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Einführung in die homöopathische Heilmethode

Die Begründung der homöopathischen Heilmethode ist das Lebenswerk des deutschen Arztes Christian Friedrich Samuel Hahnemann§§Hahnemann, Samuel. Hahnemann wurde 1755 in Meißen als drittes Kind eines Porzellanmalers geboren. Unzufrieden mit der damals betriebenen Medizin, beschäftigte er sich schon als junger Arzt mit der Frage, wie Krankheiten entstehen und wie sie sanft und dauerhaft geheilt werden könnten. In der medizinischen Fachwelt erregte er erstmals Aufsehen, als es ihm gelang, die SyphilisSyphilis mit einer stark verdünnten, wasserlöslichen Quecksilberverbindung erfolgreich zu behandeln.1

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Das neue Heilverfahren beschreibt er in der Abhandlung „Unterricht für Wundärzte über die venerischen Krankheiten“ (1789).

Die Quecksilberverbindung, so erklärte er die Heilwirkung, rufe im Organismus einen der Syphilis ähnlichen, doch stärkeren Reiz hervor, welcher die Syphilis verdränge und auslösche.

Als Hahnemann einige Jahre später die Materia medica von §§Cullen, WilliamCullen übersetzte, entdeckte er im Text eine Stelle, in der Cullen die Wirkung der ChinarindeChinarindenversuch, Hahnemann2

2

Aus Chinarinde wird Chinin hergestellt, welches – zu Zeiten Hahnemanns wie auch heute – unter anderem gegen Malaria eingesetzt wird. Heute allerdings hat sich der Malaria-Erreger so verändert, dass ihm mit Chininderivaten oft nicht mehr beizukommen ist.

bei MalariaMalaria der „stärkenden“ Wirkung auf den Magen zuschrieb. Hahnemann zweifelte an dieser Erklärung und entschloss sich zu einem Selbstversuch, über den er in einer Fußnote seiner Übersetzung ausführlich berichtet. Er nahm zweimal täglich eine geringe Menge der Chinarinde ein und beobachtete bald darauf typische Erscheinungen von Wechselfieber an sich selbst, die abklangen, sobald er das Mittel absetzte, und die wieder erschienen, wenn er das Mittel erneut einnahm3

3

Hahnemann beschreibt diesen historischen Versuch, den er im Jahre 1790 unternahm, wie folgt: Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich jedesmal 4 Quentchen gute China ein; die Füsse, die Fingerspitzen usw. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz zu klopfen an, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Aengstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schaudern), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röte der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome erschienen nacheinander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. […] Dieser Paroxysmus dauerte 2–3 Stunden jedesmal und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf und war gesund. Zitiert aus Haehl, R.: Friedrich Samuel Hahnemann – Sein Leben und Schaffen. Dreieich 1988, Bd. 1, S. 43.

. Mit diesem Selbstversuch hatte Hahnemann das Fundament seiner erfolgreichen Heilmethode gelegt. $$ChinaMalariaChina ist bei der Malariakrankheit eben gerade deshalb wirksam, weil es in der Lage, ist, beim gesunden Menschen eine KunstkrankheitKunstkrankheit mit malariaähnlichen Symptomen zu erzeugen.

Grundlagen der Homöopathie

Similia similibus – das Ähnlichkeitsgesetz

ÄhnlichkeitsgesetzÄhnlichkeitsgesetz₍ₓₑsee₎siehe auch Similia similibus curentur₍ₓₑend₎Similia similibus Similia similibus curenturcurentur – Ähnliches möge mit Ähnlichem geheilt werden – so lautet, auf die kürzeste Formel gebracht, das Prinzip der Homöopathie.4

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Das Simile-Prinzip erwähnen bereits Hippokrates und Paracelsus in ihren Lehren. Hahnemann aber erkannte als erster das Naturgesetz, das diesen Erfahrungen zugrunde liegt. Mit der Zeit entwickelte er daraus ein vollständiges Heilsystem. Die von Hahnemann und seinen Nachfolgern im Selbstversuch überprüfte Hypothese, dass eine Krankheit gemäß dem Ähnlichkeitsprinzip durch eine ihr ähnliche Kunstkrankheit ausgelöscht wird, ist bis heute nicht widerlegt worden.

Der Schuljunge, der seine vor Kälte erfrorenen Hände mit Schnee einreibt, der Koch, der seine verbrühte Hand für einen kurzen Moment über die heiße Herdplatte hält – beide verhalten sich nach homöopathischen Grundsätzen. Durch einen kräftigen gleichgerichteten ReizhomöopathischerReiz, Kälte auf Kälte, Hitze auf Hitze, wird ein schneller und dauerhafter Heilungsprozess einsetzen.

Jedes wirksame Arzneimittel, so fasst §§Hahnemann, SamuelHahnemann die Ergebnisse seiner Forschungen und Experimente zusammen, erregt im menschlichen Körper eine Art von eigener Krankheit, eine desto eigenthümlichere, ausgezeichnetere und heftigere Krankheit, je wirksamer die Arznei ist.5

5

Hahnemann, S.: Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen (1796), zitiert aus Haehl, a. a. O., S. 75.

Aufgrund dieser Gesetzmäßigkeit kann ein Arzneimittel eine Krankheit nur dann dauerhaft heilen, wenn die Symptome, die wir am Patienten beobachten, den Symptomen ähnlich sind, die das gleiche Arzneimittel an einem gesunden Menschen hervorruft. Eine solche Heilmethode nennt man homöopathisch (griech. homoios = ähnlich, gleich).

Die Erkenntnisse von §§Hahnemann, SamuelHahnemann waren zu seiner Zeit revolutionär, da die Wirkungsweise der damals wie heute die Medizin beherrschenden AllopathieAllopathie auf einem grundlegend anderen Prinzip6

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Hahnemann, S.: Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen (1796), zitiert aus Haehl, a. a. O., S. 75.

beruht. Gemäß dem allopathischen Prinzip (griech. allos = anders, fremd) wird ein dem Symptom entgegengesetzter ReizallopathischerReiz gesetzt und somit Hitze durch Kälte bzw. Kälte durch Hitze behandelt.

Arzneimittelprüfungen

Wie wird nun die heilende Substanz gefunden? Nicht auf gut Glück, sondern durch ein wissenschaftliches Verfahren der Prüfung des Arzneimittels am gesunden Menschen. Nach der Prüfung von $$ChinaArzneimittelprüfungChina durch §§Hahnemann, SamuelHahnemann begannen Ärzte und Studenten, die zu seinem treuen Freundeskreis zählten, Arzneimittel an sich selbst auszuprobieren. Nachdem die Prüfer ein Arzneimittel eingenommen hatten, hielten sie jedes einzelne Symptom, das sie bei sich entdeckten, genau fest. Durch diese Prüfungen konnten sie am eigenen Leib erfahren, dass Arzneimittel nicht nur körperliche, sondern auch seelische und geistige Symptome hervorrufen.
Beispielsweise verursachte Coffea arabica,$$Coffea arabica die ungeröstete Kaffeebohne, bei den Prüfern eine sehr starke, allgemein erhöhte Empfindlichkeit. Alle Sinne wurden schärfer, und die Prüfer bemerkten an sich eine ungewöhnliche geistige und körperliche Lebhaftigkeit – ein Zustand, den man vielleicht als die angenehme Seite der Prüfung bezeichnen könnte. Zugleich traten aber starke Kopf- und Nervenschmerzen auf, die Prüfer registrierten eine Überempfindsamkeit auf Freud und Leid und fanden nicht mehr den erlösenden Schlaf.7

7

Vgl. Nash E. B.: Leitsymptome in der homöopathischen Therapie. Heidelberg 2004, S. 113: Und es gibt keine schönere Bestätigung für die Richtigkeit des Ähnlichkeitsgesetztes als ebendiese Tatsache, denn das Mittel ruft bei vielen Menschen ausgeprägte Schlaflosigkeit hervor, wenn es in großen Mengen als Getränk genossen wird.

