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B978-3-437-58366-7.00004-7

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Mündliche Prüfung ohne Fallgeschichten

Warum die mündliche Prüfung je nach Prüfungsamt ganz verschieden ablaufen kann

Die Durchführung der Überprüfung zum Heilpraktiker bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie liegt in der Verantwortung der einzelnen Bundesländer, deshalb sind die Ausführungsbestimmungen von Bundesland zu Bundesland verschieden. Dasselbe gilt für die Auswahl und Qualifikation der Prüfer wie auch die Art der Fragen – speziell für die Prüfung im Bereich Psychotherapie. Diverse Prüfungsämter gehen davon aus, dass ein Prüfling, der sich theoretische Kenntnissen in der Psychopathologie angeeignet hat und die heute wichtigsten Therapieverfahren beschreiben kann, automatisch auch die Befähigung besitzt, „Patienten entsprechend der Diagnose psychotherapeutisch zu behandeln“. Die Überprüfung erstreckt sich in solchen Fällen einzig und allein auf Fachwissen zu den verschiedenen Krankheitsbildern und den gängigen Therapieverfahren (meist: klassische und kognitive Verhaltenstherapie; Psychoanalyse; Gesprächspsychotherapie). Es liegt dann in der Eigenverantwortung des Prüflings, sich anschließend eine psychotherapeutische Ausbildung anzueignen.
In Prüfungen dieser Art werden oft ungeordnet viele verschiedene Themen angeschnitten, deshalb müssen Sie fähig sein, vor der Prüfungskommission ihr bisher erworbenes Wissen so abzurufen, dass Sie die oft sprunghaften Gedankengänge der Prüfer nachvollziehen können. Zwei hierfür typische Beispiele finden Sie in den Prüfungsprotokollen 51 und 52.
In manchen Prüfungsämtern sind die dort gestellten Fragen sehr anspruchsvoll und gehören eigentlich zum Wissensfundus eines „großen“ Heilpraktikers. Wenn die Prüfer wenig Erfahrung haben mit dem Aufgabenbereich eines Heilpraktikers eingeschränkt auf den Bereich Psychotherapie, kann es durchaus vorkommen, dass man Sie detailliert nach den Erste-Hilfe-Maßnahmen fragt, wenn ein Klient in Ihrer Praxis zusammenbricht (inklusive Mund-zu-Mund-Beatmung). Oder Sie müssen erkennen, dass ein Mann, der nach Atem ringt und Sie bittet, schnell das Fenster zu öffnen, einen Herzinfarkt haben könnte; oder dass ein Junge, der am Körper blaue Flecken aufweist, nicht misshandelt wurde, sondern eventuell Blutkrebs haben könnte. Möglicherweise will man von Ihnen wissen, was Sie tun, wenn ein Patient in der Praxis einen epileptischen Anfall erleidet oder jemand mit Syphilis oder HIV zu Ihnen in die Praxis kommt. Fragen dieser Art sind äußerst selten, kommen aber in den Prüfungsämtern einiger weniger Bundesländer in Abständen immer wieder vor. Ein Beispiel für eine Prüfung mit „grenzwertigen“ Fragen (aus mehreren Protokollen zusammengestellt) finden Sie in Prüfungsprotokoll 52.

Tipp

Bitte versuchen Sie in jedem Fall vorher in Erfahrung zu bringen, wie die mündliche Überprüfung bei Ihrem Prüfungsamt abläuft. Mit oder ohne Fallgeschichten? Mit „grenzwertigen“ Fragen oder eher dem, was ein Heilpraktiker, eingeschränkt auf den Bereich Psychotherapie, normalerweise wissen sollte. Hinweise bekommen Sie von Ihrem Ausbildungsinstitut, von Prüflingen, die das Mündliche schon hinter sich haben oder durch Rückfragen bei Ihrem Gesundheitsamt. Dort wird ein Merkblatt herausgegeben, das meist auch Hinweise auf die Themenwahl in mündlichen Überprüfungen enthält.

Die folgende Auflistung häufig gestellter Fragen, hilft Ihnen, das bisher Gelernte schwerpunktmäßig aufzufrischen und eventuell durch neue Themen zu ergänzen.

