© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-55244-1.00004-7

10.1016/B978-3-437-55244-1.00004-7

978-3-437-55244-1

Beziehungssystem der Grundsubstanz. Die Pfeile kennzeichnen die wechselseitigen Beziehungen zwischen der Grundsubstanz, den undifferenzierten Zellen des Bindegewebes (Fibroblast, Abwehrzellen, Retikulumzellen) sowie den terminalen vegetativen Nervenfasern und Organparenchymzellen. Zwischen diesen und der Grundsubstanz vermittelt die Basalmembran. Der Fibroblast stellt das Regelzentrum der Grundsubstanz dar.

[L216]

Die Humoralpathologie, deren Wurzeln in der griechischen Antike liegen, prägte die Medizin in Theorie und Praxis über 2000 Jahre hinweg. Paracelsus und die neue empirische Naturforschung stellten die Viersäftelehre in Frage. Die Anhänger der Humoralpathologie der Neuzeit wandten sich von der kosmologisch angelegten Qualitätenlehre ab. Das Blut galt nun als Träger der krankmachenden Materie.

[V492]

Die Yin-Meridiane verlaufen an der Innenseite des Körpers, die Yang-Meridiane auf der Außenseite. In den Meridianen bewegt sich Qi, Blut-Xue und die aus dem Nähr-Qi entstandenen Körperflüssigkeiten Jing-Ye.

[E161]

Die für die Körperakupunktur verwendeten Nadeln sind aus Stahl, 1–10 cm lang und 0,15–0,3 mm stark. Um bestimmte Stimulationstechniken anzuwenden (z. B. Klopf- oder Streichtechnik), eignen sich besonders Nadeln mit einem Griff aus gewundenem Metall.

[E161]

Um zu tonisieren und das De-Qi-Gefühl auszulösen und zu erhalten, können verschiedene Stimulationstechniken angewendet werden.

[L190]

Anthroposophische Heilmittel werden aus pflanzlichen Stoffen, tierischen Substanzen und aus Mineralien gewonnen. Damit die zur Heilung notwendigen Substanzen ihre Wirkung entfalten und die Bild- und Gestaltkräfte des Menschen anregen können, werden sie entsprechend aufbereitet.

[T210]

Um 1 kg Rosenöl zu gewinnen, müssen 4.000–5.000 kg getrocknete Rosenblätter verarbeitet werden. Die Türkei, Bulgarien und Marokko sind Hauptanbaugebiete für Rosen, aus denen das ätherische Öl mittels Wasserdampfdestillation gewonnen wird.

[J787]

Um die Doshas auszugleichen, wird eine vierhändige Ganzkörpermassage ausgeführt. Je nach Konstitution wird mit warmem Sesamöl (Vata-Konstitution), Sonnenblumen- oder Sandelholzöl (Pitta-Konstitution) bzw. Kalmuswurzel- oder Maisöl (Kapha-Konstitution) tiefgehend oder sanft massiert.

[L143]

Zur Behandlung von Migräne und Schlaflosigkeit fließt ein feiner Ölstrahl aus einem Gefäß aus genau vorgeschriebener Höhe auf die Stirn, wo er eine elliptische Bahn beschreiben soll.

[L143]

Zum Baunscheidtieren kann, wie hier abgebildet, ein halbmechanischer und sterilisierbarer Hautstichler oder ein Spezialnadelroller verwendet werden.

[K167]

Die richtige Sticheltiefe liegt vor, wenn die Haut danach gerötet ist und nur vereinzelt punktförmige Blutungen aufweist.

[K167]

Wird krotonölfreies Baunscheidt-Öl verwendet, bilden sich häufig Quaddeln oder größere Blasen, die nicht aufplatzen, sondern sich relativ schnell zurückbilden.

[K167]

Die biochemischen Arzneien nach Schüßler umfassen 12 Mittel. Sie werden aus Mineralsalzen hergestellt, die lebensnotwendige Bestandteile des menschlichen Organismus sind.

[K103]

Blutegel sind an einem kühlen, schattigen und ruhigen Platz in einem größeren Glas aufzubewahren. Es sollte täglich mineralarmes Wasser nachgefüllt werden.

[K167]

Es kann mehrere Min. dauern, bis die Blutegel „anbeißen“. Ein Blutegel saugt zwischen 10 Min. bis 2 Stunden; am Tier ist die Saug-Peristaltik zu beobachten.

[K167]

Cantharidenpflaster sind gebrauchsfertig aus der Apotheke zu beziehen. Einige Apotheken stellen Cantharidensalbe auch selbst her. In diesem Fall wird die Salbe direkt auf die Haut aufgetragen und gut haftende Pflasterstreifen (Fensterrahmen-Verband) darüber geklebt.

[K167]

Mit dem sog. Scherengriff können die Wirbelgelenke der BWS mobilisiert werden. Die klassische Chiropraktik erfordert neben manuellem Geschick eine sehr gute eigene körperliche Koordination, Kraft und viel Übung.

[K103]

Durch das Ausrichten der Dorn- und Querfortsätze werden verschobene Wirbel und Gelenke wieder in ihre physiologische Lage gebracht. Die Behandlung ist ungefährlich und nur mäßig schmerzhaft. Insbesondere die Reposition von Gelenken ist für den Patienten angenehm und schmerzfrei.

[K103]

In der Edelsteintherapie werden Steine in ihrer ursprünglichen Form oder als abgerundete Trommelsteine verwendet. Die Heilwirkungen können sich in vielen Fällen besser entfalten, wenn die Steine unbehandelt sind. Um sicher zu gehen, keine „geschönten“ Steine zu erwerben, kann man sich an unabhängige Institute wenden, die Analysen anfertigen.

[K103]

Das von dem Chemiker und Arzt Johann Glauber entwickelte bitter schmeckende Glauber-Salz ist reines Natriumsulfat. Zu Beginn des Fastens können 30 g auf ½ l trinkwarmes Wasser eingenommen werden.

[K103]

Das erste Gespräch zu Beginn einer homöopathischen Behandlung dauert in der Regel 1–2 Stunden. Es ist wichtig, dem Patienten ohne fest gefügte Vorstellungen über in Frage kommende Arzneimittel zu begegnen. Nur ohne „verstellten Blick“ kann das entsprechende homöopathische Mittel gefunden werden.

[T210]

Um den kraniosakralen Rhythmus zu erspüren, wird der Kopf sanft wie in einer Wiege gehalten. Die Hände werden eins mit dem Kopf, und es entsteht der Eindruck, dass die Hände stets größere Bewegungen ausführen. Um die Feinheiten wahrnehmen zu können, sollte der Behandler die Augen geschlossen halten.

[J787]

Bei Wunden und Hautausschlägen sollte der Laser in einem Abstand von ca. 1 cm zur behandelten Stelle gehalten werden. In anderen Fällen soll er im rechten Winkel zur Hautoberfläche positioniert werden und direkt die Haut berühren.

[K103]

Normalhaltung und Haltungsfehler nach Mayr.

[L217]

Indirekte Moxibustion mit einer Moxanadel. Während der Moxabehandlung muss der Patient beaufsichtigt werden. Um die Nadel rasch entfernen zu können, ist eine Schale mit Pinzette griffbereit zu halten. Ebenso sollten standfeste Moxaständer bereitgestellt werden, um die Moxazigarren sicher abstellen zu können.

[E508]

Narben erweisen sich oft als Störfeld und (Mit-)Auslöser chronischer Erkrankungen. Um Narben zu „entstören“, wird Procain oberflächlich so in die Narbe injiziert, dass sich konfluierende (zusammenfließende) Quaddeln bilden. Oft sind nur wenige Einstiche nötig, da sich das Procain innerhalb der Narbe verteilt. An beiden Enden der Narben sind auf jeden Fall Quaddeln zu setzen.

[K103]

Die Neuraltherapie kann diagnostisch und therapeutisch zur Lokal- oder Segmenttherapie sowie zur Störfeldsuche und -behandlung eingesetzt werden.

[L190]

In der Ohrmuschel kann ein Embryo in Kopflage wahrgenommen werden. So sind auf der Anthelix, im Verlauf der Wirbelsäule des Embryos, v. a. Punkte der Wirbelsäule, im Ohrläppchen die Sinnesorgane und das Gehirn lokalisiert. Diese Ähnlichkeit war für Nogier Ausgangspunkt, um Zusammenhänge zwischen bestimmten Ohrregionen und zugeordneten Körperregionen zu erarbeiten.

[L217]

Druckpflaster mit Samenkörnern zur Suchtbehandlung. Auf der Ohrmuschel sind ca. 110 Akupunkturpunkte lokalisiert, die v. a. zur Schmerz- und Suchtbehandlung stimuliert werden. Aber auch funktionelle Störungen lassen sich durch die Ohrakupunktur positiv beeinflussen.

[K103]

Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der natürlichen Lebensordnung und sollte – wie auch Ruhe und Entspannung – in einem harmonisierenden Ausgleich zum Alltag gelebt werden.

[J660]

Blätter, Blüten, Samen oder fein zerkleinerte Rinden- und Wurzeldrogen werden als Aufguss zubereitet. Die Pflanzenteile werden mit kochendem Wasser übergossen und 8–10 Min. stehen gelassen. Damit alle Inhaltsstoffe (z. B. ätherische Öle, Bitterstoffe) enthalten bleiben, ist der Tee während des Ziehens abzudecken.

[K103]

Zonen nach Fitzgerald. Entsprechend Zonen:nach Fitzgerald\"\ider Einteilung des Körpers in 10 Längskörperzonen findet sich z. B. die Reflexzone der Wirbelsäule in der Längskörperzone 1, das Schultergelenk in der Längskörperzone 4 bis 5 (Kleinzehengrundgelenk).

[L190]

Fuß, mediale Seitenansicht. In der Form des Fußes kann ein sitzender Mensch wahrgenommen werden. Aus dieser Analogie ergibt sich, dass z. B. im Fußgewölbe die Reflexzone der Wirbelsäule, in der Ferse der Beckenboden und im Übergang zum Bein der Bereich der Lymphe des Oberschenkels lokalisiert sind.

[L190]

Es ist darauf zu achten, dass der Griff in seiner Intensität der Schmerzgrenze angepasst ist. Je nach Reaktion des Patienten kann weicher oder kräftiger behandelt oder der Rhythmus (schnell oder langsam) verändert werden.

[K103]

Der Solar-Plexus-Griff dient der Entspannung. Im Atemrhythmus des Patienten wird beidseits mit dem Daumen ein leichter Druck auf die Sonnengeflechtszone ausgeübt.

[K103]

Während der zweistündigen Inhalation von Sauerstoff (4,5–6 l/Min.) werden intervallweise sportliche Übungen durchgeführt. So wird z. B. alle 30 Min. mit dem Fahrradergometer trainiert. Der Patient kann sich ca. 15 Min. lang auch auf andere Weise sportlich betätigen.

[J787]

Sog. Dünnwandgläser sind besonders zum Schröpfen in Sitzposition geeignet, dickwandige Gläser können aufgrund des Eigengewichts nur beim liegenden Patienten eingesetzt werden. Es empfiehlt sich, jeweils etwa 20 Schröpfgläser der verschiedenen Größen bereitzuhalten.

[K167]

Blutiges Schröpfen wird bevorzugt am sitzenden Patienten, nur bei empfindlichen Patienten im Liegen ausgeführt. Das Schröpfglas ist abzunehmen, wenn das Glas etwa zu 1/3 mit Blut gefüllt ist. Geschröpft wird hier über Gelosen (3.7.7).

[K167]

Beim Schröpfen wird zunächst der Rücken auf Einziehungen und Aufquellungen abgetastet. Je nach Aussehen, Härte und Beschaffenheit der sog. Gelosen (3.7.7) wird blutig oder wie hier trocken geschröpft. Beim Schröpfen werden Schröpfgläser verschiedener Größe aufgesetzt. Durch den Unterdruck wird ein Vakuum erzeugt und Haut- und Unterhautgewebe angesaugt. Die Gläser können nach ca. 10–15 Min. abgenommen werden. Schröpfen aktiviert Reflexzonen am Rücken, die ihrerseits auf innere Organe und Organsysteme einwirken.

[K167]

Die fünf Wandlungsphasen beeinflussen sich gegenseitig. Eine Wandlungsphase ernährt und erzeugt (Hervorbringungs- oder Shen-Zyklus) oder kontrolliert die nächste und wird von der vorangehenden kontrolliert (Kontroll- oder Ke-Zyklus). Ebenso kann eine Wandlungsphase pathologisch stärker als eine Kontrollphase sein (Verspottung oder Wu-Zyklus) oder pathologisch unterdrückt werden (Überkontrolle oder Chen-Zyklus).

[L190]

Annähernd 500 pflanzliche, tierische und mineralische Heilmittel werden in der TCM eingesetzt. Es werden meist nicht Einzelkräuter, sondern Rezepturen, die aus mehreren arzneilich wirksamen Substanzen bestehen, verordnet.

[E161]

In der Tuina-Massage werden Akupunkturpunkte und Meridiane gedrückt und beklopft, um nach Vorstellungen der TCM den Fluss des Qi und des Blutes anzuregen. Die Tuina-Massage kann in verschiedenen Ausbildungsinstituten erlernt werden.

[E643]

Arzneimittelgabe, Pharmakokinetik und Pharmakodynamik eines Medikaments.

[L190]

Muster eines Verordnungszettels.

[A400]

Kriterien einer Heilreaktion und unerwünschter Nebenwirkungen.

Tab. 4.1
Heilreaktion Unerwünschte Nebenwirkung
anfängliche, kurz dauernde Verstärkung bestehender Symptome Auftreten neuer, krankheitsunabhängiger Symptome
Reaktion klingt von alleine ab oft Gegentherapie notwendig
bei Reizwiederholung niemals die gleiche Reaktion bei Gabenwiederholung stets die gleiche Reaktion
Tendenz der Reaktionen abnehmend Tendenz der Reaktionen zunehmend

Einteilung der Meridiane.

Tab. 4.2
Yin-Meridian Yang-Meridian
Herzmeridian Dünndarmmeridian
Nierenmeridian Blasenmeridian
Lebermeridian Gallenmeridian
Lungenmeridian Dickdarmmeridian
Milz-Pankreas-Meridian Magenmeridian
Perikardmeridian Dreifacher-Erwärmer-Meridian

Die 12 Schüßler-Salze.Silicea\"\iNatrium sulfuricum\"\iNatrium phosphoricum\"\iNatrium chloratum\"\iMagnesium phosphoricum\"\iKalium sulfuricum\"\iKalium phosphoricum\"\iKalium chloratum\"\iFerrum phosphoricum\"\iCalcium sulfuricum\"\iCalcium phosphoricum\"\iCalcium fluoratum\"\i

Tab. 4.3
Mineralsalz Vorkommen im Körper Anwendungsgebiete
1. Calcium fluoratum in Zellen der Oberhaut, im Schmelz der Zähne, in Knochen und elastischen Fasern wichtiges Mittel für das Stütz- und Bindegewebe; bei Bindegewebsschwäche, Hämorrhoiden, Venenleiden, Gelenkbeschwerden, Knochen- und Zahnerkrankungen
2. Calcium phosphoricum in allen Körperzellen, v. a. in den Knochenzellen wichtiges Aufbau- und Kräftigungsmittel, bei Blutarmut, in der Rekonvaleszenz
3. Ferrum phosphoricum im Blut, in den Muskelzellen, in den Darmzotten, im retikuloendothelialen System (RES) bei entzündlichen und fieberhaften Prozessen im Anfangsstadium (1. Entzündungsstadium, ohne Sekretion), plötzlich auftretende Erkrankungen, Blutarmut
4. Kalium chloratum Bestandteil fast aller Körperzellen, Beziehung zum Mesenchym Mittel für das 2. Entzündungsstadium, bei fibrinösen Entzündungen und chronischen Schleimhautentzündungen
5. Kalium phosphoricum in Gehirn-, Nerven- und Muskelzellen, Blutkörperchen, in Blut und Lymphe Erschöpfungszustände, Nervenschwäche, Kräfteverfall
6. Kalium sulfuricum in Epithelzellen von Haut und Schleimhaut, in Muskeln meist zusammen mit Eisen Mittel für das 3. Entzündungsstadium bei gelblich-schleimiger Sekretion, chronische Schleimhautkatarrhe
7. Magnesium phosphoricum in Muskeln, Blutkörperchen, Nerven, Gehirn und Rückenmark, in Knochen und Zähnen bei Krämpfen aller Art, Koliken und Schmerzen, Migräne, Neuralgien
8. Natrium chloratum in allen extrazellulären Körperflüssigkeiten und Geweben enthalten beeinflusst den Säure-Basen- und den Wasserhaushalt; bei Abmagerung, Schleimhautkatarrhen mit wässrigen Absonderungen, rheumatischen Beschwerden
9. Natrium phosphoricum Bestandteil der Blutkörperchen, der Muskeln, der Nerven- und Gehirnzellen und der Lymphe Stoffwechselstörungen, Übersäuerung, Neigung zu Rheuma und Gicht, Ischiasbeschwerden, Drüsenschwellungen
10. Natrium sulfuricum extrazellulär im Interstitium bei Störungen der Ausscheidungsorgane, Neigung zu Fettleibigkeit und Leberleiden, Hautausschlägen, alten Wunden
11. Silicea Bestandteil des Bindegewebes, von Haut und Schleimhaut, Haaren, Nägeln, Knochen und Nerven akute und chronische Entzündungen mit Eiterungen, Bindegewebsschwäche, Erkrankungen der Nägel und Haare, Regenerationsmittel
12. Calcium sulfuricum in mesenchymalen Membranen Abszesse, Furunkel, Karbunkel, Bindehautentzündung, Fokalrheuma

Das Entsprechungssystem von Yin und Yang.

Tab. 4.4
Yin Yang
Prinzipien
Erde Himmel
unten oben
weiblich männlich
Materie Energie
Raum Zeit
Hemmung Impuls
Natur
Nacht Tag
Mond Sonne
Dunkelheit Licht
Feuchtigkeit Trockenheit
Kälte Hitze
Körper
rechte Gehirnhälfte linke Gehirnhälfte
innen außen
ventral dorsal
Leere Fülle
Degeneration Infektion
Hypofunktion Hyperfunktion
Speicherorgane
(Leber, Herz, Milz,Lunge, Niere)
Hohlorgane
(Gallenblase, Dünndarm, Magen, Dickdarm, Harnblase)

Differenzierung der Mangel- und Fülle-Syndrome.Syndrom(e):Mangel-Syndrom\"\iSyndrom(e):Fülle-Syndrom\"\i

Tab. 4.5
Mangel-Syndrom Fülle-Syndrom
Konstitution schwach, blass kräftig, rotes Gesicht
Schmerzen dumpf, chronisch akut, heftig
Stimme langsam, leise heftig, laut
Zunge blass rot
Puls leer, schwach kräftig, voll

Überblick über gasförmigegasförmige, flüssige und halbfestehalbfeste Arzneimittel.

[unter Verwendung von A400, E134, K183, V137]

Tab. 4.6
Arzneimittelform, Applikationsform Besonderheiten
Gasförmige Arzneimittelformen
Gase: „reine“ Gase
Verabreichung: pulmonal
Beispiele:
  • Narkosegase

  • Sauerstoffgabe zur Sauerstofftherapie oder bei Atemstörungen

  • nur sog. medizinische Gase höchster ReinheitAerosoleCremeEmulsionSalbeSuspensionTinkturUnguentum

Aerosole: „Schweben“ fester oder flüssiger (Wirkstoff-)Teilchen (Durchmesser 0,5–5 μm) in einem Gas, meist Luft
Verabreichung: pulmonal
z. B. Dosieraerosole oder Pulverinhalate zur Asthmatherapie
Flüssige Arzneimittelformen
Lösung: fester Wirkstoff, vollständig gelöst in einem geeigneten Lösungsmittel (z. B. Wasser, Alkohol)
Verabreichung: kutan, oral, parenteral
Lat. solutio, Abk. Sol.; auch Ausgangsmaterial zur Herstellung von Inhalaten
Tinktur: alkoholischer Auszug aus pflanzlichen oder tierischen Stoffen
Verabreichung: kutan, oral
Suspension: Aufschwemmung eines festen Wirkstoffs in einer Flüssigkeit
Verabreichung: kutan
Teilchen „schweben“ in der Flüssigkeit. Vor Gebrauch schütteln! Auch Ausgangsmaterial zur Herstellung von Inhalaten
Emulsion: Mischung (feinste Verteilung) zweier nicht miteinander mischbarer Flüssigkeiten
Verabreichung: kutan
z. B. Öl-in-Wasser-Emulsion (Wasseranteil überwiegt) und Wasser-in-Öl-Emulsion (Ölanteil überwiegt)
Halbfeste Arzneimittelformen
Salbe: Wirkstoff eingebettet in streichfähige Grundmasse, meist auf Fettbasis
Verabreichung: kutan
lat.: Unguentum, Abk. Ungt.
Creme: weiche „Salbe“ mit hohem Wassergehalt
Verabreichung: kutan
Paste: Relativ feste „Salbe“ mit hohem Pulveranteil
Verabreichung: kutan
Gel: Wirkstoff eingebettet in wasserlösliche Grundmasse mit Quellstoffen und Geliermitteln
Verabreichung: kutan
trocknet auf der Haut, wirkt kühlend

Überblick über feste Arzneimittel und Sonderformen.DrageeGlobuliPulverSuppositoriumTabletteZäpfchenflüssige

[unter Verwendung von A400, E134, K183, V137]

Tab. 4.7
Arzneimittelform, Applikationsform Besonderheiten
Feste Arzneimittelformen
Pulver: sehr fein zerkleinerte, feste Substanzen
Verabreichung: meist lokal zum Auftragen auf die Haut (Puder); seltener oral, dann in der Regel in Flüssigkeit gelöst
eingeschränkte Haltbarkeit, da Pulver durch die Luftfeuchtigkeit verklumpt (zieht Wasser an). Dosierung ungenau, falls nicht in Beutelchen verpackt. Ausgangsmaterial z. B. für Lösungen zur oralen Gabe
Granulat: grobkörnig zerkleinerte, feste Substanzen
Verabreichung: meist oral mit Flüssigkeit
Dosierung ungenau, falls nicht in Beutelchen verpackt
Tablette: fest gepresstes Pulver in meist runder Form
Verabreichung: oral
genaue Dosierung, vielfach Teilen an Kerbung möglich; Tabletten ohne Kerbung sollten nicht geteilt werden. Oft schlecht zu schlucken
Globuli: Streukügelchen auf Zuckerbasis
Verabreichung: oral
genaue Dosierung, wird für homöopathische Arzneimittel verwendet, leicht süßlicher Geschmack, sehr geeignet für Kinder
Dragee (Lacktablette): Tablette mit zusätzlichem Überzug (meist Zuckerguss), ggf. mit säurefestem Überzug, damit sie sich erst im Dünndarm auflöst
Verabreichung: oral
genaue Dosierung, gut zu schlucken, geschmacksneutral. Umhüllung ist auch ein Schutz, z. B. vor Luftfeuchtigkeit. Nicht teilbar
Kapsel: feste oder flüssige Arzneisubstanz in einer im Magen-Darm-Kanal löslichen Hülle auf Stärke- oder Gelatinebasis
Verabreichung: meist oral. Zerbeißkapseln nicht schlucken, sondern zerbeißen
Umhüllung verändert sich mit der Zeit (wird je nach Material klebrig oder spröde). Pulverhaltige Kapseln können auch Ausgangsmaterial zur Herstellung von Inhalaten sein. Nicht teilbar, Öffnen oft möglich
Tee: getrocknete (zerkleinerte) Pflanzenteile
Verabreichung: v. a. oral nach Zubereitung eines Aufgusses (4.2.41) mit kochend heißem Wasser (Infus) oder einer Abkochung mit Wasser (Dekokt) auch zur äußerlichen Anwendung (z. B. Umschlag, Badezusatz)
Dosierungs- und Zubereitungsvorschriften sind genau zu beachten, damit die entsprechenden Inhaltsstoffe gelöst werden und zur Verfügung stehen.
Zäpfchen (Suppositorium): Einbettung des Wirkstoffs in eine Fett-Grundlage, die bei Körpertemperatur schmilzt
Verabreichung: meist rektal. Bei Vaginalzäpfchen vaginal
effektiv verfügbare Wirkstoffmenge variiert aufgrund stark schwankender Resorption erheblich

Trivialmaße für Mengenangaben.

Tab. 4.8
20 Tropfen (Tr.) = ca. 1 g bei wässrigen Lösungen
55 Tropfen (Tr.) = ca. 1 g bei alkoholischen Lösungen
1 Teelöffel (TL) = ca. 5 ml 1 Esslöffel (EL)
= ca. 15 ml
1 Wasserglas/Tasse = ca. 150 ml

Römische Ziffern und Zahlen.

Tab. 4.9
I = 1 XI = 11 XXX = 30 CD = 400
II = 2 XII = 12 XL = 40 D = 500
III = 3 XIII = 13 L = 50 DC = 600
I = 4 XIV = 14 LX = 60 DCC = 700
V = 5 XV = 15 LXX = 70 DCCC = 800
VI = 6 XVI = 16 LXXX = 80 CM = 900
VII = 7 XVII = 17 XC = 90 M = 1000
VIII = 8 XVIII = 18 C = 100 MCD = 1400
IX = 9 XIX = 19 CX = 110 MDC = 1600
X = 10 XX = 20 CC = 200 MM = 2000

Abkürzungen in der Rezeptur. In Klammern sind jeweils die Ein- oder Mehrzahl bzw. die männlich/weiblich/sächliche Form angegeben.

Tab. 4.10
Bezeichnung Lateinische Bedeutung Deutsche Bedeutung
aa, ana ana partes aequales zu gleichen Teilen
ad ana partes aequales ad zu gleichen Teilenbis … Gramm
a. c. ante cenam vor der Mahlzeit
add. adde füge hinzu
ad (pro) us. ext. ad usum externum zum äußeren Gebrauch
ad (pro) us.intern. ad usum internum zum inneren Gebrauch
Aq. dest. aqua destillata destilliertes Wasser
Aq. pur. aqua purificata gereinigtes Wasser
aut simil. aut simile (similia) o. Ä.
bulb. bulbus Zwiebel
cave vermeide, Vorsicht!
comp. compusitum (-a, -um) zusammengesetzt
(cc.), concis. concisus zerschnitten, geschnitten
concis. groß concisus große grob zerschnitten
cont. contusus zerstoßen, zerdrückt
cort. cortex Rinde
D., d. da oder detur gib, es werde gegeben
D., Dos. Dosis Gabe
dect. decoctum Abkochung
dep. depurata gereinigt
dil., dilut. dilutus, Dilutio verdünnt, Verdünnung
div. i. part. aequ. divide in partes aequales teile in gleiche Teile
dos. Dosis (Doses) Gabe(n), Menge(n)
emuls. emulsio Emulsion
f. fiat es soll gemacht werden
flor. flores (-um) Blüten
fol. folia (-ae) Blätter
fluid. fluidus flüssig
fruct. fructus (-uum) Beere
gr. pulv. grosse pulveratus grob gepulvert
gtt. gutta, guttae Tropfen
hb. herba (-ae, -arum) Kraut
inf. infusum Aufguss
inj. injectio Einspritzung, Injektion
inspiss. inspissatus (-a, -um) eingedickt
liq. liquor, liquidus Flüssigkeit, flüssig
m. misce, misceatur mische! es werde gemischt!
M. D. S. misce, da, signa mische, gib, bezeichne
m. f. misce fiat mische, damit entsteht
M. f. pulv. misce ut fiat pulvis mische und mache ein Pulver daraus
M. f. spec. misce fiat specie mische zum Tee
min. concis. minutim concisus fein geschnitten
mund. mundatus geschält
Nr. numerus Anzahl
ol. oleum Öl
p. pulveratus, pulvis gepulvert, Pulver
p. c. post cenam nach der Mahlzeit
pericarp. pericarpium (-ii) Schalen
pil. pilulae Pillen
pro baln. pro balneo für das Bad
pro d. pro die für den Tag
pro dos. pro dosi für die Einzelgabe
pulv. pulveratus gepulvert
q. s. quantum satis soviel wie nötig ist
rad. radix (-icis) Wurzel
remed. remedium Heilmittel
rec. par. recenter paratum frisch bereitet
rep! repetatur zum Wiederholen
rhiz. rhizoma Wurzelstock
rp. recipe nimm!
S. signa bezeichne!
s. sine ohne
sine confect. sine confectione ohne Original-Verpackung(bei einer Fertigarznei)
sem. semen (-inis) Samen
sol. solutio, solutus (-a, -um) Lösung, gelöst
solv. solve löse
sicc. siccatus getrocknet
sir. sirupus Sirup
spec. species Teemischung
spirit. spirituosus weingeisthaltig
subt. pulv. subtiliter pulveratus fein gepulvert
supp. suppositorium Zäpfchen
tct., tinct. tinctura Tinktur
tot. totus ganz
trit. trituratio Verreibung
ugt., Ungt. unguentum Salbe
vas. vaselinum Vaseline

Therapeutische Methoden in der Naturheilpraxis

  • 4.1

    Einführung139

    • 4.1.1

      Allgemeine therapeutische Strategien139

    • 4.1.2

      Therapeutische Grundbegriffe in der Naturheilkunde140

    • 4.1.3

      Wirkprinzipien naturheilkundlicher Therapien141

    • 4.1.4

      Wirkorte naturheilkundlicher Therapien143

  • 4.2

    Lexikon wichtiger Therapieverfahren145

    • 4.2.1

      Ab- und Ausleitungsverfahren (Aschner-Verfahren)145

    • 4.2.2

      Aderlass145

    • 4.2.3

      Akupunktur146

    • 4.2.4

      Angewandte Kinesiologie und Applied Kinesiology148

    • 4.2.5

      Anthroposophische Medizin149

    • 4.2.6

      Aromatherapie150

    • 4.2.7

      Atemtherapie151

    • 4.2.8

      Ayurveda151

    • 4.2.9

      Bach-Blütentherapie152

    • 4.2.10

      Baunscheidt-Verfahren153

    • 4.2.11

      Biochemie nach Schüßler154

    • 4.2.12

      Bioresonanztherapie155

    • 4.2.13

      Blutegeltherapie156

    • 4.2.14

      Cantharidenpflaster157

    • 4.2.15

      Chiropraktik158

    • 4.2.16

      Edelsteintherapie159

    • 4.2.17

      Eigenbluttherapie159

    • 4.2.18

      Elektro- und Strahlentherapie160

    • 4.2.19

      Ernährungstherapie160

    • 4.2.20

      Heilfasten161

    • 4.2.21

      Hildegardmedizin162

    • 4.2.22

      Homöopathie163

    • 4.2.23

      Hydrotherapie165

    • 4.2.24

      Kraniosakrale Osteopathie165

    • 4.2.25

      Lasertherapie166

    • 4.2.26

      Manuelle Therapie166

    • 4.2.27

      Mikrobiologische Therapie167

    • 4.2.28

      Mayr-Kur167

    • 4.2.29

      Moxibustion169

    • 4.2.30

      Neuraltherapie169

    • 4.2.31

      Ohrakupunktur170

    • 4.2.32

      Ordnungstherapie171

    • 4.2.33

      Orthomolekulare Medizin172

    • 4.2.34

      Osteopathie172

    • 4.2.35

      Ozontherapie173

    • 4.2.36

      Phytotherapie174

    • 4.2.37

      Reflexzonentherapie176

    • 4.2.38

      Reflexzonentherapie am Fuß176

    • 4.2.39

      Sauerstofftherapien177

    • 4.2.40

      Schröpfen178

    • 4.2.41

      Segmenttherapie179

    • 4.2.42

      Shiatsu179

    • 4.2.43

      Spagyrik180

    • 4.2.44

      Traditionelle Chinesische Medizin180

    • 4.2.45

      Tuina-Massage182

  • 4.3

    Arzneimitteltherapie182

    • 4.3.1

      Arzneimittel182

    • 4.3.2

      Arzneimittelnamen183

    • 4.3.3

      Pharmakokinetik und Pharmakodynamik183

    • 4.3.4

      Arzneimittelnebenwirkungen184

    • 4.3.5

      Arzneimittelformen184

    • 4.3.6

      Gebrauchsinformation eines Arzneimittels185

    • 4.3.7

      Lokale und systemische Arzneitherapie186

    • 4.3.8

      Applikationsformen187

    • 4.3.9

      Lagerung und Entsorgung von Arzneimitteln187

    • 4.3.10

      Lexikon der Arzneimittelhauptgruppen188

  • 4.4

    Dosierung und Verordnung189

    • 4.4.1

      Allgemeine Regeln zur Dosierung189

    • 4.4.2

      Der Verordnungszettel189

  • 4.5

    Rezeptieren190

    • 4.5.1

      Grundlagen der Rezeptierkunde190

    • 4.5.2

      Abkürzungen in der Rezeptur191

    • 4.5.3

      Ausstellen des Rezepts191

Einführung

Allgemeine therapeutische Strategien

Therapie (griech. therapeia = Dienst, Pflege, Heilung): Krankenbehandlung und -heilung.

Jede Therapie hat unabhängig von der gewählten Behandlungsmethode das Ziel, die Krankheit des Patienten zu Therapieheilen (kurative Therapie) oder wenigstens zu bessern. Da viele Erkrankungen oft nicht befriedigend zu beeinflussen sind, soll Therapie:kurativeeine palliative Therapie die Beschwerden des Patienten lindern und seine Lebensqualität steigern.
Bevor eine Therapie Therapie:palliativefestgelegt wird, muss der Therapeut entscheiden, ob eine Behandlung überhaupt notwendig ist. Dabei ergibt sich die Behandlungsnotwendigkeit aus der Art, der Schwere, den Verlauf und die drohenden Komplikationen der vorliegenden Erkrankung. So bedürfen Bagatellerkrankungen wie ein leichter „Schnupfen“, der erfahrungsgemäß innerhalb weniger Tage von selbst abklingt, meist keiner Therapie.
Die Therapienotwendigkeit hängt auch vom Patienten ab, seinen Wünschen, seinem Alter und bestehenden weiteren Erkrankungen.
Wahl der geeigneten Therapieform

Indikation: Heilanzeige, diagnostische oder therapeutische Maßnahme ist notwendig

absolute Indikation: Behandlung ist zwingend erforderlich (z. B. Operation bei akuter Appendizitis 13.8.4)

relative Indikation: bei bedingter Gefährdung des Patienten oder prognostiziertem eingeschränktem Erfolg der Therapie, sorgfältige Abwägung der Nebenwirkungen erforderlich

Kontraindikation: Gegenanzeige. Behandlung darf nur mit besonderer Vorsicht (relative Kontraindikation) oder gar nicht (absolute Kontraindikation) durchgeführt werden.

Oft stehen für eine Erkrankung mehrere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Maßgeblich für die Wahl der IndikationTherapieform sind die möglichen Nebenwirkungen, die Behandlungsdauer und die Einschränkungen, die die Therapie vom Patienten erfordert. Stellt die Erkrankung des Patienten eine Indikation dar, die diagnostische oder therapeutische Maßnahmen verlangt, ist bei der Auswahl des Therapieverfahrens zu beachten, ob Kontraindikationen (Gegenanzeigen) vorliegen. Ist dies der Fall, darf die jeweilige Behandlung nur mit besonderer Vorsicht (relative Kontraindikation) oder gar nicht (absolute Kontraindikation) angewandt werden.
Je nach Zustand des Patienten ist bei einer akuten Erkrankung oft eine symptomatische Behandlung erforderlich, die lediglich den Krankheitszeichen (Symptome) entgegenwirkt. Eine Therapie:symptomatischekausale Behandlung hingegen setzt an den Krankheitsursachen an und erfordert die Einbeziehung der Konstitution des Therapie:kausalePatienten in die Behandlung. Je nach Bezugssystem (z. B. Aschner-Verfahren, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin oder Ayurveda) werden mehrere Konstitutionslehren unterschieden.
Naturheilkundliche Behandler legen auch großen Wert darauf, die Krankheitsdisposition (3.7.4, 8.1.4) eines KrankheitsdispositionPatienten frühzeitig zu erkennen, um durch vorbeugende Behandlung (Disposition:KrankheitsdispositionProphylaxe) pathologische Prozesse zu verhindern. Generell hat bei naturheilkundlichen Therapieverfahren die Behandlung des Prophylaxegesamten Organismus Vorrang vor der Behandlung der gestörten Organfunktion. Da eine Krankheit nicht erst dann besteht, wenn entsprechende Laborwerte oder andere diagnostische „Beweismittel“ vorliegen, steht das subjektive Empfinden des Patienten immer im Vordergrund.

Therapeutische Grundbegriffe in der Naturheilkunde

Die Begriffe „Naturheilkunde“ oder „Naturheilverfahren“ werden umgangssprachlich oft als Synonyme verwendet, um diejenigen Ansätze und Methoden zu charakterisieren, die nicht selbstverständlicher Bestandteil der naturwissenschaftlichen Medizin sind. Sie werden vielmehr mit dem Beruf des Heilpraktikers in Verbindung gebracht, steht dieser doch durch sein Selbstverständnis in der Tradition der naturheilkundlichen Therapie. Die Schulmedizin hat nach der Abspaltung der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert (1.1.2) diesen Bereich relativ spät (wieder-)entdeckt und in die Weiterbildung integriert (2.2.1).
Doch was ist Naturheilkunde und was zeichnet die Naturheilverfahren als therapeutische Verfahren aus?
Naturheilkunde – Naturheilverfahren
Naturheilmittel und naturgemäße Heilungen hat es zu allen Zeiten gegeben; sie sind die älteste Medizin Naturheilkunde\"\iüberhaupt (1.1.2). Vor allem gab es schon immer natürliche Heilung, das ist spontane Heilung ohne äußeres Zutun, die in den körpereigenen Heilungsprozessen gründet. Natürlich und naturgemäß ist eine Therapie, die diese Prozesse aufgreift, anregt oder imitiert. Naturheilkunde ist die Lehre und Forschung über die Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten unter Einsatz der natürlichen Umwelt und naturbelassener Heilmittel.
Die Naturheilkunde geht davon aus, dass wir Menschen als Teil der Natur nur aus der Natur unsere körpereigenen Heilkräfte beziehen können. Licht, Luft, Wasser, Bewegung und Ernährung, nach Sebastian Kneipp (1821–1898 4.2.23) die fünf Säulen der Naturheilkunde, sind nicht nur Grundlage einer gesunden, naturgemäßen Lebensführung, sondern auch die Basis einer naturheilkundlich-ganzheitlichen Behandlung.
Naturheilverfahren
Mit dem Begriff Naturheilverfahren werden die Therapieverfahren bezeichnet, die natürliche Faktoren als Naturheilverfahren\"\iHeilkraft einsetzen oder Maßnahmen anwenden, die der Natur nachempfunden sind.

Merke

Naturheilverfahren zielen darauf ab, durch eine dosierte Ent- und Belastung die körpereigenen Selbstregulationskräfte des Körpers zu stärken.

Sie folgen den Grundpfeilern der Naturheilkunde, der Schonung, Kräftigung und Normalisierung.

Schonung kann erreicht werden, indem Reize reduziert oder schädliche Substanzen weggelassen werden. Um den Organismus zu kräftigen und seine Organfunktionen zu normalisieren, wird die Anpassung an natürliche Faktoren wie z. B. Kälte gefördert und damit eine Abhärtung erzielt.
Klassische Naturheilverfahren
Klassische Naturheilverfahren sind die Therapieverfahren, die keine aufwändigen apparativen Techniken Naturheilverfahren:klassische\"\ieinsetzen, sondern die natürlichen Faktoren nutzen, sog. genuine (echte) Naturfaktoren wie Wasser, Wärme oder Licht. Sie sind zudem als fester Bestandteil in der Volksmedizin über Jahrhunderte verankert.
  • Hydro- und Thermotherapie (4.2.23): Wasser- und Wärmebehandlung im Rahmen der physikalischen Therapie in Form von Waschungen, Güssen, Teilbädern, Wickeln und Packungen, Überwärmungsbädern, Sauna, Dampfbädern

  • Bewegungstherapie: passive und aktive Physiotherapie (z. B. Wirbelsäulenschule, Bobath- oder Voitha-Behandlung), Massage, manuelle Medizin (4.2.26), allgemeine körperliche Aktivität, regelmäßiger Ausdauersport (z. B. Walking, Jogging)

  • Ernährungstherapie (4.2.19): Vollwert-Kost, Heilfasten (4.2.20), diverse Diätformen (z. B. Schroth-Kur, Mayr-Kur 4.2.28), therapeutisches Fasten

  • Phytotherapie (4.2.36): traditionelle und moderne Pflanzenheilkunde

  • Ordnungstherapie (4.2.32): eine an der Naturheilkunde orientierte Gesundheitslehre (Hygiene), einschließlich Entspannungsverfahren, Atem- und Lösungsverfahren, körperorientierter Psychotherapie.

Erweiterte Naturheilverfahren
Als erweiterte Naturheilverfahren werden die Methoden bezeichnet, die in Nachahmung „Naturheilverfahren:erweiterte\"\inatürlicher Prozesse“ Heilungsprozesse in Gang setzen, wie z. B. die Ab- und Ausleitungsverfahren (4.2.1), die mikrobiologische Therapie (4.2.27) oder Neuraltherapie (4.2.30).
Naturheilkundliche Therapieverfahren können auch danach unterschieden werden, ob „stoffliche Reize“ (z. B. Ab- und Ausleitungsverfahren, Hydrotherapie) oder sog. „feinstoffliche Reize“ mittels Informationen (z. B. Spagyrik, Bach-Blütentherapie) gesetzt werden. Bei aller Unterscheidung der Naturheilverfahren gibt es jedoch, wie bereits aufgezeigt, eine Gemeinsamkeit: Sie aktivieren die körpereigenen Regulationssysteme. Dies zeichnet auch die Traditionelle Chinesische Medizin (4.2.44) und Homöopathie (4.2.22) aus. Diese Therapieverfahren werden jedoch aufgrund ihrer umfassenden theoretischen Konzepte als eigenständige Therapierichtungen klassifiziert.
Erfahrungsheilkunde
Soweit die Wirksamkeit naturheilkundlicher Verfahren nicht mit den heute gültigen wissenschaftlichen Methoden Erfahrungsheilkunde\"\ibewiesen werden kann, werden sie als erfahrungsheilkundliche Verfahren bezeichnet und von der Schulmedizin oft nicht wahrgenommen. Es ist anzunehmen, dass die wissenschaftliche Forschung der Zukunft einige Phänomene der Erfahrungsheilkunde erklären kann. So wurde z. B. der rote Fingerhut (Digitalis purpurea) in der Volksheilkunde bereits seit Jahrhunderten erfolgreich bei Herzerkrankungen eingesetzt, also lange bevor die Wirkung der Digitalisglykoside (10.7.1, Pharma-InfoPharma-Info) wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. Heutzutage werden auch in der Schulmedizin Digitalispräparate eingesetzt.
Die Schulmedizin führt die Erfolge nicht wissenschaftlich anerkannter Verfahren oft auf den „Placeboeffekt“ (4.3.1) zurück, ohne jedoch begründen zu können, weshalb diese „Wirkung aufgrund von Einbildung“ sich auch bei Säuglingen, Tieren oder gar Pflanzen zeigt, die einer Suggestion nicht zugänglich sind.
Dass ein wissenschaftlicher Beweis der Wirksamkeit von Naturheilverfahren oft nicht erbracht werden kann, hat mehrere Ursachen: Viele naturheilkundliche Therapien entziehen sich aufgrund ihrer individualisierenden Vorgehensweise einer methodisch-statistischen Beurteilung, die auf der Auswertung quantitativer Daten beruht. Ein weiterer Grund liegt in den unterschiedlichen Denkansätzen der Medizinrichtungen. Die heutige Naturwissenschaft basiert auf dem linearen Ursache-Wirkungs-Denken der Tradition Newtons und Virchows. Dem gegenüber steht ein Denken in vernetzten biologischen Systemen, das seine Wurzeln in jahrtausendealten medizinischen Traditionen hat. Erst in jüngster Zeit entstehen durch Erkenntnisse der modernen Biokybernetik (Wissenschaft, die die Steuerungs- und Regelungsvorgänge in den biologischen Systemen von Mensch, Tier und Pflanze Biokybernetikuntersucht) sowie durch Erkenntnisse der Quantenphysik und Epigenetik neue Möglichkeiten, diese vielschichtigen Verknüpfungen und Wechselwirkungen innerhalb des biologischen Systems „Mensch“ wissenschaftlich zu untermauern.
Ganzheitsmedizin
Als Ganzheitsmedizin oder holistische Medizin bezeichnetGanzheitsmedizin\"\i man eine Medizin, die den Patienten im Zusammenspiel seines körperlichen, geistigen und seelischenMedizin:holistische Befindens sowie seines psychosozialen Umfelds sieht. Je nach Auffassung werden noch weitere Ebenen des menschlichen Seins berücksichtigt, wie z. B. die Verwurzelung des Individuums im Kollektiv seiner Umwelt, seiner Kultur oder der ganzen Menschheit, die individuelle Biografie und auch die spirituelle Ausrichtung.
Der holistischen Medizin zufolge ist Krankheit nicht ein zufällig auftretender pathophysiologischer Defekt, sondern ein für den Lebensweg des Patienten notwendiges und sinnvolles Geschehen mit Symbol- oder Signalcharakter. Somit ist es oberstes Ziel einer Behandlung, die Ursachen zu finden und grundlegende Strukturen oder Situationen zu ändern.