Wer diese Symptome zeigt, obwohl er keinen Kaffee trinkt, wird nach dem Heilungsgesetz Similia similibusSimilia similibus curentur durch eine Gabe des homöopathischen Arzneimittels $$Coffea arabicaCoffea geheilt – und wer an sich diese Symptome beobachtet, gerade weil er viel Kaffee trinkt, braucht ganz einfach nur mit dem Kaffeetrinken aufzuhören!
Auf der Grundlage dieser Arzneimittelprüfungen veröffentlichte §§Hahnemann, SamuelHahnemann die erste Arzneimittellehre₍ₓₑsee₎siehe auch Materia medica₍ₓₑend₎ArzneimittellehreArzneimittellehre, die alle geistigen, seelischen und körperlichen Symptome beschreibt, die ein Arzneimittel in einem gesunden menschlichen Organismus hervorruft. Man nennt diese Beschreibungen auch ArzneimittelbildArzneimittelbilder. Rund zweitausend Substanzen sind bis heute „im Menschenversuch“ geprüft worden8

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Die Homöopathie ist von der Prüfung bis zur Anwendung des Arzneimittels eine wahrhaft humane Heilmethode, die ihre Helden hat. Constantin Hering, einer der großen Homöopathen des 19. Jahrhunderts, zog sich bei der Zubereitung von Lachesis, dem Gift der Buschmeisterschlange, eine bleibende linksseitige Gesichtslähmung zu. Schon die Wirkungen, die sich bei der Gewinnung einer niederen Potenz entwickelten, erzeugten bei ihm „Fieber mit umherwerfendem Delirium und Manie“ (Hering presste das Schlangengift aus dem Giftsack und träufelte es auf Milchzucker, nachdem er die Schlange durch einen Schlag auf den Kopf betäubt hatte). Vgl. Clarke J. H.: Praktische Materia Medica. Schäftlarn 1994, Bd. 1, S. 1289.

:
  • aus der Pflanzenwelt (z. B. $$HypericumHypericum = Johanniskraut),

  • aus dem Tierreich (z. B. Apis $$Apis mellificamellifica = Honigbiene),

  • oder auch aus dem Bereich der anorganischen und organischen Verbindungen (z. B. $$CausticumCausticum = Hahnemanns ÄtzkalkÄtzkalk siehe Causticum im Arzneimittelverzeichnis, Carbo $$Carbo vegetabilisvegetabilis = Holzkohle).

Zu den ersten Substanzen, die geprüft wurden, gehörten Belladonna (Tollkirsche), Chamomilla (Kamille), Pulsatilla (gemeine Küchenschelle), Dulcamara (Bittersüß), Arnica montana (Bergwohlverleih), Aconitum (Eisenhut). Heutzutage werden laufend neue Substanzen geprüft, die den Erfahrungsschatz der Arzneimittellehre bereichern wie Schokolade (schwarze Schokolade), Scorpion (das Gift des Skorpions), Quercus robur (Stiel- oder Sommereiche), oder auch verschiedene chemische Elemente des Periodensystems wie Germanium und Plutonium.
Wie findet der homöopathische Arzt aus dem riesigen Arzneimittelschatz das dem Krankheitsbild ähnlichste Arzneimittelbild und damit das Arzneimittel, welches heilen wird? Die Wahl des passenden Arzneimittels ist insbesondere bei chronischen Krankheiten eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie umfasst eine ausführliche Fallaufnahme, eine exakte Analyse und eine sorgfältige Verschreibung.9

9

Hahnemann nannte die von ihm begründete homöopathische Heilmethode ein zwar leicht scheinendes, doch sehr nachdenkliches, mühsames, schweres Geschäft, was aber die Kranken in kurzer Zeit, ohne Beschwerde und völlig zur Gesundheit herstellt – und so ein heilbringendes und beseeligendes Geschäft wird (Organon der Heilkunst, Heidelberg 1999, Vorwort, S. 4 f.).

Bei akuten Krankheiten ist die Wahl des Arzneimittels einfacher. In Kap. 2 wird ein sicherer und praxiserprobter Einstieg in die homöopathische Heilmethode bei akuten Erkrankungen und in Notfällen gezeigt.

Entwicklung der Arzneikraft durch Potenzierung

Die SyphilisSyphilis, damals eine der häufigsten Krankheiten, wurde von Hahnemanns allopathischen Zeitgenossen mit Quecksilber, SyphilisQuecksilber in hohen Dosierungen behandelt. Zwar kann Quecksilber die Syphilis heilen, so wie Chinarinde die Malaria heilt. Die hohen Dosierungen führten aber zu starken Vergiftungserscheinungen. Um solche Nebenwirkungen möglichst auszuschalten, suchte er nach Mitteln und Wegen, das Quecksilber zu verdünnen. Durch hartnäckiges Tüfteln gelang es ihm schließlich, eine wasserlösliche kolloidale Quecksilberverbindung herzustellen, die unter dem Namen Mercurius solubilis $$Mercurius solubilis HahnemanniHahnemanni bekannt geworden ist.
Im weiteren Verlauf seiner Forschungen unterzog §§Hahnemann, SamuelHahnemann die Arzneiverdünnung bei jedem Verdünnungsschritt heftigen Schüttelschläge, PotenzierungSchüttelschlägen. Er stellte fest, dass die höheren Verdünnungen, die auf diese Weise verschüttelt wurden, weit wirksamer waren. Hahnemann nannte das von ihm entdeckte Verfahren PotenzierungPotenzierung. Durch die Potenzierung10

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Hahnemann, S.: Organon der Heilkunst. A. a. O., § 269 f. Im Folgenden Organon mit Angabe der Textstelle.

wird die Arzneikraft entwickelt.

Der einfache Prozess des VerreibungVerreibens, Verdünnens und Schüttelns einer Substanz, auch Potenzierung genannt, verstärkt die Heilkraft. Die gefürchteten und unerwünschten Nebenwirkungen der Ursubstanz bleiben aus!

Wir wissen bis heute nicht, wie §§Hahnemann, SamuelHahnemann dem Geheimnis der Potenzierung auf die Spur kam. Wie kann es sein, dass ein Arzneimittel, in welchem kein Molekül der ursprünglichen Substanz mehr vorhanden ist, überhaupt wirken kann, ja dass sich die Wirksamkeit des Arzneimittels mit dem höheren Grad der Verdünnung und mit der VerschüttelungVerschüttelung verstärkt? Neueste Forschungen legen nahe, dass homöopathische Substanzen Lichtenergien aussenden, die im Körper eine Kaskade von Wirkungen auslösen.11

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Als Empfangsantenne wirkt dabei die DNA der Körperzellen. Dieser Wirkungsmechanismus der homöopathischen Potenzen ist durch eine französische Forschergruppe aufgedeckt worden. Es gelang ihnen nachzuweisen, dass in homöopathisch verdünnten Lösungen ein dynamisches Prinzip steckt. Wird eine homöopathische Lösung immer weiter verdünnt und verschüttelt, so schwindet die materielle Substanz, d. h., sie kann mit üblichen Messgeräten nicht mehr nachgewiesen werden. Gleichzeitig aber bilden sich „weiße Löcher“, die durch den Prozess des Schüttelns aktiviert werden. Diese weißen Löcher, äußerst lichtintensive Orte, senden für jede Substanz charakteristische Betastrahlen aus, die mit hochempfindlichen Geräten gemessen werden können. Daraus lässt sich schließen, dass das Wasser Träger einer wirklichen Kraft ist, auch wenn sich infolge der Verdünnung im Wasser keine Moleküle der Substanz mehr nachweisen lassen. Vgl. Berliocchi H., Conte R., Lasne Y.: Théorie des Hautes Dilutions (Paris 2000).

§§Hahnemann, SamuelHahnemann war ein praktisch denkender Arzt und Wissenschaftler. Er suchte die Wahrheit in der Erfahrung und nicht in ungeprüften Theorien oder Statistiken.

Wenn der angebliche Wahrheitssucher die Wahrheit nicht da suchen will, wo sie zu finden ist, nämlich in der Erfahrung, so mag er sie ungefunden lassen; auf der Rechentafel kann er sie nicht finden.12

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Hahnemann S.: „Belehrung für den Wahrheitssucher“ (1825), zitiert aus Haehl, a. a. O., S. 71.