Häufig gefragte Themenbereiche im theoretischen Teil der Prüfung

  • Rechtsvorschriften: Pflichten des Heilpraktikers, Schweigepflicht, Betreuungsrecht, Unterbringungsrecht bzw. Psychisch-Kranken-Gesetz

  • Suizidalität: Krisenintervention, Pöldinger und Ringel, Vorgehen bei akuter Suizidgefährdung

  • psychopathologischer Befund: Elementarfunktionen (Was ist ein Wahn?, Bei welchen Erkrankungen kommen Halluzinationen vor?, Nennen Sie einige formale Denkstörungen: Für welche Störungen sind sie typisch?), sonstige Kriterien (Mimik, Sprache, Gang, Hinweise auf Suizidalität etc.)

  • depressive Episode: Schweregrad (Zahl der Kern- u. Zusatzsymptome), Therapie (Pharmakotherapie und kognitive Verhaltenstherapie)

  • andere Formen der Depression: organische Depression (z. B. bei Hypothyreose), Dysthymia, Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion, Depression bei PTBS

  • manische Erkrankungen: typische Merkmale nach ICD-10, Möglichkeiten der Therapie (Lithium, Neuroleptika)

  • schizophrene Störungen: Diagnosekriterien nach ICD-10, Unterformen der Schizophrenie, Therapie mit Neuroleptika (Nebenwirkungen!)

  • Demenz allgemein (hier auch: Test durch Fragen zur Orientierung oder Zeichnen eines Uhrenziffernblatts), Unterscheidung verschiedener Demenzformen (Alzheimer-Demenz, vaskuläre Demenz; Demenz bei Pick-Krankheit, Demenz bei Huntington, Demenz bei HIV-Erkrankung, Demenz als Folge einer Hypothyreose)

  • Delir, hier besonders das Alkohol-Entzugsdelir

  • Alkohol: Schädlicher Gebrauch oder Abhängigkeit? Alkoholentzugssyndrom, Delirium tremens, Folgeerkrankungen bei langjährigem Alkoholkonsum (körperliche Erkrankungen, Korsakow-Syndrom, Alkoholhalluzinose, Wernicke-Enzephalopathie, Alkohol-Demenz)

  • Missbrauch oder Abhängigkeit von psychotropen Substanzen: Marihuana, LSD, Kokain, in seltenen Fällen auch Fragen zu Heroin und Designer-Drogen

  • Angst- und Zwangsstörungen

  • Belastungsstörungen (PTBS, Anpassungsstörung)

  • somatoforme Störungen

  • dissoziative Störungen

  • Persönlichkeitsstörungen (alle aufzählen und in je einem Satz beschreiben)

  • Therapieformen: kognitive und klassische Verhaltenstherapie (Vorgehensweise beschreiben), Psychoanalyse, Gesprächspsychotherapie, Entspannungsverfahren

  • Mobbing und Burnout

  • Fragen zur Neurologie und zu körperlich bedingten psychischen Erkrankungen (Multiple Sklerose, Parkinson, Epilepsie, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumor, Anzeichen eines Herzinfarkts, Hyperthyreose, Folgen von Diabetes etc.)

  • sehr selten: Fragen im Grenzbereich zwischen „großem“ und „kleinem“ Heilpraktiker

