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B978-3-437-55244-1.00009-6

10.1016/B978-3-437-55244-1.00009-6

978-3-437-55244-1

Übersicht über das menschliche Skelett (Ansicht von vorne). Bei den Extremitäten symbolisieren gleiche Farben einander entsprechende Knochengruppen.

[L190]

Oberflächliche Skelettmuskulatur, a Ansicht von ventral, b Ansicht von dorsal.

[L190]

Schädel in der Seitenansicht.

[L190]

Schnitt durch den Schädel (Ansicht von der Seite). Zu sehen ist außerdem ein Teil der Nasennebenhöhlen.

[L190]

Schädel in der Vorderansicht.

[L190]

Äußere SchädelbasisSchädelbasis (Ansicht von unten).

[L190]

Innere Schädelbasis nach Entfernung der Kalotte (Ansicht von oben).

[L190]

Schädelnähte und Fontanellen. Zum Zeitpunkt der Geburt sind die Schädelknochen noch nicht miteinander verwachsen. An den Stellen, an denen drei oder mehr Knochenplatten aufeinandertreffen, sind die entstehenden Lücken (Fontanellen) zunächst durch Bindegewebe überbrückt. So ist ein Wachstum der Schädelknochen möglich. Erst nach Abschluss des Wachstums schließen sich die Schädelnähte und Fontanellen.

[L190]

Unterkieferknochen mit Zahnreihe. Ansicht von der Seite. Am Kiefergelenk ist der Unterkieferkopf beteiligt, der durch eine Gelenkscheibe (Discus articularis) von der Gelenkfläche am Schläfenbein getrennt ist.

[L190]

Mimische Muskulatur. Die rechte Gesichtshälfte zeigt die oberflächliche Muskelschicht, während links die tiefere Schicht freigelegt wurde. Man erkennt in der linken Gesichtshälfte den M. masseter (Kaumuskel) und die Ohrspeicheldrüse mit ihrem Ausführungsgang (Ductus parotideus).

[L190]

Aufbau der Wirbelsäule. Man erkennt Halslordose, Brustkyphose, Lendenlordose und Sakralkyphose.

[L190]

Gelenkige Verbindungen zwischen Brustwirbelkörper und Rippen.

[L190]

Bandscheibenfunktion. Der Nucleus pulposus ist der gallertartige Kern der Bandscheibe. Er gleicht wie ein Wasserkissen Druckunterschiede zwischen zwei Wirbelkörpern aus, wenn sie sich gegeneinander bewegen. Dabei verschiebt er sich je nach Bewegungsrichtung der Wirbelsäule.

[L190]

Atlas, Axis und Atlanto-Axial-Gelenk. Durch eine Drehung des Atlas um den Dens axis sind Drehbewegungen des Kopfs möglich. Das Querband verhindert dabei das Abgleiten des Dens axis in Richtung Rückenmark.

[L190]

Halswirbel, Brustwirbel und Lendenwirbel zum Vergleich von oben und von der Seite. Die unterschiedlichen Formen spiegeln die funktionellen Anforderungen wider. Die Halswirbel sind zierlich und damit hochbeweglich, die Brustwirbel haben breite Rippenfortsätze zum Ansatz der Rippen und die Lendenwirbel sind sehr stabil gebaut, da sie die größte Last tragen.

[L190]

Kreuzbein und Steißbein. Das Kreuzbein ist durch Verschmelzung einzelner Wirbelköper entstanden. Das Steißbein kann aus einzelnen Knöchelchen (ursprünglichen Wirbelkörpern) bestehen oder durch Verschmelzung der Wirbelkörper nur noch ein einzelner Knochen sein.

[L190]

Vordere Halsmuskulatur. Auf der rechten Halsseite ist das Platysma entfernt worden. Die obere und untere Zungenbeinmuskulatur verbindet das Zungenbein mit Kehlkopf, Mundboden, Schläfenbein, Schlüsselbein und Brustbein.

[L190]

Prävertebrale Halsmuskulatur und Scalenusgruppe. Ansicht von vorn nach Entfernung des Brustkorbs und der Halseingeweide.

[L190]

Kurze (tiefe) Nackenmuskulatur, Ansicht von hinten nach Entfernung von zwei darüber liegenden Muskeln. Neben den tiefen Nackenmuskeln ist ein Anteil des M. interspinalis zu erkennen. Er verläuft zwischen den Dornfortsätzen der Wirbel und gehört zum medialen Trakt der autochthonen Rückenmuskulatur (Abb. 9.20).

[L190]

Autochthone Rückenmuskulatur (M. erector spinae), medialer und lateraler Trakt. Zur Verdeutlichung sind links einzelne Muskelzüge schematisch dargestellt. Über die autochthone Rückenmuskulatur legen sich der M. serratus posterior superior und M. serratus posterior inferior. Sie ziehen von der Wirbelsäule zu den Rippen; der M. serratus posterior superior fördert durch Anheben der Rippen die Einatmung, der M. serratus posterior inferior durch Senken der Rippen die Ausatmung.

[L190]

Gelenk(e):SchultergelenkSchultergelenk, Ansicht von vorn mit Verlauf der Sehnen des M. biceps brachii (9.2.5). Die Sehne des langen Muskelkopfs zieht durch eine Knochenrinne zwischen Tuberculum majus und minus. Die Sehne des kurzen Kopfs verläuft dagegen direkt vom Processus coracoideus (Rabenschnabelfortsatz), einem nach vorne herausragenden Knochenvorsprung des Schulterblatts, abwärts.

[L190]

Links. Hintere Schultergürtelmuskulatur. Die rechte Körperseite zeigt die oberflächliche, die linke Körperseite die tiefe Schicht. Rechts. Knöcherner Schultergürtel und schematische Darstellung der Muskulatur mit „Muskelschläuchen“, um die verschiedenen Schichten gleichzeitig sichtbar zu machen.

[L190]

Übersicht über die Knochen der oberen Extremität (links die Ansicht von vorne, rechts von hinten).

[L190]

Rechter Humerus (Oberarmknochen); links Ansicht von hinten, rechts Ansicht von vorn.

[L190]

Muskeln des rechten Oberarms von dorsolateral (hinten seitlich).

[A400–190]

Gelenk(e):EllenbogengelenkEllenbogengelenk von vorne, von hinten und von der Seite. Die gestrichelte Linie skizziert den Verlauf des N. ulnaris (Ellennerv), der bei Verletzungen in diesem Bereich häufig beteiligt ist, weil er sehr oberflächlich und nah am Knochen liegt.

[L190]

Pronation und Supination. Im oberen und unteren Radioulnargelenk werden Unterarm und Hand um ihre Längsachse gedreht; Ansicht von vorn.

[L190]

Die Muskeln des Unterarms von vorn (ventral) in Supinationsstellung.

[L190]

Die Muskeln des Unterarms von vorn (ventral) in Pronationsstellung.

[L190]

Handskelett und Muskulatur der rechten Hohlhand. Im Karpaltunnel (roter Pfeil) verlaufen die Beugesehnen und der N. medianus.

[L190]

Handwurzelknochen; rechte Hand, Ansicht von palmar (Handinnenfläche).

[L190]

Skelett sowie Beuge- und Strecksehnenapparat eines Fingers. Die Sehne des M. flexor digitorum profundus zieht durch die zum „Knopfloch“ aufgespaltene Sehne des M. flexor digitorum superficialis.

[L190]

Ab- und Adduktion der Finger. M. abductor digiti minimi, M. abductor pollicis brevis und die Mm. interossei dorsales spreizen die Finger (Fingerabduktion); die Mm. interossei palmares und der M. adductor pollicis schließen die Hand (Fingeradduktion).

[L190]

Knöcherner Thorax, Ansicht von vorn.

[L190]

Links. Durchtrittspforten am Zwerchfell, Ansicht von oben (kranial). Rechts. Lage des Zwerchfells im knöchernen Thorax, Ansicht von vorne (ventral).

[L190]

Muskulatur der vorderen Rumpfwand. Durch Abtragen der oberflächlichen Sehnenplatte und des M. pectoralis major erkennt man auf der linken Körperseite den M. rectus abdominis, den M. obliquus internus abdominis und den M. pectoralis minor. Der unter dem M. obliquus internus abdominis liegende M. transversus abdominis ist nicht sichtbar.

[L190]

Körperstamm von der Seite. Vordere Bauchwandmuskulatur und autochthone Rückenmuskulatur sind Gegenspieler. Ein Gleichgewicht dieser beiden Muskelgruppen ist Voraussetzung für eine richtige Körperhaltung.

[L190]

Anatomie des Leistenkanals beim Mann. Links. Übersichtszeichung der räumlichen Anordnung der Organe ohne Muskulatur. Rechts. Detailzeichnung mit der Bauchwandmuskulatur.

[L190]

Oben: Hüftbein in der Seitenansicht. Unten: Seitenansicht des Beckens. Darmbein, Sitzbein und Schambein bilden gemeinsam die Hüftgelenkpfanne.

[L190]

Beckenboden der Frau. Der Beckenboden bildet die untere Begrenzung des Bauchraums. Er schließt den von Hüftbeinen und Kreuzbein gebildeten knöchernen Beckenring nach unten hin ab. Die Beckenbodenmuskeln sind Synergisten und Antagonisten von Zwerchfell und Bauchmuskeln.

[L190]

Innere Hüftmuskulatur. Beuger im Hüftgelenk. Der M. iliopsoas besteht aus zwei Anteilen: dem M. iliacus und dem M. psoas major. Sie vereinigen sich und ziehen unter dem Leistenband hindurch zum Oberschenkelknochen. Der ebenfalls sichtbare schlanke M. psoas minor strahlt in die Faszie des M. iliopsoas ein – er hat beim Menschen nur eine untergeordnete Bedeutung. Der M. pectineus ist neben seiner Funktion als Hüftbeuger ein Adduktor.

[L190]

Äußere Hüftmuskulatur. Blick von der Seite auf die Hüfte. Der M. gluteus maximus ist entfernt. Darunter wird der breit ansetzende M. gluteus medius sichtbar.

[L190]

Innere und äußere Hüftmuskulatur. Blick von innen auf die längs aufgeschnittene Hüfte. Der M. obturatorius internus und der M. piriformis werden sichtbar – sie sind beide Außenrotatoren und Abduktoren. Der M. coccygeus ist bei vielen Menschen nur verkümmert angelegt.

[L190]

Adduktoren des Oberschenkels. Links die oberflächliche, rechts die tiefere Schicht. Der M. obturatorius externus liegt unter dem M. adductor brevis und ist deshalb nicht sichtbar.

[L190]

Knöcherner Aufbau der unteren Extremität von der Seite.

[L190]

Rechter Oberschenkelknochen; links. Ansicht von vorn, rechts. Ansicht von hinten.

[L190]

Links. Beinmuskulatur, Ansicht von lateral. Rechts. Beinmuskulatur, Ansicht von medial.

[L190]

Längsschnitt durch das Kniegelenk; die beiden Schleimbeutel, die das Kniegelenk zusätzlich schützen, heißen Bursa supra- und Bursa praepatellaris.

[L190]

Blick auf das eröffnete rechte Kniegelenk von oben (links) und von vorne (rechts). Die beiden Kreuzbänder verlaufen zwar diagonal durch das Kniegelenk, sind aber mit einer Synovialmembran überzogen, sodass sie – genaugenommen – außerhalb der eigentlichen Gelenkhöhle liegen.

[L190]

Querschnitt durch den mittleren Teil des Unterschenkels; durch Septen zwischen den einzelnen Muskelgruppen bilden sich vier Muskellogen.

[L190]

Unterschenkel:MuskulaturUnterschenkelmuskulatur von vorn.

[L190]

Tiefe Fußbeuger und ihr Sehnenverlauf an der Fußsohle; Ansicht von medial hinten nach Entfernung des M. gastrocnemius und des M. soleus.

[L190]

Rechtes Fußskelett; oberes Bild. Blick auf das Fußgewölbe von innen unten, unteres Bild. Blick von oben auf das Fußskelett.

[L190]

Normales Fußgewölbe, Plattfuß und Hohlfuß in der Seitenansicht mit jeweils typischem Fußabdruck.

[L190]

Die drei Muskelgruppen der Fußsohle, die als Flexoren dienen: Muskeln des Großzehenballens (rot), mittlere Muskelschicht (rosa) und Muskeln des Kleinzehenballens (orange).

[L190]

Neutral-Null-Methode (Null-Durchgangsmethode). Die Beweglichkeit jedes Gelenks wird mit drei Gradzahlen, getrennt durch zwei Schrägstriche, angegeben. Für das Kniegelenk würde z. B. 0°/0°/100° bedeuten, dass es sich nicht über die Nullstellung hinaus strecken lässt und eine Beugung nur bis 100° möglich ist. Für das Ellenbogengelenk würde 0°/10°/130° bedeuten, dass es sich nicht völlig strecken lässt und eine Beugung nur bis 130° möglich ist.

[L190]

Ott-Zeichen zur Prüfung der Beweglichkeit in der Brustwirbelsäule. Am stehenden Patienten wird eine Strecke von 30 cm vom 7. HWK abwärts an den beiden Endpunkten angezeichnet. Anschließend wird diese Entfernung bei maximaler Beugung noch einmal gemessen. Sie sollte 4–6 cm länger sein. Das Schober-Zeichen wird entsprechend bestimmt und dient der Beurteilung der Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule. Die Messung erfolgt vom Dornfortsatz S 1 10 cm nach oben. Die Strecke sollte ebenfalls in maximaler Beugung 4–6 cm länger sein. Ein weiteres Maß für die Beweglichkeit der Wirbelsäule ist der Finger-Boden-Abstand.

[L190]

Thomas-Handgriff. Der Patient zieht das im Kniegelenk gebeugte Bein der gesunden Seite maximal an, indem er den Unterschenkel mit beiden Armen umfasst, wodurch die Lendenlordose ausgeglichen wird. Bei dauerhaft verkürzten Beugemuskeln (Beugekontraktur) hebt sich das betroffene Bein an, normalerweise bleibt es auf der Unterlage liegen.

[L190]

Handgriff zum Nachweis der „tanzenden Patella“ bei Kniegelenkserguss. Zunächst wird die Flüssigkeit aus dem Raum oberhalb der Patella nach unten ausgestrichen. Dann umfasst man fest mit einer Hand den Oberschenkel oberhalb des Knies. Mit den Fingern der anderen Hand drückt man die Patella ruckartig gegen den Oberschenkelknochen. Bei einem größeren Erguss bewegt sich die Patella nach dem Anschlag wieder nach oben, sie „tanzt“.

[L239]

Das Schubladenphänomen wird dadurch ausgelöst, dass der Untersucher den Unterschenkel horizontal nach vorne und nach hinten schiebt; Fuß und Oberschenkel sind dabei fixiert. Die gleiche Untersuchung kann außerdem bei 30° Innenrotation und 15° Außenrotation durchgeführt werden („Rotationsschublade“).

[L190]

Meniskustest nach Apley zur Unterscheidung zwischen Kapselbandapparat und Meniskusschaden. Schmerzen bei Drehung und Zug deuten auf einen Kapselbandapparatschaden, Schmerzen bei Drehung und Druck auf einen Meniskusschaden hin.

[L190]

Einige Meniskustests.

[L190]

Querfalten an der Nasenwurzel können nach Bach auf Schädigungen der Wirbelsäule hinweisen.

[T210]

Wolken (Tophi) in der 5. Zone, eine abgedunkelte Krausenzone und die graue Iris (linke Iris) weisen auf eine katarrhalisch-rheumatische Konstitution hin Patienten mit dieser Konstitution haben eine Disposition zu rheumatischen Erkrankungen.

[O220]

Iris (linke Iris) mit Zeichen einer Bindegewebsschwäche. Reduzierung des vorderen Stromablatts, krausenständige Lakunen sowie Rheumaflocken. Bei Patienten mit degenerativen Gelenkerkrankungen ist diese Art der Iriszeichnung häufig zu finden.

[O220]

Um Verletzungen des Bandapparats am Schultergelenk nachzuweisen, werden sog. „gehaltene Aufnahmen“ gemacht. Der Patient hält in beiden Händen je 10 kg Gewicht. Durch den Zug auf das Gelenk wird der Gelenkspalt bei einer Bandverletzung deutlich breiter als auf der intakten Seite.

[L190]

Starke Rötung und Schwellung des linken Vorfußes bei Gichtanfall. Die Haut ist in diesem Bereich überwärmt. Jede Bewegung und Berührung schmerzt heftig.

[E536]

Typische Befallsmuster von Arthritiden im Handbereich weisen auf die Erkrankungsursache.

[L190]

Im Rahmen eines Karpaltunnelsyndroms kam es bei dieser 60-jährigen Frau zu einer Schädigung des N. medianus und dadurch zu einer Atrophie der Daumenballenmuskulatur. Die Patientin ist in ihrem Alltag erheblich eingeschränkt. Bereits einfache Verrichtungen, wie z. B. Gegenstände mit einer Hand halten, Dosen und Flaschen öffnen oder Brot schneiden, bereiten ihr erhebliche Mühe.

[O179]

Differenzialdiagnose des Rückenschmerzes. Die Ursache von Rückenschmerzen liegt meist im Bereich der Wirbelsäule. Es können aber auch Schmerzen bei Erkrankungen innerer Organe in den Rücken ausstrahlen, z. B. bei Herzinfarkt, Pleuritis, Cholezystitis, Endometriose.

[L190]

Beidseitige Epiphyseolysis capitis femoris. Der Kranke kann bei rechtwinklig gebeugten Knien die Oberschenkel nur zusammenführen, wenn er die Unterschenkel kreuzt (Scherensymptom).

[L143]

Positives Trendelenburg-Zeichen mit kompensatorischer Neigung des Rumpfes zur erkrankten Seite. Der Trendelenburg-Test dient dem Nachweis einer Lähmung oder Schwäche des M. gluteus medius. Kippt das Becken im Einbeinstand zur Seite ab, ist das Trendelenburg-Zeichen auf der Standbeinseite positiv, d. h. der M. gluteus medius ist auf dieser Seite geschädigt.

[E751]

Präparat zweier Wirbelkörper; links Normalbefund, rechts deutlicher Abbau der Knochenbälkchen bei Osteoporose.

[E371]

Setzen Sie die Schröpfgläser in zwei parallelen Linien zur Wirbelsäule im Abstand von 5–10 cm über den ganzen Rücken (Th 1–S 1). Ist die Haut danach bläulich verfärbt, kann eine Lymphsalbe aufgetragen werden.

[J787]

Schwimmen ist ein Sport, bei dem Knochen und Gelenke mäßig belastet werden. Durch den Bewegungsreiz wird dennoch mehr Kalzium in die Knochen eingebaut.

[J878]

Deutlich sichtbare Auftreibungen der Knorpel-Knochen-Grenze bei Rachitis (rachitischer „Rosenkranz“). Durch einen Mangel an Vitamin D kommt es zu einer überschießenden Prokuktion von Knochengrundsubstanz, die aber nur ungenügend verkalkt.

[F380]

Solitäre Exostose am Oberarm eines jungen Mannes. Exostosen entwickeln sich aus versprengten Ossifikationskeimen der Epiphysenfuge.

[M158]

Osteosarkom der proximalen Tibia. Im Röntgenbild sind nebeneinander Bereiche zu erkennen, in denen die Knochenstruktur aufgelockert (Stern) und verdichtet (Kreise) ist, d. h. es findet sowohl ein vermehrter Knochenabbau als auch -aufbau statt.

[E457]

Überblick über die aseptischen Knochennekrosen und ihre Eigennamen.

[L190]

Auf dem Röntgenbild der Handwurzelknochen ist eine aseptische Knochennekrose des Os lunatum zu erkennen (Lunatummalazie). Die Knochenstruktur ist verdichtet und unscharf begrenzt. Als Folge der sekundären Arthrose ist auch die gegenüberliegende Radiusgelenkfläche sklerosiert, d. h. auch hier ist die Knochenstruktur verdichtet.

[E750]

Thomas-Schiene. Das Tuber ossis ischii wird unterstützt (1), der Fuß schwebt frei (2), und die entstandene Beinlängendifferenz wird durch eine Absatzerhöhung am anderen Fuß ausgeglichen (3). Dies ist die einfachste Form der Entlastung des gesamten Beins.

[L106]

Klinischer Aspekt des Morbus Osgood-Schlatter am Knie. 15-jähriger Patient mit starken Schmerzen im Bereich des Schienbeinkopfs, an dem eine deutliche Vorwölbung zu sehen ist (Pfeil). Das Röntgenbild zeigt eine wolkig-unscharfe Auflockerung an der Tuberositas tibiae. Nach einem Jahr ist die Veränderung abgeheilt, die Knochenstruktur hat sich normalisiert. Zurückgeblieben ist eine Erhabenheit der Tuberositas.

[E437]

a: Einteilung der Frakturen nach dem Verlauf der Frakturlinie. b: Einteilung der Frakturen nach Anzahl der Fragmente.

[L190]

Komplikationen der Frakturheilung:KomplikationenFrakturheilung. Ursachen für verzögerte Heilung und Bildung von Pseudarthrosen.

[L190]

Sudeck-Dystrophie. Drei Wochen nach einem Sturz auf die rechte Hand entwickelte sich bei dem Patienten eine schmerzhafte Schwellung. Die Haut am Handrücken und über den Fingern glänzt und ist gespannt. Die Beweglichkeit in den Gelenken ist eingeschränkt. Eine Knochenverletzung liegt nicht vor.

[E468]

Die Ringelblume (Calendula officinalis) soll nach alten Heilpflanzenbüchern am ersten Tag eines Monats (lat. calendae) blühen. Die Blüten enthalten Saponine, Flavonoide sowie geringe Mengen ätherisches Öl und wirken entzündungshemmend und wundheilend.

[O562]

Verschiedene Osteosyntheseverfahren. Eingesetzt werden verschiedene Nägel, Platten, Schrauben, Drähte und Endoprothesen.

[A400–190]

Typisches Röntgenbild bei Hüftgelenkarthrose. Der Patient hatte sich bei einem Autounfall vor 25 Jahren eine Oberschenkelfraktur zugezogen. Nach Ausheilung zeigte das Bein eine Varusstellung und eine vermehrte Außenrotation, in deren Folge sich eine Arthrose entwickelte. Der Gelenkspalt ist verschmälert, der Knochen sklerosiert, und am Hüftkopf sind Osteophyten zu sehen.

[M332]

Behandlung mit dem Cantharidenpflaster. Weisen Sie den Patienten darauf hin, dass eine schlaflose, weil schmerzreiche Nacht bevorstehen kann und dass durch das nierenreizende Cantharidin leichte brennende Schmerzen in Harnröhre und Blase auftreten können.

[K103]

Eitrige Arthritis. Das Knie ist stark geschwollen, gerötet und überwärmt. Der Patient hat starke Schmerzen.

[M158]

Psoriasis-Arthritis mit typischem Transversalbefall der rechten Hand, d. h. alle Fingermittelgelenke sind betroffen.

[M114]

Im Rahmen einer reaktiven Arthritis können pustulöse, schuppende Hautveränderungen an den Hand- und Fußsohlen auftreten (KeratodermieKeratodermie).

[E365]

Arnika, aus der gleichnamigen Pflanze (Arnica montana) homöopathisch aufbereitet, ist ein wichtiges Mittel zur Behandlung von Distorsionen, Prellungen, Hämatomen, blutigen Verletzungen und Knochenbrüchen. Auch die Folgen lang zurückliegender Verletzungen (z. B. Gehirnerschütterung) können durch Arnica positiv beeinflusst werden.

[J787]

Klinisches Bild bei Schulterluxation. Der Oberarmkopf ist nach vorne aus der Gelenkpfanne gerutscht. Es zeigt sich die typische Delle in der Außenkontur. Die sog. habituelle Luxation ist am Schultergelenk relativ häufig, d. h. der Humeruskopf gleitet immer wieder aus der Pfanne. Ursache ist eine Lockerung des Kapselbandapparats.

[L190]

Blockierungen im Bereich der HWS können durch chiropraktische Griffe gelöst werden. Mit dem „Doppel-Nelson“ kann der Übergang zwischen BWS und HWS gelockert werden. Hierbei wird der Patient während der Ausatmung kurz nach hinten oben (ca. 45°) gezogen. Eine intensive Ausbildung ist notwendig, um Chiropraktik sicher, fachgerecht und wirkungsvoll einsetzen zu können.

[L143]

a Ganglion am Handgelenk. b Nach Eröffnung der Haut werden die dünne, glatte Kapsel und die Füllung des Ganglions mit klarer gallertartiger Flüssigkeit erkennbar. Die Entstehungsursache ist unklar.

[a: E508; b: 381]

Schmerzpunkte bei Fibromyalgie (tender tender pointspoints). Muskeln und Sehnenansätze sind an den eingezeichneten Stellen typischerweise druckschmerzhaft.

[L190]

Volkmann-Kontraktur bei einem 7-jährigen Mädchen, die im Anschluss an eine fünf Monate zuvor erlittene Oberarmfraktur eintrat. Ursache ist eine mangelnde Blutversorgung der Muskulatur.

[E765]

Durch die zahlreichen paravertebralen Knochenneubildungen wurde das Wachstum des 4-jährigen Jungen eingeschränkt und es entwickelte sich eine 48°-Skoliose an der LWS (a–d). Diese blieb nach der Operation bei 48° stabil (e).

[E457]

Rundrücken, Hohlkreuz und Flachrücken sind die wichtigsten Formen der Fehlhaltung der Wirbelsäule. Die Fehlhaltung führt zu einer Fehlbelastung und damit langfristig zu Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule und der umgebenden Muskulatur.

[L190]

Formen der Skoliose. Das „S“ gibt jeweils den Scheitelpunkt der Wirbelsäulenkrümmung an.

[L190/M158]

Degenerative Veränderungen der Halswirbelsäule (HWS):degenerative VeränderungenHalswirbelsäule. Die Zwischenwirbelräume sind deutlich verschmälert. An den Wirbelkörpern sind Osteophyten (Knochenneubildung, hier in Form kleiner Höcker, Pfeile) erkennbar. Die Krümmung der HWS ist in diesem Bereich weitgehend aufgehoben.

[F371]

Zur Schmerzlinderung und Durchblutungsförderung empfiehlt es sich, über den Dornfortsätzen der einzelnen Halswirbel sowie paravertebral Quaddeln zu setzen (sog. „Flohleiter“).

[L190]

Schröpfzonen nach Abele. Bei Lumbalgien und Ischialgien sind in der Lumbalzone, häufig auch in der Nierenzone, Gelosen (3.7.7), die geschröpft werden sollten.

[L190]

Setzen Sie die Quaddeln paravertebral rechts und links sowie über den Dornfortsätzen. Im Sakroiliakalbereich ist ein ungefähr der Sakralform entsprechendes Schema zu quaddeln. Es ist auch sinnvoll, die Akupunkturpunkte Bl 23, Bl 31, Bl 32, Du Mai 3 und 4 in die Behandlung einzubeziehen.

[L190]

Gesunde Bandscheibe (oben), Bandscheibenprotrusion (Vorwölbung der Bandscheibe, Mitte) und -prolaps (Bandscheibenvorfall, unten).

[L190]

Typische Fehlhaltung bei lumbalem Bandscheibenvorfall.

[L215]

StufenbettlagerungStufenbettlagerung bei lumbalem Bandscheibenvorfall. Die Oberschenkel werden im 90° Winkel zur Hüfte, die Unterschenkel im 90° Winkel zu den Oberschenkeln hochgelagert, wodurch es zu einer Entlastung der Lendenwirbelsäule kommt. Allerdings wird diese Lagerung nicht von allen Patienten als angenehm empfunden.

[L215]

Richtiges und falsches Bewegungsmuster. Wird beim Anheben von Lasten die Wirbelsäule gebeugt, kommt es zu einer vermehrten Druckbelastung im vorderen Bereich der Wirbelkörper und Bandscheiben. Dadurch wird das Austreten der Bandscheibe nach hinten gefördert. Besser ist es, den Höhenunterschied zum Anheben auszugleichen, indem man in die Knie geht. Dadurch verteilt sich der Druck gleichmäßig, die Bandscheibe wird „geschont“.

[L190]

Spondylolisthesis. Abgleiten der Wirbelsäule nach vorne. Durch die unphysiologische Haltung kann es zu verschiedenartigen Beschwerden kommen, z. B. zu einer Wurzelkompression.

[L106]

Morbus Scheuermann. Auch bei extremer Gegenbewegung bleibt die Kyphose der Brustwirbelsäule erhalten (fixierte Kyphose).

[M158]

Painful Arc. Die Abduktion (Wegführung von der „Körpermittellinie“) des Arms zwischen 60° und 120° ist schmerzhaft. Dieser „schmerzhafte Bogen“ ist typisch für das Supraspinatussehnensyndrom.

[L190]

Kalkablagerung im Verlauf der Supraspinatussehne (Tendinosis calcarea). Zu diesen Veränderungen kommt es bei Minderdurchblutung der Rotatorenmanschette, z. B. nach einem Trauma.

[E393]

Provokationstest bei Epicondylitis radialis humeri (Tennisellenbogen). Der Patient äußert Schmerzen im Bereich des radialen Epikondylus bei Pronation und Handgelenkstreckung gegen Widerstand sowie bei Streckung des Mittelfingers gegen Widerstand, Dehnung der Muskulatur durch Streckung im Ellenbogen und passiver Beugung im Handgelenk.

[L190]

Das homöopathische Mittel Ruta, das aus der Weinraute (Ruta graveolens) aufbereitet wird, wirkt auf die Knochenhaut, Knorpel und Sehnen. Beschwerden, die sich durch Bewegung bessern, jedoch durch Kälte, Feuchtigkeit und Hinlegen verschlechtern, weisen auf Ruta als Simile hin (4.2.22).

[O209]

Der Name Beinwell (Symphytum officinale) leitet sich vom althochdeutschen Wort „wallen“ = „Zusammenheilen von Knochen“ ab.

Die Inhaltsstoffe beschleunigen die Wundheilung und wirken entzündungshemmend. Sie fördern zudem die Zellneubildung und somit auch die Regeneration von Gewebe.

[O562]

Morbus Dupuytren. Fortgeschrittene Beugekontraktur des kleinen Fingers und beginnende Kontraktur des Ringfingers durch Knoten- und Strangbildung der Palmaraponeurose.

[M158]

Verlauf einer Koxarthrose (Hüftgelenkarthrose). Die Aufnahmen wurden im Zeitraum von drei Jahren gemacht und zeigen die fortschreitende Zerstörung der Hüftgelenke mit zunehmender Verschmälerung des Gelenkspalts und Knochenverdichtung (Sklerosierung).

[M114]

Klinische Zeichen der Hüftdysplasie. a ungleiche Fettfalten an der Hinterseite der Oberschenkel, Gesäßfalten stehen schief. b Abspreizhemmung des betroffenen Beinchens, Prüfung in Rückenlage, Hüften und Knie gebeugt. c ungleiche Beinlänge, die Kniegelenke stehen bei rechtwinkliger Beugung in Rückenlage ungleich hoch.

[E737]

Normales Bein, X-Bein und O-Bein mit eingezeichneter Lotlinie. Bei X-Beinen ist die Außenseite des Kniegelenks unphysiologisch stark belastet, bei O-Beinen die Innenseite, was in diesen Bereichen langfristig zur Arthrose führt.

[S001]

Bei Patienten mit einer ausgeprägten Fehlstellung im Kniegelenk (X- oder O-Beine) ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich eine Arthrose entwickelt. Diese Patientin mit einer ausgeprägten O-Bein-Stellung hat aufgrund der Varusgonarthrose Varusgonarthrose(„O-Bein-Kniegelenkarthrose“) massive Schmerzen in beiden Knien.

[M158]

ValgusgonarthroseValgusgonarthrose („X-Bein-Kniegelenkarthrose“) im Röntgen-Bild. Am rechten Kniegelenk sind ausgeprägte degenerative Erscheinungen zu erkennen. Der Kniegelenkspalt ist stark verschmälert, und die Knochensubstanz an Femur und Tibia ist verdichtet.

[M158]

Hallux valgus beidseits.

[M158]

Hammer- und Krallenzehe.

[L190]

Zeichnung des Fußes mit eingezeichnetem Quer- und Längsgewölbe.

[L106]

Verschiedene Fußdeformitäten.

[A400–190]

Angeborene Klumpfüße. In 50 % der Fälle doppelseitiges Auftreten. Entscheidend sind eine Frühbehandlung, die unmittelbar nach der Geburt beginnt, und eine weitere konsequente Therapie und Kontrolle bis zum Wachstumsabschluss.

[T135]

Schwanenhals- und Knopflochdeformität.

[A300–190]

Schwanenhalsdeformität des Mittel- und Ringfingers bei rheumatoider Arthritis. Die Finger sind im Mittelgelenk überstreckt und gleichzeitig im Endgelenk gebeugt.

[M114]

Die „typischen“ Hände einer Patientin mit fortgeschrittener rheumatoider Arthritis. Man erkennt die aufgetriebenen Fingergrund- und -mittelgelenke, eine starke Abknickung der Finger in Richtung Kleinfinger (Ulnardeviation) sowie eine entzündliche Schwellung des rechten Unterarms (im Bild links oben) durch einen akuten Entzündungsherd im Unterarm-Handwurzel-Bereich. An Zeige- und Mittelfinger der linken Hand liegt eine Schwanenhalsdeformität vor.

[T127]

Rheumaknoten. An beiden Unterarmen zahlreiche subkutane derbe Knoten. Nebenbefund. Typische „Rheumahand“ mit Atrophie der Mm. interossei, Ulnardeviation der Finger und partieller Gelenkversteifung. BSG 99/128, Rheumafaktor positiv.

[E365]

Thuja occidentalis, das aus den Zweigen und Blättern des Lebensbaums aufbereitete homöopathische Mittel, wird bei entsprechenden Allgemein- und Gemütssymptomen zur Behandlung der Arthritis eingesetzt.

[O432/O430]

Quarkumschlag. 250 g Quark fingerdick auf ein Tuch auftragen. Als Wäscheschutz ggf. Quark zunächst auf ein Papiertuch (Küchenrolle) geben. Dann Tuch darüberlegen. Das Tuch auf die Körperstelle auflegen, mit einer Binde locker befestigen und nach 20 Minuten erneuern.

[K103]

Die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) ist in den Steppengebieten Süd- und Südwestafriaks und in Namibia heimisch.

[V512]

Patient mit typischer „Begrüßungshaltung“ bei fortgeschrittenem Morbus Bechterew. Die knöcherne Fixierung der Wirbelsäule in dieser Position hätte sich durch konsequentes tägliches Bewegungstraining vermeiden lassen.

[M114]

Röntgenaufnahme der LWS eines Patienten mit Morbus Bechterew. Durch den chronischen Entzündungsreiz haben sich zwischen den Wirbeln knöcherne Brücken gebildet, die einzelnen Wirbel sind auf dem Bild kaum noch voneinander abgrenzbar. Die Wirbelsäule ist zu einem unbeweglichen Stab geworden (Bambusstab-Wirbelsäule).

[T170]

Schmetterlingserythem bei systemischem Lupus erythematodes (SLE). Während eines zweiwöchigen Urlaubs auf Teneriffa trat das Erythem bei der 28-jährigen Patientin erstmals auf. Zusätzlich hatte sie leichtes Fieber und fühlte sich matt und abgeschlagen.

[M123]

Direkte Immunfluoreszenz bei systemischem Lupus erythematodes (SLE). Anhand fluoreszierender Antikörper lassen sich Immunglobulinablagerungen entlang der Basalmembran der Haut darstellen („gelbe Linie“ im Bild) und nachweisen.

[M123]

Hände einer Patientin mit Sklerodermie. Die Hände sind geschwollen, die Haut ist atrophisch. Sie zeigt Pigmentstörungen und glänzt wachsartig (Glanzhaut).

[M114]

Dermatomyositis. Typisch ist das rötlich-livide Ödem um die Augen. Die Patientin fühlt sich schwach, müde und kraftlos. Sie klagt über muskelkaterartige Schmerzen im Schulter- und Beckenbereich.

[M123]

Wichtige Muskeln der vorderen und hinteren Muskulatur des Schultergürtels.Biologika

Tab. 9.1
Muskel Urprung Ansatz Funktion
Vordere (ventrale) Schultermuskulatur
M. pectoralis minor(kleiner Brustmuskel) 3.–5. Rippe Schulterblatt zieht Schulterblatt nach vorne unten; bei fixiertem Schulterblatt Anhebung 3.–5. Rippe (Atemhilfsmuskel)
M. serratus anterior
(vorderer Säge[zahn]
muskel)
1.–9. Rippe Schulterblatt rotiert Schulterblatt aufwärts und nach lateral, hebt Rippen bei fixiertem Schulterblatt
Hintere (dorsale) Schultermuskulatur
M. trapezius
(Kapuzenmuskel)
Hinterhauptbein, an den Dornfortsätzen der Hals- und Brustwirbel Schlüsselbein und Schulterblatt hebt Schlüsselbein und Schulterblatt (Koffertragen), adduziert und rotiert das Schulterblatt, dreht den Kopf, HWS und BWS; streckt den Kopf und HWS
M. levator scapulae
(Schulterblattheber)
4.–5. Halswirbel Schulterblatt hebt Schulterblatt und rotiert es leicht abwärts
M. rhomboideus major und minor (großer und kleiner Rautenmuskel) Dornfortsätze der unteren zwei
Hals- und oberen vier Brustwirbel
Schulterblatt Medial- und Aufwärtsbewegung des Schulterblatts

Die sechs Bewegungsrichtungen im Schultergelenk und die hauptsächlich an der Bewegung beteiligten Muskeln.

Tab. 9.2
Bewegungsrichtungen Muskeln
Abduktion
(Armhebung)
  • M. deltoideus (Fasern vom Akromion kommend)

  • M. supraspinatus

Adduktion
(Anziehung = Arm senken)
  • M. pectoralis major

  • M. latissimus dorsi

  • M. teres major

  • M. deltoideus (Fasern von Spina scapulae und Clavicula kommend)

Anteversion
(Vorführung)
  • M. deltoideus (Fasern von Akromion und Clavicula kommend)

  • M. pectoralis major

  • M. coracobrachialis

Retroversion
(Rückführung)
  • M. deltoideus (Fasern von der Spina scapulae kommend)

  • M. latissimus dorsi

  • M. teres major

Innenrotation
(Einwärtsdrehung)
  • M. subscapularis

  • M. pectoralis major

  • M. deltoideus (Fasern von der Clavicula kommend)

  • M. teres major

  • M. latissimus dorsi

Außenrotation
(Auswärtsdrehung)
  • M. infraspinatus

  • M. supraspinatus

  • M. deltoideus

Übersicht über die Schulter- und Oberarmmuskulatur.

Tab. 9.3
Muskel Ursprung Ansatz Funktion
Vom Stamm zum Oberarm
M. pectoralis major
(großer Brustmuskel)
Schlüsselbein, Brustbein, Knorpelfläche der 2.–6. Rippe Oberarmknochen Anteversion, Adduktion, Innenrotation
M. latissimus dorsi
(breitester Rückenmuskel)
Dornfortsätze vom 7. Brust- bis 5. Lendenwirbel, Kreuzbein, Darmbein, untere vier Rippen Oberarmknochen Retroversion, Adduktion, Innenrotation;
zieht den Arm nach hinten und unten
Vom Schulterblatt zum Oberarm
M. deltoideus
(Deltamuskel)
Schlüsselbein und Schulterblatt Oberarmknochen Abduktion, Adduktion, Anteversion,
Retroversion, Innen- und Außenrotation
M. subscapularis
(Unterschulterblattmuskel)
Schulterblatt(Innenfläche) Oberarmknochen Innenrotation
M. supraspinatus
(Obergrätenmuskel)
Schulterblattaußenfläche(oberhalb der Spina) Oberarmknochen Abduktion, Außenrotation
M. infraspinatus
(Untergrätenmuskel)
Schulterblatt Oberarmknochen Außenrotation
M. teres major
(großer Rundmuskel)
Schulterblatt Oberarmknochen Retroversion, Adduktion und Innenrotation
Vom Schulterblatt bzw. Oberarmknochen zum Unterarm
M. biceps brachii
(zweiköpfiger Armmuskel)
Schulterblatt Speiche, Unterarmfaszie (über flächige Sehne = Aponeurose) Funktion im Schultergelenk:
  • langer Kopf: Abduktion, Anteversion

  • kurzer Kopf: Adduktion, Anteversion, Innenrotation

Funktion am Unterarm: Beugung, Supination
M. brachialis
(Armbeuger)
Oberarmknochen Elle Unterarmbeugung
M. triceps brachii
(dreiköpfiger Armstrecker)
Schulterblatt und Oberarmknochen Elle Unterarmstreckung, Adduktion im Schultergelenk

Zusammenfassung der Atemmuskulatur. Wichtigster Atemmuskel ist das Zwerchfell. Bei seiner Kontraktion wird die Lunge nach unten gezogen (Einatmung), bei der Erschlaffung steigt sie passiv nach oben (Ausatmung).

Tab. 9.4
Muskel Ursprung Ansatz Funktion
Zwerchfell
(Diaphragma)
Sternum, Knorpel der unterensechs Rippen, Lendenwirbel Centrum tendineum
(Sehnenplatte in der Mitte des Zwerchfells)
wichtigster Atemmuskel:
Kontraktion führt zur Einatmung
Mm. intercostales externi
(äußere Zwischenrippenmuskeln)
unterer hinterer Rand der
1.–11. Rippe (schräger Verlauf)
oberer Rand der
2.–12. Rippe
Rippenhebung beim Einatmen; dadurch wird Durchmesser des Thorax vergrößert
Mm. intercostales interni
(innere Zwischenrippenmuskeln)
oberer hinterer Rand der
2.–12. Rippe
unterer Rand der
1.–11. Rippe
ziehen bei schneller Ausatmung Rippen aneinander; Durchmesser des Thorax verkleinert sich
M. serratus posterior inferior
(hinterer unterer Sägezahnmuskel)
Dornfortsatz Th 11–L 2 unterer Rand der 9.–12. Rippe Brustkorbhebung
(Einatmung, Hilfsatemmuskel)
M. serratus posterior superior
(hinterer oberer Sägezahnmuskel)
Dornfortsatz C 7–Th 2 2.–5. Rippe Brustkorbhebung
(Einatmung, Hilfsatemmuskel)

Muskulatur der vorderen Rumpfwand.

Tab. 9.5
Muskel Ursprung Ansatz Funktion
M. rectus abdominis
(gerader Bauchmuskel)
Knorpel der 5. bis 7. Rippe,
lProcessus xiphoideus
oberer Rand des Schambeins zwischen Tuberculum pubicum und Symphyse Bauchpresse, nähert Thorax und Becken einander an, beugt also den Rumpf oder hebt das Becken
M. obliquus externus abdominis
(äußerer schräger Bauchmuskel)
untere acht Rippen Darmbeinkamm, Spina iliaca anterior superior, Leistenband, Tuberculum pubicum Bauchpresse, Neigung des Rumpfes nach vorne, Hebung des Beckens; einseitig Drehung des Rumpfes zur entgegengesetzten Seite, seitliche Rumpfbeugung
M. obliquus internus abdominis
(innerer schräger Bauchmuskel)
Fascia thoracolumbalis, Crista iliaca, Spina iliaca anterior superior (= vorderer oberer Darmbeinstachel), Leistenband Knorpel der letzten 3–4 Rippen, Linea alba bei doppelseitiger Anspannung gleich wie die des M. obliquus externus; einseitig Rumpfdrehung nach der gleichen Seite, seitliche Rumpfbeugung
M. transversus abdominis
(querer Bauchmuskel)
Knorpel der sechs letzten Rippen, Processus costarii der LWS, Crista iliaca, Spina iliaca anterior superior, Leistenband Linea alba Einziehen und Spannen der Bauchwand, Bauchpresse

Die äußeren Hüftmuskeln.

Tab. 9.6
Muskel Ursprung Ansatz Funktion
M. gluteus maximus
(großer Gesäßmuskel)
Os ilium, Os sacrum, Os coccygys, Aponeurosis sacrospinalis Tractus iliotibialis der
Fascia lata, Oberschenkel
Streckung, Außenrotation und Abduktion des Oberschenkels
M. gluteus medius(mittlerer Gesäßmuskel) Os ilium Oberschenkel(Trochanter major) Abduktion des Oberschenkels, teils Innen-, teils Außenrotation
M. gluteus minimus
(kleiner Gesäßmuskel)
Os ilium Oberschenkel(Trochanter major) Abduktion des Oberschenkels, teils Innen-, teils Außenrotation
M. tensor fasciae latae
(Spanner der Oberschenkelbinde)
Os ilium über den Tractus iliotibialis lateral von der Tuberositas tibiae Beugung und Abduktion des Oberschenkels
M. piriformis
(birnenförmiger Muskel Abb. 9.42, Abb. 9.43)
Innenfläche des Kreuzbeins Trochanter major Außenrotation und Abduktion
M. obturatorius internus
(innerer Hüftlochmuskel Abb. 9.42, Abb. 9.43)
Verschlussmembran und Rahmen des Foramen obturatum (Innenfläche) zwischen den Trochanteren Außenrotation
M. gemellus superior
M. gemellus inferior
(Abb. 9.42)
Sitzbeinstachel bzw. Sitzbeinhöcker Sehne des M. obturatorius internus Außenrotation und Adduktion des Oberschenkels
M. quadratus femoris
(Abb. 9.42)
Sitzbeinhöcker zwischen den Trochanteren Außenrotation und Adduktion des Oberschenkels

Die Beuger und Strecker im Hüftgelenk.

Tab. 9.7
Muskel Ursprung Ansatz Funktion
Beuger des Oberschenkels im Hüftgelenk
M. iliacus
(Darmbeinmuskel)
Os ilium Trochanter minor des Oberschenkelknochens Beugung und Rotation im Hüftgelenk
M. psoas major
(großer Lendenmuskel)
Lendenwirbelkörper Beugung und Rotation im Hüftgelenk,
Beugung der Wirbelsäule
M. quadriceps femoris (vierköpfiger Oberschenkelmuskel)
mit M. rectus femoris (U: Os ilium oberhalb des Hüftgelenks),
M. vastus medialis, M. vastus intermedialis und
M. vastus lateralis (U: Femurschaft)
Patella, über das Ligamentum patellae an der Tuberositas tibiae Streckung des Kniegelenks;
M. rectus femoris beugt zudem im Hüftgelenk
M. sartorius
(Schneidermuskel)
Spina iliaca anteriorsuperior des Darmbeins medial der Tuberositas tibiae Beugung, Abduktion und Außenrotation im
Hüft-, Innenrotation im Kniegelenk
M. tensor fasciae latae
(Spanner der Oberschenkelbinde)
Os ilium über den Tractus iliotibialis lateral von der Tuberositas tibiae Beugung und Abduktion des Oberschenkels
Strecker des Oberschenkels im Hüftgelenk
M. glutaeus maximus
(großer Gesäßmuskel)
Os ilium, Os sacrum, Os coccygis, Aponeurosis sacrospinalis Tractus iliotibialis der
Fascia lata, Oberschenkel
Streckung, Außenrotation und Abduktion des Oberschenkels
M. biceps femoris
(zweiköpfiger Oberschenkelmuskel) mit 2 Köpfen:
Caput longum: U: Hinterfläche Sitzbein
Caput breve: U: Linea aspera
Wadenbeinköpfchen Beugung und Außenrotation im Kniegelenk, Caput longum zusätzlich Strecker im Hüftgelenk
M. semitendinosus
(Halbsehnenmuskel)
Hinterfläche Sitzbein medial der Tuberositas tibiae Streckung im Hüftgelenk, Beugung im Kniegelenk
M. semimembranosus
(Plattsehnenmuskel)
Hinterfläche Sitzbein medialer Kondylus des Schienbeins, hinterer Anteil der Gelenkkapsel Streckung im Hüft-, Beugung und Innenrotation im Kniegelenk

Muskeln, die auf das Kniegelenk wirken (Innervation 9.2.14).

Tab. 9.8
Muskel Ursprung Ansatz Funktion
M. biceps femoris
(zweiköpfiger Schenkelmuskel)
zweiköpfig: Caput longum:Hinterfläche Sitzbein;
Caput breve: Linea aspera
Wadenbeinköpfchen Beugung und Außenrotation im Kniegelenk, Caput longum zusätzlich Strecker im Hüftgelenk
M. sartorius
(Schneidermuskel)
Spina iliaca anterior superior medial der Tuberositas tibiae Beugung und Abduktion im Hüftgelenk, Innenrotation im Kniegelenk
M. gracilis
(Schlankmuskel)
unterer Schambeinast medial der Tuberositas tibiae Adduktion im Hüftgelenk, Beugung und Innenrotation im Kniegelenk
M. semitendinosus
(Halbsehnenmuskel)
Hinterfläche Sitzbeinhöcker medial der Tuberositas tibiae Streckung im Hüft-, Beugung und Innenrotation im Kniegelenk
M. semimembranosus
(Plattsehnenmuskel)
Hinterfläche Sitzbeinhöcker medialer Kondylus des Schienbeins, hinterer Anteil der Gelenkkapsel Streckung im Hüft-, Beugung und Innenrotation im Kniegelenk
M. quadriceps femoris (Schenkelstrecker)
4 Muskeln; M. rectus femoris oberhalt des Hüftgel.;
M. vastus medialis, M. vastus lateralis und M. vastus intermedius am Femurschaft
Tuberositas tibiae (mit Patella als in die Sehne eingelagertem Sesambein) Streckung des Kniegelenks,M. rectus femoris beugt zudem im Hüftgelenk
M. popliteus
(Kniekehlenmuskel)
lateraler Kondylus des Femurs Kniekehlenfläche des Schienbeins Beugung und Innenrotation im Kniegelenk
M. gastrocnemius
(Zwillingswadenmuskel)
2 Köpfe: vom lateralen und medialen Oberschenkelkondylus Fersenhöcker (über Achillessehne) Beugung im Knie- und Fußgelenk
M. glutaeus maximus und M. tensor fasciae latae Tab. 9.7. Die Streckwirkung auf das Kniegelenk wird über eine bandförmige Verstärkung der Oberschenkelbinde, den Tractus iliotibialis, ausgeübt

Unterschenkelmuskulatur. Ursprung, Ansatz und Funktion.

Tab. 9.9
Muskel Ursprung Ansatz Funktion
Extensorengruppe
M. tibialis anterior
(vorderer Schienbeinmuskel)
seitl. Schienbein, Membrana interossea Mittelfußknochen I, 1. Keilbein Dorsalextension,
Supination und Pronation (je nach Ausgangsstellung)
M. extensor digitorum longus
(langer Zehenstrecker)
lateraler Schienbeinkondylus, Membrana interossea, Wadenbein-Vorderrand Dorsalaponeurose
Zehe II–V
Dorsalextension,
Pronation in den Sprunggelenken, Streckung der
II.–V. Zehe
M. extensor hallucis longus
(langer Großzehenstrecker)
Wadenbein,Membrana interossea Endphalanx der
Großzehe
Streckung der Großzehe; Dorsalextension des Fußes
Peroneusgruppe
M. peroneus longus
(langer Wadenbeinmuskel)
Wadenbeinköpfchen und seitlicher Rand Mittelfußknochen I, mittleres Keilbein Pronation, Plantarflexion, Verspannung des Fußgewölbes
M. peroneus brevis
(kurzer Wadenbeinmuskel)
Seitenfläche des Wadenbeins Mittelfußknochen V Pronation, Plantarflexion
Oberflächliche Flexorengruppe
M. gastrocnemius
(Zwillingswadenmuskel)
zweiköpfig: vom lateralen und medialen Oberschenkelkondylus Fersenhöcker (über Achillessehne) Plantarflexion und Supination in den Sprunggelenken, Beugung im Kniegelenk
M. soleus
(Schollenmuskel)
obere Wadenbein- und Schienbeinenden wie M. gastrocnemius über Achillessehne Plantarflexion und Supination in den Sprunggelenken
Tiefe Flexorengruppe
M. tibialis posterior
(hinterer Schienbeinmuskel)
Membrana interossea, Tibia, Fibula Kahnbein, 1.–3. Keilbein, Mittelfußknochen II–IV Supination, Plantarflexion, verspannt Quergewölbe
M. flexor hallucis longus
(langer Großzehenbeuger)
Wadenbeinrückfläche, Membrana interossea Großzehenendglied Plantarflexion und Supination in den Sprunggelenken, Beugung in den Zehengelenken, Längsgewölbe
M. flexor digitorum longus
(langer Zehenbeuger)
Schienbeinrückfläche Endglieder Zehe II–V Plantarflexion und Supination im Sprunggelenk, Zehenbeugung

Wichtige Muskeln mit den jeweils versorgenden Nerven.

Tab. 9.10
Wichtige Muskeln im Kopfbereich Zugehörige(r) Nerv(en)
Zungenbeinmuskeln
M. digastricus
M. stylohyoideus
M. mylohyoideus
M. geniohyoideus
Venter anterior: N. mandibularis (V3), Venter posterior: N. facialis
N. facialis
N. mandibularis (V3)
Plexus cervicalis
Mimische Muskeln
M. orbicularis oculi, M. levator palpebrae superioris, M. orbicularis oris, M. zygomaticus,
M. buccinator, M. risorius
N. facialis
Kaumuskeln
M. masseter, Mm. pterygoideus medialis/lateralis, M. temporalis N. trigeminus
Halsmuskeln
M. trapezius, M. sternocleidomastoideus
Platysma
M. scalenus
M. rectus capitis anterior/lateralis, M. longus capitis/colli
M. rectus capitis posterior major/minor, M. obliquus capitis superior/inferior
N. accessorius, Plexus cervicalis
N. facialis
Plexus cervicalis, evtl. Plexus brachialis
N. spinales, Rami ventrales
N. suboccipitalis
Rückenmuskeln
autochthone Rückenmuskeln:
Mm. spinales, Mm. interspinales, Mm. semispinales, Mm. multifidi, Mm. rotatores, M. erector spinae, Mm. iliocostales, Mm. longissimi, Mm. splenii, Mm. intertransversarii posteriores, Mm. levatores costarum

Nn. spinales, Rami dorsales
oberflächliche Rückenmuskeln:
M. latissimus dorsi
M. rhomboideus major/minor, M. levator scapulae
M. serratus posterior superior/inferior

N. thoracodorsalis
N. dorsalis scapulae
Nn. intercostales
Brustmuskeln
M. pectoralis major/minor
M. subclavius
M. serratus anterior
Nn. pectorales
N. subclavius
N. thoracicus longus
Schultermuskeln
M. infraspinatus, M. supraspinatus
M. teres major
M. teres minor, M. deltoideus
M. subscapularis
N. suprascapularis
N. thoracodorsalis
N. axillaris
N. subscapularis
Oberarmmuskultatur
Flexoren (Beuger): M. coracobrachialis, M. brachialis, M. biceps brachii N. musculocutaneus
Extensoren (Strecker): M. triceps brachii, M. anconeus N. radialis
Unterarm-, Handgelenk- und Fingermuskeln
Extensoren (Strecker):
M. brachioradialis, M. extensor carpi radialis longus, M. extensor carpi radialis brevis, M. extensor digitorum, M. extensor digiti minimi, M. extensor carpi ulnaris, M. supinator, M. abductor pollicis longus, M. extensor pollicis longus, M. extensor pollicis brevis, M. extensor indicis

N. radialis
Flexoren (Beuger):
M. pronator teres, M. flexor carpi radialis, M. palmaris longus, M. flexor digitorum superficialis, M. flexor pollicis longus, M. pronator quadratus
M. flexor digitorum profundus
M. flexor carpi ulnaris

N. medianus
N. medianus (Finger II, III), N. ulnaris (Finger IV, V)
N. ulnaris
tiefe Handmuskeln:
Mm. lumbricales
Mm. interossei palmares und dorsales

N. medianus (Finger II, III), N. ulnaris (Finger IV, V)
N. ulnaris
Muskeln des Daumenballens:
M. abductor pollicis brevis, M. opponens pollicis
M. flexor pollicis brevis
M. adductor pollicis

N. medianus
Caput superficiale: N. medianus, Caput profundum: N. ulnaris
N. ulnaris
Muskeln des Kleinfingerballens:
M. palmaris brevis, M. abductor digiti minimi, M. flexor digiti minimi brevis, M. opponens digiti minimi

N. ulnaris
Bauchwandmuskeln
M. rectus abdominis; M. obliquus externus, M. obliquus internus, M. transversus abdominis Nn. intercostales, Plexus lumbalis
Beckenbodenmuskeln
Diaphragma pelvis:
M. levator ani, M. coccygeus

Plexus sacralis
Diaphragma urogenitale:
M. transversus perinei profundus, M. transversus perinei superficialis, M. sphincter urethrae

N. pudendus
weitere Muskeln im Beckenbodenbereich:
M. bulbospongiosus, M. sphincter ani externus, M. ischiocavernosus

N. pudendus
Hüftmuskeln
M. iliopsoas, M. psoas major/minor, M. iliacus
M. glutaeus maximus
M. tensor fasciae latae, M. glutaeus medius, M. glutaeus minimus
M. piriformis, M. obturatorius internus, Mm. gemelli, M. quadratus femoris
M. obturatorius externus
N. femoralis, Plexus lumbalis
N. gluteus inferior
N. gluteus superior
Plexus sacralis
N. obturatoius
Oberschenkelmuskeln
Extensoren (Strecker):
M. sartorius, M. quadriceps femoris, M. rectus femoris, M. vastus lateralis, M. vastus medialis, M. vastus intermedialis, M. articularis genus

N. femoralis
Adduktoren:
M. adductor longus, M. gracilis, M. adductor brevis/minimus
M. pectineus
M. adductor magnus

N. obturatorius
N. femoralis, N. obturatorius
N. obturatorius, N. tibialis
Flexoren (Beuger):
M. biceps femoris
M. semitendinosus, M. semimembranosus

N. tibialis, N. fibularis
N. tibialis
Unterschenkel- und Fußmuskeln
Peroneusgruppe:
M. peroneus longus, M. peroneus brevis

N. fibularis superficialis
Extensoren (Strecker):
M. tibialis anterior, M. extensor hallucis longus, M. extensor digitorum longus

N. fibularis profundus
Flexoren (Beuger):
M. triceps surae, M. gastrocnemius, M. soleus, M. plantaris, M. flexor digitorum longus, M. tibialis posterior, M. flexor hallucis longus, M. popliteus

N. tibialis
Muskeln des Fußrückens:
M. extensor hallucis brevis, M. extensor digitorum brevis

N. fibularis
Muskeln des Großzehenballens:
M. flexor hallucis brevis
M. abductor hallucis
M. adductor hallucis

N. plantaris medialis/lateralis
N. plantaris medialis
N. plantaris lateralis
Fußsohlenmuskeln
M. flexor digitorum brevis
M. quadratus plantae, Mm. interossei
Mm. lumbricales
N. plantaris medialis
N. plantaris lateralis
N. plantaris medialis/lateralis
Muskeln des Kleinzehenballens: M. abductor digiti minimi, M. flexor digiti minimi brevis, M. opponens digiti minimi N. plantaris lateralis

Deutsche und lateinische Beziehungen der wichtigsten Gelenke sowie gelenkbildende Strukturen und Gelenkart.

Tab. 9.11
Deutsche Bezeichnung Lateinische Bezeichnung Gelenkart und gelenkbildende Strukturen
Kopf/Hals
Kiefergelenk Articulatio temporomandibularis Scharnier- und Schiebegelenk; Schläfenbein (Os temporale) und Unterkiefer (Mandibula)
Kopfgelenke
  • Atlantookzipitalgelenk (oberes Kopfgelenk)

  • Atlantoaxialgelenk (unteres Kopfgelenk)

  • Articulationes atlanto-occipitales (2)

  • Articulatio atlantoaxialis mediana

  • Articulationes atlantoaxiales laterales (2)

  • Eigelenk; seitliche Gelenkflächen von Atlas und Hinterhauptbein (Os occipitale)

  • Radgelenk; vorderer Atlasbogen, Dens axis und Ligamentum transversum atlantis

  • Seitliche Gelenkflächen von Atlas und Axis

Rumpf
Brustbein-Rippen-Gelenke (Sternokostalgelenke) Articuationes sternocostales Rippen und Brustbein (Sternum)
Wirbel-Rippen-Gelenke
  • Rippenkopfgelenk

  • Rippen-Querfortsatz-Gelenk

  • Articulatio capitis costae

  • Articulatio costotransversaria

  • Kugelgelenk; Rippenkopf und Wirbelkörper

  • Radgelenk; Rippenhöckerchen und Querfortsatz des gleichnamigen Wirbels

Wirbelbogengelenke Articulationes zygapophysiales (Articulationes intervertebrales) Gleitgelenke; Gelenkfortsätze (Processus articulares) benachbarter Wirbel
Kreuzbein-Darmbein-Gelenk(Iliosakralgelenk, Sakroiliakalgelenk) Articulatio sacroiliaca Gleitgelenk; Kreuzbein (Os sacrum) und Darmbein (Os iliacum)
Arm/Schultergürtel
Brustbein-Schlüsselbein-Gelenk (Sternoklavikulargelenk) Articulatio sternoclavicularis Kugelgelenk; Handgriff des Brustbeins (Manubrium sterni) und Schlüsselbein (Clavicula)
Schultereck-Schlüsselbein-Gelenk (Akromioklavikulargelenk) Articulatio acromioclavicularis Kugelgelenk; Schlüsselbein und Schultereck (Akromion)
Schultergelenk Articulatio humeri Kugelgelenk; Schulterblatt (Scapula) und Oberarmbein (Humerus)
Ellenbogengelenk
  • Oberarm-Ellen-Gelenk (Humeroulnargelenk)

  • Oberarm-Speichen-Gelenk (Humeroradialgelenk)

  • Proximales Speichen-Ellen-Gelenk (Proximales Radioulnargelenk)

  • Distales Radioulnargelenk

Articulatio cubiti
  • Articulatio humeroulnaris

  • Articulatio humeroradialis

  • Articulatio radioulnaris proximalis

  • Articulatio radioulnaris distalis

Drehscharniergelenk; Oberarmbein (Humerus), Speiche (Radius) und Elle (Ulna)
  • Scharniergelenk; Oberarmbein (Humerus) und Elle (Ulna)

  • Kugelgelenk; Oberarmbein (Humerus) und Speiche (Radius)

  • Zapfengelenk; Speiche (Radius) und Elle (Ulna)

  • Radgelenk; Speiche (Radius) und Elle (Ulna)

Hand
proximales Handgelenk (Radiokarpalgelenk) Articulatio radiocarpalis Eigelenk; Speiche (Radius) und Handwurzelknochen
distales Handgelenk (Mediokarpalgelenk) Articulatio mediocarpalis Scharniergelenk; proximale und distale Reihe der Handwurzelknochen
Interkarpalgelenke Articulationes intercarpales Gleitgelenke; Handwurzelknochen einer Reihe
Handwurzel-Mittelhandgelenke (Karpometakarpalgelenk) Articulationes carpometacarpales Gleitgelenke; distale Reihe der Handwurzelknochen und Mittelhandknochen (Os metacarpale)
Daumensattelgelenk Articulatio carpometacarpalis pollicis Sattelgelenk; Trapezbein (Os trapezium) und Mittelhandknochen des Daumens
Fingergrundgelenke (Metakarpophalangealgelenke) Articulationes metacarpophalangeales eingeschränkte Kugelgelenke; Mittelhandknochen (Os metacarpale) und Fingergrundglied (Phalanx proximalis)
Fingermittelgelenke (proximale Interphalangealgelenke) Articulationes interphalangeales proximales Scharniergelenke; Fingergrundglied (Phalanx proximalis) und Fingermittelglied (Phalanx media)
Fingerendgelenke Articulationes interphalangeales distales Scharniergelenke; Fingermittelglied (Phalanx media)und Fingerendglied (Phalanx distalis)
Bein
Hüftgelenk Articulatio coxae Kugelgelenk; Hüftpfanne (Acetabulum) und Oberschenkelbein (Femur)
Kniegelenk
  • Femorotibialgelenk

  • Femoropatellargelenk

Articulatio genus
  • Articulatio femorotibialis

  • Articulatio femoropatellaris

Drehscharniergelenk; Oberschenkelbein (Femur), Schienbein (Tibia) und Kniescheibe (Patella)
  • Oberschenkelbein (Femur) und Schienbein (Tibia)

  • Kniescheibe (Patella) und Oberschenkelknochen (Femur)

Schienbein-Wadenbein Gelenk (Tibiofibulargelenk) Articulatio tibiofibularis Gleitgelenk; Schienbein (Tibia) und Wadenbein (Fibula)
Fuß
Oberes Sprunggelenk Articulatio talocruralis Scharniergelenk; Sprungbeinrolle (Trochlea tali) und Knöchelgabel
Unteres Sprunggelenk
  • Articulatio subtalaris (talocalcanea)

  • Articulatio talocalcaneonavicularis

  • Scharniergelenk; Sprungbein (Talus) und Fersenbein (Calcaneus)

  • Scharniergelenk; Kahnbein (Os naviculare), Sprungbein (Talus) und Fersenbein (Calcaneus)

Kahnbein-Keilbeingelenk Articulatio cuneonavicularis Gleitgelenk; Kahnbein (Os naviculare) und Keilbeine (Os cuneiforme lateralis, medialis, intemedium)
Fußwurzel-Mittelfuß-Gelenke (Tarsometatarsalgelenk) Articulationes tarsometatarsales Gleitgelenke; Fußwurzel- und Mittelfußknochen(Os metatarsale)
Zehengrundgelenke (Metatarsophalangealgelenk) Articulationes metatarsophalangeales Eingeschränkte Kugelgelenke; Mittelfußknochen (Os metatarsale) und Grundphalangen (Phalanx proximalis)
Zehenmittel- und -endgelenke (Interphalangealgelenke) Articulationes interphalangeales pedis Scharniergelenke; Grundphalangen (Phalanx proximalis), Mittelphalangen (Phalanx media), Endphalangen (Phalanx distalis)

Zusammenstellung wichtiger Leitsymptome bei Erkrankungen des Bewegungsapparats und ihrer wahrscheinlichen Ursachen abhängig von ihrer Lokalisation.Bewegungsapparaterkrankungen:Leitsymptome

Tab. 9.12
Leitsymptome Verdachtsdiagnose
Wirbelsäule
Schmerzen, evtl. gürtelförmig oder ausstrahlend in Arme oder Beine, Bewegungseinschränkung, Muskelhartspann HWS/BWS/LWS-Syndrom @@9.9.2–9.2.4
Schmerzen mit neurologischen Ausfällen Bandscheibenvorfall 9.9.4
Schmerzen, evtl. in die Beine ausstrahlend, tastbare Stufe in der Dornfortsatzreihe Spondylolyse/Spondylolisthesis 9.9.5
Schmerzen mit Bewegungseinschränkung, Fieber und Verschlechterung des Allgemeinzustands variabler Ausprägung Spondylodiszitis 9.9
Schulter
Schmerzen mit Beweglichkeitseinschränkung:„Painful arc“ (9.3.2) bei Abduktion Supraspinatussehnensyndrom 9.10.2 oder Tendinitis calcarea, Bursitis subacromialis 9.10.2
Schmerzen mit Bewegungseinschränkung in alle Richtungen Arthrose 9.6.1
Schmerzen ohne Bewegungseinschränkung, mit Instabilitätsgefühl und „Herausspringen“ der Schulter Subluxation/rezidivierende/habituelle Luxation 9.6.4
Symptome im Bereich des Ellenbogens
Schmerzen (auch in Ruhe), Bewegungseinschränkung, evtl. Überwärmung (aktivierte) Arthrose
Schmerzen bei Dorsalextension/Palmarflexion im Handgelenk Tennis/Golferellenbogen 9.10.3
belastungsunabhängige Schmerzen bei gleichzeitigen Schmerzen in anderen Gelenken rheumatoide Arthritis 9.12.1
Hüfte und Bein
Schmerzen (in Leiste und Knie) mit Bewegungseinschränkung und zunehmender Beugekontraktur Koxarthrose 9.11.1
Schmerzen mit Hinken, Beckenschiefstand, evtl. Rückenschmerzen, keine Bewegungseinschränkung Beinlängendifferenz 9.3.2
zunehmende, belastungsabhängige Schmerzen, evtl. Knieschmerz, Hinken, keine Bewegungseinschränkung Idiopathische Hüftkopfnekrose 9.5.6
starke Schmerzen in Ruhe und bei Bewegung, Schonhaltung, Rötung, Schwellung, Überwärmung, evtl. Fieber, Verschlechterung des Allgemeinzustands eitrige Arthritis
Knie und Unterschenkel
Schmerzen bei Belastung, Bewegungseinschränkung, evtl. Hinken, evtl. Schwellung und Erguss (aktivierte) Gonarthrose 9.11.4
flüchtige Einklemmungserscheinungen, evtl. mit nachfolgendem Erguss Meniskusschaden 9.11.4
freie Gelenkkörper
Schmerzen im Bereich der Kniescheibe, v. a. beim Treppensteigen und Sitzen mit angewinkelten Knien Retropatellararthrose 9.11.4
Schmerzen mit Rötung, Erguss, endgradige Bewegungseinschränkung reaktive Arthritis 9.6.2
starke Bewegungsschmerzen, Rötung, Schwellung, Überwärmung, Entlastungsstellung V. a. eitrige Arthritis 9.6.2
Knöchel und Fuß
Anlauf-, Bewegungs- und Belastungsschmerzen mit Knöchelschwellung Arthrose 9.6.1
plötzlicher Schmerz im Bereich der Achillessehne, kein Zehenspitzenstand mehr möglich Achillessehnenruptur 9.7.5
starker Schmerz im Großzehengrundgelenk, Beginn oft nachts, Rötung, Überwärmung Gicht 15.7

Klinische Unterscheidung zwischen degenerativem und entzündlich-rheumatischem Gelenkschmerz.

Tab. 9.13
Kriterien Degenerative Gelenkerkrankung Entzündlich rheumatische Gelenkerkrankung
Vorstadium Jahre Wochen bis Monate
Lokalisation meist große Gelenke wie Knie und Hüfte oft kleine Gelenke, v. a. der Hände
Schmerz Anlauf- und Belastungsschmerz, abends stärker als morgens, meist kurze Dauer Nacht- und Ruheschmerz, Morgensteifigkeit, lang anhaltender Schmerz
Gelenkschwellung selten und wenn, dann meist erst nach Belastung praktisch immer (und ohne vorherige Belastung)
Fieber nie manchmal
Verlauf langsam fortschreitend oft in Schüben

Klassifikation der wichtigsten Knochentumoren und tumorähnlichen Läsionen nach ihrem Ursprungsgewebe (Auswahl, nach Weltgesundheitsorganisation).

Tab. 9.14
Ursprungsgewebe Benigne Maligne
Knorpel
  • Osteochondrom

  • Enchondrom (Chondrom)

  • Chondroblastom

  • Chondromyxoidfibrom

Chondrosarkom
Knochen
  • Osteom

  • Osteoidosteom

  • Osteoblastom

Osteosarkom
Knochenmark
  • Plasmozytom

  • malignes Lymphom

unbekannt Riesenzelltumor
  • maligner Riesenzelltumor

  • Ewing-Sarkom

tumorähnliche
Läsionen
  • nichtossifizierendes Fibrom

  • fibröse Dysplasie

  • juvenile Knochenzyste

  • aneurysmatische Knochenzyste

Stadien der Sudeck-Dystrophie. In der Praxis sind die drei Stadien nicht voneinander zu trennen, sondern gehen fließend ineinander über.

Tab. 9.15
Stadium Symptome
Stadium I (Akutphase)
2–8 Wochen nach Trauma
Ruhe- und Bewegungsschmerz, Schwellung, blau-livide Verfärbung und Überwärmung der Haut, vermehrtes Schwitzen
Stadium II (dystrophe Phase)
1–3 Monate nach Trauma
Nachlassen der Schmerzen (noch deutlicher Bewegungsschmerz!) und Zunahme der trophischen Störungen mit Muskeldystrophie, Verminderung des subkutanen Fettgewebes und kühler, blass-zyanotischer Haut („Glanzhaut“). Bewegungseinschränkung durch Kapsel- und Bänderschrumpfung
Stadium III (atrophe Phase)
3–6 Monate nach Trauma
Endstadium mit Muskelatrophie, Schrumpfung des Bindegewebes, Gelenkversteifung und kälteempfindlicher, pergamentdünner, blasser Haut. Keine Schmerzen mehr

Arthrosen der verschiedenen Gelenke.Gelenk(e):Arthrosen

Tab. 9.16
Bezeichnung Symptome
Omarthrose
(Arthrose des Schultergelenks)
Schmerzen mit Bewegungseinschränkung (v. a. bei der Abduktion und Rotation); i. d. R. sekundäre Arthrose
Radiokarpalgelenk-Arthrose
(Arthrose des Handgelenks)
belastungsabhängige Schmerzen und Bewegungseinschränkung im
Handgelenk; meist sekundäre Arthrose
Rhizarthrose
(Arthrose des Daumensattelgelenks)
Schmerzen v. a. beim Zufassen mit Opposition des Daumens
(z. B. Auswringen von Wäsche, Schlüsseldrehen)
Bouchard-Arthrose
(Arthrose der Fingermittelgelenke)
Schmerzen, Fehlstellung und Deformierung der Fingermittelgelenke, Streckdefizit
Heberden-Arthrose
(Arthrose der Fingerendgelenke)
Schmerzen, Fehlstellung und Deformierung der Fingerendgelenke, Streckdefizit, insgesamt geringe Funktionseinschränkung
degenerative Wirbelsäulenveränderungen Rückenschmerzen (evtl. ausstrahlend), Muskelverhärtung, Fehlhaltung, Bewegungseinschränkung, auch 9.9
Koxarthrose
(Arthrose des Hüftgelenks)
Steifegefühl, Belastungs-, Ruheschmerz, Bewegungseinschränkung 9.11.1
Gonarthrose
(Arthrose des Kniegelenks)
Steifegefühl, Belastungs-, Ruheschmerz, Bewegungseinschränkung 9.11.4
Sprunggelenkarthrose
(Arthrose des oberen/unteren Sprunggelenks)
belastungsabhängige Schmerzen, Schwellung, Bewegungseinschränkung; meist sekundäre Arthrose
Hallux rigidus
(Arthrose des Großzehengrundgelenks)
belastungsabhängige Schmerzen beim Gehen, v. a. beim Abrollen, später zunehmende Einsteifung des Gelenks

Einteilung der wichtigsten Arthritiden nach ihrer Ursache.

