestörte phallische Phase führt nach psychoanalytischer Vorstellung zu: Phallische PhasegestörteÖdipale Phasegestörte
  • SexualstörungenSexualstörungenphallische Phase, gestörte

  • PhobienPhobien/phobische Störungenphallische Phase, gestörte

  • KonversionsstörungenDissoziative Störungenphallische Phase, gestörte

  • Histrionischen PersönlichkeitsstörungenhistrionischePersönlichkeitsstörungenHistrionische Persönlichkeitsstörungphallische Phase, gestörte

Latenzphase (6–12 Jahre)
Kindliche EntwicklungLatenzphaseIn der LatenzphaseLatenzphasekindliche Entwicklung richtet sich die Aufmerksamkeit weniger auf die libidinösen (Trieb-)Impulse als vielmehr auf die Erfahrungen mit der sozialen Umwelt und die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten. Störungen in dieser Phase finden ihren Ausdruck in:
  • KontaktstörungenKontaktstörungenLatenzphase, gestörteLatenzphasekindliche EntwicklungStörungen

  • KonzentrationsKonzentrationsstörungenLatenzphase, gestörte- und Leistungsschwächen

  • AutistischenAutismusLatenzphase, gestörte und autoaggressiven Entwicklungen und AbweichungenAutoaggressionLatenzphase, gestörte

Genitale Phase (ab Pubertät)
Kindliche Entwicklunggenitale PhaseIn dieser Phase setzt die Selbstfindung ein; Genitale Phasedas äußert sich durch Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen, insbesondere der Eltern. Die körperlichen Veränderungen und die neue Stellung in der Gesellschaft zwingen dazu, sich mit Normen und Rollenvorstellungen auseinanderzusetzen. Bei ungestörter Entwicklung der analen Phase steht am Ende die ausgereifte Sexualität mit der Fähigkeit zur genitalen Befriedigung an einem anderen Menschen.
Störungen in dieser Phase führen laut psychoanalytischem Modell zu: Genitale Phasegestörte
  • Störungen der Geschlechts- bzw. Ich-Ich-Identitätstörungen, gestörte genitale PhaseIdentitätGeschlechtsstörungen, gestörte genitale Phase

  • Störungen der SexualpräferenzSexualpräferenz(störungen)genitale Phase, gestörte (z. B. sadomasochistische Tendenzen)

Tab. 8.2 fasst die Entwicklungsphasen und ihre Charakteristika nochmals zusammen. Welche Störungen sich aus einer „nicht gelungenen“ bzw. gestörten Phase ergeben können, ist jeweils der „normalen“ Entwicklung gegenübergestellt.

Gut zu wissen Das Modell der ObjektbeziehungenModell der ObjektbeziehungenObjektbeziehungen (nach Winnicott, Klein, Balint u. a.) ist eine Weiterentwicklung von Freuds Phasenmodell. Als ObjektObjekt gilt die entscheidende Bezugsperson in der frühkindlichen Entwicklung. Wie sich die eigene Identität ausbildet, also die Vorstellung von sich selbst (Selbstrepräsentanz),Selbstrepräsentanz ist eng an die Wahrnehmung und die Vorstellung von einem Objekt (Objektrepräsentanz)Objektrepräsentanz geknüpft. Je nachdem, wie die Bezugsperson auf die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes reagiert, kann dieses eine realistische Vorstellung mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl von sich selbst entwickeln und wird befähigt, seine Umgebung und andere Menschen adäquat einzuschätzen und wahrzunehmen. In dem Maße, in dem dies misslingt, können sich psychische Störungen entwickeln.

Instanzenmodell nach Freud
Freud nahm an, dass es drei Instanzenmodell nach Freudintrapsychische (innerhalb der Psyche existierende) Instanzen gibt, die das Denken und Handeln einer Person beeinflussen, deren Zusammenwirken man als „Psychodynamik“Psychodynamik bezeichnet. In Tab. 8.3 sind die Instanzen der Persönlichkeit charakterisiert. Das EsEs stellt dabei die Struktur der Persönlichkeit dar, die durch unbewusste Triebe, Impulse und Bedürfnisse gesteuert wird. Das Über-IchÜber-Ich bildet sich mit der moralischen Entwicklung des Menschen aus und ist geprägt durch Normen, Regeln und Verbote. Es ist die moralische Instanz des Menschen und bestimmt dessen Wertvorstellungen. Das IchIch ist die vermittelnde Instanz. Es versucht, die widerstrebenden Motivationen von Es und Über-Ich in Einklang zu bringen und an die äußeren Bedingungen anzugleichen.
Die Instanzen stehen über das Ich in enger Beziehung und beeinflussen das Handeln eines jeden Menschen (Abb. 8.1). Vom Ich wird also ein hohes Maß an Integrationsleistung gefordert, damit die Konflikte zwischen den Instanzen und der Außenwelt nicht zu psychischen Störungen führen.

Beispiel

Konflikte zwischen den Instanzen

  • Eine übergewichtige Person möchte Konfliktezwischen den InstanzenInstanzenkonfliktesich in einem Restaurant gern noch ein zweites Dessert bestellen (Es). Das logische Denken (Ich) sagt ihr jedoch, dass dies ihrer Gesundheit abträglich ist.

  • Ein junges Pärchen, das von den Eltern sehr konventionell erzogen wurde, möchte gern ein Kind zeugen (Es), ohne vorher zu heiraten. Damit würden sie allerdings die Wertvorstellungen der Eltern verletzen, sodass sie von Zweifeln geplagt sind und ein schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern haben (Über-Ich).

  • Ein pflegebedürftiger Mann weiß, dass er aufgrund seiner körperlichen Verfassung eine große Belastung für seine Frau ist, die ihm versprochen hat, ihn zu Hause zu versorgen und zu betreuen. Deshalb spielt er mit dem Gedanken (Ich), sein Leben zu beenden, doch nach seiner religiösen Überzeugung (Über-Ich) wäre dies eine große Sünde.

Reaktionen, die helfen, Konflikte, die sich aus der Diskrepanz zwischen Triebregungen und Wünschen auf der einen und den Geboten bzw. Verboten auf der anderen Seite ergeben, zu neutralisieren und damit nicht wahrnehmen zu müssen, werden als AbwehrmechanismenAbwehrmechanismen bezeichnet.
Abwehrmechanismen
Viele Konflikte, die im Laufe AbwehrmechanismendesKonflikteAbwehrmechanismen Lebens entstehen, lassen sich nur durch das Annehmen von UnlustgefühlenUnlustgefühle (Angst, Schuldgefühle, Schmerz) lösen. Viele Menschen sind dazu jedoch oft nicht fähig. In den ersten Jahren ihrer Entwicklung (0–7 Jahre) können Kinder die Triebbefriedigung noch nicht bewusst unterlassen und die daraus resultierende Unlust, z. B. das Gefühl der Einsamkeit oder die fehlende Zuneigung der Mutter, akzeptieren. Darum sorgen sie stattdessen für die Befriedigung des Triebes (z. B. Bewältigen der Einsamkeit durch Schreien nach der Mutter), was aber bedeutet, dass sie demzufolge ein schlechtes Gewissen aushalten müssen („Wenn Mama das rauskriegt, wird sie böse auf mich sein“). Ganz gleich, wie der Konflikt also gelöst wird, entstehen Unlustgefühle. Um sich diesen Unlustgefühlen nicht aussetzen zu müssen, verschiebt das Ich den Konflikt ins UnbewussteUnbewusstesKonflikte. Der ungelöste KonfliktKonflikteungelöste und die daraus resultierenden Unlustgefühle scheinen dann nicht mehr existent zu sein, sodass die Psyche dadurch zunächst eine Entlastung erfährt.

Gut zu wissenDie Leistung des Ichs, Konflikte im KonflikteunbewussteUnbewussten zu halten, ist mit einem Haus mit zwei Falltüren vergleichbar: Die eine führt in den Keller, wo die triebhaften Impulse liegen, die andere auf den Dachboden, wo die abgeschobenen Moral- und Wertvorstellungen der Gesellschaft und der entsprechenden Kultur „unter Verschluss“ gehalten werden. Die verdrängten Konflikte oder Triebimpulse streben jedoch danach, vom Ich wahrgenommen zu werden. Je mehr ich in meiner Persönlichkeit verdrängt habe, desto mehr habe ich damit zu tun, die beiden Türen geschlossen zu halten, v. a. wenn äußere Auslöser alte, verdrängte Konflikte wieder zu aktualisieren drohen. Um diese Aktualisierung alter Konflikte zu unterdrücken, hat unser Ich diverse Abwehrmechanismen entwickelt.

Folgende Psychoanalytische TherapieAbwehrmechanismenAbwehrmechanismenAbwehrmechanismen sind beschrieben:
  • Verdrängung, VerleugnungVerleugnungVerdrängung

  • ProjektionProjektion

  • Identifikation/IntrojektionIntrojektionIdentifikation

  • ReaktionsbildungReaktionsbildung

  • RegressionRegression

  • VerschiebungVerschiebung

  • IsolierungAffektisolierung/AbspaltungAbspaltung

  • SublimierungSublimierung

  • RationalisierungRationalisierung

  • KonversionKonversion

Verdrängung/Verleugnung
Nach klassischer Vorstellung werden affektbesetzte KonflikteaffektbesetzteKonflikteAffektbesetzte Konflikte, Gedanken oder Triebimpulse aus dem Bewusstsein verdrängt oder verleugnet („Vogel-Strauß-Technik“).

Beispiel

Verdrängung/Verleugnung

Die Mutter VerleugnungVerdrängungerklärt ihrem Sohn, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist. Dieser reagiert zunächst mit Verleugnung: „Das ist doch gar nicht wahr.
Das sind nur Behauptungen von Gegnern der Tabakindustrie“, dann mit Verdrängung: „Ich will davon nichts hören, was kümmert mich das?“.
Projektion
ProjektionDie Schwachstellen, die jemand an sich nicht akzeptieren kann, werden einer anderen Person zugeschrieben, auf sie übertragen (projiziert) und dann an ihr kritisiert, vergleichbar einem Spiegelbild. Dies bezeichnet man als Projektion.

Beispiel

Projektion

Eine Frau kritisiert an ihrem Mann, dass er immer unzufrieden sei und ständig an ihr herumnörgele. Dabei fällt auf, dass die Frau selbst unzufrieden ist und ihrem Mann dauernd Vorhaltungen macht.
Oder: „Ich bin gar nicht aggressiv. Du bist doch ständig wütend auf mich!“
Introjektion/Identifikation
Die IntrojektionIntrojektion kann als Gegenteil der Projektion gesehen werden, bei der jemand Teile von sich selbst in jemand anderen hineinprojiziert. Bei der Introjektion (VerinnerlichungVerinnerlichung) werden Eigenschaften einer anderen Person übernommen, um eigene unerwünschte Triebe und Bedürfnisse abzuwehren. In starker Ausprägung kann Introjektion dazu führen, dass sich jemand die Bewegungen, die Gedanken, die Sprache und sogar die Wertvorstellungen einer Person aneignet und mit derselben Gestik und Mimik auftritt wie sie. Introjektion und IdentifikationIdentifikation stellen den gleichen Abwehrmechanismus dar.

Beispiel

Introjektion/Identifikation

Ein Vater verbietet seinem Sohn, die Hochschule zu besuchen, obwohl er als junger Mann selbst darunter gelitten hat, dass er seine berufliche Laufbahn unterbrechen musste, um den Handwerksbetrieb der Eltern fortzuführen. Oder ein kleines Mädchen putzt und kocht für seinen Vater, während die Mutter im Urlaub ist.
Unter der Identifikation mit dem Aggressor (Angreifer) wird eine besondere Form der Identifikation verstanden, bei der z. B. eine vergewaltigte Frau den Täter in Schutz nimmt. Um die ohnmächtige und unerträgliche Angst, die an das Verbrechen geknüpft ist, erträglicher zu machen, stellt sich die bedrohte Frau auf die Seite des Bedrohenden. Oder der Bedrohte macht sich die Wertmaßstäbe des Angreifers zu eigen: „Es geschieht mir gerade recht, dass mein betrunkener Vater mich schlägt; ich habe mich unmöglich verhalten.“

Gut zu wissenUm angsterzeugende Gedanken und Bilder nicht zulassen zu müssen, wird der Konflikt auf eine andere Person (aus dem sozialen Umfeld) abgewälzt, die z. B. die Rolle des „Sündenbocks“ oder auch des „idealen Selbst“ zu erfüllen hat. Diese Reaktion bezeichnet man auch als psychosoziale Psychosoziale AbwehrAbwehrmechanismenpsychosozialeAbwehr.

Reaktionsbildung
Werden nicht akzeptierte Erlebnisinhalte ins Gegenteil verkehrt und damit kompensiert, spricht man von Reaktionsbildung.Reaktionsbildung Statt Hass entsteht Mitleid oder Freundlichkeit. Um Faulheit zu kompensieren, wird übertriebene Geschäftigkeit an den Tag gelegt. Das Verhalten der überfürsorglichen Mutter Mutter, überfürsorgliche(„overprotective mother“) ist z. T. durch eine latente Ablehnung erklärbar.

Beispiel

Reaktionsbildung

Eine Großmutter mag eines ihrer Enkelkinder nicht so besonders gern und lehnt es im Gegensatz zu den anderen Enkeln emotional ab. Wenn sie mit den Enkelkindern gemeinsam etwas unternimmt, ist sie zu dem abgelehnten Enkelkind jedoch viel freundlicher als zu den anderen und lässt größere Nachsicht walten.
Regression
Regression Regression(lat. regredi, zurückgehen) entspricht der Rückkehr zu unreifen frühkindlichen Verhaltensweisen. Dadurch wird der Betroffene seiner Verantwortung oder Entscheidung enthoben.

Beispiel

Regression

Bei der Geburt eines Geschwisterchens beginnt ein Kind nachts im Bett wieder einzunässen (Regression in die anale Phase)Regressionin die anale Phase.
Oder: Eine Studentin, die von ihrem Freund verlassen wurde, lässt sich von einer Freundin „bemuttern“.
Verschiebung
VerschiebungWenn Triebspannungen an Ersatzobjekten abreagiert werden, weil die Bedürfnisbefriedigung am eigentlichen Objekt nicht möglich, sozial nicht akzeptiert, zu gefährlich oder unerreichbar ist, spricht man von Verschiebung.

Beispiel

Verschiebung

Ein Büroangestellter ist wütend auf seinen Chef, zerreißt das ausgestellte Arbeitszeugnis und wirft es in den Papierkorb. Auf dem Nachhauseweg beschimpft er einen Passanten (anstatt des Chefs) und gerät mit ihm in eine Prügelei.
Affektisolierung/Abspaltung
Bei der Affektisolierung AffektisolierungAbspaltungwerden unangenehme oder unerwünschte Gefühle vom Erlebten getrennt. Die zusammengehörenden Inhalte werden nur noch rational wiedergegeben.

Beispiel

Affektisolierung

Kriegssoldaten erzählen oft wehmütig von den schrecklichen Kriegsereignissen. Das damit verbundene Gefühl der Angst wird dabei isoliert und schwingt bei der Erzählung nicht mit.
Auch bei Zwangsstörungen kommt es häufig zu einer Trennung von Gefühlen (z. B. dem Gefühl, schmutzig zu sein oder die Kontrolle zu verlieren) und den zwanghaften Handlungen (hier: Waschzwang bzw. Kontrollzwang).
Sublimierung
Sublimierung Sublimierungist die Befriedigung triebhafter Bedürfnisse durch gesellschaftlich anerkannte Ersatzhandlungen. Sozial weniger akzeptierte Regungen werden damit in sozial höherwertige Ziele umgewandelt.