Ein überzeugender Beweis für die Wirksamkeit der potenzierten Arzneimittel ist ganz einfach die Tatsache, dass unzählige Patienten mit der von Hahnemann entdeckten, unvergleichlichen und einzigartigen Heilmethode sanft und dauerhaft geheilt worden sind.
Als gebräuchlichste PotenzenPotenzen, homöopathische werden heute D-D-PotenzPotenzen (Dezimalpotenz siehe D-PotenzDezimalpotenzen, Verdünnungsverhältnis 1 : 9), C-PotenzenC-Potenz (Centesimalpotenz siehe C-PotenzCentesimalpotenzen, Verdünnungsverhältnis 1 : 99) und Q-Q-PotenzPotenzen (LM-PotenzLM, Verdünnungsverhältnis 1 : 49 999) verwendet. Trägersubstanzen sind Alkohol oder Milchzucker. Richtlinien zur Wahl der richtigen Potenz bei akuten Krankheiten finden sich in Kap. 2.2.

Ein Fall aus der Praxis

Ein eindrücklicher Fall zeigt, wie schnell eine richtig gewählte, potenzierte Substanz wirken kann. Eine Mutter bringt ihre siebenjährige Tochter in die Praxis. Das Mädchen leidet an einer schweren generalisierten UrtikariaUrtikaria. Auffallend sind die starke Schwellung und Empfindsamkeit der Fußsohlen sowie plötzlich auftretende und nach einigen Stunden sich jeweils wieder zurückbildende Schwellungen der Zehen- und Fingergelenke, die mit einer starken Rötung der Gelenke einhergehen. Gut ausgewählte homöopathische Arzneimittel helfen nicht. Da die Ärztin bereits einige Tage zuvor zwei ähnliche, aber deutlich leichtere Fälle beobachtet hat, die nach Genuss eines neuen Eisproduktes mit Sprudelpulver aufgetreten sind, will sie wissen, ob das Mädchen von diesem Eis am Stiel mit Sprudelpulver gegessen hat. „Ja!“ erhält sie zur Antwort.
Die Mutter löst nun nach Anweisung der Ärztin eine kleine Menge des Sprudelpulvers in einem Glas Wasser auf, rührt die Lösung etwa 100-mal um und gibt dem Mädchen einen Schluck zum Trinken.
Unmittelbar danach verschwindet der Ausschlag, und die Schwellungen bilden sich vollständig zurück! Das Mädchen kann für einige Stunden wieder mit anderen Kindern spielen. In der Nacht kommt es zu einem Rückfall.
Nun wird das Sprudelpulver potenziert. Nach Anweisung der Ärztin verreibt die Mutter das Pulver zusammen mit Milchzucker (ca. 1 Teil Sprudelpulver, 99 Teile Milchzucker) etwa eine Viertelstunde lang in einem Mörser. Danach wird eine geringe Menge des potenzierten Pulvers (die C-1-Potenz) wiederum mit ca. 99 Teilen Milchpulver ergänzt und während einer Viertelstunde im Mörser verrieben. Nach dem gleichen Verfahren wird wiederum eine Stufe höher potenziert. Schließlich wird eine Messerspitze des nun auf C 3 potenzierten Sprudelpulvers in Wasser aufgelöst und die Lösung wiederum etwa 100-mal umgerührt, bevor das Mädchen davon einen Schluck einnimmt. Innerhalb von kurzer Zeit verschwinden die Symptome, und das Mädchen erholt sich vollständig. Dieses Mal kommt es zu keinem Rückfall.
Was steckt hinter der Idee, das allergieauslösende Sprudelpulver potenziert als Arzneimittel anzuwenden? Ganz einfach: Die Symptome wechseln ständig, sie kommen und gehen, und die Fingergelenke sehen aus wie rote, runde Kugeln. Das alles erinnert an schäumendes Sprudelpulver! Nach dem Gesetz des Similia similibusSimilia similibus curentur bewirkt das potenzierte Pulver eine schnelle, sanfte und dauerhafte Heilung. Auch in anderen Fällen kann das homöopathische Simile-Prinzip erfolgreich angewendet werden, beispielsweise bei allergischen Reaktionen, die nach der Anwendung von PenicillinPenicillin auftreten. Nach einer Gabe potenzierten Penicillins verschwinden auch hier die Symptome sehr schnell.13

13

Man nennt dieses Verfahren, das sich auf das Simile-Prinzip gründet, tautopathisch.

Lebenskraft – ein zentraler Begriff der Homöopathie

LebenskraftDie Forschungen Hahnemanns§§Hahnemann, Samuel über die Ursachen von Gesundheit und Krankheit führten ihn zu einer unsichtbaren dynamischen Kraft, die er Lebenskraft nannte. Da die Lebenskraft für die homöopathische Lehre der Krankheitsentstehung so zentral ist, lassen wir Hahnemann im Originaltext zu Wort kommen.

Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Teile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, so daß unser inwohnende vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseyns bedienen kann.14

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Organon, § 9.

Die homöopathische Lehre von der Lebenskraft steht im Einklang mit großen medizinischen Traditionen, welche die Lebenskraft als zentrales Element anerkennen, sie allerdings unterschiedlich bezeichnen: als Prana15

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Prana stammt aus dem Ayurveda (= Wissenschaft vom Leben) und setzt sich zusammen aus den Sanskritworten pra = vor und ana = Atem. Prana „reitet auf dem Atem“ und belebt nach ayurvedischer Lehre sowohl den physischen als auch den Astral- und Kausalkörper. Wie die Lebenskraft ist auch Prana geistartig.

, Ki, Chi, Organon, Vitalkraft oder einfach als Energie. Hahnemann nannte diese dynamische Kraft geistartig. Die Lebenskraft offenbart sich uns durch ihre Wirkungen wie Wachstum und Entwicklung, durch die Fortpflanzungsfähigkeit, durch Reaktionsfähigkeit und Bewegung. Bei einem Geschehen, das wie bei einem Unfall mit Gewalt über den Menschen hereinbricht, kann die Lebenskraft innerhalb von Sekunden in sich zusammenfallen.
Als Ärzte können wir beobachten, wie oft unsere Patienten die Sprechstunde aufsuchen, nachdem sie körperlich oder seelisch belastenden Situationen ausgesetzt waren. Zu nennen sind hier Stress bei der Arbeit, körperliche Überlastung, Medikamente, Impfungen, extreme Wetterlagen, abrupte Klimawechsel, ebenso wie schlechte Nachrichten, Zorn, lange aufgestauter Groll, verletztes Gerechtigkeitsgefühl. Oft wirken zahlreiche dieser Faktoren gleichzeitig, wie ein alltägliches Beispiel aus der Praxis zeigt. Die Patientin ist Mutter von zwei lebhaften kleinen Kindern und eines Säuglings, den sie noch stillt. Sie hat sich von der dritten Schwangerschaft noch nicht erholt und leidet nach dem Umzug in ein Föhnklima oft an Kopfschmerzen, die sich verschlimmern, wenn sich die neue Nachbarin bei ihr wegen Kleinigkeiten unangenehm beschwert. Und ausgerechnet jetzt übernimmt ihr Ehemann das Amt des Präsidenten eines Organisationskomitees für einen großen Anlass! Er ist abends mehr auf Sitzungen als zu Hause und seiner Ehefrau in dieser schwierigen Zeit keine Stütze. Die junge Frau grollt ihrem Ehemann, und aus den anfänglich noch erträglichen Kopfschmerzen entwickeln sich schwere Migräneanfälle.
Diese alltäglichen Erfahrungen lehren uns, dass wir auch bei Krankheiten, die scheinbar aus dem Nichts kommen, die Frage stellen sollten: „Was ist geschehen?“ Mit dieser Frage beschäftigte sich auch Hahnemann, und sie führt uns geradewegs zum nächsten Abschnitt, zu den Folgen einer geschwächten Lebenskraft.

Krankheit als dynamische Verstimmung der Lebenskraft

Verstimmung, LebenskraftLebenskraftVerstimmungHahnemann§§Hahnemann, Samuel war Naturwissenschaftler, und so suchte er in allem, was geschah, nach einer Ursache. Durch seine Forschungen fand er schließlich heraus, dass eine Krankheit nur unter gewissen Bedingungen entstehen und sich entwickeln kann, nämlich dann, wenn die Lebenskraft geschwächt, oder – in seinen Worten – wenn sie dynamisch verstimmt ist. Eine Krankheit überfällt den Menschen nicht einfach aus heiterem Himmel. De nihilo nihil – aus dem Nichts kommt nichts! Hahnemann hatte beobachtet, wie ungesunde Lebensumstände, körperliche Überlastung und zu wenig Bewegung die Lebenskraft angreifen. Um die Lebenskraft zu stärken, forderte Hahnemann deshalb die „zweckmäßigste LebensordnungLebensordnung“ wie unschuldige Aufheiterung des Geistes und Gemüths, active Bewegung in freier Luft, fast bei jeder Art von Witterung, (tägliches Spazierengehen, kleine Arbeiten mit den Armen), angemessene, nahrhafte, unarzneiliche Speisen und Getränke usw.16

16

Organon, § 261.