Prüfungsprotokoll 51

Schwerpunkte: Affektive Störungen; schizophrene Störungen; organische psychische Störungen
Prüferin 1 beginnt:
Nennen Sie uns den Unterschied zwischen einer Depression und einer Dysthymia.
Bei einer Depression – genauer: einer depressiven Episode – sind die Symptome stärker ausgeprägt; die Erkrankung verläuft in Phasen. Die Mindestdauer einer depressiven Episode ist zwei Wochen; die Mindestdauer für eine Dysthymia ist zwei Jahre. Bei der Dysthymia sind die Symptome weniger stark ausgeprägt, das Krankheitsbild ähnelt einer Persönlichkeitsstörung. Allerdings kann eine Dysthymia auch Jahre nach der Adoleszenz beginnen (z. B. im Anschluss an ein traumatischen Erlebnis oder einer schweren depressiven Episode), deshalb zählt das Krankheitsbild nicht zu den Persönlichkeitsstörungen.
Kann es bei einer Depression auch psychotische Symptome geben?
Bei schweren depressiven Episoden kann es zu psychotischen Symptomen kommen, z. B. akustischen Halluzinationen, die in Du-Form zu den Betroffenen sprechen. Oder auch zu wahnhaftem Erleben. Diese Form der Depression heißt nach ICD-10 „schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen“.
Was ist ein Wahn?
Der Wahn ist eine inhaltliche Denkstörung. Wenn jemand einen Wahn hat, ist er von einer bestimmten Idee 100%ig überzeugt, seine wahnhaften Gedanken sind auch nicht korrigierbar.
Stellen Sie sich einen gläubigen Christen vor, der mit absoluter Gewissheit an Gott glaubt und dessen Glaube unkorrigierbar ist. Hat der dann einen Wahn?
Nein, da fehlt noch ein wichtiger Punkt: die wahnhafte Überzeugung steht im Widerspruch zur Wirklichkeit und zur Überzeugung der Mitmenschen. Das ist beim Glauben an Gott nicht der Fall, wohl aber, wenn jemand überzeugt davon ist, eine Wiedergeburt von Jesus zu sein oder vom Geheimdienst liquidiert zu werden.
Kann es bei der Manie einen Wahn geben?
Ja. Bei einer schweren manischen Episode haben die Betroffenen manchmal einen Größen- oder Sendungswahn.
Nennen Sie die Symptome der Manie.
Typisch ist z.B. die gesteigerte Aktivität, das verminderte Schlafbedürfnis, ein vermehrter Rededrang, Ideenflucht, Verlust sozialer Hemmungen, gesteigerte Libido …
Gut, wir merken, dass Sie sich da auskennen. Wie gehen Sie vor, wenn eine Frau mit ihrem Mann in der Praxis erscheint, der seit einigen Wochen so viel Geld ausgibt, dass sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen können.
Ich kläre die beiden über die Entstehung und Therapie der Erkrankung auf. Auch, dass ich in diesem Fall nicht mit dem Mann psychotherapeutisch arbeiten kann und darf.
Was genau erklären Sie den beiden?
Dass es sich hier um eine Störung von Überträgerstoffen im Gehirn handelt, die medikamentös behandelt werden kann; und dass der Facharzt hierfür ein Psychiater ist, der Medikamente, sogenannte Neuroleptika, verschreibt.
Der Mann sagt, er sei nicht krank. Er fühle sich so gut wie nie. Er werde auf keinen Fall zu einem Arzt gehen, schon gar nicht zu einem Arzt für Verrückte.
Wie gesagt, der Mann bräuchte dringend Medikamente. Da er allerdings weder sich selbst noch die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet, ist eine Zwangseinweisung nicht möglich. Ich rede mit der Frau alleine und rate ihr, eventuell beim zuständigen Betreuungsgericht eine Betreuung anzuregen.
Was sagt Ihnen in diesem Zusammenhang der Begriff „Einwilligungsvorbehalt“?
Wenn jemand unter Betreuung steht, kann das Gericht sich für bestimmte Bereiche – hier wäre es der Bereich Finanzen – die Einwilligung für Rechtsgeschäfte vorbehalten. Der Mann könnte also nur mit Zustimmung seines Betreuers (in Rücksprache mit dem Richter) finanzielle Geschäfte tätigen.
Gibt es eine Eigengefährdung bei der Manie?
Ja. In ihrer Selbstüberschätzung oder ihrem Größenwahn gefährden Maniker ihre Gesundheit, indem sie z. B. mit mehr als 120 km/h durch eine Ortschaft rasen, sich durch häufige sexuelle Abenteuer mit HIV infizieren oder gar glauben, fliegen zu können. Da die meisten Betroffenen an einer bipolaren Störung leiden, ist auch an den Phasenumschwung zu denken: Wenn die Manie umschlägt in eine Depression, ändert sich auch die Stimmung in Richtung Schuld- und Suizidgedanken. Da die gesteigerte Energie vorerst noch vorhanden ist, haben die Betroffenen die Kraft, ihre Suizidgedanken auch in die Tat umzusetzen. Dasselbe gilt umgekehrt für den Phasenumschwung von einer depressiven in eine manische Phase.
Prüferin 1 übergibt an Prüfer 2:
Welche organischen Ursachen gibt es für psychische Erkrankungen?
Schädel-Hirntrauma, Hirntumor, Enzephalitis, transitorische ischämische Attacken (TIA), Bluthochdruck, Stoffwechselerkrankungen (Hypothyreose), Diabetes, neurologische Erkrankungen, wie z. B. MS oder Parkinson …
Was wissen Sie über Parkinson?
Die Parkinson-Erkrankung wird durch eine Schädigung einer kleinen Hirnregion verursacht, die Dopamin produziert – der „Substantia nigra“. Als Folge des Dopaminmangels entwickeln die Betroffenen Bewegungsstörungen. Typisch sind z. B. der Trippelschritt, das Maskengesicht und der Tremor einer Hand oder eines Fußes.
