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B978-3-437-58303-2.00014-5

10.1016/B978-3-437-58303-2.00014-5

978-3-437-58303-2

Pathologische TraumafolgenTraumaFolgen, pathologische

[L 157]

Typische Merkmale einer akuten Akute BelastungsreaktionPhasenBelastungsreaktion

Tab. 14.1
1. Phase Betäubung („Schock“) mit vegetativen Begleitsymptomen Subjektives Gefühl der Entfremdung, Derealisations- und Depersonalisationserleben; Bewusstseinseinengung; eingeschränkte Aufmerksamkeit; Unfähigkeit, Reize angemessen zu verarbeiten. Körperliche Reaktionen: beschleunigter Puls, Erröten, Schwitzen, Zittern, Erbrechen, Harn- und Stuhldrang
2. Phase Rascher Wechsel verschiedener Symptome Verringerter oder gehemmter Antrieb, Interesselosigkeit, sozialer Rückzug oder Angst, Verzweiflung, motorische Übererregtheit, verbal lautes oder aggressives Verhalten, Fluchttendenzen oder dissoziativer Stupor
3. Phase Nach Abklingen der akuten Phase Akute Symptome verschwunden, stattdessen depressive Stimmung mit Suizidgedanken oder -handlungen; partielle Amnesie für das traumatische Ereignis

Typische Merkmale einer posttraumatischen BelastungsstörungPosttraumatische BelastungsstörungMerkmale

Tab. 14.2
Symptomenkomplexe Symptome
Erinnerung an das Trauma Wiederholtes Erleben des Traumas in sich aufdrängenden inneren Bildern oder Albträumen („Flashbacks“); begleitet sind diese Erinnerungen von unangenehmen Körpersensationen (Schmerzen, Geruch am Unfallort) sowie von vegetativen Symptomen (Zittern, Schwitzen etc.)
Vermeidungsverhalten und eingeschränkte emotionale Erlebnisfähigkeit Der Patient meidet Situationen, Objekte oder Personen, die an das Trauma erinnern. Er erlebt sich als von seinem Alltag und seinen Angehörigen entfremdet; es fällt ihm schwer, Gefühle zu empfinden. Grübelneigung, Schuldgefühle und Selbstvorwürfe
Erhöhtes Erregungsniveau Schreckhaftigkeit, Anspannung, Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, aggressive Impulse

Typische Beispiele für Auslöser AnpassungsstörungenAuslösereiner Anpassungsstörung

Tab. 14.3
Bei Jugendlichen Bei Erwachsenen
  • Schulprobleme

  • Trennung der Eltern

  • Zurückweisung durch die Eltern

  • Eheprobleme der Eltern

  • Trennung von Freund/Freundin

  • Ehe-/Beziehungsprobleme

  • Trennung/Scheidung/Tod

  • Probleme am Arbeitsplatz

  • Finanzielle Probleme

  • Diagnose einer schweren Krankheit

  • Alkohol/Drogen

ICD-10ICD-10Anpassungsstörungen-Klassifikation der AnpassungsstörungenAnpassungsstörungenICD-10-KlassifikationBettnässenDaumenlutschenKurze depressive ReaktionDepressive ReaktionkurzeLängere depressive ReaktionDepressive ReaktionlängereDepressive Reaktiongemischt mit AngstAngstund depressive Reaktion gemischtSozialverhaltensstörungenAnpassungsstörungTrauerreaktionAdoleszenz

Tab. 14.4
Kapitel F4 Beschreibung
F43.20 Kurze depressive Reaktion
Ein vorübergehend leichter depressiver Zustand, der nicht länger als 1 Monat andauert
F43.21 Längere depressive Reaktion
Ein leichter depressiver Zustand als Reaktion auf eine länger anhaltende Belastungssituation, der 2 Jahre aber nicht überschreitet
F43.22 Angst und depressive Reaktion gemischt
Sowohl Angst als auch depressive Symptome sind vorhanden, jedoch nicht in größerem Ausmaß als bei Angst und depressiver Störung, gemischt (F41.2) oder anderen gemischten Angststörungen (F41.3)
F43.23 Mit vorwiegender Störung von anderen Gefühlen
Die Symptome betreffen zumeist verschiedene affektive Qualitäten wie etwa Angst, Depression, Besorgnis, Anspannung und Ärger. Die Symptome für Angst und Depression können die Kriterien für Angst und depressive Störung gemischt (F41.2) oder andere gemischte Angststörungen (F41.3) erfüllen, sind aber nicht so dominierend, dass andere spezifischere depressive Angststörungen diagnostiziert werden können. Diese Kategorie sollte auch für Reaktionen im Kindesalter verwandt werden, bei denen regressives Verhalten wie Bettnässen oder Daumenlutschen zusätzlich vorliegen.
F43.24 Mit vorwiegender Störung des Sozialverhaltens
Die hauptsächliche Störung betrifft das Sozialverhalten; so kann sich z. B. eine Trauerreaktion in der Adoleszenz in aggressivem oder dissozialem Verhalten äußern.
F43.25 Mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten
Sowohl emotionale Symptome als auch Störungen des Sozialverhaltens sind bestimmende Symptome
F43.28 Mit sonstigen näher bezeichneten vorherrschenden Symptomen
F43.29 Nicht näher bezeichnete Anpassungsstörung

Übersicht über die Belastungs- und AnpassungsstörungenICD-10BelastungsstörungenBelastungsstörungenICD-10-KlassifikationBelastungsstörungenReaktionenAnpassungsstörungenReaktionen

Tab. 14.5
Störung Beschreibung
Akute Belastungsstörung Direkt nach einem schweren traumatischen Ereignis einsetzende Symptomatik, die mit Betäubungs- und Angstgefühlen einhergeht und sich innerhalb weniger Stunden zurückbildet
Posttraumatische Belastungsstörung Angstzustände nach schwer belastenden Erlebnissen, die mit erhöhter Erregbarkeit einhergehen. Typisch ist das Vermeiden von Reizen oder Orten, die mit dem Ereignis zusammenhängen, um nicht mit der dort ausgelösten Angst konfrontiert zu werden
Anpassungsstörungen Subjektive Belastungsreaktion aufgrund einer äußeren belastenden Situation (Scheidung, Kündigung, Tod eines nahestehenden Menschen)

Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen

  • 14.1

    Schwere Belastung und Traumatisierung208

    • 14.1.1

      Definition (ICD-10: F43)208

    • 14.1.2

      Reaktionen208

    • 14.1.3

      Einteilung nach Schweregrad209

    • 14.1.4

      Einteilung nach Dauer209

  • 14.2

    Akute Belastungsreaktion (ICD-10: F43.0)209

    • 14.2.1

      Definition210

    • 14.2.2

      Symptomatik210

    • 14.2.3

      Diagnostik210

    • 14.2.4

      Ätiologie211

    • 14.2.5

      Therapie211

  • 14.3

    Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1)211

    • 14.3.1

      Definition211

    • 14.3.2

      Symptomatik211

    • 14.3.3

      Diagnostik212

    • 14.3.4

      Ätiologie212

    • 14.3.5

      Therapie212

  • 14.4

    Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2)213

    • 14.4.1

      Definition213

    • 14.4.2

      Klassifikation214

    • 14.4.3

      Symptomatik214

    • 14.4.4

      Diagnostik215

    • 14.4.5

      Krankheitsverlauf215

    • 14.4.6

      Therapie215

Kapitelübersicht

Den BelastungsstörungenBelastungsstörungen geht ein akutes Trauma oder eine chronische Belastung voraus, die für das Auftreten der Beschwerden zwingend notwendig ist. Folgeerkrankungen können eine akute Belastungsreaktion, eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine AnpassungsstörungAnpassungsstörungen sein. Betroffen sind dabei v. a. Affekte, Leistungsfähigkeit und soziale Beziehungen.

Ähnlich wie bei den neurotischen und somatoformen Störungen (Kap. 13) spielt auch bei den Belastungsstörungen die individuelle Disposition bei der Krankheitsentstehung eine beträchtliche Rolle.

Die Therapie von posttraumatischen Belastungsstörungen sollte unbedingt Therapeuten vorbehalten sein, die bereits über ausreichende Erfahrungen mit diesen Störungsbildern verfügen oder sich in kontinuierlicher Supervision befinden, um eine Retraumatisierung der Klienten und eine Verschlechterung des Krankheitsprozesses zu verhindern.

Schwere Belastung und Traumatisierung

Definition (ICD-10: F43)

In der ICD-10 ist unter F43 eine Gruppe von Erkrankungen zusammengefasst, denen ein Aspekt gemeinsam ist: Alle Störungen lassen sich durch das Auftreten einer äußeren schweren Belastung BelastungsstörungenICD-10-Klassifikationerklären. Ohne die äußere Belastung wäre die Störung nicht entstanden. Zwar spielen belastende Lebensereignisse auch bei der Entwicklung vieler anderer psychischer Erkrankungen (Depression, Schizophrenie etc.) eine Rolle, sie sind dabei aber keine zwingende Notwendigkeit. Vitale Bedrohungen und Katastrophensituationen, aber auch schwere individuelle Kränkungen, Beängstigungen und Verlusterlebnisse können zu Erlebens- und/oder Verhaltensauffälligkeiten führen, die als Folge der Psychotraumatisierung anzusehen sind. Die inadäquaten Reaktionen auf belastende Lebensereignisse, die über die – nach allgemeiner Lebenserfahrung – zu erwartenden Reaktionen deutlich hinausgehen, beeinträchtigen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und soziale Beziehungen der Betroffenen.

Gut zu wissen Unter extremen Belastungen im psychischen oder sozialen Bereich reagiert fast jeder Mensch „außergewöhnlich“, also mit Abweichungen von der üblichen Verhaltensnorm. Dieses kann für die adäquate Verarbeitung eines belastenden Erlebnisses sinnvoll sein (z. B. im Rahmen einer TrauerreaktionTrauerreaktion). Die Art der Reaktion ist in der Regel von der Art und der Schwere der belastenden Situation sowie der Persönlichkeitsstruktur abhängig. Die Abgrenzung einer „normalen“ Reaktion auf ein belastendes Ereignis zu einer Belastungsstörung ist deshalb oft nicht einfach.

Die akute Symptomatik, meist gekennzeichnet durch heftige Angst, Unruhe, Erregtheit, Verzweiflung oder Apathie („Katastrophenreaktion“), Katastrophenreaktionklingt zwar im günstigen Fall während der folgenden Tage ab, sie kann allerdings auch in Form von Schreckhaftigkeit, Bedrücktheit, Gereiztheit und Schlafstörungen fortbestehen. Wiederholte Angsterlebnisse bzw. anhaltende schwere Belastungen (z. B. Lagerhaft, Terrorismus, Geiselnahme, Folter) können eine Entwicklung in Gang setzen, die durch eine über lange Zeit oder gänzlich verbleibende Persönlichkeitsveränderung mit chronischer Depressivität, Ängstlichkeit, Leistungsverlust, verminderter Belastbarkeit und vegetativen Störungen gekennzeichnet ist („erlebnisbedingter PersönlichkeitswandelPersönlichkeiterlebnisbedingter Wandel“). Es handelt sich dabei um eine tiefgreifende Änderung der gesamten Person („Überlebenden-SyndromÜberlebenden-Syndrom“, „KZ-SyndromKZ-Syndrom“).

Gut zu wissen Triadisches SystemBelastungsstörungenBelastungsstörungentriadisches SystemBelastungsstörungen wurden im triadischen System den „abnormen Variationen seelischen Wesens“ bzw. den psychogenen Störungen zugeordnet. Sie wurden als abnorme ErlebnisreaktionabnormeErlebnisreaktionen verstanden (Kap. 3.1). Die Belastungsstörungen gehören traditionell zur Gruppe der psychogenen Störungen.

Reaktionen

Belastungsstörungensubjektive VerarbeitungLosgelöst vom Ausmaß und Umfang der Belastung kann das Erlebte subjektiv ganz unterschiedlich bewertet und empfunden werden:
  • als bedrohlich

  • als überwältigend

  • als Herausforderung

  • als Chance

Dass Menschen auf gefährliche, herausfordernde und einschneidende Erlebnisse so reagieren, kann als Umstand betrachtet werden, der den Betroffenen dazu befähigt, das Geschehene zu verarbeiten und sich an die neue, veränderte Situation anzupassen. Ob diese Anpassung gelingt, ohne dass sich eine pathologische Symptomatik, d. h. eine Belastungs- oder Anpassungsstörung entwickelt, die sich auf die Alltagsgestaltung und Berufstätigkeit sowie die Beziehungen der Betroffenen auswirkt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: BelastungsstörungenEinflussfaktoren
  • Ausmaß des Traumas

  • Individuelle Belastungsgrenze

  • Individuelle Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen

  • Biologische Vulnerabilität

  • Entwicklungsgeschichtliche Aspekte des Betroffenen

  • Verfügbares soziales Netz

Merke

Bei Belastungsstörungen kommt neben der äußerlichen Belastung auch der charakterlichen Disposition sowie etwaigen innerpsychischen Konflikten eine besondere Bedeutung zu.