Vorbeugung, heute auch Prävention genannt, war für Hahnemann die „königliche Straße“ auf dem Weg zur Gesundheit. Man hat Hahnemann deshalb auch den Vater der modernen Hygienelehre genannt.17

17

In § 260 des Organon (Anm. 1) zählt Hahnemann Schädlichkeiten und andre, krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung auf, welche die Krankheit gewöhnlich verschlimmern. Dazu gehören neben schädlichen Diäten u. a. auch Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), […] Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften […], des Weiteren auch Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und des Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfe Zimmer; karges Darben, u. s. w. Alle diese Dinge, empfiehlt er, müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll. Hahnemann wendet sich allerdings auch entschieden gegen Dogmatismus in der Ernährung, wie seine abschließende Bemerkung zeigt: Einige meiner Nachahmer scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnöthig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.

Unsichtbare Kräfte, wie es z. B. negative Gedanken oder Gefühle sind, vermögen die Lebenskraft zu schwächen, auch wenn diese Verstimmungen mit keinen Labortests aufgespürt werden können. Wer als Lebenseinstellung in allem zuerst das Negative wahrnimmt, fügt seiner Lebenskraft deshalb auf subtile Weise Schaden zu. Auch bedrückende Situationen können die Lebenskraft schwächen. Ein Ereignis hat uns erschüttert und emotional aufgewühlt, oder wir fühlen uns in Familie und Beruf ständig überfordert. Wir sind empfänglich geworden für Krankheiten.

Ach dass wir doch dem reinen stillen Wink

Des Herzens nachzugehn so sehr verlernen!

Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,

Ganz leise, ganz vernehmlich zeigt uns an,

was zu ergreifen ist und was zu fliehn.18

18

Goethe, J. W. v.: Tarquato Tasso I/10 (Prinzessin). Übrigens: Goethe wurde durch die homöopathische Heilmethode von einer schweren Herzkrankheit geheilt und war ein begeisterter Anhänger der Homöopathie.

Krankheitssymptome sollten wir als Warnsignale auffassen, dass sich die Lebenskraft nicht mehr im Gleichgewicht befindet.19

19

So wie das blinkende Öllämpchen im Auto anzeigt, dass der Motor bald nicht mehr „wie geschmiert“ laufen wird.

Echte Heilung muss deshalb immer bei der Lebenskraft ansetzen. Durch genau abgestimmte homöopathische Arzneimittel kann die dynamisch verstimmte Lebenskraft reguliert werden.

Die homöopathische Heilmethode gibt dem Arzt klare Grundsätze, wie er im Einklang mit der Lebenskraft arbeiten kann.

Die Reise einer Krankheit

Die heutzutage in der Schulmedizin angewendeten medikamentösen Therapien sind ihren Wirkprinzipien zufolge allopathischAllopathie, d. h. gegen die Symptome gerichtet. Entsprechend ihrer Wirkungsart, die sich gegen (griech. anti = gegen, entgegen) eine Krankheitsursache richtet, werden die eingesetzten Medikamente z. B. Antibiotika, Antispastika, Antiphlogistika, Antidepressiva genannt. Bei infektiösen Krankheiten beispielsweise werden so lange AntibiotikaAntibiotika gegen die als Krankheitserreger vermuteten Bakterien eingesetzt, bis im Labortest keine Spuren dieser Bakterien mehr nachzuweisen sind. Das allopathische Prinzip leuchtet dem gesunden Menschenverstand zunächst unmittelbar ein: Ist das Leben nicht ein Kampf? Ist Angriff etwa nicht die beste Verteidigung? Eine Krankheit wird solange „bekämpft“, bis die Bakterien „vernichtet“ sind und die Krankheit „besiegt“ ist. Ist die Krankheit damit aber wirklich besiegt?
Als forschender Geist wollte sich Hahnemann§§Hahnemann, Samuel mit dieser, wie ihm schien, allzu einfachen Antwort, nicht zufrieden geben. Ihm war aufgefallen, dass Patienten, die mit allopathischen Medikamenten vermeintlich geheilt worden waren, verdächtig oft wieder in der Praxis erschienen und dabei die alten, oft aber auch neue Symptome präsentierten. Weshalb, so fragte er sich, kehren Symptome nach kürzerer oder längerer Zeit zurück? Weshalb werden die Intervalle zwischen den Konsultationen immer kürzer und die Krankheiten immer schwieriger zu therapieren?
Auch heute, 200 Jahre nach Hahnemann, werden dem aufmerksamen Arzt die immer ähnlichen Muster, nach welchen Krankheiten ablaufen, nicht entgehen. Bei der Anamnese₍ₓₑsee₎siehe auch Fallaufnahme₍ₓₑend₎AnamneseAnamnese bietet sich ihm vielfach Gelegenheit zu beobachten, wie sich ein typischer KrankheitsverlaufKrankheitVerlauf entwickelt. Er wird beispielsweise feststellen, dass eine Patientin, die vor Jahren vermeintlich erfolgreich von einer chronischen Angina geheilt wurde, Monate oder Jahre später wiederholt an Blasenentzündungen erkrankt. Danach, vielleicht bei der ersten Schwangerschaft, folgt eine Nierenbeckenentzündung und schließlich entwickelt sich zu Beginn der Menopause ein Brustkrebs. In seiner Patientenkartei wird der Arzt viele Krankheitsgeschichten finden, die nach ähnlichen Mustern ablaufen. Magengeschwüre kehren wieder, wenn die Medikamente abgesetzt werden. Mit AntibiotikaAntibiotika behandelte Infekte treten in immer kürzeren Intervallen auf. HautausschlägeHautausschlagKortison, die mit KortisonKortison behandelt wurden, verschwinden für kürzere oder längere Zeit, bis nach Monaten oder Jahren Störungen an inneren Organen auftreten, für welche sich keine Ursache finden lässt.20

20

Vgl. dazu das Buch von M. S. Jus Die Reise einer Krankheit (Zug 2007), das auch die Einflüsse der Vererbung darstellt.

Aufgrund der von Hahnemann entdeckten Gesetzmäßigkeiten kann der homöopathisch geschulte Arzt Krankheitsverläufe mit einer hohen Wahrscheinlichkeit voraussagen. Er weiß, welche seiner kleinen Schützlinge zu Mittelohrentzündungen und Asthma bronchiale neigen, wenn HautausschlägeHautausschlagunterdrückter durch KortisonKortison unterdrückt werden. Die Erfahrung bestätigt ihm immer wieder, dass die Krankheit in den späteren Stadien sich gesetzmäßig aus der Peripherie zurückziehen und ins Innere des Körpers wandern wird, sodass sich schließlich degenerative Krankheiten wie Arteriosklerose und Alzheimer oder Krebs entwickeln können. Auch Schulmediziner haben beobachtet, wie oft dem Tripper das Rheuma folgt, oder wie Patienten mit Tuberkulose in jungen Jahren anfällig für Krebserkrankungen im höheren Alter sind.
Vorurteilslose und nüchterne Beobachter wie seinerzeit Hahnemann werden aufgrund dieser Abläufe erkennen, dass es sich bei diesen verschiedenartigen Krankheiten, die beinahe unheimlich-gesetzmäßig aufeinander folgen, eigentlich um die gleiche Störung handeln muss – um eine dynamische Verstimmung der LebenskraftVerstimmung, Lebenskraft.