Beispiel

Sublimierung

Ein junger Mann, der Kontaktschwierigkeiten hat, wird Informatikstudent, verbringt seine Freizeit vor dem Computer und widmet sich beruflich ausschließlich der Entwicklung neuer Softwareprodukte.
Ein Mann, der unter aggressiven, selbstzerstörerischen Impulsen leidet, bringt seine Gefühle in Gedichten oder in der Malerei zum Ausdruck. Auch sexuelle Bedürfnisse finden oft im künstlerischen Bereich ihren gesellschaftlich anerkannten Ausdruck.
Rationalisierung
Rationalisierung Rationalisierungist die nachträgliche verstandesmäßige Begründung eines emotional schmerzhaften Erlebens.

Beispiel

Rationalisierung

„Ich bin froh, dass ich diesen Mann los bin. Er ging mir sowieso auf die Nerven.“
Oder: „Ich kann nicht mit dem Rauchen aufhören – ich brauche jetzt Kraft für das Studium.“
Ein Heilpraktiker, der ungenügend auf die Prüfung vorbreitet ist, begründet sein Scheitern damit, dass der Prüfer ihn einfach nicht leiden konnte und ihn deswegen habe durchfallen lassen.
Konversion
Bei der Konversion Konversion(lat. convertere, umwandeln) findet ein ungelöster Konflikt einen körperlichen Ausdruck.

Beispiel

Konversion

Eine Frau kann die Nähe ihres Partners nicht mehr ertragen und leidet unter Ausfallerscheinungen und Lähmungen, wenn sie mit ihm zusammen ist.
Oder eine Jugendliche möchte am Abend gern mit ihren Freundinnen ins Kino gehen. Die Mutter bittet sie aber, bei ihr daheim zu bleiben, weil es ihr nicht so gut gehe. Kurz darauf bekommt das Mädchen einen Krampfanfall, sodass es die Verabredung mit den Freundinnen absagen muss. Dadurch umgeht das Mädchen den Konflikt, ins Kino zu gehen und die Mutter zu versetzen.
Einen weiteren Abwehrmechanismus stellt nach Adler die KompensationKompensation dar. Dabei werden unangenehme Empfindungen oder Vorstellungen durch ein bestimmtes Verhalten abgewehrt (z. B. ein kleingewachsener Mann, der seinen vermeintlichen körperlichen Mangel durch den Besitz von teuren Autos und übertriebenes berufliches Engagement kompensiert).

Merke

AbwehrmechanismenAbwehrmechanismen sind nicht grundsätzlich pathologisch! Sie stellen Strategien zur intrapsychischen Konfliktbewältigung dar. Gerade die Sublimierung spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von „Kultur“ (Abwehrmechanismenreifereifer Abwehrmechanismus), und die Fähigkeit zur Identifikation ist ein wichtiger Bestandteil der „normalen“ kindlichen Entwicklung. Ob ein Abwehrmechanismus als krankheitsbedingend eingestuft werden muss, ist nur individuell zu klären. Entscheidend ist, ob er dem Entwicklungsstand des Individuums angemessen ist oder ob ein Erwachsener z. B. auf eine infantile Lösungsstrategie zurückgreift, bei der die Abwehr misslingt und sich Symptome einer Neurose ausbilden.

Psychoanalytisches Krankheitskonzept

Aus psychoanalytischerKrankheitskonzeptpsychoanalytischesPsychoanalytisches Krankheitskonzept Sicht werden als Ursachen für die Entstehung neurotischer Störungen unbewusste und ungelöste frühkindliche KonflikteFrühkindliche Konflikte, ungelösteKonfliktefrühkindliche ungelöste gesehen, die durch aktuelle traumatische Ereignisse wieder aufleben und zu krankhaftem Erleben und Verhalten führen können (Neurosenlehre). NeurosenlehreKonflikte entstehen, wenn Regungen und Wünsche der verschiedenen Persönlichkeitsinstanzen sich widersprechen (InstanzenmodellInstanzenmodell nach Freud). Tritt ein solcher Konflikt in einer bestimmten Phase der frühkindlichen Entwicklung auf (frühkindliche Entwicklungsphasen nach Freud) und können die sich widerstrebenden Intentionen nicht in Einklang gebracht werden, sodass der Konflikt nicht sinnvoll bewältigt wird, entsteht Angst,AngstAbwehrmechanismen die durch verschiedene Abwehrmechanismen neutralisiert werden kann. Die EntwicklungsphaseKindliche EntwicklungFixierung, fehlendeFixierung, Entwicklungsphase ist damit nicht „gelungen“ bzw. es findet eine Fixierung auf der entsprechenden Entwicklungsstufe statt. Wird der Konflikt zu einem späteren Lebenszeitpunkt durch äußere Bedingungen erneut aktualisiert, kann der Betroffene regredierenRegression und die infantilen Denk- und Verhaltensmuster annehmen, die in der gestörten Entwicklungsphase vorherrschten. Der Konflikt ist demnach nicht angemessen bewältigt und bringt neurotische Symptome hervor (Abb. 8.2).

Fall

Eine 20-jährige Studentin entwickelt in den ersten Monaten des Studiums eine generalisierte AngststörungAngststörungengeneralisierte. Die Studentin und ihre Schwester wurden sehr streng und gläubig erzogen. Bei Ungehorsam oder schlechten schulischen Leistungen wurden ihnen „Ausgänge“ und Treffen mit Freundinnen gestrichen. Oft redete die Mutter manchmal zur Strafe einen ganzen Tag nicht mit ihnen. Die Studentin erhält aufgrund ihres vorbildlichen Abiturs ein Stipendium und darf in einer vom Heimatort 100 km entfernten Stadt studieren. Bereits mit dem Umzug entwickeln sich die ersten Angstsymptome, die sich später zum Vollbild einer generalisierten Angststörung ausbilden (Kap. 13.3).

Psychoanalytisch lassen sich folgende Zusammenhänge aufdecken: Der rigide Erziehungsstil mit Liebesentzug führte in der analen Phase zu einem Autonomie-Abhängigkeits-Abhängigkeits-Autonomie-KonfliktKonflikt. Wollte die Studentin als Kind mehr Selbstständigkeit erleben, wurde dies bestraft. Das Über-Ich entwickelte also starke Verbote gegen Autonomietendenzen. Das Ich blieb dabei schwach ausgeprägt. Die Angst, die diese Konflikte mit sich brachten, wurde abgewehrt, eine Fixierung auf die anale Phase wurde damit begünstigt.

Als die Studentin eine tatsächliche Möglichkeit zur Selbstständigkeit in Aussicht hatte, nämlich durch Auszug aus dem elterlichen Heim und dem Einflussbereich der Eltern, wurde der verdrängte Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt reaktiviert. Da die Studentin Autonomietendenzen als etwas Unerlaubtes und Verbotenes erlebt hat, entwickelt sie Angst, wenn diese Autonomie real wird. Sie verfällt auf ein Denk- und Verhaltensmuster der analen Phase (RegressionRegression) und entwickelt neurotische Symptome (AngststörungAngststörungenanale Phase, gestörte).

Therapiesetting

Klassische Psychoanalyse
Die äußeren Rahmenbedingungen bei der klassischen PsychoanalysePsychoanalyseklassischePsychoanalytische TherapieSetting sind festgelegt. Man nennt sie auch das psychotherapeutische „Setting“. Der Klient liegt auf der Couch, der Therapeut sitzt, nicht sichtbar für den Klienten, am Kopfende. Er ist ihm mit gleichschwebender Aufmerksamkeit (Therapieprinzipien) zugewandt. Dieses Setting soll dem Klienten gestatten, sich – von äußeren Einflüssen möglichst unbeeinflusst – auf seine Gedanken und psychischen Wahrnehmungen zu konzentrieren. Die Sitzungen finden über mehrere Jahre zwei- bis dreimal wöchentlich (hochfrequent) statt.
Tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie
Die tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapietiefenpsychologisch orientiertePsychotherapie Tiefenpsychologisch orientierte PsychotherapieSettingist eine modifizierte Form der Psychoanalyse. Die Therapie ist stärker auf die aktuellen Probleme und ihren Bezug zur Lebensgeschichte ausgerichtet. Dabei sitzt der Klient gewöhnlich dem Therapeuten gegenüber, und der Therapeut ist in den Sitzungen aktiver (macht z. B. Vorschläge). Die Sitzungen finden einmal pro Woche statt, und die gesamte Therapie umfasst maximal 30 Stunden. Die Fokaltherapie Fokaltherapieist auf die Behandlung von Krisensituationen und aktuellen Beziehungskonflikten beschränkt. Im Fokus der Therapie steht der für die aktuelle Symptomatik auslösende Konflikt. Sie dauert nicht länger als 30 Therapiestunden und ist in ihrem Vorgehen klar strukturiert.

Therapievoraussetzungen

Anamnese
Am Beginn jeder Psychoanalytische TherapieVoraussetzungenpsychodynamischen Therapie Psychodynamische TherapieAnamnesesteht die ausführliche tiefenpsychologische Anamnese,Anamnesetiefenpsychologische auch psychoanalytisches Erstgesprächpsychoanalytisches„ErstinterviewPsychoanalytisches Erstinterviewgenannt. Sie dient zur Klärung von grundsätzlichen Fragen zur Person, biografischen Daten und deren Bedeutungszusammenhang für aktuelle Konflikte und Symptome. Im Erstgespräch versucht der Therapeut, sich bereits durch die Art, wie sich der Klient in der Situation verhält und gibt (die „Szene“), ein erstes Bild von der unbewussten Dynamik des Patienten zu machen.
Die Anamnese Psychoanalytische TherapieAnamneseist Voraussetzung und Grundlage für die Bestimmung des Krankheitsbildes (Symptome, Beginn, Verlauf, gegenwärtige und vergangene Lebensbedingungen), den Aufbau einer therapeutischen Beziehung sowie die Entscheidung über das therapeutische Vorgehen. Besondere Beachtung finden dabei Beziehungsaspekte und ihre Dynamik. Der Arbeitskreis OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik) OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik)versucht in letzter Zeit, die Behandlungskriterien für die psychodynamische Arbeit klar zu definieren und Standards zu entwickeln, die auch eine wissenschaftliche Überprüfung der Verfahren möglich macht.
Fähigkeiten des Klienten
Für die Durchführung einer psychoanalytischen Therapie sollte der Klient bestimmte Voraussetzungen erfüllen:
  • Ausgeprägter Leidensdruck

  • Motivation zur Therapie

  • Ich-Stärke und Fähigkeit zur Introspektion (Selbstbeobachtung)

  • Ausreichende Intelligenz sowie Verbalisierungsfähigkeit und Reflexionsvermögen

Therapieprinzipien

Abstinenzregel
Als Grundregel für den Psychoanalytische TherapiePrinzipienTherapeuten gilt die Abstinenzregel:Psychoanalytische TherapieAbstinenzregelAbstinenzregel
  • Er pflegt außerhalb der Therapie keine persönlichen Kontakte zu seinem Klienten oder dessen Bezugspersonen.

  • Er gibt keine Informationen über die eigene Person, persönliche Erlebnisse oder eigene Probleme weiter.

  • Er ist nicht verführerisch.

Der Therapeut ist vielmehr ein Spiegel – eine Art weiße Leinwand, auf die der Klient alle seine Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte projizieren kann und die der Therapeut anschließend mit ihm beleuchtet und analysiert.

Beispiel

Abstinenzregel – „Schmetterlinge im Bauch“

Lisa kommt in die psychotherapeutische Praxis. Der Therapeut fragt: „Was führt Sie zu mir?“ Sie antwortet: „In meinem Bauch und um meinen Kopf herum flattern lauter Schmetterlinge.“ Dabei wedelt sie wild mit den Armen. Daraufhin antwortet der Therapeut mit ärgerlichem Gesichtsausdruck und abwehrenden Bewegungen: „Na und? Aber doch bitte nicht alle zu mir!“
Gleichschwebende Aufmerksamkeit
Um eine gelungene Analyse Aufmerksamkeit, gleichschwebendevornehmen zu können, muss sich der Therapeut dem Klienten aufmerksam zuwenden, sich eigener Meinungsäußerungen enthalten und dem Klienten gegenüber wertneutral bleiben. Diese Einstellung des Therapeuten wird als „gleichschwebende Aufmerksamkeit“Psychoanalytische TherapieAufmerksamkeit, gleichschwebende bezeichnet.
Freie Assoziation
Für den Klienten gilt das Freie AssoziationAssoziation, freiePrinzip des freien Assoziierens. Psychoanalytische Therapiefreies AssoziierenEr soll alles aussprechen dürfen, was ihm spontan einfällt, auch Dinge, die ihm unlogisch, nicht zur Sache gehörig oder unwichtig erscheinen. Dadurch sollen verstärkt Impulse des Es angeregt werden, die dem Analytiker das Material für seine Deutungsarbeit liefern. Ziel ist es, die Regression zu verstärken, bei der der Bezug zur gegenwärtigen Realität gelockert wird, unbewusste, in der Kindheit erworbene Anteile zum Vorschein zu bringen und eine Übertragung zu erleichtern.
Übertragung
Die ÜbertragungPsychoanalytische TherapieÜbertragungÜbertragung ist das therapeutische Mittel, bei dem wiedererwachende kindliche Gefühle auf den Therapeuten übertragen werden. Es können also frühkindliche Erlebnisse und Traumen in der Interaktion zwischen Klient und Therapeut sichtbar werden. Die so geschaffene Situation wird dann Gegenstand der psychotherapeutischen Deutungsarbeit. In der Übertragung werden unbewusste, bisher verbotene, unterdrückte (verdrängte) kindliche Gefühle und Wünsche (z. B. Aggressionen, Liebeswünsche, Hassgefühle) insbesondere gegenüber primären Bezugspersonen (z. B. Vater oder Mutter) wiederbelebt und auf den Analytiker übertragen. Der Therapeut kann dem Klienten helfen, die verdrängten Gefühle zu erkennen und zu bearbeiten. Bei diesem Prozess ist es besonders wichtig, dass sich der Therapeut seiner eigenen neurotischen Konflikte bewusst ist, damit er sich nicht in die Problematik des Patienten hineinziehen lässt und mit einer Gegenübertragung reagiert.
Gegenübertragung
Psychoanalytische TherapieGegenübertragungGegenübertragungDer Therapeut sollte sich über seine eigenen neurotischen Anteile bewusst sein, damit er den Äußerungen und Regungen des Klienten neutral begegnen kann. Werden durch das Verhalten des Klienten Gefühle und konflikthafte Impulse im Therapeuten wachgerufen, spricht man von Gegenübertragung. Auch sie kann im Rahmen einer Supervision Teil der Therapiearbeit sein. Positiv auf den Prozess wirkt sie sich nur aus, wenn sich der Therapeut aktiv mit dieser Gegenübertragung beschäftigt und sie professionell analysiert, damit sie den Therapieverlauf nicht negativ beeinflusst.
Nach Freuds anfänglicher Konzeption beinhaltete die Gegenübertragung nur jene in der Therapie ausgelösten Konflikte und Probleme des Therapeuten, die dieser auf den Klienten überträgt (z. B. sich seinerseits verliebt, aggressiv reagiert oder sich bewertet fühlt) und dadurch den Therapieprozess beeinträchtigt. Später erfuhr der Begriff Gegenübertragung dann eine Erweiterung, sodass gegenwärtig drei Auffassungen die Diskussion unter Psychoanalytikern um diesen Begriff bestimmen:
  • Unter Gegenübertragung versteht man unbewusste Reaktionunbewusste, GegenübertragungReaktionen des Analytikers auf die Übertragung des Klienten.