Wirkprinzipien naturheilkundlicher Therapien

Von Hippokrates (1.1.2) stammt der Ausspruch „Medicus curat, natura sanat.“ – der naturheilkundliche Therapie:Wirkprinzipien\"\iArzt behandelt, die Natur heilt. Paracelsus sprach vom „inwendigen Arzt“. Ein wesentliches Prinzip naturheilkundlicher Therapien besteht darin, die Natur des Menschen günstig zu beeinflussen: Dies kann geschehen, indem Reize gesetzt werden, die selbstregulierende Prozesse des menschlichen Organismus auslösen. Somit wird im Gegensatz zur Schulmedizin der kranke Organismus zur Mitarbeit aktiviert. Naturheilverfahren wenden also stimulierende Therapieprinzipien an, während die Schulmedizin vorrangig eliminiert, substituiert und dirigiert, indem sie Krankhaftes aus dem Organismus entfernt, das dem Körper Fehlende ersetzt oder falsche Prozesse und gestörte Funktionen mit zahlreichen Medikamenten korrigiert. Sie führt also dem Patienten in der Regel Gesundheit von außen zu und setzt Prozesse ohne die eigentliche Mitarbeit des kranken Organismus in Gang.
Die naturheilkundlichen Therapieverfahren können nach ihren Wirkprinzipien wie folgt unterschieden werden:
  • Reiztherapien

  • immunmodulierende und immunstimulierende Therapien

  • energetische Therapien

  • Substitutionstherapien

Reiztherapien
Durch den therapeutischen Einsatz Reiztherapien\"\ivon Belastungen (z. B. Fasten, kaltes Wasser, naturheilkundliche Therapie:Reiztherapien\"\iKlimaänderungen) und Reizstoffen (z. B. Eigenblut, homöopathische Mittel) wird der menschliche Organismus zur reaktiven Eigenleistung angeregt. Zunächst eine Belastung für den Organismus löst der in vielen Fällen unspezifisch eingesetzte Reiz erst auf Umwegen eine gesunde Reaktion aus und verhilft dazu, die dem Körper gemäße Gesundheit wieder zurückzugewinnen. Dieses Geschehen machen sich viele Therapieverfahren, wie z. B. die Hydrotherapie, die ab- und ausleitenden Verfahren, die Neuraltherapie oder die Eigenbluttherapie zunutze.

Merke

Eine Reiztherapie kann nur eingesetzt werden, wenn der Körper mit Gegenreizen reagieren kann, also keine Reaktionsstarre oder Regulationsstarre besteht. Bemerkenswert ist, dass häufig gezielte schwache Reize eine deutlichere Gegenreaktion auslösen als starke – „viel hilft nicht viel“.

Dosierung
Regulationstherapie\"\inaturheilkundliche Therapie:Regulationstherapie\"\iUm die Jahrhundertwende formulierten Regulationsstarre\"\iRudolf Arndt und Hugo Schulz das nach ihnen benannte Arndt-Schulz-Gesetz, das die unterschiedlichen Reizantworten charakterisiert: „Kleine Reize fachen die Lebenstätigkeit an, Arndt-Schulz-Gesetz\"\imittelstarke fördern sie, starke hemmen sie und stärkste heben sie auf – wobei es individuell verschieden ist, was als starker oder schwacher Reiz zu gelten hat.“
Es ist wichtig, den Reiz individuell auszuwählen und ebenso seine Dauer und Intensität individuell zu dosieren: Werden z. B. starke Reize zu oft gegeben und über eine zu lange Zeit verabfolgt, kann der Organismus den Reiz nicht mehr beantworten, da die Widerstandskraft erschöpft ist. Ebenso ist darauf zu achten, dass eine systematisch gesteigerte Belastung nicht zu lange ausgeführt wird und der beabsichtige Trainingseffekt nicht einer Gewöhnung Platz macht. Im Hinblick auf die gesetzten Reize ist Folgendes zu beachten:
  • Zu Beginn einer Reiztherapie sollte nie mehr als ein Reiz gesetzt und dieser so gering wie möglich dosiert werden.

  • Ein neuer Reiz darf nicht gesetzt werden, bevor die Reaktion auf den vorigen (z. B. Rötung, Schwellung, Müdigkeit) sicher abgeklungen ist.

  • Art, Stärke und Applikationsort des Reizes sind zu ändern, um Gewöhnung zu vermeiden.

Reaktion
Der Gesamtorganismus wird in der Naturheilkunde als vernetztes biologisches Regelkreissystem angesehen, dessen Anteile auf vielfältige Weise miteinander in Verbindung stehen. Damit werden bei Erkrankungen eines Körperbezirks die Reflexpunkte aller Regelkreise, die diesen Bezirk betreffen, aktiviert. Die verschiedenen Reflexbögen (23.2.18) sind einer Reizgebung (z. B. durch Akupunktur, Neuraltherapie, Massage, Bewegungstherapie oder durch ab- und ausleitende Verfahren) und Reizbeantwortung zugänglich. Aufgrund der Verschaltung verschiedener vegetativer Reflexbögen werden Reaktionsmuster ausgelöst, die der Körper mit Verteidigungsreaktionen beantwortet.
Die erste Antwort entspricht dabei nicht immer der letztendlich gewünschten. Im Hinblick auf die Reaktionen muss immer unterschieden werden zwischen einer Heilreaktion, die auch als Erstverschlimmerung bezeichnet wird, und unerwünschten Nebenwirkungen (Tab. 4.1, 4.3.4), die Erstverschlimmerung\"\idarauf hinweisen, dass die Reize nicht angemessen dosiert wurden.
Reizqualität
Reize trainieren Heilraktion\"\idas unspezifische Immunsystem und verstärken naturheilkundliche Therapie:Heilreaktion\"\ioft auch spezifische Abwehrreaktionen. Neben der immunmodulierenden Wirkung rufen sie außerdem Umstimmungsreaktionen hervor, indem sie die Reaktionsbereitschaft des Organismus ändern.
Immunmodulation und Immunstimulation
Immunmodulation\"\iNaturheilkundliche Maßnahmen, Immunstimulation\"\idie die Abwehr- und Bewältigungsleistung gegen Stressoren naturheilkundliche Therapie:Immunstimulation\"\ioptimieren, wurden früher unter dem Begriff „Abhärtung“ zusammengefasst (z. B. Bewegungs-, Hydrotherapie). Heutzutage spricht man bei der therapeutischen Aktivierung der körpereigenenAbhärtung Abwehrkräfte eher von Immunmodulation (Veränderung der Immunantwort) oder Immunstimulation (Anregung der Immunantwort).
Immunmodulation:NaturheilkundeImmunmodulierende Maßnahmen durchzuführen, ist aufgrund der modernen Lebensweise umso notwendiger, da das Immunsystem nicht mehr ausreichend trainiert, sondern durch Zivilisationskost, Umweltgifte und therapieresistente Infektionskrankheiten übermäßig beansprucht wird.
Pflanzliche Immunmodulatoren (z. B. Echinacea, Mistel, Eleutherokokkus), körpereigene Substanzen (z. B. Eigenblut) sowie Organpräparate (z. B. Thymuspräparate) steigern die Aktivität und Anzahl der Abwehrzellen. Das geschieht v. a. über die vermehrte Ausschüttung von Zytokinen (22.2.3), den Signalstoffen der Abwehrzellen. Wirkungsvoll unterstützt wird die Abwehrstärkung durch die Gabe von Vitaminen, Spurenelementen, Enzymen sowie durch Sauerstoff-Therapien. Welche dieser Therapien im Einzelfall sinnvoll sind, muss der Therapeut abwägen.

Merke

Das Immunsystem reagiert sehr empfindlich auf Reize. Es gilt die Grundregel: Sanfte Reize stärken, starke Reize schwächen.

Der Patient kann durch seine Mithilfe das therapeutische Immuntraining unterstützen:
  • Hydrotherapie: Wechselnde Reize, z. B. Kneippgüsse oder Bürstenmassagen trainieren das körpereigene Regulationssystem.

  • Bewegungstherapie: Bewegung aktiviert und tonisiert (kräftigt).

  • Ernährungstherapie: Vollkornprodukte, Gemüse und Obst gewährleisten eine gute Versorgung der Abwehrzellen mit Wirkstoffen. Da der Darm ein wichtiges Immunorgan ist, sind Nahrungsmittel, die die Besiedlung mit physiologischen Darmbakterien (4.2.27) beeinträchtigen, zu meiden.

  • Ordnungstherapie: Anspannung und Entspannung sollten sich im Tagesablauf harmonisch abwechseln, übermäßige Belastungen durch körperlichen oder seelischen Stress, durch Rauchen oder andere Genussgifte gemieden werden. Antibiotika oder Psychopharmaka sollten nur eingenommen werden, wenn es nötig ist.

Umstimmungstherapien
Umstimmungstherapien\"\iUmstimmungstherapien zielen darauf ab, die Reaktionsbereitschaft des Organismus zu ändern. naturheilkundliche Therapie:Umstimmungstherapien\"\iTherapeutische Reize aktivieren das sympathikoadrenerge System (19.2.6) und lösen infolge eine endokrine Umstimmung im Bereich der NNR-Hypophysen-Achse aus.
Es ist darauf zu achten, dass nach vorübergehender Steigerung der Aktivität des sympathikoadrenergen Systems sich die vegetative Reaktionslage wieder verschiebt. Diese umstimmende Wirkungsweise ist bei den Injektionsbehandlungen (z. B. Neuraltherapie) sowie bei künstlich gesetzten Entzündungen zu beobachten. Als Umstimmungstherapien können eingesetzt werden: ab- und ausleitende Verfahren (z. B. Aderlass, Schröpfen, Blutegel), Ernährungstherapie (z. B. Heilfasten, Mayr-Kur), Phytotherapeutika, Akupunktur, physikalische Therapie.
Energetisch-informationelle Therapien
Viele energetisch-informationelle Therapien\"\itherapeutische Verfahren, wie z. B. die Homöopathie, Bach-Blütentherapie naturheilkundliche Therapie:energetisch-informationelle\"\iund Spagyrik, verabreichen keine materielle Substanz und setzen keine stofflichen Reize. Sie führen – so die häufig angeführte Erklärung – dem Körper neue, spezifische Informationen zu, die gezielt eine andere Reaktionsweise hervorrufen und dadurch den Heilungsprozess einleiten können.
Information
Die einzelne Zelle und die Interzellularsubstanz sowie in der Folge die Gewebe, Organe und der Gesamtorganismus reagieren auf Informationen (Reize) von außen.
Informationen sind immer unstofflicher (immaterieller), geistiger Natur. Um sie zu vermitteln, bedarf es einer Trägersubstanz, z. B. einer Zuckerverreibung bzw. einer Alkohollösung. Es ist noch nicht geklärt, wie der Organismus die Informationen aufnimmt und verwertet. Doch zeigt die Erfahrung die Wirksamkeit dieser Methoden unabhängig von der wissenschaftlichen Anerkennung.
Energieausgleich
Viele, insbesondere aus dem östlichen Kulturkreis stammende Medizinmodelle gehen davon aus, dass Krankheit durch Energieausgleich, therapeutisch\"\iein energetisches Ungleichgewicht verursacht wird. Durch entsprechende Therapieverfahren, wie z. B. Akupunktur (4.2.3), Akupressur, Shiatsu (4.2.42) oder Tuina-Massage (4.2.45), wird das aus Meridianen bestehende körpereigene Energiesystem beeinflusst, indem z. B. ein Energieausgleich zwischen dem Fülle-Zustand des einen und dem Leere-Zustand des anderen Meridians vorgenommen wird.
Substitutionstherapien
Zu den Substitutionstherapien werden z. B. naturheilkundliche Therapie:Substitutionstherapien\"\idie Phytotherapie, die Orthomolekulare Medizin und die Ernährungstherapie gezählt, da diese, wie auch in der Substitionstherapien\"\iSchulmedizin, einen Wirkstoff zuführen. Grundsätzlich gilt für jede Substitutionstherapie: Eine zu geringe Dosis bleibt wirkungslos, die richtige Dosis heilt, eine Überdosierung ruft toxische Erscheinungen hervor.

Wirkorte naturheilkundlicher Therapien

Der Körper ist ein hoch kompliziertes System, in dem die unterschiedlichsten Strukturen miteinander vernetzt sind. Im Idealfall besteht ein biologisches Fließgleichgewicht, in dem alle Strukturen harmonisch zusammenarbeiten und durch übergeordnete Steuerungsmechanismen kontrolliert und beeinflusst werden. Nach Popp sind diese Steuerungsmechanismen nicht nur zellulär-biochemischer Natur (z. B. Hormondrüsen, Nervenbahnen), sondern auch elektromagnetischer Natur (z. B. Meridiane als „Energieleitbahnen“).
Ein Erklärungsmodell, das diesem energetisch offenen System gerecht wird und auf das sich viele Naturheilverfahren beziehen, ist das System der Grundregulation nach Pischinger.
System der Grundregulation
Das von Pischinger begründete und von Heine weiterentwickelte System der Grundregulation basiert auf einem Grundregulation nach Pischinger\"\ianderen Denkansatz als das auf der Zellularpathologie nach Virchow beruhende, wissenschaftlich gültige und schulmedizinische System, das die Zelle als fundamentale Funktionseinheit des Organismus sieht. Ein Krankheitsgeschehen wird hiernach vorwiegend als Ausdruck einer gestörten Zellfunktion verstanden.
Nach Pischinger ist nicht die Zelle, sondern das System der Grundregulation das anatomische Substrat (materielle Grundlage) aller biologischen Vorgänge und somit auch Ausgangs- und Ansatzort für Krankheit und Therapie. Dazu gehören die Interzellularsubstanz mit den undifferenzierten Zellen des Bindegewebes (Retikulumzellen, Fibroblasten), die extrazelluläre Gewebsflüssigkeit (sog. Grundsubstanz), die Kapillaren und das vegetative Nervenfasergeflecht (Abb. 4.1).
Das System der Grundregulation, das auch als Grundsystem bezeichnet wird,Grundsystem erhält die Homöostase und bildet das übergeordnete Ordnungsprinzip im Streben des Organismus nach Grundsystem\"\iSelbsterhaltung. Alle biologischen Grundfunktionen des Lebens, die mit der Abwehr oder dem Ausgleich von Ungleichgewichten zusammenhängen, werden hier reguliert. Jeder Reiz und jedes Stoffwechselgeschehen zwischen den Organzellen verläuft über das Grundsystem, jede Reaktion des Nerven-, Gefäß-, Hormon- oder Immunsystems hängt ab von seiner Übertragungsfunktion. Somit ist jegliche Reaktion auf einen physiologischen oder pathologischen Reiz gebunden an die Funktion des Grundsystems.
Grundsubstanz
Die Grundsubstanz (extrazelluläre Gewebsflüssigkeit), eine wesentliche Funktionseinheit des Grundsystems, schafft die Basis der Grundsubstanz\"\ilebenserhaltenden Homöostase. Die Grundsubstanz umgibt jede Körperzelle und schafft die Verbindung zwischen der einzelnen Zelle, ihrem Organverbund und dem übrigen Organismus. Nur eine intakte Grundsubstanz ermöglicht die Funktionsfähigkeit aller Regelkreise, während Fehlinformationen auf anderen Ebenen (z. B. durch ein bereits erkranktes Organ, einen krankheitserregenden Reiz) zur Bildung einer defekten Grundsubstanz führen. Dies leitet einen Teufelskreis ein, der über komplizierte innerkörperliche Reflexe ein lokales Krankheitsgeschehen über den gesamten Organismus ausbreiten kann.
Verschiedenste Toxine (Gifte), die der Körper selbst bildet oder von außen aufnimmt, chronische Beanspruchung der Abwehrkräfte des Organismus durch ein Störfeld (4.2.30) oder anhaltende psychische Belastungen stören das Grundsystem und seine Fähigkeit, die einzelnen Zellen zu versorgen. Dauern die Belastungen an, festigen sie den Teufelskreis, indem sich die Störungen gegenseitig aufschaukeln. Je nach individueller Disposition des Patienten können sie zu einer degenerativen, entzündlichen oder bösartigen Erkrankung führen.
Therapeutisches Konzept
Die Aufgabe des Behandlers besteht darin, den Teufelskreis zu unterbrechen, damit sich in der erwirkten Pause die gegenregulierenden Selbstheilungskräfte des Körpers entfalten können. Dies kann z. B. durch Reflexzonentherapien oder die Akupunktur geschehen, die an den Nervenfasern der Haut Impulse unterbrechen, die aus den Gebieten mit gestörter Grundsubstanz in die Haut gelangen. Verschiedene Reiztherapien bewirken eine Gegenregulation, indem sie einen unspezifischen Reiz setzen, der die Selbstheilungskräfte des Grundsystems (und somit des Organismus) mobilisiert und verstärkt. Diese Verfahren (z. B. Saunabaden, Homöopathie, Eigenbluttherapie, Akupunktur, Baunscheidt-Therapie und viele mehr) setzen im Grundsystem geradezu eine Kettenreaktion von Gegenmaßnahmen in Gang, die eine generelle Umstimmung oder (nach Hoff) eine vegetative Gesamtumschaltung bewirken. Modernste neurobiologische Forschungen untermauern diese Theorien.
Humoralpathologie
Noch heute stützt sich die Naturheilkunde auf Aspekte der Humoralpathologie, die auf Vorstellungen früh-griechischer Humoralpathologie\"\iNaturphilosophie zurückgeht. Denen zufolge sind der Mensch und seine Umgebung aus den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer zusammengesetzt (Abb. 4.2). Hippokrates und seine Schule haben diese Idee medizinisch umgesetzt und auf die Physiologie und Pathologie des Menschen angewendet. Dabei werden die vier Elemente im Menschen durch die vier Säfte, durch Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle repräsentiert. Die vier Säfte haben keine materielle Entsprechung, sondern repräsentieren qualitative Aspekte von Substanz und Funktion:
  • Schwarze Galle: Die Milz-Galle entspricht dem Element ErdeGalle(n):Humoralpathologie\"\i, dem Organ Milz, dem Melancholiker, dem physisch Festen, den mineralischen schwarze Galle\"\iStoffen.

  • Schleim: Ihm entspricht das Element Wasser, das Gehirn, der Phlegmatiker, das Vegetative, Wachsende und somit auch das Pflanzliche.

  • Schleim\"\iBlut: Dieses repräsentiert das Element Luft, das Organ Herz, den Sanguiniker, das Seelisch-Lebendige, den Blut:Humoralpathologie\"\iBereich der Empfindungen.

  • Gelbe Galle: Die Leber-Galle wird dem Organ Leber, dem Element Feuer und dem Choleriker zugeordnet; sie repräsentiert auch den gelbe Galle\"\iStoffwechsel.

Dyskrasie
Die Humoralpathologie beschäftigt sich mit der ausgeglichenen Verteilung und Mischung (Eukrasie) der vier SäfteDyskrasie\"\i und Eigenschaften. Liegen Störungen in der Zusammensetzung und Verteilung vor, spricht man von Dyskrasie. Sie Eukrasie\"\isteht in engem Zusammenhang mit dem Verdauungsprozess und den sich anschließenden Stoffwechselprozessen im Körper. Den Vorstellungen der Humoralpathologie zufolge wird der im Magen aufgenommene Speisebrei weitestgehend aufgelöst und während der sog. ersten Kochung in Einzelteile zerlegt. In der Leber vollzieht sich die zweite Kochung, nachdem der gewonnene Chylus im Verlauf seiner Darmpassage in die entsprechenden Venen aufgenommen und der Leber zugeführt wurde. Danach wird der Chylus weiter an den Organismus assimiliert und in das eigentliche Blut umgewandelt. Dabei wird gelbe Galle abgesondert und in der Gallenblase gespeichert. Gleichzeitig entstehende schwarze Galle wird in der Milz weiter verdaut und in den Magen weitergegeben. Von hier gelangt sie durch den Darm zur Ausscheidung.
Aus dem strömenden Blut werden die Nahrungsstoffe in die einzelnen Organe aufgenommen. Hier geschieht die dritte Kochung, die die Stoffe endgültig den besonderen Verhältnissen anpasst. Reste dieser Kochung werden in dampfartiger Form und als Schweiß über die Haut ausgeschieden. Diese Kochungen können sich nur ordnungsgemäß vollziehen, wenn die dem Menschen eingeborene „Wärme“ oder die „ätherische Lebenswärme“ vorhanden ist.
Eine Dyskrasie kann also entstehen, wenn z. B. die Kochungen nicht regelrecht verlaufen oder die Reststoffe nicht ordnungsgemäß ausgeschieden werden. Diese Anhäufung von Schadstoffen, v. a. durch mangelhafte Ausscheidung über Leber, Darm und Niere („Schlackenstoffe“), belastet die Körpersäfte und führt zur Erkrankung. Die Erkrankung der Zelle wird als letztes Stadium des Krankheitsprozesses angesehen und nicht als sein Beginn. Demzufolge sollte der Behandler der Säftereinigung einen hohen Stellenwert beimessen und die Ausscheidung von Schad- und Schlackenstoffen durch antidyskratische Verfahren (Ab- und Ausleitungsverfahren 4.2.1) fördern.
Vier Temperamente
Die Säftelehre antidyskratische Verfahren\"\ibezeichnet Menschen mit aufbrausendem und jähzornigem Temperament als Choleriker (griech. chole Temperamente= Galle), was nach dieser Überzeugung mit einem Überwiegen der gelben Galle in Verbindung steht. Beim schwermütigen Choleriker\"\iund grüblerischen Melancholiker überwiegt hingegen die schwarze Galle (griech. melas = schwarz). Das träge und zähe Temperament des Phlegmatikers Melancholiker\"\iist auf ein Übermaß an Schleim zurückzuführen und die gesteigerte Erregbarkeit, Heiterkeit oder Gereiztheit des Sanguinikers aufPhlegmatiker\"\i einen überhohen Anteil von Blut.

Lexikon wichtiger Therapieverfahren

Ab- und Ausleitungsverfahren (Aschner-Verfahren)

Sanguiniker\"\iDie Bezeichnung Ab- und Ausleitungsverfahren geht auf die Ab- und AusleitungsverfahrenHumoralpathologie (4.1.4) zurück, derzufolge Krankheiten Aschnerverfahrendurch eine falsche Mischung der Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) entstehen. Die fehlerhafte Mischung der Körpersäfte, auch als Dyskrasie (4.1.4) bezeichnet, wird behandelt, indem schädliche Stoffe nach außen ausgeleitet oder falsch verteilte oder gestaute Körpersäfte umverteilt oder abgeleitet werden.
Konzept und Wirkung
Der Grundgedanke der Ab- und Ausleitungsverfahren ist von Paracelsus prägnant dargestellt worden: „Wo die Natur einen Schmerz erzeugt, da hat sie schädliche Stoffe angesammelt und will sie ausleeren. Ist die Natur nicht imstande, diesen Vorsatz selbst auszuführen, muss der Arzt eine künstliche Öffnung direkt an der kranken Stelle machen und so Schmerz und Krankheit rasch heilen.“
Durch Ab- und Ausleitungsverfahren werden gestörte Funktionen des Körpers reguliert, indem direkt oder indirekt lokale Stauungen beseitigt, dort abgelagerte Stoffwechselendprodukte (z. B. auch Entzündungs- und Schmerzmediatoren) der Ausscheidung zugeführt und somit der Organismus entlastet wird. Dadurch werden Schmerzzustände positiv beeinflusst sowie eine generelle Umstimmung erzielt.
  • Ausleitend wirken alle Verfahren, die durch Schaffung einer künstlichen Öffnung dazu beitragen, dass sich der Körper von den „üblen Säften“ reinigt (z. B. Aderlass 4.2.2, blutiges Schröpfen 4.2.40, Cantharidenpflaster 4.2.14, Blutegelbehandlung 4.2.13) und seine innere Ordnung wiederherstellt.

  • Eine ableitende Wirkung haben alle Maßnahmen, die Energie umverteilen, um sie ggf. zur Ausleitung zu bringen wie etwa trockenes Schröpfen, das Baunscheidt-Verfahren (4.2.10) sowie physikalische Maßnahmen (z. B. ein ansteigendes Fußbad). Bei einer Ableitung werden Prozesse von Baunscheidtverfahren\""\einem sog. edleren Organ auf ein unedleres abgeleitet; z. B. werden Gelenkentzündungen oder Organprozesse auf die Haut umgeleitet, wo sie einer Behandlung besser zugänglich sind.

Einteilung
Die Anwendungen wurden nach dem Wiener Gynäkologen Bernhard Aschner (1889–1960) als Aschner-Verfahren bezeichnet, der die Ab- und Ausleitungsverfahren in seine Konstitutionstherapie übernommen hatte.
Die externen Aschner-Verfahren umfassen den Aderlass, die Blutegelbehandlung, das Cantharidenpflaster, die Baunscheidt-Behandlung und die Schröpftherapie. Durch die externen Aschner-Verfahren werden lokale Stauungen im Blut- und Lymphsystem beseitigt und schädliche Stoffwechselendprodukte und Toxine ausgeleitet. Darüber hinaus wird durch die an der Haut gesetzten unspezifischen Reize das Immunsystem stimuliert und somit der Organismus zur Umstimmung angeregt.
Auch die internen Aschner-Verfahren waren Bestandteil der Konstitutionstherapie, indem zur Umstimmung des Organismus verschiedene Mittel verabreicht wurden, so z. B. Mittel zum Erbrechen (Emetika), zur Unterstützung der Leber und Galle (z. B. Hepatika, Cholagoga, Choleretika), zur Verbesserung der Ausleitung über die Nieren (Diuretika) oder zur Förderung der Menstruation (Emmenagoga). Auch die Ausleitung über den Darm durch einen Einlauf zählt zu den Ausleitungsverfahren.
Im erweiterten Sinn kann man auch die Kolon-Hydro-Therapie (Hydro-Kolon-Therapie) zu den Ausleitungsverfahren rechnen. HierbeiKolon-Hydro-Therapie wird mit einem Darmspülgerät eine intensive Ausleitung über den Darm erzielt, Hydro-Kolon-Therapiewodurch dieser gereinigt, die Darmflora saniert und dadurch eine tief greifende Umstimmung erzielt werden kann.
Durchführung
Zur Durchführung und zu den Indikationen der einzelnen Verfahen s. Aderlass (4.2.2), Baunscheidtieren (4.2.10), Blutegeltherapie (4.2.13), Cantharidenpflaster (4.2.14).

Aderlass

Der Aderlass, eines der ältesten Ausleitungsverfahren (4.2.2), wurde bereits in der Antike Aderlass\""\angewendet. Hippokrates berief sich auf die jahrhundertealte Tradition und wendete den Aderlass als krampf- und schmerzstillendes aber auch als antiphlogistisches Mittel bei akuten Entzündungen an.
Durch exzessive und missbräuchliche Anwendung kam der Aderlass im Mittelalter in Verruf. Aschner (4.2.1) hat den Aderlass als Kardinalmittel der ausleitenden Verfahren wieder in Erinnerung gebracht. Bei gegebener Indikation ist der Aderlass eine der tief greifendsten Umstimmungsmethoden (4.1.3) und wird in vielen naturheilkundlichen Praxen angewendet.
Konzept und Wirkungen
Zahlreiche Krankheiten werden von den Fließeigenschaften des Blutes entscheidend beeinflusst. Als blutentziehendes Verfahren wirkt der Aderlass zunächst entstauend und leitet die bestehende Blutfülle ab. Um den aufgetretenen Volumenverlust auszugleichen, strömt aus dem Interstitium eiweißarmes Exsudat nach und verursacht eine Blutverdünnung (Hämodilution). Dadurch werden der Hämatokrit, die Viskosität des Blutes sowie die Aggregation der Blutzellen (Erythrozyten, Thrombozyten, Leukozyten) gesenkt und die Verformbarkeit der Erythrozyten erhöht. Diese Veränderungen bewirken eine Verbesserung der Mikrozirkulation schlecht durchbluteter Areale. Da der Aderlass auch den peripheren Gefäßwiderstand senkt, wird ebenso die Makrozirkulation positiv beeinflusst, das Herzzeitvolumen erhöht und die Durchblutung gesteigert.
Aus humoralpathologischer Sicht werden zusätzliche Wirkungen postuliert: So werden schädigende Stoffe ausgeleitet, die durch Humoralpathologie:Aderlass\""\Entzündungsprozesse, durch körpereigene Toxine (z. B. Allergien, Gichtanfall) oder eiweißreiche Ernährung entstehen und häufig eine Gewebeübersäuerung verursachen. Der Aderlass wirkt zudem antientzündlich und durch die Verminderung des Gewebetonus krampflösend, beruhigend und schmerzlindernd. Darüber hinaus greift der Blutentzug in vegetativ-hormonale Abläufe ein und wirkt vegetativ umstimmend.
Durchführung
Beim Volumen-Aderlass werden abhängig vom Alter des Patienten, seinem Blutdruck und seinem Hämatokritwert etwa einmal monatlich bis 500 ml Blut Aderlass:Volmen-Aderlass\""\abgenommen. Zum hygienischen Auffangen des Blutes können spezielle Unterdruck-Glasflaschen verwendet werden. Blutdruck und Hämatokrit müssen in dieser Zeit regelmäßig kontrolliert werden.
Der Hildegard-Aderlass wird am 1.–5. Tag nach Vollmond durchgeführt. Abgenommen werden ca. 150–180 ml Blut. Dabei wird bis zu dem Moment, Aderlass:Hildegard-Aderlass\""\in dem das Blut nicht mehr dunkelrot ist, sondern hellrot wird, zur Ader gelassen. Das abgelassene Blut kann zur Hinweisdiagnostik verwendet werden. Nach dem Aderlass sollte der Patient eine spezielle „Diät nach Hildegard“ einhalten.
Indikationen
In der Heilpraktikerpraxis werden v. a. der Volumen-Aderlass und der Hildegard-Aderlass (Hildegardmedizin 4.2.21) durchgeführt.
Der Volumen-Aderlass ist das Mittel der Wahl bei plethorischen Patienten, d. h. typischerweise bei übergewichtigen, „vollblütigen“ Hypertonikern, Aderlass:Volmen-Aderlass\""\die z. B. unter Kopfschmerzen, zerebralen Durchblutungsstörungen, Hyperlipidämie, Tinnitus oder Polyglobulie leiden. Aber auch durch Stauungen hervorgerufene Symptome, wie z. B. Nasen- und Netzhautblutungen, Schwindel, Asthma cardiale oder Dyspnoe, lassen sich positiv beeinflussen. Hier verdünnt der Aderlass das Blut und hilft, den Blutüberschuss (Plethora) abzuleiten. Da er auch als antidyskratisches Mittel „das Blut von schlechten Säften“ reinigt, eignet sich der Aderlass zur Behandlung Plethoravon Stoffwechselstörungen und chronischen Krankheiten wie z. B. Adipositas, Diabetes mellitus, harnsaure Diathese, Hautkrankheiten, Rheuma.
Beim Hildegard-Aderlass wird eine sanfte, aber tief greifende Umstimmung erzielt. Ferner werden Stoffwechselfunktionen reguliert, Aderlass:Hildegard-Aderlass\"\iStauungszustände durch Blutfülle beseitigt und besonders bei chronischen Entzündungen die Abwehrmechanismen ausgeglichen. Der Hildegard-Aderlass eignet sich als erste therapeutische Maßnahme zur Behandlung sog. Zivilisationskrankheiten, wie z. B. bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Gicht, Durchblutungsstörungen, Akne, Neurodermitis. Ferner dient er der Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall, wenn Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen vorliegen.
Kontraindikationen
Die Kontraindikationen ergeben sich aus der Form und Anwendung des Aderlasses. So ist ein Volumen-Aderlass bei einer Anämie kontraindiziert, während ein hildegardischer Aderlass sich als Reiz auf das blutbildende System durchaus positiv auswirken kann.
Eindeutig kontraindiziert ist ein Aderlass bei ausgeprägter Körperschwäche, Exsikkose, fieberhaften Infekten, akutem Durchfall und Angina pectoris.

Akupunktur

Akupunktur (lat. acus = Nadel, pungere = stechen) ist eine jahrtausendealte Heilmethode, die durch das Nadeln spezifischer Akupunktur\"\iPunkte die körpereigenen Selbstheilungskräfte aktiviert, um Gesundheit zu erhalten oder wieder herzustellen. Der chinesische Ausdruck Zhenjiu (zhen = Nadel, Jui = Moxakraut abbrennen) weist darauf hin, dass die Akupunktur nicht als Monotherapie angesehen wird, sondern Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM 4.2.44) ist und oft mit anderen Therapieverfahren der TCM (4.2.44) – Moxibustion, chinesischer Diätetik, Kräuterheilkunde, Tuina und AnMo (Chinesische Massage), Qigong und Tai-Chi (Bewegungstherapien) – kombiniert wird.
Konzept
Aus alten Grabmalen, in denen Knochensplitter und Keramikgebilde gefunden wurden, ist zu schließen, dass eine Primitivform der Reizung schon in frühen Zeiten üblich war. Grabfunde speziell aus der Zeit der Han-Dynastie (200 v. Chr.) haben die Verwendung von Nadeln aus Gold und Silber belegt. Erste schriftliche Aufzeichnungen stammen aus dem „Huang Di Nei Jing“, dem „Lehrbuch der physischen Medizin des Gelben Kaisers“.
Lebensenergie Qi
Die TCM geht davon aus, dass die Lebensenergie Qi Grundlage jeglicher Substanz ist undLebensenergie\"\i allem Lebendigen innewohnt. Während das kosmische Qi Qi\"\inach traditioneller Auffassung in der Natur, im Wasser der Flüsse, in der Luft und im Wind fließt, sammelt sich das Qi im menschlichen Körper in den Organen und zirkuliert in einem energetischen Netzwerk von Kanälen, den Qi-Kanälen oder Leitbahnen, die aufgrund ihrer polaren Anordnung mit dem Meridiansystem der Erde vergleichbar sind und somit als Meridiane bezeichnet werden. Die Lebensenergie Qi hat im Körper verschiedene Funktionen; sie transportiert, transformiert, kontrolliert, schützt, erwärmt und ernährt.
  • Das Ursprungs-Qi gehört zum vorgeburtlichen Qi und wird durch das nachgeburtliche Qi ergänzt. Es erwärmt und aktiviert alle Organe und fördert die Entwicklung des ganzen Körpers.

  • Das Nahrungs-Qi entsteht in der Milz. Es ist Ausgangspunkt für die Bildung von Blut-Xue und die Basis für die weitere Umwandlung in immer feinere Qi-Qualitäten. Dabei ist Blut-Xue nicht gleichzusetzen mit Blut im westlichen Sinn. Blut-Xue hat die Funktion Haut, Muskeln, Sehnen, Knochen und innere Organe zu ernähren.

  • Das Atmungs-Qi entsteht in der Lunge aus der Verbindung von Atemluft und Nahrungs-Qi. Es unterstützt Herz und Lunge bei der Verteilung von Qi und Blut.

  • Das Klare Qi wird aus der Natur durch die Atmung aufgenommen.

  • Das Wahre Qi ist das Endstadium des Qi-Transformationsprozesses. Es ist das Qi, das in den Meridianen zirkuliert und die Organe nährt. Das Wahre Qi manifestiert sich als Nähr-Qi und Abwehr-Qi. Als Abwehr-Qi schützt es den Körper vor schädigenden Einflüssen, als Nähr-Qi ernährt es den Körper und die Organe.

Verständnis von Gesundheit und Krankheit
Da nach Vorstellung der TCM alle körperlichen und psychischen Vorgänge sich wechselseitig beeinflussen, kann Gesundheit nur gegeben sein, wenn die Lebensenergie ausgewogen vorhanden ist, ungehindert fließen und sich somit auch austauschen kann. Krankheit ist demnach Ausdruck einer Behinderung des Energieflusses, die durch verschiedene Faktoren verursacht werden kann, so durch äußere Faktoren (z. B. Hitze, Kälte, Wind, Trockenheit, Feuchtigkeit) und innere Faktoren (z. B. Freude, Angst, Zorn, Trauer, Sorge), Erbkrankheiten, ungesunde Lebensweise (z. B. einseitige Ernährung, übermäßiges Essen, Drogen, Alkohol), Traumen (z. B. Verletzungen, Insektenstiche) sowie durch Strömungshindernisse für Blut und Qi.
Akupunkturpunkte und Meridiane
Die chinesische Medizin kennt zwölf Hauptmeridiane und acht außerordentliche Meridiane. Die Hauptmeridiane (Abb. 4.3) sind Meridiane\"\iim inneren Verlauf mit den Organen und im äußeren Verlauf mit den Extremitäten und Gelenken verbunden. Entsprechend der Außen-/Innen-Regel, nach der Yin-Meridiane an der Innenseite des Körpers verlaufen und Yang-Meridiane (Yin und Yang 4.2.44) auf der Außenseite, sind die Hauptmeridiane als Yin-Meridian und Yang-Meridian gekoppelt und bilden den entsprechenden Funktionskreis: So fügen sich z. B. der Herzmeridian und der Dünndarmmeridian zum Funktionskreis Herz-Dünndarm (Tab. 4.2) Funktionskreis (TCM)\"\izusammen.
Die Sondermeridiane sind keinem Organ zugehörig. Sie verlaufen unpaarig und bilden keinen in sich geschlossenen Kreislauf. Auf den Hauptmeridianen liegen insgesamt 361 Akupunkturpunkte, die durch anatomisch exakte Angaben und topografische Beschreibungen leicht aufzufinden sind. Akupunkturpunkte können eine lokale, regionale und/oder übergeordnete Indikation aufweisen. Die Akupunkturpunkte werden aufgrund ihrer speziellen therapeutischen Wirkung zusätzlich klassifiziert:
  • Die sog. antiken Punkte liegen Akupunkturpunkte\"\ials Anfangs- oder Endpunkte an den Extremitäten zwischen Fingern und Ellenbogen bzw. zwischen Zehen und Knien. Jeder antike Punkte\"\ider 60 Punkte ist einem der fünf Elemente (4.2.44) zugeordnet und hat eine dementsprechende energetische Wirkung.

  • Die Alarmpunkte liegen oft in der Nähe des zugehörigen Organs und sollten auf Druckschmerzhaftigkeit überprüft werden, da diese (frühzeitig) einAlarmpunkte\"\i pathologisches Geschehen anzeigen können.

  • Auch die auf dem Blasenmeridian liegenden Zustimmungspunkte sind oft druckschmerzhaft und sollten in die Behandlung einbezogen werden.

  • Die auch als Luo-Zustimmungspunkte\"\iPunkte bezeichneten Durchgangspunkte sorgen mit dem Quellpunkt (Yuan-Punkt) des Luo-Punkte\"\igekoppelten Meridians für den Energieausgleich zwischen den Meridianen. Quellpunkte haben außerdem eine besonders stark Yuan-Punkte\"\iregulierende Wirkung auf Yin und Yang.

Wirkungen
Die Akupunktur wirkt auf das zentrale und periphere Nervensystem, Hormone (humoral-endokrine Wirkung), Blutzirkulation und Immunsystem. Durch die Akupunkturnadel werden Nervenzellen stimuliert und Impulse an das Rückenmark weitergeleitet. Hier werden Substanzen freigesetzt (Enkephalin oder Dynorphin), die die Schmerzübertragung verhindern und somit analgetisch wirken. Ebenso gesichert ist, dass durch Akupunktur die Produktion von Serotonin und Glukokortikoiden beeinflusst wird. Studien weisen zudem eine Verbesserung der Durchblutung durch Sympathikusstimulation sowie eine Herabsetzung des Muskel- und des Bindegewebetonus nach.
Histologische Untersuchungen durch Heine zeigen, dass an Akupunkturpunkten gehäuft rezeptive Nervenbündel (Meißner-Tastkörperchen) zu finden sind sowie Perforationen, durch die Gefäß-Nervenbündel hindurchtreten. Akupunkturpunkte weisen weitere Besonderheiten auf: Sie haben einen niedrigeren, bis zu 85 % geringeren elektrischen Hautwiderstand als die umgebende Haut. Diesen Effekt macht man sich bei der Punktsuche mit Messgeräten zunutze. Zudem sind im Bereich der Akupunkturpunkte meist Vertiefungen zu tasten.
Durchführung
Zur Akupunkturbehandlung werden sehr dünne Nadeln (Abb. 4.4) in wenige, ausgewählte Punkte eingestochen, um das zuvor festgestellte Ungleichgewicht wiederherzustellen. In der Praxis haben sich zunehmend sterile Einmal-Stahlnadeln durchgesetzt, die besonders dünn und fein sind.
Das beim Einstechen entstehende Schwere- oder Wärmegefühl, das sog. De-Qi-Gefühl, ist ein Hinweis für das exakte Treffen des Akupunkturpunkts. Liegt ein Fülle-Zustand (zu viel „Energie“) vor, wird mit dicken Nadeln gegen die Meridianrichtung gestochen und stark stimuliert (Abb. 4.5). Ein Fülle-Zustand\"\iLeere-Zustand (zu wenig „Energie“) hingegen erfordert tonisierende Techniken mit dünnen Nadeln. Diese werden im Gegensatz zur Sedierung Leere-Zustand\"\ischwach stimuliert und in Meridianrichtung gestochen.
Indikationen und Kontraindikationen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für eine Vielzahl von Indikationen eine Akupunkturbehandlung. Besonders neurologische und orthopädische Erkrankungen (z. B. Ischialgien, Neuralgien, Migräne und Kopfschmerzen), Erkrankungen des Verdauungstrakts (z. B. Gastritis, Obstipation), akute und chronische Atemwegserkrankungen (z. B. Sinusitis, Bronchitis, Asthma), aber auch rheumatische Erkrankungen und Erkrankungen der Augen sind aufgeführt. Bei gynäkologischen Erkrankungen, Hauterkrankungen und Allergien (z. B. Heuschnupfen) wird Akupunktur ebenfalls erfolgreich eingesetzt. Aus der Schmerztherapie ist die Akupunktur nicht mehr wegzudenken. Bei Kindern unter zwölf Jahren und bei stark geschwächten Patienten sollte Akupunktur nicht angewendet werden.
In Naevi und akute Infektionen der Haut dürfen keine Nadeln gesetzt werden.
Der Akupunkturpunkt Ren Mai 17 („Vorhof der Brust“), der zwischen den Brustwarzen im 4. ICR liegt und u. a. bei Erkrankungen des Respirationstrakts zum Einsatz kommt, darf nur streng tangential genadelt werden. Eine unsachgemäße Stichtechnik kann bei Vorliegen eines angeborenen Foramen sternale zu Verletzungen des Herzens bis hin zum Tod führen, wie Fälle aus der Literatur zeigen.
Nach neuer Lehrmeinung stellt die Schwangerschaft, sofern Kind und Mutter gesund sind, keine Kontraindikation dar, bestimmte wehenauslösende oder hormonstimulierende Punkte dürfen jedoch nicht verwendet werden.
Sonderformen der Akupunktur
Sonderformen sind die Ohrakupunktur (4.2.31), die Akupressur vorwiegend zur Selbstbehandlung, die Hand- und Fußakupunktur, die Schädelakupunktur und Augenakupunktur. Massagetechniken, die auf unterschiedliche Art Akupunkturpunkte stimulieren, sind Shiatsu (4.2.42) und die Akupunktmassage nach Penzel sowie Tuina (4.2.45). Bei der Laserakupunktur (4.2.25) und der Elektroakupunktur nach Voll (EAV 3.7.3) werden die Akupunkturpunkte durch Licht und elektromagnetische Wellen stimuliert. Die Injektion von Homöopathika oder Lokalanästhetika in Akupunkturpunkte wird als Injektionsakupunktur oder Homöosiniatrie bezeichnet.