Einteilung nach Schweregrad

Aus psychologischer Perspektive werden psychosoziale BelastungsstörungenPsychosoziale BelastungsstörungBelastungsstörungenSchweregrade nach ihrem Schweregrad eingeteilt:
  • 1.

    Trauma: TraumaDefinition

    Ein Trauma ist ein Ereignis, das von jedem Menschen als extrem belastend und/oder katastrophal erlebt wird. Der Betroffene erlebt eine Situation, in der er entweder selbst einem lebensbedrohlichen Ereignis oder Handlungen ausgesetzt war, durch die er schwere körperliche und psychische Verletzungen erlitten hat, oder hat eine solche Situation, in der primär andere Personen betroffen waren (z. B. schwerer Unfall, Naturkatastrophe, Kampfhandlungen, Folter, Terrorismus, Vergewaltigung) als direkter Zeuge miterlebt.

  • 2.

    Kritische Lebensereignisse:

    Als kritische LebensereignisseLebensereignisse, kritischeKritische Lebensereignisse werden Lebenssituationen beschrieben, die den bestehenden Lebenslauf/-entwurf eines Menschen bedrohen und einschneidende Veränderungen in der Lebensgestaltung mit sich bringen. Beispiele dafür sind: Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes, ein schwerer Unfall, Tod des Partners.

  • 3.

    Lebensübergänge Lebensübergänge :

    Sogenannte Lebensübergänge oder biografische Übergänge Biografische Übergängebezeichnen Lebensveränderungen, die vorhersehbar sind und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, z. B. das Verlassen des Elternhauses, Heirat, ein Umzug, körperliche Einschränkungen im Alter.

TraumataBelastungsstörungenTraumatypen werden in Typ I und Typ II eingeteilt:
  • Typ-I-TraumataTraumaTyp I: kurze, einmalige Ereignisse (wie z. B. ein Erdbeben)

  • Typ-II-TraumataTraumaTyp II: lang anhaltende oder mehrfache Ereignisse (z. B. Geiselhaft, wiederholte Vergewaltigung)

Daneben gibt es die Unterscheidung zwischen intendiertenTraumaintendiertes (beabsichtigten) und akzidentellen (Traumaakzidentelles zufälligen) Traumata. Wissenschaftlich hat sich gezeigt, dass die Typ-II-Traumata sowie die intendierten Traumata jeweils mit höheren Risikowerten für die Entstehung einer PTBS verbunden sind.

Einteilung nach Dauer

Anhand der Dauer lassen sich akute oder chronische Belastungen unterscheiden (→ ICD-10 als Reaktion auf schwere Belastungen):
  • F43.0: Akute BelastungsreaktionBelastungsstörungenakute

  • F43.1: Posttraumatische BelastungsstörungBelastungsstörungenposttraumatische (PTBS)

  • F43.2: AnpassungsstörungAnpassungsstörungen

Welche Folgen eine Traumatisierung haben kann, ist in Abb. 14.1 dargestellt. Die einzelnen Störungen werden im Weiteren detailliert besprochen.

Akute Belastungsreaktion (ICD-10: F43.0)

Fall

Akute Belastungsreaktion – „Knall auf Fall!“

Akute BelastungsreaktionFallbeispielDer Wagen des 39-jährigen Chiropraktikers Esprimo wird von einem bei Rot über die Ampel fahrenden Kleinbus gerammt. Er ist angegurtet und wird nur leicht verletzt. Der Verursacher des Unfalls wird bewusstlos in die Notaufnahme gebracht. Herr Esprimo sitzt wie versteinert neben seinem Pkw und wiederholt stereotyp die Worte: „Aber es war doch grün!“ Als die Verkehrspolizei kommt und ihn über den Unfallhergang befragen will, behauptet er, er könne sich an nichts erinnern. Einige Zeit später beginnt er zu zittern, dann laut über den schwerverletzten Fahrer zu schimpfen. Plötzlich kriecht er in sein demoliertes Auto und sucht dort ziellos herum. „Ich muss alle anrufen! Ich muss alle benachrichtigen! Wo ist bloß mein Adressbuch?“, wiederholt er dabei stereotyp.

Definition

Die akute Belastungsreaktion ist nach ICD-10 ICD-10Belastungsreaktion, akuteAkute BelastungsreaktionICD-10eine vorübergehende Störung von beträchtlichem Schweregrad, die sich bei einem psychisch nicht manifest gestörten Menschen als Reaktion auf eine außergewöhnliche körperliche und/oder seelische Belastung entwickelt und normalerweise innerhalb von Stunden oder Tagen abklingt.
Synonyme: akute Krisenreaktion, Krisenreaktion, akutepsychischer SchockSchock, psychischer, Psychischer SchockNervenzusammenbruch, NervenzusammenbruchKatastrophenreaktion Katastrophenreaktionoder ErlebnisreaktionErlebnisreaktion

Symptomatik

Die Symptome der akuten Belastungsreaktion Akute BelastungsreaktionMerkmaletreten zeitlich nacheinander auf (Tab. 14.1).

Erläuterungen zum Fall

„Betäubung“ mit vegetativer Begleitsymptomatik

Akute BelastungsreaktionSymptomeBei Herrn Esprimo stellt sich nach Vegetative Störungen/SymptomeBelastungsreaktion, akutedem Unfall (Trauma) eine Art Betäubung ein. Er sitzt wie versteinert neben seinem Auto und wiederholt immerzu dieselben Worte. Körperlich reagiert er auf den Schock mit Zittern.

Unproduktive motorische Hyperaktivität und verbal aggressives Verhalten

Dann ändert er plötzlich sein Verhalten, schimpft über den Unfallverursacher und zeigt einen unproduktiven Aktionismus, sucht ziellos etwas im Auto. Häufig verlassen die Betroffenen auch fluchtartig die traumatisierende Situation (Fluchtverhalten) oder verharren in einem Wachzustand, in dem sie durch Ansprache nicht erreicht werden können (dissoziativer StuporDissoziativer StuporStupordissoziativer).

Amnesie

Eine Akute BelastungsreaktionAmnesieAmnesieBelastungsreaktion, akuteAmnesie für das Trauma ist bei vielen Betroffenen vorhanden. Auch Herr Esprimo kann sich nicht an den Unfallhergang erinnern.
Dass akute Belastungsstörungen auch zu unberechenbaren Taten führen können und damit die Gefahr der Suizidalität SuizidalitätBelastungsreaktion, akuteAkute BelastungsreaktionSuizidalitätbestehen kann, wird im folgenden Beispiel veranschaulicht.