Tab. 9.17
Ursache Arthritis-Form
Infektion eitrige Arthritis
autoimmunbedingt (22.8) bei oder nach Infektionen ohne Erregernachweis im Gelenk reaktive (postinfektiöse) Arthritis
rheumatisch-entzündliche Ursache ohne Nachweis von Rheumafaktoren oder antinukleären Antikörpern im Blut und mit vorwiegender Wirbelsäulenbeteiligung (seronegative Spondylarthritiden) Morbus Bechterew (9.12.2)
Psoriasis-Arthritis
Morbus Reiter
Arthritis bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa (13.8.3)
rheumatische Ursache mit positiven Rheumafaktoren rheumatoide Arthritis (9.12.1)
entzündliche Bindegewebserkrankungen und bei
Gefäßentzündungen
z. B. Arthritis bei Lupus erythematodes (9.12.3), Arthritis bei Periarteriitis nodosa (11.6.4)
allergische Reaktion z. B. nach Medikamenteneinnahme allergische Arthritis
Stoffwechselerkrankung Arthritis urica (Gicht 15.8)
granulomatöse Erkrankung Arthritis bei Sarkoidose (12.12.1)
Blutgerinnungsstörungen hämophile Arthropathie (20.7.3)

Differenzialdiagnose des radikulären HWS-Syndroms.

Tab. 9.18
Betroffene Nervenwurzel Kennmuskel (9.9.4) Reflexminderung Sensibilitätsstörungen
C 5 M. deltoideus (Abb. 9.25) Bizepssehnenreflex (BSR) unterer Bereich des M. deltoideus
C 6 M. bizeps, M. brachioradialis
(Abb. 9.25)
BSR, Radiusperiostreflex (Abb. 3.56) Daumen und Teil des Zeigefingers
C 7 Daumenballenmuskulatur, M. trizeps, M. pronator teres(Abb. 9.25, Abb. 9.31) Trizepssehnenreflex (TSR) Zeige-, Mittelfinger und Teil des Ringfingers
C 8 Kleinfingerballen, Fingerbeuger (Abb. 9.30) Trizepssehnenreflex (TSR) Kleinfinger, Teil des Ringfingers

Neurologische Ausfälle bei Bandscheibenvorfall im LWS-Bereich in Abhängigkeit von der betroffenen Nervenwurzel.

Tab. 9.19
Nervenwurzel Reflexausfall bzw. -abschwächung Gestörte Funktion
L 4 Patellarsehnenreflex Hebung und Supination des Fußes, Fersenstand
L 5 Tibialis-posterior-Reflex Großzehenhebung gegen Widerstand, Fersenstand
S 1 Achillessehnenreflex Zehenstand

Indikationen und Kontraindikationen der Wärme- und Kältetherapie bei rheumatischen Erkrankungen

Tab. 9.20
Indikationen Kontraindikationen
Wärme
  • Arthrosen

  • chronische Arthritis zwischen den Schüben

  • Weichteilrheumatismus

  • Wirbelsäulenleiden

  • akute Arthritis

  • Durchblutungsstörungen

  • schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Kälte
  • akute Arthritis

  • Gichtanfall

  • aktivierte Arthrose

  • Schleimbeutelentzündung

  • postoperativ

  • Vaskulitis

  • Raynaud-Syndrom

Auswahl nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR); zu Wirkungen 9.12.4, Pharma-Info.

Tab. 9.21
Antiphlogistische Wirkkraft Substanzname
(Auswahl)
Handelsname
(Beispiel)
schwach Azetylsalizylsäure Aspirin®
mittel Diclofenac Rp Voltaren®
Ibuprofen Rp Brufen®, Aktren®
Ketoprofen Rp Ketoprofen ratiopharm®
Naproxen Rp Proxen®
Piroxicam Rp Felden®
stark Phenylbutazon Rp Ambene®

Bewegungsapparat

  • 9.1

    Ganzheitliche Aspekte308

  • 9.2

    Anatomie und Physiologie308

    • 9.2.1

      Übersicht308

    • 9.2.2

      Schädel310

    • 9.2.3

      Wirbelsäule, Hals- und Rückenmuskulatur315

    • 9.2.4

      Schultergürtel320

    • 9.2.5

      Oberarm322

    • 9.2.6

      Unterarm325

    • 9.2.7

      Hand325

    • 9.2.8

      Thorax329

    • 9.2.9

      Bauchwand und Leistenkanal331

    • 9.2.10

      Becken332

    • 9.2.11

      Oberschenkel und Kniegelenk337

    • 9.2.12

      Unterschenkel340

    • 9.2.13

      Fuß343

    • 9.2.14

      Wichtige Muskeln und Nerven345

    • 9.2.15

      Gelenke346

  • 9.3

    Untersuchung und Diagnostik348

    • 9.3.1

      Anamnese348

    • 9.3.2

      Körperliche Untersuchung348

    • 9.3.3

      Naturheilkundliche Diagnostik353

    • 9.3.4

      Schulmedizinische Diagnostik354

  • 9.4

    Leitsymptome und Differenzialdiagnose355

    • 9.4.1

      Knochenschmerzen355

    • 9.4.2

      Gelenkschwellung356

    • 9.4.3

      Gelenkschmerzen357

    • 9.4.4

      Muskelschmerzen358

    • 9.4.5

      Muskelatrophie358

    • 9.4.6

      Rückenschmerzen358

    • 9.4.7

      Schulterschmerzen360

    • 9.4.8

      Hüftschmerzen360

    • 9.4.9

      Knieschmerzen361

    • 9.4.10

      Beckenschiefstand361

    • 9.4.11

      Hinken361

  • 9.5

    Erkrankungen der Knochen362

    • 9.5.1

      Osteoporose362

    • 9.5.2

      Rachitis365

    • 9.5.3

      Osteomalazie365

    • 9.5.4

      Knochentumoren365

    • 9.5.5

      Entzündungen des Knochens367

    • 9.5.6

      Knochennekrosen369

    • 9.5.7

      Knochenbrüche371

    • 9.5.8

      Morbus Paget374

  • 9.6

    Erkrankungen der Gelenke375

    • 9.6.1

      Arthrose375

    • 9.6.2

      Arthritis377

    • 9.6.3

      Distorsion379

    • 9.6.4

      Luxation380

  • 9.7

    Erkrankungen der Schleimbeutel, Bänder und Sehnen381

    • 9.7.1

      Tendopathie381

    • 9.7.2

      Bursitis382

    • 9.7.3

      Ganglion383

    • 9.7.4

      Bänderriss383

    • 9.7.5

      Sehnenriss383

    • 9.7.6

      Fibromyalgie-Syndrom384

  • 9.8

    Erkrankungen der Muskulatur385

    • 9.8.1

      Kontrakturen385

    • 9.8.2

      Myositis und Myopathien385

    • 9.8.3

      Muskelzerrung und Muskelriss386

  • 9.9

    Erkrankungen der Wirbelsäule386

    • 9.9.1

      Fehlhaltungen der Wirbelsäule387

    • 9.9.2

      HWS-Syndrom388

    • 9.9.3

      BWS-Syndrom390

    • 9.9.4

      LWS-Syndrom391

    • 9.9.5

      Spondylolyse und Spondylolisthesis395

    • 9.9.6

      Morbus Scheuermann395

  • 9.10

    Erkrankungen des Schultergürtels und der oberen Extremität396

    • 9.10.1

      Thoracic-Outlet-Syndrom396

    • 9.10.2

      Periarthropathia humeroscapularis396

    • 9.10.3

      Tennis- und Golferellenbogen398

    • 9.10.4

      Engpasssyndrome peripherer Nerven399

    • 9.10.5

      Erkrankungen der Hand400

  • 9.11

    Erkrankungen der Hüfte und der unteren Extremität401

    • 9.11.1

      Hüftgelenkarthrose401

    • 9.11.2

      Angeborene Hüftdysplasie402

    • 9.11.3

      Beinachsenfehlstellungen402

    • 9.11.4

      Erkrankungen des Kniegelenks402

    • 9.11.5

      Fußdeformitäten404

  • 9.12

    Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises405

    • 9.12.1

      Rheumatoide Arthritis406

    • 9.12.2

      Spondylarthritiden410

    • 9.12.3

      Kollagenosen411

    • 9.12.4

      Rheumatisches Fieber414

Ganzheitliche Aspekte

Bewegung und Handlungsfähigkeit

Der Bewegungsapparat ermöglicht die „aufrechte Haltung“, die der Mensch gegen alle äußeren Widerstände und inneren Anfechtungen zu bewahren versucht: Muskeln, Knochen, Gelenke und Sehnen gewährleisten Bewegung, Ausdehnung und Handlungsfähigkeit des Menschen. Sie ermöglichen, dass sich der Mensch als aktiv handelnd erfahren und seine Umwelt gestalten kann. Sich fortzubewegen, tätig zu sein, sich mitzuteilen und dem anderen Menschen zuzuwenden, sind Prozesse, in denen der Mensch die Welt ergreift und sich ebenso durch sie bewegen (ergreifen) lässt.
Wird diesem Impuls nach Ausdehnung und „Fortschreiten“ bewusst oder unbewusst nicht nachgegeben, können sich Erkrankungen der Bewegungsorgane entwickeln: So bestätigt die Praxis immer wieder den Zusammenhang zwischen eingeschränkter körperlicher Beweglichkeit und gehemmter Aggression. Aus diesem Grund ist es im Rahmen eines ganzheitlichen Therapiekonzepts wichtig, Patienten mit Erkrankungen des Bewegungsapparats psychologische Unterstützung anzubieten im Umgang mit unbewältigten Konflikten und unterdrückten Aggressionen.

Gesunder Stoffwechsel – gesunder Bewegungsapparat

Hippokrates (460–375 v. Chr.) vermutete die Ursache von Erkrankungen des Bewegungsapparats in einer falschen Lebensführung mit „Völlerei und Müßiggang“. Die Naturheilkunde berücksichtigt diesen Zusammenhang zwischen Erkrankungen des Bewegungsapparats und lang andauernden Stoffwechselbelastungen in ihren diagnostischen Methoden und Therapiekonzepten.
So ist in der Iridologie bekannt, dass die harnsaure Diathese (3.7.4) und hydrogenoide Konstitution (3.7.4) eine Tendenz zu rheumatischen Erkrankungen anzeigen. Im Fall der harnsauren Diathese ist die Stoffwechselsituation dadurch gekennzeichnet, dass aufgrund der Ausscheidungsschwäche der Nieren und des verringerten Abbaus der Harnsäure vermehrt Harnsäure im Blut zirkuliert und im Bindegewebe abgelagert wird. Bei der hydrogenoiden Konstitution steht hingegen die eingeschränkte Tätigkeit des Lymphsystems im Vordergrund. Die mangelhafte Entsorgung der Stoffwechselendprodukte aus den Geweben führt dazu, dass sich Toxine im Bindegewebe ablagern und rheumatische Beschwerden hervorrufen.
Die konstitutionellen Gegebenheiten des Patienten in das Therapiekonzept einbindend, sollte bei Patienten mit harnsaurer Diathese zunächst die Ernährung auf eine basenüberschüssige Kost (16.1) umgestellt und die Ausscheidungsfunktion der Nieren durch diuretisch wirksame Heilpflanzen (16.1) unterstützt werden. Purinreiche Nahrungsmittel sind strikt zu meiden. Bei Patienten mit einer hydrogenoiden Konstitution hingegen steht die Förderung der Ausleitung über Leber, Darm und Nieren in Form tonisierender Maßnahmen im Vordergrund. Diese Patienten neigen außerdem zu katarrhalischen Infekten und Wetterfühligkeit, was bei der Behandlung berücksichtigt werden muss.

Naturheilkundliche Therapie

Da viele Patienten mit chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparats auch Symptome einer Funktionsstörung von Leber, Galle und Darm aufweisen, sind ernährungstherapeutische Maßnahmen in das Behandlungskonzept zu integrieren: So kann in manchen Fällen eine Ernährung, die zunächst für einige Wochen tierische Eiweiße (z. B. Fleisch, Wurst, insbesondere Schweinefleisch sowie Eier, Milchprodukte) meidet, die Beschwerden lindern. Spricht der Patient auf diese Maßnahme an, so kann Fasten mit einer anschließenden Ernährungsumstellung auf eine rohkostreiche Vollwerternährung sinnvoll sein. Bei Störungen der Darmflora ist eine mikrobiologische Therapie (4.2.27) durchzuführen.
Entzündliche Prozesse (z. B. rheumatoide Arthritis, aktivierte Arthrose) sollten gemildert und die körpereigenen Abwehrkräfte aktiviert werden, z. B. durch ab- und ausleitende Verfahren und die Verordnung von Heilpflanzen oder phytotherapeutischen Präparaten (z. B. Bitterstoffdrogen).
Bei degenerativen Erkrankungen ist es wichtig, die Durchblutung zu fördern, den Gelenkstoffwechsel zu verbessern sowie die Stoffwechselendprodukte auszuleiten. Zusätzlich sollte auf eventuelle Fehlstellungen der Gelenke (z. B. Atlasverschiebungen, Beckenschiefstand) geachtet werden. Denn diese können langfristig Dysfunktionen (z. B. Myogelosen, Tendopathien) und Störungen (z. B. Ischialgie) hervorrufen. Chiropraktische und osteopathische Maßnahmen sind hilfreich, um die Beweglichkeit wieder herzustellen und zugleich die Ernährung und Entschlackung der Gelenke, Muskeln und Sehnen zu gewährleisten. Da der Bewegungsapparat als funktionelle Einheit gesehen werden muss, bleibt die Behandlung nicht auf die Lokalisation der Hauptbeschwerde beschränkt, sondern sollte zusätzlich alle blockierten Gelenke umfassen.
Da fast alle Erkrankungen des Bewegungsapparats mit erheblichen Muskelverspannungen einhergehen, die die Symptome verstärken, ist eine physikalische Therapie zur Lockerung der Muskulatur unbedingt zu empfehlen.

Anatomie und Physiologie

Hauptachsen des Körpers, Richtungsbezeichnungen, Bewegungsrichtungen 3.3
Binde- und Stützgewebe 3.5.2
Muskelgewebe 7.5.3
Innervation 9.2.14
Gelenke 9.2.15

Übersicht

Skelettsystem
Gelenke 9.2.15
Das Skelett (Knochengerüst Abb. 9.1) des Erwachsenen besteht aus über 200 Knochen, von denen allerdings einige im Laufe des Wachstums miteinander Skelettverschmelzen, wie z. B. die Hüftknochen. Zusammen mit den Muskeln und Bändern gibt das Skelett dem Körper seine Stabilität und ermöglicht zugleich seine Beweglichkeit.

Merke

Das Skelett lässt Rheumaknoten, rheumatisches Fiebersich in verschiedene Knochengruppen einteilen:

  • Schädel (Cranium)

  • Wirbelsäule (Columna vertebralis), einem Stützstab aus über 30 Einzelknochen, den Wirbeln

  • Brustkorb (Thorax)

  • Schultergürtel

  • Beckengürtel

  • obere Extremitäten (Arme)

  • untere Extremitäten (Beine)

Schädel, Wirbelsäule und Brustkorb werden zusammenfassend als Körperstamm bezeichnet, der über die Gürtelknochen von Schulter- und Beckengürtel mit den Extremitäten verbunden ist.
Zur oberen Extremität rechnet man den Schultergürtel, Ober- und Unterarm und die Hand. Der Schultergürtel als Verbindung zwischen Rumpf und Arm trennt gleichzeitig Hals und BrustkorbExtremität:obere.
Zur unteren Extremität zählen der Beckengürtel, der Oberschenkel, der Unterschenkel und der Fuß. Die untere Extremität ist weit größeren Kräften (Druck-, Zug- und Extremität:untereScherkräfte) ausgesetzt als die obere Extremität. Durch diese (Dauer-)Belastungen treten an den Gelenken wesentlich öfter Verschleiß- und Abnutzungserscheinungen auf, die man als degenerative Erkrankungen bezeichnet. Eine davon ist die Arthrose, die am Hüft- und Kniegelenk besonders häufig vorkommt. Auch Schäden am Kapselbandapparat kommen, v. a. durch Sportverletzungen, öfter vor als an der oberen Extremität.
Neben den lokal begrenzten Veränderungen gibt es aber auch Krankheiten, die als sog. Systemerkrankungen das gesamte knöcherne Skelett betreffen. So kommt es z. B. bei der Osteoporose zu einem Verlust von Knochensubstanz. Folge ist die Gefahr von Knochenbrüchen sowie Formveränderungen der Knochen, z. B. die Verkrümmung der Wirbelsäule.
Skelettmuskulatur
Innervation 9.2.14
Sämtliche Bewegungen des Körpers werden erst durch Kontraktionen der Skelettmuskeln Skelett:Muskulaturermöglicht, sei es das Händeschütteln, ein Lächeln oder das Muskulatur:SkelettAtmen. Skelettsystem und -muskulatur bilden eine funktionelle Einheit, die nur im Zusammenspiel ihre Aufgabe erfüllen kann.
Die einzelnen Muskeln (Abb. 9.2) lassen sich anatomisch normalerweise gut unterscheiden. In ihrer Funktion sind sie dennoch selten „Einzelkämpfer“, sondern Teil einer Muskelgruppe, welche einzelne Bewegungsabläufe ausführt. An den Muskeln selbst unterscheidet man den Muskelbauch und die, in Form und Länge sehr unterschiedlichen, Sehnen. Über die Sehnen wird die Kraft auf die einzelnen Skelettabschnitte übertragen.
Der Körper ist mit insgesamt über 700 Muskeln augestattet. Die meisten dieser Muskeln werden nach einem oder mehreren der folgenden Kriterien benannt:
  • Faserverlauf: Beispielsweise verlaufen die Fasern des M. transversus abdominis rechtwinklig (quer = transvers) zur Körpermittellinie.

  • Lage des Muskels: Der M. temporalis liegt nahe dem Os temporale (Schläfenbein).

  • Größe bzw. Länge des Muskels: Maximus bedeutet der größte, minimus bedeutet der kleinste, longus bedeutet der lange und brevis der kurze.

  • Zahl der Ursprünge: Der M. biceps brachii besitzt zwei, der M. triceps brachii drei und der M. quadriceps femoris vier Ursprünge.

  • Muskelform: Entsprechend ihrer Form erhielten z. B. der M. deltoideus (bedeutet dreieckig), der M. trapezius (bedeutet trapezförmig) oder der M. serratus anterior (bedeutet sägezahnförmig) ihre Namen.

  • Lokalisation von Ursprung und Ansatz: Der M. obturatorius externus und internus entspringen z. B. an der Membrana obturatoria.

Gelenke
Knochen können untereinander durch Zwischengewebe kontinuierlich (überall) oder diskontinuierlich (nur stellenweise) über einen Gelenkspalt und damit beweglich verbunden sein. LetzteresGelenk(e) ist ein Merkmal „echter“ Gelenke (Articulatio synovialis 7.5.2).
Eine Übersicht über die Gelenke gibt Tabelle 9.11 (9.2.15).

Schädel

Der Articulatio:synovialisSchädel (Abb. 9.3 bis Abb. 9.8) sitzt auf der Wirbelsäule und besteht aus zwei Knochengruppen: dem Hirnschädel (Neurocranium) und dem SchädelGesichtsschädel (Viscerocranium).

Merke

Strukturen des Hirnschädels

  • Stirnbein (Os frontale)

  • paariges Scheitelbein (Os parietale)

  • paariges Schläfenbein (Os temporale)

  • Hinterhauptbein (Os occipitale)

  • Keilbein (Os sphenoidale)

  • Siebbein (Os ethmoidale)

Strukturen des Gesichtsschädels

  • paariges Nasenbein (Os nasale)

  • Oberkiefer (Os maxillare)

  • paariges Jochbein (Os zygomaticum)

  • Unterkiefer (Os mandibulare)

  • paariges Tränenbein (Os lacrimale)

  • Gaumenbein (Os palatinum)

  • paarige untere Nasenmuschel (Concha nasalis inferior)

  • das Pflugscharbein (Vomer)

Hirnschädel
Die acht Schädel:HirnschädelKnochen des Schädel:GesichtsschädelHirnschädels (Abb. 9.3) umschließen die längsovale Schädelhöhle, die das Gehirn enthält. Dieses ruht auf der knöchernen Schädelbasis (Schädel:HirnschädelSchädelgrundplatte) und wird von der Schädelkalotte (Schädeldach) kapselartig eingeschlossen. Im Bereich Schädelbasisder Schädelkalotte sind die Knochen platt, an der Schädelbasis z. T. bizarr geformt und mit Hohlräumen Kalotteausgestattet.
Stirn- und Scheitelbein
SchädelkalotteDas Stirnbein (Os frontale Abb. 9.3, Abb. 9.4) bildet die Stirn, Scheitelbeindas Dach der Augenhöhle (Orbita) und den Stirnbeingrößten Teil der vorderen SchädelgrubeOs(-sa):frontale. Im mittleren Stirnbereich sind meist asymmetrisch die Stirnhöhlen (Sinus frontales) Orbitaangelegt. Die mit Epithel ausgekleideten Kammern stehen mit der Nasenhöhle in Verbindung.
Die beiden StirnhöhlenScheitelbeine (Ossa parietalia) bilden denSinus:frontales größten Teil der Schädelkalotte.
Schläfenbeine
Die beiden Schläfenbeine (Ossa temporalia Abb. 9.3) bildenOs(-sa):parietalia einen Teil der Schädelbasis und des Schädeldachs. Die Fossa mandibularisSchläfenbeine (Kiefergelenkpfanne) umfasst den Os(-sa):temporaliaGelenkfortsatz des Unterkiefers und bildet mit ihm das Kiefergelenk. Ein Teil des Schläfenbeins, das Felsenbein (Pars Fossa(ae):mandibularispetrosa) trennt an der inneren Schädelbasis mittlere und hintere Schädelgrube (Abb. 9.7). Sein oberer Rand hat etwa die Form Felsenbeineiner Pyramide. Das Felsenbein beherbergt das Hör- und Pars petrosaGleichgewichtsorgan und den inneren Gehörgang (Meatus acusticus internus). Durch den Gehörgang zieht der Hör- und Gleichgewichtsnerv und erreicht nach Durchtritt durch den Porus Gehörgangacusticus internus (Abb. 9.7Meatus acusticus) die hintere Schädelgrube. Der äußere Gehörgang (Meatus acusticus externus) ist ein Kanal im Schläfenbein, der die Ohrmuschel mit dem Mittelohr verbindet.
Porus acusticus internusDer Warzenfortsatz (Processus mastoideus) ist ein abgerundeter Knochenvorsprung am Hinterrand des Schläfenbeins (Abb. 9.3, Abb. 9.6). WarzenfortsatzEr enthält, wie das Stirnbein, luftgefüllteProcessus:mastoideus, mit Schleimhaut ausgekleidete Hohlräume (Cellulae mastoideae), die mit der Paukenhöhle verbunden sind. Am Warzenfortsatz setzen verschiedene Halsmuskeln an. Ein zweiter Vorsprung, der Griffelfortsatz (Processus Cellulae:mastoideaestyloideus), liegt an der Unterfläche des Schläfenbeins und dient als Ansatzstelle für die Muskeln und Bänder von GriffelfortsatzZungenbein und Nacken. Die Seitenansicht des Schädels in Abbildung 9.3 zeigt, dass Processus:styloideusdas Schläfenbein und das davor gelegene Jochbein (Os zygomaticum) Fortsätze besitzen, die zusammen den Jochbogen (Arcus Jochbeinzygomaticus) bilden.
Hinterhauptbein
Os(-sa):zygomaticumDas JochbogenHinterhauptbein (Os occipitale Abb. 9.3) macht den Arcus:zygomaticushinteren Teil der Schädelhöhle aus und bildet den Hinterhaupthöcker der äußerenHinterhauptbein Schädelbasis. Durch das große Hinterhauptloch (Foramen Os(-sa):occipitalemagnum Abb. 9.6) ziehen das verlängerte Rückenmark sowie die Wirbelsäulenarterie und -nerven hindurch.
Der Condylus occipitalis (Abb. 9.6) ist ein Hinterhauptlochovaler Vorsprung, der beidseitig neben dem Foramen magnum liegt und ein Gelenk mit dem 1. Halswirbel, dem Atlas (Abb. 9.14), bildet.
Am seitlichen Übergang zum SchläfenbeinCondylus:occipitalis bleibt etwa in der Mitte eine Lücke, Foramen jugulare genannt, die die Vena jugularis und die Hirnnerven IX, X und XI durchtreten lässt.
An der Außenfläche des Hinterhauptbeins setzen Teile der Nackenmuskulatur an.
Keilbein
DasForamen(-ina):jugulare Keilbein (Os sphenoidale Abb. 9.3, Abb. 9.6) ist der zentrale Knochen der Schädelbasis, weil er mit allen anderen Knochen des KeilbeinHirnschädels verbunden ist. Seine Form ist der einer Wespe mit Os(-sa):sphenoidaleausgestreckten Flügeln (große Keilbeinflügel) vergleichbar. Der innere würfelförmige Anteil des Keilbeins enthält die Keilbeinhöhle (Sinus sphenoidalis Abb. 9.4), die mit der Nasenhöhle verbunden ist. Im hinteren Bereich des Keilbeinkörpers befindet Keilbeinhöhlesich eine Oberflächenvertiefung, der Türkensattel (Abb. 9.7Sinus:sphenoidale). Davor liegen die kleinen Keilbeinflügel, an deren Wurzeln die Sehnervenkanäle (Canales optici) verlaufen. TürkensattelDiese verbinden die Augenhöhlen (Orbitae) mit der Schädelgrube und enthalten die Sehnerven und die Augenarterien. Nach ihrem Eintritt in die Schädelhöhle kreuzt ein Teil der Canalis:opticusSehnervenfasern im Chiasma opticum (Sehnervenkreuzung), das in einer flachen Knochenfurche vor dem Vorderrand des Türkensattels liegt.
Siebbein und Nasenmuscheln
Chiasma opticumDas SiebbeinSehnervenkreuzung (Os ethmoidale Abb. 9.3) ist ein leichter, spongiöser (Siebbeinschwammartiger) Knochen, der zwischen den beiden Augenhöhlen Nasemuschelneingefügt ist. Es umschließt 3–18 Siebbeinzellen (Cellulae ethmoidales Os(-sa):ethmoidale Abb. 9.4). Die Siebbeinzellen werden in ihrer Gesamtheit Siebbeinhöhle (Sinus ethmoidalis 12.2.3) genannt. Cellulae:ethmoidalesNach unten ist das Siebbein zur Lamina perpendicularis (senkrechte Platte Abb. 9.4) Sinus:ethmoidalisverlängert. Diese bildet den oberen Teil der Nasenscheidewand. Die obere Begrenzung des Siebbeins, die Lamina cribrosa (SiebplatteLamina:perpendicularis), bildet das Dach der Nasenhöhle zur Schädelgrube hin. Durch kleine Löcher in dieser dünnen Platte ziehen die Axone des Lamina:cribrosaRiechnervs von der Nase zum Gehirn.
Am Siebbein hängen zwei dünne Knochen, dieSiebplatte wie Papierrollen eingerollt sind. Sie ragen in die Nasenhöhle und heißen obere und mittlere Nasenmuschel (Concha nasalis/Conchae superior und medialis Abb. 9.5).
Sie vergrößern die Oberfläche der Concha nasalis/Conchae Concha nasalis:superiorNasenhöhlenwände, was für die Reinigung der Atemluft von Bedeutung ist.
Schädelbasis
Die Schädelbasis lässt sich von oben (Concha nasalis:medialisinnere Schädelbasis Abb. 9.7) und von unten (äußere Schädelbasis Abb. 9.6) betrachten.

Merke

Die innere Schädelbasis besitzt von vorn nach hinten treppenförmig angeordnet drei Einsenkungen, die Schädelgruben, in denen die verschiedenen Lappen des Gehirns liegen.

Vordere Schädelgrube
SchädelbasisDie vordere Schädelgrube (Fossa cranii anterior) Schädelgrubenliegt am höchsten und wird von Teilen des Stirnbeins, des Siebbeins und den kleinen Schädelgrube:vordereKeilbeinflügeln gebildet. In der vorderen Schädelgrube befinden sich das Riechhirn und die StirnlappenFossa(ae):cranii des Großhirns (23.2.2). Unter der vorderen Schädelgrube liegen die Augenhöhlen (Orbitae).
Mittlere Schädelgrube
Die mittlere Schädelgrube (Fossa cranii media) trägt die Schläfenlappen des Gehirns. Sie wird in der Mitte vom Keilbeinkörper und an den Seiten von den großen Keilbeinflügeln sowie den Felsenbeinen (Schädelgrube:mittlerePars petrosa), den jeweils inneren Anteilen der Schläfenbeine, gebildet. Der Keilbeinkörper hat hier eine besondere Form: Zwischen Vorder- und Hinterrand senkt er sich so ab, dass dieser Bereich Felsenbeinan einen türkischen Pferdesattel erinnert – er heißt deshalb Türkensattel (Sella turcica). In einer Vertiefung (Fovea hypophysalis) liegt hier, gut geschützt durch die Dura mater (harte Hirnhaut), die Hypophyse (Sella turcicaHirnanhangdrüse), eine wichtige Hormondrüse.
Hintere Schädelgrube
Die hintere Fovea hypophysalisSchädelgrube (Fossa cranii posterior) wird vorne aus der Rückseite des Türkensattels (Dorsum sellae) und den Felsenbeinen und hinten aus dem Hinterhauptbein mit dem Foramen magnum Schädelgrube:hintere(großes Hinterhauptloch) gebildet. Der hinteren Schädelgrube liegt das Kleinhirn auf (23.2.8). Wie Abbildung 9.7 zeigt, hat die Schädelbasis noch viele andere Löcher und Furchen, die Gefäße und Nerven aus dem Schädelinneren zum Körper bzw. umgekehrt durchtreten lassen.
Die äußere Schädelbasis setzt sich aus Knochen des Hirnschädels und des Gesichtsschädels zusammen.
Schädelnähte
Der Schädel des heranwachsenden Fetus und des Neugeborenen besteht aus schollenartigen Knochenplatten. Die Spalträume dazwischen, Schädelnähte (Suturae Abb. 9.8) genannt, sind zum Zeitpunkt Schädelnähteder Geburt nur durch Bindegewebe verschlossen, d. h. die Knochenplatten lassen sich noch gegeneinander verschieben. Etwa im fünften Lebensmonat schließen sich die Nähte, sodass die Knochen des Gehirnschädels exakt aneinanderstoßen, lediglich das Schläfenbein liegt nicht Stoß an Stoß am Scheitelbein an, vielmehr liegt es wie eine Schublade auf dem Scheitelbein auf. Eine geringfügige Beweglichkeit der suturalen Verbindungen bleibt bis ins hohe Alter bestehen.
Bei der Geburt klaffen in den Bereichen, in denen drei oder mehr Knochenplatten aneinanderstoßen, relativ weite Lücken. Diese weichen, bindegewebig überbrückten Stellen heißen Fontanellen (Abb. 9.8). Sie haben eine charakteristische Form und ermöglichen dem Geburtshelfer unter der Geburt eine gute Orientierung über die Lage des kindlichen Kopfs im mütterlichen Becken.

Merke

Man unterscheidet vier Schädelnähte:

  • Die Kranznaht (Sutura coronalis) grenzt das Stirnbein von den beiden Scheitelbeinen ab.

  • Die Pfeilnaht (Sutura sagittalis) liegt zwischen den beiden Scheitelbeinen, etwa unterhalb eines Mittelscheitels der Frisur.

  • Die Lambdanaht (Sutura lambdoidea) ist die Grenze zwischen Scheitelbeinen und Hinterhauptbein.

  • Die Schuppennaht (Sutura squamosa) liegt zwischen Schläfen- und Scheitelbein.Fontanellen

Gesichtsschädel
Sutura:sagittalis Sutura:coronalis Pfeilnaht Lambdanaht Kranznaht

Merke

Der Gesichtsschädel (Abb. 9.3) befindet sich unterhalb der Schädelbasis und bildet die Wandungen von Augen-, Nasen- und Mundhöhle. Er setzt sich zusammen aus Ober- und Unterkiefer, Joch-, Gaumen- und Tränenbein, Nasenbein und Pflugscharbein. Er ist durch das Siebbein mit dem Hirnschädel verbunden.Sutura:lambdoidea

Die paarigen Sutura:squamosaSchuppennahtTränenbeine (Ossa lacrimalia, lat. lacrimaGesichtsschädel = Träne Abb. 9.5) sind fingernagelgroße, dünne Knochen an der Innenseite der Augenhöhle. Sie sind die kleinsten TränenbeineKnochen des Gesichts.
Der Oberkieferknochen (Maxilla) bildet das Os(-sa):lacrimaliaMittelstück und ist mit jedem der übrigen Knochen verbunden. Er umschließt beidseits die Kieferhöhlen (Sinus maxillares), die mit der Oberkieferknochenjeweils gleichseitigen Nasenhöhle in Verbindung stehen. Der Zahnfortsatz (Processus alveolaris) Kieferhöhlenverstärkt den Sinus:maxillaresUnterrand des Oberkiefers und nimmt in zweimal acht „Fächern“ (Alveoli dentales) die obere Zahnreihe aufZahnfortsatz. Nach hinten oben ragt der Processus:alveolarisJochfortsatz (Processus zygomaticus Abb. 9.3) hervor. Er Alveoli dentalesformt zusammen mit dem Jochbein (Os zygomaticum) das Wangenprofil. Im vorderen Anteil des JochfortsatzOberkiefers befindet sich der Gaumenfortsatz (Processus palatinus Processus:zygomaticusAbb. 9.6). Er bildet zusammen mit dem Gaumenbein (Os palatinum) den harten GaumenfortsatzGaumen (Palatum durum). Die Processus:palatinusbeiden GaumenbeineGaumenbein sind L-förmige Knochen, die den Os(-sa):palatinumhinteren Anteil des harten Gaumens bilden.
Knöcherne Begrenzungen der Nase
Gaumen:harterDas paarig angelegte Palatum durumNasenbein (Os nasale Abb. 9.5) bildet den oberen Teil Nase:Anatomiedes Nasenrückens. Nase:knöcherne BegrenzungDer untere Anteil des Nasenrückens besteht aus Knorpel (Cartilago nasi). Er bildet außerdem denNasebein Hauptanteil des Os(-sa):nasaleNasenseptums (Nasenscheidewand), an der sich auch das Siebbein Cartilago nasiund das Pflugscharbein (Vomer) beteiligen (Abb. 9.5). Die knöcherne Nasenhöhle wird durch das NasenseptumNasenseptum in eine rechte und eine linke Höhle geteilt. Die untere Nasenmuschel (NasenscheidewandConcha nasalis inferior) ist ein rinnenförmiger Knochen und über einen Fortsatz (Processus maxillaris) mit der Kieferhöhle verbunden. Sie dient – genauso wie die kleinere mittlere und die obere Nasenmuschel (Abb. 9.5)Concha nasalis:inferior – der Oberflächenvergrößerung der Nasenschleimhaut.
Das Pflugscharbein (Vomer) ist ein rechteckiger, von vorne zur Keilbeinhöhle ziehender Knochen, der den unteren und hinteren Anteil des Nasenseptums bildet. Vorne und unten grenzt es an Pflugscharbeinden harten Gaumen, oben an die Lamina Vomerperpendicularis (senkrechte Platte) des Siebbeins und hinten an das Keilbein.
Die Nasennebenhöhlen (Sinus paranasales 12.2.3) Gaumen:harterbefinden sich in den die Nasenhöhle umgebenden Knochen und sind mit Schleimhaut ausgekleidet.
Unterkiefer
Der NasennebenhöhlenUnterkiefer (Mandibula Sinus:paranasalesAbb. 9.9) ist der größte und der einzige frei bewegliche Knochen des Gesichtsschädels. Er besteht aus einem hufeisenartig nach Unterkieferhinten gebogenen Unterkieferkörper und zwei Seitenästen (Rami mandibulae), die vonMandibula dem unterhalb des Ohrs leicht fühlbaren Unterkieferwinkel (Angulus mandibulae) aus fast senkrecht nach oben aufsteigen. Jeder Seitenast schließt nach oben hin mit zwei Fortsätzen ab: Auf dem weiter hinten gelegenen Gelenkfortsatz (Processus condylaris) liegt die Gelenkfläche, die mit der Fossa mandibularis des Schläfenbeins und einer kleinen Articulatio:temporomandibularisKnorpelscheibe das Kiefergelenk (9.2.14) bildet. An dem weiter vorn gelegenen Kronenfortsatz (ProcessusProcessus:condylaris coronoideus) setzt der Schläfenmuskel (M. temporalis) an. Der Zahnfortsatz (Pars alveolaris) am Oberrand des Unterkieferkörpers nimmt Kronenfortsatzdie Zahnwurzeln des Unterkiefergebisses auf. Der untere, kräftigere Teil des Processus:coronoideusUnterkieferkörpers besitzt zwei Löcher an seiner Vorderseite (Foramina mentalia), durch die der Unterkiefernerv aus dem 3. Ast des N. trigeminus eintritt.
Zungenbein
Das Zungenbein (Os hyoideum, hyoid = U-förmig) ist der einzige Knochen des Körperstamms, der nicht in direkter Zunge:AnatomieNachbarschaft oder gelenkiger Verbindung mit einem anderen Knochen Zungenbeinsteht. Das Zungenbein befindet sich im Halsbereich zwischen dem Os(-sa):hyoideumUnterkiefer und dem Kehlkopf. Über viele Muskeln ist das Zungenbein mit dem Mundboden und dem Griffelfortsatz des Schläfenbeins, dem Kehlkopf, dem Brustbein und sogar mit dem Schulterblatt verbunden. Deshalb ist das Zungenbein hochbeweglich und unterstützt so wirkungsvoll den Kauakt und die Bewegungen der Zunge beim Sprechen.
Im Einzelnen unterscheidet man eine obere und eine untere Zungenbeinmuskelgruppe (Abb. 9.17). Zu der oberen Gruppe zählen folgende Muskeln:
  • M. digastricus: zieht mit einem hinteren Bauch (Venter posterior) vom Warzenfortsatz zum Zungenbein und läuft mit seinem Zunge:Muskulaturvorderen Bauch (Venter anterior) bis zur Innenseite der Unterkiefermitte

  • M. Musculus/Musculi:digastricusstylohyoideus: zieht vom Griffelfortsatz zum Zungenbein

  • M. mylohyoideus: reicht vom Innenrand des Musculus/Musculi:stylohyoideusUnterkiefers plattenförmig bis zum Zungenbein

  • M. geniohyoideus: zieht von der Musculus/Musculi:mylohyoideusZungenbeinmitte zur Unterkiefermitte

Die unteren Zungenbeinmuskeln, auch Rectus-Gruppe genannt, zählen zu den Musculus/Musculi:genohyoideusHalsmuskeln und werden dort erläutert (9.2.3).
Wichtige Muskeln im Kopfbereich
Mimische Muskulatur
Die mimische Muskulatur (Rectus-Gruppe, ZungenbeinmuskelGesichtsmuskulatur) ermöglicht uns, Gefühlsregungen wie Staunen und Entsetzen, Freude oder Trauer auszudrücken. Die meisten dieser Muskeln Muskulatur:mimischenehmen dadurch eine Sonderstellung unter den Körpermuskeln ein, da sie nicht über Gelenke hinwegziehenGesichtsmuskulatur, sondern – oft ohne Zwischenschaltung einer Sehne – direkt an der Gesichtshaut ansetzen. Sie bewegen deshalb Gesichtshautpartien und lassen Falten, Runzeln und Grübchen entstehen, wodurch sie dem Gesicht seinen Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten verleihen, die abhängig vom seelischen Zustand wechseln.
Die wichtigsten mimischen Muskeln sind (Abb. 9.10, Innervation 9.2.14):
  • M. frontalis (Stirnmuskel): runzelt die Stirn und verschiebt die Kopfhaut

  • M. orbicularis oculi (Augenringmuskel): Musculus/Musculi:frontalisschließt die Augen

  • Stirnmuskel M. levator palpebrae superioris (Lidheber): hebt das LidMusculus/Musculi:orbicularis oculi

  • M. Augenringmuskelorbicularis oris (Ringmuskel des Mundes):Musculus/Musculi:levator palpebrae superioris schließt den Mund und presst die Lippen zusammen

  • M. Lidheberzygomaticus (Jochbeinmuskel): hebt Musculus/Musculi:orbicularis orisdie Mundwinkel zum Lachen oder Lächeln seitlich nach oben

  • M. buccinator (Wangenmuskel)

  • M. Musculus/Musculi:zygomaticusrisorius (JochbeinmuskelLachmuskel): lässt „Musculus/Musculi:buccinatorLachgrübchen“ entstehen, indem er die Mundwinkel Wangenmuskelzur Seite zieht

  • Platysma (Halshautmuskel): zieht Musculus/Musculi:risoriusden unteren TeilLachmuskel der Unterlippe nach unten und hinten

Kaumuskulatur

Merke

Die Kaumuskulatur bewegt den Unterkiefer. Sie ermöglicht das Beißen und Kauen und beteiligt sich an der Lautbildung und am Sprechen. Beim Kauen spielen Bewegungen in drei verschiedene Richtungen eine Rolle:

  • Öffnen und Schließen des Mundes

  • Seitverschieben und Zurückziehen des Mundes

  • kreisförmige Mahlbewegungen

Drei am PlatysmaHalshautmuskelUnterkiefer ansetzende Muskeln bzw. Muskelgruppen sind im Wesentlichen für die Kaubewegungen im Kiefergelenk Kaumuskulaturverantwortlich (Innervation 9.2.14):
  • M. masseter (Muskulatur:MundKaumuskel Abb. 9.10)

  • Mm. pterygoideus medialis und lateralis (mittlerer und seitlicher Flügelmuskel, auch Musculus/Musculi:masseterinnerer und äußerer Flügelmuskel genannt)

  • M. temporalis (Schläfenmuskel)Musculus/Musculi:pterygoideus

Ferner beteiligen sich die FlügelmuskelWangen-, Mundboden-, Lippen-, Zungenbein- und Zungenmuskeln als akzessorische (hinzutretende, weniger wichtigeMusculus/Musculi:temporalis) Kaumuskeln am Kauvorgang.

Wirbelsäule, Hals- und Rückenmuskulatur

Aufbau der Wirbelsäule
SchläfenmuskelDie Wirbelsäule (Columna vertebralis) bildet die große Achse unseres Skeletts. Sie besteht aus 24 segmentförmigen Knochen, den Wirbeln (Vertebrae) sowie dem Kreuzbein und dem Wirbelsäule:AufbauSteißbein. Die Wirbel sind gegeneinander beweglich und erlauben dadurch BewegungenColumna vertebralis nach vorn, hinten, links, rechts und um die eigene Achse. Diese Beweglichkeit wird von den Bandscheiben unterstützt, die außerdem zusammen mit vielen Bändern die Wirbelsäule stabilisieren.
Die Wirbelsäule umschließt und schützt das Rückenmark, das durch die Wirbellöcher nach unten zieht. Sie trägt den Kopf und ist an ihrem unteren Ende mit dem Becken verbunden. Von ihr gehen die Rippen aus, und sie bildet Ursprung und Ansatz der Rückenmuskulatur.
Zwischen den Wirbeln liegen Öffnungen, die man Zwischenwirbellöcher (Foramina intervertebralia) nennt. Durch sie verlaufen Nerven, die vom Rückenmark ausgehen oder zum Rückenmark führen, die Spinalnerven.

Merke

Die Wirbelsäule hat fünf Abschnitte:

  • Halswirbelsäule (HWS) mit 7 Halswirbeln (kurz: C 1–C 7, lat. cervix = Hals)

  • Brustwirbelsäule (BWS) mit 12 Brustwirbeln (Th 1–Th 12, lat. thorax = Brustkorb)

  • Lendenwirbelsäule (LWS) mit 5 Lendenwirbeln (L 1–L 5, lat. lumbus = Lende)

  • Kreuzbein (Os sacrum), zu dem 5 Sakralwirbel (lat. sacralis = heilig) verschmolzen sind

  • Steißbein (Os coccygis), gebildet aus 3–5 verkümmerten Steiß-„Wirbeln“

Krümmungen der Wirbelsäule
Von vorn gesehen ist Foramen(-ina):intervertebraliadie gesunde Wirbelsäule nahezu gerade. Betrachtet man die Wirbelsäule jedoch von der Seite, weist sie vier charakteristische Krümmungen auf (Abb. 9.11). Zwei von ihnen sind nach hinten gewölbt; sie Wirbelsäule:Krümmungenheißen Brustkyphose und Sakralkyphose. Bei den anderen beiden weist die Bogenkrümmung nach vorn. Sie werden als Halslordose und Lendenlordose bezeichnet.Brustkyphose

Merke

Die physiologischen Krümmungen der Wirbelsäule:

  • Halslordose

  • Brustkyphose

  • Lendenlordose

  • Sakralkyphose

Diese SakralkyphoseKrümmungen verleihen der HalslordoseWirbelsäule eine hohe Stabilität, da durch sie die Belastungen,Lendenlordose die bei den verschiedenen Bewegungen auftreten, auf alle Wirbel Lordosegleichmäßig verteilt werden.
Wirbel
Die Wirbel habenKyphose vom 3. Halswirbel bis zum 5. Lendenwirbel einen ähnlichen Aufbau, jedoch unterscheiden sie sich, je nach den funktionellen Erfordernissen der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte, in Größe und Form.
  • Der Wirbelkörper (Corpus vertebrae Abb. 9.12Wirbelkörper) ist eine dicke rundliche Knochenscheibe. Die Wirbelkörper bilden den gewichtstragenden Teil der Wirbelsäule. Da alle Wirbelkörper übereinander liegen, sind sie für die charakteristische Säulenform unserer Körperachse Corpus:vertebraeverantwortlich.

  • An der Hinterfläche des Wirbelkörpers setzt eine Knochenspange an, der Wirbelbogen (Arcus vertebrae). Er umgibt das Wirbelloch (Foramen vertebrale). Alle Wirbellöcher zusammen bilden den Wirbelkanal (WirbelbogenSpinalkanal), durch den das RückenmarkArcus:vertebrae vom großen Hinterhauptloch Foramen(-ina):vertebralenach unten zieht.

  • Vom Wirbelbogen gehen drei Knochenfortsätze aus, an denen Muskeln entspringen und ansetzen (WirbelkanalAbb. 9.12): der nach hinten unten zeigende Dornfortsatz (Processus Spinalkanalspinosus) und links und rechts davon je ein Querfortsatz (Processus transversus).

  • Etwa auf Höhe der Querfortsätze Dornfortsatzentspringen Processus:spinosusdem Wirbelbogen ferner je 2 Gelenkfortsätze nach oben und unten (Processus articularis superior und Querfortsatzinferior Abb. 9.15). Sie Processus:transversusverbinden die Wirbel untereinander (9.2.14). Zwischen den unteren Gelenkfortsätzen und dem zugehörigen Wirbelkörper bleibt immer ein Freiraum, der oben vom Wirbelbogen abgeschlossen ist (Incisura Processus:articularisvertebralis inferior).

  • Ein sehr viel kleinerer Einschnitt befindet sich auch zwischen oberem Gelenkfortsatz und Wirbelkörper (Incisura vertebralis superior Abb. 9.15). Diese beiden Einschnitte liegen bei benachbarten Wirbeln direkt Incisura:vertebralisübereinander und bilden das jeweilige Zwischenwirbelloch (Foramen intervertebrale). Durch die Zwischenwirbellöcher verlassen die Spinalnerven (23.2.10) den Wirbelkanal.

Bandscheiben
Zwischen den Wirbelkörpern der HWS, BWS und LWS sowie Foramen(-ina):intervertebralezwischen L5 und Kreuzbein liegen die Bandscheiben (Zwischenwirbelscheiben Abb. 9.13, Disci intervertebrales).

Merke

Jede Bandscheibe ist etwa 5 mm dick und besteht aus folgenden zwei bindegewebigen Schichten:

  • Außenring, der Anulus fibrosus, mit derben kollagenen Fasern und Faserknorpel

  • Gallertkern, der Nucleus pulposus, der wie ein Wasserkissen die Druckunterschiede zwischen zwei Wirbeln ausgleicht, wenn diese sich gegeneinander bewegen (Abb. 9.13)

Die BandscheibenBandscheiben bilden die elastischen Verbindungen der Wirbelkörper Disci intervertebralesuntereinander. Sie erhöhen die Beweglichkeit der Wirbelsäule, indem sie Anulus fibrosussich entsprechend mitverformen, und fangen wie ein Nucleus:pulposusStoßdämpfer Stauchungen der Wirbelsäule ab, z. B. wenn man von einer Treppenstufe springt.
Halswirbelsäule
Die Halswirbelsäule (HWS) ist der beweglichste Teil der gesamten Wirbelsäule. Im Gegensatz zum 3.–7. Halswirbel, die in der Halswirbelsäule (HWS):AnatomieForm den übrigen Wirbeln entsprechen, weisen die ersten beiden Wirbelsäule:HalswirbelsäuleHalswirbel eine besondere Form auf.
Der 1. Halswirbel (Atlas) hat die Form eines HWS\t \"s. Halswirbelsäuleknöchernen Rings (Abb. 9.14), auf dessen Oberfläche sich zwei Gelenkflächen befinden, denen der knöcherne Schädel mit den entsprechenden Gelenkflächen des Hinterhauptbeins aufsitzt. Diese gelenkige Verbindung schafft die Grundvoraussetzung für Atlasdie Nickbewegung des Kopfs, die von den folgenden Halswirbeln lediglich unterstützt wird.
Der 2. Halswirbel, Axis genannt, hat als Besonderheit einen in den Ring des Atlas emporragenden Knochenzapfen. Um diesen Dens axis oder Zahn kann sich der Atlas drehen (Zapfengelenk Abb. 9.14), wodurch Drehbewegungen des Kopfs Axismöglich werden. Der Dens füllt jedoch nur den vorderen Teil des Atlasrings aus. Getrennt durch eine Bindegewebsmembran verläuft im hinteren, Dens:axisgrößeren Teil des Atlasrings das Rückenmark.
Die Wirbelkörper der Wirbel C 3–C 7 sind relativ klein im Vergleich zu ihrem Wirbelloch. Die Querfortsätze sind platt und haben im Gegensatz zur restlichen Wirbelsäule je ein Loch (Foramen transversarium), durch das hirn- und rückenmarksversorgende Gefäße (A. und V. vertebralis) ziehen (Abb. 9.15).
Die Dornfortsätze von C 2–C 6 sind meist an ihren Enden zweigeteilt. Der 7. Wirbel (C 7) wird auch Vertebra prominens („vorragender Wirbel“)Foramen(-ina):transversarium genannt, da sein Dornfortsatz am weitesten nach dorsal vorspringt. Er bietet beim Tasten durch die Haut einen guten topografischen Anhaltspunkt für den Übergang zwischen HWS und BWS.
Brustwirbelsäule
Die Brustwirbelsäule (BWS) Vertebra prominensist ein wenig beweglicher Wirbelsäulenabschnitt – die Haltefunktion für den Brustkorb steht im Wirbelsäule:BrustwirbelsäuleVordergrund. Die Brustwirbel sind beträchtlich größer und stärker gebaut als dieBrustwirbelsäule (BWS) Halswirbel. Das Wirbelloch ist annähernd rund und etwa fingerdick. Ihre BWS\t \"s. BrustwirbelsäuleDornfortsätze weisen steil nach kaudal und liegen somit dachziegelartig übereinander. Dadurch endet der Dornfortsatz des oberen Wirbels jeweils in Höhe der Querfortsätze des darunterliegenden Wirbels. Dies zu wissen ist wichtig zur Orientierung bei der Palpation der Brustwirbel.
Außer Th 11 und Th 12 besitzen alle Brustwirbel an ihrem Körper und am Querfortsatz Gelenkflächen für die Verbindung mit den Rippen (Abb. 9.15). Th 11 und Th 12 tragen nur Gelenkflächen am Wirbelkörper.
Lendenwirbelsäule
In der Lendenwirbelsäule (LWS) finden sich die größten Wirbel des Menschen. Sie haben einen massigen Körper und ein vergleichsweise Wirbelsäule:Lendenwirbelsäulekleines, annähernd dreieckiges Wirbelloch (Abb. 9.15). Sie sindLendenwirbelsäule (LWS) nicht mehr mit Rippen verbunden, besitzen aber einen Rippenfortsatz (Processus LWS\t \"s. Lendenwirbelsäulecostarius), der entwicklungsgeschichtlich einer verkümmerten Rippe entspricht. Von den ursprünglichen Querfortsätzen sind dagegen nur die kleinen Processus accessorii übriggeblieben. Die RippenfortsatzDornfortsätze der Processus:costariusLendenwirbel zeigen relativ gerade nach hinten. Der 5. LWK ist keilförmig, ebenso der darunterliegende 1. Kreuzbeinwirbel. Sie bilden den markanten Übergang von der Lendenlordose zur Sakralkyphose, das Processus:accessoriiPromontorium (Abb. 9.11).
Kreuzbein und Steißbein
Das Kreuzbein (Os sacrum) ist ein dreieckiger Promontoriumabgeplatteter Knochen, der aus Wirbelsäule:Steißbeinfünf miteinander verschmolzenen Wirbeln besteht (Abb. 9.16). Wirbelsäule:KreuzbeinDie Fusion der Wirbel beginnt zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr Kreuzbeinund ist normalerweise um das 25. Lebensjahr beendet. Das Kreuzbein Os(-sa):sacrumbildet den hinteren Mittelteil des Beckens und ist mit beiden Hüftknochen über das nahezu unbewegliche Sakroiliakalgelenk verbunden (9.2.15). Entsprechend den Zwischenwirbellöchern der übrigen Wirbelsäule stehen vier paarige Kreuzbeinlöcher (Foramina sacralia) mit dem Kreuzbeinkanal (Canalis sacralis) inSakroiliakalgelenk Gelenk(e):SakroiliakalgelenkVerbindung. Durch sie verlaufen die vorderen und hinteren Sakralnerven, wie die Spinalnerven in diesem Bereich heißen. Der Sakralkanal ist die Foramen(-ina):sacraliaVerlängerung des Wirbelkanals und nach unten offen. An der Hinterfläche des Kreuzbeins befinden sich ferner auch die Canalis:sacralisverkümmerten Dorn- und Rippenfortsätze, die wie eine Leiste angeordnet sind. Nach oben ist das Kreuzbein über ein relativ großes Zwischenwirbelgelenk, das Lumbosakralgelenk (9.2.15), mit dem 5. LWK verbunden und nach unten über ein starres Gelenk mit dem Steißbein (Os coccygis).
Die typische Wirbelform der LumbosakralgelenkGelenk(e):LumbosakralgelenkSteißbeinwirbel ist nicht mehr erkennbar. Die 3–5 Wirbelrudimente können miteinander verschmolzen sein oder einzeln auftreten.
Halsmuskulatur
Innervation 9.2.14Steißbein
Die feingliedrige Os(-sa):coccygisHalsmuskulatur kann in zwei Gruppen eingeteilt werden, die durch die großen Halsleitungsbahnen (Speise- und Luftröhre) getrennt sind. Vor den bzw. seitlich der LeitungsbahnenHalsmuskeln liegen die vorderen oder oberflächlichen Muskulatur:HalsHalsmuskeln (Abb. 9.17):
  • Platysma (Halshautmuskel): großer flächiger Muskel, der seiner Funktion nach noch der mimischen Muskulatur zuzurechnen ist

  • M. sternocleidomastoideus (Kopfwender): Halsmuskeln:vordereverbindet Brustkorb mit dem PlatysmaKopf und ermöglicht das Drehen und Vorbeugen des Kopfs

  • untere Zungenbeinmuskeln (Rectus-Gruppe): verdanken ihre Bezeichnung Musculus/Musculi:sternocleidomastoideusihrem überwiegend geraden Verlauf Kopfwender(lat. rectus = gerade). Ihre Aufgabe ist es, das Zungenbein (9.2.2) festzuhalten sowie die Bewegungen des Kehlkopfs zu unterstützen.

Hinter den großen Halsleitungsbahnen liegen Zungenbeinmuskelndie hinteren oder tiefen Halsmuskeln. Zu ihnen gehört die Gruppe der Treppenmuskeln (Mm. scaleni), bestehend aus M. scalenus anterior, medius und posterior (vorderer, mittlerer und hinterer Treppenmuskel). Alle drei Scalenus-Muskeln befinden sich im hinteren, Treppenmuskelseitlichen Bereich des Halses (Abb. 9.18). Sie unterstützen die Einatmung, indem sie die Musculus/Musculi:scalenusersten Rippen anheben. Außerdem wirken sie bei der Beugung und Seitwärtsdrehung der HWS mit. In ihrem gesamten Verlauf von den Querfortsätzen der sieben Halswirbel bis zur 1. und 2. Rippe überziehen sie zeltförmig einen Teil des oben offenen, knöchernen Thorax und schützen so das darunterliegende Lungengewebe und die dort verlaufenden Gefäße. Der vordere und der mittlere Treppenmuskel bilden die sog. Scalenuslücke, einen wichtigen Durchgang für das Armgeflecht (Plexus brachialis 23.2.10) und die A. subclavia (11.2.2).
Eine weitere Gruppe der hinteren Halsmuskeln sind die prävertebralen Halsmuskeln (Abb. 9.18), die direkt vor der Wirbelsäule liegen. ScalenuslückeSie unterstützen die Seitwärtsbewegung des Kopfs und dessen Beugung nach vorne:
  • kurzer M. rectus capitis anterior zwischen dem Querfortsatz des Atlas und Halsmuskeln:prävertebraleHinterhauptbein

  • spindelförmiger M. longus capitis zwischen den Querfortsätzen des 3.–6. Halswirbels und Musculus/Musculi:rectus capitis anteriorHinterhauptbein

  • schlanker M. longus colli, dessen drei Anteile die Wirbelkörper und Musculus/Musculi:longus capitisQuerfortsätze sämtlicher Halswirbel sowie der oberen Brustwirbel miteinander verbinden

Autochthone Rückenmuskulatur
Innervation 9.2.14
Als autochthone Musculus/Musculi:longus colliRückenmuskulatur (griech. autochthon = an Ort und Stelle entstanden) werden im Bereich von Rücken und Nacken gelegene Muskeln bezeichnet, die sich im Muskulatur:RückenRahmen der Embryonalentwicklung an Ort und Stelle gebildet haben, was sich aus ihrer Innervation erkennen lässt.
Die kurzen (Rückenmuskulatur, autochthonetiefen), knochennah gelegenen Nackenmuskeln (Abb. 9.19) verlaufen zwischen dem 1. oder 2. Halswirbel und dem Hinterhauptbein. Sie zählen zur autochthonen Rückenmuskulatur und wirken sowohl bei der Kopfhaltung als auch bei verschiedenen Kopfbewegungen mit. Im Einzelnen sind links und rechts je vier Muskeln unterscheidbar, die durch Faszien (Muskelhüllen) voneinander abgegrenzt sind.
  • M. rectus capitis posterior major: dreht und neigt den Kopf zur gleichen Seite, beugt ihn bei beidseitiger Kontraktion rückwärts (Dorsalflexion)

  • M. rectus capitis posterior minor: dreht und neigt den Kopf geringgradig zur gleichen Musculus/Musculi:rectus capitis posteriorSeite und hilft bei beidseitiger Kontraktion ebenfalls bei der Dorsalflexion des Kopfs

  • M. obliquus capitis superior: neigt den Kopf zur gleichen Seite, hilft bei beidseitiger Kontraktion bei der Dorsalflexion des Kopfs

  • M. obliquus capitis inferior: dreht den Atlas (und damit den Kopf) zur gleichen Seite

Obwohl die Wirbel Musculus/Musculi:obliquus capitisgegeneinander nur begrenzt beweglich sind, entspricht die Beweglichkeit der Wirbelsäule insgesamt doch der eines Kugelgelenks.

Merke

Die Beweglichkeit der Wirbelsäule wird v. a. durch ein komplexes System aus sich überlappenden Muskelfaserzügen entlang der Wirbelsäule ermöglicht, das in seiner Gesamtheit als autochthone Rückenmuskulatur (Rumpfaufrichter, M. erector spinae) bezeichnet wird (Abb. 9.20). Dabei werden ein medialer und ein lateraler Trakt unterschieden.

Die Muskeln dieses mächtigsten Muskelsystems des Menschen strecken die Wirbelsäule und drehen sie um die eigene Achse. Ferner stabilisiert die autochthone Rückenmuskulatur zusammen mit dem Bandapparat dieMusculus/Musculi:erector spinae Wirbelsäule und formt ihre physiologischen Krümmungen. Gebeugt wird die Wirbelsäule insbesondere durch die vordere Bauchwandmuskulatur und den M. psoas major.
Die Muskeln der autochthonen Rückenmuskulatur gliedern sich in zwei Gruppen, Trakte genannt, in den medialen und den lateralen Trakt.
Medialer Trakt
Der mediale Trakt wird von fünf Einzelmuskeln bzw. Muskelgruppen gebildet. Sie verbinden Muskelzüge sämtlicher Wirbel an Dorn- und Querfortsätzen miteinander und über mehrere Wirbel hinweg. Sie ziehen auch zu Knochenleisten am Kreuzbein und am Hinterhaupt, Rückenmuskulatur, autochthone:medialesodass diese vielen Faserzüge über die gesamte Wirbelsäule verspannt sind. So unterstützen sie sämtliche Bewegungsmöglichkeiten mit Ausnahme der Beugung nach vorn. Im Einzelnen sind beteiligt:
  • Mm. interspinales – sie helfen beim Strecken der Wirbelsäule

  • M. spinalis – er sichert die Krümmungen, streckt und neigt zur Seite

  • Mm. rotatores – sie drehen die Musculus/Musculi:interspinalesWirbelsäule zur Gegenseite

  • M. semispinalis – er dreht und Musculus/Musculi:spinalisstreckt Kopf, HWS und BWS

  • M. multifidus – er unterstützt Seitbeugung, Musculus/Musculi:rotatoresDrehung und Streckung der Wirbelsäule

Lateraler Trakt
Der Musculus/Musculi:semispinalislaterale Trakt besteht aus fünf Muskelgruppen. Diese verlaufen Musculus/Musculi:multifiduseinerseits zwischen den Rippen bzw. den Rippenfortsätzen, andererseits verbinden sie in langen Muskelzügen die gesamte Wirbelsäule vom Hinterhauptbein bis hinunter zum Kreuz- und Rückenmuskulatur, autochthone:lateraleDarmbein. Auch sie wirken bei sämtlichen Bewegungen der Wirbelsäule mit, davon ausgenommen die Beugung nach vorn. Zum lateralen Trakt zählen:
  • Mm. intertransversarii posteriores – sie bewirken die Seitwärtsneigung

  • Mm. levatores costarum – sie ermöglichen Seitwärtsneigung und Streckung der Wirbelsäule

  • Musculus/Musculi:intertransversarii posteriores M. iliocostalis – er unterstützt u. a. Streckung und Seitwärtsneigung in HWS und Musculus/Musculi:levatores costarumBWS

  • M. longissimus – er bewirkt Seitwärtsneigung und Drehung zur selben Seite, Musculus/Musculi:iliocostalissowohl im Wirbelsäulen- als auch im Kopfbereich, außerdem Streckung von Wirbelsäule und Kopf

  • Mm. splenii – sie unterstützen Seitwärtsneigung, -drehung Musculus/Musculi:longissimusund Streckung von Kopf und HWS

Schultergürtel

Der Schultergürtel verbindet die Knochen der oberen Extremitäten mit dem Musculus/Musculi:spleniiKörperstamm. Er besteht aus jederseits zwei Knochen, dem Schlüsselbein (Clavicula) und dem Schulterblatt (Scapula). DasSchultergürtel Schlüsselbein ist Extremität:obereein relativ dünner, annähernd S-förmiger Knochen, der an beiden Enden Gelenkflächen besitzt. Er liegt dem Brustkorb vorn oben auf und ist medial Schlüsselbeinüber das Sternoklavikulargelenk mit dem Brustbein (ClaviculaSternum) verbunden (9.2.14). Lateral bildet das Schlüsselbein ein Gelenk mit dem dorsal liegenden SchulterblattSternoklavikulargelenk, das Akromioklavikulargelenk (Abb. 9.21, 9.2.14).Gelenk(e):Sternoklavikulargelenk
Schulterblatt
Das Schulterblatt (SternumScapula) ist ein etwa dreieckiger, platter Knochen, an Akromioklavikulargelenkdessen Rückseite die Spina scapulae (Schulterblattgräte) auf breiter Fläche Schulterblatthervorspringt. Deren freies Ende, das Akromion (Schulterhöhe), steht mit dem ScapulaSchlüsselbein in Verbindung. Eine muldenförmige Vertiefung in der oberen äußeren Spina:scapulaeSchulterblattecke bildet die Schultergelenkpfanne (Cavitas glenoidalis), die mit dem Kopf des Oberarmknochens ein AkromionKugelgelenk bildet. Über die Schultergelenkpfanne besteht die einzige Verbindung des Arms zum Rumpfskelett. Da sie relativ klein und flach ist, kann sie nicht den ganzen Oberarmkopf aufnehmen. Damit das Gelenk stabil Cavitas glenoidalisbleibt, ist es von einer festen Kapsel aus Sehnen und Bändern und den stabilisierenden Muskeln des Oberarms (9.2.5) umschlossen.
Schultergürtelmuskulatur
Innervation 9.2.14
Die Muskulatur des Schultergürtels fixiert das Schulterblatt und ermöglicht Gleitbewegungen des Schulterblatts auf der hinteren Brustwand. Diese Fixierung ist die Voraussetzung Schultergürtelmuskulaturfür die Funktion der vom Schulterblatt entspringenden Muskulatur:SchultergürtelArmmuskeln: Um den Arm im Schultergelenk bewegen zu können, müssen sie einen „festsitzenden“ Ursprung als Widerlager haben, gegen das sie den Arm ziehen. Das Schlüsselbein wird passiv mitbewegt.

Merke

Die sog. Rotatorenmanschette umgibt als eine trichterartige Muskelhülle das Schultergelenk. Sie setzt sich aus folgenden vier Muskeln (Abb. 9.22) und deren Sehnen zusammen, die vom Schulterblatt zum Tuberculum majus und minus des Oberarmknochens ziehen:

  • M. supraspinatus

  • M. infraspinatus

  • M. subscapularis

  • M. teres minor

Man unterscheidet eine vordere (RotatorenmanschetteventraleMusculus/Musculi:supraspinatus) und eine hintere (dorsale) Gruppe derMusculus/Musculi:infraspinatus Schultergürtelmuskeln (Tab. 9.1). Es gibt noch weitereMusculus/Musculi:subscapularis Muskeln, die das Schultergelenk bewegen (Tab. 9.2, Musculus/Musculi:teres minorTab. 9.3).
Ventrale Schultergürtelmuskulatur
Im Brustbereich, also vorn, sind der M. pectoralis minor (kleiner Brustmuskel) und der M. serratus anterior (vorderer Sägezahnmuskel) beteiligt (Abb. 9.36). Sie Schultergürtelmuskulatur:ventraleentspringen an den Rippen und setzen am Schulterblatt anMusculus/Musculi:pectoralis minor. Sie helfen dabei, dieses nach vorn und unten zu ziehen. Der M. serratus anterior dreht das Schulterblatt zusätzlich und hält es am Rumpf Musculus/Musculi:serratus anteriorfest. Der M. subclavius (Unterschlüsselbeinmuskel) entspringt am 1. Rippenknochen und setzt als einziger der Schultergürtelmuskeln am Schlüsselbein an. Er zieht dieses nach unten in Richtung Brustkorb.
Dorsale Schultergürtelmuskulatur
Auf der hinteren Seite ziehen Musculus/Musculi:subclaviusviele Muskeln zum Schulterblatt (Abb. 9.22). Der M. trapezius (Kapuzenmuskel) zieht wie ein großer Fächer vom Hinterhauptbein und Schultergürtelmuskulatur:dorsalesämtlichen Dornfortsätzen der Brustwirbel zur Spina scapulae, zum Akromion und zum Schlüsselbein. Bei dieser großen Ursprungsfläche zeigen Musculus/Musculi:trapeziusdie Fasern unterschiedliche Verläufe und unterstützen somit auch unterschiedliche Bewegungen. So Kapuzenmuskelziehen die querverlaufenden Fasern das Schulterblatt nach medial, während der obere und untere Anteil des Muskels das Schulterblatt so drehen, dass die Gelenkpfanne sich hebt. Diese Funktion tritt z. B. dann in Kraft, wenn der seitlich abgewinkelte (abduzierte) Arm über die Horizontale (Schulterblattniveau) gehoben wird. In diesem Fall muss die Schultergelenkpfanne „mitwandern“.
Der M. levator scapulae (Schulterblattheber) hebt das Schulterblatt und dreht es etwas nach unten. Der M. rhomboideus (Rautenmuskel) hat einen größeren und einen kleineren Musculus/Musculi:levator scapulaeAnteil. Er dreht und Schulterblattheberfixiert das Schulterblatt.
Muskelschlingen
Die Muskeln des Schultergürtels bilden in ihrer RautenmuskelMusculus/Musculi:rhomboideusGesamtheit fünf Muskelschlingen, die aus jeweils zwei Muskeln bzw. Muskelanteilen bestehen. Einer von ihnen fungiert immer als Agonist (Spieler) und der andere alsMuskelschlingen sein Antagonist (Gegenspieler).
Beispiel: Ein Schultergürtelmuskulatur:MuskelschlingenTeil des M. trapezius dreht das Schulterblatt so, dass die Gelenkpfanne steigt (Agonist), ein Teil des M. rhomboideus dreht es in die entgegengesetzte Richtung (Antagonist).

Oberarm

Oberarmknochen
Der Humerus (Musculus/Musculi:serratus anteriorMusculus/Musculi:pectoralis minorOberarmknochen) ist der längste und Musculus/Musculi:trapeziusgrößte Knochen Musculus/Musculi:levator scapulaeder oberen Extremität (Abb. 9.23). Das obere Musculus/Musculi:rhomboideus major/minorEnde ist im Schultergelenk mit dem Schulterblatt, das untere über das Ellenbogengelenk (9.2.14) mit Elle und Speiche Oberarmverbunden.