Angewandte Kinesiologie und Applied Kinesiology

Die KinesiologieKinesiologie\"\i (griech. kìnesis = Bewegung, logos = Lehre), Applied Kinesiology\"\iin der wortgetreuen Übersetzung die „Bewegungslehre“,angewandte Kinesiologie\"\i ist ihrem Selbstverständnis nach die Lehre vom Ausgleich bewegter Kräfte oder fließender Energien.
Konzept
George Goodheart, ein amerikanischer Chiropraktiker, entdeckte in den frühen 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, dass sich bestimmte Vorgänge innerhalb des Organismus in den Muskeln abbilden. Zudem stellte er fest, dass ein starker Muskel sichtbar und fühlbar schwach reagierte, sobald die Person eine Körperzone berührte, mit der etwas nicht in Ordnung war, oder aber in Kontakt kam mit einer für den Körper ungünstigen Substanz. Somit war deutlich, dass ein Muskel wie ein Monitor leiblich-seelische Vorgänge abbildet.
Um Aussagen über den Zustand bestimmter Organfunktionen zu bekommen, wird der Muskeltest (3.7.5) angewendet. Da Muskeln auf Stressoren anders reagieren als im entspannten Zustand und der gesetzte Reiz den Energiefluss unterbricht, ist der Muskeltest als eine Art Biofeedbacksystem ein guter Indikator für diejenigen Faktoren, die die Lebensenergie schwächen.
Im Lauf der Jahre wurde ein ganzheitliches Diagnose- und Therapiesystem entwickelt, das auf der „Triade der Gesundheit“ von Struktur, Biochemie und Psyche basiert. Es lässt erkennen, inwiefern Störungen strukturell (z. B. Organfunktion, Gewebestrukturen), biochemisch (z. B. Stoffwechselvorgänge, Hormon- oder Immunsystem) oder psychisch bedingt sind und welche Wechselwirkungen zwischen den drei Ebenen vorliegen.
Wirkungen
Die therapeutische Anwendung ermöglicht eine gezielte Stimulation bestimmter Gewebsstrukturen, die Lösung von Blockaden im Muskel- und Skelettsystem sowie eine Optimierung der Durchblutung und Versorgung mit Nährstoffen.
Durchführung
Beide Formen der Kinesiologie, die Applied Kinesiology und die angewandte Kinesiologie, basieren auf dem Grundverständnis der Triade der Gesundheit.
  • Applied Kinesiology: Schüler Goodhearts, die Ärzte oder medizinische Fachtherapeuten waren, gründeten das International College of Applied Kinesiology (ICAK) und die internationale Ärztegesellschaft für Applied Kinesiology (IÄAK). Die Applied Kinesiology (AK) unterscheidet als Reaktionstypen den starken (normotonen) Muskel als Signal für eine intakte Organfunktion, während eine schwache (hypotone) oder zu starke (hypertone) Muskelreaktion auf eine Fehlfunktion, Unverträglichkeit oder Belastung hindeuten. Die klassische Form der AK bietet durch die Einbeziehung der manuellen Therapie (4.2.26) und orthomolekularen Medizin (4.2.33) ein vielfältiges Therapiespektrum. Sie wird ständig wissenschaftlich weiterentwickelt und durch die Erfahrungen von Ärzten, Heilpraktikern, Zahnärzten, Chiropraktikern, Osteopathen und Physiotherapeuten systematisiert.

  • Angewandte Kinesiologie: Zu Beginn der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts machte John F. Tie die angewandte Kinesiologie einem breiten Publikum zugänglich. Durch Touch for Health („Gesund durch Berühren“), dem kleinen Einmaleins der Kinesiologie, wird nur die Stärke oder Schwäche eines Muskels getestetTouch for Health\"\i, um energetische Dysbalancen zu erkennen und zu lösen. Ist das muskuläre System energetisch unausgewogen, können z. B. neurovaskuläre Punkte auf dem Kopf berührt oder neurolymphatische Reflexzonen massiert werden.

  • Psychokinesiologie: Diese setzt den Muskeltest ein, um sich durch das Unterbewusstsein ungelöste Konflikte bestätigen zu lassen, diese dann Psychokinesiologie\"\ineurophysiologisch vom Nervensystem zu entkoppeln und verinnerlichte Glaubenssätze auszulöschen.

Nach ausführlicher Anamnese und körperlicher Untersuchung sowie ggf. notwendigen technischen Untersuchungen werden Muskeltests durchgeführt: Beachtet werden spezielle Beziehungen einzelner Muskeln zu bestimmten Organen oder Nährstoffen sowie das individuelle muskuläre Reaktionsmuster des Patienten in Relation zu seinen Beschwerden. Dieses Vorgehen ermöglicht eine spezifische Ursachenfindung.
Indikationen
Die Kinesiologie ist bei allen Störungen und Erkrankungen angezeigt, bei denen die Durchführung der Muskeltests technisch möglich ist. Die Kontraindikationen ergeben sich aus den jeweiligen Krankheitsbildern.

Anthroposophische Medizin

Die Grundlage der von Rudolf Steiner entwickelten Medizin: anthroposophischeanthroposophischen Medizin ist nach Steiner der ganze Mensch mit Leib,anthroposophische Medizin\"\i Seele und Geist. Die anthroposophische Medizin soll die naturwissenschaftliche Medizin um Erkenntnisse aus der geisteswissenschaftlich orientierten Anthroposophie erweitern.
Konzept
Nach Steiner ist der physische Körper der sichtbare Ausdruck der Individualität. Seele und Geist prägen und gestalten die körperlichen Vorgänge. Entsprechend der Anthroposophie besteht der Mensch aus folgenden vier Wesensgliedern:
  • physischer Leib

  • Ätherleib, der die Gestaltbildung und Wesensglieder:Anthroposophie\"\iLebensorganisation ermöglicht und auch als Lebensleib oder Bildkräfteleib bezeichnet wird

  • Astralleib (Seele), der als Träger der Empfindungen und Gefühle gilt

  • Ich, das den individuell-geistigen Wesenskern ausdrückt bzw. die geistige Dimension des Menschen repräsentiert

Diese vier Wesensglieder wirken in einem dreigliedrigen System, bestehend aus Denken, Fühlen und Wollen zusammen.
  • Dem Denken ist das Nerven-Sinnes-dreigliedriges System, Anthroposophie\"\iSystem zugeordnet. Das Nerven-Sinnes-System zeichnet sich durch abbauende oder auch verhärtende Prozesse aus.

  • Fühlen hingegen ist Ausdruck des rhythmischen Systems, das durch die Atmung und das Herz repräsentiert wird. Es hat die Aufgabe, zwischen dem Nerven-Sinnes-System und dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-System auszugleichen.

  • Das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, dem das Wollen zugeordnet ist, baut auf, ist aktiv und regelt Wachstums- und Vitalkräfte.

Die Anthroposophie geht davon aus, dass Mensch und Natur eine gemeinsame Entwicklung durchgemacht haben und zwischen beiden eine erkennbare Wesensverwandtschaft besteht. Demnach ist nicht nur am Menschen, sondern auch im Pflanzenreich eine Dreigliederung zu erkennen: Die Pflanze repräsentiert in ihrer Umkehrung den Menschen, d. h. die Wurzeln der Pflanze entsprechen dem Kopf und Gehirn des Menschen und wirken somit auf das Nerven-Sinnes-System. Die Blätter beeinflussen das rhythmische System und die Blüten und Früchte vorrangig das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System.
Wirkungen
Die aus dem Zusammenhang von Mensch und Natur gefundenen Heilmittel regen dem Verständnis der Anthroposophie zufolge die Grundvorgänge des menschlichen Organismus an. Somit richten sie sich nicht gegen bestimmte Erkrankungen, sondern unterstützen den Körper, indem sie Organe und körperliche Prozesse dem gesunden Urbild angleichen. So nahm Steiner in der Malignombildung („Krebsentstehung“), also in der örtlich-bösartigen Zellwucherung, ein Überwiegen der Erdkräfte wahr. Da die Mistel keinerlei Beziehung zur Erde hat und alle typisch irdischen Kräfte meidet, sah er sie als besonders geeignet zur Malignomtherapie an, zumal sie eine starke Beziehung zum Wasser und zum Licht aufweist. Inzwischen ist nachgewiesen, dass die Mistel – in richtiger Menge injiziert – gegen Tumoren wirksam eingesetzt werden kann. Heutzutage ist sie aus der naturheilkundlichen Therapie von Tumorerkrankungen nicht mehr wegzudenken.
Durchführung
In der anthroposophischen Medizin werden sowohl speziell aufbereitete anthroposophische Heilmittel verabreicht als auch Therapieverfahren angewendet, die seelische und geistige Seinsebenen ansprechen, z. B. künstlerische Therapien (Malen, Musizieren, plastisches Gestalten usw.) und die Heileurythmie (Heilverfahren, bei dem Melodien, Laute und Wörter vom Patienten in Bewegung umgesetzt werden).
Heileurythmie\"\iAnthroposophische Heilmittel (Abb. 4.6) werden besonders aufbereitet, um die Entfaltung der speziellen Bild- und Gestaltkräfte anzuregen. So werden z. B. Pflanzen mit bestimmten Mineralien oder Metallen gedüngt und später verkompostiert. Auf diese Weise wird die Wirkung der Metalle den Lebensvorgängen angeglichen und das „vegetabilisierte Metall“ wird an das Organ gelenkt, zu dem die Pflanze eine Beziehung hat.
Indikationen
Die AM ist als alleinige oder ergänzende Maßnahme überall angezeigt, wo Ungleichgewichte von Wesensgliedern oder Funktionssystemen bestehen. Das ist aus Sicht der anthroposophischen Medizin bei allen gesundheitlichen Störungen und Krankheiten der Fall.

Aromatherapie

Mit aromatisch duftenden Pflanzen, Harzen und Rinden wurden in fast allen Kulturen des Altertums Aromatherapie\"\iRäucherungen durchgeführt, um z. B. Krankheiten zu behandeln oder den Göttern eine Opfergabe zu bringen: So sind z. B. jährlich etwa 250.000 kg Weihrauch babylonischen Priestern dargebracht und verbrannt worden. Bekannt waren aber auch die Herstellung duftender Salben aus zerstampften Blüten und – in späterer Zeit – spezielle Auszugsverfahren, um aus Harzen, Blüten und Heilpflanzen Parfümöle zu gewinnen.
Die Destillation wurde um 1000 n. Chr. von dem persischen Arzt und Alchemisten Ibn Sina, auch unter dem Namen Avicenna bekannt, erfunden.
1928 begann der französische Chemiker René Gattefossé, mit Parfüms und Kosmetika zu experimentieren. Er beschäftigte sich intensiv mit den Pflanzenessenzen und nannte seine Erkenntnisse der Heilwirkungen „Aromatherapie“. Mit diesem Begriff, den er 1936 als Titel für ein Buch verwendete, gab er der Behandlung mit duftenden Pflanzenstoffen die heute übliche Bezeichnung.
Konzept
Ätherische Öle (4.2.36) sind im Gegensatz zu gewöhnlichen Öle, ätherischePflanzenölen wie z. B. Sonnenblumen- oder Mandelöl ätherische Öle:Aromatherapiehochgradig flüchtig und hinterlassen auf Fließpapier in der Regel keinen Fettfleck. Mit Wasser vermischen sie sich schlecht, lösen sich aber hervorragend in fettem Öl oder hochprozentigem Alkohol. Ätherische Öle sind häufig in einzelnen Pflanzenteilen als winzige Öltröpfchen besonders konzentriert eingelagert. Einige Pflanzen produzieren verschiedene Öle in unterschiedlichen Pflanzenteilen. So lassen sich aus dem Orangenbaum z. B. drei Essenzen herstellen: Orangenschalenöl, Orangenblätteröl (Petitgrain) und Orangenblütenöl (Neroli).
Gewinnung
Zur Gewinnung ätherischer Öle (Abb. 4.7) werden – je nach deren Löslichkeit und zu verarbeitendem Pflanzenteil – unterschiedliche Methoden angewandt.
  • Wasserdampfdestillation: Hierbei wird zerkleinertes Pflanzenmaterial im Destillierkolben auf einen Rost gelegt. Von unten wird nun Wasserdampfdestillation\"\iWasserdampf zugeführt, der das ätherische Öl herauslöst und mit sich nimmt. Im angeschlossenen Kondensor, einem wassergekühlten Rohr, wird der essenzhaltige Dampf aufgefangen und in ein Gefäß geleitet, das Wasser enthält. Da Öl leichter ist als Wasser, können beide Flüssigkeiten gut voneinander getrennt werden. Um eine gute Qualität zu erhalten, sollte die Destillation langsam durchgeführt werden, damit auch aromatische Bestandteile der Pflanze, die nur schwer verdunsten, in die Essenz übergehen.

  • Extraktion: Durch chemische Lösungsmittel (z. B. Petrol, Äther, Hexan) werden die ätherischen Öle herausgelöst. Das Lösungsmittel Extraktion\"\iwird später verdampft, allerdings können giftige Lösungssubstanzen zurückbleiben. Durch die Extraktion – ein heute nur noch selten eingesetztes Isolierverfahren – können ätherische Öle schnell und kostengünstig gewonnen werden.

  • Enfleurage: Um sehr feine und schwer isolierbare Blütenöle (z. B. Jasmin- und Rosenblüten) zu gewinnen, die sich nicht durch Enfleurage\"\iWasserdampfdestillation herstellen lassen, werden die empfindlichen, frisch gepflückten Blüten einzeln nebeneinander auf Butter oder Schweinefett gelegt. Das Fett sättigt sich mit dem ätherischen Öl und wird danach herausgezogen.

  • Pressung: Ätherische Öle aus Fruchtschalen wie z. B. Orangen-, Mandarinen-, Zitronen- und Grapefruitöl werden mittels Kaltpressung gewonnen. Da eventuell vorhandene Spritzmittelrückstände in die Essenz gelangen können, sind Produkte aus biologischem Anbau zu bevorzugen.

Wirkungen
Aufgenommen über etwa 100 Millionen Riechzellen, lösen die duftenden Substanzen über den Riechnerv Nervenimpulse aus, die in das sog. Riechzentrum weitergeleitet werden. Dieses liegt im Bereich des Hippocampus und ist somit Teil des limbischen Systems. Das limbische System, als Zentralstelle des endokrinen, vegetativen und psychischen limbisches System:Aromatherapie\"\iRegulationssystems, verarbeitet Reize aus dem Körperinneren und von außen, es steuert das emotionale Verhalten, ist Zentrum der Gefühle und mit anderen Zentren am Gedächtnis beteiligt. So ist es durchaus möglich, dass ätherische Öle längst vergessene Erinnerungen wachrufen und Gefühle (positiv) beeinflussen. Da im limbischen System zudem einige Vitalfunktionen des Körpers wie Atmung, Herztätigkeit und Hormonhaushalt sowie Kreativität und Lebenswillen angesiedelt sind, wirken sich ätherische Öle auch hierauf günstig aus.
Die Essenzen werden über die Schleimhaut des Atemtrakts aufgenommen und wirken desinfizierend, schleim- oder krampflösend. Auf die Haut aufgetragen, wirken ätherische Öle auf die inneren Organe.
Durchführung
Ätherische Öle bieten äußerst vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. Es ist jedoch zu beachten, dass für einige Öle Anwendungsbeschränkungen bestehen. Bei der Behandlung von Kindern ist jeweils nur die Hälfte der für Erwachsene angegebenen Tropfenzahl zu verwenden.
  • Duftlampe: Die Öle werden zur Stimmungsbeeinflussung und Ionisierung der Raumluft eingesetzt. Hierbei gibt man einige Duftlampe, ätherische Öle\"\iTropfen der Essenz (5–10 Tropfen) in die mit Wasser gefüllte Schale der Aromalampe und entzündet die darunter stehende Kerze. Leicht flüchtige Essenzen (z. B. Zitrusöle) müssen höher dosiert werden (max. 15 Tropfen), andere wiederum sind sehr konzentriert und rufen bei hoher Dosierung evtl. Kopfschmerzen oder Übelkeit hervor. Von stark konzentrierten Ölen, wie z. B. Cistrose, Narde, Patchouli oder Vetiver genügen bereits 1–2 Tropfen.

  • Inhalation: Mit Inhalationsgeräten oder der alten „Schüssel-Tuch-Methode“ entfalten die Öle ihre Wirkung über dieInhalation:ätherische Öle\"\i Atemwege (Vorsicht Augenreizung!).

  • Kompressen: Mit ätherischen Ölen getränkte, heiße Kompressen werden direkt auf die erkrankte Stelle oder auf die Kompressen:ätherische Öle\"\iReflexzonen aufgelegt.

  • Massage, Bäder: Mit geruchsfreien Basisölen (z. B. Mandel- oder Jojobaöl, 10–15 Tropfen auf 100 ml Trägeröl) versetzt, werden ätherische Öle einmassiert, Akupunkturpunkte stimuliert oder spezielle Reflexpunkte eingerieben. Für ein Bad werden die ätherischen Öle mit Emulgatoren (z. B. Sahne, Honig, neutrale Seifengrundlage) versehen. Je heißer das Bad, desto besser kann die Haut die Öle aufnehmen.

  • Orale Einnahme: Zur hohen Schule der Aromatherapie und nur in die Hände von erfahrenen Therapeuten gehört die orale Einnahme der ätherischen Öle.ätherische Öle:orale Einnahme Wegen der hohen Konzentration geschieht dies nur tropfenweise.

  • Rektale Verabreichung: Insbesondere in Frankreich und Spanien werden ätherische Öle per Suppositorien (Arzneizäpfchen) verwendet. Der Grundgedankeätherische Öle:rektale Verabreichung ist die momentane Umgehung der Leberentgiftung.

Indikationen
In der Praxis werden ätherische Öle besonders zur Behandlung psychosomatischer Beschwerden wie z. B. Schlafstörungen, Verstimmung, Nervosität oder Stress angewendet. Auch als unterstützende Heilmittel bei Erkältungskrankheiten, Wechseljahresbeschwerden oder nervösen Magen-Darm-Beschwerden sind die ätherischen Öle anerkannt.

Atemtherapie

Die Atemtherapie mit ihrem psychosomatischen Ansatz hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Begegnung der westlichen Atemtherapie\"\iAtemlehren mit verschiedenen Elementen von Gymnastik, Tanz, Psychotherapie und dem fernöstlichen Atemwissen entwickelt. Sie wird v. a. in Einzelpraxen vermittelt, aber auch in psychosomatischen Einrichtungen und Kurkliniken angewandt. Die atemtherapeutische Arbeit gehört zu den übenden Verfahren.
Konzept
Die Atmung ist als eine der wesentlichen Grundfunktionen des Lebens mit allen Funktionen des Organismus eng verknüpft. Sie gewährleistet nicht nur den Gasaustausch, sondern sie beeinflusst die gesamte Stoffwechsellage und durch Atemrhythmus und Atemfrequenz die Organfunktionen. Jeder Mensch hat seine persönliche Form der Atmung; das Atemmuster von Ein- und Ausatmung, von Zusammenziehen und Entfaltung, Spannung und Entspannung ist so individuell wie die Stimme oder der Fingerabdruck.
Während die im Rahmen der Physiotherapie und Massage ausgeübte Atemtherapie darauf abzielt, durch eine Ökonomisierung der Atmung Erkrankungen und Verletzungen der Atmungsorgane zu behandeln, steht bei der Arbeit der Atemtherapeuten die Atempflege im Vordergrund.
Nach Ilse Middendorf liegt der Schlüssel zum erfahrbaren Atem im Lassen, Atempflege\"\iZulassen, Seinlassen. Es geht also nicht darum, den Atem durch bestimmte Techniken zu manipulieren, erfahrbarer Atem\"\isondern um die Wiederbelebung von Körperbereichen, die bislang der Wahrnehmung entzogen waren. Blockaden und Verspannungen werden bewusst und können sich lösen; die Seele bekommt Raum und kann sich weiten.
Da sich in der Atmung ebenso Seelisches wie Körperliches ausdrückt, können mithilfe der Atmung alle inneren und äußeren Bezüge, auf die der Mensch physisch und emotional reagiert, bewusst gemacht werden. Durch „Empfinden, Sammeln und Atmen“ kann ganzheitliches Erleben und Bewusstwerden stattfinden und eine neue Lebendigkeit erwachsen. Die Empfindung zu schulen bedeutet hier, die Körpergrenzen wahrzunehmen, den Körperinnenraum und den Bezug zum Außenraum unterscheiden zu können. In der Haltung des Sammelns soll die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Körpergegend gelenkt und dort belassen werden, um diesen Körperbereich in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren. Atmen meint in diesem Zusammenhang das rhythmische Geschehen, ein „Weit- und Schmalwerden“ des Körperinnenraums.
Durchführung
In der Einzelarbeit entwickelt sich ein Dialog zwischen dem Atem und den Händen des Therapeuten, ein direktes „Atemgespräch“. Danach wird das Erlebte zwischen Therapeut und Patient besprochen.
In der Gruppenarbeit steht das eigenständige Üben im Vordergrund. Um Körperräume intensiv zu spüren und zu erleben, werden Bewegungen, Dehnungen, Druckpunkte und Stimme eingesetzt.
Indikationen
Die Atemtherapie weist ein breites Spektrum von Indikationen auf. Als Hauptindikationen können genannt werden:
  • psychosomatische und funktionelle Störungen, z. B. funktionelle Atemstörungen, Bronchitis, Asthma bronchiale, Störungen des Verdauungs- und Herz-Kreislauf-Systems

  • psychovegetative Spannungs- und Erschöpfungszustände

  • funktionelle und degenerative Erkrankungen des Bewegungssystems, z. B. Skoliosen, HWS-Syndrom, LWS-Syndrom

  • depressive und seelisch labile Zustände

  • zur Begleitung natürlicher Lebensprozesse (z. B. Schwangerschaft, Sterben, Lebenskrisen)

Zusätzlich zur indikationsspezifischen Wirkung fördert die Atemtherapie durch die Erweiterung des körperlichen und seelischen Erlebens auch die Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung im sozialen Prozess. Damit gewinnt der Patient an persönlicher Sicherheit und sozialer Kompetenz.

Ayurveda

Ayurveda (Sanskrit: Veda = Wissen; Ayus = Leben) ist die älteste Lehre der Menschheit von Gesundheit, Krankheit und Heilung und Ayurveda\"\iwurde bereits vor 5000 Jahren angewendet. Noch heute werden ⅔ der 700 Millionen Inder präventiv oder bei speziellen Erkrankungen mit ayurvedischen Therapieverfahren behandelt.
Konzept
Von den insgesamt 20 klassischen Verfahren werden häufig physikalische Therapien (Massagen, Wärme, Bäder) und Entspannungsverfahren (Meditation, Gebet, Yoga, Atemarbeit) eingesetzt sowie pflanzliche und gereinigte mineralische Präparate verordnet.
Fünf Elementeund drei Lebenskräfte
Die Welt – so der Ayurveda – wird von fünf Elementen (Wandlungsphasen) gestaltet: von Äther (Akasha), auch als Raum fünf Elemente:Ayurveda\"\ioder Luft zu übersetzen, von Wind (Vayu), Feuer (Agni), Wasser (Jalam) und Erde (Prithvi). Diese fünf Elemente sind in allem Lebendigen in unterschiedlicher Ausprägung anwesend und durchdringen alle Sinnes- und Handlungsorgane. Somit wird im Ayurveda die Materie nach ihrer Stofflichkeit unterschieden und z. B. als kompakte Festigkeit (Erde) und bewegliche Feinstofflichkeit (Raum) klassifiziert.
Im Körper manifestieren sich die fünf Elemente in den drei Lebenskräften oder Lebenssäften von Vata, Pitta und Kapha, den drei Doshas. Als selbstständige Prinzipien regeln sie alle leiblichen und geistigen Körperfunktionen.
Drei Doshas
  • Vata: Das Dosha\"\iBewegungsprinzip repräsentiert Luft und Raum. Zugeordnet sind die Eigenschaften beweglich, schnell, leicht, kalt, subtil, Vata\"\irau, trocken. Vata ist zuständig für alle Bewegungsabläufe und für die Aktivität des Nerven-Sinnes-Systems. Zuwenig Vata macht matt, ein Überschuss schlaflos.

  • Pitta: Das Stoffwechselprinzip, aus Feuer und Wasser gebildet, ist heiß, scharf, leicht, sauer, durchdringend und leicht ölig. Es Pitta\"\ireguliert Stoffwechsel, Verdauung, Wärmehaushalt, aber auch Intellekt und Gefühl.

  • Kapha: wirkt formgebend, strukturbildend, steuert den Flüssigkeitshaushalt, ist schwer, ölig, langsam, kalt, stabil, glatt, fest und Kapha\"\iträge.

Somit repräsentieren die drei Doshas Bewegung, Energie und Struktur des Menschen.
Aus ayurvedischer Sicht geht jede Erkrankung mit der Vermehrung oder Verringerung eines oder mehrerer Doshas einher. Ziel der Therapie ist es, die Prinzipien Vata, Pitta und Kapha (Abb. 4.8) in ein Gleichgewicht zu bringen, die Grundkonstitution zu stabilisieren, die Verdauung zu stärken und Gifte zu eliminieren. Auf diese Weise werden die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert.
Ayurvedische Ernährung
Je nach Konstitutionstyp werden spezifische Nahrungsmittel empfohlen. So sind für den Vata-Typ in Öl zubereitete Speisen, für den Pitta-Typ kühlende und erfrischende Nahrungsmittel, z. B. Äpfel und Trauben, und für den Kapha-Typ leichte, fettarme Kost geeignet.
Der Ayurveda empfiehlt aufgrund der besseren Verträglichkeit den überwiegenden Teil der Nahrung warm zu essen.
Durchführung
Im Mittelpunkt des Ayurveda stehen intensive Reinigungsverfahren (Panchakarma), die Ölbehandlungen, Einläufe, abführende Verfahren, Dampfbäder, blutentziehende Maßnahmen sowie Instillationen (Panchakarma\"\iEinträufelungen) in die Nase, einschließen.
Die Entgiftungskur vollzieht sich in drei Schritten: Stoffwechselanregend wirken die Ölmassagen, die Giftstoffe aus dem Gewebe ziehen. Danach wird durch Dampfbäder oder Schwitzkuren die Sekretion von Haut und Schleimhaut gefördert. Ausleitende Verfahren wie z. B. Einläufe sorgen schließlich dafür, dass die Giftstoffe den Körper verlassen können. Auch das Trinken von reichlich heißem Wasser und die Einnahme von geklärter Butter (Ghee) dienen dem Reinigungsprozess.
In Europa sind insbesondere der Stirnguss (Abb. 4.9) und die Ganzkörperölmassage (Abb. 4.8) bekannt. Die Reinigung und Entgiftung des Organismus gehen der weiteren Behandlung voraus, bei der der Ayurveda-Therapeut individuelle Ernährungsempfehlungen gibt sowie spezielle Medikamente oder Meditationsverfahren verordnet.
Indikationen
Eine ayurvedische Behandlung ist angezeigt bei chronischen und degenerativen Krankheiten, wie z. B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, rheumatischen Beschwerden, Gicht, Asthma, Verdauungsstörungen, Migräne (Abb. 4.9), Verstopfung, Allergien, Hautkrankheiten, Depressionen sowie in der Schmerztherapie. Eine Ayurveda-Kur kann auch durchgeführt werden, um durch Stärkung der Abwehrkräfte und Entschlackung der Organe und Gewebe Krankheiten vorzubeugen. Die Harmonisierung der drei Doshas fördert allgemein das seelische Wohlbefinden.

Bach-Blütentherapie

Der englische Arzt Edward Bach (1886–1936), der Begründer der Bach-Blütentherapie, entdeckte die 38 Pflanzen, auf denen Bach-Blütentherapie\"\iseine Blütentherapie beruht, in seinen letzten sechs Lebensjahren. Er bezeichnete die ersten Pflanzen, die er entdeckte, als die zwölf Heiler und die vier Helfer. Bach war zunächst als Krankenhausarzt und Bakteriologe erfolgreich tätig, als er sich anderen Therapieverfahren zuwandte, um eine Möglichkeit zu finden, Erkrankungen ursächlich zu behandeln. Er beschäftigte sich zunächst mit Homöopathie, praktizierte am „London Homoeopathic Hospital“ und bereitete die von ihm entdeckten Darmbakterien homöopathisch auf (Bach-Nosoden). Nach eigener Praxis- und intensiver Forschungstätigkeit gab er im Alter von 44 Jahren Praxis und Labor auf, um nach Nosoden: Bachnososden\"\pflanzlichen Alternativen zu seinen bakteriellen Nosoden (4.2.22) zu suchen.
Konzept
Bach nahm im Menschen eine spirituelle Dimension wahr und ging davon aus, dass jeder Mensch als Teil des größeren Schöpfungsgedankens eine unsterbliche Seele (das, was der Mensch eigentlich ist) und eine sterbliche Persönlichkeit (das, was er darstellt) hat. Eng mit der Seele verbunden ist das Höhere Selbst, das sozusagen als Vermittler zwischen Seele und Persönlichkeit fungiert. Bach war überzeugt davon, dass es die Aufgabe des Menschen sei, unter der Führung des Höheren Selbst Wissen und Erfahrungen zu sammeln und sich als physisches Wesen zu vervollkommnen.
Gesundheit und Krankheit
Gesundheit ist die vollständige Einheit von Seele, Körper und Geist oder – wie Bach formulierte – die wahre Erkenntnis dessen, wer wir sind. Jeder Krankheit hingegen geht ein negativer Seelenzustand voraus, der dadurch entsteht, dass die Persönlichkeit das Höhere Selbst nicht wahrnimmt oder sich in seinem Verhalten gegen das Prinzip der Einheit wendet. Bach unterschied verschiedene Grundmuster oder archetypische seelische Zustände, die allen Menschen in unterschiedlicher Ausprägung zu eigen sind. Besonders die sieben negativen Seelenzustände wie Angst, Unsicherheit, ungenügendes Interesse an der Gegenwartssituation, Einsamkeit, Überempfindlichkeit gegen Einflüsse und Ideen, Mutlosigkeit sowie übergroße Sorge um andere sind nach Bach die Grundkrankheiten des Menschen: Dieses alltägliche Verhalten auf der Persönlichkeitsebene steht oft im Widerspruch zum inneren Wesenskern, dem Höheren Selbst des Menschen.
Blütenessenzen
Bach vertraute beim Sammeln und Aufbereiten der 38 Pflanzen weitgehend seiner Intuition. So wurden viele Pflanzen sofort nach dem Pflücken in ein Glas klares Quellwasser gelegt und drei Stunden der Sonne ausgesetzt, bis die Blüten welkten. Das so eingedampfte Wasser wurde mit Alkohol konserviert und im Verhältnis 1 : 240 verdünnt. Frühjahrsblüten von Bäumen und Sträuchern, bei denen die Sonnenkraft nicht ausreichte, sie einzudampfen, wurden gekocht und anschließend verdünnt. Bei dieser Art der Aufbereitung wird die in den Pflanzen enthaltene konzentrierte Information auf das Quellwasser übertragen und – so die Erklärung des Wirkprinzips – gleichsam als psychosomatischer Impuls dem Patienten übermittelt.
Bach hat zusätzlich zu den 38 Essenzen ein „Bach-Komplexmittel“ zusammengestellt, die sog. Notfalltropfen (Rescue Remedy, Nummer 39). Sie enthalten die fünf Bach-Blüten Star of Bethlehem, Rock Rose, Clematis, Cherry Plum und Rescue-Remedy\"\iImpatiens und werden zur Stabilisierung bei seelischen Schockzuständen und großer innerer Anspannung gegeben.
Die Rescue-Remedy-Creme enthält zusätzlich Crab Apple und eignet sich zur Behandlung von Verletzungen, Insektenstichen, Hautreaktionen.
Wirkungen
Die Blütenessenzen wirken auf das Energiesystem des Menschen ein und korrigieren sanft, wenn die Lebensenergie durch einseitige Verhaltensweisen blockiert ist. So wird z. B. der negative Zustand der Tagträumerei durch die Blütenessenz der Clematis in waches Gegenwartsbewusstsein gewandelt. Bei Angstzuständen und innerer Panik wirkt Rock Rose, bei Ungeduld und Nervosität Impatiens. Somit kann die Bach-Blütentherapie als „Heilung durch Harmonisierung des Bewusstseins“ bezeichnet werden.
Durchführung
Die Blütenessenzen können aufgrund der ausführlichen und einfühlsamen Anamnese ausgewählt werden, häufig werden auch Fragebögen einbezogen. Oft werden nur eine, manchmal auch zwischen vier bis max. acht Bach-Blüten verordnet, die der seelischen Situation des Patienten am besten entsprechen. Im Laufe der Behandlung kann sich das Spektrum der benötigten Blüten ändern.
Indikationen und Kontraindikationen
Bach-Blüten eignen sich zur Behandlung akuter psychischer Ausnahmezustände sowie zur positiven Beeinflussung typbedingter, negativer Charakterzüge. Während der Behandlung kann der Patient die negativen Seelenkonzepte erkennen, sich bewusst machen und in positive, lebensbejahende Qualitäten transformieren. Häufig bessern sich auch körperliche Krankheiten. Die Bach-Blüten können mit anderen Therapieformen kombiniert werden.

Baunscheidt-Verfahren

Das Baunscheidt-Verfahren, ein Heilverfahren zur Ableitung über die Haut und somit Baunscheidtverfahren\"\iBestandteil der Ab- und Ausleitungsverfahren (4.2.1), ist die bekannteste aller ausschlagerzeugenden Methoden. Carl Baunscheidt (1809–1873), Mechaniker und durch falsche Ernährung an einem Gichtleiden erkrankt, entwickelte dieses Verfahren.
Konzept
Als ihn an einem Sommertag Mücken in die rechte Hand gestochen hatten und einige Tage später seine Gichtschmerzen verschwunden waren, erfand Baunscheidt ein Gerät, mit dem er in die Haut ritzen konnte. In Nachahmung der Mückenstiche schaffte er mithilfe des Stichelgeräts Hautöffnungen, durch die die „krankhaften Stoffe“ entweichen konnten.
Zudem entwickelte er ein hautreizendes Öl, um auch die Heilwirkung des von den Mücken ausgeschiedenen Sekrets nachzuahmen, das wohl die Schwellung und Pustelbildung verursacht hatte.
Das Baunscheidt-Verfahren wurde damals von der Bonner Medizinischen Fakultät allen praktischen Ärzten nachdrücklich empfohlen und war auch in Laienkreisen bekannt.
Lebenswecker
Der von Baunscheidt entwickelte Nadelapparat, Lebenswecker\"\iden er auch als Lebenswecker bezeichnete, besteht aus 33 Baunscheidtverfahren:Lebenswecker\"\iStahlnadeln (Abb. 4.10), die 1–2 mm tief in die Haut eingeschnellt werden, ohne dass Blut zutage tritt. Die Stichtiefe kann eingestellt werden und richtet sich nach der Dicke der Oberhaut in dem zu behandelnden Gebiet.
Baunscheidt-Öl
Das Baunscheidt-Öl enthält heutzutage überwiegend hautreizende Stoffe wie z. B. Cantharidin, Wacholderöl, Baunscheidtverfahren:Baunscheidt-Öl\"\iSenföl oder Euphorbiumsaft. In alter Tradition hergestellte Baunscheidt-Öle enthalten das verschreibungspflichtige Krotonöl, das zwar zur Ausbildung einer starken Hautreaktion mit eitrigen Pusteln führt, jedoch als Kokarzinogen die krebserregende Wirkung anderer Substanzen verstärken kann. Krotonölfreie Baunscheidt-Öle verursachen keine so starken Reaktionen und rufen nur Hautquaddeln oder ein lokales Erythem hervor.
Wirkungen
Durch die Reizung der Haut werden die lokale Durchblutung und reflektorisch die Durchblutung der den Segmenten (Hautsegmente 3.7.7) zugeordneten inneren Organe angeregt und somit eine allgemeine Tonisierung (Kräftigung) erreicht. Zudem werden der Lymphfluss nach innen und nach außen (Exsudat) aktiviert, Gift- und Krankheitsstoffe sowie Schmerzmediatoren ausgeleitet. Durch die künstlich hervorgerufene Entzündung werden immunologische Prozesse in Gang gesetzt und die Immunabwehr gestärkt.

Achtung

Einige angebotene Baunscheidt-Öle sind verschreibungspflichtig, denn sie enthalten Krotonöl. Aufgrund der (sehr geringen) Gefahr einer anaphylaktischen Reaktion (22.6.2) empfiehlt es sich, bei allergiegefährdeten Personen zunächst nur an einer kleinen Stelle eine Probestichelung vorzunehmen.

Durchführung
Die desinfizierte Haut wird mit dem Nadelgerät sanfter oder kräftiger gestichelt – bevorzugt paravertebral (ca. 20-mal auf jeder Seite), seltener am Brustkorb, an Armen, Gesäß und Unterschenkeln (Abb. 4.11). Danach wird die aufnahmebereite Haut mit dem Öl eingerieben. Um Infektionen zu vermeiden, sollte das Öl mit einem sterilisierten Watteträger aufgetragen werden; der Behandler sollte dabei Einmalhandschuhe tragen. Ein rutschfester Verband wird mit Pflaster fixiert und für 3–5 Tage dort belassen.
Je nachdem, welches Öl verwendet wurde, bilden sich in dieser Zeit ein Erythem, Quaddeln (Abb. 4.12) oder hirsekorngroße, klare bzw. mit Eiter gefüllte Pusteln, die einige Tage später aufplatzen oder eintrocknen.
Indikationen
Das Baunscheidt-Verfahren kann lokal zur Behandlung von Schmerzzuständen sowie segmental zur Beeinflussung innerer Organe eingesetzt werden. Bei folgenden Hauptindikationen wird das Therapieverfahren besonders erfolgreich angewendet:
  • Erkrankungen des Bewegungsapparats: Arthritis, Arthrose, HWS-, BWS- und LWS-Syndrom, Neuralgien, Rheuma, Myalgien

  • Abwehrschwäche: z. B. rezidivierende Bronchitis, Infektanfälligkeit bei Kindern (z. B. Angina)

  • Verdauungs- und Stoffwechselstörungen: Gastritis, Reizkolon, Obstipation, Erkrankungen der Galle und Gallenwege, Funktionsstörungen des Dickdarms, Pankreasschwäche, Divertikulitis

  • funktionelle Beschwerden: funktionelle Herzbeschwerden, vegetative Dystonie, funktionelle Störungen der Schilddrüse

Um bei geschwächten und asthenischen (schwachen, schlank- und schmalwüchsigen) Patienten eine allgemeine Tonisierung zu erzielen, ist das Baunscheidtieren besonders zu empfehlen.
Kontraindikationen
Keine Anwendung direkt auf lokalen Entzündungen, Naevi (Muttermalen), Narben, akuten Hautkrankheiten und -infektionen, nicht bei Fieber und schweren Autoimmunerkrankungen.

Merke

Die Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass es in seltenen Fällen zu Narbenbildung oder Hyperpigmentierung kommen kann.

Biochemie nach Schüßler

Der deutsche Arzt Wilhelm Schüßler (1821–1898), der Begründer der Biochemie (griech. bios = Leben) – der „Chemie des Lebens“ Biochemie nach Schüßler\"\ipraktizierte zunächst als Homöopath und galt 15 Jahre lang als einer der eifrigsten Vorkämpfer des homöopathischen Gedankenguts. Aufgrund der großen Anzahl oft noch ungeprüfter homöopathischer Mittel wollte er ursprünglich nur die in der Homöopathie verwendeten Mineralstoffe zur Grundlage einer neuen Therapie machen.
Konzept
Bei seinen Forschungen, die stark von den Erkenntnissen der Chemie und Zellularpathologie geprägt waren, richtete Schüßler sein Augenmerk auf die Mineralsalze und deren Wirksamkeit. Ab 1872 behandelte er Krankheiten ausschließlich mit potenzierten anorganischen Salzen gemäß seinem Leitsatz: „Die im Blute und in den Geweben vertretenen anorganischen Stoffe genügen zur Heilung aller Krankheiten, die überhaupt heilbar sind.“ Durch Untersuchungen konnte er nachweisen, dass sich je nach vorliegender Krankheit sowohl die Verteilung als auch die Verwertbarkeit bestimmter Mineralsalze im Körper verändern. 1874 veröffentlichte er unter dem Titel Eine abgekürzte Therapie – Anleitung zur biochemischen Behandlung von Krankheiten die theoretischen und therapeutischen Grundlagen der Biochemie nach Schüßler.
Wirkungen
Die Biochemie beruht auf der Tatsache, dass in allen lebenden Organismen Mineralstoffe in unterschiedlicher Menge und Zusammensetzung enthalten sind, die notwendig sind für den Aufbau und die Funktionsfähigkeit des menschlichen Organismus. Ihre physiologisch richtige Bewegung, d. h. die natürliche zeitliche und örtliche Verteilung der einzelnen Substanzen, gewährleistet den physiologischen Ablauf des gesamten Stoffwechsels. Liegt hingegen „eine Verteilungsstörung der anorganischen Stoffe in den Geweben“ vor, kann nach Schüßler Krankheit entstehen. Dabei beruht die Verteilungsstörung nicht etwa auf einem Mangel, sondern auf der Nichtverwertbarkeit jeweiliger Mineralsalze. Durch die Verabreichung verdünnter biochemischer Arznei können die krankhaften Verwertungsblockaden aufgehoben werden.
Durchführung
Die Schüßler-Mittel (Abb. 4.13, Tab. 4.3) werden aus anorganischen Substanzen hergestellt, die den Mineralstoffen des Organismus homogen (gleichartig) sind, z. B. Kochsalz, Kieselsäure, und mittels Verreibung potenziert (4.2.22). Die Biochemie bezweckt die direkte Korrektur der gestörten physiologischen Chemie. Dementsprechend werden biochemische Mittel nach physiologischen und pathophysiologischen Kriterien (z. B. nach Beschaffenheit von Ausscheidungen, Sekreten, Geweben) verordnet.
Verwendet werden die Schüßler-Salze in niedrigen Potenzen, D 3–D 12: Sie sind als Tabletten – oder zur äußerlichen Anwendung als Salben oder Cremes – erhältlich. Damit sie möglichst direkt über die Schleimhaut aufgenommen werden, sollte man die Tabletten im Mund zergehen lassen. Die Dosierung orientiert sich an Art und Zustand der Erkrankung.
Indikationen
Alle Erkrankungen, die prinzipiell regulierenden Maßnahmen noch zugänglich sind, können biochemisch behandelt werden.

Bioresonanztherapie

Die Bioresonanztherapie (kurz BRT, griech. bios = Leben; lat. resonare = widerhallen, mitschwingen) wurde von dem Arzt Franz Morell und Bioresonanztherapie\"\idem Elektroingenieur Erich Rasche begründet und zunächst nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen als Mora-Therapie bezeichnet (3.7.2).
Konzept
Die Begründer gehen davon aus, dass der menschliche Körper von einem Mora-Therapie\"\ielektromagnetischen Feld durchdrungen und umgeben ist, das alle biochemischen Vorgänge steuert. Demnach hat jeder Mensch und jedes Organ ein individuelles Spektrum, das sich durch belastende Faktoren allerdings ändern kann. Zu diesen gehören psychische oder geopathische Belastungen, Schwermetalle, Allergene, Toxine, chronische Herde. Durch die Bioresonanztherapie soll das Ladungspotenzial wieder aufgebaut und stabilisiert werden, indem – so die Vorstellung – die patienteneigenen Schwingungen abgenommen, im Gerät in entgegengesetzte Muster umgewandelt und zurückgegeben werden und somit eine „Löschung“ der pathologischen Frequenz durchgeführt wird.
Durchführung
Die individuellen Schwingungen des Patienten werden mittels Elektroden, die an der Hand, am Fuß, über Organen oder auf Akupunkturpunkten angebracht werden, in das Gerät geleitet. Dort wird durch die Phasenverschiebung um 180° die Schwingung elektronisch in ihr Spiegelbild verwandelt und als Therapieschwingung dem Patienten wieder zugeleitet. Durch Anschluss einer Becherelektrode können auch z. B. Eigenblut, Körperflüssigkeiten und ausgetestete Allergene in die Therapie einbezogen werden.
Indikationen und Kontraindikation
Die Bioresonanztherapie wird in erster Linie therapeutisch eingesetzt, sie wird aber auch zu diagnostischen Zwecken (z. B. Allergietestung) herangezogen. Gute Erfolge werden erzielt bei neuralgischen und rheumatischen Schmerzen, bei Schwermetallbelastungen und vielen chronischen Krankheiten. Kontraindikation ist das Tragen eines Herzschrittmachers.

Blutegeltherapie

Die Blutegeltherapie gehört zu den Ausleitungsverfahren (4.2.1). Erste Darstellungen der Blutegeltherapie\"\iBlutegeltherapie stammen aus Indien (ca. 500 v. Chr.). In Europa wird die Behandlung mit Blutegeln erstmalig um 200 v. Chr. von den Griechen Nikander und Colophon erwähnt. Über Plinius und Galen (Claudius Galenus) setzte sich diese Anwendung über das Mittelalter bis zur Neuzeit hin durch. Im 18. Jahrhundert wurden in Frankreich innerhalb eines Jahres 100 Millionen Egel verwendet, weshalb die Methode zu dieser Zeit nicht ganz zu Unrecht als Vampirismus bezeichnet wurde. Inzwischen erlebt die Blutegeltherapie in der Naturheilkunde, aber auch in der Chirurgie (bei Replantationen), eine Renaissance.
Konzept und Wirkungen
Die 2–4 cm großen Verwandten des Regenwurms leben üblicherweise im Süßwasser. Sie tragen drei Kiefer im Schlund, die mit scharfen Zähnen besetzt sind und deren Bisswunde die Form eines dreistrahligen Sterns hat. Blutegel werden in Farmen gezüchtet. Obwohl im Patientenblut enthaltene Bakterien und Viren im Egel nach kurzer Zeit nicht mehr nachzuweisen sind, werden Egel nur einmal angesetzt, um die Übertragung von Infektionskrankheiten (z. B. Aids, Hepatitis) sicher zu vermeiden.
Die Gesamtwirkung der Blutegeltherapie ist auf den Blutverlust und die spezifischen Blutegelwirkstoffe zurückzuführen. So produziert der Egel in seinen Halsdrüsen einen gerinnungshemmenden Stoff, Eglin oder Hirudin genannt.Blutegeltherapie:Wirkstoffe\"\i
  • Hirudin wirkt gerinnungshemmend, Eglin\"\ilymphstrombeschleunigend, antithrombotisch, immunisierend (indirekt) und durch lokale Hirudin\"\iGefäßerweiterung gefäßkrampflösend. Andere Blutegelwirkstoffe haben durchblutungsfördernde Eigenschaften.