Der Prozess der Heilung

HeilungGemäß dem homöopathischen Gesetz Similia similibusSimilia similibus curentur wird ein homöopathisches Arzneimittel den Patienten heilen, wenn seine LebenskraftLebenskraft stark genug ist, und das Arzneimittel die Symptome, die wir am Patienten beobachten können, auch bei der Prüfung an einem gesunden Menschen erzeugt hat. Wie verläuft nun der Heilungsprozess? Schon Hahnemann und seine Schüler hatten beobachtet, dass die Heilung bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Als erster fasste Constantin Hering§§Hering, Constantin diese Beobachtungen in klare Regeln.
Chronische Krankheiten
KrankheitchronischeBei chronischen Krankheiten wird der HeilungsprozessHeilung wie folgt verlaufen:
  • von innen nach außen und von den wichtigen zu den weniger wichtigen Organen oder

  • von oben nach unten oder

  • die Symptome verschwinden – wie die Bilder eines Films, der zurückgespult wird – in der umgekehrten Reihenfolge ihres Erscheinens, d. h. momentane Beschwerden bessern sich zuerst, früher aufgetretene Symptome verschwinden später.

Der Patient wird sich zuerst seelisch besser fühlen, danach werden die lebenserhaltenden inneren Organe (Gehirn, Herz, Leber, Lungen, Nieren) und schließlich die übrigen Körperteile (Knochen, Gelenke, Muskeln, Haut) geheilt. Zuerst wird demzufolge die Migräne verschwinden, dann die Blasenreizung, später die Rückenbeschwerden und schließlich wird die Hautkrankheit geheilt. Im Verlaufe einer homöopathischen Behandlung können Symptome früherer Krankheiten wieder aufflackern.
Akute Krankheiten
KrankheitakuteBei akuten Erkrankungen wird es dem Patienten im Allgemeinen in kurzer Zeit subjektiv und objektiv besser gehen. In den meisten Fällen kommt es zu einer Besserung der Beschwerden und zu einer HeilungHeilung innerhalb von Stunden bis Tagen. Im schnellen Heilungsprozess liegt aber auch eine Gefahr. Der Patient kann sich so gut fühlen, dass er alle Vorsicht außer Acht lässt, vielleicht die verordnete Bettruhe nicht einhält, sodass es zu einem Rückfall kommt. Bei sehr empfindsamen Menschen können sich die SymptomeSymptomeErstreaktion nach Einnahme des Arzneimittels verschlimmern („initiale Überreaktion“). Solche Erstreaktion/-verschlimmerungErstreaktionen kommen allerdings selten vor. Sie zeigen an, dass das Arzneimittel richtig gewählt worden ist.
Akute Erkrankungen sind schnelle Erkrankungs-Processe des innormal verstimmten Lebensprincips, welche ihren Verlauf in mäßiger, mehr oder weniger kurzen Zeit zu beendigen geeignet sind.21

21

Organon, § 72.

Hahnemann§§Hahnemann, Samuel erlebte bei seinen Patienten aber auch Rückfälle, die nach Monaten, manchmal erst nach Jahren auftraten. Wie konnte das geschehen? Hahnemann gab sich mit den bisherigen Erklärungen nicht zufrieden. Was er anstrebte, war Heilung, und nicht bloß vorübergehende Besserung. Unablässig arbeitete er daran, das Wesen von Krankheiten und ihren Verlauf zu ergründen. Knapp 40 Jahre nach der ersten Arzneimittelprüfung stellte Hahnemann 1828 dann sein umfangreichstes Werk vor: Die chronischen Krankheiten, ihre eigenthümliche Art und homöopathische Heilung. Er beschreibt darin, wie die Lebenskraft den schleichenden chronischen Krankheiten, die den Organismus oft unbemerkt verstimmen, aus eigenem Antrieb keine Gegenwehr entgegensetzen kann. Unter wiederholtem Aufflackern in widrigen Umständen22

22

Jedes Aufflackern wird heute mit einer anderen Diagnose versehen: Angina, Blaseninfekt, Nierenbeckenentzündung, Brustkrebs, Depression, Alzheimer-Krankheit. Homöopathisch genau genommen, ist indessen auch eine akute Erkrankung ein vorübergehendes Aufflackern einer chronischen Krankheit.

schreiten die Krankheiten dann fort bis zur endgültigen Zerstörung des Organismus.
Hahnemann hatte bei seinen Forschungen beobachtet, dass chronische KrankheitenKrankheitchronische vererbt werden können. Mit gut gewählten, tief wirkenden homöopathischen Arzneimitteln kann man diese schweren miasmatischenMiasma Störungen ausheilen. Der beste Beweis dafür sind die bis ins hohe Alter geistig und körperlich rüstig gebliebenen homöopathischen Ärzte des vorletzten Jahrhunderts. Hahnemann heiratete im Alter von achtzig Jahren eine junge französische Adlige23

23

Die „Dorfzeitung von Sachsen-Meiningen“ (Nr. 22/1835) schreibt zu diesem Ereignis: Der große Vater der Homöopathie, Dr. Hahnemann in Köthen, um der Welt zu zeigen, wie sich seine Kunst an ihm verherrlicht, hat am letzten 18. Januar in seinem 80. Lebensjahre abermals geheiratet – eine junge katholische Dame, Tochter eines Gutsbesitzers aus Paris. Der junge Mann ist noch in rüstiger Kraft und fordert alle Allopathen auf: Macht's mir nach, wenn ihr könnt!, zitiert aus Haehl, a. a. O., S. 338.

, übersiedelte von Köthen nach Paris und arbeitete bis kurz vor seinem Tod in seiner erfolgreichen Praxis. Er verstarb friedlich im Alter von 88 Jahren. Das von ihm geschaffene großartige Werk jedoch lebt weiter.

Heile schnell, sanft und dauerhaft

Hahnemann§§Hahnemann, Samuel war ein hart arbeitender Arzt, ein begnadeter Naturwissenschaftler und ein als genial anerkannter Forscher, der seiner Zeit weit voraus war und auf vielen Gebieten neue Wege beschritt. Im Organon der Heilkunst hatte er sich dem „höchsten Ideal der HeilungHeilung“ verschrieben, nämlich der „schnellen, sanften, dauerhaften Wiederherstellung der Gesundheit“24

24

Organon, § 2.

. Die von ihm begründete homöopathische Heilmethode gründet auf dem Prinzip des SimileSimilia similibus curentur, einem Naturgesetz, das immer schon vorhanden war, so wie die Gesetze der Gravitation, der Magnetkraft oder der Elektrizität existierten, lange bevor sie entdeckt wurden. Bereits vor Hahnemann ahneten einige wenige Ärzte, dass die Arzneien durch ihre Kraft, analoge Krankheits-Symptome zu erregen, analoge Krankheits-Zustände heilen können.25

25

Organon, Einleitung, S. 85. Hahnemann erwähnt hier, neben anderen, ausdrücklich auch Hippokrates.

Hahnemann jedoch war der erste, der das Simile-Prinzip experimentell überprüfte und es für die Heilung kranker Menschen anwendete.
Das Arzneimittel Phosphorus$$Phosphorus verursacht heute die gleichen Prüfsymptome wie vor 200 Jahren, und eine Gabe Phosphorus heilt Krankheiten mit eben diesen Symptomen, so wie Phosphorus damals Krankheiten mit diesen Symptomen heilte! Das Naturgesetz des Simile entfaltet seine Wirkungen immer und überall, gleichgültig, ob wir nun das Gesetz einsehen, daran glauben oder nicht.

Merke

Die homöopathische Heilmethode ist eine wissenschaftlich fundierte und systematische Methode, die Lebenskraft des Körpers mit einem potenzierten Arzneimittel dazu anzuregen, eine KunstkrankheitKunstkrankheit zu erzeugen und durch Überstimmung der natürlichen Krankheit den kranken Menschen schnell, sanft und dauerhaft zu heilen. Je stärker die Lebenskraft ist, umso sicherer wird auch die HeilungHeilung sein.

Symptome und Modalitäten

Allgemeine und individuelle Symptome
Jede Krankheit manifestiert sich durch bestimmte Symptome. Ein HerzinfarktHerzinfarkt beispielsweise wird erfahrungsgemäß bei den meisten Patienten begleitet sein von Herzschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen, von Angst und Blässe, von erhöhtem oder zu tiefem Blutdruck, Tachy- oder Bradykardie. Diese Symptome nennt man allgemeine Symptome. Neben diesen allgemeinen Symptomen treten bei einem Herzinfarkt Symptome auf, die sich von Patient zu Patient unterscheiden, etwa
  • kalter Schweiß,

  • warmer Schweiß,

  • Schmerzen, die in den ganzen Körper ausstrahlen,

  • Schmerzen, die in den rechten Arm ausstrahlen,

  • Schmerzen, die in die Halsschlagadern ausstrahlen,

  • Angst und Unruhe ohne Herzschmerzen.