Merke

Arm und Hand bestehen aus insgesamt 30 Knochen (Abb. 9.23). Diese lassen sich in drei Abschnitte einteilen:

  • Oberarm mit dem Oberarmknochen (Humerus)

  • Unterarm (9.2.6) mit Elle (Ulna) und Speiche (Radius)

  • Hand (9.2.7) mit Handwurzel (Carpus), Mittelhand (Metacarpus) und Fingern (Phalangen)

Der Humeruskopf (Caput humeri HumerusAbb. 9.24) liegt etwas schräg zur Mitte hin am proximalen (rumpfwärts gelegenen) Ende des Oberarmknochens. Fast auf gleicher Höhe befinden sich seitlich ein etwas größerer und ein kleiner Knochenhöcker (Tuberculum majus und minus). Der kurze Steg zwischen Kopf und Höckern Caput:humeribzw. Humerusschaft wird Collum anatomicum genannt. Der sich anschließende Humerusschaft (Corpus humeri)Tuberculum:minus ist röhrenförmig und der längste Teil des Tuberculum:majusOberarmknochens. Mehrere Knochenleisten und Aufrauungen sowie die beiden schon erwähnten Höcker dienen dem Ansatz von Collum:anatomicumOberarmmuskeln bzw. -bändern.
Distal (vom Rumpf entfernt) verbreitert sich der Schaft wieder und läuft innen und außen in die Corpus:humeriOberarmknorren (Epicondylus medialis und lateralis) aus. Zwischen diesen Epikondylen liegt die Gelenkfläche für das Ellenbogengelenk. Die Gelenkfläche wird in die Rolle (Trochlea) und das Köpfchen (Capitulum humeri) unterteilt. Die beiden Epicondylus:OberarmEpikondylen liegen außerhalb des Gelenks und dienen verschiedenen Muskeln als Ursprung. Oberhalb des Gelenks Rollebefindet sich dorsal eine Knochengrube (Fossa olecrani), die den TrochleaHakenfortsatz der Elle (Olekranon) aufnimmt. In Capitulum humerigleicher Höhe befinden sich vorn zwei kleinere Gruben. Die mediale Grube (Fossa coronoidea) bietet Platz für den Fossa(ae):olecraniKronenfortsatz der Elle bei HakenfortsatzBeugestellung des Gelenks. Die laterale Grube (Fossa radialis) nimmt während Olekranonbestimmter Armbewegungen den Speichenkopf auf.
Oberarmmuskulatur
Innervation 9.2.14
Nur Fossa(ae):coronoideazwei der Muskeln, die über das Schultergelenk zum Oberarmknochen ziehen, entspringen am Körperstamm: der M. Fossa(ae):radialispectoralis major (großer Brustmuskel), der die vordere Achselfalte bildet, undOberarmmuskulatur der M. latissimus dorsi (breiter Rückenmuskel), der die hintere Achselfalte formt. Die übrigen Muskeln entspringen am Musculus/Musculi:pectoralis majorSchulterblatt (Tab. 9.3). Die Stabilität des Schultergelenks wird hauptsächlich durch die Schultermuskeln und ihre Sehnen bewirkt, die es wie ein Mantel umhüllen (Musculus/Musculi:latissimus dorsiRotatorenmanschette 9.2.4).
Der M. latissimus dorsi und seine Ursprungssehne Musculus/Musculi:supraspinatusMusculus/Musculi:subscapularisMusculus/Musculi:pectorlis majorbedeckenMusculus/Musculi:deltoideusMusculus/Musculi:latissimus dorsi Musculus/Musculi:infraspinatuseine Musculus/Musculi:teres majorgroße Fläche der Musculus/Musculi:biceps brachiiunteren Rückengegend (Abb. 9.22). Der M. latissimus dorsi Musculus/Musculi:brachialiszieht den Arm nach unten hinten, weshalb er auch „Musculus/Musculi:triceps brachiiSchürzenbindermuskel“ genannt wird. Außerdem spannt er sich z. B. beim Klimmzug.
Musculus/Musculi:latissimus dorsiDer größte Oberarmmuskel ist der M. deltoideus (Deltamuskel Abb. 9.25). Er verläuft dreiecksförmig von einer breiten SchürzenbindermuskelUrsprungsfläche an Spina scapulae, Akromion und Außenrand des Schlüsselbeins zur Außenfläche des Oberarmknochens. Der Faserverlauf umfasst Musculus/Musculi:deltoideusdementsprechend drei Richtungen, weshalb der M. deltoideus an allen sechs Bewegungen im DeltamuskelSchultergelenk beteiligt ist. Seine wichtigste Funktion ist die Armhebung. Mit Unterstützung der in der Tab. 9.3 erwähnten weiteren Schultermuskeln kann der M. deltoideus den Arm im Schultergelenk auch drehen, vor- und zurückführen sowie wieder anwinkeln.
Weitere Oberarmmuskeln entspringen am Oberarmknochen bzw. am Schultergürtel unter Umgehung des Schultergelenks und ziehen zu den Unterarmknochen (Abb. 9.25). Sie sind für die Bewegungen im Ellenbogengelenk zuständig. Da dieses ein Scharniergelenk (7.5.2) ist, handelt es sich hier um Streck- und Beugemuskeln.
Der wichtigste Unterarmbeuger ist der M. biceps brachii („Bizeps“, zweiköpfiger Armmuskel). Wie der Name sagt, besitzt er zwei Muskelköpfe (Abb. 9.21). Sie entspringen zwar getrennt, setzen aber über eine gemeinsame Sehne am Speichenkopf an. Zuvor umschlingt diese Sehne die Speiche noch teilweise, sodass der Bizeps den Musculus/Musculi:biceps brachiiUnterarm nicht nur beugt, sondern auch etwas nach außen drehen kann (Supination). Auch der M. brachialis (Armbeuger) und der M. brachioradialis (Oberarmspeichenmuskel) wirken als Beuger im Ellenbogengelenk.
Der M. triceps brachii („Trizeps“, Musculus/Musculi:brachialisdreiköpfiger Armmuskel) läuft an der HinterseiteArmbeuger des Musculus/Musculi:brachioradialisOberarms und setzt an der Ellenhinterseite an. Er streckt den Unterarm im Ellenbogengelenk, ist also Antagonist Musculus/Musculi:triceps brachiizum M. biceps brachii.

Unterarm

Der Unterarm erstreckt sich vom TrizepsEllenbogengelenk bis zur Handwurzel. Er besteht aus zwei Knochen: Elle (Ulna) Armmuskelund Speiche (Radius).
Elle
An ihrem oberen Ende, also am Ellenbogengelenk (Abb. 9.26), weist die Elle einen tiefen, halbrunden Ausschnitt auf, der vorn von einem Ellekleinen hakenförmigen Fortsatz (Processus coronoideus) und Ulnahinten von einem großen hakenförmigen Fortsatz begrenzt Radiusbzw. überragt wird (Olekranon). Der Einschnitt dient als Gelenkpfanne für das Ellenbogengelenk und nimmt die Rolle (Trochlea) des Oberarmknochens in sich auf. Das Olekranon ist Processus:coronoideusals Ellenbogenspitze von außen gut zu tasten. Ein kleiner Einschnitt neben dem Processus coronoideus, die Incisura radialis, dient als Gelenkfläche Olekranonfür das Radiusköpfchen (Caput radii) und beteiligt sich am oberen Radioulnargelenk (Speichenellengelenk Abb. 9.26, 9.2.14Incisura:radialis). An der Elle befinden sich Radiusköpfchenverschiedene Knochenleisten und Aufrauungen für Caput:radiiden Ansatz von Muskeln. Am unteren schmalen Ende befindet sich das Ellenköpfchen (Caput ulnae), das an Radioulnargelenkseiner Rückseite einen kleinen Knochenfortsatz (SpeichenellengelenkProcessus styloideus ulnae) besitzt.
Speiche
Die Speiche liegt lateral der Elle, also auf der Seite des Caput:ulnaeDaumens. An ihrem oberen Ende befindet sich das Radiusköpfchen (Abb. 9.26), das etwa die Form einer dicken, oben eingedellten ScheibeProcessus:styloideus ulnae hat. Es bildet mit der Elle ein Zapfengelenk (7.5.2). Der Speichenschaft bietet Ansatz für mehrere MuskelnSpeiche und weist entsprechende Leisten und Aufrauungen auf. Er ist etwas kantiger und schmaler als die Elle. Das untere Ende ist wie ein Kolben verdickt und trägt dort die Gelenkflächen für die Handwurzelknochen (Abb. 9.31). Ähnlich wie bei der Elle befindet sich auch an der Speiche ein Processus styloideus, hier jedoch am seitlichen (lateralen) Ende.
An ihren unteren (distalen) Enden sind Speiche und Elle durch ein Radgelenk (3.5.2) miteinander verbunden (unteres Radioulnargelenk Abb. 9.27, 9.2.15).
Supination und Pronation
Betrachtet man den eigenen Unterarm mit nach oben weisender Handinnenfläche, so liegen in diesem Moment Elle und Speiche parallel nebeneinander (7.3, Abb. 9.27). Dreht man nun die Handfläche nach unten, überkreuzt die Speiche die Elle, die Supinationlaterale Handkante (Daumenseite) zieht also die Speiche Pronationmit nach medial. Diese (Einwärts-)Bewegung heißt Pronation.
Die umgekehrte (Auswärts-)Bewegung heißt Supination. Dabei fungiert das untere Radioulnargelenk als Radgelenk, d. h. der konkave Gelenkanteil der Speiche dreht sich um den konvexen Anteil der Elle. Das obere Radioulnargelenk wirkt als Zapfengelenk; das Speichenköpfchen dreht sich innerhalb eines Bandes (Ligamentum anulare radii) sowie auf der Gelenkfläche der Elle um seine eigene Längsachse.
Unterarmmuskulatur
Innervation 9.2.14
Die Unterarmmuskeln (Abb. 9.28, Abb. 9.29Ligamentum/Ligamenti:anulare radii) können ihrer Funktion nach in vier Gruppen eingeteilt werden.
Die Pronatoren ermöglichen eine Drehung von Elle und Speiche um Unterarmmuskulaturihre Muskulatur:UnterarmLängsachse nach innen. Vom Epicondylus medialis des Oberarms zieht ein Muskel über die Elle hinweg und um die Speiche zu deren Hinterfläche (M. pronator teres, runder Einwärtsdreher). Ein kurzer querverlaufender Muskel Pronatoren:Unterarmzieht im distalen Viertel der Knochen in einer tieferen Schicht von der Vorderfläche der Elle zur Vorderfläche der Speiche (M. pronator quadratus, viereckiger Musculus/Musculi:pronator teresEinwärtsdreher).
Zu den Supinatoren gehören derEinwärtsdreher M. supinator und der M. biceps brachii. Der M. supinator (Auswärtsdreher) führt vom Epicondylus lateralis des Musculus/Musculi:pronator quadratusOberarms zur Vorderfläche der Speiche. Auch der M. Supinatoren:Unterarmbizeps brachii dreht den Unterarm nach außen.
Weiter gehören zu den Unterarmmuskeln die Hand- und Fingerbeuger, dieMusculus/Musculi:supinator im Wesentlichen ihren Ursprung am Epicondylus medialis des Oberarms haben, sowie die Hand- Auswärtsdreherund Fingerstrecker, die am Epicondylus lateralis entspringen.

Hand

Knochen der Hand
Das Skelett der Hand setzt sich aus Handwurzelknochen, Mittelhandknochen und Fingerknochen zusammen (Abb. 9.30, Abb. 9.31).
Handwurzelknochen
Die Handwurzel (Carpus) besteht aus acht Handwurzelknochen (Ossa carpi). Sie sind untereinander durch Bänder verbunden und in zwei Reihen zu je vier Knochen angeordnet. Jeweils von radial Knochen:Handwurzel(Daumenseite) nach ulnar (Kleinfingerseite) gezählt sind das
  • in der Carpusproximalen (oberen) Reihe:

    • Kahnbein (Os scaphoideum)

    • Mondbein (Os lunatum)

    • Os(-sa):carpiDreieckbein (Os triquetrum)

    • Erbsenbein (Os Kahnbein:Fußwurzelpisiforme)

  • in der Os(-sa):scaphoideumdistalen (unteren)Mondbein Reihe:

    • Os(-sa):lunatumgroßes VieleckbeinDreieckbein (Os trapezium, Trapezbein)

    • kleines Os(-sa):triquetrumVieleckbein (Os trapezoideum, Os(-sa):pisiformeErbsenbeintrapezähnliches Bein)

    • Kopfbein (Os capitatum)

    • VieleckbeinHakenbein (Os hamatum)

Tipp

Merkspruch für die Handwurzelknochen: Ein Kahn, der fuhr im Mondenschein im Dreieck um das Erbsenbein; Vieleck groß, Vieleck klein – am Kopf, da muss ein Haken sein.

Os(-sa):trapeziumKahnbein, Mondbein und TrapezbeinDreieckbein weisenOs(-sa):trapezoideum auf ihrer Kopfbeinproximalen Seite jeweils eine Os(-sa):capitatumGelenkfläche auf. Diese Flächen bilden zusammen mit der Gelenkfläche der Speiche das Hakenbeinproximale Handgelenk (9.2.15). Dieses wirkt als Eigelenk (7.5.2), weil Os(-sa):hamatumdie drei Gelenkflächen der Handwurzelknochen zusammengenommen eine Eiform bilden. Das Ellenköpfchen ist am proximalen Handgelenk nicht beteiligt, sondern nur indirekt über eine Knorpelscheibe mit ihm verbunden.
Mittelhandknochen
Hand(gelenk):proximalesAn die vielkantigen Handwurzelknochen schließen sich die Röhrenknochen der Mittelhand an. Proximale (Basis) und distale Enden (Köpfchen) der Mittelhandknochen tragen Gelenkflächen zur Verbindung mit der Handwurzel bzw. mit den Fingerknochen (Abb. 9.30). Der Mittelhandknochen des 1. Fingers (Daumen) ist Mittelhandknochenüber ein Sattelgelenk (7.5.2), das Daumenwurzelgelenk (9.2.15), mit der Handwurzel verbunden. Dabei stellt die Gelenkfläche des großen Vieleckbeins den Sattel dar, auf dem der Mittelhandknochen „reitet“. In diesem Gelenk wird der Daumen den anderen Fingern gegenübergestellt. Nur so kann man mit der Hand etwas greifen und festhalten. Die anderen Gelenke Sattelgelenk:Daumenwurzelgelenkzwischen Handwurzel und Mittelhand sind durch straffe Bänder fixiert und praktisch unbeweglich.
Fingerknochen
Auf die fünf Mittelhandknochen folgen die Finger, die beim Daumen aus zwei, sonst aus drei Fingergliedern, den Phalangen, bestehen (Abb. 9.32). Von der Mittelhand nach distal gesehen Fingerknochenwerden diese Grund-, Mittel- und Endglied (Grund-, Mittel- und Endphalanx, beim Daumen Grund- und Endphalanx) genannt. Sie sind über kleine Phalangen:FingerGelenke miteinander verbunden. Die einzelnen Verbindungen Phalanx:Fingerzwischen Mittelhandknochen und den Grundgliedern heißen Fingergrundgelenke (Metakarpophalangealgelenke), die zwei Gelenkreihen zwischen den Gliedern Fingermittelgelenke bzw. Fingerendgelenke (proximale bzw. distale FingergrundgelenkeInterphalangealgelenke 9.2.14).
Die Metacarpo-PhalangealgelenkFingergrundgelenke (9.2.14) sind mit Ausnahme des FingermittelgelenkeDaumengrundgelenks Kugelgelenke. D. h. sie sind von der Anlage her in alle drei Richtungen Fingerendgelenkebeweglich. Die Drehung um ihre Interphalangealgelenke: HandLängsachse ist allerdings nur passiv möglich, weil für diese Bewegung keine Muskulatur existiert. Aktiv kann man die Finger zur Handinnenfläche hin beugen (Flexion) und wieder strecken (Kugelgelenk:FingergrundgelenkExtension) sowie seitlich spreizen (Abduktion) und wieder zusammenführen (Adduktion). Bei allen Interphalangealgelenken handelt es sich um reine Scharniergelenke (7.5.2). Hier sind nur Beugung und Streckung möglich. Das Daumengrundgelenk hingegen ist ein Sattelgelenk, das Seit-zu-Seit- und Vorwärts-rückwärts-Bewegungen ermöglicht.
Handgelenk- und Fingermuskulatur
Scharniergelenk:InterphalangealgelenkeInnervation 9.2.14
Die Muskeln, die Hand und Finger bewegen, Sattelgelenk:Daumengrundgelenkwerden in Beuge- und Streckmuskeln eingeteilt. Ihre meist langen, schlanken Muskelbäuche verlaufen in jeweils zwei Muskelschichten an der Streck- bzw. Beugeseite des Unterarms. FingermuskelnDie Muskeln jeweils einer Schicht sind dabei für die Muskulatur:FingerBewegung der gesamten Hand, die der anderen für die Bewegung der einzelnen Finger zuständig.
Bänder und Sehnen
Alle Beuge- und Streckmuskeln entspringen am distalen Oberarm bzw. am Unterarm und setzen mit langen dünnen Sehnen an Hand und Fingern an. Setzten sich die Muskelbäuche bis auf die Hand fort, wäre durch den vermehrten Umfang keine Bewegung mehr möglich. Beuge- wie auch Strecksehnen verlaufen zum großen Teil durch eine Art von Führungsschienen, die durch Haltebänder zur Oberfläche hin begrenzt werden. So überdeckt das Retinaculum extensorum die Strecksehnen an der Dorsalseite der Handwurzel; das Retinaculum flexorum (Ligamentum carpi transversum, queres Handwurzelband) überspannt die Beugesehnen auf der Ventralseite Retinaculumder Handwurzel. Die Handwurzelknochen bilden in diesem Bereich eine Längsrinne (Sulcus carpi), durch die die Beugesehnen verlaufen.

Merke

Als Karpaltunnel (Abb. 9.30) wird der wie ein Tunnelgewölbe vom Retinaculum flexorum überdachte Raum an der Beugeseite des Handgelenks bezeichnet. Hier läuft der wichtigste Nerv für die Hand, der N. medianus (23.2.10).

Die HandflächeLigamentum/Ligamenti:carpi transversum wird von einer festen Sehnenplatte, der HandwurzelbandPalmaraponeurose, überspannt.
Damit trotz der ständigen Bewegung der Streck- und Sulcus:carpiBeugesehnen in den Haltebändern keine Reizung der Umgebung Karpaltunnelauftreten kann, sind sie hier von bindegewebigen Sehnenscheiden umschlossen, die durch einen Flüssigkeitsfilm an der Innenseite dasPalmaraponeurose reibungslose Gleiten der Sehnen ermöglichen.
Handgelenkmuskeln
Sechs Muskeln bewegen die Hand im Handgelenk. Dabei entspringen drei Muskeln am Epicondylus medialis Sehnenscheidedes Humerus und beugen die Hand im Handgelenk, die Beugemuskeln:
  • M. flexor carpi radialis

  • M. flexor carpi ulnaris

  • M. Muskulatur:Handgelenkpalmaris longus

Am Epicondylus lateralis entspringen drei HandbeugerStreckmuskeln:
  • M. Hand(gelenk):Beugemuskelnextensor carpi radialis longus

  • M. extensor carpi Musculus/Musculi:flexor carpiradialis brevis

  • M. Musculus/Musculi:palmaris longusextensor carpi ulnaris

Je nach ihrem Verlauf und Ansatz könnenHandstrecker sie die Hand nicht nur beugen bzw. strecken, Hand(gelenk):Streckermuskelnsondern auch nach ulnar oder radial hin beugen, d. h. zur Daumen- oder zur Kleinfingerseite.
Fingerbeugemuskeln
Musculus/Musculi:extensor carpiMuskeln, die auf die Fingergelenke wirken, entspringen entweder am Arm oder an der Hand selbst. Entsprechend werden sie auch lange und kurze Fingermuskeln genannt. Die Muskelbäuche der langen Fingermuskeln Fingerbeugerliegen am Unterarm, und nur ihre Sehnen ziehenMuskulatur:Finger über das Handgelenk.
Die zwei langen Fingerbeuger unterscheiden sich durch ihren oberflächlichen (M. flexor digitorum superficialis) bzw. eher tiefen Verlauf (M. flexor digitorum Fingermuskelnprofundus). Die Sehne des M. flexor digitorum superficialis verläuft nach Aufsplitterung in vier Einzelsehnen zu den Mittelgliedern der Finger II–V (Abb. 9.28).
Das Endstück der Sehne spaltet sich auf und setzt Musculus/Musculi:flexor digitorumlinks und rechts am Mittelglied an. Durch dieses „Knopfloch“ (Abb. 9.32) zieht die Sehne des M. flexor digitorum profundus zum Fingerendglied und setzt dort an der Ventralseite ungeteilt an.
So beugt der M. flexor digitorum superficialis den Finger im Grund- und Mittelgelenk, der M. flexor digitorum profundus zusätzlich im Endgelenk. Damit die Sehne sich auf dem Finger nicht verschieben kann, ist sie durch feste Bänder gesichert.
Der Daumen besitzt einen eigenen langen Beugemuskel (M. flexor pollicis longus), der mit seiner Sehne am Endglied des Daumens ansetzt.
Fingerstreckmuskeln
Auf der Rückseite der Hand verläuft der lange Fingerstrecker (M. extensor Musculus/Musculi:flexor pollicis longusdigitorum Abb. 9.29). Auf der Dorsalseite jedes Fingers bildet er zusammen mit kleinen FingerstreckerFingermuskeln eine Sehnenplatte. So kann er die FingerMuskulatur:Finger im Grund-, Mittel- und Endgelenk strecken. Zusätzlich zum langen Strecker besitzen der Zeigefinger und der kleine Finger jeweils einen eigenenMusculus/Musculi:extensor digitorum Streckmuskel.
Zum Daumen verlaufen auf der Dorsalseite mehrere Muskelsehnen. Außer einem kurzen und einem langen Daumenstrecker verläuft dort auch der lange Daumenabspreizer.
Kurze Handmuskeln
An der Hand selbst verlaufen die sog. kurzen Handmuskeln (Abb. 9.30, Abb. 9.33). Die Mm. lumbricales entspringen von den Sehnen des tiefen Fingerbeugers und die Muskulatur:HandHandmuskelnZwischenknochenmuskeln (Mm. interossei palmares und dorsales) jeweils von den MittelhandknochenHandmuskeln. Sie setzen alle seitlich auf den Streckseiten Musculus/Musculi:lumbricalesder Finger II–V an.
Die M. interossei dorsales und palmares verlaufen zwischen Mittelhandknochen und 1. Fingerglied. Sie spreizen die Finger in den Grundgelenken bzw. Musculus/Musculi:interosseiziehen sie wieder aneinander. Außerdem beugen sie die Finger zusammen mit den Mm. lumbricales im Grundgelenk und strecken sie im Mittel- und Endgelenk.
Daumen- und Kleinfingermuskeln
Am Retinaculum flexorum entspringen mehrere Muskeln, die zu Daumen bzw. Kleinfinger ziehen. Dies sind der kurze Daumen- und DaumenmuskelnKleinfingerbeuger (M. flexor pollicis brevis bzw. M. Kleinfingermuskelnflexor digitiMuskulatur:Hand minimi brevis) Muskulatur:Kleinfingerund der kurze Daumen- und Kleinfingerabspreizer (M. abductor KleinfingerbeugerDaumenbeugerpollicis brevis bzw. M. abductor digiti minimi Abb. 9.30). Auf die Musculus/Musculi:flexor pollicis brevisDaumenrückseite zieht der Daumengegensteller (Musculus/Musculi:flexor digiti minimi brevisM. opponens pollicis), der den Daumen den anderen Fingern gegenüberstellt und Musculus/Musculi:abductor pollicis brevisGreifbewegungen möglich macht.
Der Daumenanzieher (M. adductor pollicis) führt den Daumen wieder an die anderen Finger heran. Er verläuft Musculus/Musculi:opponens pollicisquer unterhalb der langen oberflächlichen Beugesehnen des Mittel- und Zeigefingers zum Daumen.
Auch der kleine Finger besitzt einen Gegenstellmuskel (M. opponens digiti minimi). Dieser wirkt mit, wennMusculus/Musculi:adductor pollicis Daumen und Kleinfinger zueinander geführt werden.
Die kurzen Eigenmuskeln von Daumen und kleinem Finger bilden den sog. Daumen- bzw. Kleinfingerballen (Thenar bzw. Hypothenar).

Thorax

Merke

Der knöcherne Thorax oder Brustkorb (Abb. 9.34) wird von folgenden Strukturen gebildet: vom Brustbein (Sternum), den Rippen (Costae) und der BWS.

Der Brustraum umschließt die Musculus/Musculi:opponens digiti minimiBrusthöhle mit Herz und Lunge Thenarund den Hypothenaroberen Anteil der Bauchhöhle. ErBrustkorb hat die Form eines nach oben und unten offenen Rippenovalen Bienenkorbs, d. h. sein Umfang vergrößertCostae sich von unten nach oben. Dorsal (rückenwärts) in der Mitte liegt die BWS, derenThorax Wirbelkörper in den Thorakalraum hineinragen.
Rippen
Innervation 9.2.14
Gelenke 9.2.15
Am Aufbau des Brustkorbs beteiligen sich 12 Rippenpaare (Abb. 9.34). Jede Rippe besteht aus einem dorsalen knöchernen und einem ventralen knorpeligen Anteil, die zusammen die Form eines halben stilisierten Herzens bilden. Ihre Länge nimmt bis zur 7. Rippe Rippenzu, danach wieder ab. Die ersten zehn Rippen sind über jeweils zwei Gelenke mit Wirbelkörper und Querfortsatz „ihres“ Brustwirbels verbunden, die 11.–12. Rippe nur mit den entsprechenden Wirbelkörpern.
Die Knorpel der 1.–7. Rippe stehen in direkter gelenkiger Verbindung mit dem Brustbein. Diese Rippen nennt man echte Rippen (Costae verae). Die restlichen fünf Rippen werden als falsche Rippen (Costae spuriae) bezeichnet, weil sie entweder nur indirekten Kontakt zum Brustbein haben (8.–10. Rippe) oder frei enden (11.–12. Rippe, auch „freie Rippen“ oder Costae fluctuantes genannt).
Die Rippenknorpel 8, 9 und 10 sind untereinander über Knorpelstege verbunden, die den so genannten Rippenbogen (Arcus costalis) bilden. Ein solcher Steg führt auch zur 7. Rippe und stellt so die Verbindung zum Brustbein her.
Die Gelenkverbindungen der Rippen gewährleisten die Beweglichkeit des knöchernen Brustkorbs, sodass er sich bei Rippenhebungen ausdehnen und Rippenbogenumgekehrt auch wieder zusammenziehen kann. Das ist sehr wichtig für dieArcus:costalis Atemmechanik (12.2.10).
Der schmale Zwischenraum zwischen den einzelnen Rippen wird Interkostalraum (ICR) genannt. Er wird von den Interkostalmuskeln (Zwischenrippenmuskeln) überspannt. In jedem Interkostalraum verlaufen – am Unterrand der Rippe – eine Arterie, eine Vene und ein Nerv.
Brustbein
InterkostalraumDas Brustbein (Sternum) ist ein flacher, schmaler Knochen und bildet Interkostalmuskeldas ventrale Mittelstück des Brustkorbes. Es besteht von oben nach unten aus folgenden drei Teilen (Abb. 9.34):
  • Handgriff, Manubrium sterni: eine kurze, breite Knochenplatte Brustbeinzwischen Schlüsselbein und erstem SternumRippenpaar, an der viele der vorderen Hals- und Zungenbeinmuskeln entspringen

  • Brustbeinkörper, Corpus sterni: eine längs verlaufende, schmale Knochenplatte mit Gelenkflächen für Manubrium sternidie 3.–7. Rippe; die 2. Rippe setzt direkt am Übergang zwischen Manubrium und Corpus an

  • frei nach unten ragender Schwertfortsatz, Processus xiphoideus, der als Ansatzstelle für Brustmuskeln dient

Zwerchfell
Corpus:sterniDas Zwerchfell (Diaphragma) ist kuppelförmig zwischen dem Brustbein, den unteren sechs SchwertfortsatzRippen und der LWS verspannt Processus:xiphoideusund trennt die Brust- von der Bauchhöhle (Abb. 9.35), dabei steht die rechte Zwerchfellkuppel höher als die linke.
Die Bauchschlagader, Speiseröhre, Hauptlymphgang und untere Hohlvene treten an verschiedenen Stellen Diaphragmadurch das Zwerchfell (Abb. 9.35). Die größten Zwerchfelllücken sind:
  • Aortenschlitz (Hiatus aorticus, lat. hiatus = Spalt): durch den Aorta und Hauptlymphgang treten

  • Speiseröhrenschlitz (Hiatus oesophageus): durch diesen gelangt die Speiseröhre vom Brust-Aortenschlitz:Zwerchfell in den Bauchraum

  • Hiatus:aorticus Hohlvenenloch (Foramen venae cavae): bildet eine Lücke für die untere Hohlvene

Speiseröhrenschlitz, ZwerchfellKleinere ZwerchfellspaltenHiatus:oesophageus lassen Blutgefäße und Nerven vom Brust- in den Bauchraum und umgekehrt ziehen.

Merke

Das Zwerchfell ist der wichtigste Atemmuskel des Körpers!

Atemmuskulatur
Die Interkostalmuskeln sind Hohlvenenloch:Zwerchfellaktiv an der Atmung beteiligt, indem sie die Foramen(-ina):venae cavaeRippen heben und so den Brustraum erweitern bzw. die Rippen senken und ihn damit verkleinern (Tab. 9.4).
Damit unterstützen sie die Zwerchfellmuskulatur, die für die Aus- Atemmuskulaturund Einatmung am wichtigsten ist. Bei der KontraktionMuskulatur:Atemmuskulatur der Zwerchfellmuskulatur wird die Lunge nach unten gezogen (Einatmung), bei der Erschlaffung steigt sie passiv nach oben (Ausatmung).
Zwerchfellatmung („Bauchatmung“) und Rippenatmung („Brustatmung“) ergänzen sich: Je nach Situation überwiegt mal die Musculus/Musculi:intercostales externiZwerchfell- und mal die Rippenatmung.
Fällt einem Menschen, z. B. durch eine Lungenerkrankung,Musculus/Musculi:intercostales interni die Atmung sehr schwer, können noch andere Muskelgruppen, v. a. ein Teil Musculus/Musculi:serratus posterior inferior/superiorder Brustmuskeln, die Atmung unterstützen. Diese Muskeln werden Atemhilfsmuskeln genannt.

Merke

Atemhilfsmuskulatur (Innervation 9.2.14)

  • Mm. pectorales major und minor (großer und kleiner Brustmuskel Abb. 9.36)

  • M. serratus posterior superior und M. serratus posterior inferior (hinterer oberer bzw. unterer Sägezahnmuskel Abb. 9.20)

  • Mm. scaleni (Treppenmuskel Abb. 9.18)

  • M. sternocleidomastoideus (Kopfwender Abb. 9.17)

Bauchwand und Leistenkanal

Bauchwandmuskulatur
Innervation 9.2.14
Die Bauchwand besteht aus mehreren Muskelschichten (AtemhilfsmuskulaturAtemhilfsmuskulaturAbb. 9.36, Tab. 9.5). Diese verlaufen zwischen dem unteren Rippenbogen und dem Becken. Je nach Verlauf Bauchwandwirken sie bei der Rumpfbeugung sowie der Rumpfdrehung Leistenkanalmit. Ziehen sich alle Muskelschichten Muskulatur:Bauchwandzusammen, werden die Bauchorgane zusammengepresst (Bauchpresse) und so die Darm- und Harnblasenentleerung unterstützt. Gegenspieler der Bauchwandmuskulatur ist die autochthone Rückenmuskulatur: Ein Gleichgewicht der beiden ist Voraussetzung für die richtige Körperhaltung (Abb. 9.37).
Der M. rectus abdominis (gerader Bauchmuskel) liegt am oberflächlichsten und Musculus/Musculi:rectus abdominisBauchpressespannt sich zwischen den Musculus/Musculi:obliquus externus abdominusRippenknorpeln 5–7, dem Musculus/Musculi:obliquus internus abdominusProcessus xiphoideus des Brustbeins und dem Schambein aus. In diesem langen Verlauf ist er durch dreiMusculus/Musculi:transversus abdominus Zwischensehnen unterbrochen (Abb. 9.36).
Unter dem M. rectus abdominis verlaufen die beiden Musculus/Musculi:rectus abdominisschrägen äußeren bzw. inneren Bauchmuskeln, die Mm. obliquus externus abdominis und internus abdominis. Als Merkregel für den Verlauf des M. obliquus externus gilt, dass dieser der Armhaltung bei in den Hosentaschen steckenden Händen entspricht. Der M. obliquus internus verläuft fächerförmig vom Darmbein zur Mitte und unterkreuzt dabei teilweise die FaserzügeMusculus/Musculi:obliquus externus abdominis/internus des M. obliquus externus. Die sehnigen Ansätze beider Muskeln vereinigen sich vorn zu einem breiten Sehnenband (Aponeurose).
Die tiefste Schicht der Bauchwandmuskeln wird vom queren Bauchmuskel (M. transversus abdominis) gebildet (Abb. 9.38). Er verläuft gürtelförmig von der Seite zur vorderen Bauchwand und setzt dort, ähnlich wie die schrägen AponeuroseBauchmuskeln, in einer breiten Sehnenplatte an.
Der M. rectus abdominis wird von den Sehnenplatten der Obliquus- und des Transversus-Bauchmuskels umschlossen.Musculus/Musculi:transversus abdominis Weil er so an ein Schwert in der Scheide erinnert, wird dieser Bereich auch Rektusscheide genannt. In der Mitte zwischen linkem und rechtem geraden Bauchmuskel vereinigen sich die drei Sehnenplatten. Dieser straffe Bindegewebsstreifen heißt Linea alba (weiße Linie Abb. 9.36).
Leistenkanal
Der Leistenkanal (Canalis inguinalis) ist eine 4–5 cm lange Rektusscheideröhrenförmige Verbindung zwischen Bauchhöhle und äußerer Schamgegend.

Merke

Beim Mann verläuft durch den Leistenkanal der Samenstrang auf seinem Weg vom Hoden zur Prostata (Abb. 9.38). Bei der Frau enthält der Leistenkanal nur ein bindegewebiges Band (Halteband des Uterus) und Fettgewebe.

Ursache dieser Linea:albaVerbindung ist die Verlagerung der Hoden vom Bauchraum, wo sie sich ursprünglich Leistenkanalentwickeln, in den Hodensack. Diese Verlagerung ist erforderlich, weil bei der Temperatur im Canalis:inguinalisKörperinneren keine Samenzellen gebildet werden können. Auf dem Weg durch den Leistenkanal stülpt der Hoden alle Schichten der Bauchwand mit aus. Der Hoden tritt zunächst durch den M. transversus abdominis. Diese Stelle bezeichnet man als inneren Leistenring, die Durchtrittsstelle durch den M. obliquus externus abdominalis als äußeren Leistenring. Danach bildet sich die Öffnung zwischen Bauchhöhle und Leistenkanal zurück. Bleibt sie aber offen, besteht die Gefahr, dass durch diese Verbindung Teile des Darms nach außen treten und sich ein sog. Leistenbruch bildet.

Becken

Knöchernes Becken
Über das Becken (Pelvis) stehen die unteren Extremitäten mit dem Rumpfskelett in Verbindung. Es wird auch Beckenring oder Beckengürtel genannt, weil die drei beteiligten Knochen ringförmig zusammengeschlossen sind. Das Kreuzbein (Os sacrum Abb. 9.16) bildet die Rückwand des knöchernen Beckens. BeckenEs liegt zwischen den beiden Hüftbeinen (Ossa coxae), deren PelvisAusläufer in einem Bogen nach vorne führen und dort über eine etwa 1 cm breite knorpelige Verbindung, die Schambeinfuge (Abb. 9.39), zusammengefügt sind. Die beiden Sakroiliakalgelenke (Kreuzbein-Darmbeingelenke 9.2.15) zwischen Kreuz- und HüftbeinHüftbein sind durch Os(-sa):coxaeeinen festen Bandapparat gesichert und nahezu unbeweglich.

Merke

Die Hüftbeine (Abb. 9.39) bestehen aus drei miteinander verschmolzenen Knochen:

  • Darmbein (Os ilium)

  • Sitzbein (Os ischii)

  • Schambein (Os pubis)

Im Laufe der Wachstumsperiode wachsen diese drei SakroiliakalgelenkKnochen zusammen, sodass ihre Gelenk(e):SakroiliakalgelenkBegrenzungen im Erwachsenenalter nicht mehr sichtbar sind.
Darmbein
Das Darmbein (Os ilium) als Kreuzbein-Darmbeingelenkgrößter dieser drei Knochen bildet eine schaufelähnliche Platte, die Darmbeinschaufel (Ala ossis ilii). Sie umgibt die Organe des Unterbauchs. Ihre obere Begrenzung, der Darmbeinkamm (CristaDarmbein iliaca), ist bei den meistenOs(-sa):ilium Menschen gut im Lendenbereich zu tasten.
Das Darmbein hat vier Darmbeinschaufelcharakteristische Knochenvorsprünge (Ala ossis iliiAbb. 9.39).
Die dorsalen Knochenvorsprünge heißen:
  • hinterer unterer Darmbeinstachel (Spina iliaca posterior inferior)

  • hinterer oberer DarmbeinkammDarmbeinstachel (Spina iliaca Crista iliacaposterior superior)

Die ventralen Knochenvorsprünge heißen:
  • vorderer unterer Darmbeinstachel (Spina iliaca anterior inferior)

  • vorderer oberer Darmbeinstachel (DarmbeinstachelSpina iliaca anterior superior); er ist der am weitesten nach vorn Spina:iliacavorspringende und als einziger leicht durch die Haut tastbare Teil des Darmbeins

Sitz- und Schambein
Unterhalb des Darmbeins schließt sich das Sitzbein (Os ischii) an. Es ist ein gedrungener, etwas bogenförmiger Knochen, der an seinem Dorsalrand den Hüftbeinstachel (Spina ischiadica) und unten eine Verdickung hat, den Sitzbeinhöcker (Tuber ischiadicum). Dieser Höcker Sitzbeinbildet den Os(-sa):ischiitiefsten Knochenpunkt des Beckens und ist beim Sitzen auf Hüftbeinstacheleinem harten Stuhl gut zu spüren; im Stehen bedecken ihn die Spina:ischiadicaGesäßmuskeln.
Als ebenfalls gebogener Knochen schließt sich das Schambein (Os pubis) an. Zwischen einer nach vorn Sitzbeinhöckermedial gerichteten Fläche und dem Schambein der Tuber:ischiadicumGegenseite bleibt ein mit Knorpel ausgefüllter Spalt, die Symphyse (Schambeinfuge). Ein kleiner Vorsprung oberhalb dieser Gelenkfläche wird Schambeinhöcker (SchambeinTuberculum Os(-sa):pubispubicum) genannt. Er ist der Teil des Schambeins, den man durch die Haut tasten kann.
Hüftgelenk und umgebende Strukturen
SymphyseAnteile aller drei SchambeinfugeHüftknochen bilden gemeinsam die Hüftgelenkpfanne (Acetabulum), eine Schambeinhöckerschüsselförmige Vertiefung, die den Kopf des Oberschenkelknochens Tuberculum:pubicumaufnimmt und mit ihm das Hüftgelenk bildet. Funktionell gleicht das Hüftgelenk einem Kugelgelenk (7.5.2, 9.2.15); es wird aber oft als HüftgelenkNussgelenk beschrieben, weil der Oberschenkelkopf zu mehr als 50 % von der Hüftgelenkpfanne umschlossen wird. Da dieses AcetabulumGelenk nicht nur Bewegungen in alle drei Richtungen ermöglichen, sondern auch starke Gewichts- und Bewegungsbelastungen aushalten muss, ist es durch einen sehr festen und straffen Bandapparat gesichert.
Die rahmenförmigen Bögen von Sitz- und Schambein sowie der Acetabulum-Rand umschließen das Hüftloch (Foramen obturatum). Es ist durch eine derbe Bindegewebsmembran (Membrana obturatoria) verschlossen, die Gefäße und Nerven durchtreten lässt und den Ursprung für mehrere Muskeln bietet.
Großes und kleines Becken
In seiner Gesamtheit gesehen, erinnert das knöcherne Becken an Foramen(-ina):obturatumeinen kurzen Trichter. Die obere Öffnung dieses „Beckentrichters“, der Beckeneingang, wird von den großen Darmbeinschaufeln gebildet. Membrana:obturatoriaUnterhalb der Darmbeinschaufeln schließen sich schräg nach vorn unten die beteiligten Knochen zum Beckenring. Den hierdurch entstehenden nach innen vorspringenden Rand nennt man Linea terminalis. Der Bereich oberhalb dieser Linea terminalis wird als großes Becken bezeichnet. Unterhalb der Linie folgen ein Teil des Kreuzbeins mit Steißbein und die Bögen der Sitz- und Schambeine. Dieser engere Bereich des „Trichters“ heißt kleines Becken.
Das Becken vom Mann Linea:terminalisunterscheidet sich erheblich von dem der Frau: Das weibliche Becken ist flacher Becken:großesund leichter als das männliche; der weibliche Beckeneingang (in Höhe der Linea terminalis) ist größer und rundlich-oval, der männliche dagegen herzförmig. Alle Merkmale des weiblichen Beckens lassen sich aus den Erfordernissen des Becken:kleinesGeburtsvorgangs verstehen.
Beckenboden
Da der knöcherne Beckenausgang offen ist, auf ihm aber das Gewicht sämtlicher innerer Organe lastet, muss er durch eine Platte aus Muskeln und Bändern abgeschlossen werden. Diese untere Begrenzung des kleinen Beckens heißt Beckenboden. Die Muskeln des Beckenbodens halten dabei durch einen relativ straffen Grundtonus das Gewicht der Eingeweide.
Zu ihnen zählen Beckenboden(Abb. 9.40, Innervation 9.2.14):
  • M. levator ani (Afterhebermuskel): kleidet bis auf einen vorderen symphysennahen Bereich, den sog. Levatorschlitz, den gesamten Beckenausgang aus

  • M. transversus perinei profundus (tiefer querer Dammmuskel): erstreckt sich zwischen Musculus/Musculi:levator anibeiden unteren Schambeinästen und Afterhebermuskelüberbrückt damit den Levatorschlitz

  • M. Levatorschlitzbulbospongiosus (Harnröhren-Schwellkörpermuskel): unterstützt zusammen mit dem äußeren AfterschließmuskelMusculus/Musculi:transversus perinei profundus (M. sphincter ani externus) Dammuskeldas Schließmuskelsystem, auch Diaphragma urogenitale genannt, für die im Becken Musculus/Musculi:bulbospongiosusfestgehaltenen Organe Blase, Darm sowie Gebärmutter und Harnröhren-SchwellkörpermuskelScheide

  • M. ischiocavernosus (Sitzbein-Schwellkörpermuskel): verspannt links und rechts den Raum Musculus/Musculi:sphincter ani externuszwischen Schambeinast und Sitzbeinhöcker

  • M. Diaphragma:urogenitaletransversus perinei superficialis (oberflächlicher querer Dammmuskel): verspannt die beiden Sitzbeinhöcker quer und ist Musculus/Musculi:ischiocavernosusmit dem Diaphragma Sitzbein-Schwellkörpermuskelurogenitale verflochten

Muskeln des Beckenbereichs
Innervation 9.2.14
Die meisten Muskeln der Hüftregion ziehen zum Oberschenkel und Musculus/Musculi:transversus perinei superficialisbewirken Bewegungen des Beins im Hüftgelenk, das das größte Kugelgelenk des Menschen ist.

Merke

Im Hüftgelenk sind Bewegungen in drei Achsen möglich:

  • Horizontalachse: Beugung des Beins nach vorn gegen den Rumpf (Anteversion), Streckung des Beins nach hinten vom Rumpf weg (Retroversion)

  • Sagittalachse: Abspreizen des Beines zur Seite (Abduktion), Heranziehen des Beins (Adduktion)

  • Longitudinalachse: Drehung des Beins nach innen (Innenrotation) und Drehung des Beins nach außen (Außenrotation)

An jeder dieser Bewegungen sind mehrere Muskeln beteiligt. Einige dieser Muskeln ziehen direkt Muskulatur:Beckenüber das Hüftgelenk; ein Teil setzt nicht am Oberschenkel an, sondern zieht weiter bis über das Kniegelenk an den Unterschenkel. Diese Muskeln können das Bein dadurch sowohl im Hüft- als auch im Kniegelenk Hüftgelenk:Bewegungsumfangbewegen.
Beuger im Hüftgelenk
Der wichtigste Beugemuskel im Hüftgelenk ist der M. iliopsoas (Hüftlendenmuskel). Er hat zwei Anteile, den M. iliacus (Darmbeinmuskel) und den M. psoas major (großer LendenmuskelHüftgelenk:Beuger), die funktionell eine Einheit Muskulatur:Hüftebilden (Musculus/Musculi:iliopsoasAbb. 9.41, Tab. 9.7). Der M. Hüftlendenmuskeliliopsoas zieht von den LWK Musculus/Musculi:iliacus(M. psoas major) bzw. von der Innenseite des Darmbeinkamms (M.Darmbeinmuskel iliacus) hinunter zum Trochanter minor des Oberschenkelknochens. Wie alle Musculus/Musculi:psoas majorBeugemuskeln verläuft er vor dem Hüftgelenk. Er beugt die Beine gegen den Rumpf und unterstützt Lendenmuskeldie physiologische Lendenlordose, indem er die Wirbelsäule in den Bauchraum „zieht“. Der M. iliopsoas und der kleine, unbedeutendere M. psoas minor werden zusammen als innere Hüftmuskulatur bezeichnet. Alle anderen Hüftmuskeln rechnet man zur äußeren Hüftmuskulatur (Abb. 9.42, Abb. 9.43, Tab. 9.6).
Ein weiterer bedeutender Beugemuskel ist der M. rectus femoris (gerader Schenkelmuskel Musculus/Musculi:glutaeus minimusMusculus/Musculi:glutaeus mediusMusculus/Musculi:glutaeus maximusMusculus/Musculi:tensor fasciae lataeAbb. 9.47). Er zieht von der Musculus/Musculi:piriformisInnenseite des Darmbeins hinunter an Musculus/Musculi:obturatorius internusdie Vorderseite des Musculus/Musculi:gemellus superior/inferiorOberschenkels und über das Knie zum Unterschenkel. Er kann dadurch sowohl im Musculus/Musculi:quadratus femorisHüftgelenk beugen als auch im Kniegelenk strecken. Der M. rectus femoris ist ein Teil des mächtigen M. quadriceps femoris (vierköpfiger Musculus/Musculi:rectus femorisOberschenkelmuskel). Seine Partner, die drei anderen Köpfe des M. quadriceps femoris (M. vastus medialis, M. vastus lateralis und M. vastus intermedialis) entspringen allerdings am Musculus/Musculi:quadriceps femorisOberschenkelknochen und ziehen zum Unterschenkel, strecken also lediglich im Kniegelenk. Alle vier Muskeln setzen in einer Oberschenkelmuskeleinzigen breiten Sehne an der Vorderseite des oberen Schienbeins an. Diese enthält über dem Kniegelenk ein Sesambein (7.5.2), die Musculus/Musculi:vastusKniescheibe (Patella), und wird deshalb auch Patellarsehne genannt.
Strecker im Hüftgelenk
Die Streckmuskeln ziehen hinter dem Hüftgelenk vom Becken zum Oberschenkelknochen (Tab. 9.7). Der wichtigste Strecker ist der M. gluteus maximus (größter Gesäßmuskel Abb. 9.42, Abb. 9.43, Tab. 9.6), ein mächtiger Muskel, der zudem Patellarsehneauch bei der Hebung des Hüftgelenk:StreckerOberkörpers mitwirkt und verhindert, dass der Rumpf beim Stehen nach vorn kippt. Er entspringt breitflächig an der Hinterseite des Darmbeins und Musculus/Musculi:glutaeus maximuszieht an die Hinterseite des Oberschenkelknochens. Er ist maßgeblich für die typische Form der Gesäßbacken Gesäßmuskelverantwortlich.
Drei weitere Muskeln unterstützen den M. gluteus maximus in seiner Streckfunktion (Abb. 9.42, Abb. 9.43):
  • M. biceps femoris (zweiköpfiger Oberschenkelmuskel)

  • M. semitendinosus (Halbsehnenmuskel)

  • M. semimembranosus (Plattsehnenmuskel)

Alle drei Muskeln verlaufen hinter dem Hüft- und KniegelenkMusculus/Musculi:biceps femoris zum Unterschenkel und fungieren Musculus/Musculi:semitendinosusdeshalb nicht nur als Hüftstrecker, sondern auch als Kniebeuger. Da Halbsehnenmuskelsich ihr Ansatz hinten seitlich unterhalb des Kniegelenks befindet, können sie im Kniegelenk Musculus/Musculi:semimembranosusauch nach innen bzw. außen rotieren.
Hüftgelenkab- und -adduktoren
Abduktoren und Adduktoren im HüftgelenkPlattsehnenmuskel ermöglichen die Bewegung des Hüftgelenks weg von der Körpermitte und hin zur Körpermitte.
Abduktoren
Als Abspreizer bzw. Abduktoren des Beines im Hüftgelenk verlaufen der mittlere und kleinste Gesäßmuskel (M. gluteus medius und minimus) halb bedeckt vom großen Gesäßmuskel von der Außenfläche der Hüftgelenk:AbduktorenDarmbeinschaufel hinab zum Trochanter major (Abb. 9.46) des Oberschenkelknochens. Sie haben auch eine wichtige statische Aufgabe: Sie verhindern ein Musculus/Musculi:glutaeus mediusAbkippen des Beckens beim Laufen zu der Seite, auf der das Bein gehoben und der nächste Schritt Musculus/Musculi:glutaeus minimuseingeleitet wird. Durch Kontraktion auf der Seite des jeweiligen Standbeins ziehen sie das Becken dort etwas hinunter. Das gleichzeitige Anheben der Gegenseite ermöglicht so den nächsten Schritt. Die Mm. gluteus medius und minimus unterstützen auch die Innen- und Außenrotationen des Beins im Hüftgelenk. Sind diese Muskeln beidseits gelähmt oder insuffizient, kommt es zum „Watschelgang“, weil das Becken bei jedem Schritt zur Seite abkippt.
Adduktoren
Fünf Muskeln (Adduktoren) ziehen das Bein nach Spreizung wieder an den Körper heran (Abb. 9.44). Sie ziehen von Sitz- und Schambein zur Innenseite des Oberschenkelknochens und setzen dort an einer rauen Knochenleiste an. Diese zieht sich über den gesamten Oberschenkelschaft nach unten und wird Linea aspera genannt (Abb. 9.46). Zu den Hüftgelenk:AdduktorenAdduktoren gehören:
  • M. adductor longus (langer Oberschenkelanzieher Abb. 9.47)

  • M. adductor brevis (kurzer Oberschenkelanzieher)

  • M. adductor magnus (großer Linea:asperaOberschenkelanzieher Abb. 9.43): zieht bis zum Epicondylus medialis

  • M. gracilis (Schlankmuskel Abb. 9.47): setzt am Musculus/Musculi:adductorSchienbein an

  • M. pectineus (Kamm-Muskel Abb. 9.41)Oberschenkelanzieher

Fascia lata
Alle Muskeln, die außen am Oberschenkel entlangziehen (äußere Musculus/Musculi:gracilisHüftmuskulatur Tab. 9.6), Schlankmuskelwerden durch eine derbe Musculus/Musculi:pectineusBindegewebshülle, durch die Fascia lata (Oberschenkelbinde), zusammengehalten. Diese ist Kamm-Muskelan der Außenseite des Oberschenkels verstärkt, Tractus iliotibialis genannt, und wird dort durch einenFascia lata eigenen Muskel (M. tensor fasciae latae Abb. 9.47Hüftgelenk:Fascia lata) gespannt.
Von der Spina iliaca anterior superior kommend, strahlt der M. tensor fasciae latae sehnig in die seitliche Faszie ein und setzt über diese an der Außenseite Tractus:iliotibialisdes Unterschenkels an. So hat er zusätzlich im Hüftgelenk beugende sowie im Kniegelenk eine außenrotierende Funktion. Er führt beim Gehen das Musculus/Musculi:tensor fasciae lataeBein nach vorn. Der M. tensor fasciae latae reduziert außerdem die Biegebelastung des Oberschenkelknochens.

Oberschenkel und Kniegelenk

Wie bei der oberen Extremität lassen sich auch bei der unteren Extremität drei Abschnitte unterscheiden: der über das Becken mit dem Rumpf verbundene Oberschenkel, der Unterschenkel und der Fuß.

Merke

Bein und Fuß bestehen aus insgesamt 30 Knochen (Abb. 9.45). Diese lassen sich in drei Abschnitte einteilen:

  • Oberschenkel mit Oberschenkelknochen (Femur)

  • Unterschenkel (9.2.12) mit Schienbein (Tibia) und Wadenbein (Fibula)

  • Fuß (9.2.13) mit Fußwurzel (Tarsus), Mittelfuß (Metatarsus) und Zehen (Phalangen)

Oberschenkelknochen
Der Oberschenkelknochen (Femur Abb. 9.46) ist der längste und schwerste Knochen des Körpers. An seinem proximalen Ende befindet sich der Oberschenkelkopf (Caput femoris), der mit der Hüftgelenkpfanne (Acetabulum) des Beckens das Hüftgelenk bildet. Das distale Ende steht mit dem OberschenkelknochenSchienbein (Tibia) in gelenkiger Verbindung. Der Knochenschaft Femurist über den schräg abzweigenden Schenkelhals (Collum femoris) mit dem Oberschenkelkopf verbunden. Nach außen bzw. lateral gerichtet ist der große,Caput:femoris nach innen bzw. medial gerichtet ist der kleine Rollhügel (Trochanter major und minor). Der Trochanter major ist gut durch die Haut tastbar. An beiden setzen SchenkelhalsHüftmuskeln Collum:femorisan.
Auf dem sich anschließenden Oberschenkelschaft (Corpus femoris) finden sich mehrere Rauigkeiten und Knochenleisten, an denen Rollhügelebenfalls Hüftmuskeln Trochanter:minoransetzen (Linea Trochanter:majoraspera Abb. 9.46). An seinem distalen Ende verbreitert sich der Oberschenkelknochen kolbenförmig. Ähnlich wie der Oberarmknochen besitzt der Oberschenkel medial und Oberschenkelschaftlateral je einen Gelenkknorren (Epicondylus medialis und lateralis). An seiner Unterfläche Corpus:femorisbefinden sich die gekrümmten Gelenkflächen zum Schienbein, die noch ein kleines Stück bis auf die Hinterfläche des Knochens ziehen. Dieser Verlauf ermöglicht die Rollbewegung beim Beugen und Strecken im Kniegelenk.
Oberschenkelmuskulatur
Die Muskeln der unteren Extremität sind viel mächtiger als die der Epicondylus:Oberschenkeloberen Extremität, da jedes Bein große Gewichte stabilisieren, halten und bewegen muss. Deshalb entspringen die meisten Muskeln des Oberschenkels (Abb. 9.47) schon im Hüftgelenk und verlaufen häufig über zwei Gelenke, also über das Knie hinaus. OberschenkelmuskulaturSie ermöglichen dadurch Bewegungen im Muskulatur:OberschenkelHüft- und Kniegelenk (Tab. 9.7).
Kniegelenk
Das Kniegelenk (9.2.15, Abb. 9.48) ist das größte Gelenk des Körpers und am besten von allen geschützt. Beteiligt sind die Gelenkflächen der (Epi-)Kondylen von Oberschenkelknochen und Schienbein. Im Kniegelenk sind nur Bewegungen um zwei Achsen möglich. So kann man das Knie hauptsächlich beugen und wieder strecken. Im gebeugten Zustand sind zusätzlich eine geringgradige Innen- und KniegelenkAußenrotation möglich.
Oberschenkelknochen und Schienbein haben keinen direkten Kontakt miteinander, da zwei knorpelige Strukturen, die Menisken, zwischengeschaltet sind. Diese liegen medial und lateral und werden somit als Innen- und Außenmeniskus bezeichnet (Abb. 9.49). Der innere hat eine Halbmond-, der äußere eine nahezu geschlossene Kreisform. Sie sind an ihrem verdickten Außenrand mit der Gelenkkapsel verwachsen, jedoch so beweglich befestigt, dass sie noch auf den Gelenkflächen des MeniskusSchienbeins verschieblich sind. So bieten sie dem Oberschenkelknochen eine der jeweiligen Gelenkstellung angepasste Pfanne. Weil die Menisken außerdem eine gewisse Elastizität besitzen, gleichen sie Belastungen aus, die auf das Knie einwirken.
Innerhalb des Gelenks befinden sich auch die Kreuzbänder (Abb. 9.49), zwei starke, sich überkreuzende Bänder (vorderes und hinteres Kreuzband), die eine Verschiebung der beiden Gelenkanteile nach vorn oder hinten verhindern. An den Außenseiten wird die Kniegelenkkapsel durch die inneren und äußeren Seitenbänder (Innen- bzw. Außenband) verstärkt, die als kräftige Faserzüge die vorne gelegene Patellarsehne ergänzen.
Weiter besitzt das KreuzbandKnie einen Fettkörper, der vor dem Gelenk liegt und mit seiner Verformbarkeit Bewegungen ausgleicht (Abb. 9.49). Damit keine Schäden an den Sehnen entstehen, die über das Gelenk ziehen, Seitenbänder:Kniegelenksind an besonderen Reibungspunkten oberhalb, vor und unterhalb des Knies Schleimbeutel Außenband(Bursa suprapatellaris, Bursa praepatellaris und Bursa infrapatellaris Abb. 9.48) eingelassen.
Das Kniegelenk wird schließlich auch durch die darauf wirkende Muskulatur stabilisiert und bewegt (Tab. 9.8).
Diese Muskeln entspringen Bursa(ae):suprapatellarisgrößtenteils dem Beckenbereich. Ein einziger kleiner Muskel, der M. popliteus, Bursa(ae):praepatellarisgehört ausschließlich zum Kniegelenk und unterstützt dort die Beugung und die Innenrotation des Bursa(ae):infrapatellarisUnterschenkels. Außerdem zieht er den Außenmeniskus bei der Kniebeugung nach hinten und verhindert die Einklemmung der Gelenkkapsel.

Unterschenkel

Der Unterschenkel enthält das Unterschenkelskelett mit zwei Röhrenknochen, dem Musculus/Musculi:popliteusSchienbein (Tibia) und dem Wadenbein (Fibula), und eine um diese Knochen angeordnete Muskulatur, die größtenteils hinunter zum Fuß zieht.
Schienbein
Das Schienbein ist der kräftigere von beiden Knochen. Sein Schaft (Corpus tibiae) Schienbeinhat im QuerschnittTibia die Form eines nach vorn spitz zulaufenden Dreiecks. WadenbeinDie Vorderkante (Margo Fibulaanterior) ist durch die Haut gut tastbar und Zielort des berühmten „Tritts vor das Schienbein“.
Das proximale SchienbeinSchienbeinende, der Schienbeinkopf (Caput tibiae), ist an zwei Seiten zu Kondylen aufgetrieben (Corpus:tibiaeCondylus medialis und lateralis Abb. 9.49). Zwischen beiden Kondylen trägt der Schienbeinkopf eine Margo:anteriorabgeflachte Gelenkfläche. Diese bildet mit ihrem Gegenstück am distalen Femurende Caput:tibiaedas Kniegelenk (9.2.11). Sie besitzt in der Mitte eine knöcherne Erhebung, an der die Kreuzbänder des Condylus:lateralisGelenks befestigt sind. Am Kniegelenk ist außerdem die knorpelige Rückseite der Condylus:medialisKniescheibe (Patella) beteiligt. Diese ist in die Sehne des M. quadriceps femoris (Abb. 9.48) eingelagert, die das Kniegelenk ventral überzieht und an einer Rauigkeit des Schienbeins unterhalb des Kniegelenks ansetzt (Tuberositas tibiae).
Am lateralen Kondylus des Schienbeinkopfs befindet sich eine weitere sehr kleine KniescheibeGelenkfläche, diePatella mit dem Wadenbeinkopf in Verbindung steht.
Das untere Ende des Schienbeins ist ebenfalls etwas verbreitert und besitzt medial einen Knochenzapfen (Malleolus medialis), der als Innenknöchel zu tasten ist.
Seiner Dreiecksform entsprechend besitzt der Tuberositas:tibiaeSchienbeinschaft neben der Vorderkante auch einen medialen und einen lateralen Rand (Margo medialis und lateralis). An Letzterem setzt auf ganzer Länge ein straffes Band an (Membrana interossea), das Malleolus:medialisden Spalt zwischen Schien- und Wadenbein vollständig überbrückt.
Wadenbein
Das Wadenbein ist ein sehr dünner Margo:lateralisRöhrenknochen seitlich des Schienbeins. Sein etwas verbreitertes Margo:medialisoberes Ende (Caput fibulae, Wadenbeinkopf) hat eine gelenkige Verbindung zum lateralen Kondylus des Schienbeins. Es ist Membrana:interosseaals knöcherner Vorsprung seitlich unterhalb des Kniegelenks durch die Haut tastbar. Das deutlich Wadenbeinverbreiterte untere Ende des Wadenbeins bildet den gut zu tastenden Außenknöchel am Fuß (Malleolus lateralis). Am Wadenbeinschaft ist ebenfalls auf voller Länge die Membrana interossea Caput:fibulaebefestigt.
Malleolengabel
Beide Knöchel sowie das zwischen ihnen liegende Schienbeinende sind an der Bildung des oberen Sprunggelenks, häufig nur kurz OSG genannt, beteiligt. Die besondere Form der Knochenvorsprünge, die Malleolus:lateralishier die obere Gelenkfläche des Sprungbeins (Talus Abb. 9.62) umklammern, wird auch Malleolengabel genannt. Distal des oberen Sprunggelenks schließt Malleolengabelsich das untere Sprunggelenk (9.2.13) an. Beide zusammen bilden eine funktionelle Einheit (9.2.15).
Unterschenkel- und lange Fußmuskeln
Innervation 9.2.14
Die charakteristische Form des Unterschenkels wird von mehreren Muskelbäuchen Talusgebildet, von denen sich die meisten fußwärts verjüngen, woraus sich die äußere Form der Wade ergibt. Die Muskulatur ist durch bindegewebige Trennwände (Septen) abgeteilt, wodurch vier „abgeteilte Muskelfelder“, die Muskelkompartimente oder Muskellogen (Abb. 9.50), Unterschenkelentstehen.
Alle Unterschenkelmuskeln setzen am Fuß an und bewegen ihn im oberen und unteren Sprunggelenk sowie in den Zehengelenken. Da sie alle am Unterschenkel entspringen und auf die Fußgelenke wirken, werden sie auch lange Fußmuskeln genannt, im Gegensatz zu Muskelkompartementden kurzen Fußmuskeln (9.2.13), die ausschließlich am Fuß entspringen und dort Muskellogenauch ansetzen. Ihrer Funktion entsprechend unterscheidet man bei der Unterschenkelmuskulatur Beuge- und Streckmuskeln.
Die Strecker ziehen sowohl den Fuß als auch die Zehen nach oben (Dorsalextension), die Beuger nach unten (Plantarflexion). Sämtliche Beuger mit Ausnahme der Peroneus-Gruppe (Abb. 9.50, Abb. 9.51) neigen auch die Fußsohle mit dem inneren Fußrand nach oben (Supination); alle Strecker sind an der Pronation, der Bewegung nach außen oben, beteiligt (Tab. 9.9).
Beugemuskeln
DorsalextensionDer größte Unterschenkelmuskel, M. triceps surae (dreiköpfiger Wadenmuskel) genannt,Plantarflexion verläuft dorsal und besitzt seinem Namen gemäß drei Köpfe: Er setzt sich zusammen aus dem zweiköpfigen M. gastrocnemius (Zwillingswadenmuskel) und dem M. soleus (Schollenmuskel). Sie verlaufen als Unterschenkel:Beugemuskelnoberflächliche Flexoren inMusculus/Musculi:triceps surae einer gemeinsamen Muskelloge und setzen mit einer gemeinsamen Sehne, der berühmten Achillessehne, am Fersenhöcker an. Musculus/Musculi:gastrocnemiusDiese ist als dicker Strang oberhalb der Ferse gut sicht- und tastbar. Die Musculus/Musculi:soleusWadenmuskeln beugen den Fuß im oberen Sprungelenk (9.2.13) nach plantar (Schollenmuskelzur Fußsohle hin), d. h. der Fuß wird gestreckt (wie zum Gang auf Zehenspitzen).
Ein weiterer Beuger im oberen Sprunggelenk ist der M. tibialis posterior (hinterer Schienbeinmuskel). Er verläuft Achillessehnezusammen mit den beiden anderen tiefen Flexoren, nämlich mit dem langen Großzehen- und dem langen Zehenbeuger (M. flexor hallucis longus und M. flexor digitorum longus Abb. 9.52), in der Muskelloge der tiefen Flexorengruppe. Innerhalb Musculus/Musculi:tibialis posteriordieser Hülle verlaufen auch, etwa in der Mitte des Unterschenkels, die großen Unterschenkelgefäße und -nerven. Während der M. tibialis posterior an den Musculus/Musculi:flexor hallucis longusFußwurzel- und Mittelfußknochen ansetzt, ziehen die Sehnen des M. flexor digitorum longus bis zu den Endphalangen der Zehen (Abb. 9.52, Tab. 9.9).Musculus/Musculi:flexor digitorum longus
Auch die Muskeln der lateralen Muskelloge, der M. peroneus longus und peroneus brevis (Tab. 9.9), haben eine Beugefunktion, heben jedoch im Wesentlichen die laterale Fußkante nach oben (Pronation). Sie ziehen beide um den Außenknöchel herum und setzen an den Mittelfußknochen an.
Streckmuskeln
In der vorderen Muskelloge liegen die Fußstrecker (Extensoren), die den Fußrücken in Musculus/Musculi:peronaeusRichtung Schienbein bewegen (Abb. 9.51). Der M. tibialis anterior zieht wie der lange Zehen- und Großzehenstrecker auf der Vorderseite des Unterschenkels zum Fußrücken. Dort setzt er an Unterschenkel:Streckmuskelnder Fußwurzel und an den Mittelfußknochen an.
Der lange Zehenstrecker (M. extensor digitorum longus) zieht weiter bis zur Dorsalfläche der Zehen.
Alle langen Fußmuskeln gehen Musculus/Musculi:tibialis anteriornoch oberhalb des Sprunggelenks in ihre Sehnen über. Diese ziehen dann zu ihren Fußmuskelnentsprechenden Ansatzorten. Einige unterstützen – zusammen mit kurzen Fußmuskeln und Fußbändern – auch die Bildung der Fußgewölbe.

Fuß

Der Fuß ist der am meisten belastete Musculus/Musculi:extensor digitorum longusKörperteil, da er unser gesamtes Gewicht tragen muss. Er hat TarsusPesdeshalb besonders kompakte Knochen und Os(-sa):tarsieine Vielzahl stützender Bänder und haltgebender Muskeln.Metatarsus

Merke

Der Fuß (Pes) besteht wie die Hand aus drei Abschnitten (Abb. 9.53):

  • Fußwurzel (Tarsus) mit sieben Fußwurzelknochen (Ossa tarsi)

  • Mittelfuß (Metatarsus) mit fünf Mittelfußknochen (Ossa metatarsalia)

  • fünf Zehen, bei denen die Großzehe (Hallux) aus zwei, die übrigen Zehen (Digiti pedis) jeweils aus drei Knochen bestehen

Fußwurzel
Das Fersenbein (Calcaneus) istHallux der größte Fußwurzelknochen und liegt am weitesten Digiti pedisdorsal (Abb. 9.53). Fuß:AnatomieSeine dorsale Begrenzung, der Fersenhöcker (Tuber calcanei), dient der Achillessehne als Ansatz und bildet den hinteren Pfeiler des Fußlängsgewölbes. FußwurzelDem FersenbeinFersenbein Calcaneusliegt das Sprungbein (Talus) auf.
Zehenwärts vom Sprungbein bzw. medial vom Fersenbein liegt das Kahnbein (Os naviculare). An die Fersenhöckerventralen Gelenkflächen des Fersen- und Tuber:calcaneides neben ihm liegenden Kahnbeins schließen sich die Sprungbeindrei Keilbeine (Ossa cuneiformia) und das Würfelbein (Os Taluscuboideum) an, die kettenförmig nebeneinander liegen.
Alle Fußwurzelknochen erinnern in ihrer Form an Kahnbein:Fußwurzelvielseitige Os(-sa):naviculareWürfel.
Sprunggelenke
Das Sprungbein bildet nach proximal mit den unteren Gelenkflächen von Schien- und Wadenbein das obere WürfelbeinSprunggelenk (Abb. 9.53). Das obere Sprunggelenk ist von einer dünnen Kapsel umgeben, Os(-sa):cuboideumdie durch mehrere Bänder verstärkt wird. Der Fuß wird im oberen Sprunggelenk gehoben und gesenkt, es ist also ein Scharniergelenk (7.5.2, 9.2.15).
Das Fersenbein bildet zusammen mit dem oben Sprunggelenkaufliegenden Sprungbein (Talus) sowie dem sich medial anschließenden Kahnbein das untere Sprunggelenk. Dieses besteht genau genommen aus einem vorderen und einem hinteren Gelenk, das jeweils eine eigene Kapsel besitzt. Am hinteren Gelenk sind Fersen- und Sprungbein, am vorderen Fersen-, Sprung- und Kahnbein beteiligt. Im unteren Sprunggelenk wird der Fuß supiniert und proniert.
Mittelfuß
An die Keilbeine und das Würfelbein der Fußwurzel schließen sich strahlenförmig nebeneinanderliegend die fünf Mittelfußknochen (Ossa metatarsalia) an (Abb. 9.53). Sie sind kräftige, kurze Röhrenknochen, die an beiden Enden kolbenförmig verdickt sind. Das proximale Ende wird Basis, das distale Kopf oder Köpfchen Fuß:Mittelfußgenannt.
Beide Enden tragen Gelenkflächen, die proximal mit der Fußwurzel und distal mit den Grundphalangen der Zehen (Zehengrundglieder) verbunden sind.
Zehen
Die Phalangen der Zehen sind wie die Os(-sa):metatarsaliaFingerphalangen Röhrenknochen, jedoch weitaus kürzer und plumper (Abb. 9.53). Die Zehengrundgelenke sind Kugel-, die distal davon gelegenen Interphalangealgelenke Scharniergelenke (9.2.15).
Fußgewölbe
Das Fußskelett besitzt ein Quer- und ein Längsgewölbe. Obwohl sie durch straffe Bänder, Sehnen und Muskeln Phalanx:Zeheverspannt sind, besitzen sie eine gewisse Flexibilität, um auf den Fuß einwirkende Belastungen federnd abpuffern zu lassen.
Längsgewölbe
Das Längsgewölbe liegt auf der Innenseite des Fußes und wird vom Sprungbein, dem Kahnbein, den Keilbeinen und den Mittelfußknochen gebildetFußgewölbe. Es ruht auf drei Pfeilern: dorsal auf dem Fersenhöcker, lateral auf dem Würfelbein und dem 5. Mittelfußknochen und vorn auf dem Vorfuß. Ein typischer Fußabdruck, z. B. in feuchtem Sand, bildet nur diesen gerade beschriebenen, bogenförmigen Knochenverlauf ab (Abb. 9.54). Das Längsgewölbe wird durch eine Vielzahl kurzer Fußmuskeln unterstützt. Die beiden Hauptauflagepunkte des Fußlängsgewölbes, die Ferse und der Vorfuß, sind durch eine Fettschicht gepolstert. Diese schützt sie vor Druckschäden durch das auf ihnen lastende Körpergewicht.
Quergewölbe
Das Quergewölbe überspannt zwischen den lateralen und medialen Anteilen der Fußwurzel- und Mittelfußknochen quer das Längsgewölbe. Bänder und Sehnen, wie die Sehne des M. peroneus longus, spannen sich zwischen den Knochen des Quergewölbes aus. Sämtliche Fußwurzel- und Mittelfußknochen sind zusätzlich untereinander durch straffe Bänder verbunden, was die Stabilität des Gewölbes noch unterstützt und die nötige Elastizität gewährleistet.
Kurze Fußmuskeln
Innervation 9.2.14

Merke

Die kurze Fußmuskulatur wird in vier Gruppen eingeteilt (Abb. 9.53):

  • Muskeln des Fußrückens

  • Muskeln an der medialen Fußsohle (Großzehenfach)

  • Muskeln an der mittleren Fußsohle (Mittelfach)

  • Muskeln an der lateralen Fußsohle (Kleinzehenfach)

Muskeln des Fußrückens
Am Fußrücken verlaufen die kurzen Strecker der Großzehe bzw. der Zehen II–V (M. extensor digitorum brevis und M. extensor hallucis brevis). Sie strecken die Zehen jeweils im Grundgelenk.
Muskeln des Großzehenfachs
Drei Muskeln ziehen hier zur GroßzeheFuß:Fußrücken (Hallux) und beugen sie (M. flexor hallucis brevis Abb. 9.55), spreizen Musculus/Musculi:extensor digitorum brevissie zur Seite ab (M. abductor hallucis) und ziehen sie wieder an die anderen Zehen heran (M. Musculus/Musculi:extensor hallucis brevisadductor hallucis). Alle drei Muskeln sind an der GroßzehenfachVerspannung des Fußlängsgewölbes beteiligt, letzterer auch an der Verspannung des Quergewölbes.
Muskeln des Mittelfachs
Im Musculus/Musculi:flexor hallucis brevisMittelfach verläuft der kurze Zehenbeuger (M. flexor digitorum brevis). Er setzt an den Mittelgliedern der ZehenMusculus/Musculi:abductor hallucis II–V an und beugt sie sowohl in den Grund- als auch in den Mittelgelenken. Er ist ebenfalls an der Verspannung des Fußlängsgewölbes beteiligt.
Ein nahezu viereckiger Muskel ist der M. quadratus Fuß:Mittelfachplantae. Er setzt nicht an den Knochen, sondern an den Sehnen des langen Zehenbeugers (9.2.12) an und bahnt so deren Musculus/Musculi:flexor digitorum breviskorrekten Verlauf.
Wie an der Hand verlaufen an der Fußsohle Mm. lumbricales und Mm. interossei (Zwischenknochenmuskeln), die an den Sehnen der tiefen Zehenbeuger bzw. den Mittelfußknochen Musculus/Musculi:quadratus plantaeentspringen. Sie ziehen jeweils zu den Grundgliedern der Zehen und unterstützen Beugung, Abduktion und Adduktion in den Zehengrundgelenken.
Muskeln des Kleinzehenfachs
In diesem Musculus/Musculi:lumbricaleslateralen Fußsohlenfach verlaufen drei Muskeln zur Kleinzehe, die sie abspreizen, beugen Musculus/Musculi:interosseiund ein kleines Stück den anderen Zehen entgegenstellen können:
  • M. abductor digiti minimi (Kleinzehenabspreizer)

  • M. flexor digiti minimi brevis (kurzer Kleinzehenbeuger)

  • M. opponens digiti minimi (KleinzehenfachKleinzehengegensteller)

Aponeurosis plantaris
Die drei Muskelgruppen der Fußsohle (Abb. 9.55) werden von Musculus/Musculi:abductor digiti minimieiner derben Sehnenplatte, der Aponeurosis plantaris Musculus/Musculi:flexor digiti minimi brevis(Plantaraponeurose), bedeckt. Die Fußmuskulatur entspringt am Unterrand des Fersenbeins und strahlt breitflächig Musculus/Musculi:opponens digiti miniminach vorn aus. Zwei Zwischenwände (Septen) laufen zwischen den Fußsohlenmuskeln senkrecht in die TiefeAponeurosis plantaris zu den Fußknochen. Sie unterteilen die drei Fußsohlenfächer. Zusammen mit einigen der Fußsohlenmuskeln verstärkt die Plantaraponeurose das Längsgewölbe des Fußes.

Wichtige Muskeln und Nerven ( Tab. 9.10)

Gelenke (Tab. 9.11)

Untersuchung und Diagnostik

Anamnese

PlantaraponeuroseRadioulnargelenkHumeroulnargelenkGelenk(e):ÜbersichtArticulatio/Articulationes (Gelenke), ÜbersichtHumeroradialgelenkRadiokarpalgelenkMediokarpalgelenkGelenk(e):ÜbersichtArticulatio/Articulationes (Gelenke), ÜbersichtFemorotibialgelenkBei der Anamnese fragen Sie zunächst nach den aktuellen Beschwerden des Patienten:
  • TibiofibulargelenkSchmerzlokalisation: Wo? EinTarsometatarsalgelenk oder mehrere MetatarsophalangealgelenkRegionen (z. B. Gelenke) betroffen? Strahlen die Schmerzen aus, wenn ja, wohin?