  • Durch den Blutverlust (ca. 10 ml) und die mehrere Stunden andauernde Nachblutung (ca. 20–40 ml) entspricht die Wirkung der Blutegeltherapie auch der eines sehr sanften und langsamen Aderlasses. Sie wirkt entstauend, blutverdünnend, entzündungshemmend und leitet Toxine und Stoffwechselschlacken aus.

Durchführung
Da Blutegel sehr empfindlich auf Hautgerüche und Ausdünstungen von Nikotin, Alkohol und Medikamenten (z. B. Glukokortikoide, Antibiotika) sowie auf Duftstoffe (z. B. Parfüm, Rasierwasser) reagieren, sollte der Patient bestimmte Vorkehrungen treffen.
Damit die Blutegel (Abb. 4.14) erfolgreich angesetzt werden können, sollte die Haut nur mit Wasser gereinigt werden. Um die Durchblutung anzuregen, ist das zu behandelnde Areal zuvor mit einem feucht-warmen Tuch abzureiben.
Der Egel wird in ein Laborröhrchen oder eine vorn abgeschnittene Spritze gegeben und mit dem Kopf direkt auf die Bissstelle gesetzt. Gegebenenfalls wird die Stelle vorher mit einer Hämostilette (Blutlanzette 6.6.1) angestochen.

Tipp

Die Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass eine kleine Narbe zurückbleiben kann (2.3.3).

Wenn die Blutegel festsitzen, ist das Gebiet mit Zellstoff abzudecken, um das austretende Blut aufzufangen (Abb. 4.15). Je nach Indikation und Ort sollten 2–12 Egel eingesetzt werden. Sie brauchen Ruhe und Halbdunkel für ihre Arbeit und fallen ab, sobald sie sich vollgesogen haben (10 Min. bis 2 Std.).

Achtung

Blutegel dürfen niemals abgerissen werden, da der einzige knorpelige Anteil, der Kiefer, in der Wunde bleiben würde. Auch sollte man nicht – wie in der Literatur häufig erwähnt – Salz aufstreuen, um den Egel schneller von der Haut zu lösen. Dies führt oft dazu, dass der Egel purgiert (abführt) und seine Verdauungsbakterien (z. B. Escherichia coli) in die Wunde kommen.

Muss die Blutegelbehandlung vorzeitig abgebrochen werden, kann ein mit Alkohol benetzter Tupfer in die Nähe der Bissstelle gehalten werden. Auch ein Holzspatel, mit dem die Kopfstelle von verschiedenen Seiten angehoben wird, bewirkt, v. a. bei Blutegeln, die bereits lange gesaugt haben, dass sie sich relativ rasch lösen.
Der Patient muss bis zu vier Stunden – so lange dauert die Nachblutung – liegen. Danach kann ein Verband mit viel saugfähiger Watte (hämostyptische Watte) angelegt werden, der nach spätestens 12 Stunden gewechselt werden muss. Nach längstens einer Woche ist die Wunde verheilt. Es kann zu allergischen Reaktionen kommen. Bei Krampfaderbehandlungen blutet es oft lange nach. Ein zu großer Blutverlust kann jederzeit mit einem Druckverband gestoppt werden.
Indikationen
Hauptindikationen einer Blutegelbehandlung sind:
  • entzündliche Erkrankungen: chronische Sinusitis, chronische Otitis media

  • venöse Erkrankungen: Varikose, akute Thrombophlebitis, postthrombotisches Syndrom, Ulcus cruris, Hämorrhoiden

  • Gelenkerkrankungen: rheumatische Erkrankungen, Distorsion, akuter Gichtanfall

  • lokale Infektionen: Furunkel, Karbunkel

  • Augenerkrankungen: Alters-Katarakt, chronisches Glaukom

Auch bei Erkrankungen, die mit Gefäßspasmen (z. B. Migräne) oder Störungen der Kreislaufregulation (z. B. Hypertonie) einhergehen, ist eine Blutegelbehandlung zu empfehlen. Bei Stoffwechselerkrankungen, Allergien oder Neuralgien (Ausnahme: Postzoster-Neuralgie) sind jedoch nur geringe Erfolge zu verzeichnen.
Kontraindikationen
Bei Patienten, die blutverdünnende Medikamente einnehmen, bei massiven Lebererkrankungen (bei herabgesetzter Blutgerinnung), drei Tage vor und nach Zahnextraktionen, vor OP, bei Diabetes mellitus (gesteigerte Infektionsgefahr, Mikroangiopathie), Hauterkrankungen an den Applikationsorten und bei arteriellen Verschlusskrankheiten ist eine Blutegeltherapie nicht angezeigt.
Umgang mit Blutegeln
Seit 2008 dürfen nur Blutegel eingesetzt werden, die die Zulassung als Arzneimittel erhalten haben. Für die therapeutische Anwendung Blutegeltherapie:Umgang Blutegel\"\iergeben sich folgende Konsequenzen:
  • Es sollen vorrangig Zuchtegel eingesetzt werden.

  • Ein Blutegel darf nur einmal medizinisch angewendet werden. Auch eine Wiederverwendung am selben Patienten ist wegen einer nicht auszuschließenden Verwechslungsgefahr unzulässig.

  • Blutegel dürfen nach ihrer medizinischen Anwendung nicht in der freien Natur ausgesetzt werden.

  • Die Rücknahme der Blutegel in den „Rentnerteich“ eines Herstellers – eine zuvor häufig angewendete Methode – ist nicht statthaft. Somit gibt es nur noch die Möglichkeit des Tötens durch Einfrieren oder in Spiritus.

  • Die toten Egel werden nach Abfallschlüssel 18 02 02 („infektionspräventive Abfälle“) als Gewerbeabfall entsorgt. Kleinere Praxen, die nicht über Gewerbeabfall entsorgen, können die toten Egel in flüssigkeitsdichten Behältern mit dem Restmüll entsorgen.

Cantharidenpflaster

Bereits Hippokrates und später Paracelsus schätzten das Cantharidenpflaster zur Behandlung von Gicht, chronischen Knochenleiden und EpilepsieCantharidenpflaster\"\i. Auch Hufeland (1762–1836) rechnete es zu den wichtigsten Heilmitteln. Aschner bezeichnete das zu den Ausleitungsverfahren zählende Cantharidenpflaster als „weiße Schwester der Schröpfkunst“. Während beim Schröpfen die Wirkung über das Blut erzielt wird, steht beim Cantharidenpflaster die Lymphe im Vordergrund.
Konzept und Wirkungen
Für das Cantharidenpflaster werden spanische Fliegen (grünliche Käfer in der Größe der Stubenfliege) pulverisiert und zu einer Paste verarbeitet. Die Paste, die über Apotheken zu beziehen ist, wird auf Pflaster (Abb. 4.16) aufgetragen. Ein gebrauchsfertiges Cantharidenpflaster kann auch aus der Apotheke bezogen werden.
Durch die Reizung der Haut – die Paste enthält das Gift Cantharidin – werden Symptome einer künstlichen Verbrennung 2. Grades erzeugt. Cantharidin enthält histaminartige Substanzen, die lokal durchblutungsfördernd wirken und eine Entzündung mit Bildung von Quaddeln und Blasen hervorrufen. Dadurch wird Gewebeflüssigkeit, die Stoffwechselschlacken und Schmerzmediatoren enthält, an die Hautoberfläche abgeleitet. Gleichzeitig werden durch den entzündlichen Prozess der Haut andere entzündliche Prozesse im Körper geschwächt, die Immunabwehr angeregt und eine vegetative Umstimmung bewirkt. Zudem wird durch die Förderung der Ausscheidungsvorgänge die gestörte Eigenregulation wieder ermöglicht.
Durchführung

Merke

Der Patient sollte darauf hingewiesen werden, dass bleibende Narben sowie Pigmentverschiebungen entstehen können. Für die Dauer von sechs Wochen sind UV-Strahlen (beispielsweise Sonnenbaden, Sonnenbank) zu meiden.

Die Anwendung des Cantharidenpflasters hat folgenden Ablauf:
  • Das Pflaster – es sollte niemals größer als 6 × 6 cm sein – wird mit einem schmalen Pflasterrahmenverband locker an der Haut fixiert.

  • Die Abnahme erfolgt nach 24 Stunden, bei empfindlichen Menschen evtl. nach 6–12 Stunden.

  • Die Blase wird mit steriler Nadel geöffnet, um das Serum abfließen zu lassen. Das Serum kann auch mit einer sterilen Kanüle in eine Spritze abgezogen werden. Die Blasenhaut bleibt erhalten und legt sich wieder an oder kann, nachdem die Blase entleert wurde, leicht angedrückt werden.

  • Die Wunde wird mit einer sterilen Mullkompresse versorgt, die für 1–3 Tage dort belassen wird.

  • Um die umstimmende Wirkung zu verstärken, kann der mit der Spritze entnommene Blaseninhalt i. m. reinjiziert werden als Einzelmittel, Mischinjektion oder Eigennosode.

Indikationen
Durch das Cantharidenpflaster werden sehr gute Ergebnisse erzielt bei:
  • Erkrankungen der Wirbelsäule: WS-Syndrome von der HWS bis zum Sakroiliakalgelenk, Schulter-Arm-Syndrom, Lumbago

  • Gelenkerkrankungen: Arthrose und Arthritis an Knie-, Hüft-, Fuß-, Hand, Schulter- und Wirbelgelenken

  • HNO-Erkrankungen: akute und chronische Otitis media v. a. bei Kindern, Sinusitis, Tonsillitis

Auch gynäkologische Erkrankungen, Hauterkrankungen und Erkrankungen der Gallenwege können durch das Cantharidenpflaster positiv beeinflusst werden.
Kontraindikationen
Bei Nieren- und Blasenerkrankungen, auf vorgeschädigter Haut, auf Hautarealen mit sichtbaren, größeren Blutgefäßen sowie bei Patienten mit empfindlicher Haut sollte das Cantharidenpflaster nicht angewendet werden. Auch während der Menstruation sollte die Behandlung nicht durchgeführt werden.

Chiropraktik

Mit Chiropraktik (griech. cheir = Hand; praktikos = tätig, wirksam) wird die Diagnose und Behandlung von Funktionsstörungen und Schmerzen des Chiropraktik\"\iBewegungsapparats bezeichnet. Dabei spielen die Wirbelsäule und das Becken eine zentrale Rolle. Fehlhaltungen (Statik) oder falsche Bewegungsabläufe (Dynamik) werden mithilfe gezielter Handgriffe behoben.
Konzept
Die Chiropraktik geht auf Daniel David Palmer (1845–1913) zurück, ein Magnetopath und Gemischtwarenhändler, der durch Einrenken der Halswirbelsäule einen Hausmeister von seiner verletzungsbedingten Schwerhörigkeit befreit hatte. Er gründete 1896 The Palmer College of Chiropractic und systematisierte mit seinem Sohn Bartlett Joshua Palmer (1881–1961) die Chiropraktik zu einer wirksamen Therapie.
Palmers chiropraktisches Behandlungskonzept beruhte auf der Annahme, dass durch Verschiebungen der Wirbel gegeneinander (sog. Subluxationen) Nerveneinengungen zustande kommen, die sich sowohl örtlich als auch ausstrahlend in dem betreffenden Körpergebiet auswirken und verschiedenste Krankheiten auslösen können. Die Beseitigung dieser Subluxation durch einen chiropraktischen Eingriff war die entsprechende Therapie. Nach Ansicht vieler Osteopathen läuft diese mechanistische Sicht jedoch Gefahr, ganzheitliche Zusammenhänge zu negieren. Denn es gilt auch, die Ursachen der Fehlstellung zu beseitigen und nicht den dekompensierten statischen Apparat wiederherzustellen.
Durchführung
Heutzutage wird davon ausgegangen, dass eine Störung des Gelenkspiels durch verschiedene Faktoren verursacht werden kann: durch mechanische Fehlbelastung (Muskeln, Sehnen, Gelenke) sowie durch reflektorische (innere Organe) oder fokale Beeinflussung (Herde). Die meist vorliegenden Schmerzen, Muskelverspannungen und Bindegewebsveränderungen führen zu einer Bewegungseinschränkung. Diese gilt es, durch manuelle Einwirkung bei minimalem Kraftaufwand zu lösen. Dabei wird das blockierte Gelenk leicht über seine normale Beweglichkeit hinaus bewegt, ohne dass Kapsel, Bänder oder Weichteile verletzt oder beeinträchtigt werden. So kann die Gelenkfunktion sofort oder mit einer gewissen Verzögerung wiederhergestellt werden. Die rasche, mit einem genau dosierten Impuls ausgeführte Bewegung ist oft mit einem hörbaren Knacken verbunden, die Behandlung ist aber im Allgemeinen schmerzfrei. Es werden folgende Techniken angewendet:
  • Mobilisationen: Aktive Mobilisationen entspannen die Muskulatur und bereiten sie auf die weitere Behandlung vor. Passive Mobilisationen beeinflussen die Gelenke, Mobilisationen\"\iindem diese behutsam in die eingeschränkte Bewegungsrichtung bewegt werden (Abb. 4.17).

  • Manipulationen: Mit geringer Kraft wird ein rascher Impuls an das Gelenk – hörbar an dem Knacken – abgegeben. Der Impuls löst auf reflektorischem Weg die Manipulationen\"\iBlockade und baut muskuläre Fehlspannungen ab. Damit der Impuls nur an dem vorgesehenen Ort wirkt, müssen die umliegenden Gelenke „verriegelt“ werden.

Indikationen und Kontraindikationen
Die Chiropraktik eignet sich zur Behandlung lokaler Beschwerden des Bewegungsapparats (z. B. Schulter- und Armschmerzen, Tennisarm, Lumbalgien, Hüft- und Knieschmerzen, Torticollis) sowie zur Therapie davon ausgehender Störungen, wie z. B. Schwindel, Kopfschmerzen, Migräne, Schleudertrauma.
In bestimmten Fällen sollte vor der chiropraktischen Behandlung eine Röntgenkontrolle durchgeführt werden. Bei Osteoporose oder (Verdacht auf) Knochenmetastasen dürfen chiropraktische Maßnahmen gar nicht oder nur unter größter Vorsicht durchgeführt werden.
Sonderformen: weiche Techniken
In den letzten Jahren werden verstärkt sog. weiche manuelle Techniken, wie z. B. die Osteopathie (4.2.34) oder die Orthobionomie angewendet.
Auch die Wirbelsäulentherapie nach Dorn ist ein Verfahren der Ortho-Bionomie\"\imanuellen Therapie. Sie ist eine leicht zu erlernende, ebenso wirksame wie sanfte Form der Chiropraktik. Wirbelsäulentherapie nach Dorn\"\iAusgehend davon, dass sich einzelne oder mehrere Wirbelkörper durch einseitige Körperhaltung, Fehlbelastungen oder Traumata verschieben können, werden auch die durch die Spinalnerven versorgten Körperregionen und Organe in Mitleidenschaft gezogen.
Die Wirbelfehlstellung wird vom Behandler mit beiden Daumen an den Dorn- und Querfortsätzen der Wirbel ertastet. Die Mobilisation der Wirbel geschieht dann durch aktive Pendelbewegungen von Armen bzw. Beinen. Die Repositionierung der Wirbel wird durch mehr oder weniger starken Druck mit dem Daumen erreicht. Durch das langsame Zurückgleiten der Wirbel in die ursprüngliche Position (Abb. 4.18) ist dieses Verfahren sehr schonend für Gelenke, Sehnen und Bänder.
Um einen optimalen Behandlungserfolg zu erzielen, hat sich die Breuss-Massage für das anschließende Einrichten der Wirbel bewährt.

Edelsteintherapie

Bereits die Babylonier und Breuss-Massage\"\iAssyrer kannten heilende Tinkturen aus Edelsteinen. Auch der altindische Ayurveda (4.2.8) enthält genaue Anleitungen zurEdelsteintherapie\"\i Zubereitung von Edelsteinmedikamenten. Detaillierte Angaben über positive und negative Wirkungen von 60 Edelsteinen finden sich in dem von Marbod, einem Bischof aus Rennes (1035–1123) verfassten Werk „Lapidarius“. Hildegard von Bingen (1098–1179) gewann durch visionäre Schau ihr Wissen über die heilende Wirkung der Edelsteine und beschrieb diese in ihrem Buch „Physica“.
Wirkungen
Edelsteine (Abb. 4.19) haben aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Farbe und ihrer unterschiedlichen Zusammensetzung an Mineralien charakteristische Merkmale und Eigenschaften. Je nach Art (Gruppenzugehörigkeit) sind sie nach einem typischen Kristallgitter aufgebaut, auf dem alle Atome einen speziellen Sitz innehaben und somit ein bestimmtes Schwingungsmuster produzieren. Ergebnisse der Kristallografie und angewandten Mineralogie belegen, dass die Kristalle aufgrund von Atomwanderungen in einem sehr aktiven Austausch mit ihrer Umgebung stehen und keineswegs „tote, inaktive Materie“ sind. Die Elektronen werden durch äußere Einflüsse angeregt, ihre festen Umlaufbahnen zu verlassen und auf eine höhere, äußere Bahn zu springen. Dabei entsteht eine Lichtenergie, die Planck Lichtquanten und Popp Biophotonen nannte. Entsprechend den Erkenntnissen der Biophotonenforschung wird die Heilwirkung der Edelsteine darin vermutet, dass ein richtig ausgewählter Edelstein aufgrund seiner spezifischen Eigenschwingung (Frequenz) durch die Lichtenergie des Photonenaustausches kranke Zellverbände gewissermaßen „aufladen“, also ihre Eigenschwingung normalisieren und damit ihre Selbstheilung ermöglichen kann. Da Steine ebenso Energie und Schwingungen aus der Umgebung aufnehmen können, ist es wichtig, die zur Therapie genutzten Steine regelmäßig unter Wasser zu reinigen und anschließend zum Trocknen in die Sonne zu legen.
Durchführung
Das Tragen der Edelsteine am Körper ist die einfachste Form, Edelsteine therapeutisch einzusetzen. Die Steine können so lange getragen werden, bis Besserung eingetreten ist. In der Regel werden ein bis drei Steine entweder als Roh- oder Schmeichelsteine (Lederbeutel, Hosentasche), Anhänger oder Edelsteinketten eingesetzt. Die Heilsteine werden auch auf die Stelle, an der sich das (seelische) Problem körperlich manifestiert, aufgelegt.
Zur innerlichen Anwendung kann nach genauer Anleitung hergestelltes Edelsteinwasser schluckweise über den Tag verteilt getrunken werden.

Eigenbluttherapie

Die Eigenbluttherapie ist eine unspezifische Reiztherapie, bei der entnommenes Venenblut direkt oder aufbereitet in die Muskulatur oder Haut Eigenbluttherapie\"\ireinjiziert wird.
Konzept
Die ersten dokumentierten Berichte der Eigenbluttherapie gehen auf den Chirurgen August Bier zurück, der Eigenblut injizierte, um die Heilung von Frakturen zu beschleunigen. Bier war der Ansicht, dass das unbehandelte Blut das natürlichste und wirksamste Reizmittel sei.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Eigenbluttherapie durchzuführen; das Blut kann unverändert reinjiziert werden oder nachdem es aufbereitet wurde.
  • Unverändertes Eigenblut: Es wird eine kleine Menge Blut aus der Armvene entnommen und sofort wieder intramuskulär reinjiziert. In der Regel wirdEigenbluttherapie:unverändertes\"\i mit kleinen Mengen (etwa 0,5–1 ml Blut) begonnen und schrittweise bis zu max. 5 ml erhöht. Die Wirkung kann je nach Heilanzeige durch Zugabe einer indikationsbezogenen homöopathischen Injektionslösung, z. B. Echinacea (Sonnenhut), noch gesteigert werden.

  • Hämolysiertes Eigenblut: Durch Zufügen von sterilem, destilliertem Wasser kommt es zu einer Hämolyse des Blutes.

  • Subkutane Eigenbluttherapie, hämolysiertes\"\iApplikation erfolgt an Akupunktur- oder Schmerzpunkten.

  • Die Anreicherung von Eigenblut mit Sauerstoff oder Ozon wird im Zusammenhang mit der Sauerstoff- und Ozontherapie (4.2.35, 4.2.39) beschrieben.

Wirkungen
Durch das injizierte Blut bildet sich ein Hämatom, das durch den Gewebereiz eine lokale Entzündung hervorruft (Rötung, Schwellung), die als milde Infektion auf den ganzen Körper übergreift. Die verursachte Leukozytose geht mit einer erhöhten Körpertemperatur und einer Beschleunigung des Stoffwechsels einher. Es werden auch verschiedene Immunreaktionen ausgelöst, da der Körper das reinjizierte Blut, das sich durch den Aufenthalt außerhalb des Körpers verändert hat, als Fremdkörper oder pathogenen Reiz erkennt und Abwehrreaktionen in Gang setzt (Vermehrung von Antikörpern, Anstieg der Phagozytose).
Da durch die Aktivierung der Abwehrkräfte außerdem die körpereigenen Selbstheilungskräfte angeregt werden, kann die Eigenbluttherapie auch als Umstimmungstherapie bezeichnet werden. Die stattfindende vegetative Gesamtumstimmung wurde von Hoff als „vegetative Gesamtumschaltung“ (Umstimmung 4.1.3) bezeichnet und in einem Zweiphasenmodell beschrieben.
Durchführung
Durchschnittlich werden etwa 8–10 Behandlungen durchgeführt. Bei akuten Beschwerden soll die Eigenblutbehandlung z. B. täglich in steigender Dosierung angewendet werden. Chronische Erkrankungen sprechen gut auf große Behandlungsintervalle und kleine Dosen an. Je nach Konstitution und Erkrankung des Patienten können wöchentlich zwei Injektionen, später eine Injektion alle zwei Wochen sinnvoll sein. Es gilt die Regel: Je akuter die Beschwerden, desto öfter, je chronischer die Erkrankung, desto seltener sollte die Behandlung erfolgen.
Es empfiehlt sich, bei allergischen Erkrankungen die Behandlung in der beschwerdefreien Zeit zu beginnen: So sollte bei Heuschnupfen die Therapie im Winter begonnen werden.
Gelegentlich kommt es zu einer Erstverschlimmerung (4.1.3), d. h. zu einer kurzzeitigen Verstärkung der bestehenden Krankheitssymptome.
Indikationen
Mit einer Eigenbluttherapie lassen sich zahlreiche Erkrankungen günstig beeinflussen:
  • chronische Erkrankungen, v. a. chronische Entzündungen

  • akute und rezidivierende Entzündungen wie Tonsillitis, Sinusitis, Otitis media

  • allergische Erkrankungen, z. B. Allergien, allergisches Asthma, Heuschnupfen, Asthma bronchiale

  • Hautkrankheiten wie Neurodermitis, Ekzeme, Haut- und Nagelmykosen

  • Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, v. a. primär chronische Polyarthritis

  • Durchblutungsstörungen

Zudem eignet sich die Eigenbluttherapie bei allgemeiner Abwehrschwäche zur Immunstimulation.
Kontraindikationen
Bei Blutgerinnungsstörungen, akuten Blutungen sowie bei Einnahme von Glukokortikoiden und Immunsuppressiva darf die Eigenblutbehandlung nicht durchgeführt werden.

Elektro- und Strahlentherapie

In der Elektro- und Strahlentherapie, die zu den physikalischen Therapieverfahren zählen, Elektrotherapie\"\iwerden Geräte angewendet, die elektromagnetische Felder Strahlentherapie\"\iaufbauen, wie z. B. Hochfrequenzen, Wärme oder Licht.
TENS
Die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine Form der Reizstromtherapie. Durch Elektrostimulation TENS-Therapie\"\iwerden unter der Haut liegende Nervenfasern blockiert, sodass Schmerzimpulse (vorübergehend) nicht mehr weitergeleitet Reizstromtherapie\"\iwerden können. Die Therapie wirkt zudem durchblutungsfördernd, muskelentspannend und beeinflusst reflektorisch die inneren Organe. Sie eignet sich zur Behandlung chronischer Schmerzen, wie z. B. Rückenschmerzen, posttraumatischen Schmerzen, Phantomschmerzen, Neuralgien und zur Behandlung von Durchblutungsstörungen.
Die TENS-Therapie ist auch zur häuslichen Selbstbehandlung des Patienten geeignet. Bei sachgemäßem Einsatz ist die Methode nebenwirkungsfrei. Durch mehrmalige Anwendung pro Tag kann der Schmerzmittelverbrauch häufig deutlich gesenkt werden. Nach längerem Gebrauch kann allerdings ein Gewöhnungseffekt eintreten, der sich teilweise durch die Änderung des Frequenzbereichs ändern lässt.
Magnetfeld
Bereits in Kulturen des Altertums (Ägypten, Griechenland) wussten die Menschen um die Heilkraft von Magneten. Die Römer pulverisierten Magnetsteine, Magnetfeldtherapie\"\ium Augenkrankheiten, Melancholie und Gicht zu heilen. Paracelsus empfahl die Anwendung von Magneten bei Epilepsie, Hämorrhoiden, Entzündungen sowie zur Krampflinderung. Franz Anton Mesmer (1734–1815) behandelte mit einem Magneten eine blinde Pianistin erfolgreich und wendete sich danach einer Heilbehandlung (Mesmerismus) zu, bei der mit den Händen magnetische Striche ausgeführt wurden, um den „Lebensmagnetismus“ zu übertragen.
Der Chirurg Fritz Lechner und der Physiker Mesmerismus\"\iWerner Kraus entwickelten in den 1970er-Jahren ein Verfahren, das mithilfe pulsierender Magnetfelder geschädigte Körperzellen positiv beeinflusst. Ursprünglich bei Frakturen eingesetzt, konnte bewiesen werden, dass pulsierende Feldkräfte, die in bestimmter Intensität und Frequenz aufgebaut werden, die Kallusbildung anregen.
Hierbei werden u. a. die Sauerstoffaufnahme der Zelle verbessert, der Energiestoffwechsel erhöht, die Abwehr angeregt und die Gefäßdurchblutung verbessert. Von der Schulmedizin lange Zeit nur in der Chirurgie und Orthopädie verwendet (u. a. bei Knochenbrüchen), setzt die Naturheilkunde dieses Verfahren bei beinahe allen Indikationen mit jeweils unterschiedlichen Stärken ein. Heute sind auch Kombigeräte (z. B. mit Bioresonanz) auf dem Markt.
Unisol-Lampe
Die Unisol-Lampe ist eine mit Elektroden arbeitende Lichtbogenlampe, die v. a. Infrarot- sowie Ultraviolett-Strahlen erzeugt. Während die längeren Wellen Unisol-Lampe\"\ibis unter die tiefe Epidermis eindringen und hier vom Kapillarblut aufgenommen werden, wirken die kurzen Wellen direkt auf die Hautoberfläche, um dort absorbiert zu werden und z. B. die Vitaminbildung anzuregen. Bei fachgerechter Anwendung sind keine Schädigungen der Haut zu erwarten. Die Indikationen sind vielfältig; hier nur einige: Stoffwechselregulation, Erhöhung der Sauerstoffversorgung, Anregung von Haut- und Muskeltonus, Stimulation nervlicher Aktivität.
Die Unisol-Lampe darf nicht bei Patienten mit sehr empfindlicher Haut, bei Fieber und hochgradigen Entzündungen eingesetzt werden.
Hochfrequenztherapie (Hft)
Nachdem erwiesen war, dass hochfrequente Wechselströme, kurz HF-Strom, für den Menschen keine Gefahr darstellen, wurden diese Ströme erstmals um die Hochfrequenztherapie\"\iJahrhundertwende von dem Franzosen d'Arsonval zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Nicola Tesla (1856–1943) erfand schließlich einen Transformator, der hochfrequente Wechselströme erzeugen konnte. Die therapeutische Anwendung hat das Ziel, eine vermehrte Durchblutung des Gewebes zu erreichen. Weiterhin wird die körpereigene Wärme aktiviert. Für Träger eines Herzschrittmachers ist die Hochfrequenztherapie kontraindiziert.

Ernährungstherapie

Die Ernährungstherapie, ein zentraler Behandlungspfeiler der Naturheilkunde, dient der Prävention von Krankheiten undErnährungstherapie\"\i der Wiederherstellung der Gesundheit. Bedenkt man, dass die meisten Menschen in Westeuropa zu viel, zu fett, zu salzig und zu süß essen, dass jeder zweite Erwachsene in den Industrieländern übergewichtig ist und dass es eine Vielzahl ernährungsbedingter Gesundheitsstörungen gibt, so kann die Bedeutung einer gesunderhaltenden Ernährung nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Konzept
Obwohl keine Ernährung, sei sie noch so gesund, vor allen Erkrankungen schützen kann, bietet sie die Möglichkeit, in Eigeninitiative seine Gesundheit positiv zu fördern und zu beeinflussen. Oft macht die Ernährungstherapie eine medikamentöse Behandlung entbehrlich, fordert jedoch gleichzeitig von dem Patienten ein hohes Maß an Disziplin und Selbstverantwortung.
Gesunderhaltende Ernährung
Dass Ernährungsgewohnheiten zahlreiche Erkrankungen wie Karies, Stoffwechselstörungen (Gicht, Fettstoffwechselstörungen), Obstipation, Arteriosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Allergien und Infektanfälligkeit mit verursachen können, ist unbestritten. Ebenso besteht Einigkeit darüber, dass eine gesund erhaltende Ernährung überwiegend aus pflanzlichen, ballaststoffreichen Lebensmitteln mit hoher Nährstoffdichte bestehen sollte. Dabei meint der Begriff Nährstoffdichte das Verhältnis zwischen den energieliefernden Nährstoffen, den Kohlenhydraten, Fetten und NährstoffdichteEiweiß, einerseits und den Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen, den essenziellen Nährstoffen, andererseits.
Günstig ist die Nährstoffdichte bei Obst, Gemüse und Vollkornprodukten.
Zucker und Weißmehl hingegen enthalten außer Glukose und Kohlenhydraten keine weiteren essenziellen Nährstoffe, sondern nur „Leerkalorien“ und haben somit eine geringe Nährstoffdichte. Konserven und Fertigprodukte gelten gleichfalls als minderwertig und sollten ebenso wie Nahrungsmittel mit Zusatz- und Konservierungsstoffen gemieden werden.
Kann der Nährstoffbedarf über die Nahrung nicht vollständig gedeckt werden, ist auch an eine Supplementierung (Ergänzung) durch Nährstoffpräparate im Rahmen der orthomolekularen Medizin (4.2.33) zu denken.
Vollwert-Ernährung
Besonders wichtig in der Naturheilkunde ist die Vollwert-Ernährung, eine möglichst einfache, natürliche, basenreiche Kost mit viel frischem Obst, Gemüse, Getreide und nur wenig Fleisch. Wert zu legen ist aufVollwert-Ernährung\"\i:
  • pflanzliche Lebensmittel, die eine hohe Nährstoffdichte haben und zudem gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe (Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe) enthalten

  • gering verarbeitete, möglichst frische Lebensmittel sowie auf Lebensmittel, die keine Zusatzstoffe enthalten, da deren Wirkung auf die Stoffwechselvorgänge noch weitestgehend unbekannt ist

  • unerhitzte Frischkost (etwa die Hälfte der Nahrungsmenge), die die Inhaltsstoffe in nahezu unveränderter Form enthält und bei gleichem Sättigungsgefühl einen geringeren Energiegehalt aufweist

  • schonende, auch wenig fettreiche Zubereitung

  • Produkte, die aus der Region stammen bzw. aus biologischem Anbau

Durch die Vollwert-Ernährung lassen sich Ernährungsrisiken minimieren und eine – wie zur Vermeidung von Krankheiten empfohlene – energiereduzierte, fett- und cholesterinarme Kostform umsetzen. Die Vollwert-Ernährung eignet sich als Basisernährung bei nahezu allen Erkrankungen.
Die laktovegetabile Ernährung (vollwertige pflanzliche Kost ohne Fleisch mit hochwertigem tierischen Eiweiß wie Butter, Sahne, Milch und Käse) setzt sich auch aus ökologischen undlaktovegetabil Ernährung\"\i ethischen Gründen immer mehr durch. In der Naturheilkunde wird besonders der Genuss von Schweinefleisch abgelehnt, da nach Reckeweg die Abbauprodukte nur schwer auszuscheiden sind und sich v. a. im Bindegewebe ablagern.
Eine Übersäuerung des Körpers wird für viele gesundheitliche Beschwerden verantwortlich gemacht. Es wird deshalb eine basenüberschüssige Ernährung (ideal: 80 % Basen, 20 % Säuren) empfohlen.
Spezielle Ernährungsformen und Diäten
Zusätzlich gibt es Ernährungsweisen, die basenüberschüssige Ernährung\"\isich in einem anderen kulturellen Kontext entwickelt haben und in ein entsprechendes medizinisches System eingebunden sind, wie z. B. die Ernährung im Rahmen der TCM (4.2.44) oder des Ayurveda (4.2.8).
In der aus dem Zen-Buddhismus entstandenen Makrobiotik werden Nahrungsmittel sowie die Nahrungsmittelzubereitung den Prinzipien Yin und Yang zugeordnet.
Die von dem Arzt Hay entwickelte Trennkost, bei derMakrobiotik\"\i eiweiß- und kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel nur getrennt voneinander in unterschiedlichen Mahlzeiten gegessen werden, soll eine ÜbersäuerungTrennkost\"\i verhindern und eine optimale Verdauung der unterschiedlichen Nährstoffe gewährleisten. Seit einiger Zeit werden kohlenhydratarme Kostformen zur Gewichtsreduktion und als dauerhafte Ernährung propagiert.
Neben dem freiwilligen und zeitlich begrenzten (Heil-)Fasten (4.2.20) und der F. X. Mayr-Kur (4.2.28) gibt es zahlreiche weitere naturheilkundlich geprägte Diätformen, z. B.:
  • Molke-Trinkkur: Dazu werden tägl. 1–1,5 l Molke in kleinen Schlucken sowie Kräutertee, Gemüsesäfte und Mineralwasser getrunken.

  • Bircher-Benner-Diät: Die Molke-Trinkkur\"\istrenge Form besteht aus viel Frisch- und Rohkost, Müsli, Nüssen, Säften und Honig. Die erweiterte Form sieht Bircher-Benner-Diät\"\izusätzlich Kartoffeln, Milch und Milcherzeugnisse vor.

Durchführung
Auch gesunde Menschen sind gut beraten, sich mit ausgewogener Vollwertkost zu ernähren, um eine adäquate Nährstoffzufuhr (Grundnährstoffe, Vitamine, Mineralstoffe) und ausreichende Versorgung mit Wirkstoffen (sekundäre Pflanzenstoffe, Ballaststoffe) zu gewährleisten. Folgende Grundsätze sollten bei der Ernährungsumstellung beachtet werden:
  • Die erfolgreiche Umstellung von üblicher Durchschnittskost auf eine gesunde Ernährung mit hohem Rohkostanteil muss langsam und schrittweise erfolgen.

  • Die Umstellung der Ernährung sollte individuell angepasst sein.

  • Athletische Typen vertragen eher eine rein vegetarische Kost als asthenische Typen.

  • Verdauungsschwache Personen kommen besser mit 4–5 kleineren Mahlzeiten pro Tag zurecht, verdauungsstarke Menschen brauchen meist nur 3 Mahlzeiten.

  • Darmempfindliche Menschen sollten einige Wochen jede Frischkost meiden, um den Verdauungstrakt zu beruhigen und schmerzhaften Meteorismus zu vermeiden.

  • Erst danach vorsichtig frisches Obst und Gemüse in kleinen Portionen (gründlich kauen!) einsetzen.

  • Meist tritt spätestens einige Wochen nach konsequenter Umstellung eine Besserung der anfänglichen Beschwerden ein, wenn die Darmflora sich der veränderten Kost angepasst hat.

Heilfasten

Fasten gehört zu den ältesten Heilverfahren und ist sowohl durch Fasten\"\igesundheitliche als auch durch religiöse und ethische Motive Heilfasten\"\ibegründet. Jahrhundertelang wurde das Fasten von den Kirchen, besonders in den Klöstern, gepflegt, als Behandlungsverfahren jedoch vergessen.
Freiwilliges Fasten umfasst Verzicht auf Nahrung und Genussmittel für eine begrenzte Zeit (fünf Tage bis fünf Wochen), reichliche Flüssigkeitszufuhr und regelmäßige Darmentleerung.
Konzept
Das freiwillige und zeitlich begrenzte Fasten dient der Entlastung des überlasteten Stoffwechsels und der Entschlackung und Reinigung des Organismus. In der Zeit des Nahrungsverzichts kann sich der Körper erholen sowie übermäßige Reserven und aufgestaute krankmachende Stoffwechselprodukte abbauen.
Strenges Heilfasten wird heute nicht mehr uneingeschränkt positiv beurteilt, da sich die gefürchtete Gewichtszunahme nach dem Fasten (Jo-Jo-Effekt), der übermäßige Stress für den Körper und das Freiwerden von Giftstoffen aus den Fettzellen ungünstig auf den gesamten Organismus auswirken können. Aus diesem Grund werden zunehmend sanfte Varianten empfohlen, z. B. Fasten mit Gemüsebrühe und Gemüsesäften. Dadurch wird der Körper wenig belastet und zudem die sog. Fastenazidose vermieden, die v. a. durch die beim Fettabbau anfallende Harnsäure provoziert werden kann.
Wirkungen
Folgende physiologische Vorgänge finden während des Fastens statt:
  • Normalisierung der Produktion der Verdauungssäfte: Der Säuregehalt des Magensafts verringert sich, die Gallensaftproduktion verstärkt sich zunächst, um später dann abzunehmen. Die Gallenblase entleert sich und sondert Schleim, Grieß und Steine ab.

  • Reinigung: Durch zusätzliche Einnahme von Glaubersalz oder F. X. Passage® SL (Fertigpräparat, angenehmerer Geschmack) werden die Darmzotten gereinigt und somit die spätere Aufnahme und Weiterleitung von Nährstoffen begünstigt.

  • Förderung der Ausscheidung: Salz und Harnsäure werden aus dem Gewebe, Cholesterin und Proteine aus den Gefäßwänden ausgeschieden. Ebenso werden in das Bindegewebe eingelagerte Substanzen, die oft als Gelosen spürbar sind, aufgelöst. Nach einigen Fastentagen scheiden auch Haut und Lungen stark riechende Stoffwechselprodukte aus.

Die Gewichtsabnahme ist lediglich ein angenehmer Nebeneffekt, denn im Vordergrund steht die Umstimmung des Körpers, die eine Aktivierung der Selbstheilungskräfte bewirkt. Auch auf geistiger und seelischer Ebene finden positive Veränderungen statt.
Durchführung
Heilfasten sollte möglichst in einen Zeitraum gelegt werden, in dem ausreichend Ruhe und Muße zur Verfügung stehen. Die Fastendauer wird individuell festgelegt, bewährt hat sich eine Fastenkur von 1–2 Wochen.
In der Fastenzeit wird keine feste Nahrung zugeführt, auf Kaffee, schwarzen Tee, Alkohol und Nikotin wird vollkommen verzichtet. Fasten nach Buchinger erlaubt geringe Mengen an Gemüsebrühe, Säften und etwas Honig und wird aus diesem Grund von vielen Patienten bevorzugt. Ausreichend Flüssigkeit, mindestens 2,5 l täglich (Kräutertee und stilles Wasser) gewährleistet, dass Stoffwechselprodukte ausgeschieden werden.
Zur Vorbereitung auf das Heilfasten dient die Darmreinigung mit Bitter- bzw. Glaubersalz (Abb. 4.20) oder einem Einlauf. Das Hungergefühl lässt erfahrungsgemäß nach wenigen Tagen nach, und viele Darmreinigung\"\iFastende fühlen sich körperlich und geistig fit. Endorphine, die vermehrt ausgeschüttet werden, können oft eine euphorische Stimmung hervorrufen. Langfristig ist es günstig, regelmäßig einmal pro Woche einen Fastentag einzulegen.
Indikationen
Bei folgenden Erkrankungen ist Heilfasten zu empfehlen:
  • rheumatische Erkrankungen

  • Gelenkerkrankungen

  • Hauterkrankungen, z. B. Psoriasis, Neurodermitis, Ekzeme

  • Adipositas (als Übergang in veränderte Ernährungsgewohnheiten), Fettstoffwechselstörungen, Hyperurikämie, Verdauungsstörungen und Darmerkrankungen

  • Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen wie Hypertonie und Durchblutungsstörungen

  • allergische Erkrankungen, z. B. allergische Rhinitis, allergisches Asthma

Kontraindikationen
Bei ausgeprägten Schwächezuständen, schweren Herz-Kreislauf- oder Nieren-Erkrankungen, Tumoren, hormonellen Erschöpfungszuständen, Störungen, z. B. Schilddrüsenüberfunktion, und schweren Infektionskrankheiten darf nicht gefastet werden. Patienten mit einer psychiatrischen Anamnese (z. B. endogene Depression, Psychose) oder Essstörungen, wie z. B. Bulimie und Anorexia nervosa sowie Schwangere, Stillende, Kinder und Heranwachsende sollten ebenfalls nicht fasten.
Bei Diabetes mellitus 2 und Gicht ist stationäres Heilfasten in einer Fastenklinik dem ambulanten Fasten unbedingt vorzuziehen.

Hildegardmedizin

Hildegard von Bingen (1098–1179), das jüngste von zehn Kindern einer dem Hochadel angehörenden Familie wuchs in der Nähe des Klosters auf, dessen Hildegardmedizin\"\iLeitung sie später übernahm. Ihr eigenes Kloster gründete sie im Jahr 1165 auf dem Rupertsberg bei Bingen.
Im Alter von beinahe 50 Jahren arbeitete Hildegard an ihrem ersten großen Visionenbuch, dem „Scivias“ („Wisse die Wege“), das sie auf göttlichen Befehl begonnen hatte. In den folgenden Jahren entstanden Schriften zur Naturkunde und zur Heilkunde. In diesen beschrieb sie u. a. die spezifischen Wirkungen von Pflanzen, Bäumen, Edelsteinen („Physica“) oder den Ursachen und der Behandlung von Krankheiten („Causae et Curae“). Dabei wurden die pflanzlichen Heilmittel ebenso die Steine und die Körpersäfte des Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern im Gesamtzusammenhang der Schöpfungswirklichkeit gesehen: Heil und Heilung des kranken Menschen kann durch die Hinwendung zum Glauben, der gute Werke und eine maßvolle Lebensordnung hervorbringt, ausgehen.
Im Mittelpunkt der Heilkunde nach Hildegard stehen neben diätetischen Maßnahmen und Ausleitungsverfahren v. a. der Einsatz spezifischer Heilmittel (z. B. Pflanzen, Edelsteine), aber auch psychotherapeutische Maßnahmen.
Pflanzliche und mineralische Heilmittel
Hildegard führte in ihren naturkundlichen Werken mehrere hundert Heilpflanzen auf. Hierbei gab sie keine naturwissenschaftlichen Hinweise, sondern sie beschrieb, wie und in welcher Kombination sich die Pflanzen anwenden lassen. Diese Angaben werden häufig durch die moderne Phytotherapie bestätigt; teilweise werden die Pflanzen nur bei Hildegard angewendet und sollten mit Vorsicht bewertet werden.
In der „Physica“ sind in einer Art Arzneimittelkunde fast 1.800 Rezepte aus dem gesamten Bereich der Natur ausgeführt. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts wieder aufgefunden, sind diese in übersetzter Form seit den 1930er-Jahren zugänglich. Der österreichische Arzt Gottfried Hertzka testete viele Rezepturen jahrzehntelang und baute dieses alte System wieder neu auf.
Ernährungslehre nach Hildegard
Eine maßvolle und gesunde Ernährung verhindert nach Hildegard die Entstehung von Krankheiten. Als Ernährungsgrundlage empfiehlt Hildegardmedizin:Ernährungslehre\"\iHildegard besonders Dinkelgetreide, das gegen eine Vielzahl von körperlichen Leiden wirksam sein soll. Sie rät zu einer nach heutigem Verständnis ausgewogenen Vollwertkost mit nur wenigen Einschränkungen. Verboten sind nur die sog. „Hildegard-Küchengifte“, die von Gesunden und Kranken gemieden werden sollten: Porree, Pfirsich, Erdbeere, Pflaume. Rohkost sollte durch eine Essig-Öl-Beize aufgeschlossen werden. Nachtschattengewächse werden in der Hildegardküche nur bedingt angewendet.
Ausleitungsverfahren nach Hildegard
Besonders wichtig ist der Aderlass nach Hildegard, der nicht identisch mit dem üblichen Aderlass (4.2.2) ist. Ausgerichtet auf Hildegardmedizin:Ausleitungsverfahren\"\idie Mondphasen wird er beim nüchternen Patienten am ersten bis fünften Tag nach Vollmond durchgeführt. In den Tagen danach ist eine spezielle Diät einzuhalten. Mit dem Aderlassblut kann eine Phänomenanalyse zur Hinweisdiagnostik erstellt werden.
Weiterhin gehören das blutige und unblutige Schröpfen (4.2.40), die Moxibustion (4.2.29) sowie Saunaanwendungen dazu. Ebenso wird regelmäßiges Fasten – nach genauen Angaben durchgeführt – zur Ausleitung und Regeneration eingesetzt.
Psychotherapie nach Hildegard
In ihrem Werk Liber viae meretorium führt Hildegard 35 „Tugenden und Laster“ auf, die für Gesundheit und Glück verantwortlich sind, eine ArtHildegardmedizin:Psychotherapie\"\i „Typenlehre“. Die meisten Menschen haben hiernach z. B. zuwenig Liebe, Barmherzigkeit, Hoffnung oder Tapferkeit. Aus dem Mangel an lebensbejahenden Gefühlen können seelische Krankheiten entstehen, die wiederum das Abwehrsystem schwächen und körperliche Beschwerden verursachen können. Es ist das Ziel, eigene Schwächen zu erkennen und das seelische Gleichgewicht zu stärken.