Man nennt diese Symptome individuelle Symptome. Der homöopathische Arzt richtet seine Aufmerksamkeit besonders auf die individuellen Symptome.
Am Beispiel des KruppKrupp soll der Unterschied zwischen allgemeinen und individuellen Symptomen weiter verdeutlicht werden. Der Krupp ist eine Sonderform der Krankheit mit der Diagnose „Laryngitis acuta“.
Allgemeine Symptome
Die Laryngitis acutaLaryngitis acuta zeigt als Hauptsymptome einen bellenden Husten, Heiserkeit und inspiratorischen Stridor. Wenn diese Symptome – fast immer in der Nacht – bei einem Kind schlagartig auftreten und zu hochgradiger Atemnot mit starken Einziehungen im Jugulum und im Epigastrium führen, handelt es sich um eine Sonderform der akuten Laryngitis, den gefürchteten Kehlkopf-Krupp oder (Pseudo-)Krupp (die Bezeichnung [echter] Krupp war bis vor wenigen Jahren dem Diphtheriekrupp vorbehalten [Kap. 6.4]). Die Krupp-Erkrankung neigt zu Rückfällen und tritt vornehmlich während der Wintermonate auf. Bei schweren Formen kommt es zum in- und exspiratorischen Stridor. Zusätzliche Symptome sind Tachykardie, blasse Hautfarbe, Angst.
Die aufgeführten Symptome sind allgemeine Krankheitssymptome, d. h., sie lassen sich bei allen Patienten mit der Diagnose „Krupp“ beobachten. Solche Symptome helfen uns bei der Suche nach dem passenden homöopathischen Arzneimittel nicht weiter.
Individuelle Symptome
SymptomeindividuelleDas Arzneimittel, das heilen wird, wählen wir gemäß den individuellen Symptomen des Patienten aus.
  • Der KruppKrupp tritt plötzlich im ersten Schlaf des Kindes auf, ohne vorhergehende Erkältung. Das Kind ist totenblass, stark verängstigt mit weit geöffneten Augen und hält sich gerade wie eine Kerze. An der frischen Luft geht es ihm besser. Auslöser ist oft kalter, trockener Wind oder ein großer Schreck am gleichen Tag. In diesem Fall hilft Aconitum napellus$$Aconitum napellusKrupp C 30, alle fünf Minuten bis zur Besserung. Meistens genügt eine Gabe.

  • Der Krupp tritt in der Stunde vor Mitternacht auf bei einem Kind, das bereits seit Tagen erkältet ist. Es hat Mühe, die Augen offen zu halten. Bei warmer, feuchter Luft geht es ihm deutlich besser. Wir stellen deshalb alle Wasserhähne im Badezimmer auf heiß und drehen auf. Ein Schluck kaltes Wasser bringt leichte Linderung. In diesem Fall hilft Causticum$$CausticumKrupp C 30 sofort. Meistens genügen ein bis drei Gaben.

  • Der KruppKrupp tritt am frühen Morgen auf bei einem Kind, das bereits einen lockeren, rasselnden Husten hat und seit einigen Tagen unzufrieden und gereizt ist. Bereits ein sanfter Durchzug von kalter Luft verschlimmert den Husten. In diesem Fall hilft Hepar sulphuris$$Hepar sulphurisKrupp C 30 schnell. 1. Gabe sofort, die nächsten 2 Gaben jeweils in einem Abstand von 12 Stunden.

Merke

Die genaue Beachtung der individuellen Symptome des Patienten ist das Markenzeichen der homöopathischen Heilmethode.

Hahnemann nannte solche Symptome die auffallendern, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalls.26

26

Organon, § 153. Der Paragraf wird wegen seiner Bedeutung für die Behandlung von akuten Krankheiten hier in vollem Umfang wiedergegeben: Bei dieser Aufsuchung eines homöopathisch specifischen Heilmittels, das ist, bei dieser Gegeneinanderhaltung des Zeichen-Inbegriffs der natürlichen Krankheit gegen die Symptomenreihen der vorhandenen Arzneien, um unter diesen eine, dem zu heilenden Uebel in Aehnlichkeit entsprechende Kunstkrankheits-Potenz zu finden, sind die auffallendern, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles, besonders und fast einzig fest in's Auge zu fassen; denn vorzüglich diesen, müssen sehr ähnliche, in der Symptomenreihe der gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung seyn soll. Die allgemeinern und unbestimmtern: Eßlust-Mangel, Kopfweh, Mattigkeit, unruhiger Schlaf, Unbehaglichkeit u. s. w., verdienen in dieser Allgemeinheit und wenn sie nicht näher bezeichnet sind, wenig Aufmerksamkeit, da man so etwas Allgemeines fast bei jeder Krankheit und jeder Arznei sieht.

Unter den individuellen Symptomen wiederum sind vorrangig die Symptome zu beachten, die besonders auffällig sind. Beispiele: Ein Patient hat das Gefühl, im Kehlkopf kratze eine Feder, oder ein sonst lieber und höflicher Mensch reagiert bei einer Erkrankung plötzlich aggressiv. Wegen der durchgängigen Individualisierung der Symptome erfasst die homöopathische Heilmethode Körper, Seele und Geist eines Menschen. Sie darf sich deshalb wahrhaft ganzheitlich nennen.
Modalitäten
ModalitätenWie wir gesehen haben, sind bei der Wahl des richtigen Arzneimittels vorab die individuellen SymptomeSymptomeindividuelle zu beachten. Wenn ein Patient mit starken Halsschmerzen uns berichtet, dass er hartes Brot essen könne, nicht aber Joghurt, so liegt ein individuelles Symptom vor. Zugleich ist das Symptom außerordentlich selten. Wir werden deshalb das Arzneimittel, das heilen wird, sehr schnell finden – in diesem Fall Ignatia$$IgnatiaHalsschmerzen. Hingegen sind allgemeine SymptomeAllgemeinsymptome wie beispielsweise Husten für die Wahl des Arzneimittels in der Regel ohne Wert. Es gibt nun aber eine elegante Möglichkeit, allgemeine in individuelle Symptome zu verwandeln. Dieser Weg führt über die Modalitäten.

Merke

Eine Modalität kennzeichnet die Art und Weise, wie sich ein Symptom durch Zeit, Lage oder Umstände verbessert oder verschlimmert.27

27

H. C. Allen bezeichnet in der Materia Medica of the Nosodes die Modalitäten als „natural modifiers of sickness“. Namentlich erwähnt er die folgenden Modalitäten: Zeit, Temperatur, frische Luft, Lage, alleine, Bewegung, Schlaf, Essen und Trinken, Berührung, Druck, Absonderungen, seelischer Zustand, Gereiztheit, Traurigkeit, Furcht.

Das Zeichen < steht für „Verschlimmerung“ bzw. „schlimmer durch“, das Zeichen > für „Besserung“ bzw. „besser durch“.

Die Modalitäten erlauben es, die Symptome genau zu beschreiben, d. h. zu individualisieren und helfen am sichersten, bei der Wahl des Arzneimittels ins Schwarze zu treffen. Je mehr individualisierte Symptome bei einer akuten Erkrankung vorhanden sind, mit desto größerer Sicherheit werden wir das Arzneimittel finden, das heilen wird. Zu den Modalitäten zählen u. a.:
  • Tageszeit: Bei manchen Patienten verschlimmern sich die Symptome z. B. nachts zwischen 2 Uhr und 4 Uhr, bei anderen nachmittags um 15 Uhr.

    • Beispiel: Bei der Prüfung von Apis$$Apis mellificaPrüfungsangst hatten die Prüfer an sich selbst beobachtet, dass sich regelmäßig nachmittags um 15 Uhr ein Frösteln einstellte, verbunden mit Durst, obwohl sie während der Apis-Prüfung, die Wochen dauerte, sonst nur wenig Durst verspürten. Für einen Patienten, der um diese Zeit fröstelt und plötzlich Durst hat, wird deshalb Apis mit einer hohen Wahrscheinlichkeit das passende Arzneimittel sein.