  • Schmerzdauer: Plötzlicher (z. B. nach Heben von schweren Lasten) oder allmählicher Beginn? Ständige oder immer wiederkehrende Schmerzen?

  • Schmerzcharakter:Untersuchung:Bewegungsapparat Belastungsabhängige oder belastungsunabhängige Beschwerden? Schmerzen in der Nacht? Anlaufschmerzen bzw. Steifigkeit am Morgen?

  • Sind dem Patienten eine Schwellung oder ein Spannungsgefühl des betroffenen Gebiets aufgefallen oder eine Abnahme (Atrophie) der Muskeln?

  • Besteht eine Bewegungseinschränkung der Gelenke oder Wirbelsäule oder eine Schwäche der Extremitäten?

  • Kennt der Patient lindernde oder verstärkende Faktoren?

  • Werden die Beschwerden von sonstigen Symptomen (z. B. Gefühlsstörungen in den Extremitäten, Fieber) begleitet?

  • Welche Medikamente nimmt der Patient gelegentlich (nach Schmerzmittelverbrauch fragen) oder regelmäßig?

Wichtig sind auch folgende Fragen:
  • Welche Therapien sind bisher durchgeführt worden und mit welchem Erfolg?

  • Hatte der Patient Unfälle, einen Tumor (Beschwerden durch Skelettmetastasen) oder eine Erkrankung des Bewegungsapparats in der Kindheit?

  • Bestehen sonstige Grunderkrankungen, v. a. Stoffwechselerkrankungen?

Bei der Sozialanamnese fragen Sie nach der beruflichen Tätigkeit des Patienten (körperliche Belastung, Arbeitshaltung), nach den Sportarten, die der Patient betreibt und ob eine Minderung der Erwerbsfähigkeit besteht.

Körperliche Untersuchung

Bei der dann folgenden körperlichen Untersuchung gehen Sie schrittweise vor. Die Reihenfolge und die Schwerpunkte der Untersuchungsmethoden richten sich wie üblich nach dem Krankheitsbild. Meist werden bei Erkrankungen des Bewegungsapparats durchgeführt:
  • allgemeine körperliche Untersuchung (3.5.10)

  • allgemeine Untersuchung des Bewegungsapparats

  • spezielle Untersuchung erkrankter Gelenke oder Körperteile

Allgemeine Untersuchung
Bei der allgemeinen Untersuchung werden vorrangig Haltung, Beweglichkeit und Strukturen betrachtet und geprüft. Untersuchen Sie immer seitenvergleichend und vermeiden Sie, (unnötig) Schmerzen auszulösen.
Inspektion
Hier achten Sie v. a. auf Haltung, Körperbau, Konstitutionstyp, Deformitäten, Muskelatrophien und Lähmungen, Spontanbewegungen (Schonhaltung?), Gangbild (Hinken?).
Suchen Sie nach Schwellungen, Rötungen und Hautveränderungen.
Palpation
Sie ertasten z. B. Schmerzpunkte und Schwellungen, erfühlen Hauttemperatur, Muskeltonus und -verhärtungen und Inspektion:Bewegungsapparatprüfen, ob ein Gelenkerguss vorliegt (z. B. „tanzende Patella“ Abb. 9.59) oder ob sich ein Gelenk abnorm verschieben oder seitlich „aufklappen“ lässt.
Funktionsprüfungen
Hierzu zählen z. B. Prüfungen, ob der Patient Kniebeugen machen, auf den Zehenspitzen stehen, Palpation:Bewegungsapparatauf den Fersen gehen oder die Hände hinter dem Nacken und der LWS zusammenbringen kann.
Hinkt der Patient, lassen Sie ihn auf einem Bein stehen, um zu sehen, ob das Becken dann zur Seite abkippt. Dies wäre ein Hinweis auf eine Lähmung oder Schwäche des M. gluteus medius auf der Seite des Funktionsprüfungen:BewegungsapparatStandbeins. Zum Ausgleich würde der Patient dann den Oberkörper zur erkrankten Seite neigen (Duchenne-Zeichen).
Prüfung der Gelenkbeweglichkeit

Null-Stellung (sog. anatomische Normalstellung): aufrechter, gerader Stand mit herabhängenden Armen.

Ausgehend von der definierten Null-Stellung wird die zu untersuchende Extremität von Ihnen in die jeweilige Bewegungsrichtung geführt. Sie messen das Bewegungsausmaß mittelsNull-Stellung eines Winkelmessers oder schätzen es ab (Abb. 9.56Normalstellung, anatomische).
Untersuchung der Muskulatur
Muskeltonus
Wenn Sie den Dehnungswiderstand der entspannten Muskulatur (Muskeltonus)Gelenk(e):Beweglichkeitsprüfung prüfen, fordern Sie den Patienten auf, völlig entspannt zu bleiben und die von Ihnen durchgeführten Bewegungen weder mitzumachen noch dagegen zu spannen. Sie testen z. B. den Muskeltonus
  • der Armmuskulatur durch Beugung und Streckung des Schulter- und Ellenbogengelenks sowie durch Händeschütteln,

  • der Beinmuskulatur Muskeltonusprüfungdurch Beugung und Streckung im Hüft- und Kniegelenk.

Muskelkraft
Die Muskelkraft stellen Sie durch Bewegen der Extremitäten gegen Widerstand fest. Lassen Sie z. B. den Patienten
  • Ihre beiden Hände drücken, während Sie – um den Druck besser beurteilen zu können – Ihre Unterarme kreuzen,

  • die Arme gegen Ihren Widerstand nach vorne drücken oder die Arme bei geschlossenen Augen nach vorne halten,

  • die Beine im Liegen hochheben bzw. halten (bei MuskelkraftprüfungBeugung im Hüft- und Kniegelenk).

„Versteckte“ (latente) Lähmungen zeigen sich durch Absinken der Extremität beim Halteversuch, oder manchmal spürt der Patient nur ein leichtes Schweregefühl der betroffenen Extremität.
Bei der Untersuchung der Muskelkraft unterscheidet man mehrere Stufen:
  • Stufe 0 = keine erkennbare Muskelkontraktion sichtbar und fühlbar

  • Stufe 1 = fühlbare, aber nicht sichtbare (isometrische) Muskelkontraktion

  • Stufe 2 = 25 % der Muskelkraft, Bewegung in der Waagerechten ist ohne Widerstand möglich, jedoch kann das Eigengewicht nicht angehoben, also keine Bewegung gegen die Schwerkraft durchgeführt werden

  • Stufe 3 = 50 % der Muskelkraft, Bewegung gegen die Schwerkraft, jedoch ohne Widerstand ist möglich

  • Stufe 4 = 75 % der Muskelkraft, Bewegung gegen die Schwerkraft und mit mittelgroßem Widerstand ist möglich

  • Stufe 5 = Bewegung gegen die Schwerkraft und mit einen kräftigen Widerstand ist möglich

Neurologische Untersuchungen
Zur orientierenden neurologischen Untersuchung (23.3.2) sind z. B. die Untersuchung der Feinmotorik, Reflexprüfungen, Sensibilitätsprüfungen und die Prüfung des Lasègue-Zeichens und des Kernig-Zeichens erforderlich.
Sonstige Untersuchungen
Je nach Beschwerden oder bei speziellen Fragestellungen schließen sich weitere wichtige Untersuchungen an, z. B. das Tasten neurologische Untersuchung:Bewegungsapparatder peripheren Pulse (3.5.3), die Lagerungsprobe nach Ratschow oder die Faustschlussprobe (11.3.2), die Palpation von Lymphknoten (21.3.2) oder die Fiebermessung.
Gezielte Untersuchung
Bei der gezielten Untersuchung werden vorrangig alle erkrankten Gelenke oder Körperteile untersucht.
Untersuchung der Wirbelsäule
Inspektion
Bei der Inspektion der Wirbelsäule (9.2.3) lassen Sie den entkleideten Patienten zunächst aufrecht stehen und dann sich langsam nach vorne beugen. Achten Sie auf Fehlhaltungen, Wirbelsäulenform (Hohlrund-, Flachrücken oder Skoliose 9.9.1), Rippenbuckel (einseitige Vorwölbung Wirbelsäule:Untersuchungvon Rippen bei dem nach vorne gebeugten Patienten), Inspektion:WirbelsäuleLendenwulst (Vorwölbung einer Lendenpartie neben der WirbelsäuleWirbelsäule:Inspektion, Vorkommen bei Skoliose), Schulterschief- oder Schulterhochstand oder asymmetrische Taillendreiecke. Eine unterschiedlich ausgeprägte Gesäßfalte und Höhendifferenzen von Knie- und Gesäßfalten können auf einen Beckenschiefstand hinweisen.
Palpation und Perkussion
Anschließend palpieren Sie die Wirbelsäule und die Rückenmuskulatur von oben nach unten (abnorm vorstehende Dornfortsätze, Muskelhartspann oder Myogelosen).
Danach klopfen Sie mit dem Perkussionshammer die Wirbelsäule ab. Palpation:WirbelsäuleKlopfschmerz über einzelnen Wirbeln tritt z. B. bei Perkussion:WirbelsäuleWirbelbruch, Metastasen oder Knochentuberkulose auf. Diffuser Wirbelsäule:PalpationKlopfschmerz über größeren Wirbelsäulenabschnitten kann auf Wirbelsäule:PerkussionOsteoporose oder Knochenkarzinose (diffuse Ausbreitung von Metastasen im Knochen) hinweisen.
Prüfung der Wirbelsäulenbeweglichkeit
Lassen Sie den sitzenden Patienten den Kopf nach beiden Seiten neigen, rotieren sowie nach vorne und hinten beugen, während Sie die Schulter mit Ihren Händen fixieren. Bei der Seitwärtsneigung und Rotation (Rotation bei fixiertem Becken) der BWS und LWS achten Sie auf einseitige Einschränkungen. Die Seitneigung und Drehung der Wirbelsäule ist beim Gesunden harmonisch und beidseits gleich.Wirbelsäule:Beweglichkeitsprüfung

Tipp

Ein Maß für die Gesamtbeweglichkeit der Wirbelsäule ist der Finger-Boden-Abstand (Abb. 9.57). Dabei achten Sie darauf, ob Teile der Wirbelsäule fixiert sind und nicht an der Krümmung teilnehmen und ob eine Höhendifferenz zwischen rechter und linker Thoraxhälfte besteht (Rippenbuckelbildung bei Skoliose 9.9.1).

Die BWS-Beweglichkeit wird durch das Ott-Zeichen (Abb. 9.57) geprüft: Der Dornfortsatz des HWK 7 wird am stehenden Patienten markiert und eine Strecke von 30 cm nach unten abgemessen. Bei max. Rumpfbeugung vergrößert sich diese Strecke auf ca. 34–36 cm.
Die analoge Prüfung im LWS-FingerBoden-AbstandBereich heißt Schober-Zeichen (Abb. 9.57): Messen Sie vom Dornfortsatz von S 1 10 cm nach oben; bei maximaler Rumpfbeugung vergrößert sich diese Ott-ZeichenStrecke auf 14–16 cm.
Milgram-Test
Um den Ursprung und die Ursache „diffuser“ Rückenschmerzen eingrenzen zu können, führen Sie den Milgram-Test durch: Der Patient liegt auf dem Rücken. Er soll gleichzeitig beide Beine Schober-Zeichengestreckt ca. 5 cm anheben, wodurch der M. iliopsoas und die Bauchmuskeln kontrahieren und sich der Druck im Liquorraum (23.2.16) erhöht. Bleibt der Patient länger als 30 Sekunden schmerzfrei, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Milgram-TestGeschehen vor, das für eine Reizung bzw. eine Druckerhöhung der Rückenmarkshäute verantwortlich ist (z. B. Ischialgie, Tumor). Tritt ein Schmerz auf, soll der Patient den genauen Ort anzeigen.
Untersuchung des Beckens
Der Patient steht barfuß und nimmt eine Körperhaltung ein, die er als „normal“ empfindet. Betrachten Sie seine Beckenregion von vorne und von hinten. Achten Sie auf die Höhe der Darmbeinkämme (9.2.10), auf unterschiedlich ausgeprägte Gesäßfalten sowie auf Höhenunterschiede von Knie- und Gesäßfalten (Hinweis auf Beckenschiefstand).
Eine evtl. seitliche Neigung des Beckens (z. B. bei Beinverkürzung) stellen Becken:UntersuchungSie fest, indem Sie seitenvergleichend die Höhe des Darmbeinkamms messen. Tasten Sie die höchsten Punkte beider Darmbeinkämme und vergleichen sie. Außerdem stellen Sie sich hinter den Patienten und tasten beide hinteren oberen Darmbeinstacheln. Vergleichen Sie, ob diese Punkte auf gleicher Höhe liegen. Dann treten Sie vor den Patienten und tasten, ob beide vorderen oberen Darmbeinstacheln ebenfalls auf einer Linie liegen. Auf diese Weise können Sie einen Beckenschiefstand bzw. eine Beckenverwringung (9.4.10) diagnostizieren.
Messung der Beinlängen
Es gibt zwei Methoden zur Messung der Beinlänge:
  • Bei der direkten Messung liegt derPatient in Rückenlage auf der Untersuchungsliege. Mit einem Maßband wird die Entfernung zwischen Spina iliaca anterior superior und Außenknöchel gemessen.

  • Bei der indirekten Messung steht der Patient aufrecht, und Sie schieben so lange Brettchen unterschiedlicher Dicke unter das kürzere Bein, bis der BeinlängenmessungBeckenschiefstand sicht- und tastbar ausgeglichen ist.

Untersuchung des Hüftgelenks
Die Inspektion erfolgt immer sowohl in Ruhestellung als auch bei Bewegung. Beim stehenden Patienten achten Sie auf Beckengeradstand, die Beinachse (gerade, X-Beine oder O-Beine) und Muskelatrophien, beim gehenden Patienten auf das Gangbild (z. B. Schonhinken 9.4.11).
Bei der Palpation überprüfen Sie die Hauttemperatur (Überwärmung als Zeichen Hüft(gelenk):Untersuchungeiner akuten Entzündung), die Leisten auf Gelenk(e):UntersuchungDruckschmerz und den Trochanter major auf Klopfschmerz.
Eine Hyperlordose (9.9.1) der LWS muss vor der Überprüfung der Hüftgelenke durch den sog. Thomas-Handgriff (Abb. 9.58) ausgeglichen werden, der gleichzeitig Beugekontrakturen im Hüftgelenk ausschließt: Der Patient liegt auf einer möglichst harten Unterlage. Er zieht das im Kniegelenk gebeugte Bein der gesunden Seite maximal an, indem er den Unterschenkel mit beiden Armen umfasst. Ist die Hüfte gebeugt, flacht sich die LWS ab und das Becken wird stabilisiert. Eine weitergehende Beugung kann deshalb Thomas-Handgriffnur in der Hüfte erfolgen. Die normale Grenze der Hüftbewegung liegt bei 130–140°. Bei dauerhaft verkürzten Beugemuskeln (Beugekontraktur) des untersuchten Hüftgelenks hebt sich das betroffene Bein an; normalerweise bleibt es auf der Unterlage liegen.
Anschließend führen Sie die seitenvergleichende Funktionsprüfung beim liegenden Patienten durch:
  • Flexion (Beugung) und Extension (Streckung) des Hüftgelenks in Seitenlage. Beugung durch Anziehen des Kniegelenks zum Körper, das andere Bein bleibt zur Kontrolle gestreckt.

  • Abduktion (Wegführen von der „Körpermittellinie“) und Adduktion (Hinführen zur „Körpermittellinie“) in Rückenlage bei gestrecktem Bein. Zur Adduktionsbestimmung heben Sie das Bein der Gegenseite etwas an.

  • Außen- und Innenrotationsmessung bei gebeugtem Kniegelenk in Rückenlage. Die Drehung des Unterschenkels nach außen misst die Innenrotation des Hüftgelenks, die Drehung des Unterschenkels nach innen misst die Außenrotation (Abb. 9.56).

Untersuchung des Kniegelenks
Bei der Inspektion des stehenden Patienten achten Sie auf Achsenabweichungen (O- oder X-Beinstellung 9.11.3), Muskelatrophien (M. vastus medialis 9.2.11), Schwellungen („Buckel“ auf der Kniescheibe deutet auf Bursitis 9.7.2), „verstrichene“ (durch Schwellung ausgeglichene) physiologische Vertiefungen des Kniegelenks und Rötung.
Es Kniegelenk:Untersuchungfolgt die Palpation: Sie prüfen die Hauttemperatur (Gelenk(e):UntersuchungÜberwärmung?) und tasten den Gelenkspalt (Druckschmerz?). In der Kniekehle tasten Sie nach Schwellungen oder Zysten. Der Patient sollte bei dieser Untersuchung mit durchgedrückten Kniegelenken stehen.
Bei Verdacht auf kleinere Flüssigkeitsmengen im Kniegelenk suchen Sie nach Anschwellungszeichen. Dazu pressen Sie beim stehenden Patienten zwei- bis dreimal fest mit der Hand die innere (mediale) Vertiefung des Knies, um evtl. vorhandene Flüssigkeit nach oben zu verlagern. Danach klopfen oder drücken Sie direkt hinter dem seitlichen (lateralen) Patellarand auf das Knie und beobachten, ob Ergussflüssigkeit in die Vertiefung medial der Patella zurückfließt.
Größere Flüssigkeitsmengen erkennt man an der sog. „tanzenden Patella“. Der Patient liegt mit gestreckten Beinen. Streichen Sie den Raum oberhalb der Patella nach unten (kaudal) aus, und umfassen Sie dann mit einer Hand fest den Oberschenkel direkt oberhalb des Knies. Dadurch wird die Flüssigkeit aus dem oberen Teil der Gelenkhöhle in den Raum zwischen Kniescheibe und Oberschenkelknochen gepresst. Mit den Fingern der anderen Hand drücken Sie die Patella ruckartig gegen Patella:tanzendeden Oberschenkelknochen. Bei einem größeren Kniegelenkerguss können Sie beim Anschlagen einen leichten Stoß fühlen, und die Patella „tanzt“, d. h., sie bewegt sich wieder nach oben (Abb. 9.59).
Der Bewegungsumfang (Extension und Flexion) wird nach der Neutral-Null-Methode (Abb. 9.56) gemessen. Lassen Sie bei der Bewegung eine Hand auf dem Kniegelenk, um eine Krepitation (Reiben) zu spüren (Hinweis auf Gonarthrose 9.4.11). Eine Krepitation bei Femoropatellararthrose (Arthrose der Hinterfläche der Kniescheibe) stellen Sie fest, indem Sie den Patienten nur die ventrale Muskulatur des Oberschenkels (M. quadrizeps) anspannen lassen und ihre flache Hand auf die Patella legen.
Die Stabilität des Bandapparats untersuchen Sie folgendermaßen:
  • Seitenbänder: Sie versuchen, den gestreckten Unterschenkel gegen den fixierten Oberschenkel zu abduzieren bzw. adduzieren. Bei einem Schaden der Seitenbänder lässt sich das Gelenk „seitlich aufklappen“.

  • Kreuzbänder: Sie beugen das Kniegelenk um 90° und fixieren den Fuß, indem Sie sich daraufsetzen. Dann versuchen Sie, den Seitenbänder:UntersuchungUnterschenkel horizontal nach vorne und nach hinten zu verschieben (Abb. 9.60). Ein Kreuzbandschaden liegt vor (positives Schubladenphänomen) bei weichem oder fehlendem Anschlag. Die gleiche Untersuchung können Sie noch bei 30° Innenrotation und 15° Kreuzband:UntersuchungAußenrotation wiederholen („Rotationsschublade“).

Die wichtigsten Zeichen für einen Meniskusschaden sind (Abb. 9.62):
  • Böhler-Zeichen: Schmerzen bei Adduktion des Kniegelenks weisen auf Schäden des Innenmeniskus Schubladenphänomenoder des Außenbands hin, schmerzhafte Abduktion auf Schäden des Außenmeniskus oder Rotationsschubladedes Innenbands.

  • 1. Steinmann-Zeichen: Bei gebeugtem Kniegelenk wird der Unterschenkel nach innen und außen rotiert. Meniskus:UntersuchungSchmerzhafte Innenrotation tritt bei Böhler-ZeichenAußenmeniskusschaden auf, schmerzhafte Außenrotation bei Innenmeniskusschaden.

  • 2. Steinmann-Zeichen: Bei Beugung des Kniegelenks wandert der Druckschmerz am inneren Gelenkspalt von vorn nach hinten, wenn ein Meniskusschaden besteht.

  • Apley-Zeichen (Abb. 9.61) zur Steinmann-ZeichenDifferenzierung zwischen Kapselbandapparat- und Meniskusschaden: Der Patient liegt auf dem Bauch mit gebeugten Knien. Schmerzen bei Rotation unter Zug sprechen für einen Schaden am Kapselbandapparat; Schmerzen bei Rotation unter Druck von oben auf die Fußsohlen sprechen für einen Meniskusschaden (Schmerz bei Außenrotation für Innenmeniskus, bei Innenrotation für Außenmeniskus).

  • Apley-Zeichen Payr-Zeichen: Im Schneidersitz auftretender Schmerz am inneren Gelenkspalt, der bei Druck auf das Knie in Richtung Boden verstärkt wird. Zeichen für eine Schädigung v. a. des Hinterhorns des Innenmeniskus.

Achtung

Da negative Meniskustests nicht beweisen, dass die Menisken intakt sind, erhöht die Kombination verschiedener Tests die Aussagekraft.

Ein wichtiger Test für Kniescheibenerkrankungen (insbesondere Chondropathia patellae 9.11.4) ist das Zohlen-Zeichen: Patella nach kaudal fixierenPayr-Zeichen:Meniskus und Patienten auffordern, die ventrale Oberschenkelmuskulatur (M. quadrizeps) anzuspannen (Zohlen-Zeichen positiv bei Schmerzangabe im Bereich der Patella).
Untersuchung der Fuß- und Zehengelenke
Inspizieren Sie die Füße und Zehen, insbesondere die Gelenke, und achten Sie auf Deformierungen, Schwellungen, Schwielen, Zohlen-ZeichenPatella:UntersuchungHühneraugen, Haut- und Nagelpilz, Verfärbungen und offene Stellen.
Danach palpieren Sie die Vorderfläche des Sprunggelenks (Schwellung? Druckschmerzhaftigkeit?). Prüfen Zehengelenke:UntersuchungSie, ob die Mittelfußgelenke druckschmerzhaft sind, indem Fußgelenke:UntersuchungSie den Vorfuß mit Ihren beiden Händen zusammendrücken (GaenslenGelenk(e):Untersuchung-Handgriff). Danach drücken Sie systematisch auf der Fußsohlenseite die Mittelfußköpfchen (Druckschmerzhaftigkeit ist z. B. Hinweis auf rheumatoide Arthritis 9.12.1). Tasten Sie jedes Zehengelenk, und suchen Sie auf den Achillessehnen nach Knötchen oder Druckschmerzhaftigkeit. Achten Sie auch immer auf die Hauttemperatur.
Überprüfen Sie die Beweglichkeit der Sprunggelenke durch die Neutral-Null-
Methode (Gaenslen-Handgriff:am FußAbb. 9.56), und beugen Sie die Zehen in den Mittelfuß-Zehengelenken.
Untersuchung des Schultergelenks
Bei der Inspektion des Schultergelenks betrachten Sie von vorne und von hinten die Schulterkontur, immer im Vergleich zur Gegenseite, und achten auf eine Eindellung der Haut im Schulterbereich bei Luxation (9.6.4), Schwellung bei akuter Entzündung oder Muskelatrophie (9.4.5).
Aufgrund der häufig vorkommenden Ansatztendinosen im Schulterbereich ist Schulter:Untersuchungdie Palpation besonders wichtig.

Merke

Bei der Palpation des Schultergelenks werden folgende Stellen abgetastet:

  • Tuberculum majus

  • Processus coracoideus

  • Sulcus, in dem die lange Bizepssehne verläuft

  • Sternoklavikular- und Akromioklavikulargelenk

  • Muskelhartspann bzw. Myogelosen (9.4.4) im Schulter- und HWS-Bereich

Die Gelenk(e):UntersuchungFunktionsprüfung erfolgt nach der Neutral-Null-Methode (Abb. 9.56). Wenn die Abduktion (Wegführen von der „Körpermittellinie“) zwischen 60–120° schmerzhaft ist, spricht man von einem „schmerzhaften Bogen“ (Painful arc). Der Painful Arc ist typisch für das Palpation:SchultergelenkSupraspinatussehnensyndrom (9.10.2).
Schmerzhafte Abduktion > 160° tritt bei Erkrankungen des Neutral-Null-Methode:SchultergelenkAkromioklavikulargelenks auf.
Untersuchung des Ellenbogengelenks
Achten Sie bei der Inspektion auf umschriebene Schwellungen (Hinweis z. B. auf rheumatische oderGelenk(e):Neutral-Null-Methode traumatische Entzündung des Painful arcSchleimbeutels oder Gelenkerguss) oder diffuse Schwellungen (häufiges Traumazeichen) und Rötungen.
Prüfen Sie die Beweglichkeit nach der Neutral-Null-Methode (Abb. 9.56) und indem der Patient die Ellenbogengelenke beugt und streckt, Ellenbogengelenk:Untersuchungdie gebeugten Arme seitlich an den Körper anlegt und Gelenk(e):Untersuchungdie Handflächen nach oben (Supination) und nach unten (Pronation) dreht.
Zur Palpation beugen Sie das Ellenbogengelenk Ihres Patienten etwa im 70°-Winkel und unterstützen seinen Unterarm mit Ihrer Neutral-Null-Methode:Ellenbogengelenkgegenüberliegenden Hand. Palpieren Sie den Ellenbogen, die ulnare Streckseite und den Processus olecrani sowie Gelenk(e):Neutral-Null-Methodedie Rinnen beidseits des Olekranons. Achten Sie auf Knötchen, Schwellungen, Verdickungen und Druckschmerz. Untersuchen Sie den lateralen (seitlichen) Epikondylus auf Druckschmerzhaftigkeit (Hinweis auf Tennisellenbogen 9.10.3).
Untersuchung der Hand- und Fingergelenke
Suchen Sie bei der Inspektion nach Rötungen, Schwellungen und Deformierungen.
Die Beweglichkeit des Handgelenks überprüfen Sie mit der Neutral-Null-Methode (Abb. 9.56) und indem Sie den Patienten auffordern, die Finger jeder Hand zu spreizen und zu strecken sowie eine Faust zu Fingergelenk:UntersuchungmachenHandgelenk:Untersuchung und den Daumen Gelenk(e):Untersuchungdabei über die Fingerknöchel zu legen.
Palpieren Sie systematisch alle Fingergelenke, die Mittelhandregionen und die Handgelenke. Achten Sie dabei auf Schwellungen, Knochenvergrößerung,Neutral-Null-Methode:Fingergelenke Überwärmung, Verhärtungen und Druckschmerz. Der sog. Gaenslen-Handgriff liefert bereits im Frühstadium Gelenk(e):Neutral-Null-Methodediagnostische Hinweise auf eine chronische Polyarthritis (9.12.1): Das quere Zusammendrücken der Fingergrundgelenke (wie beim Händeschütteln) schmerzt schon bei leichtem Druck.

Naturheilkundliche Diagnostik

Antlitzdiagnose

Auf der Höhe der Jochbeine, beidseitig vor den Ohren erstrecken sich nach Ferronato die Areale für den Kalzium- und Knochenstoffwechsel. Sind sie besonders bleich oder rot, ist eine entsprechende Kontrolle angezeigt. Ein Diagnostik, naturheilkundliche:BewegungsapparatKinngrübchen zeigt die Tendenz zu Wirbelsäulen- oder Bandscheibenerkrankungen an. Nach Bach verweist eine Querfalte an der Nasenwurzel (Abb. 9.63) oft auf vorliegende Wirbelsäulensyndrome oder auf eine verspannte Rückenmuskulatur.

Iridologie

Achten Sie auf Veränderungen im Bereich der betroffenen Gelenke: So sind z. B. das Knie und die Hüfte bei 30 Min. rechts und links, die Wirbelsäule bei 20 Min. rechts bzw. 40 Min. links und die obere Extremität bei 40 Min. rechts bzw. 20 Min. links in der Iris lokalisiert.
Liegt ein akutes Geschehen vor, werden Sie häufig Reizfasern, bei chronischen Beschwerden Lakunen und Krypten im Sektor des betroffenen Gelenks erkennen können. Bei Patienten mit katarrhalisch-rheumatischer Konstitution (Abb. 9.64) lassen sich in der Irisstroma oft weiße, ziliar aufgelagerte Flocken, sog. Wattebäuschchen, erkennen. Eine unregelmäßig ektasierte (erweiterte) Krausenzone, eine abgedunkelte Krausenzone und sechste Region, Tophi sowie eine zarte Struktur der Irisfasern sind weitere Hinweise auf die katarrhalisch-rheumatische Konstitution (3.7.4).
Gleichzeitig sind in vielen Fällen im Bereich der inneren Organe, wie Leber, Galle, Darm und Nieren, Schwäche- oder Defektzeichen zu finden. Patienten mit degenerativen Gelenkerkrankungen haben meist keine organspezifischen Auffälligkeiten in der Iris, allerdings liegt als Zeichen einer Bindegewebsschwäche (Abb. 9.65) oft eine sog. Maßliebchen-Iris vor.

Körperliche Untersuchung

Führen Sie eine körperliche Untersuchung (9.3.2) durch. Achten Sie darauf, ob eine Beinlängendifferenz vorliegt oder druckschmerzhafte Triggerpunkte auszumachen sind, die die Beschwerden auslösen und charakteristische Übertragungsschmerzen in den betreffenden Gebieten hervorrufen.
Berücksichtigen Sie, dass das betroffene Gelenk nicht isoliert behandelt, sondern die angrenzenden Gelenke und Muskulatur in die Therapie einbezogen werden.

Mayr-Diagnostik

Achten Sie auf Haltungsfehler durch gestörte Verdauungsprozesse mithilfe der Mayr-Diagnostik (4.2.28).

Reflexzonendiagnose

Achten Sie im Bereich der Fußreflexzonen auf die druckschmerzhaften Zonen der betroffenen Gelenke bzw. die Zone der Wirbelsäule. Zudem sollten Sie auch die Zonen des Lymphsystems und die Verdauungsorgane auf Auffälligkeiten hin untersuchen.

Störfelddiagnose

Es ist (ggf. durch einen Zahnarzt bzw. Kieferorthopäden) abzuklären, ob potenzielle Störfelder vorliegen, v. a. im Bereich der Zähne, Tonsillen, Nasennebenhöhlen und des Darms. Die Eckzähne und die beiden darauf folgenden Backenzähne des Unterkiefers (33, 34, 43, 44) stehen – so wird angenommen – in Wechselbeziehung zum Knie und zu den Hüften (13.3.3). Ein hoher Prozentsatz von Beckenschiefständen ist in einer Problematik des Kiefergelenks begründet.

Schulmedizinische Diagnostik

Labor
Bei Verdacht auf eine Erkrankung des rheumatischen Formenkreises (9.12) ist die Labordiagnostik hilfreich. Besonders der Antigen- oder der Antikörpernachweis im Blut eines Patienten hat sich zu einem wichtigen Faktor der rheumatologischen Diagnostik entwickelt, obwohl die Interpretation (positiver) Tests schwierig ist. Serologische Tests haben eine bestimmte Quote falschpositiver oder Diagnostik, schulmedizinische:Bewegungsapparatfalschnegativer Ergebnisse. Das bedeutet, dass der Test unauffällig bleiben kann, obwohl eine Krankheit vorliegt, oder möglicherweise ein pathologisches Ergebnis zeigt, obwohl der Patient gesund ist. Die meisten Antikörper finden sich bei Patienten mit einer bestimmten Krankheit häufiger als bei Gesunden; ihr Nachweis ist jedoch nicht beweisend für diese Erkrankung! So werden bestimmte Antikörper, z. B. Rheumafaktoren, häufig auch bei alten, aber gesunden Patienten gefunden, und einige Antikörper können sogar bei verschiedenen Krankheiten vorliegen. Ähnlich ist es auch bei den Antigenen. Ist ein bestimmtes Antigen vorhanden, so hat dies noch keine krankhafte Bedeutung, sondern ist gewissermaßen ein Merkmal des Menschen. Somit weisen Laboruntersuchungen auf Rheumafaktoren, Antikörper oder Antigene die diagnostische Richtung, sie sind aber nicht als Krankheitsnachweise zu werten. Bei Verdacht auf rheumatische Erkrankungen werden folgende serologischen Untersuchungen besonders häufig durchgeführt:
  • Rheumafaktoren (kurz RF) sind Autoantikörper gegen körpereigene IgG-Moleküle (22.3.2). Rheumafaktoren werden bei rheumatoider Arthritis (9.12.1), aber auch bei Patienten mit Kollagenosen (9.12.3) gefunden. Selbst bei Gesunden findet man sie in 5–10 % der Fälle.

  • Antinukleäre Antikörper (kurz ANA, auch antinukleäre Faktoren, ANF) sind gegen Bestandteile des Zellkerns gerichtet. Sie sind z. B. bei allen RheumafaktorenPatienten mit systemischem Lupus erythematodes (9.12.3) vorhanden. Da sie aber auch bei anderen Erkrankungen positiv sein können, sind sie nicht beweisend.

  • Antineutrophile zytoplasmatische Antikörper (kurz ANCA) gegen Bestandteile des Zytoplasmas gerichteten Antikörper sind bei Antikörper:antinukleärePatienten mit z. B. Wegener-Granulomatose (11.6.4), Churg-Strauss-Syndrom (11.6.4) oder bestimmten Formen der Glomerulonephritis (16.5.3) erhöht.

  • Antibakterielle Antikörper können vorliegen bei Gelenkbeschwerden, die durch bakterielle Infektionen ausgelöst wurden (reaktive Antikörper:antineutrophile zytoplasmatischeArthritiden 9.6.2). Am längsten bekannt ist der Zusammenhang zwischen rheumatischem Fieber und einer vorangegangenen Streptokokkeninfektion (25.17.8).

  • HLA-Antigene (kurz für human leucocyte antigen, eines der wichtigsten Histokompatibilitätsantigene) befinden sich auf den ZellmembranenAntikörper:antibakterielle aller kernhaltigen Körperzellen.

Merke

Das HLA-B27-Antigen ist in der Rheumatologie am wichtigsten. Über 90 % der Patienten mit Morbus Bechterew (9.12.2) sind HLA-B27-positiv.

Apparative Untersuchungen
Ganz im Vordergrund der apparativen Diagnostik stehen die verschiedenen radiologischen Verfahren. Häufig werden zu Beginn RöntgennativaufnahmenHLA-Antigene angefertigt, im Bereich der Extremitäten oft beidseits, da eine Unterscheidung zwischen harmlosen Normvarianten und pathologischen Befunden oft nur im Seitenvergleich möglich ist.
Evtl. folgt eine HLA-B27Schichtaufnahme (Tomografie). Bei Verdacht auf Verletzung eines Bands können gehaltene Aufnahmen angefertigt werden, bei denen manuell bzw. mittels eines speziellen Apparats oder Gewichten Druck und/oder Zug auf ein Gelenk ausgeübt werden (Abb. 9.66).
Zunehmende Bedeutung haben die Sonografie (3.8.2), v. a. bei der Beurteilung von Weichteilen (Gelenkkapsel, Muskel, Sehnen, Bänder), und die Arthroskopie (Spiegelung eines Gelenks zur Diagnostik und auch zur TherapieRöntgen:gehaltene Aufnahmen) erlangt.
Eine Gelenkpunktion wird ebenfalls zu diagnostischen (serologische, bakteriologische und histologische Untersuchung) oder therapeutischen Zwecken (Punktion eines Gelenkergusses) durchgeführt, am häufigsten am Schulter- und Kniegelenk, Endoskopie:Gelenkeseltener auch am Ellenbogen-, Sprung- oder Hüftgelenk.
ArthroskopieGelegentlich kann eine Knochenszintigrafie (3.8.2) zum Nachweis eines erhöhten oder verminderten Knochenstoffwechsels erforderlich sein. CT (3.8.2) und GelenkpunktionMRT (3.8.2) werden besonders bei Tumorverdacht, Bandscheibenprozessen und speziellen Fragestellungen im Bereich der Gelenke angeordnet.

Checkliste zur Anamnese und Untersuchung bei Verdacht auf Erkrankungen des Bewegungsapparats

Knochenszintigrafie

  • Anamnese: Schmerzlokalisation, Schmerzdauer, Schmerzcharakter (belastungsabhängig? Morgensteifigkeit?); Schwellung, Bewegungseinschränkung, lindernde oder verstärkende Faktoren, Begleitsymptome, Medikamente, bisherige Anamnese:BewegungsapparatTherapie, Unfälle, Tumorerkrankung, Grunderkrankungen (besonders Bewegungsapparaterkrankungen:AnamneseStoffwechselerkrankungen), berufliche Tätigkeit, körperliche Belastung, Sportarten

  • allgemeine Inspektion: Haltung (vornübergebeugt durch „Buckel“? Schonhaltung? Asymmetrie?), Körperbau (adipös?), Konstitutionstyp, Deformitäten, Muskelatrophien, Lähmungen, Spontanbewegungen, Gangbild (Hinken?), Schwellungen, Rötungen, Hautveränderungen, seitengleiches Aussehen

  • (Internistische) Ganzkörperuntersuchung einschließlich RR

  • Palpation: Schmerzpunkte der Knochen und der Muskulatur, Suche nach Erguss (z. B. „tanzende Patella“) oder Überwärmung

  • Untersuchung der Muskulatur: Muskeltonus, Muskelkraft

  • neurologische Untersuchung (23.3.2): Feinmotorik, Reflexprüfungen, Prüfung der Hautsensibilität, Lasègue-Zeichen, Kernig-Zeichen

  • sonstige Untersuchungen: Fiebermessung, Untersuchung des Gefäßsystems (11.3.2), Pulsmessung, Lymphknotenpalpation (21.3.2)

  • Untersuchung der Wirbelsäule: Inspektion (Rundrücken? Hohlkreuz? Skoliose? Lendenwulst? Rippenbuckel?), Palpation, Perkussion (klopfschmerzhaft?), Finger-Boden-Abstand, Ott-Zeichen, Schober-Zeichen, Milgram-Test

  • Beinlängenmessung

  • Untersuchung der Gelenke: Inspektion (Kontraktur? Rötung? Schwellung?), Palpation (Überwärmung?), Neutral-Null-Methode, Funktionsprüfung (z. B. Zehenstand, Fersengang, Arme im Nacken bzw. hinter der LWS zusammenführen), spezielle Untersuchungen wie beispielsweise Schubladenphänomen, Zohlen-Zeichen, Gaenslen-Handgriff, Meniskustests wie Böhler-Zeichen, 1. und 2. Steinmann-Zeichen, Apley-Zeichen, Payr-Zeichen

  • Blutlabor: BSG, Blutbild, CRP, Rheumafaktoren, HLA-Antigene wie HLA-B27-Antigen, antinukleäre Antikörper, antineutrophile zytoplasmatische Antikörper, antibakterielle Antikörper

  • Gelenkpunktion

  • apparative Diagnostik: Röntgenaufnahmen (evtl. gehalten), Schichtaufnahmen, Sonografie, Arthroskopie, Knochenszintigrafie

  • Antlitzdiagnose: Kinngrübchen als Hinweis auf Wirbelsäulen- oder Bandscheibenerkrankungen, Querfalte an der Nasenwurzel als Zeichen für Wirbelsäulensyndrome oder verspannte Rückenmuskulatur, verhärteter, aufgerollter Ohrrand kann rheumatische Erkrankungen anzeigen

  • Iridologie: Auf Veränderungen im Bereich der betroffenen Gelenke achten, bei akutem Geschehen Reizfasern, bei chronischen Beschwerden Lakunen und Krypten im Sektor des betroffenen Gelenks; oft katarrhalisch-rheumatische Konstitution mit „Wattebäuschen“, unregelmäßig ektasierter, auch abgedunkelter Krausenzone, Tophi, zart strukturierten Irisfasern und verdunkelter sechster Region; Belastung innerer Organe (Leber, Galle, Nieren, Darm) berücksichtigen; Maßliebchen-Iris als Zeichen einer Bindegewebsschwäche

  • Mayr-Diagnostik: auf Haltungsfehler achten

  • Reflexzonen: Druckschmerzhaftigkeit der Fußreflexzonen der betroffenen Gelenke, der Wirbelsäule, des Lymphsystems und der Verdauungsorgane

  • Störfelddiagnose: potenzielle Störfelder abklären; ggf. Untersuchung auf Umweltgifte wie z. B. Quecksilber oder OligoarthroseMonarthroseInsertionstendinopathieCoxitisChondropathieArthropathieAnsatztendinoseBlei

Leitsymptome und Differenzialdiagnose (Tab. 9.12)

Merke

  • Ansatztendinose: Erkrankung von Sehnenansätzen

  • Arthralgie: Gelenkschmerz

  • Arthritis: entzündliche Gelenkerkrankung (9.6.2)

  • Arthrose: schmerzhafte degenerative Gelenkerkrankung (9.6.1)

  • Arthropathie: allgemeine Bezeichnung für Gelenkerkrankung

  • Bursitis: Schleimbeutelentzündung

  • Chondropathie: degenerative Knorpelveränderung

  • Coxarthrose: siehe Koxarthrose

  • Coxitis: Entzündung des Hüftgelenks

  • Deformität: aus einer Formänderung resultierender Zustand

  • Femoropatellargelenkarthrose: degenerative Erkrankung des Gelenks zwischen Oberschenkelknochen und Kniescheibe

  • Gonarthrose: Arthrose des Kniegelenks (9.11.4)

  • Insertionstendinopathie: degenerative Veränderungen der Muskelsehnenursprünge oder -ansätze

  • Koxarthrose: degenerative Erkrankung des Hüftgelenks (9.11.1)

  • Luxation: Verrenkung oder krankhafte Verschiebung zweier gelenkbildender Knochen (9.6.4)

  • Monarthrose: Arthrose in nur einem Gelenk

  • Myositis: Muskelentzündung (9.8.2)

  • Oligoarthrose oder -arthritis: Arthrose oder Arthritis von 2–4 Gelenken gleichzeitig

  • Omarthrose: Arthrose des Schultergelenks

  • Osteopathie: allgemeine Bezeichnung für Erkrankung (oder Schmerzen) der Knochen; Begriff auch gebräuchlich für ein Therapieverfahren (4.2.34)

  • Osteochondrose: Knorpel- und Knochendegeneration

  • Polyarthrose oder -arthritis: Arthrose oder Arthritis in mehreren (meist > 4) oder vielen Gelenken gleichzeitig

  • Rhizarthrose: Arthrose des Daumensattelgelenks (9.2.7)

  • Skoliose: fixierte Seitverbiegung der Wirbelsäule (9.9.1)

  • Tendinitis: Sehnenentzündung

  • Tendopathie: Sammelbezeichnung für abakterielle, oft degenerative Entzündung der Sehnen und Sehnenscheiden (9.7.1)

  • Tendinose: siehe Tendopathie

  • Tendovaginits: Sehnenscheidenentzündung

Knochenschmerzen

Knochenschmerzen (Osteopathie): Schmerz bei verschiedenen Knochenerkrankungen, manchmal jedoch nicht von Gelenk-, Muskel oder Weichteilschmerzen zu unterscheiden.

Diagnostik
OligoarthritisÄußert der Patient Knochenschmerzen, sind die Fragen nach OmarthroseVorerkrankungen besonders wichtig. V. a. Skelettmetastasen und Osteopathieprimäre Knochentumoren PolyarthritisOsteochondrosemüssen Polyarthroseals Ursache der Knochenschmerzen ausgeschlossen werden. Fragen Sie auch direkt nach Verletzungen oder Unfällen in der Vergangenheit.
Bei der körperlichen Untersuchung achten Sie auf Knochendeformierungen (z. B. „Säbelscheidentibia“ bei Morbus Paget), Knochen:Schmerzen, DifferenzialdiagnoseVeränderungen der Weichteile (Schwellung, Überwärmung), und untersuchen Sie die benachbarten Gelenke. Verstärkt sich der Schmerz, wenn man sanft in den betroffenen Muskel kneift, weist dies eher auf eine Erkrankung der Muskulatur hin; ein Klopfschmerz spricht für eine Erkrankung des Knochens. Messen Sie ggf. Fieber, palpieren Sie die regionären Lymphknoten, und untersuchen Sie die BSG.
Die Diagnosesicherung ist meist nur durch bildgebende Verfahren (v. a. Röntgenaufnahmen, seltener Knochenszintigrafie oder CT) möglich.
Differenzialdiagnose
Differenzialdiagnostisch kommen außer Gelenkerkrankungen oder Erkrankungen der Weichteile v. a. folgende Knochenerkrankungen infrage:
  • Osteoporose (9.5.1), auch bei Malabsorptionssyndrom, Hyperthyreose, lang dauernder Glukokortikoidmedikation

  • Osteomalazie bzw. Rachitis bei Kindern (9.5.3)

  • Knocheninfektionen: Osteomyelitis (9.5.5), Knochentuberkulose (25.18.9)

  • Knochennekrosen (9.5.6)

  • Knochenmetastasen: z. B. bei Mamma-, Prostata-, Lungen-, Nieren- und Schilddrüsenkarzinomen (9.5.4)

  • gut- oder bösartige Knochentumoren (9.5.4)

  • renale Osteopathe bei chronischer Niereninsuffizienz

Achtung

Gerade die differenzialdiagnostisch wichtigen bösartigen Knochenerkrankungen bereiten oftkeine Schmerzen und werden häufig nur zufällig diagnostiziert. Umso wichtiger ist es, bereits geringe Beschwerden sorgfältig abklären zu lassen, z. B. durch Röntgenuntersuchung.

Gelenkschwellung

Gelenkschwellung: zeigt sich durch „Verstreichen“ der Gelenkkonturen (Ausgleichen der Konturen bei Schwellungen) und kann an einem oder mehreren Gelenken (Abb. 9.67), ein- oder beidseitig, mit Überwärmung, Rötung und Funktionseinschränkung auftreten; meist als Folge eines Gelenkergusses (Flüssigkeit im Gelenkinneren).

Diagnostik
Anamnestisch schließen Sie zunächst ein Trauma aus (z. B. Meniskusschaden nach Unfall). Fragen Sie nach bestehenden Vorerkrankungen, v. a Gicht, aber auch nach selteneren Erkrankungen wie Hämophilie (Bluterkrankheit).

Merke

Das akut entzündete Gelenk ist typischerweise

  • schmerzhaft bewegungseingeschränkt,

  • durch Erguss und Weichteilschwellung verdickt und ohne Kontur,

  • die Haut darüber ist erwärmt und evtl. gerötet (Abb. 9.67).

Bei der körperlichen Untersuchung achten Sie besonders auf akute Entzündungszeichen wie Rötung und Erwärmung sowie auf eine Ergussbildung (z. B. bei der Untersuchung des Kniegelenks Gelenkschwellungauf eine „tanzende Patella“ Abb. 9.59). Überprüfen Sie die Beweglichkeit des Gelenks.

Achtung

Eine akute Gelenkschwellung muss durch Sonografie, Röntgenaufnahme(n), evtl. Gelenkpunktion und Laboruntersuchungen abgeklärt werden. Überweisen Sie den Patienten daher zum Orthopäden!

Differenzialdiagnose
Die häufigste Ursache für eine Gelenkschwellung im höheren Erwachsenenalter ist die aktivierte Arthrose (9.6.1). Beispielsweise nach einer Überanstrengung kommt es zu einer entzündlichen Reizung der Gelenkinnenhaut mit Ergussbildung. Weitere Ursachen können z. B. sein:
  • akute bakterielle Arthritis; meist mit akutem Beginn, gestörtem Allgemeinbefinden, eitrigem Erguss

  • akuter Gichtanfall (15.7); bei Erstmanifestation zu 80 % im Großzehengrundgelenk

  • Pseudogicht mit vorwiegendem Befall der großen Gelenke; im Gelenkerguss Kalziumpyrophosphatkristalle

  • andere Erkrankungen, z. B. Gonorrhö (25.15.3), Schuppenflechte (18.7), Morbus Reiter (9.12.2) oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (13.8.3)

  • Weichteilprozesse in Gelenknähe, z. B. Bursitis (9.7.2)

  • rheumatoide Arthritis (9.12.1); mindestens drei Gelenke sind betroffen

  • rheumatisches Fieber (9.12.4); nach Streptokokkeninfekt, meist Kinder (> 10 Jahre) oder junge Erwachsene betroffen, deutliche Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens mit Fieber

  • Trauma (blutiger Erguss)

  • hämorrhagische Diathese (Blutungsneigung); blutiger Erguss v. a. bei Hämophilie (20.7.3)

Gelenkschmerzen

Gelenkschmerzen (Arthralgien): durch degenerative oder entzündliche Gelenkprozesse ausgelöste Schmerzen, die bereits in Ruhe bestehen können oder aber erst bei Belastung auftreten.

Es lassen sich orientierend zwei Arten von Gelenkschmerzen unterscheiden. Der Schmerz ist zu Anfang einer Bewegung am schlimmsten (z. B. die ersten Schritte beim Anlaufen nach längerem Sitzen) und wird dann geringer oder verschwindet ganz. Nach längerer Belastung, also v. a. abends, treten erneut Schmerzen auf. Dieser Schmerztyp kann auch Arthralgiebei entzündlich-rheumatischen Krankheitsformen auftreten, wenn langjährige Entzündungen bereits Schmerzen:Gelenkesekundäre degenerative Veränderungen hervorgerufen Gelenkschmerzenhaben.

Merke

  • Die Kombination aus Anlauf- und Belastungsschmerz ist typisch für die Arthrose (9.6.1).

  • Der Nacht- und Ruheschmerz ist die charakteristische Schmerzform der entzündlich-rheumatischen Erkrankung.

Der schon in Ruhe vorhandene Schmerz wird durch Bewegung verstärkt und schränkt häufig die Beweglichkeit des Gelenks stark ein. Die nächtlichen Schmerzen plagen die Patienten besonders in den frühen Morgenstunden, sodass das morgendliche Aufstehen zur Qual wird.
Diagnostik und Differenzialdiagnose
Die Diagnostik und Differenzialdiagnose bei Gelenkschmerzen entspricht im Wesentlichen der bei Gelenkschwellungen (9.4.2) genannten Vorgehensweise. Wichtig ist v. a. die Differenzierung zwischen degenerativem und entzündlich-rheumatischem Gelenkschmerz (Tab. 9.13).
Zusätzlich kann zur Differenzierung der rheumatischen Erkrankungen (9.12) das Befallsmuster bei Gelenkschmerzen wichtige Hinweise geben, d. h., die von der Erkrankung befallenen Gelenke sind in charakteristischer Weise über den Körper verteilt (Abb. 9.68). Wichtige Fragen sind:
  • Wie viele Gelenke sind betroffen? Nur eines, wenige (2–3) oder viele (> 3)?

  • Sind große (Knie, Hüfte, Schulter) oder kleine Gelenke (Finger, Handgelenke, Gelenkerkrankung:degenerativeZehen) befallen?

  • Ist der Befall symmetrisch (z. B. beide Gelenkerkrankung:entzündlich rheumatischeKnie) oder asymmetrisch?

  • Welche Fingergelenke sind betroffen? Während z. B. bei der rheumatoiden Arthritis die Grund- und Mittelgelenke meist mehrerer Finger betroffen sind, ist für die Psoriasis-Arthritis der sog. Strahlbefall, d. h. der Befall aller Gelenke eines Fingers, typisch.

  • Sind die Wirbelsäule und/oder die Iliosakralfugen, also die Gelenkspalten zwischen Darm- und Kreuzbein, mit einbezogen (z. B. bei Morbus Bechterew)?

  • Sind immer dieselben Gelenke betroffen oder „wandert“ der Schmerz von einem zum anderen Gelenk (z. B. bei Morbus Reiter)?

Muskelschmerzen

Muskelschmerzen: Beschwerden, die sowohl harmlos als auch Symptom schwerwiegender Erkrankungen sein können.

Diagnostik
Anamnestisch fragen Sie besonders nach Beginn der Schmerzen (plötzlich oder allmählich), nach evtl. auslösenden Faktoren (Trauma, extreme körperliche StrahlbefallBelastungen, sportliche Aktivitäten). Um auch seltenere Muskelerkrankungen auszuschließen, fragen Sie nach begleitenden Beschwerden, z. B. Müdigkeit, Gewichtsverlust, Fieber.
Bei der körperlichen Untersuchung achten Sie auf abnorme Haltung oder Lage einer Schmerzen:MuskelExtremität sowie auf Muskelatrophien (9.4.5). Sie palpieren Muskel(n):SchmerzenMuskelverhärtungen (knötchen- bis spindelförmige Verhärtungen bei sog. Myogelosen) oder mögliche Muskelrisse (tastbare Lücke) und überprüfen die Beweglichkeit in alle Richtungen:
  • Dehnungsschmerz?

  • Widerstandsschmerz?

  • Muskeltonus?

  • eingeschränkte Beweglichkeit?

Die weitere Diagnostik richtet sich nach der Verdachtsdiagnose: bei Fehlhaltungen evtl. röntgenologische Abklärung, bei Muskelkrämpfen Laboruntersuchungen (Elektrolyte) oder bei Trauma (Muskelriss) Sonografie.
Differenzialdiagnose
Muskelschmerzen grenzen Sie zunächst gegen Gelenk- und Knochenschmerzen oder sonstige Weichteilschmerzen (z. B. Schleimbeutelentzündung) ab. Schmerzen der Muskeln können durch viele Erkrankungen oder Ursachen hervorgerufen werden.
  • Myogelosen: reaktive muskuläre Verhärtungen durch Stoffwechselentgleisung in vorwiegend statisch beanspruchten Muskeln, sehr häufig auftretend (v. a. im Wirbelsäulenbereich und im Schultergürtelbereich als „Trapeziuswulst“ links und rechts)

  • Muskelkater: muskuläres Schmerzsyndrom als Folge einer Mikrotraumatisierung durch kleinste Muskelfaserrisse, 1–2 Tage nach grenzwertiger sportlicher Belastung auftretend, verschwindet in der Regel spontan nach wenigen Tagen

  • Muskelkrämpfe: Myogelosenoft in Ruhe und nachts auftretend, v. a. bei Magnesiummangel

  • Trauma: Muskelprellung, -quetschung, -zerrung, -faserriss, -riss

  • Muskelschmerzen: vor, während oder bei Infektionskrankheiten

  • seltene Erkrankungen, z. B. Polymyalgia rheumatica oder Polymyositis

  • psychosomatische MuskelkaterUrsachen: Bevor Sie eine psychosomatische Ursache (z. B. Fibromyalgie-Syndrom) annehmen, muss eine organische Ursache ausgeschlossen werden!

Achtung

Muskelschmerzen, die gleichzeitig mit unklaren Allgemeinsymptomen auftreten, müssen vom Arzt abgeklärt werden.

Muskelatrophie

Muskelatrophie (Muskelschwund): Abnahme der Muskelmasse durch Verkleinerung des Durchmessers der einzelnen Muskelfasern oder Abnahme der Zahl der Muskelfasern.

Diagnostik
Anamnestisch klagt der Patient oft über Muskelschwäche oder Kraftlosigkeit einer Extremität. Bei der Inspektion sehen Sie evtl. eine verringerte Muskelausprägung (Abb. 9.69), die meist im Seitenvergleich deutlicher zu erkennen ist. Je nach Ursache der Muskelatrophie ist aber auch ein beidseitig auftretender Muskelschwund möglich (z. B. Muskelschwundproximal im Schulter-Arm-Bereich). Eine orientierende neurologische Untersuchung sowie die Untersuchung des Muskeltonus undMuskel(n):Atrophie der Muskelkraft sollten Sie anschließen. Wenn Sie nicht eine harmlose Ursache für die Muskelatrophie finden – wie z. B. Ruhigstellung der Extremität – müssen Sie den Patienten unbedingt zur weiteren Abklärung an einen Neurologen oder Orthopäden überweisen.
Differenzialdiagnose
Eine häufige und harmlose Ursache für eine Muskelatrophie ist die Ruhigstellung oder Immobilität eines Körperteils. Die Muskelatrophie kann aber auch Symptom von schwerwiegenden Krankheiten sein, z. B.:
  • Polymyalgia rheumatica (9.12.3)

  • Die spinale Muskelatrophie entsteht durch Degeneration des motorischen Vorderhorns bei entzündlichen oder degenerativen Rückenmarkserkrankungen; der Patient zeigt eine stammnahe Muskelschwäche und verminderte Muskeleigenreflexe.

  • Angeborene Muskeldystrophien zeigen sich meist schon im (Klein-)Kindesalter.

  • Sudeck-Dystrophie: ca. 3–6 Monate nach einer Durchblutungsstörung einer verletzten Extremität kann eine Haut-, Muskel- und Knochenatrophie entstehen (9.5.7)

Rückenschmerzen

Rückenschmerzen: durch erkrankte Strukturen des Rückens (Wirbelsäule, Muskulatur) bedingt oder als ausstrahlende Schmerzen von inneren Organen oder Hüfte ausgehend; Differenzierung oft schwierig.

Diagnostik
Um zunächst zwischen lokalen oder ausstrahlenden Schmerzen zu unterscheiden, ist eine genaue Anamnese bezüglich der Vorerkrankungen (z. B. bekannte Nierenerkrankungen) und der Begleitsymptome (z. B. Fieber bei Lungenentzündung) unabdingbar. Besonders bei akutem Schmerzbeginn und erstmaligem Auftreten der Beschwerden müssen Sie zunächst Notfälle bzw. Erkrankungen seitens der inneren Organe ausschließen (zSchmerzen:Rücken. B. Pneumothorax, Angina pectoris, Herzinfarkt).
Rückenschmerzen, DifferenzialdiagnoseAnschließend führen Sie eine gründliche Untersuchung der Wirbelsäule einschließlich des Milgram-Tests durch. Zur Differenzierung der Rückenschmerzen gehören auch die Überprüfung eines evtl. Nervendehnungsschmerzes (z. B. Lasègue-Zeichen), eine orientierende neurologische Untersuchung sowie die Untersuchung der Hüft- und Schultergelenke. Eine allgemeine Körperuntersuchung muss sich immer anschließen.
Die wichtigsten schulmedizinischen Maßnahmen sind Röntgenaufnahmen, CT oder MRT der Wirbelsäule.
Differenzialdiagnose
Zahlreiche Erkrankungen der inneren Organe können durch Ausstrahlung (Head-Zonen 3.7.7) Rückenschmerzen vortäuschen (Abb. 9.70), z. B.
  • Thoraxschmerzen bei Herzinfarkt, Pneumonie, Pleuritis, Pneumothorax

  • Lendenschmerzen bei Magen-, Galle-, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, Nierensteinen, Nierenbeckenentzündung, bei Frauen gynäkologische Erkrankungen (z. B. Endometriose)

Tipp

Differenzialdiagnose „Kreuzschmerzen“ bei Frauen

„Kreuzschmerzen“, die im Laufe des Tages zu- und während der Nacht abnehmen, deuten eher auf statische Ursachen, also auf Ursachen im Bereich des Skelett- und Muskelsystems. Schmerzen, die nachts und nach dem Aufstehen zunehmen, haben oft gynäkologische Ursachen.
Auch ausstrahlende Schmerzen von Schulter- und Hüftgelenk können differenzialdiagnostisch infrage kommen. Differenzialdiagnostisch muss auch an folgende schmerzhaften Wirbelsäulenerkrankungen gedacht werden.
  • Fehlhaltungen: Stärke der Beschwerden ist allerdings nicht abhängig vom Grad der Fehlhaltung

  • degenerative Wirbelsäulenveränderungen: ein- oder beidseitiger Muskelhartspann, meist eher lokale Schmerzen ohne Ausstrahlung in die Extremitäten

  • Bandscheibenvorfall (9.9.4): oft Schmerzen in der Extremität dominant, häufig mit Sensibilitätsstörungen einhergehend, evtl. Lähmungserscheinungen

  • Morbus Bechterew (9.12.2): entzündlich-rheumatische Allgemeinerkrankung mit Befall der Wirbelsäule und v. a. der Iliosakralgelenke, betrifft v. a. Männer zwischen 16.–40. Lebensjahr

  • Kinder und Jugendliche: v. a. Haltungsschäden, Morbus Scheuermann (9.9.6) oder Spondylolisthesis (9.9.5)

  • Schiefhals (Torticollis): eine durch Verkürzung des M. sternocleidomastoideus hervorgerufene Schiefhaltung des Kopfs, v. a. aufgrund eines Geburtstraumas, seltener durch rheumatische Erkrankungen, Lähmung des N. accessorius oder Erkrankungen des Innenohrs oder der Augen

  • Die lumbale Spinalkanalstenose (Lumbalstenose, Claudicatio spinalis) als umschriebene, knöchern-ligamentäre Einengung des Spinalkanals entsteht infolge degenerativer Veränderungen der Bandscheiben. Durch eine Einengung des SchiefhalsSpinalkanals entwickelt sich eine Lumbago und typischerweise eine belastungsabhängigeTorticollis Ischialgie (Claudicatio spinalis). Es kann zu neurologischen Ausfallerscheinungen wie Taubheit und Lähmungen kommen. Durch die belastungsabhängigen Beschwerden wird die maximal mögliche Gehstrecke des Patienten stark eingeschränkt. In fortgeschrittenen Fällen können andauernde neurologische Ausfälle auftreten, die eine oder mehrere Nervenwurzeln betreffen bis hin zum Kaudasyndrom (9.9.4). Charakteristisch ist, dass sich die Beschwerden im Sitzen oder in anderen Positionen zurückbilden. Eine OP zeigt oft gute Erfolge.

Achtung

Bei allen Formen von Rückenschmerzen müssen Sie auch an mögliche Metastasen in der Wirbelsäule denken! Diese können sowohl durch einen bösartigen Tumor, der in der Vergangenheit behandelt wurde, als auch durch eine aktuelle, noch nicht diagnostizierte Erkrankung entstanden sein. Beim geringsten Verdacht muss umgehend eine schulmedizinische Abklärung erfolgen.

Schulterschmerzen

Schulterschmerzen: am häufigsten durch Ansatztendinosen (Erkrankungen der Sehnen) der Muskeln und ausstrahlende Schmerzen von der HWS verursacht, seltener durch das Schultergelenk selbst.

Diagnostik
Nach der allgemeinen Anamnese fragen Sie den Patienten, bei welchen Alltagsverrichtungen (z. B. Kämmen, Zähneputzen, BH-Anziehen) Schwierigkeiten auftreten, und lassen Sie ihn mit einem Finger den Hauptschmerzpunkt zeigen.

Tipp

Unter „Schulter“ versteht jeder etwas anderes! Gerade im Schulterbereich ist es wichtig, den Patienten genau zeigen zu lassen, wo es schmerzt, bei welchen Bewegungen der Schmerz verstärkt wird und wohin er ausstrahlt.

Danach untersuchen Sie beide Schultergelenke, die Wirbelsäule und den ganzen Körper, um andere Erkrankungen (auch seitens der inneren Organe) auszuschließen.
Im Vordergrund der schulmedizinischen Schmerzen:SchulterDiagnostik stehen Schulter:Schmerzen, DifferenzialdiagnoseRöntgenaufnahme und Sonografie des Schultergelenks.
Differenzialdiagnose
Veränderungen der HWS gehen oft mit Schulterschmerzen einher, deshalb müssen v. a. degenerative oder funktionelle (z. B. durch Überlastung bedingte) HWS-Beschwerden ausgeschlossen werden. Differenzialdiagnostisch dürfen Sie Erkrankungen von anderen Organsystemen nicht vergessen.

Achtung

Auch Herzerkrankungen (Angina pectoris, Herzinfarkt oder Herzbeutelentzündungen), Aortenaneurysma (11.6.5), Lungen-, Gallenblasen- und Zwerchfellerkrankungen können mit Schulterschmerzen einhergehen. Besteht Verdacht auf eine der genannten Erkrankungen, ist eine sofortige Überweisung zum Hausarzt oder in die Klinik erforderlich!

Vonseiten der Schulter kommen z. B. folgende Erkrankungen in Betracht:
  • Periarthropathia humeroscapularis (9.10.2): Schmerzen strahlen oft in den Deltamuskel aus

  • Arthrose des Akromioklavikulargelenks: Schmerzen nach Überlastung; Abduktion > 160°, passive Adduktion und passive Streckung schmerzhaft; Druckschmerz über dem Akromioklavikulargelenk

  • Omarthrose: schmerzhafte Bewegungseinschränkung in jede Richtung, tiefer Schulterschmerz, tastbares Krepitieren (Reiben)

  • Schulterluxation (9.6.4): zu 90 % luxiert der Humeruskopf nach vorn; charakteristische Konturenveränderung der Schulter

Hüftschmerzen

Hüftschmerzen: Schmerzen im Hüftbereich können vom Hüftgelenk ausgehen, sog. Coxalgie, oder von den umgebenden Geweben (Muskulatur, Sehnen) und v. a. auch von der Wirbelsäule.

Diagnostik
Die Anamnese entspricht der allgemeinen Anamnese bei Erkrankungen des Bewegungsapparats und der Anamnese bei Schmerzen im LWS-Bereich (9.9.4). Zusätzlich führen Sie eine Familienanamnese durch (angeborene Hüftdysplasie?) und fragen gezielt nach früheren Hüfterkrankungen, nach der Gehstrecke, die der Patient ohne Schmerzen gehen kann, und nach Beschwerden beim Anziehen von Schuhen oder Strümpfen.
Neben der allgemeinen körperlichen Untersuchung und der Untersuchung Schmerzen:Hüfteder Wirbelsäule untersuchen Sie die Hüftgelenke.
HüftschmerzenSchulmedizinisch werden Beschwerden in der Hüftregion in erster Linie durch Röntgenaufnahmen des Hüftgelenks und evtl. der LWS abgeklärt.
Differenzialdiagnose
Bei Schmerzen insbesondere in der Leiste müssen Sie differenzialdiagnostisch auch an Leistenhernien, Nierensteine, Prostataerkrankungen und gynäkologische Erkrankungen denken.
Die wichtigste Differenzialdiagnose für in die Hüfte ausstrahlende Schmerzen sind Wirbelsäulenerkrankungen.
Denken Sie bei Hüftschmerzen an folgende Erkrankungen im Hüftgelenkbereich.
  • Koxarthrose (9.11.1): oft mit Belastungsschmerzen und Bewegungseinschränkung, so z. B. beim Treppaufsteigen

  • funktionelle Beschwerden: durch Beinlängendifferenz, Beinachsenfehlstellungen und Kniegelenkerkrankungen

  • idiopathische Hüftkopfnekrose (9.5.6): ohne rechtzeitige Therapie wird das Hüftgelenk zerstört

  • eitrige Arthritis (9.6.2): starke Schmerzen mit akuten Entzündungszeichen

  • Periarthropathia coxae: Ansatztendinose am Trochanter major bei Haltungsanomalien, Überlastung oder nach Trauma wie die Periarthropathia humeroscapularis (9.10.2); der Patient gibt v. a. Schmerzen am Trochanter major an mit Ausstrahlung an der Außenseite des Oberschenkels bis zum Knie, meist mit deutlicher Funktionseinschränkung

  • Bursitiden (9.7.2)

  • Kinder und Jugendliche: v. a. Morbus Perthes (9.5.6), Hüftkopfnekrose unklarer Ursache und Epiphyseolysis capitis femoris (Verschiebung des Schenkelhalses, beginnt oft mit Kniegelenkschmerzen, besonders zwischen dem 12Periarthropathia coxae. und 16. Lebensjahr Abb. 9.71)

Achtung

Bei Risikofaktoren für Hüftkopfnekrose (Glukokortikoidtherapie, Alkoholabusus, Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen) und zunehmenden belastungsabhängigen Leistenschmerzen und Funktionseinschränkung v. a. der Rotation überweisen Sie den Patienten sofort zum Orthopäden zum Ausschluss einer Hüftkopfnekrose (Röntgen der Hüfte unbedingt erforderlich).

Knieschmerzen

Knieschmerzen: bei jüngeren Patienten meist traumatisch und bei älteren Patienten degenerativ bedingt; sie können ihren Ursprung aber auch in der Hüfte oder im LWS-Bereich haben.

Diagnostik
Neben den allgemeinen Fragen zur Vorgeschichte fragen Sie den Patienten auf jeden Fall nach früheren Verletzungen, Instabilitätsgefühl im Gelenk oder eine plötzliche Beuge- bzw. Streckhemmung. Epiphyseolysis capitis femorisUntersuchen Sie immer beide Kniegelenke.
Bei unklaren Befunden sollte eine schulmedizinische Abklärung (v. a. durch HüftkopfnekroseRöntgenaufnahmen) erfolgen. Überweisen Sie den Patienten zum Orthopäden.
Differenzialdiagnose

Tipp

Kniegelenkschmerzen müssen nicht unbedingt vom Kniegelenk ausgehen, sondern können ebenso durch Hüftgelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen vorgetäuscht werden. Bei unspezifischen und vagen Schmerzangaben denken Sie auch an Gefäßerkrankungen (oberflächliche oder tiefe Venenthrombose, arterielle Durchblutungsstörung).

Beschwerden v. a. bei Belastung sprechen für eine (aktivierte) Gonarthrose (Kniegelenk:Schmerzen 9.11.4) bei älteren Menschen und bei jüngeren für einen Meniskus- oder Kapsel-Band-Schaden (9.11.4).
Schmerzen:Knie; KniegelenkBeschwerden im Bereich der Kniescheibe treten bei Femoropatellararthrose, Chondropathia patellae (9.11.4) und bei Bursitiden (9.7.2) auf.
Bei Beschwerden im Bereich der Kniekehle besteht oft eine Poplitealzyste (9.11.4).
Bei Kniegelenkschmerzen und gleichzeitig bestehenden akuten Entzündungszeichen müssen Sie an eine reaktive oder eitrige Arthritis (9.6.2), rheumatisches Fieber (bei jüngeren Patienten 9.12.4) und an Gicht (15.8) denken.

Achtung

Wie bei allen anderen Knochen- und Gelenkerkrankungen sollten Sie differenzialdiagnostisch immer auch an eine bösartige Erkrankung (z. B. Osteosarkom) denken und dann eine sofortige orthopädische Abklärung veranlassen.

Beckenschiefstand

Beckenschiefstand: Fehlstellung des Beckens; auf einer Seite stehen die Spina iliaca anterior superior und Spina iliaca posterior superior höher als auf der anderen Seite; zahlreiche Ursachen möglich.

Diagnostik
Anamnestisch gibt der Patient oft Rückenschmerzen (v. a. im LWS-Bereich) oder Hüftschmerzen an. Bei der körperlichen Untersuchung fällt Ihnen evtl. ein Verkürzungshinken, eine Skoliose und eine ungleiche Höhe des Darmbeinkamms bzw. der Darmbeinstachel auf. Zur Bestätigung bzw. zum Ausschluss einer Beinlängendifferenz messen Sie die Beinlänge.
Die weitere Diagnostik (z. B. Röntgen-Beckenübersicht) und Therapie (z. B. bei echter Beinlängendifferenz evtl. Absatzerhöhung oder orthopädische Schuhe) richtet sich nach der vermutlichen Ursache.
Differenzialdiagnose
BeckenschiefstandEin funktioneller Beckenschiefstand kann bei Kontrakturen der Hüftgelenkmuskulatur (z. B. durch Koxarthrose 9.11.1) oder der Kniegelenkmuskulatur sowie durch Fehlhaltung der Wirbelsäule (Skoliose 9.9.1) entstehen.
Ein Beckenschiefstand durch echte Beinverkürzung kann nach Knochenbrüchen oder Wachstumsstörungen in der Kindheit (z. B. bei Kinderlähmung oder traumatischer Epiphysenschädigung) entstehen. Auch Achsenfehlstellungen (z. B. O-Beine), angeborene Hüftdysplasie (Abflachung der Hüftgelenkpfanne mit der Gefahr des Austritts des Femurkopfs), Hüftgelenkentzündungen oder Erkrankungen des Iliosakralgelenks können zu Beckenschiefstand führen.
Beckenverwringung
Wenn Sie bei genauer Palpation der oberen Darmbeinstachel feststellen, dass von vorne getastet die rechte Seite länger erscheint, von hinten jedoch die linke Seite länger ist (oder umgekehrt), leidet der Patient unter einer sog. Beckenverwringung. Hierbei sind die rechte und die linke Hälfte des Beckens so gegeneinander verdreht wie ein Wäschestück beim Auswringen: Auf einer Seite ist die Beckenschaufel nach vorne (anterior) gekippt, auf der anderen kippt sie nach hinten (posterior).
Eine Beckenverwringung kann bereits im Säuglingsalter auftreten. Oft entstehtBeckenverwringung sie aufgrund eines Unfalls, dauernder Fehlhaltung oder auch innerer Erkrankungen, doch letztlich bleiben die Ursachen häufig ungeklärt. Durch eine Beckenverwringung kann es z. B. zu einem hartnäckigen HWS- oder LWS-Syndrom (9.9.2, 9.9.4), aber auch zu chronischen Kopfschmerzen kommen. Deshalb sollte dieBeckenverwringung Beckenverwringung von einem erfahrenen Chiropraktiker behandelt werden.

Tipp

Da sowohl der Beckenschiefstand als auch die Beckenverwringung die Statik der Wirbelsäule und somit die umliegende Muskulatur verändern, führen sie häufig zum HWS-, BWS- oder LWS-Syndrom. Untersuchen Sie deshalb die Beckenregion besonders bei Patienten mit chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen sehr gründlich.