Fall

Akute Belastungsreaktion – „Wie betäubt“

Akute BelastungsreaktionFallbeispielEin 22-jähriger Zimmermann wird vom Notarzt und in Begleitung eines Arbeitskollegen in die psychiatrische Ambulanz gebracht. Der Kollege berichtet, dass der 22-Jährige am Nachmittag „ausgetickt“ sei. Nach einem Telefonat mit seinem Handy während der Frühstückspause habe er wie versteinert gewirkt und auf Ansprache nur mit einem unwirschen „Lass mich in Ruhe!“ reagiert. Seine Arbeit habe er zunächst mit abwesendem Gesichtsausdruck fortgesetzt. Nach der Mittagspause sei er mit starrem Blick aufgestanden, auf der Baustelle das Gerüst hochgestiegen und habe gemurmelt: „Jetzt ist alles vorbei.“ Er sei dann auf eine Dachgaube geklettert, habe auf Anrufe des Kollegen nicht reagiert und den Eindruck erweckt, sich vom Dach stürzen zu wollen. Der Kollege und ein herbeigerufener Notarzt hätten ihn jedoch von seinem Unterfangen abbringen und zu einer Vorstellung in der Klinik überreden können.
Der Zimmermann sitzt gebeugt und mit starrem Blick im Untersuchungszimmer. Während er stockend redet, steht er immer wieder auf und geht im Zimmer umher. Er berichtet, dass er homosexuell sei und vor etwa einem Jahr sein Coming-out gehabt habe, was mit erheblichen Konflikten in seiner Familie verbunden gewesen sei. Vor sechs Monaten habe er sich heftig in einen Mann verliebt und sei bereit gewesen, ihm zuliebe in ein anderes Bundesland umzuziehen und sein bisheriges Leben komplett aufzugeben. Seit einigen Tagen habe sich sein Partner seltsam verhalten und sich immer mehr zurückgezogen, ohne dass es zu einer Aussprache gekommen sei. Heute habe er ihn von der Baustelle aus angerufen. Dabei habe ihm der Partner eröffnet, dass er sich in einen anderen Mann verliebt habe und die Beziehung mit ihm beenden wolle.
Im ersten Moment sei er völlig überrollt gewesen von dieser Nachricht und habe sich ganz taub und erstarrt gefühlt. Er habe nichts mehr denken können außer „Jetzt ist alles vorbei!“; er sei in ein riesiges schwarzes Loch gefallen. Er habe keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Später sei er sehr verzweifelt geworden und habe gedacht: „Dann bringe ich mich halt um.“ Wie unter einem inneren Zwang sei er auf das Baugerüst und die Dachgaube geklettert und sei entschlossen gewesen hinunterzuspringen. Er habe aber doch noch gezögert und sei oben sitzen geblieben, bis ihn der Notarzt herunterbegleitet habe. Was der Notarzt mit ihm gesprochen habe, daran könne er sich gar nicht mehr so genau erinnern. „Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht“, sagt er, während er die Hände vors Gesicht schlägt [6a].

Diagnostik

Die akute Belastungsreaktion dauert zwischen Akute BelastungsreaktionDiagnosekriterienca. 8 Stunden und maximal 3 Tagen. Sie muss folgende Kriterien erfüllen:
  • Es besteht ein unmittelbarer und klarer zeitlicher Zusammenhang zwischen einer ungewöhnlichen Belastung und dem Beginn der Symptomatik; Beginn der Reaktion innerhalb weniger Minuten.

  • Auftreten eines gemischten und gewöhnlich wechselnden Symptombilds. Nach einem Zustand des „Betäubtseins“ werden Depression, Angst, Ärger, Verzweiflung, Überaktivität und Rückzug beobachtet; keines der Symptome ist längere Zeit vorherrschend.

  • In den meisten Fällen beginnen die Symptome nach 24–48 Stunden wieder abzuklingen und sind gewöhnlich nach mehreren Tagen verschwunden.

Ätiologie

Akute BelastungsreaktionÄtiologieDie akute Belastungsreaktion tritt meist innerhalb von Minuten nach einem massiven Schockerlebnis auf, z. B. einem schweren Unfall, einer Vergewaltigung, einer Naturkatastrophe, Krieg oder einer unerwarteten Veränderung der sozialen Beziehungen (unerwartete Trennung, Arbeitsplatzverlust, Tod eines Angehörigen etc.). Ob ein Mensch ein traumatisches Ereignis verarbeiten und sich an die neue Situation anpassen kann, hängt nicht nur von der Schwere des Traumas ab, TraumatisierungBelastungsreaktion, akutesondern auch von der persönlichen Belastungsgrenze. Diese wird hauptsächlich von der biologischen Vulnerabilität, biografischen Aspekten, der eigenen Persönlichkeit, belastenden Lebensereignissen vor dem Trauma und vom sozialen Umfeld bestimmt.

Therapie

Da in den meisten Fällen die Störung Akute BelastungsreaktionTherapieinnerhalb von wenigen Tagen, in seltenen Fällen Wochen von selbst abklingt, ist in der überwiegenden Anzahl der Fälle keine weitere Therapie nötig. Beruhigungsmittel sollten in dieser akuten Reaktionsphase nur nach kritischer Prüfung verabreicht werden, da sie die natürliche Verarbeitung der Belastung verhindern können.

Therapeutische Praxis

Patienten mit einer akuten Belastungsreaktion finden sich gewöhnlich nicht in der Praxis ein. Vielmehr werden Sie mit ihnen als Ersthelfer an Unfallorten konfrontiert. Sie können dabei auf die entsprechenden Reaktionen achten und die Betroffenen vom Unfallgeschehen wegführen. Lassen Sie die Betroffenen nicht allein, hören Sie verständnisvoll zu, und versuchen Sie zu beruhigen.

Zur Unterstützung sind Gesprächsangebote und eine persönliche Begleitung Mittel der Wahl: behutsame, jedoch beharrliche Kontaktaufnahme bei gleichzeitiger Abschirmung gegenüber äußeren Einflüssen („Talking-down“). Selten ist eine stationäre Aufnahme (bei Suizidalität) erforderlich.
  • Längerfristig psychotherapeutische und gruppentherapeutische Intervention: z. B. befreiende Affektentlastung, stützende Gespräche, Gruppentherapie, Traumabearbeitung, Psychodrama. Bei ausgeprägtem Vermeidungsverhalten sind verhaltenstherapeutische Maßnahmen angezeigt.

  • Rasche und kurzfristige medikamentöse Entlastung durch Benzodiazepine wird kontrovers diskutiert (Blockierung der Verarbeitung, z. B. bei Trauerreaktionen).