  • Wärme und Kälte: Bessern sich die Symptome im kühlen Zimmer? Fühlt sich der Patient erleichtert durch Auflegen eines heißen Wickels? Bessern sich die Beschwerden durch ein kaltes oder ein warmes Bad, durch kalte oder warme Getränke, durch eine wärmende Decke? Oder, ganz im Gegenteil, verschlimmern sich die Beschwerden durch Kälte oder durch Wärme? Die Modalitäten Kälte und Wärme haben bei akuten und chronischen Erkrankungen gleichermaßen große Bedeutung, insbesondere bei Patienten, die wetterempfindlich sind. Wetterempfindsamkeit ist eine vererbte oder erworbene Schwäche.

    • Empfindsamkeit auf feucht-nasse Kälte ist Ausdruck einer rheumatischen Veranlagung. Hahnemann spricht in solchen Fällen von der SykoseSykose. Zu den typischen Beschwerden gehören Angina, Blasenentzündung, Gelenkbeschwerden u. a.

    • Empfindsamkeit auf trockene Kälte sieht man bei Familien mit TuberkuloseTuberkulose in der Familienanamnese. Als typische Beschwerden sind zu nennen: Otitis media, Krupp, Asthma u. a.

    • Die FamilienanamneseFamilienanamnese ergibt, dass einzelne Familienmitglieder, die Vorfahren eingeschlossen, heftig auf die PockenimpfungPockenimpfung reagierten oder dass wegen fehlender Lokalreaktion mehrfach gegen Pocken geimpft wurde. Diese Patienten neigen zu bleierner Müdigkeit bei Schneeluft, d. h. in den Stunden, bevor der Schneefall einsetzt, zu Migräne bei kaltem Nordostwind, zu Kreuzschmerzen und rissiger Haut an Fingern und Fersen. Die Geburten sind langsam und schwierig und hinterlassen oft eine lang anhaltende Schwächung der Lebenskraft.

    • Auch warmer Wind wie Föhn in den Alpentälern, Mistral im Rhonetal oder Wind auf einigen Ferieninseln der Ägäis kann Beschwerden auslösen oder verschlimmern. Die Homöopathie kann in vielen Fällen von Wetterempfindsamkeit mit sehr wirksamen Arzneimitteln helfen.

  • Bewegung: Einige Patienten finden Erleichterung durch Bewegung, während andere mit einer Verschlimmerung der Beschwerden reagieren, wenn sie sich bewegen.

  • Reaktion auf Druck: Bei gewissen Patienten werden die Beschwerden besser durch harten Druck, aber schlimmer bei der geringsten Berührung.

  • Durst: Hat der Patient viel Durst, wenig Durst, überhaupt keinen Durst? Hat er Durst und trotzdem Abneigung gegen das Trinken?

Epidemien – Genius epidemicus
Im Laufe seiner Forschungen fand Hahnemann heraus, dass das Arzneimittel bei EpidemienEpidemie, die er auch als „KollektivkrankheitenKrankheitkollektiveKollektivkrankheit“ bezeichnete28

28

Zu den epidemischen Krankheiten (Kollektivkrankheiten) vgl. Organon, §§ 100–102.

, nicht ausschließlich nach den individuellen Symptomen des Patienten bestimmt werden kann. In solchen Fällen drückt die Epidemie dem Kranken den Stempel auf, und seine Individualität tritt in den Hintergrund. Der Arzt muss deshalb nicht nur nach den individuellen Symptomen des Patienten, sondern nach den charakteristischen Symptomen der Seuche suchen. Dabei geht er so vor, dass er die allgemeinen und auffallenden Symptome von verschiedenen Patienten aufnimmt und so ein vollständiges Krankheitsbild entwirft, welches erfahrungsgemäß durch ein bis vier Arzneimittel abgedeckt wird. Die ersten Patienten werden sorgfältig nachkontrolliert, ob sich die Wahl des Arzneimittels bestätigt oder ob ein Arzneimittel angezeigt ist, das noch besser passt. Sind die ArzneimittelEpidemiemittelEpidemiemittel einmal ausgewählt und getestet, dann kann der Arzt innerhalb weniger Minuten das für jeden Patienten entsprechend den individuellen Symptomen beste Arzneimittel auswählen, das heilen wird. Bei der CholeraepidemieCholera in den Jahren 1830/31 halfen folgende Arzneimittel:
  • Veratrum album$$Veratrum album, Cholera: starkes Schwitzen; starke Kälte; Bläue („blaufarbige, livide, rauchige Missfarbe der ganzen Hautdecke“29

    29

    Dr. Ludwig Griesselich, Carlsruhe 1837.

    ); ungewöhnlich starke, wässerige Durchfälle; Krämpfe.

  • Camphora$$Camphora, Cholera: Kälte; Bläue; wenig Schweiß; wenig Erbrechen, wenig Durchfall („trockene Cholera“).

  • Cuprum metallicum$$Cuprum metallicumCholera: ungewöhnlich starke Krämpfe; Muskelkrämpfe der Extremitäten und Zittern.

Hahnemann§§Hahnemann, Samuel hatte diese drei Arzneimittel bereits um das Jahr 1800 geprüft, rund 30 Jahre vor dem Ausbruch der Choleraepidemie. Da er ein ausgezeichneter Kliniker war, hatte er schnell erkannt, dass die PrüfsymptomePrüfsymptomeSymptomePrüfsymptome den Krankheitssymptomen, die bei Cholera auftreten, sehr ähnlich waren. So konnte er die gute Wirkung dieser drei Arzneimittel bei Cholera voraussagen.
Neben Cholera wüteten damals in Europa andere „KollektivkrankheitenKrankheitkollektiveKollektivkrankheit“ wie Scharlach, Diphtherie, Typhus und Syphilis. Bei diesen verheerenden Epidemien hatte Hahnemann mit seinen Arzneimitteln phänomenale Heilerfolge. In unseren Tagen tritt regelmäßig und epidemieartig die GrippeGrippe auf, die zu schweren Komplikationen führen kann. Im Winter 1998/99 etwa litten zahlreiche der an Grippe erkrankten Patienten an einem Infekt der Luftwege, oft begleitet von schweren Kopf-, Glieder- und Bauchschmerzen. Säuglinge mit schweren Atemproblemen mussten als Notfälle in Intensivstationen eingewiesen werden. Das (einzige) Epidemiemittel Stannum metallicum$$Stannum metallicum, Grippe brachte vielen Patienten – Säuglingen, Kindern und Erwachsenen – rasche Linderung und Erholung. Bei keinem der Patienten, die Stannum metallicum erhielten, kam es zu einer Bronchitis oder Lungenentzündung.

Studium und Praxis

Das Handwerkszeug des Homöopathen

Wer je einen homöopathisch tätigen Arzt aufgesucht hat, war vielleicht über die vielen dickleibigen Wälzer in der Bücherwand erstaunt. Der Leser dieses Buches wird sich aber daran erinnern, dass der homöopathische Arzneimittelschatz mehr als zweitausend ArzneimittelArzneimittel umfasst, die alle, vielfach sehr intensiv, geprüft worden sind. Da darf es nicht wundern, dass auch die dazugehörende Fachliteratur epische Dimensionen angenommen hat. Zum Handwerkszeug des Homöopathen zählen die Arzneimittellehren (Materia medicaMateria medica₍ₓₑsee₎siehe auch Arzneimittellehre₍ₓₑend₎) und die Repertorien. Wer zurück an die Quellen gehen will, wird die Berichte über die Arzneimittelprüfungen studieren, welche die Prüfsymptome enthalten.
Arzneimittellehre – Materia medica
Materia medicaArzneimittellehreDie Arzneimittellehren enthalten die Ergebnisse von Arzneimittelprüfungen und gehen zurück bis ins 19. Jahrhundert. Die erste Materia medica mit dem Titel Reine Arzneimittellehre wurde noch von Hahnemann§§Hahnemann, Samuel erstellt.30

30

Hahnemann, S.: Reine Arzneimittellehre (1811–1821).