  • Als Gegenstück zur Übertragung beinhaltet der Begriff Gegenübertragung alle Übertragungen des Psychotherapeuten, die durch eigene ungelöste Konflikte hervorgerufen oder verursacht werden.

  • Gegenübertragung bezeichnet die Gesamtheit der Gefühle und Einstellungen des Analytikers seinem Klienten gegenüber.

Widerstand
Im Therapieprozess werden unbewusst Konflikte reaktiviert, die in der Regel mit unangenehmen Empfindungen wie Schmerz, Wut, Angst oder Scham assoziiert sind. Das kann zur Verunsicherung des Klienten führen. Dieser kann bewusst oder unbewusst WiderstandPsychoanalytische TherapieWiderstandWiderstand, Konfliktaufdeckung gegen die Aufdeckung der Konflikte KonflikteAufdeckungswiderstandleisten und damit den Prozess der Therapie blockieren oder erschweren. Offene oder versteckte Aggressionen gegenüber dem Therapeuten (als Ausdruck von Angst) wie das Vergessen oder Versäumen von Terminen, wiederholte Verspätungen (Ausweichverhalten), Schweigen während der Sitzung, mehrfaches Missverstehen des Therapeuten sowie Vergessen zentraler Ereignisse in der eigenen Biografie können Zeichen des Widerstands sein.

Interventionstechniken

Ziele der analytischen Therapie sind Psychoanalytische TherapieInterventionstechnikendie Aufdeckung und das Bewusstmachen von verdrängten und nicht wahrgenommenen Konflikten sowie ihre Bearbeitung in der Interaktion von Klient und Therapeut. Zu den Interventionstechniken der psychoanalytischen Therapie zählen:
  • Klarifizieren

  • Interpretieren

  • Konfrontieren

  • Durcharbeiten

Im ersten Schritt werden die entscheidenden Inhalte des Konflikts aufgedeckt (Klarifizierung);Klarifizierung von KonfliktenKonflikteKlarifizierung dann deutet der Therapeut die Inhalte des Konflikts, die Übertragungssituation, und erarbeitet einen Zusammenhang zwischen den Symptomen und dem Konflikt (Interpretation).Interpretation von KonfliktenKonflikteInterpretation Mit diesen Interpretationen konfrontiert er dann den Klienten (Konfrontation), KonfrontationsverfahrenKonflikteKonflikteKonfrontationder diese Informationen verarbeitet und in sein Selbstbild zu integrieren versucht (Durcharbeiten).Durcharbeiten von KonfliktenKonflikteDurcharbeiten

Therapieindikationen

Indikationsschwerpunkt psychodynamischer Therapien sind die NeurosenNeurosen/neurotische StörungenTherapieindikationenPsychoanalytische TherapieIndikationen. Dazu gehören die Symptom-Symptomneurosen und CharakterneurosenCharakterneurosen.

Gut zu wissenIn der ICD-10 wurde das Neurosen/neurotische StörungenICD-10ICD-10NeurosenkonzeptNeurosenkonzept aufgegeben. Neurotische Störungen, die im Kapitel F4 dargestellt werden, können nach genauer Prüfung ggf. psychodynamisch therapiert werden (Kap. 13).

Nach gängiger Nomenklatur sind es die neurotischen, Anpassungs- und somatoformen Störungen, die Persönlichkeitsstörungen und die Dysthymia, die sich nach individueller Prüfung für aufdeckende Therapieverfahren eignen. Andere Krankheitsbilder sind eher Gegenstand von supportiven und/oder übenden Verfahren (Verhaltenstherapie).

Merke

Bei akuten schweren Depressionen und schizophrenen Störungen ist die psychodynamische Schizophrenie/schizophrene Störungenpsychodynamische Therapie, KontraindikationenPsychodynamische TherapieKontraindikationenDepression/depressive Episodepsychodynamische Therapie, KontraindikationTherapie kontraindiziert, weil sie eine Verschlechterung der Symptomatik bis hin zum Suizid Psychoanalytische TherapieKontraindikationenbewirken kann.

Fall

Zur Veranschaulichung eines psychotherapeutischen PsychotherapieSettingTherapietranskriptSettings wird folgendes Therapietranskript (Auszug) dargestellt:

„Der paranoideParanoide PersönlichkeitsstörungTherapiebeispiel Klient: Sich sicher fühlen in der Welt“

Therapietranskript: Rose

Rose ist zu einem viertägigen Therapie-Workshop gekommen. Ihr Problem ist, dass sie Männern und ganz allgemein der Welt nicht vertraut. Ihr Vertrag über das, was sie ändern möchte, lautet: „zu vertrauen, wenn es sicher und angebracht ist“.

Vann: Was würdest du gerne an dir ändern?

Rose: Ich möchte … ein … Ich möchte in der Lage sein, diesen Filter rauszubekommen … so’n bisschen zumindest. Ich möchte Männern mehr vertrauen können. Ich möchte vertrauen können, aber vermutlich nicht nur Männern, sondern auch der Welt, und das scheint auch das zu sein, woran ich noch arbeiten muss. Deshalb möchte ich vertrauen, mehr vertrauen und dennoch nicht meine ganze Urteilsfähigkeit verlieren … (lacht)

Rose eröffnet das Gespräch, indem sie gleich auf das Thema Vertrauen/Misstrauen eingeht, ein zentrales Thema für eine Veränderung bei einem paranoiden Persönlichkeitsstil. Gleichzeitig wertet sie aber ihre Fähigkeit ab, sich ändern und vertrauen zu können. Dies deutet sie gleich zu Anfang durch die für Paranoide typische Spieleinladung an, dass sie fähig sein möchte, anstatt zu sagen, dass sie es sein wird. Dies mache ich ihr in meiner Antwort deutlich:

Vann: Du sagtest eben: „Ich würde es gern können“, als ob du diese Fähigkeit nicht hättest. Deshalb glaube ich, es ist wichtig zu erkennen, dass es keine Frage der Fähigkeit ist, sondern des Wollens, und du hattest auch gute Gründe, nicht zu vertrauen.

Rose: Ah, hm.

Vann: Möchtest du in Situationen, die du als sicher einschätzt, vertrauen; und auch deine Fähigkeit einsetzen, Situationen und Menschen, die dir nicht vertrauenswürdig erscheinen, davon zu unterscheiden? Mir ist schon klar, dass man Vertrauen nicht einfach ein- und ausschalten kann, sondern über einen bestimmten Zeitraum mit Zuverlässigkeit kontinuierlich aufbauen muss.

Rose: Ah, hm … Ja, dann möchte ich genau das machen, was du gerade sagtest (lacht).

Roses Wortwahl und ihr Lachen bewerte ich als übermäßige Anpassung ihres Kind-Ichzustands an mich. Dies ist wahrscheinlich ihre Reaktion auf eine paranoide Angst, dass sie verletzt werden könnte, wenn sie sich zu weit weg vom Vertrauten wagt. Ich antworte, indem ich ihr die Verantwortung zurückgebe:

Vann: Wie würdest du es ausdrücken?

Rose: O. K., in meinen eigenen Worten: Ich würde gerne vertrauen, wenn es sicher ist zu vertrauen und wenn es … em, angebracht ist, und ich möchte nicht vertrauen, wenn es nicht angebracht ist. So würde ich es ausdrücken.

Vann: O. K., dann vertraue deiner Fähigkeit, das zu erkennen.

Ich bestätige ihr, dass das eigentliche Thema beim Vertrauen das Vertrauen in sich selbst ist, für die eigene Sicherheit zu sorgen.

Rose: Ah, hm.

Vann: Bist du damit einverstanden, das in deine Tasche zu tun? (Sie hat mit dem Mikrophon rumgespielt.) Der Grund, warum ich das sage ist, dass du dich damit ablenken kannst.

Rose: Ah, hm.

Vann: Ich sehe auch, wie du dasitzt, dass du auf einem deiner Füße sitzt. Rose (verändert ihre Sitzposition): O. K.

Wenn jemand auf einem Fuß sitzt, ist das oft ein Anzeichen dafür, dass die Klientin einen Teil von sich versteckt, beschützt oder unterdrückt. Sobald ich ihr das bewusst mache, passt sie sich übermäßig an mich an und ändert ihre Position. Das deutet auf ihre Überempfindlichkeit hin, etwas nicht zu tun, was jemand kritisieren könnte. Wieder konfrontiere ich ihre übermäßige Anpassung:

Vann: Nun, ich wollte nicht damit sagen, dass du deine Sitzposition verändern sollst. Vielleicht wäre es ganz hilfreich, sich zu überlegen, wie man das in Worten ausdrücken kann.

Rose: Ah, hm (nimmt die vorherige Sitzposition wieder ein). Das fühlt sich einfach … Es fühlt sich bequem an und ich fühle mich etwas mehr bei mir selbst. Wenn ich meinen Fuß unter mir habe, fühle ich mich ein bisschen sicherer in meinem Körper, und wenn ich beide Füße hochnehmen könnte (nimmt den anderen Fuß auch hoch), fühle ich mich ziemlich wohl … So, so würde ich es am liebsten machen, aber das ist schon fast etwas unbequem … (nimmt das rechte Bein wieder runter).

Vann: Wenn du dein linkes Bein wärest … und du solltest das beschreiben, was würdest du sagen?

Rose: Na ja, es fühlt sich gut an, da drunter.

Vann: „Ich fühle mich gut …“

Rose: Ich fühle mich sicher. Ich fühle mich gut. Ich fühle mich beschützt und … em, ich fühle mich, ja, als wäre ich beschützt … So unter ihr sitzend, fühle ich mich beschützt … da drunter.

Die Wichtigkeit dieser Position wird später deutlich, wenn sie über das Verstecken ihrer Gefühle spricht. Sie hat sich als Kind auch unter dem Bett versteckt. Ich lade Rose jetzt ein, nicht mehr zu verallgemeinern (eine weitere für Paranoide typische Verteidigungstaktik) und frage sie nach einer bestimmten Situation, um ihr zu helfen, noch weiter in den Zielbereich für Paranoide vorzudringen, in die Gefühle:

Vann: O. K., und was genau wäre momentan eine Situation, in der du gerne vertrauen würdest und in der es dir schwer fällt, Männern zu vertrauen … oder einem Mann?

Rose: Em, z. B. bei der Arbeit … Mein Abteilungsleiter … em, ich arbeite dort seit fünf Monaten und … em … em, ich mag ihn. Er ist … em … und manchmal … em … sage ich ihm nicht, was ich wirklich denke. Weißt du, em, er sagt mir oft, dass er mich schätzt, und ich glaube, das tut er, und manchmal glaube ich das nicht wirklich.

Ich glaube, er versucht, mich reinzulegen. Ich glaube, er sagt das bloß, damit ich härter arbeite oder, weißt du, er sagt mir das, und dann mache ich irgendwie das, was ich machen soll. Ich traue manchmal nicht dem, was er mir sagt.

Dies ist ein Beispiel für das Misstrauen eines paranoiden Persönlichkeitsstils. Es rechtfertigt, Distanz zu halten, damit man nicht verwundbar ist.

Vann: Ist das der Teil von dir, auf dem du sozusagen sitzt oder den du versteckst oder zurückhältst oder was auch immer … das, was du wirklich fühlst?

Rose: Ja, so wie zu diesem Workshop zu kommen oder eine bestimmte Schulung zu machen, er sagt, dass das so viel kostet, und wir sollten in der Lage sein, uns das selbst beizubringen, und das fühlt sich an, als ob ich für das, was ich weiterhin gerne machen würde, wie z. B. Weiterbildungen, abgewertet werde.

Vann: Wenn du nun sagen solltest, was du wirklich sagen möchtest, wenn du wirklich für dich selbst eintreten solltest, was würdest du ihm sagen? Vielleicht versuchst du mal, beide Füße auf den Boden zu stellen, um zu schauen, was du in der Sitzhaltung sagen würdest.

Mit diesem Vorschlag lade ich sie ein, sich ihrer Stärke als Erwachsene zu bemächtigen – für sich selbst einzustehen.

Rose: Em, ich würde sagen … em … Fred, ich glaube an das, was ich machen möchte. Ich glaube an die Schulungen, die ich mache und ich … em, ich schätze es gar nicht, wenn du dann laut wirst und sagst: „Du weißt, wie viel das kostet! Diese Leute bescheißen dich vielleicht“ … Und es fühlt sich an, als ob du mich herabsetzen würdest, und … em, ich sollte das besser nicht hinnehmen, ich will ein klares „Ja“ oder „Nein“ von dir hören, und nicht das ganze andere Gedöns.

Vann: Gut. Wie fühlt es sich an, das zu sagen?

Rose: Na ja, hier und jetzt fühlt es sich gut an, es zu sagen.

Vann: Sicher … sicher. Ich habe die Vermutung, dass es irgendwann in deinem Leben nicht sicher war, für dich selbst einzutreten.

Rose: Ah, hm. Ja, nun …

Vann: Bei wem war das so?

Nachdem klar ist, welche Veränderung Rose im Hier und Jetzt möchte, suche ich nun nach der Person, von der sie als Kind ihr Unsicherheitsgefühl gelernt hat.

Rose: Oh, hm, mein Vater … Weißt du, ich habe vermutlich … meinen Vater … ich hab es aber einmal gemacht. Ich habe mich für mich selbst eingesetzt.

Vann: Was ist passiert?

Rose: Oh, ich, na ja, ich habe ihn zusammengeschlagen, im Prinzip. Also … ich bin gegangen … er hat versucht, mich fürs letzte Mal zu prügeln und hat mich mit dem Gürtel geschlagen und ich bin ihm nach.

Vann: Dann bedeutet, dich gegen deinen Vater durchzusetzen, ihn zu verprügeln.

Ich helfe ihr, ihren paranoiden Glauben im Kind-Ichzustand ans Licht zu bringen, dass „ich entweder die volle Kontrolle haben muss oder gar keine“.

Rose: Ah, hm, ja.

Vann: Wenn das also die Optionen sind, dann fühlt es sich nicht gut an, für sich selbst einzutreten, weil …

Rose: Oder wegrennen. Ah, hm, genau.

Vann: Wie alt warst du … em … als all das mit dir und deinem Vater passierte? Als du dich fühltest, du müsstest entweder weglaufen oder ihn verprügeln?

Rose: Ein, nun, … em, ungefähr neun, und ich habe mich oft, … em, unter meinem Bett versteckt, weißt du …

Vann: Dann versetz dich doch einfach mal in die neunjährige Rose und beschreibe, wo du bist und was passiert. Du versteckst dich oft unterm Bett, was noch? [2]

Verhaltenstherapie

Definition

Die Verhaltenstherapie (VT) Verhaltenstherapiegeht davon aus, dass Krankheitssymptome Zeichen von erlerntem Fehlverhalten sind. Die fehlerhaften Verhaltensmuster, die meist schon in der frühen Kindheit erlernt wurden, können somit durch neue Lernprozesse auch wieder verändert werden. Die VT umfasst verschiedene lerntheoretisch fundierte Behandlungsmethoden, die auf experimentalpsychologischen Erkenntnissen beruhen. Die Behandlungstechniken können einzeln eingesetzt oder miteinander kombiniert werden.