Homöopathie

Begründet wurde die Homöopathie von dem Arzt, Apotheker und Chemiker Samuel Hahnemann (1755–1843), der den damaligen Behandlungsmethoden – AderlassHomöopathie\"\i, Schröpfen, Verabreichung toxischer Substanzen – äußerst kritisch gegenüberstand. Er gab zunächst seine praktische Tätigkeit auf, da er – wie er einem Freund mitteilte – nicht länger nach dieser oder jener Krankheitshypothese Substanzen verabreichen wollte, die ihren Platz in der Materia medica (Arzneimittellehre) einer willkürlichen Entscheidung verdankten. Samuel Hahnemann hatte bereits 13 Jahre als Arzt, Pharmazeut, Chemiker und Übersetzer medizinischer Literatur gearbeitet, als er während der Übersetzung von Cullens Arzneimittellehre seinen legendären Versuch mit der Chinarinde durchführte. Hahnemann entwickelte als gesunder Mensch Fiebersymptome, wie er sie von Malariakranken kannte, die eben durch die Chinarinde geheilt wurden. Zahlreiche andere Selbstversuche an sich, seinen Familienmitgliedern und Freunden folgten, und sechs Jahre später formulierte er das Ähnlichkeitsgesetz „Similia similibus curentur“ (Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt). 1810 erschien sein Hauptwerk, das „Organon der rationellen Heilkunde“, inÄhnlichkeitsgesetz\"\i dem Hahnemann in 294 Paragrafen die Grundsätze und Gesetzmäßigkeiten der Homöopathie formulierte. Die letzte (6.) Auflage, das „Organon der Heilkunst“, in dem Hahnemann 1842 seine durch die praktische Tätigkeit veränderten Einsichten beschrieb, wurde erst 1921 veröffentlicht.
Konzept
Die klassische Homöopathie beruht auf drei Grundprinzipien: dem Ähnlichkeitsgesetz, der Arzneimittelprüfung und der Potenzierung.
Ähnlichkeitsgesetz und Arzneimittelprüfung
Entsprechend dem Ähnlichkeitsgesetz ist also nur derjenige Arzneistoff in der Lage, einen kranken Menschen zu heilen, dessen Arzneimittelbild dem Symptomenbild ähnlich ist, das ein erkrankter Mensch hervorbringt. Das Ähnlichkeitsgesetz ist untrennbar mit der Arzneimittelprüfung am gesunden Menschen verbunden, denn nur so kann Wissen über die Wirkung eines Arzneistoffes gewonnen werden. Am Beispiel der Küchenzwiebel (Allium cepa) lässt sich das Ähnlichkeitsgesetz nachvollziehen. So entstehen beim Gesunden durch das Schneiden der Küchenzwiebel folgende Symptome: starke Flüssigkeitsabsonderung aus Augen und Nase, Augenjucken oder brennen, Kitzeln der Nase, Niesreiz. Dementsprechend wird Allium cepa auch als Schnupfenmittel eingesetzt.
Die auf dem Ähnlichkeitsgesetz basierende Heilkunst nannte Hahnemann Homöopathie, als Allopathie bezeichnete er die Therapieverfahren, die entsprechend dem Gegensatzprinzip (contraria contraris), Symptome mit Gegenmitteln, d. h. Fieber mit fiebersenkenden Allopathie\"\iMitteln, rheumatische Beschwerden mit Antirheumatika behandeln.
Potenzierung
Neben dem Ähnlichkeitsgesetz und der Arzneimittelprüfung ist die Potenzierung die dritte Säule der Homöopathie. Hahnemann hatte beobachtet, Potenzierung, Homöopathie\"\idass sich bei den damals üblichen Arzneidosierungen die Symptome beträchtlich verschlimmerten oder sogar toxische Nebenwirkungen auftraten. Er begann die Arznei schrittweise zu verdünnen und verschüttelte sie auf jeder Verdünnungsstufe sehr stark. Diese dynamisierte oder „potenzierte“ Arznei hatte eine deutlich stärkere Wirkung. Gleichzeitig konnten durch den Prozess der Potenzierung evtl. Vergiftungserscheinungen verringert werden.
Die Potenzierung homöopathischer Arzneimittel erfolgt nach festgelegten Regeln, die durch folgende Nomenklatur gekennzeichnet wird: Der Buchstabe zeigt an, in welchem Verhältnis das Arzneimittel verdünnt wurde. So wird bei den D-Potenzen (Dezimalpotenzen) im Verhältnis 1 : 10, bei den C-Potenzen (Centesimal-Potenzen)D-Potenz, Homöopathie\"\i im Verhältnis 1 : 100, bei Dezimalpotenz\"\iden LM- bzw. Q-Potenzen (C-Potenz\"\iQuinquagiesmillesima-Centesimal-Potenz\"\iPotenzen) im Verhältnis 1 : 50.000 LM-Potenz\"\iverdünnt. Die Anzahl der Q-Potenz\"\iPotenzierungsschritte wird durch die hinter dem Buchstaben stehende Zahl angegeben. Qinquagiesmillesima-Potenz\"\iDementsprechend wurde bei einer C-30-Potenz 30-mal hintereinander im Verhältnis 1 : 100 verdünnt und genauso häufig verschüttelt. Die für die Verdünnung notwendigen Schüttelschläge sollten am besten auf dem Handballen oder auf ein ledergebundenes Buch erfolgen. Im Homöopathischen Arzneibuch (HAB 2.5.1 Arzneibücher) sind die Richtlinien zur Herstellung homöopathischer Arzneimittel genau festgelegt.
Gesundheit und Krankheit
Hahnemann führte den Begriff der Lebenskraft neu ein und definierte Gesundheit wie folgt: „Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, den materiellen Körper Lebenskraft:Homöopathie\"\ibelebende Lebenskraft unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, sodass unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu höheren Zwecke unseres Daseins bedienen kann.“
Somit wird jedes Organ und jede Zelle von der immateriellen, geistartigen Lebenskraft beeinflusst. Sie ist dem Organismus übergeordnet und steuert alle Lebensfunktionen. Sobald die Lebenskraft geschwächt oder z. B. durch Überbelastung, Stress, psychische Probleme ins Ungleichgewicht gebracht wird, ist der Organismus vor krankmachenden Einflüssen (z. B. Bakterien, Viren, Pilzen, Pollen) nicht mehr geschützt. Jeder Krankheit liegt nach Hahnemann eine Verstimmung der Lebenskraft zugrunde. Georgos Vithoulkas, an der weltweiten Verbreitung der klassischen Homöopathie maßgeblich beteiligt, sieht die Kreativität des Menschen als wesentliches Kriterium für Gesundheit. Er definiert Gesundheit als Freiheit von Schmerz, Leidenschaft und Selbstsucht und bezieht in seine Definition die körperliche, emotionale und geistige Ebene des Menschen ein.
Wirkungen
Nach dem Gesetz von Avogadro lassen sich bis zu einer Verdünnung von D 23 (Loschmidt-Zahl) noch Moleküle nachweisen. Somit sind in einer D 24 oder C 12 eines potenzierten Arzneimittels und insbesondere bei den als Konstitutionsmittel Loschmidt-Zahleingesetzten Potenzen (z. B. C 30 und C 200) keine Moleküle der Ausgangssubstanz mehr zu finden. Konstitutionelle Mittel wirken also nicht auf der stofflichen Ebene. Man geht davon aus, dass durch den Potenzierungsvorgang Informationen der Ausgangssubstanz auf die Trägersubstanz (Wasser, Alkohol, Milchzucker) übertragen werden. Durch die passende Information, die im richtig gewählten Arzneimittel enthalten ist, wird im Organismus des Patienten der Reiz zur Selbstheilung gesetzt.
Durchführung
Das Homöopathische Arzneibuch umfasst heutzutage über 2.000 pflanzliche, tierische und mineralische Substanzen, und es werden immer neue Stoffe (z. B. Schokolade, Diamant, Wasserstoff) geprüft. Wird das homöopathische Mittel aus Pflanzen (z. B. Bryonia – Wurzelstock der Zaunrübe, Pulsatilla – Blüten der Küchenschelle) oder Giftstoffen von Tieren (z. B. Lachesis – Gift der Buschmeisterschlange) gewonnen, wird eine Urtinktur hergestellt. Diese besteht zu gleichen Teilen aus der flüssigen Arzneisubstanz und hochprozentigem Alkohol.
Ist die Ausgangssubstanz nicht in Urtinktur\"\iAlkohol löslich (z. B. Metalle, Säuren) wird sie bis zu ihrer Löslichkeit mit Milchzucker verrieben. Ab der Potenz C 3 bzw. D 6 ist jeder Stoff in Alkohol löslich.
Einzelmittel
Die klassische Homöopathie verordnet Einzelmittel, die nach ausführlicher Einzelmittel\"\iAnamnese und Repertorisation ausgewählt werden. Die Fallaufnahme (Abb. 4.21), Homöopathie:klassische\"\idas Herzstück der Behandlung, erfordert vorurteilslose Aufmerksamkeit, innere Ruhe und eine gute Beobachtungsgabe. Nach dem freien Spontanbericht des Patienten werden die Symptome, d. h. die Hauptbeschwerden, Allgemeinsymptome (z. B. Ernährung, Temperaturempfinden, Reaktion auf Wettereinflüsse, Schlaf, Tageszeiten) sowie Geistes- und Gemütssymptome (z. B. Gedächtnis, Konzentration, Ängste, Charaktereigenschaften) weiter aufgenommen und in die Auswertung des Falls und die Hierarchisierung der Symptome einbezogen. Die für eine Arznei besonders auffälligen und wichtigen Angaben, die das Mittel charakterisieren, werden als Leitsymptome bezeichnet.
Zur Auswertung des Falls werden Repertorien benutzt, die es auch als PC-Programme gibt. Diese Nachschlagewerke enthalten die Symptome in logischer und alphabetischer Reihenfolge und führen zum entsprechenden Arzneimittel.
Die endgültige Auswahl des individuellen Heilmittels (Simile) erfolgt nach vergleichender Betrachtung des Arzneimittelbilds mit den Symptomen des Patienten. Im Idealfall passt das Mittel zum Menschen wie der Schlüssel zumSimile Schloss.
Komplexmittel
Die symptomatisch orientierte Homöopathie verordnet Komplexmittel, die nach organotropen Gesichtspunkten bzw. klinischen Indikationen Homöopathie:Komplexmittel\"\iausgewählt werden.
Komplexmittel enthalten Einzelsubstanzen in sehr unterschiedlichen Potenzen. Es wird angenommen, dass sich die verschiedenen Mittel in ihrer Wirkung verstärken und ergänzen.
Nosoden
Eingesetzt werden auch aus kranken Geweben und Körpersekreten homöopathisch aufbereitete Mittel, die als Nosoden bezeichnet werden. So wird z. B. Nosoden:Homöpathie\"\iPsorinum aus dem Inhalt eines Krätzebläschens hergestellt oder Tuberkulinum aus Auswurf aufbereitet, der Tuberkelbazillen enthält. Nosoden werden eingesetzt, um Therapieblockaden zu lösen, und erfordern genaue Kenntnisse der Miasmenlehre von Hahnemann und deren Weiterentwicklung. Mit Miasma (griech. Makel, Befleckung) bezeichnete Hahnemann drei Arten der Störung der Lebenskraft (Miasmenlehre\"\iPsora, Sykose und Syphilis). Ein Miasma kann erworben werden (z. B. allopathische Behandlung) oder anlagebedingt vorhanden sein.
Heilungsverlauf
Bei chronischen Erkrankungen werden entsprechend der von dem amerikanischen Homöopathen Constantin Hering aufgestellten Hering-Regel folgende Heilungsverläufe als günstig bewertet: Symptome bewegen sich von innen nach außen, also vom (lebenswichtigen) inneren Organ in Richtung HautHering-Regel\"\i sowie von oben nach unten (Kopf-Fuß). Bekommt z. B. ein Asthmatiker unter der homöopathischen Behandlung einen Hautausschlag, so mag das für den Patienten zunächst unangenehm sein, der Homöopath wird es als einen Schritt zur Heilung werten. Ebenso gilt es als positives Zeichen, wenn sich zuerst die aktuellen und danach die lang bestehenden Beschwerden bessern. Diese verschiedenen Heilungsverläufe zeigen an, dass die Lebenskraft nun wieder imstande ist, sich mit diesen Störungen auseinanderzusetzen.
Indikationen
Alle Erkrankungen, die der Selbstregulation des Organismus zugänglich sind, lassen sich mithilfe der Homöopathie behandeln. Besonders funktionelle, psychosomatische und chronische Erkrankungen, eine Domäne der klassischen Homöopathie, sind durch eine konstitutionelle Behandlung positiv zu beeinflussen.
Während einer konstitutionellen Behandlung sollten bestimmte Substanzen, die als Antidote die Wirkung des verabreichten Mittels aufheben können, gemieden werden. Dies betrifft: Kaffee, Tabak, Alkohol, Pfefferminze (z. B. Zahnpasta, Tee), ätherische Antidot\"\iÖle.

Hydrotherapie

Die heilende Kraft des Wassers war bereits in der Antike bekannt. Johann und Siegmund Hahn („Wasserhähne“) begannen im 18. Jahrhundert, die moderne Hydrotherapie\"\iWassertherapie wieder zu beleben. Vinzenz Prießnitz, auf den viele der heute gebräuchlichen Anwendungen zurückgehen, z. B. die kalten Ganz- und Teilwickel, entwickelte diese im 19. Jahrhundert weiter. Ebenfalls um diese Zeit entdeckte Johann Sebastian Kneipp die Heilkräfte des Wassers.
Konzept
Die Hydrotherapie umfasst ein variables, individuell abstimmbares Behandlungssystem mit über 100 Varianten. Folgende Anwendungen sind Bestandteil der Hydrotherapie: Waschungen, Abreibungen, Dampfanwendungen, Sauna, Wickel und Auflagen, Packungen, Güsse, medizinische Bäder (mit Zusätzen), Trockenbürsten, Teilbäder (z. B. Arm- oder Fußbad, Sitzbäder), Tautreten und Wassertreten. Abgestimmt auf die Konstitution, die Krankheitssymptome und das Befinden des Patienten wird die Wasseranwendung ausgewählt und die Dauer und Intensität der Maßnahme festgelegt. Dabei reicht das Angebot von kleinsten Reizen, z. B. Abwaschungen, bis hin zu stärksten Reizen, wie z. B. Blitzgüsse oder Ganzkörperwickel.
Wirkungen
In der Hydrotherapie nutzt man die hohe Wärmekapazität und die gute Wärmeleitfähigkeit des Wassers zur Erzeugung von Temperaturreizen: Wasser ist in der Lage, den behandelten Körperstellen in kurzer Zeit wirksame Wärmemengen zuzuführen (Wärmebehandlung) oder Wärme abzuleiten (Kältebehandlung).
Hydrotherapeutische Reize bleiben nicht auf den Ort der Behandlung beschränkt, sondern bewirken eine Reizantwort des gesamten Organismus. Sie beeinflussen das Kreislauf- und Nervensystem, den Stoffwechsel sowie das Immunsystem. Hydrotherapeutische Reize haben folgendes Wirkungsspektrum:
  • Beeinflussung der Durchblutung: Heiße Anwendungen führen dem Körper passiv Wärme zu. Sie wirken beruhigend, entkrampfend und durchblutungsfördernd.

  • Bei kalten Anwendungen kommt es zunächst zur Gefäßverengung und anschließend zu einer Weitstellung der Gefäße, die eine Förderung der Durchblutung bewirkt. Dadurch werden die Ver- und Entsorgung des Gewebes, die Lymphzirkulation sowie die Ausscheidungsfunktion der Haut verbessert.

  • Reflektorische Beeinflussung innerer Organe: Die über die Haut aufgenommenen Temperaturreize beeinflussen über kutiviszerale Reflexbögen die Funktion innerer Organe. Dadurch kann z. B. die Atemtätigkeit gesteigert werden (Kaltreize). Hydrotherapeutische Reize wirken über die Bahnung vegetativer Reflexe auch harmonisierend auf das Nervensystem.

  • Förderung der Ausleitung: Ein Temperaturreiz fördert die Durchblutung im betroffenen Gebiet und begünstigt so die vermehrte Ausscheidung von Toxinen. Toxinbindende Zusätze, die dem Umschlag beigegeben werden, z. B. Quark oder Kohl, können diesen Effekt noch steigern.

Durchführung
Für die Hydrotherapie gelten folgende Grundregeln:
  • Reizstärke und -intensität: Bei der Auswahl der Reizstärke gilt das Arndt-Schulz-Gesetz (4.1.3): Demzufolge fachen kleine Reize die Lebenstätigkeit an, mittelstarke Reize fördern sie, starke hemmen sie und stärkste heben sie auf. Der gewählte Reiz muss an die Erkrankung und an die Konstitution des Patienten angepasst sein. Es muss eine Wahl getroffen werden zwischen milden Reizen (z. B. Waschungen, Trockenbürstungen, Unterarm- und Fußbäder, Kniegüsse), mittelstarken (z. B. Halbbäder, Sitzbäder, Sauna) und starken Reizen (z. B. Überwärmungsbäder, Voll-Blitzgüsse).

  • Temperatur: Für die Wassertemperatur gilt: kalt (bis 18 °C), warm (36–38 °C), heiß (39–41 °C). Bei asthenischen Menschen (4.1.1) sind warme Anwendungen, bei Plethorikern (4.2.2) kalte Anwendungen in der Regel zu bevorzugen. Bei Entzündungen und akuten Erkrankungen sind eher Kaltreize indiziert, bei chronischen Erkrankungen sind dagegen Warmreize günstiger. Kalte Anwendungen werden grundsätzlich nur auf warmer Haut vorgenommen! Leidet der Patient unter kalten Füßen oder ist der Körper nicht ausreichend warm, muss zunächst für eine Erwärmung gesorgt werden, z. B. durch aktive Bewegung oder warmes Wasser.

Nach jeder Anwendung sollte für ausreichend Ruhe und eine Wiedererwärmung des Körpers gesorgt werden. Fühlt sich der Patient nach der Behandlung wohl, ist dies ein sicherer Hinweis dafür, dass die passende Anwendung ausgewählt wurde.
Indikationen
Die Hydrotherapie als überwiegend unspezifische Reiz- und Regulationstherapie wird zur Prävention sowie zur Rehabilitation eingesetzt. Ebenso eignet sie sich zur allgemeinen Anregung des Stoffwechsels, zur Steigerung der Immunabwehr (bei chronischen Atemwegs- und Harnwegsinfekten) sowie zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und rheumatischen Erkrankungen. Viele Anwendungen, wie z. B. Wechselduschen oder ansteigende Fußbäder, können sehr gut zu Hause durchgeführt werden.

Kraniosakrale Osteopathie

Die von William Garner Sutherland (1873–1954) begründete kraniosakrale Osteopathie hat das Ziel, die freie Bewegung des kraniosakralen Rhythmus, kraniosakrale Osteopathie\"\ider direkt (z. B. durch Traumen, Entzündungsprozesse und andere Krankheiten) oder indirekt (z. B. emotionale oder psychische Faktoren) gestört werden kann, wieder herzustellen.
Konzept und Wirkungen
William Garner Sutherland, Journalist und Student an der American School of Osteopathy, bemerkte eines Tages, dass der Schädel in der Schläfenregion abgeschrägt war und damit, in Erinnerung an die abgeschrägten Kiemen eines Fischs, auf eine Gelenkbeweglichkeit hinwies, die dem Atemmechanismus vorausgesetzt ist.
Die nächsten 20 Jahre beschäftigte er sich mit dem Studium der Schädelknochen und prägte für verschiedene regulatorische Vorgänge den Begriff primärer respiratorischer Komplex (PRM), der auch als kraniosakraler Komplex (lat. cranium = Schädel; sacrum = Kreuzbein) bezeichnet wird. Dieser Komplex umfasst primärer respiratorischer Komplex (PRM)\"\inach Sutherland verschiedene physiologische Vorgänge, so z. B. die spontane Bewegung des zentralen Nervensystems, die Fluktuation des Liquors, die geringfügige Bewegung der Schädelknochen und die unwillkürliche Bewegung des Kreuzbeins zwischen den Darmbeinknochen. Er beeinflusst über das ZNS den ganzen Körper, alle Organe sowie die hormonelle Regulation.
Sutherland ging davon aus, dass während des normalen zweiphasigen Atemzyklus eine Bewegung aller Teile ausgelöst wird. Diese Bewegung ist an einer minimalen Erweiterung und nachfolgenden Verkleinerung der Schädelkalotte zu spüren. In Abhängigkeit zum kranialen rhythmischen Impuls – die normale Frequenz beträgt 6–12 Zyklen pro Minute – verändert sich auch der Fluss der zerebrospinalen Flüssigkeit.
Durchführung
Insbesondere an Kopf und Kreuzbein (Sakrum) kann der feine kraniosakrale Rhythmus (Abb. 4.22) gespürt werden. Der Therapeut folgt diesem Rhythmus, geht gleichsam „mitsinnig“ diesen Mustern nach und setzt keine „gegensinnigen“ Impulse, die darauf abzielen würden, das Bewegungsmuster zu verändern.
Der Therapeut ertastet an den Schädelknochen den individuellen Rhythmus des Patienten. Durch spezielle, sehr sanfte Drucktechniken wird dieser Rhythmus unterstützt und in seinem Fluss vollendet. Es wird also mit dem vorhandenen Muster gearbeitet, dieses wird verstärkt und in seiner Entfaltung unterstützt.
Somit werden auf sanfte Art Blockierungen gelöst und die natürliche Fähigkeit zur Selbstheilung verbessert.
Indikationen
Häufigste Anwendungsgebiete sind Traumen (z. B. Schädel-Hirn-Trauma), degenerative Beschwerden im Bereich von Schädel, Wirbelsäule und Steißbein. Auch Migräne, Schwindel, Tinnitus, Erkrankungen im HNO-Bereich sowie eine Vielzahl psychovegetativer Störungen lassen sich durch die kraniosakrale Osteopathie positiv beeinflussen.

Lasertherapie

Das Wort Laser, die Abkürzung für Light Amplication by Stimulated Emission of Radiation, die „Lichtverstärkung durch stimulierte Emission“ Lasertherapie\"\ibezeichnet eine physikalische Methode zur Erzeugung von gebündelter monochromatischer Lichtstrahlung.
Konzept und Wirkungen
Der Amerikaner Maiman entwickelte 1960 den ersten Laser, zunächst für wissenschaftliche und militärische Zwecke. Nachdem Forscher in den 1970er-Jahren festgestellt hatten, dass bereits geringe Lichtmengen eine Heilwirkung entfalten, wurde der Laser auch in der Medizin eingesetzt.
Der in der Chirurgie eingesetzte Laser konzentriert eine starke elektromagnetische Energie auf kleinstem Raum, erzeugt also Wärme und erzielt einen Schneideeffekt. So können z. B. gut- und bösartige Tumoren, Steine in Blase oder Gallenblase entfernt oder zerstört oder die Netzhaut fest geschweißt werden. Die ästhetische Laser-Chirurgie behandelt mit Erfolg Narben, Tätowierungen und rote Äderchen.
Durchführung
Der in der Naturheilkunde eingesetzte energiearme Softlaser befindet sich mit einer Leistung von 2–150 Milliwatt (mW) deutlich unter den in der Chirurgie angewendeten Lasergeräten, die im Wattbereich liegen. Dabei werden die Laserstrahlen im Bereich von 50–150 mW v. a. zur Wundheilung, bei Arthrosen oder zur Behandlung des Tennisarms eingesetzt. Verwendet werden in der Regel kleine Handgeräte oder Pens. Die Laserstrahlen des Softlasers, die in tiefere Gewebeschichten eindringen, ohne das Gewebe zu zerstören, wirken als Reiz auf die Zellen ohne spürbare Wärme. Es wird davon ausgegangen, dass der Laser die elektrische Leitfähigkeit der Haut verändert und über den Laserstrahl Schwingungsinformationen an die einzelne Zelle abgegeben werden. Damit soll der Zellstoffwechsel positiv beeinflusst werden. Zudem werden u. a. virus- und entzündungshemmende, immunstärkende und schmerzlindernde Eigenschaften geltend gemacht.
Indikationen
Eine Behandlung mit Softlaser (Abb. 4.23) eignet sich zur Durchführung einer schmerzfreien Reiztherapie. So können Schädigungen der Haut wie z. B. Aknenarben, Mutter- und Feuermale, Geschwüre oder Herpes simplex und Herpes zoster direkt behandelt werden. Ebenso können mithilfe der Laserakupunktur funktionelle Schmerzzustände positiv beeinflusst werden. Da die Behandlung im Vergleich zur Nadel-Akupunktur völlig schmerzlos sowie von kurzer Dauer ist und kein Infektionsrisiko birgt, lässt sich der Softlaser als Alternative zur Nadel besonders bei Kindern und sensiblen Patienten nutzen.
Laser dürfen nicht direkt auf die endokrinen Drüsen gerichtet und auch nicht bei Patienten mit Herzschrittmachern eingesetzt werden. Patient und Behandler müssen entsprechend der Vorschrift Schutzbrillen tragen, da bei Bestrahlung der Augen Netzhautschädigungen drohen.

Manuelle Therapie

Unter dem Begriff manuelle Therapie (Synonym: Manuelle Medizin, Chirotherapie) Manuelle Therapie\"\iwerden alle Verfahren Therapie:manuelle\"\iaufgeführt, die dem Auffinden und Behandeln von Medizin:manuelleFunktionsstörungen am Haltungs- und Bewegungsapparat – und hier besonders an der ChirotherapieWirbelsäule und an den Extremitätengelenken – dienen. Manuelle Therapien werden, wie der Name bereits sagt, mit den Händen, also ohne technische Geräte, ausgeführt und sowohl von Ärzten, Heilpraktikern, Physiotherapeuten und Masseuren angewendet.
Bereits um 3000 v. Chr. – so geht es aus ägyptischen Überlieferungen hervor – wurden an der Wirbelsäule unter vertikalem Zug Handgriffe vorgenommen. Ähnliche Beschreibungen sind auch aus Ostindien bekannt. Auch Hippokrates nutzte manualtherapeutische Techniken, v. a. Zug- und Hebeltechniken, um Wirbelsäulenverkrümmungen zu behandeln. Im Mittelalter liefen auf Jahrmärkten Tanzbären über die Rücken von Schmerzgeplagten, um die Wirbelkörper (hoffentlich) wieder einzurenken. In der Volksheilkunde gaben „Gliedersetzer“ und „Ziehleut“ ihr Wissen über Generationen weiter.
Im 19. Jahrhundert entwickelten sich in den USA innerhalb der manuellen Medizin zwei unterschiedliche Ansätze, die Osteopathie (4.2.34) und Chiropraktik (4.2.15).

Mikrobiologische Therapie

Die mikrobiologische Therapie umfasst die orale oder parenterale Gabe von Mikroorganismen, deren mikrobiologische Therapie\"\iBestandteilen oder Stoffwechselprodukten zu therapeutischen Zwecken.
Konzept und Wirkungen
Auf der Haut und auf den Schleimhäuten in Nase, Mund, Hals, Dünn- und Dickdarm siedeln Milliarden physiologische Mikroorganismen, eine weitaus größere Anzahl als der Mensch Zellen hat. Allein im Darm, dem Organ mit der größten Oberfläche (300 m2), nisten an der inneren Darmschleimhaut 500–600 verschiedene Arten von Bakterien und Keimen und bilden die sog. Darmflora (13.2.14). Sie leben mit dem Organismus in Symbiose und gewährleisten den physiologischen Ablauf der vielfältigen Stoffwechselvorgänge sowie einDarmflora\"\i intaktes Immunsystem. Wird diese Symbiose langfristig gestört, entwickelt sich eine sog. Dysbiose.
Störungen der Darmflora
Es gibt viele Faktoren, die die Darmflora schädigen können:
  • Infektionen des Darmtrakts: z. B. Pilze, Streptokokken, Staphylokokken,Darmflora:Störungen Würmer, Typhus, Paratyphus, Amöben führen zu massiven Beeinträchtigungen der physiologischen Darmflora.

  • Ernährung: Eine eiweiß- und fettreiche Ernährung fördert das Wachstum von Fäulnisbakterien und behindert die nützlichen Milchsäurebakterien. Durch Gärung werden Toxine gebildet, die die Darmwand durchdringen und in den Organismus aufgenommen werden. Aus Sicht der Naturheilkunde ist dies der Ursprung zahlreicher chronischer Erkrankungen. Zuckerhaltige Nahrungsmittel bieten (pathologischen) Hefepilzen lebenswichtige Nährstoffe.

  • Medikamente:Medikamente Antibiotika, Glukokortikoide, die „Pille“ und andere Medikamente schädigen die Darmflora, indem sie die physiologisch vorhandenen Mikroorganismen vernichten und es somit fremden Keimen und Pilzen ermöglichen, sich ungehemmt in den Nischen zu vermehren.

  • Umweltschadstoffe: Beispielsweise wirken Blei und Kadmium wachstumshemmend auf die bakterielle Besiedelung des Darms.

  • Funktionelle Störungen des Verdauungstrakts: Durch einen Mangel an Magensäure, Galle- oder Pankreasenzymen wird das Nährstoffangebot für die Mikroorganismen verändert. Bestimmte Keimgruppen werden begünstigt, während andere geschädigt werden.

  • Abwehrschwäche: Durch Abwehrschwächen werden weniger Abwehrstoffe auf die Schleimhaut abgegeben und somit die intakte Zusammensetzung der Mikroflora gestört.

Dysbiose
Eine Dysbiose liegt vor, wenn das Mengenverhältnis zwischen den unterschiedlichen Arten der Mikroorganismen, die den Darm besiedeln, gestört ist, die nützlichen Dysbiose\"\iDarmkeime geschädigt sind und sich weniger nützliche Keime unverhältnismäßig ausbreiten können.
Folgende Symptome können auf eine Dysbiose hinweisen: Blähungen, Durchfall, Verstopfung, ausgeprägte Magen-Darm-Störungen, Völlegefühl, Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Die Folgen einer Dysbiose bleiben jedoch nicht nur auf den Verdauungstrakt beschränkt. Da die Fremdkeime toxische Stoffwechselprodukte ausscheiden können, kann die Entwicklung anderer systemischer Erkrankungen begünstigt werden, wie auch das Immunsystem durch pathogene Keime beeinträchtigt werden kann, da es alle Reserven aufbieten muss, um die Erreger abzuwehren.
Eine Dysbiose kann mithilfe einer Stuhluntersuchung diagnostiziert und durch mikrobiologische Präparate behandelt werden.
Durchführung
Ziel der mikrobiologischen Therapie ist die Wiederherstellung des mikroökologischen Gleichgewichts im Darm sowie die Modulation des körpereigenen Abwehrsystems über das Mukosa-Immunsystem in der Darmschleimhaut. Die Basis stellen medizinische Probiotika aus E. coli und Enterokokken dar. Verschiedene Präparate enthalten diese Bakterien in abgetöteter und lebender Form. Die eingesetzten Präparate Probiotika\""\unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Wirkmechanismen, mikrobiologischen Inhaltsstoffe und pharmazeutischen Galenik:
  • Präparate mit Stoffwechselprodukten von Bakterien, Zellbestandteilen zur Immunmodulation: z. B. Pro-Symbioflor®, Colibiogen® oral, Symbioflor®

  • Präparate mit vermehrungsfähigen physiologischen Keimen zur Immunmodulation und Wiederherstellung einer normalen Flora: z. B. Paidoflor®, Mutaflor®-Suspension und Mutaflor® und Mutaflor® mite, Omniflora®

  • Präparate mit lebensfähigen Keimen, die nicht zur physiologischen Flora gehören, aber apathogen sind und aufgrund ihrer Eigenschaften (z. B. Toxinbindung) therapeutisch eingesetzt werden können: z. B. Yomogi®, Perenterol®, Bactisubtil® Complex

  • Abgetötete, nichtpathogene Keime: z. B. Lacteol®

  • Abgetötete, lysierte oder attenuierte Infektionskeime, sog. Vakzine-Präparate, z. B. Uro-Vaxom® (verschreibungspflichtig)

  • Mischung zwischen abgetöteten und lebensfähigen Keimen: z. B. Symbioflor® 1 und 2

Die Durchführung einer mikrobiologischen Therapie ist je nach Präparat und Hersteller unterschiedlich.
Indikationen
Hauptanwendungsgebiete für eine mikrobiologische Therapie sind:
  • rezidivierende Infekte bei Kindern und Erwachsenen

  • chronische Infektionen, besonders des Respirations- und des Urogenitaltrakts

  • Hautleiden, z. B. Ekzeme, Neurodermitis, Akne

  • Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten

  • Mykosen

  • infektiöse und nichtinfektiöse Magen-Darm-Störungen

  • Zahnfleischentzündungen, Parodontopathien

  • vorangegangene Behandlung mit Antibiotika, Glukokortikoiden, Immunsuppressiva, Chemotherapie oder Strahlentherapie

Mayr-Kur

Die F. X. Mayr-Kur ist eine intensivdiätetische Maßnahme und gehört zu den traditionsreichen europäischen Naturheilverfahren.
Konzept
„Die Verdauungsorgane Mayr-Kur\""\des Menschen sind wie das Wurzelwerk der Pflanze“ postulierte der österreichische Arzt Franz Xaver Mayr (1876–1965). Wie die Feinwurzeln der Pflanzen die Nährstoffe aus dem Erdreich aufnehmen und den Zweigen und Blättern zur Verfügung stellen, so wurzeln auch die Darmzotten im Speisebrei und übergeben die Nahrungsbestandteile dem Blut. Mayr war der Ansicht, dass die meisten Menschen an Verdauungsstörungen leiden, aber auch an unerkannten Verdauungsproblemen, da das Verdauungssystem der meisten Menschen nicht mehr voll leistungsfähig ist. Chronische Müdigkeit, Nervosität, vorzeitiges Altern, Kopfschmerzen sind die Folge. Ebenso können z. B. rheumatische Erkrankungen, Gallen- und Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, arteriosklerotische Prozesse sowie Erkrankungen des Bewegungsapparats verursacht werden.
Das dreistufige, aufeinander aufbauende Behandlungskonzept umfasst Fasten, die „Milch-Semmel-Diät“ und daran anschließend die „milde Ableitungsdiät“.
  • Heil- oder Teefasten: Basische Kräutertees, ergänzend basische Mineralwässer oder Basenbrühe, werden für 7–Heilfasten\""\21 Tage zugeführt.

  • Milch-Semmel-Diät: Kleine Teefasten\""\Bissen eines 3–4 Tage alten, luftgetrockneten Brötchens werden zum Frühstück und Mittagessen mindestens 40-mal gekaut und gut Milch-Semmel-Diät\""\eingespeichelt, bis die Semmelstückchen einen süßlichen Brei ergeben. Nun wird ein kleines Löffelchen Milch – heutzutage wird anstelle von Kuhmilch (oft Unverträglichkeit) auch Ziegenmilch, Gemüsebrühe oder Kräutertee verwendet – bei nahezu geschlossenen Lippen in die Mundhöhle eingesogen und mitgekaut. Erst nach weiterem, intensiven Kauen wird der Brei hinuntergeschluckt. Abends gibt es nur Tee.

  • Milde Ableitungsdiät: Natürliche und basenreiche Nahrungsmittel, wie z. B. Gemüse, Kartoffeln, Salate, Quark gehören für einen Zeitraum von 3–4 Wochen auf Ableitungsdiät, milde\""\den Speiseplan. Vollwertkost, besonders Rohkost, sollte gemieden werden, da sie zu starke Gärungsprozesse verursachen kann.

Wirkungen
Nach Mayr sind die Kursemmeln Kau- und Einspeichelungstrainer, die Milch ist Entgiftungsmittel und Vitalstoffträger. Durch die Kombination von Milch mit Brot wird verhindert, dass die Milch im Magen zu einem groben Gerinnsel wird. Zudem bietet der Speisebrei eine bessere Angriffsfläche für Enzyme, er umspült die verkrusteten Dünndarmzotten und kann die Verkrustungen langsam aufbrechen, sodass die Zottenpumpe wieder frei arbeiten kann. Da in dieser Phase auch Verkrustungsrückstände mit in den Organismus gebracht werden, kann der Patient je nach Verschlackungsgrad mit Fieber reagieren. In diesem Fall sollte der Patient den Fieberschub abwarten und danach noch 3–4 Tage „weitermayrn“.
Durchführung: Im Mittelpunkt der Diagnostik und Therapie nach Mayr stehen die Funktion und Optimierung der Darmverhältnisse. Wesentlich für das diagnostische Vorgehen nach Mayr ist das Erkennen des Gesundheitszustands an typischen Körperhaltungen und am Zustand der Haut.
Diagnostik
Bereits am Zustand der Haut und an der Haltung lässt sich erkennen, inwiefern die Verdauungsprozesse gestört sind. So wies Mayr nach, dass ein Zuviel an falscher Kost z. B. zu Falten, Hängewangen, Doppelkinn, Hängebrust und Hängebauch führen kann. Um geschädigte Verdauungsorgane zu schützen, werden nach Mayr verschiedene Haltungen – Entenhaltung, Sämannhaltung, lässige Haltung, Habachthaltung, Anlaufhaltung, Großtrommelträgerhaltung (Abb. 4.24) – eingenommen. Weiterhin teilte er die Güte der Haut in Quellstadien und Hautschwundgrade ein. So kann an einem „wohlen“ und rundlichen Gesicht ein erstes Zeichen der Verschlackung gesehen werden. „Wir haben im Gesicht einen Spiegel, der die Reinheit des Blutes und die Güte der Funktion des Verdauungsapparates wiedergibt. Außerdem soll die gesunde Haut samtartig, zart, glatt, glänzend, stets wie frisch gewaschen sein.“
Mayr-Kur
Eine Mayr-Kur wird normalerweise für 10–20 Tage durchgeführt, sie kann jedoch variiert werden. Es ist sinnvoll, die Kur während des Urlaubs oder in einem Mayr-Mayr-Kur\""\Sanatorium durchzuführen. Zur Unterstützung wird die Mayr-Darmmassage angewendet. Durch sanfte, drückende und wieder nachlassende Handbewegungen werden erschlaffte Darmabschnitte tonisiert und die Sekretion der Mayr-Darmmassage\"\iVerdauungssäfte optimiert.
Indikationen und Kontraindikationen
Die Indikationen sind vielfältig und beschränken sich nicht allein auf Erkrankungen des Verdauungssystems, sondern werden auch im Sinne der Umstimmungstherapien angewendet.
Kontraindikationen sind Depressionen, psychotische Störungen, Essstörungen, Thyreotoxikose, Multiple Sklerose, zehrende Tumorerkrankungen und Diabetes mellitus (bedingt).

Moxibustion

Die Moxibustion (jap. mogusa bzw. chin. kao = Brennkranz), eine aus den kälteren, im Norden gelegenen Bergregionen Chinas Moxibustion\"\istammende Therapie, dient der Behandlung von energetischen Leere- und Kälte-Zuständen, indem Akupunkturpunkte mit glimmendem Beifußkraut (Artemisia vulgaris) erwärmt werden. Das Beifußkraut brennt langsam und gleichmäßig und erzeugt eine milde und zugleich tief eindringende Wärme.
Konzept und Durchführung
Beifußkraut wird in Form von Zigarren, Kegeln, Hütchen oder als offenes Kraut angeboten. In China wird v. a. die direkte Moxibustion angewendet, d. h. die Moxakegel werden direkt auf die Akupunkturpunkte aufgesetzt und abgebrannt. Die Gefahr der Blasen- und Narbenbildung ist jedoch Moxibustion:direkte\"\irelativ groß. Aus diesem Grund wird die indirekte Form der Moxibustion (s. unten) bevorzugt.
Wirkungen
Die von außen zugeführte Wärme vertreibt nach Vorstellungen der TCM (4.2.48) Nässe und Kälte. Die Moxibustion fördert auch den Blut- und Qi-Fluss. Mithilfe der Moxibustion kann ebenfalls das schwindende Yang gestärkt werden. Ein starkes Yang kräftigt die Abwehrenergie (wei qi) und verhindert, dass pathogene Störfaktoren (z. B. Kälte, Nässe, Wind) von außen eindringen können.
Nach westlicher Vorstellung verbessert die Moxibustion die Gewebedurchblutung, sie regt über die Head-Zonen (3.7.7) die Organfunktionen an, stärkt die Immunabwehr und wirkt vegetativ ausgleichend.
Durchführung
Folgende Anwendungsmöglichkeiten der indirekten Moxibustion kommen zur Anwendung:
  • Moxazigarre: Die glühende Zigarre wird etwa 1–2 cm über der Haut gehalten. Je nach Reaktion des Patienten kann Moxibustion:indirekte\"\iman den Abstand verringern oder vergrößern. In der Regel werden die Punkte so lange behandelt, bis eine Rötung der Haut auftritt oder der Patient intensive Wärme empfindet. Verbrennungen sind unbedingt zu vermeiden.

  • Moxanadel: Kleine Moxarollen werden oben auf dem Griff einer stählernen Akupunkturnadel befestigt und abgebrannt (Abb. 4.25). Die Wärme wird über die Nadel in das Innere des Körpers geleitet.

  • Moxakegel mit „Zwischenlage“: Bei der indirekten Moxibustion wird z. B. Salz, Knoblauch oder Ingwer auf die Haut unter den Moxa-Kegel gelegt. Dadurch wird eine Blasenbildung vermieden sowie die spezifische Wirkung der Substanz genutzt. So wirkt z. B. Ingwer stark wärmend.

  • Moxakasten: In einem Holz- oder Metallkästchen mit siebartigem Boden wird in einem Abstand von ca. 5 cm über der Haut Moxakraut abgebrannt. Diese Methode eignet sich besonders für eine großflächige Wärmebehandlung im Bauch- oder Lendenbereich.

Sobald der Patient ein Hitzegefühl wahrnimmt, wird das Moxa entfernt.
Indikationen und Kontraindikationen
Durch das Erwärmen der Akupunkturpunkte wird dem Körper Energie in Form von Wärme zugeführt. Moxibustion soll also bei Leere und Schwäche der Yang-Energie eingesetzt werden, d. h. bei Erkrankungen, die mit Kältegefühl und einem langsamen, schwachen Puls einhergehen. Ebenso werden durch Kälte verursachte Krankheiten der Yin-Meridiane sowie chronische Erkrankungen wie z. B. Durchfall, Asthma oder Ödeme, die mit einem Yang-Mangel einhergehen, durch die Brenntherapie positiv beeinflusst. Auch Zustände, die durch einen Yin-Überschuss und gleichzeitigen Mangel an Yang gekennzeichnet sind, wie z. B. Schwächezustände, depressive Verstimmungen, Erschöpfungszustände, Hypotonie und Durchblutungsstörungen, sprechen gut auf eine Moxa-Behandlung an.

Achtung

Moxibustion ist kontraindiziert bei Fieber, Infektionskrankheiten und akuten Entzündungen.