Das sind jetzt neurologische Folgeerscheinungen. Gibt es bei Parkinson auch psychische Störungen als Folge der Erkrankung?
Ja. Typisch sind vor allem depressive Störungen, die z. T. durch den Dopaminmangel verursacht werden, z. T. auch aus der Auseinandersetzung mit der Erkrankung resultieren. Im Spätstadium endet die Erkrankung häufig in einer Demenz.
Welche anderen Demenzarten kennen Sie?
Natürlich die Alzheimer-Demenz, dann auch die vaskuläre Demenz, Demenz bei Pick-Krankheit oder bei der Huntington-Krankheit, Demenz bei … (Prüferin unterbricht)
Wie kann man sich die Entstehung einer vaskulären Demenz erklären?
Die vaskuläre Demenz ist eine Folge von Durchblutungsstörungen des Gehirns, beispielsweise als Folge von Arteriosklerose, Diabetes oder Bluthochdruck. Verantwortlich für die Durchblutungsstörungen sind krankhafte Veränderungen der Blutgefäße, z.B. durch Verengung der Adern oder Mini-Infarkte.
Was tun Sie, wenn jemand in Ihre Praxis kommt und Sie den Verdacht haben, es könnte sich um eine Demenz handeln?
Um meine Verdachtsdiagnose zu erhärten, könnte ich die Orientierung überprüfen.
Wie machen Sie das?
Ich stelle Fragen wie: „Welchen Tag haben wir heute?“, „Wo befinden wir uns hier?“, „Wie heißen Sie?“, „Wo wohnen Sie?“, „Wann sind Sie geboren?“ Oder ich nenne drei Begriffe, stelle weitere Fragen und bitte die ihn/sie nach fünf Minuten, die drei Begriffe zu wiederholen. Oder ich fordere die betroffene Person auf, ein Uhrenziffernblatt zu zeichnen und die Zeiger auf eine bestimmte Uhrzeit zu stellen. Wenn sich mein Verdacht erhärtet, motiviere ich den Mann/die Frau, sich von einem Neurologen untersuchen zu lassen. Eventuell gibt es in seiner Nähe auch eine Memory-Klinik, die sind auf Demenz-Erkrankungen spezialisiert und haben meist auch Selbsthilfegruppen für Angehörige.
Sind Orientierungsstörungen auch typisch für die Schizophrenie?
Nein. Personen, die an Schizophrenie leiden, sind in der Regel bewusstseinsklar und voll orientiert. Ist ein Patient allerdings in einer hochakuten Phase mit Wahn und akustischen Halluzinationen, kann die zeitliche Orientierung, in seltenen Fällen auch die Orientierung zur Situation, kurzzeitig gestört sein – wenn jemand z. B. glaubt, er befinde sich gar nicht in der Aufnahmestation einer Klinik, sondern werde vom Geheimdienst verhört.
Wie erkennen Sie, ob jemand an einer Schizophrenie erkrankt ist?
Da gibt es laut ICD-10 (basierend auf Kurt Schneider) Erstrang- und Zweitrangsymptome.
Was ist darunter zu verstehen?
Von den Erstrangsymptomen genügt ein Symptom für die Diagnose „Schizophrenie“, wenn es mindestens vier Wochen lang durchgehend vorhanden ist. Bei den sogenannten Zweitrangsymptomen müssen mindestens zwei über einen Zeitraum von vier Wochen oder länger vorhanden sein, um die Diagnose Schizophrenie zu rechtfertigen.
Welche Symptome zählen nach ICD-10 zu den Erstrangsymptomen?
Zu den Erstrangsymptomen zählen laut ICD-10 vier Symptome, die mit einer Störung der Gedanken zu tun haben: Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung, Gedankenentzug und Gedankenausbreitung. Ein weiteres Erstrangsymptom ist Wahn, z. B. Kontrollwahn, Beeinflussungswahn und das sogenannte „Gefühl des Gemachten“. Auch ein länger anhaltender bizarrer, kulturell unangemessener Wahn zählt zu den Erstrangsymptomen, genauso wie die Wahnwahrnehmung.
Können Sie ein Beispiel für das Symptom „Wahnwahrnehmung“ geben?
Jemand sieht z.B. eine geknickte Blume und deutet sie im Sinne seines Wahns um: Die geknickte Blume will mir sagen, dass ich bald schon schwer erkranken oder gar sterben werde.
Kommen wir zurück zu den Erstrangsymptomen – da fehlt noch eine Kategorie.
Das sind akustische Halluzinationen in Form von dialogischen Stimmen oder Stimmen, die in der dritten Person über den Erkrankten reden.
Und was zählt zu den Zweitrangsymptomen?
Halluzinationen verschiedenster Sinnesmodalitäten, oft begleitet von flüchtigen Wahngedanken. Oder formale Denkstörungen, wie sie für die Schizophrenie typisch sind: Denkzerfahrenheit, Gedankenabreißen, Neologismen oder auch eine konkretistische Sprache.
Was ist unter Konkretismus zu verstehen? Vielleicht können Sie uns ein, zwei Beispiele nennen.
Konkretismus bedeutet: Jemand kann nur konkret denken und nicht verallgemeinern, nicht auf andere Dinge „übertragen“. Schizophrene erkennen z. B. nicht den übertragenen Sinn von Sprichwörtern wie „Der Apfel fällt nicht weit von Stamm“ oder „Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse“. Auch ironische Bemerkungen werden oft nicht verstanden. Beispiel: Ein Mann schenkt einer an Schizophrenie erkrankten Frau eine Rose mit den Worten: „Vielleicht will die Rose Dir ja etwas sagen.“ –„Wieso sagen – die Rose spricht doch nicht.“
Bei welcher anderen Störung ist kommt konkretistisches Denken vor?