Hinken

Hinken: Gangstörung mit „Nachschleppen“ und Fehlbelastung eines Beins.

Diagnostik
Um die Art des Hinkens genauer einzugrenzen, ist es wichtig zu wissen, wie lange es bereits besteht, ob der Patient Schmerzen hat oder ein Schwächegefühl empfindet. Fragen Sie den Patienten auch nach kurz und länger zurückliegenden Verletzungen. Bei der Inspektion achten Sie auch einen möglichen Beckenschiefstand und sichtbare Veränderungen im Bereich der unteren Extremität (z. B. auf Fehlstellungen, Verletzungszeichen, Hautveränderungen).
Bei der körperlichen Untersuchung messen Sie die Beinlängen, führen Funktionsprüfungen zur Beweglichkeit der Gelenke durch und Hinkentesten die grobe Kraft. Evtl. sind anschließend weitere apparative Untersuchungen durch den Arzt notwendig, z. B. Röntgen des Hüftgelenks.
Differenzialdiagnose
  • Bei größeren Beinlängendifferenzen oder Beugekontrakturen des Hüft- oder Kniegelenks kommt es zum Verkürzungshinken. Der Körper des Patienten senkt sich dabei zum verkürzten Bein, als ob der Patient mit dem längeren Bein eine kleine Stufe hinauf steigt.

  • Das Schonhinken ist durch Schmerzen z. B. in Hüfte und Knie oder durch Gefäßerkrankungen (z. B. AVK) bedingt, es wird deshalb auch als Schmerzhinken bezeichnet. Der Patient belastet die erkrankte Extremität beim Gehen kaum und tritt nur ganz kurz mit ihr auf. Häufig berühren Patienten mit den Zehen (anstatt mit den Fersen) zuerst den Boden.

Beim Gesunden steht das Becken Verkürzungshinkenwährend des Einbeinstands waagerecht. Bei einer Beeinträchtigung der Hüftabduktoren, z. B. durch Muskellähmung oder angeborene Hüftluxation (9.6.4), ist dies nicht mehr möglich: Steht der Patient auf dem SchonhinkenBein der erkrankten Seite, kippt das Becken zur gesunden Seite hin ab (Trendelenburg-Zeichen Abb. 9.72). Kompensatorisch neigt der Patient den Rumpf zur erkrankten Seite (Duchenne-SchmerzhinkenZeichen). Beim Gehen entsteht ein watschelndes Gangbild, das als Hüfthinken oder Insuffzienzhinken bezeichnet wird.

Erkrankungen der Knochen

Osteoporose

Osteoporose: generalisierte Knochenerkrankung mit Verminderung der Knochenmasse, veränderter Knochenarchitektur und erhöhtem Frakturrisiko. Erkrankung vornehmlich des älteren Menschen, insbesondere älterer Frauen.

Die Osteoporose hat eine enorme medizinische und soziale Bedeutung: In Deutschland gibt es ca. 5–7 Millionen Betroffene und etwa 65.000 osteoporosebedingte Schenkelhalsfrakturen pro Jahr, oft mit dauerhafter Beweglichkeitseinschränkung oder Pflegebedürftigkeit.
Krankheitsentstehung
Die Ursache der häufigsten Form, der primären Duchenne-ZeichenOsteoporose, ist bislang ungeklärt. Sie wird in zwei Typen differenziert:
  • Typ I befällt v. a. Frauen nach den Wechseljahren (25 % aller Frauen über 60 Jahre sind betroffen). Der Knochenumsatz (Auf- und Abbau der Knochensubstanz durch OsteoporoseOsteoblasten und Osteoklasten, wobei die knochenabbauende Aktivität der Osteoklasten überwiegt Abb. 9.73) ist typischerweise hoch. Wichtigster Faktor bei der Krankheitsentstehung ist wahrscheinlich der Östrogenmangel der Frau nach der Menopause.

  • Typ II mit niedrigem Knochenumsatz tritt bei ca. 50 % aller über 70-Jährigen auf und nimmt meist einen schleichenden Verlauf.

  • Mischformen sind möglich.

Insgesamt seltener, aber bei Männern häufiger, ist die sekundäre Osteoporose mit bekannter Ursache. Die wichtigsten Ursachen sind:
  • Langzeitbehandlung mit Glukokortikoiden

  • Diabetes mellitus

  • Schilddrüsenüberfunktion

  • Alkoholismus

  • Mangelernährung

  • Tumoren

  • Bewegungsmangel (Inaktivitätsosteoporose)

Die Verminderung der Knochenmasse führt zu einer erhöhten Knochenbrüchigkeit. Am häufigsten kommt es zu Frakturen des Oberschenkelhalses, der Wirbelkörper in der BWS und der Röhrenknochen.
Unter bestimmten Voraussetzungen ist besonders mit der Entwicklung einer Osteoporose zu rechnen. Risikofaktoren für eine Osteoporose sind:
  • Osteoporose bei Familienangehörigen

  • Genussgifte wie z. B. Alkohol, Nikotin, Koffein

  • geringe körperliche Aktivität, dadurch fehlender Reiz auf das Periost

  • Östrogenmangel (frühe Menopause, keine Geburten)

  • Untergewicht, schlanker Habitus

  • niedrige InaktivitätsosteoporoseKalorienzufuhr

  • chronische Hungerzustände in der Vergangenheit

  • Malabsorptionssyndrom

Symptome und Diagnostik
Viele Osteoporose-Erkrankte sind beschwerdefrei, bis sie durch eine sonst harmlose Verletzung einen Knochenbruch erleiden, typischerweise eine Wirbelkörper- oder Schenkelhalsfraktur. Andere berichten über Rückenschmerzen, die durch Wirbelkörperverformungen mit reaktiven Muskelverspannungen und Fehlhaltungen bedingt sind.
Auch der „Witwenbuckel“ sowie der sog. Tannenbaumeffekt (am Rücken erscheint ein „Tannenbaum“, dessen „Stamm“ durch die Wirbelsäule und dessen „Äste“ durch schlaffe, quer geschwungene Hautfalten gebildet werden) und scheinbar zu lange Arme (durch Rumpfverkürzung) sind Zeichen einer Osteoporose.
Die Laboruntersuchung von Kalzium, Phosphor, alkalischer Phosphatase und Parathormon ist in der Regel ohne Befund, dient jedoch derOsteoporose:Witwenbuckel Abgrenzung zur Osteomalazie (9.5.3), zu Knochentumoren und anderen Witwenbuckel, OsteoporoseGelenkerkrankungen ebenso wie Skelettszintigrafie (3.8.2), CT (3.8.2) und Kernspintomografie (3.8.2Tannenbaumeffekt, Osteoporose).
Bei Risikofaktoren und Rückenschmerzen sollten Sie den Patienten zur schulmedizinischen Abklärung schicken. Da erst ab einem Kalziumverlust von 30–50 % Osteoporose:TannenbaumeffektVeränderungen auf dem Röntgenbild sichtbar sind, wird besonders in Frühstadien die Knochendichtemessung durchgeführt, eine röntgenologische Spezialuntersuchung zur Bestimmung der Knochenstruktur.
Schulmedizinische Therapie, Prognose und Prophylaxe
Eine kausale Therapie der primären Osteoporose ist nicht bekannt. Durch Gabe von Östrogenen, Fluoriden in Kombination mit Kalzium, Kalzitonin und Biphosphonaten (Medikamente, die die Osteoklasten hemmen) wird versucht, die Knochenbildung zu fördern und den Knochenabbau zu hemmen.
Bei Frauen kommt auch eine Hormontherapie mit Raloxifen (z. B. Evista®) unter Nutzen-Risiko-Abwägung in Betracht.Knochendichtemessung Kalzitonin (z. B. Karil®) und Fluoride (z. B. Tridin®) sind Osteoporose:KnochendichtemessungReservemedikamente. Die niedrig dosierte Parathormongabe ist Gegenstand von Studien.
Physikalische Maßnahmen, krankengymnastische Übungen zur Muskelstärkung und das Anpassen eines Mieders oder Korsetts bei Wirbelsäulendeformierungen und instabilen Frakturen sind weitere Maßnahmen.
Bei den sekundären Osteoporosen wird versucht, die zugrundeliegende Ursache zu beseitigen. Ansonsten entspricht die Therapie derjenigen bei primärer Osteoporose.
Ist die Osteoporose einmal vorhanden, lässt sich der Knochen nur noch unvollständig wieder aufbauen. Nur eine frühe Prophylaxe kann die (primäre) Osteoporose verhindern. Hierzu ist aus schulmedizinischer Sicht bei Frauen nach den Wechseljahren am besten eine niedrig dosierte, langjährige Östrogenprophylaxe geeignet, da der Körper ohne das Hormon nur wenig Kalzium in die Knochen einbauen kann. Das Östrogen wird mit einem Gestagen kombiniert, um einem erhöhten Uteruskarzinomrisiko vorzubeugen.
Außerdem kann jeder einer Osteoporose vorbeugen, indem er Zeit seines Lebens für genügend körperliche Bewegung und eine kalziumreiche Ernährung sorgt. Für letztere wird der reichliche Verzehr von Milchprodukten empfohlen: Zur Deckung des tgl. Kalziumbedarfs von 800 mg sollen z. B. 1 l Milch getrunken oder 100 g Hartkäse gegessen werden.

Naturheilkundliche Therapie bei Osteoporose

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.2.1

Naturheilkundliche Therapien eignen sich besonders zur Prävention und zur Behandlung einer Osteoporose im Anfangsstadium. Beachten Sie auch die therapeutischen Hinweise zur speziellen Behandlung der Osteoporose im Klimakterium (17.15).

Ab- und Ausleitungsverfahren

Osteoporose:naturheilkundliche TherapieFühren Sie eine Schröpfbehandlung des gesamten naturheilkundliche Therapie:Osteoporose\"\Rückens durch. Durch trockenes Schröpfen werden die Hautdurchblutung gesteigert, der Stoffwechsel angeregt und die Schmerzen gelindert (Abb. 9.74).
Bleibt die allgemein tonisierende Wirkung durch das Schröpfen aus, sollten Sie aufgrund der größeren Reizwirkung den Rücken baunscheidtieren.

Biochemie nach Schüßler

Verordnen Sie zur Prophylaxe und bei bereits bestehender Osteoporose biochemische Salze und hier v. a. Nr. 1 Calcium fluoratum (wichtiges Mittel für das Stütz- und Bindegewebe) und Nr. 2 Calcium phosphoricum (bei Kalkmangelzuständen). Die Mittel sollten über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Enzymtherapie

Gibt es Symptome, die eine Resorptionsstörung vermuten lassen (z. B. Gärungs- und Fäulnisdyspepsie), ist eine Enzymtherapie sinnvoll. Mithilfe von Enzympräparaten, die z. B. neben Pankreatin stoffwechselanregende Pflanzen enthalten, sowie durch tonisierende Bitterstoffe (z. B. Abdomilon®) können wichtige Nährstoffe vom Körper optimal aufgenommen und verwertet werden.

Ernährungstherapie

Durch ernährungstherapeutische Maßnahmen lässt sich der Entwicklung einer Osteoporose entgegenwirken. Empfehlen Sie dem Patienten die Einhaltung folgender Ernährungsregeln:
  • Günstig ist eine kalzium- und basenreiche Vollwertkost mit viel Obst, Gemüse und Sojaprodukten, bevorzugt aus kontrolliert biologischem Anbau.

  • Empfehlen Sie kieselsäurehaltige Nahrungsmittel, wie z. B. Vollkornprodukte (v. a. Hafer und Gerste), grünes Gemüse mit hohem Fasergehalt (z. B. Lauch, grüne Bohnen), Kräuter (z. B. Petersilie) und Obst (z. B. Bananen, schwarze und rote Johannisbeeren), da die zur Bildung der Knochensubstanz und zur Einlagerung von Kalzium in den Knochen notwendige Kieselsäure den Kalziumstoffwechsel günstig beeinflusst.

  • Um Kalzium in der für den Körper verwertbaren Form zuzuführen, sind neben dem „Klassiker“ Milch und Milchprodukte (v. a. Hartkäse) kalziumreiche Nahrungsmittel, wie z. B. grüne Gemüse (Brokkoli, Fenchel, Grünkohl, Lauch), Kräuter, Sprossen, Sesam, Fisch, Getreide und Mineralwasser mit hohem Kalziumgehalt sowie Soja (reich an Phytoöstrogenen) zu empfehlen.

  • Fleisch, Wurst, raffinierte Zucker, Salz und aus Weißmehl hergestellte Lebensmittel sind zu meiden, da sie den Organismus übersäuern und die Fähigkeit des Körpers, Kalzium zurückzuhalten, einschränken. Ferner gibt es eine Theorie, nach der der Organismus Kalzium zur „Neutralisation“ einer Übersäuerung aus den Knochen abzieht. Eine Unterstützung mit Basenpräparaten kann sinnvoll sein.

  • Ebenso sind phosphatreiche Lebensmittel wie z. B. Cola-Getränke, Wurst, Schmelzkäse und Fertiggerichte zu meiden, da Phosphate die im Darm stattfindende Resorption von Kalzium sowie die Knochenmineralisation hemmen.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und gründliche Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Folgende Konstitutionsmittel können zur Behandlung der Osteoporose angezeigt sein: Calcium carbonicum, Lycopodium, Mercurius solubilis, Phosphorus, Pulsatilla, Sepia, Silicea, Sulfur. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel eingesetzt (z. B. Steiroplex® Tropfen oder Injektionslösung), enthalten diese häufig Calcium carbonicum (bei Störungen im Kalkstoffwechsel), Silicea (bei Knochenerkrankungen, Schwäche der Knochen und Gelenke) oder Phosphorus (bei Zerstörung und Zerbrechlichkeit der Knochen).

Magnetfeldtherapie

Die Behandlung mit elektromagnetischen Strahlen regt den Knochenstoffwechsel an, stimuliert das Knochenwachstum und lindert die Schmerzen.

Ordnungstherapie

Motivieren Sie den Patienten, Eigeninitiative zu entwickeln und durch folgende Maßnahmen eine wirkungsvolle Prophylaxe zu betreiben bzw. bei bereits bestehender Osteoporose den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen:
  • Viel Bewegung, die bereits in jungen Jahren z. B. durch Ausdauertraining (z. B. Radfahren, Wandern) ausgeübt wird, sowie Gymnastik sind die beste Vorbeugung vor Osteoporose. So kann mit der Nahrung aufgenommenes Kalzium nur dann in die Knochen eingebaut werden, wenn Bewegungsreize den Knochenstoffwechsel entsprechend anregen. Patienten mit Osteoporose sollten sich körperlich nicht überlasten und z. B. das Heben und Tragen schwerer Lasten meiden. Günstig und für jedes Alter geeignet sind Warmwasserschwimmen (Abb. 9.75) oder Qigong.

  • Der Aufenthalt an der frischen Luft und in der Sonne fördert die Vitamin-D-Produktion. Vitamin D ist unverzichtbar für den Knochenaufbau.

  • Weisen Sie den Patienten darauf hin, dass Rauchen das Osteoporoserisiko um ein Vielfaches erhöht. Starker Kaffeekonsum und Alkohol sind ebenfalls schädlich.

  • Übergewichtige Patienten sollten eine Normalisierung des Gewichts durch die Umstellung auf eine überwiegend laktovegetabile, basenreiche Ernährung anstreben. Der Anteil von Obst, Gemüse, Sojaprodukten und Ballaststoffen ist zu erhöhen. Die Säurebildner Fleisch, Wurst, Zucker und Weißmehl sind zu meiden.

Klären Sie Ihre Patientinnen darüber auf, dass auch offiziell eine Hormonersatztherapie nach den Ergebnissen aus aktuellen Langzeitstudien nur noch in Ausnahmefällen zur Vorbeugung der Osteoporose eingesetzt und das Nutzen-Risiko-Verhältnis genau abgeklärt werden sollte.

Orthomolekulare Therapie

Die Gabe hoch dosierter Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine bei Osteoporose wird kontrovers diskutiert. Kritiker führen an, dass hohe Dosen nicht den physiologischen Gegebenheiten des Organismus entsprechen und stellen in Frage, inwiefern der Körper in der Lage ist, alle angebotenen Nährstoffe zu resorbieren und somit dem Körper zur Verfügung zu stellen. Auf diesem Hintergrund scheint es sinnvoll, die Aufnahme verschiedener Nährstoffe zu favorisieren, die sich in ihrer Wirkung verstärken. Um sich die synergistische Wirkung zunutze zu machen, sollten Sie folgende Nährstoffe verordnen:
  • Kalzium: Bei ungenügender Kalziumzufuhr über die Nahrung kann der Bedarf über Kalziumpräparate mit Vitamin D (z. B. Calcivitan-Pascoe Vital) gedeckt werden.

  • Vitamin D: Als einziges Vitamin wird es den Hormonen zugeordnet. Es erhöht die Kalziumresorption, erhält die Knochendichte und ist ein unverzichtbarer Bestandteil für den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel.

  • Vitamin C: Ein Mangel an Vitamin C trägt zum Knochenverlust bei.

  • Vitamin K: Ein Mangel an Vitamin K (in Salat, grünem Gemüse) führt zu einer erhöhten Frakturrate.

  • Magnesium: Erfahrungsgemäß liegt bei Osteoporose häufig ein Magnesiummangel vor.

  • Bor: Auf eine ausreichende Versorgung mit dem Spurenelement Bor ist zu achten (z. B. in Soja, Früchten, Gemüse), da es Kalzium in den Knochen zurückhält.

Physikalische Therapie

Wärmeanwendungen, wie z. B. Warmwasserschwimmen, Bewegungsbäder, Vollbäder, Heublumensäcke, Fango und Moor, regen die Durchblutung und den Stoffwechsel an und wirken ebenso schmerzlindernd wie muskelentspannend. Sie werden zudem als angenehm empfunden.

Phytotherapie

Standardisierte Zubereitungen aus Heilpflanzen mit östrogenartigen Wirkeigenschaften, wie z. B. Traubensilberkerzenwurzelstock (Cimicifuga racemosa rhizoma Abb. 17.41), Rotkleeblüten (Trifolii pratensis flos), Rhaptonik-Rhabarberwurzel (Rhei rhapontici radix) und Hopfenzapfen (Lupuli strobulus Abb. 29.10) können die hormonelle Situation in den Wechseljahren günstig beeinflussen (17.15). Hyperämisierende Einreibungen, z. B. mit Zubereitungen aus Cayennepfefferfrüchten (Capsici fructus acer) werden häufig als wohltuend empfunden.

Fallbeispiel „Osteoporose“

Eine 62-jährige Rentnerin, verheiratet, keine Kinder, besucht die Praxis, weil sie seit Monaten zunehmende Rückenschmerzen hat. Die Schmerzen kann sie jedoch nicht genau lokalisieren. Sie ist relativ schlank, jedoch wölbt sich ihr Bauch kugelförmig vor. Bei der Inspektion der entkleideten Patientin fallen eine verstärkte BWS-Kyphose und leichte Querfaltenbildung am seitlichen Rücken auf. Die Patientin gibt an, in den letzten Jahren ca. 5 cm kleiner geworden zu sein. Die Palpation ergibt eine verspannte Rückenmuskulatur und Myogelosen im Schulterbereich. Die Wirbelsäule ist fast in ganzer Länge leicht klopfempfindlich; die Wirbelsäulenbeweglichkeit ist vermindert. Der Patientin sind der Fersen- und der Zehenstand möglich. Das Lasègue-Zeichen ist negativ. Aufgrund des dringenden Verdachts auf Osteoporose überweist die Heilpraktikerin die Patientin zum Hausarzt, der Knochendichtemessung und Röntgen veranlasst, wodurch die Diagnose bestätigt wird. Die Patientin möchte keine Hormonbehandlung durchführen lassen, die verordnete Krankengymnastik nimmt sie jedoch gerne in Anspruch. Um z. B. bei längeren Autofahrten oder Wanderungen den Rückenschmerzen vorzubeugen, trägt sie bei derartigen Gelegenheiten ein speziell angepasstes Mieder, das ihr guten Halt gibt. Zusätzlich entscheidet sie sich für eine naturheilkundliche Behandlung bei ihrer Heilpraktikerin. Alle diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass ihre Schmerzen deutlich abnehmen.

Rachitis

Rachitis (englische Krankheit, D-Avitaminose): gestörte Mineralisation des kindlichen, wachsenden Knochenskeletts in Folge Vitamin-D-Mangels.

Krankheitsentstehung und Symptome
Rachitis entsteht bei Kindern durch Mangel an Vitamin D in der Nahrung, besonders bei veganer Ernährung (Kost ohne jegliche tierische Produkte) oder durch zu wenig Sonnenlicht, nur selten durch ungenügende Vitamin-D-Resorption. Der benötigte Kalziumspiegel kann nur auf Kosten des Knochenkalziums aufrechterhalten werden. Das unverkalkte Knochengewebe führt zur Erweichung und Verbiegung der bereits gebildeten Knochen.
Unspezifische Symptome sind D-AvitaminoseUnruhe, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Kopfschweiß, Tetanie und Krämpfe.

Merke

Zu den spezifischen Symptomen der Rachitis gehören z. B. der rachitische Rosenkranz (Rippenauftreibung an der Knorpel-Knochen-Grenze, die wie ein umgelegter Rosenkranz wirkt Abb. 9.76), sog. „Glockenthorax“ beim jungen Säugling, hypotone Muskulatur mit schlaffer Bauchdecke („Froschbauch“) und v. a. knöcherne Verbiegungen wie Skoliosen und Achsenfehlstellungen der unteren Extremitäten.

Diagnostik und schulmedizinische Therapie
RachitisDie Verdachtsdiagnose wird durch Röntgenaufnahmen und Laboruntersuchungen gesichert: Die alkalische Phosphatase ist erhöht, das Serumkalzium ist erniedrigt. Die Behandlung besteht in einer ausreichenden oralen Vitamin-D-Gabe.

Osteomalazie

Osteomalazie „Rachitis des Erwachsenen“: Verminderung des mineralisierten Skelettanteils mit dadurch bedingter verminderter Knochenfestigkeit und Knochendeformierungen nach Schluss der Epiphysenfugen; wichtigste Ursachen sind Störungen des Vitamin-D-Stoffwechsels und des Phosphatstoffwechsels sowie Malabsorption.

Symptome
Der Patient leidet unter Rosenkranz, rachitischergeneralisierten Knochenschmerzen, Gehstörungen und rascher Ermüdbarkeit in Folge Glockenthorax, Rachitisallgemeiner Muskelschwäche. Allmählich beginnt eine Froschbauch, RachitisDeformierung der besonders belasteten Knochen wie z. B. Kyphose der Wirbelsäule, Beckenverformung und O- oder X-Beine.

Tipp

Bei älteren Patienten mit generalisierten Schmerzen und Gehstörungen müssen Sie immer eine Osteomalazie schulmedizinisch abklären lassen.

Diagnostik und schulmedizinische Therapie
Schulmedizinisch wird die Diagnose wie die Rachitis durch Röntgenaufnahmen und Laboruntersuchungen gesichert: Das Serumkalzium ist erniedrigt, hingegen steigen Parathormon und alkalische Phosphatase an.
Die OsteomalazieTherapie richtet sich nach der Ursache, z. B. wird bei Mangelernährung Vitamin D oral ersetzt und bei Malabsorption durch i. m.-Gaben. Bei Störungen des Phosphatstoffwechsels aufgrund von Nierenerkrankungen (16.2.6) ist die Therapie komplizierter und oft langwierig.

Knochentumoren

Primäre Knochentumoren: insgesamt seltene Tumoren (ca. 1 % aller Tumoren), häufiger gutartig als bösartig.

Sekundäre Knochentumoren: Knochenmetastasen von bösartigen Tumoren sind die häufigsten Knochentumoren überhaupt.

Primäre Knochentumoren
Die primär aus Knochengewebe stammenden Tumoren treten zu ⅔ in der präpubertären Wachstumsphase auf, dagegen stehen die sekundären Tumoren (Metastasen) im Erwachsenenalter im Vordergrund.
Krankheitsentstehung und Einteilung
Alle im Knochen vorhandenen Gewebe- und Zellformen, z. B. auch Gefäß- und Nervenzellen, können entarten (Tab. 9.14). Die Ursache der Entartung bleibt in der Regel unklar.
Symptome
Das klinische Bild bei Knochentumoren ist wenig spezifisch. Im Vordergrund stehen Auftreibungen des KnochentumorenKnochens bzw. der Extremität, (lokale) Schmerzen, Knochen:TumorenBewegungseinschränkung und Spontanfrakturen. Viele Tumoren bereiten aber überhaupt keine Beschwerden.
Diagnostik und schulmedizinische Therapie

Achtung

Beim geringsten Verdacht auf einen Knochentumor müssen Sie den Patienten umgehend zur diagnostischen Abklärung (Röntgenaufnahme) überweisen.

Die Beurteilung der Röntgennativaufnahme ist schwierig, da die Veränderungen variabel und nicht selten uncharakteristisch sind. Sie reichen von Zeichen des Knochenabbaus (Osteolysen) bis zu Zeichen des Knochenumbaus und der -neubildung. Bei der weiteren Abklärung steht heute die Kernspintomografie, ggf. mit Gefäßdarstellung, im Vordergrund. Bei bösartigen Tumoren folgen weitere technische Untersuchungen zur Metastasensuche. Blutuntersuchungen einschließlich Tumormarker sind wenig hilfreich.
Benigne (gutartige) Tumoren werden z. B. bei Gefahr von Spontanfrakturen oder zunehmenden Schmerzen operativ entfernt. Wenn der Tumor nicht stört, wird – unter Beobachtung des Verlaufs – auch oft abgewartet.
Welche Therapie bei einem malignen (bösartigen) Tumor am aussichtsreichsten ist, hängt von seiner Histologie ab. Oft wird eine Kombination aus OP, Radio- und Chemotherapie gewählt.
Benigne primäre Knochentumoren
Exostose
Häufigster Knochen„tumor“ ist die solitäre Exostose (Osteochondrom Abb. 9.77). Sie entwickelt sich aus versprengten Ossifikationskeimen der Epiphysenfuge, bevorzugt im Kniebereich und am Oberarm, und ist eher eine Wachsstumsstörung als ein Tumor.
Meist bleibt die einzelne (solitäre) Exostose symptomlos und wird nur zufällig diagnostiziert. Eine operative Entfernung ist nur bei Beschwerden erforderlich. Eine maligne Entartung ist äußerst selten.
Enchondrom
Das Enchondrom (Chondrom) besteht aus Knorpelgewebe und macht ca. 10 % der Knochentumoren:benignegutartigen Knochentumoren aus. Die meisten Patienten haben Exostosekeine Beschwerden. Sichtbare Auftreibungen an Händen und Füßen sowie Spontanfrakturen sind aber möglich. OsteochondromTherapie der Wahl ist meist die operative Ausschabung (Kürettage). Insbesondere bei stammnaher Lokalisation besteht Entartungsgefahr zum Chondrosarkom.
Juvenile Knochenzyste
Die juvenile Knochenzyste (solitäre Knochenzyste) gehört zu den tumorähnlichen Knochenläsionen und tritt bevorzugt bei 10–15-Jährigen auf. Sie ist meist am proximalen Oberarm oder Oberschenkel lokalisiert und wird Enchondromhäufig erst nach Auftreten einer ChondromSpontanfraktur diagnostiziert. Die Behandlung erfolgt v. a. operativ.
Maligne primäre Knochentumoren
Osteosarkom

Osteosarkom: Mit 40 % Gesamtanteil häufigster primär maligner Knochentumor, aus knochenbildenden Zellen bestehend mit bevorzugter Lokalisation im kniegelenknahen Bereich und am proximalen Oberarmknochen; Altersgipfel um die Pubertät; frühe Metastasierung in die Lunge.

Die Beschwerden der Patienten sind uncharakteristisch. Im Vordergrund stehen Schmerzen, Schwellung (Abb. 9.78) und evtl. eine Bewegungseinschränkung, die von den Betroffenen oft auf ein Bagatelltrauma zurückgeführt werden.
Die DiagnosesicherungKnochenzyste erfolgt in der Regel durch eine Biopsie.
Heute beginnt die Therapie mit einer Chemotherapie, um die in ca. 80 % schon vorhandenen Mikrometastasen zu zerstören und den Tumor zu verkleinern. Es folgt die OP, der sich eine abermalige Chemotherapie anschließt.
Unter dieser Behandlung hat sich die Prognose deutlich Knochentumoren:maligneverbessert (tumorfreie 5-Jahres-Überlebensrate bei OsteosarkomPatienten ohne Metastasen 60–70 %).
Ewing-Sarkom

Ewing-Sarkom: hochmaligner primärer Knochentumor; Hauptlokalisation untere Extremität, Becken und Oberarm; Altersgipfel 10.–15. Lebensjahr; frühe Metastasierung, v. a. in die Lunge.

Hauptsymptome des Ewing-Sarkoms sind lokale Schmerzen und Schwellung, evtl. mit Rötung und Überwärmung. Verschlechterung des Allgemeinbefindens und Fieber sind möglich.
Allgemeinsymptome und positive Entzündungszeichen im Blut führen nicht selten zur Verwechslung mit einer Osteomyelitis (9.5.5). Bei ca. 25 % der Kranken sind zum Zeitpunkt der Diagnose bereits Fernmetastasen nachweisbar. Das Behandlungskonzept sieht heute für die meisten Patienten eine prä- und postoperative Chemotherapie, eine OP und eine Strahlentherapie vor. Die Langzeitüberlebensrate liegt hier unter bei 50–60 %.

Fallbeispiel „Ewing-Sarkom“

An einem Samstag wird ein achtjähriger Junge, Mitglied im Fußball- und Schwimmverein, in die Praxis gebracht, weil er seit fünf Tagen zunehmend Schmerzen im rechten Oberschenkel hat, die er seit der vergangenen Nacht kaum noch aushalten kann. Zuerst dachten seine Eltern und er an eine Sportverletzung und wendeten „Sportsalbe“ und kalte Umschläge an, die jedoch keine Linderung brachten. Der Hausarzt ist nicht erreichbar. Nun wünschen die Eltern eine homöopathische Behandlung. Der Junge fühlt sich krank, der Oberschenkel ist leicht geschwollen, deutlich gerötet, außerdem überwärmt und druckempfindlich. Leichtes Kneifen der Muskulatur verstärkt den Schmerz nicht. Die Leistenlymphknoten sind nicht geschwollen, Verletzungen nicht zu erkennen. Die Anamnese ergibt keine Zeckenbisse (Borreliose?), keine (Streptokokken-)Infektionen in der letzten Zeit und keine chronischen Herde (z. B. vereiterte Rachenmandeln), die Hinweis auf eine Osteomyelitis sein könnten. Es besteht Fieber (38,5 °C), die BSG ist erhöht. Da er den dringenden Verdacht auf einen Knochentumor oder eine Osteomyelitis unklarer Ursache hat, überweist der Heilpraktiker den Jungen ins nächste Krankenhaus. Nach ausführlichen Untersuchungen steht die Diagnose Ewing-Sarkom fest.

Chondrosarkom

Chondrosarkom: hauptsächlich im mittleren und höheren Lebensalter auftretender bösartiger Knochentumor, der entweder ohne vorbestehende Knochenerkrankungen oder durch Entartung einer Exostose oder eines Enchondroms entsteht.

Hauptlokalisation sind Ewing-Sarkomdas Becken und der proximale Femur sowie Schultergürtel und proximaler Humerus. Das Chondrosarkom wächst langsam, selten und spät kommt es zur Fernmetastasierung in der Lunge und in den serösen Häuten.
Leitsymptom des Chondrosarkoms sind (lokalisierte) Schmerzen, wobei die Anamnese durchschnittlich länger ist als beim Osteosarkom oder Ewing-Sarkom. Die diagnostischen Maßnahmen entsprechen im Wesentlichen denen beim Osteosarkom. Die Behandlung besteht in einer radikalen Entfernung des Tumors. Gelingt diese, liegt die Langzeitüberlebensrate bei ca. 80 %. Chemo- und Strahlentherapie sind wirkungslos.
Sekundäre Knochentumoren – Knochenmetastasen
ChondrosarkomPrinzipiell können alle bösartigen Tumoren Knochenmetastasen setzen. Besonders oft aber metastasieren Mamma-, Prostata-, Lungen-, Nieren- und Schilddrüsenkarzinome in die Knochen. Häufigster Sitz der Metastasen ist die Wirbelsäule.
Symptome
Drei Leitsymptome stehen im Vordergrund:
  • Schmerzen, die bei noch unbekanntem Primärtumor oft als „rheumatisch“ oder „ischiasbedingt“ gedeutet werden

  • Spontanfrakturen, v. a. bei osteolytischen (den Knochen auflösenden) Metastasen; die zu neurologischen Ausfällen bis hin zum Querschnittssyndrom (23.11.3) führen können, wenn sie im Bereich der Wirbelsäule durch Zusammenbruch des Wirbelkörpers das Knochen:MetastasenRückenmark komprimieren

  • neurologische Ausfälle, die auch bei osteoblastischen („knochenbildenden“) Metastasen durch Kompression z. B. der Spinalnervenwurzeln entstehen können

Diagnostik und schulmedizinische Therapie

Achtung

Bei bösartigen Tumoren in der Vorgeschichte sollten Sie auftretende Knochen- oder Gelenkbeschwerden wegen des Verdachts auf Metastasen immer ärztlicherseits abklären lassen (z. B. durch Röntgenaufnahmen, evtl. Skelettszintigrafie).

Therapieziel bei Knochenmetastasen sind v. a. die Beschwerdelinderung und die Vermeidung von Komplikationen. Je nach zugrunde liegendem Tumor und Allgemeinzustand des Patienten werden Strahlen-, Hormon- oder Chemotherapie, aber auch operative Maßnahmen zur Knochen- bzw. Frakturstabilisierung durchgeführt.

Entzündungen des Knochens

Akute Osteomyelitis

Akute Osteomyelitis: akute Verlaufsform einer Knochenmarkentzündung; meist mit einer Entzündung der übrigen Knochenstrukturen einhergehend.

Krankheitsentstehung und Einteilung
Die Versorgung des Knochens mit Gefäßen entscheidet darüber, ob es zu einer Gelenkbeteiligung kommt oder nicht. Bei Kindern bildet die gefäßlose Epiphysenfuge (7.5.2) einen „Schutzwall“ zwischen Knochen und Gelenk. Deshalb kann sich die Infektion nur sehr selten auf das Gelenk ausbreiten. Abhängig von der Versorgung des Knochens mit Gefäßen ist der Verlauf der Osteomyelitis vom Lebensalter abhängig.

Fallbeispiel „Knochenmetastasen“

Eine 58-jährige Sekretärin kommt zum ersten Mal in die Praxis. Sie geht leicht gebeugt und klagt über Schmerzen im LWS-Bereich. Lachend erzählt sie, schon seit ihrer Jugend regelmäßig einen „Hexenschuss“ zu haben, aber dieses Mal sei er „so hartnäckig wie noch nie“. Die Anamnese ergibt eine Brustkrebserkrankung mit Mastektomie vor ca. sechs Jahren, früher regelmäßige Migräneanfälle während der Periode, keine weiteren Vorerkrankungen, Menopause vor drei Jahren. Sie hat keinerlei Missempfindungen (Parästhesien). Die Inspektion ist unauffällig. Die Perkussion der Wirbelsäule ergibt einen umschriebenen Klopfschmerz im LWS-Bereich, der Finger-Boden-Abstand beträgt ca. 60 cm, das Lasègue-Zeichen ist negativ, Zehen- und Fersenstand sind möglich. Die Palpation des Brustkorbs, der verbliebenen Brust und aller Lymphknotenregionen bleibt ohne Ergebnis. Zur ersten Schmerzlinderung führt die Heilpraktikerin eine neuraltherapeutische Quaddelung paravertebral durch, die die Verspannung der Rückenmuskulatur löst. Sie klärt die Patientin behutsam über die Möglichkeit von Knochenmetastasen auf und überweist sie dringend zwecks röntgenologischer Abklärung zum Orthopäden, um v. a. diesen Verdacht, aber auch evtl. Erkrankungen der Wirbelsäule, auszuschließen. In einem längeren Gespräch gibt die Heilpraktikerin der Patientin die Gelegenheit, über die plötzlich aufgetretene neue Situation und die damit verbundenen Ängste zu reden. Tatsächlich ergibt das Röntgenbild sowie die später durchgeführte Skelettszintigrafie jeweils Metastasen in der LWS und im Becken.

  • Säuglingsosteomyelitis: Bevorzugt nach einer Allgemeinerkrankung (z. B. Nabelschnurinfektion) kommt es infolge einer hämatogenen Knochen:EntzündungenAussaat der Erreger (Aussaat über den Blutweg) zu einer Osteomyelitis:akuteeitrigen Infektion des Knochenmarks, insbesondere der (Femur-)Metaphyse. Da bei Säuglingen die terminalen Blutgefäße durch die knorpelige Epiphysenfuge verlaufen, können die Bakterien von der Meta- über die Epiphyse in das Gelenk eindringen und zum eitrigen Gelenkerguss (Pyarthros) führen. Es besteht die Gefahr der Wachstumsfugenzerstörung mit nachfolgender Wachstumsstörung.

  • Juvenile Osteomyelitis: In diesem Alter bilden die Wachstumsfugen gefäßlose Barrieren, sodass sich die Knochenmarksentzündung vorwiegend im Säugling(e):Osteomyelitismeta- und diaphysären Bereich ausbreitet, während die Epiphysen verschont bleiben.

  • Erwachsenenosteomyelitis: Seltenere akute Osteomyelitis, die neben den langen Röhrenknochen bevorzugt die Wirbelsäule befällt (Spondylitis). Wegen der fehlenden Wachstumsfugen kann der Infekt ins Gelenk einbrechen.

Haupterreger sind Staphylokokken und Streptokokken (25.5.2).
Symptome und Diagnostik

Merke

Meist ist das Bild der akuten Osteomyelitis eindrücklich: Die Patienten haben Fieber, fühlen sich schlecht und klagen über Schmerzen in der betroffenen Extremität. Besonders bei Gelenkbeteiligung nehmen sie eine schmerzlindernde Schonhaltung ein.

Eher schleichend beginnt die tuberkulöse (spezifische) Osteomyelitis. Sie befällt v. a. die Wirbelkörper sowie das Hüft-, Knie- und/oder Iliosakralgelenk.
Bei der Untersuchung stellen Sie mit Druckschmerz, Rötung, Überwärmung und Schwellung die klassischen (lokalen) Entzündungszeichen fest. Evtl. ist die Venenzeichnung (sichtbares Venennetz) vermehrt und es liegt ein Gelenkerguss vor. Bei der Erwachsenenosteomyelitis sind die Allgemeinsymptome meist gering ausgeprägt, Schmerzen und Funktionseinschränkung stehen im Vordergrund.
Bei Verdacht auf Osteomyelitis überweisen Sie den Patienten zur Diagnosesicherung (z. B. durch Blutuntersuchungen und bildgebende Verfahren wie Knochenszintigrafie, Sonografie, MRT und CT) zum Arzt.

Achtung

Fieber und eine Verschlechterung des Allgemeinbefindens sind zwar häufige, aber nicht obligate Symptome einer Osteomyelitis. Bei Verdacht auf Osteomyelitis müssen Sie den Patienten zwecks Diagnose und Therapie zum Arzt überweisen.

Komplikationen
Frühkomplikationen der akuten hämatogenen Osteomyelitis sind:
  • Bildung eines Sequesters; in Folge schlechter Durchblutungsverhältnisse stirbt ein Knochenstück ab und ist völlig vom vitalen Knochengewebe abgetrennt (demarkiert)

  • Abszedierung (Bildung eines Abszesses) und Fistelung (Durchbrechen durch die Haut nach außen)

  • Knochenbruch

  • Gelenkempyem und Sepsis durch hämatogene Aussaat der Erreger

  • chronische oder rezidivierende Osteomyelitis

Spätfolgen sind in erster Linie Fehlstellungen, bleibende Gelenkschäden sowie Wachstumsstörungen bei Kindern.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Aufgrund der zahlreichen Komplikationen ist eine frühzeitige Diagnose besonders wichtig. Grundpfeiler jeder Osteomyelitis:SequesterOsteomyelitisbehandlung sind die Ruhigstellung des erkrankten Knochens und die hoch dosierte, intravenöse Antibiotikatherapie.
Seit Verfügbarkeit hochwirksamer Antibiotika ist die Prognose der akuten Osteomyelitis wesentlich besser als früher. Allerdings ist das Rezidiv-Risiko hoch, und bis zu 30 % der Patienten erleiden irreversible Spätschäden.
Chronische Osteomyelitis

Merke

Chronische Osteomyelitis: chronische Verlaufsform einer Knochenmarkentzündung; meist sekundär nach nicht ausgeheilter exogener (akuter) Osteomyelitis.

Leitsymptome der chronischen Osteomyelitis sind Schmerzen (auch in Ruhe und nachts), Fistelbildung und die klassischen lokalen Entzündungszeichen in unterschiedlicher Ausprägung.
Bei Verdacht auf chronische Osteomyelitis überweisen Sie den Patienten zur weiteren Diagnostik (Laboruntersuchungen, Röntgenaufnahmen) und Therapie (operative Sanierung) zum Arzt.

Achtung

Auch nach scheinbarer Gesundung des Patienten können jederzeit Rezidive auftreten, teils noch nach Jahrzehnten. Spätfolgen der chronischen Osteomyelitis sind v. a. Fehlstellungen, Beinlängendifferenz und – inbesondere nach langjährigem Verlauf – eine Amyloidose (Ablagerung eines speziellen Proteins, des Amyloids, im Gewebe mit nachfolgenden Stoffwechselstörungen) oder Fistelkarzinome.

Periostitis

Periostitis (Knochenhautentzündung): entsteht hämatogen, fortgeleitet bei Osteomyelitis oder durch direkte äußere Einwirkung (z. B. sportliche Überlastung, häufig an der medialen Schienbeinkante).

Die Symptome der Periostitis sind Druckschmerz, Schwellung und belastungsabhängige Schmerzen.
Diagnostik und Therapie orientieren sich an der Ursache: bei fortgeleiteter Osteomyelitis z. B. entsprechen sie dem Vorgehen bei Osteomyelitis. Hingegen Osteomyelitis:chronischeerübrigt sich bei der sportlich bedingten Periostitis meist eine weitere Diagnostik.
Die Therapie besteht in einer Reduktion der sportlichen Belastung und in physikalischen Maßnahmen.

Knochennekrosen

Knochennekrose (Osteonekrose): Absterben von Knochengewebe; kann z. B. nach Erfrierungen, Verbrennungen, Bestrahlungen oder spontan auftreten; spontan auftretende Knochennekrosen werden auch als aseptische Knochennekrosen bezeichnet, können an zahlreichen Stellen des Körpers auftreten und sind unter jeweils eigenen Bezeichnungen bekannt (Abb. 9.79).

Lunatummalazie

Lunatummalazie (Morbus Kienböck): aseptische Knochennekrose des Mondbeins mit Gefahr der Handgelenkarthrose; betrifft Männer häufiger als Frauen, Altersgipfel um 30. Lebensjahr.

Die AmyloidoseUrsache der Durchblutungsstörung, die letztlich zur Nekrose Knochenhautentzündungführt, ist bislang unbekannt. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle, z. B. wiederholte Mikrotraumen (gehäuftes Auftreten bei PeriostitisArbeiten mit Pressluftwerkzeugen) oder angeborene Gefäßanomalien.
Der Patient Osteonekroseklagt über Schmerzen im Mittelhandbereich, besondersKnochennekrosen:aseptische bei anstrengenden Arbeiten. Evtl. ist die Beweglichkeit des Handgelenks Morbus:Kienböckeingeschränkt, die Hand kann nicht dorsal flektiert werden.
Sie stellen einen umschriebenenNekrose:Knochen Druckschmerz und bei einem Teil der Patienten eine Knochen:Nekroseleichte Schwellung am Handrücken über dem Mondbein fest.
Zur Diagnosesicherung (Röntgenaufnahme Abb. 9.80, evtl. Knochenszintigrafie) undLunatummalazie Therapie überweisen Sie den Patienten an einen Orthopäden.
Unbehandelt bricht das Mondbein zusammen. Die dadurch bedingten Gelenkveränderungen führen langfristig zur Arthrose des Handgelenks. Einzig mögliche Therapie ist die OP. Aber auch dann ist das Langzeitergebnis oft noch unbefriedigend.
Morbus Perthes

Morbus Perthes (Morbus Legg-Calvé-Perthes, juvenile Hüftkopfnekrose): erworbene, sog. aseptische Nekrose des Hüftkopfs, meist bei Jungen von 3–10 Jahren; häufigste aseptische Knochennekrose überhaupt.

Eine ursächlich noch unklare Durchblutungsstörung führt zur ein- oder seltener auch beidseitigen Nekrose der Femurkopfepiphyse mit nachfolgendem Abbau des nekrotischen Knochens und anschließendem Wiederaufbau. Bei Mitbeteiligung der Epiphysenfuge kommt es zur Wachstumsstörung.
Die Kinder scheinen zunächst „lauffaul“, sie ziehen das Bein leicht nach (Schonhinken) und klagen über geringe belastungsabhängige Leisten- und Knieschmerzen, die im Verlauf zunehmen können, häufig aber nur vorübergehend bestehen. Die Innenrotation und Morbus:Legg-Calvé-PerthesAbduktion können eingeschränkt sein.
Die Verdachtsdiagnose wird durch Hüftkopfnekrose:juvenileSonografie, Röntgenaufnahme oder MRT bestätigt.
Die Behandlung des Morbus Perthes ist nach Morbus:Pertheswie vor umstritten. Im Allgemeinen wird bei leichten Formen evtl. Krankengymnastik oder Entlastung durch die sog. Thomas-Schiene (Abb. 9.81) empfohlen und im Weiteren abgewartet.
Nach Jahren kann die Erkrankung ausheilen. Je älter das Kind zu Erkrankungsbeginn und je ausgedehnter der Befund, desto schlechter die Prognose, d. h. desto eher entstehen degenerative Veränderungen, z. B. frühzeitige Koxarthrose.
Idiopathische Hüftkopfnekrose des Erwachsenen

Idiopathische Hüftkopfnekrose: Hüftkopfnekrose bei Erwachsenen, meist bei Männern im mittleren Lebensalter und in 50 % der Fälle beidseitig auftretend.

Die Ursache der Durchblutungsstörung bleibt häufig unklar; eine hoch dosierte Glukokortikoidtherapie, Alkoholabusus und Stoffwechselstörungen stellen Risikofaktoren dar. Der Hüftkopf bricht ein, es kommt zu einer Deformierung und sekundären Hüftgelenkarthrose.
Die Patienten klagen über Thomas-Schienebelastungsabhängige Leistenschmerzen mit Bewegungseinschränkung in der Hüfte. Die Diagnose wird durch Röntgenaufnahmen oder MRT gesichert.
Die schulmedizinische Behandlung ist operativ. Setzt die Behandlung in frühen Erkrankungsstadien ein, kann eine Arthrose meist verhindert werden.
Osteochondrosis dissecans

Osteochondrosis dissecans: lokalisierte aseptische Knochennekrose mit scharfer Abgrenzung der Nekrose zum gesunden Knochengewebe (Dissektion), Gefahr der Abstoßung des Dissekats als freier Gelenkkörper (Gelenkmaus); tritt am häufigsten am Kniegelenk, seltener z. B. auch am Hüftgelenk, Sprunggelenk, Ellenbogengelenk und an der Schulter auf.

Die Hüftkopfnekrose:idiopathischeErkrankung befällt v. a. Jugendliche gegen Ende des Wachstumsalters. Die Betroffenen haben uncharakteristische, belastungabhängige Knieschmerzen, evtl. mit Knieschwellung und -erguss. Plötzliche Einklemmungen nach Abstoßung der Knochennekrose sind typisch. Die Diagnose wird durch Röntgenaufnahmen, MRT und Gelenkspiegelung (Arthroskopie) gestellt.
In frühen Erkrankungsstadien ist die Behandlung konservativ mit symptomatischer Analgetikagabe, Entlastung (z. B. durch Gehstützen) und körperlicher Schonung. In späteren Stadien wird zur OP geraten.
Hierbei wird entweder durch verschiedene Methoden versucht, eine Wiedereinheilung des Dissekats zu erreichen, oder das Dissekat wird Osteochondrosis:dissecansentfernt.
Morbus Osgood-Schlatter

Morbus Osgood-Schlatter (Apophyseopathie der Tuberositas tibiae): Gehäuft bei 10–14-jährigen Jungen auftretende, aseptische Knochennekrose der Tibiaapophyse (Ansatz der Patellarsehne); ursächlich ist ein Ungleichgewicht zwischen Belastung und Belastbarkeit des Knorpelgewebes, z. B. ein verstärkter Zug des Ligamentum patellae bei sportlicher Überbelastung.

Besonders nach sportlicher Belastung klagen die Patienten über Schmerzen an der Tuberositas tibiae. Knien verstärkt den Schmerz. Manchmal können Sie bei der seitlichen Betrachtung eine Beule sehen, die als harter Tumor zu tasten ist.
Die Diagnose wird durch eine Röntgenaufnahme des Kniegelenks (Abb. 9.82) bestätigt.
Die schulmedizinische Behandlung des Morbus Osgood-Schlatter beim Jugendlichen ist stets konservativ (körperliche Schonung, lokale antiphlogistische Therapie und/oder eine spezielle Schuhzurichtung).
In der Regel heilt die Erkrankung mit dem Wachstumsabschluss aus.
Morbus Köhler
Apophyseopathie

Morbus Köhler: spontane Knochennekrose des Kahnbeins (Morbus Köhler I) oder des Mittelfußköpfchens II (Morbus Köhler II); Morbus Köhler I betrifft v. a. 4–8-jährige Kinder, Morbus Köhler II v. a. 12–18-Jährige.

Die Kinder bzw. Jugendlichen geben belastungsabhängige Schmerzen sowie Morbus:Osgood-SchlatterSchwellungen über der medialen Fußwurzel bzw. dem mittleren Vorfuß an. Zudem kann Schonhinken und eingeschränktes Abrollen über den Fußaußenrand beobachtet werden. Die Diagnose sichert der Orthopäde durch Röntgenaufnahmen.
Die schulmedizinische Therapie ist konservativ (Sportverbot, Einlagen). Morbus Köhler I heilt meist unter der Therapie folgenlos aus, bei Morbus Köhler II besteht eine größere Gefahr der Arthrose.

Knochenbrüche

Knochenbruch (Fraktur): Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens unter Bildung von mindestens zwei Bruchstücken (Fragmenten), die durch einen Bruchspalt voneinander getrennt werden.

Fissur: Sonderform der Fraktur; Spaltbildung im Knochen ohne vollständige Kontinuitätsunterbrechung.

Entstehung und Einteilung
Von einer traumatischen Fraktur spricht man, wenn die Fraktur durch Gewalt von außen bedingt ist. Unterschieden werden dabei direkte Frakturen, bei denen der Morbus:KöhlerKnochen am Ort der Gewalteinwirkung bricht, und indirekte Frakturen, bei denen der Ort der Gewalteinwirkung nicht identisch ist mit dem Ort der Fraktur (z. B. Oberarmbruch bei Sturz auf den gestreckten Arm).
Bei Spontanfrakturen fehlt ein adäqutes Trauma:
  • Eine Ermüdungsfraktur entsteht durchFrakturen unphysiologische Dauerbelastung, z. B. die sogFissur. Marschfraktur des 2. und 3. Mittelfußknochens nach langen Fußmärschen.

  • Eine Knochenbrüche\t \"s. Frakturenpathologische Knochenfraktur ist Folge einer abnormen Knochenstruktur. Häufige Beispiele sind Frakturen bei Osteoporose oder Frakturen bei Frakturen:EinteilungSkelettmetastasen.

Merke

Je nach Verlauf der Frakturlinie werden Querfraktur, Schrägfraktur und Defektbruch (mit Verlust von Knochensubstanz) unterschieden (Abb. 9.83). Beim einfachen Bruch ist der Knochen an einer Stelle gebrochen, sodass zwei Fragmente entstehen. Bei einem Mehrfragmentbruch sind 3–6 Fragmente vorhanden, bei einem Trümmerbruch mehr als sechs Fragmente.

Bei einem Teil der Frakturen kommt es zur Verschiebung (Dislokation) der Fragmente gegeneinander. Diese kann durch die von außen einwirkende Gewalt, durch Muskelzug an den Fragmenten, aber auch durch falsche Lagerung sowie im weiteren Verlauf durch zu frühe Bewegung oder Belastung bedingt sein.
  • Ist die Haut über der Frakturstelle intakt, spricht man von einer geschlossenen ErmüdungsfrakturFraktur.

  • Ist es hingegen durch Haut- und Weichteilverletzungen zu einer Verbindung zwischen Fraktur und Außenwelt gekommen, handelt es sich um eine offene Fraktur. Die besondere Gefahr bei offenen Frakturen liegt in der bakteriellen Kontamination der Weichteile und Knochen mit nachfolgender Infektion.

Besonderheiten kindlicher Frakturen sind:
  • Grünholzfraktur (subperiostale Fraktur): Hier bleibt das beim Kind noch sehr kräftige und elastische Periost (Knochenhaut) teilweise erhalten – vergleichbar dem Bruch eines grünen Weidenastes.

  • Epiphysenfugenverletzung: Bei Kindern und Jugendlichen sind die Epiphysenfugen noch offen. Eine Frakturen:geschlosseneMitverletzung bei gelenknahen Frakturen kann zu Wachstumsstörungen des Knochens in diesem Bereich führen.

Symptome
Nur wenige Symptome sind beweisend für eine Fraktur und werden daher Frakturen:offenesichere Frakturzeichen genannt.

Merke

Sichere Frakturzeichen

  • erkennbare Fehlstellung durch eine Frakturverschiebung

  • abnorme Beweglichkeit bzw. abnorme Lage

  • fühl- oder hörbare Krepitation (Knochenreiben) bei Bewegung

  • sichtbare Fraktur (z. B. bei durchgespießtem Knochenfragment)

Viel häufiger sind die unsicheren Frakturzeichen, die zwar auf eine Fraktur hindeuten, aber auch bei anderen Verletzungen auftreten können. Hierzu zählen Schmerzen, Schwellungen,Grünholzfraktur Bluterguss und Störungen der Beweglichkeit.
Diagnostik
Bei Verdacht auf eine Fraktur überweisen Sie den Patienten sofort zur röntgenologischen Abklärung. Manche Frakturen sind im normalen Röntgenbild nicht sicher zu erkennen. Dann können Zielaufnahmen, Schichtaufnahmen (Tomografie), ein CT oder eine Knochenszintigrafie erforderlich sein.

Achtung

Störungen der Durchblutung (periphere Pulse prüfen!), Motorik und Sensibilität können die Fraktur begleiten. Die Entstehung einer Fettembolie durch in die Blutbahn gelangte Fetttröpfchen ist möglich. Neben Ateminsuffizienz und zerebralen Symptomen kann es zu einer Verbrauchskoagulopathie kommen.

Nicht unterschätzt werden darf der Blutverlust bei Frakturen! Tritt aufgrund des Blutverlusts ein hypovolämischer Schock auf, ist die sofortige Benachrichtigung des Notarztes erforderlich. Bis zu seinem Eintreffen führen Sie die erforderlichen Erstmaßnahmen (30.7) durch und lagern die Bruchstelle sicher.

Bei Oberschenkelfrakturen Erwachsener sind z. B. BlutverlusteFrakturzeichen bis zu ca. 2.000 ml möglich, bei Beckenfrakturen sogar bis zu ca. 4.000 ml. Besonders bei Frakturen großer Knochen und/oder ausgedehnten Weichteilverletzungen gerät der Verletzte schnell in einen hypovolämischen Schock.
Frakturheilung und Komplikationen
Bei nahezu fugenlosem Aneinanderliegen der Knochenfragmente, guter Durchblutung und konsequenter Ruhigstellung wird der Bruchspalt direkt von den knochenbildenden Osteoblasten überbrückt (primäre Frakturheilung).
Sind die Voraussetzungen zur primären Frakturheilung nicht erfüllt, kommt es zur sekundären Frakturheilung: Im Frakturbereich bildet sich ein Hämatom, aus dem ein bindegewebig-knorpeliges Zwischengewebe, der Kallus, entsteht. Dieser fixiert die Fragmente zunehmend, aber erst im Verlauf der nächsten Monate wird der Kallus zum „normalen“ Knochen umgewandelt.
Die Heilungsdauer einer Fraktur ist abhängig vom Alter des Patienten (bei Kindern schneller alsFrakturheilung bei Erwachsenen), von der Lokalisation der Fraktur, von der Durchblutungssituation und von den Begleitverletzungen. Sie schwankt zwischen 3–5 Wochen für Frakturen im Bereich des Fingerskeletts und 12–14 Wochen für Frakturheilung:primäreFrakturen des Beckens, des Oberschenkelhalses und einiger Handwurzelknochen.
Zahlreiche Komplikationen der Frakturheilung sind möglich, die wichtigsten sind (Abb. 9.84).
Kompartment-Syndrom
Frakturheilung:sekundäreBeim Kompartment-Syndrom (Muskelkammer-Syndrom, Logensyndrom) handelt es sich um eine mit Schmerzen, Bewegungseinschränkung und neurologischen KallusSymptomen einhergehende Muskelschädigung, die meist nach einer Fraktur auftritt. Durch ein Frakturhämatom, ein posttraumatisches Muskelödem, einen zu engen Gipsverband oder eine venöse Thrombose kann in unnachgiebigen Muskellogen (durch Faszien eingegrenzte Räume) der Gewebedruck so stark ansteigen, dass dort verlaufende Gefäße und Nerven komprimiert werden und es zu einer Ernährungsstörung der Muskulatur bis zur Muskelnekrose kommt. Am häufigsten sind die vier Muskellogen am Unterschenkel betroffen, davon am häufigsten die Tibialis-anterior-Loge (Abb. 9.50). Die Muskeln Kompartment-Syndromwerden in der Folgezeit durch narbiges Bindegewebe Syndrom:Kompartment-Syndromersetzt, und es bildet sich eine Kontraktur aus.
Anfangs entwickeln sich ein akut zunehmender Schmerz sowie eine harte, druckschmerzhafte Schwellung. Die Region verfärbt sich, und es treten Parästhesien auf. Bestehen zu Beginn noch Pulse, nimmt die Durchblutungsstörung nach und nach immer weiter zu. Es kommt zu Bewegungseinschränkungen und im Endstadium zu ausgeprägten Lähmungen, Sensibilitätsstörungen und evtl. zu Hautnekrosen. Besonders häufig betroffen sind die Tibialis-Loge am Unterschenkel (Tibialis-anterior-Syndrom) und die Unterarmbeuger (Volkmann-Kontraktur 9.8.1). Die Therapie besteht in der baldmöglichsten Normalisierung der Zirkulation. Diese erfolgt durch Spaltung der Muskelfaszien der Logen (Fasziotomie).
Osteomyelitis
Besonders bei offenen Frakturen, aber auch nach Osteosynthese (operative Frakturbehandlung) besteht die Gefahr einer Keimbesiedelung mit nachfolgender manifester Infektion der Wunde, des Knochens und/oder des Knochenmarks (Osteomyelitis). Die Therapie erfolgt durch Antibiotikagabe.
Pseudarthrose
Bei der Pseudarthrose (Falschgelenkbildung) bleibt die Frakturheilung sechs Monate oder länger aus. Zahlreiche Faktoren können dazu führen, dass eine Fraktur nur verzögert oder gar nicht heilt. Die Frakturstelle wird lediglich bindegewebig überbrückt und verknöchert nicht.
Sudeck-Dystrophie
Bei der Sudeck-Dystrophie (Sudeck-Syndrom, Morbus Sudeck, Algodystrophie, Reflexdystrophie). Es handelt sich dabeiOsteomyelitis:offene Fraktur um eine nach gelenknahen Frakturen, Weichteilverletzungen oder Operationen auftretende Folgeerkrankung einer Extremität, die meist an Unterarm oder Hand auftritt und mit Durchblutungs- und Pseudarthrose, FrakturenStoffwechselstörungen einhergeht (Abb. 9.85). Vermutlich ist eine neurovaskuläre Fehlregulation, die zu lokalen Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen führt, die Ursache. Die Symptome fasst Tab. 9.15 zusammen. Die Therapie besteht im Stadium I in einer Ruhigstellung der betroffenen Extremität. Im Morbus:SudeckStadium II hat sich Krankengymnastik bewährt. Im AlgodystrophieStadium III können nur noch plastisch-chirurgische ReflexdystrophieEingriffe Linderung schaffen. In jedem Stadium können aber nichtsteroidale Antiphlogistika (9.12.4,Syndrom:Sudeck-Syndrom Pharma-Info) verabreicht werden.

Naturheilkundliche Begleittherapie bei Knochenbrüchen

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.7.2

Bach-Blütentherapie

Als erste Maßnahme ist die Gabe von Rescue-Tropfen sinnvoll, die dem Patienten helfen, den Schreck und das traumatische Erlebnis seelisch besser zu verkraften.
Rescue-Tropfen sind jedoch kein Ersatz für Notfallmaßnahmen!

Biochemie nach Schüßler

Verordnen Sie, um den Heilungsverlauf positiv zu beeinflussen, biochemische Salze, v. a. Nr. 2 Calcium phosphoricum (bei schlecht heilenden Knochenbrüchen) oder Nr. 1 Calcium fluoratum (wichtiges Mittel für das Stütz- und Bindegewebe, bei Schwäche des Bewegungsapparats und Bindegewebes). Die Mittel sind über einen längeren Zeitraum einzunehmen.

Eigenbluttherapie

Die Behandlung von Knochenbrüchen mit lokalen Eigenblutinjektion geht auf den Berliner Chirurgen August Bier (4.2.17) zurück. Er fand heraus, dass Knochenbrüche schneller heilen, wenn in der Nähe ein Bluterguss entstanden war und injizierte daraufhin bei seinen Patienten Eigenblut (möglichst in Bruchnähe). Heutzutage wird die Eigenblutinjektionen i. m. verabreicht und häufig eine homöopathische Injektionslösung (z. B. Traumeel® S Ampullen) zugesetzt.

Ernährungstherapie und orthomolekulare Therapie

Um die Kallusbildung anzuregen, ist eine kalziumreiche Kost mit Getreide, Sprossen, grünem Gemüse und Fisch zu empfehlen. Verordnen sie zusätzlich Kalziumpräparate mit Vitamin D (z. B. Calcigen® D), um den Heilungsverlauf zu fördern.

Homöopathie

Werden Komplexmittel eingesetzt, z. B. Infiossan® Tropfen, enthalten diese häufig Arnica (erstes Mittel bei Verletzungen durch Stoß oder Schlag), Symphytum (bewährte Indikation bei Frakturen und Hämatomen, zur Anregung der Kallusbildung; innerliche und äußerliche Anwendung empfohlen), Ruta (bei Verletzungsfolgen wie Quetschungen; bei Verletzungen der Knochenhaut) oder Hypericum (bewährte Indikation bei Nervenverletzungen und postoperativ).

Magnetfeldtherapie

Die Behandlung durch magnetische Felder hat eine durchblutungsfördernde und stoffwechselanregende Wirkung und fördert bei Knochenbrüchen den Heilungsverlauf.

Phytotherapie

Pflanzen mit wundheilenden Eigenschaften, wie z. B. Ringelblumenblüten (Calendulae flos Abb. 9.86) oder Beinwellwurzel (Symphyti radix Abb. 9.116) eignen sich zur Behandlung von geschlossenen Frakturen. Die Pflanzen werden als Externa in Form von Umschlägen (z. B. Traumaplant®-Salbe oder Kytta-Plasma® f) eingesetzt.
Bei Schwellungen haben sich Umschläge mit Retterspitz® äußerlich (Extrakt aus Arnika, Rosmarin, Zitrone, Orangenblüten, Thymian und Bergamotte) bewährt (9.6.3). Um mögliche Hautreaktionen (z. B. Rötung, Brennen) zu vermeiden, wird Retterspitz® bei empfindlichen Patienten mit Leitungswasser im Verhältnis 1 : 1 bis 1 : 5 verdünnt.
Schulmedizinische Therapie bei Frakturen
Der erste Schritt der Frakturbehandlung ist die Reposition, also das Einrichten der Fraktur. In vielen Fällen ist eine geschlossene Reposition möglich, d. h. der Arzt kann die Fraktur durch manuellen Zug und Gegenzug von außen einrichten. Gelingt die geschlossene Reposition nicht, ist eine offene Reposition durch OP erforderlich.
Der zweite Schritt ist die Retention (Fixation), d. h., die Ruhigstellung der Fraktur bis zur Verheilung. Bekanntestes Verfahren der konservativen Retention ist die Gipsbehandlung.
Eine weitere Möglichkeit der konservativen Frakturretention ist die Extension (Streckbehandlung). Dabei handelt es sich meist um eine knöcherne Extension. Hierbei Frakturenwird ein spezieller Draht oder Nagel frakturfern durch einen Knochen gebohrt und ein Reposition:FrakturExtensionsbügel angebracht. An diesen werden dann über einen Seilzug Gewichte angehängt, die einen Zug Frakturen:Repositionausüben.
Bei der operativen Retention durch Osteosynthese wird die Fraktur reponiert und das Ergebnis durch Einbringen eines (Metall-)Implantats gesichert. Die meisten Osteosyntheseverfahren erfordern eine zweite OP nach Wochen oder Monaten zur Metallentfernung.
Heute gibt es zahlreiche Osteosyntheseverfahren (Abb. 9.87), die auch miteinander kombiniert werden Frakturen:Gipsbehandlungkönnen:
  • Die Versorgung einer Fraktur mit Schrauben wird als Schraubenosteosynthese (Verschraubung) bezeichnet.

  • Bei der Plattenosteosynthese wird die Fraktur mittels einer durch Schrauben fixierten Metallplatte stabilisiert.

  • Bei der Marknagelosteosynthese wird ein Marknagel in den Markraum eines langen Röhrenknochens eingeschlagen.

  • Bei der OsteosyntheseSpickdrahtosteosynthese (Bohrdrahtosteosynthese, Kirschner-Draht-Fixation) werden Drahtstifte Frakturen:Osteosyntheseentweder direkt durch die Haut oder nach Offenlegung und Reposition der Fraktur durch die Fragmente eingebracht.

  • Bei einer Zuggurtung (Zerklage) werden Drahtschlingen geeigneter Größe so um Knochen, Spickdrähte oder Schrauben gelegt, dass Zug- in Druckkräfte Plattenosteosyntheseumgewandelt werden und der Frakturspalt komprimiert wird.

  • Beim Fixateur externe („äußerer Spanner“, „äußerer Festhalter“) wird die Fraktur über eine Metallkonstruktion Marknagelosteosyntheseaußerhalb des Körpers stabilisiert. Hierzu werden fern der Fraktur sog. Steinmann-Nägel oder Schanz-Schrauben im Knochen verankert, die das HautniveauSpickdrahtosteosynthese überragen und durch spezielles Instrumentarium fest Zuggurtungmiteinander verbunden werden können.

  • Bei der dynamischen Hüftschraube gleitet eine im Hüftkopf zentrierte Schraube in einer am proximalen Femur fixierten Platte.

  • Als Verbundosteosynthese wird die Kombination der oben genannten Materialien mit Knochenzement bezeichnet, um z. B. auchZerklage große Knochendefekte auszufüllen.

  • Bei manchen gelenknahen Frakturen ist es sinnvoll, eine Endoprothese (künstliches Gelenk aus Metall) zu implantieren. Am häufigsten werden Prothesen am Hüftgelenk bei Schenkelhalsfrakturen verwendet.

Große Knochendefekte (z. B. bei Trümmerfrakturen) müssen mit autologen (körpereigenen) oder homologen (Knochenbank-)Transplantaten aufgefüllt werden, damit überhaupt eine knöcherne Durchbauung möglich ist.
Schenkelhalsfrakturen

Die Schenkelhalsfraktur (kurz SHF) ist typischerweise eine Fraktur des älteren Menschen. Bereits ein verhältnismäßig leichter Sturz auf die Hüfte führt zur Fraktur des meist osteoporotischen Knochens (Osteoporose 9.5.1).

Die Schenkelhalsfrakturen werden üblicherweise folgendermaßen eingeteilt:
  • Mediale Schenkelhalsfrakturen mit Frakturlinie innerhalb der VerbundosteosyntheseGelenkkapsel kommen weitaus am häufigsten vor. Je nachdem, wie groß der Winkel zwischen der Frakturlinie und der Horizontalen ist, werden die medialen EndoprotheseSchenkelhalsfrakturen nach Pauwels in die Grade I–III unterteilt. Je steiler die Frakturlinie verläuft, also je stumpfer der Winkel ist, umso größer ist die Gefahr einer VerschiebungTransplantat:Knochen der beiden Bruchenden (Dislokation).

  • Laterale Schenkelhalsfrakturen, bei denen sich die Frakturlinie außerhalb der Gelenkkapsel befindet, treten relativ selten auf.

Je nach Unfallmechanismus Frakturen:Schenkelhalsunterscheidet man Abduktionsfrakturen, die eingestaucht und stabil sein können, und Adduktionsfrakturen, die stets instabil sind und eine absolute Operationsindikation darstellen.
Der Patient hat Schmerzen in der Leiste undSchenkelhalsfrakturen bei Druck auf den Trochanter major, und er kann die Hüfte nicht belasten. Typischerweise ist das betroffene Bein verkürzt und nach außen rotiert.
Bei Schenkelhalsfrakturen Erwachsener sind Blutverluste bis zu ca. 2.000 ml möglich, was innerhalb kurzer Zeit zum hypovolämischen Schock (11.5.3) führen kann.

Achtung

Bei Verdacht auf Schenkelhalsfraktur:

  • Ruhigstellung des Hüftgelenks durch Umpolsterung mit z. B. festgerollten Decken oder Kleidungsstücken

  • Kontrolle von Bewusstsein, Puls und Blutdruck

  • Anforderung des Rettungs- bzw. des Notarztwagens bei instabiler Kreislaufsituation

  • Legen von großlumigen Verweilkanülen und ggf. Volumensubstitution

Eingestauchte Abduktionsfrakturen können konservativ mit 1–2 Wochen Bettruhe und dann zunehmender Mobilisation behandelt werden. Alle anderen Schenkelhalsfrakturen werden operativ versorgt. Bei Patienten über 65 Jahre (biologisches Alter) erfolgt die Versorgung üblicherweise mit einer belastungsstabilen Endoprothese (Abb. 9.87).

Morbus Paget

Morbus Paget (Osteodystrophia deformans): Lokalisierte Knochenerkrankung mit übermäßigem Knochenumbau und darin begründeter mechanischer Schwäche des Knochens. Altersgipfel > ca. 60 Jahre. Männer erkranken häufiger als Frauen.

Krankheitsentstehung
Aus bislang ungeklärter Ursache bestehen beim Morbus Paget infolge einer Slow-Virusinfektion eine Vermehrung und Überaktivität der Osteoklasten (7.5.2), wodurch der Knochenabbau sich massiv beschleunigt. Reparaturversuche der Osteoblasten führen zu einem unkoordinierten Anbau mechanisch minderwertigen Knochens mit erhöhter Frakturgefahr und zunehmenden Deformitäten.
Symptome und Komplikationen
Aufgrund der bevorzugten Lokalisation in Becken und LWS sind ziehende Schmerzen in diesem Bereich, die als „rheumatisch“ oder „ischiasbedingt“ angesehen werden, das häufigste Symptom.
Ist der Schädel befallen, vergrößert sich der Kopfumfang, weshalb Patienten auf Nachfragen berichten, dass Hüte oder Mützen Morbus:Pagetnicht mehr passen. Manchmal treten durch Kompression bedingte Hirnnervenstörungen oder die Symptome eines gesteigerten Hirndrucks (23.10) auf. In fortgeschrittenen Stadien sind die Knochen mitunter erheblich deformiert (z. B. „Säbelscheidentibia“ mit Verbiegung der Tibia nach vorne). Häufig treten Spontanfrakturen auf oder Frakturen nach Minimaltraumen. Häufige Komplikationen des Morbus Paget sind aufgrund des gesteigerten Knochenstoffwechsels eine Hyperkalzämie und Hyperkalzurie (Gefahr von Nierensteinen!). In unter 1 % der Erkrankungen kommt es zur malignen Entartung.

Merke

Etwa ⅓ aller Betroffenen sind beschwerdefrei. In diesem Fall handelt es sich um einen Zufallsbefund.

Diagnostik
Die Röntgenaufnahme zeigt einen charakteristischen grobsträhnigen Knochenumbau. Die Knochenszintigrafie zeigt symptomlose Krankheitsherde. Die alkalische Phosphatase ist erhöht. In seltenen Fällen ist eine Knochenbiopsie erforderlich.
Schulmedizinische Therapie
Die medikamentöse Behandlung besteht in der Gabe von Biphosphonaten zur Hemmung des Knochenabbaus. Bei starker Schmerzintensität ist eine Kalzitonintherapie (Osteoklastenhemmung) wegen der begleitenden analgetischen Wirkung sinnvoll. Physikalische Therapiemaßnahmen und Anpassung von Orthesen (orthopädischen Schienen) und Korsetts können ebenfalls die Schmerzen des Patienten lindern und Deformitäten hinauszögern.

Erkrankungen der Gelenke

Arthrose

Arthrose (Arthrosis deformans): schmerzhafte, degenerative Gelenkerkrankung mit Zerstörung des Gelenkknorpels und Entzündung der Innenschicht der Gelenkkapsel, die zur völligen Versteifung eines Gelenks führen kann; bei älteren Menschen sind v. a. die Hüft- und Kniegelenke betroffen (Koxarthrose bzw. Gonarthrose).

Krankheitsentstehung
Ursache der Arthrose ist ein Missverhältnis zwischen der Belastungsfähigkeit eines Gelenks und seiner tatsächlichen Belastung:
  • Bei der häufigeren primären (idiopathischen) Arthrose ist keine Ursache zu ermitteln. Sie tritt meist im höheren Lebensalter (Durchschnittsalter 60 Jahre) auf.