Neuraltherapie

Durch die erfolgreiche Behandlung mit Novocain, einem Lokalanästhetikum, legte Ferdinand Huneke 1925 den Grundstein zur Entwicklung der Neuraltherapie. Er befreite Neuraltherapie\"\iseine Schwester von ihrer schweren, seit Jahren bestehenden Migräne. Ferdinand Huneke und sein Bruder Walter Huneke führten weitere Versuche durch und injizierten Novocain zunächst intravenös, später paravenös an Venengeflechte.
Da auch die paravenöse Gabe denselben Effekt hatte, vermutete Huneke, dass die Wirkung nicht über den Blutweg, sondern über das vegetative Nervensystem zustande gekommen war. In ein Schmerzgebiet vorgenommene Injektionen, die andere Erkrankungen besserten, bestätigten diese Vermutung. Das so ausgelöste Sekundenphänomen, d. h. die augenblickliche Beseitigung von Schmerzzuständen, begründete die Störfelddiagnostik und therapie.
Konzept
Die Sekundenphänomen\"\iNeuraltherapie geht davon aus, dass chronische Beschwerden durch fernliegende Störfelder Störfelddiagnostik\"\iverursacht und in Gang gehalten werden. Dabei kann jede Stelle und jedes Organ im Organismus, das pathologisch verändert ist oder war, zum Störfeld werden. Häufige Störfelder finden sich im Zahn-Kieferbereich, an den Tonsillen oder in Narbengebieten (Abb. 4.26).
Wirkungen
Als Lokalanästhetika werden in der Heilpraktikerpraxis aufgrund der Verschreibungspflicht höherer Konzentrationen nur 1-prozentiges oder 2-prozentiges Procain oder Lidocain zur intrakutanen Injektion (Quaddelung) eingesetzt. Unabhängig von der pharmakologischen Wirkung des Lokalanästhetikums werden durch die Neuraltherapie auch lokale und übergeordnete Regelkreise angesprochen. So werden durch die Head-Zonen der Haut (3.7.7) und ihre Beziehung zu den Rückenmarksegmenten das vegetative und willkürliche Nervensystem sowie über die kutiviszeralen Reflexbögen innerer Organe die zugehörigen Segmentzonen beeinflusst und umgekehrt.
Da durch ein Störfeld eine Dauerstresssitution entsteht, die die Regelkreise fortwährend belastet, ist die vegetative, motorische und sensible Reizleitung gestört. Die bestehende lokale „Regulationsstarre“ wird mithilfe der Lokalanästhetika durchbrochen. Somit erhält der die Krankheit unterhaltende Focus (Herd) wieder Anschluss an das gesamtkörperliche Geschehen.
Über die Schmerzausschaltung hinaus wirkt die Neuraltherapie u. a. kapillarabdichtend, gefäßerweiternd, krampflösend und antientzündlich.
Durchführung
Es können unterschiedliche Anwendungsformen der Neuraltherapie unterschieden werden (Abb. 4.27):
  • Lokaltherapie: Direkte Injektion in gestörte Gewebestrukturen, wie z. B. Muskelansätze, Gelosen, Wundränder, Triggerpunkte. Bessern sich die Beschwerden nicht, kann segmenttherapeutisch gearbeitet werden.

  • Segmenttherapie: Behandlung der Zonen, die dem gestörten Gewebe des entsprechenden spinalen Segments zugeordnet sind. Vorrangig werden in die Head-Zonen (3.7.7), aber Segmenttherapie\"\iauch an die kleinen Wirbelgelenke, Quaddeln gesetzt (6.4.1). Verschlechtern sich die Beschwerden, kann ein Störfeldgeschehen vorliegen.

  • Ganglien oder Nervenstammanästhesie: Linderung von Schmerzzuständen im Versorgungsbereich der Nerven

  • Störfeldsuche und -behandlung: Ein Störfeld kann auch außerhalb der segmentalen Zuordnung liegen. Die therapeutischen Injektionen sollten möglichst direkt in das Irritationszentrum erfolgen. Störfeldtherapie\"\iDabei sollte ein sog. Sekundenphänomen, das auch als Huneke-Pänomen bezeichnet wird, ausgelöst werden, eine unmittelbare und mindestens 16 Stunden anhaltende Heilung der Beschwerden. Mögliche Störfelder sollen früher zu 50 % Huneke-Pänomen\"\iim Kopfbereich lokalisiert gewesen sein, heutzutage stehen Abdominalbelastungen im Darmbereich im Vordergrund.

Achtung

Aufgrund der potenziellen Gefahr einer anaphylaktischen Reaktion (22.6.2) auf das Lokalanästhetikum muss der Behandler eine Probeinjektion zur Allergietestung (22.6.2) vornehmen und die entsprechenden notfalltherapeutischen Maßnahmen sicher beherrschen.

Indikationen
Die Neuraltherapie wird besonders zur Behandlung von Herd- und Schmerzgeschehen orthopädischer und rheumatischer Genese, bei Neuralgien, Allergien sowie allen Formen des Kopfschmerzes und Durchblutungsstörungen eingesetzt. Als weitere Indikationen können genannt werden:
  • akute Beschwerden wie z. B. Ischialgien, Kniebeschwerden, Gallenkoliken, Apoplex, Herpes zoster, Trigeminusneuralgie

  • chronische Beschwerden wie z. B. Asthma bronchiale, Rheuma, Migräne, Menstruationsbeschwerden

  • Diagnostik funktioneller Beschwerden und differenzialdiagnostische Abklärung einer Schmerzursache

  • Rehabilitation bei Schwächezuständen und Restbeschwerden nach Infektionen, Traumen oder OP

Kontraindikationen
Bei Allergien (besonders gegen das Lokalanästhetikum), Gerinnungsstörungen, schweren Infektionskrankheiten und immunologischen Erkrankungen darf keine Neuraltherapie vorgenommen werden.

Ohrakupunktur

Die Ohrakupunktur gilt als sog. Reflexzonentherapie, die durch Stimulierung sensibler Punkte gezielt andere Körperregionen beeinflusst. Ohrakupunktur\"\Bereits 2000 Jahre alte chinesische Schriftstücke beschreiben einen reflektorischen Zusammenhang zwischen der Ohrmuschel und einzelnen Körperregionen. Im alten Ägypten wurden zur Empfängnisverhütung bestimmte Punkte im Ohr gestochen. Auch zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert gab es immer wieder Berichte über Heilungen, die durch eine Behandlung über das Ohr erzielt wurden.
Konzept
Die Ohrakupunktur lässt sich als sog. Reflexzonentherapie (4.2.37) der klassischen Akupunktur (4.2.3) nicht so ohne weiteres zuordnen. Der französische Arzt Paul Nogier hat die auch als „Auricolo-Reflexzonentherapie:OhrakupunkturTherapie“ bezeichnete diagnostische und therapeutische Methode entwickelt und 1956 auf einem Akupunktur-Kongress erstmals vorgestellt. Er berichtete, 1951 Auricolo-Therapie\"\ihabe er in seiner Lyoner Praxis Patienten mit seltsamen Narben im Ohr behandelt. Sie gaben an, dass diese Narben auf Brandwunden zurückzuführen seien, die man ihnen an diesen Stellen zugefügt habe, um Ischialgien zu heilen. Nogier begann sich mit der „Reflexzone Ohr“ zu beschäftigen und entdeckte, dass die Widerspiegelung des Körpers im Ohr einem Embryo in Kopflage (Abb. 4.28) gleicht. Im Bestreben dieses Phänomen zu erklären, wies er reflektorische Beziehungen zwischen Ohr und Körper nach. Mit der Entdeckung der Korrespondenz von Anthelix (Abb. 26.22) und Wirbelsäule legte er den Grundstein für ein neues Behandlungskonzept.
Wirkungen
Die Ohrmuschel wird von den drei großen Nerven durchzogen – dem Trigeminusnerv, dem Vagusnerv und dem Plexus cervicalis supervicalis. Die Kerne dieser Nerven liegen im verlängerten Rückenmark und sind mit der dort befindlichen Formatio reticularis verknüpft. Die Formatio reticularis (23.2.2) ist die entscheidende Schaltstelle zwischen dem Gehirn und dem Körper. Die Wirkungen der Ohrakupunktur sind noch nicht hinreichend geklärt. Es wird angenommen, dass durch Reizung der Ohrmuschel Signale auf extrem kurzem Weg über die Formatio reticularis zum Gehirn oder zum Erfolgsorgan im Körper weitergeleitet werden. Andere Erklärungsmodelle gehen davon aus, dass neben den Blutgefäßen, Lymphbahnen und Nerven ein unsichtbares, energetisches System im Körper besteht, auf das die Ohrakupunktur stabilisierend einwirkt.
Durchführung
Ohrakupunkturpunkte lassen sich mithilfe eines Suchgeräts nur dann auffinden, wenn eine Irritation oder eine Funktionsstörung vorliegt, während Körperakupunkturpunkte aufgrund ihres verminderten Hautwiderstands jederzeit zu lokalisieren sind. Eine Möglichkeit, Ohrakupunkturpunkte aufzufinden, wurde von Nogier 1968 entwickelt. Mithilfe des aurikulokardialen Reflexes (RAC) können anhand des veränderten Radialispulses irritierte Ohrpunkte diagnostiziert werden.
Die in der Ohrmuschel lokalisierten Punkte haben bis auf Reflex:aurikulokardialer (RAC)\"\iwenige Ausnahmen einen Durchmesser von 0,2–1 mm. In der Regel erfolgt die Behandlung über das Ohr der dominanten Hirnhälfte (kontralateral), d. h. bei Rechtshändern wird vornehmlich das linke Ohr therapiert und umgekehrt. Einseitige körperliche Beschwerden werden homolateral behandelt, d. h. das rechte Knie über die Projektionszone der rechten Ohrmuschel. Pro Sitzung werden im Allgemeinen 1–4 Nadeln gesetzt; die verwendeten Nadeln sind dünn und kurz. Die Nadel wird senkrecht oder in einem Winkel von 20° 1–2 mm tief gestochen. In der Suchtbehandlung, z. B. Raucherentwöhnung, werden häufig Dauernadeln oder Druckpflaster mit Samenkörnern (Abb. 4.29) angebracht, die für mehrere Tage an bestimmten Ohrpunkten verbleiben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass durch Dauernadeln lokale Entzündungen auftreten können.
Die Ohrakupunktur bietet gegenüber der Körperakupunktur einige Vorteile: Der Patient muss sich nicht entkleiden, und auch Körperregionen, die z. B. aufgrund von Verletzungen nicht lokal behandelt werden können, lassen sich über die Reflexpunkte am Ohr beeinflussen.
Indikationen und Kontraindikationen
Häufige Anwendungsgebiete der Ohrakupunktur sind Schmerzen des Bewegungsapparats, wie z. B. Neuralgien, Myalgien, Kopfschmerzen, Lumboischialgien, akute Traumen sowie rheumatische Beschwerden und vegetative Störungen. Auch in der unterstützenden Behandlung von Suchtproblemen wie Nikotin- und Esssucht hat sich die Ohrakupunktur bewährt.
Als Kontraindikationen für die Ohrakupunktur gelten Entzündungen oder Verletzungen der Ohren, Schwangerschaft, Infektionskrankheiten sowie eine starke Druckempfindlichkeit der Ohrareale.

Ordnungstherapie

Die Forderung nach einer gesunden und bewussten Lebensweise wird in der Naturheilkunde als Ordnungstherapie, neuerdings auch als Mind-Body-Medizin oder Ordnungstherapie\"\iLebensstilmedizin bezeichnet. Sie ist Bestandteil nahezu aller Gesundheitssysteme.
Konzept
Bereits Hippokrates (460–370 v. Chr.) sprach von einer „Diata“ im Sinne einer alle Lebensbereiche umfassenden bewussten Lebensführung. Bei Sebastian Kneipp (1821–1897) ist die Ordnungstherapie eine der fünf Säulen seines Therapiesystems. Im 20. Jahrhundert setzte sich besonders der Schweizer Arzt Max Bircher-Benner (1867–1939) dafür ein, dass Empfehlungen zur Lebensführung – die aktive Mitarbeit des Patienten vorausgesetzt – die Basis jeder naturheilkundlichen Therapie bilden.
Aktive Lebensgestaltung
Nach Kneipp schaffen eine bewusste Lebensführung und ein natürlicher Lebensrhythmus, der den Wechsel von Aktivität und Entspannung achtet, die besten Voraussetzungen für Gesundheit und Wohlbefinden. Dies schließt die harmonische Einordnung und das bewusste Miterleben in die von der Natur vorgegebenen Rhythmen (Tagesverlauf, Jahreszeiten) ein.
Einordnung in naturgegebene Rhythmen
Die Ordnungstherapie gewinnt in der heutigen Zeit eine größere Bedeutung, da sich der Mensch durch die modernen Lebensformen immer weiter von den natürlichen Rhythmen entfernt. So werden z. B. durch künstliche Beleuchtung und Klimaanlagen, Nachtarbeit, durch den schnellen Wechsel von Zeitzonen oder die hormonelle Manipulation des Menstruationsrhythmus die innere biologische Uhr und seine Verbindung mit übergeordneten und umfassenden Lebensgesetzen gestört. Zudem fördern übermäßiger Stress, emotionale Konflikte sowie die permanente Reizüberflutung durch Lärm, Fernsehen, Computer eine Ausrichtung auf eine nach außen gerichtete Aktivität, während die physiologisch notwendige Entspannung, der Rückzug von der lärmenden Welt, das nach Innen-Gehen vernachlässigt werden.
Durchführung
Wichtige Prinzipien der Ordnungstherapie sind:
  • regelmäßiger Schlaf-wach-Rhythmus, ausgewogener Wechsel von Arbeit und Freizeit

  • Einhaltung des Wochenrhythmus

  • viel Bewegung an der frischen Luft (Abb. 4.30)

  • maßvolle Ernährung, geregelte Essenszeiten, maßvoller Umgang mit Genussmitteln (z. B. Kaffee, Alkohol)

  • sinnvolle und aktive Lebensgestaltung auch in der Freizeit, positive soziale Kontakte

Zur Unterstützung können übende Verfahren (26.16.8), wie z. B. Entspannungsübungen, Atemtherapie (4.2.7), Autogenes Training (26.16.8), Meditation oder Yoga eingesetzt werden.
Zudem gilt es, sich so weit möglich an den natürlichen Gegebenheiten, zu orientieren: Dies lässt die lebendigen, biologischen Prozesse wirken und dient der inneren Neuordnung von Körper, Geist und Seele.

Orthomolekulare Medizin

Der Begründer der Methode, der Biochemiker, Nobelpreisträger orthomolekulare Medizin\"\iund „Vitamin-C-Papst“ Linus Pauling (1901–1994) definiert die Medizin:othomolekulare\"\iorthomolekulare Medizin – die Medizin der richtigen Moleküle – wie folgt: „Orthomolekulare Medizin ist die Erhaltung der Gesundheit und die Behandlung von Krankheiten durch Veränderung der Konzentration von Substanzen im menschlichen Körper, die normalerweise im Körper vorhanden und für die Gesundheit erforderlich sind.“
Konzept
Das von Pauling 1968 entwickelte Konzept beruht auf der Annahme, dass kein Mensch in einer so perfekten Umwelt lebt, dass für ihn die etwa 45 lebensnotwendigen Nährstoffe – Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Fettsäuren, Aminosäuren und Enzyme – in der richtigen Menge und im richtigen Verhältnis zueinander im Organismus vorhanden sind. Da die orthomolekulare Medizin der Erhaltung der Gesundheit die gleiche Bedeutung beimisst wie der Behandlung von Krankheiten, ist sie auch präventive (vorbeugende) Medizin. Als oberstes Prinzip gilt, dass nur Substanzen eingesetzt werden, die physiologisch im Körper vorhanden sind.
Nährstoffbedarf
Während in der Schulmedizin fehlende Nährstoffe und Mineralien entsprechend dem Laborbefund ergänzt werden, ist in der orthomolekularen Medizin die Gabe von z. T. sehr hohen Dosen möglich. So postulierte Linus Pauling – er wurde 93 Jahre alt – die tägliche Einnahme von mindestens 5 g Vitamin C als Vorsorgemaßnahme gegen oxidativen Stress.
Einheitliche Angaben und Richtlinien über den Nährstoffbedarf liegen nicht vor. Der individuelle Bedarf ist abhängig von Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, Alter, Umwelteinflüssen und dem Gesundheitszustand. Nährstoffpräparate sind grundsätzlich kein Ersatz für eine ausgewogene vollwertige Ernährung.
Nährstoffdefizite
Nährstoffdefizite können durch folgende Faktoren hervorgerufen werden:
  • Einseitige Ernährung (z. B. „Fast Food“) verursacht Mangelzufuhr einzelner Nährstoffe.

  • Bei starkem Konsum ungesättigter Fettsäuren ist der Bedarf an Vitamin E erhöht.

  • Alkohol kann einen Mangel an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen verursachen, z. B. Vitamine B1, B6, B12, Niacin, Pantothensäure, Folsäure, Magnesium.

  • Koffein in Kaffee, Tee, Cola-Getränken erhöht die Ausscheidung wichtiger Mineralstoffe (Kalium, Magnesium).

  • Nikotin verbraucht Vitamin C sowie Zink, das zur Entgiftung des im Tabakrauch enthaltenen giftigen Kadmiums benötigt wird.

  • Während Wachstumsphasen, Schwangerschaft und Stillzeit ist der Bedarf an Nährstoffen erhöht, ebenso bei starker physischer und psychischer Belastung.

  • Umwelteinflüsse und eine Belastung des Körpers mit Schwermetallen können abgemildert werden: So ist z. B. Selen an der Bindung von Schwermetallen wie Quecksilber oder Blei beteiligt.

  • Die längerfristige Einnahme von Medikamenten, z. B. von Analgetika, Antazida, Antibiotika, und Glukokortikoiden, können einen Nährstoffmangel verursachen.

Durchführung
Ein Mangel an Nährstoffen kann anhand von Blutserum, Vollblut oder Urin nachgewiesen werden. Obwohl sich aufgrund der Messverfahren Zusammenhänge zwischen Spurenelementen und bestimmten Krankheitsbildern nachweisen lassen, ist die Aussagekraft jedes einzelnen Materials begrenzt, da z. B. Haarwaschmittel die Aussagen verfälschen.
Nährstoffe werden meist in isolierter Form, d. h. als Nährstoffpräparate (z. B. Tabletten oder Kapseln) über einen begrenzten Zeitraum eingenommen, wenn Defizite bestimmter Nährstoffe nachgewiesen oder aufgrund der Erkrankung wahrscheinlich sind. Es ist oft auch sinnvoll, in Zeiten eines erhöhten Bedarfs Nährstoffe zuzuführen. Nährstoffpräparate werden eingesetzt zur vorbeugenden Behandlung sowie zur Unterstützung bei chronischen und akuten Erkrankungen.
Indikationen
  • erhöhter Nährstoffbedarf bzw. Nährstoffdefizit (s. o.)

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen

  • Infektionen, z. B. grippaler Infekt, Herpes simplex

  • Erkrankungen des Bewegungsapparats, z. B. Arthritis, Arthrose

  • Hauterkrankungen, z. B. zur besseren Wundheilung

  • Erkrankungen des Verdauungstrakts

  • Anti-Aging-Therapie gegen vorzeitiges Altern

  • Stärkung des Immunsystems

  • Entgiftung und Ausleitung von Schwermetallen

Achtung

Einige Nährstoffe sind in Überdosierung schädlich, so z. B. Vitamin A oder Selen.

Osteopathie

Grundlagen
Die Osteopathie wurde durch den amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still (1828–1917) in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begründet. Still, mit den Ergebnissen Osteopathie\"\iund der Arbeitsweise der zeitgenössischen Medizin nicht mehr zufrieden, vertrat die Meinung, dass viele Medikamente und Operationen, die nicht notwendigerweise hätten durchgeführt werden müssen, meist nur Ausdruck der Hilflosigkeit von Arzt und Patient waren.
Konzept
Still stellte die selbstregulierenden Kräfte der Natur in den Mittelpunkt der Osteopathie und formulierte vier Grundprinzipien.
  • Der menschliche Körper funktioniert als Einheit.

  • Der Körper verfügt über selbstheilende Mechanismen.

  • Struktur und Funktion stehen in Wechselbeziehung zueinander.

  • Abnormer Druck oder Spannung in einem Teil des Körpers produzieren abnormen Druck und Spannungsphänomene in einem anderen Teil des Körpers.

Seinen Beobachtungen zufolge war durch Krankheit immer auch das betroffene Gewebe in seiner Beweglichkeit (z. B. Lungenbeweglichkeit bei Lungenentzündungen, Beeinträchtigungen der Gelenke bei Gelenkbeschwerden) eingeschränkt. Diese Beweglichkeit – die Bewegung war für Still zugleich ein wesentliches Prinzip des Lebens – wollte er wiederherstellen. Da dadurch gleichzeitig die arterielle Durchblutung gefördert und der venöse und lymphatische Abtransport verbessert werden, werden auch die Selbstheilungskräfte angeregt.
Durchführung
Ein wichtiger Begriff der Osteopathie lautet „osteopathische Dysfunktion“. Damit ist eine Einschränkung in der Bewegung der Gewebe gemeint, eine Einschränkung, die nicht nur im Bereich der Wirbelsäule und der Gelenke, sondern in allen Geweben ertastet werden kann. Um diese Dysfunktion diagnostizieren zu können, muss das Tastvermögen intensiv trainiert werden.
Dysfunktionen werden mithilfe differenzierter Techniken gelöst. Die Art der Behandlung erlaubt es dem Patienten, sich auf natürliche Art und Weise selbst ins Gleichgewicht zu bringen und so eine ökonomischere Funktionsweise zu finden.
In der Osteopathie werden unterschiedliche funktionelle Systeme mit jeweils speziellen Behandlungstechniken unterschieden:
  • Parietales System: Die Strukturen des Bewegungsapparats (Knochen, Kapsel-Band-Apparat und Muskeln) werden unter Ausnutzung der langen Hebelwirkung mit indirekten Osteopathie:parietale\"\iManipulations- oder Mobilisationstechniken behandelt. Die Chiropraktik hingegen (4.2.15), wendet direkte Techniken an.

  • Viszerales System: Die Behandlung der inneren (viszeralen) Organe zielt darauf ab, durch passive Bewegung des Zwerchfells in kraniokaudaler Richtung die Mobilität der im Brust- Osteopathie:viszerale\"\iund Bauchraum gelegenen Organe zu fördern. Zudem wird die Motilität, die Eigenbeweglichkeit der Organe, positiv beeinflusst. Durch die Förderung der Organbewegungen werden auch die Verbindungen zu den Blut- und Lymphgefäßen harmonisiert und die Hämodynamik (Bewegung des Blutes in den Gefäßen) gefördert.

  • Kraniosakrales System: Hier wird mit dem kraniosakralen Rhythmus (4.2.24) gearbeitet.

Indikationen
Eine osteopathische Behandlung ist angezeigt bei allen Osteopathie:kraniosakrale\"\ifunktionellen Störungen. Eine grundsätzliche Indikation besteht bei allen Schmerzen und Beschwerden durch palpatorisch erfassbare Funktionsstörungen, denen ein pathologisches Korrelat fehlt. Da bei der Mehrzahl der Krankheiten begleitende Funktionsstörungen zu diagnostizieren sind, kann eine ergänzende osteopathische Therapie oftmals sinnvoll eingesetzt werden.
Kontraindikationen
Das Fehlen einer eindeutigen Diagnose ist eine absolute Kontraindikation für eine osteopathische Therapie. Vor Beginn einer Behandlung, die sich über einen längeren Zeitraum mit der Gefahr einer Diagnoseverschleppung erstrecken kann, muss eine entsprechende Abklärung erfolgt sein.

Ozontherapie

Die Ozontherapie ist ein injektives und apparatives Therapieverfahren, bei dem Ozon – die energiereiche und aus drei Sauerstoffatomen (O3) Ozontherapie\"\ibestehende Form des Sauerstoffs – zugeführt wird.
Der deutsche Physiker Schönbein beschrieb 1840 ein Gas, das er wegen seines starken Geruchs Ozon (griech. ozein = ich rieche) nannte, und untersuchte einige seiner Eigenschaften. Die Erfindung der Siemens-Röhre im Jahr 1875 erlaubte die industrielle Herstellung von Ozon. Nachdem bekannt war, dass Ozon in wässrigem Milieu stark oxydierend wirkt, wurden gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts erste Versuche zur Trinkwasserentkeimung unternommen. In der Medizin wurde Ozon zunächst zur äußerlichen Behandlung von Gangränen und Weichteilinfektionen eingesetzt. Erst gegen Ende der 1950er-Jahre wurde von dem Physiker Hänsler ein Gerät entwickelt, das eine exakt definierte Menge Ozon aus medizinischem Sauerstoff herstellte.
Konzept
Ozon ist die energiereiche Form des Sauerstoffs und besteht im Gegensatz zum Sauerstoff (O2) aus drei Sauerstoffatomen (O3). Ozon entsteht aus Sauerstoff durch Ultraviolettbestrahlung oder elektrische Entladung und bildet in der hohen Atmosphäre eine schützende Schicht vor UV-Strahlung. In unphysiologischen Konzentrationen ist Ozon ein Reizgas, das toxisch wirkt und Symptome hervorrufen kann wie Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Schleimhautreizung. Ozon ist eines der stärksten Oxidationsmittel.
Medizinisches Ozon ist ein Gemisch aus reinstem Ozon und reinstem Sauerstoff im Konzentrationsbereich von 1 μg/ml O3 bis ca. 100 μg/ml O3. Medizinisches Ozon löst sich im Blut bis zu 15-mal schneller als Sauerstoff.
Wirkungen
Ozon ist in der Lage, Viren und Bakterien zu inaktivieren. Darüber hinaus erleichtert Ozon die Sauerstoffabgabe der Erythrozyten und verbessert so die Sauerstoffversorgung in der Peripherie sowie den Sauerstofftransport. Da sich durch Ozon auch die Flexibilität und Verformbarkeit der Erythrozyten erhöht, können diese die engen Gefäße leichter passieren. Zudem werden die Fließeigenschaften des Blutes optimiert. Durch die Aktivierung der Lymphozyten wird ferner die körpereigene Abwehr angeregt.
Indikationen und Applikationsformen
Medizinisches Ozon wird intramuskulär, subkutan oder in Form seiner Reaktionsprodukte mit Blut verabreicht. Durch die Ozontherapie soll über den Eingriff von Ozon in das Stoffwechselgeschehen eine Renormalisierung einiger Stoffwechselparameter erreicht werden. Folgende Therapieformen können unterschieden werden:
  • Injektions-Therapie: Medizinisches Ozon wird intramuskulär oder subkutan injiziert (Anwendungsgebiete: Durchblutungsstörungen, Immunstimulation).

  • Kleine und Große Eigenblutbehandlung: Blut wird entnommen, mit medizinischem Ozon angereichert und sofort unter normalen Eigenbluttherapie:kleine\""\Schwerkraftbedingungen wieder zurückgegeben (Anwendungsgebiete: Allergien, Diabetes mellitus, Eigenbluttherapie:große\""\Durchblutungsstörungen, Stoffwechselstörungen).

  • Beutelbegasung: In der Dermatologie (Hautheilkunde) werden mit der Beutelbegasung in äußerlicher Anwendung u. a. Ekzeme, Gangräne und offene Wunden behandelt. Das zu behandelnde Beutelbegasung\""\Körperteil wird mit einem luftdicht abgeschlossenen Kunststoffbeutel überzogen, in den medizinisches Ozon eingeblasen wird, das auf der angefeuchteten Haut Bakterien, Viren und Pilze abtötet.

Achtung

Aufgrund der potenziellen Gefahr einer anaphylaktischen Reaktion (22.6.2) muss der Behandler die entsprechenden notfalltherapeutischen Maßnahmen sicher beherrschen.

Phytotherapie

Pflanzen (griech. phytón = Gewächs) waren jahrhundertelang nahezu die einzigen Heilmittel und die ersten Grundstoffe zur Herstellung von Arzneien. Ein erster Anbau von Phytotherapie\""\Heilpflanzen erfolgte bereits im 6. Jahrtausend v. Chr. in Indien und China. Ein ägyptischer Papyrus aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts v. Chr. erwähnt etwa 700 Substanzen tierischer und pflanzlicher Herkunft, darunter Anis, Kümmel, Leinsamen und Hanf. Dioskurides verfasste um 100 n. Chr. eine fünfbändige Arzneimittellehre, in der 600 Heilpflanzen beschrieben wurden und die bis in das 16. Jahrhundert für sämtliche Arzneibücher maßgeblich war.
Claudius Galenus (auch Galen genannt, 129–201 n. Chr.), der Leibarzt des römischen Feldherrn Marc Aurel, benutzte ebenfalls viele Pflanzen, die noch heute von medizinischem Interesse sind, wie Schafgarbe, Meerzwiebel, Süßholz und Weidenrinde. Er stellte Regeln für die verschiedenen Arten der Arzneizubereitung auf und wurde damit zum Begründer der Lehre von den Arzneiformen, die nach ihm Galenik genannt wird.
Im 15. und 16. Jahrhundert – einer „Blütezeit“ der Pflanzenheilkunde – begann die systematische Betrachtung: Paracelsus (1493–1541) beschrieb Heilpflanzen in seinem GalenikWerk „Herbarius“, und in den ebenfalls aus dieser Zeit stammenden Kräuterbüchern von Leonhard Fuchs und Hieronymus Bock wurden Heilpflanzen äußerst detailgetreu dargestellt. Ende des 16. Jahrhunderts wurde das wohl umfassendste Werk westlicher Kräutermedizin veröffentlicht. Jakobus Theodorus Tabernaemontanus, ein Schüler von Hieronymus Bock, hat nicht nur über 3.000 Pflanzen beschrieben, sondern auch 2.400 Pflanzenabbildungen veröffentlicht. Das Buch wurde erstmals 1588 herausgegeben und 1731 das letzte Mal aufgelegt.
1805 gelang es dem Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner (1783–1841) im Mohn das „schlafmachende Prinzip“ zu isolieren, das 1817 „Morphin“ genannt wurde. Damit war der Stoffnachweis der modernen Phytotherapie eingeführt und von Alexander Wilhelm Oswald Tschirch (1856–1939) zur wissenschaftlichen Disziplin erhoben worden.
Konzept und Wirkungen
Der Begriff Phytotherapie wurde von dem französischen Arzt Henri Leclerc (1870–1955) begründet. Er bezeichnete damit die Wissenschaft von der Behandlung und Vorbeugung von Befindlichkeitsstörungen und Erkrankungen mit Pflanzen, deren Auszügen oder natürlichen Produkten. Die pflanzlichen Arzneimittel werden auch als Phytopharmaka bezeichnet. Innerhalb der Phytotherapie gibt es unterschiedliche Ansätze: So gilt das Interesse der naturwissenschaftlich orientierten Phytotherapie den einzelnen InhaltsstoffenPhytopharmaka\""\ und deren physiologischer und pharmakologischer Wirkungen. Die erfahrungsheilkundlich orientierte Phytotherapie verfügt über umfangreiches Wissen im Hinblick auf die traditionelle Anwendung von Heilpflanzen. Sie legt Wert darauf, die Pflanze in ihrer Gesamtheit zu erfassen und bezieht Wissen aus der Mythologie und Signaturenlehrein eine ganzheitliche Betrachtung der Heilpflanzen ein. So werden z. B. aus äußeren Zeichen (Signatur) von Form und Farbe Anwendungsgebiete abgeleitet: Schöllkraut wurde z. B. Signaturenlehre\""\bereits im antiken Griechenland wegen seiner gelben Farbe bei Gelbsucht, Leber- und Gallenerkrankungen angewendet – eine Indikation, die sich bis heute erhalten hat. Allerdings sind Farbe und Form einer Pflanze nur erste Anhaltspunkte. Zudem spielen das gesamte Erscheinungsbild, spezielle Standortgegebenheiten sowie Prozesse der Metamorphose eine Rolle. So lassen sich z. B. aus dem Verhalten des Halbschmarotzers Mistel (Visum album) Analogien zum Tumorwachstum herstellen. Eine fachgerechte Anwendung der Signaturenlehre setzt nicht nur Fachwissen, sondern auch Einfühlungsvermögen in die Naturgesetzlichkeiten voraus.

Merke

Heilpflanzen enthalten verschiedene Einzelwirkstoffe, die in folgende Wirkstoffgruppen untergliedert werden können.

Alkaloide
Alkaloide, die nahezu wirksamsten Stoffe im Pflanzenreich, sind Phytotherapie:Wirkstoffgruppen\""\Stickstoffverbindungen, die als spezifische Abbauprodukte der jeweiligen Pflanze entstehen. Die starken Alkaloide, Phytotherapie\""\Pflanzengifte können in geringen Dosen stark heilsam wirken und werden meist als isolierte Reinstoffe (z. B. Atropin, Kodein, Morphin, Chelidonin) eingesetzt. Alkaloide hemmen oder regen die Nervenfunktion an und wirken vorrangig auf das Zentralnervensystem, teilweise auf das autonome Nervensystem oder spezifische Bereiche sensibler Nerven.
Glykoside
Als Glykoside werden sehr unterschiedliche Stoffe bezeichnet, die nur eine einzige Gemeinsamkeit aufweisen: Alle Glykoside haben eine Zuckerverbindung, die mit einer anderen Glykoside, Phytotherapie\""\Komponente verknüpft ist. Da Glykoside also aus verschiedenartigen Stoffen bestehen, haben sie ein vielfältiges Wirkungsspektrum. So steigern die Herzglykoside im Fingerhut die Kontraktionskraft des Herzens und vermindern die Herzfrequenz, die Anthrachinonglykoside der Sennesblätter wirken abführend, die Flavonglykoside der Ginkgoblätter durchblutungsfördernd oder die Triterpenglykoside im Cimicifuga-Wurzelstock hormonähnlich.
Saponine
Saponine (lat. sapo = Seife) – Stoffe mit seifenähnlichen Merkmalen – sind in der Lage, die Oberflächenspannung von Wasser herabzusetzen. Sie wirken emulgierend und Saponine, Phytotherapie\""\bilden beim Schütteln einen haltbaren Schaum. Die meisten Saponine hemmen das Wachstum von Mikroorganismen, vornehmlich von Pilzen. Saponine wirken lokal gewebereizend, auswurffördernd und haben oft zusätzliche Eigenschaften: So wirken die in der Süßholzwurzel enthaltenen Saponine (Triterpensaponine) entzündungshemmend und verhindern die Entstehung von Magengeschwüren. Aescin, das Saponingemisch der Rosskastanie, wirkt einer Ödembildung entgegen und kann bereits vorhandene Ödeme ausschwemmen. Da Saponine oberflächenaktiv sind, können sie Inhaltsstoffe, die schlecht aufgenommen werden in Lösung bringen. Aus diesem Grund werden Saponine häufig Teerezepturen zugesetzt.
Bitterstoffe
Bitterstoffe (Amara) wirken durch ihren bitteren Geschmack appetitanregend und verdauungsfördernd. Sie lösen reflektorisch eine verstärkte Sekretion von Speichel und Bitterstoffe, Phytotherapie\""\Magensaft aus und regen aufgrund der funktionellen Verknüpfung alle Verdauungsorgane zur vermehrten Sekretion der Verdauungssäfte an. Da die Wirkung an den bitteren Geschmack gebunden ist, sollten Bitterstoffe nicht in Form von Kapseln oder Dragees verordnet werden.
Gerbstoffe
Gerbstoffe sind wasserlösliche Verbindungen, die früher zum Gerben von Leder verwendet wurden. Da sie die Fähigkeit haben, Eiweißmoleküle miteinander zu vernetzen, Gerbstoffe, Phytotherapie\""\bilden sie mit der Haut und Schleimhaut unlösliche Verbindungen und wirken adstringierend. Sie eignen sich zur äußerlichen Anwendung bei Geschwüren, Hautpilzen, Verbrennungen und Entzündungen. Bei Halsentzündungen ist es sinnvoll, mit gerbstoffhaltigen Kräutern zu gurgeln. Gerbstoffe wirken zudem schwach antibakteriell, entzündungswidrig, blutstillend und reizmildernd.
Flavonoide
Flavonoide (lat. flavus = gelb) haben neben ihrer unspezifischen Schutzwirkung auf die Kapillaren sehr unterschiedliche Wirkungen. Die Flavonoide des Weißdorns stärken das Flavonoide, Phytotherapie\""\Herz- und Kreislaufsystem, die Flavonoide der Kamille wirken krampflösend und die Flavonoide in Birkenblättern und Schachtelhalm harntreibend. Einige Flavonoide schützen auch die Leberzellen (z. B. Silymarin-Komplex der Mariendistel).
Anthranoide
Anthranoide sind Abkömmlinge des Anthrachinons und wirken abführend. Sie gelangen unverändert in den Dickdarm und werden dort in Anthrachinone gespalten, die wiederum die Antranoide, Phytotherapie\""\Sekretion von Wasser in das Darmlumen fördern. Durch die erzeugte Volumenzunahme werden die Darmperistaltik angeregt und die Darmpassage beschleunigt. Zu den Anthranoid-Drogen gehören die Faulbaumrinde, die Rhabarberwurzel sowie Sennesblätter und -schoten.
Cumarine
Cumarine zeichnen sich durch den Geruch nach duftendem Heu aus. Einige Cumarine haben gerinnungshemmende Wirkung. Außerdem wirken sie teilweise gegen Insektenbefall, z. B. als Cumarine, Phytotherapie\""\Mottenkissen.
Ätherische Öle
Nahezu alle wohlriechenden Pflanzen enthalten ätherische Öle (4.2.6), die aus bis zu 150 Einzelbestandteilen zusammengesetzt sein können. Ätherische Öle sind leicht ätherische Öle:Phytotherapie\""\flüchtig und verschwinden bei Verdunstung vollständig. Sie sind u. a. aus Kohlenstoffatomen (Terpenen) aufgebaut. Aufgrund ihrer öligen Konsistenz (lipophil) durchdringen sie leicht die Zellmembranen. Sie werden vom Magen-Darm-Trakt gut resorbiert und leicht über die Haut aufgenommen. Ätherische Öle weisen ein breites Anwendungsspektrum auf, denn sie wirken entzündungshemmend (antiphlogistisch, z. B. Kamille, Arnika), blähungstreibend (karminativ, z. B. Fenchel, Anis, Kümmel), sie regen die Gallensekretion an (choleretisch, z. B. Javanische Gelbwurz) oder diuretisch und fördern die Ausscheidung (z. B. Wacholder, Birkenblätter). Ätherische Öle erleichtern das Abhusten (z. B. Thymian) und wirken örtlich durchblutungsfördernd (z. B. Rosmarin), wachstumshemmend auf Mikroorganismen wie Bakterien, Viren oder Pilze (z. B. Thymian, Pfefferminze).
Allen ätherischen Ölen gemeinsam ist die Reizwirkung auf Chemorezeptoren. Sie regen den Geruchs- und Geschmackssinn an und werden als Geruchs- und Geschmackskorrigenzien (Remedium corrigens 4.5.1) oder als Gewürze verwendet.
Schleimstoffe
Schleimstoffe sind Polysaccharide, die im Wasser aufquellen, also kolloidale Lösungen, aber auch Gele bilden können. Wasserlösliche Schleimstoffe wirken meist Schleimstoffe, Phytotherapie\""\lokal und haben durch die Ausbildung eines Schutzfilms auf Haut und Schleimhaut reizmildernde und entzündungshemmende Eigenschaften. Schleimhaltige Pflanzen eignen sich zur Behandlung bei Reizhusten, Halsschmerzen, Magen-Darm-Katarrhen und manchen Wunden.
Unlösliche Schleimstoffe gelangen unverdaut in den Darm. Sie quellen in Wasser, bilden Gele und wirken über eine Volumenzunahme des Darminhalts stuhlregulierend, da der Dehnungsreiz die Darmperistaltik stimuliert. Typische schleimhaltige Heilpflanzen sind Huflattich, Spitzwegerich, Eibisch, Malve und Beinwell.
Durchführung
Phytotherapeutika sind sog. Vielstoffgemische, d. h. ihre Wirkung ergibt sich aus der Summe aller Inhaltsstoffe (s. oben). Verabreicht werden verschiedene pflanzliche Zubereitungen, die überwiegend aus getrockneten Pflanzenteilen aufbereitet und als Tinkturen, Flüssig- und Trockenextrakte oder feste orale Arzneiformen, d. h. zu Tabletten, Dragees, Filmtabletten, Kapseln, weiterverarbeitet werden. Zur äußeren Anwendung werden Cremes, Salben, Gele und Bäder hergestellt.
Aus getrockneten Pflanzenteilen bestehen aber auch Arzneitees, die je nach Bestandteil der enthaltenen Droge als Aufguss, Kaltauszug oder Abkochung selbst zubereitet werden.
Infus – Aufguss
Zarte Pflanzenteile – Blüten, Blätter und Samen – sowie Pflanzen, deren Inhaltsstoffe sich beim Kochen verflüchtigen (ätherische Öle) oder Infus\"\izersetzen (Bitterstoffe) werden als Aufguss (Aufguss\"\i Abb. 4.31) zubereitet: Über die angegebene Menge Drogen ¼ l heißes Wasser geben, abdecken und ca. 8–10 Min. ziehen lassen, abseihen.
Dekokt – Abkochung
Die benötigte Menge Droge mit kaltem Wasser ansetzen, zum Sieden erhitzen, als Kurzdekokt 1–3 Min., als Langdekokt 15–20 Min. kochen lassen und Dekokt\"\inach kurzem Stehenlassen abgießen. Eine Abkochung\"\iAbkochung wird aus harten bis sehr harten Drogen – Rinden, Wurzeln, Hölzer – oder von Drogen mit schwer löslichen Bestandteilen (z. B. Kieselsäure im Schachtelhalmkraut) hergestellt.
Mazeration – Kaltauszug
Ein Kaltauszug ist dann von Vorteil, wenn durch heißes Wasser Begleitstoffe mit unerwünschten Nebenwirkungen in Lösung gehen (z. B. Harze Mazeration\"\iin Sennesblättern und -früchten, Gerbstoffe in Kaltauszug\"\iBärentraubenblättern). So ist laut DAB (2.5.1) für schleimhaltige Drogen eine Mazeration vorgeschrieben.

Merke

Da bei einem Kaltauszug eventuell enthaltene Mikroorganismen nicht abgetötet werden, können Getränke mit hoher Keimzahl entstehen. Um dies zu vermeiden, sollte der Kaltauszug vor der Verwendung kurz aufgekocht werden.

Die angegebene Menge der Droge wird zugedeckt mit ¼ l kalten Wasser 6–8 Stunden stehen gelassen (kein Enzymverlust), danach abgießen. Es ist auch möglich, ein Mazerationsteildekokt oder Mazerationsteilinfus herzustellen, indem die angegebene Menge Drogen in zwei Teile geteilt und dementsprechend als Mazeration, Infus oder Abkochung aufbereitet wird. Nach Abkühlung auf höchstens 40 °C mischen und getrennt trinken.
Indikationen
Zubereitungen aus Arneipflanzen eignen sich zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Erkrankungen. Sie sind keine Arzneimittel der Notfall- oder Intensivmedizin, ihre Domäne liegt im Bereich chronischer Beschwerden, insbesondere funktioneller Störungen ohne morphologischen Organbefund.
Arzneiteees sind bevorzugt einzusetzen bei Befindlichkeitsstörungen und leichten Erkrankungen, die mit einem erhöhten Flüssigkeitsbedarf einhergehen (Durchspülungstherapie bei Blasen-Nieren-Erkrankungen, Erkältungskrankheiten) oder bei denen das Ritual der Zubereitung einen positiven Effekt ausübt (Unruhezustände, Ein- und Durchschlafstörungen).

Reflexzonentherapie

Segment- und Reflexzonendiagnose 3.7.7
Nach Darlegungen des englischen Neurologen Henry Head (1861–1940) sind alle inneren Organe des menschlichen Körpers über Nervenfasern mit Reflexzonentherapie\"\ibestimmten Zonen, den sog. Head-Zonen (3.7.7), in der Haut verbunden. Hautreize können sich also an bestimmten Organen festsetzen, wie auch umgekehrt organische Veränderungen an inneren Organen auf die Hautoberfläche Head-Zonen\"\iübertragen werden können.
Auch Mackenzie entdeckte, dass bestimmte Segmente der Hautoberfläche mit bestimmten inneren Organen Funktionseinheiten bilden, und innen und außen durch in beide Richtungen wirkende Reflexe miteinander verbunden sind, die sich im Rückenmark miteinander verschalten.
Solche gleichermaßen holografischen Abbildungen des Körpers an umschriebenen Haut-Schleimhaut-Arealen wurden besonders im Bereich der Extremitäten (Hand-, Fußsohlenreflexpunkte), am Kopf (z. B. Ohr), am Übergang von Haut-Schleimhaut (z. B. Nase, Zähne, Mundschleimhaut) sowie an der Zunge gefunden.

Reflexzonentherapie am Fuß

Die Reflexzonentherapie am Fuß (RZF) gehört zu den Behandlungsmethoden, die vermutlich intuitiv in Reflexzonentherapie am Fuß (RZF)\"\ivielen Kulturen zur Erhaltung der Gesundheit und Behandlung von Kranken angewendetFußreflexzonentherapie\"\i wurden. Der amerikanische Arzt William Fitzgerald (Abb. 4.32) erforschte und systematisierte das entsprechende Wissen der Indianerstämme Nord- und Mittelamerikas und veröffentlichte es 1917. Im Jahr 1930 gelangte die Masseurin Eunice Ingham an diesen Wissensschatz und begann, eine eigene Methode zu entwickeln, die sie v. a. als Möglichkeit zur Eigenbehandlung verbreitete. In Deutschland ist die RZF untrennbar mit dem Namen Hanne Marquardt verknüpft, die diese Selbsthilfe-Methode zur differenzierten Therapie weiterentwickelte. Die Reflexzonentherapie am Fuß wird in vielen Heilpraktikerpraxen, aber auch in Kliniken, Rehabilitationszentren und Praxen für physikalische Therapie angeboten.
Konzept
Ausgehend von der auffälligen Formenanalogie zwischen einem sitzenden Menschen und seiner Fußform (Abb. 4.33), kann im Fuß ein Zusammenhang zwischen Organen und Systemen des Menschen und ihren Entsprechungen in den Füßen dargestellt werden. Jeweils in der Längskörperzone, die durch ein Organ oder Gewebe führt, findet sich auch am Fuß in der gleichen Längskörperzone die damit korrespondierende und reflektierende Zone.
Reflexzonen werden in sog. Symptom- und Hintergrundzonen eingeteilt.
  • Die Symptomzonen sind die Zonen, an deren entsprechendem Organ der Patient Beschwerden hat (z. B. Otitis media: IV. Zehe, die den Ohren zugeordnet ist).