Therapieprognose: Nach Abklingen der aktuellen Symptomatik kann häufig noch über längere Zeit das Auftreten von ängstlicher Unruhe, Angespanntheit oder Schlafstörungen beobachtet werden. Diese Symptome sollten beobachtet werden, bei fehlender Besserung ist an eine andere psychische Störung zu denken (z. B. depressive Störung, PTBS, Anpassungsstörung). Nur in seltenen Fällen kommt es zum Übergang in eine hartnäckige hypochondrische, depressive oder dissoziative Störung. Daher ist eine frühzeitige, schrittweise Belastung des erkrankten Patienten bei gleichzeitiger Bearbeitung seines Vermeidungsverhaltens mithilfe der Verhaltenstherapie wünschenswert.

Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1)

Fall

Posttraumatische Belastungsstörung – „Eingeklemmt“

Ein 38-Posttraumatische BelastungsstörungFallbeispieljähriger Elektriker stellt sich auf Anraten chirurgischer Kollegen in der psychiatrischen Ambulanz vor. Im Gespräch wirkt er traurig und zeitweilig rat- und hilflos. Er berichtet, dass er seit einigen Wochen nicht mehr einschlafen könne. Tagsüber sei er gereizt und unkonzentriert. Er habe Schwierigkeiten, seiner Arbeit nachzugehen, und leide auch unter seinen partnerschaftlichen Problemen. Er könne die Nähe zu seiner Frau nicht mehr ertragen. Diese sei schon sehr ungehalten und habe vermutet, dass er fremdgehe. Seit er vor ½ Jahr einen Arbeitsunfall gehabt habe, sei er irgendwie nicht mehr der Alte. Er sei bei der Vorbereitung für eine Ausstellung in einer Messehalle auf einer Hebebühne gewesen. Plötzlich sei er zwischen Decke und Hebebühne eingeklemmt gewesen, an den genauen Hergang könne er sich nicht mehr erinnern, aber er habe Todesängste und starke Schmerzen ausgestanden. Es habe endlos gedauert, bis sie ihn befreit hätten. Er habe großes Glück gehabt: nur drei gebrochene Rippen sowie Quetschungen an Hand und Bein. Nach wenigen Tagen sei er von der chirurgischen Station entlassen worden. Aber er komme irgendwie nicht mehr auf die Beine. In der Arbeit tauge er nichts mehr, und seine Freunde hätten sich auch schon beklagt, dass er so wortkarg und wenig unterhaltsam geworden sei. Er leide am meisten unter den „Filmen“, die er sehe. Immer wieder laufe vor seinem inneren Auge die Unfallsituation ab, er sei dann eingeklemmt und spüre sogar noch die Schmerzen. Er traue sich nicht mehr, Aufzüge zu benutzen, und meide auch Tiefgaragen und Räume, in denen die Decken tief hingen. Albträume quälen ihn, dass er eingesperrt sei und keine Luft mehr bekomme; er wache dann schweißgebadet auf und könne nicht mehr einschlafen. Dann dränge sich ihm der Gedanke auf, was passiert wäre, wenn sie ihn nicht hätten retten können. Die letzten Tage habe er vor dem Einschlafen mehrere Flaschen Bier getrunken, in der Hoffnung, er könne dann besser schlafen und sich endlich mal entspannen, aber das habe nicht wirklich geholfen. Er wisse nicht, wie es weitergehen soll.

Definition

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBSPTBS) ist eine verzögerte Reaktion auf extreme Bedrohungssituationen (z. B. Naturkatastrophen, Kriege, Verfolgungen, schwere Unfälle, schwere Gewalttaten wie Geiselnahme und Vergewaltigung – als Zeuge oder selbst betroffen). Nicht selten münden diese Belastungsreaktionen in Persönlichkeitsveränderungen, Drogenkonsum (Alkohol) sowie SuizidgefährdungSuizidalitätposttraumatische Belastungsstörung. Posttraumatische BelastungsstörungSuizidalität
Synonyme: Posttraumatic Stress Disorder (PTSD), Posttraumatic Stress Disorder (PTSD)traumatische NeuroseTraumatische NeuroseNeurosen/neurotische Störungentraumatische

Symptomatik

Posttraumatische BelastungsstörungMerkmaleIn der Symptomatik unterscheidet man Reaktionen, die eine enge Nähe zu der traumatischen Situation herstellen („Flashbacks“, Träume, Wiederaufsuchen des Ortes oder Sammeln von Zeitungsberichten über das Trauma), von Versuchen, eine emotionale Distanz zum Trauma aufzubauen (Abgestumpftheit, sozialer Rückzug, Vergesslichkeit, Vermeidung von allem, was an das Trauma erinnert). Typische Merkmale der PTBS sind in Tab. 14.2 dargestellt.

Erläuterungen zum Fall

Posttraumatische BelastungsstörungFallbeispielIm Vordergrund der Beschwerden des Elektrikers stehen die sich aufdrängenden Bilder an die Unfallsituation, entweder als Tagtraum oder als Albtraum. Er sieht nicht nur die Bilder vor seinem inneren Auge ablaufen, sondern erlebt auch die Gefühle der Unfallsituation nach (Schmerzen, Beklemmungsgefühl). Das Ereignis hat ihn von seinem Alltag, seiner Frau und seinen Freunden entfremdet. Er erlebt sich als wortkarg und zu kaum etwas fähig. Die emotionale Beziehung zu seiner Frau ist deutlich abgekühlt, er kann ihre Nähe nicht ertragen. Gleichzeitig meidet er Situationen, die ihn an das Trauma erinnern (enge Räume, Aufzüge), und quält sich mit grüblerischen Gedanken (Was wäre, wenn er gestorben wäre?). Eine innere Anspannung mit Schlafschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen und Gereiztheit vervollständigen das Bild einer PTBS. Als ersten „Selbstheilungsversuch“ ist sein erhöhter Alkoholkonsum vor dem Einschlafen zu werten.

Diagnostik

Merkmale der PTBS nach ICD-10 Posttraumatische BelastungsstörungDiagnosekriterien nach ICD-10ICD-10posttraumatische Belastungsstörungsind:
  • Typisches Merkmal ist das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen („Flashbacks“), Flashbacksposttraumatische BelastungsstörungTräumen oder Albträumen. DasAlbträumeposttraumatische Belastungsstörung traumatisierende Ereignis tritt dem Betroffenen unausweichlich und unkontrollierbar plötzlich immer wieder vor Augen und führt zu ähnlichen körperlichen und psychischen Reaktionen wie im konkreten Ereignis selbst.

  • Emotionaler und sozialer Rückzug mit sozialer Rückzugposttraumatische Belastungsstörungandauernden Gefühlen von Betäubung und Teilnahmslosigkeit dem Umfeld gegenüber, außerdem Verlust der Lebensfreude (Anhedonie) undAnhedonieposttraumatische BelastungsstörungPosttraumatische BelastungsstörungÄtiologie unbedingtes Vermeiden von Situationen, die an das traumatisierende Ereignis erinnern könnten (z. B. kann ein Autounfall dazu führen, dass der Betroffene nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen will)

  • Zustand vegetativer Übererregtheit mit einem hohen Grad an Wachheit (gesteigerte Vigilanz), Schreckhaftigkeit und Schlaflosigkeit

Merke

Die Störung folgt dem Trauma mit einer Latenz von Wochen bis Monaten und dauert mindestens 1 Monat.

Ätiologie

Posttraumatische BelastungsstörungÄtiologieWie bei der akuten Belastungsreaktion ist auch das Auftreten einer PTBS von mehreren Faktoren abhängig (Kap. 14.1.2). Eine wesentliche Bedingung für die Diagnose einer PTBS stellt das Trauma dar (Kap. 14.1.3).

Therapie

Die Kombination von Frühintervention, psychodynamischen, kognitiv-verhaltenstherapeutischen Posttraumatische BelastungsstörungPsychotherapieInterventionen und Pharmakotherapie hat sich bei der PTBS bewährt.
Frühintervention
Posttraumatische BelastungsstörungKriseninterventionIn einer frühzeitigen KriseninterventionKriseninterventionBelastungsstörung, posttraumatische kann dem Betroffenen der Zusammenhang zwischen emotionaler und körperlicher Reaktion auf ein „ungewöhnliches“ Ereignis näher gebracht werden. Durch Zuspruch und die Möglichkeit, seine eigenen Erlebnisse zu verbalisieren, wird der Betroffene in seinem Anpassungsprozess unterstützt.
Kognitive Verhaltenstherapie
Kognitive Verhaltenstherapieposttraumatische BelastungsstörungPosttraumatische BelastungsstörungReizkonfrontationIm Vordergrund steht hier die ReizkonfrontationReizkonfrontationposttraumatische Belastungsstörung, also die Konfrontation mit dem traumatisierenden Ereignis. Durch neue Informationen, die während des Konfrontationsverfahrens gegeben werden, können die Betroffenen die Erlebnisse kognitiv neu bewerten und sekundäre Verarbeitungsprozesse anregen.
Psychodynamische Therapie
Inhalte der psychodynamischen Therapie Psychodynamische Therapieposttraumatische Belastungsstörungsind die Frage nach der Bedeutung des Traumas für das Selbstkonzept und die Bearbeitung unreifer sowie konflikthafter Beziehungsmuster, die durch das Trauma reaktiviert werden. Ziel ist es, langfristig besser mit dem Geschehenen im Alltag zurechtzukommen und die Ereignisse in ein Selbstkonzept zu integrieren.
Medikamentöse Therapie
In der akuten Phase kann zur Beruhigung oder zur Schlafförderung ein Beruhigungs- oder Schlafmittel verabreicht werden. Dabei sollte das Abhängigkeitspotenzial nicht vernachlässigt werden. Je nach Ausmaß der depressiven Begleitsymptomatik kann auch die Gabe eines Antidepressivums sinnvoll sein.
Traumatherapie
TraumatherapiePosttraumatische BelastungsstörungEMDRPosttraumatische BelastungsstörungTraumatherapieIn den späten 1970er-Jahren wurde von Francine Shapiro (USA) mit dem EMDR EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)PrinzipEye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR)eine neue Form der Traumatherapie entwickelt. EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, also die Desensibilisierung und Traumaverarbeitung durch Augenbewegungen. Mit der EMDR-Methode sind TraumafolgestörungenTraumafolgestörungen bei Erwachsenen sowie bei Jugendlichen und Kindern behandelbar. In Europa wird EMDR seit Anfang der 1990er-Jahre angewendet. 2006 hat der Wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie EMDR als wissenschaftlich anerkannte Psychotherapiemethode genehmigt.
EMDR ist sehr effizient. Nach der Behandlung einer PTBS mit EMDR fühlen sich 80 % der Patienten deutlich entspannter und gelöster. Ein zentraler Bestand einer EMDR-Behandlung ist die Nachverarbeitung der traumatisierten/belastenden Erinnerung unter der Nutzung bilateraler Stimulation: Der Patient folgt den Fingern des Therapeuten mit den Augen, während dieser seine Hand abwechselnd nach links und rechts bewegt. Diese Form von Stimulation unterstützt das Gehirn, die ureigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren und die traumatisierten/belastenden Erinnerungen neu zu vernetzen und zu verarbeiten.

Fall

TraumafolgestörungenFallbeispielFrau S. schildert ihre Traumatisierung stockend: „Unser Vater war Alkoholiker und immer sehr cholerisch. Er fing sehr schnell an zu schreien. Gegen mich hat er nur selten die Hand erhoben und nur, wenn er schon sehr stark betrunken war. Anders als bei meinem 3 Jahre älteren Bruder. Ich glaube, mein Vater konnte es nie akzeptieren, dass Peter nicht sein leibliches Kind war, sondern aus einer vorehelichen Beziehung unserer Mutter stammte. Wenn er wütend war, hat er Peter grün und blau geschlagen. Ich hatte immer Angst, Peter würde es nicht überleben, da unser Vater ihn danach auch öfter in den Keller geschleppt und dort für Stunden eingesperrt hat. Vater hat mir und Mutter verboten, zu ihm zu gehen; wir durften ihm auch nichts zu essen und zu trinken bringen oder eine warme Decke. Manchmal in den Ferien hat er ihn sogar über mehrere Tage dort gelassen. Wir hörten ihn dann schreien und weinen und fühlten uns so hilflos und verloren. Ich träume heute noch sehr oft davon und höre dabei immer dieses Wimmern.“

Weitere Therapieverfahren
Weitere Therapieverfahren, die bei der PTBS zum Einsatz kommen können, sind: Bilderleben, Entspannungsübungen, Gestalt- und Musiktherapie.

Therapeutische Praxis

Aufgrund der komplexen Symptomatik ist die PTBS deutlich schwieriger zu behandeln als die akute Belastungsstörung. Sie sollte Therapeuten mit einer speziellen Ausbildung vorbehalten bleiben, um das Risiko einer Retraumatisierung möglichst gering zu halten.

