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B978-3-437-55244-1.00029-1

10.1016/B978-3-437-55244-1.00029-1

978-3-437-55244-1

Für viele alte Menschen stellen die Besuche von Angehörigen Fixpunkte in ihrem Alltag dar, die sie freudig erwarten.

[J787]

Der Nährstoffbedarf des älteren Menschen (rechts) nimmt gegenüber einem jüngeren Erwachsenen (links) ab.

[A400]

Porträt einer 97-jährigen Frau.

[J787]

Das regelmäßige Lesen der Tageszeitung trainiert die kognitiven Funktionen und wirkt dem sozialen Altern durch (passive) Teilnahme am Geschehen in der Gesellschaft entgegen.

[T210]

Der Kontakt mit den Enkelkindern ist häufig ein Faden, der alte Menschen mit dem Leben verbindet. Kinder bringen Hoffnung, sie signalisieren, „es geht weiter“, auch wenn ich nicht mehr da bin.

[J787]

Mit Hilfe eines Gehwagens kann sich der ältere Mensch oftmals einen Teil seiner Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zurückerobern.

[J787]

Eine einfache Möglichkeit, sich im Alter fit zu halten, ist die tägliche Gymnastik. Sich außerdem einer Seniorensportgruppe anzuschließen, hat den positiven Nebeneffekt, dass dadurch ein regelmäßiger Kontakt mit anderen Menschen zustande kommt.

[T210]

Baldrian (Valeriana officinalis) ist eine 1–1,5 m hohe Pflanze mit einem weit verzweigten Wurzelstock. Die Wurzel, die in der Phytotherapie verwendet wird, enthält ätherisches Öl, Alkaloide und sog. Valepotriate und wird zur Behandlung nervös bedingter Einschlafstörungen eingesetzt.

[O209]

Die Passionsblume (Passiflora incarnata) enthält Alkaloide und Flavonoide und wird zur Behandlung nervöser Unruhezustände eingesetzt.

[O209]

Hopfen (Humulus lupulus) enthält ätherisches Öl, Harz mit Hopfenbittersäuren sowie Gerbstoffe. Wässrige Zubereitungen (Teeaufguss) und alkoholische Extrakte werden bei Unruhe und Angstzuständen sowie bei Schlafstörungen verordnet.

[J787]

Häufige medizinische Probleme im Alter.

[L190]

Manchmal entdecken Menschen im Alter Begabungen und Interessen wieder, die im Alltagsstress während ihrer Berufstätigkeit brachlagen. Der Heilpraktiker kann helfen, diese verschütteten Fähigkeiten wieder ans Tageslicht zu bringen. Kreativ sein, schöpferisch sein erschließt auch und gerade alten Menschen wieder Kraftquellen.

[T210]

Übersicht über die Abnahme von Funktion und Masse verschiedener Organe zwischen dem 30. und dem 75. Lebensjahr.

Tab. 29.1
Funktion Sinkt um Daraus resultierende mögliche Probleme
Gehirngewicht 44 % sinkende Gedächtnisleistung
Gehirndurchblutung 20 % geringere Kompensationsmöglichkeiten, z. B. bei OP
Nervenleitungsgeschwindigkeit 10 % Herabsetzung der Reaktionsgeschwindigkeit
Anzahl der Geschmacksknospen 65 % Unlust am Essen („alles fade“)
max. Pulsschlag 25 % geringere körperliche Leistungsfähigkeit
Herzschlagvolumen in Ruhe 30 % geringere körperliche Leistungsfähigkeit
Nierenfiltrationsleistung 31 % langsamere Ausscheidung von Medikamenten
max. O2-Aufnahme des Blutes 60 % geringere Leistungsreserven z. B. in Höhenlagen
Vitalkapazität 44 % Einschränkung z. B. der OP-Fähigkeit
Knochenmineralgehalt
  • Frauen

  • Männer

30 %15 % Osteoporose (9.5.1) mit Gefahr pathologischer Frakturen
Muskelmasse 30 % geringere körperliche Leistungskraft, z. B. der Handmuskulatur
max. körperliche Dauerleistung 30 % höhere Verletzungsanfälligkeit durch Qualitätsverlust der Muskeln
Grundstoffwechsel 16 % Übergewicht bei nicht angepasster Ernährung
Gesamtkörperwasser 18 % gehäufte Probleme im Wasserhaushalt

Überblick über die häufigsten Erkrankungen alter Menschen.Tremor:Alter, imSchwindel:Alter, imSchwerhörigkeit:Alter, imPruritus:Alter, imProstatahyperplasie:Alter, imOsteoporose:Alter, imMorbus Parkinson:Alter, imInkontinenz:Alter, imInkontinenz:Alter, imInkontinenz:Alter, imHypothyreose:Alter, imHypertonie:Alter, imHerzinsuffizienz:Alter, imGedächtnisstörungen:Alter, imDiabetes mellitus:Alter, imDemenz:Alter, imDekubitus:Alter, imArthrose:Alter, imArteriosklerose:Alter, im

Tab. 29.2
Häufige Erkrankungen und Symptome alter Menschen Leitsymptome Verweis
Altershypothyreose Müdigkeit, Verlangsamung, Desinteresse, unklare Bradykardie, Myxödem, struppig-trockene Haare, heisere Stimme, Kälteempfindlichkeit, Gewichtszunahme trotz Appetitmangel, Obstipation 19.6.3
Arteriosklerose hirnversorgender Gefäße Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, unsystematischer Schwindel, symptomatisches Parkinson-Syndrom, Multiinfarktdemenz, Schlaganfall (23.5.1) 11.6.1
Arthrose (v. a. des Hüft- und Kniegelenks) Anlauf- und Belastungsschmerz in Gelenken, der Schmerz ist zu Anfang einer Bewegung am schlimmsten, wird dann geringer oder verschwindet ganz; nach längerer Belastung treten erneut Schmerzen auf 9.6.1
Dekubitus je nach Grad der Erkrankung Hautrötung, Blasen, Abschilferungen; Hautdefekt, Knochenbeteiligung 18.5.2
Demenz Veränderungen im intellektuellen und kognitiven Bereich (z. B. Zerstreutheit, Konzentrations- und Orientierungsstörungen), Stimmungs- und Befindlichkeitsveränderungen (z. B. Interesselosigkeit, Stimmungslabilität, diffuse Verstimmtheit), Verhaltensänderungen (z. B. Apathie, Reizbarkeit), Einschränkung körperlicher Funktionen (z. B. Gangstörungen, Stuhl- und Harninkontinenz) 23.13.2
Diabetes mellitus Typ 2 langsamer Beginn mit Harnwegsinfekten, Hautjucken, Mykosen, Furunkeln, Sehstörungen und Schwäche. Häufig gleichzeitig Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Übergewicht. Zum Zeitpunkt der Diagnose oft bereits Langzeitschäden, Patienten meist übergewichtig 15.6
Gedächtnisstörungen v. a. nachlassende Gedächtnisbildung, vornehmlich des längerfristigen Behaltens, weniger des Kurzzeitgedächtnisses 26.4.4
Herzinsuffizienz Linksherzinsuffizienz: Hustenreiz, Atemnot, zunächst nur bei Belastung, in schweren Fällen jedoch auch in Ruhe und v. a. nachts. Lungenödem (10.7.3). Zyanose (10.4.4), Tachykardie, Herzrhythmusstörungen, NykturieRechtsherzinsuffizienz: lageabhängige Ödeme, v. a. an Knöcheln und Schienbeinkanten, Halsvenenstauung, Zyanose, Stauungsgastritis, Hepatomegalie, Splenomegalie, Aszites, Stauungsurin, Nykturie 10.7
Hypertonie oft lange Zeit keine Beschwerden, einige Patienten klagen über Kopfdruck oder Kopfschmerzen, Ohrensausen, Herzklopfen, Schwindel, Schweißausbrüche 11.5.1
Inkontinenz unwillkürlicher Urinabgang bei stärkerer körperlicher Anstrengung sowie beim Husten, Niesen, Lachen oder Pressen, später auch bei leichten körperlichen Belastungen oder Erschütterungen, selten bereits ohne BelastungStuhlinkontinenz aufgrund von verschiedenen Erkrankungen 16.4.8
Grauer Star unscharfes Sehen wie durch einen „grauen Nebel“, Farben und Konturen verschwimmen, Blendungserscheinungen bei Tageslicht, besseres Sehen in der Dämmerung, evtl. Doppelbilder 24.5.5
Koronare Herzkrankheit Angina-pectoris-Anfälle: Sek. bis Min. anhaltende Schmerzen im Brustkorb mit Beklemmung und Engegefühl, evtl. Todesangst; meist strahlen die Schmerzen in den linken Arm aus, seltener in den Oberbauch, den Rücken, den rechten Arm, den Hals, den Unter- oder OberkieferHerzinfarkt 10.6.1 10.6.2
Morbus Parkinson Hypo- oder Akinese mit Maskengesicht, Fehlen der normalen Mitbewegungen, kleinschrittigem Gang, Mikrografie, leiser, monotoner Stimme, Rigor, Tremor 23.13.1
Osteoporose oft Beschwerdefreiheit, bis es durch eine an sich harmlose Verletzung zu einem Knochenbruch kommt (meist Wirbelkörper- oder Schenkelhalsfraktur). Rückenschmerzen, reaktive Muskelverspannungen, Fehlhaltungen, „Witwenbuckel“, „Tannenbaumeffekt“ 9.5.1
Pruritus senilis (Altersjuckreiz) Juckreiz, trockene Haut 18.4.3
Prostatahyperplasie abgeschwächter Harnstrahl, Miktionsstörungen, Restharnbildung, ständiger Harndrang (es können jedoch nur geringe Urinmengen abgegeben werden), sekundär Entstehung von Harnwegsinfekten, später Überlaufblase 17.7.2
Schwerhörigkeit (Presbyakusis) Schallempfindungsschwerhörigkeit, das Hörvermögen ist meist beidseitig beeinträchtigt, zunächst für hohe, später auch für mittlere Frequenzen, v. a. Beeinträchtigung des Hörvermögens für Sprache, wenn gleichzeitig Nebengeräusche auftreten, beginnt oft ab dem 50. Lebensjahr 24.7.2
Schwindel meist unsystematischer Schwindel mit Gangunsicherheit und Taumeln 23.4.1
Tremor (Zittern) meist Ruhetremor, der neben den Händen v. a. den Kopf- und Unterkieferbereich betrifft, z. B. ständiges „Kopfnicken“ 23.4.9

Alte Menschen

  • 29.1

    Ganzheitliche Aspekte1309

  • 29.2

    Physiologische Veränderungen im Alter1310

    • 29.2.1

      Theorie des Alterns1310

    • 29.2.2

      Biografisches, biologisches und soziales Altern1310

    • 29.2.3

      Alterungsvorgänge der Organsysteme1311

    • 29.2.4

      Zentralnervöse und psychische Veränderungen im Alter1314

    • 29.2.5

      Alterungsprozesse und moderne Medizin1315

  • 29.3

    Umgang mit alten Patienten1315

    • 29.3.1

      Krankheit aus Sicht des alten Menschen1315

    • 29.3.2

      Kommunikation mit dem Patienten und seinen Angehörigen1316

    • 29.3.3

      Problem der Multimorbidität1317

    • 29.3.4

      Erhaltung der Lebensqualität im Alter1317

  • 29.4

    Leitsymptome und Differenzialdiagnose1318

    • 29.4.1

      Schwäche1318

    • 29.4.2

      Immobilität1318

    • 29.4.3

      Stürze1319

    • 29.4.4

      Verwirrtheit1319

    • 29.4.5

      Schlafstörungen1320

  • 29.5

    Häufige Erkrankungen alter Menschen1322

  • 29.6

    Therapeutische Möglichkeiten beim alten Menschen1324

    • 29.6.1

      Medikamentöse Therapie beim alten Menschen1324

    • 29.6.2

      Naturheilkundliche Behandlung alter Menschen zur Erhaltung geistiger und körperlicher Vitalität1324

  • 29.7

    Begleitung in der Endphase des Lebens1325

Ganzheitliche Aspekte

Verbesserte Lebensbedingungen haben dazu geführt, dass die Lebenserwartung der Menschen in den Industrieländern kontinuierlich zunimmt: Die Lebenserwartung von Frauen liegt derzeit bei ca. 83 Jahren, von Männern bei ca. 78 Jahren. Allerdings bedeutet ein längeres Leben nicht zwangsläufig auch ein gesünderes Leben. Vor allem degenerative Erkrankungen wie Herzschwäche, Arteriosklerose oder Arthrose, aber auch Tumorerkrankungen treten bei älteren Menschen gehäuft auf. Gleichzeitig bestehen jedoch erhebliche individuelle Unterschiede, die konstitutionell bedingt und weniger vom Alter abhängig scheinen.

Lässt sich der Alterungsprozess beeinflussen?

Das Altern ist ein natürlicher Prozess, der nur z. T. beeinflussbar ist. Allerdings sind viele Erscheinungen, die dem Alter zugeschrieben werden, in Wirklichkeit auf langjährige Belastungen und eine ungesunde Lebensweise mit Fehlernährung, übermäßigem Alkoholkonsum, Nikotinabusus und Bewegungsmangel zurückzuführen. Gerade in diesem Bereich bieten die Ordnungs- und die Ernährungstherapie zahlreiche Ansatzpunkte im Sinne der Krankheitsprävention.
Durch eine gesunde Ernährung und eine vernünftige Lebensweise lassen sich langfristig zahlreiche Krankheitsprozesse, die erst im Alter in Erscheinung treten, verhindern oder zumindest verzögern. So ist bekannt, dass eine konsequente nährstoffreiche, aber kalorienarme Ernährung die Lebenszeit verlängern kann, während übermäßiges Essen und Übergewicht den Alterungsprozess beschleunigen.
Eine tragende Rolle im Prozess des Alterns schreibt man auch freien Radikalen zu, die zellschädigend wirken. In der Naturheilkunde werden daher Antioxidanzien eingesetzt, die freie Radikale neutralisieren und dadurch die Zelle schützen sollen. Auf diese Weise hofft man, ebenfalls degenerative Vorgänge hinauszögern zu können.

Der ältere Patient in der Naturheilpraxis

Im Alter kommt es neben strukturellen auch zu zahlreichen funktionellen Veränderungen von Organen und Organsystemen, die meist mit einer eingeschränkten Funktionsfähigkeit einhergehen wie z. B. einer verringerten Enzymaktivität. All dies führt aus naturheilkundlicher Sicht zu einer „Verschlackung“ des Gewebes, wodurch sich die Funktion weiter verschlechtert. Folge sind z. B. Verdauungsstörungen, Inkontinenz, Gefäßerkrankungen, Osteoporose, eine nachlassende Gedächtnisleistung, Schlafstörungen oder irreversible Schädigungen der Gelenke. Auch das Immunsystem scheint einem Alterungsprozess unterworfen zu sein, was dazu führt, dass ältere Menschen anfälliger für Infektionskrankheiten sind. Die zahlreichen Funktionsstörungen sind ineinander verwoben und schwer voneinander zu trennen, was den Behandler vor eine besondere Herausforderung stellt.

Eine dem Alter angepasste Therapie

Kennzeichen des Alterns ist eine zunehmende Reaktionsstarre bzw. ein Nachlassen der Reaktionsfähigkeit des Körpers. Eine Sepsis kann bei alten Menschen z. B. ohne einen nennenswerten Anstieg der Körpertemperatur verlaufen.
Naturheilverfahren sind v. a. Reiz- bzw. Regulationstherapien (4.1.3), die die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen. Allerdings können Regulationstherapien nur dort wirken, wo eine Regulation noch möglich ist, nicht jedoch, wenn bereits irreversible Veränderungen vorliegen, wie dies im Alter oftmals der Fall ist. Daher haben in dieser Lebensphase Therapieformen ein größeres Gewicht, bei denen die Zufuhr wichtiger und heilsamer Substanzen im Vordergrund steht, z. B. die Phytotherapie und die orthomolekulare Therapie. Werden Regulationstherapien durchgeführt, so sollten nur wohl dosierte Reize gesetzt werden.
Bei der medikamentösen Therapie alter Menschen muss in jedem Fall berücksichtigt werden, dass sowohl Nieren- als auch Leberfunktion dieser Patienten häufig eingeschränkt sind, wodurch Medikamente verzögert abgebaut und ausgeschieden werden. Das bedeutet, dass Dosierung und Dauer einer Medikation sorgfältig und individuell auf die Stoffwechselsituation des einzelnen Patienten abgestimmt werden müssen. In der Regel ist eine Dosisreduktion erforderlich.
Die Verknüpfung der naturheilkundlichen mit einer schulmedizinischen Behandlung ist im Alter meist unabdingbar, da Medikamente wie Antihypertensiva oder Antidiabetika für den älteren Organismus oftmals unentbehrlich sind.

Psychologische Aspekte

Geistige und körperliche Aktivität sind die Garantie für den Erhalt der Vitalität. Auch die aktive Gestaltung des Tagesablaufs ist hilfreich, um das alltägliche Leben zu strukturieren und durch kleine Ziele Abwechslung und Höhepunkte im Alltag zu schaffen.
Der Übergang von beruflicher Aktivität in den Ruhestand entpuppt sich oft genug als schwierige Phase, die auch psychologische Unterstützung erforderlich machen kann. Das Gefühl, kein aktives Mitglied der Gesellschaft mehr zu sein, sich nicht mehr als „nützlich“ zu empfinden, kann eine schwerwiegende Belastung darstellen. Diese psychologische Betreuung muss Bestandteil eines ganzheitlichen Therapiekonzepts sein.

Naturheilkundliche Therapie

Viele Erkrankungen und gesundheitliche Störungen, die im Alter auftreten, wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkbeschwerden oder Schlafstörungen, sind einer naturheilkundlichen Therapie gut zugänglich. Folgende Therapieverfahren haben sich bewährt: Ordnungs- und Ernährungstherapie, Phytotherapie, Homöopathie, orthomolekulare Therapie, Ozon- und Sauerstofftherapie, Bach-Blütentherapie, Akupunktur und physikalische Therapie.

 Physiologische Veränderungen im Alter

Alter(n):physiologische Veränderungen

Altern: biologischer, psychischer und sozialer Prozess, der nicht erst in höherem Lebensalter beginnt, sondern von der Geburt an unumkehrbar fortschreitet.

Die Alterungsvorgänge beeinflussen alle Aspekte des menschlichen Daseins:
  • Alterungsprozesse bewirken Veränderungen vieler organischer Funktionen.

  • Sie führen zu psychischen Veränderungen des alternden Menschen.

 Theorie des Alterns

Alter(n):TheorieFrüher dachte man, der gesunde Körper werde in zunehmendem Maße durch neu eintretende Erkrankungen Stück für Stück zerstört. Verschleißerscheinungen (z. B. Gelenkabnutzung) oder Vergiftungserscheinungen (z. B. durch Umweltgifte oder falsche Ernährung) spielten demnach die Hauptrolle im Alterungsprozess.
Durch die moderne Alterungsforschung ist jedoch deutlich geworden, dass es sich beim Altern um ein genetisch festgelegtes Geschehen handelt, welches durch äußere Faktoren lediglich frühzeitig in Gang gesetzt und beschleunigt wird:
  • Bei einigen Tierarten ist es gelungen, durch Eingriffe in die Erbsubstanz (DNA 7.4.9) die sonst recht konstante Lebenszeit von Versuchstieren deutlich zu verlängern. Beim Menschen liegt die genetisch festgelegte maximale Lebenszeit nach heutigen Erkenntnissen bei ca. 120 Jahren.

  • Es gibt eine seltene, rezessive Erbkrankheit, die Progeria adultorum Progeria:adultorum(Erwachsenenform der vorzeitigen Vergreisung), bei der die Patienten bereits ab dem 20. Lebensjahr beschleunigt altern und in der Regel vor dem 50. Lebensjahr an typischen „Alterskrankheiten“ (z. B. Arteriosklerose 11.6.1) versterben. Dagegen ist die Ursache der sehr seltenen Progeria infantilis (greisenhafter Zwergwuchs), bei der die Progeria:infantilisKinder schon ab etwa dem 2. Lebensjahr „vergreisen“ und meist vor dem 20. Lebensjahr sterben, weiter unklar. Diskutiert wird auch hier eine genetische Ursache (v. a. eine neu auftretende Erbgutänderung), die deshalb nicht weitervererbt wird, weil die Erkrankten selbst keine Kinder haben.

Tipp

Auch wenn das Altern genetisch verankert ist, wird der Zeitpunkt des (spürbaren) Altwerdens von der Lebensgeschichte und dem Lebensstil des Einzelnen entscheidend beeinflusst.

Viele Alterungsvorgänge, etwa der Haut oder der Lunge, werden durch zusätzliche Schädigungen, z. B. zu intensives Sonnenbaden oder Rauchen, beschleunigt und verstärkt. Dadurch erst machen sie sich klinisch bemerkbar. Auf der anderen Seite lassen sich zahlreiche Funktionen (darunter – ganz wichtig – die Gehirnleistung) noch bis ins hohe Alter trainieren und teilweise sogar steigern.
Außerdem bedeutet Alter nicht nur einen Abbau, sondern in Teilbereichen auch einen Gewinn (z. B. an Erfahrung, an Verantwortungsgefühl), der Verluste durchaus kompensieren kann.

 Biografisches, biologisches und soziales Altern

Der Alter(n)genetisch vorbestimmte Alterungsprozess und die Entwicklung chronischer Krankheiten unterliegen großen individuellen Schwankungen. Daher stellt man dem biografischen (oder chronologischen) Altern, also der am Kalender ablesbaren Alterung, das biologische Altern gegenüber. Das biologische Alter ist ein (Schätz-)Maß für Alter(n):biologischesdie gegenwärtige gesundheitliche Situation und Belastbarkeit eines Menschen.
Das Altern wird auch von Gesellschaft, sozialem Umfeld und Familie geprägt. Traditionelle Rollenerwartungen betonen die Defizite des alternden Menschen. Sie unterstützen ihn zwar, engen aber seinen Verhaltensradius immer weiter ein, sodass Fähigkeiten verlorengehen. Auch die viele Senioren belastende Vereinsamung (soziale Isolation) hat den Alter(n):sozialesgleichen Effekt (Abb. 29.1). Viele Freunde und Bekannte sterben, Krankheiten schränken den Aktionsradius deutlich ein, es fehlen die Anregungen und emotionalen Herausforderungen, die soziale Kontakte mit sich bringen sowie das Gefühl gebraucht zu werden. Dadurch werden besonders kommunikative und soziale Fähigkeiten nicht mehr in Anspruch genommen, verkümmern und gehen schließlich verloren. Die v. a. Witwen betreffende materielle Armut verstärkt den Teufelskreis von Einengung und Isolation. In diesem Sinn kann in Analogie zum biologischen Altern vom sozialen Altern Alter(n):sozialesgesprochen werden, womit besonders der Verlust sozialer Kompetenzen und Aktionsmöglichkeiten gemeint ist.

Merke

Die oft als schmerzhaft empfundene soziale Isolation kann zu schweren psychischen Beschwerden und Krankheiten führen bis hin zum Suizid. Sprechen Sie Ihren Patienten bei Verdacht konkret darauf an. Suchen Sie (im besten Fall zusammen mit dem Patienten) einfühlsam und kreativ nach einer Möglichkeit, mit der Unterstützung von Angehörigen oder Pflegenden das Spektrum von Anregungen und Kontakten im Alltag zu erweitern.

 Alterungsvorgänge der Organsysteme

Alterungsvorgänge des Herz-Kreislauf-Systems
Organsysteme:AlterungsvorgängeBereitsHerz-Kreislauf-System:Alterungsvorgänge ab dem 30. Lebensjahr verändert sich der Aufbau der Gefäßwände – die Elastizität der Gefäße nimmt ab; zumindest mikroskopisch lassen sich bereits arteriosklerotische Veränderungen nachweisen. Dadurch tendiert der Blutdruck im Alter zu einer diastolischen und systolischen Erhöhung.
Die Kreislaufreflexe, z. B. beim Aufstehen aus dem Liegen, sind beim älteren Menschen durch die unelastisch gewordenen Gefäße verzögert und schwanken stärker als beim jüngeren. Dies erklärt die häufigen Blutdruckabfälle älterer Menschen beim Aufrichten oder bei längerem Stehen (orthostatische Dysregulation 11.5.2).
Außerdem lässt die Leistungsfähigkeit des Herzens nach. Herzkraft (Kontraktionskraft), Schlagvolumen und Herzminutenvolumen (10.2.6) sinken schrittweise ab. Die Einschränkung des Herzschlagvolumens kann im Alter in Belastungssituationen oft nur über eine Frequenzsteigerung aufgefangen werden. Spätestens ab dem 70. Lebensjahr bildet sich eine Herzmuskelhypertrophie (10.7.1)Herzmuskelhypertrophie:Alter, im aus, da die „steiferen“ Gefäße dem Herzen einen größeren Widerstand entgegensetzen, es also mehr Muskelkraft braucht, um seine Pumpleistung aufrechtzuerhalten.
Alterungsvorgänge der Atmungsorgane
Die Lunge(n):AlterungsvorgängeElastizität der Lunge nimmt im Alter allmählich ab, was zum sog. Altersemphysem (12.6.3)Emphysem:Alter, im führt. Alle wichtigen Größen der Lungenfunktion (12.2.12) verschlechtern sich deutlich (die Vitalkapazität z. B. um 44 % Tab. 29.1). Auch das Flimmerepithel der Atemwege, das der Selbstreinigung dient, vermindert sich. Die Brustkorbbeweglichkeit und damit die Atembewegungen sind eingeschränkt.
Bedingt durch die enorme Leistungsreserve der Lungen spielt die Verschlechterung der Lungenfunktion praktisch nur bei Patienten mit weiteren Lungenschädigungen (z. B. Lungentuberkulose oder Rauchen) eine Rolle.

Tipp

Ältere Menschen sind anfälliger für Erkrankungen der Atemwege als jüngere und zeigen häufiger Komplikationen (z. B. Pneumonie) bei Atemwegserkrankungen. Daher bedürfen aufkeimende Infekte einer raschen Behandlung durch Inhalationen, sekretlösende Medikamente und evtl. Antibiotikaverordnung durch den Arzt.

Alterungsvorgänge des Verdauungssystems
Im Verdauungssystem:AlterungsvorgängeVordergrund stehen der häufige Zahnverlust und die damit verbundene Einschränkung der Kaufunktion. Teil- und Vollprothesen können die Kauleistung oft weitgehend wiederherstellen. Allerdings bilden sich die Kiefer – und hier besonders die Alveolarfortsätze (Zahnfächer, die die Zähne aufnehmen) – nach Entfernung der eigenen Zähne zurück, sodass sich die Prothesen allmählich lockern und daher meist nach ca. 10 Jahren erneuert werden müssen.
Für viele alte Menschen sind Entzündungen und Infektionen im Mund- und Rachenraum ein lästiges, mitunter auch gefährliches gesundheitliches Problem. Dies zeigt sich z. B. mit trockener Mundschleimhaut, Mundgeruch, schmerzhaften Druckstellen unter dem (schlecht sitzenden) Gebiss, üblen Geschmack und Schluckbeschwerden durch mangelhaften Speichelfluss, Sondenernährung oder überwiegende Flüssig- und Breinahrung, Beeinträchtigung der Kaufunktion, Pilzinfektionen der Mundschleimhaut, Stomatitis (13.5.2) und Soor (25.11.11).
Beim älteren Menschen verändern sich Beweglichkeit und Schleimhautbeschaffenheit von Speiseröhre, Magen und Darm. Dies bereitet in der Regel keine Beschwerden. Allerdings steigt der Anteil von Clostridien-Bakterien an der Darmflora, und die typische Bifidusflora (anaerobe Stäbchenbakterien) geht zurück. Dies ist einer der Gründe für die Verstopfungsneigung (Obstipationsneigung) Obstipation:Alter, imdes älteren Menschen.
Die Leistungsfähigkeit von Leber und Bauchspeicheldrüse nimmt durch Atrophie ab, was sich in einem verzögerten Abbau von Substanzen, die in der Leber verstoffwechselt werden (z. B. Medikamente, Alkohol), und einem erhöhten Blutzuckerspiegel zeigen kann (15.2.2).

Tipp

Für ältere Menschen am günstigsten ist eine eiweißreiche, fettarme Mischkost. Ballaststoffe beugen der im Alter häufigen Obstipation vor, Milch und Milchprodukte sorgen für ausreichend Kalzium. Bei Neigung zu Bluthochdruck (Hypertonie) und Ödemen muss mit Salz gespart werden.

Ältere Menschen benötigen rund 30 % weniger Kalorien als jüngere (Abb. 29.2). Gleichzeitig bleibt der Bedarf z. B. an Eiweiß, Kalzium und anderen Mineralstoffen und Vitaminen unverändert. Dies bedeutet, dass der Bedarf an Kohlenhydraten und Fetten im Alter um 35–40 % sinkt. Viele ältere Menschen berücksichtigen dies intuitiv. Einige, und hier besonders alleinstehende ältere Männer, ernähren sich aber einseitig, sodass der Bedarf an Nährstoffen nicht gedeckt und gleichzeitig Übergewicht gefördert wird.
Andererseits stellt Mangelernährung ein häufiges Problem dar. Der Appetit lässt oft nach, der Einkauf ist mühsam, das Kochen und Essen – für sich allein – macht keine Freude. Oft wird auf Weiches, Haltbares und Nährstoffarmes zurückgegriffen, z. B. Weißbrot, Schokolade, Dosen- oder Tütennahrung. Verwirrte Patienten vergessen gar das Essen. Die Folgen sind Gewichtsabnahme, Schwäche, Konzentrationsstörungen, Infektanfälligkeit und alle Symptome der verschiedenen Vitamin- und Nährstoffmangelsyndrome (15.9).
Sehr belastend ist für viele alte Menschen eine Stuhlinkontinenz (13.9.5), also die Fähigkeit, den Stuhlgang zu kontrollieren, was durch zahlreiche Erkrankungen verursacht sein kann, z. B. Entzündungen und Fisteln des Afters, Hämorrhoiden, Darmdysbiose nach Antibiose, Polyneuropathie, Schlaganfall, Darmtumor, Demenz. Zu wenig Patienten wissen von den Möglichkeiten der Inkontinenzversorgung wie z. B. Analtampons (verhindern den Stuhlaustritt) und versagen sich aus Angst vor Geruchsbildung und peinlichen Entleerungen soziale Kontakte. Bei Bettlägerigen werden Hygienevorlagen und Fäkalkollektoren angewendet. Bei jeder Inkontinenz sind Hygiene und Hautpflege sehr wichtig, um Infektionen zu verhindern.
Alterungsvorgänge der Nieren und Harnwege
Auch die Nieren:AlterungsvorgängeHarnwege:AlterungsvorgängeLeistung der Nieren nimmt mit zunehmendem Alter ab (Tab. 29.1). Als Faustregel kann dafür gelten, dass die glomeruläre Filtrationsrate bei einem 80-Jährigen nur noch die Hälfte von der eines 20-Jährigen beträgt. Dabei bleibt der Kreatininwert (orientierender Messwert der Nierenfunktion) häufig normal, da die Kreatininausscheidung nicht nur durch die reduzierte Leistung der Nieren vermindert ist, sondern durch die abnehmende Muskelmasse auch weniger Kreatinin produziert wird.

Achtung

Als Konsequenz der verminderten Leistungsfähigkeit der Nieren sollten Medikamente, die über die Nieren ausgeschieden werden, mit besonderer Vorsicht dosiert werden.

Die Natrium-, Kalium-, Kalzium-, Chlor- und Phosphatkonzentrationen im Blut, die von den Nieren reguliert werden, bleiben bis ins hohe Lebensalter konstant. Lediglich die Magnesiumkonzentration im Blut sinkt um rund 15 %.
Mit zunehmendem Alter steigt die Spannung (Tonus) der Blasenmuskulatur, und das Fassungsvermögen der Blase nimmt ab. Dies macht sich zuerst durch häufiges nächtliches Wasserlassen (Nykturie 16.4.3) bemerkbar. Mitbedingt durch die nachlassende Herzleistung müssen zwei Drittel der über 65-Jährigen nachts die Toilette aufsuchen, wobei in der Hälfte der Fälle die Drangzeit (Zeit, in der der Harn gehalten werden kann) verkürzt ist und 30 % zumindest zeitweise Inkontinenzbeschwerden (Inkontinenz:Alter, im16.4.8) haben.

Tipp

Der ältere Mensch empfindet Durst meist nicht mehr so stark wie der jüngere. Er selbst bzw. seine Betreuer müssen daher auf eine tgl. Trinkmenge von 1,5–2 l achten. Ausnahmen sind eine Herz- oder Niereninsuffizienz, wenn der Arzt eine Flüssigkeitsbeschränkung angeordnet hat.

Daraus resultiert die große Gefahr einer Exsikkose (Dehydratation, Exsikkose:Alter, imAustrocknung), was z. B. durch starkes Schwitzen – oft bei zu warmer Raumtemperatur oder Fieber – oder Durchfall bzw. Erbrechen rasch zur lebensbedrohlichen Störung im Wasser- und Salzhaushalt führen kann. Typische Anzeichen sind trockene Mundschleimhaut und Zunge, rasch aufgetretene oder verstärkte Verwirrtheit sowie Unruhe oder Schläfrigkeit, Oligo-/Anurie, raue Stimme und Bewusstseinstrübung bis Bewusstlosigkeit.

Achtung

Ist der Patient bei Bewusstsein und im guten Allgemeinzustand, wird reichlich Flüssigkeit durch Trinken zugeführt. Bei Bewusstseinstrübung, drohender Schockgefahr oder nicht gesicherter Betreuung und Überwachung zuhause, erfolgt eine Überweisung in die Klinik. Hier erfolgt eine Infusionstherapie mit NaCl-Lösung und Abklärung der Ursachen.

Wenn der alte Mensch chronisch deutlich zu wenig trinkt, muss aufgrund der Exsikkosegefahr die ausreichende Flüssigkeitsversorgung sichergestellt werden.
Alterungsvorgänge der sexuellen Funktionen
Die Fähigkeit zum sexuelle Funktionen:AlterungsvorgängeGeschlechtsverkehr (Koitus) bleibt beiden Geschlechtern erhalten. Es treten jedoch Veränderungen im sexuellen Reaktionsablauf auf:
  • Beim Mann lässt nach dem 50. Lebensjahr die Erektionsfähigkeit deutlich nach. Eine Erektion erfordert intensivere Stimulation, woraus sich Versagensängste entwickeln können. Nach dem Orgasmus erfolgt die Rückbildung (Rückkehr der am sexuellen Reaktionszyklus beteiligten Organe in den ursprünglichen Zustand) viel rascher, und die Refraktärperiode (Zeit bis zur nächsten möglichen Erektion) steigt auf 12–24 Std. Subjektiv lässt gleichzeitig das Bedürfnis zur Ejakulation nach.

  • Bei der Frau über 50 verzögert sich die Scheidenbefeuchtung während der Erregungsphase. Der Orgasmus ist meist ebenfalls kürzer, und die Rückbildung der sexuellen Erregung erfolgt rascher.

Für beide Geschlechter gilt, dass der Geschlechtsakt mehr Zeit und Stimulation erfordert und die Intervalle größer werden. Nur wenige Erkrankungen bzw. deren Behandlungen (z. B. die Hormonbehandlung eines Prostatakarzinoms oder große Darmoperationen) machen den Geschlechtsverkehr evtl. unmöglich. Allerdings kann das Sexualleben durch zahlreiche Erkrankungen erschwert und stark eingeschränkt werden, z. B. bei chronischen Schmerzkrankheiten, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Polyneuropathie, Diabetes mellitus. Auch zahlreiche Medikamente (z. B. Betablocker) hemmen die Libido.
Viele ältere Menschen fühlen sich nicht mehr attraktiv, ganz besonders z. B. nach Brustkrebs-OP oder mit einem Anus praeter (künstlichem Darmausgang), was oftmals das Beziehungs- und Seelenleben sehr stark belastet. Bewusst oder unbewusst leiden viele Senioren – mit oder ohne Partner – unter der „Berührungsarmut“ und nicht gelebten Sexualität, vermeiden aber einen Umgang mit diesem Thema vor sich selbst und erst recht vor anderen, da Sexualität im Alter auch noch heutztage ein gesellschaftliches Tabu ist.
Diese „Moral-Schranke“ kann bei Demenzpatienten fallen, weshalb es nicht selten zur Enthemmung und sexualisiertem Verhalten kommt, was Angehörige oder Pflegende stark irritieren kann.
Alterungsvorgänge des Immunsystems
Sowohl die humorale Immunsystem:Alterungsvorgängeals auch die zelluläre Immunität (22.3.2) lassen beim älteren Menschen nach. Folge ist nicht nur eine erhöhte Infektgefährdung, z. B. der Atemwege, sondern auch eine Veränderung des klinischen Bilds bei Infektionen. Das sonst für Infektionen typische Fieber kann fehlen, und auf die Bestimmung der Leukozyten in der Diagnostik bakterieller Infekte ist kein 100-prozentiger Verlass mehr. Merkwürdigerweise nimmt die Autoantikörperbildung im Alter zu, ohne dass dies aber eine Erkrankung des Patienten bedeuten muss (z. B. ist ein positiver Rheumafaktor gerade bei Älteren nicht gleichbedeutend mit dem Bestehen einer rheumatischen Erkrankung).

Tipp

Diskutiert wird, ob die Alterungsvorgänge des Immunsystems für den Anstieg der Krebserkrankungen bei älteren Menschen (mit-)verantwortlich sind, da Tumorzellen nun weniger energisch von der Körperabwehr bekämpft werden.

Alterungsvorgänge des Hormonsystems
Die Alterungsvorgänge desHormonsystem:Alterungsvorgänge Hormonsystems werden bei der älteren Frau besonders deutlich. Während der Wechseljahre und nach der Menopause (d. h. der letzten Regelblutung) sinkt der Spiegel an weiblichen Geschlechtshormonen deutlich ab. Dies führt nicht nur zum Erlöschen der Fruchtbarkeit und zu den typischen Wechseljahresbeschwerden, sondern auch zu Veränderungen der Genitalorgane, z. B. einem Dünnerwerden und Austrocknen der Haut und Schleimhäute, besonders auffällig oft an der Scheidenschleimhaut. Der Östrogenmangel ist auch wesentliche Ursache der Osteoporose (9.5.1).
Auch beim Mann sinkt der Testosteronspiegel; Rückbildungsvorgänge und eine Veränderung der Sexualhormonkonzentration sind zu beobachten, doch verlaufen diese langsam und oft unbemerkt. Die meisten Männer bleiben bis ins hohe Alter erektions- und zeugungsfähig, wenn auch die Libido meist nachlässt. Die hormonellen Veränderungen spielen aber eine Rolle bei der Entstehung der Prostatahyperplasie (17.7.2), die oft als „Altherrenkrankheit“ bezeichnet wird und von der 70 % der 70-jährigen Männer betroffen sind.
Die übrigen hormonellen Funktionen ändern sich im Alter zwar, dies ist aber in der Regel klinisch nicht bedeutend. Beispielsweise steht der rund 15 % niedrigeren Schilddrüsenhormonausschüttung ein entsprechend langsamerer Abbau gegenüber, wodurch die Blutspiegel im Wesentlichen konstant bleiben. Auch ein mäßig erhöhter Blutzuckerspiegel im Alter bleibt meist ohne Konsequenz.
Alterungsvorgänge des Skelett- und Muskelsystems
Mit zunehmendem Alter Skelettsystem:AlterungsvorgängeSinnesorgane:Alterungsvorgängewerden die Knochen (besonders der Wirbelsäule und Hüfte) poröser und instabiler (Osteoporose). Frauen sind aufgrund der starken Abnahme der Geschlechtshormone nach den Wechseljahren stärker von Osteoporose betroffen als Männer. Bewegungsmangel und unzureichende Kalziumzufuhr zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr (also Jahrzehnte zuvor!) verstärken die Osteoporose im Alter.
Die Knorpelschicht der Gelenke wird dünner und unelastischer. Sie verliert ihre Glattheit an stark belasteten Stellen und entzündet sich bei kleinsten Überbeanspruchungen. Dadurch kommt es zur Arthrose, die viele ältere Menschen belastet. Am häufigsten sind Arthrosen im Hüftgelenk (Coxarthrose 9.11.1).
Die Muskelmasse eines Erwachsenen vermindert sich jährlich um ca. 0,5 %. Die geschwundenen Muskeln werden dabei in der Regel durch Fett ersetzt. Der damit verbundene Kraftverlust ist nicht bei allen Muskeln gleich; so lässt z. B. die Muskelkraft der Fußhebermuskeln besonders stark nach. Dies begünstigt das Stolpern über die Fußspitze.
Alterungsvorgänge der Sinnesorgane
Bei fast allen Menschen Sinnesorgane:Alterungsvorgängebeginnt zwischen dem 45. und dem 50. Lebensjahr die Altersweitsichtigkeit (Presbyopie). Die Elastizität der Augenlinse nimmt ab. Die Betroffenen können nahe Gegenstände nur noch unscharf erkennen und brauchen für das Sehen im Nahbereich eine Lesebrille. Außerdem reagieren die Pupillen langsamer auf einen Wechsel der Lichtverhältnisse und können sich insgesamt nicht mehr so weit öffnen. Verschärft durch den Funktionsverlust der außenliegenden Netzhautanteile und eine Trübung der Linse (grauer Star, Katarakt) bereiten das Sehen im Dunkeln und besonders ein abrupter Hell-Dunkel-Wechsel (z. B. beim Hineinfahren in einen dunklen Tunnel) dem älteren Menschen Schwierigkeiten. Gleichzeitig leidet er unter einer erhöhten Blendempfindlichkeit. Bis zu 5 % der über 60-Jährigen leiden an einer Makuladegeneration (24.5.8).
Auch der (Teil-)Verlust der Hörfähigkeit, v. a. im oberen Frequenzbereich, scheint unvermeidliche Konsequenz des Alterns zu sein. Oberhalb von 4.000 Hz (dies entspricht dem obersten Ende des Sprachbereichs) sinkt das Hörvermögen nach dem 30. Lebensjahr alle zehn Jahre ca. um 10 dB (dB = Dezibel). Typisch für den älteren Menschen ist, dass er beim Einsetzen der Schwerhörigkeit lediglich das Klingeln des Telefons „überhört“ und erst später die akustische Wahrnehmung – v. a. bei Nebengeräuschen – eingeschränkt ist (Presbyakusis, Altersschwerhörigkeit).
Bis zum 70. Lebensjahr büßt der Mensch etwa zwei Drittel seiner Geschmacksknospen ein, und der Geruchssinn lässt nach. Dies erklärt, weshalb sich viele alte Menschen über den angeblich „faden“ Geschmack gewürzter Speisen beklagen.
Die Abnahme von weiteren Sinnesleistungen wirft in erheblichem Maße medizinische Probleme auf:
  • Abnahme der Durstperzeption (Perzeption = Wahrnehmung) mit der Gefahr der inneren Austrocknung (Dehydratation 16.2.5)

  • Abnahme der Temperaturperzeption mit der Gefahr der Unterkühlung – über 65-Jährige können ohne Kältegefühl auf unter 35,5 °C Körpertemperatur abkühlen – und andererseits mit der Gefahr der Verbrennung (z. B. Wärmflasche)

  • Abnahme der Schmerzwahrnehmung (verstärkt bei Diabetes mellitus 15.6)

  • Abnahme der Propriozeption (Wahrnehmung und Kontrolle der aktuellen Lage/Position des Körpers im Raum), wodurch besonders die Balancefähigkeit etwa beim Überwinden kleiner Hindernisse am Boden leidet (erhöhte Sturzgefahr)

  • Abnahme der Druckwahrnehmung (Dekubitusgefährdung 18.5.2)

Alterungsvorgänge der Haut und der Haare
Die Altersveränderungen Haut:AlterungsvorgängeHaare:Alterungsvorgängeder Haut und der Haare (Abb. 29.3) werden oftmals recht früh sichtbar:
  • Die Haare verlieren ihr Farbpigment und werden silbrig-grau oder sogar ganz weiß. Gleichzeitig werden die Haare dünner und fallen zu einem gewissen Teil ganz aus.

  • Durch den verminderten Wassergehalt und den Elastizitätsverlust der Haut bilden sich Krähenfüße um die Augen und mimische Falten (Lachfalten) um die Mundwinkel (Abb. 29.3). Die Haut wird schlaffer, das Unterhautfettgewebe schwindet, und durch nachlassende Talgdrüsenaktivität wird die Haut trockener. Viele alte Menschen leiden deshalb unter chronischem Juckreiz (Pruritus senilis).

  • Typisch für das höhere Alter sind auch die bräunlichen Altersflecken, die sich v. a. an Händen, Unterarmen und Unterschenkeln bilden und durch eine unregelmäßige Pigmentproduktion bedingt sind.

  • Viele ältere Menschen berichten über eine größere Verletzlichkeit der Haut bei gleichzeitig verlängerter Heilungsdauer.

 Zentralnervöse und psychische Veränderungen im Alter

Das Gehirn ist ein gutes Alter(n):psychische VeränderungenBeispiel dafür, wie Training das Altern beeinflusst: Ein geistig aktiver und geübter alter Mensch kann ein besseres Gedächtnis haben als ein durchschnittlich trainierter junger Mensch. Auch im hohen Alter ist Lernen (etwa das Erlernen einer Fremdsprache) noch möglich (Abb. 29.4).
Alterungsvorgänge des Gehirns
Die Zahl der NervenzellenGehirn:Alterungsvorgänge im Gehirn nimmt während des ganzen Lebens ab. Doch dieser Schwund erklärt den deutlichen Abfall messbarer intellektueller Leistungen nicht, der bei geistig Untrainierten ab dem 40. Lebensjahr und bei geistig Trainierten spätestens ab dem 70. Lebensjahr festzustellen ist. Von diesem Abfall sind Gedächtnisleistung, Konzentrationsfähigkeit, Schreibgeschwindigkeit sowie zahlreiche weitere Gehirnleistungen betroffen.
Ursache sind vielfältige feingewebliche Veränderungen im Gehirn:
  • Abnahme von Ganglienzellen und Astrozyten (Stützzellen des Nervengewebes)

  • Einlagerung des „Alterspigments“ Lipofuszin

  • Verschmälerung der Hirnwindungen

  • Verdickung der Hirnhäute

  • Abnahme der Transmitterausschüttung an den Synapsen

Tipp

Informationsdefizite des älteren Patienten können Folge von Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Konzentration und der Auffassungsgabe sein. Hilfreich ist dann evtl. ein Merkblatt, auf dem der Patient die Informationen des Heilpraktikers nachlesen kann.

Kognitive Funktionen
Nach heutigem Kenntnisstand lassen sich bei den kognitiven Funktionen (Kognition = Sammelbegriff für Wahrnehmen, Denken, Erkennen und Erinnern) zwei Gruppen bilden, die sich im Alter unterschiedlich verändern:
  • Die erste Gruppe, kristallisierte Funktionen genannt, enthält bildungs- und übungsabhängige Leistungen wie Wortverständnis und Sprachflüssigkeit. Sie nehmen mit dem biologischen Alter kaum ab und sind durch Aktivität und Training sogar noch zu steigern.

  • Die zweite Gruppe, flüssige Funktionen genannt, umfasst die abstrakten, inhaltsübergreifenden Grundfunktionen, z. B. die schnelle Orientierung in neuen Umgebungen. Sie sind abhängig von einer flexiblen und raschen Informationsverarbeitung und nehmen im Alter v. a. in ihrer Geschwindigkeit kontinuierlich ab. Die Betroffenen klagen besonders über eine nachlassende Gedächtnisbildung (vornehmlich des längerfristigen Behaltens, weniger des Kurzzeitgedächtnisses).

Tipp

Die Verlangsamung aller informationsverarbeitenden Prozesse im Alter hat Auswirkungen auf den Umgang mit alten Menschen: In allen Verständnis- und Anleitungssituationen muss die Informationsmenge pro Zeiteinheit angemessen reduziert werden (was allerdings viele ältere Patienten aus Stolz nie von sich aus erbitten würden!).

Veränderung der Emotionalität
Mit Emotionalität werden sowohl kurzfristige Gefühle wie Ärger oder Freude als auch längerfristige Stimmungen und Eigenschaften wie Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit bezeichnet.
Die Annahme, dass alte Menschen wesentlich häufiger traurig, depressiv oder (lebens-)unzufrieden sind, konnte in Untersuchungen nicht eindeutig bestätigt werden. Allenfalls lässt sich eine geringere „Auslenkung“ emotionaler Reaktionen im Alter nachweisen (also keine Schwankungen zwischen himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt innerhalb weniger Min.).

Tipp

Für die Emotionalität, also den „Gefühlshaushalt“, alter Menschen sind Faktoren wie Gesundheit, Aktivitätsniveau und sozialer Status von größerer Bedeutung als das biografische Alter.

Veränderungen der Persönlichkeit
Persönlichkeitsmerkmale (Charaktereigenschaften) sind Eigenschaften, die sich bis ins hohe Alter kaum ändern.
Allerdings nimmt extravertiertes (offenes, entgegenkommendes) Verhalten eher ab, während introvertiertes (sich abschirmendes, zögernd-abwartendes) Verhalten zunimmt. Bei vielen älteren Menschen verstärken sich auch diejenigen Charaktereigenschaften, die den Betroffenen schon vorher kennzeichneten.
Veränderungen der Resilienz
Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens auf sehr verschiedene Weise ihre Fähigkeit, mit Lebenskrisen umzugehen (Resilienz). Manche werden im Alter durch ihre Lebenserfahrung gelassener und weiser, ruhen zufrieden in sich, sind ausgesöhnt mit ihrem Lebensschicksal und blicken angst- und sorgenfrei auf ihre letzte Lebensphase und den Tod. Viele alte Menschen jedoch werden auch „seelisch dünnhäutiger“, sind psychisch weniger belastbar, entwickeln Ängste, hadern mit ihrem Schicksal und werden aggressiv oder depressiv bis hin zum Suizid.

 Alterungsprozesse und moderne Medizin

Der Alterungsprozess bedroht zunächst Alterungsprozessedie Unabhängigkeit und die Lebensqualität des älteren Menschen, im Laufe seines Fortschreitens aber auch die (körperliche) Lebensfähigkeit des Gesamtorganismus durch Abnahme der Organfunktionen und daraus resultierende Krankheiten. Die moderne Medizin kann die Lebensfähigkeit oft noch um Jahre erhalten, häufig allerdings um den Preis einer deutlichen Minderung der Lebensqualität – man denke etwa an den chronisch gelähmten Patienten nach einem Schlaganfall.
Grundsätzlich aber gilt, dass die Lebensqualität eines Patienten bereits dann eine erhebliche Steigerung erfährt, wenn die Betreuung und Pflege aus der Klinik nach Hause verlagert werden kann. Auch bei schwerstpflegebedürftigen Patienten ist dies dank hochqualifizierter ambulant arbeitender Pflegekräfte möglich. Voraussetzung ist jedoch ein entsprechendes soziales Umfeld, d. h., die Angehörigen müssen bereit sein, die Grundversorgung zu übernehmen. Auf diese Weise kann es schwerstkranken Patienten sogar möglich gemacht werden, zu Hause zu sterben.
Im Gegensatz dazu ergibt sich aus vielen Geschichten der Eindruck, dass die Menschen früher meist „in Frieden“ sterben durften, sozusagen beim Mittagsschlaf auf der Gartenbank vom Herzschlag getroffen wurden. Dieses Bild entspricht dem idealtypischen Alterungsverlauf, traf aber nur für ganz wenige Menschen zu: Zum einen starb die Mehrzahl der Menschen früh, z. B. im Säuglings- oder Kindesalter an Infektionen oder Millionen Frauen im (jungen) Erwachsenenalter an den Komplikationen von Geburt und Wochenbett. Zum anderen bedeuteten viele heute behandelbare Leiden jahrelanges, qualvolles Siechtum bis zum Tod; die Herzinsuffizienz und die Gicht seien als Beispiele genannt.
Obwohl aber unsere heutige Medizin über ausgefeilte therapeutische Möglichkeiten verfügt, ist es ihr noch nicht gelungen, Menschen ein Sterben ganz ohne Leiden zu ermöglichen.

 Umgang mit alten Patienten

 Krankheit aus Sicht des alten Menschen

Untersuchung und bettlägeriger alte Patienten/Menschen:UmgangPatienten 3.6.3
So verschieden die Menschen sind, so individuell erleben sie ihr Älterwerden und die damit evtl. verbundenen Lebenskrisen, z. B. Tod des Partners oder eigene Krankheit.
Mit zunehmendem Alter leiden immer mehr Menschen an chronischen Erkrankungen. Auch wenn diese nicht (unmittelbar) lebensbedrohlich sind (z. B. eine Arthrose 9.6.1 oder eine leichte Herzinsuffizienz 10.7), erinnern sie den Betroffenen durch immer wiederkehrende Beschwerden oder durch die Notwendigkeit einer regelmäßigen Tabletteneinnahme an sein Alter.
Chronische Erkrankungen führen oft zu einer (ersten) Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit. Nicht wenige Patienten geraten dadurch in eine fundamentale Krise. Falls es ihnen nicht rechtzeitig gelungen ist, sich positiv auf ein Leben nach der Berentung einzustellen, konzentrieren sie sich häufig auf ihren Gesundheitszustand (oder evtl. den des Partners), wodurch sich im Extremfall tatsächlich vorhandene Krankheiten sowie subjektiv wahrgenommene Beschwerdebilder zu einem kaum entwirrbaren Knäuel medizinischer Hilfsbedürftigkeit zusammenballen. Ein anderer Lebenssinn als die Erhaltung des gefährdeten Gesundheitszustands scheint nicht mehr zu existieren.

Tipp

Eine Aufgabe des sozialen Umfelds und der medizinischen Betreuung (auch des Heilpraktikers!) ist es, den Horizont für andere Lebensinhalte zu eröffnen, z. B. zu maßvollem Sport oder zum Knüpfen neuer Kontakte zu ermuntern.