  • Die sekundäre Arthrose ist Folge angeborener oder erworbener Deformierungen und daraus resultierender unphysiologischer Gelenkbelastung (z. B. bei angeborener Hüftdysplasie, X- oder O-Beinen). Sie kann auch durch vorausgegangene Gelenkentzündungen (Arthritiden) oder hormonelle Störungen Arthrosis deformansentstehen. Ist die Arthrose Folge einer Verletzung (z. B. einer fehlverheilten Fraktur) spricht man von einer Arthroseposttraumatischen Arthrose.

Begünstigende Faktoren sind v. a. Übergewicht, bestimmte Sportarten oder Schwerarbeit.
Die Gelenkknorpeloberflächen werden rau, reißen auf und werden durch Entzündungen der Gelenkkapselinnenfläche zerstört. Manchmal lösen sich sogar Knorpelteile völlig ab (freie Gelenkkörper).
Symptome
Anfangs fällt dem Arthrose-Patienten ein Steifegefühl an den befallenen Gelenken auf (Tab. 9.16). Es folgen Schmerzen zu Beginn einer Belastung (Anlaufschmerz, „eingerostete Gelenke“), die sich über einen ständigen Belastungsschmerz zum Dauerschmerz auch in Ruhe und während der Nacht steigern. Häufig kann auch eine Wetterfühligkeit mit Schmerzverstärkung bei Wetterumschlägen beobachtet werden.
Besonders eindrücklich ist das klinische Bild bei einer sog. aktivierten Arthrose, bei der z. B. Überanstrengung zu einer entzündlichen Reizung der Gelenkinnenhaut geführt hat: Das betroffene Gelenk ist durch einen Erguss geschwollen und entzündlich überwärmt, und der Patient hat starke Schmerzen.
Diagnostik und Differenzialdiagnose
Schultergelenk:ArthroseSchultergelenk:ArthroseRhizarthroseOmarthroseGelenkkörper, freieFingermittelgelenke:ArthroseDaumensattelgelenk:ArthroseBouchard-ArthroseDie Verdachtsdiagnose stellen Sie anhandHeberden-Arthrose der Symptome, dann überweisen Sie den Patienten zur Fingerendgelenke:Arthroseröntgenologischen Diagnosesicherung zum Orthopäden.
Das RöntgenbildHüftgelenk:Arthrose zeigt eine Verschmälerung des Gelenkspalts und typischeGonarthrose Knochenveränderungen im betroffenen Gelenk (Abb. 9.88Kniegelenk:Arthrose). Nicht selten besteht eine Diskrepanz zwischen Sprunggelenk:Arthroseden radiologisch nachweisbaren Gelenkveränderungen und den Hallux:rigidussubjektiven Beschwerden.
Durch Blutuntersuchungen (z. B.Großzehengrundgelenk:Arthrose Rheumafaktoren, BSG, CRP) und evtl. eine Punktion des Gelenks werden entzündlich-rheumatische Erkrankungen (v. a. eine rheumatoide Arthritis, 9.12.1) oder eine Infektion ausgeschlossen.

Naturheilkundliche Therapie bei Arthrose

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.5.3

Ab- und Ausleitungsverfahren

Unspezifische Reiztherapien werden angewendet, um den Lymphfluss anzuregen, Entzündungsstoffe auszuleiten und den Gewebestoffwechsel günstig zu beeinflussen. So haben Baunscheidtieren oder Schröpfen im betroffenen Gelenkbereich einen positiven Einfluss auf die Beschwerden.
Cantharidenpflaster (naturheilkundliche Therapie:Arthrose\"\Abb. 9.89) wirken bei Kniearthrosen – am medialen oder lateralen Arthrose:naturheilkundliche TherapieGelenkspalt angebracht – erfahrungsgemäß sehr gut. Sie können aber auch an jedem anderen Gelenk, z. B. Schultergelenk, Hand- und Daumengelenk eingesetzt werden. Auch die Behandlung mit Blutegeln (4.2.13) kann die Symptomatik deutlich verbessern.

Eigenbluttherapie

Die Eigenbluttherapie in ansteigender Dosierung von 0,5–3 ml Blut hat sich bewährt. Sie können die Wirkung durch den Zusatz homöopathischer Injektionslösungen (z. B. Cefarheumin® S) steigern. Es werden zusätzlich zur schmerzlindernden und entzündungshemmenden Wirkung Immunreaktionen ausgelöst und somit die körpereigenen Abwehrkräfte aktiviert.

Ernährungstherapie

Empfehlen Sie eine basenreiche, überwiegend laktovegetabile Ernährung, die reichlich Frischkost mit viel Obst und Gemüse enthält, um einer Gewebsazidose vorzubeugen.
Ist der Patient übergewichtig, sollte eine Gewichtsnormalisierung angestrebt werden, um die Gelenke zu entlasten.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung der Arthrose sind häufig folgende Konstitutionsmittel angezeigt: Argentum nitricum, Arsenicum album, Calcium fluoratum, Calcium phosphoricum, Causticum, Dulcamara, Ledum, Mercurius solubilis, Phosphorus, Rhododendron, Sulfur, Thuja. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Araniforce® arthro, Steirocall®) eingesetzt, enthalten diese häufig Rhus toxicodendron (bei Anlaufschmerzen, die sich durch längeres Gehen bessern), Symphytum (bei Schmerzen in Knochen und Gelenken, rheumatischen Erkrankungen) oder Kalziumsalze (Konstitutionsmittel bei Stoffwechselstörungen).
Injektionen, z. B. mit Rheuma-Echtroplex® oder Zeel® comp. N, lindern häufig die Beschwerden.

Neuraltherapie

Lokale (subkutane oder intrakutane) Injektionen in Schmerz- und Akupunkturpunkte im betroffenen Gelenkbereich sind äußerst wirkungsvoll. Hierfür werden Quaddeln rund um das Gelenk und über dem Gelenkspalt gesetzt. Bewährt hat sich auch eine Quaddelbehandlung mit einem Mistelpräparat (z. B. Helixor®).

Ordnungstherapie

Die aktive Mitarbeit des Patienten ist für einen erfolgreichen Therapieverlauf mitentscheidend. Empfehlen Sie gelenkschonende Bewegungsarten, wie z. B. Schwimmen, Radfahren, Langlauf. Potenziell schädigende Übungen (z. B. Joggen bei Kniegelenkarthrose, Treppensteigen bei Hüftgelenkarthrose) sollte der Patient allerdings meiden.

Orthomolekulare Medizin

Da der Knorpel auf eine optimale Nährstoffversorgung angewiesen ist, kann eine Nahrungsergänzung u. a. mit Knorpelbausteinen wie Glucosaminen, Chondroitin und Kollagen sinnvoll sein (z. B. Gelenknahrung von Orthoexpert®).

Physikalische Therapie

Wärmeanwendungen, besonders feucht-warme Umschläge, Heublumensäcke oder Sauna, lindern die Beschwerden im chronischen Stadium. Bei aktivierten Arthrosen sollte der Patient das betroffene Gelenk vorübergehend ruhigstellen und kühlende Anwendungen durchführen, wie z. B. kalte Umschläge auf das betroffene Gelenk auflegen.

Phytotherapie

Zur inneren Anwendung sind Heilpflanzen mit stoffwechselanregenden und schmerzlindernden Eigenschaften angezeigt, wie z. B. Ackerschachtelhalmkraut (Equiseti herba 20.29), Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix, z. B. flexi-Loges® oder Pascoe-Agil® Hom-Injektopas Abb. 9.134), Löwenzahnkraut und -wurzel (Taraxaci herba cum radix Abb. 14.31) und Brennnesselkraut/-blätter (Urticae herba/-folium Abb. 20.28, z. B. Natu-lind). Sie verbessern den Stoffwechsel und die Durchblutung im Gelenkbereich. Oft ist es sinnvoll, eine kurmäßige Einnahme anzuordnen.
Angeboten werden auch fixe Kombinationen, z. B. Phytodolor® Tinktur (u. a. mit Pappelrinde und -blättern, Goldrutenkraut und Eschenrinde).
Zur äußeren Anwendung eignen sich Rosmarinöl (Rosmarini aetheroleum) sowie andere ätherische Öle mit durchblutungsfördernder Wirkung, die in verschiedenen Kombinationspräparaten (z. B. Dolo Cyl®-Öl) enthalten sind.
Wohltuend sind auch abendliche Umschläge mit Rotöl.

Traditionelle Chinesische Medizin

Auslösende Faktoren sind aus Sicht der TCM Traumen, die als sog. Gelenk-Bi-Syndrom mit einer lokalen Blut- und Qi-Stagnation einhergehen und zudem durch pathogene Energien wie Wind, Kälte und Feuchtigkeit verursacht werden. Die Differenzierung erfolgt u. a. nach Schmerzqualität und Beweglichkeit sowie nach Begleitsymptomen. Aufgrund des chronischen Verlaufs ist eine kombinierte Behandlung von chinesischen Kräutern und Akupunktur sinnvoll.

Arthritis

Arthritis (Gelenkentzündung): entsteht durch Entzündung der Synovialis (Innenschicht der Gelenkkapsel), geht meist mit Rötung, Schmerzen, Schwellung, Überwärmung, Bewegungseinschränkung und evtl. Gelenkerguss (Flüssigkeit im Gelenkinneren) einher; zahlreiche Ursachen möglich.

Einteilung der Arthritiden
Arthritiden können nach Anzahl ihrer betroffenen Gelenke (Mono-, Oligo-, Polyarthritis) oder nach ihrer Ursache (Tab. 9.17) eingeteilt werden.
Eitrige Arthritis

Eitrige Arthritis (septische, infektiöse oder mikrobielle Arthritis): akut verlaufende, bakterielle Gelenkentzündung, oft mit Eiteransammlung in der Gelenkhöhle (Gelenkempyem, Pyarthrose), die unbehandelt innerhalb kurzer Zeit zur Zerstörung von Gelenkknorpel und Knochen führt; Folge davon sind häufig (Sub-)Luxationen sowie im weiteren Verlauf schwere Arthrosen oder Gelenkeinsteifung.

Krankheitsentstehung
Eine eitrige Arthritis kann auf drei Wegen entstehen:
  • hämatogen (endogen) durch Erregeraussaat mit dem Blutstrom

  • exogen durch Keimeinschleppung von außen, etwa bei Verletzung, Gelenkpunktion oder -injektion

  • fortgeleitet von gelenknahen bakteriellen Entzündungen, etwa einerGelenk(e):Entzündung Osteomyelitis Arthritis(9.5.5)

Begünstigend wirken vorbestehende Gelenkerkrankungen, bestimmte Arthritis:EinteilungAllgemeinerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus), Abwehrschwäche und Suchtkrankheiten.
Symptome und Diagnostik
Die eitrige Arthritis (Abb. 9.90) verläuft meist akut und Gelenk(e):Empyemhochschmerzhaft: Das betroffene Gelenk ist geschwollen, gerötet Gelenkempyemund überwärmt, seine Funktion ist schmerzhaft eingeschränkt. Der Patient vermeidet Arthritis:eitrigeängstlich jede Bewegung. Darüber hinaus bestehen oft die Zeichen einer Allgemeininfektion.
Die Diagnose wird durch Blutuntersuchungen (CRP- und BSG-Erhöhung, Leukozytose) und beim Orthopäden durch Gelenkpunktion mit bakteriologischer und mikroskopischer Untersuchung des Punktats gestellt, sowie evtl. durch Röntgen, Sonografie und Szintigrafie.

Achtung

Beim geringsten Verdacht auf eitrige Arthritis müssen Sie den Patienten sofort zum Orthopäden überweisen! Aufgrund der drohenden Gelenkzerstörung handelt es sich hierbei um einen orthopädischen Notfall.

Schulmedizinische Therapie und Prognose
Unbehandelt führt die eitrige Arthritis innerhalb kurzer Zeit zur Zerstörung von Gelenkknorpel und Knochen. Prognoseentscheidend ist ein frühestmöglicher Behandlungsbeginn:
  • Die mehrmonatige Antibiotikabehandlung beginnt sofort.

  • Durch Arthrotomie (operative Gelenkeröffnung) oder Arthroskopie mit einer Drainage wird das Gelenk gereinigt und die Keimzahl reduziert. Bei Entzündung der Synovia wird diese z. T. entfernt (Synovektomie).

  • Unterstützend werden nichtsteroidale Antiphlogistika (9.12.4, Pharma-Infos) verabreicht.

  • Nach Infektabheilung ist evtl. die OP von Folgeschäden erforderlich.

Bei frühzeitigem Behandlungsbeginn ist eine Ausheilung ohne bleibende Gelenkschäden möglich. Je später der Behandlungsbeginn, desto größer die Gefahr von Folgeschäden bis hin zum völligen Funktionsverlust des Gelenks.
Psoriasis-Arthritis

Psoriasis-Arthritis (Arthritis psoriatica, Psoriasis-Arthropathie): bei etwa 10 % der Patienten mit Psoriasis (Schuppenflechte 18.7) auftretende Gelenkbeschwerden, fast immer mit gleichzeitigen Hauterscheinungen; Verlauf meist leichter als bei rheumatoider Arthritis, nur selten schwere Funktionseinbußen der Gelenke.

Symptome und Diagnostik
Typisch für die Psoriasis-Arthritis sind der asymmetrische Gelenkbefall, der Strahlbefall der Finger, d. h. alle drei Gelenke eines Fingers sind betroffen, oder der Transversalbefall, d. h. der Befall aller Fingermittelgelenke einer Hand (Abb. 9.91). Die Hauterscheinungen sind z. T. sehr diskret (z. B. an Nabel, Analfalte, Nägeln, Gehörgang).
Die Diagnose wird anhand der Symptomatik und ärztlicherseits durch Röntgenuntersuchungen gestellt.
Schulmedizinische Therapie
Gegen die Gelenkbeschwerden verordnet der Arzt nichtsteroidale Antirheumatika, in schweren Fällen auch Gold Arthritis:psoriaticaoder das Zytostatikum Methotrexat. Regelmäßige Krankengymnastik ist unverzichtbar. Auch Psoriasis-Arthritisbei der Psoriasis-Arthritis sind operative Maßnahmen wie Arthritis:Psoriasis-ArthritisSynovektomie (Entfernung der Gelenkinnenhaut) und Gelenkersatz möglich.
Morbus Reiter

Morbus Reiter (Reiter-Syndrom, okulo-urethro-synoviales Syndrom): „klassische“, durch Infektionen ausgelöste Symptomkombination aus Arthritis, Urethritis (Harnröhrenentzündung) und Konjunktivitis (Entzündung der Augenbindehaut); betrifft zu 90 % Männer, Altersgipfel ist das 3. Lebensjahrzehnt.

Obwohl der Morbus Reiter eine klassische reaktive Arthritis ist, zählt er wegen der starken HLA-B27-Assoziation (9.3.4), des Fehlens von Rheumafaktoren und häufiger Beteiligung des Iliosakralgelenks zu den seronegativen Spondylarthritiden.
Krankheitsentstehung
Auf der Basis einer erblichen Veranlagung lösen Darm- und Harnröhreninfektionen die Erkrankung aus. Die häufigsten Erreger sind dabei Chlamydien, Mykoplasmen, Shigellen, Salmonellen und Yersinien.
Symptome und Diagnostik
Typisch für den Morbus Reiter ist der asymmetrische Befall weniger Gelenke, oft unter Beteiligung der Iliosakralgelenke. Die Beschwerden Reiter-Syndromdes Patienten sind sehr unterschiedlichSyndrom:okulo-urethro-synoviales: Urethritis und Konjunktivitis können sehr leicht sein oder fehlen (nur ⅔ der Patienten zeigen alle drei klassischen Morbus:ReiterSymptome). Oft haben die Betroffenen zusätzlich Haut- und Schleimhautveränderungen, v. a. im Bereich der Eichel sowie der Handinnenflächen und der Fußsohlen. Weitere Organbeteiligungen sind selten.
Die Blutuntersuchung ergibt Zeichen einer akuten Entzündung (BSG und CRP erhöht, Leukozytose). Der Rheumafaktor ist negativ, das HLA-B27 in 80 % der Fälle positiv. Bei den meisten Patienten führt der Arzt eine direkte Erregeridentifizierung im Harnröhrenabstrich oder in der Stuhlkultur durch.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Bei Verdacht auf Morbus Reiter überweisen Sie den Patienten an seinen Hausarzt zur Therapie. Eine noch akute Darm- oder Harnröhreninfektion wird mit Antibiotika behandelt. Die Arthritis wird wie bei den anderen seronegativen Spondylarthritiden zunächst mit nichtsteroidalen Antirheumatika und physikalischen Maßnahmen behandelt.

Fallbeispiel „Reaktive Arthritis“

Eine 18-jährige Abiturientin kehrt nach einem Urlaub in Marokko mit schweren Schmerzen in den Knie-, Fuß- und Zehengelenken zurück. Die Anamnese ergibt eine fünftägige Durchfallerkrankung am Urlaubsort, deren Symptome jetzt nicht mehr andauern. Etwa acht Tage nach dem Durchfall hatte sie mehrere Tage eine Augenbindehautentzündung, dann begannen die Schmerzen im rechten oberen Sprunggelenk, mittlerweile „tut eigentlich alles weh“. Bei der Inspektion fallen außer der Rötung und Schwellung der genannten Gelenke auch noch sechs münzgroße erhabene, rote Hautflecken auf, die sich heiß anfühlen und schmerzen (Erythema nodosum). Aufgrund der Symptomatik überweist der Heilpraktiker die Patientin mit Verdacht auf reaktive Arthritis zum Arzt. Die labortechnische Untersuchung zeigt nicht nur eine BSG-Erhöhung, sondern v. a. Antikörper gegen Yersinien. Das C-reaktive Protein ist erhöht, die Rheumafaktoren sind negativ, ebenfalls das HLA-B27. Im Stuhl sind keine Erreger mehr nachweisbar.

Bei ca. der Hälfte der Patienten heilt der Morbus Reiter innerhalb eines halben Jahres aus, bei ca. 20 % verläuft die Erkrankung rezidivierend. Knapp ein Drittel der Patienten entwickelt aber einen chronischen Verlauf, wobei Übergänge in einen Morbus Bechterew (9.12.2) und eine Herzbeteiligung (z. B. Perikarditis 10.9.3) möglich sind.
Reaktive Arthritiden

Reaktive Arthritis (postinfektiöse Arthritis): akute, nichteitrige Gelenkentzündung, die bei entsprechender genetischer Veranlagung während oder nach bestimmten gastrointestinalen oder urologischen bakteriellen oder viralen Infektionen auftreten kann und durch Autoimmunreaktionen bedingt ist. Bei Kindern häufigste rheumatische Erkrankung. Neigung zur Chronifizierung abhängig vom Erreger.

Krankheitsentstehung
Die klassischen Infektionen, die solche Arthritiden auslösen („triggern“) können, sind bakterielle Darm- und Urogenitalinfektionen. Durch Viren ausgelöste reaktive Arthritiden verlaufen in der Regel milder und werden nicht chronisch. Daher werden oft die postinfektiösen Arthritiden nach bakteriellen Infektionen von den parainfektiösen (begleitenden) Arthritiden bei Viruserkrankungen abgegrenzt.
Symptome und Diagnostik
Meist schwellen bei einer reaktiven Arthritis einige wenige Gelenke an, evtl. „springen“ die Beschwerden auch von einem Gelenk zum anderen. Augen-, Haut- und/oder Schleimhautbeteiligung sind häufig (Abb. 9.92). Vielfach ist auch das Arthritis:postinfektiöseIliosakralgelenk entzündet.
Oft lässt sich der vorangegangene Infekt anamnestisch erfragen Arthritis:reaktiveund der Erreger durch die Bestimmung der antibakteriellen Antikörper nachweisen. Der Rheumafaktor ist negativ, HLA-B27 (9.3.4) in bis zu 80 % positiv.

Merke

Reaktive Arthritiden treten auf nach Infektionen mit: Gonokokken, Chlamydia trachomatis, Ureaplasma urealyticum, Salmonellen, Shigellen, Yersinien, Campylobacter jejuni, Brucellen, HIV, Parvoviren, Hepatitisviren.

Schulmedizinische Therapie und Prognose
Bei noch bestehender Infektion werden Antibiotika gegeben. Die Arthritis lässt sich dadurch aber nicht mehr beeinflussen. Die Prognose ist erregerabhängig. Während Salmonellenarthritiden meist völlig ausheilen, sind Rezidive und chronische Verläufe bei der Yersinien- oder Shigellenarthritis häufig.
Die Gelenkbeschwerden werden mit nichtsteroidalen Antirheumatika (9.12.4, Pharma-Info) behandelt, in schweren Fällen auch mit Glukokortikoidinjektionen. Bei chronischer Arthritis werden Basistherapeutika (9.12.4, Pharma-Info) verordnet.

Distorsion

Distorsion (Verstauchung, Zerrung): durch Trauma entstehende Faserrisse im Bandapparat.

Symptome und Diagnostik
Die typische Distorsion geht mit Schmerzen, Bewegungseinschränkung, Druckschmerz und oft mit einem Hämatom (Bluterguss) einher. Bei der Distorsion des oberen Sprunggelenks ist meist der Außenknöchel geschwollen und schmerzt.
Bei Verdacht auf Distorsion überweisen Sie den Patienten zur röntgenologischen Abklärung, z. B. zur gehaltenen Röntgenaufnahme. Ein Bänderriss oder eine Fraktur müssen ausgeschlossen werden.

Naturheilkundliche Therapie bei Distorsion

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.7.2

Zerrungen mit einer Überdehnung des Bandapparats klingen durch Ruhigstellung und Hochlagerung des betroffenen Körperteils ab. Untersuchen Sie, inwiefern Fehlstellungen der Folgegelenke (z. B. Knie, Hüfte, Fibulargelenk) vorliegen und beziehen Sie das entsprechende Gelenk ggf. in die Behandlung ein.

Biochemie nach Schüßler

Das Mittel der Wahl bei naturheilkundliche Therapie:Distorsion\"\akuten Verletzungen ist Nr. 3 Ferrum phosphoricum, alle 15 Min. 1–2 Tbl. Bei Distorsion:naturheilkundliche TherapieSchwellungen wird Nr. 4 Kalium chloratum eingesetzt.

Homöopathie

Da es sich um ein akutes Geschehen handelt, ist die Behandlung mit einem der folgenden organotropen Mittel sinnvoll: Acidum phosphoricum, Arnica (Abb. 9.93), Calcium fluoricum, Calcium phosphoricum, Natrium carbonicum, Ruta, Rhus toxicodendron.
Werden Komplexmittel (z. B. Traumeel® S) verordnet, enthalten diese häufig Arnica (bewährte Indikation bei Distorsionen und Hämatomen, jegliche Bewegung verschlimmert), Ruta (bei Verletzungen der Knochenhaut; wirkt bei Verletzungen ähnlich wie Arnica) oder Hypericum (bei Nervenverletzungen).

Physikalische Therapie

Kühle Umschläge wirken antiphlogistisch, antiödematös und schmerzlindernd. Empfehlen Sie Bäder und Umschläge mit Arnikatinktur (im Mischungsverhältnis mit Wasser 1 : 5). Für Umschläge ist auch Retterspitz® äußerlich, das neben Arnika auch Rosmarinöl und Thymol enthält, zu empfehlen. Verdünnen Sie Retterspitz mit nicht zu kaltem Wasser im Verhältnis 1 : 3. Die Umschläge sind nach ½–1 Std. zu erneuern.

Phytotherapie

Verordnen Sie ein standardisiertes Rosskastanienpräparat (z. B. Venostasin® retard), um die verletzungsbedingte Ödembildung positiv zu beeinflussen. Rosskastaniensamen (Hippocastani semen Abb. 11.44) enthalten das Saponingemisch β-Aescin, das durch seine antientzündlichen und antiödematösen Eigenschaften die Rückbildung bestehender Ödeme beschleunigt und ihre Neubildung verhindert.
Arnikablüten (Arnicae flos Abb. 9.93) enthalten Bitterstoffe, ätherisches Öl und Flavonoide und wirken entzündungshemmend, durchblutungsfördernd und schmerzlindernd. Arnikablüten werden in der Phytotherapie vorwiegend äußerlich, wegen möglicher Nebenwirkungen (z. B. Tachykardien, Diarrhö), selten innerlich verordnet. Um mögliche Überempfindlichkeitsreaktionen (z. B. Hautreizungen) auszuschließen, sollten Umschläge aus stark verdünnter (3- bis 10-fach mit Wasser) Arnikatinktur zubereitet werden.
Schulmedizinische Therapie
Meist genügen ein ruhigstellender Verband, Schonung, Hochlagerung (z. B. des Beins oder des Arms) und Kühlung.

Luxation

Luxation (Verrenkung): pathologische Verschiebung zweier durch ein Gelenk verbundener Knochen mit vollständigem Kontaktverlust der gelenkbildenden Knochenenden, meist mit Verletzung des Kapselbandapparats einhergehend.

Subluxation (unvollständige Verrenkung): die verschobenen Gelenkenden bleiben noch teilweise in Berührung.

Die Schulterluxation ist mit ca. 50 % allerVerstauchung Luxationen die häufigste Luxation überhaupt. Da die ZerrungFixierung des Oberarmkopfs in der Gelenkpfanne nur durch Muskeln erfolgt und eine Distorsion s. auch Zerrungknöcherne Führung fehlt, ist die Schulter das beweglichste, aber auch das am meisten luxationsgefährdete Gelenk des Körpers. Zu über 95 % handelt es sich um eine vordere Luxation (Verlagerung des Humeruskopfs nach vorne vor die Gelenkfläche).
Krankheitsentstehung
  • Traumatische Luxationen sind durch abnorme Gewalteinwirkung bedingt. Sie entstehen v. a. durch indirekte Traumen wie bei einem Sturz, seltener durch direkten Zug am Gelenk selbst.

  • Zu Reluxationen (rezidivierende Luxationen) kann es Verrenkungnachfolgend schon bei geringen Traumen Subluxationkommen, insbesondere bei fehlerhafter Behandlung einer traumatischen LuxationErstluxation und dadurch bedingten Gelenkschäden.

  • Von habituellen (gewohnheitsmäßigen) Luxationen spricht man, wenn eine angeborene Gelenkfehlanlage (etwa eine zu flache Gelenkpfanne) bereits bei normaler Gelenkbelastung immer wieder zu Luxationen führt oder die Luxation durch den Betroffenen selbst ausgelöst werden kann.

  • Atraumatische (chronische, spontane) Luxationen sind z. B. Folge einer rheumatoiden Arthritis.

Symptome und Diagnostik
Meist nimmt der Luxation:traumatischePatient von sich aus eine typische Schonhaltung ein und vermeidet jede Bewegung der betroffenen Extremität wegen der damit verbundenen Schmerzen. Bei der Schulterluxation können Sie manchmal eine leere Gelenkpfanne tasten (Abb. 9.94). Als Komplikationen können – je nach Gelenk – Nervenschädigungen (z. B. Schultergelenk), knöcherne Begleitverletzungen oder Knochenschäcdigungen (z. B. Hüftkopfnekrose) auftreten.Luxation:habituelle

Merke

Sichere Luxationszeichen

  • Fehlstellung

  • federnde Fixation im Gelenk

  • abnorme Lage des Gelenkkopfs

  • leere Gelenkpfanne

Unsichere Luxationszeichen

  • Schmerz

  • beeinträchtigte Funktion

  • Schwellung

  • Bluterguss

Schulmedizinisch wird die Diagnose durch Sonografie und Röntgenaufnahmen gesichert. Insbesondere bei Kindern ist auch ein sonografischer Luxationsnachweis möglich. Stets erforderlich sind Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen, um knöcherne Begleitverletzungen sowie Bandverletzungen ganz sicher ausschließen zu können.
Sorgfältige Luxation:atraumatischeKontrollen von Durchblutung, Motorik und Sensibilität dienen der frühzeitigen Diagnose von Nerven- und Gefäßverletzungen.

Achtung

Aufgrund der drohenden Nerven- und Gefäßschäden sollten Sie den Patienten sofort zum Chirurgen oder Orthopäden überweisen.

Schulmedizinische Therapie
Die Therapie besteht in der schnellstmöglichen Reposition (Einrichtung) des Gelenks unter Zug und Gegenzug in Analgesie. Gelingt die Reposition nicht oder liegen Band- oder Knochenverletzungen vor, ist in der Regel eine OP erforderlich. Bei rezidivierenden oder habituellen Luxationen muss die zugrunde liegende Ursache operativ Luxationszeichenkorrigiert werden, da es ansonsten immer wieder zu Luxationen kommt.
Nach der Reposition muss eine Ruhigstellung des Gelenks erfolgen. Dies kann 1–2 Wochen (z. B. Schulter, Hüfte), 3–4 Wochen (z. B. Finger, Handwurzelknochen), aber auch 8–12 Wochen (z. B. Kniegelenk) in Anspruch nehmen.

Erkrankungen der Schleimbeutel, Bänder und Sehnen

Erkrankungen der nichtknöchernen Körperstrukturen (Weichteile, z. B. Muskeln, Sehnen, Bindegewebe) bezeichnet man als Weichteilrheumatismus (extraartikuläre rheumatische Erkrankungen). Dazu gehören z. B.:
  • Tendopathien, Tendovaginitiden

  • Periarthropathien (9.10.2)

  • Schleimbeutelerkrankungen

  • Fibromyalgie-Syndrom (9.7.6)

Die Erkrankungen gehen mit starken Schmerzen an Sehnen oder Sehnenansatzstellen sowie deutlichen Bewegungseinschränkungen einher.
Ursache sind vorwiegend degenerative oder funktionelle, weniger entzündliche Erkrankungen. Weichteilrheumatische Erkrankungen treten häufig auf, sind diagnostisch jedoch schwer fassbar, da pathophysiologische Veränderungen nicht nachweisbar sind.
Der Weichteilrheumatismus zählt zu den Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises (9.12).

Tendopathie

Tendopathie (Tendinose): Sammelbezeichnung für abakterielle Entzündungen der Sehnen (Tendinitis) oder Sehnenscheiden (Tendovaginitis); häufig mit degenerativen Veränderungen der Sehnenansätze oder ursprünge (9.4); ursächlich sind meist chronische Überbeanspruchung und wiederholte winzige Traumen (Mikrotraumen).

Häufig betroffen sind die Achillessehne, das Ligamentum patellae, die Sehnen des M. adductor longus, M. supraspinatus und des M. subscapularis Weichteilrheumatismussowie die Finger- und Handstreckersehnen.
Symptome und Diagnostik
Meist klagen die Patienten über Schmerzen beim Beginn einer Tätigkeit, unter körperlicher Bewegung nehmen die Schmerzen eher ab. Später bestehen anhaltende Schmerzen. Bei Beschwerden, die länger als vier Wochen andauern, sollte an eine Ermüdungsfraktur gedacht werden, v. a. bei hohem Laufpensum und bei Sportlerinnen mit Amenorrhö.
Oft treten die TendinoseSchmerzen erstmals nach extremen oder Tendinitisungewohnten sportlichen Tätigkeiten (besonders bei Sehnenscheiden:Entzündung s. auch Tendopathieschlechtem Trainingszustand) auf.
Bei der körperlichen Untersuchung können Sie evtl. eine TendovaginitisVerdickung, Überwärmung, lokalen Druckschmerz und Krepitieren (tastbares Reiben bei Entzündung desTendopathie Sehnengleitgewebes) feststellen.
Schulmedizinische Therapie
Zunächst rät der Arzt zu körperlicher Schonung, Kühlung (Eis), Salbenverbänden mit antiphlogistischen Salben und evtl. antiphlogistischer oraler Medikation (z. B. Rp Voltaren®). Anschließend sind krankengymnastische Übungen und physikalische Maßnahmen empfehlenswert. Nur nach erfolgloser konservativer Therapie kommt eine OP in Frage.

Naturheilkundliche Therapie bei Tendopathie

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.6.2

Ab- und Ausleitungsverfahren

Haben andere naturheilkundliche Verfahren nicht den gewünschten Erfolg gebracht, lassen sich chronische Reizzustände der Sehnenscheiden durch Baunscheidtieren häufig positiv beeinflussen.
Ebenfalls wirkungsvoll ist eine Behandlung mit dem Cantharidenpflaster. Beide Verfahren werden in der Nähe der betroffenen Sehnenscheide angewendet.

Biochemie nach Schüßler

naturheilkundliche Therapie:Tendopathie\"\Die biochemischen Salze Nr. 1 Calcium Tendopathie:naturheilkundliche Therapiefluoratum und Nr. 11 Silicea haben eine enge Beziehung zu den Sehnen. Sie werden zur Festigung und Stabilisierung eingesetzt. Bei Sehnenscheidenentzündungen ist Nr. 4 Kalium chloratum angezeigt.

Enzymtherapie

Verordnen Sie bei hartnäckigen Beschwerden antiphlogistisch wirksame Enzyme, wie z. B. Bromelain-POS® Tabletten, die dafür sorgen, dass sich das entzündliche Ödem rascher zurückbildet und somit den Heilungsprozess günstig beeinflussen.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung der Tendovaginitis sind folgende Konstitutionsmittel angezeigt: Bryonia, Causticum, Phytolacca, Rhus toxicodendron, Ruta. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Traumeel®) eingesetzt, enthalten diese häufig Symphytum (bei Verletzungen der Sehnen und Bänder), Arnica (bei Quetschungen und Überanstrengungen) oder Bellis perennis (bei Wundheits- und Zerschlagenheitsgefühl).

Manuelle Therapie

Achten Sie auf eventuell vorliegende Fehlstellungen der Wirbelsäule, insbesondere im Bereich der HWS (Abb. 9.95), die nach Ansicht vieler Chiropraktiker eine Ursache für therapieresistente Tendopathien sein können. Beziehen Sie in Ihre Behandlung immer die benachbarten Gelenke ein.

Neuraltherapie

Setzen Sie im Bereich des Ellenbogengelenks sowie an Sehnen- und Bandansätzen und besonders an den druckschmerzhaften (Trigger-)Punkten Quaddeln mit einem Lokalanästhetikum.

Physikalische Therapie

Der Patient sollte im akuten Stadium das Daumengelenk ruhigstellen. Kühlende Anwendungen, wie z. B. feucht-kalte Umschläge ggf. mit Retterspitz®, kalte Heilerde-Packungen oder Quarkauflagen mit zerstoßenem Eis, beeinflussen das entzündliche Geschehen positiv. Bei chronischen Beschwerden sind in der Regel Wärmeanwendungen besser verträglich, wie z. B. feucht-warme Wickel und Fango-Packungen.

Traditionelle Chinesische Medizin

Die Beschwerden treten aus Sicht der TCM als Folge von Traumen oder Überlastungen auf, die mit einer lokalen Stagnation von Qi und Blut einhergehen. Es empfiehlt sich, druckschmerzhafte Lokalpunkte und ausgewählte Regionalpunkte, insbesondere des zwischen Schulter und Hand verlaufenden Dickdarmmeridians und des Lungenmeridians, in der Behandlung zu kombinieren.
Sonderform: Tendovaginitis de Quervain

Tendovaginitis de Quervain (Quervain-Krankheit, Tendovaginitis stenosans de Quervain): schmerzhafte Einengung der Sehnen des Daumenstreckers (M. extensor pollicis brevis) und des Daumenabspreizers (M. abductor pollicis longus), betrifft v. a. Frauen im mittleren Lebensalter.

Bei der Tendovaginitis de Quervain handelt es sich um eine durch Überbelastung (monotone Tätigkeiten) hervorgerufene Sehnenscheidenentzündung des Daumens. Die Patienten klagen über belastungs- und bewegungsabhängige Schmerzen an der radialen Seite der Mittelhand mit Ausstrahlung in den Daumen und den proximalen Unterarm, besonders beim festen Halten und Zugreifen. Manifestiert sich die Tendovaginitis de Quervain an den Beugesehnen, kann sich evtl. ein schnellender Finger entwickeln – ein ruckartiges, teilweise äußerst schmerzhaftes Schnappen des Fingers bei Beugung und Streckung.
Gipsruhigstellung des Daumens und lokale Glukokortikoidinjektionen Quervain-Krankheitsind nur im Anfangsstadium erfolgreich. Ansonsten ist eine Tendovaginitis:stenosansEntlastung der Sehnen durch operative Spaltung des einengenden Retinakulums (Halteband 9.2.7) erforderlich.

Bursitis

Tendovaginitis:de Quervain

Bursitis (Schleimbeutelentzündung): entsteht durch Trauma (offene oder geschlossene Verletzung), wiederholte mechanische Irritation (z. B. der Bursa praepatellaris bei Fliesenlegern) und selten bei Infektionskrankheiten (z. B. Tuberkulose); häufig betroffen sind die Schleimbeutel oberhalb der Kniescheibe, im Bereich der Schulter und des Ellenbogens.

Symptome und Diagnostik
Bei akuter Bursitis ist die Haut über dem Schleimbeutel gerötet und überwärmt, es bestehen starke Schmerzen. Sie können eine prallelastische, evtl. fluktuierende (schwappende) Schwellung tasten.
Bei der chronischen Verlaufsform fehlen die akuten Entzündungszeichen; Sie spüren bei der Palpation eine Schwellung und evtl. ein Knistern. Eine Finger:schnellenderdifferenzialdiagnostische Abklärung gegenüber einer Tendinopathie (v. a. Insertionstendinopathie 9.4) muss erfolgen.
Schulmedizinische Therapie
Bei akuter Entzündung wird die betroffene Extremität ruhiggestellt, und der Arzt verordnet lokale und orale entzündungshemmende Medikamente (nichtsteroidale Antirheumatika). Bei chronischer Schleimbeutelentzündung Schleimbeutelentzündung s. auch Bursitiserfolgen physikalische Maßnahmen und lokale Injektionen sowie bei Erfolglosigkeit eine operative BursitisSchleimbeutelentfernung.

Naturheilkundliche Therapie bei Bursitis

Bei akuter Bursitis muss das betroffene Gelenk zunächst ruhiggestellt werden. Am besten gelingt dies mithilfe einer Schiene, die mit einem Verband angewickelt wird.

Ab- und Ausleitungsverfahren

Bringen mildere Therapiemaßnahmen nicht den gewünschten Erfolg, können Sie in hartnäckigen Fällen ein Cantharidenpflaster über dem erkrankten Gelenk anbringen, das während der Nacht dort belassen wird.
Bei akuter Bursitis ist eine Behandlung mit Blutegeln, die in Gelenknähe aufgesetzt werden, in Betracht zu ziehen. Der Wirkstoff des Blutegels, das Hirudin, regt den Lymphfluss an und wirkt naturheilkundliche Therapie:Bursitis\"\u. a. antithrombotisch.

Enzymtherapie

Enzyme wirken Bursitis:naturheilkundliche Therapieantiphlogistisch, fibrinolytisch und abschwellend und haben sich bei der Behandlung der Bursitis bewährt (z. B. Phlogenzym® oder Bromelain-POS®). Sie sollten anfangs hoch dosiert werden.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Bei chronisch-rezidivierenden Beschwerden ist die Behandlung mit einem der folgenden Konstitutionsmittel angezeigt: Bryonia, Calcium phosphoricum, Chelidonium, Ferrum metallicum, Ferrum phosphoricum, Phytolacca, Rhododendron, Rhus toxicodendron, Ruta, Sanguinaria, Sulfur. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Bei akuten Beschwerden ist oft ein organotropes Mittel hilfreich, wie z. B. Apis mellifica (bei akuter und subakuter Entzündung mit Schwellung, Rötung, Brennen und stechenden Schmerzen; Wärme ist unerträglich), Bryonia (bei heißer, roter und sehr schmerzhafter Entzündung; die leichteste Bewegung verschlechtert; schlechte Stimmung) oder Arnica (bewährte Indikation bei Verletzungsfolgen; Verschlimmerung durch Berührung). Diese Substanzen sind häufig auch in Komplexmitteln (z. B. Acidum benzoicum Synergon Nr. 66) enthalten.

Manuelle Therapie

Klingen die Beschwerden nicht innerhalb weniger Tage ab, kann eine Wirbelsäulenblockierung vorliegen. In diesem Fall sollten Sie die Wirbelsäule gründlich untersuchen. Bei chronischer Bursitis im Armbereich ist häufig ein Brustwirbel, bei Bursitis im Beinbereich ein Lendenwirbel blockiert. Prüfen Sie auch die Halswirbelsäule: Die Bursa subacromialis wird vom 6. HWK ausgehend versorgt, der Schleimbeutel des Ellenbogens vom 7. HWK.

Physikalische Therapie

Um Schmerzen zu lindern und die Entzündung zum Abklingen zu bringen, sind im akuten Stadium kalte Anwendungen (z. B. feuchte Umschläge) zu empfehlen. Bei chronischen Beschwerden werden Wärmemaßnahmen gut vertragen.

Phytotherapie

Ausgewählt werden Drogen mit antiphlogistisch-analgetischen und antiödematösen Eigenschaften wie Rosskastaniensamen (Hippocastani semen) und Beinwellwurzel (Symphyti radix), die äußerlich (z. B. Reparil® Gel N, Kytta-Plasma® f) angewendet werden.
Rosskastaniensamen (Abb. 11.44) wirken vorrangig auf die Gefäßwände und hemmen die Durchlässigkeit der Kapillaren für die Gewebsflüssigkeit.
Beinwellwurzel (Abb. 9.116) hat antiödematöse Eigenschaften, indem es die lokale Durchblutung anregt, und den Austritt der Gewebsflüssigkeit und die Entstehung von Ödemen verhindert.

Ganglion

Ganglion (Überbein): häufige, gutartige Geschwulst der Hand, bevorzugt am Handrücken über dem Mondbein (Abb. 9.96), in der Kniekehle oder am Fußrücken auftretend; zystische Ausstülpung der Gelenkinnenhaut oder der Sehnen(-scheiden); betrifft Frauen häufiger als Männer, Altersgipfel 20–30 Jahre.

Die Ursachen der Geschwulstbildung, die aus einem Schleimbeutel, einer Gelenktasche oder einer Sehnenscheide hervorgeht, sind noch nicht geklärt.
Symptome und Diagnostik
Das klinische Bild ist sehr unterschiedlich. Während einigen Patienten nur eine prallelastische Vorwölbung des Handrückens auffällt, haben andere heftige belastungsabhängige Schmerzen und möglicherweise Sensibilitätsstörungen in Folge der Nervenkompression.
Die Diagnose wird durch die Inspektion gestellt. Bei unklarem Befund hilft eine Sonografie weiter. Röntgenaufnahmen können angezeigt sein, um die knöchernen Veränderungen ganz sicher ausschließen zu können.
Schulmedizinische Therapie
Bei Patienten ohne Beschwerden genügt eine Aufklärung über die Gutartigkeit der ÜberbeinErkrankung. Bei leichten Beschwerden wird ein konservativer Therapieversuch mit Bewegungsübungen zur Kräftigung Ganglionder Unterarmmuskulatur und damit zur Stabilisierung des Handgelenks unternommen. Eine Ruhigstellung auf einer Schiene darf nicht erfolgen, da dadurch die Muskulatur geschwächt wird.
Ansonsten wird das Ganglion operativ entfernt. Die Rezidivrate beträgt üblicherweise um 10 %.

Bänderriss

Bänderriss (Bandruptur): wie Distorsion (9.6.3) durch indirektes Trauma entstandenes Zerreißen einer oder mehrerer Bandstrukturen, häufig im Bereich des Kniegelenks (Kreuz-, Seitenbänder) oder des Sprunggelenks (Außenband), aber auch der Finger (z. B. Seitenband des Daumengrundgelenks, sog. Skidaumen).

Symptome und Diagnostik
Beschwerden und Diagnostik sind von der Lokalisation abhängig, meist bestehen Schmerzen, Schwellung, Hämatombildung und Instabilität des Gelenks. Beispielsweise bei der Außenbandruptur des Sprunggelenks ist der Außenknöchelbereich stark geschwollen und schmerzt bei Belastung und Bewegung.

Achtung

Die Abgrenzung zur Distorsion ist meist durch die körperliche Untersuchung nicht möglich. Sie müssen den Patienten zur röntgenologischen Abklärung (gehaltene Aufnahme) oder z. B. beim Kniegelenk zur Arthroskopie (Gelenkspiegelung) schicken.

Schulmedizinische Therapie
Bei nachgewiesener Bandruptur ist eine Ruhigstellung oder eine operative Therapie erforderlich. Die Indikation zur OP ist abhängig von der Lokalisation der Ruptur, der Stabilität des Gelenks, dem Alter und den sportlichen Ambitionen des Patienten.

Sehnenriss

Sehnenriss (Sehnenruptur): kompletter oder teilweiser Riss einer Muskelsehne, der mit knöchernem Ausriss einhergehen kann; wird durch plötzliche Belastung oder direktes Trauma ausgelöst; meist bestehen degenerative Vorschädigungen; häufig betroffen sind die Achillessehne, die lange Bizepssehne und die Quadrizepssehne.

Eine Achillessehnenruptur ist meist Folge einer plötzlichen Anspannung der Wadenmuskulatur bei Skidaumenvorbestehender degenerativer Veränderung der Sehne. Der Patient kann auf der betroffenenBänderriss/ruptur Seite nicht mehr auf den Zehenspitzen stehen, und in der Regel ist eine deutliche Delle im Achillessehnenbereich tastbar. Bei ca. 70 % gelingt dem Arzt der sonografische Rupturnachweis.
Die Therapie ist in der Regel operativ, wobei zahlreiche Methoden bekannt sind.

Fibromyalgie-Syndrom

Fibromyalgie-Syndrom (generalisierte Tendomyopathie): generalisierte, mechanisch nicht erklärbare Schmerzsymptomatik der Sehnenansätze und Muskeln mit uncharakteristischen, schmerzhaften Druckpunkten, vegetativen Störungen und psychosomatischem Hintergrund.

Vom Fibromyalgie-Syndrom sind zu 80 % Frauen betroffen, es tritt typischerweise zwischen dem 30.–60. Lebensjahr auf. Die Ursache ist unklar.
Symptome und Diagnostik
Typische Symptome sind druckschmerzhafte Muskeln und Sehnenansätze (sog. tender points Abb. 9.97), Morgensteifigkeit, allgemeine Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Sehnenriss/rupturSchlafstörungen. Die Beschwerden Achillessehnen:Rupturverstärken sich durch körperliche Überlastung, aber auch völlige Ruhe sowie durch Stress und Kälte. Eine Tendenz zu Depressionen, Ängsten sowie Kontaktstörungen lässt sich in einigen Fällen beobachten.
Die Diagnose basiert auf dem klinischen Befund der Druckschmerzpunkte: 11 von 28 Tendomyopathiemüssen positiv sein. Laborwerte wie BSG, Rheumafaktor und antinukleäre Antikörper sind normal.
Schulmedizinische Therapie
Fibromyalgie-SyndromDie Behandlung erfolgt durch Verhaltensänderung (Syndrom:Fibromyalgie-SyndromEntspannungstraining, ausreichende, mäßige Bewegung), Haltungsschulung, Wärmetherapie, Muskel- und Kreislauftraining sowie unterstützend auch durch Antidepressiva.
Ab dem 60. Lebensjahr wird gelegentlich eine Tendenz zu Besserung beobachtet. Allerdings ist auch ein chronischer Krankheitsverlauf bis zur Invalidisierung bei Therapieresistenz möglich.

Naturheilkundliche Therapie bei Fibromyalgie

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.6.1

Fibromyalgie-Patienten leben häufig in einer dauerhaft angespannten Gefühlslage und haben die Tendenz, ihre Aggressionen zu verdrängen. Berücksichtigen Sie, dass eine direkte Konfrontation des Patienten mit diesen Gefühlen häufig zum Rückzug führt und die Beschwerden verstärkt werden können. Bei komplexen Konflikten in der Persönlichkeit der Patienten kann eine Psychotherapie oder Hypnose in naturheilkundliche Therapie:Fibromyalgie\"\Betracht kommen.

Überprüfen Sie, ob es Hinweise für eine Fehlsteuerung des Fibromyalgie:naturheilkundliche TherapieImmunsystems oder der Darmfunktion gibt.

Ab- und Ausleitungsverfahren

Trockenes Schröpfen oder eine Schröpfkopfmassage können die Muskulatur lockern und tragen zur Entspannung bei. Reicht dies nicht aus, kommt auch Baunscheidtieren in Frage.

Eigenbluttherapie

Die Behandlung mit Eigenblut bringt vielen Patienten Erleichterung. Sie können das Eigenblut intramuskulär oder über den Schmerzpunkten intrakutan injizieren. Empfindet der Patient die Therapie als schmerzhaft, kann die Injektionsstelle zuvor mit einem Lokalanästhetikum betäubt werden. Die Wirkung des Eigenblutes kann durch Zusatz einer homöopathischen Injektionslösung gesteigert werden, z. B. Gnaphalium-Injektopas® SL.

Enzymtherapie

Enzympräparate, wie z. B. Phlogenzym®, enthalten pflanzliche, aus der Ananas (Bromelain) gewonnene und/oder tierische (Trypsin) Enzyme. Sie wirken entzündungshemmend, abschwellend und schmerzlindernd. Darüber hinaus wird durch die Anregung inaktiver Phagozyten die Immunabwehr gestärkt.

Ernährungstherapie

Eine Übersäuerung des Körpers durch eine langjährige Fehlernährung mit übermäßig viel Zucker, Fett und Weißmehl kann die Beschwerden verstärken. Zu Therapiebeginn empfehlen sich einige Tage Heilfasten oder eine milde Ableitungsdiät (z. B. Kartoffeldiät, Rohkostdiät). Raten Sie dem Patienten zu einer Ernährungsumstellung auf eine basenreiche Vollwertkost.
Klären Sie bei Verdacht Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie z. B. eine Gluten- oder Laktose-Intoleranz ab.
Eine magnesiumreiche Ernährung (z. B. Weizenkeime, grünes Blattgemüse, Kakao) ist ebenfalls zu empfehlen, ggf. zusätzlich ein Magnesiumpräparat mit 300 mg/d einsetzen. Magnesium wirkt muskelentspannend und vegetativ ausgleichend.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und gründliche Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung der Fibromyalgie kann eines der folgenden Konstitutionsmittel angezeigt sein: Aconit, Arnica, Bryonia, Calcium carbonicum, Causticum, Cimicifuga, Lac caninum, Ledum, Nux vomica, Phosphorus, Rhus toxicodendron, Ruta. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Rheuma-Heel® oder Dulcamara Similiaplex®) eingesetzt, enthalten diese häufig Rhus toxicodendron (bei rheumatischen Schmerzen in den Muskeln, fortgesetzte Bewegung verbessert die Beschwerden), Arnica (bei Muskelschmerzen nach Überlastung, Zerschlagenheitsschmerz) oder Rhododendron (bei Muskelschmerzen in den Gliedern, steifem Nacken, sofortiger Besserung bei Bewegung).

Neuraltherapie

Um Schmerzen zu lindern, die regionale Durchblutung zu verbessern und insgesamt eine Umstimmung des Vegetativums zu erzielen, ist eine neuraltherapeutische Behandlung sinnvoll. Setzen Sie mit einem Lokalanästhetikum Quaddeln in die bei Berührung schmerzhaften Triggerpunkte.

Ordnungstherapie

Bewegungsmangel und Schonhaltung verschlimmern die Schmerzen. Empfehlen Sie dem Patienten folgende Maßnahmen, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen:
  • Regelmäßige Bewegung ohne Belastung lindern die Beschwerden. Günstig ist jede Art von Bewegung, die angenehm ist und den Kontakt zum Körper verbessert, wie z. B. Tanzen, Qigong oder Tai-Chi.

  • Zu empfehlen sind Entspannungsverfahren wie z. B. Autogenes Training oder Feldenkrais.

  • Da die Erkrankung oft auch Ausdruck einer tief verwurzelten und meist lang zurückreichenden Familiendynamik sein kann, ist eine systemische Familientherapie sinnvoll.

Bei therapieresistenten Beschwerden sollte eine Untersuchung auf eine Herd- oder Schwermetallbelastung durchgeführt werden.

Physikalische Therapie

Wärmeanwendungen, wie z. B. Heublumensack oder Sauna, wirken krampflösend und entspannen die Muskulatur. Auch durchblutungsfördernde Salben oder Öle sind hilfreich, z. B. Dolo Cyl® Öl oder Rosmarin-Salbe 10 % Weleda. Raten Sie dem Patienten außerdem zur Durchführung von Stangerbädern (hydrogalvanische Vollbäder). Als Anwendung, die zu Hause durchgeführt werden kann, haben sich Moorbäder bewährt.

Phytotherapie

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Fibromyalgie häufig mit einer Depression (26.6.1) oder Dysthymia (26.6.4) einhergeht. Bei leichten vorübergehenden depressiven Verstimmungszuständen ist Johanniskraut (Hyperici herba Abb. 26.12), ein pflanzliches Antidepressivum, das Mittel der Wahl, z. B. Hyperforat®. Häufig stellt sich ein Erfolg erst nach einigen Wochen ein, weshalb eine kurmäßige Einnahme zu empfehlen ist.

Erkrankungen der Muskulatur

Kontrakturen

Kontraktur: Bewegungseinschränkung eines Gelenks oder Muskels, die oft zu einer anhaltenden Zwangsstellung eines Gelenks führt.

Unterschieden werden Muskelkontraktur und Gelenkkontraktur:
  • Muskelkontraktur: Bewegungseinschränkung oder Dauerverkürzung von Muskeln durch Minderdurchblutung (ischämische Kontraktur, z. B. Volkmann-Kontraktur), Inaktivität (z. B. zu lange Ruhigstellung nach Trauma) oder zentral bedingte Störung der Bewegungskoordination (spastische Kontraktur)

  • Gelenkkontraktur: Bewegungseinschränkung eines Gelenks durch Störung der Muskulatur, Bänder, Faszien oder der Gelenkkapsel; Bezeichnung je nach betroffenem Gelenk (z. B. Schulter-, Hüft- oder Kniegelenkkontraktur) oder der Stellung des Gelenks (z. B. Beuge-, Streck- oder Abduktionskontraktur)

Volkmann-Muskelkontraktur
Die Volkmann-Muskelkontraktur ist ein Beispiel für eine narbig bedingte KontrakturKontraktur nach einem Kompartment-Syndrom (meist nach einer Verletzung auftretende akute Minderdurchblutung in einer Muskelloge). Es kommt zu einer Verkürzung der Unterarmmuskeln mit MuskelkontrakturBeugekontraktur des Handgelenks, Überstreckung der Fingergrundgelenke und starker Beugung in den Fingermittel- und -endgelenken (Abb. 9.98).
Die Diagnose wird meist anhand der typischen Symptomatik gestellt. Der Arzt verordnet Krankengymnastik, und in bestimmten Fällen Gelenkkontrakturist eine operative Therapie erforderlich. Bei manifester Kontraktur sind sowohl konservativ als auch operativ nur Teilerfolge möglich.
Spastische Kontraktur
Spastische Kontrakturen entstehen durch zentral bedingte Störung der Bewegungskoordination (z. B. nach Schlaganfall oder Hirn- und Rückenmarksverletzung). Die Patienten zeigen individuell sehr unterschiedliche Volkmann-MuskelkontrakturMuskeltonussteigerungen und Teillähmungen; typisch ist eine spastische Lähmung mit Beugung im Ellenbogen und im Handgelenk.
Die Therapie erfolgt in Zusammenarbeit von Hausarzt, Orthopäden, Neurologen und Physiotherapeuten; sie ist fast immer konservativ.

Myositis und Myopathien

Myositis: Muskelentzündung unterschiedlichster Ursache.

Myopathie: Überbegriff für entzündliche (Myositis) und degenerative Muskelerkrankungen; häufig fortschreitende Muskelerkrankungen, die primär vom Muskel selbst ausgehen oder auch bei Hormonerkrankungen auftreten; Symptome, Diagnostik und Therapie sind abhängig von der Ursache.

Myositis
Eine Myositis kann durch Infektion mit Bakterien (z. B. Staphylokokken), Viren, Pilzen und Parasiten (z. B. Trichinose) entstehen. Auch Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises können mit Myositis einhergehen, z. B. die Polymyositis und Dermatomyositis (9.12.3).
Nach einer – meist stumpfen – Verletzung (Muskelriss) bildet sich im Muskel ein Hämatom. In diesem Bereich können aus bisher ungeklärter Ursache Kalksalze eingelagert werden, die sich später in echtes Knochengewebe umwandeln können. Man spricht dann von einer Myositis ossificans (Abb. 9.99).

Merke

Keine passive Dehnung oder Massage der verletzten Muskulatur innerhalb der ersten 2–3 Wochen wegen der Gefahr einer Myositis ossificans!

Allgemein ist die Myositis durch bewegungsabhängige Schmerzen,Myositis Muskelverhärtungen, -schwäche und Myopathiemöglicherweise Lähmungen gekennzeichnet.
Muskeldystrophien
Muskeldystrophien sind erbliche Erkrankungen mit langsam progredienter Myopathie, Schwäche und Muskelatrophie, die meist im Kindesalter beginnen. Die Progressive Muskeldystrophie (Typ Duchenne) ist eine rezessiv X-chromosomal erbliche progressive Muskeldystrophie vom Beckengürteltyp (Duchenne). Sie ist die maligne Form der Muskeldystrophie. Pathophysiologische Grundlage ist das weitgehende Fehlen von Dystrophin in den Muskelfasern. Im Verlauf der Erkrankung kommt es in der Regel vom 3. Lebensjahr an zu Atrophien und Kontrakturen der Muskulatur, die später auch den Schultergürtel und andere Muskelgruppen betreffen kann.
Myositis:ossificansDie Krankheit endet meist bis zum 20. Lebensjahr letal.

Achtung

Bei Verdacht auf Myositis oder Myopathie überweisen Sie den Patienten zur ärztlichen Abklärung und Therapie.

Muskelzerrung und Muskelriss

Muskelzerrung und -riss: entstehen v. a. bei schnellen und kräftigen Bewegungen, begünstigend wirken Muskelverkürzungen, -verhärtungen und unzureichendes Aufwärmen bei sportlicher Aktivität.

Symptome und Diagnostik
Beim Muskelriss ist eine deutliche (makroskopische) Kontinuitätsunterbrechung vorhanden, bei der Zerrung ist sie nur mit dem Mikroskop zu sehen. Bei der Untersuchung sehen Sie beim MuskelrissMuskeldystrophien evtl. einen Bluterguss und können eine Lücke tasten.
Zur sonografischen Abklärung überweisen Sie den Patienten zum Orthopäden.

Merke

Für die Muskelzerrung ist ein rasch zunehmender, krampfartiger Schmerz charakteristisch, für den Muskelriss eher ein schlagartiger, stechender Schmerz. Die Bewegung wird sofort abgebrochen. Dehnung und Anspannung der Muskulatur sind schmerzhaft.

Schulmedizinische Therapie
Als Erstmaßnahme wird die Muskulatur ruhiggestellt, gekühlt, hochgelagert und komprimiert (Verband). Physikalische Maßnahmen schließen sich an. Eine Massage oder passive Dehnung darf aber nicht zu früh einsetzen; es besteht dann die Gefahr einer Kalkeinlagerung im Muskel (Myositis ossificans 9.8.2).

Erkrankungen der Wirbelsäule

Die folgende Auflistung gibt einen Überblick über die wichtigsten MuskelzerrungWirbelsäulenerkrankungen und -symptome.
  • HWS-/BWS-/LWS-MuskelrissSyndrom, radikulär: Symptomkomplex (z. B. radikuläre Schmerzen entsprechend dem sensiblen Dermatom) im HWS-, BWS- oder/und LWS-Bereich durch Irritation einer Nervenwurzel (z. B. durch mechanischen Druck)

  • HWS-/BWS-/LWS-Syndrom, pseudoradikulär: Beschwerden im HWS-, BWS- oder LWS-Bereich mit Ausstrahlung, aber ohne segmentale Zuordnung zu einer Nervenwurzel

  • Facettengelenkarthrose: Arthrose (degenerative Veränderung) der Wirbelgelenke

  • Facettensyndrom: Symptomkomplex, der durch Veränderungen an den Wirbelgelenken verursacht wird, z. B. pseudoradikuläre Schmerzen verursacht

  • ISG-Blockierung: Blockierung (keine Federung) im Iliosakralgelenk (9.2.3), oft mit Schmerzen im LWS-Bereich verbunden

  • Ischialgie: reiner Beinschmerz im Verlauf des N. ischiadicus (23.2.10)

  • Lumbago: „akute Kreuzschmerzen“ (9.9.4)

  • Lumbalgie: Kreuzschmerzen ohne Ausstrahlung in das Bein

  • Lumboischialgie: Kreuzschmerzen mit radikulärer Ausstrahlung in das Bein

  • Osteochondrosis intervertebralis: degenerativer Schaden des Wirbelkörpers und der Bandscheibe

  • Prolaps der Bandscheibe: Bandscheibenvorfall (9.9.4Facettengelenksarthrose)

  • Protrusion der Bandscheibe: Vorwölbung der Bandscheibe (9.9.4)

  • Sakroiliitis: Entzündung der FacettensyndromIliosakralgelenke (9.2.3), tritt häufig bei Morbus Bechterew (9.12.2) auf

  • ISG-BlockierungSpondylarthritis/-arthrose: entzündliche oder degenerative Veränderung an den kleinen Wirbelgelenken

  • SpondylitisIschialgie: Osteomyelitis eines Wirbelkörpers

  • Spondylodiszitis: bakterielle Entzündung der Bandscheibe und der benachbarten Deck- und Bodenplatte des Wirbelkörpers

  • LumbalgieSpondylosis (Spondylosis deformans, Spondylose, Spondylopathie): Lumboischialgiedegenerative Veränderung der Wirbelkörper, meist sekundär durch Osteochondrosis:intervertebralisBandscheibenschaden, röntgenologisch z. B. durch Spondylophyten (knöcherne Randzacken) sichtbar.

Fehlhaltungen der Wirbelsäule

Die wichtigsten Fehlhaltungen Sacroiliitisder Wirbelsäule sind in Abb. 9.100 dargestellt.
Skoliose

Skoliose: fixierte Seitverbiegung der Wirbelsäule in der Frontalebene (parallel zur Stirn verlaufende Ebene) mit Rotation und Strukturveränderungen.

Krankheitsentstehung
80–90 % aller Skoliosen sind idiopathisch, die Ursache ist also Spondylarthroseungeklärt.
Des SpondylarthritisWeiteren werden je nach der zugrunde liegenden Ursache neuropathische Skoliosen (z. B. bei Meningomyelozele: angeborene Fehlbildung Spondylitisder Wirbelsäule und des Rückenmarks), myopathische Skoliosen (z. B. bei Arthrogrypose: angeborene SpondylodiszitisGelenkkontraktur), osteopathische Skoliosen (z. B. bei Morbus SpondyloseSpondylopathieScheuermann) oder Fehlbildungungsskoliosen (z. B. bei Wirbelfehlbildungen) unterschieden.
Symptome und Diagnostik
Die meisten Skoliosen bereiten keine Beschwerden und werden – wenn sie nicht sehr auffällig und kosmetisch störend sind – zufällig entdeckt, oft im 10.–12. Lebensjahr. Sehr schwere Skoliosen können Wirbelsäule:Fehlhaltungendurch die Thoraxdeformierung die Lungenfunktion beeinträchtigen und zu einem Cor Frontalebenepulmonale führen (12.10.2). Das genaue Ausmaß der Skoliose Skoliosewird anhand von Röntgenaufnahmen festgestellt. Bei Verdacht auf Skoliose überweisen Sie den Patienten zur orthopädischen Abklärung.

Merke

Bei der Inspektion fallen eine Seitendifferenz des Schulter- und evtl. auch des Beckenstands auf, unterschiedlich geformte Taillendreiecke sowie beim Vorbeugen je nach Lokalisation der Skoliose ein Rippenbuckel und/oder Lendenwulst (Vorwölbung einer Lendenpartie neben der Wirbelsäule, v. a. im Bereich der LWS), (Abb. 9.101).

Schulmedizinische Therapie und Prognose
Ca. 90 % aller Skoliosen können konservativ behandelt werden. Bei leichten Skoliosen reicht Krankengymnastik (Muskelaufbau, Haltungsschule) aus. Bei mäßigen Skoliosen ist zusätzlich die Anpassung eines Korsetts erforderlich, das den Arthrogryposeüberwiegenden Teil des Tages und nachts getragen werden muss. Oft ist auch eine chiropraktische Behandlung erfolgreich, besonders wenn die Ursache der Skoliose ein Beckenschiefstand (9.4.10) ist. Bei schweren Skoliosen, besonders bei zu erwartendem Fortschreiten (Progression, Progredienz) und Erfolglosigkeit der konservativen Verfahren, ist eine OP indiziert.
Die Prognose einer Skoliose hängt v. a. von der Ursache und der zu erwartenden Progredienz ab. Je jünger das Kind, je höher gelegen die Wirbelsäulenkrümmung und je stärker ausgeprägt die Skoliose ist, desto schlechter ist die Prognose. Nach Wachstumsabschluss ist nur noch eine geringe Progression zu erwarten. Bei leichten Skoliosen ist der Patient weder beim Sport noch beim Beruf eingeschränkt. Schwerste Skoliosen beeinträchtigen durch die Thoraxdeformierung die Lungenfunktion und führen über die Entwicklung eines Cor pulmonale (10.7.4) zur Einschränkung der Lebenserwartung.
Hyperkyphose

Hyperkyphose (Rundrücken): fixierte, dorsal konvexe Krümmung der Wirbelsäule (Abb. 9.100), die über die physiologische Kyphose (der BWS) hinausgeht; an HWS und LWS ist eine Kyphose ab Kindesalter immer pathologisch (krankhaft).

Häufigste Ursachen der Hyperkyphose sind:
  • Morbus Scheuermann: häufigste Ursache im Kindesalter (9.9.6)

  • haltungsbedingte Kyphose

  • Alterskyphosen durch Osteoporose (9.5.1)

  • Morbus Bechterew (9.12.2)

  • entzündliche Erkrankungen mit meist scharfer Knickbildung (Gibbus) durch keilförmigen Wirbelzusammenbruch

  • Metastasen von bösartigen Tumoren

Je nach Grunderkrankung ist der Patient fast beschwerdefrei oder klagt über Rückenschmerzen. Die Diagnose wird durch die Untersuchung der Wirbelsäule gestellt und muss durch einen Orthopäden röntgenologisch abgeklärt werden.
Durch die Vielfalt der Ursachen variiert die Therapie stark. Die Grunderkrankung wird, wenn möglich, behandelt (z. B. Osteoporose). Im WachstumsalterRundrücken ist v. a. eine krankengymnastische Behandlung angezeigt.
Hyperlordose
Hyperkyphose

Hyperlordose (Hohlkreuz): Überschreiten der physiologischen Lordose der LWS (Abb. 9.100).

Die Hyperlordose ist im Vergleich zur Kyphose und Skoliose eher selten. In vielen Fällen ist die Lordose einfach ein Haltungsfehler, begünstigend wirken ein dicker Bauch und schlaffe Muskulatur. Manchmal entsteht die Hyperlordose auch kompensatorisch, um eine BWS-Kyphose oder eine fixierte Beugestellung der Hüfte auszugleichen.
Bei Haltungsfehlern muss der Patient seine Rücken- und GibbusBauchmuskulatur trainieren (Krankengymnastik und Rückenschule) und evtl. Gewicht abnehmen.

HWS-Syndrom

HWS-Syndrom: allgemeine Bezeichnung für Schmerzen und sonstige Beschwerden, die durch direkte (z. B. degenerative) Erkrankungen der HWS oder durch gestörte Funktion der HWS ausgelöst werden.

Krankheitsentstehung
Die häufigste Ursachen für Beschwerden im HWS-Bereich sind:
  • funktionelle Störungen z. B. durch Fehlhaltung oder -belastung bei der beruflichen Tätigkeit oder beim Sport sowie durch Erkrankungen der BWS oder LWS

  • degenerative Veränderungen an den Bandscheiben, den Wirbelkörpern, den kleinen Wirbelgelenken und den UnkovertebralgelenkenHohlkreuz. Letztere sind keine Gelenke im Hyperlordoseanatomischen Sinne, sondern nur röntgenologisch darstellbare „Halbgelenke“ der Halswirbelsäule, die von der kaudal (unten) gelegenen Deckplatte eines Wirbelkörpers und einer an der seitlichen Begrenzung des darunterliegenden Wirbelkörpers liegenden Knochenlamelle (Processus uncinatus) gebildet werden.

Bandscheibenvorfälle treten auch im HWS-Bereich auf, aber wesentlich seltener als im LWS-Bereich: Sie sind in weniger als 2 % der Fälle HWS-SyndromUrsache für ein HWS-Syndrom. Beschwerden im HWS-Bereich einschließlich vegetativer Symptome (z. B. Übelkeit, Schwindel) sind nach einem Trauma (v. a. Aufprallunfall) häufig. Dies wird als HWS-Schleudertrauma bezeichnet und entsteht durch die Kombination von Band- und Kapseldehnung sowie Reizung von Nervenwurzeln und dem vegetativen Nervensystem.
Symptome und Einteilung der HWS-Syndrome
Die HWS-Syndrome werden, wie auch die BWS- und LWS-Syndrome, v. a. nach der Schmerzlokalisation und -Unkovertebralgelenkeprojektion eingeteilt:
  • lokales HWS-Syndrom: Es bestehen Schmerzen im HWS-Bereich ohne Ausstrahlung in Arm oder Kopf, eine Bewegungseinschränkung der HWS und Myogelosen der Schulter-Nacken-Muskulatur. Der Patient kann den Schmerzpunkt meist mit dem Finger zeigen.

  • pseudoradikuläres oberes HWS-Syndrom: Die Schmerzen in HWS strahlen in den Hinterkopfbereich aus. Die Kopfschmerzen sind durch ihre Seitenbetonung, Positionsabhängigkeit und ihr anfallsweises Auftreten charakterisiert. Oft bestehen auch Schwindelattacken, die durch Überstreckung oder Drehung der HWS ausgelöst werden. Manchmal klagt der HWS-SchleudertraumaPatient zusätzlich über Übelkeit, Hör-, Seh- sowie Schluckstörungen. SchleudertraumaBetroffen sind v. a. Frauen zwischen dem 30.–60. Lebensjahr.

  • pseudoradikuläres unteres HWS-Syndrom (Zervikobrachialsyndrom, Schulter-Arm-Syndrom): Es treten Schmerzen im HWS- und Schulterbereich sowie im Arm auf, z. T. mit Gefühlsstörungen (Parästhesien) wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl in den Fingern. Die Beschwerden lassen sich aber keinem Dermatom zuweisen.

  • radikuläres unteres HWS-Syndrom (Tab. 9.18): Es handelt sich um plötzlich auftretende Schmerzen im HWS-Bereich mit Ausstrahlung in ein Dermatom. Oft besteht auch HWS-Syndrom:oberes, pseudoradikuläreseine deutliche Fehlhaltung der HWS. Bei zervikalen Bandscheibenvorfällen, im HWS-Bereich meist zwischen C 6 und C 7, bestehen z. B. Schmerzen und neurologische Ausfälle im Bereich der Schulter, des Arms und der Hand.

Diagnostik
Erste wichtige Hinweise gibt die Anamnese:
  • Alter des Patienten (z. B. bei Zervikobrachialsyndrombandscheibenbedingtem HWS-Syndrom liegt der Altersgipfel im 30.–45. Lebensjahr, bei HWS-Syndrom:unteres, pseudoradikuläresUnkovertebralarthrose mit degenerativ bedingter Einengung der Zwischenwirbellöcher eher im 50.–65. Schulter-Arm-SyndromLebensjahr)

  • Schmerzbeginn

  • auslösende Faktoren

  • Schmerzausstrahlung

  • begleitende Sensibilitätsstörungen oder sonstige Beschwerden (Kopfschmerzen, Schwindel).

Bei der körperlichen Untersuchung der HWS achten Sie auf Funktionseinschränkungen, Schmerzpunkte und neurologische Funktionsstörungen (Reflexabschwächung, Sensibilitätstörungen). ZuHWS-Syndrom:unteres, radikuläres einer vollständigen Beurteilung eines HWS-Syndroms gehören eine Untersuchung beider Schultergelenke und eine Untersuchung der BWS und LWS (einschließlich der Beurteilung des Beckenstands).
Bei Verdacht auf degenerative Prozesse überweisen Sie den Patienten zum Röntgen der HWS (Abb. 9.102) und bei Verdacht auf ein radikuläres HWS-Syndrom zum Neurologen (ggf. CT).

Achtung

Hinter jedem HWS-Syndrom kann sich eine maligne Erkrankung (z. B. Metastasen) verbergen, überweisen Sie deshalb im Zweifelsfall den Patienten frühzeitig zur röntgenologischen Abklärung, und fragen Sie in der Anamnese nach bösartigen Tumoren in der Vergangenheit. Dies gilt auch für BWS- und LWS-Syndrome.

Differenzialdiagnose
Je nach Art der ausstrahlenden Schmerzen kommen verschiedene Differenzialdiagnosen in Frage:
  • Beim lokalen HWS-Syndrom müssen Sie an Insertionstendinopathien der Quer- und Dornfortsätze denken sowie an Metastasen oder (seltener) an Morbus Bechterew oder Spondylodiszitis.

  • Beim pseudoradikulären oberen HWS-Syndrom sind Migräne, Durchblutungsstörungen der A. vertebralis, Blutdruckschwankungen und auch Herzrhythmusstörungen auszuschließen.

  • Die wichtigsten Differenzialdiagnosen des unteren HWS-Syndroms sind v. a. periphere Nervenkompressionssyndrome (z. B. das Karpaltunnelsyndrom 9.10.5), Erkrankungen im Bereich des Schulter- und evtl. auch des Ellenbogengelenks (z. B. Epikondylitis 9.10.3).