Erstrangsymptome der Schizophrenie: Merkwort „G-W-S“ (Bayerisch: „Geh, Wasti“).

Beim Asperger-Syndrom.
→ Weitere Details zur Schizophrenie finden Sie in Kapitel 2.7.4 (Prüfungsprotokoll 34).
Prüfer 2 übergibt an Prüferin 3:
Welche organischen affektiven Störungen kennen Sie?
Die ICD-10 nennt hier organisch bedingte depressive, manische oder bipolare Zustandsbilder. Eine organische depressive Störung kann z. B. durch eine Unterfunktion der Schilddrüse, einen Tumor an der Nebenniere oder durch ein schweres Schädel-Hirn-Trauma verursacht werden. Manische Zustandsbilder können auf eine Schädigung des Stirnhirns zurückzuführen sein.
Was machen Sie, wenn ein Patient mit PTBS in Ihrer Praxis einen Flashback erlebt?
Hier gilt es, den Patienten so schnell wie möglich ins Hier und Jetzt zurückzuholen, indem ich z. B. zu ihm sage: „Schauen Sie sich um, Sie sind hier in meinem Praxisraum, was können Sie da wahrnehmen?“ Oder ich berühre ihn an der Hand oder an der Schulter mit den Worten: „Sie sind hier, ich bin bei Ihnen … Hören Sie meine Stimme? Spüren Sie meine Hand?“ Sollte dies nichts nützen, rufe ich den Notarzt.
Und was tun Sie, wenn der Mann sagt, er halte das Ganze nicht mehr aus. Er habe sich schon Tabletten besorgt, um diesen schlimmen Zustand zu beenden?
Dann motiviere ich den Mann, sich selbst in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Wenn er dazu nicht bereit ist, werde ich eine Zwangseinweisung veranlassen …
→Weitere Details zur Suizidalität finden Sie in Kapitel 2.1.3 (Prüfungsprotokoll 2).