Gut zu wissenDie Verhaltenstherapie wurde in den 1950er-Jahren von Skinner begründet, der sich u. a. auf Experimente von Pawlow stützte. Sichtbares Verhalten wurde als Reaktion auf Umweltreize gesehen, das sich experimentell untersuchen ließ. Empirische Untersuchungen, vielfach an Tieren, stellten die Grundlage für Modelle dar, welche die Entstehung von „normalem“ und gestörtem Verhalten erklärten. In den 1970er-Jahren gewannen innerpsychische Aspekte, die das wahrnehmbare Verhalten modifizieren, immer mehr an Bedeutung und erweiterten die lerntheoretischen Vorstellungen.

Grundannahmen

Grundlegende Prinzipien, die das menschliche Verhalten aus lerntheoretischer Sicht steuern, sind:
  • Klassische Konditionierung

  • Operante Konditionierung

  • Modell-Lernen

In der weiteren Entwicklung der Verhaltenstherapie gewannen auch innerpsychische Prozesse mehr Bedeutung, und das Prinzip der Kognitionen Kognitionenfand Eingang in die Entstehungsmodelle von Verhalten.
Klassische Konditionierung
Die klassische Konditionierung KonditionierungklassischeKlassische Konditionierunggeht zurück auf den Russen Iwan Pawlow (Pawlow, Iwan1849–1936), der Verhalten an Hunden studierte. Er beobachtete, wie ein Hund beim Anblick von Futter (unbedingter Reiz) mit vermehrtem Speichelfluss (unbedingte Reaktion) reagierte. Ertönte gleichzeitig mit dem Darbieten des Futters eine Glocke (neutraler Reiz), löste allein der Glockenton (bedingter Reiz) nach einiger Zeit den Speichelfluss (bedingte Reaktion) aus, ohne dass Futter bereitgestellt werden musste (Abb. 8.3). Der neutrale Reiz ReizneutralerNeutraler Reizist also zum bedingten oder konditionierten Reiz Reizkonditioniertergeworden Konditionierter Reizund löst die konditionierte Reaktion ReaktionkonditionierteKonditionierte Reaktionaus. Dieser Lernprozess wird als klassische Konditionierung bezeichnet.

Merke

Begriffe aus der Verhaltenstherapie und ihre Synonyme:

  • Reiz = Stimulus

  • bedingt = konditioniert

  • unbedingt = unkonditioniert

Allerdings verflacht bzw. verschwindet diese klassische Konditionierung wieder, wenn man den Hunden über eine gewisse Zeit nur die Glocke oder das Futter anbietet. Man nennt dies Extinktion (LöschungLöschung). ExtinktionErfolgt die Auslösung des Speichelflusses durch ähnliche, vergleichbare Reize, z. B. durch Betätigung einer Fahrradklingel, spricht man von Reizgeneralisierung. Reizgeneralisierung
Bemerkt der Hund allerdings, dass eine Belohnung mit Futter lediglich beim Erklingen der Glocke erfolgt, wird die Speichelproduktion nur dann einsetzen und nicht auch bei Erzeugung eines ähnlichen Tons mit einem anderen Instrument. In diesem Fall handelt es sich um Reizdiskriminierung (ReizdiskriminierungReizunterscheidung).

Beispiele

Klassische Konditionierung und Reizgeneralisierung

Tanzbären

KonditionierungklassischeKlassische KonditionierungUm Bären für eine Zirkusvorführung zum Tanzen zu bringen, zwang man sie, sich auf eine heiße Metallplatte zu stellen. Gleichzeitig spielte man eine bestimmte Musik. Um dem Schmerz auszuweichen, begannen die Bären zu „tanzen“. Nach einiger Zeit kam es zur Kopplung von „heiß“ und Musik und Schmerz. Die Bären „tanzen“ dann zur Musik auch ohne heiße Platte.

„Little Albert“

Der amerikanische Psychologe und Behaviorist John Watson ließ einen 11 Monate alten Jungen namens Albert mit einer weißen Ratte in einem Zimmer allein. Ohne Furcht kroch der Junge auf das Tier zu, doch jedes Mal, wenn er in die Nähe der Ratte kam, wurde er durch einen lauten Knall erschreckt. Albert fing an zu weinen und reagierte nach kurzer Zeit auf den Anblick der weißen Ratte mit Angst. Aber auch Kaninchen, ein Pelzmantel oder ein Mann mit langem Bart lösten beim Kind eine Angstreaktion aus (Reizgeneralisierung).Reizgeneralisierung Ohne Zweifel ist dieses Experiment sehr kritisch zu bewerten, weil es alle ethischen Kriterien außer Acht lässt und in dieser Form heute nicht mehr durchgeführt werden würde (Abb. 8.4) [3].
Operantes Konditionieren (instrumentelle Konditionierung)
Die Auftretenshäufigkeit eines Verhaltens wird Operante KonditionierungKonditionierungoperanteKonditionierunginstrumentelleInstrumentelle Konditionierungdurch Belohnung oder Bestrafung beeinflusst. Diesen Zusammenhang stellte Burrhus Skinner (Skinner, Burrhus1904–1990) in den Mittelpunkt seiner Theorie. Das Verhalten wird also wesentlich von seinen Konsequenzen bestimmt. Bei dieser Art von Konditionierung kommt es nicht – wie bei Pawlow – zu einer zufälligen Kopplung zweier Reize, vielmehr wird ein bestimmtes Verhalten bewusst verstärkt. Diese Art von „Belohnungslernen“ Belohnungslernenheißt operantes Konditionieren oder instrumentelle Konditionierung.
Verstärker ReizVerstärkersind Reize, welche die Auftretenswahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens erhöhen. Wie sie wirken können, zeigen unterschiedliche Verstärkungsformen:
  • Positive Verstärkung

  • Negative Verstärkung

  • Indirekte Bestrafung

  • Direkte Bestrafung

Positive Verstärkung
Verstärker/VerstärkungpositiveEin Verhalten kann dadurch verstärkt werden, dass unmittelbar angenehme Reize angeboten werden. In diesem Fall spricht man von positiver Verstärkung.

Beispiel

Positive Verstärkung

  • Ein Pferd erhält nach erfolgreicher Lektion ein Stück Zucker.

  • Ein Kind wird von seiner Mutter gelobt, weil es den Tisch gedeckt hat.

Negative Verstärkung
Verstärker/VerstärkungnegativeEin Verhalten kann aber auch dadurch verstärkt werden, dass ein unangenehmer Reiz vermindert wird oder wegfällt. Hier spricht man von negativer Verstärkung.

Beispiel

Negative Verstärkung

  • Das Einnehmen von Schmerztabletten führt zu einer Reduktion des Schmerzes. Der Konsum von Schmerztabletten wird durch das Nachlassen des Schmerzes negativ verstärkt.

  • Das Vermeiden einer angstbesetzten Situation (z. B. öffentliche Plätze oder enge Räume) führt bei Panikpatienten zu einer Verminderung der ängstlichen Erregung. Die Folge ist eine Zunahme des Vermeidungsverhaltens. Im Extremfall kann der Patient die Wohnung nicht mehr verlassen (Kap. 13.3). Das Verhalten, nicht aus dem Haus zu gehen, wird durch Wegfall der ängstlichen Erregung „belohnt“.

Indirekte Bestrafung
Fallen positive Verstärker Bestrafungindirektenach einem Verhalten weg, führt dies ebenfalls zu einer Abnahme des Verhaltens.

Beispiel

Indirekte Bestrafung

Eine Patientin mit einer somatoformen Schmerzstörung erhält, wenn sie sich über ihre schmerzhaften Beschwerden äußert, keine Zuwendung mehr vom Pflegepersonal oder den Therapeuten.
Direkte Bestrafung
Folgen unangenehme Reize auf ein Verhalten, kommt es zur Abnahme des Verhaltens. Eine solche Bestrafung Bestrafungdirekteführt aber meist nur zur kurzzeitigen Verhaltensänderung. Wird ein unerwünschtes Verhalten durch Missbilligung, Liebesentzug oder gar Schläge bestraft, wird es zwar zunächst nicht mehr gezeigt. Bei Wegfall der Strafe wird das Verhalten aber wieder auftreten. Eine direkte Bestrafung führt also nicht zur Extinktion. Auch aus ethischer Sicht ist die direkte Bestrafung in der Therapie oder in der Pädagogik kein geeignetes Mittel.

Beispiel

Direkte Bestrafung

Der Einsatz von Disulfiram (Antabus®) zur Therapie der AlkoholabhängigkeitDisulfiram (Antabus®)Alkoholabhängigkeit kann als direkte Bestrafung aufgefasst werden. Trinkt der Süchtige nach Einnahme von Antabus® Alkohol, wird ihm übel und schwindelig. Das Verfahren ist sowohl in seiner Wirksamkeit als auch aus ethischer Sicht umstritten.

Gut zu wissenVerstärker können auch in primär und sekundär unterteilt werden. Primäre VerstärkerVerstärker/Verstärkungprimäre befriedigen die Grundbedürfnisse des Menschen, z. B. Lob, Zuwendung; Essen, Trinken, Sexualtrieb, Körperkontakt (Abb. 8.5). Sekundäre VerstärkerVerstärker/Verstärkungsekundäre hatten ursprünglich keine verstärkende Wirkung, sondern sind erst durch einen vorangegangenen Lernvorgang zu Verstärkern geworden (Abb. 8.6). Dazu zählen materielle Verstärker wie Süßigkeiten, Wertmarken oder Geld.

Merke

Um eine Verhaltensänderung herbeizuführen, muss die Belohnung (Verstärkung) unmittelbar auf das erwünschte Verhalten erfolgen.

Modell-Lernen
Modell-LernenDie lerntheoretischen Konzepte, die sich allein auf das sichtbare Verhalten bezogen, stießen schnell an ihre Grenzen. Albert Bandura Bandura, Albertstellte andere Aspekte des Lernens in den Vordergrund seiner Untersuchungen, nämlich das soziale LernenLernensoziales, und entwickelte das Konzept des Modell-Lernens. Lernenam ModellAllein die Beobachtung von „Vorbildern“ (z. B. von Bezugspersonen, Gleichaltrigen, Stars) und deren Verhalten hat einen wesentlichen Einfluss auf die Verhaltensmuster von Kindern und Jugendlichen.

Merke

Modell-Lernen ist ein klassischer Lernprozess bei Kindern, welche die Verhaltensweisen der Eltern nachahmen. Kinder, die ihre Mutter beim Kochen beobachten, spielen die gleiche Situation gern in ihrer Puppenküche nach und imitieren dabei Gestik, Mimik und Aussagen der Mutter.

Kognitionen
In den 1970er-Jahren Kognitionenwurde die Lernpsychologie um entscheidende Überlegungen erweitert. Verhalten wurde nicht mehr allein als Reaktion auf äußere Reize gesehen, sondern als Zusammenspiel von innerpsychischen Prozessen und Reaktionen auf die Umwelt gedeutet. Wie das Individuum auf äußere Faktoren reagiert, hängt von seiner individuellen Wahrnehmung, Speicherung und Verarbeitung von Informationen ab. Diese Prozesse werden als kognitive Prozesse bezeichnet. Sie sind bestimmend für die Gefühle, die Motivation und die Motorik eines Menschen. Irrationale Überzeugungen (Überzeugungen, irrationalePsychische StörungenÜberzeugungen, irrationaleEllis) und bestimmte typische Denkinhalte (Psychische StörungenDenkinhalte, typischeBeck) sind dabei für die Entstehung psychischer Störungen (z. B. Depression) entscheidend.
Weitere lerntheoretische Begriffe
Zum Verständnis der verhaltenstherapeutischen Interventionen sind weitere lerntheoretische Begriffe von Bedeutung (Tab. 8.4).
Erlernte Hilflosigkeit
Martin Seligman, Seligman, Martinklinischer Psychologe an der Universität von Pennsylvania, entwickelte ein Konzept zum Hilflosigkeit, erlernteErlernte Hilflosigkeitgenaueren Verständnis der DepressionDepression/depressive Episodeerlernte Hilflosigkeit, das auf experimentellen Versuchen mit Hunden basierte. Er setzte Hunde in einen sog. „PendelkäfigPendelkäfig-Experiment“, der sich aus zwei verschiedenen Abteilungen zusammensetzte, die nur durch eine kleine Hürde voneinander getrennt waren (Abb. 8.7). Der Boden des Käfigs bestand aus einem Eisenrost, über das er den Hunden eine bestimmte Anzahl von Stromstößen verabreichen konnte. In dem einen Teil des Käfigs war eine Lampe angebracht, die er stets wenige Sekunden vor dem Auslösen der Stromstöße aufleuchten ließ. Die Hunde konnten sich demzufolge beim Aufleuchten der Lampe durch einen Sprung in den anderen Käfigteil vor dem elektrischen Schmerzreiz retten. Wenn auch die andere Seite des Käfigs mit Stromstößen versehen wurde oder das Springen in den anderen Käfigteil durch eine Barriere verhindert wurde, konnten die Hunde sich der Wirkung der Stromstöße nicht entziehen.
Infolge der fehlenden Ausweichmöglichkeit liefen sie zunächst jaulend umher, bis sie schließlich dazu übergingen, sich wimmernd und ohne Abwehr in eine Ecke zu legen und den Schmerzreiz über sich ergehen zu lassen. Sie hatten gelernt, dass sie hilflos sind.
Ähnliches gilt – so vermutet Seligman – auch für den Menschen. Macht ein Mensch die Erfahrung, dass er eine unangenehme oder schmerzhafte Situation nicht durch ein bestimmtes Verhalten beeinflussen und kontrollieren kann, entsteht eine erlernte Hilflosigkeit. Der Mensch fühlt sich ausgeliefert. Die subjektive Auffassung, dass andere Menschen die gleiche Situation sehr wohl positiv lösen können, steigert das Gefühl, versagt zu haben. Das Selbstwertgefühl verringert sich bei gleichzeitiger Zunahme des Schuldgefühls. Dadurch kann es zur Entwicklung einer Depression kommen.

Fall

Erlernte Hilflosigkeit

Hilflosigkeit, erlernteErlernte HilflosigkeitFrau Hohler lebte bis zu ihrem 72. Lj. zusammen mit ihrem 2 Jahre älteren Mann in einer hübschen Wohnung in der Innenstadt. Das Ehepaar hatte trotz der altersbedingten körperlichen Einschränkungen viel Freude daran, seinen Alltag zu meistern. Sie kauften zusammen ein, kochten und hielten ihre Wohnung gemeinsam in Schuss. Frau Hohler führte dabei Regie, bis zu dem Tag, als sie plötzlich einen tödlichen Herzinfarkt erlitt.
Wenige Wochen später wird Herr Hohler in ein Pflegeheim aufgenommen, mit der Begründung, er habe seit dem Tod seiner Frau stark abgebaut. Er könne sich demzufolge nicht mehr selbst versorgen und allein in der Wohnung leben. Ärztliche Untersuchungen ergeben jedoch, dass sich sein körperlicher Zustand im Vergleich zu früheren Untersuchungen nicht auffallend verschlechtert hat. Im Pflegeheim fällt auf, dass Herr Hohler sich von seinen Altersgenossen zurückzieht. Er verbringt seine Zeit ausschließlich in seinem kleinen Zimmer, außer fernsehen tut er nicht viel. Selbst alltägliche Dinge wie Essen, Waschen und Ankleiden erledigt er nicht mehr von selbst, sondern nur mit Hilfe. Versucht man ihn dazu zu motivieren, etwas allein zu tun, stammelt er nur: „Davon habe ich doch keine Ahnung.“
In den darauffolgenden Wochen wird Herr Hohler anhand eines speziellen Rehabilitationsplans in die Lage versetzt, seinen Tagesablauf ohne fremde Hilfe zu gestalten.