Ohne Hoffnung wird das Leben als sinnlos und leer empfunden. Hoffnung richtet sich an die Zukunft und wirkt bei Bewältigungsprozessen entlastend. Es ist allerdings falsch, unerfüllbare Hoffnung auf Heilung zu wecken, denn die zwangsläufig folgende Enttäuschung untergräbt das Vertrauen zwischen dem Patienten und seinen Behandlern und Betreuern und kann den körperlichen und psychischen Verfall beschleunigen. Hoffnung kann der Wunsch sein, z. B. den Geburtsort noch einmal zu besuchen, die Geburt eines Enkels zu erleben (Abb. 29.5) oder an einer Familienfeier teilzunehmen.
Die Fähigkeit zu hoffen wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, z. B. individuelle Erfahrungen oder religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse. Besonders Vorurteile haben einen negativen Einfluss auf die Hoffnungsfähigkeit des älteren Menschen.

Tipp

Versuchen Sie im Gespräch herauszufinden, ob der ältere Mensch im Laufe seines Lebens positive Erfahrungen bei der Bewältigung von Krisensituationen gemacht hat, und erinnern Sie ihn daran.

 Kommunikation mit dem Patienten und seinen Angehörigen

Während Beeinträchtigungen des Sprechvermögens für alle Kommunikationspartner offensichtlich sind, werden Störungen der Sinnesorgane vom Patienten selbst oftmals nicht erkannt oder aber kaschiert.
Bei vielen alten Patienten ist besonders die Seh- und Hörfähigkeit vermindert. Erreichen die Informationen aus der Umwelt den älteren Patienten nur lückenhaft, können unangemessenes Verhalten, Missverständnisse und zwischenmenschliche Konflikte die Folge sein und die Behandlung erschweren.

Tipp

Bei Patienten mit Seh- und Hörstörungen ist die Gefahr einer sozialen Isolation erhöht. Daher sollten Sie den Patienten frühzeitig zum Augen- oder HNO-Arzt überweisen.

Patienten mit Sehstörungen
Oftmals können ältere Menschen ohne Brille Sehstörungen:Alter, imGesprächspartner oder Gegenstände in der Nähe (z. B. Medikamente) nicht deutlich erkennen. Gesichtsfeldeinschränkungen (24.2.3) können dazu führen, dass Gegenstände und Personen rechts oder links außen nicht mehr wahrgenommen werden. Sprechen Sie den Patienten von vorne an, und fordern Sie ihn auf, bei der Untersuchung den Kopf in die jeweilige Richtung zu drehen. Eine ausreichende Beleuchtung in den Praxisräumen ist bei älteren Patienten besonders wichtig.
Patienten mit Hörstörungen
Häufig bringen Patienten, die schlecht hören, ihren Hörstörungen:Alter, imMitmenschen Misstrauen entgegen, das nicht persönlich genommen werden darf, sondern durch den Teilverlust der Warnsinnesfunktion Hören bedingt ist. Hinzu kommt, dass viele Schwerhörige in einer fremden Umgebung (z. B. Heilpraktikerpraxis) Angst haben, nicht alles richtig mitzubekommen und daher Fehler zu machen. Wichtig für den Patienten ist eine „verständnisfreundliche“ Umgebung. Hierzu gehört, dass der Sprechende für den Schwerhörigen gut sichtbar ist und der Schwerhörige das Gesicht des Sprechenden beim Sprechen sehen kann. Es empfiehlt sich, mit dem Patienten abzusprechen, in welcher Weise er am besten hört (z. B. langsame Sprachgeschwindigkeit, besonders laute oder normale Sprache, Sichtkontakt). Meist ist es am günstigsten, wenn mit ruhiger und eher tieferer Stimme, deutlicher Betonung aller Wortsilben und gleich bleibend „normaler“ Lautstärke gesprochen wird. Trägt der Schwerhörige ein Hörgerät, schadet das weitverbreitete Anschreien sogar. Die Sprache wird übersteuert und ist nur noch verzerrt hörbar, sodass der Betroffene überhaupt nichts mehr versteht. Je nach Behinderung des Patienten ist es sinnvoll, zusätzliche Kommunikationsmittel bereitzuhalten, z. B. Papier und Schreibzeug.
Verwirrte Patienten
Bei verwirrten Patienten sind Sie meist auf die Angehörigen angewiesen (Fremdanamnese 3.3). Die Untersuchung chronisch verwirrter Patienten ist schwierig und erfordert viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Sie sollten versuchen, die Gefühle und Motive des Patienten zu erspüren und zu akzeptieren, um eine Vertrauensbasis herzustellen, die den Zugang zum Patienten erleichtert und zu seinem Wohlbefinden beiträgt. Vermeiden Sie:
  • den Verwirrten in die Realität zurückzuführen

  • den Verwirrten zu korrigieren

  • Fragen auf der Inhaltsebene zu stellen

  • Äußerungen des Verwirrten zu interpretieren

  • die Gefühle des Verwirrten abzuschwächen

  • den Verwirrten von seinen Wünschen abzulenken

Abhängigkeit und Missbrauch im Alter
Sucht kennt kein Alter! Alkohol, Nikotin, Schmerzmittel und psychoaktive Medikamente führen auch im höheren und hohen Lebensalter häufig zu Missbrauch und Abhängigkeit sowie zu weiteren schweren gesundheitlichen Schäden. Auch bei illegalen Drogen und „Tätigkeitssüchten“ (z. B. Kaufsucht über Teleshopping) gibt es eine wachsende Gruppe älterer Konsumenten. Die Dunkelziffer ist hoch.
Häufig gibt es bei Angehörigen, Pflegenden und Behandlern die fatale Auffassung, dass man den Betroffenen aufgrund ihrer begrenzten Lebenserwartung die Anstrengung einer Therapie ersparen solle und sich diese „auch nicht mehr lohne“. Dabei ist längst erwiesen, dass alte Menschen mindestens genauso von Beratung und Behandlung profitieren wie Jüngere. Beratungsgespräche, Psychotherapie und Seelsorge können ihnen meist sehr rasch zu einer spürbaren seelischen Entlastung und zu mehr Lebensfreude verhelfen. Wenn der Patient gar sein Verhalten ändern kann, zeigen sich oft schnell Erfolge wie eine verbesserte Gedächtnisleistung und Konzentration, gesteigerte Vitalität, bessere seelische und körperliche Abwehr sowie eine Steigerung der allgemeinen Lebensqualität.

 Problem der Multimorbidität

Multimorbidität (Polymorbidität): gleichzeitiges Vorhandensein von mehreren Krankheiten, besonders häufig bei älteren Patienten.

Charakteristisch für den älteren alte Patienten/Menschen:MultimorbiditätMenschen ist, dass infolge natürlicher oder krankhaft beschleunigter Alterungsvorgänge nicht nur ein, sondern viele Organe in ihrer Leistung oder Leistungsreserve eingeschränkt sind. So leidet z. B. ein multimorbider Patient gleichzeitig an Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus und Gelenkbeschwerden (z. B. durch eine Arthrose).
Die Multimorbidität kann die Behandlung erheblich erschweren:
  • Die Erkrankungen und ihre Symptome beeinflussen sich gegenseitig, therapierelevante Symptome können dadurch verschleiert werden.

  • Ein Medikament bessert zwar die eine Erkrankung (z. B. Bluthochdruck), verschlechtert aber eine andere (z. B. eine gleichzeitige arterielle Durchblutungsstörung). Das Gleiche gilt für alle anderen therapeutischen Maßnahmen: Wärmeapplikation ist z. B. bei Kniegelenkarthrose indiziert, bei gleichzeitig bestehenden Krampfadern aber kontraindiziert.

  • Einige Medikamente können nur in niedriger Dosierung oder überhaupt nicht gegeben werden, wenn z. B. die Nieren des Patienten nicht mehr ausreichend arbeiten.

  • Medikamentös ausgelöste Krankheitsbilder sind oft schwierig zu erkennen.

  • Bei gleichzeitig bestehender Demenz ist die korrekte Einnahme der Medikamente nicht gewährleistet und dadurch die Kontrolle des Therapieerfolgs erschwert.

Die Multimorbidität führt dazu, dass ältere Menschen die medizinischen Versorgungssysteme wesentlich stärker in Anspruch nehmen (müssen) als junge Erwachsene: Viele ältere Menschen nehmen tgl. mehr als ein Dutzend Tabletten ein, und ein operativer Eingriff erfordert einen viel längeren Krankenhausaufenthalt als eine vergleichbare Operation bei jüngeren Patienten.
Ebenso wie die medizinischen Maßnahmen (junger) Erwachsener nicht ungeprüft auf Kinder und Jugendliche übertragen werden können, muss den besonderen Bedürfnissen älterer Menschen entsprochen werden:
  • Durch den zunehmenden Verlust körperlicher Reserven ist der alternde Mensch anfälliger für neue Krisen, und das Risiko für (Folge-)Erkrankungen steigt. Deshalb sind alle Vorbeugemaßnahmen von großer Bedeutung (z. B. die frühzeitige Erkennung und Therapie eines Atem- oder Harnwegsinfekts).

  • Einschneidende Lebensereignisse (life events), z. B. Pensionierung, akute Erkrankungen, Verlust von nahen Angehörigen und Freunden oder Immobilität häufen sich und führen ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem nahenden Tod dazu, dass auch im psychischen Bereich die Belastbarkeit älterer Menschen sinkt.

  • Aufgrund verminderter Anpassungs- und Leistungsfähigkeit des älteren Organismus ist das Komplikationsrisiko bei vielen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen (v. a. in der Schulmedizin) erhöht.

 Erhaltung der Lebensqualität im Alter

Eine der Aufgaben der Altersheilkunde (alte Patienten/Menschen:LebensqualitätGeriatrie) ist es, dem Patienten zu helfen, seine Eigenständigkeit möglichst Geriatrielange zu erhalten und die entsprechenden technischen Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen. Wichtige Hilfsmittel für die Erhaltung der Lebensqualität sind z. B.:
  • Sehhilfen: Die wichtigste Rolle spielen hier Brillen für das Nah- und Weitsehen.

  • Hörgeräte: Am gebräuchlichsten sind Hinter-dem-Ohr-Geräte. Dabei sitzt das Hörgerät halbmondförmig hinter der Ohrmuschel und ist durch einen Verbindungsschlauch mit dem Ohrpassstück im äußeren Gehörgang verbunden. Im-Ohr-Geräte sind so klein, dass sie in die Concha oder in den knorpeligen Anteil des äußeren Gehörgangs passen. Sie werden von Älteren nicht so gerne benutzt, da der Umgang mit ihnen mehr Fingerfertigkeit erfordert. Es kann Monate dauern, bis sich der Betroffene an das Hörgerät gewöhnt hat, mit ihm zurechtkommt und so das gewünschte Maß an Autonomie und Sicherheit im Alltag gewinnt.

  • Zahnprothesen: Viele alte Menschen benötigen eine Vollprothese für Unter- und Oberkiefer.

  • Hilfsmittel für die körperliche Bewegung: Hierzu zählen z. B. Gehstock, Gehwagen oder Rollstuhl. Häufig schämen sich die Betroffenen anfangs, auf diese Hilfsmittel angewiesen zu sein. Wichtig ist in dieser Phase, das Selbstbewusstsein des Patienten zu stärken und dem Betroffenen zu vergegenwärtigen, dass auch ein Mensch, der auf Hilfsmittel angewiesen sein mag, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist (Abb. 29.6).

  • Inkontinenzversorgung (falls sich durch therapeutische Maßnahmen, 16.4.8Inkontinenz:Alter, im, die Inkontinenz nicht beheben lässt): Bei leichter Harninkontinenz und vorhandener Bewegungsfähigkeit reichen in der Regel kleine Einlagen aus. Für eine ausgeprägte Harninkontinenz stehen hochsaugfähige große Einlagen zur Verfügung, die zusammen mit einer sog. Netzhose dem Inkontinenten Sicherheit geben. Inkontinenzhosen sollten mit Bedacht gewählt werden, da sie die Selbstpflegefähigkeiten des Patienten meist verkümmern lassen. Der Kranke kann oft weder selbstständig die Toilette benutzen noch alleine die Inkontinenzhose wechseln. Die Harninkontinenzversorgung älterer Männer kann in vielen Fällen durch das Tragen von Urinalen und Beinbeuteln verbessert werden. Manchmal ist eine externe Urinableitung durch einen Blasenverweilkatheter (16.4.8) unvermeidbar. Bei einer Stuhlinkontinenz werden bei mobilen Patienten Analtampons oder besondere Hygienevorlagen („Windeln“) eingesetzt oder der Stuhlgang wird mit Einläufen (Irrigation) zeitlich gesteuert.

Oftmals reichen technische Hilfsmittel zur Erhaltung der Selbstständigkeit nicht mehr aus, und der Patient ist auf Hilfe der Angehörigen oder auf fremde Hilfe angewiesen. Der Patient kann sich für den Umzug in ein Altersheim entscheiden oder auch für eine ambulante Pflege in seiner gewohnten häuslichen Umgebung. Die ambulante Pflege umfasst alle behandlungspflegerischen Maßnahmen (z. B. Blutzuckerkontrollen, Dekubitusversorgung), Grundpflege (z. B. Körperpflege, Betten und Lagern) und hauswirtschaftliche Versorgung (z. B. Zubereitung oder Aufwärmen von Mahlzeiten). Das Recht auf ambulante Pflege ist gesetzlich verankert im Sozialgesetzbuch V und im Gesundheitsreformgesetz. Träger der ambulanten Pflege sind z. B. Caritas, Diakonie, Rotes Kreuz, Arbeiterwohlfahrt, Malteser, private Anbieter, Gemeinde oder Stadt. Voraussetzung für die ambulante Pflege ist die ärztliche Verordnung.