Schulmedizinische Therapie
In fast allen Fällen führt eine Wärmeapplikation (Fango-, Moorpackungen, Rotlicht, Heizkissen, Wärmeflasche) zur Linderung der Beschwerden. Neben der medikamentösen Therapie mit nichtsteroidalen Antirheumatika (z. B. Rp Diclofenac Stada®) oder Muskelrelaxanzien (muskelentspannenden Medikamenten) injiziert der Arzt v. a. beim lokalen HWS-Syndrom Lokalanästhetika an die Triggerpunkte (Reizpunkte, deren Berührung Schmerzen auslösen).
Krankengymnastik (isometrische Übungen, Muskeldehnungen, Mobilisierungen) und seltener auch manuelle Therapie (Chirotherapie) werden verordnet. Der Bandscheibenvorfall wird im HWS-Bereich meist konservativ behandelt, nur selten ist eine Operation indiziert.

Naturheilkundliche Therapie bei HWS-Syndrom

Ab- und Ausleitungsverfahren

Ausleitende Verfahren regen den Gewebestoffwechsel an, fördern die Durchblutung sowie die Ausleitung der Lymphe und der schmerzverursachenden Entzündungsmediatoren. Häufig liegen Füllegelosen im Schulter-Nacken-Bereich vor – in Höhe des Akupunkturpunktes Drei-Erwärmer 15. In diesem Fall sollten Sie diesen auch als „Tonsillendreieck“ bezeichneten Bereich blutig schröpfen.
Haben sich durch das Schröpfen oder eine Schröpfkopfmassage die Beschwerden nicht deutlich gebessert, ist aufgrund der ausgeprägteren Reizwirkung eine Baunscheidtierung des Nacken-Bereichs bis zur oberen BWS sinnvoll.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung des HWS-Syndroms kann eines der folgenden Konstitutionsmittel angezeigt sein: Arnica, Bryonia, Cimicifuga, Causticum, Dulcamara, Gelsemium, Hypericum, Ruta. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Ranunculus Oligoplex®) eingesetzt, enthalten diese naturheilkundliche Therapie:HWS-Syndrom\"\häufig Rhus toxicodendron (bei Torticollis und Rückenschmerzen, Ruhe HWS-Syndrom:naturheilkundliche Therapieverschlimmert die Beschwerden), Gelsemium (bei Nackenschmerzen mit Schwindel, Hinterhauptschmerzen) oder Ranunculus (bei ziehenden Schmerzen, die in den Unterarm und die Finger ausstrahlen).

Manuelle Therapie

Liegt eine Blockierung der Wirbelgelenke vor, sollten Sie – entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten vorausgesetzt – zunächst eine manuelle Therapie durchführen. Es ist außerordentlich wichtig, die Halswirbelsäule nicht isoliert zu behandeln, sondern auch die angrenzenden Gelenke sowie das Becken in die Behandlung einzubeziehen. Vorsichtige Massagen lockern die verspannte Muskulatur.

Neuraltherapie

Klären Sie ab, ob potenzielle Störfelder, insbesondere im Bereich der Zähne und Tonsillen, vorliegen. Um die Durchblutung zu fördern und Schmerzen zu lindern, ist eine Quaddelung paravertebral und über den Dornfortsätzen (Abb. 9.103) zu empfehlen. Um die Wirkung zu verstärken, können Sie dem Lokalanästhetikum eine homöopathische Injektionslösung, wie z. B. Petadolex® Amp. zusetzen. Bewährt hat sich auch die subkutane Injektion in die Akupunkturpunkte im Bereich von Schulter und Nacken.

Ordnungstherapie

Raten Sie dem Patienten mit chronischen Beschwerden zu viel Bewegung (auf weichen Böden), Spaziergängen im Wald usw. Günstig ist auch Schwimmen im Warmwasser; da Brustschwimmen die Beschwerden verschlimmern kann, sollte Rückenschwimmen und Kraulen bevorzugt werden. Bedenken Sie, dass bei chronischen Beschwerden erfahrungsgemäß häufig eine erhöhte innere Anspannung vorliegt, die wiederum die Verspannung der Muskulatur verstärkt.

Physikalische Therapie

Im akuten Stadium ist zunächst eine Ruhigstellung indiziert. Empfehlen Sie je nach individueller Verträglichkeit Wärme- oder Kälteanwendungen. Die meisten Patienten bevorzugen jedoch Wärmeanwendungen, wie z. B. eine Bestrahlung mit Rotlicht oder als feucht-warme Anwendung das Auflegen eines Heublumensacks.

Phytotherapie

Heilpflanzen mit schmerz- und entzündungshemmenden Eigenschaften wie z. B. Weidenrinde (Salicis cortex Abb. 23.56) können unterstützend eingesetzt werden. Der Pestwurzwurzelstock (Petasitidis rhizoma Abb. 23.51) hat neben seinen schmerz- und entzündungshemmenden Eigenschaften auch eine krampflösende Wirkung. Pestwurz wird ausschließlich in Form von Fertigpräparaten eingesetzt.
Zur äußeren Anwendung sind ätherische Öle und Salben zu empfehlen. So wirken Rosmarinblätter (Rosmarini folium Abb. 11.31), die auch in Kombinationspräparaten (z. B. Dolo Cyl® Öl) enthalten sind, durchblutungsfördernd. Arnikablüten (Arnicae flos Abb. 9.93) haben neben der durchblutungsfördernden eine schmerzlindernde Wirkung.

Traditionelle Chinesische Medizin

Aus Sicht der TCM sind akute HWS-Syndrome Traumen, die als sog. Gelenk-Bi-Syndrom mit einer lokalen Blut- und Qi-Stagnation einhergehen und durch pathogene Faktoren wie Wind und Kälte verursacht werden. Chronische HWS-Syndrome sind häufig auch Begleitsymptom von einer Leber-Qi-Depression oder einem aufsteigenden Leber-Yang. Bei akuten Beschwerden werden bevorzugt Fernpunkte stimuliert bei gleichzeitigen Bewegungsübungen des Patienten. Gute Erfolge gibt es auch mit Ohrakupunktur.

BWS-Syndrom

BWS-Syndrom: Schmerzsymptomatik durch Erkrankungen im Bereich der BWS; häufig bleiben die Schmerzen auf den eigentlichen BWS-Bereich lokalisiert (lokales BWS-Syndrom), seltener strahlen sie in den Brustkorb oder in den Oberbauch aus (pseudoradikuläres BWS-Syndrom).

Krankheitsentstehung
Schmerzen im BWS-Bereich entstehen oft durch chronische Fehlhaltung, muskuläres Ungleichgewicht, Blockierung der (Rippen-)Wirbelgelenke oder Bänderschwäche. Seltener sind degenerative Veränderungen, Tumoren, entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Bandscheibenvorfälle oder Osteoporose dafür verantwortlich.
Symptome
Die Patienten geben oft atemabhängige Schmerzen an, die bei körperlicher Belastung zunehmen. Nicht selten ist der Hauptschmerzpunkt auch weit von der BWS entfernt, z. B. am Rippenknorpel.
Diagnostik
Bei der Inspektion der BWS sind evtl. Fehlhaltungen (Flachrücken, Skoliose) auffällig oder es lässt sich eine Asymmetrie der Muskulatur beobachten.
Die Funktionsprüfung umfasst die Beugung nach vorne und hinten, Seitneigung, Rotation und das Ott-Zeichen. Nach der Palpation der BWS (Klopfschmerz) und der angrenzenden Muskulatur untersuchen Sie auch die HWS und die LWS.
Zum Ausschluss von BWS-Syndromdegenerativen, entzündlichen und v. a. bösartigen Erkrankungen überweisen Sie den Patienten zur röntgenologischen Abklärung. Erste diagnostische Hinweise für eine entzündliche Ursache können die BSG und das Blutbild geben.

Achtung

Bei Symptomen eines Bandscheibenvorfalls im BWS-Bereich (stechender, lageunabhängiger, genau im Dermatom verlaufender Schmerz, evtl. Sensibilitätsstörungen in einem thorakalen Dermatom) sollten Sie immer an einen Tumor denken, da Bandscheibenvorfälle im BWS-Bereich sehr selten sind. Überweisen Sie den Patienten umgehend zu einem Arzt!

Schulmedizinische Therapie
Bei akuter Symptomatik verordnet der Arzt Wärme (wie beim HWS-Syndrom 9.9.2), nichtsteroidale Antirheumatika und Elektrotherapie. Bei Fehlhaltungen, muskulärem Ungleichgewicht oder Bänderschwäche sind v. a. krankengymnastische Übungen indiziert. Bei Blockierungen wird eine Chirotherapie durchgeführt.

Naturheilkundliche Therapie bei BWS-Syndrom

Ab- und Ausleitungsverfahren

Mithilfe ab- und ausleitender Verfahren wird der Gewebestoffwechsel beeinflusst sowie die Durchblutung angeregt und Schmerzmediatoren ausgeleitet. Geeignete Methoden sind Baunscheidtieren und Schröpfen.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung des BWS-Syndroms kann eines der folgenden Konstitutionsmittel angezeigt sein: Bryonia, Calcium phosphoricum, Kalium carbonicum, Kalium sulfuricum, Mercurius solubilis, Natrium muriaticum, Phosphor, Sulfur. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Infi-naturheilkundliche Therapie:BWS-Syndrom\"\Symphytum N Tropfen) eingesetzt, enthalten diese häufig Cimicifuga (bei rheumatischen BWS-Syndrom:naturheilkundliche TherapieBeschwerden im Rücken und Nacken, verkrampfter Muskulatur; Wirbelsäule sehr druckempfindlich), Pichi-Pichi (bewährte Indikation bei Bandscheibenschäden und Spondylosis) oder Rhus toxicodendron (bei heftigen Rückenschmerzen, Steifheit, Bewegung bessert die Beschwerden).

Manuelle Therapie

Untersuchen Sie zunächst, inwiefern im Bereich der gesamten Wirbelsäule Fehlstellungen und Blockierungen vorliegen. Erfahrungsgemäß wird ein BWS-Syndrom häufig durch eine Störung im Bereich der Halswirbelsäule verursacht.
Liegt ein Beckenschiefstand vor, worauf ungleich lange Beine hinweisen, sollten Sie die Beinlängendifferenz durch eine chiropraktische oder osteopathische Behandlung ausgleichen. Auch die Wirbelsäulentherapie nach Dorn ist geeignet, um vorliegende Blockierungen zu regulieren.
Um die durch Fehlhaltungen entstandenen Myogelosen zu lösen, sind Massagen zur Lockerung der Muskeln zu empfehlen.

Neuraltherapie

Setzen Sie mit einem Lokalanästhetikum Quaddeln neben den Dornfortsätzen, um reflektorisch die Schmerzen zu beeinflussen. Sind die Dornfortsätze druckempfindlich, werden über ihnen zusätzlich Quaddeln gesetzt. Zur Wirkungsverstärkung können Sie auch eine homöopathische Injektionslösung (z. B. Dolo-Injektopas®) zufügen. Bewährt haben sich ebenfalls Injektionen in Akupunkturpunkte im BWS-Bereich.

Physikalische Therapie

Wärmeanwendungen wie z. B. Heublumensack, Fango, Bäder oder heiße Kartoffelauflagen, wirken muskelentspannend sowie durchblutungsfördernd und werden erfahrungsgemäß als angenehm empfunden.

Traditionelle Chinesische Medizin

Nach Auffassung der TCM wird ein BWS-Syndrom durch ein sog. Bi-Syndrom verursacht, d. h. durch Verletzungen oder Überlastungen mit einer lokalen Blut- oder Qi-Stagnation sowie durch das Eindringen pathogener Einflüsse wie Wind oder Kälte. Die Differenzierung erfolgt u. a. nach der Lokalisation (paravertebral, lateral) und Schmerzausbreitung sowie nach der Begleitsymptomatik. Es empfiehlt sich eine Kombination aus Fern- und Nahpunkten. In akuten Fällen werden Fernpunkte kontralateral behandelt, mit gleichzeitigen Bewegungsübungen des Patienten.

LWS-Syndrom

LWS-Syndrom: lokale oder ausstrahlende Schmerzen durch Störungen in den lumbalen Bewegungssegmenten.

Unterscheidung nach Schmerzlokalisation:
  • ein lokales LWS-Syndrom (Lumbago)

  • ein pseudoradikuläres LWS-Syndrom

  • ein radikuläres LWS-Syndrom; es entsteht bei mechanischer Irritation der Nervenwurzeln, v. a. im Rahmen eines Bandscheibenvorfalls

Lumbago

Lumbago (akutes LWS-Syndrom, „Hexenschuss“): Krankeitserscheinungen, die durch Funktionsstörungen oder degenerative Veränderungen im Bereich der LWS hervorgerufen werden; keine Schmerzausstrahlung in das Bein im Gegensatz zum radikulären oder pseudoradikulären LWS-Syndrom.

Krankheitsentstehung
Die akuten Schmerzen im LWS-Bereich entstehen meist durch ein Verhebetrauma (z. B. Patient hat schweren Koffer aus dem Auto gehoben) mit Massenverschiebung der Bandscheibe oder bei bestehenden degenerativen Veränderungen der Bandscheiben, seltener durch Bandscheibenprotrusion (Bandscheibenvorwölbung), Wirbelgelenk- oder Iliosakralgelenkirritation.
Häufig liegt einer wiederkehrenden Lumbago eine Beckenverwringung (9.4.10) zugrunde.
Symptome, Diagnostik und Differenzialdiagnose
LWS-SyndromDer Patient klagt über meist gürtelförmige Schmerzen im LWS-Bereich. Bei der Untersuchung stellen Sie einen ein- oder beidseitigen Muskelhartspann neben der Wirbelsäule fest. Bei fixierter LWS beugt der Patient den Rumpf nur aus den Hüftgelenken: Der Finger-Boden-Abstand beträgt meist mehr als 40 cm. Oft ist der Rumpf leicht nach vorn gebeugt (Schonkyphose), aber nicht Hexenschusseinseitig zu einer Seite.
Die Diagnose kann meist anhand der LumbagoAnamnese und Untersuchung gestellt werden. Eine röntgenologische Abklärung ist in unklaren Fällen, in höherem Alter, bei malignem Tumor in der Anamnese oder Trauma erforderlich. Bei Verdacht auf Bandscheibenvorfall müssen Sie den Patienten zum CT überweisen.

Achtung

Differenzialdiagnostisch schließen Sie immer folgende Erkrankungen aus: Nierenerkrankungen, gynäkologische Erkrankungen, Erkrankungen der Prostata und der inneren Organe (z. B. Magen, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse), Osteoporose sowie Spondylodiszitis.

Bei unklaren Lumbalgien sollten Sie unbedingt einen Urin-Streifenschnelltest durchführen (DD Nierenerkrankung)!
Schulmedizinische Therapie
Wärmeanwendungen und Stufenbettlagerung (Beugung in Hüft- und Kniegelenk um 90° Abb. 9.108) lindern die Beschwerden. Zusätzlich verordnet der Arzt evtl. entzündungshemmende Medikamente (9.12.4, Pharma-Info) und physikalische Maßnahmen (z. B. Elektrotherapie). In manchen Fällen ist eine Injektionsbehandlung und Chirotherapie angezeigt. Nach Abklingen der akuten Beschwerden sind krankengymnastische Übungen besonders wichtig.

Naturheilkundliche Therapie bei Lumbago

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.3.1

Haben sich in der Diagnose Hinweise auf vorliegende Blockierungen der Wirbelgelenke ergeben, sollten Sie zunächst eine manuelle Behandlung durchführen.

Ab- und Ausleitungsverfahren

Schröpfen und Baunscheidtieren verbessern die lokale Durchblutung, wirken tonisierend auf die Muskulatur und sorgen durch die Anregung des Gewebestoffwechsels für die Drainage von Lymphe und Entzündungsstoffen. Zudem werden durch die Behandlung des LWS- und Kreuzbeinbereichs die Genitalorgane und der Darm reflektorisch beeinflusst.
Achten Sie bei Lumbalgien und Ischialgien auf Verhärtungen im Bereich der Lumbalzonen (Darmzonen) sowie im naturheilkundliche Therapie:Lumbago\"\Bereich der Nierenzone, die ggf. mitbehandelt werden müssen (Lumbago:naturheilkundliche TherapieAbb. 9.104).
Stehen Muskelverspannungen im Vordergrund, wirkt trockenes Schröpfen, speziell der Lumbalzonen (L2–L4) bzw. eine flächige Schröpfkopfmassage sehr entspannend. Hat der Patient heiße Gelosen (3.7.7), sollten Sie nur einseitig auf der schmerzenden Region blutig schröpfen.
Gute Erfolge sind auch mit großflächigem Baunscheidtieren über den schmerzenden Stellen zu erzielen, da durch die ausgeprägte Reizwirkung die Durchblutung gefördert und der Gewebetonus im schmerzenden Bereich verbessert wird.
Ziehen Sie das Anbringen eines Cantharidenpflasters in Betracht, wenn die Schröpfbehandlung nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat oder die Gelosen des Patienten eine teigig-sulzige Konsistenz aufweisen.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung des Lumbagos sind oft folgende Konstitutionsmittel angezeigt: Aconitum, Bryonia, Colocynthis, Dulcamara, Nux vomica, Rhus toxicodendron, Sepia, Sulfur. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können allerdings auch auf ein anderes Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Gnaphalium Pentarkan®) eingesetzt, enthalten diese häufig Gnaphalium (bei Taubheitsgefühl, heftigen Ischiasschmerzen), Rhus toxicodendron (bei reißenden Schmerzen in der Lendenregion, besser durch Bewegung) oder Bryonia (bei stechenden Schmerzen, Folge von Zorn und Ärger, Bewegung verschlechtert).

Manuelle Therapie

Durch eine chiropraktische oder osteopathische Behandlung werden die Schmerzen gelindert, häufig wird sogar Beschwerdefreiheit erzielt. Dysfunktionen der unteren BWS, der gesamten LWS sowie der Sakroiliakalgelenke müssen diagnostiziert und durch spezifische Griffe behandelt werden. Meist ist der Lumbago Folge eines Beckenschiefstands (Blockade der SIG) oder einer Hyperlordose im Bereich von L 5/S 1, seltener wird er durch LWS-Störungen verursacht. Bei rezidivierendem Lumbago sind viszerale Faktoren (z. B. Darmpolypen, Morbus Crohn) abzuklären.
Die gezielte Mobilisation der blockierten Gelenke erfordert eine intensive Ausbildung!

Neuraltherapie

Aufgrund der raschen Wirksamkeit ist eine neuraltherapeutische Behandlung (Abb. 9.105) bei Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit zu empfehlen. Durch die Infiltration mit einem Lokalanästhetikum im Bereich von Kreuzbein, Sakroiliakalgelenk und der unteren LWS werden die regionale Durchblutung gefördert, die Beweglichkeit der Gelenke verbessert sowie die inneren Organe reflektorisch beeinflusst.

Ordnungstherapie

Die Therapie kann oft nur durch die aktive Mitarbeit des Patienten erfolgreich verlaufen. Motivieren Sie aus diesem Grund den Patienten zu regelmäßiger Bewegungstherapie durch Rückenschule und Wirbelsäulengymnastik. Übungen, die die Rücken- und Bauchmuskulatur ausgleichend stärken sowie bestehende Haltungsfehler korrigieren, sollten im Mittelpunkt der Bewegungstherapie stehen. Weisen Sie den Patienten darauf hin, dass Schonung hingegen die Rückenmuskulatur schwächt und weitere Schmerzereignisse begünstigt.
Ist der Patient übergewichtig, ist eine Normalisierung des Gewichts anzustreben.

Physikalische Therapie

In der Regel sind Wärmeanwendungen (z. B. Rotlichtbestrahlungen, Wärmeflasche) sehr hilfreich, da sie muskelentspannend und schmerzlindernd wirken. Raten Sie aufgrund der besseren Tiefenwirkung vorzugsweise zu feucht-warmen Anwendungen, wie z. B. zu Bädern und Heublumenpackungen.

Phytotherapie

Um Schmerzen zu lindern und den Stoffwechsel zu regulieren, werden zur inneren Anwendung schmerzlindernde und stoffwechselanregende Pflanzen, wie z. B. die Eschenrinde (Fraxini cortex) oder Pappelrinde/-blätter (Populi cortex/folium), auch in Kombination (z. B. Phytodolor® Tinktur) eingesetzt. Sie wirken analgetisch, entzündungshemmend sowie fiebersenkend.
Verordnen Sie zur Anregung des Stoffwechsels zusätzlich Löwenzahnwurzel mit -kraut (Taraxaci radix cum herba Abb. 14.31) und Brennnesselkraut/-blätter (Urticae herba/-folium).
Schmerzlindernd und muskelentspannend wirkende ätherische Öle sind zur äußeren Anwendung zu empfehlen, wie z. B.: Arnikaöl (Arnicae atheroleum), Johanniskrautöl (Hyperici aetheroleum), Rosmarinöl (Rosmarini aetheroleum), Eukalyptusöl (Eucalypti aetheroleum), die in Kombinationen (z. B. Dolo Cyl® Öl) ihre Wirkung ergänzen und verstärken.

Traditionelle Chinesische Medizin

Aus Sicht der TCM werden Lumbalgien durch verschiedene Syndrome, wie z. B. eine Feucht-Kälte-Retention oder ein Nieren-Mangel-Syndrom verursacht. Die Differenzierung erfolgt nach Schmerzqualität, Modalitäten sowie nach den Begleitsymptomen.
Pseudoradikuläres LWS-Syndrom

Pseudoradikuläres LWS-Syndrom: Schmerzsyndrom im LWS-Bereich mit diffuser (dermatomübergreifender) Ausstrahlung in ein oder beide Beine, das durch Irritation der sensiblen Versorgungsäste der kleinen Wirbel- oder Kreuzdarmbeingelenke wie bei Degeneration (z. B. Spondylarthrose), bei Bandscheibenprotrusion, Spondylolisthesis, muskulärem Ungleichgewicht oder bei Blockierung des Kreuzdarmbeingelenks entsteht.

Symptome und Diagnostik
Meist treten akute Schmerzen im LWS-Bereich auf, die vom Rücken über das Gesäß in die Leiste oder bis zum Knie ausstrahlen. Aber auch ein schleichender Beginn der Beschwerden ist möglich.
Die körperliche Untersuchung kann (segmentale) Bewegungseinschränkungen, Myogelosen oder eine reflektorische Verspannung der Rückenmuskulatur aufweisen. Die orientierende neurologische Untersuchung zeigt keine Reflexausfälle und keine Nervendehnungsschmerzen (Lasègue negativ). Zu einer Beurteilung der LWS gehören immer eine Untersuchung der gesamten Wirbelsäule, eine Untersuchung der Kreuzdarmbeingelenke und des Beckenstands sowie eine Funktionsprüfung der Hüftgelenke.
Bei erstmaligen Beschwerden, verändertem Beschwerdecharakter oder bei länger bestehendem und bisher röntgenologisch nicht abgeklärtem LWS-Syndrom sollten Sie eine röntgenologische Abklärung veranlassen.
Differenzialdiagnose
Zunächst müssen Sie das pseudoradikuläre LWS-Syndrom:pseudoradikuläresLWS-Syndrom von einem radikulären LWS-Syndrom (z. B. durch einen Bandscheibenvorfall) abgrenzen, ggf. überweisen Sie den Patienten zum CT oder MRT.
Wichtigste orthopädische Differenzialdiagnose des pseudoradikulären LWS-Syndroms sind Erkrankungen des Hüftgelenks, v. a. die Koxarthrose. In selteneren Fällen kann auch eine Gonarthrose mit einem LWS-Syndrom verwechselt werden. Folgende nicht-orthopädische Erkrankungen sind auszuschließen: Leistenbruch, Erkrankungen der Nieren und der ableitenden Harnwege sowie Erkrankungen der Prostata und gynäkologische Erkrankungen.
Schulmedizinische Therapie
Je nach Akuität verordnet der Arzt zunächst nichtsteroidale Antirheumatika und Muskelrelaxanzien. Langfristig sind bei gesicherter Ursache meist physikalische Maßnahmen indiziert, wie z. B. Wärme, Elektrotherapie, Massagen und v. a. rumpf- und rückenstabilisierende Krankengymnastik, evtl. mit Extensionsbehandlung (Strecktherapie) am Schlingentisch und Chirotherapie.
Bandscheibenvorfall und -vorwölbung

Bandscheibenvorfall (Bandscheibenprolaps, Diskusprolaps, Diskopathie): Vorwölbung (Protrusion) bzw. Austritt von Bandscheibengewebe (Prolaps) in die Zwischenwirbellöcher oder den Wirbelkanal mit Kompression der Spinalnervenwurzeln oder des Rückenmarks selbst; häufigste Ursache eines Nervenwurzelsyndroms (typische Symptomkombination bei Schädigung einer Nervenwurzel).

Krankheitsentstehung
Durch ein Missverhältnis zwischen (Fehl) Belastung und Belastbarkeit im Zusammenspiel mit Alterungsvorgängen der Bandscheibe (Abnahme des Flüssigkeitsgehalts und der Elastizität des Nucleus pulposus, Rissbildung im Anulus fibrosus) wölbt sich der Anulus fibrosus vor (Protrusion Abb. 9.106) oder treten Anteile des Nucleus pulposus in die Zwischenwirbellöcher oder den Spinalkanal (Prolaps Abb. 9.106). Dadurch werden die Nervenwurzeln bzw. das Rückenmark komprimiert. Es kann sich auch ein Teil der Bandscheibe ganz lösen (Sequester).

Merke

Am häufigsten tritt der Bandscheibenvorfall zwischen L 4 und L 5 sowie zwischen L 5 und S 1 auf; Bandscheibenvorfälle der HWS und BWS sind selten.

Symptome
Oft wird das Krankheitsbild durch eine ruckartige Bewegung, insbesondere plötzliches Drehen oder schweres Heben bei gebeugtem Rumpf ausgelöst.
Die DiskusprolapsKrankheitszeichen Diskopathiebeim lumbalen Prolaps sind:
  • akute Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in das Versorgungsgebiet derBandscheibenprolaps, -vorfall bzw. -vorwölbung betroffenen Wurzel (z. B. L 5: Außenseite Unterschenkel, Fußrücken, Großzehe), die sich bei Husten, Pressen oder Niesen verstärken; der Patient spricht wegen des plötzlichen Einsetzens der Schmerzen oft von „Hexenschuss“ oder „Ischias“, obwohlProtrusion:Bandscheibe der Ischiasnerv selbst nicht betroffen sein muss

  • bandartige Sensibilitätsstörungen im betroffenen Gebiet, die oft vom Patienten nicht bemerkt werden

  • Lähmung bestimmter Kennmuskeln (Prolaps:BandscheibeMuskeln, deren Lähmung auf die Schädigung eines bestimmten Rückenmarksegments hinweist), z. B. bei L 5 der Fußhebermuskeln; in schweren Fällen lässt der Patient dabei den Fuß beim Gehen auf dem Boden schleifen.

Diagnostik
Bei der Sequester:BandscheibeUntersuchung fallen die fehlenden Patellar- und Achillessehnenreflexe (Tab. 9.19) sowie zusätzlich eine Schonhaltung (Abb. 9.107), eingeschränkte Beweglichkeit und Klopfschmerz der Wirbelsäule auf. Oft besteht ein Nervendehnungsschmerz (Lasègue-Zeichen 23.3.2), und der Fersen- bzw. der Zehenstand ist nicht möglich.
Bei Verdacht auf Bandscheibenvorfall überweisen Sie den Patienten zum Orthopäden oder Neurologen; dieser sichert die Diagnose durch CT oder MRT.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Falls keine oder nur geringfügige neurologischen Ausfälle vorliegen, ist die Behandlung konservativ mit Stufenbettlagerung (Abb. 9.108), Schmerzmitteln, muskelentspannenden Medikamenten, lokalanästhetischen Injektionen und physikalischen Maßnahmen.
Bleibt die konservative Behandlung trotz konsequenter Durchführung erfolglos, wird operiert. Die offene OP, bei der für den Zugang zur Bandscheibe Teile des Wirbelbogens entfernt werden müssen, wird mehr und mehr abgelöst von weniger komplikationsträchtigen mikrochirurgischen Operationsverfahren. Dazu gehören die mikrochirurgische Entfernung der Bandscheibe (perkutane Diskektomie) oder das mikrochirurgische Abtragen von Bandscheibenmaterial über eine Spül-Saug-Drainage (perkutane Nukleotomie). Ein Kaudasyndrom muss schnellstmöglich operiert werden.
In bestimmten Fällen kann die Bandscheibe auch durch Einspritzung eines Enzyms aufgelöst werden (Chemonukleolyse).
Leben mit Rückenschmerzen
Viele Patienten haben ihr Leben lang „Probleme mit dem Rücken“. Jede unvorsichtige Bewegung oder einseitige Belastung rächt sich durch Rückenschmerzen. Um solchen Patienten zu helfen (und zur Prophylaxe von Rückenschmerzen), werden vielerorts sog. Rückenschulen angeboten. In diesen Kursen lernen die Teilnehmer, wie sie durch richtiges Heben und spezielle Rückengymnastik die Rückenmuskulatur stärken und so Kaudasyndromdie Wirbelsäulenstabilität verbessern könnenNotfall:Kaudasyndrom\"\ (Abb. 9.109). Diese Übungen müssen allerdings auch zuhause regelmäßig Kaudasyndrom:Erstmaßnahmen\"\durchgeführt werden und erfordern daher eine hohe Motivation des Patienten und viel Selbstdisziplin.

Erstmaßnahmen bei Kaudasyndrom

Bei Schädigung der Cauda equina (3.2.2) entwickelt sich ein Kaudasyndrom Diskektomie mit Sensibilitätsstörungen in der NukleotomieAnalregion und an der Oberschenkelinnenseite (Reithosenanästhesie), schlaffen Lähmungen der unteren Extremität, Blasen- und Mastdarm- sowie bei Männern Potenzstörungen. ChemonukleolyseDiese Patienten müssen unverzüglich in eine neurochirurgische Klinik eingeliefert und innerhalb von sechs Stunden operiert werden, da die Schäden sonst irreversibel sind!

Grundregel für Patienten mit Rückenproblemen ist, dass ReithosenanästhesieRuhe und Aktivität einander abwechseln sollen. Langes Sitzen, angespannte Körperstellungen und Hyperlordose („Durchdrücken“) der LWS verstärken die Rückenschmerzen.
Das Bandscheibenleiden ist meist ein chronisch-rezidivierendes Geschehen. Durch konsequente konservative Therapie gelingt es oft, eine OP zu vermeiden. Ist eine OP nötig, so ist bei ca. 90 % der Patienten mit einem sehr guten bis zufriedenstellenden Ergebnis zu rechnen.

Merke

Die Rückenschule beinhaltet: Bewegung, Training der Wirbelsäulenmuskulatur, Sporttreiben (v. a. Schwimmen, Radfahren, Laufen), Geradehalten des Rückens, beim Bücken in die Hocke zu gehen, keine schweren Gegenstände zu heben und Lasten dicht am Körper zu halten.

Spondylolyse und Spondylolisthesis

Spondylolyse: Spaltbildung im Wirbelbogen zwischen oberem und unterem Gelenkfortsatz.

Spondylolisthesis (Wirbelgleiten): Abgleiten des Wirbels nach vorn, in der Regel im unteren LWS-Bereich; wahrscheinlich durch mechanische Faktoren (Überbelastung) und anlagebedingte Fehlbildung des Wirbelbogens verursacht (Abb. 9.110).

Spondyloptose: völliges Abrutschen eines Wirbels nach vorn.

Symptome und Diagnostik
Etwa 50 % der Spondylolysen und Spondylolisthesen (kurz: Olisthesen) Rückenschulesind asymptomatisch und werden zufällig diagnostiziert.
Verdächtig sind belastungsabhängige Rückenschmerzen, bei Wurzelkompression treten neurologische Ausfälle hinzu. Betroffen sind überwiegend Leistungssportler mit Hyperlordosierungsbelastung der LWS, z. B. Speerwerfer (ca. 50 %), Kunstturner und Delphinschwimmer (jeweils ca. 25 %).
Bei der Untersuchung tasten Sie bei ausgeprägtem Gleiten eine Stufe zwischen den Dornfortsätzen. Zur weiteren Diagnostik (Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule, evtl. CT oder MRT) überweisen Sie den Patienten zum Orthopäden.
Schulmedizinische Therapie
Bei einer Spondylolyse oder Wirbelgleitenbei geringer, asymptomatischer Spondylolisthesis Spondyloptosewird unter Kontrollen abgewartet. Bei Schmerzen ist eine konservative Behandlung mit Krankengymnastik und Miederanpassung angezeigt.
Bei Erfolglosigkeit der konservativen SpondylolyseTherapie, raschem Fortschreiten der Erkrankung Spondylolisthesisoder neurologischen Ausfällen ist eine operative Stabilisierung der Wirbelsäule erforderlich.

Morbus Scheuermann

Morbus Scheuermann (Scheuermann-Krankheit): Wirbelkörperreifestörung an Grund- und Deckplatten der BWS, betrifft meist Jungen in der Pubertät; Bandscheibengewebe bricht in den Wirbelkörper ein (Schmorl-Knötchen), es kommt zur Schädigung der Bandscheiben, zur Wirbeldeformierung und zur Entwicklung einer fixierten Kyphose.

Als Ursache diskutiert wird ein gestörter Knorpelstoffwechsel; die Erkrankung hat einen autosomal dominanten Erbgang mit familiärer Häufung.

Symptome und Diagnostik
Die Verdachtsdiagnose wird durch die Untersuchung gestellt: Es besteht eine fixierte Kyphose, meist im BWS-Bereich (Abb. 9.111). Ursache ist eine Verkürzung der ventralen Muskeln. Eine Verkürzung anderer Muskelgruppen (z. B. ischiokrurale Muskeln) ist möglich. Besonders starke und rückenbelastende Arbeit in der Jugend bzw. Sportarten führen zur Verstärkung der Kyphosetendenz. Die Einteilung erfolgt anhand des Kyphosewinkels und ist abhängig vom Fixationsgrad, wobei eine keilförmige Deformierung wenigstens eines Wirbelkörpers mit mehr als 5° Neigung gefordert wird. Nur ca. ⅓ der Betroffenen hat Beschwerden.
Schulmedizinische Therapie
Bei leichten Formen reichen konsequent durchgeführte krankengymnastische Übungen mit Kräftigung der Rückenmuskulatur sowie Scheuermann-Krankheitaufrichtende Sportarten wie Rückenschwimmen. Bei schweren Formen Schmorl-Knötchenwird ein Korsett angepasst. Eine OP ist nur ganz selten indiziert, etwa bei Beeinträchtigung der Herz-Morbus:ScheuermannLungen-Funktion durch die Kyphose.
Die Prognose ist in der Regel gut. Meist kommt die Erkrankung nach dem 18. Lebensjahr von selbst zum Stillstand. Die Mehrzahl der Patienten ist im Alltag nicht beeinträchtigt. Berufe mit häufigem Heben schwerer Lasten sollten jedoch nicht gewählt werden. In schweren Fällen können degenerative Wirbelsäulenveränderungen im Erwachsenenalter Schmerzen bereiten.

Erkrankungen des Schultergürtels und der oberen Extremität

Thoracic-Outlet-Syndrom

Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS): mechanische Schädigung des Armplexus und der ihn begleitenden Gefäße an anatomisch vorgegebenen Engpässen.

Krankheitsentstehung
Die drei vom Gefäßnervenstrang zu passierenden Engstellen sind die Prädispositionsstellen für die Entwicklung des Schultergürtel-Kompressionssyndroms. Begünstigend sind Halsrippen, fibröse Bänder anstelle von Halsrippen, verlängerte Querfortsätze des HWK 7 und eine Hypertrophie des M. scalenus.
  • Skalenussyndrom: Kompression des Plexus brachialis und der A. subclavia in der dreieckigen Skalenuslücke

  • Kostoklavikularsyndrom: Einengung des Gefäß-Nerven-Bündels, insbesondere des Plexus brachialis und der V. subclavia zwischen Klavikula und 1. Rippe

  • Hyperabduktionssyndrom (Pectoralis-minor-Syndrom): Druck des M. pectoralis auf den dahinter verlaufenden Plexus brachialis und die A. axillaris

Symptome und Diagnostik
Betroffene beklagen v. a. dumpfe, lage- Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS)und belastungsabhängige Brachialgien, die beim Tragen schwerer Gegenstände zunehmen. Sensibel und motorisch kann ein C8-Syndrom vorliegen. Da der untere Armplexus und dessen Wurzeln in unmittelbarer Nachbarschaft der Subklaviagefäße liegen, kann die Haut blass sein.
Ja nach Lokalisation werden verschiedene Provokationstests durchgeführt, die Parästhesien auslösen. Durchgeführt Skalenussyndromwerden zudem Doppler-Sonografie zum Ausschluss von Stenosen, Röntgen der Thoraxapertur (Thoraxöffnung) zum Ausschluss knöcherner Engpässe sowie eine Arteriografie.
Schulmedizinische Therapie
KostoklavikularsyndromZunächst sind die auslösenden Bewegungen zu meiden und die Schulterhebemuskulatur zu stärken. Eine Operation ist nur indiziert bei nachgewiesenen Zirkulationsstörungen oder neurologischen Defiziten.Hyperabduktionssyndrom

Periarthropathia humeroscapularis

Periarthropathia humeroscapularis (PHS): unpräziser Sammelbegriff für verschiedene degenerative Erkrankungen der Schulterregion.

Zur PHS gehören Läsionen der Pectoralis-minor-SyndromRotatorenmanschette und der Supraspinatussehne durch Verkalkungsherde, Erkrankungen des unterhalb des Akromions gelegenenen Schleimbeutels und der Gelenkkapsel (Schultersteife durch Kapselfibrose).
Häufige Symptome der PHs sind in die Schulter projizierte Schmerzen (Differenzialdiagnose 9.4.7). Ein zervikobrachiales Syndrom (unteres HWS-Syndrom) muss abgegrenzt werden; hier bestehen Nacken-, Schulter-, Arm- und evtl. Handschmerzen durch Wurzelreizung im Bereich C 4–C 7.
Supraspinatussehnensyndrom

Supraspinatussehnensyndrom (SSP-Syndrom, syn. Impingement-Syndrom): Reizzustand der Sehne des M. supraspinatus mit bewegungsabhängigen Schulterschmerzen.

Engpass-Syndrom (Impingement-Syndrom): zwischen dem Ansatz der Supraspinatussehne am Tuberculum majus und dem Akromion, insbesondere bei Abduktion des Armes zwischen 60° und 120°.

Krankheitsentstehung
Degenerative Veränderungen der Supraspinatussehne führen zu einem mechanischen Reizzustand der Sehne und evtl. der Bursa subacromialis (Schleimbeutel zwischen Akromion und Schultergelenkkapsel). Die Minderdurchblutung des Sehnenansatzes wird durch Herabhängenlassen des Arms verstärkt.
Symptome und Diagnostik
Meist kommen die Patienten erst im Periarthropathia humeroscapularis (PHS)chronifizierten Stadium zu Ihnen.
Leitsymptom ist ein bewegungsabhängiger Schulterschmerz (auch nachts). Typischerweise schmerzen die Abduktion gegen Widerstand sowie das Anheben (Elevation) der Schulter. Häufig besteht ein sog. Painful Arc (schmerzhafter Bogen Abb. 9.112), und der Patient kann den Arm Syndrom:zervikobrachialesnicht in 90°-Abduktion bei gleichzeitigem Druck von oben halten (Supraspinatustest).
Die schulmedizinische Diagnostik zeigt meist eine unauffällige Röntgenaufnahme des Schultergelenks, hingegen Impingement-SyndromAuffälligkeiten bei CT und MRT, und in der Sonografie stellen sich evtl. eine verdünnte Sehne oder Kalkeinlagerungen dar.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
SupraspinatussehnensyndromIn der überwiegenden Mehrzahl der Fälle reicht eine konservative Behandlung aus: vorübergehende Belastungsreduktion im Schulterbereich, Kälte- (im akuten) bzw. Wärmeanwendungen (im chronischen Stadium), Elektrotherapie, krankengymnastische Übungen sowie evtl. Gabe nichtsteroidaler Antirheumatika und/oder lokale Infiltrationen in den Hauptschmerzpunkt.
Operative Maßnahmen zur Dekompression der Supraspinatussehne sind nur selten erforderlich. Ca. 90 % der Patienten sind nach konservativer Behandlung beschwerdefrei oder zumindest beschwerdearm.
Schmerzhafte Schultersteife

Schmerzhafte Schultersteife (Frozen shoulder): Fibrosierung (Bindegewebsvermehrung) und Schrumpfung der Gelenkkapsel mit schmerzhafter Bewegungseinschränkung des Gelenks; Altersgipfel 40.–60. Lebensjahr.

Krankheitsentstehung
Bei der primären (idiopathischen) Schultersteife ist die Ursache unbekannt. Es kann ein Zusammenhang bestehen z. B. mit Trauma bei Zervikalsyndrom, Herzinfarkt, Hemiplegie sowie mit der SupraspinatustestEinnahme von Barbituraten. Häufiger ist die sekundäre Schultersteife als Folge z. B. einer Tendinitis calcarea (Abb. 9.113), einer Omarthrose (Arthrose des Schultergelenks), eines Traumas oder nach Immobilisation.
Symptome und Diagnostik
Die Erkrankung zeigt sich v. a. durch Schmerzen und Bewegungseinschränkung hauptsächlich bei Außenrotation und Abduktion. Die primäre Schultersteife hat einen typischen stadienhaften Verlauf mit Schmerzen in der Frühphase, die zunächst bevorzugt nachts auftreten und zunehmender Bewegungseinschränkung bei abnehmenden Schmerzen in der Spätphase, bevor die Beweglichkeit der Schulter langsam zurückkehrt. Die Beweglichkeit nimmt meist 5–6Frozen shoulder Monate nach Erkrankungsbeginn zu, die (fast) physiologische Schultersteife, schmerzhafteSchulterfunktion wird nach 1–3 Jahren erreicht. Die Diagnose wird anhand der Symptomatik und Sonografie gestellt.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Die Schultersteife wird konservativ behandelt, meist mit stadienangepassten krankengymnastischen Übungen, manueller Therapie sowie Massagen (umstritten) und Hydrotherapie im Spätstadium. Bei starken Schmerzen können Schmerzmittelgabe und/oder lokalanästhetische Injektionen helfen. Evtl. kann eine schonende Mobilisation des Gelenks in Narkose mit nachfolgenden Bewegungsübungen den Krankheitsverlauf abkürzen. Die Krankheit ist zwar langwierig, in der Regel ist die Schulterfunktion aber nach 1–3 Jahren wieder (fast) normal.

Naturheilkundliche Therapie bei Periarthropathia humeroscapularis

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.4.1

Ab- und Ausleitungsverfahren

Schröpfen, Baunscheidtieren oder das Anbringen eines Cantharidenpflasters wirken schmerzlindernd, verbessern die Durchblutung und regen den Lymphfluss sowie die Ausleitung von Entzündungsstoffen an.
Schröpfen Sie, je nach Zustand des Patienten, die Schulterdreieckszone sowie den Nacken oder die obere Brustwirbelzone trocken (Leere-Zustand) oder blutig (Fülle-Zustand).naturheilkundliche Therapie:Periarthropathia humeroscapularis\"\ Eine gute Wirkung zeigt auch ein Cantharidenpflaster, das über der Hals- oder Brustwirbelsäule Periarthropathia humeroscapularis (PHS):naturheilkundliche Therapieangebracht wird oder Baunscheidtieren im Schulter-Nacken-Bereich.
Das Schulterdreieck, auch „Tonsillendreieck“ genannt, gilt als sog. Herdreflexzone: Bei chronischer Angina tonsillaris oder Sinusitis bilden sich hier oft Füllegelosen, die ihrerseits zu Schulterschmerzen führen können.

Biochemie nach Schüßler

Nr. 1 Calcium fluoratum wird im täglichen Wechsel mit Nr. 2 Calcium phosphoricum eingesetzt, ggf. in Kombination mit Nr. 11 Silicea.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung chronischer Schulterschmerzen sind häufig folgende konstitutionelle Mittel angezeigt: Bryonia, Calcium phosphoricum, Causticum, Ferrum metallicum, Ferrum phosphoricum, Kalium bichromicum, Ledum, Mercurius solubilis, Rhododendron, Sanguinaria, Sepia, Sulfur, Thuja. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Phönix® Hydragyrum spag.) eingesetzt, enthalten diese häufig Arnica (bei akuter Verletzung oder Überlastung, Bluterguss), Ferrum phosphoricum (bei Schmerzen in der linken Schulter) oder Ferrum metallicum (bei Schmerzen in der rechten Schulter).

Neuraltherapie

Setzen Sie mit einem Lokalanästhetikum Quaddeln in die schmerzhaften Punkte. Sie können dem Lokalanästhetikum auch eine homöopathische Injektionslösung (z. B. Traumeel® S) zufügen. Bewährt haben sich außerdem subkutane Injektionen in Akupunkturpunkte im Schulterbereich.

Phytotherapie

Verordnen Sie zur inneren Anwendung Pflanzen mit stoffwechselanregenden oder diuretischen Eigenschaften, wie z. B. Bittersüßstängel (Dulcamarae stipites Abb. 18.19), Löwenzahnwurzel mit -kraut (Taraxaci radix cum herba Abb. 14.31) und Brennnesselkraut/-blätter (Urticae herba/-folium Abb. 20.28).
Zur äußeren Anwendung sind v. a. Salben (z. B. Rosmarin 10 % Weleda®) geeignet, die Arnika- (Arnicae aetherolum Abb. 9.93) und Rosmarin- (Rosmarini aetherolum Abb. 11.31) oder Johanniskrautöl (Hyperici aetherolum Abb. 26.12) enthalten.
Auch capsaicinhaltige Externa, wie z. B. Thermo Bürger® Creme, kommen infrage.

Traditionelle Chinesische Medizin

Nach Auffassung der TCM werden chronische Schulterschmerzen durch ein sog. Bi-Syndrom, d. h. durch Verletzungen oder Überlastungen mit einer lokalen Blut- oder Qi-Stagnation sowie durch das Eindringen pathogener Faktoren wie Wind, Kälte oder Feuchtigkeit hervorgerufen. Die Differenzierung erfolgt u. a. nach Schmerzlokalisation und Art der Bewegungseinschränkung.
Tendinitis calcarea, Bursitis subacromialis

Tendinitis calcarea: reaktive Kalkablagerungen in Sehnenansätzen bei Minderdurchblutung der Rotatorenmanschette des Schultergelenks (in 90 % Supra- und Infraspinatus).

Chronische Bursitis subacromialis: Ausdehnung des Kalkherds bis an die Oberfläche der Sehne und mechanische Irritation der Bursa subacromialis (Schleimbeutel zwischen Akromion und Schultergelenkkapsel).

Akute Bursitis subacromialis: Durchbrechen des Kalkdepots in die Bursa.

Symptome und Diagnostik
Die Tendinitis calcarea bereitet in der Regel keine Beschwerden. Der Patient klagt bei der chronischen Bursitis subacromialis über chronisch-rezidivierende Schmerzen ähnlich denen bei einem Supraspinatussehnensyndrom.
Bei einer akuten Bursitis subacromialis hat der Patient einen starken Dauer- und Druckschmerz in der gesamten Schulterregion, am stärksten vor dem Tuberculum majus des Oberarmknochens. Wegen der Schmerzen bewegt er die Schulter kaum. Die Gelenkkonturen sind evtl. verstrichen und die Haut ist überwärmt. Der Painful Arc (Abb. 9.112) und der Supraspinatustest sind schmerzbedingt fast nicht zu überprüfen.
Zur Diagnosesicherung überweisen Sie den Patienten zur Sonografie zum Orthopäden.
Schulmedizinische Therapie
Tendinitis:calcareaAufgrund der hohen Selbstheilungstendenz (die Kalkherde Bursa(ae):subacromialislösen sich oft innerhalb von Wochen oder Monaten spontan auf) ist die Behandlung zunächst konservativ.
Bei der chronischen Tendinitis:calcareaBursitis werden physikalische Therapiemaßnahmen, Ultraschall und lokale Bursitis:subacromialisInjektionen eingesetzt. Bei Erfolglosigkeit ist eine Stoßwellenbehandlung ähnlich der Lithotrypsie bei Nierensteinen möglich.
Bei der akuten Bursitis sind Kälte- und Elektrotherapie angezeigt. Medikamentös werden starke Schmerzmittel und nichtsteroidale Antirheumatika gegeben.
Eine operative Entfernung des Kalkherds ist bei Erfolglosigkeit der konservativen Therapie angeraten.

Tennis- und Golferellenbogen

Tennisellenbogen (Epicondylitis [humeri] radialis): umschriebenes Schmerzsyndrom am Ursprung der radialen Unterarm- und Fingerstrecker.

Golferellenbogen (Werferellenbogen, Epicondylitis [humeri] ulnaris): umschriebenes Schmerzsyndrom am Ursprung der ulnaren Hand- und Fingerbeuger.

Krankheitsentstehung
Beide Schmerzsyndrome, die bevorzugt im 4. Lebensjahrzehnt auftreten, sind meist Folge einer Überbeanspruchung (monotone Tätigkeiten) mit Degeneration der entsprechenden Muskelansätze und nachfolgender Bildung eines degenerativen Granulationsgewebes. Häufig liegt die Ursache z. B. in Fehlstellungen entfernter Gelenke (HWS, BWS, Schulter).
Symptome und Diagnostik
Die Patienten klagen über Schmerzen im Bereich der Humerusepikondylen, i. d. R. im Anschluss an monotone Tätigkeiten. Schmerzausstrahlung in den ellenbogennahen Ober- und Unterarm ist möglich.

Merke

Die Schmerzen können durch bestimmte Bewegungen provoziert werden:

  • Beim Tennisellenbogen treten die Schmerzen bei Pronation und Handgelenkstreckung sowie bei der Mittelfingerstreckung gegen Widerstand auf (Abb. 9.114).

  • Beim Golferellenbogen rufen Supination und Handgelenkbeugung gegen Widerstand die Schmerzen hervor.

Bei der Untersuchung stellen Sie einen umschriebenen Druckschmerz über dem jeweiligen Epikondylus fest.

Schulmedizinische Therapie und Prognose
Die Behandlung ist primär konservativ: Meiden der auslösenden TätigkeitTennisellenbogen, physikalische Maßnahmen, Salbenverbände und evtl. Epicondylitis humeri:radialisInfiltrationen des Sehnenansatzes mit einem Lokalanästhetikum-Glukokortikoid-GolferellenbogenGemisch. Begleitende Physiotherapie und ein Werferellenbogenkonsequentes Eigentraining sind wichtig. Evtl. kann eine sog. Epicondylitis humeri:ulnarisEpikondylitisspange oder eine spezielle Bandage helfen, die den Sehnenansatz durch Änderung der Zugrichtung an der Sehne entlasten. Zeigen diese Maßnahmen keinen Erfolg, ist eine Ruhigstellung z. B. mittels Gipsschiene über ca. zwei Wochen angezeigt. Nur bei mehrmonatiger Therapieresistenz kommen verschiedene OP-Methoden in Betracht.
Die Prognose ist in der Regel gut. Der Patient sollte aber die verursachenden, monotonen Tätigkeiten auch nach Abklingen des akuten Beschwerdebilds meiden, da es sonst zu einem Rezidiv kommt.

Naturheilkundliche Therapie bei Tennis- und Golferellenbogen

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.4.2

Grundsätzlich sollten Sie ihr Augenmerk nicht nur auf den erkrankten Ellenbogen richten: Aus naturheilkundlicher Sicht können auch eine Fehlstellung oder degenerative Erkrankungen des Schultergelenks in einer Art „Kettenreaktion“ zu Ellenbogenschmerzen führen.

Ab- und Ausleitungsverfahren

Baunscheidtieren des betroffenen Ellenbogenbereichs naturheilkundliche Therapie:Tennis-/Golferellenbogen\"\sowie im Bereich des Trapezius hat sich bei Schmerzen bewährt. Alternativ kann auch ein Tennis-/Golferellenbogen:naturheilkundliche TherapieCantharidenpflaster direkt über dem schmerzhaften Areal angebracht werden.

Homöopathie

Golfer-/Tennisellenbogen:naturheilkundliche TherapieEine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung des Tennisellenbogens sind oftmals folgende Konstitutionsmittel angezeigt: Arnica, Bryonia, Ledum, Rhus toxicodendron, Ruta (Abb. 9.115). Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Traumeel® S) eingesetzt, enthalten diese häufig Rhus toxicodendron (bei Überanstrengung, steifem und schmerzhaftem Gelenk), Symphytum (bei Verletzungen des Periosts und des Knochens) oder Ruta (bei Folgen von Traumen, Nässe und Kälte).

Manuelle Therapie

Achten Sie auf vorliegende Fehlstellungen der Wirbelsäule, insbesondere von HWS und oberer BWS und beziehen Sie in die Behandlung immer die benachbarten Gelenke ein.

Neuraltherapie

Setzen Sie mit einem Lokalanästhetikum Quaddeln sowohl im Bereich des Ellenbogengelenks als auch im Bereich der druckschmerzhaften Punkte. Achten Sie darauf, dass Sie immer die benachbarten Gelenke sowie HWS und BWS in Ihr Behandlungskonzept einbeziehen.

Physikalische Therapie

Bei akuten Beschwerden ist die betreffende Region ruhigzustellen und z. B. durch feucht-kalte Umschläge oder Eisbeutel zu kühlen. Im späteren Verlauf sollten Sie dem Patienten aktive und passive Bewegungsübungen empfehlen. Bei chronischen Beschwerden sind Wärmeanwendungen, wie z. B. feucht-heiße Wickel oder Vollbäder, die Therapie der Wahl.

Phytotherapie

Schmerzlindernd wirken Auflagen und Umschläge mit Beinwellwurzel (Symphyti radix [Abb. 9.116] z. B. Kytta-Plasma® f). Bei entzündlichen Prozessen wirkt Beinwellwurzel abschwellend und schmerzlindernd. Sie fördert auch die Kallusbildung nach Knochenbrüchen.

Traditionelle Chinesische Medizin

Aus Sicht der TCM treten die Beschwerden als Folge von Überanstrengung und einer Wind-Kälte-Invasion auf. Die Differenzierung erfolgt v. a. nach der Schmerzlokalisation. Eine Behandlung, die Fern- und Lokalpunkte kombiniert, hat sich bewährt.

Engpasssyndrome peripherer Nerven

Periphere Nerven können in verschiedenen Bereichen, v. a. der oberen und unteren Extremität, durch Kompression geschädigt werden. Die wichtigsten sind das Supinatorlogensyndrom, das Sulcus-ulnaris-Syndrom und das Karpaltunnelsyndrom (9.10.5).
Supinatorlogensyndrom

Supinatorlogensyndrom: Schädigung des N. radialis im Muskelkanal des M. supinator durch stumpfe Unterarmtraumen, (Monteggia-)Frakturen, Tumoren, lokalisierte Fibrose, aber auch vermehrte Belastung des M. supinator.

Im Vordergrund stehen motorische Ausfälle, Schwäche der Streckmuskeln, ausstrahlende Schmerzen vom Epicondylus radialis humeri bei Auswärtsdrehung gegen Widerstand und lokalisierter Druckschmerz distal des Speichenköpfchens.
Meist helfen konservative Maßnahmen (Schonung, lokale Kortisoninjektionen), in anderen Fällen erfolgt eine operative Dekompression.
Sulcus-ulnaris-Syndrom

Sulcus-ulnaris-Syndrom: Schädigung des N. ulnaris im Sulkus am medialen Epicondylus humeri durch stumpfe Traumen (Musikantenknochen), Frakturen des distalen Oberarms, direkte Druckschädigung bei längerer Bettlägerigkeit, fehlerhafter Lagerung des Patienten auf dem OP-Tisch, Ganglien, chronische Polyarthritis.

Als erste Krankheitszeichen treten meist Parästhesien auf, danach folgen motorische Ausfälle der Handbinnenmuskulatur und der Fingerbeuger IV und V, elektrisierender Schmerz im Ulnarisgebiet bei Beklopfen des Nervs im Sulkus. Diagnosesichernd ist das positive Froment-Zeichen: Ein Blatt Papier kann zwischen Daumen (Ausfall des MEngpasssyndrome. adductor pollicis) und Zeigefinger nicht mehr festgehalten werden; als Ersatz wird der M. flexor pollicis longus (N. medianus) eingesetzt und das DaumenendgelenkSupinatorlogensyndrom stark gebeugt.
Meist ist eine operative Therapie angezeigt.

Erkrankungen der Hand

Karpaltunnelsyndrom

Karpaltunnelsyndrom (Medianuskompressionssyndrom): durch Kompression des N. medianus im Karpaltunnel (Abb. 9.30) hervorgerufene sensible und motorische Störung im Versorgungsgebiet des Nerven im Handbereich; am häufigsten bei Frauen zwischen dem 50.–60. Lebensjahr.

Krankheitsentstehung
Bei der besonders bei Frauen vorkommenden idiopathischen Form ist die Ursache unbekannt. Als Auslöser kommen aber auch Verletzungen oder degenerative Veränderungen des Handgelenks infrage. Aufgrund der erhöhten Ödemneigung in der Schwangerschaft tritt es mitunter in den letzten Monaten der Schwangerschaft auf.
Symptome und Diagnostik
Sulcus-ulnaris-SyndromDie Krankheit beginnt mit leichten Syndrom:Sulcus-ulnaris-SyndromKribbelparästhesien und Taubheitsgefühl der Fingerspitzen (v. a. des Zeige- und Mittelfingers) und dadurch beeinträchtigter Greiffunktion. In der Folgezeit entwickelt sich das typische Bild nächtlicher Armschmerzen (Brachialgia nocturna) und Parästhesien: Der Patient wacht nachts auf, weil die Hand (bzw. bei beidseitigem Befall beide Hände) kribbelt und schmerzt.
Die Schmerzen können bis zur Schulter ausstrahlen. Oft bessern sich die MedianuskompressionssyndromParästhesien durch Heben oder sanftes Schütteln der Hand. Auch Reiben und Massieren bringen zwar kurzfristig Erleichterung, doch kehren die Beschwerden Karpaltunnelsyndromnach erneuter Ruhe zurück. Besonders morgens Syndrom:Karpaltunnelsyndromhaben die Kranken große Probleme, Gegenstände zu greifen. Bei längerdauernder Erkrankung kommt es zur sichtbaren Atrophie der vom N. medianus versorgten Daumenballenmuskulatur.
Zur Abklärung überweisen Sie den Patienten zum Orthopäden. Zur Objektivierung der Störung wird die Nervenleitgeschwindigkeit des N. medianus gemessen und evtl. ein EMG angefertigt.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Zeigt eine konservative Behandlung mit nächtlicher Ruhigstellung des Handgelenks auf einer Schiene und Glukokortikoidinfiltration des Karpaltunnels nicht den gewünschten Erfolg, wird das Retinaculum flexorum (Sehnenfach der Fingerbeuger) operativ gespalten und der N. medianus entlastet. Die OP führt bei über Brachialgia nocturna90 % der Patienten zu einer subjektiven Besserung. Viele Patienten sind praktisch unmittelbar postoperativ schmerzfrei.

Naturheilkundliche Therapie bei Karpaltunnelsyndrom

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.4.3

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur Behandlung des Karpaltunnelsyndroms ist oft eines der folgenden Konstitutionsmittel angezeigt: Aconitum, Calcium phosphoricum, Magnesium phosphoricum, Natrium muriaticum. Charakteristisches Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel eingesetzt (z. B. Ruta Gastreu® N R55), enthalten naturheilkundliche Therapie:Karpaltunnelsyndrom\"\diese häufig Ruta (bei Bildung von Ablagerungen in den Sehnen, besonders an den Karpaltunnelsyndrom:naturheilkundliche TherapieHandgelenken), Arnica (bei Folgen von Verletzungen, auch lange zurückliegend; Kälte des Unterarms, „Rheumatismus“ der Sehnen) oder Hekla Lava (bewährte Indikation bei Karpaltunnelsyndrom; Neigung zu Exostosen).

Manuelle Therapie

Achten Sie auf Fehlstellungen und Blockaden der Wirbelsäule insbesondere im Bereich des zervikothorakalen Übergangs. Darüber hinaus empfiehlt sich eine osteopathische Behandlung der Handgelenke sowie sanfte Einreibungen, z. B. mit Lymphdiaral® DS Salbe.

Neuraltherapie

Setzen Sie mit einem Lokalanästhetikum Quaddeln kreisförmig um das Handgelenk und über den Processus styloideus (9.2.6). Durch die zusätzliche Infiltration des palmaren Bandapparats werden Schmerzen gelindert und Parästhesien beseitigt.

Orthomolekulare Therapie

Als flankierende Maßnahme ist der Einsatz von B-Vitaminen (B1 + B6) sinnvoll, z. B. Milgamma® 100.

Traditionelle Chinesische Medizin

Aus Sicht der TCM handelt es sich beim Karpaltunnelsyndrom um ein sog. Bi-Syndrom, das durch die Invasion pathogener Energien wie Wind oder Kälte ausgelöst wird und mit einer lokalen Blut- und Qi-Stagnation einhergeht. Häufig ausgewählte Akupunkturpunkte sind Perikard 6 und 7, Dreifacher-Erwärmer 3 und 5 sowie Dickdarm 4. Empfindet der Patient Wärmeanwendungen als angenehm, können Sie den Blut- und Qi-Fluss auch durch Moxibustion anregen.
Morbus Dupuytren

Morbus Dupuytren (Dupuytren-Kontraktur): Knoten- und Strangbildung der Palmaraponeurose mit zunehmender Beugekontraktur der Finger; betrifft Männer wesentlich häufiger als Frauen, Altersgipfel nach dem 50. Lebensjahr; Ursache unklar, gehäuftes Vorkommen bei Leberzirrhose und Diabetes mellitus.

Symptome und Diagnostik
Der Patient bemerkt, dass er die Finger im Mittel- und Endgelenk nicht mehr strecken kann (Abb. 9.117). Meist sind der Klein- und der Ringfinger zuerst betroffen. In fortgeschrittenen Stadien sind die Knoten und Stränge deutlich tastbar, und der Patient ist durch die Funktionsausfälle der Hand erheblich behindert. Die Diagnose wird anhand der Symptomatik und Untersuchung gestellt.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Die einzig wirksame Behandlung besteht in der operativen Entfernung der in die Deformierung einbezogenen Palmaraponeurose. Postoperativ sind intensive krankengymnastische Bewegungsübungen erforderlich, um die Handbeweglichkeit während der mehrmonatigen Narbenbildung zu erhalten.
Besonders bei ungenügender Radikalität des Eingriffs erleiden bis zu 50 % der Patienten ein Rezidiv.
Schnellender Finger

Schnellender Finger (Digitus saltans): ruckartiges, teilweise schmerzhaftes Schnappen des Fingers bei Beugung und Streckung.

Durch Überlastung oder degenerative Veränderung verdicktDupuytren-Kontraktur sich das Ringband an der Sehnenscheide der Fingerbeuger im Bereich des Fingergrundgelenks. Dadurch Morbus:Dupuytrenkommt es zu einer knotigen Verdickung der Sehne in Höhe des Ringbands, sodass die Gleitfähigkeit der Sehne an dieser Stelle behindert ist. Beim Beugen (und beim Wieder-Strecken) des Fingers tritt ein Widerstand auf, der durch stärkeren Sehnenzug überwunden werden kann. Dann kommt es zu dem typischen Schnapp-Phänomen, und der Patient hat im Bereich des Mittelhandköpfchens Schmerzen.
Schulmedizinisch wird zunächst ein Lokalanästhetikum und Glukokortikoid-Gemisch injiziert; bei Erfolglosigkeit wird die Enge operativ beseitigt.

Erkrankungen der Hüfte und der unteren Extremität

Hüftgelenkarthrose

Hüftgelenkarthrose (Koxarthrose, Coxarthrose): Sammelbezeichnung für degenerative Veränderungen des Hüftgelenks mit schmerzhafter Funktionsminderung.

Krankheitsentstehung
Primäre Koxarthrosen machen ca. ⅓ aller Fälle aus, hier ist die Ursache unklar. Die Patienten sind bei Krankheitsbeginn meist über 50 Jahre alt. Bei den übrigen ⅔ handelt es sich um Digitus saltanssekundäre Koxarthrosen als Folge von z. B. angeborener Hüftgelenkdysplasie, Finger:schnellenderBeckenschiefstand oder -verwringung, bakterieller Hüftgelenkentzündung, rheumatischer Erkrankung, Trauma oder Morbus Perthes. Auch Fehlstellungen des Schenkelhalses (Coxa valga: zu großer Schenkelhals-Schaft-Winkel oder Coxa vara: zu kleiner Winkel) können zum vorzeitigen Verschleiß der Hüfte führen. Die sekundären Koxarthrosen sind häufiger einseitig und beginnen früher als die primäre Form.
Symptome und Diagnostik
Die Patienten klagen über zunehmende Schmerzen in der Leisten-, Trochanter- und Gesäßregion sowie über KoxarthroseBewegungseinschränkungen, z. B. Schmerzen beim Treppaufsteigen. Die SchmerzenCoxarthrose strahlen oft in die Oberschenkel- und Knieregion aus.
Da die Patienten auf die Beugekontraktur der Hüfte mit einerHüftgelenk:Arthrose verstärkten Lordose der LWS reagieren, treten nicht selten Schmerzen im LWS-Bereich hinzu.

Tipp

Etwa 20 % der Patienten mit Hüfterkrankungen klagen primär über Knieschmerzen!

Die Untersuchung zeigt ein typisches Hinken, einen Klopf- und Druckschmerz in der Leiste und am Trochanter sowie eine Bewegungseinschränkung der Hüfte, wobei die Innenrotation besonders früh beeinträchtigt ist.
Zur Abklärung (Röntgen-Beckenübersichtsaufnahme Abb. 9.118) überweisen Sie den Patienten zum Orthopäden.
Schulmedizinische Therapie
In der Regel wird die Koxarthrose so lange wie möglich konservativ behandeltCoxa:valga. Operative Therapien werden erst nach Ausschöpfung aller konservativen Coxa:varaMöglichkeiten eingesetzt. Ausnahme ist die frühzeitige operative Korrektur von Fehlstellungen bei sekundären Koxarthrosen, um ein Fortschreiten der Arthrose zu verlangsamen. Zahlreiche Formen des Gelenkersatzes sind möglich, z. B.: Totalendoprothese (TEP) mit künstlichem Gelenkkopf und künstlicher Gelenkpfanne oder Hemiendoprothese (HEP) mit Kopfendoprothese, aber ohne künstliche Pfanne (Abb. 9.87).

Angeborene Hüftdysplasie

Angeborene Hüft(gelenk)dysplasie: Entwicklungsstörung der Hüftpfanne – mit postnataler Entwickung einer (Teil-)Luxation des Hüftgelenks; mit ca. 4 % häufigste angeborene Skelettfehlbildung, bei Mädchen sechsmal häufiger, in 40 % beidseitig.

Die angeborene Hüft(gelenk)dysplasie ist höchstwahrscheinlich multifaktoriell bedingt, d. h., auf eine Kombination mehrerer Faktoren zurückzuführen. Dabei ist die Rolle exogener Faktoren, z. B. einer Geburt aus Beckenendlage, noch nicht endgültig geklärt.
Bei der Geburt ist in der Regel nur die Dysplasie der Hüftpfanne vorhanden: Die Hüftpfanne ist zu flach und zu steil, der Hüftkopf aber noch nicht luxiert. Erst nach der Geburt kommt es durch die fehlende Zentrierung des Hüftkopfs in der Gelenkpfanne unter Einfluss von Muskelzug und (später) statischer Belastung zu einer weitergehenden Deformierung der Gelenkpfanne und Totalendoprotheseeiner zunehmenden (Teil-)Luxation (Luxation = Verrenkung).
TEP (Totalendoprothese)Unmittelbar nach der Geburt ist das Kind beschwerdefrei. Erst mit Beginn des Laufens fällt ein hinkender bzw. bei beidseitiger Hüftdysplasie Hemi-Endoprotheseein watschelnder Gang auf. Eine möglichst frühzeitige Erkennung der Hüftdysplasie ist jedoch sehr wichtig, weil diese in den ersten Hüftgelenk:DysplasieLebensmonaten ohne großen Aufwand behandelt werden kann.

Merke

Klinische Zeichen einer (einseitigen) Hüftdysplasie beim Säugling sind (Abb. 9.119):

  • Ortolani-Zeichen, d. h. ein spür- und hörbares Schnappen, wenn die erkrankte Hüfte in Beugung, Außenrotation und Abduktion passiv bewegt wird

  • Abspreizbehinderung der erkrankten Hüfte

  • Faltenasymmetrie an Oberschenkel und Gesäß

  • Beinverkürzung

Bei Verdacht auf eine Hüftdysplasie überweisen Sie das Kind Hüftdysplasiean den Kinderarzt, der durch eine Sonografie der Hüfte die Diagnose sichert.
Je früher die Behandlung einsetzt, umso weniger invasiv ist die Therapie und umso besser ist die Prognose. Oft genügen schon breites Wickeln oder eine Spreizhose, um den Hüftkopf zu zentrieren und die regelrechte Ausbildung der Gelenkpfanne zu ermöglichen. In fortgeschrittenen Fällen sind eine Reposition des Hüftkopfs und anschließend korrigierende Gipsverbände erforderlich.
Kommt es zu einer Hüftkopfnekrose (Häufigkeit bei schonender Therapie 5 %) oder wird die Erkrankung nicht behandelt, entwickelt sich eine frühzeitige Koxarthrose.

Beinachsenfehlstellungen

Genu varum: O-Bein, in leichter Ausprägung bei Säuglingen physiologisch.

Genu valgum: X-Bein, in leichter Ausprägung im 2.–5. Lebensjahr physiologisch.

Bedeutung haben angeborene oder erworbene Beinachsenfehlstellungen Beinachsenfehlstellungen v. a. durch die Gonarthrose (Kniegelenkarthrose), die aufgrund der ungleichmäßigen Belastung entsteht. Die Diagnose wird durch die Inspektion gestellt (Abb. 9.120). Zur weiteren Therapie schicken Sie den Patienten zum Orthopäden.
Therapeutisch sind bei geringen Fehlstellungen das Ausüben geeigneter Sportarten (z. B. Schwimmen), evtl. krankengymnastische Übungen und Schuhaußen- bzw. -innenranderhöhung Spreizhosezu empfehlen. In ausgeprägten Fällen sind operative Korrekturen erforderlich.
Die Prognose ist ursachenabhängig. Bei Kindern kommt es nicht selten zu einer guten Spontankorrektur.

Erkrankungen des Kniegelenks

Meniskuserkrankungen

Meniskuserkrankungen: degenerative Schädigung und/oder traumatisch bedingter Einriss der Menisken im Kniegelenk; Männer sind doppelt so häufig betroffen wie Frauen; Meniskusschäden begünstigen die Entwicklung einer Gonarthrose!

Krankheitsentstehung
Die meisten Meniskuserkrankungen entstehen durch degenerative Veränderungen der Menisken. Dann führen bereits Genu:varumgeringe Gewalteinwirkungen, die das Ausmaß physiologischer O-BeinBelastungen kaum überschreiten, zum Einriss des Genu:valgumMeniskus.
Traumatisch bedingte Meniskusverletzungen sind v. a. X-Beinbei jüngeren Menschen zu beobachten
Symptome und Diagnostik
Die Symptome bei degenerativen Meniskusveränderungen sind oft unspezifisch: Die Patienten klagen über belastungsabhängige Schmerzen im Knie, Streckhemmung und häufig über Einklemmungserscheinungen bei bestimmten Bewegungen.
Durch die Schonung des Beins kann die Oberschenkelmuskulatur atrophieren.
Frische Meniskusverletzungen zeigen sich durch starke Schmerzen, eine Bewegungseinschränkung des Kniegelenks sowie evtl. Einklemmungserscheinungen (v. a. eine Streckhemmung) und einen Kniegelenkerguss („tanzende Patella“ Abb. 9.59).
Die verschiedenen Meniskustests (9.3.2, Abb. 9.62) beruhen meist auf einer Schmerzprovokation durch Kompression des lädierten Kniegelenk:ErkrankungenMeniskus. Negative Meniskustests bedeuten aber nicht, dass die Meniskus:ErkrankungenMenisken intakt sind. Die Kombination verschiedener Tests erhöht die Aussagekraft. In der Diagnostik von Meniskusschäden hat die Kernspintomografie (MRT 3.8.2) die bisher übliche Arthroskopie verdrängt.
Schulmedizinische Therapie
Wird mittels MRT ein Meniskusriss nachgewiesen, erfolgt eine arthroskopische Operation. Je nach Befund wird eine Meniskusteilresektion (teilweise Entfernung des Meniskus), eine totale Meniskektomie oder eine Meniskusrefixation (Annähen des Meniskus) durchgeführt.
Eine konservative Behandlung durch Gipsruhigstellung und Entlastung des Knies ist nur selten sinnvoll.
Kreuzbandruptur

Kreuzbandruptur: Kreuzbandriss aufgrund indirekter Gewalteinwirkung, meist als Folge von Fußball- oder Skiverletzungen.

Der Patient hat Schmerzen, das Knie schwillt an, und es bildet sich ein Kniegelenkerguss. Oft ist aber noch eine Restbelastungsfähigkeit vorhanden.
Die Diagnose wird durch körperliche Untersuchung (positives Schubladenphänomen), (gehaltene) Röntgenaufnahmen und ggf. Gelenkpunktion sowie Arthroskopie gestellt.
Bei einer Kreuzbanddehnung oder Teilruptur sowie bei älteren Patienten und länger zurückliegender Verletzung wird meist konservativ behandelt.
Bei jüngeren Patienten, insbesondere Sportlern, und kombinierten Verletzungen wird das verletzte Kreuzband genäht und evtl. zusätzlich verstärkt.
Baker-Zyste

Baker-Zyste (Poplitealzyste): flüssigkeitsgefüllte Ausstülpung der dorsalen Gelenkkapsel am Kniegelenk.