  • Die Hintergrundzonen sind die Zonen, die Zonen:Symptomzonen\"\idruckschmerzhaft sind und auf mögliche Entstehungsursachen hinweisen.

Wirkungen
Hanne Marquardt gibt die therapeutische Wirkung der Zonen:Hintergrundzonen\"\iReflexzonentherapie wie folgt an: „Nach meiner Erfahrung geht die Wirkung der Reflexzonen am Fuß weit über die symptomatische Behandlung hinaus. Als Ordnungstherapie arbeitet sie mit den im Menschen vorhandenen Lebenskräften physischer und psychischer Art und gibt zugleich das Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.“
Durchführung
Die erste Behandlung entspricht der Befunderhebung. Durch Inspektion (z. B. Fehlformen der Fußgewölbe, Tonusveränderungen des Gewebes, Zeichen der Nägel und Haut) und Palpation (Schmerzhaftigkeit bestimmter Zonen, Schweißausbrüche oder Veränderung der Atem- und Pulsfrequenz als vegetative Überreaktionen) werden die behandlungsbedürftigen Reflexzonen diagnostiziert. Beim Tastbefund werden alle Reflexzonen in einer geordneten Reihenfolge überprüft.
Die Reflexzonen (3.7.7 und hintere Umschlaginnenseite) werden vorzugsweise mit dem Daumen behandelt. Durch Biegen des vorderen Fingerglieds wird ein gleichmäßiger, rhythmischer Druck erzeugt (Abb. 4.34). Ausgleichende Streichungen (z. B. Yin-Yang-Streichung) oder Lockerungsgriffe (z. B. Solar-Plexus-Griff Abb. 4.35) sollten in die Behandlung einbezogen werden.
Der Patient liegt während der Behandlung bequem und zugedeckt auf einer Liege, mit leicht erhöhtem Oberkörper, sodass Blickkontakt möglich ist. Die Behandlung erfolgt 2–3-mal pro Woche, für die Dauer von etwa 20–25 Min. Eine Behandlungsserie von 6–12 Sitzungen ist zu empfehlen.
Die während der Behandlung ausgelösten Reaktionen weisen darauf hin, dass die Heilreize vom Körper beantwortet werden. Häufig kommt es zu einer Anregung aller Ausscheidungen (z. B. Urin, Stuhl, Schweiß) und ihrer Veränderung in Quantität und Qualität (Konsistenz, Farbe, Geruch) sowie zur Stabilisierung der psychischen Verfassung und zur allgemeinen Verbesserung der Symptomatik.
Indikationen
Die Reflexzonentherapie am Fuß eignet sich zur unterstützenden Behandlung funktioneller Beschwerden des Verdauungs- und Urogenitaltrakts, bei Erkrankungen der Atmungsorgane, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hauterkrankungen sowie bei psychosomatischen Beschwerden.
Kontraindikationen
Bedingte Gegenanzeigen sind:
  • akute, hochfieberhafte oder ansteckende Erkrankungen

  • Entzündungen im Venen- oder Lymphsystem

  • operativ zu behandelnde Krankheiten

  • spezielle psychische Erkrankungen

  • akute rheumatische Erkrankungen mit schmerzhaften Veränderungen der Fußgelenke

  • Gangrän am Fuß

Sauerstofftherapien

Bei Sauerstofftherapien wird reiner Sauerstoff in verschiedenen Formen angewendet, z. B. als Inhalation oder intravenöse Applikation, um die Versorgung Sauerstofftherapien\"\ides Körpers mit Sauerstoff zu verbessern – dem Element, ohne das höheres Leben auf der Erde gar nicht möglich ist.
Konzept
Ein Sauerstoffmangel im Gewebe kann durch ein verringertes Angebot an Sauerstoff (Gefäßerkrankungen), durch erhöhten Bedarf (z. B. muskuläre Aktivität) oder durch die verringerte Ausnutzung von Sauerstoff (z. B. bei chronischen Entzündungen) hervorgerufen werden.
Wirkungen
Die Änderung des Sauerstoffstatus bewirkt nachweislich eine Steigerung der Leistungsfähigkeit, der regionalen und systemischen Durchblutung sowie eine Stärkung des Immunsystems. Andererseits werden entzündliche Prozesse im Gewebe gemindert und auch das Risiko bzw. die Folgen einer Kreislauferkrankung.
Durchführung
Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Sauerstofftherapie:
  • Hämatogene Oxidationstherapie (H. O. T.) nach Wehrli: Etwa 50–100 ml Patientenblut werden mit ultraviolettem Licht bestrahlt, mit Sauerstoff durchperlt und aufgeschäumt und anschließend in die Vene Hämatogene Oxidationstherapie (H.O.T.) nach Wehrli\"\ides Patienten zurückgegeben.

  • Oxyvenierung nach Regelsberger: Sehr geringe Mengen medizinischen Sauerstoffs (1–2 ml pro Min., insgesamt 10–60 ml) werden in die Vene des Patienten infundiert – die minimale Menge perlt Oxyvenierung nach Regelsberger\:\"\isehr langsam in das Blut.

  • Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie (SMT): Der deutsche Physiker Manfred von Ardenne (1907–1997) entwickelte dieses Verfahren. Die Therapie besteht aus drei aufeinander folgenden Schritten („Mehrschritt-Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie (SMT)\"\iTherapie“): Im ersten Schritt erfolgt die Einnahme eines Arznei-Präparats aus Vitaminen und Mineralien (z. B. aus Vitamin B1 und Magnesium), um die Sauerstoffaufnahme und -verwertung im Gewebe und die Herzleistung zu verbessern. Anschließend wird nach etwa 30 Min. ein Sauerstoff-Luft-Gemisch inhaliert, um den Sauerstoffgehalt im Blut zu erhöhen. Der dritte Schritt besteht aus moderatem körperlichen Training (z. B. Treppensteigen, Ergometertraining o. Ä. Abb. 4.36).

  • Singulett-Sauerstoff-Therapie: Zunächst wird dem Patienten Blut aus der Vene entnommen und in eine Vakuumflasche gefüllt. Das Blut wird nun mit Singulett-Sauerstoff – ein äußerst energiereicher ZustandSingulett-Sauerstoff-Therapie\"\i des Sauerstoffes – angereichert. Aus sauerstoffarmem (dunklem) Blut wird so sauerstoffreiches (helles) Blut.

Indikationen und Kontraindikationen
Zu den Anwendungsbereichen der meisten Sauerstofftherapien zählen z. B. Durchblutungsstörungen und deren sämtliche Folgen insbesondere im Herz-Kreislaufsystem, allergische Erkrankungen, Ulcus cruris („offenes Bein“), Erschöpfungszustände, chronische Hauterkrankungen (z. B. Ekzeme, Schuppenflechte) und Infektanfälligkeit. Einige der Sauerstofftherapien werden therapiebegleitend zur Steigerung der Lebensqualität bei Krebserkrankungen eingesetzt.
Als Kontraindikationen gelten Blutungsneigung, schwere Infektionskrankheiten, akute Geschwüre im Magen-Darm-Trakt, Schilddrüsenüberfunktion, akute Infekte und Fieber unklarer Ursache.

Schröpfen

Grundlagen
Die Schröpfbehandlung ist Jahrtausende alt, älter als der Aderlass und die Blutegelbehandlung. Erste Hinweise auf diese Anwendungen sind auf einem mesopotamischen Arztsiegel etwa 3000 v. Chr. Schröpfen\"\idargestellt. Die chinesische Heilkunde einbezogen, können wir auf eine mindestens 5000 Jahre alte Geschichte der Schröpfanwendung (Bambusnäpfe, Kuhhörner, Aussaugen) zurückblicken. Im klassischen Griechenland – hier gab es einen Gott des Schröpfens, Telesphorus – wurde Schröpfen so geschätzt, dass die Schröpfglocke zum Emblem des Arztes wurde.
Blutiges Schröpfen wurde zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert als „unärztlich“ betrachtet und ausschließlich von Badern und Steinschneidern durchgeführt. Später überwiegend von Laientherapeuten durchgeführt, wurde dieses Ab- und Ausleitungsverfahren von Aschner (4.2.1) wiederentdeckt.
Konzept
Es wird unterschieden zwischen blutigem Schröpfen, trockenem Schröpfen und der Schröpfkopfmassage.
Durch das Setzen von unter Vakuum stehenden Schröpfgläsern auf die Haut wird eine Saugwirkung auf das darunterliegende Gewebe ausgeübt, die zu einer Hyperämie mit kleinen Blutaustritten ins Gewebe führt. Da sich die Schröpfzonen (hintere Umschlaginnenseite), auf die die Gläser aufgesetzt werden, oft unmittelbar über den paravertebralenSchröpfen:Zonen\"\i Ganglien befinden, wirkt Schröpfen nicht nur lokal, sondern außerdem segmental und über kutiviszerale Zonen:Schröpfen\"\iReflexe auch auf innere Organe.
Wirkungen
Blutiges Schröpfen wirkt blutentziehend, ausleitend und entlastend und wird bei Zuständen der Fülle eingesetzt. Trockenes, unblutiges Schröpfen wirkt im Bereich der Reflexzone blutanziehend, ableitend, aktivierend und kräftigend.
Der schmerzlindernde Effekt in der Reflexzone wird durch die Freisetzung von Endorphinen und den verstärkten Abbau von Prostaglandinen verursacht. Zudem wird die Selbstregulation aktiviert.
Durchführung
Benötigt werden Schröpfgläser (Abb. 4.37) verschiedener Durchmesser oder Schröpfmassagegläser (mit Gummiball versehen). Um das Vakuum im Schröpfglas aufzubauen, wird hochprozentiger Alkohol (ca. 90 %) im Glas verschwenkt und dann angezündet. Es ist auch möglich, die Flamme eines in Spiritus getauchten und angezündeten Watteträgers kurz in das Glas zu halten und dieses sofort auf die Haut aufzusetzen. Gläser mit Rückschlagventil und Vakuumpumpen können ebenfalls verwendet werden.
Beim blutigen Schröpfen (Abb. 4.38) wird die Haut vor dem Aufsetzen der Gläser mit einem Schröpfschnepper (Vorsicht bei schwachem Bindegewebe) oder mit einer Hämostilette (6.6.1) durch ca. Schröpfen:blutiges\"\i20 Einstiche, die etwa 5–7 mm tief sind, geöffnet. Sind die Schröpfgläser bis zu einem Drittel mit BlutSchröpfschnepper gefüllt, können sie – meist nach 10–20 Min. – vorsichtig abgenommen werden. Blutig geschröpft werden sollte bei „heißen“ Gelosen (3.7.7). Sie verweisen auf einen Fülle-Zustand, also auf eine Abflussstörung, die durch Schröpfen positiv beeinflusst werden kann. Blutiges Schröpfen erfolgt immer auf dem Ort des Geschehens.
Sind kalte, blasse Gelosen (3.7.7) tastbar, ist der Patient in einem Leere-Zustand, der Blutfluss ist gestört und trockenes Schröpfen (Abb. 4.39) das Mittel der Wahl.
Bei trockenem Schröpfen sollte das Schröpfglas nicht unmittelbar an die betroffene Stelle gesetzt werden, sondern – um die Reizwirkung auszuweiten – in das umgebende Schröpfen:trockenes\"\iAreal.
Bei der Schröpfmassage wird mit einem Gummiball Luft aus dem Glas abgepumpt und dadurch ein Unterdruck erzeugt; der zuvor mit Salben oder Öl eingeriebene Körper wird mit dem Saugglas massiert. Dieses Verfahren kann Schröpfmassage\"\iauch zur Lockerung der Muskulatur als Vorbereitung für andere Therapieverfahren (z. B. Chiropraktik; dann Gel benutzen) angewendet werden. Das zu behandelnde Hautareal wird mit Hautöl (z. B. Japanisches Pfefferminzöl oder Mandelöl) eingerieben und mit dem Schröpfglas für etwa 2–4 Min. bearbeitet bzw. so lange, bis die zu behandelnde Stelle bläulich oder rötlich verfärbt ist.
Indikationen und Kontraindikationen
Durch die Behandlung von Schröpfzonen (Abb. 3.66) können funktionelle Störungen und Erkrankungen unterschiedlicher Organsysteme positiv beeinflusst werden. Folgende Indikationen haben sich bewährt:
  • akute und chronische Entzündungen, z. B. Sinusitis, Angina tonsillaris

  • HNO-Erkrankungen und Erkrankungen der Atemwege, z. B. Otitis media, Asthma bronchiale, akute und chronische Bronchitis

  • Erkrankungen des Verdauungsapparats, z. B. Oberbaucherkrankungen, exkretorische Verdauungsschwäche, funktionelle Darmerkrankungen

  • Erkrankungen des Bewegungsapparats, z. B. Zervikalsyndrom, Rückenschmerzen im HWS-, BWS- und LWS-Bereich, Osteoporoseschmerzen

  • Schwächezustände, z. B. Hypotonie, chronische Müdigkeit

  • funktionelle Herzbeschwerden

Die Art des Schröpfens – blutiges oder trockenes Schröpfen – bestimmt, wie der energetische Zustand des Patienten beeinflusst wird, nämlich ob entweder Energie zugeführt oder abgeleitet wird. Patienten mit atonisch-asthenischer Konstitution (3.7.7) sollten aufgrund der bestehenden Schwäche nicht blutig und auch nur mit Vorsicht trocken geschröpft werden, da sie sonst noch mehr ihrer ohnehin geringeren Kraft verlieren. Bei sthenischen Erkrankungen, bevorzugt bei Hypertonie und entzündlichen Erkrankungen, ist blutiges Schröpfen angezeigt.
Kontraindikationen sind akute Entzündungen des betreffenden Hautareals, allergische Hautveränderungen sowie Gerinnungsstörungen. Der Patient muss darüber aufgeklärt werden, dass es durch die Behandlung zu Hämatomen kommt.

Segmenttherapie

Segment- und Reflexzonendiagnose 3.7.7
Die Segmenttherapie wird sowohl therapeutisch eingesetzt, um durch spezifische Reize eine Umstimmung des Segmenttherapie\"\iKörpers zu erzielen, als auch zu diagnostischen Zwecken herangezogen. Aufgrund der segmentalen Verschaltungen auf der Ebene des Rückenmarks und der kutiviszeralen Reflexe sind durch die Zonen der Haut und des Unterhautgewebes auch innere Organe beeinflussbar.
Zu den angewendeten Methoden gehören u. a. die Reflexzonenmassagen, die Neuraltherapie (lokale Infiltrationen), die Akupunktur (nur bedingt nach der klassischen Theorie der alten chinesischen Heilkunde) sowie thermische und elektrotherapeutische Reize. Auch die Aschner-Verfahren (4.2.1) bedienen sich dieser Grundlage. Zu den bekanntesten Reflexzonen gehören die Head-Zonen (3.7.7), die vom Rücken über die Frontseite und die Extremitäten verlaufen, und die Fußreflexzonen (4.2.38). Zu erwähnen sind ferner die Handreflexzonen, die Adler-Druckpunkte zum Auffinden von Kopfherden, die Weihe-Druckpunkte sowie die Intercostal-Raum-Diagnose nach Nils Krack. Im Mundbereich geben Adler-Druckpunkte\"\idie Zähne und die Zunge Hinweise auf Belastungen der Organe und Systeme (13.5.1).
Bei aller Weihe-Druckpunkte\"\iUnterschiedlichkeit der Therapieverfahren bestehen die Gemeinsamkeiten darin, dass durch die Reflexzonen über das Nervensystem übergeordnete Regelkreise beeinflusst sowie eine Umstimmung des Stoffwechsels und eine Neuregulation der Körperrhythmen erzielt werden.

Shiatsu

Shiatsu wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der chinesischen Massage Tuina (4.2.45) und der japanischen Massage Anma entwickelt. Die manuelle Behandlung basiert auf denselben Prinzipien wie Shiatsu\"\idie TCM (4.2.44) und zielt darauf ab, durch Massage, aber auch durch Elemente der Osteopathie und Physiotherapie, den Energiefluss in den Meridianen wieder herzustellen.
Konzept
Während einer Shiatsu-Behandlung werden die druckempfindlichen, im Verlauf der Meridiane lokalisierten Akupunkturpunkte, die sog. Tsubos, durch gezielten manuellen Druck (jap. shi = Finger; atsu = Druck) angeregt und somit geschwächte oder gestaute Energieströme aktiviert und Blockaden gelöst. Zudem werden die mit dem Tsubos\"\iMeridian in Verbindung stehenden inneren Organe positiv beeinflusst. Ziel ist es, die in den Meridianen zirkulierende Lebensenergie zu harmonisieren sowie die Selbstheilungskräfte anzuregen.
Durchführung
Ein wesentlicher Behandlungsgrundsatz des Shiatsus besteht darin, dass die Behandlung und somit die Begegnung zwischen Therapeut und Patient aus dem „Hara“ heraus stattfinden soll, der Körperzone, die die eigene Mitte repräsentiert und unterhalb des Bauchnabels liegt. Zentriert, der eigenen Mitte bewusst – in dieser Haltung soll der Therapeut Hara\"\iden Patienten behandeln.
Diagnose
Neben dem Befragen wird – wie auch bei den anderen fernöstlichen Heilweisen – die Pulsdiagnose (4.2.44) eingesetzt, um den energetischen Zustand des Patienten zu erfahren. Betasten und Berühren der Meridiane sowie das sorgfältige Ertasten des Unterleibs (Hara-Diagnose) liefern wichtige Hinweise über den Fülle- und Leere-Zustand der jeweiligen Meridiane und Organe. Nach dem vorliegenden Energiezustand richtet sich die anschließende Behandlung.
Behandlung
Um die Tsubos mit dem richtigen Druck zu behandeln, ist es sinnvoll, eine Shiatsubehandlung auf einem Fußboden, der mit Matten ausgelegt ist, auszuführen. Der Boden sollte nicht zu hart und nicht zu weich sein, sodass das Körpergewicht gut in das Tsubo eingebracht werden kann. Ein drei- bis vierlagiger Futon ist ideal. Damit sich der zu Behandelnde entspannt hinlegen kann, sind Kopf- bzw. Knierollen bereitzuhalten, um eventuelle Spannungen im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule auszugleichen. Eine Knierolle bewirkt außerdem, dass sich die Bauchmuskulatur besser entspannen kann, was die Behandlung positiv beeinflusst und zudem die Diagnose (Hara-Diagnose) erleichtert.
  • Die Tsubos werden v. a. mit den Daumen für die Dauer von 3–5 Sek., am Rücken für 5–7 Sek. gedrückt. Es ist wichtig, nicht mit den Fingerspitzen zu drücken, sondern aus dem inneren Zentrum heraus mit dem ganzen Körper zu behandeln. Nur so – im Atemrhythmus des Patienten und aus der Haltung des Sich-sinken-Lassens – kann es gelingen, das eigene Körpergewicht abzugeben und zugleich Lebensenergie in Fluss zu bringen.

  • Der Druck wird auch mit dem Knöchel, dem Ellbogen, an manchen Stellen mit den Füßen ausgeübt. Zum Erwärmen werden oft Reibe- und Klopftechniken eingesetzt.

Spagyrik

Das Wort Spagyrik ist griechischen Ursprungs und setzt sich zusammen aus spao (griech. = trennen, lösen, scheiden) und ageiro (griech. = binden, vereinen). In Anlehnung an die Grundprinzipien der AlchemieSpagyrik, die des Trennens und Vereinens (lat. solve et coagula = trenne und verbinde), werden die Ausgangssubstanzen in ihre „wertvollen“ und „nutzlosen“ Bestandteile geschieden und die nun aufgeschlossenen Bestandteile neu vereint. Nur so lassen sich die inneren Wirkkräfte eines Stoffs und die heilkräftigen Substanzen in veredelter Form gewinnen.
Zu den großen Spagyrikern gehören Paracelsus (1493–1541), Cesare Mattei (1809–1896), Carl-Friedrich Zimpel (1801–1879), Theodor Krauss (1864–1924) und Alexander von Bernus (1880–1965).
Konzept
Die Alchemie geht davon aus, dass alles, was existiert, und jeder Lebensprozess Ausdruck der unsichtbaren Lebenskraft ist. In dieser Lebenskraft sind die Prinzipien „Sal“, „Sulfur“ und „Mercurius“ wirksam. Sal Alchemiesteht für das materialistische Sal\"\iPrinzip, Sulfur für das beseelte (feinstoffliche) und Mercurius für dasSulfur\"\i belebende Prinzip, das ständig zwischen Sal und Sulfur verbindet und Mercurius\"\ivermittelt. Bei der zu verarbeitenden Pflanze entspricht „Sal“ dem Mineralgerüst, „Sulfur“ repräsentiert die ätherischen Öle und Aromastoffe und somit das individuelle der Pflanze, während „Mercurius“ (= Anbindung) die Trägersubstanz symbolisiert. Der mehrstufige spagyrische Aufbereitungsprozess erfolgt durch labortechnische Verfahren – durch Gärung, Destillation und Veraschung. Spagyrische Heilmittel können aus allen Materialien hergestellt werden, so auch z. B. aus Blut, wodurch es als Nosode (4.2.22) wirkt.
Wirkungen
In der Spagyrik wird – trotz der Unterschiedlichkeit der Systeme – grundsätzlich davon ausgegangen, dass in den aufbereiteten Essenzen eine individuelle stoffliche Substanzkombination anwesend ist, die durch spezielle Aufbereitungsverfahren veredelt und „entstofflicht“ wird. Die gleichsam verborgenen, nun aufgeschlossenen Lebenskräfte, wirken informativ. Sie setzen am selbstregulierenden System des Organismus an und beeinflussen so viele akute und chronische Krankheiten positiv, und zwar sowohl auf körperlicher als auch auf seelisch-geistiger Ebene.
Durchführung
Spagyrische Arzneimittel werden in Deutschland von mehreren Firmen hergestellt, die entsprechend der Erkenntnisse unterschiedlicher Spagyriker verschiedene Herstellungsverfahren favorisieren. Meistens werden spagyrische Arzneimittel als Tropfen einer alkoholischen Lösung oder Globuli oral eingenommen, üblicherweise mit zeitlichem Abstand zu einer Mahlzeit. Einige Firmen bieten spagyrische Komplexmittel an, andere Einzelessenzen zur individuellen Rezeptur.
Indikationen
Spagyrische Heilmittel können sowohl bei akuten als auch bei chronischen Erkrankungen erfolgreich eingesetzt werden. Die Kombination mit anderen (auch schulmedizinischen) Medikamenten und Verfahren ist problemlos möglich. Spagyrische Heilmittel wirken sich positiv sowohl auf organische Erkrankungen als auch auf vegetative Störungen und akute Infekte aus.
Außerdem unterstützen Spagyrika seelisch-geistige Prozesse, z. B. bei Stress, nach Trauma oder in Wandlungsphasen wie Pubertät oder Klimakterium.

Traditionelle Chinesische Medizin

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) umfasst nicht nur Akupunktur (4.2.3) und Moxibustion (4.2.29), sondern zahlreiche andere Therapierichtungen wie z. B. Traditionelle Chinesische Medizin\"\idie chinesische Ernährungstherapie, Kräuterheilkunde, Atem- und Bewegungstherapie sowie Massage (4.2.45). Auch die Heilgymnastik (Tai-Chi und Qigong) ist Bestandteil dieses in sich geschlossenen Behandlungssystems.
Konzept
Grundlage der TCM ist die asiatische Philosophie mit ihrem Konzept der gegensätzlichen Prinzipien des Yin und Yang (Tab. 4.4), aus denen sich alle Lebensprozesse (Tab. 4.5) aufbauen sowie die Theorie der fünf Wandlungsphasen.
Yin und Yang
Yang entspricht den Qualitäten der Aktivität, des Tages, der Sonne, des Geistes, während Yin den Qualitäten der Ruhe, des Empfangens, der Nacht, des Mondes Yin\"\iund des Körpers zugeordnet werden kann. Yang\"\iYin und Yang sind Gegensätze, doch es sind Gegensätze, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen und bedingen. So ist die Kraft des einen in der Kraft des anderen begründet: Das Äußere birgt das Innere, der Tag die Nacht, das Licht den Schatten, das eine kann ohne das andere nicht auskommen.
Das dynamische Wechselspiel von Yin und Yang bringt die Lebensenergie, die Lebenskraft der Natur, das Qi (4.2.3), hervor. Im menschlichen Körper fließt das Qi in den Meridianen. Wird der Fluss der Lebensenergie und somit auch das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang gestört, können sich Krankheiten entwickeln. Störende bzw. krankmachende Faktoren sind z. B. klimatische Einflüsse (z. B. Wind, Kälte Feuchtigkeit), epidemische Faktoren (z. B. Ruhr, Masern), emotionale Faktoren (z. B. Freude, Zorn, Sorge, Trauer, Angst), Ernährungsfehler, Über- und Unterbelastung sowie Verletzungen. Ziel der Behandlung ist eine Harmonisierung von Yin und Yang.
Fünf Wandlungsphasen
Der Theorie der fünf Wandlungsphasen entsprechend werden den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser fünf Wandlungsphasen\"\ibestimmteWandlungsphasen\"\i Entsprechungen (Funktionen, Begriffe, Meridianpaare Tab. 4.5) zugeordnet. Die Elemente, fünf\"\ieinzelnen Elemente stehen in bestimmter fünf Elemente:TCM\"\iBeziehung (Abb. 4.40) zueinander, in einer Mutter-Sohn-Beziehung (Hervorbringungszyklus) oder in einer Sohn-Mutter-Beziehung (Kontrollzyklus). Störungen in diesem Gleichgewicht können Krankheiten hervorrufen.
Durchführung
Das Konzept von Yin und Yang hat großen Einfluss auf das diagnostische und therapeutische Vorgehen.
Ob Yin und Yang im Gleichgewicht sind, erkennt der Therapeut durch anamnestische Hinweise und Inspektion sowie über die Puls- und Zungendiagnose.
  • Anamnese: Das Gesamtbefinden des Patienten – z. B. Temperaturempfinden, Schwitzen, Appetit, Durst, Geschmack, Stuhl und Urin, Schmerzempfindlichkeit – wird den energetischen Qualitäten zugeordnet.

  • Inspektion: Ebenso verweisen die Gesichtsfarbe, das äußere Erscheinungsbild, Sprache und Stimme auf energetische Ungleichgewichte.

  • Zungendiagnose (3.7.8): Die Farbe des Zungenbelags und die Haltung des Zungenkörpers ergeben weitere Aufschlüsse über die vorliegende Erkrankung.

  • Pulsdiagnose (3.7.6): Indem der Puls der A. radialis getastet wird, können anhand der Frequenz, Tiefe, Geschwindigkeit und vieler anderer Qualitätskriterien die Lokalisation und der Schweregrad der Erkrankung diagnostiziert werden.

Die Diagnose anhand der 8 Leitkriterien, d. h. Yin und entsprechend Innen, Kälte, Mangel bzw. Yang und entsprechend Außen, Hitze, Fülle gestattet eine erste Aussage über die Grundstörung (Tab. 4.5). Dabei stellen Yin und Yang übergeordnete Kategorien dar. Unterschieden werden:
  • Yang-Syndrom: Yang-Überschuss durch Hitze oder vermindertes Yin, entspricht einem Hitze-Syndrom

  • Yin-Syndrom: Yin-Überschuss durch Kälte oder vermindertes Yang, entspricht einem Kälte-Syndrom

Mangel- (Leere) und Fülle-Syndrome werden u. a. nach folgenden Merkmalen differenziert: Da die einzelnen Kriterien selten isoliert auftreten, können sich Kombinationen aus den 8 Leitkriterien ergeben, z. B. Leere-Kälte (Yang-Mangel), Fülle-Kälte (Yin-Überschuss), Leere-Hitze (Yin-Mangel) und Fülle-Hitze (Yang-Überschuss).
Chinesische Phytotherapie und Arzneimittel
Die Kräuterheilkunde (Abb. 4.41) spielt in der chinesischen Medizin eine bedeutende Rolle: Die TCM-Therapeuten ordnen den Heilkräutern bestimmte Geschmacksrichtungen,Phytotherapie:chinesische\"\i Charaktere und Meridiane zu. So unterscheiden sie Kräuter gegen Hitze (z. B. Wasserfenchel mit Bezug Nieren- und Blasenmeridian), oberflächlich befreiende Kräuter warm-scharfer Natur (z. B. frischer Ingwer mit Bezug Lungen-, Magen- und Milzmeridian) oder Kräuter zur Blutregulation (z. B. Gelbwurz mit Bezug Herz-, Lungen- und Lebermeridian). Anhand der Diagnose werden individuelle Kombinationen der einzelnen Kräuter erstellt. In TCM-Lehrbüchern finden sich zudem bewährte Rezepturen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Apotheken, die sich auf chinesische Arzneimittel spezialisiert haben. Die Ginsengwurzel, eine der bekanntesten chinesischen Pflanzen, wird auch im Westen zur Steigerung der Vitalität, Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, bei Erschöpfungszuständen und bei Störungen der Konzentrationsfähigkeit angewendet.
Körpertherapie
Atem- und Bewegungsübungen sowie Heilgymnastik – Qigong und Tai-Chi – werden in die Behandlung integriert, um die Lebensenergie Qi (4.2.3) zu harmonisieren, der Entstehung von KrankheitenQigong\"\i vorzubeugen sowie die Gesundheit zu fördern. Diese übenden Tai-Chi\"\iVerfahren enthalten viele meditative Elemente und fördern somit auch die Entwicklung einer meditativen inneren Einstellung.

Tuina-Massage

Tuina, ein Verfahren der chinesischen manuellen Therapie und somit Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (4.2.44), entwickelte sich aus der Tuina-Massage\"\iMassagetherapie Anmo, die auf zwei Behandlungstechniken basierte, dem Drücken (An) und Streichen (Mo).
Konzept
Tuina (Abb. 4.42) umfasst ca. 35 verschiedene Grifftechniken, so z. B. Streichen entlang des Meridian- und Muskelverlaufs, Pressen von Akupunkturpunkten, rhythmische Schlagbewegungen mit der Handkante oder Vibrationen in hoher Frequenz.
Die Meridianmassage, die Massage der inneren Organe und die Entspannungsmassage sind die grundlegenden Massagearten des Tuina.
Auch Tuina basiert entsprechend den Gesetzmäßigkeiten der Traditionellen Chinesischen Medizin auf der Lehre von den Meridianen und den energetischen Prinzipien von Yin und Yang (4.2.44) sowie der Fünf-Elemente-Lehre (4.2.44).
Wirkungen
Neben der Möglichkeit, Muskelverspannungen zu lösen sowie Fehlstellungen von Knochen und Gelenken zu korrigieren, werden – entsprechend den energetischen Prinzipien der TCM – folgende Faktoren positiv beeinflusst:
  • Anregung der Blut- und Qi-Zirkulation

  • Regulierung von Yin und Yang sowie der inneren Organe

  • Harmonisierung von Leere- und Fülle-Zuständen innerhalb des Organismus

  • Stärkung des Immunsystems

Durchführung
Es werden ableitende (sedierende) und stärkende (tonisierende) Techniken unterschieden. Ableitende Techniken werden kurz, langsam und mit schwachem Druck ausgeführt. Die Bewegungen erfolgen im Uhrzeigersinn und entgegen dem Meridianverlauf.
Stärkende Techniken sind gekennzeichnet durch kräftige, schnelle und lange Massagen, durch kreisförmige Bewegungen entgegen dem Uhrzeigersinn und in Richtung des Meridianverlaufs.
Je nach Körpergewicht, Konstitution des Patienten und der zu behandelnden Körperstelle wird mit dem Daumen, der Handkante, manchmal sogar mit dem Ellenbogen gearbeitet.
Indikationen
Bei folgenden Beschwerden hat sich eine Tuina-Behandlung besonders bewährt:
  • Erkrankungen des Bewegungsapparats, z. B. Muskelverspannungen, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Arthrosen, Rehabilitation nach OP und Verletzungen, chronische Schmerzsyndrome

  • neurologische Erkrankungen, z. B. Paresen und Neuralgien

  • Kopfschmerzen und Migräne

  • funktionelle Magen-Darm-Störungen

  • Dysmenorrhö

  • pädiatrische Erkrankungen (spezielle Massage)

Für Kinder wurde eine besonders sanfte Variante der Tuina-Behandlung entwickelt, die z. B. bei fieberhaften Infekten, Durchfall oder Gedeihstörungen wirkungsvoll eingesetzt werden kann.
Kontraindikationen
Tuina darf nicht angewendet werden in der Schwangerschaft, bei Entzündungen, erhöhter Blutungsneigung, Insuffizienz innerer Organe sowie bei Tumoren und schwerer Osteoporose.

Arzneimitteltherapie

Schon immer war den Menschen die lindernde Wirkung bestimmter Kräuter bekannt. Pflanzenkundige sammelten diese Heilpflanzen, um daraus Tinkturen, Arzneitees, Heilpulver oder Umschläge zu bereiten. Heute hat die Arzneimitteltherapie (Pharmakotherapie) die Grenzen des Pflanzenreichs längst überschritten und verwendet tierische, menschliche, halbsynthetische und synthetische Substanzen, um daraus über 100.000 (in Deutschland zugelassene)Pharmakotherapie Wirkstoffzubereitungen zu produzieren.

Arzneimittel

Arzneimittel (Medikament, Pharmakon, engl. drug): jeder Stoff und jedes Stoffgemisch zu diagnostischen Zwecken oder zur Verhütung oder Behandlung von Erkrankungen. Der Begriff „Arzneimittel“ ist gesetzlich definiert (2.5.1).

Ein Arzneimittel besteht in der Regel aus einem Medikamente:pharmazeutischoder mehreren ArzneimittelWirkstoffen sowie aus Hilfsstoffen. Wirkstoffe Medikamente s. Arzneimittelkönnen Pharmakon s. Arzneimittelchemische Elemente oder Wirkstoffe:ArzneimittelArzneimittel:WirkstoffeVerbindungen sein, aber auch Pflanzen oder Pflanzenteile sowie Bestandteile oderHilfsstoffe:Arzneimittel Stoffwechselprodukte von Tieren, Bakterien oder Arzneimittel:HilfsstoffeViren. Hilfsstoffe werden zugesetzt, um z. B. das Arzneimittel zu konservieren oder die Resorption der Wirksubstanz zu verändern.
Ausnahme ist das Placebo (Scheinmedikament), das keine Wirkstoffe enthält, aber „echten“ Arzneimitteln täuschend ähnelt. Allein der Glaube an die Wirkung Placebound das Vertrauen in den Arzt können zu einer Besserung der Beschwerden Scheinmedikament s. Placeboführen, was als Placebo-Effekt bezeichnet wird. Warum und wie ein Placebo die erwünschten Wirkungen wie auch Nebenwirkungen entfalten kann, ist dabei bis heute nicht genau geklärt. Placebos werden heute v. a. im Rahmen klinischer Studien gegeben. Placebo-EffektEin darüber hinausgehender Einsatz ist äußerst umstritten.
Aus rechtlicher und ethischer Sicht ist die Placebogabe fragwürdig. Der Patient wird nicht wahrheitsgemäß und umfassend informiert, sein Selbstbestimmungsrecht nicht beachtet. Wird er informiert, ist das Vertrauen zum therapeutischen Team meist zerstört, ebenso wie die Wirkung des Placebos.
Während Arzneirezepturen individuell in der Apotheke aufbereitet werden, handelt es sich bei Fertigarzneimitteln (Arzneimittelspezialitäten, ArzneimittelpräparatenArzneirezepturen) um industriell hergestellte Fertigmedikamente (2.5.1). Diese machen heute den größten Teil der verordneten Arzneimittel aus.
FertigarzneimittelPharmazeuten verstehen unter dem Begriff Drogen heilmittelhaltige, getrocknete Pflanzen oder Pflanzenteile. Im allgemeinen Sprachgebrauch umfasst der Begriff in der Regel Substanzen, die zu Abhängigkeit (Sucht 26.14) führen können, die sogDrogen. Rauschdrogen und Alkohol.
Arzneimittelgesetz
Den Umgang mit Arzneimitteln regelt das Arzneimittelgesetz (AMG 2.5.1). Es enthält Vorschriften über die Herstellung, Zulassung, Kontrolle, Verschreibung und Abgabe von Arzneimitteln sowie Arzneimittelgesetzdie Produkthaftung des Herstellers. Im Alltag sind v. a. die Vorschriften über die Verschreibung und Abgabe der Arzneimittel von Bedeutung:
  • Freiverkäufliche Arzneimittel (z. B. Mund- und Rachendesinfektionsmittel, bestimmte pflanzliche Tees und Tabletten oder Mineralstoffpräparate) sind nicht nur in Apotheken, sondern auch in Drogerien und (z.Arzneimittel:freiverkäufliche T.) in Supermärkten erhältlich. Sie können von jedem ohne Kontrollen gekauft werden.

  • Apothekenpflichtige Arzneimittel dürfen nur in Apotheken verkauft werden, unterliegen aber ansonsten keinen Abgabekontrollen. Sie sind die typischen Medikamente zur Selbstmedikation (scheinbar) leichter Arzneimittel:apothekenpflichtigeErkrankungen. Charakteristische Beispiele sind Schmerzmittel wie Azetylsalizylsäure und Paracetamol (23.16.4), Abführmittel (13.4.6) oder Baldrianpräparate zur Beruhigung. Der freie Zugang zu den Arzneimitteln bedeutet jedoch nicht, dass die Mittel „harmlos“ sind. Besonders bei längerer Anwendung können ernste Schäden auftreten (z. B. Nierenfunktionsstörungen bei langjähriger Schmerzmitteleinnahme, Darm- und Elektrolytstörungen bei Abführmittelmissbrauch).

  • Verschreibungspflichtige Arzneimittel, z. B. Antibiotika, werden vom Apotheker nur auf Vorlage einer schriftlichen ärztlichen Verordnung (eines Rezepts) abgegeben, da diese Medikamente bei unkontrollierter Einnahme Arzneimittel:verschreibungspflichtigeerfahrungsgemäß relativ häufig zu Schäden führen.

  • Verschreibungsfähige Betäubungsmittel wie z. B. Morphium werden nur auf eine besondere Betäubungsmittelverordnung und nur bis zu einer bestimmten Maximalmenge abgegeben.

Tipp

In diesem Buch sind verschreibungspflichtige Medikamente mit einem Rp vor dem Namen gekennzeichnet.

Arzneimittelnamen

Drei Namen für ein Medikament
Jedes Medikament hat in der Regel drei Namen:
  • Der chemische Name, die genaue chemische Bezeichnung der Substanz, z. B. 2-Arzneimittel:NamenAcetoxybenzoesäure, ist in erster Linie für Apotheker Medikamente:Namenund Chemiker interessant.

  • Der Freiname (generic name), im oben genannten Beispiel Azetylsalizylsäure, geht dem Geübten bereits leichter von der Zunge und entspricht meist der Freinamechemischen Kurzbezeichnung der Substanz.

  • Unter dem Handelsnamen (generic namePräparatenamen) wird das Medikament vom jeweiligen Hersteller vertrieben. Der Handelsname ist auf Dauer, die Zusammensetzung des Medikaments patentrechtlich für 20 Jahre ab Anmeldung geschützt. HandelsnameDanach kann jede andere Firma das Medikament „kopieren“ und unter eigenem Handelsnamen in den Verkehr bringen. Diese Nachahmerpräparate heißen Generika. Der Handelsname ist durch ein ® (Registered trademark = eingetragenes Warenzeichen) gekennzeichnet. Beispiele für unterschiedliche NachahmerpräparateHandelsnamen des gleichen Arzneimittels sind Aspirin® oder ASS ratiopharm®.

Namenszusätze
GenerikaViele Präparate tragen Namenszusätze, die auf besondere Eigenschaften des Medikaments hinweisen:
  • Zahlen geben häufig den Wirkstoffgehalt pro Tablette oder Ampulle an. So Arzneimittel:Namenszusätzeenthält etwa eine Tablette Aspirin® 100 100 mg Azetylsalizylsäure, eine Tablette Aspirin® 300 dagegen 300 mg.

  • Präparate mit dem Zusatz Mono enthalten in der Regel nur einen Wirkstoff (z. B. LP-Truw® Mono). Dagegen stellen Präparate mit den Zusätzen compositum (kurz comp., z. B. Euphorbium compositum Heel®) oder plus (z. B. Buscopan® plus) meist eine Kombination mehrerer Wirksubstanzen dar.

  • Die Zusätze mite (z. B. Folsäure Hevert mite) oder minor (z. B. Rp Digimerck® minor) weisen auf eine geringere Dosis, der Zusatz forte (z. B. A-E-Mulsin® forte) auf eine höhere Dosis verglichen mit dem zuerst auf dem Markt erschienenen Präparat hin.

  • Depot (z. B. B12-Depot-Hevert) oder retard (z. B. Rp isoket®-retard) bedeuten meist eine verzögerte und/oder verlängerte Wirkung der Präparate, z. B. durch einen magensaftresistenten Überzug bei Tabletten.

Merke

Verlass ist auf die Namenszusätze nicht! Diese und andere Namenszusätze (z. B. Long und Spezial) können auch eine andere Bedeutung haben.

Viele Arzneimittel sind entsprechend ihrer Zusammensetzung mit und ohne Namenszusätze(n) erhältlich. Um Verwechslungen zu vermeiden, bemühen sich die Hersteller um ein anderes Aussehen der Verpackung und der Ampullen oder Tabletten. Dies gelingt aber nicht immer. Beim Verordnen oder Richten der Medikamente ist also der Beipackzettel (Gebrauchsinformation) des Medikaments sorgfältig zu lesen. Um sich jederzeit über mögliche Nebenwirkungen des Medikaments informieren zu können, wird der Beipackzettel in der Arzneimittelpackung belassen, bis diese vollständig aufgebraucht ist.

Pharmakokinetik und Pharmakodynamik

Die Lehre von den Wechselwirkungen zwischen Arzneistoffen und Organismus wird als Pharmakologie (Arzneimittelkunde) bezeichnet. Die PharmakokinetikPharmakologie wird Pharmakodynamikunterteilt (Abb. 4.43) in:
  • Pharmakokinetik, die Lehre von der Resorption (Aufnahme), Verteilung, PharmakologieVerstoffwechslung und Elimination (Ausscheidung) des Arzneistoffs im Körper („Was macht der Körper mit der Substanz?“)

  • Pharmakodynamik, die sich Pharmakokinetikmit den (erwünschten und unerwünschten) Wirkungen eines Arzneistoffs auf den Organismus befasst („Was macht die Substanz mit dem Körper?“)

Diese verschiedenen Prozesse werden z. B. durch Alter, PharmakodynamikErkrankungen oder andere Medikamente beeinflusst und wirken sich bei jedem Menschen unterschiedlich aus. Besonders bei alten Menschen, Leber- und Nierenkranken kann die Ausscheidung des Medikaments so beeinträchtigt sein, dass sich die Substanz im Körper anreichert, d. h. kumuliert. Bei einem Medikament mit geringer therapeutischer Breite entwickeln diese Patienten bei „Normaldosierung“ innerhalb kurzer Zeit Vergiftungserscheinungen.
Im Hinblick auf die Arzneimittel:Kumulationtherapeutische Wirkung eines Medikaments sind folgende Unterscheidungen wichtig:

Therapeutische Breite: Dosisunterschied zwischen der zur Erzielung der therapeutischen Wirkung erforderlichen Dosis und derjenigen, die gefährliche Überdosierungserscheinungen nach sich zieht. Es bedeuten:

  • große therapeutische Breite = „sicheres“ Medikament

  • geringe therapeutische Breite = relativ risikoreiches Medikament mit ggf. erhöhtem Überwachungsbedarf des Patienten bezüglich möglicher Nebenwirkungen

Arzneimittelnebenwirkungen

Bei jeder Arzneimitteltherapie therapeutische Breitekönnen unerwünschte therapeutische BreiteArzneimittelwirkungen auftreten, meist Arzneimittelnebenwirkungenkurz Nebenwirkungen genannt. Dies gilt Nebenwirkungen:Arzneimittelauch für naturheilkundlicheArzneimittelnebenwirkungen Medikamente.
Nebenwirkungen sind oft subjektiv störend, aber meist harmlos. Gelegentlich führen sie jedoch Arzneimittelwirkungen:unerwünschtezu ernsten Organschäden, z. B. zum Gehörverlust oder zur Einschränkung der Blutzellbildung. Löst das Medikament als Nebenwirkung Erbrechen aus, kann es nicht mehr aus dem Magen-Darm-Trakt resorbiert werden und ist in seiner Wirkung beeinträchtigt.
Inwieweit Nebenwirkungen toleriert werden (müssen), ist auch von der Grunderkrankung des Patienten abhängig. Während ein Präparat gegen leichte Befindlichkeitsstörungen beim Auftreten von Nebenwirkungen in der Regel abgesetzt wird, müssen bei lebensbedrohlichen Erkrankungen, etwa schweren Infektionen oder Tumorleiden, auch ernste Nebenwirkungen in Kauf genommen werden.
Die Nebenwirkungen eines Arzneimittels sind aus der Packungsbeilage (sog. Beipackzettel oder Gebrauchsinformation 4.3.6) ersichtlich. Aus juristischen Gründen sind hier aber Packungsbeilage:Arzneimittelnebenwirkungenauch Arzneimittelnebenwirkungen:Packungsbeilagesehr seltene und wenig praxisrelevante Nebenwirkungen vermerkt. Unabhängig von substanzspezifischen Nebenwirkungen kann der Patient auf Beipackzettel s. Packungsbeilagejedes Medikament eine Allergie (22.6) sowohl gegen den Wirkstoff selbst als auch gegen die in der jeweiligen Zubereitung enthaltenen Hilfsstoffe entwickeln. Meist treten Allergien in Form von relativ harmlosen Symptomen auf, wie z. B. als Hautausschlag. Es kann allerdings auch eine allergische Sofortreaktion oder ein anaphylaktischer Schock verursacht werden (22.6.2), besonders bei parenteraler Gabe eines Medikaments.