Zu den Standardwerken gehören die Werke von Freiherr von Bönninghausen§§Bönninghausen, Clemens von, Hering§§Hering, Constantin, H. C. Allen§§Allen, Henry C., Kent§§Kent, James Tyler, Clarke§§Clarke, John Henry, Nash§§Nash, Eugene B. und zur Lippe§§Lippe, Adolph von.31

31

Bönninghausen, C. v.: Therapeutisches Taschenbuch für homöopathische Ärzte. 2. Aufl. Stuttgart 2000. Hering, C.: Kurzgefasste homöopathische Arzneimittellehre (2 Bde.). Göttingen 1999. Allen, T. F.: The Encyclopedia of Pure Materia Medica. New Delhi 1992. Kent, J. T.: Arzneimittelbilder (3 Bde.). 9. Aufl. Heidelberg 1997–1999. Clarke, J. H.: Praktische Materia Medica (2 Bde.). Berg 1994. Nash, E. B.: Leitsymptome in der Homöopathischen Therapie. Neuübersetzung. Heidelberg 2004. Lippe, A. z.: Grundzüge und charakteristische Symptome der homöopathischen Materia Medica. Göttingen 1992.

Aus neuerer Zeit stammen u. a. die Arzneimittellehren von Candegabe§§Candegabe, Eugenio F., Mezger§§Mezger, Julius, Dorcsi§§Dorcsi, Mathias, Vithoulkas§§Vithoulkas, Georgos, Scholten§§Scholten, Jan und vielen anderen.32

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Candegabe, E. F.: Vergleichende Arzneimittellehre. 2. Aufl. Göttingen 1994. Dorcsi, M.: Arzneimittellehre. Heidelberg 1985. Vithoulkas G.: Materia Medica Viva (10 Bde.). Göttingen 1991–2000, München 2005.

Hahnemann und seine frühen Schüler lösten zu Beginn ihre Fälle noch ausschließlich mithilfe der PrüfsymptomePrüfsymptomeSymptomePrüfsymptome. Anhand der klinischen Erfahrungen schrieben sie dann die Materia-medica-Bücher. Eine Materia medica enthält die Prüfsymptome der Arzneimittel und die klinischen Symptome, die zum Mittel führten und die durch das Mittel geheilt wurden. Wer mit Homöopathie auch bei chronischen und tief sitzenden Krankheiten erfolgreich sein will, muss sich gut in der Materia medica auskennen und hat nie ausgelernt.
Repertorien
Ein RepertoriumRepertorium ist, vereinfacht gesagt, ein Inhaltsverzeichnis der erfassten Symptome aller geprüften Arzneien. Es soll dem Homöopathen helfen, möglichst zeitsparend das ArzneimittelArzneimittelwahl zu finden, das den individuellen, charakteristischen Symptomen am ähnlichsten ist. Die Repertorien sind auf der Grundlage der Arzneimittelprüfungen und der klinischen Erfahrung entstanden. Das erste Repertorium stellte ein von Hahnemann angestellter Medizinstudent nach Hahnemanns Unterlagen zusammen. 1831 verfasste Bönninghausen§§Bönninghausen, Clemens von ein ausgezeichnetes Repertorium, das er im Verlauf seiner erfolgreichen homöopathischen Tätigkeit ergänzte.33

33

Bönninghausen, C. v.: Systematisch-alphabetisches Repertorium der homöopathischen Arzneien (1833–1835).

Das Repertorium von Kent§§Kent, James Tyler wurde von ihm und seinen Studenten ab dem Jahre 1890 erstellt.34

34

Kent, J. T.: Repertory of the Homoeopathic Materia Medica (1897).

Heute sind zahlreiche Repertorien in Buchform und als Software erhältlich. Um ein Repertorium sinnvoll nutzen zu können, bedarf es einer gründlichen Anleitung zum richtigen Gebrauch, was über das Ziel des vorliegenden Buches hinausgeht.
Für die Bedürfnisse dieser Einführung sind Arzneimittelbeschreibungen geschaffen worden, die eine Arzneimittellehre in hoch komprimierter Form darstellen, eine Art Materia medica im Taschenformat (Kap. 3). Als unentbehrliche weitere Hilfen stehen dem Leser außerdem eine speziell entwickelte Modalitätentabelle (z. B. Kopiervorlage hintere Buchinnenseiten) und ein Vereinfachtes Repertorium (Kap. 4.2) zur Verfügung.

Wie finde ich den Einstieg in die Homöopathie?

Es gibt viele Wege, Homöopathie zu lernen und in der Praxis anzuwenden. Doch ungeachtet dessen, wie ich mir das Wissen erwerbe, die notwendige Voraussetzung ist immer die Bereitschaft, „homöopathisch“ denken zu lernen. Homöopathisch denken heißt, den Patienten genau beobachten und die ungeteilte Aufmerksamkeit auf Ursache, wichtige Symptome und Modalitäten richten. Wenn ich erfolgreich sein will, ist tägliches Üben angesagt!
Angesichts der unüberblickbaren Auswahl von Büchern und des riesigen homöopathischen Arzneimittelschatzes ist die Gefahr groß, dass der Anfänger den Überblick verliert und schließlich enttäuscht aufgibt. Nach dem Motto „weniger ist mehr“ empfiehlt es sich deshalb, bescheiden zu beginnen und das Wissen Schritt für Schritt zu erweitern. Dieses Lehr- und Praxisbuch setzt auf einen stufenweisen Aufbau, dargestellt durch die Zahlen 7–12–44. Sie stehen für die sieben Arzneimittel im Notfall – genannt die „großen Sieben“ –, für die zwölf Arzneimittel bei Verletzungen und die 44 Arzneimittel bei akuten Erkrankungen und Notfällen.
In der ersten Etappe beschäftige ich mich intensiv mit den „großen Sieben“ und den zwölf Verletzungsmitteln (hintere Buchinnenseiten). Diese Arzneimittel lerne ich auswendig, bis ich sie alle im Schlaf aufsagen kann. Aus Erfahrung weiß ich nämlich, dass ich im Ernstfall nur aus dem Gedächtnis abrufen kann, was ich gelernt und mir fest eingeprägt habe. So gibt mir das Pauken die Gewissheit, das hilfreiche Arzneimittel im Notfall nicht zu verpassen. Wenn ich die Notfall- und Verletzungsmittel sicher beherrsche, vertiefe ich mich in das Studium der komprimierten Arzneimittelbeschreibungen der 44 Arzneimittel in Kap. 3. Zum gründlichen Studium gehören auch die 41 Übungsfälle, die in dieses Buch aufgenommen worden sind (Kap. 11.1). Durch die Arbeit an den Fällen erwerbe ich Sicherheit und Routine und ein Gefühl dafür, wie die Homöopathie funktioniert. Die ersten geglückten Therapien im Familienkreis geben die Gewissheit, dass das richtig ausgewählte homöopathische Arzneimittel in jedem Fall schnell und sanft heilen wird. Dadurch gewinne ich Vertrauen in mein Können.
Mit der Zeit bin ich so weit fortgeschritten, dass ich weitere Arzneimittel ins Repertoire aufnehme. Außerdem studiere ich die 44 in diesem Buch beschriebenen Arzneimittel auch in den Klassikern der Materia medica, deren Autoren berühmte Namen tragen: Lippe§§Lippe, Adolph von, Clarke§§Clarke, John Henry, Bönninghausen§§Bönninghausen, Clemens von, Nash§§Nash, Eugene B., Boericke§§Boericke, William.35

35

Vgl. Fußnote 31.

Vielleicht trage ich mich mit dem Gedanken, eine formelle Ausbildung zu absolvieren. Die Ausbildung an einer guten Schule dauert – je nach Vorbildung – zwischen zwei und vier Jahren.
Früher oder später stellt sich die Frage nach einer Homöopathie-Software. Ein gutes Programm ist zweifellos wertvoll und später in der täglichen Praxis unentbehrlich. Vor Euphorie sei allerdings gewarnt! Auch die beste Software ist nicht in der Lage, die Symptome auszuwählen, die zum Arzneimittel führen. Dazu braucht es eine geschärfte Beobachtungsgabe und gründliches Wissen der Materia medica. Erfahrungsgemäß ist der Einsatz einer Homöopathie-Software erst dann sinnvoll, wenn der Lernende die Grundsätze der homöopathischen Heilmethode begriffen hat und die entsprechende Repertoriumssprache beherrscht.
Eine goldene Regel zum Schluss: Bei jeder Behandlung sollten dem Therapeuten Hahnemanns Grundsätze aus dem Organon der Heilkunst gegenwärtig sein. Das Organon zählt zum geistigen Handwerkszeug eines jeden, der mit der Homöopathie erfolgreich therapieren und auf dem Weg der homöopathischen Heilkunst vorwärts kommen möchte.

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