Modernes verhaltenstherapeutisches Krankheitskonzept

Die moderne Verhaltenstherapie Verhaltenstherapiemodernegeht davon aus, dass psychische Erkrankungen ihreKrankheitskonzeptverhaltenstherapeutisches Ursachen in Lernprozessen haben, die das fehlerhafte Verhalten VerhaltenfehlerhaftesFehlerhaftes Verhaltenbestimmen. Menschliches Verhalten ist dabei von innerpsychischen Prozessen gesteuert, die entscheiden, wie Menschen auf ihre Umwelt und auf innere Strebungen reagieren. Wie ein Individuum Informationen aus der Umwelt aufnimmt, sie bewertet und bearbeitet und mit welchen Gefühlen es reagiert, ist von der individuellen Lerngeschichte, von genetischen Faktoren und von der Motivation abhängig. Mithilfe einer Fülle von verhaltenstherapeutischen Techniken kann der Erkrankte versuchen, fehlerhafte Verhaltensweisen zu korrigieren, neues Verhalten zu erlernen und seine innerpsychischen Prozesse positiv zu beeinflussen.

Therapiesetting

Je nach Behandlungsfokus und Störungsbild kann die Verhaltenstherapie 10VerhaltenstherapieSettingVerhaltenstherapieDauer und Frequenz–40 Stunden umfassen. Die Sitzungen finden in der Regel im wöchentlichen Abstand statt. Sie sind je nach Störungsbild von übenden Einheiten begleitet (z. B. Expositionstraining), in deren Rahmen „Hausaufgaben“ besprochen werden, mit denen der Klient die Inhalte der Therapiestunden im Alltag überprüft, sich selbst beobachtet und neues Verhalten ausprobiert bzw. einübt. Auch nach Abschluss der eigentlichen Behandlung können in mehr oder weniger größeren Zeitabständen „Auffrischungsübungen und -sitzungen“ empfehlenswert sein. Bei einer stationären Behandlung kann auf spezielle Therapieeinrichtungen zurückgegriffen werden, die nur verhaltenstherapeutisch arbeiten und sich meist auf bestimmte Störungsbilder spezialisiert haben.

Therapievoraussetzungen

Anamnese
VerhaltenstherapieVoraussetzungenEin entscheidender Aspekt der Verhaltenstherapie ist die Anamnese VerhaltenstherapieAnamneseAnamneseVerhaltenstherapiebzw. die verhaltenstherapeutische Diagnostik, VerhaltenstherapieDiagnostikDiagnostikverhaltenstherapeutischedie weit über eine einfache Anamnese hinausgeht. Sie beinhaltet eine genaue Problem-, Situations- und Verhaltensanalyse (nach dem SORCK-Modell, Tab. 8.5) Verhaltensanalyse, SORCK-ModellSORCK-Modell, Verhaltensanalyseund erfasst auch die individuelle Lern- und EntwicklungsgeschichteVerhaltenstherapieLern- und Entwicklungsgeschichte Lern- und Entwicklungsgeschichte, Verhaltenstherapiesowie die Motivation zur VerhaltensänderungVerhaltensänderungsmotivation. Anhand dieser Informationen wird eine detaillierte Therapieplanung erstellt.
Transparenz
Der Klient sollte über die Entstehungsmodelle seiner Symptomatik und alle Schritte der Therapie laienverständlich aufgeklärt werden. Die VerhaltenstherapieTransparenzZiele sollten konkret formuliert und ggf. in einem Behandlungsvertrag VerhaltenstherapieBehandlungsvertragBehandlungsvertragVerhaltenstherapiefestgehalten werden. Der Klient akzeptiert dabei die Übernahme der Verantwortung für seine aktive Mitarbeit und erklärt sein Einverständnis für das therapeutische Vorgehen.
SORCK-Modell
Das SORCK-Modell dient in der Verhaltenstherapie zur Analyse Verhaltensanalyse, SORCK-ModellderSORCK-Modell, Verhaltensanalyse Problematik des Patienten auf Symptomebene. SORCK steht für Stimulus, Organismusvariablen, Reaktion, Konsequenz (C), Kontingenz. Tab. 8.5 erläutert das SORCK-Modell am konkreten Beispiel einer alkoholkranken Patientin.
Mit dem SORCK-Schema lassen sich die auslösenden und auch die aufrechterhaltenden Bedingungen sehr gut erfassen und dem Klienten vermitteln. Gerade die kurzfristigen positiven Konsequenzen sind Verstärker, um das problematische Verhalten fortzusetzen. Wenn ein Klient sein Verhalten ändern will, sollte ihm dieser Zusammenhang klar sein. Deutlich wird bei der Analyse auch, welche Verhaltensanteile gestärkt und welche Konflikte geklärt werden müssen, um die auslösenden Situationen zu verringern (z. B. Aufbau sozialer Kompetenzen, Stärkung des Selbstwertgefühls, Klärung des Partnerschaftskonflikts, Reintegration in den Arbeitsmarkt). Aus der Analyse lässt sich der Therapieplan ableiten und wird dem Klienten so verständlich.

Merke

Der Therapeut übernimmt in der Verhaltenstherapie einen aktiveren Part als in der psychoanalytischen Therapie. Die Beziehung zwischen Therapeut und Klient steht nicht im Fokus der Therapie. Die VerhaltenstherapieHilfe zur SelbsthilfeVerhaltenstherapie ist problemorientiert, sie ist stärker im „Hier und Jetzt“ verankert und klarer strukturiert (Therapieplanung), und im Mittelpunkt der Therapie steht die aktuelle Symptomatik des Klienten mit ihren Auswirkungen. Ziel ist es, dem Klienten zur Selbsthilfe zu verhelfen.

Therapieprinzipien

Die Verhaltenstherapie beschäftigt sich vornehmlich mit den prädisponierenden, auslösenden und die Symptomatik aufrechterhaltenden Bedingungen. In ihrem Fokus steht ein aktuelles problematisches Verhalten, für das Lösungswege in der Therapie erarbeitet werden. Ziel ist es, die neu gewonnenen Erfahrungen nicht nur auf die Lösung der aktuellen Problematik anzuwenden, sondern auch auf andere Lebensbereiche auszuweiten.

Interventionstechniken

Zu den gängigen Interventionstechniken der Verhaltenstherapie VerhaltenstherapieInterventionstechnikenzählen:
  • Konfrontationsverfahren (systematische Desensibilisierung, Expositionsverfahren)

  • Operante Verfahren (Aufbau von gewünschtem Verhalten/Abbau von problematischem Verhalten, Selbstkontrolle/Selbstmanagement)

  • Kognitive Verfahren (Therapie nach Ellis und Beck, Selbstverbalisation)

  • Kompetenztraining

  • Problemlösestrategien

  • Stressbewältigungstraining (Entspannungsverfahren)

  • Modell-Lernen und Rollenspiel

Konfrontationsverfahren
Grundsätzlich ist die KonfrontationsverfahrenVerhaltenstherapieVerhaltenstherapie ein konfrontatives VerhaltenstherapieKonfrontationsverfahrenVerfahren, bei dem sich der Klient mit auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen seiner psychischen Problematik auseinandersetzen muss. Es haben sich aber spezielle Konfrontationsverfahren herausgebildet, die v. a. zur Behandlung von Angststörungen, Panikstörungen, Phobien und Zwangsstörungen sehr effektiv sind. Der Reiz kann dabei in der Fantasie (z. B. systematische Desensibilisierung) oder in der Realität (z. B. Expositionstraining) präsentiert und dabei abgestuft oder mit einer massierten Reizkonfrontation (Reizkonfrontationmassierte (Flooding)FloodingFlooding) angeboten werden.
Systematische Desensibilisierung
Die systematische Desensibilisierung VerhaltenstherapieDesensibilisierung, systematischeDesensibilisierung, systematischewird auch „reziproke HemmungReziproke HemmungHemmung, reziprokegenannt. Sie wird v. a. bei einfachen Phobien (Phobien/phobische StörungenDensibilisierung, systematische Kap. 13.3) angewandt. Der Klient erlernt zunächst eine Entspannungstechnik (z. B. progressive Muskelrelaxation). Dann wird der entspannte Patient erst mit sehr schwachen Angstreizen konfrontiert und langsam an das angstbesetzte Objekt (z. B. Hunde, Spinnen) gewöhnt. Dazu muss er zunächst mit dem Therapeuten eine Stufenleiter der Angst (Angsthierarchie) Angsthierarchieerarbeiten und sich im entspannten Zustand die am wenigsten angsteinflößende Situation vorstellen (Tab. 8.6). Diese Vorstellung wird so lange wiederholt, bis der Klient die Situation angstfrei visualisieren kann. Dann wird die nächste Stufe der Angsthierarchie durchlaufen. Ein angenehmer Reiz (Entspannung) wird also an ein angstbesetztes Objekt gekoppelt. Grundannahme ist, dass Entspannung und Angst nicht gleichzeitig existieren können, sich also gegenseitig (reziprok) hemmen.
Expositionsbehandlung
Beim Expositionstraining VerhaltenstherapieExpositionstrainingExpositionstrainingVerhaltenstherapiewird der Betroffene mit der angstauslösenden Situation konfrontiert, sodass er lernt, die auftretende Angst zu ertragen und das die Symptomatik aufrechterhaltende Verhalten (z. B. Vermeidungsverhalten) zu verhindern. Diese Konfrontationstechnik wird auch Exposition (engl. expose, sich aussetzen) genannt. Entscheidend ist dabei, dass der Klient erfährt, dass es nicht zu der befürchteten Katastrophe kommt, sondern dass die Angst mit zunehmender Exposition wieder abflaut (Abb. 8.8). Die problematische Situation kann dabei in der Vorstellung (ExpositionExpositionstrainingin sensu in sensu) oder in der Realität (Exposition in vivoExpositionstrainingin vivo) aufgesucht werden.
Das Vorgehen kann gestuft, entsprechend einer Angsthierarchie, oder durch massierte Reizkonfrontation (FloodingExpositionstrainingFlooding) erfolgen. Beim Flooding (engl., [Reiz-]Überflutung) setzt sich der Klient an mehreren Tagen hintereinander dem Reiz über mehrere Stunden aus. Dabei werden Situationen gewählt, die maximale Angst auslösen (z. B. bei Aufzugsangst: stundenlanges Fahren im Aufzug; bei Angst vor Mäusen: längere Zeit in einem Raum mit vielen Mäusen verbringen; bei Höhenangst: auf einen extrem hohen Punkt gehen und dort längere Zeit bleiben).

Merke

Eine Konfrontationsbehandlung mittels Flooding muss immer vom Therapeuten angeleitet und begleitet werden. Eine graduierte ExpositionsbehandlungExpositionstraininggraduiertes kann auch vom Klienten ohne Therapeuten umgesetzt oder mit einem Selbsthilfemanual durchgeführt werden.

Fall

Expositionstraining in vivo bei Zwangsstörung – „Die Türklinke“

Einem unter einem VerhaltenstherapieExpositionstrainingExpositionstrainingZwangsstörungenZwangsstörungenExpositionstrainingWaschzwangWaschzwang leidenden Patienten wird das Prinzip der Exposition mittels der AngstkurveAngstkurve erklärt (Abb. 8.8). Auslösende Situation ist dabei eine von vielen Menschen benutzte Türklinke, die beim Patienten die Furcht vor einer ansteckenden Krankheit auslöst. Der Patient wird nach genauer Übungsbeschreibung zur Türklinke im Eingangsbereich der Praxis gebracht. Er gibt auf einer Erregungsskala (minimale Erregung 0, maximale Erregung 10) eine Ausprägung von 4 an. Dann wird er aufgefordert, die Hand auf die Türklinke zu legen und kräftig hin und her zu reiben. Die Erregung erhöht sich auf 6. Vor dem Waschbecken soll er sich dann seine Hand genau anschauen und sich die Situation vergegenwärtigen, ohne sein Waschritual auszuführen. „Machen Sie sich klar, was Sie jetzt tun.“ Der Patient zeigt daraufhin eine heftige Erregung, die er mit 10 auf der Skala angibt. Er beginnt zu weinen und wird vom Therapeuten gefragt, was er empfinde. „Ein fürchterliches Gefühl“, antwortet er. „Wie würden Sie das Gefühl bezeichnen?“ „Ich bin voll Spannung. Ich bin traurig und wütend.“
Auf die Frage, ob ihm das Gefühl bekannt vorkomme, berichtet er von der Beerdigung seiner Mutter, die er mit 6 Jahren erleben musste. „Wem gilt die Wut?“, fragt der Therapeut. „Der Mutter, weil sie uns verlassen hat.“ Er berichtet weiter von der folgenden schwierigen Zeit in seiner Familie. Im Laufe der Erzählung flaut die Erregung etwas ab. Der Therapeut geht behutsam auf die Schilderung ein und zeigt auf, wie wichtig es ist, die emotionalen Auslöser des Zwangs zu akzeptieren und die damit verbundenen Trennungsängste und aggressiven Vorstellungen zu klären. Zum Ende der Sitzung gibt der Patient seine Erregung mit 1 an und zeigt sich sehr erleichtert, dass er kein Waschritual durchgeführt hat. Er wird nochmals aufgefordert, die Klinke zu berühren und die Hände danach nicht zu waschen, was ihm ohne sichtliche Erregung gelingt. Als Hausaufgabe bis zur nächsten Sitzung wird er aufgefordert, die Klinke seiner Wohnungstür in 2-stündigem Abstand zu berühren, ohne anschließend ein Waschritual auszuführen.
Operante Verfahren
Operante Verfahren Verhaltenstherapieoperante VerfahrenOperante Verfahren, Verhaltenstherapiebemühen das Prinzip der operanten Konditionierung zum Aufbau von gewünschtem oder zum Abbau von problematischem Verhalten (Grundannahmen der Verhaltenstherapie). Dabei werden gezielt negative oder positive Verstärker Verstärker/VerstärkungpositiveVerstärker/Verstärkungnegativeeingesetzt. Dies kann in Form von Behandlungsverträgen geschehen, bei denen sich der Klient verpflichtet, eine bestimmte Vereinbarung und ein bestimmtes Verhalten einzuhalten, und eine besondere Begünstigung erfährt bzw. eine Vergünstigung verliert, wenn er die Vereinbarung nicht einhält. Anorektische Patientinnen erhalten z. B. beim Erreichen ihrer im Therapievertrag vereinbarten wöchentlichen Gewichtszunahme die Möglichkeit, Joggen zu gehen. Nach der Token Economy (Münzverstärkungssystem) Token Economy (Münzverstärkungssystem)Münzverstärkungssystem (Token Economy)werden Münzen, Wertmarken, Chips oder Punkte für ein erwünschtes Verhalten verteilt bzw. abgezogen, wenn das problematische Verhalten gezeigt wird. Die Wertmarken, Punkte etc. können gegen Privilegien eingetauscht werden. Durch positive Verstärkung werden ein Aufbau und eine Stabilisierung des erwünschten Verhaltens erreicht. Voraussetzung ist, dass die angestrebten Ziele bekannt und definiert sind und das erwünschte Verhalten und die Belohnung rasch aufeinander folgen (kontingent). Dies ist ein klassisches Erziehungsmittel bei Jugendlichen, die z. B. pünktlich nach Hause kommen sollen und denen danach das Taschengeld angeglichen wird. Bei gut differenzierten Klienten sowie akuten Erkrankungen ist das Münzverstärkungssystem weniger geeignet.
Operante Verfahren können natürlich als Selbstkontrolle vomSelbstkontrolle, VerhaltenstherapieVerhaltenstherapieSelbstkontrolle Klienten in Eigenregie übernommen werden. Mithilfe von Selbstbeobachtung (Tagebüchern), Stimuluskontrolle und Selbstverstärkung (z. B. Klient belohnt sich erst, wenn er ein bestimmtes Lernpensum abgeschlossen hat) übernimmt er damit die Verantwortung, sein problematisches Verhalten im Selbstmanagement zu verändern. Die Stimuluskontrolle wird v. a. bei Abhängigkeitserkrankungen oder Essstörungen eingesetzt.

Beispiele

Stimuluskontrolle

Im Rahmen VerhaltenstherapieStimuluskontrolleStimuluskontrolle, Verhaltenstherapieeines Gewichtsreduktionsprogramms von adipösen Patienten wird die StimuluskontrolleAdipositasStimuluskontrolle häufig eingesetzt. So kann der Patient angehalten sein, nach einem detaillierten Einkaufszettel nur kalorienarme Nahrungsmittel zu besorgen und in seiner Wohnung zu haben. Auch die Rahmenbedingungen für das Essen werden genau festgelegt. Die Nahrungsaufnahme wird auf folgende Regeln beschränkt: Gegessen wird nur im Sitzen an einem ordentlich gedeckten Tisch und nur die Portion einer zubereiteten Speise; dabei wird langsam gegessen, das Besteck wird während des Essens abgelegt und alle anderen Aktivitäten, die nicht zum Essen gehören, werden eingestellt. Damit wird ungünstiges und gewichtssteigerndes Essverhalten eingedämmt: z. B. das Essen im Stehen in der Küche, von Chips auf der Couch beim Fernsehen, unter Stress oder bei der Zeitungslektüre. Der Patient kann sich auf den Vorgang der Nahrungsaufnahme konzentrieren, nimmt das Essen so bewusst wahr und kann es genießen. Er kann sich auch für Tageszeiten, an denen die Esslust besonders groß ist, eine angenehme Tätigkeit einplanen, bei der man nicht essen kann [4].
Biofeedback
Der Patient soll durch diese VerhaltenstherapieBiofeedbackBiofeedback, VerhaltenstherapieMethode lernen, die Körperfunktionen (z. B. Puls, Muskelanspannung) unter seine willentliche Kontrolle zu bringen. Dazu helfen technische Geräte, die ihn die körperlichen Funktionen akustisch oder optisch wahrnehmen lassen. So kann der Puls – als Ausdruck des Herzschlags – durch ein akustisches Signal hörbar gemacht werden. Die Versuchsperson erfährt über dieses Rückmeldesystem sofort den Erfolg ihrer Bemühung, biologische Prozesse zu beeinflussen. Dies entspricht einer positiven Verstärkung im Sinne der operanten Konditionierung. Eingesetzt wird dieses Verfahren z. B. bei Spannungskopfschmerz, Bluthochdruck, Schlafstörungen oder Muskelspasmen.

Fall

Biofeedback – Bericht eines Patienten

Vor 2 Wochen hat Herr S. es geschafft, eine Migräneattacke zu „verkürzen“. Ganz erleichtert und auch mit ein bisschen Verwunderung berichtet er von seinem Erfolg. Anstelle der sonst im Durchschnitt 52 Stunden anhaltenden Migräneschmerzen musste er dieses Mal nur 6 Stunden durchleben. Dabei half ihm die Methode des Biofeedbacks. Er habe, so wie er es in der Klinik gelernt habe, tief geatmet und seine Aufmerksamkeit auf das Gefühl von Kälte und Enge geleitet. Er habe sich gleich bei den ersten Anzeichen für einen Migräneanfall zu Hause zurückgezogen, sich in eine entspannte Haltung gebracht und das Bild mit den Strichmännchen imaginiert. Dazu habe er sich ganz intensiv auf die Begriffe „eng“, „kühl“ und „blau“ konzentriert.
In der Klinik hatte ein „Fotoplethysmograf“ mithilfe von Infrarotlicht die durch seine linke Schläfenarterie fließende Blutmenge gemessen. Auf dem Computerbildschirm seien zwei Strichmännchen rechts und links neben einer Ader erschienen. Zunächst hätten sie sich nicht bewegt, sie hätten mit herabhängenden Armen dagestanden. Doch plötzlich, ohne dass er es selbst sofort bei sich bemerkt habe, hätten sich die Arme der Strichmännchen gehoben und die Adern „zusammengedrückt“.
Kognitive Verfahren
Die kognitive VerhaltenstherapiekognitiveKognitive VerhaltenstherapieInterventionsformenTherapie geht davon aus, dass jedem Handeln bestimmte Gedanken vorausgehen, die Emotionen auslösen und ein entsprechendes Verhalten bewirken. Wenn man die Gedankenmuster, die das problematische Verhalten bedingen, entschlüsselt, lassen sich mithilfe von Übungen die ungünstigen Gedankenabläufe und negativen Selbstgespräche so beeinflussen, dass der Betroffene dem krankhaften Verhalten aktiv entgegenwirken kann.
Rational-emotive Therapie nach Ellis
Ellis geht davon aus, dass bestimmte Rational-emotive Therapie nach EllisEreignisse mit irrationalen Grundannahmen bewertet werden, die das problematische Verhalten und die dazugehörigen Gefühle hervorbringen. Ziel der Therapie ist es, den Zusammenhang zwischen irrationalenÜberzeugungen, irrationale Grundannahmen und krankhaftem Verhalten zu erkennen und das Verhalten durch alternative positive Gedanken zu verändern.

Beispiel

Irrationale Grundannahmen nach Ellis

Ein depressiver Patient wird von der Irrationale Grundannahmen nach EllisÜberzeugungen, irrationaleirrationalen Grundannahme geleitet: „Ich bin nichts wert“ und „Niemand interessiert sich für mich“. Er sieht sich, nachdem er in der Arbeit von einem Kollegen nicht gegrüßt wurde (auslösende Situation), in seinem Urteil bestätigt. Verzweifelt zieht er sich in sein Arbeitszimmer zurück und grübelt über seine Wertlosigkeit. Arbeiten auf seinem Schreibtisch bleiben unerledigt liegen (problematisches Verhalten).
Ziel der Therapie ist eine kritische Hinterfragung der irrationalen Grundannahme (z. B. Hinweis auf seine liebevolle Frau und Tochter, die ihn schätzen und sich rührend um ihn kümmern), die zur Stärkung des Selbstwertgefühls beitragen und zu einer Neubewertung von Situationen führt (z. B. der Kollege ist in Eile, hat den Kopf voll anderer Dinge und geht deswegen grußlos an ihm vorbei). Ein alternatives Verhalten wird damit auf längere Sicht möglich: Der Patient spricht den Kollegen an, ob er sehr in Eile sei und viel zu tun habe. Dieser bestätigt das, freut sich aber über die Anteilnahme und verabredet sich zum Mittagessen mit dem Patienten.

Therapeutische Praxis

Ein solcher Prozess erfordert jedoch Zeit und muss im Alltag immer wieder geübt werden. Irrationale Annahmen lassen sich nicht durch einmaliges Aufdecken beheben!

Kognitive Therapie nach Beck
Kognitive Verhaltenstherapiekognitive Therapie nach BeckAusgehend von der Depression Kognitive Therapie (nach Beck)entwickelte Beck das Konzept der „kognitiven TriadeKognitive Triade“. Er Depression/depressive Episodekognitive Triadeging davon aus, dass die Depression durch verzerrte Denkmuster ausgelöst und unterhalten wird. Der depressive Patient sieht dabei die eigene Person, seine Umwelt und die Zukunft (Triade) in einem negativen Licht. Negative „automatische Gedanken“ sind ein nicht hinterfragter Bestandteil seines Denkens. Sie lösen die depressiven Gefühle aus. Zur genauen Selbstbeobachtung werden Tagesprotokolle über automatische Gedanken und die daran knüpfenden Gefühle eingesetzt (Tab. 8.7). Diese Gedanken zu identifizieren und sie auf ihren Wahrheitscharakter zu prüfen, ist entscheidender Teil der Therapie. Der Patient lernt so, unangemessene und depressionsfördernde Gedanken durch realistische und positive zu ersetzen und damit dem Stimmungseinbruch im Alltag entgegenzuwirken (kognitive Umstrukturierung). Der Kognitive UmstrukturierungTherapeut hilft dem Patienten dabei, einseitige Bewertungen durch neue Zuschreibungen zu ersetzen („Reattribuierung“) und neueReattribuierung Deutungen für das Erleben zu entdecken. Straßenlärm kann z. B. als Zeichen der Ruhelosigkeit, aber auch als Zeichen der Lebendigkeit gedeutet werden. Zwischenzeitlich ist das Konzept der dysfunktionalen Annahmen auch erfolgreich auf andere psychische Störungen übertragen worden (z. B. Angststörungen, somatoforme Schmerzstörungen).
Gedankenstopp
Eine weitere Technik der kognitiven Therapie ist z. B. der „Gedankenstopp“. KannGedankenstopp der Klient sich aufdrängende Gedanken oder Emotionen nicht kontrollieren, klatscht er in die Hände und sagt laut „Stopp!“. Damit wird der automatische Gedankenfluss unterbrochen. Dies übt der Klient erst mit dem Therapeuten und lernt in der Folge, auch ohne äußere Hilfe seine negativen Gedanken zu stoppen und durch andere, sinnvollere zu ersetzen.
Selbstverbalisationstraining
Hinter dem Selbstverbalisationstraining Selbstverbalisationstrainingsteht die Idee, dass durch realitätsprüfende Selbstgespräche (sokratischer Dialog, z. B. „Andere Situationen habe ich auch schon gemeistert, es muss nicht immer alles schiefgehen“) oder der konstruktiven Selbstinstruktion (z. B. „Ich schaffe das“) das Verhalten positiv beeinflusst wird und dementsprechend Bestandteil der Therapie werden kann.
Dialektisch-behaviorale Therapie nach Marsha M. Linehan
Die dialektisch-behaviorale Therapie nach Marsha M. Linehan ist Linehan, Marsha M.Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan, Persönlichkeitsstörungeneine Variante der kognitiven Verhaltenstherapie speziell zur Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Die Dauer dieser Therapie beträgt mehrere Jahre mit durchschnittlich zwei Sitzungen pro Woche.
Schematherapie nach Jeffrey E. Young und Eckhard Roediger
Die Schematherapie nach Jeffrey E. Young und Young, Jeffrey E.Eckhard Roediger (SchematherapieRoediger, Eckhardvon ihm in Deutschland weiterentwickelt) ist eine Variante der kognitiven Verhaltenstherapie, die neben der klassischen verhaltenstherapeutischen Behandlung auch die biografischen und emotionalen Aspekte berücksichtigt. Indikationen der Schematherapie sind u. a. schwere Persönlichkeitsstörungen wie die Borderline-Störung oder die narzisstische Störung sowie chronische Lebensprobleme und Lebenskrisen. Die Dauer dieser Therapie kann mehrere Jahre mit durchschnittlich zwei Sitzungen pro Woche beanspruchen.
Kompetenztraining
Fehlen dem Klienten bestimmte KompetenztrainingFertigkeiten und tragen diese Defizite zur Aufrechterhaltung der Erkrankung bei, ist es entscheidend, den Klienten beim Aufbau dieser fehlenden Verhaltensweisen zu unterstützen. Eine klassische Intervention ist das soziale Kompetenztraining, beisoziales Kompetenztraining dem der Klient allein oder in der Gruppe lernt, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, sich durchzusetzen und „Nein“ zu sagen. Ähnliche Verfahren sind das Selbstbehauptungs- und Selbstsicherheitstraining (Selbstbehauptungs-/Selbstsicherheitstrainingengl. Assertiveness Training).
Problemlösetraining
Mittels Brainstorming ProblemlösetrainingBrainstorming, Problemlösetrainingwerden mit dem Klienten Lösungsmöglichkeiten erfasst, die bei einem genau definierten Problem zum Einsatz kommen könnten. Eine Bewertung der Möglichkeiten und die Überprüfung auf ihre Praktikabilität erfolgen erst im zweiten Schritt. Nachdem sich der Klient für eine Möglichkeit entschieden hat, plant er die konkrete Umsetzung im Alltag und bespricht nach der Umsetzung das Ergebnis mit dem Therapeuten. Ziel ist es, dem Klienten Wege aufzuzeigen, wie er selbst an schwierige Situationen herangehen und sich zukünftig in solchen Situationen konstruktiv verhalten kann.
Stressbewältigungstraining
Ziel der Stressbewältigung ist Stressbewältigungstraininges, dem Klienten die psychologischen und physiologischen Zusammenhänge beim Verhalten in Stresssituationen verständlich zu machen und ihn durch bestimmte kognitive Bewältigungsstrategien und Entspannungsverfahren in die Lage zu versetzen, stressreiche Situationen im Alltag besser zu bewältigen. Praktische Übungen im Alltag sind dabei Teil des Trainings.
Modell-Lernen und Rollenspiel
Wie bereits bei den verhaltenstherapeutischen Grundannahmen beschrieben (Kap. 8.2.2), ist das Modell-Lernen ein Modell-LernenLernenam Modellwichtiger Faktor, um neues Verhalten zu erlernen oder alte Verhaltensmuster zu verändern. Durch Imitation anderer Menschen und deren Verhalten in bestimmen Situationen kann der Klient sein Verhaltensrepertoire erweitern. In einem Rollenspiel Rollenspielkönnen kritische Situationen durchgespielt werden, um den Klienten auf die Umsetzung im Alltag vorzubereiten und gewünschte Verhaltensweisen einzuüben. Vorbildfunktion haben dabei der Therapeut, aber auch Mitpatienten, Gruppenteilnehmer oder Personen in Filmen oder Büchern. Das Modell-Lernen und das Rollenspiel werden in der Verhaltenstherapie sehr vielfältig eingesetzt. Sie stellen eine unverzichtbare Interventionsform dar, ohne ein eigenständiges Therapieverfahren zu sein.

Therapieindikationen

Klassische Indikationen der Verhaltenstherapie sindVerhaltenstherapieIndikationen Depressionen sowie Angst- und Zwangsstörungen. Zwischenzeitlich ist die Verhaltenstherapie so weit modifiziert und entwickelt worden, dass sie in sehr unterschiedlichen Indikationsbereichen Anwendung findet. Anwendungsbeispiele:
  • Systematische DesensibilisierungDesensibilisierung, systematische: einfache Phobien

  • Expositionstraining in vivoExpositionstrainingin vivo: Agoraphobie mit Panikstörung, posttraumatische Belastungsstörung, Zwangsstörung, soziale Phobie

  • Expositionstraining in sensuExpositionstrainingin sensu: posttraumatische Belastungsstörung, Zwangsgedanken

  • Operante VerfahrenVerhaltenstherapieoperante VerfahrenOperante Verfahren, Verhaltenstherapie: Essstörungen, Abhängigkeitserkrankungen, Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Schlafstörungen

  • Kognitive TherapieKognitive Therapie (nach Beck): Depressionen, somatoforme Schmerzstörungen, Essstörungen

  • Soziales Kompetenztrainingsoziales Kompetenztraining: soziale Phobie, Angststörungen, Depression, schizophrene Störungen (nicht in der akuten Phase!)