Merke

Beobachten Sie jeden Patienten, der Arzneimittel einnimmt, sorgfältig hinsichtlich des Auftretens von Nebenwirkungen.

Treten „neue“ Befindlichkeitsstörungen auf, sollten Sie diese nicht kritiklos auf die Grunderkrankung zurückführen, sondern stets auf einen Zusammenhang mit der Arzneitherapie überprüfen.
Bei der Behandlung mit naturheilkundlichen Medikamenten kommt es v. a. bei chronischen Erkrankungen mitunter zu sog. Erstverschlimmerungen (4.1.3), die als Heilreaktion zu werten sind und anzeigen, dass die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert wurden: So kann sich z. B. bei einem Patienten mit ErstverschlimmerungPsoriasis die Schuppenbildung verstärken oder ein grippaler Infekt einstellen. HeilreaktionErstverschlimmerungen dürfen nur Stunden, höchstens wenige Tage andauern und die Lebensqualität des Patienten nicht wesentlich beeinträchtigen.

Arzneimittelformen

Viele Arzneimittel sind in verschiedenen Arzneimittelformen (Zubereitungen, Darreichungsformen) erhältlich, z. B. als Tablette zum Schlucken, als Granulat Arzneimitteltherapie:Formenzum Auflösen oder als Injektionslösung zur parenteralen Gabe (Zubereitungen:ArzneimittelTab. 4.6, Tab. 4.7). Verträgt ein Patient eine bestimmte Darreichungsformen:ArzneimittelArzneimittelform nicht, wird überlegt, ob dies auf die Wirksubstanz oder die Zusatz- oder Hilfsstoffe zurückzuführen ist.
Eine verhältnismäßig neue Arzneimittelform sind transdermale therapeutische Systeme (TTS, „Medikamentenpflaster“). Sie werden auf die Haut aufgeklebt; der Wirkstoff wird kontinuierlich über längere Zeit freigesetzt und durch die Haut resorbiert. Bekannte Beispiele sind „Hormonpflaster“ zur Empfängnisverhütung oder gegen Wechseljahresbeschwerden, „Nikotinpflaster“ bei der Raucherentwöhnung, „Nitratpflaster“ bei koronarer Herzkrankheit oder „Schmerzpflaster“ bei chronischen Schmerzen. Generell dürfen TTS nur auf intakte, unbehaarte Haut geklebt werden. Um Hautschäden zu vermeiden, wird der Applikationsort regelmäßig gewechselt. Die genaue Handhabung der TTS ist unterschiedlich. Hier sind die Herstellerangaben zu beachten.
Die Bioverfügbarkeit ist eine Messgröße für den Anteil einer Substanz, der unverändert im systemischen Kreislauf zur Verfügung steht. In Arzneimittel:Applikationsformender Pharmakologie versteht man unter Bioverfügbarkeit die Geschwindigkeit und das Ausmaß, in denen Bioverfügbarkeitder Wirkstoff eines Arzneimittels aus den jeweiligen Arzneimittelformen freigesetzt und resorbiert bzw. am Zielort verfügbar wird.

Gebrauchsinformation eines Arzneimittels

Der Gesetzgeber hat Hersteller von Fertigarzneimitteln (2.5.1) verpflichtet, dem Produkt eine Gebrauchsinformation (Beipackzettel, Waschzettel) beizulegen. Hieraus können VerordnerArzneimittel:Gebrauchsinformation (Heilpraktiker, Arzt) und Patient wichtige Informationen entnehmen. Obwohl die Gebrauchsinformationen von den BeipackzettelHerstellerfirmen sehr unterschiedlich gestaltet werden, können Waschzetteldie wichtigsten Informationen entnommen werden.
Wirk- und Inhaltsstoffe
Die Angabe des Wirkstoffs ist wichtig, um eine Allergie oder Unverträglichkeit auf diesen Wirkstoff ausschließen oder Rückschlüsse auf die Wirkungsweise der Substanz ziehen zu können. Unter dem Begriff Zusammensetzung werden der „arzneilich wirksame Bestandteil“ (Wirkstoff) in einer Maßeinheit (meist mg) pro Anwendungseinheit (z. B. Ampulle, Sprühstoß, Tablette) sowie Träger-, Hilfs- und Zusatzstoffe oder Konservierungsmittel aufgeführt. So kann der Behandler prüfen, mit welcher Dosierung die erwünschte Arzneimittelwirkung erreicht werden kann. Darüber hinaus ist aus den Angaben ersichtlich, ob ein Bestandteil des Arzneimittels mit Risiken für den Patienten verbunden ist (z. B. Allergie auf Konservierungsmittel, keine alkoholische Lösung für „trockene“ Alkoholabhängige). Zudem wird unter Stoff- und Indikationsgruppe die Arzneimittelgruppe (4.3.10) des Arzneimittels erwähnt und ggf. kurz die Wirkweise beschrieben.
Indikationen – Nebenwirkungen – Wechselwirkungen
Anwendungsgebiete (Indikationen 4.1.1) zeigen an, wann das Arzneimittel hilfreich eingesetzt werden kann. Gegenanzeigen (Kontraindikationen 4.1.1) verweisen darauf, wann das Arzneimittel nicht angewendet werden darf. Ebenso werden mögliche unerwünschte Begleiterscheinungen (4.3.4), sog. Nebenwirkungen, aufgeführt. Als Schutz gegen Regressansprüche werden auch Nebenwirkungen genannt, die äußerst selten vorkommen. Diese Angaben führen oft zu Verunsicherung oder gar Angst beim Patienten. Hier muss der Behandler die Balance finden, indem er die tatsächlich bestehenden Risiken abwägt und den Patienten aufklärt (nicht beschwichtigt!). Arzneistoffe stehen in Wechselwirkung mit anderen Mitteln, sie können sich gegenseitig beeinflussen; ihre Wirkung kann verstärkt oder abgemildert werden, und die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen kann zunehmen – mit z. T. erheblichen Risiken. In der Gebrauchsinformation sind Arzneistoffe aufgelistet, die erfahrungsgemäß die Wirkung des Arzneimittels verändern können. Die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten, bei denen eine Wechselwirkung besteht, ist äußerst kritisch abzuwägen. Sie ist möglichst zu meiden und darf nur unter engmaschiger Kontrolle durch den Behandler erfolgen.
Angaben zur Dosierung
Angaben zur Dosierungsanleitung, Art und Dauer der Anwendung führen auf, wie das Arzneimittel anzuwenden ist und ggf. über welchen Zeitraum es angewendet werden darf oder muss. Bei einigen Arzneimitteln ist aufgeführt, welche Symptome durch eine Überdosierung hervorgerufen werden können und welche Maßnahmen der Patient und der Behandler in einem solchen Fall ergreifen müssen.
Allgemeine Hinweise und Zusatzinformationen
Hier kann z. B. der Hinweis stehen „Arzneimittel sind für Kinder unzugänglich aufzubewahren!“ oder wie das Medikament gelagert werden muss. Bei vielen Arzneimitteln sind unter Zusatzinformationen weitere wichtige Angaben aufgeführt, wie z. B. Hinweise zur Einnahme des Medikaments in Schwangerschaft und Stillzeit oder Warnhinweise vor der aktiven Teilnahme am Straßenverkehr.

Lokale und systemische Arzneitherapie

Prinzipiell werden zwei Therapieformen unterschieden:
  • Bei der lokalen (örtlichen) Arzneimittelherapie soll eine örtlich begrenzte Wirkung (ohne Wirkung auf den Gesamtorganismus) erzielt werden. Typisches Beispiel ist das Auftragen einer Creme auf die Haut bei einer Pilzinfektion.

  • Bei der systemischen Arzneimitteltherapie:lokaleArzneimitteltherapie gelangt das Medikament in die Blutbahn und damit in den gesamten Organismus. Typisches Beispiel ist das Trinken eines (Bärentraubenblätter-)Tees bei einer Harnwegsinfektion oder die Einnahme eines Arzneimitteltherapie:systemischehomöopathischen Mittels im Rahmen einer Konstitutionsbehandlung.

Diese strenge Trennung ist jedoch eine Idealvorstellung, die nicht immer zutrifft. So werden bei vielen Medikamenten zur Lokaltherapie geringe Mengen des Wirkstoffs z. B. über die Haut resorbiert und gelangen dann in die Blut- und Lymphbahnen. Meist sind diese Mengen aber vernachlässigbar gering, sodass dennoch von einer Lokaltherapie gesprochen werden kann. In einigen Fällen wird allerdings so viel resorbiert, dass systemische (Neben)Wirkungen auftreten.

Applikationsformen

Es wird zwischen lokalen und systemischen Applikationen (Applikations-, Verabreichungsformen) unterschieden. Welche Applikationsform Applikationsformen (Arzneimittel)gewählt wird, ist von mehreren Faktoren abhängig:
  • Art des Arzneimittel:ApplikationsformenArzneistoffs, besonders seiner Resorptionsfähigkeit. Viele Stoffe, z. B. Insulin und andere Eiweiße, werden bei oraler Gabe durch die Verdauungsenzyme des Magen-Darmtrakts zerstört. Wird bei diesen Substanzen eine systemische Wirkung gewünscht, kommen nur parenterale Applikationen in Betracht.

  • Gewünschter Wirkort des Arzneimittels (lokal oder systemisch), Wirkungseintritt und Wirkdauer. So sind beispielsweise viele Antirheumatika (9.12.4, Pharma-Info) sowohl als Salbe zur lokalen als auch als Tablette zur systemischen Therapie erhältlich. Parenteral verabreichte Medikamente wirken in der Regel schneller als oral eingenommene Präparate.

  • Zustand und Wunsch des Patienten. Die meisten Patienten bevorzugen Tabletten, Dragees oder Kapseln. Ein Patient mit starker Übelkeit aber wünscht vielleicht ein Zäpfchen oder eine Spritze.

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden „Lokaltherapie“ und „lokale Applikation“ bzw. „systemische Therapie“ und „systemische Applikation“ oft gleichbedeutend verwendet. Diese Zuordnung trifft zwar meistens, aber nicht immer zu. Beispielsweise kann eine auf die Haut aufgetragene, d. h. lokal applizierte Salbe, sowohl lokal (etwa gegen eine Pilzinfektion) als auch systemisch (Nitratsalbe gegen Angina pectoris) wirken. Umgekehrt wirken sich die meisten oral eingenommenen Medikamente auf den Gesamtorganismus aus, doch gibt es auch einige, die nicht aus dem Darm aufgenommen werden und somit lokal auf die Darmschleimhaut und/oder Darmlichtung wirken (z. B. Nystatin gegen Pilzinfektionen).
Lokale Applikationsformen
Bei den meisten lokalen Applikationsformen wird das Medikament auf die Haut oder Schleimhaut gebracht:
  • oral: auf die Mundschleimhaut, z. B. Tinkturen

  • kutan: auf die Haut, z. B. Applikationsformen (Arzneimittel):lokaleSalben oder Cremes

  • otal, aural: in den Gehörgang, z. B. Ohrentropfen

  • konjunktival: auf die Bindehaut des Auges, z. B. Augentropfen

  • nasal: in die Nase, z. B. Nasentropfen

  • pulmonal: in die tieferen Atemwege, z. B. Inhalate

  • vaginal: in die Scheide, z. B. Scheidenzäpfchen

Je nach Medikament wird – v. a. bei Inhalationen – ein erheblicher Anteil des Wirkstoffs resorbiert.
Systemische Applikationsformen
Bei systemischen Applikationsformen wird zwischen enteralen (enteral = über den Darm) und parenteralen Applikationsformen (parenteral = am Darm vorbei, unter Umgehung des Darms) Applikationsformen (Arzneimittel):systemischeunterschieden. Enterale Applikationsformen sind:
  • (per)orale Medikamentengabe: „über den Mund“ (lat. per os), bei der das Medikament vom Patienten geschluckt und über die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts resorbiert wird

  • bukkale oder sublinguale Medikamentengabe: bei der das Medikament in die Wangentasche des Mundhöhlenvorhofs oder unter die Zunge gegeben und von der Mundschleimhaut resorbiert wird

  • rektale Medikamentengabe, z. B. durch Einführen eines Zäpfchens in den Mastdarm (Rektum) mit nachfolgender Aufnahme der Substanz über die Darmschleimhaut

Parenterale Applikationsformen sind die verschiedenen Injektionen und Infusionen (6.4, 6.5).

Lagerung und Entsorgung von Arzneimitteln

Merke

Arzneimittel sind potenziell gefährlich. Nur durch sorgfältigen Umgang mit Arzneimitteln kann sichergestellt werden, dass sie nicht in unbefugte Hände geraten.

Die Abgabe von Arzneimitteln (bis auf Muster) ist untersagt. (2.5.1)

In der Praxis werden ausschließlich Medikamente für den Praxisbedarf sowie Muster gelagert. Sie sollten so Arzneimittel:Entsorgungaufbewahrt werden, dass Unbefugte nicht an die Medikamente Arzneimittel:Lagerunggelangen können, z. B. in einem abschließbaren Schrank.
Medikamente zur oralen Applikation und Zäpfchen sowie Ampullen für die parenterale Anwendung sind im Schrank getrennt zu lagern, wobei innerhalb dieser Gruppen alphabetisch oder nach Anwendungsgebiet sortiert werden kann. Medikamente mit längerem Verfallsdatum werden hinter die mit baldigem Verfallsdatum einsortiert. Angebrochene Packungen werden gekennzeichnet und zuerst verbraucht.
Der Medikamentenschrank wird regelmäßig gereinigt und dabei auf Medikamente mit abgelaufenem Verfallsdatum kontrolliert. Medikamente, die nicht mehr benötigt werden oder kurz vor dem Verfallsdatum stehen, werden an die Apotheke zurückgegeben oder bei einer regionalen Sammelstelle entsorgt; sie gehören auf keinen Fall in die „normale“ Mülltonne oder in den Ausguss. Fehlende oder in Kürze ausgehende Medikamente werden neu bestellt.
Die Lagerungstemperatur für ein Medikament ist aus dem Beipackzettel und/oder der Medikamentenverpackung ersichtlich:
  • Die meisten Medikamente (auch Suppositorien) können bei Zimmertemperatur, d. h. bei 15–25 °C, Arzneimittel:Lagerungstemperaturaufbewahrt werden.

  • Einige Medikamente müssen im Kühlschrank bei 2–8 °C lagern.

  • Feuergefährliche Stoffe wie Alkohol dürfen nicht in der Nähe von Heizungen gelagert und müssen vor Sonne geschützt werden (Explosionsgefahr). Sie werden in verschließbaren, bruchsicheren Behältern mit besonderer Kennzeichnung (Flammensymbol) aufgehoben.

  • Einige Medikamente müssen vor Licht geschützt werden. Deshalb wird z. B. Wasserstoffsuperoxid in dunklen Glasflaschen gelagert.

Merke

Um Verwechslungen zu vermeiden, dürfen Arzneimittel nie in andere Gefäße oder Verpackungen umgefüllt werden. Beipackzettel und Lasche der Verpackung (mit Verfallsdatum und Chargennummer) sollten stets mit dem Medikament in der Originalverpackung bleiben.

Die meisten Medikamente sind zwar lange, allerdings nicht unbegrenzt haltbar. Deshalb ist heute auf allen Packungen das Verfallsdatum aufgedruckt, das allerdings nur für originalverschlossene Medikamente gilt. Medikamente aus geöffneten Originalpackungen, die aus ihrer Folie herausgeholt oder sogar schon weiterverarbeitet worden sind (z. B. Lösungen aus Pulver und Lösungsmittel), halten sich nicht so lange. Verfallene Medikamente lassen sich häufig an folgenden Veränderungen erkennen:
  • Verfärbungen des gesamten Medikaments und/oder lokale Farbveränderungen, etwa Flecken auf Tabletten

  • Konsistenzveränderungen, etwa nicht Arzneimittel:verfalleneaufschüttelbare Suspensionen (fester Bodensatz mit flüssigem Überstand), aufgeplatzte Oberflächen bei Dragees oder verklebte Kapseln

  • ungewöhnliche Beimengungen in sonst klaren Flüssigkeiten, etwa Trübungen oder Flocken in Infusionslösungen

  • Geruchsveränderungen, etwa bei ranzigen Salben

Bestehen Zweifel, ob das Medikament noch in Ordnung ist, kann und sollte man einen Apotheker fragen.

Lexikon der Arzneimittelhauptgruppen

Die Einteilung der Arzneimittelhauptgruppen ist nicht einheitlich.
  • Abmagerungsmittel: Arzneimittel zur Unterstützung der Gewichtsreduktion, meist „Appetitzügler“, vielfach als „Aufputschmittel“ missbraucht

  • ACE-Arzneimittel:EinteilungHemmer: den Gefäßwiderstand mindernde und somit den Blutdruck senkende Arzneimittel (11.5.1)

  • Aldosteron-Antagonisten: harntreibende Arzneimittel zur Ausschwemmung von Ödemen und Aszites (ACE-Hemmer 16.4.10)

  • Analeptika: zentral wirkende, stimulierende „Aufputschmittel“

  • Analgetika: Aldosteron-AntagonistenSchmerzmittel

  • Anthelminthika: systemische Mittel gegen Wurmerkrankungen

  • AnaleptikaAntiallergika: Arzneimittel gegen Allergien

  • Antianämika: AnalgetikaArzneimittel gegen Anämie (Blutarmut)

  • AnthelminthikaAntiarrhythmika: Arzneimittel gegen Herzrhythmusstörungen

  • AntiallergikaAntiasthmatika: Arzneimittel gegen Asthma

  • Antianämika Antibiotika: Arzneimittel gegen (bakterielle) Infektionen (25.5.1)

  • Antidemenzia: Arzneimittel bei (Alters-)AntiarrhythmikaDemenz

  • Antidepressiva: Arzneimittel gegen krankhaft niedergedrückte Stimmung

  • Antidiabetika: Insuline und orale Arzneimittel zur Diabetes-Therapie

  • AntidementiaAntidiarrhoika: Arzneimittel gegen Durchfallerkrankungen

  • Antidota: Gegenmittel bei Vergiftungen

  • Antiemetika: Arzneimittel gegen AntidiabetikaErbrechen

  • Antiepileptika: Arzneimittel gegen zerebrale Krampfanfälle (23.6.2)Antidot

  • Antifibrinolytika: Arzneimittel bei gesteigerter AntiemetikaFibrinolyse (20.2.7)

  • AntiepileptikaAntihämorrhagika: Arzneimittel gegen Blutungen bei hämorrhagischer Diathese (20.4.7)

  • AntifibrinolytikaAntihistaminika: Arzneimittel zur Behandlung allergischer Erkrankungen (z. B. AntihämorrhagikaHeuschnupfen, Asthma bronchiale)

  • Antihyperkinetika: Arzneimittel gegen (hyperkinetische) Bewegungsstörungen

  • AntihistaminikaAntihypertonika: Arzneimittel gegen Bluthochdruck

  • Antihypoglykämika: Arzneimittel Antihyperkinetikagegen Unterzuckerung

  • Antihypotonika: Arzneimittel zur Anhebung des AntihypertonikaBlutdrucks

  • Antihypoxämika: Arzneimittel zur Anhebung des Sauerstoffgehalts im Blut

  • AntihypoglykämikaAntiinfektiva: Arzneimittel gegen (bakterielle und virale) Infektionen

  • Antikoagulantia: Mittel Antihypoxämikazur „Blutverdünnung“ und Thromboseprophylaxe (20.8)

  • Antimykotika: AntiinfektivaArzneimittel gegen Pilzinfektionen

  • Antiparasitäre Mittel: Mittel Antikoagulantiagegen Läuse und Milben

  • Antiphlogistika: Entzündungshemmer

  • Antirheumatika: Arzneimittel gegen rheumatischeAntimykotika Erkrankungen

  • Antiseptika: Mittel zur Haut-, Schleimhaut- und Flächendesinfektion

  • AntiphlogistikaAntitussiva: Arzneimittel bei Husten

  • Antivertiginosa: Arzneimittel gegen Schwindel

  • AntiseptikaAnxiolytika (Tranquilizer): Arzneimittel zur Behandlung von AntitussivaAngststörungen

  • Arteriosklerosemittel: Arzneimittel gegen Antivertiginosasklerotische Gefäßveränderungen

  • Azidosetherapeutika: Arzneimittel zur Regulation von Störungen des AnxiolytikaSäure-Basen-Haushalts (16.4.12)

  • Balneotherapeutika: Badezusätze mit Arzneimittelwirkung

  • Beta-Rezeptorenblocker: AzidosetherapeutikaSympathikushemmende Arzneimittel v. a. zur Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (11.5.1)

  • Broncholytika: Arzneimittel gegen Asthma

  • BalneotherapeutikaCholagoga: Arzneimittel zur Förderung des Gallenflusses

  • Choleretika: Arzneimittel zur Anregung der Gallensaftproduktion

  • BroncholytikaCholinergika: Arzneimittel zur Erhöhung des CholagogaParasympathikotonus, z. B. bei bestimmten Formen des CholeretikaHarnverhalts

  • Dermatika: Arzneimittel zur (lokalen) Behandlung von Hauterkrankungen

  • CholinergikaDesinfizienzia: Mittel zur Haut-, Schleimhaut- und Flächendesinfektion

  • Diuretika: DermatikaHarntreibende Arzneimittel (16.4.10)

  • Emetika: Erbrechen auslösende Arzneimittel

  • Emmenagoga: die Menstruation Desinfizienziafördernde Arzneimittel

  • Entwöhnungsmittel: Mittel zur Unterstützung bei Alkohol-, Nikotin- Emetikaund Opiatentwöhnung

  • Enzyminhibitoren: Enzymhemmer (z. B. Antithrombin III 20.7.2)

  • EmmenagogaExpektorantia: Arzneimittel zur Auswurfförderung

  • Fibrinolytika: Arzneimittel zur Auflösung von EnzyminhibitorenBlutgerinnseln

  • Geriatrika: Arzneimittel gegen Altersbeschwerden

  • ExpektoranzienGynäkologika: Arzneimittel zur Behandlung von FibrinolytikaErkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane

  • Hämostyptika: GeriatrikaArzneimittel zur Blutstillung

  • Hepatika: Arzneimittel zur GynäkologikaBeeinflussung von Leberfunktionen

  • Hypnotika: Schlafmittel

  • Immunsuppressiva: Arzneimittel zur Unterdrückung derHämostyptika körpereigenen Abwehr

  • Infusionslösungen: Lösungen zur parenteralen Anwendung (Hypnotika6.5.1)

  • KalziumantagonistenImmunsuppressiva: gefäßerweiternde und blutdrucksenkende Arzneimittel v. a. zur nfusionslösungenBehandlung koronarer Herzkrankheit

  • Karminativa: blähungstreibende Mittel

  • Kardiaka: Arzneimittel zur KalziumantagonistenHerzkraftstärkung

  • Koronarmittel: Arzneimittel gegen Angina pectoris

  • Kortikoide: KarminativaNebennierenrindenhormone (ohne Sexualhormone 19.2.6)

  • Laxanzia: KardiakaAbführmittel (13.4.6)

  • Lipidsenker: Arzneimittel zur Senkung des Blutfettspiegels (Kortikoide15.6)

  • Lokalanästhetika: Arzneimittel zur lokalen Betäubung

  • Laxanzia\:Muskelrelaxanzia: Arzneimittel Lipidsenkerzur Muskelrelaxation bei Narkosen und zur Muskelentspannung, z. B. bei LokalanästhetikaVerspannungen

  • Neuraltherapeutika: Arzneimittel (z. B. Lokalanästhetika) zur Neuraltherapie (4.2.30)

  • MuskelrelaxanziaNootropika: Arzneimittel zur Verbesserung der Gehirnleistung bei Altersdemenz

  • NeuraltherapeutikaOphthalmika: Arzneimittel für die Augenheilkunde

  • Otologika: Arzneimittel für die NootropikaOhrenheilkunde, v. a. Ohrentropfen und salben

  • Parasympathikomimetika: Arzneimittel, dieOphthalmika die Wirkung des Parasympathikus nachahmen

  • OtologikaPhytopharmaka: pflanzliche Arzneimittel

  • Psychopharmaka: Arzneimittel mit Wirkung Parasympathikomimetikaauf die Psyche, z. B. Antidepressiva, angstlösende Arzneimittel, Beruhigungsmittel, MittelPhytopharmaka zur Steigerung der Gehirndurchblutung

  • Purgativum: stark wirkendes Abführmittel

  • Rhinologikum: PsychopharmakaArzneimittel mit Wirkung auf die Nase und Nasenschleimhaut

  • Roborantia: Stärkungsmittel, die die körperliche Purgativumund seelische Situation verbessern

  • Sedativa: RhinologikumBeruhigungsmittel

  • Sera: Arzneimittel zur aktiven und passiven RoborantiaImmunisierung

  • Spasmolytika: Arzneimittel gegen Krämpfe und Koliken

  • Sulfonamide:Sedativa\: Arzneimittel gegen bakterielle Infektionen

  • SeraThrombozytenaggregationshemmer: Arzneimittel zur SpasmolytikaVerhinderung der Blutplättchenverklumpung (20.8)

  • SulfonamideTuberkulostatika: Arzneimittel gegen Tuberkulose

  • Umstimmungsmittel: Mittel, die zurThrombozytenaggregationshemmer Umstimmungstherapie (4.1.3) eingesetzt werden, v. a. Mittel zur TuberkulostatikaSteigerung der Immunabwehr

  • Urologika: v. a. Arzneimittel gegen Blasen-, Prostata- und Nierensteinleiden

  • UmstimmungsmittelVenentherapeutika: v. a. Arzneimittel gegen Krampfadern

  • Wundbehandlungsmittel: UrologikaArzneimittel zur Wunddesinfektion und Förderung der Wundheilung einschließlich Geschwürbehandlung

  • Zytostatika: das Zellwachstum hemmende VenentherapeutikaArzneimittel v. a. für die Tumorbehandlung und Immunsuppression (22.7.2).

Dosierung und Verordnung

Allgemeine Regeln zur Dosierung

ZytostatikaMedikamentöse Therapie Schwangerer und Stillender 27.4.3
Medikamentöse Therapie bei Kindern 28.4
Medikamentöse Therapie beim alten Menschen 29.6
Bei Fertigarzneimitteln gibt der Arzneimittelhersteller die Arzneimittel:Dosierungübliche Dosierung vor. In den meisten Fällen ist es ratsam, sich an diese Empfehlungen zu halten. Meist entspricht eine Ampulle, eine Kapsel oder ein Beutelchen mit Granulat der Einzeldosis. Diese kann jedoch oft geändert werden, z. B. durch Zerbrechen einer Tablette an der Bruchrille oder indem zwei oder mehr Dragees auf einmal geschluckt werden. Berücksichtigen Sie bei der Verordnung die Individualität Ihres Patienten:
  • Nimmt der Patient bereits (ärztlich verordnete) Medikamente ein? Besteht die Gefahr von Wechselwirkungen?

  • Bestehen bekannte Allergien und Unverträglichkeiten?

  • Könnten Erstverschlimmerungen (4.1.3) auftreten?

  • Ist der Patient bereit und fähig zur Mitarbeit (Compliance)? Erlaubt z. B. seine Berufstätigkeit, das Medikament stündlich einzunehmen oder jede Viertelstunde drei Schlucke Tee zu trinken? Vergisst er evtl. die Einnahme? Könnte ein Kind die Einnahme verweigern, weil der Saft bitter schmeckt?

  • Welches ist die optimale Form der Verabreichung? (z. B. Tabletten, Tropfen oder Injektion?)

  • Kann sein Organismus die Arzneimittel verwerten? Bestehen besondere Risiken?

Tipp

Bei Kindern, Schwangeren und alten Menschen sowie Patienten mit (schweren) Nieren- oder Lebererkrankungen müssen Sie bei der Verordnung besondere Sorgfalt walten lassen.

Der Verordnungszettel

Viele Patienten haben Schwierigkeiten, sich die Verordnung ihres Behandlers zu merken, besonders wenn sie mehrere Arzneimittel gleichzeitig einnehmen müssen. Es empfiehlt sich, Verordnungszetteljedem Patienten einen „Verordnungszettel“ auszufüllen. Arzneimittel:VerordnungszettelViele Pharmafirmen geben kostenlos Verordnungszettel in Form eines Abreißblocks heraus, die sie als Werbefläche nutzen. Der Fachhandel verkauft neutrale Verordnungszettel. Die Abb. 4.44 zeigt ein Muster.

Rezeptieren

Rezept: (lat. receptum = Verpflichtung): schriftliche Anweisung eines Heilkundigen (Arzt, Heilpraktiker, Zahnarzt, Tierarzt) an einen Apotheker auf Herstellung und Herausgabe oder nur Herausgabe eines oder mehrerer Arzneimittel für einen bestimmten Patienten.

Früher waren Rezepte Arbeitsanweisungen für den Apotheker und meist Rezeptierendementsprechend umfangreich. Da heute die Herstellung von Arzneimitteln in Rezeptierenverschiedenen amtlichen Arzneibüchern (2.5.1) festgelegt ist und überwiegend Fertigarzneimittel Rezeptverordnet werden, haben heutzutage Rezepte einen weitaus geringeren Umfang.
Heilpraktiker dürfen laut Arzneimittelgesetz:
  • apothekenpflichtige und freiverkäufliche Fertigarzneimittel verordnen (rezeptieren)

  • dem Apotheker Anweisung zur Herstellung von Arzneimitteln geben, vorausgesetzt die Inhaltsstoffe sind nicht verschreibungspflichtig

Für Heilpraktiker wird es in Zukunft wieder wichtig werden, Arzneimittel selbst zu rezeptieren und herstellen zu lassen, da aufgrund der Zulassungsbestimmungen und des harten Wettbewerbs immer mehr naturheilkundliche Arzneimittel v. a. kleinerer Firmen vom Markt verschwinden. Auf diese Weise können bewährte, aber nicht (mehr) zugelassene Arzneimittel „nachgebaut“ werden (2.5.1). Es kann auch andere Gründe geben, Arzneimittel zu rezeptieren: Traditionsreiche Verfahren (z. B. chinesische oder tibetische Phytotherapie, Spagyrik, Ayurveda) verlangen oft individuelle Rezepturen. Zudem ist es die „Spezialität“ einiger Heilpraktiker, ein individuell zusammengestelltes Komplexmittel oder eine spezielle Teemischung zu verordnen.

Grundlagen der Rezeptierkunde

Das Rezept ist eine Privaturkunde, hat den Charakter eines Dokuments und muss deshalb dokumentenecht mit Tinte, Tintenstift oder Kugelschreiber geschrieben werden. Ein Format ist nicht vorgeschrieben, jedoch sollte ein spezielles Formular Rezeptieren:Angabenverwendet werden.
Das Rezept muss z. B. das Datum und die Unterschrift des Verordners tragen, Änderungen durch andere Personen sind Urkundenfälschung.
Das Rezept sollte in lesbarer Schrift verfasst sein. Auch heutzutage wird das Rezept nach traditionellen Regeln ausgestellt, unabhängig davon, ob es sich um ein „Rezepturrezept“ oder ein „Fertigrezept“ handelt. Für Preisberechnungen des Apothekers muss auf der linken Seite ein Rand freigelassen werden. Ein Rezept muss mindestens folgende Angaben enthalten:
  • Inscriptio (Inschrift, Eindruck): Hier stehen Vorname und Name, Adresse, Berufsbezeichnung und Telefonnummer des Behandlers.

  • Invocatio (Anrufung): Die Abkürzung „Rp.“ für „recipe“ (lat. = nimm) zeichnet das Rezept aus. Die frühere Abkürzung „Rpcd.“ (lat. cum deo = mit Gottes Hilfe), wird heute allerdings nicht mehr geführt. Hier wird meist auch das Datum angeben.

  • Ordinatio (Angaben über die Wirkstoffe): Hier werden die Arzneimittel angegeben. Bei einer Fertigarznei wird nur der Name, bei einer Herstellungsanweisung werden die einzelnen Bestandteile in festgelegter Reihenfolge (4.5.3) angegeben.

  • Subscriptio (Anweisung an den Apotheker): In der klassischen Rezeptierkunde wird die Apothekeranweisung immer in lateinischer Sprache rezeptiert (z. B. M. f. pulv. = „mische und mache ein Pulver daraus“); bei Fertigarzneimitteln erfolgt hier die Angabe über die Verpackungsgröße.

  • Signatura (Gebrauchsanweisung): Diese ist für den Patienten gedacht und wird immer in der Landessprache verfasst (z. B. 3 × tgl. 1 Tbl. vor den Mahlzeiten). Ein D. S. (da, signa, Tab. 4.10) steht für „gib und bezeichne“; hier soll der Apotheker das Arzneimittel (z. B. eine Teemischung) dem Patienten geben und es vorher mit der Gebrauchsanweisung in deutscher Sprache versehen (z. B. D. S. ein Esslöffel voll mit heißem Wasser überbrühen und 5 Min. ziehen lassen).

  • Nomen aegroti (Name des Patienten): Der Patientenname kann auch oben auf dem Rezept angegeben werden, vor den Namen wird das Wort „für“ gesetzt, auch die Adresse kann angegeben werden.

  • Nomen medici (Unterschrift des Behandlers): der Behandler unterzeichnet seine Verordnung – üblicherweise unleserlich – und macht sie dadurch zur Urkunde. Hier kann auch das Berufsstandssiegel bzw. das Verbandszeichen mit der Mitgliedsnummer aufgestempelt werden (keine Pflicht).

Maßeinheiten und Gewichte in der Rezeptierkunde
Da sich die Gewichtsangaben in der Regel auf Gramm beziehen, ist die Angabe der Maßeinheit meist nicht erforderlich. Werden andere Maßeinheiten (z. B. Milliliter, Kubikzentimeter) verwendet, müssen diese angeführt werden.
Alle Milliliter-, Rezeptieren:MaßeinheitenKubikzentimeter- und Grammangaben werden grundsätzlich in arabischen Zahlen – mit Punkt und einer Stelle dahinter – rezeptiert (z. B. 25.0 für 25 g) bzw. mit Kommastellen (z. B. 0,05 für 0,05 g). Wird die Dosis in Milligramm aufgeführt, ist die Schreibweise 5 mg (statt 0,005 g) zu wählen. Alle anderen Mengenangaben (z. B. Stückzahlen) werden in römischen Ziffern (z. B. XX für 20, C für 100) angegeben, um Verwechslungen zu vermeiden: z. B. eine Originalpackung (O. P. Nr. I), fünf Zäpfchen (Supp. Nr. V), 20 Tropfen (gtt. Nr. XX).
Trivialmaße
Mengenangaben werden als sog. Trivialmaße (Tab. 4.8) angegeben. Diese Maße sind zwar nicht exakt, haben jedoch den Vorteil, dass der Patient sie gut ermessen kann.
Römische Ziffern
Um im Rezept bestimmte Mengen ausweisen zu können, ist ein sicherer Umgang mit den römischen Ziffern erforderlich. Diese kurze Übersicht (Tab. 4.9) soll vorhandenes Wissen auffrischen und wieder verfügbar machen.
Große Zahlen schrieben die Römer mithilfe der zusätzlich eingeführten Zeichen, die eine Multiplikation mit 1.000 bzw. 100.000 darstellen. Für römische Ziffern gilt ferner:
  • Es dürfen nie mehr als drei gleiche Zeichen hintereinander stehen; nur das Zeichen M kann in einer Zahl beliebig oft vorkommen.

  • Die Zeichen I, X, C, M können nebeneinandergesetzt werden, die Zeichen V, L, D nicht.

Abkürzungen in der Rezeptur

Verschiedene festgelegte Abkürzungen (Tab. 4.10) geben dem Apotheker Herstellungs- und Mischungshinweise. Einige sind auch auf den Gebrauchsanweisungen von Fertigarzneimitteln oder in pharmakologischen Nachschlagewerken (z. B. Rote Rezeptieren:AbkürzungenListe 2.5.1) zu finden.
Werden ausschließlich Fertigarzneimittel eingesetzt, reicht es aus, nur einige Abkürzungen zu kennen. Für das Zusammenstellen eines Medikaments, beim freien Rezeptieren (4.5.3), müssen viele Abkürzungen lateinischer Fachbegriffe verwendet werden. Im Zweifelsfall können Sie sich vom Apotheker beraten lassen.

Ausstellen des Rezepts

Die Grundregeln des Rezeptierens sollten eingehalten werden, um die Qualität des Arzneimittels zu gewährleisten und Rückfragen des Apothekers aufgrund ungenauer Angaben zu vermeiden.

Achtung

Alle Inhaltsstoffe frei rezeptierter Arzneimittel dürfen nicht der Verschreibungspflicht (2.5.1) unterliegen!

Angaben über Wirkstoffe – Ordinatio
BeiRezeptieren:Ausstellen des Rezept einer Herstellungsanweisung werden die einzelnen Bestandteile in festgelegter Reihenfolge angegeben. Das Remedium cardinale, der Hauptwirkstoff, wird immer zuerst angeführt, unabhängig von der Größe seines materiellen Anteils. Je nach Zusammensetzung können dann ein oder mehrere weitere Bestandteile folgen.
  • Remedium adjuvans: Der Nebenwirkstoff Remedium:cardinaleunterstützt die Wirkweise des Remedium cardinale.

  • Remedium corrigens: Der Geschmacks- und Verschönerungswirkstoff verbessert den Geruch, den Geschmack oder das Aussehen Remedium:adjuvansdes Arzneimittels.

  • Remedium constitutens: Der zusammenfügende Bestandteil bestimmt die Konsistenz des Arzneimittels (fest, weich oder flüssigRemedium:corrigens). Manche Arzneimittel benötigen z. B. ein Verdünnungs- bzw. Lösungsmittel, eine Salbengrundlage oder ein Bindemittel. Die Menge des Remedium constituens muss soRemedium:constitutens bemessen sein, dass die Gesamtmenge des Arzneimittels (z. B. 100 g) das gewünschte Gewicht exakt erreicht.

Sollen zwei oder mehr Bestandteile in der gleichen Menge gegeben werden, wird die Mengenangabe nur beim letztgenannten Bestandteil aufgeführt, und zwar in arabischen Ziffern und nach der Abkürzung aa (lat. ana partes aequales = zu gleichen Teilen Tab. 4.9).
Die Urtinktur eines homöopathischen Arzneimittels wird mit Ø gekennzeichnet: Da es sich in diesem Fall immer um eine flüssige Lösung handelt, entfällt die Bezeichnung der Arzneimittelform (beispielsweise dil.). Spagyrische Arzneimittel erhalten die Abkürzung spag.; oft muss hier der Name des Herstellers nicht erwähnt werden.
Anweisung an den Apotheker – Subscriptio
In der klassischen Rezeptierkunde wird die Apothekeranweisung (Subscriptio) immer in lateinischer Sprache verfasst. Es werden die Abkürzungen aus Tab. 4.10 verwendet.
Ist die Form des Arzneimittels unmissverständlich klar, genügt ein M. D. S. (misce, da, signa = mische, gib, bezeichne), anderenfalls wird die Herstellungsanweisung (z. B. M. f. pulv. = „mische und mache ein Pulver daraus“) abgekürzt und schriftlich festgelegt.
Sollen nähere Angaben über die Anzahl der Einzelmengen erfolgen, schreibt man z. B. D. tal. dos. Nr. X für „gib (dem Patienten) zehn solcher Einzelgaben“.
Rezepturbeispiele
Jedes Rezept wird eingeleitet durch die Aufforderung an den Apotheker (Rp = nimm) und enthält nach Nennung der Substanzen, die differenziert ausgewiesen sein müssen, weitere Anweisungen, wie z. B. die, die Arzneistoffe zu mischen und die Dosierungsanweisung an den Patienten auszustellen.
Phytotherapeutische Rezepturen
Im Rezept müssen aufgeführt sein: Pflanzenteil – Pflanzenname – Menge (meist in Gramm) – Apothekeranweisung (D. S.). Besteht der Tee aus mehreren Heilpflanzen, wird die jeweilige Gesamtmenge bei der letzten Pflanze aufgeführt und durch die Abkürzung aa (zu gleichen Teilen) kenntlich gemacht. Sind die Mengenanteile der Pflanzen verschieden, werden die Pflanzen geordnet nach ihren Mengenanteilen aufgelistet; die letzte Pflanze enthält die Angabe (aa ad), bis zu welchem Teil aufgefüllt werden soll.
Das Teerezept muss auch eine genaue Zubereitungsanleitung (z. B. Aufguss, Abkochung) und eine Dosierungsanweisung enthalten.
In den nachfolgenden Rezepturbeispielen sind zur Orientierung die deutschen Pflanzenbezeichnungen angegeben. In einem Rezept müssen diese allerdings nicht aufgeführt werden.
Fencheltee gegen Blähungskoliken bei Kindern
Rp.
Foeniculi fructus 100.0
D. S. 1 TL, 2–4 × tgl. eine Tasse mit heißem Wasser übergießen, 10 Min. zugedeckt ziehen lassen, warm zwischen den Mahlzeiten trinken.
„Rheuma“-Tee
Dieser Tee besteht aus Brennnessel, bittersüßem Nachtschatten, Löwenzahn und Birkenblättern:
Rp.
Urticae herba
Dulcamarae stiptites
Taraxaci radix cum herba
Betulae folium aa ad 100.0
M. f. spec.
M. D. S.: 1 gehäufter TL auf 1 Tasse Aufguss, 10 Min. ziehen lassen, 4 × tgl. 1 Tasse.
Gallentee bei funktionellen Gallenwegsspasmen
Dieser Tee besteht aus verschiedenen Heilpflanzen (Erdrauch, Johanniskraut, Melisse, Gänsefingerkraut, Pfefferminze) mit verschiedenen Mengenanteilen:
Rp.
Fumariae herba 40.0
Hyperici herba
Melissae folium
Anserinae herba aa 30.0
Menthae piperitae folium 20.0
M. f. spec.
M. D. S.: 1 gehäufter TL auf 1 Tasse Aufguss, 10 Min. ziehen lassen, ungesüßt 3 × tgl. 1 Tasse nach dem Essen.
Rezepturen für homöopathische und spagyrische Mittel
Im Rezept müssen aufgeführt sein: Mittelname – Potenz – Arzneiform – Arzneimittelgröße – Hersteller – Apothekeranweisung. Enthält das Komplexmittel mehrere Bestandteile bzw. mehrere Bestandteile in unterschiedlicher Menge, ist – wie bereits aufgeführt – am letzten Mittel die jeweilige Gesamtmenge (aa) vermerkt bzw. die Angabe aufgeführt, bis zu welcher Menge aufgefüllt werden (aaad) soll.
Homöopathisches Einzelmittel
Rp.
Acidum phosphoricum D 6 dil. 20.0
„Firma ABC“
D. S.: 3 × tgl. 5 Tr.
Homöopathisches Komplexmittel
Rp.
Symphytum D 6 dil.
Arnica montana D 6 dil. aa 40.0
„Firma ABC“
D. S.: 3 × tgl. 10 Tr.
Rp.
Nux vomica D 12 dil.
Lycopodium D 6 dil. aa 40.0
„Firma ABC“
Tabacum D 12 20.0
„Firma DEF“
D. S.: 3 × tgl. 10 Tr.
Spagyrisches Einzelmittel
Rp.
Bellis perennis (Urtinktur) spag. 20.0
„Firma ABC“
D. S.: stdl. 7 Tr. bis zum Wirkungseintritt, danach 3 × tgl. 7 Tr. und bei Bedarf.
Spagyrisches Komplexmittel
Rp. Spagyrik nach Zimpel, „Firma ABC“
Angelica archanelica
Avena stiva
Hypericum perforatum
Matricaria camomilla
Sambucus nigra
Taracacum officinale
Viola tricolor
Viscum album aa ad 80.0
M. D. S.: Mischung für ängstliche Kinder. 3 × 5 Tr. tgl.
Rp.
Echinacea spag. D 2 dil. 40.0
„Firma ABC“
Arnica spag. (Urtinkur) 20.0
Firma DEF
M. D. S.: 3 × 10 Tr. tgl. und bei Bedarf.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen