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B978-3-437-58705-4.00016-X

10.1016/B978-3-437-58705-4.00016-X

978-3-437-58705-4

Psychopathologischer Befund

  • 16.1

    Bewusstseinsstörungen147

    • 16.1.1

      Quantitiative Bewusstseinsstörung147

    • 16.1.2

      Qualitative Bewusstseinsstörung148

  • 16.2

    Orientierungsstörungen148

  • 16.3

    Störungen der Auffassung und Konzentration148

    • 16.3.1

      Auffassungsstörung148

    • 16.3.2

      Konzentrationsstörung148

  • 16.4

    Gedächtnisstörungen148

  • 16.5

    Störung der Intelligenz149

  • 16.6

    Formale Denkstörungen149

  • 16.7

    Inhaltliche Denkstörungen149

  • 16.8

    Halluzinationen150

  • 16.9

    Ich-Störungen150

  • 16.10

    Störungen der Affektivität150

  • 16.11

    Störung des Antriebs und der Psychomotorik151

  • 16.12

    Suizidalität151

psychopathologischer Befund

HINWEIS PRÜFUNG

Die einzelnen Aspekte des psychopathologischen Befundes sind prüfungsrelevant und sollten im Hinblick auf die Befunderhebung und Interpretation sicher beherrscht werden.

Die psychiatrische Exploration unterscheidet sich von allen anderen internistischen Untersuchungen. Während die internistische Befunderhebung weitgehend über die Anamnese und Untersuchung der Organe erfolgt, steht bei der psychiatrischen Exploration das Gespräch im Vordergrund. Wichtig ist, dass organische Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen, bevor eine psychiatrische Erkrankung diagnostiziert wird. Jeder psychiatrischen Diagnose geht also eine internistische Untersuchung voraus.

Bewusstseinsstörungen

BewusstseinsstörungBewusstseinsstörung ist der Oberbegriff für alle Veränderungen der Bewusstseinslage. Sie können eingeteilt werden in
  • Quantitative Bewusstseinsstörungen: Verminderung des Bewusstseins

  • Qualitative Bewusstseinsstörungen: Veränderung des Bewusstseins

Quantitiative Bewusstseinsstörung

Bewusstseinsstörung:quantitativeVerbunden ist der Zustand der quantitativen Bewusstseinseinschränkung mit einer vitalen Gefährdung des Patienten. Es gibt verschiedene Abstufungen der verminderten Vigilanz:
  • BenommenheitBenommenheit: Der Patient denkt zwar verlangsamt, reagiert aber adäquat. Die Informationsverarbeitung ist (z. T. stark) eingeschränkt.

  • SomnolenzSomnolenz: Der Patient ist schläfrig, aber leicht erweckbar. Eine psychiatrische Exploration kann bereits stark eingeschränkt bis unmöglich sein.

  • SoporSopor: Der Patient ist nur durch Schmerzreize erweckbar. Eine Erhebung des psychopathologischen Befundes ist nicht möglich.

  • KomaKoma: Der Patient ist nicht erweckbar, die Reflexe sind noch auslösbar, können aber auch fehlen. Im schweren Koma bestehen ausgeprägte vegetative Funktionsstörungen (Atmungs-, Temperatur-, Kreislaufregulation). Die Erhebung des psychopathologischen Befundes ist nicht möglich.

Vorkommen
Eine quantitative Bewusstseinsstörung kann Folge einer Meningitis, Enzephalitis oder anderer hirnorganischer Erkrankungen sein. Intoxikationen können ebenfalls die Vigilanz einschränken.

Qualitative Bewusstseinsstörung

Bewusstseinsstörung:qualitativeHauptkennzeichen der qualitativen Bewusstseinsstörung ist die Veränderung der Bewusstseinsklarheit.
Folgende Formen kommen vor:
  • BewusstseinstrübungBewusstseinstrübung: Mangelnde Klarheit im Erleben der eigenen Situation oder der Umwelt. Sie kann als Ablenkbarkeit oder Verwirrtheit imponieren.

  • BewusstseinseinengungBewusstseinseinengung: Der Patient richtet die Aufmerksamkeit auf wenige bzw. bestimmte Dinge, ohne die Gesamtsituation zu erfassen. Eine Empfänglichkeit hinsichtlich äußerer Reize, z. B. Türenschließen oder Türenknallen, ist deutlich reduziert und ruft keine Reaktion hervor.

  • BewusstseinsverschiebungBewusstseinsverschiebung: Die wahrgenommen Reize werden in ihrer Intensität gesteigert wahrgenommen, z. B. besonders hell oder leuchtend oder besonders farbintensiv.

Vorkommen
Ursachen können u. a. psychotische Erkrankungen, Drogeneinnahme und hirnorganische Psychosyndrome sein.

Orientierungsstörungen

OrientierungsstörungOrientierungsstörungen können unterschiedliche Qualitäten betreffen: Zeit, Ort, die Situation, in der man sich befindet, und die Orientierung zur Person. Dabei geht die Orientierung meist in der Reihenfolge zeitlich, örtlich, situativ und schlussendlich zur Person verloren. Die Orientierung kann dabei unsicher, mangelhaft oder gänzlich aufgehoben sein.
Die Prüfung der Orientierung ist einfach: Man befragt den Patienten nach Tageszeit, Jahreszeit, aktuellem Aufenthaltsort, Grund des Besuches und persönlichen Daten, z. B. Geburtsdatum, Geburtsort, Name der Eltern oder Geschwister.
Man unterscheidet:
  • Zeitliche DesorientierungDesorientierung: Der Patient kann das aktuelle Datum, Jahr oder die Tageszeit nicht richtig benennen.

  • Örtliche Desorientierung: Der Patient weiß nicht, wo er sich aktuell befindet.

  • Situative Desorientierung: Der Patient erfasst die Situation nicht, in der er sich befindet, und kann auch meist nicht zuordnen, dass er sich beim Heilpraktiker oder Arzt aufhält.

  • Desorientierung zur Person: Der Patient weiß den eigenen Namen oder andere wichtige persönliche Lebensdaten nicht mehr.

Vorkommen
Orientierungsstörungen sind das Leitsymptom der Demenzen.

Störungen der Auffassung und Konzentration

Auffassungsstörung

AuffassungsstörungDie Fähigkeit, Wahrnehmungen in ihrer Bedeutung zu erfassen, sinnvoll miteinander zu verbinden oder auch in den bestehenden Erfahrungsbereich einzubauen, ist gestört. Die Wahrnehmungen können zu langsam, falsch oder gar nicht erfasst werden und zu Fehlhandlungen und u. U. eine Eigen- oder Fremdgefährdung zur Folge haben.

Konzentrationsstörung

KonzentrationsstörungUnfähigkeit, Gedanken bzw. die Aufmerksamkeit längerfristig auf einen Gegenstand oder ein Thema zu richten.
Die Konzentrationsprüfung kann z. B. durch fortlaufendes Substrahieren von Zahlen erfolgen, z. B. 100 − 8, 92 − 8 usw., oder Buchstabieren von längeren und komplizierteren Wörtern.
Vorkommen
Die Konzentrationsstörung ist eines der Kennzeichen des Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitätssyndroms. Ferner kann diese Störung bei hirnorganischen Erkrankungen, chronischen Intoxikationen oder psychotischen Erkrankungen auftreten.

Gedächtnisstörungen

GedächtnisstörungCharakteristisch für Gedächtnisstörungen ist die fehlende bzw. veränderte Wiedergabe von in der Vergangenheit erlebten Ereignissen.
Es werden unterschieden:
  • Störungen der Merkfähigkeit (KurzzeitgedächtnisKurzzeitgedächtnis): Neu Erlerntes kann sofort oder nach kurzer Zeit (10 Minuten) nicht wiedergegeben werden. Die Prüfung der Merkfähigkeit erfolgt über zunächst Benennung von 3–5 Wörtern (z. B. Schnee, Wald, Kröte, Uhr, Sandalen) oder einer Zahlenkombination. Nach z. B. 7 Minuten werden die vorher genannten Gegenstände abgefragt.

  • Störung des Gedächtnisses (LangzeitgedächtnisLangzeitgedächtnis): Sie fällt meist dadurch auf, dass weit zurückliegende Ereignisse nicht erinnert werden können, z. B. Ort des Schul- und Berufsabschlusses, Zeitpunkt und Umstände während der Verheiratung. Das Prüfen des Langzeitgedächtnisses kann im laufenden Gespräch erfolgen, indem man sich über die Biografie des Patienten erzählen lässt.Zu den Gedächtnisstörungen zählen außerdem:

    • AmnesieAmnesien: Erinnerungslücken, die meist zeitlich und/oder inhaltlich begrenzt sind. Unterschieden werden retrograde von anterograden Amnesien. Retrograde Amnesien beinhalten Gedächtnislücken für den Zeitraum vor dem Eintreten des schädigenden Einflusses. Anterograde Amnesien sind Gedächtnislücken, die nach einem schädigenden Ereignis eintreten.

    • KonfabulationenKonfabulationen: Erinnerungslücken, die mit spontanen Einfällen gefüllt werden, wobei der Patient die Einfälle als Erinnerung beurteilt.

Vorkommen
  • Die Merkfähigkeit ist z. B. bei organischen Hirnerkrankungen, v. a. der Demenz, deutlich beeinträchtigt und eines der Hauptmerkmale.

  • Amnesien können nach einem Schädel-Hirn-Trauma auftreten.

  • Typisch sind Konfabulationen bei der Korsakow-Psychose.

Störung der Intelligenz

IntelligenzstörungIntelligenz ist die Fähigkeit, sich an neue, veränderte und ungewohnte Lebensbedingungen anzupassen durch z. B. Erfassung der Zusammenhänge und Interaktionen oder eine Denkleistung.
Intelligenzstörungen können angeboren sein und werden OligophrenieOligophrenie genannt. Häufiger sind sie erworben und werden DemenzDemenz genannt.
Die Intelligenz kann mit standardisierten Tests erfolgen (IQ-Test). Am häufigsten werden der HAWIE (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene) bzw. HAWIK (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder) eingesetzt. Normalwerte bewegen sich zwischen 85 und 115, Standardabweichung eingerechnet.
Vorkommen
  • Bei Kindern und Jugendlichen: durch gestörte Embryonalentwicklung, Sauerstoffmangel bei der Geburt oder genetische Defekte, z. B. Down-Syndrom

  • Bei Erwachsenen: durch organische Erkrankungen, z. B. Alzheimer-Demenz oder Wernicke-Korsakow-Syndrom

Formale Denkstörungen

Denkstörung:formaleDie formalen Denkstörungen sind Störung des Denkablaufs, der Klarheit, Zielhaftigkeit und Struktur. Häufig sind formale Denkstörungen im Gespräch wahrnehmbar, sie können aber auch subjektiver Natur sein.
Einige Formen und deren Vorkommen sind:
  • DenkverlangsamungDenkverlangsamung: Der Gedankengang ist schleppend, mühsam und zäh. Der Patient erlebt den Denkvorgang als gebremst oder stockend und ist nicht in der Lage, diesen zu beheben (Denkhemmung). Sie ist ein typisches Symptom der Depression.

  • Umständliches Denken: Der Patient kann nicht das Wesentliche vom Nebensächlichen trennen. Er verliert sich in Einzelheiten, ohne vom Ziel abzukommen. Dieses Symptom kann u. a. bei der Depression und Schizophrenie auftreten.

  • GrübelnGrübeln: Der Patient ist unablässig beschäftigt mit meist unangenehmen Gedanken, die häufig mit der aktuellen Lage des Patienten im Zusammenhang stehen. Grübeln ist ein typisches Symptom der Depression, kann aber auch bei Gesunden im Rahmen einschneidender Lebensereignisse auftreten.

  • PerseverationPerseverationen: Der Patient wiederholt ständig gleiche Denkinhalte, die mit der momentanen Themabearbeitung im Gespräch nicht sinnvoll und wenig zielführend sind. Die Perseveration ist ein häufiges Symptom der Schizophrenie.

  • IdeenfluchtIdeenflucht: Sie ist ein besonders einfallsreicher Gedankengang. Patienten kommen vom Hundertsten ins Tausendste und häufig wird der Ursprungsgedanke nicht zu Ende geführt. Die Ideenflucht ist ein typisches Symptom der Manie.

  • VorbeiredenVorbeireden: Der Patient geht auf die Frage nicht ein, obwohl er den Sinn der Frage verstanden hat.

  • DenkzerfahrenheitDenkzerfahrenheit, InkohärenzInkohärenz: Der Gedankengang ist ungeordnet, sprunghaft und für den Zuhörer unlogisch. Meist kann man den Ausführungen nicht oder nur schwer folgen. Die Maximalvariante ist der „Wortsalat“. Hier werden Wörter oder nur Silben ohne erkennbaren Sinn aneinandergereiht. Die Denkzerfahrenheit ist ein typisches Symptom der Schizophrenie.

  • NeologismenNeologismen: Wortneubildungen, die häufig für den Zuhörer bezüglich ihrer Sinnhaftigkeit nicht verständlich sind. Neologismen können bei der Schizophrenie auftreten.

  • GedankenabreißenGedankenabreißen: Ohne erkennbaren Grund reißt der bis dahin flüssige Gedankengang ab. Gedankenabreißen kann bei der Depression auftreten, aber auch bei gesunden Menschen, die z. B. erschöpft sind.

Inhaltliche Denkstörungen

Denkstörung:inhaltlicheInhaltliche Denkstörungen betreffen den Inhalt des Gedachten, es geht also darum, was der Patient denkt. Der WahnWahn stellt die wichtigste inhaltliche Denkstörung dar. Er ist eine unkorrigierbar falsche Einschätzung und Wahrnehmung der Realität. Wahnphänomene können in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlichem Inhalt auftreten. Zu den anderen inhaltlichen Denkstörungen zählen u. a. PhobiePhobien, ZwangZwänge und hypochondrische Befürchtungen.
Man kann den Wahn in verschiedene Wahn:F∗ormen∗Wahnformen einteilen:
  • Wahneinfall: Urplötzliches Auftreten von wahnhaften Vorstellungen bzw. Überzeugungen.

  • Wahnwahrnehmung: Wahnhafte Interpretation einer richtigen Wahrnehmung.

  • Wahnstimmung: Stimmung des Unheimlichen, Vieldeutigen und Unbestimmten. Die Patienten haben häufig den Eindruck, dass irgendetwas naht oder irgendetwas in der Luft liegt.

Typische Wahn:T∗hemen∗Wahnthemen sind:
  • Beziehungswahn: Der Patient bezieht diverse Ereignisse und Erlebnisse auf die eigene Person. Es können Plakatslogans, der Inhalt von Radio- oder Fernsehnachrichten oder zufällig gehörte Worte von Fremden auf die eigene Person bezogen werden.

  • Beeinträchtigungs- und Verfolgungswahn: Beim Beeinträchtigungswahn werden Ereignisse auf die eigene Person bezogen, wobei das Gefühl der Bedrohung häufig im Vordergrund steht. Der Verfolgungswahn kann als dessen Steigerung gesehen werden. Hier fühlt sich der Patient körperlich und geistig bedroht und verfolgt. Häufig kann der Aggressor nicht definiert werden oder Geheimdienste, fremde Mächte usw. werden benannt.

  • Eifersuchtswahn: Der Patient ist unkorrigierbar davon überzeugt, dass er betrogen wird.

  • Liebeswahn: Der Patient ist unkorrigierbar davon überzeugt, von einer anderen, häufig fremden Person geliebt zu werden.

  • Verarmungswahn: Der Patient ist überzeugt, nichts zu besitzen oder alles verloren zu haben. Häufig berichtet der Patient, keine Hilfe in Anspruch nehmen zu können, weil er Therapeuten nicht bezahlen kann.

  • Nihilistischer Wahn: Der Patient ist unkorrigierbar überzeugt, nichts wert zu sein, nichtig zu sein. Ferner werden der eigene physische Körper und die Umgebung als nicht existent deklariert.

  • Größenwahn: Patient hält sich für besonders machtvoll, intelligent und omnipotent. Häufig findet eine Identifizierung mit berühmten historischen Personen statt, u. a. Napoleon, Kleopatra.

  • Schuldwahn: Unkorrigierbare Überzeugung des Patienten, Schuld auf sich geladen zu haben.

Vorkommen
Wahn kann bei der Schizophrenie (Beziehungs- oder Verfolgungswahn), Manie (Größenwahn), Depression (Verarmungswahn), chronischen Alkoholismus (Eifersuchtswahn) oder bei hirnorganischen Erkrankungen auftreten.

Halluzinationen

HalluzinationenHalluzinationen sind Wahrnehmungserlebnisse ohne entsprechende Reizquelle, die aber für wirkliche Sinneseindrücke gehalten werden. Je nach Sinneswahrnehmung unterscheidet man:
  • Akustische Halluzinationen: Sinnestäuschungen im akustischen Bereich, die von elementaren Lauten (Akoasmen) bis hin zu komplexen akustischen Phänomenen (z. B. Stimmenhören) reichen. Im Rahmen der akustischen Halluzinationen können folgende Stimmen gehört werden:

    • Dialogische Stimmen: Der Patient hört meist mehrerer Stimmen, die sich untereinander unterhalten.

    • Kommentierende Stimmen: Die vom Patienten gehörte/n Stimme/n kommentieren alles, was der Patient tut.

    • Imperative Stimmen haben einen Befehlscharakter.

  • Optische Halluzinationen: Sinnestäuschungen im optischen Bereich, die von Lichtblitzen (Photomen) bis hin zu komplexen Bildern reichen.

  • Olfaktorische Halluzinationen: Sinnestäuschung im Geruchsbereich. Patienten berichten, z. B. Strom oder den Stromfluss riechen zu können.

  • ZönästhesieZönästhesien: Abstruse Leibeserlebnisse, die als nicht von „außen gemacht“ erlebt werden. Organe oder Organteile können als verzogen, beweglich, besonders schwer oder besonders starr empfunden werden.

Vorkommen
Akustische Halluzinationen sind ein typisches Symptom der Schizophrenie. Optische Halluzinationen können bei organischen Psychosen, besonders im Rahmen des Delirium tremens als graue Schatten, Ungeziefer, huschende Mäuse, auftreten. Olfaktorische Halluzinationen sind typisch für die Schizophrenie.

Ich-Störungen

Ich-StörungenIch-Störungen erzeugen das Gefühl des von außen Gemachten. Der Patient fühlt sich in seinen Gedanken oder in seiner körperlich-seelischen Integrität beeinflusst.
Formen der Ich-Störungen sind:
  • GedankenausbreitungGedankenausbreitung: Die Gedanken gehören nicht mehr dem Patienten alleine, andere wissen, was er denkt. Die Gedanken können von anderen Menschen gelesen werden.

  • GedankenentzugGedankenentzug: Dem Patienten werden die Gedanken von anderen Menschen, Mächten oder Institutionen weggenommen oder „abgezogen“.

  • GedankeneingebungGedankeneingebung: Gedanken und Vorstellungen werden als von außen her beeinflusst, gemacht, gelenkt, gesteuert, eingegeben oder aufgedrängt empfunden.

  • DepersonalisationDepersonalisation: Störung des Einheitserlebens. Die Person kommt sich selbst fremd, unwirklich, unmittelbar verändert, als oder wie ein anderer oder uneinheitlich vor.

  • DerealisationDerealisation: Personen, Gegenstände und Umgebung erscheinen unwirklich, fremdartig oder auch räumlich verändert. Dadurch wirkt die Umwelt z. B. unvertraut, sonderbar oder gespenstisch.

  • FremdbeeinflussungserlebnisseFremdbeeinflussungserlebnisse: Der Patient fühlt sich von außen in Taten, Denken, Absichten usw. gelenkt, manipuliert und gesteuert.

Vorkommen
Ich-Störungen sind typische Symptome der Schizophrenie. Depersonalisationen und Derealisationen können im Rahmen von Angststörungen oder bei sonst gesunden Menschen bei Erschöpfungszuständen auftreten.

Störungen der Affektivität

AffektivitätsstörungDie Affektivität umfasst kurzzeitige Gefühlsregungen (Affekte) und längerfristige Gefühlslagen (Stimmungen). Affektivitätsstörungen zeigen sich als:
  • AffektlabilitätAffektlabilität: Im Vordergrund stehen ein sehr schneller Stimmungs- und Affektwechsel. Bei einer bipolaren Störung können sich z. B. Traurigkeit, Verzweiflung und Fröhlichkeit einander abwechseln.

  • AffektarmutAffektarmut: Der Patient zeigt sehr wenige Gefühle, wobei er häufig gleichgültig und reserviert erscheint.

  • AffektinkontinenzAffektinkontinenz: Affekte und Stimmungen können nicht kontrolliert werden und werden ohne Rücksicht z. B. auf soziale Normen und Regeln ausgelebt.

  • Gefühl der GefühllosigkeitGefühllosigkeit: Mangel an affektiven Regungen. Der Patient beschreibt den Zustand als innere Leere, wobei weder positive noch negative Stimmungen vorhanden sind.

  • Innere UnruheUnruhe: Der Patient fühlt sich innerseelisch unter Spannung, ist nervös.

  • GereiztheitGereiztheit: Bei der Gereiztheit besteht eine labile Stimmung mit der Tendenz zu aggressiven Ausbrüchen.

  • Läppischer Affekt: Der Patient macht z. B. alberne, unreife Äußerungen oder kichert über alles.

  • ParathymieParathymie: Gesagtes bzw. Affekt oder Verhalten und Anlass stimmen nicht überein, z. B. berichtet der Patient amüsiert und lachend über das Unglück naher Angehöriger.

Vorkommen
Bei folgenden Erkrankungen finden sich Störungen der Affektivität:
  • Depression: Affektarmut, Gefühl der Gefühllosigkeit, innere Unruhe

  • Manie: Affektinkontinenz

  • Bipolare Störung: Affektlabilität

  • Schizophrenie: Affektinkontinenz, läppische Affekt (v. a. bei der hebephrenen Schizophrenie), Parathymie, innere Unruhe

  • Angststörung: innere Unruhe

  • Gereiztheit kann bei allen psychiatrischen Erkrankungen auftreten, aber auch bei sonst gesunden Personen

Störung des Antriebs und der Psychomotorik

PsychomotoriksdtörungAntriebsstörungFolgende Störungen des körperlichen Antriebs und der Psychomotorik können auftreten:
  • AntriebsarmutAntriebsarmut: Sie ist durch reduzierte bzw. mangelnde spontane Bewegungen gekennzeichnet.

  • AntriebshemmungAntriebshemmung: Dabei wird die körperliche Energie subjektiv von Patienten als gebremst oder verzögert erlebt.

  • AntriebssteigerungAntriebssteigerung: Zunahme an Energie, Initiative und Anteilnahme. Der Patient hat meist einen starken Bewegungs- und Tatendrang.

  • StuporStupor: Der Patient ist bewegungslos bei erhaltenem Bewusstsein.

  • MutismusMutismus: Nichtsprechen bei gesundem Sprechapparat.

  • LogorrhöLogorrhö: Sprechen ohne Punkt und Komma. Meist sprechen die Patienten auch sehr laut und sind im Redefluss kaum zu unterbrechen.

  • Motorische UnruheUnruhe: Gesteigerte und ungerichtete motorische Aktivität. Die Bewegungen und Aktionen sind meist ziellos und unproduktiv.

  • AutomatismenAutomatismen: Sich ständig wiederholende, z. T. komplexe Bewegungsabläufe.

  • Sozialer Rückzug, soziale Umtriebigkeit: Verminderung bzw. Erweiterung sozialer Kontakte.

  • StereotypienStereotypien: Äußerungen auf sprachlichem und motorischem Gebiet, die stereotyp, also in immer derselben Form wiederholt werden. Meist erscheinen sie sinnlos.

  • TicsTics: Gleichförmige, wiederkehrende, rasche Muskelzuckungen an unterschiedlichen Muskelpartien. Häufig finden sich Muskelzuckungen im Gesicht, an den Armen und der Schultermuskulatur. Neben muskulären Tics gibt es auch vokale Tics.

Vorkommen
Bei folgenden Erkrankungen finden sich Störungen des Antriebs und der Psychomotorik:
  • Depression: Antriebsarmut, Antriebshemmung, motorische Unruhe, sozialer Rückzug

  • Manie: Antriebssteigerung, Logorrhö, motorische Unruhe, soziale Umtriebigkeit

  • Schizophrenie: Stupor, Mutismus, motorische Unruhe, Automatismen, sozialer Rückzug oder soziale Umtriebigkeit

  • Bipolare Störungen: soziale Umtriebigkeit

  • Tourette-Krankheit: Tics

  • Nach traumatischen Ereignissen: Mutismus

Suizidalität

SuizidalitätBei jeder psychiatrischen Exploration sollte die Suizidalität erfragt werden, zumal die Hälfte aller Suizide von Menschen verübt werden, die an einer psychiatrischen Erkrankung leiden. Die Annahme, man könnte durch Nachfragen eine latente Suizidalität aktivieren oder die Patienten in ihren suizidalen Absichten bestärken, trifft nicht zu. In der Regel reagieren die Patienten mit einer seelischen Erleichterung und teilen sich auch zumeist offen mit.
Nach Pöldinger können 10 initiale Fragen an den Patienten zur Einschätzung der Suizidalität gestellt werden:
  • 1.

    Denken Sie daran sich das Leben zu nehmen? Häufig?

  • 2.

    Sind diese Gedanken wie ein Zwang?

  • 3.

    Haben Sie konkrete Ideen, wie Sie vorgehen würden?

  • 4.

    Haben Sie schon Vorbereitungen getroffen?

  • 5.

    Haben Sie schon einmal einen Versuch unternommen?

  • 6.

    Ist in Ihrer Familie oder im Umkreis so etwas schon passiert?

  • 7.

    Sehen Sie die Situation als aussichtslos für sich an?

  • 8.

    Haben Ihre Kontakte zu Freunden bzw. Verwandten abgenommen?

  • 9.

    Wohnen Sie allein?

  • 10.

    Fühlen Sie sich familiär, beruflich, religiös oder weltanschaulich nicht mehr eingebunden?

ACHTUNG

Bei akuter Suizidgefahr müssen die Patienten in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht werden. Eine Einweisung von Seiten des Heilpraktikers ist nicht möglich, in dem Fall ist aber eine Unterbringung nach den länderspezifischen Unterbringungsgesetzen oder Psychisch-Kranken-Gesetzen auch gegen den Willen des Patienten möglich. Die Inhalte und Vorgehensweise der länderspezifischen Regelungen müssen im Hinblick auf die Prüfung, aber auch im Praxisalltag präsent sein.

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