Prüfungsprotokoll 52

Fragen im Grenzbereich zwischen „großem“ und „kleinem“ Heilpraktiker(gilt nur für bestimmte Bundesländer und auch dort nur in ausgewählten Prüfungsämtern)
Ohne Fragen zu meinem Werdegang und meiner therapeutischen Vorerfahrung beginnt Prüfer 1 mit seinen Fragen:
Auf welcher rechtlichen Grundlage findet die Überprüfung heute statt?
Grundlage dieser Überprüfung ist das Heilpraktikergesetz vom 17. Februar 1939.
Wie genau ist der Wortlaut?
Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung.
Was heißt das – ohne Bestallung?
Der Begriff „bestallen“ geht ursprünglich zurück auf das Wort „bestellen“ = „in ein Amt einsetzen“. Der heutige Fachausdruck für Bestallung ist „Approbation“.
In § 1, Abs. 2 steht der Satz: „Ausübung der Heilkunde im Sinne dieses Gesetzes ist jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen.“ Was bedeuten in diesem Zusammenhang die Begriffe „berufsmäßige“ bzw. „gewerbsmäßige Ausübung?“
Unter „berufs- bzw. gewerbsmäßiger“ Ausübung der Heilkunde versteht man die Tatsache, die Heilkunde wiederholt auszuüben und sie zu einem eventuell dauerhaften Beruf zu machen. „Gewerbsmäßig“ bedeutet, dass der Heilpraktiker für seine Tätigkeit bezahlt wird.
Geben Sie mal ein Beispiel für eine nicht-berufsmäßige Ausübung der Heilkunde.
Wenn jemand z. B. für eine beschränkte Zeit einen Angehörigen pflegt, ist das keine berufsmäßige Ausübung der Heilkunde. Auch Heilhilfsberufe, die nur auf ärztliche Anweisung hin tätig werden (Krankenschwester, Krankenpfleger) oder ihre Behandlung nur auf Rezept eines Arztes ausführen (staatlich geprüfte Masseure oder Krankengymnasten) fallen nicht unter den Begriff „berufsmäßige Ausübung der Heilkunde.“
Durch welche Teile des Gesetzes wird Ihre Tätigkeit nach Bestehen dieser Prüfung eingeschränkt?
Ich brauche z. B. einen festen Niederlassungsort. Eine Behandlung an verschiedenen Orten in zeitweilig angemieteten Räumen wäre ein Beispiel für eine „Ausübung der Heilkunde im Umherziehen“.
Dann dürfen Sie auch keine Hausbesuche machen, oder?
Wenn ich meine Praxis beim Gesundheitsamt angemeldet habe, darf ich auch Hausbesuche machen. Hausbesuche zählen laut Gesetz nicht zur „Ausübung der Heilkunde im Umherziehen“.
Welche weiteren Einschränkungen müssen Sie beachten?
Als Heilpraktiker eingeschränkt auf die Ausübung von Psychotherapie gilt natürlich die Beschränkung auf die Diagnose und Linderung psychischer Erkrankungen in Abgrenzung zu körperlichen Erkrankungen, für die ein Facharzt oder „großer“ Heilpraktiker zuständig ist.
Welche gesetzliche Grundlage gibt es hierfür?
Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21.01.1993, das in den Durchführungsverordnungen der verschiedenen Bundesländer Eingang gefunden hat.
Noch ein letzter Punkt: Die Ausübung der Heilkunde im Umherziehen stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Wenn jemand sich ohne staatliche Zulassung „Heilpraktiker“ nennt, ist das eine Straftat. Was ist da der Unterschied?
Eine Ordnungswidrigkeit ist eine geringfügige Verletzung der Rechtsregeln, für die das Gesetz als Ahndung eine Geldbuße vorsieht. Eine Straftat ist wesentlich gravierender: Sie kann mit einer Geldbuße oder mit Gefängnis (in unserem Fall bis zu einem Jahr) bestraft werden.
Prüfer 1 übergibt an Prüferin 2:
Was ist ein psychiatrischer Notfall?
Ein psychiatrischer Notfall ist eine psychisch oder psychiatrisch bedingte Krisensituation, in der das Leben des Betroffenen gefährdet ist. Hier gilt es, schnellstmöglich zu handeln – meist ist eine Einweisung in eine Klinik notwendig. Akute Suizidalität ist z. B. ein psychiatrischer Notfall. Aber auch Erregungszustände, massive Entzugssyndrome oder ein Entzugsdelir zählen zu den psychiatrischen Notfällen.
Ein Klient bricht in Ihrem Wartezimmer zusammen. Was tun Sie?