 Leitsymptome und Differenzialdiagnose

 Schwäche

Schwäche: (plötzlich auftretende) Schwächezustände sind immer als Hinweis auf körperliche oder psychische Erkrankungen zu werten, wobei bei jüngeren Menschen eher akute Erkrankungen, bei älteren dagegen eher chronische Krankheiten die Ursache sind; Schwäche ist nie belanglos!

Schwäche entwickelt sich häufig langsamalte Patienten/Menschen:Schwäche, Schwäche:Alter, imsodass sie zuweilen weder den Patienten noch dem Umfeld besonders auffällt. Fragen Sie gezielt, ob etwa bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausgeführt werden können. Das weitere diagnostische Vorgehen richtet sich nach der Vorgeschichte und den sonstigen Symptomen des Patienten. Das therapeutische Vorgehen richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache.
Eine neu auftretende oder zunehmende Schwäche ist im Alter häufig erstes Symptom einer organischen Krankheit oder weist auf eine Verschlimmerung einer bereits bekannten (chronischen) Erkrankung hin. Schwäche tritt z. B. häufig auf bei:
  • Herzinsuffizienz (10.7)

  • Pneumonie (12.5.6)

  • chronischer Bronchitis (12.6)

  • Diabetes mellitus (15.6)

  • Dehydratation (16.2.5)

  • Schilddrüsenfunktionsstörungen (19.6)

  • Demenz (23.13.2)

  • Depression (26.6.1)

  • Anämie (20.4.1)

  • Karzinomerkrankungen

 Immobilität

Mobilität: Fähigkeit, sich in seiner Umgebung frei zu bewegen und die Aktivitäten des täglichen Lebens unabhängig auszuführen.

Immobilität: Unfähigkeit, sich frei zu bewegen.

Zwischen beiden Polen existieren viele Stufen von Bewegungseinschränkungen.

Es ist falsch, Immobilität Immobilität:Alter, imalte Patienten/Menschen:Immobilitätgleichzusetzen mit der Unfähigkeit zu gehen. So kann z. B. ein Rollstuhlfahrer wesentlich mobiler als ein Fußgänger (mit Gehhilfen) sein, sich hingegen ein älterer Mensch, der plötzlich nicht mehr Auto fahren darf, trotz vorhandener Gehfähigkeit (zunächst) völlig immobil fühlen.
Bewegungseinschränkungen können auch Folge psychischer Probleme oder durch eine „behindernde“ Umgebung bedingt sein. Alle Formen der Immobilität bedrohen die Unabhängigkeit und damit die Autonomie (Selbstbestimmung) älterer Menschen.
Körperliche Ursachen für Immobilität
Die körperlichen Ursachen für Immobilität sind zahlreich:
  • Zu den häufigsten Ursachen bei älteren Menschen gehören Veränderungen des Bewegungsapparats wie etwa Arthrose (9.6.1), Osteoporose (9.5.1) oder Frakturen im Hüftbereich. Diese Erkrankungen beeinträchtigen die Beweglichkeit direkt (z. B. durch Versteifungen) oder indirekt (z. B. durch schmerzbedingte Schonung). Vielfach bestehendes Übergewicht wirkt sich zusätzlich ungünstig aus.

  • Durch die vornübergeneigte Körperhaltung vieler alter Menschen wird der Körperschwerpunkt nach vorne verlagert, was eine latente Gangunsicherheit verstärkt.

  • Im neurologischen Bereich sind besonders Störungen der Gehirndurchblutung (TIA, Schlaganfall mit Lähmungsfolgen 23.5.1), das Parkinson-Syndrom (23.13.1) sowie Gangunsicherheiten als Folge einer Polyneuropathie (23.12.4, z. B. bei Diabetes mellitus) zu nennen.

  • Auch eine Minderdurchblutung der Beine sowie ausgeprägte Beinödeme bei Herzinsuffizienz schränken die Beweglichkeit ein.

  • Schwere Herz- und Lungenerkrankungen vermindern die allgemeine Belastbarkeit des Patienten so sehr, dass er sich kaum noch bewegen kann.

  • Sehbehinderungen, z. B. durch ungeeignete Brillen, eine Linsentrübung (grauer Star 24.5.5) oder als Folge eines Diabetes mellitus, erschweren die Orientierung im Raum und führen zu einer erhöhten Gefährdung.

  • Immobilität kann auch iatrogen (durch ärztliche Maßnahmen) bedingt sein. An erster Stelle steht hier die Einnahme von Beruhigungsmitteln, die – wie auch Alkohol – eine Gangunsicherheit auslösen können. Aber auch Medikamente gegen Bluthochdruck können über zu niedrigen Blutdruck und Blutdruckregulationsstörungen zu Schwindel und Problemen beim Stehen und Gehen führen.

Psychische Ursachen für Immobilität
Psychische Veränderungen, die eine Immobilität nach sich ziehen können, sind allgemeine Unsicherheit (z. B. Angst vor Stürzen), mangelndes Selbstvertrauen und Depressionen (z. B. nach Verlust des Partners), bei denen der Patient das Interesse gegenüber der Umgebung verliert und sich selbst vernachlässigt. Auch die psychische Grundhaltung des Patienten („schon immer bequem“) und ein übertrieben besorgtes Verhalten von Familienangehörigen sind maßgebend dafür, wie schnell ein Kranker immobil wird.
Einfluss der Umgebung auf die Mobilität
Eine ungünstige Umgebung verschlechtert die Mobilität ganz entscheidend:
  • Der Patient kann z. B. sein Zimmer nicht verlassen, weil er den Gehwagen nicht über die hohe Türschwelle heben kann.

  • Eine zu tiefe Badewanne oder die zu hohe Stufe des Duscheinstiegs behindern die selbstständige Körperpflege des Patienten.

  • Kleider mit Reißverschluss am Rücken sind ungünstig, weil viele ältere Patientinnen diesen nicht mehr alleine öffnen und schließen können.

  • Der Patient kann kaum oder gar nicht an geselligen Veranstaltungen oder Theatervorführungen teilnehmen, weil Treppenstufen ein (scheinbar) unüberwindbares Hindernis darstellen oder öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzt werden können und Taxifahrten zu teuer sind.

Folgen der Immobilität
Immobilität wirkt sich auf alle Aktivitäten des täglichen Lebens aus:
  • Immobilität (auch langes Sitzen) vergrößert das Risiko eines Dekubitus (18.5.2) sowie einer Muskelkontraktur (9.8.1), einer Thrombose oder Pneumonie.

  • Obstipation kann ebenfalls Folge einer Immobilität sein.

  • Oft ist die Sturzgefahr erhöht.

  • Immobilität bedeutet auch, dass viele freudebringende Beschäftigungen (z. B. Spazierengehen) nicht mehr möglich sind. Dadurch kann sie zu einer Sinnfindungskrise führen. Die psychischen Reaktionen des Betroffenen reichen von aggressivem Verhalten gegenüber sich selbst oder anderen bis zu Passivität und einem Rückzug in kindliche Verhaltensmuster. Sehr häufig sind depressive Verstimmungen, die ihrerseits wieder die Immobilität fördern und das Entstehen eines Teufelskreises begünstigen.

Die Folge der Immobilität sind Selbstpflegedefizite, z. B. bei der Körperpflege, beim An- und Auskleiden, beim Ausscheiden, beim Essen und Trinken.
Aus diesen Gründen sollte unabhängig vom Alter des Patienten stets die Ursache der Immobilität gesucht und möglichst behandelt werden. Ganz wichtig sind krankengymnastische Übungsprogramme und eine aktivierende medizinische Betreuung (Abb. 29.7).

 Stürze

Mit eingeschränkter Mobilität sind oft Stürze alte Patienten/Menschen:Stürzeverbunden, die – abgesehen von denStürze:Alter, im Verletzungsfolgen – die Unsicherheit und Immobilität des Patienten weiter verstärken und häufig die Einweisung in ein Krankenhaus oder den Umzug in ein Altenheim begründen.
Entscheidende Hinweise auf die Ursache eines Sturzes gibt die Anamnese (Stolpern? Wegrutschen der Beine? Schwarzwerden vor den Augen?).
Ursachen
Die Ursachen häufiger Stürze entsprechen im Wesentlichen denen der Immobilität. Darüber hinaus sind Schwindel (23.4.1), Synkopen (10.4.3), Blutdruckregulationsstörungen und der Wechsel in eine ungewohnte Umgebung hervorzuheben.
Prophylaxe
Durch eine sichere Umgebung und die Versorgung mit sachgerechten Hilfsmitteln kann Stürzen vorgebeugt werden:
  • Haltemöglichkeiten an den Wänden in Zimmer, Bad und Flur

  • rutschfeste Bodenbeläge, v. a. auf Treppen

  • Beseitigung von „Stolperfallen“ wie z. B. Teppichkanten oder Türschwellen

  • rutschfeste Matten im Badezimmer oder in der Küche vor der Spüle

  • Haltegriffe im Bad, Toilettenerhöhung

  • gut angepasste Gehhilfen

  • eine der Bewegungseinschränkung und Körpergröße angepasste Betthöhe

  • ausreichende Beleuchtung, leicht erreichbare Lichtschalter

  • stabile Möbel zum Festhalten in der Wohnung

  • genug Sitzgelegenheiten (z. B. auf dem Weg zur Toilette und in die Küche)

  • geeignete Kleidung (nicht zu lange Nachthemden oder Bademäntel), feste Schuhe

  • korrekt angepasste Brille

  • Hüftprotektoren bei Sturzgefährdeten

Besonders wichtig ist auch regelmäßige körperliche Bewegung (Spaziergänge, Seniorengymnastik, Schwimmen und Bewegungsübungen im Wasser), damit der Patient sich sicher bewegen kann.
Prognose
Stürze sind oft folgenschwer. Meist sind sie Ausdruck eines schlechten Allgemeinzustands des Patienten: Von jenen älteren Patienten, die zu Hause stürzen und ins Krankenhaus aufgenommen werden müssen, verstirbt die Hälfte innerhalb von 12 Monaten, und von jenen, die vom Heim aus ins Krankenhaus verlegt werden, ist die Hälfte bereits nach 6 Monaten verstorben.

Verwirrtheit

Verwirrtheit: Bewusstseinsstörung mit komplexem Symptomenbild aus Desorientiertheit (Störung des normalen Selbst-, Raum- und Zeitempfindens 26.4.2), Denkstörungen (z. B. verlangsamtes Denken, Wahnvorstellungen 26.4.5) und Gedächtnisstörungen (26.4.4).

Akute Verwirrtheit

Akuter Verwirrtheitszustand (Delirium, „Durchgangssyndrom“ 26.12.1): Verwirrtheit setzt plötzlich ein und dauert oft nur Std. oder Tage; wird meist durch ein Zusammenspiel mehrerer ungünstiger Faktoren hervorgerufen.

Als auslösende alte Patienten/Menschen:VerwirrtheitFaktoren Verwirrtheit:Alter, imsind an erster Stelle zu nennen:
  • medizinische Ursachen wie

    • Hormonstörungen

    • Dehydratation (häufig äußerlich nicht erkennbar 16.2.5)

    • Störungen des Elektrolythaushalts (insbesondere Natriummangel 16.2.6)

    • Sauerstoffmangel des Gehirns (z. B. bei Schlaganfall 23.5.1, zu niedrigem Blutdruck, Herzschwäche oder Ateminsuffizienz bei Lungenentzündung oder Asthma bronchiale 12.8)

    • akute Infekte wie z. B. Atemwegs- oder Harnwegsinfekte (wobei die lokalen Symptome praktisch völlig fehlen können!)

    • Stoffwechselentgleisungen (z. B. bei Diabetes mellitus)

  • iatrogene (durch ärztliche Maßnahmen bedingte) Ursachen wie z. B. Medikamentennebenwirkungen oder längere Narkosen

  • Vergiftungen, besonders durch Überdosierung von Alkohol oder Medikamenten

  • soziale Ursachen wie z. B. ein Ortswechsel (Umzug in ein Altersheim), Verlust enger Bezugspersonen (z. B. Tod des Ehepartners) oder Stress

Chronische Verwirrtheit

Chronische Verwirrtheit: entsteht langsam und nimmt über Monate oder Jahre immer weiter zu; Ursache ist fast immer eine Demenz (23.13.2).

Ein chronisch verwirrter Patient wird daher von vielen Autoren mit einem dementen Patienten gleichgesetzt.
Diagnostik
Die Ursachen der Verwirrtheit gilt es durch eine sorgfältige Anamnese (meist Fremdanamnese) sowie körperliche und technische Untersuchungen herauszufinden. Können die Ursachen beseitigt werden, verschwindet die akute Störung oft. Allerdings beruht ein großer Teil der akuten Verwirrtheitszustände auf einer bis dahin maskierten (unheilbaren) Demenz (23.13.2).

Achtung

Akute Verwirrtheitszustände sind medizinische Notfälle, die sorgfältiger Klärung, Überwachung und Betreuung bedürfen.

Daher muss jeder akut verwirrte Patient an einen Arzt überwiesen werden. Nahrungsverweigerung, Unfähigkeit zur Kooperation, Weglauftendenzen und aggressive Handlungen sind häufig und gefährden den Patienten. Sie begründen ggf. eine Zwangseinweisung und -behandlung (Unterbringung 2.1.6).
Symptome und Folgen
Die akute Verwirrtheit (plötzlicher Beginn, oft reversibel) wird von der chronischen Verwirrtheit (schleichende Verwirrtheit, kaum reversibel) unterschieden.
Bei vielen älteren Patienten ist die Verwirrtheit das zentrale Problem, v. a. auch für Angehörige oder Pflegepersonen. Leicht verwirrte Personen sind auf den ersten Blick unauffällig, können aber auf Nachfrage z. B. nicht das aktuelle Datum oder den Wochentag nennen. Schwer Erkrankte dagegen erkennen nicht einmal mehr die nächsten Angehörigen, laufen rast- und ziellos durch den Raum und zeigen ernste Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus mit nächtlicher Wachheit und langen Schlafperioden über Tag.
Besonders belastend ist es für Familie und Pflegende, wenn verwirrte Patienten, z. B. aus Angst oder Wahnvorstellungen heraus, aggressiv werden und ihre Mitmenschen mit Gegenständen bedrohen oder wiederholt beleidigen.

Tipp

Manchmal werden Patienten zu Unrecht als verwirrt bezeichnet, etwa, wenn sie „nicht gehorchen“ oder z. B. aufgrund einer Hörstörung unangemessen reagieren. Auch eine akute Exsikkose oder eine (neue) Medikation kann plötzlich zur Verwirrtheit führen.

Verwirrtheit hat für den Betroffenen oft schwerwiegende Folgen, z. B.:
  • Essen und v. a. Trinken werden vergessen.

  • Medikamente werden nicht oder falsch eingenommen.

  • Hygieneregeln (z. B. Zahnpflege, Fußpflege) werden nicht bedacht.

  • Brillen und Hörgeräte werden nicht benutzt.

  • Krankheitszeichen werden übersehen.

  • Soziale Kontakte werden erschwert (z. B. durch Vergessen der Verabredungen).

  • Meist ist – wie beim Demenzkranken – eine eigenständige Versorgung nicht mehr möglich.

Orientierungshilfen für den (älteren) verwirrten Patienten
  • Fest strukturierten Tagesablauf mit ausreichend aktivierenden Tätigkeiten einhalten.

  • Kalender mit Datum des Tages und Uhr in sichtbarer Nähe aufbewahren.

  • Kleidung in fester Reihenfolge ablegen zur Förderung des selbstständigen Anziehens.

  • Stets greifbare Merkzettel und Stift für Notizen bereithalten.

Diese Orientierungshilfen können auch prophylaktisch angewandt werden.

 Schlafstörungen

Schlaf 23.2.8

Schlafstörungen (Insomnie): Unterschieden werden Einschlaf- und Durchschlafstörungen:

Einschlafstörung: Einschlafzeit > 30 Min.

Durchschlafstörung: Patient wacht vorzeitig nach einer Schlafzeit < 6 Std. von selbst auf.

Bei der Beurteilung von Schlafstörungen Schlafstörungen:Alter, immuss das alte Patienten/Menschen:Schlafstörungenstark veränderte physiologische Schlafverhalten im Alter beachtet werden:
  • Die notwendige Schlafdauer nimmt leicht ab. Durchschnittlich beträgt sie 6–7 Std., im Einzelfall schwankt sie von 4–10 Std.

  • Die Schlafqualität ändert sich sehr deutlich. Die Tiefschlafphasen sind verkürzt oder verschwinden, kurze Aufwachperioden (micro arousals) nehmen zu, sodass der Schlaf leichter störbar wird (z. B. durch Lärm, Spannungen oder Erkrankungen).

  • Parallel zum kürzeren und unterbrochenen Nachtschlaf kommt es tagsüber zu kurzen Einschlafphasen.

Ein Drittel der über 60-Jährigen klagt deshalb über Schlafstörungen.
Diagnostik
Eine sorgfältige Anamnese zur Abschätzung der absoluten Schlafdauer steht am Anfang der Diagnostik. Denn nicht jedes gestörte Schlafempfinden ist tatsächlich behandlungsbedürftig. Vielfach wachen die Patienten nachts mehrfach für kurze Zeit auf und haben am nächsten Morgen das Gefühl, „sie hätten die ganze Nacht wach gelegen“, obwohl dies nur subjektiv der Fall war.
Bei der körperlichen Untersuchung achten Sie auf Veränderungen bzw. Erkrankungen der inneren Organe, des Nervensystems und des Bewegungsapparats. Eine beginnende Demenz sollte der Neurologe ausschließen.

Tipp

Eine tiefgreifende Schlafstörung ist anzunehmen, wenn sie drei Wochen Dauer übersteigt und situationsbedingte Einflüsse wie z. B. eine neue Wohnung ausgeschlossen sind. Meist liegen psychische (häufig) oder körperliche (seltener) Probleme zugrunde.

Differenzialdiagnose
Nach Ausschluss altersbedingter Veränderungen des Schlafmusters kommen folgende Ursachen in Frage:
  • situative Faktoren: Lärm, Raumtemperatur (zu kaltes oder zu warmes Schlafzimmer), Partner („Schnarchen“), üppige Mahlzeiten am Abend, ungeeignetes Bett, Ortswechsel (z. B. Umzug ins Altersheim)

  • körperliche Faktoren: zu hoher oder zu niedriger Blutdruck, Schmerz (z. B. Arthrose, Tumor), Schlafapnoe (kurze Phasen ohne Atemtätigkeit mit unklarer Ursache), Schilddrüsenhormonstörungen (19.6), Herzerkrankungen, Bewegungsmangel und Medikamentennebenwirkungen (Herz-Kreislauf-Medikamente, ungeeignete Schlafmittel), Restless-Legs-Syndrom (11.4.1)

  • psychische Faktoren: Spannungen (Geld, Ehe), Einsamkeit, Ängste, Lebenskrisen (life events), Unterforderung (zuwenig Aufgaben)

  • psychiatrische Erkrankungen: Depression (auch larviert 26.6.1), manische Zustände (26.6.2), Schizophrenie (26.5.1), Demenz (23.13.2)

Schulmedizinische Therapie
Als erstes wird versucht, die Ursache auszumachen und zu beseitigen (z. B. Schmerzbehandlung, Besprechen von Problemen). Ist keine eindeutige Ursache eruierbar, helfen oft Änderungen der Lebensgewohnheiten (sog. Schlafhygiene).
Medikamente sollten zuallerletzt und nur kurzzeitig eingesetzt werden, da die Gefahr der Gewöhnung und das Risiko nächtlicher Stürze (etwa beim Toilettengang) hoch sind und ein „Nachhängen“ bis in den Folgetag hinein häufig ist.
Die bisher aufgeführten Regeln gelten nur mit großen Einschränkungen für Patienten mit Demenz. In diesen Fällen wechseln häufig arrhythmische Schlaf-Wach-Muster mit mehreren kurzen Schlafphasen. Die Verabreichung von Schlafmitteln ist hier gängige Praxis und mangels Alternativen kaum abzulehnen. Sie beheben meist jedoch nur teilweise die schlafbedingten Verhaltensstörungen (z. B. nächtliche Unruhe, Bettflüchtigkeit und nächtliches Herumwandern).
Fraglicher Nutzen: Schlafmittel
25 % der alten Menschen, die sich noch selbst versorgen können oder von ihren Angehörigen gepflegt werden, und 90 % der Betagten, die stationär untergebracht sind, nehmen Schlafmittel (Hypnotika), am häufigsten davon Benzodiazepine (26.7.3, Pharma-Info, z. B. Rp Valium®, Rp Adumbran®).
Ihre Wirkung lässt nach Tagen bis Wochen nach. Das Absetzen ist jedoch nicht problemlos: Sehr oft treten Entzugserscheinungen auf, unter anderem Schlafstörungen. Nicht zuletzt deswegen ist nur eine zeitlich eng begrenzte Gabe bei situationsbedingter Schlaflosigkeit vertretbar.

Naturheilkundliche Therapie von Schlafstörungen

Ernährungstherapie

Raten Sie dem Patienten, abends nur noch eine kleine, leicht verdauliche, nicht blähende Mahlzeit zu sich zu nehmen. Da Nahrungsmittel mit hohem Gehalt an der Aminosäure Tryptophan erfahrungsgemäß die Schlafqualität verbessern können, ist es zudem sinnvoll, Bananen, Milch und Milchprodukte, Eier und Sojaprodukte zuzuführen.
Die letzte Mahlzeit sollte spätestens vier Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und gründliche Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung der Schlaflosigkeit können folgende Konstitutionsmittel angezeigt sein: Aconitum, Ambra grisea, Arsenicum album, Belladonna, Coffea, Ferrum phosphoricum, Gelsemium, Ignatia, Kalium carbonicum, Lachesis, Moschus, Natrium muriaticum, Nux vomica, Pulsatilla, Sulfur, Zincum metallicum. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können allerdings auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Calmvalera Hevert®) eingesetzt, enthalten diese häufig Zincum valerianicum (bei motorischer Unruhe der Beine, Nervosität, Tagesschläfrigkeit), Coffea (bei Gedankenflut, aufgedrehten Patienten, Herzklopfen) oder Kalium phosphoricum (bei allgemeiner Erschöpfung, Nervenschwäche, Gedächtnisschwäche).
Bei dementen Patienten, deren Schlaf-wach-Rhythmus sehr gestört ist, lohnt sich ein Therapieversuch mit 5 Globuli Arsenicum album D 30 vor dem Schlafengehen. Häufig kann dadurch die Einnahme von Schlafmitteln vermieden oder reduziert werden.

Ordnungstherapie

Eine Lebensweise, die sich an dem natürlichen Lebensrhythmus orientiert, kann hilfreich sein, um Schlafstörungen zu überwinden. Aus diesem Grund ist es bei Einschlafstörungen sinnvoll, morgens früh aufzustehen, um abends die natürliche Bettschwere zu bekommen. Ebenso sollte auf das Mittagsschläfchen verzichtet und darauf geachtet werden, nicht zu früh ins Bett zu gehen. Hilfreich ist es auch, dem Abend die ihm innewohnende Qualität der Entspannung und Ruhe zu geben, indem man den Tag nicht durch Fernsehen bis kurz vor dem Schlafengehen beendet, sondern ihn ruhig mit einem Spaziergang oder durch Lesen ausklingen lässt.
In diesem Zusammenhang sind auch Entspannungsverfahren (26.15.8) wie Autogenes Training, Muskelentspannung nach Jacobson, Atemübungen oder Qigong sinnvoll.

Orthomolekulare Therapie

Sind die Schlafstörungen sehr ausgeprägt, ist Magnesium hilfreich, das entspannend und entkrampfend wirkt und die Schlafbereitschaft fördert.

Physikalische Therapie

Empfehlen Sie zur Entspannung abendliche Bäder mit Baldrian, Lavendel oder Melisse. Auch kalte Anwendungen wie z. B. Wadenwickel, Wassertreten und Fußbäder wirken schlaffördernd. Bei Durchschlafstörungen sind kalte Ganzkörperwaschungen hilfreich.

Phytotherapie

Baldrianwurzel (Valerianae radix Abb. 29.8), die bewährte Pflanze zur Behandlung von Schlafstörungen, hat zentraldämpfende sowie muskelentspannende Eigenschaften und verbessert so die Schlafqualität. Zu achten ist auf eine ausreichend hohe Dosierung (30–50 Tropfen), die über einen längeren Zeitraum (2–3 Wochen) beibehalten werden sollte. Erst dann kann sich die Wirkung entfalten.
Passionsblumenkraut (Passiflorae herba Abb. 29.9) wird aufgrund seiner schwächer sedierenden Wirkung mit anderen Pflanzen kombiniert. Haferstroh (Avenae stramentum) wirkt bei Erschöpfungszuständen beruhigend und kräftigend.
Hopfenzapfen (Lupuli strobulus Abb. 29.10) und Melissenblätter (Melissae folium Abb. 13.40) haben ebenfalls schlaffördernde und beruhigende Eigenschaften.
Johanniskraut (Hyperici herba Abb. 26.12) ist ein geeignetes Mittel bei Schlafstörungen, die durch depressive Verstimmungen ausgelöst werden. Es werden Teezubereitungen, Tinkturen oder Fertigpräparate (z. B. Hyperforat®) verordnet.

Traditionelle Chinesische Medizin

Verschiedene Syndrome, wie z. B. das lodernde Herz- oder Leber-Feuer oder Leber-Yin-Mangel, können Schlafstörungen verursachen. Die Differenzierung erfolgt unter anderem nach Art der Schlafstörung, Schlafposition, Träumen sowie nach Begleitsymptomen und dem Zungen- und Pulsbefund. Bei akuten Schlafstörungen sind gute Erfolge mit Akupunktur zu verzeichnen; bei chronischen Störungen hat sich eine Kombination aus Akupunktur und Kräutern bewährt. Die beste Tageszeit für die Akupunkturbehandlung ist der Abend.

 Häufige Erkrankungen alter Menschen

Für den alten Menschen sind viele in anderen Kapiteln beschriebene Erkrankungen typisch (Abb. 29.11alte Patienten/Menschen:Erkrankungen). Bei der Durchführung der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und der Therapie müssen Sie das höhere Lebensalter und die damit verbundenen physiologischen und pathologischen Veränderungen berücksichtigen.
Bedenken Sie zudem, dass einige Symptome auch von hochwirksamen Medikamenten hervorgerufen werden können, von denen alte Menschen oft eine Vielzahl einnehmen. Die Tab. 29.2 gibt einen Überblick über die häufigsten Erkrankungen alter Menschen.

 Therapeutische Möglichkeiten beim alten Menschen

 Medikamentöse Therapie beim alten Menschen

Aufgrund ihrer höheren Erkrankungshäufigkeit und Multimorbidität (29.3.3) nehmen alte Patienten/Menschen:medikamentöse Therapiealte Menschen durchschnittlich mehr Medikamente ein als jüngere, und zwar meist mehrere Präparate nebeneinander. Gleichzeitig reagieren Ältere nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ anders auf zahlreiche Medikamente, sodass sich die Probleme mit Medikamentennebenwirkungen und Medikamenteninteraktionen (-wechselwirkungen) häufen. Gemäß einer Studie verbraucht ein Mensch 50 % seiner Lebensmedikamentenmenge in den letzten sechs Monaten seines Lebens.
Physiologische Einflüsse
Während beim gesunden Alten die Resorption von Medikamenten aus dem Magen-Darm-Trakt nur bei wenigen Substanzen (z. B. Kalzium) beeinträchtigt ist, kann sie z. B. bei einer Rechtsherzinsuffizienz (10.7) durch den Blutrückstau in den Körperkreislauf vermindert sein.
Im Alter liegt der Anteil des Körperfetts höher und der Anteil des Körperwassers sowie der Muskelmasse niedriger als bei jüngeren Menschen vergleichbaren Körpergewichts. Medikamente mit ungleichmäßiger Verteilung in den Körpergeweben können also im Alter anders verteilt sein und somit stärker oder schwächer wirken.
Viele Medikamente werden im Blut an Eiweiße gebunden. Bei alten Menschen sind weniger Eiweiße vorhanden, deswegen kann es bei gleichzeitiger Gabe von mehreren Medikamenten durch die „verschärfte“ Konkurrenz um diese Eiweiße zu Wirkungserhöhungen kommen.
Durch die Alterungsvorgänge der Nieren werden nierengängige Medikamente verzögert ausgeschieden. So erhöht sich die Gefahr einer Anreicherung (Akkumulation) mit entsprechenden Nebenwirkungen bis hin zur Medikamentenvergiftung. Auch die Stoffwechseltätigkeit der Leber lässt nach, was zu einem reduzierten Medikamentenabbau (Metabolismus) führt.
Manche Medikamente, z. B. Beruhigungsmittel, wirken nicht nur stärker, sondern bei einigen alten Menschen auch qualitativ anders. Es kann sein, dass die Gabe eines Schlafmittels (z. B. einer Rp Valium®-Tablette) nicht zum Einschlafen, sondern zu Erregungszuständen führt. Als Ursache dieser paradoxen Wirkungen werden v. a. Veränderungen des Rezeptorengefüges im Gehirn vermutet.
Konsequenz: besondere Vorsicht!
Durch einige praktische Vorsichtsmaßnahmen kann meist verhindert werden, dass Medikamente dem älteren Patienten mehr schaden als nützen:
  • Werden Medikamente neu verordnet oder wird ihre Dosierung erhöht, wird der Patient sorgfältig beobachtet, um unerwünschte Wirkungen frühzeitig zu erfassen. Günstig ist es, immer nur ein Medikament zu verändern, um den „Verursacher“ feststellen zu können.

  • Bei vielen Medikamenten der Schulmedizin lässt sich die Blutkonzentration laborchemisch messen (drug monitoring, z. B. bei Digitalistherapie 10.7.1, Pharma-Info).

Tipp

Am besten sind möglichst wenige Medikamente zu möglichst wenigen Tageszeiten.

 Naturheilkundliche Behandlung alter Menschen zur Erhaltung geistiger und körperlicher Vitalität

Naturheilkundliche Behandlung alter Menschen zur Erhaltung geistiger und körperlicher Vitalität

Durch folgende naturheilkundliche Therapieverfahren kann die Leistungsfähigkeit gesteigert und der physiologische und biochemische Alterungsprozess positiv beeinflusst werden.

Ernährungstherapie

Da Hunger- und Durstgefühl im Alter abnehmen, essen und trinken viele ältere Menschen nicht ausreichend. Zuwenig Flüssigkeit beeinträchtigt jedoch die Durchblutung, schränkt die zerebrale Leistungsfähigkeit ein und kann zu Verwirrtheitszuständen führen. Aus diesem Grund sollten Sie dem Patienten – sofern keine Gegenanzeigen (Herz- und Niereninsuffizienz) bestehen – eine tägliche Flüssigkeitsaufnahme von ungefähr 2 l in Form von stillem Wasser, verdünnte Fruchtschorlen und Kräutertee empfehlen.
Berücksichtigen Sie, dass der Energiebedarf im Alter abnimmt, der Bedarf an Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen jedoch gleich bleibt. Eine altersgerechte Kost ist abwechslungsreich und enthält reichlich Salat, Obst und Gemüse. Günstig ist es, täglich mehrere kleine Mahlzeiten einzunehmen. Die Nahrung sollte gründlich gekaut werden; eine Zahn- oder Gebisssanierung kann eventuell erforderlich sein.
Zu achten ist ebenfalls auf ausreichend Ballaststoffe, um Obstipation zu vermeiden.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Folgende Konstitutionsmittel sind zur Behandlung altersbedingter Beschwerden angezeigt: Alumina, Ambra grisea, Aurum metallicum, Arsenicum album, Barium carbonicum, Causticum, Conium, Kalium carbonicum, Lycopodium, Natrium muriaticum, Opium. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können allerdings auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Cogitan® Tbl.) eingesetzt, enthalten diese häufig Barium carbonicum (bei physischer und psychischer Retardierung, Altersherz, Arteriosklerose), Conium (Alterskachexie, schwaches Gedächtnis, Altersschwindel, Potenzstörungen) oder Aurum (bei Plethora im Alter mit Blutfülle, Hypertonie, Melancholie und Depressionen).

Ordnungstherapie

Zahlreiche Veränderungen im Alter sind auf mangelnde Bewegung, Fehlernährung, Alkohol und Nikotin zurückzuführen. Sie sind somit eher Folgen der Lebensweise und weniger Ergebnis der quantitativen Lebensjahre. Durch folgende Maßnahmen kann der Alterungsprozess positiv beeinflusst werden:
  • Erkrankungen, die zur Chronizität neigen oder das Lebensalter beeinflussen (z. B. Hypertonie), sind so früh wie möglich zu behandeln.

  • Risikofaktoren wie z. B. Rauchen und Alkohol, die den Alterungsprozess beschleunigen, sollten ausgeschaltet werden.

  • Regelmäßige Bewegung wirkt sich positiv auf Alterserkrankungen wie Hypertonie, Herzerkrankungen und Diabetes mellitus aus und beeinflusst zudem alle Körperfunktionen wie z. B. die Gelenkfunktion, Herz-Kreislauf-System und Durchblutung. Günstig sind Schwimmen – oft die einzige Sportart, die alte Menschen etwa wegen chronischer Schmerzen, noch problemlos ausführen können. Radfahren, Spazierengehen, Gartenarbeit, Tanzen und leichte Gymnastik. Die Bewegung soll Spaß machen und den individuellen Möglichkeiten des Körpers angepasst sein.

  • Hobbys und individuelle Interessen geben dem Tagesablauf eine eigene Struktur und sorgen für soziale und zwischenmenschliche Kontakte (Abb. 29.12).

  • Kognitives Training („Gehirnjogging“), z. B. tägliches Zeitunglesen oder Schachspielen zum Erhalt der mentalen Leistungsfähigkeit.

Orthomolekulare Therapie

Aufgrund der geringeren Nahrungszufuhr und der nachlassenden Auswertung der Nahrung kann bei älteren Menschen leicht ein Defizit an Nährstoffen auftreten. Zudem kann die längerfristige Einnahme zahlreicher Medikamente (z. B. Diuretika und Abführmittel) den Bedarf an spezifischen Nährstoffen (Kalium, Vitamine) erhöhen.
Im Handel sind zahlreiche Vitalstoffpräparate (z. B. Buer® Lecithin plus Vitamine oder Vigodana® uno), die spezifisch auf ältere Menschen abgestimmt sind.
Neuere Untersuchungen führen den Alterungsprozess auf sog. freie Sauerstoffradikale zurück. Die aggressiven Moleküle neigen durch ein freies Elektron zu großer Reaktivität und können unter anderem die Zellmembran und DNS schädigen und somit die Zellalterung beschleunigen. Antioxidanzien wie Vitamin E, A, C, β-Carotin, die Aminosäure L-Cystein sowie Zink und Selen sind wirksame Schutzstoffe, die Sauerstoffradikale abfangen und unschädlich machen.

Physikalische Therapie

Empfehlen Sie – sofern keine Gegenanzeigen vorliegen – regelmäßige Kneipp-Anwendungen, wie z. B. Wechselduschen, Bürstenmassage, kalte Teilwaschungen, Güsse und Sauna, um den Organismus zu trainieren, abzuhärten und die körperlichen Vitalkräfte insgesamt anzuregen.
Die Anwendungen sollten in der Reizintensität vorsichtig gesteigert werden, um Überlastungen zu vermeiden.

Phytotherapie

Heilpflanzen mit tonisierenden oder roborierenden Eigenschaften können zur prophylaktischen Behandlung bei alterstypischen Beschwerden eingesetzt werden. Bei Appetitlosigkeit und einer Schwäche der Verdauungssäfte sind Bitterstoffdrogen wie z. B. Zubereitungen aus Enzianwurzel (Gentianae radix Abb. 13.46), Wermutkraut (Absinthii herba Abb. 13.42) oder Tausendgüldenkraut (Centaurii herba Abb. 13.41) zu empfehlen, die in Kombinationspräparaten (z. B. Amara-Pascoe®) enthalten sind.
Da Ginkgoblätter (Ginkgo bilobae folium Abb. 24.40) die arterielle und zerebrale Durchblutung verbessert, werden Ginkgopräparate bei Störungen der Hirnleistung, bei zerebralen Durchblutungsstörungen sowie zur Prävention eingesetzt.
Im Rahmen der Arterioskleroseprophylaxe ist Knoblauch (Allium sativum 15.24) unerlässlich, der auch als Präparat (z. B. Sapec®) verordnet werden kann.
Ginsengwurzel (Ginseng radix Abb. 22.13) wirkt allgemein tonisierend und vitalisierend und wird auch gerne als stärkendes Tonikum (z. B. Ginseng Arkocaps®) in der Geriatrie verwendet. Ginsengextrakte sollen die Stresstoleranz erhöhen und die psychophysische Leistungsfähigkeit steigern. Ebenfalls leistungssteigernd wirkt die auch als Taigawurzel bezeichnete Eleutherokokkus (Eleutherococci radix Abb. 22.14), die vorrangig als Fertigpräparat (z. B. Eleu Curarina®) verordnet wird.

Sauerstofftherapie

Bei Patienten mit Zeichen zerebraler Durchblutungsstörungen bzw. einer Zerebralsklerose kann mithilfe einer Sauerstofftherapie die Gehirnfunktion verbessert und eine Vitalisierung erreicht werden. Die Therapie ist relativ aufwändig und kostenintensiv.

 Begleitung in der Endphase des Lebens

alte Patienten/Menschen:naturheilkundliche PatientenSterben und Tod aus klinischer Sicht 8.1.9alte Patienten/Menschen:Begleitung in der Endphase des Lebens
Sterben und Tod aus psychologischer Sicht 8.1.10
Der Umgang mit Sterbenden ist stark von der jeweiligen Gesellschaft und Zeit geprägt. Die Frage der Aufklärung über tödliche Erkrankungen wurde und wird noch heiß diskutiert. Im Allgemeinen tendieren jedoch heute die Ärzte zur offeneren Mitteilung von Diagnose und Prognose. Die Entscheidung, was dem einzelnen Kranken wann mitgeteilt wird, kann der Arzt nur individuell treffen. Die Familie des Patienten wird in die Aufklärung einbezogen, falls der Patient dies wünscht. Es ist für alle Beteiligten sehr belastend, wenn Angehörige und Patient in dieser Lebensphase versuchen, sich gegenseitig etwas vorzumachen.
Sterbende wecken bei ihrer Umgebung oft eigene tief verwurzelte Ängste, die einer angemessenen Betreuung im Weg stehen. Solchen Ängsten kann man begegnen, indem man sich weder falschen Hoffnungen für den Patienten hingibt noch der Begegnung mit ihm ausweicht, sondern versucht, dem Sterbenden die Lebensumstände möglichst angenehm zu gestalten. Die Situation Sterbender ist sehr unterschiedlich, daher müssen Sie, falls Sie einen Patienten in der Endphase des Lebens begleiten, die Sterbebegleitung individuell gestalten.
In der Betreuung Sterbender darf das Bewusstsein des Todes nicht verdrängt werden. Es darf allerdings auch nicht zu hektischer Aktivität führen, denn es gibt kein „Programm“ psychischer Entwicklung, das bis zum Eintritt des Todes „abgespult“ werden müsste. Wichtige Grundsätze bei der Begleitung Sterbender sind z. B.:
  • Selbstbestimmung des Sterbenden auch in „kleinen“ Dingen so lange wie möglich aufrechterhalten

  • Ängste des Patienten minimieren, z. B. Sterbebegleitung in der Sterbestunde mit dem Patienten besprechen

  • wütenden Patienten vorwurfsfreie Zuwendung und Aufmerksamkeit geben

  • Gefühle (z. B. Verzweiflung) des Sterbenden aushalten, ihm zuhören und nach für den Patienten realistischen Hoffnungen (z. B. religiöse Erwartungen) suchen

  • körperliche Beschwerden (z. B. Schmerzen, Schwäche, Übelkeit, Atemnot, Schlafstörungen) lindern, jedoch dürfen die Behandlungsmaßnahmen den Sterbenden nicht stärker belasten als die Beschwerden selbst.

Sterben im Hospiz
Ein Hospiz kann als Bindeglied zwischen häuslicher Umgebung und Klinik das medizinisch Notwendige und Gebotene mit dem menschlich zu Wünschenden verbinden.
Die Sterbebegleitung der Hospizbewegung ist bestrebt, den Sterbenden ein menschenwürdiges Leben in der Gemeinschaft bis zuletzt zu ermöglichen. Hospiz war ursprünglich die Bezeichnung für eine Herberge der Reisenden in der Frühzeit des Christentums und im Mittelalter und steht heute als Symbol für eine ganzheitliche Begleitung eines unheilbar Kranken in der Endphase seines Lebens.

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