Die Baker-Zyste entsteht meist durch eine Läsion des medialen Meniskus. Der Patient leidet an leicht ziehenden Schmerzen in der Kniekehle, Druckgefühl und Müdigkeit im Bein. Ferner bestehen MeniskektomieSchwellung, Fluktuation (wellenförmige Flüssigkeitsbewegungen in der Zyste) Meniskus:Refixationund Bewegungseinschränkung. Nach der Diagnosestellung mittels Sonografie und Arthroskopie wird die Baker-Zyste operativ entfernt.
Chondropathia patellae

Chondropathia patellae (femoropatellares Schmerzsyndrom): sehr häufige, ätiologisch nicht vollständig geklärte, schmerzhafte Knorpeldegeneration an der Gelenkfläche der Kniescheibe, v. a. im Jugendalter.

Symptome
Die Jugendlichen klagen über meist beidseitige Schmerzen Kreuzbandrupturbei oder nach längerer Kniebeugung oder Treppensteigen. Nachgeben des Knies oder Blockierungsphänomene sind häufig.
Therapie
Die schulmedizinische Behandlung ist primär konservativ mit krankengymnastischen Übungen zur Kräftigung der Muskulatur, physikalischen Maßnahmen, Bandagen sowie ggf. der Gabe nichtsteroidaler Antirheumatika.
Die Patienten sollten längeres Sitzen mit gebeugten Knien und sportliche Überlastung vermeiden. Erst nach PoplitealzysteAusschöpfenBaker-Zyste aller konservativen Maßnahmen wird eine OP erwogen. Je nach Schweregrad der Veränderungen werden zur Entlastung operativ Bänder durchtrennt oder in schwersten Fällen die Kniescheibe entfernt.
Bei Auftreten im Jugendalter heilt die Erkrankung oft spontan aus. Bei Erwachsenen ist der Übergang in eine Femoropatellararthrose häufig.
Gonarthrose

Gonarthrose: Arthrose des Kniegelenks, meist aufgrund einer Beinachsenfehlstellung (Abb. 9.121). Häufigste Arthrose im Bereich der großen Gelenke; fast jeder über 70-Jährige hat arthrotische Veränderungen der Kniegelenke.

Einteilung
Je nachdem, welche Gelenkanteile des Knies betroffen sind, unterscheidet man:
  • die bevorzugt medial oder Schmerzsyndrom:femoropatellareslateral lokalisierte Gonarthose

  • die Retropatellararthrose (Femoropatellararthrose) mit hauptsächlichem Chondropathia patellaeBefall des femoropatellaren Gelenkanteils

  • die Pangonarthrose, bei der alle drei Gelenkanteile verändert sind

Symptome und Diagnostik
Die Patienten klagen über Gelenksteife und uncharakteristische Gelenkschmerzen, z. B. beimTreppablaufen, die langsam zunehmen. Oft sind die Beschwerden wetterabhängig.

Tipp

Bei Kniebeschwerden muss immer eine Hüfterkrankung ausgeschlossen werden. Ca. 20 % der.

Patienten mit Hüfterkrankungen klagen primär über Kniebeschwerden. Ein erster Hinweis auf die Ursache kann das Beschwerdebild sein: Patienten mit einer Erkrankung des Hüftgelenks haben eher Schmerzen beim Treppaufsteigen, bei Patienten mit Erkrankung des Kniegelenks sind die Schmerzen meist beim Treppablaufen größer.

Zur röntgenologischen Abklärung (Abb. 9.122) und zum Ausschluss anderer Erkrankungen überweisen Sie den Patienten zum Orthopäden.
Schulmedizinische Therapie
Zunächst werden die Beschwerden konservativ gelindert mit Krankengymnastik, physikalischen Maßnahmen und orthopädietechnischen Möglichkeiten (z. B. Schuhinnenranderhöhung bei Varusgonarthrose). Im akuten Schub (aktivierte Gonarthrose) verordnet der Arzt Gonarthroseentzündungshemmende Maßnahmen: Kühlung, Ruhigstellung und antiphlogistische Salben und Medikamente.
In bestimmten Fällen erfolgt eine operative Therapie, z. B. Korrektur von Varusstellungen (O-Stellung) oder Valgusstellungen (X-Stellung), RetropatellararthroseImplantation einer Gelenkendoprothese oder Versteifung des Gelenks (Arthrodese).

Fußdeformitäten

Hallux valgus
Bei dieser sehr häufigen, meist erworbenen ZehendeformierungPangonarthrose weicht die Großzehe im Grundgelenk zur Fußaußenseite ab (Ballenfuß) und das Großzehenendglied liegt quer unter oder über den anderen Zehen (Abb. 9.123). Hauptsächlich betroffen sind Frauen mittleren und höheren Lebensalters. Durch die Subluxationsstellung der Großzehenbasis steht das Mittelfußköpfchen nach medial vor (Pseudoexostose), und es kommt zu einer Arthrose im Großzehengrundgelenk. Der chronische Druck im Bereich der Pseudoexostose führt zu einer Bursitis (Schleimbeutelentzündung), die sich bei Entstehung einer Drucknekrose durch Eindringen von Bakterien zu einer eitrigen Bursitis ausweiten kann. Beschwerdefreiheit auf Dauer ist meist nur durch eine OP zu erzielen.
Hammerzehe
Bei einer Hammerzehe (Hallux malleus) ist das Zehenendgelenk gebeugt bei gleichzeitiger Streckung im Zehengrundgelenk, sodass die Zehenkuppe verstärkt auf den Boden drückt. Hammer- und auch Krallenzehen (Abb. 9.124) entstehen meist als Fußdeformitätensekundäre Deformierung, etwa bei einem Spreizfuß. Die Hallux:valgusPatienten bekommen Hühneraugen (Einz. Clavus, Mehrz. Clavi) und Schwielen auf den Zehen und klagen dann über starke Schmerzen. Bei großem Leidensdruck kann Beschwerdefreiheit nur durch eine OP Ballenfußerzielt werden.
Krallenzehe
Hierunter versteht man die Überstreckung im Zehengrundgelenk bis zur (Sub-)Luxation bei Beugung des Mittel- und Endglieds. Dadurch besteht keine Bodenberührung mehr. Symptome und TherapiePseudoexostose wie bei Hammerzehe.
Spreizfuß
Der Spreizfuß (Pes transversoplanus) ist die häufigste erworbene Fußdeformität: der Vorfuß ist verbreitert und das Quergewölbe (Abb. 9.125) abgeflacht. Die Patienten klagen über Schmerzen im Vorfußbereich. Druck auf die Mittelfußköpfchen kann schmerzhaft sein, die Schwielenbildung an der Fußsohle ist Hammerzehedort deutlich vermehrt. Das Zusammenpressen Hallux:malleusder gespreizten Zehen in Konfektionsschuhen führt zu schmerzhaften Krallen- und Hammerzehen, Hühneraugen sowie am Großzeh zum Hallux valgus. Behandlungsziel ist die Entlastung der Mittelfußköpfchen durch eine spezielle Spreizfußeinlage.
Knickfuß
Beim ClavusKnickfuß (Pes valgus) handelt es sich um eine erworbene Fußdeformität mit Valgusstellung des Rückfußes (Abb. 9.126); in schweren Fällen mit Abflachung des Fußlängsgewölbes (Knick-Plattfuß) und Vorfußabweichung nach medial (KrallenzeheVorfußadduktion). Die Patienten haben z. T. brennende Schmerzen in der Knöchelregion und an der Fußsohle. Bei Beschwerden im Erwachsenenalter verordnet der Orthopäde Einlagen.
Hohlfuß
Unter einem Hohlfuß (Pes cavus) versteht man eine meist erworbene Deformität des Fußes (Abb. 9.126Spreizfuß) mit Verstärkung des Pes:transversoplanusFußlängsgewölbes (Gegenteil vom Plattfuß). Die Patienten klagen über Schmerzen durch Überlastung des Vorfußes. Bei der Untersuchung findet sich neben der typischen Erhöhung des Längsgewölbes häufig auch eine Supination des Rückfußes bei gleichzeitiger Vorfußpronation. Die Zehen sind häufig ebenfalls deformiert. In leichten Fällen ist eine orthopädietechnische Versorgung ausreichend. Oft ist jedoch durch eine konservative Therapie das Fortschreiten der Deformierung nicht Knickfußaufzuhalten und wegen der Beschwerden eine OP sinnvoll.
Spitzfuß und Hängefuß
Pes:valgusDer Spitzfuß (Pes equinus) ist eine meist erworbene fixierte Plantarflexion des Fußes im oberen Sprunggelenk (Abb. 9.126). Dadurch berührt die Ferse nicht den Boden. Beim Gehen kann der Fuß nicht aktiv angehoben werden. Bei einem Spitzfuß aufgrund einer Kontraktur wird das Bein „zu lang“, und der Patient muss „auf den Zehenspitzen“ laufen. Einen Spitzfuß, der durch Fußheberlähmung (z. B. bei einer Schädigung des N. peroneus) zu einer schlaffen Lähmung führt, Hohlfußbezeichnet man auch als Hängefuß. Hier hängt der Fuß herabPes:cavus, und der Patient hebt das Knie bei jedem Schritt stark an, um das Schleifen des Fußes auf dem Boden zu verhindern (Steppergang). Vielfach ist der Spitzfuß durch konservative Maßnahmen beeinflussbar. Bei erfolgloser konservativer Therapie oder einer Restdeformität kann ein Spitzfuß operativ behandelt werden.
Plattfuß und Senkfuß
Ein Plattfuß (Pes planus) ist meist eine erworbene Abflachung des Fußlängsgewölbes mit medialseitigem Aufliegen der Fußsohle (Abb. 9.126). Der Vorfuß steht in Adduktion, der Rückfuß in Valgusstellung. Beim Senkfuß handelt es sich um Spitzfußeine leichtere Ausprägung eines Plattfußes. HängefußKrankheitswert hat ein Plattfuß nur beiPes:equinus Beschwerden. Behandelt wird durch aktive Fußgymnastik, meist in Kombination mit speziellen Einlagen.
Sichelfuß
Ein Sichelfuß (Pes adductus) ist ein sichelförmig in Adduktion stehender, kontrakter Vorfuß mit Abflachung des Längsgewölbes (Abb. 9.125 und Abb. 9.126). Es besteht eine kontrakte, C-förmige Krümmung des Fußes. In schweren Fällen steht der Fuß in typischer Bajonettstellung (spitzwinkliger Knick). Die Behandlung erfolgt mittels manueller Korrektur mit Steppergang:bei Hängefußanschließender Fixation durch (Gips-)Verbände. Bei verspätetem Behandlungsbeginn kann – selten – eine OP erforderlich sein.
Hackenfuß
Beim Hackenfuß (Pes calcaneus) liegt eine Fehlstellung desPlattfuß Fußes in Richtung Fußrücken vor, Senkfußwodurch die Ferse deutlich vorsteht und nun tiefster Punkt des Beins Pes:planusist (Abb. 9.126Pes:planus). Bei der Untersuchung steht der Fuß „nach oben geschlagen“, wobei der Fußrücken die Vorderseite des Unterschenkels berühren kann. Der angeborene Hackenfuß korrigiert sich meist innerhalb weniger Wochen nach der Geburt spontan. Unterstützend wirkt eine manuelle Korrektur. Lediglich in ausgeprägten Fällen ist eine Gips- oder Schienenbehandlung nötig.
Klumpfuß
Der SichelfußKlumpfuß (Pes equinovarus adductus supinatus et Pes:adductusexcavatus) ist eine angeborene, passiv nicht ausgleichbare, komplexe Fußdeformität, die aus folgenden Einzelfehlstellungen zusammengesetzt ist: Spitzfuß, Supination des gesamten Fußes, Sichelfuß und Hohlfuß (Abb. 9.127). Die Entstehung der Klumpfußdeformität ist unklar.
Die Therapie beginnt unmittelbar nach der Geburt. Zunächst wird der Klumpfuß vorsichtig mit der Hand in Richtung normale Fußform gebracht (manuelle Redression); dieses Korrekturergebnis wird dann mittels HackenfußRedressionsgips gehalten. Regelmäßiger Gipswechsel und Pes:calcaneusweitere Redression ca. bis zum 3. Lebensmonat, dann Schienenbehandlung. Evtl. muss noch eine Spitzfußkorrektur durch operative Achillessehnenverlängerung erfolgen.

Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises

Der veraltete und ungenaue, aber jedem bekannte Überbegriff „Rheuma“ stammt aus einer Zeit, als die Ursachen rheumatischer Erkrankungen noch völlig im Dunkeln lagen. Er leitet sich vom griech. rheumatismos ab und bezeichnet den fließenden, ziehenden Schmerz, vom KlumpfußVolksmund „Reißen“ genannt, der viele rheumatische Erkrankungen kennzeichnet.
Pes:equinovarus adductus et excavatusHeute ist „Rheuma“ eine Sammelbezeichnung für verschiedenste Erkrankungen, die sich in Beschwerdebild, Verlauf, Therapie und Prognose sehr unterscheiden. Zu den rheumatischen Erkrankungen gehören nicht verletzungsbedingte Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates sowie (immunogen bedingte) Entzündungen des Bindegewebes (Kollagenosen) oder der Gefäße (Vaskulitiden).

Merke

Viele rheumatische Erkrankungen bleiben nicht auf den Bewegungsapparat beschränkt, sondern greifen innere Organe, die Augen oder die Haut an, sind also Allgemeinerkrankungen mit bevorzugtem Befall des Bewegungsapparats.

Zu den Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises gehören z. B.:
  • rheumatoide RedressionsgipsArthritis (9.12.1)

  • seronegative Spondylarthritiden (Rheumafaktor und antinukleäre Antikörper sind im Blut nicht nachweisbar) wie z. B. der Morbus Bechterew (9.12.2), Arthritis psoriatica oder Morbus Reiter (9.6.2)

  • Kollagenosen (9.12.3) wie progressive systemische Sklerodermie oder systemischer Lupus erythematodes

  • rheumatische Erkrankungenrheumatisches Fieber (9.12.4)

  • Erkrankungen der Weichteile (9.7)

Meist werden die reaktiven RheumaArthritiden (Gelenkerkrankungen in Zusammenhang mit einer Infektion) und z. T. auch die degenerativen Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen dem rheumatischen Formenkreis zugeordnet.
Die Gicht (15.8) ist eine Stoffwechselerkrankung, die sekundär zu rheumatischen Beschwerden führt. Sie zählt nicht zu den klassischen rheumatologischen Erkrankungen, obwohl die auftretenden Gelenkschmerzen und -zerstörungen heftiger sein können als bei rheumatischen Krankheiten.
Bei rheumatischen Erkrankungen kommt es zu folgenden typischen Beschwerden.
  • Gelenkschmerzen (Arthralgien 9.4.3) sind das Leitsymptom rheumatischer Erkrankungen. Nur in Ausnahmefällen, z. B. bei Weichteilrheumatismus oder Kollagenosen, empfinden Patienten ihre Schmerzen nicht in oder an den Gelenken. Die Kombination aus Anlauf- und Belastungsschmerz ist typisch für degenerative Gelenkerkrankungen (Arthrose 9.6.1). Der Nacht- oder Ruheschmerz hingegen ist charakteristisch bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (9.12.1). Die Ursache des Schmerzes ist noch nicht genau geklärt. Wahrscheinlich führen Autoimmunreaktionen mit Ablagerungen von Antigen-Antikörper-Komplexen zur Entzündung der Synovialis (Gelenkinnenhaut), worauf diese zu wuchern beginnt und sich wie ein Keil in das Gelenk hineintreibt (Pannusbildung).

  • Gelenkschwellungen (9.4.2) entstehen bei entzündeten Gelenken, z. B. bei Arthritis oder einer aktivierten Arthrose. Die entzündete Synovialis produziert ein Sekret, das sich im Gelenkinneren sammelt und zum Erguss führt. Durch diesen Gelenkerguss und die folgende Weichteilschwellung sind die Gelenkkonturen verstrichen, die Beweglichkeit ist eingeschränkt, und die Haut über dem Gelenk ist erwärmt und Gelenkschmerzen:rheumatische Erkrankungenevtl. gerötet.

  • Gelenksteifigkeit und -deformitäten. Der entzündliche Erguss enthält knorpelschädigende Substanzen, die langfristig zuerst den Knochen abbauen und später die gelenkbildenden Knochenflächen zerstören. Knorpel- und Knochendestruktion verursachen ihrerseits Fehlstellungen des Gelenks mit Lockerung des Bandapparates, was dem Patienten zusätzliche Schmerzen bereitet und im weiteren Verlauf zur völligen Gelenkversteifung führen kann.

  • Sehnen- und Schleimbeutelschmerzen. Die Entzündung greift oft auch auf die benachbarten Strukturen über. Oft leiden Rheumapatienten außerdem unter Schleimbeutelentzündungen (Bursitiden 9.7.2) oder Sehnen- und Sehnenscheidenentzündungen (Tendinitis bzw. Gelenkschmerzen, rheumatische ErkrankungenTendovaginitis 9.7.1). Besonders bei den seronegativen Spondylarthritiden (9.12.2) kommt es zu sehr schmerzhaften Entzündungen der Sehnenansätze.

  • Begleitsymptome. Viele rheumatische Erkrankungen entwickeln Symptome an den Augen (z. B. Sjögren-Syndrom 9.12.3, Iridozyklitis 24.5.10), der Haut (Rheumaknoten Abb. 9.131, Psoriasis 18.7, Gelenksteifigkeit:rheumatische ErkrankungenSklerodermie 9.12.3) und an inneren Organen (z. B. Endokarditis 10.9.1).

  • Störungen des Allgemeinbefindens wie Schwächegefühl, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme und evtl. mäßiges Fieber begleiten die rheumatischen Erkrankungen, denn die Entzündungen betreffen den gesamten Organismus. Die Allgemeinsymptome können v. a. in akuten Phasen sehr stark sein. Hinzu treten psychische Probleme und evtl. Arzneimittelnebenwirkungen.

Rheumatoide Arthritis

Rheumatoide Arthritis ([progredient] chronische Polyarthritis, kurz cP bzw. pcP): chronisch-entzündliche, oft in Schüben verlaufende Erkrankung des Binde-, Stütz- und Muskelgewebes mit Manifestation v. a. an der Gelenkinnenhaut (Synovialis) und an gelenknahen Strukturen (z. B. Schleimbeuteln); häufigste (ca. 1 % der Bevölkerung) und bekannteste der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, betrifft Frauen dreimal häufiger als Männer, Altersgipfel 40. Lebensjahr.

Individuell unterschiedlicher, meist aber langsam fortschreitender Verlauf mit zunehmender Beweglichkeitseinschränkung und etwas verkürzter Lebenserwartung.

Krankheitsentstehung
Schleimbeutelschmerzen:rheumatische ErkrankungenUnbekannte Auslöser (evtl. Virusinfekte?) führen zu einer Autoimmunreaktion besonders gegenSehnenschmerzen:rheumatische Erkrankungen körpereigenes Gelenkgewebe. Das familiär gehäufte Auftreten der Erkrankung weist auf eine genetische Komponente hin. Die Gelenkinnenhaut reagiert mit Ergussbildung und wuchert tumorähnlich in das Gelenk hinein. Diese Entzündung zerstört und deformiert langfristig die Gelenke und bringt eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung mit sich. Im Endstadium versteifen die Gelenke oft völlig. Die Autoimmunreaktion kann sich aber auch an anderen Organen abspielen und dort entsprechende Symptome hervorrufen.
Symptome
Typisch für die rheumatoide Arthritis ist die Morgensteifigkeit der betroffenen Gelenke über mindestens eine Stunde. Die Gelenke sind geschwollen, überwärmt, druckschmerzhaft (Händedruck bei der Begrüßung) und schmerzhaft bewegungseingeschränkt. Die Gelenkkonturen sind durch Erguss und Polyarthritis:chronischeWeichteilschwellung verstrichen. Den Gelenksymptomen können uncharakteristische pcP (progredient] chronische Polyarthritis)Vorboten wie Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Abgeschlagenheit und vegetative Symptome (starkes Schwitzen) vorangehen.
Zunächst sind meist Arthritis:rheumatoidedie Handgelenke sowie die Fingergrund- und -mittelgelenke betroffen. Später treten größere Gelenke und evtl. die Wirbelsäule hinzu. Charakteristisch ist ein symmetrischer Befall der Gelenke beider Körperhälften.
Das quere Zusammendrücken der Finger- und/oder der Zehengrundgelenke schmerzt schon bei leichtem Druck. Dieser sog. Gaenslen-Handgriff liefert bereits im Frühstadium der rheumatoiden Arthritis diagnostische Hinweise, wenn noch keine anderen klinischen Zeichen vorhanden sind.
Die Zerstörung von Gelenken, Bändern und Sehnen hat langfristig meist Fehlstellungen zur Folge, die gerade an den Händen so typisch sind, dass man die Hände auch als „Aushängeschild“ eines Polyarthritikers bezeichnet.
Die wichtigsten Deformierungen einer länger bestehenden rheumatoiden Arthritis an den Händen sind (Abb. 9.128 bis Abb. 9.130):
  • Ulnardeviation: „Abwanderung“ der Finger in Richtung Handaußenkante (d. h. Ulna) durch Verschiebung der Gelenkflächen der Fingergrundgelenke (Subluxation)

  • Schwanenhalsdeformität: Überstreckung im Fingermittelgelenk bei gleichzeitiger Beugung im Endgelenk

  • Knopflochdeformität: Beugekontraktur im Mittelgelenk und Überstreckung im Endgelenk, also genau umgekehrt wie die Schwanenhalsdeformität

In vergleichbarer Weise kommt es an den Füßen zu Krallenbildung, Wanderung der Zehen in Richtung Fußaußenkante und Abflachung des Fußgewölbes. Bei Befall der Knie entwickelt der Patient oft O-Beine. Eine Instabilität der HWS kann zu Rückenmarkschäden führen.
Auffällig, aber harmlos sind die sog. Rheumaknoten, subkutane, harte Knötchen, die meist in Gelenknähe an der Ellenbogenstreckseite lokalisiert sind (Abb. 9.131).

Achtung

Das hier vorgestellte „klassische“ Erscheinungsbild darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich grundsätzlich an allen Extremitätengelenken Auftreibungen, Deformierungen, Fehlstellungen, Lockerungen und Muskelatrophien entwickeln können und der Verlauf insgesamt stark variiert. Häufig treten zusätzlich in den gelenknahen Bereichen Sehnenscheiden- und Schleimbeutelentzündungen auf.

Verlaufsformen bei Kindern
Die juvenile idiopathische (chronische, rheumatoide) Arthritis ist die häufigste chronische rheumatische Erkrankung des Kindesalters (UlnardeviationAltersgipfel der Erstmanifestation: Kindergarten- und Grundschulalter). Die juvenile idiopathische Arthritis verläuft extrem unterschiedlich. Durch die Nähe der Entzündungsherde zu den Wachstumsfugen kann es zusätzlich zu lokalen SchwanenhalsdeformitätWachstumsveränderungen kommen. Eine Sonderform ist der Morbus Still: Das Kind hat Fieberschübe, KnopflochdeformitätHautausschläge und evtl. Bauchschmerzen, wohingegen die Gelenkbeschwerden zunächst eher leicht und flüchtig sind. Der Arzt stellt eineKrallenbildung Vergrößerung von Lymphknoten, Leber und Milz fest, auch Herz- und Lungenbeteiligung sind möglich.
Komplikationen
Bei manchen Patienten befällt der rheumatisch-entzündliche Prozess auch die Gefäße und die inneren Organe, v. a. Herz, Lunge, Pleura (Brustfell), Nieren, ZNS, NervenRheumaknoten:rheumatoide Arthritis und Augen.
Wie bei anderen chronischen Entzündungen kann sich außerdem eine sekundäre Amyloidose (9.5.5) entwickeln. Hierbei lagern sich pathologische Eiweiße in den Organen ab und führen zu Magen-Darm-Beschwerden, Herz- und Niereninsuffizienz.
Diagnostik
Die Diagnose einer rheumatoiden Arthritis wird Arthritis:juvenile idiopathischehauptsächlich aufgrund der Anamnese, des körperlichen Befunds und des Röntgenbilds gestellt. Die Sonografie (3.8.2) hilft bei der Differenzierung zwischen einem Gelenkerguss und einer Gelenkinnenhautverdickung (Synovialitis) sowie bei der Verlaufsbeobachtung der Befunde. Die Computertomografie wird bei entzündlich-rheumatischer Erkrankung der Wirbelsäule Morbus:Stillbevorzugt; die Kernspintomografie (MRT 3.8.2) erlaubt eine optimale Beurteilung der Weichteilstrukturen des Gelenks. Die Knochenszintigrafie (3.8.2) zeigt das Verteilungsmuster und den Aktivitätsgrad der entzündlichen Vorgänge an den Gelenken, da das Radionuklid im Bereich der entzündeten Gelenke vermehrt eingelagert wird. Zur Abklärung überweisen Sie den Patienten zum Rheumatologen.

Naturheilkundliche Therapie bei rheumatoider Arthritis

Handbuch für die Naturheilpraxis 2.5.1

Naturheilverfahren können bereits bestehende Gelenkzerstörungen nicht mehr rückgängig machen. Allerdings ist es möglich, u. a. durch folgende Therapieverfahren Entzündungsprozesse abzumildern bzw. zum Stillstand zu bringen.

Ab- und Ausleitungsverfahren

Schröpfen, Baunscheidtieren und Cantharidenpflaster können hilfreich sein, dürfen aber nur im schubfreien Intervall durchgeführt werden.

Eigenbluttherapie

Um den Organismus tief greifend naturheilkundliche Therapie:rheumatoide Arthritis\"\umzustimmen, ist eine Eigenblutbehandlung in ansteigender Dosierung – 0,5–3 ml Blut – zu empfehlen. Bei Bedarf rheumatoide Arthritis:naturheilkundliche Therapiekönnen Sie eine homöopathische Injektionslösung, wie z. B. Cefarheumin® S oder JUV 110 Phönix, zufügen.
Im akuten Schub darf aufgrund der Gefahr einer heftigen Erstverschlimmerung keine Eigenbluttherapie durchgeführt werden!

Ernährungstherapie

Wissenschaftliche Untersuchungen und jahrzehntelange Erfahrung zeigen, dass diätetische Maßnahmen einen deutlichen Effekt auf rheumatische Erkrankungen haben. Insbesondere Heilfasten (unter therapeutischer Begleitung) und eine laktovegetabile Ernährung wirken sich oftmals vorteilhaft auf die Krankheitssymptomatik aus. Ursache dieser positiven Wirkung scheint die fehlende bzw. reduzierte Zufuhr von Arachidonsäure sein. Diese ungesättigte Fettsäure wird ausschließlich über tierische Nahrungsmittel (v. a. Fleisch, Wurstwaren und Eier) aufgenommen und führt im Organismus zur Entstehung von Entzündungsmediatoren wie Prostaglandine und Leukotriene.
Patienten mit rheumatoider Arthritis sollten daher den Anteil tierischer Fette in ihrer Ernährung reduzieren, d. h. maximal zweimal pro Woche eine kleine Mahlzeit Fleisch essen und genauso oft Seefisch. Ihre Patienten sollten zudem auf eine ausreichende Aufnahme kalziumreicher Lebensmittel achten, da sie erheblich Osteoporose gefährdet sind.

Enzymtherapie

Gute Ergebnisse liegen auch bei Einnahme von hoch dosierten antiphlogistisch wirksamen Enzymen vor, wie z. B. Bromelain-POS® Tabletten, die den entzündlichen Prozess positiv beeinflussen.

Homöopathie

Eine ausführliche Anamnese und Repertorisation führen zum Mittel der Wahl. Zur konstitutionellen Behandlung der rheumatoiden Arthritis können folgende Mittel angezeigt sein: Acidum nitricum, Apis mellifica, Bryonia, Calcium carbonicum, Calcium phosphoricum, Causticum, China, Cimicifuga, Colocynthis, Graphites, Ignatia, Kalium bichromicum, Kalium carbonicum, Kalium sulfuricum, Ledum, Lycopodium, Medorrhinum, Natrium muriaticum, Nux vomica, Phosphorus, Phytolacca, Rhus toxicodendron, Sulfur, Thuja (Abb. 9.132), Tuberkulinum. Charakteristische Allgemein- und Gemütssymptome können auch auf ein anderes konstitutionelles Mittel verweisen.
Werden Komplexmittel (z. B. Rheuma-Pasc® SL Tropfen oder Injektionslösung) eingesetzt, enthalten diese häufig Bryonia (bei heißen, geschwollenen Gelenken; sehr berührungsempfindlich), Berberis (bei wandernden Schmerzen; zur Ausleitung) oder Phytolacca (bei Gelenkrheuma nach Tonsillitis, nächtlichen Knochenschmerzen).

Mikrobiologische Therapie

Erfahrungsgemäß wirkt sich bei vielen Patienten mit rheumatoider Arthritis eine Darmsanierung mit mikrobiologischen Präparaten, z. B. Colibiogen®, positiv auf den Krankheitsverlauf aus.

Ordnungstherapie

Im akuten entzündlichen Stadium sind stärkere Bewegungsübungen zu meiden. Im nicht akuten Stadium sollte der Patient täglich auf schonende Weise seine Gelenke trainieren, z. B. durch Warmwasserschwimmen oder Spazierengehen auf weichem Boden.
Ist der Patient übergewichtig, ist eine Normalisierung des Gewichts anzustreben.
Klären Sie ab, ob potenzielle Störfelder v. a. im Bereich von Tonsillen und Darm vorliegen.

Orthomolekulare Therapie

Vitamin E fängt freie Sauerstoffradikale ab, die durch die Leukozyten in den rheumatischen Gelenken vermehrt gebildet werden, und hemmt unspezifische Entzündungsreaktionen.
Ebenso wichtig ist die gute Versorgung mit Vitamin C (antioxidativ, immunsteigernd), Selen (antioxidativ, reduziert Bildung von Entzündungsmediatoren) und Omega-3-Fettsäuren (reduziert Prostaglandine).
Bei rheumatoider Arthritis werden zudem Infusionen mit hoch dosiertem Vitamin C, z. B. Pascorbin® eingesetzt, um den oxidativen Stress und die Entzündung zu reduzieren.

Physikalische Therapie

Im akuten Stadium wirken kühlende Anwendungen, wie z. B. Umschläge mit Quark (Abb. 9.133) oder Heilerde, abschwellend, schmerzlindernd und entzündungshemmend.
Starke Reize, wie z. B. „cold packs“, sind nicht zu empfehlen, da sie als Reaktion auf den gesetzten Reiz die Durchblutung zu stark anregen.
Bei chronischer Polyarthritis mit geringer entzündlicher Aktivität sind hingegen warme Anwendungen, wie z. B. Bäder oder Umschläge zu empfehlen – vorausgesetzt der Patient empfindet dies als angenehm.

Phytotherapie

Um Schmerzen zu lindern sowie die Funktion des Gelenks zu verbessern, werden Pflanzen mit schmerzstillenden und entzündungshemmenden Eigenschaften sowie zur Anregung des Stoffwechsels ausleitend wirkende Heilpflanzen eingesetzt.
Schmerzlindernde und antiphlogistische Eigenschaften haben Weihrauch (Boswellia serrata) sowie die salicinhaltige Weidenrinde (Salicis cortex). Die Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix Abb. 9.134) wirkt ebenfalls entzündungshemmend.
Bittersüßstängel (Dulcamarae stipites Abb. 18.19) haben aufgrund der mild glukokortikoidartigen Eigenschaften eine entzündungshemmende Wirkung und regen zudem den Stoffwechsel an. Um Stoffwechselprodukte besser auszuleiten, sollten pflanzliche Diuretika, wie z. B. Löwenzahnwurzel mit -kraut (Taraxaci radix cum herba Abb. 14.31) sowie Brennnesselkraut/-blätter (Urticae herba/-folium Abb. 20.28) eingesetzt werden, die z. B. auch als Fertigpräparate (z. B. Nephrubin® N Tee, Schoenenberger Löwenzahn Heilpflanzensaft) verordnet werden können.
Die Unterstützung der Leberfunktion mit leberwirksamen Pflanzen, wie z. B. Mariendistelfrüchten (Cardui mariae fructus, Abb. 14.18), hat sich ebenfalls als sinnvoll erwiesen.
Der diagnostische Kriterienkatalog des American College of Rheumatology (kurz NCR) fasst die typischen Symptome zusammen. Die Diagnose einer rheumatoiden Arthritis wird bei Vorliegen von mindestens vier Amyloidose:sekundäreder folgenden Kriterien gestellt:
  • 1.

    Morgensteifigkeit der Gelenke von mindestens einer Stunde vor maximaler Besserung

  • 2.

    Arthritis in mindestens drei Gelenkregionen

  • 3.

    Arthritis der Fingergrund- oder mittelgelenke oder der Handgelenke

  • 4.

    symmetrischer Befall

  • 5.

    Rheumaknoten

  • 6.

    Rheumafaktoren positiv

  • 7.

    typische röntgenologische Veränderungen, z. B. gelenknahe Osteoporose, Usuren (kleine Knochendefekte unter dem Knorpel).

Die Symptome 1.–4. müssen dabei mindestens sechs Wochen bestehen, um zu gelten.
Die Blutuntersuchung ergibt positive Entzündungszeichen (erhöhte BSG, erhöhtes CRP), eine Anämie sowie den Nachweis von Rheumafaktoren (9.3.4) in ca. 70 % der Fälle, jedoch häufig noch nicht im ersten Jahr der Erkrankung. Antinukleäre Faktoren können bei ca. 20 % der Patienten nachgewiesen werden.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Heute weiß man, wie wichtig eine frühzeitige und effektive antientzündliche Therapie ist, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Zentrale Bedeutung kommt dabei den lang wirksamen Antirheumatika (9.12.4, Pharma-Info) und den Biologika zu, insbesondere niedrig dosiertem Methotrexat. Nichtsteroidale Antirheumatika (9.12.4, Pharma-Info) und Glukokortikoide (19.8.1, Pharma-Info) dienen nur der kurzfristigen Schmerz- und Symptomkontrolle in Phasen gesteigerter Krankheitsaktivität.
Das Einreiben der Gelenke mit kühlenden Gels oder durchblutungsfördernden Salben empfinden viele Patienten als Wohltat. Bei zahlreichen Präparaten ist der therapeutische Nutzen jedoch umstritten. Immer gleichberechtigt neben Usurender medikamentösen Therapie steht zum Erhalt der Gelenkfunktion ein individuelles Programm physikalischer Therapie. Kühlende (nicht jedoch eiskalte!) Packungen oder Wärmeanwendungen (Tab. 9.20) können Linderung bringen. Aktive und passive Bewegungstherapie sind unverzichtbare Säulen der Behandlung. Die richtige Lagerung der Gelenke ist besonders während eines Krankheitsschubs die wichtigste passive physiotherapeutische Maßnahme, um Kontrakturen in ungünstiger Stellung vorzubeugen und Schmerzen zu vermindern.
Häufig werden zur Fehlstellungsprophylaxe speziell angefertigte Schienen eingesetzt. Das Durchbewegen der Gelenke sowie die Kräftigung der Muskulatur sind überaus wichtig, um die Krankheitsfolgen so gering wie möglich zu halten. Hier sollten die Patienten immer wieder zum konsequenten Üben ermuntert werden. Die Ergotherapie (Beschäftigungs- und Arbeitstherapie) ist besonders für Patienten geeignet, die schon unter Funktionseinschränkungen der Gelenke leiden. Mit Hilfe von handwerklichen und künstlerischen Techniken werden Kraft, Geschicklichkeit und Funktion gefördert.
Sind die Schmerzen konservativ nicht zu beherrschen oder sind starke Fehlstellungen entstanden, werden operative Behandlungsverfahren erwogen, v. a. die Synovektomie (Entfernung der Gelenkinnenhaut), korrigierende Osteotomien (Herausschneiden eines Knochenkeils zur Korrektur der Fehlstellung) oder eine Versorgung mit künstlichen Gelenken. Letztes Mittel zur Schmerzbekämpfung bleibt die operative Versteifung eines Gelenks (Arthrodese).
Der Verlauf der rheumatoiden Arthritis variiert von Spontanheilungen (ca. 15 %) bis zu schwersten Verläufen mit Invalidität innerhalb weniger Jahre (ebenfalls ca. 15 %). Die meisten Patienten erleben die rheumatoide Arthritis als langsam, aber stetig fortschreitende Erkrankung, die trotz zwischenzeitlicher Stillstände letztlich die Beweglichkeit der Patienten erheblich einschränkt. Die Erkrankung ist nicht lebensbedrohend, führt aber über Sekundärkomplikationen durch Immobilität und Behandlungsnebenwirkungen (etwa Infektionen bei Glukokortikoidtherapie) zu einer etwas verkürzten Lebenserwartung.

Spondylarthritiden

Spondylarthritiden (seronegative Spondarthritiden, Spondylarthropathie): zusammenfassende Bezeichnung für verschiedene rheumatisch-entzündliche Erkrankungen mit vorwiegender Wirbelsäulenbeteiligung, die als seronegativ bezeichnet werden, da Rheumafaktor und antinukleäre Antikörper im Blut nicht nachweisbar sind: Morbus Bechterew, Psoriasis-Arthritis (9.6.2), Morbus Reiter (9.6.2).

Typische Kennzeichen aller seronegativen Spondylarthritiden sind:
  • Wirbelsäulenbeteiligung, oft in Form einer Sakroiliitis (Entündung der Kreuzbein-Darmbein-Gelenke)

  • Oligoarthritis, Synovektomied. h. Arthritis von 2–4 peripheren Gelenken

  • Rheumafaktoren und antinukleäre Antikörper negativ, HLA-B27 oft Osteotomiepositiv

  • häufige Beteiligung von Haut und Augen oder unspezifische Kolitis oder Enteritis

Morbus Bechterew

Morbus Bechterew (ankylosierende Spondylitis, Spondylitis ankylopoetica): entzündlich-rheumatische Allgemeinerkrankung mit Manifestation besonders an der Wirbelsäule einschließlich der Iliosakralgelenke, im Endstadium typische knöcherne Versteifung (Ankylose) v. a. der Wirbelsäule; 80 % der Patienten sind Männer, Erkrankungsbeginn v. a. 16.–40. Lebensjahr.

Symptome
Leitsymptom ist ein tiefsitzender Rückenschmerz, der sich in den frühen ArthrodeseMorgenstunden verschlimmert und den Patienten aus dem Bett treiben kann (Bewegung bessert die Schmerzen).
Weitere mögliche Symptome des Morbus Bechterew, die auch ohne Rückenschmerzen auftreten können, sind:
  • Steifigkeit des Nackens, der Wirbelsäule und des Brustkorbs

  • (Oligo-)Arthritis anderer Körpergelenke (20–30 % der Patienten)

  • Schmerzen beim Niesen, Husten oder Pressen in Wirbelsäule, Thorax und Gesäß

  • SpondylarthropathieSpondylarthritis:seronegativeSpondarthritiden, seronegativeSehnenansatzentzündungen (z. B. am Fersenbein)

  • Iridozyklitis (Entzündung der Regenbogenhaut und des Ziliarkörpers) des Auges bei 10–25 % der Patienten

Ohne entsprechende krankengymnastische Gegenmaßnahmen entwickelt sich die charakteristische Haltung des Bechterew-Patienten, die aber in dieser Extremform heute nur noch selten zu sehen ist:
  • stark vorgebeugter Rumpf („Begrüßungshaltung“ Abb. 9.135Spondylitis:ankylosierende)

  • Beugestellung der Hüft- und KniegelenkeSpondylitis:ankylopoetica

  • auffallend starke Mitbewegungen der Arme beim Gehen bei gleichzeitigAnkylose starrer Wirbelsäule

Diagnostik
Die körperliche UntersuchungMorbus:Bechterew ergibt eine eingeschränkte Wirbelsäulenbeweglichkeit und eine verminderte Dehnbarkeit des Brustkorbs. An der Wirbelsäule ist ein Klopf-, Stauch- und Schüttelschmerz auszulösen. Beim Fallenlassen von den Zehen auf die Fersen verspüren die Patienten häufig einen Fersenschmerz. Stellen sich die Patienten mit dem Rücken dicht an eine Wand, können sie den Hinterkopf meist nicht an die Wand anlehnen (Forestier-

Fallbeispiel „Morbus Bechterew“

Ein 23-jähriger Informatiker wacht seit mehreren Wochen häufiger in den frühen Morgenstunden auf, weil er starke Schmerzen im unteren Rücken hat. Diese Schmerzen bessern sich meist nach dem Aufstehen, doch tagsüber hat er oft ein- oder beidseitige „Ischiasschmerzen“. Außerdem leidet er seit ca. zwei Monaten unter Fersenschmerzen links, die mitunter so stark sind, dass er kaum auftreten kann. Deshalb hat er sich so häufig Begrüßungshaltung, M. Bechterewarbeitsunfähig melden müssen, dass er bereits Ärger mit seinem Chef hat. Alle Behandlungen, die bislang aufgrund der „Ischialgie“ vom Hausarzt und von einem Heilpraktiker durchgeführt wurden, blieben ohne Erfolg. Bei der körperlichen Untersuchung beträgt der Finger-Boden-Abstand 35 cm, beim Schober-Zeichen verlängert sich die Messstrecke um lediglich 2 cm. Zehen- und Fersenstand sind möglich. Beide Fersenbeine und Achillessehnen sind sehr druckschmerzhaft. Die Blutuntersuchung zeigt eine BSG-Erhöhung, das HLA-B27 ist positiv, der Rheumafaktor negativ. Daraufhin überweist die Heilpraktikerin den Patienten zur röntgenologischen Untersuchung, die ihren Verdacht auf Morbus Bechterew endgültig bestätigt.

Zeichen). Die Diagnose wird anhand der Symptomatik und der typischen Wirbelsäulenveränderungen (Bambusstab-Wirbelsäule) im Röntgenbild gestellt (Abb. 9.136). Die Blutuntersuchung zeigt häufig eine CRP- und BSG-Erhöhung. In 90 % der Fälle ist das HLA-B27 positiv (9.3.4). Der Rheumafaktor ist negativ.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Der Schwerpunkt der Bechterew-Therapie liegt im lebenslangen, täglichen Bewegungstraining, damit die Wirbelsäule wenigstens in einer für den Patienten günstigen Haltung versteift.
Positiv wirken auch muskelentspannende Maßnahmen. Medikamentös werden v. a. nichtsteroidale Antirheumatika (9.12.4, Pharma-Info) eingesetzt, bei schweren akuten Schüben außerdem Glukokortikoide (19.8.1, Pharma-Info) intraartikulär oder oral als sog. Pulstherapie (bis zu 250 mg über drei Tage). Bei Therapieresistenz werden neuerdings auch TNF-α-Blocker (9.12.4, Pharma-Info) mit großem Erfolg verabreicht. Gelegentlich wird das Radionuklid 224Radium zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung direkt in die entzündeten Gelenke injiziert.
An operativen Maßnahmen sind im EndstadiumForestier-Zeichen v. a. Aufrichtungsoperationen angezeigt.
Der Morbus Bechterew verläuft sehr unterschiedlich. Dabei sind starke Schmerzen nicht gleichbedeutend mit einer raschen Bambusstab-WirbelsäuleVerknöcherung, und umgekehrt bedeuten leichte Schmerzen nicht zwangsläufig ein langsames Fortschreiten. Die Krankheit kann in jedem Stadium zum Stillstand kommen. Die Prognose ist günstiger als bei der rheumatoiden Arthritis, wobei besonders bei Frauen leichtere Verläufe vorkommen.

Kollagenosen

Kollagenosen: nicht ganz zutreffende, aber übliche Bezeichnung für systemisch-entzündliche Bindegewebskrankheiten, die nach heutiger Kenntnis durch Autoimmunreaktionen bedingt sind und deren gemeinsames Kennzeichen eine generalisierte Schädigung des Bindegewebes ist. Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer mit einem Erkrankungsgipfel im 20.–40. Lebensjahr.

Das klinische Bild ist abhängig von den jeweils bevorzugt befallenen Organen. Viele Patienten mit systemisch-entzündlichen Bindegewebserkrankungen haben auch Gelenkbeschwerden, die jedoch nicht zu Gelenkzerstörungen und Invalidität führen. Prognoseentscheidend sind die Veränderungen der Gefäße und der inneren Organe.
Zu den Kollagenosen zählen folgende Erkrankungen:
  • systemischer Lupus erythematodes

  • progressive systemische Sklerodermie

  • Polymyositis und Dermatomyositis

  • Mischkollagenose als „Mix“ aus systemischem Lupus erythematodes, progressiv systemischer Sklerodermie, Polymyositis und rheumatoider Arthritis mit unter Glukokortikoidbehandlung relativ günstiger Prognose

  • verschiedene Gefäßentzündungen (Vaskulitiden 11.6.4), v. a. die Panarteriitis nodosa

Das rheumatische Fieber und die rheumatoide Arthritis werden manchmal ebenfalls zu den Kollagenosen gerechnet.
Entscheidend für die Prognose sind die Veränderungen der Gefäße und der inneren Organe. Viele Patienten mit systemisch-entzündlichen Bindegewebserkrankungen haben auch Gelenkbeschwerden, die jedoch nicht zu Gelenkzerstörungen und KollagenosenInvalidität führen.
Systemischer Lupus erythematodes

Systemischer Lupus erythematodes (kurz SLE, auch Lupus erythematodes disseminatus, kurz LED, oder Lupus erythematodes visceralis genannt): generalisierte, oft schwere Autoimmunerkrankung, die praktisch alle Organe schädigen kann; 90 % der Patienten sind Frauen, Altersgipfel im 3. Lebensjahrzehnt.

Sonderformen des Lupus erythematodes sind:
  • diskoider Lupus erythematodes (kutaner Lupus erythematodes), der auf die Haut beschränkt bleibt

  • medikamenteninduzierter Lupus erythematodes, der durch eine Vielzahl von Medikamenten ausgelöst wird. Die Symptome verschwinden nach Absetzen des Medikaments in der Regel wieder. ZNS und Nieren werden nicht befallen

Krankheitsentstehung
Wahrscheinlich aufgrund einer genetischen Veranlagung lösen Umweltfaktoren wie UV-Bestrahlung (Sonnenlicht), Medikamente oder Infektionen die Bildung von Autoantikörpern und Immunkomplexen aus, die sich in der Haut und den inneren Organen ablagern und diese schädigen.
Symptome
Der SLE manifestiert sich häufig nach intensiver Sonnenlichtexposition oder einem Infekt. Anfangs können Müdigkeit, Schwäche oder Fieber die einzigen Symptome sein. Später treten weitere organspezifische Beschwerden und Befunde hinzu:
  • Gelenkbeschwerden (in 90 %) v. a. im Knie- und Handbereich

  • Hauterscheinungen (75 %) besonders an den SLE (systemischer Lupus erythematodes)Körperregionen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt sind; als klassisch gilt das Schmetterlingserythem, eine rot-violette Hautverfärbung, Lupus:erythematodesdie sich schmetterlingsförmig über den Nasenrücken und beide Wangen erstreckt (Abb. 9.137) – die Hautsymptome sind allerdings sehr variabel

  • Blutbildveränderungen, hier in erster Linie Anämie (bis zu 60 % der Patienten), Leuko- und/oder Thrombozytopenie

  • Nierenbeteiligung (45 %) im Sinne einer Glomerulonephritis (16.5.3); ohne Behandlung mündet die Nierenbeteiligung oft in eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz (16.5.1)

  • ZNS-Störungen wie Krampfanfälle und Psychosen (26.3.3)

  • Pleuritis (12.10.1)

  • Perikarditis (10.9.3)

Diagnostik
Die Diagnose wird durch Blutuntersuchungen auf verschiedene antinukleäre Antikörper (ANA), Bestimmung der Entzündungsparameter (BSG, CRP) und des Differenzialblutbilds sowie durch Hautbiopsie mit nachfolgender histologischer und immunhistologischer Untersuchung (direkte Immunfluoreszenz, sog. Lupusbandtest Abb. 9.138) gestellt. Bei 90 % der Patienten lassen sich ANA nachweisen. Quasi beweisend sind aber nur Antikörper gegen doppelsträngige DNA (DNA = Desoxyribonukleinsäure), die bei 70 % der Schmetterlingserythem, Lupus erythematodesPatienten nachweisbar sind, und Antikörper gegen Sm-Nukleoprotein, ein spezielles Eiweiß im Zellkerninneren.
Zudem können Antikörper z. B. gegen Gerinnungsfaktoren, Blutzellen und die verschiedensten Organzellen vorhanden sein. In der Akutphase sind BSG und CRP stark erhöht. Die Diagnose eines SLE gilt als sicher, wenn antinukleäre Antikörper und/oder SLE-typische Autoantikörper nachweisbar sind und der Patient zwei oder mehr der folgenden SLE-typischen Krankheitszeichen zeigt
ACR-Diagnosekriterien:
  • 1.

    Schmetterlingserythem

  • 2.

    Scheibenförmige Hautveränderungen

  • 3.

    Photosensibilität, d. h. ungewöhnliche Hautrötungen auf Sonnenlicht

  • 4.

    Ulzera in Mund- oder Nasen-Rachen-Raum

  • 5.

    Arthritis von mindestens zwei Gelenken

  • 6.

    Pleuritis oder Perikarditis

  • 7.

    Nierenbeteiligung

  • 8.

    ZNS-Beteiligung

  • 9.

    Blutbildveränderungen

  • 10.

    Nachweis bestimmter immunologischer Auffälligkeiten (z. B. Anti-DNS-Antikörper)

  • 11.

    antinukleäre Antikörper

Tipp

Wegen des bunten klinischen Bildes wird der systemische Lupus erythematodes auch als „Chamäleon“ unter den Krankheiten bezeichnet. V. a. bei unklaren Fieberschüben zusammen mit Gelenkbeschwerden und/oder Hautveränderungen sollten Sie an einen systemischen Lupus erythematodes denken.

Schulmedizinische Therapie und Prognose
Die Behandlung richtet sich nach Entzündungsgrad und Organbefall. Eine ursächliche Therapie ist aber bis heute nicht möglich. Bei geringer Entzündungsaktivität ohne Befall innerer Organe reichen nichtsteroidale Antirheumatika, evtl. in Kombination mit Chloroquin (9.12.4, Pharma-Info). Bei mittlerer Entzündungsaktivität mit Beteiligung innerer Organe sind zusätzlich Glukokortikoide angezeigt. Bedrohlich ist ein Befall von ZNS, Herz und Nieren. Dann müssen Immunsuppressiva und Glukokortikoide gegeben werden. Zusätzlich kann eine Plasmapherese (Plasmaaustausch) durchgeführt werden, um die schädlichen Antikörper und Immunkomplexe aus dem Blut des Patienten zu entfernen. Bei Patienten mit einem Nierenversagen ist eine Dauerdialysetherapie (16.5.1) erforderlich.
Prognoseentscheidend ist v. a. der Nierenbefall. Während der systemische Lupus erythematodes noch vor 10–20 Jahren oft binnen kurzer Zeit zum tödlichen Nierenversagen führte, liegt die 5-Jahres-Überlebensrate heute bei über 90 %.
Progressiv systemische Sklerodermie

Progressiv systemische Sklerodermie (kurz PSS, auch systemische Sklerose, kurz SS): generalisierte Erkrankung des kollagenen Bindegewebes mit Sklerosierung (Verhärtung) von Haut, Gefäßen und inneren Organen; meist bei Frauen mittleren Alters auftretend und auch heute noch mit schlechter Prognose.

Symptome und Diagnostik
Die Erkrankung beginnt mit Hautsymptomen:
  • 90 % der Patienten haben ein Raynaud-Syndrom (11.4.5), eine anfallsartige Durchblutungsstörung der Finger oder Zehen. Dieses tritt oft als Frühsymptom auf.

Fallbeispiel „Systemischer Lupus erythematodes“

Eine 28 Jahre alte Patientin kommt wegen Schmerzen und Schwellungen an mehreren Gelenken in die Praxis. Die Beschwerden bestehen seit sechs Tagen. Schon seit etwa fünf Jahren erlebt sie immer wieder Phasen, in denen sie sich sehr müde und krank fühlt, subfebrile Temperaturen hat und sogar Fieberschübe bis zu 39,5 °C. Vor vier Tagen kam sie aus dem Sommerurlaub auf Teneriffa zurück. Während dieser Ferien trat nach einigen Tagen Sonnenbestrahlung ein schmetterlingsförmiges, rötlich-blaues Erythem auf Nasenrücken und Wangen auf. Bei der körperlichen Untersuchung fällt die symmetrische Polyarthritis der Finger-, Knie- und Zehengelenke auf. In die rechte Schienbeinkante können aufgrund eines Ödems Dellen eingedrückt werden. Die BSG ist mäßig erhöht, das Blutbild zeigt eine Anämie sowie eine Leuko- und Thrombozytopenie. Aufgrund der Symptomatik überweist der Heilpraktiker die Patientin mit dringendem Verdacht auf systemischen Lupus erythematodes zur weiteren Diagnostik zum Arzt. Nach einigen Tagen bestätigt sich der Verdacht.

  • Typisch sind zudem schmerzlose Ödeme an Händen und Füßen. Später verdickt sich die Haut und wird starr, bevor sie im Endstadium atrophiert, wachsartig dünn wird (Abb. 9.139) und glänzt (Glanzhaut). Durch die Hautschrumpfung werden die Finger in Beugestellung fixiert und verschmälert (Krallenfinger, Madonnenfinger).

  • Der Befall des Gesichts führt zum charakteristischen Maskengesicht mit maskenhafter Starre des Gesichtsausdrucks, Verkleinerung der Mundöffnung (Mikrostomie) mit dünnen Lippen und radiärer (strahlenförmiger) Hautfältelung um den Mund herum (Tabaksbeutelmund), Verkürzung des Zungenbändchens (der Patient kann die Zunge nicht mehr richtig anheben und herausstrecken) sowie Lidschlussproblemen.

Tipp

Untersuchen Sie immer auch das Nagelbett gründlich, da ein verhärtetes, schmerzhaftes Nagelhäutchen mit Punktblutungen typisch für die progressive systemische Sklerodermie ist!

Die HauterscheinungenSklerose:systemische beginnen in der Regel an den distalen Extremitätenabschnitten und breiten sich nach Sklerodermieproximal aus, sodass der Patient gleichsam „eingemauert“ wird.
Gelenkschmerzen sind häufig, jedoch oft nicht durch eine echte Entzündung, sondern durch Hautschrumpfung mit Beweglichkeitseinschränkung bedingt.
Nach unterschiedlich langer Zeit werden auch die Glanzhaut, Sklerodermieinneren Organe in das Krankheitsgeschehen einbezogen: Speiseröhre mit Refluxösophagitis, Krallenfinger, SklerodermieBeweglichkeitsstörungen des übrigen Magen-Darm-Trakts mit Durchfall oder ObstipationMadonnenfinger, Sklerodermie und Malabsorptionssyndrom, Lungenbeteiligung mit Lungenfibrose, Herz- und Niereninsuffizienz sowie Augenbefall (mit verminderter Maskengesicht:SklerodermieTränensekretion).
Die Diagnose stellt der Arzt anhand der Symptome, einer Hautbiopsie und durch Antikörpernachweis. Meist sind verschiedene antinukleäre Mikrostomie, SklerodermieAntikörper vorhanden, wobei Antikörper gegen das Kerneiweiß Scl-70 besondere Aussagekraft besitzen.
Schulmedizinische Therapie und Prognose
Regelmäßige physio- und ergotherapeutische Übungsbehandlungen Tabaksbeutelmund, Sklerodermiesind unerlässlich, um die Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten. Die Behandlungsmöglichkeiten sind unbefriedigend. Wahrscheinlich vermag am ehesten noch D-Penicillamin das Fortschreiten der Sklerosierung zu hemmen. Aber auch Colchicin und Zytostatika werden eingesetzt. Gegen die Gelenkschmerzen wirken nichtsteroidale Antirheumatika (9.12.4, Pharma-Info), und während entzündlicher Schübe werden Glukokortikoide gegeben. Die Durchblutungsstörungen können durch Gabe von Azetylsalizylsäure oder gefäßerweiternden Arzneimitteln (z. B. Kalziumantagonisten 11.5.1, Pharma-Info) gebessert werden.
Wichtig ist eine sorgfältige Hautpflege. Das Raynaud-Syndrom lässt sich durch Vermeiden von Kälte und Feuchtigkeit sowie Verzicht auf Nikotin bessern. Auch Auftragen von nitrathaltigen Salben, Bindegewebsmassagen, niederfrequente Stromanwendungen und CO2-Bäder helfen oft. Krankengymnastik und Hautmassagen beugen Kontrakturen vor.
Bei Beteiligung innerer Organe ist die Prognose schlecht, da sich die Fibrose nicht beherrschen lässt. Jahre- und jahrzehntelange Verläufe mit alleinigem Scl-70, SklerodermieHautbefall kommen aber vor und sind prognostisch wesentlich günstiger.
Polymyalgia rheumatica

Polymyalgia rheumatica: hochentzündliche, mit starken Muskelschmerzen einhergehende Erkrankung fast ausschließlich des älteren Menschen (über 60 Jahre), in etwa der Hälfte der Fälle zusammen mit einer Arteriitis temporalis (11.6.4) auftretend.

Typisch ist die Trias („Dreierkombination“) aus:
  • Muskelschmerzen

  • massiv erhöhter BSG (Sturzsenkung)

  • Anämie

Die heftigen Muskelschmerzen im Schulter- und Beckengürtelbereich treten besonders in den frühen Morgenstunden auf. Die Patienten klagen über Steifigkeit, Schwäche und Bewegungseinschränkung. Diese sind rein schmerzbedingt, denn bei der körperlichen Untersuchung können weder neurologische Ausfälle noch Muskelatrophien nachgewiesen werden. Manchmal haben die Patienten auch flüchtige Gelenkentzündungen ohne bleibende Folgen. Allgemeines Krankheitsgefühl, Fieber, Gewichtsabnahme und depressive Verstimmungen können die Erkrankung begleiten.
Unter der vom Arzt verordneten Glukokortikoidtherapie bessern sich die Symptome in der Regel innerhalb weniger Tage. Die Behandlung muss jedoch bis zur völligen Ausheilung in niedriger Dosierung über 1–2 Jahre fortgesetzt werden.
Polymyositis/Dermatomyositis

Polymyositis/Dermatomyositis: seltene, entzündliche Systemerkrankungen der Skelettmuskulatur (Polymyositis) oder der Skelettmuskulatur und der Haut (Dermatomyositis).

Leitsymptom der Polymyositis ist eine symmetrische Muskelschwäche im Schulter- und Beckengürtel. Den Patienten fällt es zunehmend schwer, vom Stuhl oder aus dem Bett aufzustehen, Polymyalgia rheumaticaTreppen zu steigen oder die Arme über den Kopf zu heben. Etwa die Hälfte der Patienten klagt dabei über muskelkaterartige Schmerzen. Begleitende Gelenkschmerzen haben keine Gelenkzerstörung zur Folge. Gelegentlich tritt ein Raynaud-Syndrom Sturzsenkung(11.4.5) auf. Eine Beteiligung der Muskulatur von Speiseröhre, Kehlkopf oder Augen (in ca. 10 %) ruft Schluckbeschwerden, Heiserkeit oder Schielen hervor.
Bei der Dermatomyositis treten zusätzlich Hautveränderungen auf, insbesondere:
  • typisches, rötlich-livides Ödem um die Augen („weinerlicher Gesichtsausdruck“ Abb. 9.140)

  • rot-lila Ausschläge an Schultern, Rücken und Oberarm

  • schuppende rote Knötchen an Knochenvorsprüngen

  • Verhärtungen, Pigmentstörungen und Schleimhautulzera

  • mimische Starre

Achtung

Besonders bei der Dermatomyositis muss nach einem Tumor (v. a. Mamma-, Bronchial- oder Magenkarzinom) gesucht werden, da dieses Krankheitsbild oft mit bösartigen Tumoren verknüpft ist.

Die Diagnose stellt der Arzt anhand der Klinik und einer Muskelbiopsie. Die Blutuntersuchung zeigt eine Erhöhung der Muskelenzyme (CK, LDH, GOT), in 50 % der Fälle sind antinukleäre Antikörper (PolymyositisANA) vorhanden.
In der Schulmedizin werden Glukokortikoide Dermatomyositisüber mindestens 2–3 Jahre, bei Erfolglosigkeit Zytostatika, verordnet.
Sjögren-Syndrom

Sjögren-Syndrom: chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung der Tränen- und Speicheldrüsen mit Verminderung der Sekretion; überwiegend erkranken Frauen.

Das klassische Bild ist durch die chronische Entzündung und Austrocknung der Schleimhäute, das Sicca-Syndrom, charakterisiert:
  • Keratoconjunctivitis sicca mit Xerophthalmie: Entzündung und Austrocknung der Augen mit Geschwüren der Hornhaut und Fremdkörpergefühl

  • Xerostomie: Austrocknung des Mundes mit erhöhter Kariesneigung

  • Trockenheit anderer Schleimhäute führt z. B. zu Schluckbeschwerden, Heiserkeit, Hustenreiz und Sexualbeschwerden

Diese Symptome können auch im Zusammenhang mit anderen rheumatischen Erkrankungen auftreten.
Oft bestehen daneben Arthritiden, die ohne Gelenkdestruktion verlaufen, oder eine Parotisschwellung. Auch maligne Lymphome können vorkommen.
Die Diagnose wird vom Arzt durch die Klinik, die Syndrom:Sjögren-SyndromFunktionsstörung Sjögren-Syndromder Drüsensekretion (Schirmer-Test 24.3.4) und evtl. eine Schleimhautbiopsie aus der Lippeninnenseite gestellt. Bei der Blutuntersuchung sind meist Autoantikörper (gegen das Sicca-SyndromKerneinweiß SS-A und -B, ANA) vorhanden, der Rheumafaktor Syndrom:Siccaist positiv (50 %).
Die Therapie erfolgt symptomatisch mit künstlicher Speichel- und Tränenflüssigkeit. Zusätzlich istKeratokonjunktivitis:sicca, Sjögren-Syndrom auf eine reichliche Flüssigkeitsaufnahme und regelmäßige zahnärztliche Kontrollen wegen der erhöhten KariesneigungXerophthalmie, Sjögren-Syndrom zu achten. Bei Arthralgien werden NSAR, bei Arthritis evtl. Glukokortikoide verordnet.

Rheumatisches Fieber

Rheumatisches Fieber (Streptokokkenrheumatismus): 1–3 Wochen im Anschluss an eine Infektion mit β-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A auftretende Erkrankung, die Gelenke, Herz, Niere, Haut und ZNS befällt und wie die Glomerulonephritis (16.5.3) zu den sog. Streptokokkenzweiterkrankungen gehört.

Das rheumatische Fieber entsteht vermutlich durch Xerostomie, Sjögren-Syndromeine immunologische Reaktion von Anti-Streptokokken-Antikörpern mit Antigenen des Herzmuskels und der Klappen. Die früher häufigste rheumatische Erkrankung des Kindesalters tritt seit Schleimhäute:trockene, Sjögren-SyndromEinführung von Antibiotika in den sog. Industrieländern sehr selten auf. Sie muss allerdings differenzialdiagnostisch bei Kindern und Jugendlichen immer noch in Betracht gezogen werden.
Symptome und Diagnostik
Wenige (1–3) Wochen nach einem Streptokokkeninfekt (z. B. Scharlach) entwickeln die Patienten die folgenden spezifischen Symptome (sog. Major-Kriterien nach Jones):
  • Herzentzündung (Karditis): besonders in Form einer Endocarditis verrucosa (10.9.1), aber auch als Myokarditis (10.9.2) oder Perikarditis (10.9.3); infolgedessen treten Herzgeräusche und erhöhter Puls auf

  • Polyarthritis besonders der großen Gelenke; typisch sind flüchtige Schmerzen, die von Gelenk zu Gelenk wandern

  • Chorea minor („kleiner Veitstanz“): diese unfreiwilligen, ziellosen Bewegungen und Artikulationsstörungen treten fast nur bei StreptokokkenrheumatismusKindern auf

  • Erythema anulare rheumaticum (rheumatische Ringelflecken): girlandenförmiger, rosaroter Fieber:rheumatischesoder bläulichroter Hautausschlag, besonders am Stamm

  • Rheumaknoten: bis hühnereigroße, derbe und verschiebliche subkutane Knoten, die besonders an Druckstellen entstehen, z. B. Hinterkopf oder Streckseiten der Unterarme

Unspezifische Symptome (sog. Minor-Kriterien) sind Fieber, Erhöhung der BSG, der Leukozyten und des C-reaktiven Proteins.
Die Diagnose kann gestellt werden, wenn mindestens zwei Major-Kriterien oder ein Major- und ein Minor-Kriterium vorhanden sind.
Zusätzlich können bestehen: Gewichtsverlust, leichte Ermüdbarkeit, Unwohlsein, Schwitzen, Blässe oder Anämie, Tachykardie im Schlaf, Nasenbluten, präkordiale Schmerzen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Erbrechen. Diese Symptome sind allerdings nicht leitend zur Diagnosestellung.

Pharma-Info: Nichtsteroidale Antirheumatika und lang wirksame Antirheumatika

Nichtsteroidale Antirheumatika

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) werden zur Linderung der Schmerzen und der Gelenksteifigkeit bedarfsweise bei akuten Beschwerden eingesetzt. Ihre Potenz reicht nicht aus, um einen chronisch-erosiven Entzündungsverlauf der rheumatoiden Arthritis (RA) einzudämmen.

Wirkungen

Infolge einer Hemmung der Antirheumatika:nichtsteroidale (NSAR)Prostaglandinsynthese wirken NSAR (Tab. 9.21) schmerzlindernd Pharma-Info:nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)(analgetisch), entzündungshemmend (antiphlogistisch) und fiebersenkend (Pharma-Info:lang wirksame Antirheumatikaantipyretisch). Die Hemmung der Prostaglandinsynthese – Prostaglandine (19.2.1) Gelenkschmerzen:nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)sind hormonähnliche Botenstoffe, die u. a. an der Entstehung von Fieber, Schmerz und Entzündung beteiligt sind – Gelenksteifigkeit:nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)wird erreicht, indem ein wichtiges Gewebeenzym, die Zyklooxygenase (COX) „herunterreguliert“ wird. Dieses Enzym kommt in zwei Typen vor, COX 1 und COX 2. Die meisten NSAR wirken auf beide Typen. In den letzten Jahren wurden jedoch NSAR entwickelt, die spezifisch auf COX 2 wirken, die sog. COX-2-nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR):WirkungenHemmer – wegen ihres Substanznamens auch „Coxibe“ genannt – etwa Celecoxib (Celebrex®) oder Etoricoxib (Arcoxia®). Von ihnen versprachen sich die Hersteller weniger Nebenwirkungen am Magen-Darm-Trakt – letztere werden v. a. über COX 1 vermittelt.
Nach Markteinführung stellte sich heraus, dass die COX-2-selektiven NSAR allenfalls bei Kurzzeitanwendung magenverträglicher sind als die älteren NSAR. Zudem wurde ein leicht erhöhtes kardiovaskuläres Risiko beobachtet. COX-2-selektive NSAR sind daher bei Patienten mit KHK oder erhöhtem kardiovaskulärem Risiko zu meiden.
Nichtsteroidale Antirheumatika werden, wie ihr Name bereits sagt, hauptsächlich zur Behandlung rheumatischer Erkrankungen eingesetzt. Sie werden aber auch bei Schmerzen anderer Ursachen gegeben, so z. B. bei kleineren Verletzungen, postoperativ oder bei Tumorschmerzen. Kennzeichnend für alle NSAR ist ein rascher Wirkungseintritt, aber auch ein schnelles Abklingen der Wirkung nach Absetzen des Medikaments. Trotz ihrer chemischen Verwandtschaft unterscheiden sich die einzelnen Substanzen in ihrem Wirkungsprofil (d. h. dem Verhältnis zwischen analgetischer, antiphlogistischer und antipyretischer Wirkung) und wirken auch unterschiedlich von Patient zu Patient.
Während die gelegentliche Einnahme nichtsteroidaler Antirheumatika in der Regel unproblematisch ist, ist die in der Rheumatologie notwendige Langzeittherapie bei vielen Patienten von z. T. ernsten Nebenwirkungen begleitet, obwohl die NSAR zu den weniger toxischen Medikamenten der Rheumatologie zählen.

Nebenwirkungen

Am häufigsten sind gastrointestinale Nebenwirkungen, v. a. Magenbeschwerden, die besonders bei älteren Patienten auftreten und bis zu (blutenden) Magen-Darm-Ulzera führen können. Diese werden durch eine gleichzeitige Glukokortikoidbehandlung begünstigt und wegen der Schmerzlinderung durch die NSAR häufig erst spät bemerkt. Oft müssen die NSAR trotz bestehender Magenschleimhautveränderungen weiter gegeben werden, da bei Absetzen Immobilisierung und Versteifung des Patienten drohen. Daher werden meist, gewissermaßen als Notlösung, Antazida oder Protonenpumpenhemmer (13.7.2, Pharma-Info) zusätzlich verordnet, um den Magen zu schützen. Die sog. selektiven COX-2-Hemmer gelten bei gleicher Wirksamkeit zumindest bei der kurzfristigen Gabe als magenverträglicher. Die Gabe von Zäpfchen bietet leider keinen Ausweg, da die magenschädliche Wirkung nicht nur von der Darreichungsform abhängt, sondern im Wirkmechanismus begründet ist.
Recht häufig sind auch Hauterscheinungen (Juckreiz, Exantheme) und ZNS-Störungen (Kopfschmerz, Schwindel). Seltener werden Ödeme, Nierenfunktionsstörungen und eine Erhöhung der Leberenzyme beobachtet.

Krankheitsmodifizierende Antirheumatika (Basistherapeutika)

Als krankheitsmodifizierende Antirheumatika (DMARD = disease modifying anti-rheumatic drugs, Synonym: Basistherapeutika) werden verschiedene, chemisch nicht miteinander verwandte Substanzen bezeichnet, die die Entzündungsaktivität rheumatischer Erkrankungen langfristig mindern können. Dadurch wird die Destruktion der Gelenke gebremst.
Folgende Substanzen Basistherapeutikagehören zu den krankheitsmodifizierenden Antirheumatika (Antirheumatika:krankheitsmodifizierende (DMARD)DMARD).
  • Immunsuppressiva und Zytostatika:

    • MTX (Methotrexat, z. B. Lantarel®)disease modifying anti-rheumatic drugs\t \"s. DMARD

    • Leflunomid (Arava®)

    • Azathioprin (z. B. Imurek®)

    • DMARD (disease modifying anti-rheumatic drugs) Cyclophosphamid (z. B. Endoxan®)

    • Ciclosporin A (z. B. Immunosporin®)

  • Sulfasalazin (z. B. Azulfidine®)

  • Chloroquin (z. B. Resochin®)

  • Goldpräparate (z. B. Tauredon® i. rheumatische Erkrankungen:Basistherapeutikam.)

  • Zytokin-Antagonisten („Biologika“)

    • TNF-α-Antagonisten: z. B. Etanercept (Enbrel®), Infliximab (Remicade®), Adalimumab (Humira®)

    • Interleukin-6-Antagonist: Tocilizumab (RoActemra®)

    • T-Lymphozyten-Aktivierungshemmung: Abatacept (Orencia®)

    • Basistherapeutika:Substanzen – B-Zell-Antikörper Rituximab (Mabthera®)

Im Gegensatz zu den NSAR müssen die Basistherapeutika regelmäßig, d. h. auch im symptomfreien Intervall, eingenommen werden: „an guten wie an schlechten Tagen“.
Die Wirkmechanismen der Basistherapeutika sind sehr unterschiedlich. Sie nehmen auf das Immunsystem einen hemmenden Einfluss und/oder unterdrücken die Entzündungsreaktion. Bei einem Teil der Basistherapeutika handelt es sich um gentechnisch hergestellte Antikörper gegen Entzündungsmoleküle (Zytokine) oder Immunzellen des Körpers (sog. Biologika „biologicals“).
Der Einsatz der DMARD wird z. T. durch erhebliche Nebenwirkungen beschränkt, wie etwa eine erhöhte Infektneigung bei den TNF-α-Antagonisten sowie bei den Immunsuppressiva.
Da die Wirkung der Basistherapeutika teilweise sehr langsam einsetzt, kann die Effektivität eines Medikaments erst bis zu sechs Monate nach Beginn der Einnahme beurteilt werden. Um dem Patienten schnellere Linderung zu verschaffen, erhält er neben den krankheitsmodifizierenden Antirheumatika auch nichtsteroidale Antirheumatika.

Merke

Fragen Sie nach Streptokokkeninfektion oder deren Symptomen (z. B. Halsschmerzen, Fieber) in den letzten 1–3 Wochen.

Beweisend ist der Nachweis des vorangegangenen Streptokokkeninfekts Chorea:minor, rheumatisches Fieberdurch Rachenabstrich und erhöhten bzw. ansteigenden Antistreptolysin- bzw. Antistreptokinasetiter. Ferner können EKG-Veränderungen (Verlängerung der PQ-Zeit, Senkung der ST-Strecke) bestehen.

Achtung

Bei Verdacht auf rheumatisches Fieber müssen Sie den Patienten sofort in eine Klinik überweisen zur antibiotischen und antientzündlichen Therapie.

Schulmedizinische Therapie und Prognose
Die ErkrankungErythema:anulare rheumaticum wird mit Penizillin behandelt. Die Prognose wird von der Herzentzündung und deren Folgekrankheiten (z. B. Herzklappenfehler) bestimmt. Andere Manifestationen haben eine gute Prognose.

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