Merke

Es sollten immer Verfahren gewählt werden, bei denen der Patient die schnellstmögliche Unabhängigkeit vom Therapeuten erreichen kann, z. B. durch Selbstkontrollmethoden.

Systemische Psychotherapie

In der Paar- und Familientherapie PaartherapieFamilientherapiewird die Systemische PsychotherapiePsychotherapiesystemischepsychische Störung eines Familienmitglieds immer unter systemischen Gesichtspunkten betrachtet. Das bedeutet, der Erkrankte ist kein unabhängiges Individuum im beziehungslosen Raum, sondern er steht mit allen Familienmitgliedern im wechselseitigen Kontakt, und sie beeinflussen sich gegenseitig. Die Interaktion des gesamten Systems „Familie“ gibt dabei mehr Auskunft und macht eine psychische Erkrankung leichter verständlich als die individuelle Perspektive des Symptomträgers. Sind gestörte familiäre Interaktionsmuster Auslöser oder aufrechterhaltende Bedingung einer psychischen Erkrankung, können familientherapeutische Ansätze wirksam werden.
Häufig findet das Verfahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Anwendung. Typische Indikationsbereiche bei Erwachsenen sind die Anorexia nervosa, schizophrene Störungen und affektive Erkrankungen. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die Familienmitglieder vom Problem betroffen fühlen und aktiv in der Therapie mitarbeiten wollen. Über die Jahre haben sich sehr unterschiedliche familientherapeutische Schulen etabliert, die je nach Erkrankung und individuellen Gegebenheiten zur Therapie herangezogen werden sollten.

Humanistische und erlebnisorientierte Verfahren

Gesprächspsychotherapie

Definition
PsychotherapiehumanistischePsychotherapieerlebnisorientierteHumanistische TherapienErlebnisorientierte TherapienDie Gesprächspsychotherapie Gesprächspsychotherapiegehört zu den Verfahren der humanistischen Psychologie und ist eng mit dem Namen Carl R. Rogers (Rogers, Carl R.1902–1987) verbunden. Im Zentrum der Therapie steht das Gespräch mit dem ratsuchenden Menschen. Ziel der Therapie ist die persönliche Entwicklung und innere Reifung des Klienten, die durch den Therapeuten im Gespräch gefördert wird. Dabei hat die Gesprächspsychotherapie ein eigenes Menschenbild: Sie geht von einem kreativen, selbstbestimmten Menschen aus, der im Grunde weiß, was für ihn gut und richtig ist, um glücklich und im Einklang mit sich selbst zu leben. In der Therapie wird dieses Wissen durch Verbalisieren der Gefühle wahrnehmbar gemacht und die Diskrepanz zwischen dem als „richtig Empfundenen“ und dem „tatsächlich Gelebten“ aufgedeckt. Der Klient wird dabei in Eigenverantwortlichkeit und -aktivität zur positiven Veränderung ermutigt, damit eigenes Erleben und Wertvorstellungen besser übereinstimmen. Der Klient kann so bisher nicht akzeptierte Erfahrungen leichter in sein Selbstkonzept integrieren und neue Lösungsstrategien für sich erarbeiten. Der Therapeut bleibt dabei nondirektivPsychotherapienondirektive.
Synonyme: klientenzentrierte, klientenbezogene, personzentrierte GesprächspsychotherapiePersonzentrierte Gesprächspsychotherapie oderKlientenbezogene/-zentrierte Gesprächspsychotherapie nondirektive Psychotherapie

Gut zu wissenDer amerikanische Psychologe Carl R. Rogers stellte seinen nichtdirektiven Beratungsansatz bereits Anfang der 1940er-Jahre vor und setzte sich damit von der Psychoanalyse ab. Später kam der Begriff der klientenzentrierten Therapie hinzu, in der sich der Therapeut bemüht, die subjektive Welt des Klienten zu erfassen und seinen inneren Bezugsrahmen zu erkennen. Mit der Spiegeltechnik Spiegeltechnikreflektiert der Therapeut dem Klienten, wie er dessen verbalisierte Gedanken, Gefühle, Erfahrungen und Wertvorstellungen verstanden hat, um Selbsterkenntnis beim Klienten zu fördern. Die Therapie ist im Laufe der Zeit modifiziert worden und in Teilaspekten in andere Therapieformen eingeflossen. Die Gesprächspsychotherapie steht derzeit als anerkanntes wissenschaftliches Verfahren zwischen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie.

Grundannahmen
Die theoretischen Grundannahmen der GesprächspsychotherapieGesprächspsychotherapieGrundannahmen sind:
  • Selbstverwirklichungsstreben: Selbstverwirklichungsstreben, GesprächspsychotherapieJeder Mensch strebt danach, seine eigenen Vorstellungen, Werte und Ideen zu verwirklichen, um glücklich und in Übereinstimmung mit sich selbst zu leben (Kongruenz von Selbst und ErfahrungKongruenz von Selbst und Erfahrung).

  • Selbstkonzept: Selbstkonzept, GesprächspsychotherapieDurch die Interaktion mit seiner Umgebung entwickelt jeder Mensch eine Vorstellung von sich selbst. Dieses Selbstkonzept versucht er durch seine Selbstbehauptung aufrechtzuerhalten. Jeder Mensch verfügt über Selbstheilungskräfte, die Selbstheilungskräftein einer angstfreien und vertrauensvollen Umgebung aktiviert werden können.

  • Unbedingte Akzeptanz: Eine nicht an Bedingungen geknüpfte Akzeptanz durch seine Umgebung ermöglicht dem Menschen, sich selbst anzunehmen.

  • Reintegration von Erlebnisinhalten: Werden Diskrepanzen zwischen den Wertvorstellungen und Erlebnisinhalten aufgedeckt, kann der Klient neue Lösungswege für sich erarbeiten, die zur Integration des verdrängten Erlebens führen.

  • Therapeutisches Gespräch: Es umfasst immer eine Wortebene (Sach- oder kognitive Ebene: „WasGesprächspsychotherapieWortebene (Sach- oder kognitive Ebene) wird gesagt?“) und Gefühlsebene (Erfahrungs- oder affektive Ebene: „WasGesprächspsychotherapieGefühlsebene (Erfahrungs- oder affektive Ebene) wird gemeint?“). Diese Ebenen muss der Therapeut kennen, um das Gespräch als vertrauensbildendes und damit anregendes Element für den Klienten zu nutzen, damit dieser sich angenommen fühlt und die Aktualisierung traumatischer Erlebnisse zulassen, sie reflektieren und sich mit ihnen auseinandersetzen kann.

Krankheitskonzept
KrankheitskonzeptGesprächspsychotherapieGesprächspsychotherapieKrankheitskonzeptRogers ging davon aus, dass bei fehlender Übereinstimmung von Erleben und Selbst (Selbst, fehlende Übereinstimmung (Inkongruenz)Inkongruenz) seelische Störungen Psychische StörungenInkongruenzInkongruenz, psychische Störungenentstehen können. Durfte ein Klient z. B. als Kind bestimmte Bedürfnisse und Gefühle (Ungehorsam und Wut) in einem sehr strengen und rigiden Elternhaus nicht ausleben, werden diese Bedürfnisse von ihm ausgeblendet, und er lebt nicht mehr in voller Übereinstimmung mit seinem Selbst. Es fällt ihm z. B. schwer, Ansprüche anderer Menschen abzuwehren und „Nein“ zu sagen. Dementsprechend wird er in bestimmten zwischenmenschlichen Situationen leiden und ggf. weitere (z. B. depressive) Symptome ausbilden. Im Mittelpunkt der Therapie steht, Diskrepanzen im inneren Erleben des Klienten aufzuspüren, sie durch Selbsterkenntnis herauszuarbeiten und durch seine Selbstheilungskräfte zu verändern.
Therapievoraussetzungen
Klient und Therapeut sollen in der Gesprächspsychotherapie in einer gleichwertigen Beziehung zueinander stehen. Als Voraussetzung müssen Therapeut und Klient bestimmte Kriterien erfüllen.
  • Therapeutenvariablen Gesprächspsychotherapie Therapeutenvariablen

    • Echtheit und Selbstkongruenz: Offenheit des Therapeuten für Gefühle und Erfahrungen aller Art und Übereinstimmung seiner Äußerungen mit seinem inneren Erleben (kongruent). Dabei ist es erforderlich, auf bedeutsame interaktive Gefühle und Empfindungen zu achten.

    • Positive Wertschätzung, unbedingte Akzeptanz und emotionale Wärme (EmpathieEmpathie): Die Akzeptanz des Klienten als Person in seiner Ganzheitlichkeit ist nicht durch Bedingungen oder Bewertungen beeinflusst. Der Therapeut ist außerdem bereit, an den Gefühlen, Erlebnissen, Bemühungen des Klienten ohne Bewertung der Person, der Gedanken und Handlungen Anteil zu nehmen, ihn aber weder zu bemitleiden, noch ihn in allem zu unterstützen oder zu bestärken.

  • Klientenvariablen Gesprächspsychotherapie Klientenvariablen

    • Selbstständige und aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Problemen

    • Ausreichende Fertigkeiten in der zwischenmenschlichen Interaktion

Interventionstechniken
  • Verbalisieren von Erlebnisinhalten des GesprächspsychotherapieVerbalisieren von ErlebnisinhaltenGesprächspsychotherapieInterventionstechnikenPatienten: Bemühen des Therapeuten, die persönlich-emotionalen Inhalte im verbalen und nonverbalen Verhalten des Klienten wahrzunehmen und wiederzugeben. Dabei ist der Therapeut bestrebt, die innere Wahrnehmungs- und Erlebniswelt des Klienten zu verstehen, z. B. zu spüren, welche Gefühle hinter seinen Worten stecken. Dies „spiegelt“ er dem Klienten, d. h., er verbalisiert seine Wahrnehmung und ermöglicht dem Klienten durch die „Spiegelung“ der eigenen, oft verdrängten Gefühle die Überprüfung, Präzisierung oder Korrektur seiner inneren Welt. Damit wird auch künftiges Verhalten und Erleben beeinflusst.

  • Aktives ZuhörenAktives Zuhören, Gesprächspsychotherapie: Gesprächspsychotherapieaktives ZuhörenDurch Blickkontakt, offen zugewandte Körperhaltung, Wiederholen des Gesagten, Nicken oder akustische Signale („hmhm, ja“) gibt der Therapeut zu verstehen, dass er dem Klienten in seiner Erzählung aufmerksam folgt.

  • Nondirektivität: Der Nondirektivität, GesprächspsychotherapieGesprächspsychotherapieNondirektivitätTherapeut hört dem Patienten vornehmlich zu. Er analysiert oder kommentiert nicht, strukturiert den therapeutischen Prozess nicht durch Fragen oder andere Interventionen (Rollenspiele, Übungen etc.).

Therapieindikationen
Die Gesprächstherapie zählt zu den sog. aufdeckendenPsychotherapieaufdeckende Therapieverfahren, da durch die Technik des Gesprächs verdrängte Gefühle und die damit zusammenhängenden Konflikte scheinbar ohne direktes Eingreifen des Therapeuten bewusst gemacht werden. Sie kann für eine Vielzahl von psychischen Störungen eingesetzt werden, ist aber bei akuten Formen der affektiven oder schizophrenen StörungenGesprächspsychotherapieKontraindikationen, bei akuter Suizidalität, bei Hirnschädigung bzw. Oligophrenie und ausgeprägten Persönlichkeitsstörungen kontraindiziert.

Gestalttherapie

Definition
Die Gestalttherapie ist Gestalttherapieeine Form der ganzheitlichen Psychotherapie im PsychotherapieganzheitlicheSelbstverständnis der „humanistischen Psychotherapie“. Sie entwickelte sich aus Elementen von Gestaltpsychologie, Psychoanalyse, Existenzialismus und Lernpsychologie. Besonderes Merkmal ist die Einbeziehung der Körpersprache (sog. „Erlebnistherapie“). Gründer der Gestalttherapie war der Psychologe Fritz Perls.
Krankheitskonzept
Die GestalttherapieGestalttherapieKrankheitskonzeptKrankheitskonzeptGestalttherapie geht davon aus, dass Störungen aus der Desintegration, Abspaltung und (unbewussten) Vermeidung von Wünschen oder Vorstellungen, die Unbehagen oder Angst erzeugen könnten, entstehen. Damit können bestimmte Ressourcen nicht genutzt und erweitert werden. Es kann daher keine „kontaktvolle“ Begegnung mit dem Gegenüber oder der Umwelt aufgebaut werden. Störungen zeigen sich in verschiedenen Momenten des „Kontaktzyklus“. Es ergibt sich eine Störung in der Bezogenheit von „Figur und Feld“ (Individuum und Umwelt). Voraussetzung für die Heilung ist – mit Unterstützung durch den Therapeuten – das Wahrnehmen („Bewusstheit“) des eigenen Körpers und der eigenen Gefühle sowie das bewusste Durchleben der aufsteigenden Fantasien, Gefühle und Vorstellungen. Dadurch wird das Entstehen einer Ganzheitlichkeit bei einer nicht integrierten Persönlichkeit angestrebt, indem vermiedene, nicht abgeschlossene, unerledigte Impulse und Handlungsansätze aufgedeckt oder unpassende Glaubenssätze („IntrojekteIntrojekte“) wahrgenommen und „abgeschlossen“ werden („AssimilationAssimilation“). Ein Ziel in der Gestalttherapie ist es, das jeweils fehlende Stück des Ganzen zu identifizieren, es zur Verfügung zu stellen und dadurch das Ganze (die Gestalt) „rund zu machen“.
Therapieindikationen
GestalttherapieIndikationenDie Gestalttherapie kann bei Depressionen und Ängsten im Rahmen von neurotischen und Anpassungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen, psychosomatischen und somatoformen Störungen zum Einsatz kommen. Grundsätzlich ist sie auch als Hilfe zur Selbsterkennung und Selbstentfaltung anwendbar. Möglich sind Einzel- und Gruppenbehandlungen.
Da es sich um ein emotional belastendes Therapieverfahren handelt, können – bei mangelnder Ich-Stärke – Unruhe- und Angstzustände, Erregtheit, Aggressivität, Suizidalität, Niedergeschlagenheit, Erschöpfungsgefühl und Schlafstörungen hervorgerufen werden. Im Einzelfall kann eine schizophrene Störung ausgelöst oder reaktiviert werden. Kontraindikationen sind GestalttherapieKontraindikationendaher:
  • Schizophrene Störungen

  • Oligophrenien, hirnorganisches Psychosyndrom bzw. Demenz

  • Konversionsneurotische Störungen

  • Asthenische, hypochondrische und histrionische Persönlichkeitsstörungen

Logotherapie und Existenzanalyse

Neben der Ersten LogotherapieWienerExistenzanalyse Schule (Psychoanalyse nach Sigmund Freud) und Freud, Sigmundder Zweiten Wiener Schule (Individualpsychologie nach Individualpsychologie nach Alfred AdlerAlfred Adler) geltenAdler, Alfred die von Viktor E. Frankl begründete Logotherapie und Existenzanalyse, eine sinn- und wertorientierte Psychotherapie, als Frankl, Viktor E.die Dritte Wiener Schule der Psychotherapie. Danach ist der Mensch existenziell auf Sinn ausgerichtet. Ein menschliches Leben ohne Sinn kann zu psychischen Erkrankungen führen, oder die psychischen Störungen können von einem eingeschränkten individuellen Sinnbezug begleitet sein. Als humanistischeHumanistische Therapien PsychotherapiePsychotherapiehumanistische haben die Logotherapie und Existenzanalyse das Ziel, dem Klienten zu einem geistig und emotional freien Erleben zu verhelfen, d. h., dass er gegenüber sich selbst und seiner Umwelt wieder verantwortungsvoll agieren kann. Diese Therapieform kann bei allen Formen von psychisch, psychosozial oder psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen angewendet werden, und zwar entweder als spezifische oder als supportive Psychotherapie.
Nach Frankl haben Menschen drei Dimensionen: 1. die physische Dimension (Leib), 2. die psychische Dimension (Seele) und 3. die noetische Dimension (Geist). Die ersten beiden Dimensionen (Leib und Seele) stehen in einem engen Zusammenhang. Frankl bezeichnet dies als den sog. psychophysischen ParallelismusPsychophysischer Parallelismus. Nach Frankl kann sich der Mensch über dieses Psychophysikum aufgrund seiner geistigen Dimension erheben. Von den Annahmen der Logotherapie und Existenzanalyse ausgehend kann der Mensch nur im Psychophysikum erkranken. Seine noetische Dimension bleibt dagegen gesund.
Logotherapie und Existenzanalyse unterstützen den Patienten, seine Lebenslagen sinnvoll auszufüllen oder kognitiv umzubewerten. Fehlt beim Patienten der Lebenssinn völlig, so nennt Frankl dies „noogene Neurose“. Noogene NeuroseNeurosen/neurotische StörungennoogeneFrankls Konzept der Logotherapie und Existenzanalyse leitet sich aus drei philosophischen und psychologischen Grundgedanken ab: 1. der Freiheit des Willens, 2. dem Willen zum Sinn und 3. dem Sinn im Leben. Zwei verhaltenstherapeutische Techniken gehen auf die Logotherapie zurück: die paradoxe IntentionIntention, paradoxeParadoxe Intention (der Patient wird vom Therapeuten aufgefordert, sich vorzustellen und herbeizuwünschen, was er im besonderen Maße fürchtet) und die DereflexionDereflexion (der Versuch, krankhafte Symptome durch Ablenkung weitgehend zu ignorieren).