Therapieprognose
Bei Posttraumatische BelastungsstörungPrognosenicht rechtzeitig erkannter Störung findet sich häufig ein chronischer Verlauf mit Depressivität, Befindlichkeitsstörungen und Asthenie. Dieses kann sich bis zu einer Persönlichkeitsstörung infolge eines „erlebnisbedingten Persönlichkeitswandels“ ausweiten (Kap. 19). Die Therapie sollte daher möglichst frühzeitig durch spezialisierte Therapeuten erfolgen. Bei einer Förderung von personellen und sozialen Ressourcen und einer spezifischen Traumaexposition ist diese Störung jedoch gut zu behandeln und die Möglichkeit einer Symptomfreiheit gegeben.

Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2)

Fall

Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion – „Mutterseelenallein“

AnpassungsstörungenFallbeispielBeim Arzt erscheint die 26-jährige Aisha in Begleitung ihres Bruders, der schon länger in Deutschland lebt und während der Untersuchung die Übersetzung für seine Schwester vom Deutschen ins Türkische vornimmt – sie selbst spricht kaum Deutsch. Seine Schwester habe seit gut 1 Jahr eine ganze Reihe von Beschwerden unterschiedlichster Natur: Sie schlafe schlecht und sei demzufolge häufig müde und kraftlos. Zusätzlich sei ihr häufig schwindelig, begleitet von Kopfschmerzen und Herzrasen. Tagsüber plagten sie oft auch krampfartige Bauchschmerzen.
Der Bruder berichtet, dass seine Schwester sich seit der Übersiedelung aus der Türkei nach Deutschland vor einem Vierteljahr sehr verändert habe. Sie würde nur noch selten lachen, verfiele dagegen alle paar Wochen in kaum auszuhaltendes Weinen. Obschon sie schon nach kurzer Zeit eine Lehrstelle und inzwischen auch eine Förderung für einen Sprachkurs bekommen habe, habe sie panische Angst vor der Zukunft. Sie verfluche ihre Situation und die äußeren Umstände, sie fühle sich „mutterseelenallein“ und wolle am liebsten wieder nach Hause zurück zu ihrer Familie. Oder aber, wenn das nicht ginge, bete sie, möge ihr etwas Schlimmes zustoßen, damit sie für immer ihre Ruhe bekäme. Gebessert habe sich ihre Verfassung für wenige Tage, als ihre Eltern sie für 1 Woche besucht hätten. Da sei seine Schwester für eine Zeitlang unbeschwert gewesen. Doch inzwischen sei es mit ihren Beschwerden wieder genauso schlimm wie vorher.

Definition

Anpassungsstörungen AnpassungsstörungenDefinitiongehen mit einem gestörten Anpassungsprozess nach einschneidenden Lebensereignissen (sog. Lebensübergängen; Kap. 14.1.3) einher. Auslöser sind akute oder länger dauernde Belastungen, die eine Änderung des sozialen Umfelds oder der bisherigen Lebensführung bewirken (Tab. 14.3). Im Gegensatz zur PTBS gelten die Auslöser der Anpassungsstörung als weniger extrem und traumatisierend. Die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Auslösebedingungen sind natürlich fließend, und der Auslöser wird von jedem Menschen individuell verarbeitet.

Merke

Im Allgemeinen kommt es innerhalb von 1 Monat nach dem Lebensereignis oder den belastenden Faktoren zur depressiven Stimmung, Angst und Besorgnis. Anpassungsstörungen dauern in der Regel nicht länger als 6 Monate. Eine Ausnahme stellt die „längere depressive Reaktion“ (ICD-10: F43.21) dar, die bis zu 2 Jahre andauern kann.

Merke

Während der PTBS eher extreme und stark traumatisierende Ereignisse (z. B. Folter, Vergewaltigung, Unfall) vorausgehen, können Anpassungsstörungen schon von weniger schwerwiegenden Ereignissen ausgelöst werden (Trennung vom Freund, Umzug). Entscheidend ist die persönliche Anpassungsstörungenpersönliche DispositionDisposition, wie jemand auf äußere Faktoren reagiert.

Zur Anpassungsstörung gehörige Begriffe: abnorme TrauerreaktionTrauerreaktionabnorme, „KulturschockKulturschock“, reaktive DepressionDepression/depressive EpisodereaktiveReaktive Depression

Klassifikation

Die Anpassungsstörungen werden in der ICD-10, Kapitel F4 nach der im Vordergrund stehenden Symptomatik in acht verschiedene Untergruppen eingeteilt (Tab. 14.4).

Symptomatik

Symptome der Anpassungsstörung sindAnpassungsstörungenSymptome:
  • Depressive Stimmung

  • Angst, Besorgnis

  • Bei Jugendlichen: häufig aggressives oder antisoziales Verhalten

  • Bei Kleinkindern: Bettnässen, Daumenlutschen oder Babysprache als Zeichen der Regression

  • Gefühle der Überforderung und Hilflosigkeit

  • Suizidgedanken bis hin zur akuten SuizidalitätAnpassungsstörungenSuizidalitätSuizidalitätAnpassungsstörungen

  • Vegetative Begleiterscheinungen (Herzrasen, muskuläre Anspannung, Druckgefühl, Schlafstörungen)

Erläuterungen zum Fall

Der Symptomatik der türkischen Frau geht klar eine einschneidende Änderung ihres sozialen Umfelds voraus: ihre Umsiedelung nach Deutschland.

Ängste

Aisha sorgt sich um ihr Leben, hat Angst Depression/depressive EpisodeAnpassungsstörungenAngststörungenAnpassungsstörungenvor ihrer Zukunft und fühlt sich in ihrem Gastland nicht wohl.

Depressive Stimmung

Sie ist niedergeschlagen und wird von Freudlosigkeit gequält. Von einer akuten Suizidalität berichtet ihr Bruder nicht, aber passive Todeswünsche, eine schlimme Krankheit zu bekommen und für immer Ruhe zu haben, sind vorhanden. In einem sorgfältigen Gespräch müssten diese Gedanken hinterfragt werden, um ihre SuizidalitätAnpassungsstörungenSuizidalitätSuizidalitätAnpassungsstörungen besser einschätzen zu können.

Vegetative Begleiterscheinungen

Aisha leidet unter vielen körperlichen Symptomen Vegetative Störungen/SymptomeAnpassungsstörungenwie Schwindelgefühlen, Kopfschmerzen und krampfartigen Beschwerden im Bauchbereich. Außerdem ist sie müde und hat Schlafschwierigkeiten.
Bevor bei der Patientin die Diagnose einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion gestellt werden kann, müssen eine sorgfältige körperliche Untersuchung durchgeführt und andere psychische Erkrankungen ausgeschlossen werden.