Ich bitte eine Kollegin, sofort den Rettungsdienst zu benachrichtigen. Wenn ich alleine bin, wähle ich selbst die Notrufnummer 112 und kümmere mich dann sofort um den Patienten. Zuerst gilt es festzustellen, ob er noch atmet. Ich werde ihn also ansprechen oder ihn fest an der Schulter berühren. Wenn ich keine Antwort erhalte, lege ich ihn flach auf den Rücken, biege den Kopf leicht zurück, beobachte den Brustkorb, ob er sich bewegt. Oder ich lege eine Wange oder ein Ohr an den Mund des Mannes und spüre auf diese Weise, ob er noch atmet.
Gehen wir davon aus, dass der Mann noch atmet. Wie gehen Sie weiter vor?
Wenn er Symptome einer Sauerstoffunterversorgung aufweist – z. B. Zittern, Frieren, blasse Hautfarbe, kalte schweißnasse Haut – decke ich ihn warm zu, lagere seine Beine hoch und rede beruhigend mit ihm, bis der Krankenwagen kommt. Der Mann hat offensichtlich einen Schock und muss umgehend in ärztliche Behandlung.
Und wenn Sie feststellen, dass der Mann nicht mehr atmet?
Dann beginne ich mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung. Dreißigmal Drücken auf die Mitte der Brust, anschließend zweimal Mund-zu-Mund-Beatmung. Wichtig bei der Mund-zu-Mund-Beatmung ist, mit der einen Hand den Kiefer nach oben zu drücken, mit zwei Fingern der anderen Hand die Nase zuzuhalten, tief Luft zu holen und dann zweimal hintereinander in den Mund und die Lunge des Patienten langsam Luft zu blasen, bis der Brustkorb sich hebt. Daraus ergibt sich ein Rhythmus von dreißig Brustkorbkompressionen und zwei Atemspenden.
Nun zu einer anderen Notfallsituation: Stellen Sie sich vor, ein Mann kommt torkelnd zu Ihnen in die Praxis und bittet Sie um Hilfe: Dunkle Gestalten seien hinter ihm her. Er sei ihnen gerade noch entkommen. Der Mann hat offensichtlich große Angst. Er schwitzt, zittert, nestelt an seinem Hemd und weiß nicht, wo er sich befindet. Auf Ihre Fragen antwortet er wirr. Was, denken Sie, hat der Mann?
Der Mann hat wahrscheinlich ein Alkohol-Delir; ich würde ihn als erstes fragen, wann und wieviel er zum letzten Mal getrunken hat.
Der Mann behauptet, er sei seit drei Tagen abstinent. Seine Freundin habe es so gewollt. Wie gehen Sie weiter vor?
Der Mann ist verwirrt und weiß nicht, wo er sich befindet: Er ist offensichtlich bewusstseinsgetrübt und desorientiert. Er scheint auch einen Verfolgungswahn zu haben, verbunden mit optischen Halluzinationen, die große Angst in ihm auslösen. Außerdem hat er diverse vegetative Symptome, die für ein Delirium tremens typisch sind: Schwitzen, Zittern, innere Unruhe, Nesteln …
Was kann bei einem Entzugsdelir noch auftreten?
Epilepsieähnliche Krampfanfälle. Der Mann muss sofort in die Klinik, d. h. ich rufe den Krankenwagen, der den Mann in die nächstliegende Klinik transportiert.
Was bekommt er da als Medikament?
So weit ich weiß, geben die Ärzte oft Clomethiazol (Distraneurin). Ohne medikamentöse Behandlung verläuft das Delir auch heute noch in etwa 20 % der Fälle tödlich.
Prüferin 2 übergibt an Prüfer 3:
Ein 40-jähriger Mann kommt in die Praxis. Er ist seit gestern apathisch, leidet an Kopfschmerzen, Schwindel, Kribbeln im rechten Arm und Schluckstörungen. Gestern hat man ihm gesagt, er habe einen Krampfanfall gehabt. Er könne sich aber an nichts erinnern. Was könnte der Mann haben?
Das Kribbeln im rechten Arm und die Schluckstörungen sind neurologische Herdzeichen, es handelt sich ziemlich sicher um eine neurologische Erkrankung. Eventuell hatte der Mann einen Schlaganfall, aber da haben die Betroffenen keinen epileptischen Anfall.
Was sonst noch könnte es sein? Denken Sie an die anderen Symptome.
Schwindel und Kopfschmerzen lassen mich an einen Hirntumor denken. Etwa 20% der Hirntumor-Patienten erleiden ohne Vorboten einen epileptischen Anfall. Ich bitte den Mann, sofort einen Termin in einer neurologischen Klinik zu vereinbaren.
Richtig. Doch nun zu etwas anderem: Welche Persönlichkeitsstörungen kennen Sie?
Da gibt es die schizoide, die paranoide, die ängstlich-vermeidende, die abhängige und die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung … (Prüferin unterbricht)
Welche Formen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung unterscheidet man?