Weitere wichtige Psychotherapien

Weitere wichtige Psychotherapien sind u. a. die Kurztherapie nach Steve De Shazer und Kurztherapie nach Steve De ShazerDe Shazer, SteveInsoo Kim Berg, die Berg, Insoo Kimkatathym-imaginative Psychotherapie nach Psychotherapiekatathym-imaginativeHanscarl Leuner und Leuner, HanscarlKatathym-imaginative Psychotherapie nach Hanscarl Leunerdie Individualpsychologie nach Alfred Adler. EinAdler, AlfredIndividualpsychologie nach Alfred Adler weiterer psychotherapeutischer Ansatz ist die psychodynamisch-integrative Psychotherapiepsychodynamisch-integrativePsychotherapie, die Psychodynamisch-integrative Psychotherapiein der Praxis von Christopher Ofenstein mittlerweile einen festen Bestandteil in der Arbeit mit Klienten darstellt. Sie baut auf der Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers auf Rogers, Carl R.und verfolgt einen übergreifenden Ansatz, d. h., zusätzlich zur nondirektiven Gesprächsführung kommen in einem speziellen Vorgehen verschiedene therapeutische Verfahren und Methoden wie Imaginationstherapie, Focusing, Feldenkrais sowie systemische Ansätze zur Anwendung. Die Einbeziehung von Feldenkrais-Lektionen ist eine Besonderheit in der Arbeit von Christopher Ofenstein. Der Vorteil bei der Zusammenführung dieser unterschiedlichen Therapieansätze liegt darin, dass sich Themen sehr fokussiert und intensiv bereits in wenigen Sitzungen bearbeiten lassen. Ziele sind in erster Linie das umfassende Aufdecken, Neuordnen und Lösen der Ursachen von (gegenwärtigen) Konflikten.

Ergänzende spezielle Psychotherapieverfahren

Körperorientierte Psychotherapieverfahren

Körperorientierte PsychotherapiekörperorientiertePsychotherapie oder Körperpsychotherapie geht Körperorientierte Psychotherapieim Wesentlichen auf den Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897Reich, Wilhelm–1957) zurück. Dabei kommt der Lebensenergie, die je nach Begründer unterschiedlich benannt wird (z. B. Bioenergie, Orgonenergie), eine entscheidende Rolle zu. Nach Reich wird die Lebensenergie durch körperliche und seelische Prozesse beeinflusst, neurotische Erkrankungen stören ihren Fluss. Ziel der Therapie ist die Freisetzung der verdrängten Gefühle und damit die ungehinderte Entfaltung der Lebensenergie. Erst wenn die Lebensenergie wieder ungehindert fließen kann, ist der Mensch in seinem emotionalen Ausdruck und seiner Beziehungsfähigkeit frei. Die Neurose ist dann überwunden.

Entspannungsverfahren

Zu den Entspannungsverfahren Entspannungsverfahrenzählen autogenes Training und progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, aber auch Yoga. Sie können in ein Gesamttherapieprogramm eingebettet oder als selbstständige Interventionstechnik erlernt werden.
Progressive Muskelrelaxation nach Edmund Jacobson (PMR)
Jacobson Jacobson, Edmundbeobachtete, dassMuskelrelaxation, progressive (PMR) nach JacobsonProgressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson jeder Muskel eine Grundspannung hat, die nach Anspannung des Muskels steigt und nach Loslassen der Anspannung unter das Niveau der Grundspannung sinkt. Daraus entwickelte er sein Entspannungsverfahren, bei dem in einer festgelegten Reihenfolge Muskelgruppen angespannt und entspannt werden. Die dadurch erreichte muskuläre Entspannung hat Auswirkungen auf das Erleben von AngstAngstprogressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Nervosität und Angst erhöhen häufig unbemerkt die muskuläre Anspannung und führen durch die Anspannung zu einer weiteren Steigerung des Angstgefühls. Durch die progressive Muskelentspannung kann positiv auf die Angst eingewirkt werden. Die Muskelentspannung reduziert angstvolle Gefühle. Das Verfahren kann in ca. 6–12 Therapiestunden erlernt werden. Danach ist der Klient in der Lage, in kürzester Zeit einen Entspannungszustand herbeizuführen. Auf das Verfahren wird bei vielen verhaltenstherapeutischen Interventionen zurückgegriffen.
Autogenes Training nach J. H. Schultz
Schultz Schultz, J.H.entwickelte eine Autogenes Training nach Schultzautosuggestive Methode, um eine Entspannung und vegetative Dämpfung des Organismus zu erreichen. Der Klient nimmt eine entspannte Körperhaltung ein. Mithilfe standardisierter Formeln gelangt er in einen tranceähnlichen Zustand und erhält Einfluss auf vegetative Vorgänge, die nicht der willentlichen Kontrolle unterliegen (z. B. verringerte Atemfrequenz, Erweiterung der Blutgefäße, Entspannung der Bauchorgane). Die Übungen werden in Eigenregie mehrmals täglich durchgeführt und sind v. a. bei funktionellen und psychosomatischen Störungen sinnvoll.

Hypnotherapie

Die Hypnotherapie nach Erickson ist Hypnose/HypnotherapieErickson, Miltondie moderne Form der Hypnose. TranceTrance und SuggestionenSuggestionen sind wesentliche Bestandteile der Hypnotherapie. Sie werden zur Förderung von Heilungs-, Such- und Lernprozessen eingesetzt. In der Trance befindet sich der Klient in einem entspannten Wachzustand mit BewusstseinseinengungBewusstseinseinengung. In diesem Zustand findet er leichter Zugang zum Unbewussten und kann Widerstände teilweise umgehen. Dies wird für die therapeutische Arbeit genutzt.
Suggestionen sollen dabei helfen, die innere Selbstorganisation des Klienten zu verändern und damit Lösungen für Fragen oder Probleme zu finden. Daneben kann Hypnotherapie auch zum Selbsthypnosetraining bzw. zum Erlernen von Entspannungsübungen dienen. Oft reichen wenige Sitzungen aus. Die Behandlung erfolgt nach einem bestimmten Auftrag, d. h., die vom Klienten und Therapeuten erarbeiteten Zielvorstellungen werden am Ende der Therapie überprüft. Für den Erfolg der Therapie sind auch hier eine vertrauensvolle Klient-Therapeut-Beziehung und das Verfolgen gemeinsam vereinbarter Ziele entscheidend.

Therapeutische Praxis

Die Hypnotherapie hat nichts mit der „Showhypnose“ zu tun! Auch können die Klienten nicht dazu gebracht werden, während oder nach der Hypnose etwas gegen ihren Willen zu tun. Diese Information ist wichtig für den Klienten, damit er sich auf das Verfahren einlassen kann.

Psychoedukation

Unter Psychoedukation versteht man Interventionen, bei denen Patienten und Angehörige strukturierte Informationen über psychische Erkrankungen sowie ihre Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten erhalten. Die Psychoedukation verfolgt dabei folgende ZielePsychoedukationZiele:
  • Gezielte Wissensvermittlung über die Erkrankung

  • Förderung des kompetenten Umgangs von Patienten und Angehörigen mit der Erkrankung

  • Emotionale Entlastung

  • Sicherung der langfristigen Behandlungsbereitschaft und Senkung des Rückfallrisikos

Die Durchführung der Psychoedukation kann in Einzel- oder Gruppensitzungen erfolgen. Sie hat sich ursprünglich aus der Familientherapie entwickelt und kann Betroffenen und ihren Angehörigen angeboten werden. Die Teilnahme an einer psychoedukativen Gruppe führt zunächst zu einer emotionalen EntlastungPsychoedukationEffekte. Häufig gehen der Teilnahme ein langes Leiden und eine Stigmatisierung durch die Erkrankung voraus. Der Erfahrungsaustausch über schmerzvolle und belastende Erfahrungen in der Gruppe und das Gefühl, kein Einzelschicksal zu erleiden, erleben die meisten als sehr entlastend. Durch die Informationsvermittlung über die Erkrankung wird auch die Hilflosigkeit der Betroffenen gemildert. Bei Betroffenen und Angehörigen wird Verständnis für die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten geschaffen, und es werden Wege aufgezeigt, wie man der Erkrankung sinnvoll begegnen kann. Der Umgang mit der Erkrankung wird allen Beteiligten erleichtert. Langfristig kann dies die Betroffenen zu „Experten“ ihrer Erkrankung machen, ihre Behandlungsbereitschaft fördern und das Rückfallrisiko senken.
Psychoedukative Behandlungselemente sind zwischenzeitlich schon Bestandteil einer Vielzahl von Psychotherapieformen. Strukturierte psychoedukative Programme mit Therapiemanualen und Ratgebern sind bereits für viele psychische Erkrankungen wie z. B. Depression, Zwangsstörungen, Angststörungen, Borderline-Störung, schizophrene Störungen sowie Suchterkrankungen entwickelt und erprobt worden.

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

Die Trauma bearbeitende Psychotherapiemethode EMDR (Eye Movement = Augenbewegungen; Desensitization = Desensibilisierung, Unempfindlich-Machen; Reprocessing = Be-/Verarbeitung des Traumas) zählt zu den effektivsten Methoden in der Behandlung der PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) und wurde 2006 vom deutschen Wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie anerkannt. Nach dem für die EMDR handlungsleitenden Modell der adaptiven Informationsverarbeitung sind die belastenden Erfahrungen in blockierten bzw. unvollständig integrierten Erinnerungsnetzwerken des Gehirns verankert. Um möglichst große Behandlungseffekte zu erzielen, beinhaltet das EMDR-Verfahren Elemente vieler wirksamer Psychotherapieansätze (u. a. kognitiv-verhaltenstherapeutische, psychodynamisch/tiefenpsychologische, körpertherapeutische und interpersonelle), die in strukturierter Weise eingesetzt werden.
Zu den wichtigsten Elementen der EMDR gehören:
  • die „bilaterale Stimulation“, wobei durch Augenbewegungen, Töne oder (nach Absprache mit dem Klienten) auch kurze Berührungen z. B. des Handrückens oder der Oberschenkel (sog. „Taps“) ausgleichend auf die beiden durch den Gehirnbalken (das Corpus callosum) verbundenen Gehirnhälften eingewirkt wird;

  • der Aufbau psychischer Kräfte (Ressourcen) sowie

  • die Bearbeitung belastender (traumatischer) Erlebnisse, die an der Auslösung vieler psychischer Erkrankungen beteiligt sind.

Nach einer erfolgreichen EMDR-Behandlung erleben sich die meisten Patienten als deutlich entlastet; negative Überzeugungen können (auch von der Gefühlsebene her) neu und positiv formuliert werden, und die physiologische Erregung klingt deutlich ab.
In wissenschaftlichen Studien zu EMDR hat sich gezeigt, dass dieses traumatherapeutische Verfahren die gleichen Behandlungseffekte erzielt wie andere bewährte Behandlungsmethoden, dazu jedoch nur 40 % der Behandlungsstunden benötigt.
Auch wenn die EMDR in erster Linie zur Behandlung belastender Erinnerungen bei PTBS entwickelt wurde, hat sich die Methode auch bei anderen durch belastende Erlebnisse mit verursachten Störungsbildern sowie bei Kindern mit Verhaltensstörungen, bei Anpassungsstörungen, traumatischer Trauer nach Verlusterlebnissen und bei chronischen komplexen Traumafolgestörungen viele Jahre nach schweren Kindheitsbelastungen als wirksam erwiesen.
Darüber hinaus zeigen wissenschaftliche Studien, dass EMDR auch in der Behandlung von Phantomschmerzen oder zur Senkung der Rückfallneigung bei Alkoholabhängigkeit Wirkung.
Allerdings ist diese hoch wirksame Methode auch nicht ohne Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Eine Behandlung mit EMDR sollte daher nur von entsprechend geschulten Psychotherapeuten durchgeführt werden.

Verständnisfragen

  • Welche kindlichen Entwicklungsphasen werden nach Freud unterschieden? Was sind ihre jeweiligen Themen?

  • Welche Grundtechniken gehören zur psychoanalytischen Therapie?

  • Worauf liegt der Schwerpunkt bei der analytischen Behandlungstechnik? Was soll in der Therapie „wiederbelebt“ werden?

  • Was bedeutet „Widerstand“ in der psychoanalytischen Therapie? Woran ist er erkennbar?

  • Was besagt die Abstinenzregel? Bei welchem Therapieverfahren ist sie bedeutsam?

  • Welche Voraussetzung muss ein Klient für die klassische Psychoanalyse erfüllen?

  • Worin bestehen die Hauptunterschiede von psychoanalytischer und Verhaltenstherapie?

  • Was beschreibt das SORCK-Modell?

  • Welche verhaltenssteuernden Elemente werden bei den operanten Verfahren der Verhaltenstherapie eingesetzt? Welche weiteren behavioralen Verfahren kennen Sie? Charakterisieren Sie kurz deren Prinzipien!

  • Welche Grundannahme erklärt das Prinzip der systematischen Desensibilisierung?

  • Was versteht man unter der Angstkurve, und worin besteht ihr therapeutischer Nutzen?

  • Charakterisieren Sie die Gesprächspsychotherapie. Wie wirkt sie?

  • Welche Entspannungsverfahren kennen Sie? Wodurch zeichnen sie sich aus?

  • Was versteht man unter Psychoedukation?

  • Wer hat EMDR als solches entwickelt?

  • Für was steht EMDR?

  • Was ist eine bilaterale Stimulation?

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