Merke

Bei einer Anpassungsstörung ist besonders auf SuizidalitätAnpassungsstörungenAnpassungsstörungenSuizidalitätSuizidalität (Kap. 21) zu achten, weil sie ein erhöhtes Risiko bei den Betroffenen darstellt! AnpassungsstörungenSuizidalitätSuizidalitätAnpassungsstörungen

Am Beispiel der Trauerreaktion kann TrauerreaktionAnpassungsstörungenAnpassungsstörungenTrauerreaktioneine Anpassungsstörung vielleicht am besten verdeutlicht werden. Trauer ist eine „gesunde“, d. h. normale psychische Reaktion auf den Verlust geliebter, nahestehender Personen oder auch der Heimat. In der Trauerreaktion wird das Verlusterlebnis aktiv verarbeitet, sodass sich der Betroffene nach Abschluss dieser Phase neu orientieren kann. Zu einer Anpassungsstörung kommt es erst, wenn die Trauer über Monate und Jahre andauert und in ihrer Intensität und Symptomatik deutlich von der kultur- und erfahrungsgemäßen Norm abweicht. So können die Betroffenen z. B. andauernde depressive Verstimmungen aufweisen, sich in ständigen Selbstanklagen oder Schuldgefühlen ergehen, zu vollkommenem emotionalem und sozialem Rückzug neigen (soziale Isolierung) oder andererseits gesteigerte Gereiztheit, Aggressivität oder übertriebene Geschäftigkeit an den Tag legen. Oft geht die Symptomatik auch mit mangelnder Akzeptanz der Situation (Nicht-wahrhaben-Wollen) und mit Verleugnung der narzisstischen Anteile in Beziehung zum Verlustobjekt einher.

Therapeutische Praxis

In Einzelfällen kann eine Anpassungsstörung auch mit einem Erregungszustand, AnpassungsstörungenAnpassungsstörungenErregungszustandErregungszustand einhergehen. Erklären lässt sich dies durch die Vorstellung, dass eine für den Betroffenen außergewöhnlich starke Belastung (z. B. Provokation, Enttäuschung, anderes Rollenverständnis, Streit, seelische Verletzung, schwere Kränkung, Enttäuschung) zu einem anhaltend hohen Erregungsniveau führt. Zu beachten ist, dass die Erregung als im kulturellen Kontext außergewöhnlich eingeschätzt und im Vergleich zur Norm als zu stark beschrieben werden muss. Da in einigen Kulturkreisen psychische Belastungen regelhaft mit hoher Erregung beantwortet werden, stellt dies im Vergleich eine normale Reaktion dar.

Diagnostik

Merkmale der Anpassungsstörung nach AnpassungsstörungenMerkmaleICD-10 sind:ICD-10AnpassungsstörungenAnpassungsstörungenICD-10-Diagnosekriterien
  • Depressive Verstimmung und Angst

  • Andauernde Besorgnis sowie das Gefühl, nicht zu seinem Recht zu kommen oder planen zu können (subjektiver Verlust der Selbstbestimmtheit)

  • Störungen des Sozialverhaltens, Beeinträchtigung der beruflichen Leistungsfähigkeit und bei der Bewältigung des Tagesablaufs, in Einzelfällen destruktives oder rücksichtsloses Verhalten

  • Eine für den Betroffenen als ungewöhnlich erlebte Belastungssituation muss in direktem zeitlichem Zusammenhang mit dem Auftreten der Beschwerden stehen, und es wird davon ausgegangen, dass ohne die Belastungssituation die Anpassungsstörung nicht aufgetreten wäre.

  • Rückbildung der Symptome nach 6 Monaten (bzw. nach 2 Jahren bei der längeren depressiven Reaktion)

Differenzialdiagnostisch ist stets auch an eine Dysthymia oder DysthymiaDifferenzialdiagnosenDepression/depressive EpisodeDifferenzialdiagnoseneine depressive Episode zu denken (Kap. 12.3). Patienten mit Verlassenheits- und Trennungsängsten reagieren häufig mit depressiven Verstimmungen.

Therapeutische Praxis

Affektive Affektive StörungenDifferenzialdiagnoseStörungen sollten sorgfältig gegen die Anpassungsstörung abgegrenzt werden. Eine depressive Episode kann ebenfalls durch ein belastendes Ereignis ausgelöst werden, ist in ihrer Ausprägung und in der Behandlung der Symptome aber von der Anpassungsstörung zu unterscheiden. Eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion kann unbehandelt auch in eine DysthymiaDysthymia übergehen.

Weitere Ausschlussdiagnosen: PTBS, Posttraumatische BelastungsstörungDifferenzialdiagnosenAngststörungenDifferenzialdiagnoseAngststörung, organische Erkrankung

Krankheitsverlauf

Die Anpassungsstörung bildet sich in der Regel nach 6 Monaten zurück. Bei einer längeren depressiven Reaktion ist der Übergang in eine affektive Störung jedoch möglich (depressive Episode, Dysthymia).

Therapie

Im Vordergrund der Therapie steht die AnpassungsstörungenTherapieKriseninterventionKriseninterventionAnpassungsstörungen, bei der dem Patienten die Möglichkeit zur emotionalen Entlastung gegeben werden soll. Ängste, Sorgen und Schuldgefühle sollen durch die Aussprache gemindert und dem Patienten Wege aufgezeigt werden, wie er mit der belastenden Situation besser umgehen kann. Diese Krisenintervention kann in der Regel ambulant erfolgen; sollten Suizidgedanken das Vorgehen erschweren, kann eine stationäre Aufnahme nötig werden. In Einzelfällen kann die Krisenintervention in eine längerfristige Psychotherapie übergehen, wenn die Schwere der Belastung oder die fehlenden Bewältigungsstrategien beim Klienten dies geboten erscheinen lassen.
Medikamente (Beruhigungs- oder Schlafmittel sowie Antidepressiva) könnenAnpassungsstörungen kurzfristig und symptomorientiert zur Anwendung kommen, sind aber nicht die Regel.
Abschließend gibt Tab. 14.5 einen Überblick über die Belastungs- und Anpassungsstörungen.Tab_014_005

Verständnisfragen

  • Welche psychischen Störungen können auf ein Trauma folgen?

  • Welche Traumatypen kennen Sie?

  • Definieren Sie die unterschiedliche Genese von Traumata und Anpassungsstörungen.

  • Wie und wozu wird EMDR angewendet?

  • Wodurch ist eine posttraumatische Belastungsstörung gekennzeichnet?

  • Was ist der Unterschied zwischen einer akuten Belastungsreaktion und einer posttraumatischen Belastungsstörung?

  • Was versteht man unter einer Anpassungsstörung? Nennen Sie Beispiele für auslösende Bedingungen!

  • Wogegen muss man eine längere depressive Reaktion differenzialdiagnostisch abgrenzen?

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