Die ICD-10 unterscheidet zwischen dem impulsiven Typ und dem Borderline-Typ.
Wie diagnostizieren Sie die Borderline-Störung?
Da müssen mindestens drei Symptome des impulsiven Typs und mindestens zwei Merkmale des Borderline-Typs vorhanden sein. Symptome des impulsiven Typs sind zum Beispiel Wutausbrüche, Affektlabilität, spontanes Handeln ohne Berücksichtigung der Konsequenzen, Tendenz zu Streitereien und mangelnde Impulskontrolle. Dazu kommen dann noch typische Borderline-Symptome, z. B. eine extreme Angst vor dem Verlassen-Werden, ein Gefühl der inneren Leere, Handlungen mit Selbstschädigung (z. B. Ritzen) oder die Neigung, sich auf intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen.
Was sagt Ihnen in diesem Zusammenhang der Begriff „High-Risk-Verhalten“?
Viele Personen mit Borderline-Tendenzen spüren sich nicht oder nur bedingt. Um sich zu spüren, suchen sie Situationen, die mit einem hohen Risiko verbunden sind: Fallschirmspringen, über Brückengeländer balancieren, Extremsport machen etc. In solchen Fällen schüttet der Körper Hormone aus, die bewirken, dass die Betroffenen ihre Emotionen und ihren Körper kurzzeitig wieder wahrzunehmen.
Können Borderliner Essstörungen haben? Falls ja: welche sind typisch?
Viele Borderliner versuchen, ihre innere Leere durch Essen zu füllen; andere wiederum versuchen, durch Zufuhr großer Nahrungsmengen ihre inneren Spannungen zu reduzieren. Binge Eating und Bulimie sind deshalb bei Borderline-Patienten häufig zu beobachten. Ein wichtiger Faktor hierbei ist die mangelnde Impulskontrolle. Sie bewirkt bei manchen Betroffenen, dass sie ihre Essanfälle nicht mehr kontrollieren können.
Was tun Sie, wenn eine Borderline-Patientin in Ihre Praxis kommt und Sie um Hilfe bittet?
Wenn ich erkenne, dass es sich um eine Borderline-Störung handelt, erkläre ich der Klientin, dass sie sich bei einem Psychiater Hilfe suchen muss: der kann ihr in Krisenzeiten Medikamente geben. Gleichzeitig erkläre ich ihr, dass es speziell für die Borderline-Störung eine Therapie gibt, die sogenannte DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie nach Marsha Linehan), mit deren Hilfe sie lernen kann, ihre Impulse frühzeitig zu erkennen und mit ihnen anders umzugehen als bisher.
Können Sie uns da ein Beispiel geben?
Viele Borderliner bekommen durch Auslöser im Hier und Jetzt Flashbacks zu einschneidenden Erlebnissen der frühen Kindheit. Durch Übungen zur Achtsamkeit erkennen sie nach einiger Zeit, dass diese oder jene Situation immer wieder Emotionen auslöst, die nichts mit der gegenwärtigen Situation zu tun haben. Um sich wieder bewusst im Hier und Jetzt zu spüren, lernen sie z. B., bei den ersten Symptomen eines derartigen Flashback eine Hand ins Eisfach des Kühlschranks zu stecken, eine Chilischote in den Mund zu nehmen, einen Igelball zu kneten, mit einem Teddy zu kuscheln oder Liegestützen zu machen. Das erkläre ich der Frau und gebe ihr die Adresse einer Therapieeinrichtung für DBT mit.
Zum Abschluss etwas ganz Anderes: Wie unterscheidet sich die Unterbringung nach dem Betreuungsrecht von einer Unterbringung nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz bzw. Unterbringungsrecht Ihres Bundeslandes?
Im Gegensatz zu einer Zwangseinweisung nach öffentlichem Unterbringungsrecht geht es bei der zivilrechtlichen Unterbringung nur um Eigengefährdung, nicht um Fremdgefährdung. Und: Da die betroffene Person bereits einen Teil ihrer Rechte an den Betreuer bzw. das Betreuungsgericht abgegeben hat, erfolgt die Einlieferung nicht über die Polizei, sondern über den Betreuer (bzw. den Notarzt oder den Rettungsdienst), wenn das Betreuungsgericht dies angeordnet hat. Für eine Unterbringung als Folge von Fremdgefährdung oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sind nach wie Kreisverwaltungsbehörde und Polizei zuständig.
→ Details zur Unterbringung nach dem Unterbringungsrecht bzw. Psychisch-Kranken-Gesetz finden Sie in Kapitel 2.1.3 (Prüfungsprotokoll 2).

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